Paulus

Paulus war ein von Jesus Christus berufener Apostel, dessen Dienst besonders auf die Verkündigung des Evangeliums unter den Völkern ausgerichtet war. Zuvor hatte er als Saulus die Gemeinde Jesu verfolgt. Seine Lebensgeschichte und seine Briefe zeigen, wie Gottes Gnade einen entschiedenen Gegner Christi in einen Zeugen verwandelte, der sein weiteres Leben in den Dienst des gekreuzigten und auferstandenen Herrn stellte.

Einführung

Kaum eine Person des Neuen Testaments begegnet dem Leser in so vielen unterschiedlichen Zusammenhängen wie Paulus. Die Apostelgeschichte berichtet ausführlich über wesentliche Abschnitte seines Lebens, während seine eigenen Briefe zusätzliche Einblicke in Herkunft, frühere Überzeugungen, Berufung, Dienst und Leiden geben. Gerade deshalb muss seine Geschichte aus mehreren biblischen Zeugnissen zusammengeführt werden. Dabei ist sorgfältig zwischen dem geschichtlichen Bericht und späteren Selbstzeugnissen des Apostels zu unterscheiden.

Auch sein Name verlangt eine nüchterne Einordnung. Paulus erscheint zunächst unter dem hebräischen Namen Saulus; später verwendet die Apostelgeschichte die Form Paulus. Der Bibeltext berichtet jedoch nicht von einer göttlichen Namensänderung bei seiner Bekehrung, wie sie etwa bei Abram oder Jakob ausdrücklich erzählt wird. Vielmehr heißt es in Apostelgeschichte 13,9: „Saulus aber, der auch Paulus heißt“. Seine geistliche Lebenswende ist deshalb nicht mit einem ausdrücklich berichteten Namenswechsel gleichzusetzen.

Um Paulus zu verstehen, beginnt seine Geschichte nicht erst mit seiner Begegnung mit Christus. Seine eigenen Aussagen führen zunächst zurück zu seiner Herkunft aus Israel, seiner Zugehörigkeit zum Stamm Benjamin und seinem Leben innerhalb des Judentums. Er beschreibt sich als einen Mann, der es mit seiner religiösen Überzeugung außerordentlich ernst nahm und im Eifer für die überlieferten Ordnungen weit ging.

Damit tritt Paulus zuerst nicht als christlicher Missionar in die biblische Geschichte ein, sondern als Saulus, dessen Denken und Handeln von einem entschiedenen Eifer geprägt war. Genau an diesem frühesten greifbaren Punkt beginnt die Lebensgeschichte eines Mannes, dessen Gewissheiten bald mit der Person Jesu Christi selbst konfrontiert werden sollten.

Saulus: Herkunft und religiöse Prägung

Apostelgeschichte 22,3 – „3 Ich bin ein jüdischer Mann, geboren zu Tarsus in Cilicien, aber erzogen in dieser Stadt, zu den Füßen Gamaliels, unterrichtet mit allem Fleiß im väterlichen Gesetz, und ich war ein Eiferer für Gott, wie ihr alle es heute seid."
Apostelgeschichte 22,3 – „3 Ich bin ein jüdischer Mann, geboren zu Tarsus in Cilicien, aber erzogen in dieser Stadt, zu den Füßen Gamaliels, unterrichtet mit allem Fleiß im väterlichen Gesetz, und ich war ein Eiferer für Gott, wie ihr alle es heute seid."
Philipper 3,5-6 – „5 der ich am achten Tag beschnitten bin, aus dem Geschlecht Israel, vom Stamme Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer, 6 nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeinde, nach der Gerechtigkeit im Gesetze untadelig gewesen."
Apostelgeschichte 23,6 – „6 Da aber Paulus wußte, daß der eine Teil aus Sadduzäern, der andere aus Pharisäern bestand, rief er in die Ratsversammlung hinein: Ihr Männer und Brüder, ich bin ein Pharisäer und eines Pharisäers Sohn; wegen der Hoffnung und der Auferstehung der Toten werde ich gerichtet!"
Apostelgeschichte 22,27-28 – „27 Da kam der Oberste herzu und sprach zu ihm: Sage mir, bist du ein Römer? Er antwortete: Ja! 28 Und der Oberste erwiderte: Ich habe dieses Bürgerrecht um eine große Summe erworben. Paulus aber sprach: Und ich bin sogar darin geboren!"

Paulus selbst gibt an mehreren Stellen Auskunft über seine Herkunft und seine frühen Lebensumstände. Er wurde in Tarsus in Zilizien geboren, gehörte aber zum Volk Israel und zum Stamm Benjamin. Seine Geburt verband ihn damit sowohl mit einer Stadt außerhalb Judäas als auch mit einer klaren jüdischen Abstammung. Über das genaue Jahr seiner Geburt, die Namen seiner Eltern oder seine Kindheit berichtet die Bibel nichts. Sie erlaubt deshalb keine ausführliche Rekonstruktion seiner frühen Jahre, wohl aber ein deutliches Bild des religiösen Umfeldes, in dem er geprägt wurde.

Eine weitere Besonderheit seiner Herkunft wird erst in einer späteren Lebensphase ausdrücklich sichtbar: Saulus besaß das römische Bürgerrecht von Geburt an. Als ein römischer Hauptmann ihn später darauf anspricht, erklärt Paulus, dass er als römischer Bürger geboren wurde (Apg 22,27-28). Wie seine Familie dieses Bürgerrecht erhalten hatte, sagt die Schrift nicht. Für seine weitere Lebensgeschichte sollte dieser rechtliche Status mehrfach bedeutsam werden, doch zunächst gehört er einfach zu den Voraussetzungen, die bereits seit seiner Geburt bestanden. Paulus war damit Jude nach Abstammung und zugleich Bürger des Römischen Reiches.

Seine religiöse Prägung war besonders stark. In seiner späteren Verteidigungsrede in Jerusalem beschreibt Paulus sich als einen Juden, der zwar in Tarsus geboren, aber in Jerusalem erzogen und „zu den Füßen Gamaliels“ unterwiesen worden war (Apg 22,3). Gamaliel erscheint auch an anderer Stelle der Apostelgeschichte als angesehener Gesetzeslehrer (Apg 5,34). Paulus betont, dass seine Ausbildung sich an der strengen Auslegung des überlieferten Gesetzes orientierte. Seine Verbindung zum jüdischen Glauben war deshalb keine oberflächliche Zugehörigkeit, sondern prägte seine Bildung, seine Überzeugungen und später auch seinen Eifer.

Auch in seinem Brief an die Philipper blickt Paulus auf diese Lebensphase zurück. Er bezeichnet sich als am achten Tag beschnitten, aus dem Volk Israel, aus dem Stamm Benjamin und als „Hebräer von Hebräern“. Hinsichtlich seiner religiösen Richtung nennt er sich einen Pharisäer (Phil 3,5). Damit beschreibt er nicht lediglich eine persönliche Frömmigkeit, sondern seine Zugehörigkeit zu einer Richtung innerhalb des Judentums, die großen Wert auf das Gesetz und seine gewissenhafte Befolgung legte. In Apostelgeschichte 23,6 spricht Paulus außerdem davon, selbst Pharisäer und Sohn von Pharisäern zu sein. Seine späteren Überzeugungen entstanden also nicht in einem religiösen Vakuum, sondern vor dem Hintergrund einer tief verwurzelten jüdischen Identität.

Paulus beurteilt seinen damaligen Lebensweg rückblickend sehr nüchtern. Gemessen an den Maßstäben, nach denen er zu jener Zeit lebte, konnte er auf eine außergewöhnlich konsequente religiöse Laufbahn verweisen. In Philipper 3 beschreibt er sich hinsichtlich der Gerechtigkeit, die im Gesetz gesucht wurde, als untadelig. Damit behauptet er nicht, niemals gesündigt zu haben; vielmehr spricht er von seiner früheren Stellung innerhalb eines religiösen Systems, in dem er sich mit großer Gewissenhaftigkeit bewegte. Gerade diese Unterscheidung wird später wichtig, denn Paulus sollte lernen, dass äußerlich beeindruckende religiöse Leistungen den Menschen nicht vor Gott rechtfertigen können.

Sein Eifer war jedoch nicht bloß theoretisch. Paulus sagt von seiner früheren Lebensweise, dass er für Gott eiferte, und bezeichnet später seinen Eifer ausdrücklich mit der Verfolgung der Gemeinde (Apg 22,3; Phil 3,6). Damit wird bereits sichtbar, dass religiöse Entschiedenheit allein kein Beweis dafür ist, dass ein Mensch Gottes Willen richtig versteht. Saulus war überzeugt, für die Wahrheit einzutreten, während sein Eifer ihn tatsächlich gegen die Menschen führte, die Jesus als den Messias bekannten. Die Bibel zeichnet deshalb kein Bild eines gleichgültigen oder oberflächlichen Mannes, sondern eines Menschen, dessen Ernsthaftigkeit mit einer grundlegenden Verkennung Jesu verbunden war.

Diese frühe Lebensphase ist entscheidend für das spätere Verständnis des Paulus. Seine Kenntnis der Schrift, seine jüdische Herkunft und seine gründliche religiöse Bildung verschwanden nach seiner Berufung nicht; sie wurden jedoch unter eine völlig neue Herrschaft gestellt. Was er zuvor als Grundlage seines eigenen religiösen Ansehens betrachtet hatte, sollte später im Licht Christi neu bewertet werden. Seine Herkunft erklärt damit einen Teil seiner späteren Ausdrucksweise und seiner tiefen Vertrautheit mit den Schriften Israels, doch sie erklärt noch nicht den Wendepunkt seines Lebens.

Bevor Saulus selbst als Verkündiger Jesu auftritt, begegnet er im biblischen Bericht zunächst auf der entgegengesetzten Seite. Die Überzeugungen, in denen er erzogen und ausgebildet worden war, führten ihn zu einem immer entschiedeneren Widerstand gegen die junge Gemeinde. Aus dem religiösen Eifer, auf den er später zurückblickte, wurde konkrete Verfolgung. Damit beginnt der Abschnitt seines Lebens, in dem Saulus nicht nur Zeuge des Konflikts um Jesus Christus wurde, sondern selbst aktiv gegen dessen Nachfolger vorging.

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Saulus verfolgt die Gemeinde

Apostelgeschichte 7,58-8 – „8 Und er gab ihm den Bund der Beschneidung. Und also zeugte er den Isaak und beschnitt ihn am achten Tage, und Isaak den Jakob, und Jakob die zwölf Patriarchen. 9 Und die Patriarchen waren neidisch auf Joseph und verkauften ihn nach Ägypten. 10 Aber Gott war mit ihm und rettete ihn aus allen seinen Trübsalen und gab ihm Gnade und Weisheit vor dem Pharao, dem König von Ägypten; der setzte ihn zum …"
Apostelgeschichte 7,58-8 – „8 Und er gab ihm den Bund der Beschneidung. Und also zeugte er den Isaak und beschnitt ihn am achten Tage, und Isaak den Jakob, und Jakob die zwölf Patriarchen. 9 Und die Patriarchen waren neidisch auf Joseph und verkauften ihn nach Ägypten. 10 Aber Gott war mit ihm und rettete ihn aus allen seinen Trübsalen und gab ihm Gnade und Weisheit vor dem Pharao, dem König von Ägypten; der setzte ihn zum …"
Apostelgeschichte 9,1-2 – „1 Saulus aber schnaubte noch drohend und mordend wider die Jünger des Herrn, ging zum Hohenpriester 2 und erbat sich von ihm Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit, wenn er etliche Anhänger des Weges fände, Männer und Frauen, er sie gebunden nach Jerusalem führte."
Apostelgeschichte 22,4-5 – „4 Ich verfolgte diesen Weg bis auf den Tod, indem ich Männer und Frauen band und ins Gefängnis überlieferte, 5 wie mir auch der Hohepriester und der ganze Rat der Ältesten Zeugnis gibt. Von ihnen empfing ich sogar Briefe an die Brüder und zog nach Damaskus, um auch die, welche dort waren, gebunden nach Jerusalem zu führen, damit sie bestraft würden."
Apostelgeschichte 26,9-11 – „9 Ich habe zwar auch gemeint, ich müßte gegen den Namen Jesus von Nazareth viel Feindseliges verüben, 10 was ich auch zu Jerusalem tat; und viele der Heiligen ließ ich ins Gefängnis schließen, wozu ich von den Hohenpriestern die Vollmacht empfangen hatte, und wenn sie getötet werden sollten, gab ich die Stimme dazu. 11 Und in allen Synagogen zwang ich sie oft durch Strafen, zu lästern, und über d…"

Die erste sichere Begegnung mit Saulus im fortlaufenden Bericht der Apostelgeschichte geschieht beim Tod des Stephanus. Nachdem Stephanus vor dem Hohen Rat von Jesus Christus Zeugnis abgelegt hatte, wurde er aus der Stadt hinausgetrieben und gesteinigt. Die Zeugen legten dabei ihre Kleider zu den Füßen eines Mannes namens Saulus nieder (Apg 7,58). Kurz darauf erklärt der Bericht ausdrücklich, dass Saulus seiner Tötung zustimmte (Apg 8,1). Er erscheint damit von Anfang an nicht als unbeteiligter Beobachter, sondern als jemand, der das gewaltsame Vorgehen gegen einen Zeugen Jesu billigte.

Mit dem Tod des Stephanus setzte eine schwere Verfolgung der Gemeinde in Jerusalem ein. Viele Gläubige wurden in die Gebiete von Judäa und Samaria zerstreut, während die Apostel in Jerusalem blieben. In diesem Zusammenhang wird Saulus besonders hervorgehoben: Er „verwüstete die Gemeinde“, drang in Häuser ein und ließ Männer und Frauen fortschleppen und ins Gefängnis bringen (Apg 8,3). Die Verfolgung richtete sich also nicht nur gegen einzelne bekannte Verkündiger. Saulus ging gezielt gegen Menschen vor, weil sie zu der Gemeinschaft gehörten, die Jesus als den Christus bekannte.

Später blickt Paulus selbst mehrfach auf diese Zeit zurück und bestätigt die Schärfe seines Vorgehens. Vor den Menschen in Jerusalem sagt er, er habe „diesen Weg“ bis auf den Tod verfolgt und Männer wie Frauen gebunden und den Gefängnissen übergeben (Apg 22,4). Dabei beruft er sich darauf, dass der Hohepriester und der Ältestenrat seine damalige Bevollmächtigung bestätigen konnten. Seine Verfolgung war daher nicht lediglich eine private Feindschaft. Saulus handelte mit religiöser Überzeugung und mit Unterstützung führender jüdischer Autoritäten.

Vor König Agrippa beschreibt Paulus noch genauer, wie er damals dachte. Er erklärt, er habe gemeint, gegen den Namen Jesu, des Nazareners, „viel Feindseliges tun“ zu müssen (Apg 26,9). In Jerusalem ließ er viele Heilige ins Gefängnis bringen und stimmte gegen sie, wenn sie getötet wurden. In den Synagogen versuchte er sie durch wiederholte Bestrafung dazu zu bringen, ihren Glauben zu verleugnen. Sein Widerstand steigerte sich so weit, dass er nach eigener Aussage sogar fremde Städte aufsuchte, um die Nachfolger Jesu zu verfolgen.

Diese späteren Selbstzeugnisse zeigen, wie weit Saulus bereit war, seinem damaligen Verständnis von Treue zu Gott zu folgen. Er handelte nicht deshalb gegen Christus, weil ihm Religion gleichgültig gewesen wäre, sondern weil er überzeugt war, mit seinem Eifer Gott zu dienen. Gerade darin liegt die ernste Tragik dieser Lebensphase: Ein Mensch kann sich auf religiöse Überzeugung, Kenntnis und Eifer berufen und dennoch dem Handeln Gottes widerstehen. Aufrichtigkeit allein macht eine Überzeugung nicht wahr. Entscheidend bleibt, ob sie mit Gottes Offenbarung übereinstimmt.

Die Verfolgung führte jedoch zu einem Ergebnis, das Saulus nicht beabsichtigt hatte. Die zerstreuten Gläubigen zogen umher und verkündigten das Wort (Apg 8,4). Was die Gemeinde zum Schweigen bringen sollte, trug dazu bei, dass die Botschaft über Jerusalem hinaus verbreitet wurde. Damit wird nicht das Unrecht der Verfolgung zu etwas Gutem erklärt; vielmehr zeigt der Bericht, dass menschlicher Widerstand Gottes Werk nicht aufhalten konnte. Gott rechtfertigte die Gewalt nicht, aber er ließ sich durch sie auch nicht daran hindern, das Evangelium weiterzutragen.

Saulus dagegen setzte seinen Kampf fort. Apostelgeschichte 9 beschreibt ihn noch immer als jemanden, der „Drohung und Mord“ gegen die Jünger des Herrn schnaubte. Er ging zum Hohenpriester und erbat Schreiben an die Synagogen von Damaskus, damit er Anhänger des Weges, Männer wie Frauen, gebunden nach Jerusalem bringen konnte (Apg 9,1-2). Die Verfolgung sollte damit über Jerusalem hinaus ausgeweitet werden. Saulus verfolgte ein klares Ziel: Die Bewegung, die Jesus als Herrn verkündigte, sollte zurückgedrängt werden.

Gerade auf diesem Weg erreicht seine bisherige Lebensrichtung ihren entscheidenden Punkt. Saulus zog nach Damaskus, um Menschen festzunehmen, die Jesus nachfolgten. Doch bevor er dort seine Vollmachten einsetzen konnte, trat ihm derjenige entgegen, gegen dessen Namen er zu kämpfen meinte. Nicht Saulus suchte Christus. Christus stellte sich dem Verfolger in den Weg und machte offenbar, gegen wen sich seine Verfolgung in Wahrheit richtete.

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Christus begegnet Saulus auf dem Weg nach Damaskus

Apostelgeschichte 9,3-9 – „3 Auf der Reise aber begab es sich, als er sich der Stadt Damaskus näherte, daß ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. 4 Und als er zur Erde fiel, hörte er eine Stimme, die zu ihm sprach: Saul, Saul, was verfolgst du mich? 5 Er aber sagte: Wer bist du, Herr? Der aber sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Es wird dir schwer werden, wider den Stachel auszuschlagen! 6 Da sprach er mit Zit…"
Apostelgeschichte 9,3-9 – „3 Auf der Reise aber begab es sich, als er sich der Stadt Damaskus näherte, daß ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. 4 Und als er zur Erde fiel, hörte er eine Stimme, die zu ihm sprach: Saul, Saul, was verfolgst du mich? 5 Er aber sagte: Wer bist du, Herr? Der aber sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Es wird dir schwer werden, wider den Stachel auszuschlagen! 6 Da sprach er mit Zit…"
Apostelgeschichte 22,6-11 – „6 Es geschah mir aber, als ich auf meiner Reise in die Nähe von Damaskus kam, daß mich am Mittag plötzlich vom Himmel her ein helles Licht umstrahlte. 7 Und ich fiel zu Boden und hörte eine Stimme, die zu mir sprach: Saul! Saul! was verfolgst du mich? 8 Ich aber antwortete: Wer bist du, Herr? Und er sprach zu mir: Ich bin Jesus, der Nazarener, den du verfolgst! 9 Meine Begleiter aber sahen zwar d…"
Apostelgeschichte 26,12-18 – „12 Als ich nun in solchem Tun mit Vollmacht und Erlaubnis der Hohenpriester nach Damaskus reiste, 13 sah ich mitten am Tage auf dem Wege, o König, vom Himmel her ein Licht, heller als der Sonne Glanz, welches mich und meine Reisegefährten umleuchtete. 14 Und da wir alle zur Erde fielen, hörte ich eine Stimme in hebräischer Sprache zu mir sagen: Saul, Saul! was verfolgst du mich? Es wird dir schwe…"

Auf dem Weg nach Damaskus wurde Saulus unvermittelt mit der Wirklichkeit dessen konfrontiert, den er bekämpfte. Als er sich der Stadt näherte, umstrahlte ihn plötzlich ein Licht vom Himmel. Saulus fiel zu Boden und hörte eine Stimme: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ Auf seine Frage: „Wer bist du, Herr?“ erhielt er die Antwort: „Ich bin Jesus, den du verfolgst“ (Apg 9,4-5). Mit wenigen Worten wurde seine bisherige Gewissheit erschüttert. Der Jesus, dessen Anhänger er für gefährlich hielt, offenbarte sich ihm als lebendiger Herr.

Die Apostelgeschichte berichtet dieses Ereignis dreimal: zunächst als geschichtliche Erzählung in Apostelgeschichte 9 und später in zwei Reden des Paulus in Apostelgeschichte 22 und 26. Diese Berichte wiederholen nicht einfach dasselbe, sondern ergänzen einander. Paulus sagt rückblickend, dass das Licht vom Himmel ihn gegen Mittag umstrahlte und dass er die Stimme Jesu hörte. Vor Agrippa erklärt er außerdem, das Licht sei heller als der Glanz der Sonne gewesen (Apg 22,6; 26,13). Die Unterschiede der Berichte verändern den Kern nicht: Saulus wurde nicht durch menschliche Überredung zum Nachfolger Jesu, sondern durch eine unmittelbare Begegnung mit dem auferstandenen Christus.

Jesu Frage macht zugleich deutlich, wie er die Verfolgung seiner Gemeinde beurteilt. Saulus hatte Männer und Frauen gesucht, gefesselt und ins Gefängnis gebracht, weil sie Jesus nachfolgten. Christus sagt jedoch nicht lediglich: „Warum verfolgst du meine Jünger?“, sondern: „Was verfolgst du mich?“ Damit verbindet der Herr sich eng mit denen, die zu ihm gehören. Was Saulus den Gläubigen antat, richtete sich letztlich gegen Christus selbst. Diese Erkenntnis stellte seine gesamte religiöse Selbstbeurteilung infrage: Sein Eifer für Gott hatte ihn in einen Kampf gegen Gottes Sohn geführt.

In seinem späteren Bericht vor Agrippa überliefert Paulus weitere Worte Jesu. Christus erklärte ihm, dass er ihm erschienen sei, um ihn zum Diener und Zeugen zu bestimmen. Paulus sollte sowohl von dem Zeugnis geben, was er gesehen hatte, als auch von dem, was Christus ihm noch offenbaren würde. Sein zukünftiger Dienst sollte ihn zu Israel und zu den Völkern führen, damit Menschen aus der Finsternis zum Licht und aus der Gewalt Satans zu Gott umkehrten und durch den Glauben an Christus Vergebung der Sünden empfingen (Apg 26,16-18). Damit war bereits in der Begegnung selbst erkennbar, dass Christus Saulus nicht nur stoppte, sondern ihm einen neuen Auftrag geben wollte.

Dennoch schildert Apostelgeschichte 9 zunächst nicht einen selbstsicheren neuen Apostel. Saulus stand vom Boden auf, öffnete seine Augen und konnte nichts sehen. Seine Begleiter führten ihn an der Hand nach Damaskus, wo er drei Tage blind blieb und weder aß noch trank (Apg 9,8-9). Der Mann, der gekommen war, um andere in seine Gewalt zu bringen, musste nun selbst geführt werden. Die Bibel beschreibt nicht ausführlich, welche Gedanken ihn während dieser Tage bewegten. Sie zeigt jedoch deutlich, dass sein bisheriger Weg unterbrochen war und dass Saulus nun auf weitere Weisung Gottes angewiesen war.

Die Begegnung mit Christus war daher mehr als eine Veränderung seiner religiösen Meinung. Sie stellte die zentrale Frage seines Lebens neu: Wer ist Jesus? Saulus hatte den Namen Jesu bekämpft, weil er Jesus nicht als den von Gott bestätigten Herrn erkannte. Nun war ihm gerade dieser Jesus erschienen. Damit wurde die Grundlage seines Widerstands getroffen. Der gekreuzigte Jesus war nicht im Tod geblieben, sondern lebte und sprach mit göttlicher Autorität.

Gleichzeitig lag in Jesu Worten bereits Gnade. Christus hätte den Verfolger richten können, doch er begegnete ihm mit einem Ruf. Saulus musste erkennen, dass seine bisherige Richtung falsch gewesen war, aber diese Erkenntnis war nicht das Ende seiner Geschichte. Der Herr, gegen den er gekämpft hatte, eröffnete ihm einen Weg des Dienstes. Die spätere Größe seines Auftrags kann deshalb niemals von der Gnade getrennt werden, die ihm zunächst als schuldigem Verfolger begegnete.

Noch war Saulus jedoch blind und wartete in Damaskus. Christus führte den nächsten Schritt nicht ohne seine Gemeinde aus. In derselben Stadt lebte ein Jünger namens Ananias, zu dem der Herr sprach. Durch ihn sollte Saulus erfahren, dass die Begegnung auf der Straße kein isoliertes Erlebnis bleiben würde: Er sollte sein Augenlicht zurückerhalten, in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen und auf den Dienst vorbereitet werden, den Christus ihm bereits angekündigt hatte.

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Ananias begegnet Saulus in Damaskus

Apostelgeschichte 9,10-19 – „10 Es war aber ein Jünger zu Damaskus, namens Ananias. Zu diesem sprach der Herr in einem Gesicht: Ananias! Er sprach: Hier bin ich, Herr! 11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und gehe in die Gasse, welche man «die Gerade» nennt, und frage im Hause des Judas nach einem Mann namens Saulus aus Tarsus. Denn siehe, er betet; 12 und er hat in einem Gesicht einen Mann gesehen, namens Ananias, der herein…"
Apostelgeschichte 9,10-19 – „10 Es war aber ein Jünger zu Damaskus, namens Ananias. Zu diesem sprach der Herr in einem Gesicht: Ananias! Er sprach: Hier bin ich, Herr! 11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und gehe in die Gasse, welche man «die Gerade» nennt, und frage im Hause des Judas nach einem Mann namens Saulus aus Tarsus. Denn siehe, er betet; 12 und er hat in einem Gesicht einen Mann gesehen, namens Ananias, der herein…"
Apostelgeschichte 22,12-16 – „12 Aber ein gewisser Ananias, ein frommer Mann nach dem Gesetz, der von allen Juden, die dort wohnten, ein gutes Zeugnis hat, 13 der kam zu mir, trat herzu und sprach zu mir: Bruder Saul, werde wieder sehend! Und zur selben Stunde konnte ich ihn sehen. 14 Er aber sprach: Der Gott unsrer Väter hat dich vorherbestimmt, seinen Willen zu erkennen und den Gerechten zu sehen und die Stimme aus seinem M…"
Apostelgeschichte 26,16-18 – „16 Aber steh auf und tritt auf deine Füße! Denn dazu bin ich dir erschienen, dich zu verordnen zum Diener und Zeugen dessen, was du von mir gesehen hast und was ich dir noch offenbaren werde, 17 und ich will dich erretten von dem Volk und von den Heiden, unter welche ich dich sende, 18 um ihnen die Augen zu öffnen, damit sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans…"

Während Saulus blind in Damaskus wartete, bereitete Christus zugleich einen Jünger darauf vor, ihm zu begegnen. Dieser Mann hieß Ananias. Der Herr sprach zu ihm in einer Vision und sandte ihn in das Haus des Judas in der Straße, die „die Gerade“ genannt wurde. Dort sollte er nach Saulus von Tarsus fragen, denn dieser betete. Damit zeigt der Bericht, dass Saulus nach seiner Begegnung mit Jesus nicht einfach sich selbst überlassen blieb. Christus führte nun auch die nächsten Schritte seines Lebens.

Für Ananias war dieser Auftrag keineswegs selbstverständlich. Er hatte von Saulus gehört und wusste, wie viel Böses dieser den Gläubigen in Jerusalem angetan hatte. Außerdem wusste er, dass Saulus mit Vollmacht der Hohenpriester nach Damaskus gekommen war, um diejenigen festzunehmen, die den Namen Jesu anriefen. Ananias verschwieg diese Sorge nicht, sondern brachte sie vor den Herrn. Doch Christus bestätigte den Auftrag und erklärte über Saulus: „Dieser ist mir ein auserwähltes Werkzeug“ (Apg 9,15).

Dabei nennt Jesus bereits die Richtung des kommenden Dienstes. Saulus sollte seinen Namen vor Völker und Könige sowie vor die Kinder Israel tragen. Zugleich kündigte Christus an, dass Saulus erfahren würde, wie viel er um seines Namens willen leiden müsse (Apg 9,15-16). Seine Berufung war damit weder eine Aussicht auf religiösen Einfluss noch ein Versprechen eines leidensfreien Lebens. Von Anfang an verband Christus Auftrag und Leiden miteinander. Derjenige, der zuvor andere wegen des Namens Jesu verfolgt hatte, sollte nun selbst für diesen Namen Widerstand ertragen.

Ananias gehorchte. Er ging in das Haus, legte Saulus die Hände auf und redete ihn mit „Bruder Saul“ an. Gerade diese Anrede ist bemerkenswert. Der Mann, vor dem die Gläubigen wenige Tage zuvor noch berechtigte Angst gehabt hatten, wurde nun nicht aus eigener Leistung, sondern aufgrund des Handelns Christi als Bruder angesprochen. Ananias erklärte, dass Jesus, der Saulus auf dem Weg erschienen war, ihn gesandt habe, damit Saulus wieder sehen und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden sollte (Apg 9,17).

Sogleich fiel etwas wie Schuppen von seinen Augen, und Saulus konnte wieder sehen. Danach stand er auf und ließ sich taufen (Apg 9,18). In seinem späteren Bericht in Jerusalem gibt Paulus weitere Worte des Ananias wieder. Dieser erklärte ihm, dass der Gott der Väter ihn dazu bestimmt habe, seinen Willen zu erkennen, den Gerechten zu sehen und die Stimme aus seinem Mund zu hören. Saulus sollte vor allen Menschen Zeuge dessen werden, was er gesehen und gehört hatte. Anschließend forderte Ananias ihn auf, sich taufen zu lassen und den Namen des Herrn anzurufen (Apg 22,14-16).

Die Taufe markiert in diesem Bericht nicht die Belohnung für eine bereits bewährte religiöse Laufbahn. Gerade die bisherige Laufbahn des Saulus hatte ihn in die Verfolgung der Gemeinde geführt. Nun bekannte er sich zu dem Jesus, dessen Namen er hatte auslöschen wollen. Was ihm zuvor als Irrweg erschien, wurde zur Wahrheit, der er selbst gehorchte. Seine frühere religiöse Selbstsicherheit konnte diesen Schritt nicht ersetzen; entscheidend war die Gnade Christi und die Antwort des Glaubens auf seinen Ruf.

Auch die Rolle des Ananias bleibt dabei bedeutsam. Christus hätte Saulus nach der Erscheinung auf dem Weg sämtliche weiteren Schritte unmittelbar offenbaren können. Stattdessen sandte er einen Gläubigen zu ihm. Saulus, der gegen die Gemeinde gekämpft hatte, empfing Hilfe gerade durch einen Angehörigen dieser Gemeinde. Seine neue Beziehung zu Christus führte ihn damit zugleich in die Gemeinschaft derer, die zu Christus gehörten.

Nach seiner Taufe nahm Saulus Nahrung zu sich und kam wieder zu Kräften. Einige Tage blieb er bei den Jüngern in Damaskus (Apg 9,19). Doch lange blieb sein neuer Glaube nicht verborgen. Derselbe Mann, der mit Vollmachten gekommen war, um die Bekenner Jesu gefangen zu nehmen, begann nun öffentlich von Jesus zu sprechen. Damit trat die Veränderung seines Lebens erstmals vor diejenigen, die seinen früheren Auftrag kannten, offen zutage.

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Saulus verkündet Jesus in Damaskus

Apostelgeschichte 9,20-25 – „20 Und alsbald predigte er in den Synagogen Jesus, daß dieser der Sohn Gottes sei. 21 Es erstaunten aber alle, die ihn hörten, und sprachen: Ist das nicht der, welcher in Jerusalem die zerstörte, welche diesen Namen anrufen, und der dazu hierher gekommen war, um sie gebunden zu den Hohenpriestern zu führen? 22 Saulus aber wurde noch mehr gekräftigt und beunruhigte die Juden, die zu Damaskus wohnt…"
Apostelgeschichte 9,20-25 – „20 Und alsbald predigte er in den Synagogen Jesus, daß dieser der Sohn Gottes sei. 21 Es erstaunten aber alle, die ihn hörten, und sprachen: Ist das nicht der, welcher in Jerusalem die zerstörte, welche diesen Namen anrufen, und der dazu hierher gekommen war, um sie gebunden zu den Hohenpriestern zu führen? 22 Saulus aber wurde noch mehr gekräftigt und beunruhigte die Juden, die zu Damaskus wohnt…"
Galater 1,15-18 – „15 Als es aber Gott, der mich von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch seine Gnade berufen hat, wohlgefiel, 16 seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich ihn durch das Evangelium unter den Heiden verkündige, ging ich alsbald nicht mit Fleisch und Blut zu Rate, 17 zog auch nicht nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern ging weg nach Arabien und kehrte wieder nach…"
Apostelgeschichte 22,17-21 – „17 Es geschah mir aber, als ich nach Jerusalem zurückgekehrt war und im Tempel betete, daß ich in eine Verzückung geriet 18 und Ihn sah, der zu mir sprach: Eile und geh schnell aus Jerusalem fort, denn sie werden dein Zeugnis von mir nicht annehmen! 19 Und ich sprach: Herr, sie wissen selbst, daß ich die, welche an dich glaubten, ins Gefängnis werfen und in den Synagogen schlagen ließ, 20 und daß…"

Nach seiner Taufe blieb Saulus zunächst einige Tage bei den Jüngern in Damaskus. Doch sein Bekenntnis zu Jesus wurde sehr schnell öffentlich. Die Apostelgeschichte berichtet, dass er „alsbald“ in den Synagogen verkündigte, dass Jesus der Sohn Gottes sei (Apg 9,20). Gerade dort, wo er ursprünglich mit Vollmachten gegen die Nachfolger Jesu hatte vorgehen wollen, trat er nun selbst als Zeuge für den auf, dessen Namen er zuvor bekämpft hatte. Die Veränderung blieb deshalb nicht verborgen, sondern wurde unmittelbar an dem Ort sichtbar, an dem seine Verfolgungsabsicht ihr Ziel erreichen sollte.

Die Zuhörer reagierten mit Verwunderung. Sie kannten Saulus als den Mann, der in Jerusalem diejenigen verfolgt hatte, die den Namen Jesu anriefen, und der gerade deshalb nach Damaskus gekommen war, um sie gebunden zu den Hohenpriestern zu führen. Nun hörten sie denselben Mann Jesus öffentlich verkündigen. Lukas beschreibt, dass Saulus zunehmend an Kraft gewann und die Juden in Damaskus in Verlegenheit brachte, indem er nachwies, dass Jesus der Christus ist (Apg 9,21-22). Seine Kenntnis der Schriften, die zuvor innerhalb seines pharisäischen Lebens geprägt worden war, stand nun unter einer grundlegend neuen Erkenntnis: Jesus war nicht der zu bekämpfende Verführer, sondern der verheißene Christus.

Paulus selbst ergänzt später einen wichtigen Teil dieser frühen Lebensphase. Im Galaterbrief betont er, dass seine Berufung und die Botschaft, die er verkündigte, nicht von Menschen ihren Ursprung hatten. Nachdem Gott seinen Sohn in ihm offenbart hatte, damit er Christus unter den Völkern verkündigte, ging Paulus nach eigener Aussage nicht sofort nach Jerusalem zu den Aposteln, die vor ihm berufen worden waren. Stattdessen ging er nach Arabien und kehrte danach wieder nach Damaskus zurück (Gal 1,15-17). Die Apostelgeschichte erwähnt diesen Aufenthalt in Arabien nicht ausdrücklich, doch beide Berichte lassen sich zusammen verstehen, ohne eine genaue Abfolge einzelner Tage zu erfinden.

Was Saulus während seines Aufenthalts in Arabien genau tat, berichtet die Bibel nicht. Sie nennt weder den Ort innerhalb dieses Gebietes noch die Dauer dieses Abschnitts noch einen besonderen Auftrag, den er dort erfüllt hätte. Deshalb wäre es spekulativ, diese Zeit ausführlich als Rückzug, Ausbildung oder Missionsreise zu beschreiben. Sicher ist lediglich, dass sie zu der frühen Phase zwischen seiner Berufung und seinem späteren ersten Besuch in Jerusalem gehört und dass er anschließend wieder nach Damaskus zurückkehrte.

Gerade der Galaterbrief zeigt, warum Paulus diese frühe Zeit später für wichtig hielt. Er wollte deutlich machen, dass sein Evangelium nicht das Ergebnis einer menschlichen Unterweisung durch die Jerusalemer Apostel war. Seine apostolische Berufung ging auf Jesus Christus zurück. Das bedeutete jedoch nicht, dass Paulus unabhängig von der Gemeinde leben sollte oder andere Apostel geringachtete. Schon Ananias hatte ihm im Auftrag Christi gedient, und später suchte Paulus die Gemeinschaft mit den Aposteln. In Galater 1 liegt der Schwerpunkt vielmehr darauf, dass Christus selbst Ursprung und Autorität seines Auftrags war.

Nach seiner Rückkehr nach Damaskus setzte Saulus seine Verkündigung fort. Schließlich wurde der Widerstand so stark, dass Juden den Entschluss fassten, ihn zu töten. Die Stadttore wurden Tag und Nacht bewacht, um seine Flucht zu verhindern. Seine Jünger nahmen ihn jedoch bei Nacht und ließen ihn in einem Korb durch eine Öffnung der Stadtmauer hinab (Apg 9,23-25). Paulus erinnert sich später selbst an diese Flucht und berichtet, dass in Damaskus unter dem Statthalter des Königs Aretas die Stadt bewacht wurde, um ihn gefangen zu nehmen (2Kor 11,32-33).

Damit hatte sich seine Stellung innerhalb kurzer Zeit vollständig verändert. Saulus war nach Damaskus gekommen, um andere wegen ihres Bekenntnisses zu Jesus gefangen zu nehmen; nun musste er selbst wegen dieses Bekenntnisses aus der Stadt fliehen. Das von Christus angekündigte Leiden um seines Namens willen begann früh Gestalt anzunehmen. Seine Berufung beseitigte den Widerstand nicht, sondern führte ihn mitten hinein in die Folgen eines öffentlichen Zeugnisses für Jesus.

Nach Galater 1 vergingen drei Jahre, bevor Paulus nach Jerusalem hinaufging, um Petrus kennenzulernen (Gal 1,18). Die Bibel sagt nicht ausdrücklich, von welchem exakten Zeitpunkt diese drei Jahre gerechnet werden, doch sie ordnet den ersten Jerusalembesuch klar nach Berufung, Arabien und erneuter Zeit in Damaskus ein. Damit näherte sich Saulus nun jener Stadt, in der man ihn noch als Verfolger der Gemeinde kannte. Dort sollte sich zeigen, wie schwer es für die Jünger zunächst war, dem früheren Gegner zu glauben – und wie entscheidend ein Mann namens Barnabas für seine Aufnahme unter ihnen wurde.

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Barnabas nimmt Saulus in Jerusalem auf

Apostelgeschichte 9,26-30 – „26 Als er aber nach Jerusalem kam, versuchte er, sich den Jüngern anzuschließen; aber sie fürchteten ihn alle, weil sie nicht glaubten, daß er ein Jünger sei. 27 Barnabas aber nahm ihn auf, führte ihn zu den Aposteln und erzählte ihnen, wie er auf dem Wege den Herrn gesehen und daß dieser zu ihm geredet habe, und wie er in Damaskus freimütig im Namen Jesu gepredigt habe. 28 Und er ging in Jerusal…"
Apostelgeschichte 9,26-30 – „26 Als er aber nach Jerusalem kam, versuchte er, sich den Jüngern anzuschließen; aber sie fürchteten ihn alle, weil sie nicht glaubten, daß er ein Jünger sei. 27 Barnabas aber nahm ihn auf, führte ihn zu den Aposteln und erzählte ihnen, wie er auf dem Wege den Herrn gesehen und daß dieser zu ihm geredet habe, und wie er in Damaskus freimütig im Namen Jesu gepredigt habe. 28 Und er ging in Jerusal…"
Galater 1,18-24 – „18 Darauf, nach drei Jahren, zog ich nach Jerusalem hinauf, um Petrus kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. 19 Ich sah aber keinen der andern Apostel, außer Jakobus, den Bruder des Herrn. 20 Was ich euch aber schreibe, siehe, vor Gottes Angesicht: ich lüge nicht! 21 Darauf kam ich in die Gegenden von Syrien und Cilicien. 22 Ich war aber den Gemeinden von Judäa, die in Christus sind, …"
Apostelgeschichte 22,17-21 – „17 Es geschah mir aber, als ich nach Jerusalem zurückgekehrt war und im Tempel betete, daß ich in eine Verzückung geriet 18 und Ihn sah, der zu mir sprach: Eile und geh schnell aus Jerusalem fort, denn sie werden dein Zeugnis von mir nicht annehmen! 19 Und ich sprach: Herr, sie wissen selbst, daß ich die, welche an dich glaubten, ins Gefängnis werfen und in den Synagogen schlagen ließ, 20 und daß…"

Nach seiner Flucht aus Damaskus ging Saulus nach Jerusalem. Dort versuchte er, sich den Jüngern anzuschließen, doch sie fürchteten sich vor ihm und glaubten nicht, dass er wirklich ein Jünger Jesu geworden war (Apg 9,26). Diese Zurückhaltung war verständlich. Saulus hatte gerade in Jerusalem mit besonderer Härte gegen die Gemeinde gewirkt, und seine frühere Tätigkeit war unter den Gläubigen bekannt. Seine Bekehrung war für sie deshalb nicht einfach eine Nachricht, der sie ohne Weiteres vertrauen konnten.

An diesem Punkt trat Barnabas hervor. Er nahm Saulus zu sich, führte ihn zu den Aposteln und berichtete ihnen, wie Saulus auf dem Weg den Herrn gesehen hatte, wie Christus mit ihm gesprochen hatte und wie er in Damaskus offen im Namen Jesu aufgetreten war (Apg 9,27). Barnabas wurde damit zu einem wichtigen Vermittler zwischen dem früheren Verfolger und der Gemeinde, die ihm zunächst mit berechtigtem Misstrauen begegnete. Er schuf die Grundlage dafür, dass Saulus nicht aufgrund seiner Vergangenheit ausgeschlossen blieb, sondern anhand dessen beurteilt wurde, was Christus tatsächlich in seinem Leben getan hatte.

Der Galaterbrief ergänzt die zeitliche und persönliche Einordnung dieses Besuchs. Paulus schreibt, dass er drei Jahre nach seiner Berufung nach Jerusalem ging, um Petrus kennenzulernen, und fünfzehn Tage bei ihm blieb. Von den anderen Aposteln sah er nach eigener Aussage nur Jakobus, den Bruder des Herrn (Gal 1,18-19). Diese Angaben zeigen, dass sein Aufenthalt begrenzt war und nicht als lange Ausbildungszeit unter den Jerusalemer Aposteln verstanden werden darf. Paulus betont gerade in diesem Zusammenhang, dass sein apostolischer Auftrag nicht von menschlicher Vermittlung abhängig war.

Dennoch bedeutete seine göttliche Berufung keine Trennung von anderen Dienern Christi. In Jerusalem bewegte sich Saulus nun unter den Jüngern und verkündigte offen im Namen des Herrn. Besonders wird erwähnt, dass er mit den griechischsprachigen Juden sprach und mit ihnen stritt (Apg 9,28-29). Gerade dieser Bereich erinnert an den Konflikt, in dem Stephanus zuvor gestanden hatte. Saulus, der einst seiner Tötung zugestimmt hatte, verkündigte nun selbst denselben Jesus und begegnete dabei einem ähnlichen Widerstand.

Die Feindschaft gegen ihn wuchs so weit, dass seine Gegner versuchten, ihn zu töten. Als die Brüder davon erfuhren, brachten sie ihn nach Cäsarea und sandten ihn weiter nach Tarsus (Apg 9,29-30). Sein Aufenthalt in Jerusalem endete damit erneut unter Bedrohung. Saulus erlebte zunehmend, dass sein öffentliches Bekenntnis zu Christus nicht nur Ablehnung hervorrief, sondern sein Leben tatsächlich in Gefahr brachte.

Paulus berichtet später noch von einer besonderen Erfahrung während eines Aufenthalts in Jerusalem. In Apostelgeschichte 22 erzählt er, dass er beim Beten im Tempel in eine Verzückung geriet und den Herrn sah. Christus warnte ihn, Jerusalem schnell zu verlassen, weil man dort sein Zeugnis über Jesus nicht annehmen werde. Saulus wandte damals ein, die Menschen wüssten doch, dass er selbst zuvor die Gläubigen verfolgt und Stephanus’ Tod gebilligt hatte. Gerade seine Vergangenheit schien ihm möglicherweise ein starkes Zeugnis für die Wirklichkeit seiner Veränderung zu sein. Doch Christus antwortete mit dem Auftrag: „Gehe hin; denn ich will dich weit weg zu den Heiden senden“ (Apg 22,21).

Wie genau diese Offenbarung mit den übrigen Einzelheiten seines ersten Jerusalembesuchs zeitlich zusammenhing, legt der Text nicht vollständig offen. Inhaltlich fügt sie sich jedoch in denselben Lebensabschnitt ein: Saulus wollte in Jerusalem Zeugnis geben, begegnete dort starkem Widerstand und wurde von Christus auf einen Dienst hingewiesen, der weit über diese Stadt hinausreichen sollte. Seine eigene Vorstellung davon, wo sein Zeugnis besonders wirksam sein könnte, wurde damit der Weisung Christi untergeordnet.

Nach seiner Abreise aus Jerusalem ging Saulus nach den Angaben des Galaterbriefes in die Gegenden von Syrien und Zilizien. Den Gemeinden Judäas war er persönlich weiterhin weitgehend unbekannt; sie hörten jedoch von ihm: Der Mann, der sie einst verfolgt hatte, verkündigte nun den Glauben, den er früher vernichten wollte. Ihre Reaktion richtete sich nicht auf Saulus als außergewöhnliche Persönlichkeit, sondern auf Gott: Sie verherrlichten Gott um seinetwillen (Gal 1,22-24).

Damit trat Saulus zunächst aus dem Mittelpunkt der Apostelgeschichte heraus. Über diese Jahre berichtet die Bibel nur wenig. Doch sein Weg war nicht beendet. Während er sich in seiner Heimatregion aufhielt, entwickelte sich in Antiochia eine Gemeinde, in der Menschen aus unterschiedlichen Hintergründen zum Glauben an Christus kamen. Als Barnabas dort Unterstützung benötigte, erinnerte er sich an Saulus und suchte ihn in Tarsus.

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Barnabas holt Saulus nach Antiochia

Apostelgeschichte 11,19-26 – „19 Die nun, welche sich zerstreut hatten seit der Verfolgung, die sich wegen Stephanus erhoben hatte, zogen bis nach Phönizien und Cypern und Antiochia und redeten das Wort zu niemand, als nur zu Juden. 20 Es waren aber etliche unter ihnen, Cyprier und Kyrenäer, die, als sie nach Antiochia kamen, auch zu den Griechen redeten und ihnen das Evangelium vom Herrn Jesus verkündigten. 21 Und die Hand d…"
Apostelgeschichte 11,19-26 – „19 Die nun, welche sich zerstreut hatten seit der Verfolgung, die sich wegen Stephanus erhoben hatte, zogen bis nach Phönizien und Cypern und Antiochia und redeten das Wort zu niemand, als nur zu Juden. 20 Es waren aber etliche unter ihnen, Cyprier und Kyrenäer, die, als sie nach Antiochia kamen, auch zu den Griechen redeten und ihnen das Evangelium vom Herrn Jesus verkündigten. 21 Und die Hand d…"
Apostelgeschichte 11,27-30 – „27 In diesen Tagen aber kamen Propheten von Jerusalem hinab nach Antiochia. 28 Und einer von ihnen, mit Namen Agabus, trat auf und zeigte durch den Geist eine große Hungersnot an, welche über den ganzen Erdkreis kommen sollte; welche dann auch eintrat unter dem Kaiser Claudius. 29 Da beschlossen die Jünger, daß ein jeder von ihnen gemäß seinem Vermögen den Brüdern, die in Judäa wohnten, eine Hilf…"
Apostelgeschichte 12,25 – „25 Barnabas aber und Saulus kehrten von Jerusalem zurück, nachdem sie die Hilfeleistung ausgerichtet hatten, und nahmen auch Johannes mit dem Zunamen Markus mit sich."

Während Saulus sich in den Gegenden von Syrien und Zilizien aufhielt, entwickelte sich weiter nördlich eine Gemeinde, die für seinen kommenden Dienst große Bedeutung gewinnen sollte. Die Verfolgung, die nach dem Tod des Stephanus eingesetzt hatte, hatte Gläubige bis nach Phönizien, Zypern und Antiochia zerstreut. Einige von ihnen verkündigten in Antiochia die Botschaft von Jesus nicht nur Juden, sondern auch Menschen griechischer Sprache. Lukas erklärt, dass die Hand des Herrn mit ihnen war und eine große Zahl zum Glauben kam und sich dem Herrn zuwandte (Apg 11,19-21).

Als die Gemeinde in Jerusalem davon hörte, sandte sie Barnabas nach Antiochia. Er erkannte dort die Gnade Gottes, freute sich und ermutigte die Gläubigen, mit festem Herzen beim Herrn zu bleiben. Der Bericht beschreibt Barnabas als einen guten Mann, erfüllt mit Heiligem Geist und Glauben, und fügt hinzu, dass eine große Menge für den Herrn gewonnen wurde (Apg 11,22-24). Mit dem Wachstum der Gemeinde entstand zugleich ein größerer Bedarf an Unterweisung. An diesem Punkt dachte Barnabas erneut an Saulus.

Barnabas ging nach Tarsus, um ihn zu suchen. Nachdem er ihn gefunden hatte, brachte er ihn nach Antiochia (Apg 11,25-26). Die Bibel berichtet nicht, wie lange Saulus zuvor in Tarsus und der weiteren Region gewirkt hatte und welche einzelnen Aufgaben er dort übernommen hatte. Sein Auftreten in Antiochia ist jedoch klar bezeugt. Barnabas erkannte offenbar, dass der von Christus berufene Saulus gerade in dieser sich entwickelnden Gemeinde einen wichtigen Dienst leisten konnte.

Ein ganzes Jahr lang kamen Barnabas und Saulus mit der Gemeinde zusammen und lehrten eine große Zahl von Menschen. Damit begegnet Saulus nun in einer neuen Lebensphase. Seine Tätigkeit bestand nicht nur in einzelnen öffentlichen Auseinandersetzungen wie zuvor in Damaskus und Jerusalem, sondern in längerfristiger Unterweisung einer wachsenden Gemeinde. Antiochia wurde zu einem Ort, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft gemeinsam Christus nachfolgten und in seinem Wort unterrichtet wurden.

Gerade hier erwähnt Lukas eine Bezeichnung, die für die weitere Geschichte bedeutsam wurde: In Antiochia wurden die Jünger erstmals „Christen“ genannt (Apg 11,26). Der Text erklärt nicht, wer diese Bezeichnung zuerst gebrauchte oder mit welcher genauen Absicht sie entstand. Entscheidend ist vielmehr, dass die Gemeinschaft zunehmend durch ihre Verbindung zu Christus erkannt wurde. Auch Saulus stand nun mitten in einer Gemeinde, deren Identität nicht durch seine Person, Barnabas oder einen bestimmten kulturellen Hintergrund bestimmt wurde, sondern durch die Zugehörigkeit zu Jesus.

Während dieser Zeit kamen Propheten aus Jerusalem nach Antiochia. Einer von ihnen, Agabus, kündigte durch den Geist eine große Hungersnot an. Daraufhin beschlossen die Jünger, nach ihren Möglichkeiten Unterstützung für die Brüder in Judäa zu senden. Sie vertrauten die Hilfe Barnabas und Saulus an, die sie zu den Ältesten bringen sollten (Apg 11,27-30). Die junge Gemeinde in Antiochia blieb damit nicht auf sich selbst konzentriert. Aus der empfangenen Gnade erwuchs konkrete Verantwortung für andere Gläubige.

Für Saulus bedeutete dieser Auftrag eine erneute Verbindung mit Judäa, diesmal jedoch unter völlig anderen Vorzeichen als früher. Einst hatte er Vollmachten erhalten, um die Nachfolger Jesu gefangen zu nehmen; nun wurde ihm gemeinsam mit Barnabas eine Gabe anvertraut, die bedrängten Glaubensgeschwistern dienen sollte. Die Veränderung seines Lebens zeigte sich damit nicht allein in seiner Verkündigung, sondern auch darin, wem seine Kraft und Verantwortung nun zugutekamen.

Nach Erfüllung dieses Dienstes kehrten Barnabas und Saulus zurück und nahmen Johannes mit dem Beinamen Markus mit sich (Apg 12,25). Antiochia blieb ihr Ausgangspunkt. Dort sollte sich bald zeigen, dass Christus Saulus nicht nur für die Mitarbeit in einer örtlichen Gemeinde vorbereitet hatte. Inmitten von Gebet, Fasten und gemeinsamem Dienst würde der Heilige Geist einen Auftrag aussprechen, durch den Saulus und Barnabas zu einer neuen Phase der Verkündigung ausgesandt wurden.

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Der Heilige Geist sendet Barnabas und Saulus aus

Apostelgeschichte 13,1-12 – „1 Es waren aber zu Antiochia in der dortigen Gemeinde etliche Propheten und Lehrer, nämlich Barnabas und Simeon, genannt Niger, und Lucius von Kyrene und Manahen, der mit dem Vierfürsten Herodes erzogen worden war, und Saulus. 2 Als sie nun dem Herrn dienten und fasteten, sprach der heilige Geist: Sondert mir Barnabas und Saulus aus zu dem Werk, zu welchem ich sie berufen habe! 3 Da fasteten und …"
Apostelgeschichte 13,1-12 – „1 Es waren aber zu Antiochia in der dortigen Gemeinde etliche Propheten und Lehrer, nämlich Barnabas und Simeon, genannt Niger, und Lucius von Kyrene und Manahen, der mit dem Vierfürsten Herodes erzogen worden war, und Saulus. 2 Als sie nun dem Herrn dienten und fasteten, sprach der heilige Geist: Sondert mir Barnabas und Saulus aus zu dem Werk, zu welchem ich sie berufen habe! 3 Da fasteten und …"
Apostelgeschichte 13,2-4 – „2 Als sie nun dem Herrn dienten und fasteten, sprach der heilige Geist: Sondert mir Barnabas und Saulus aus zu dem Werk, zu welchem ich sie berufen habe! 3 Da fasteten und beteten sie, legten ihnen die Hände auf und ließen sie ziehen. 4 Diese nun, vom heiligen Geist ausgesandt, zogen hinab gen Seleucia und fuhren von dort zu Schiff nach Cypern."
Apostelgeschichte 13,9 – „9 Saulus aber, der auch Paulus heißt, voll heiligen Geistes, blickte ihn an"

In Antiochia gehörten Barnabas und Saulus zu einer Gruppe von Propheten und Lehrern, die gemeinsam der Gemeinde dienten. Neben ihnen nennt Lukas Simeon, genannt Niger, Luzius von Kyrene und Manaën, der mit dem Vierfürsten Herodes erzogen worden war. Während diese Männer dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist: „Sondert mir Barnabas und Saulus aus zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe“ (Apg 13,2). Der kommende Dienst entstand damit weder aus persönlichem Ehrgeiz noch allein aus einer strategischen Entscheidung der Gemeinde. Gott selbst bestimmte die beiden Männer für diese Aufgabe.

Die Gemeinde reagierte mit Fasten und Gebet. Danach legten die Gläubigen Barnabas und Saulus die Hände auf und ließen sie ziehen (Apg 13,3). Diese Handlung begründete ihre Berufung nicht erst; der Heilige Geist hatte sie bereits ausgesprochen. Vielmehr bestätigte die Gemeinde den göttlichen Auftrag und stellte die beiden Männer für den Dienst frei. Persönliche Berufung und gemeinschaftliche Sendung stehen hier nicht gegeneinander. Christus führte seinen Diener, während die Gemeinde diesen Weg betend mittrug.

Vom Heiligen Geist ausgesandt, gingen Barnabas und Saulus zunächst nach Seleuzia und von dort mit dem Schiff nach Zypern. Johannes Markus begleitete sie als Helfer. In Salamis verkündigten sie das Wort Gottes in den Synagogen der Juden und durchzogen anschließend die Insel bis nach Paphos (Apg 13,4-6). Die Apostelgeschichte beginnt damit eine neue Phase im Leben des Saulus: Sein Dienst bewegt sich nun bewusst über die Grenzen der bisherigen Gemeindearbeit in Antiochia hinaus.

In Paphos begegneten sie dem römischen Statthalter Sergius Paulus, den Lukas als verständigen Mann beschreibt. Dieser ließ Barnabas und Saulus rufen, weil er das Wort Gottes hören wollte. Zugleich befand sich bei ihm ein jüdischer Zauberer und falscher Prophet namens Bar-Jesus, der auch Elymas genannt wurde. Elymas widersetzte sich Barnabas und Saulus und versuchte, den Statthalter vom Glauben abzuhalten (Apg 13,6-8). Damit entstand unmittelbar ein Konflikt um die Botschaft, die sie verkündigten.

An genau dieser Stelle verwendet Lukas erstmals ausdrücklich die Formulierung: „Saulus aber, der auch Paulus heißt“ (Apg 13,9). Der Text beschreibt keine neue Namensverleihung und verbindet die Bezeichnung Paulus nicht mit der Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus. Saulus und Paulus sind vielmehr zwei Namen desselben Mannes. Von diesem Punkt an gebraucht die Apostelgeschichte nahezu ausschließlich den Namen Paulus. Eine geistliche Bedeutung, die der Bibeltext selbst nicht erklärt, sollte deshalb nicht in diesen Wechsel hineingelesen werden.

Paulus, erfüllt mit Heiligem Geist, trat Elymas entgegen und erklärte, dass seine Verdrehung der geraden Wege des Herrn nicht ohne Folgen bleiben würde. Für eine Zeit sollte er blind sein. Sofort fiel Dunkelheit auf ihn, und er suchte nach jemandem, der ihn an der Hand führen konnte (Apg 13,9-11). Die Ähnlichkeit zu Paulus’ eigener zeitweiliger Blindheit in Damaskus ist auffällig, doch der Text bezeichnet Elymas deshalb nicht als Gegenbild des Paulus und entwickelt daraus keine ausdrückliche Typologie. Sicher ist lediglich, dass Gottes Macht den Versuch durchbrach, den Statthalter von der Botschaft abzuhalten.

Als Sergius Paulus sah, was geschehen war, glaubte er. Lukas fügt hinzu, dass er über die Lehre des Herrn erstaunt war (Apg 13,12). Das Wunder steht damit nicht als bloße Machtdemonstration im Mittelpunkt. Entscheidend bleibt das Wort über den Herrn, das der Statthalter hören wollte und dem sich Elymas entgegenstellte. Paulus sollte auch später erleben, dass Zeichen seinen Dienst begleiten konnten, doch die Verkündigung Christi blieb das eigentliche Zentrum seines Auftrags.

Mit Zypern begann der ausgesandte Dienst von Barnabas und Paulus Gestalt anzunehmen. Von Paphos aus setzten sie ihre Reise über das Meer fort und erreichten das kleinasiatische Festland. Dort kam es zunächst zu einer schmerzlichen Veränderung innerhalb ihrer kleinen Reisegruppe: Johannes Markus trennte sich von ihnen und kehrte nach Jerusalem zurück. Paulus und Barnabas aber zogen weiter nach Antiochia in Pisidien, wo Paulus in einer Synagoge eine ausführliche Verkündigung hielt, die zeigt, wie er Israels Geschichte nun ganz von Gottes Handeln in Jesus Christus her verstand.

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Paulus verkündigt Christus in Antiochia in Pisidien

Apostelgeschichte 13,13-41 – „13 Paulus aber und seine Gefährten fuhren von Paphos ab und kamen nach Perge in Pamphylien; Johannes aber trennte sich von ihnen und kehrte nach Jerusalem zurück. 14 Sie aber zogen von Perge weiter und kamen nach Antiochia in Pisidien und gingen am Sabbattag in die Synagoge und setzten sich. 15 Und nach der Vorlesung des Gesetzes und der Propheten ließen die Obersten der Synagoge ihnen sagen: Ihr…"
Apostelgeschichte 13,13-41 – „13 Paulus aber und seine Gefährten fuhren von Paphos ab und kamen nach Perge in Pamphylien; Johannes aber trennte sich von ihnen und kehrte nach Jerusalem zurück. 14 Sie aber zogen von Perge weiter und kamen nach Antiochia in Pisidien und gingen am Sabbattag in die Synagoge und setzten sich. 15 Und nach der Vorlesung des Gesetzes und der Propheten ließen die Obersten der Synagoge ihnen sagen: Ihr…"
Apostelgeschichte 13,42-52 – „42 Als sie aber aus der Versammlung gingen, bat man sie, daß ihnen diese Worte [auch] am nächsten Sabbat gepredigt werden möchten. 43 Nachdem aber die [Versammlung in der] Synagoge sich aufgelöst hatte, folgten viele Juden und gottesfürchtige Proselyten dem Paulus und Barnabas nach, welche zu ihnen redeten und sie ermahnten, bei der Gnade Gottes zu beharren. 44 Und am folgenden Sabbat versammelte…"
Apostelgeschichte 13,46-49 – „46 Da sprachen Paulus und Barnabas freimütig: Euch mußte das Wort Gottes zuerst gepredigt werden; da ihr es aber von euch stoßet und euch selbst des ewigen Lebens nicht würdig achtet, siehe, so wenden wir uns zu den Heiden. 47 Denn also hat uns der Herr geboten: «Ich habe dich zum Licht der Heiden gesetzt, daß du zum Heil seiest bis an das Ende der Erde!» 48 Als die Heiden das hörten, wurden sie …"

Von Paphos aus fuhren Paulus und seine Begleiter nach Perge in Pamphylien. Dort trennte sich Johannes Markus von ihnen und kehrte nach Jerusalem zurück (Apg 13,13). Lukas erklärt an dieser Stelle nicht, warum Markus die Reise abbrach. Erst später wird deutlich, dass Paulus diesen Abbruch ernst nahm und darin einen Grund sah, Markus zunächst nicht noch einmal mitzunehmen. Für den unmittelbaren Fortgang der Reise bedeutete es jedoch, dass Paulus und Barnabas ohne ihn weiterzogen.

Sie gelangten nach Antiochia in Pisidien und gingen am Sabbat in die Synagoge. Nach der Lesung aus Gesetz und Propheten wurden sie eingeladen, ein Wort der Ermahnung an das Volk zu richten. Paulus stand auf und begann eine ausführliche Rede, die zu den wichtigsten überlieferten Verkündigungen seines frühen Dienstes gehört (Apg 13,14-16). Sein Ausgangspunkt war die Geschichte Israels. Er sprach von Gottes Erwählung der Väter, der Befreiung aus Ägypten, der Führung durch die Wüste, dem Land Kanaan, den Richtern, Saul und schließlich David.

Diese Rückschau war kein geschichtlicher Selbstzweck. Paulus führte die Linie bewusst zu Jesus Christus. Von Davids Nachkommen, so erklärte er, habe Gott Israel nach seiner Verheißung einen Retter gebracht: Jesus (Apg 13,22-23). Auch Johannes der Täufer wurde in diese Linie eingeordnet, weil er vor dem Auftreten Jesu zur Umkehr gerufen und auf den Kommenden hingewiesen hatte. Paulus verstand die Geschichte Israels damit nicht als abgeschlossene Vergangenheit, sondern als Heilsgeschichte, die auf Gottes Handeln in Christus zulief.

Dann wandte er sich unmittelbar dem Tod und der Auferstehung Jesu zu. Die Bewohner Jerusalems und ihre Obersten hätten Jesus nicht erkannt und durch ihre Verurteilung gerade die prophetischen Worte erfüllt, die regelmäßig gelesen wurden. Obwohl sie keine Schuld fanden, die den Tod rechtfertigte, verlangten sie seine Hinrichtung. Nachdem alles vollendet war, was über ihn geschrieben stand, wurde er vom Holz genommen und ins Grab gelegt. Doch Paulus setzt diesem menschlichen Urteil die entscheidende Aussage entgegen: „Gott aber hat ihn von den Toten auferweckt“ (Apg 13,30).

Für Paulus war die Auferstehung nicht lediglich der Abschluss der Geschichte Jesu, sondern die göttliche Bestätigung seines messianischen Anspruchs. Er verwies darauf, dass Jesus seinen Jüngern nach der Auferstehung erschienen war und dass diese nun als Zeugen vor dem Volk standen. Anschließend verband er mehrere Aussagen aus den Psalmen und aus Jesaja mit der Auferstehung und der Verheißung an David. Seine Auslegung zeigt, wie tief seine frühere Kenntnis der Schriften nun durch die Erkenntnis Christi neu geordnet worden war.

Aus diesem Zeugnis folgte für Paulus eine klare Einladung. Durch Jesus werde Vergebung der Sünden verkündigt, und durch ihn werde jeder Glaubende von dem gerechtfertigt, wovon das Gesetz des Mose nicht rechtfertigen könne (Apg 13,38-39). Damit berührte Paulus bereits einen Gedanken, der in seinen späteren Briefen ausführlich entfaltet werden sollte: Rechtfertigung gründet nicht auf menschlicher Gesetzesleistung, sondern auf Gottes Heilshandeln in Christus. Das Gesetz wurde dabei nicht als wertlos dargestellt; vielmehr konnte es nicht leisten, was nur Christus als Erlöser vollbringen kann.

Die erste Reaktion auf diese Predigt war so stark, dass viele die beiden baten, am folgenden Sabbat weiter über diese Dinge zu sprechen. Zahlreiche Juden und gottesfürchtige Proselyten folgten Paulus und Barnabas, die sie ermutigten, in der Gnade Gottes zu bleiben (Apg 13,42-43). Am nächsten Sabbat versammelte sich beinahe die ganze Stadt, um das Wort Gottes zu hören. Damit wurde die Verkündigung aus dem begrenzten Rahmen der Synagoge heraus zu einem Ereignis, das weit größere Kreise erreichte.

Doch mit dem wachsenden Interesse nahm auch der Widerstand zu. Einige Juden widersprachen Paulus und lästerten. Daraufhin erklärten Paulus und Barnabas, dass das Wort Gottes zuerst zu ihnen gesprochen werden musste; weil sie es zurückwiesen, würden sie sich nun den Heiden zuwenden. Dabei beriefen sie sich auf den Auftrag, Licht für die Völker zu sein, damit Gottes Heil bis an die Enden der Erde gelange (Apg 13,46-47). Diese Aussage bedeutete keine Verwerfung aller Juden, denn Paulus selbst war Jude und begann weiterhin regelmäßig in Synagogen. Sie markierte vielmehr innerhalb dieses Ortes die Konsequenz aus der konkreten Ablehnung der Botschaft.

Die Menschen aus den Völkern freuten sich über diese Verkündigung, und das Wort des Herrn breitete sich in der ganzen Gegend aus. Gleichzeitig bewirkten Gegner, dass Paulus und Barnabas aus ihrem Gebiet vertrieben wurden. Die beiden schüttelten den Staub von ihren Füßen und zogen weiter nach Ikonium, während die Jünger in Antiochia mit Freude und Heiligem Geist erfüllt wurden (Apg 13,48-52). Paulus musste die Stadt verlassen, doch die entstandene Gemeinde blieb zurück. Damit zeigte sich erneut ein Muster, das seinen weiteren Dienst begleiten sollte: Verkündigung, Glaube, Widerstand, Verfolgung – und dennoch die Ausbreitung des Evangeliums.

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Verfolgung in Ikonium und Lystra

Apostelgeschichte 14,1-20 – „1 Es geschah aber in Ikonium, daß sie miteinander in die Synagoge der Juden gingen und derart redeten, daß eine große Menge von Juden und Griechen gläubig wurde. 2 Die ungläubig gebliebenen Juden aber erregten und erbitterten die Gemüter der Heiden gegen die Brüder. 3 Doch blieben sie längere Zeit daselbst und lehrten freimütig im Vertrauen auf den Herrn, der dem Wort seiner Gnade Zeugnis gab und…"
Apostelgeschichte 14,1-20 – „1 Es geschah aber in Ikonium, daß sie miteinander in die Synagoge der Juden gingen und derart redeten, daß eine große Menge von Juden und Griechen gläubig wurde. 2 Die ungläubig gebliebenen Juden aber erregten und erbitterten die Gemüter der Heiden gegen die Brüder. 3 Doch blieben sie längere Zeit daselbst und lehrten freimütig im Vertrauen auf den Herrn, der dem Wort seiner Gnade Zeugnis gab und…"
2. Timotheus 3,10-11 – „10 Du aber bist mir nachgefolgt in der Lehre, in der Lebensführung, im Vorsatz, im Glauben, in der Langmut, in der Liebe, in der Geduld, 11 in den Verfolgungen, in den Leiden, wie sie mir in Antiochia, in Ikonium und Lystra widerfahren sind. Solche Verfolgungen habe ich ausgehalten, und aus allen hat mich der Herr errettet!"
Apostelgeschichte 14,21-23 – „21 Und nachdem sie in dieser Stadt das Evangelium gepredigt und eine schöne Zahl Jünger gemacht hatten, kehrten sie wieder nach Lystra und Ikonium und Antiochia zurück, 22 stärkten die Seelen der Jünger und ermahnten sie, im Glauben zu verharren, und [sagten ihnen,] daß wir durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müssen. 23 Nachdem sie ihnen aber in jeder Gemeinde Älteste erwählt hatten…"

Nach ihrer Vertreibung aus Antiochia in Pisidien gingen Paulus und Barnabas nach Ikonium. Wie zuvor suchten sie zunächst die Synagoge auf und verkündigten dort so, dass eine große Zahl von Juden und Griechen zum Glauben kam (Apg 14,1). Doch auch hier blieb die Botschaft nicht ohne Widerstand. Menschen, die nicht glaubten, beeinflussten andere gegen die Brüder. Paulus und Barnabas wichen deshalb nicht sofort zurück, sondern blieben längere Zeit und redeten freimütig im Vertrauen auf den Herrn, der das Wort seiner Gnade bestätigte (Apg 14,2-3).

Die Stadt wurde über ihrer Verkündigung gespalten. Ein Teil hielt zu den ablehnenden Juden, ein anderer zu den Aposteln. Schließlich entstand der Plan, Paulus und Barnabas zu misshandeln und zu steinigen. Als sie davon erfuhren, flohen sie in die Städte Lystra und Derbe sowie in die umliegende Gegend und verkündigten auch dort das Evangelium (Apg 14,4-7). Ihre Flucht bedeutete keine Aufgabe ihres Auftrags. Sie entzogen sich einer konkreten Mordabsicht und setzten ihren Dienst an einem anderen Ort fort.

In Lystra begegnete Paulus einem Mann, der von Geburt an gelähmt war und noch nie hatte gehen können. Während der Mann Paulus zuhörte, erkannte dieser, dass er Glauben hatte, um gerettet beziehungsweise geheilt zu werden, und forderte ihn auf, sich auf seine Füße zu stellen. Der Mann sprang auf und ging umher (Apg 14,8-10). Das Wunder führte jedoch nicht unmittelbar zu einem richtigen Verständnis der Botschaft. Die Menge deutete das Geschehen innerhalb ihrer eigenen religiösen Vorstellungen und hielt Barnabas und Paulus für Götter, die in Menschengestalt herabgekommen seien.

Barnabas nannten sie Zeus, Paulus Hermes, weil er hauptsächlich das Wort führte. Der Priester des Zeus brachte sogar Stiere und Kränze zu den Stadttoren und wollte gemeinsam mit der Menge opfern (Apg 14,11-13). Als Barnabas und Paulus davon erfuhren, zerrissen sie ihre Kleider, liefen unter die Menge und widersprachen entschieden. Sie betonten, selbst Menschen wie ihre Zuhörer zu sein, und riefen sie dazu auf, sich von diesen nichtigen Göttern zu dem lebendigen Gott zu bekehren, der Himmel, Erde und Meer geschaffen hat (Apg 14,14-15).

Paulus knüpfte hier anders an als zuvor in der Synagoge von Antiochia. Dort konnte er Israels Geschichte und die bekannten Schriften voraussetzen. In Lystra sprach er zu Menschen, deren religiöser Hintergrund ein anderer war. Deshalb begann er mit dem Schöpfer, der allen Menschen Gutes tut, Regen und fruchtbare Zeiten gibt und sie mit Nahrung und Freude erfüllt (Apg 14,16-17). Seine Verkündigung blieb damit auf denselben Gott ausgerichtet, setzte aber an einem anderen Ausgangspunkt an. Nur mit Mühe konnten Paulus und Barnabas verhindern, dass die Menge ihnen Opfer brachte.

Die Stimmung änderte sich jedoch innerhalb kurzer Zeit vollständig. Juden aus Antiochia und Ikonium kamen nach Lystra und gewannen die Menge für sich. Paulus wurde gesteinigt und aus der Stadt geschleift, weil man ihn für tot hielt (Apg 14,19). Derselbe Mann, der einst selbst der Tötung des Stephanus zugestimmt hatte, erlitt nun wegen seiner Verkündigung Christi eine Form jener Gewalt, die er früher gegen andere gebilligt hatte. Der Text stellt dies nicht ausdrücklich als Vergeltung dar; er zeigt vielmehr, wie ernst die von Christus angekündigten Leiden in seinem Dienst inzwischen geworden waren.

Als die Jünger Paulus umringten, stand er auf und ging wieder in die Stadt. Am nächsten Tag zog er mit Barnabas nach Derbe weiter (Apg 14,20). Lukas erklärt nicht näher, wie schwer seine Verletzungen waren oder auf welche Weise er sich so rasch wieder bewegen konnte. Sicher ist nur, dass Paulus die Steinigung überlebte und seinen Dienst fortsetzte. Jahre später erinnerte er Timotheus an seine Verfolgungen und Leiden in Antiochia, Ikonium und Lystra und bekannte, dass der Herr ihn aus ihnen allen gerettet hatte (2Tim 3,10-11).

In Derbe verkündigten Paulus und Barnabas das Evangelium und gewannen viele Jünger. Danach wählten sie nicht den einfachsten Rückweg, sondern kehrten noch einmal nach Lystra, Ikonium und Antiochia zurück – gerade in jene Orte, an denen sie schweren Widerstand erfahren hatten. Dort stärkten sie die Jünger und ermutigten sie, im Glauben zu bleiben. Zugleich erklärten sie, dass der Weg in das Reich Gottes mit vielen Bedrängnissen verbunden ist (Apg 14,21-22). Ihre Botschaft versprach den neuen Gläubigen deshalb kein sorgenfreies Leben, sondern verband Hoffnung auf Gottes Reich mit Treue mitten in Widerstand.

In den Gemeinden setzten Paulus und Barnabas Älteste ein und vertrauten sie unter Gebet und Fasten dem Herrn an, an den sie gläubig geworden waren (Apg 14,23). Der missionarische Dienst zielte damit nicht nur auf erste Entscheidungen, sondern auf bleibende Gemeinden, die Verantwortung übernehmen und im Glauben wachsen sollten. Anschließend zogen die beiden über Pisidien und Pamphylien zurück nach Antiochia in Syrien. Dort berichteten sie der Gemeinde, was Gott durch sie getan und wie er den Völkern eine Tür des Glaubens geöffnet hatte. Doch gerade diese Entwicklung führte nun zu einer grundlegenden Frage: Mussten Menschen aus den Völkern zusätzlich den Weg über Beschneidung und das mosaische Zeremonialgesetz gehen, um zu Gottes Volk zu gehören?

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Paulus verteidigt das Evangelium in Jerusalem

Apostelgeschichte 15,1-21 – „1 Und etliche kamen aus Judäa herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht nach dem Gebrauche Moses beschneiden lasset, so könnt ihr nicht gerettet werden! 2 Da sich nun Zwiespalt erhob und Paulus und Barnabas nicht geringen Streit mit ihnen hatten, ordneten sie an, daß Paulus und Barnabas und einige andere von ihnen dieser Streitfrage wegen zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem hinauf…"
Apostelgeschichte 15,1-21 – „1 Und etliche kamen aus Judäa herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht nach dem Gebrauche Moses beschneiden lasset, so könnt ihr nicht gerettet werden! 2 Da sich nun Zwiespalt erhob und Paulus und Barnabas nicht geringen Streit mit ihnen hatten, ordneten sie an, daß Paulus und Barnabas und einige andere von ihnen dieser Streitfrage wegen zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem hinauf…"
Galater 2,1-10 – „1 Darauf, nach vierzehn Jahren, zog ich wiederum nach Jerusalem hinauf mit Barnabas und nahm auch Titus mit. 2 Ich zog aber hinauf infolge einer Offenbarung und legte ihnen, insbesondere den Angesehenen, das Evangelium vor, das ich unter den Heiden verkündige, damit ich nicht etwa vergeblich liefe oder gelaufen wäre. 3 Es wurde aber nicht einmal mein Begleiter, Titus, obschon er ein Grieche ist, …"
Apostelgeschichte 15,22-35 – „22 Da gefiel es den Aposteln und den Ältesten samt der ganzen Gemeinde, Männer aus ihrer Mitte zu erwählen und mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden, nämlich Judas mit dem Zunamen Barsabbas, und Silas, leitende Männer unter den Brüdern. 23 Und sie sandten durch ihre Hand folgendes Schreiben: «Die Apostel und die Ältesten und Brüder entbieten den Brüdern zu Antiochia und in Syrien und C…"

Nach ihrer Rückkehr nach Antiochia entstand eine Frage, die für die junge Gemeinde von grundlegender Bedeutung war. Einige Männer aus Judäa lehrten die Brüder, sie könnten nicht gerettet werden, wenn sie sich nicht nach der Ordnung des Mose beschneiden ließen (Apg 15,1). Damit ging es nicht um eine nebensächliche Gewohnheit. Zur Entscheidung stand, ob Menschen aus den Völkern zusätzlich zur Gnade Christi bestimmte jüdische Bundeszeichen übernehmen mussten, um als Gerettete zu Gottes Volk zu gehören. Paulus und Barnabas widersprachen dieser Lehre entschieden.

Weil daraus ein erheblicher Streit entstand, bestimmte die Gemeinde in Antiochia, dass Paulus und Barnabas mit einigen anderen nach Jerusalem zu den Aposteln und Ältesten gehen sollten. Auf dem Weg berichteten sie von der Bekehrung der Menschen aus den Völkern und lösten damit große Freude unter den Gläubigen aus. In Jerusalem angekommen, erzählten sie, was Gott durch sie getan hatte. Doch einige Gläubige, die der Richtung der Pharisäer angehörten, verlangten, die Christen aus den Völkern zu beschneiden und ihnen die Einhaltung des Gesetzes des Mose aufzuerlegen (Apg 15,2-5).

Die Apostel und Ältesten kamen zusammen, um diese Sache zu prüfen. Nach längerer Beratung erinnerte Petrus daran, dass Gott bereits durch seinen Dienst Menschen aus den Völkern das Evangelium hatte hören lassen und ihnen den Heiligen Geist gegeben hatte. Gott hatte zwischen ihnen und den jüdischen Gläubigen keinen Unterschied gemacht, sondern ihre Herzen durch den Glauben gereinigt. Petrus stellte deshalb die entscheidende Frage, warum man den Jüngern ein Joch auferlegen sollte, das weder ihre Vorfahren noch sie selbst zu tragen vermocht hatten. Sein Schluss war eindeutig: „Durch die Gnade des Herrn Jesus Christus“ werden Juden wie Menschen aus den Völkern gerettet (Apg 15,7-11).

Anschließend berichteten Barnabas und Paulus von den Zeichen und Wundern, die Gott durch sie unter den Völkern getan hatte. Jakobus griff danach die Frage anhand der Schrift auf und zeigte, dass Gottes Aufnahme der Völker nicht im Widerspruch zu seinem offenbarten Plan stand. Er schlug vor, den Menschen aus den Völkern nicht unnötige Hindernisse aufzuerlegen, ihnen jedoch konkrete Weisungen zu geben, die den Bruch mit Götzendienst und sexueller Unmoral sowie wichtige Voraussetzungen der Gemeinschaft zwischen jüdischen und nichtjüdischen Gläubigen betrafen (Apg 15,13-21). Die Versammlung bestätigte damit nicht Gesetzlosigkeit, sondern wies die Forderung zurück, Beschneidung und jüdische Bundeszugehörigkeit zur Voraussetzung der Erlösung zu machen.

Paulus behandelt in Galater 2 ebenfalls einen Besuch in Jerusalem, bei dem er mit Barnabas hinaufging und Titus mitnahm. Er berichtet, dass er dort das Evangelium darlegte, das er unter den Völkern verkündigte. Titus, obwohl Grieche, wurde nicht gezwungen, sich beschneiden zu lassen. Paulus erklärt den Konflikt mit falschen Brüdern, die die Freiheit der Gläubigen in Christus bedrohten, und betont, dass er ihnen nicht nachgab, damit „die Wahrheit des Evangeliums“ erhalten blieb (Gal 2,1-5). Ob dieser Besuch in allen Einzelheiten mit der Zusammenkunft aus Apostelgeschichte 15 identisch ist, wird unterschiedlich eingeordnet; die Bibel selbst legt die genaue Zuordnung nicht ausdrücklich fest. Sicher ist jedoch, dass beide Berichte denselben grundlegenden Streitpunkt berühren: Die Annahme bei Gott gründet nicht auf der Beschneidung, sondern auf dem Evangelium Jesu Christi.

Paulus berichtet weiter, dass Jakobus, Kephas und Johannes die ihm gegebene Gnade erkannten. Sie sahen, dass ihm besonders der Dienst unter den Unbeschnittenen anvertraut war, wie Petrus in besonderer Weise unter den Beschnittenen wirkte. Sie gaben Paulus und Barnabas die Hand der Gemeinschaft und bestätigten damit ihre Verkündigung unter den Völkern. Zugleich baten sie darum, die Armen nicht zu vergessen – etwas, das Paulus nach eigener Aussage ohnehin mit Eifer tun wollte (Gal 2,7-10). Sein Dienst stand also nicht außerhalb der übrigen apostolischen Arbeit, sondern wurde trotz unterschiedlicher Aufgabenschwerpunkte als Teil desselben Evangeliums anerkannt.

Die Jerusalemer Versammlung sandte schließlich Judas Barsabbas und Silas gemeinsam mit Paulus und Barnabas nach Antiochia. In einem Schreiben stellte sie klar, dass diejenigen, die Unruhe verursacht hatten, dafür keinen Auftrag aus Jerusalem besessen hatten. Zugleich wurden die zuvor beratenen Weisungen bestätigt. Als der Brief in Antiochia vorgelesen wurde, freute sich die Gemeinde über die Ermutigung. Judas und Silas stärkten die Brüder mit vielen Worten, während Paulus und Barnabas weiterhin in Antiochia blieben und gemeinsam mit vielen anderen das Wort des Herrn lehrten und verkündigten (Apg 15,22-35).

Für Paulus war dieser Abschnitt von weitreichender Bedeutung. Das Evangelium durfte nicht so verändert werden, dass menschliche Voraussetzungen neben Christus zur Grundlage der Annahme bei Gott wurden. Zugleich bedeutete Freiheit in Christus für ihn niemals ein Leben ohne Gehorsam oder Rücksicht auf andere. Gnade befreite von dem Versuch, durch eigene religiöse Leistung gerechtfertigt zu werden, und führte gerade dadurch in ein neues Leben unter der Herrschaft Christi.

Nach einiger Zeit schlug Paulus Barnabas vor, die Brüder in den Städten wieder aufzusuchen, in denen sie zuvor das Wort des Herrn verkündigt hatten. Doch bei der Vorbereitung dieser Reise entstand zwischen den beiden langjährigen Mitarbeitern ein ernster Konflikt. Die Frage drehte sich um Johannes Markus, der die erste Reise vorzeitig verlassen hatte. Ausgerechnet zwischen Paulus und Barnabas, die gemeinsam das Evangelium verteidigt und große Widerstände durchstanden hatten, kam es nun zu einer Trennung ihrer Wege.

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Paulus und Barnabas trennen sich wegen Markus

Apostelgeschichte 15,36-41 – „36 Nach etlichen Tagen aber sprach Paulus zu Barnabas: Laß uns wieder umkehren und nach den Brüdern sehen in all den Städten, in welchen wir das Wort des Herrn verkündigt haben, wie es um sie stehe. 37 Barnabas aber wollte auch den Johannes, der Markus zubenannt wird, mitnehmen. 38 Paulus aber hielt dafür, daß der, welcher in Pamphylien von ihnen gewichen und nicht mit ihnen zu dem Werke gekommen…"
Apostelgeschichte 15,36-41 – „36 Nach etlichen Tagen aber sprach Paulus zu Barnabas: Laß uns wieder umkehren und nach den Brüdern sehen in all den Städten, in welchen wir das Wort des Herrn verkündigt haben, wie es um sie stehe. 37 Barnabas aber wollte auch den Johannes, der Markus zubenannt wird, mitnehmen. 38 Paulus aber hielt dafür, daß der, welcher in Pamphylien von ihnen gewichen und nicht mit ihnen zu dem Werke gekommen…"
Apostelgeschichte 13,13 – „13 Paulus aber und seine Gefährten fuhren von Paphos ab und kamen nach Perge in Pamphylien; Johannes aber trennte sich von ihnen und kehrte nach Jerusalem zurück."
Kolosser 4,10 – „10 Es grüßt euch Aristarchus, mein Mitgefangener, und Markus, der Vetter des Barnabas, betreffs dessen ihr Befehle erhalten habt (wenn er zu euch kommt, so nehmet ihn auf!),"
2. Timotheus 4,11 – „11 Lukas ist allein bei mir. Bringe Markus mit dir; denn er ist mir sehr nützlich zum Dienste."

Nach der Auseinandersetzung um die Aufnahme der Menschen aus den Völkern blieb Paulus zunächst in Antiochia und lehrte dort gemeinsam mit Barnabas und vielen anderen das Wort des Herrn. Dann schlug er Barnabas vor, erneut die Brüder in allen Städten zu besuchen, in denen sie zuvor das Wort verkündigt hatten. Sein Anliegen galt damit nicht allein der Erschließung neuer Gebiete. Paulus wollte wissen, wie es den bereits entstandenen Gemeinden ging, und sie in ihrem Glauben stärken (Apg 15,36).

Bei der Vorbereitung dieser Reise entstand jedoch ein ernster Konflikt. Barnabas wollte Johannes Markus wieder mitnehmen. Markus hatte sie auf der ersten Reise begleitet, war aber in Pamphylien von ihnen weggegangen und nicht weiter mit ihnen in das Werk gezogen (Apg 13,13). Paulus hielt es deshalb nicht für richtig, ihn erneut mitzunehmen (Apg 15,37-38). Die Apostelgeschichte nennt darüber hinaus keine Motive. Sie erklärt weder, warum Markus damals umgekehrt war, noch beschreibt sie Paulus als unversöhnlich oder Barnabas als nachsichtig. Der Text lässt den Streit gerade in dieser Nüchternheit stehen.

Die Meinungsverschiedenheit wurde so scharf, dass Paulus und Barnabas sich voneinander trennten (Apg 15,39). Das ist bemerkenswert, weil beide über längere Zeit eng zusammengearbeitet hatten. Barnabas hatte Saulus einst in Jerusalem den Aposteln vorgestellt, ihn später in Tarsus gesucht und nach Antiochia geholt. Gemeinsam waren sie vom Heiligen Geist ausgesandt worden, hatten Verfolgung erlebt, Gemeinden gegründet und in Jerusalem für die Freiheit der Gläubigen aus den Völkern eingestanden. Nun fanden sie in der Frage nach Markus keinen gemeinsamen Weg.

Die Bibel bewertet diese Trennung nicht ausdrücklich mit einem einfachen Urteil darüber, welcher der beiden Männer in jeder Hinsicht recht hatte. Deshalb wäre es zu weitgehend, einem von ihnen Motive zuzuschreiben, die der Text nicht nennt. Sicher ist nur, dass Barnabas Markus mitnahm und nach Zypern segelte, während Paulus einen anderen Mitarbeiter wählte. Selbst bewährte Diener Christi blieben Menschen, zwischen denen ernste Meinungsverschiedenheiten entstehen konnten. Ihre Bedeutung im Werk Gottes machte sie nicht fehlerlos.

Paulus entschied sich für Silas. Dieser war bereits nach der Jerusalemer Versammlung gemeinsam mit Paulus und Barnabas nach Antiochia gekommen und wird dort als Prophet beschrieben, der die Brüder mit vielen Worten ermutigte und stärkte (Apg 15,22.32). Nun wurde er zum Begleiter des Paulus. Die Brüder befahlen Paulus der Gnade des Herrn an, und er zog durch Syrien und Zilizien, um die Gemeinden zu stärken (Apg 15,40-41). Damit begann eine neue Phase seines Dienstes, diesmal ohne Barnabas an seiner Seite.

Das Ende ihrer gemeinsamen Reise bedeutete jedoch nicht, dass Markus für den Dienst Christi dauerhaft unbrauchbar geworden wäre. Spätere Briefe des Paulus zeigen ein anderes Bild. In Kolosser 4,10 nennt Paulus Markus in seinem Umfeld und gibt der Gemeinde Anweisungen, ihn aufzunehmen, wenn er zu ihnen komme. Noch deutlicher schreibt er gegen Ende seines biblisch greifbaren Lebens an Timotheus: „Nimm Markus und bringe ihn mit dir; denn er ist mir sehr nützlich zum Dienst“ (2Tim 4,11). Was zwischen der Trennung und dieser späteren Wertschätzung geschah, berichtet die Bibel nicht vollständig, doch die Beziehung blieb offensichtlich nicht für immer durch den früheren Konflikt bestimmt.

Gerade dadurch erhält dieser Lebensabschnitt eine wichtige Tiefe. Die Bibel verschweigt den scharfen Streit zwischen zwei bedeutenden Mitarbeitern nicht, aber sie macht ihn auch nicht zum endgültigen Urteil über ihre Lebenswege. Barnabas setzte seinen Dienst mit Markus fort, Paulus zog mit Silas weiter, und Markus begegnet später wieder als geschätzter Mitarbeiter. Gottes Werk hing nicht daran, dass seine Diener in jeder Entscheidung vollkommen handelten oder niemals miteinander in Konflikt gerieten.

Paulus wandte sich nun erneut den Gemeinden zu, die während der ersten Reise entstanden waren. Auf seinem Weg durch Syrien und Zilizien erreichte er schließlich wieder Derbe und Lystra. Dort begegnete ihm ein Jünger, der für viele Jahre zu einem seiner engsten Mitarbeiter werden sollte: Timotheus. Mit dessen Aufnahme in die Reisegruppe begann nicht nur eine neue missionarische Etappe, sondern auch eine Beziehung, die sich durch einen großen Teil des späteren Lebens des Paulus verfolgen lässt.

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Timotheus wird Mitarbeiter des Paulus

Apostelgeschichte 16,1-10 – „1 Er kam aber auch nach Derbe und nach Lystra. Und siehe, dort war ein Jünger namens Timotheus, der Sohn einer gläubigen jüdischen Frau, aber eines griechischen Vaters. 2 Der hatte ein gutes Zeugnis von den Brüdern in Lystra und Ikonium. 3 Diesen wollte Paulus mit sich ziehen lassen. Und er nahm ihn und ließ ihn beschneiden um der Juden willen, die an jenem Orte waren; denn sie wußten alle, daß s…"
Apostelgeschichte 16,1-10 – „1 Er kam aber auch nach Derbe und nach Lystra. Und siehe, dort war ein Jünger namens Timotheus, der Sohn einer gläubigen jüdischen Frau, aber eines griechischen Vaters. 2 Der hatte ein gutes Zeugnis von den Brüdern in Lystra und Ikonium. 3 Diesen wollte Paulus mit sich ziehen lassen. Und er nahm ihn und ließ ihn beschneiden um der Juden willen, die an jenem Orte waren; denn sie wußten alle, daß s…"
1. Korinther 4,17 – „17 Deshalb habe ich Timotheus zu euch gesandt, der mein geliebter und treuer Sohn im Herrn ist; der wird euch an meine Wege in Christus erinnern, wie ich allenthalben in jeder Gemeinde lehre."
2. Timotheus 1,3-5 – „3 Ich danke Gott, welchem ich von den Voreltern her mit reinem Gewissen diene, wie ich unablässig deiner gedenke in meinen Gebeten Tag und Nacht, 4 voll Verlangen, dich zu sehen, eingedenk deiner Tränen, damit ich mit Freude erfüllt werde, 5 da ich die Erinnerung an deinen ungeheuchelten Glauben festhalte, der zuvor in deiner Großmutter Lois und deiner Mutter Eunike gewohnt hat, ich bin aber vers…"
2. Timotheus 3,14-15 – „14 Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist, da du weißt, von wem du es gelernt hast, 15 weil du von Kindheit an die heiligen Schriften kennst, welche dich weise machen können zum Heil durch den Glauben in Christus Jesus."

Auf seiner Reise durch Derbe und Lystra begegnete Paulus einem Jünger namens Timotheus. Dessen Mutter war eine gläubige Jüdin, sein Vater dagegen Grieche. Die Brüder in Lystra und Ikonium stellten Timotheus ein gutes Zeugnis aus, und Paulus wollte ihn als Mitarbeiter mitnehmen (Apg 16,1-3). Damit trat ein Mann in sein Leben, der ihn über viele Jahre begleiten und später selbst wichtige Verantwortung in den Gemeinden übernehmen sollte.

Andere neutestamentliche Aussagen ergänzen dieses Bild. Paulus erinnert Timotheus später an den ungeheuchelten Glauben seiner Großmutter Lois und seiner Mutter Eunike und daran, dass er von Kindheit an die heiligen Schriften kannte (2Tim 1,5; 3,15). Seine geistliche Prägung begann also lange vor der Begegnung mit Paulus. Paulus wurde nicht der Ursprung seines Glaubens, sondern ein geistlicher Begleiter, unter dessen Dienst Timotheus zunehmend Verantwortung übernahm. Später bezeichnet Paulus ihn liebevoll als sein „geliebtes und treues Kind im Herrn“ (1Kor 4,17).

Bevor Timotheus mitreiste, ließ Paulus ihn beschneiden. Lukas nennt dafür ausdrücklich den Grund: die Juden in jenen Gegenden wussten, dass sein Vater Grieche war (Apg 16,3). Dieser Schritt steht auf den ersten Blick in Spannung zu dem vorausgegangenen Streit in Jerusalem, bei dem Paulus entschieden dagegen eingetreten war, die Beschneidung zur Voraussetzung der Rettung zu machen. Gerade der Zusammenhang zeigt jedoch den Unterschied. Titus war nicht gezwungen worden, sich beschneiden zu lassen, weil damit die Wahrheit des Evangeliums auf dem Spiel stand; bei Timotheus wurde die Beschneidung nicht als Heilsbedingung verlangt, sondern geschah im Blick auf den bevorstehenden Dienst unter Juden.

Paulus handelte damit nicht gegen die zuvor verteidigte Freiheit in Christus. Er unterschied zwischen einer Handlung, die zur Bedingung der Rechtfertigung gemacht wurde, und einer freiwilligen Rücksichtnahme, die dem Zugang zu Menschen dienen konnte. Später formulierte er selbst, dass er bereit war, sich unterschiedlichen Gruppen anzupassen, um möglichst viele für das Evangelium zu gewinnen, ohne dabei außerhalb des Gesetzes Gottes zu leben (1Kor 9,19-21). Timotheus’ Beschneidung war deshalb kein Rückschritt in eine Rechtfertigung durch Werke.

Gemeinsam zogen Paulus, Silas und Timotheus durch die Städte und übergaben den Gemeinden die Beschlüsse, die von den Aposteln und Ältesten in Jerusalem gefasst worden waren. Die Gemeinden wurden im Glauben gestärkt und nahmen täglich an Zahl zu (Apg 16,4-5). Der Dienst verband somit Lehre, persönliche Begleitung und die Weitergabe gemeinsamer Entscheidungen. Paulus arbeitete nicht als isolierter Lehrer, sondern innerhalb eines wachsenden Netzes von Gemeinden und Mitarbeitern.

Doch der weitere Reiseweg entwickelte sich nicht einfach nach menschlicher Planung. Paulus und seine Begleiter zogen durch Phrygien und das Gebiet Galatiens, wurden aber vom Heiligen Geist daran gehindert, das Wort in der Provinz Asia zu verkündigen. Als sie in die Nähe von Mysien kamen und nach Bithynien weiterziehen wollten, ließ der Geist Jesu es ihnen wiederum nicht zu (Apg 16,6-7). Der Text erklärt nicht, wie diese Führung konkret wahrgenommen wurde. Sicher ist lediglich, dass zwei beabsichtigte Wege nicht geöffnet wurden.

Daraufhin zogen sie an Mysien vorbei nach Troas. Dort sah Paulus in der Nacht eine Erscheinung: Ein Mann aus Mazedonien stand vor ihm und bat: „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“ (Apg 16,9). Paulus und seine Begleiter verstanden diese Vision als Gottes Ruf, dort das Evangelium zu verkündigen. Bemerkenswert ist die Formulierung des Berichts: „Da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen“ (Apg 16,10). Von diesem Punkt an spricht Lukas zeitweise in der Wir-Form, was erkennen lässt, dass er nun selbst zur Reisegruppe gehörte.

Für Paulus bedeutete diese Führung einen weiteren entscheidenden Schritt. Nicht jeder verschlossene Weg war ein Ende seines Auftrags. Zweimal wurde eine beabsichtigte Richtung verhindert, bevor sich eine andere öffnete. Der Dienst wurde dadurch nicht kleiner, sondern erhielt eine neue Ausrichtung. Von Troas aus sollte Paulus mit seinen Mitarbeitern nach Mazedonien übersetzen und damit einen neuen geografischen Abschnitt seines Wirkens beginnen.

Die erste bedeutende Station dort wurde Philippi. Paulus traf dort nicht zuerst auf eine große öffentliche Versammlung, sondern auf eine kleine Gruppe von Frauen an einem Gebetsort außerhalb der Stadt. Unter ihnen befand sich Lydia, deren Begegnung mit dem Evangelium den Anfang einer Gemeinde markieren sollte, zu der Paulus später eine besonders enge Verbindung pflegte.

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Das Evangelium erreicht Philippi

Apostelgeschichte 16,11-34 – „11 So fuhren wir denn von Troas ab und kamen in gerader Fahrt nach Samothrace und am folgenden Tage nach Neapolis; 12 und von da nach Philippi, welches die erste Stadt jenes Teils von Mazedonien ist, eine Kolonie. Wir hielten uns aber in dieser Stadt etliche Tage auf. 13 Und am Sabbattage gingen wir zum Tor hinaus an den Fluß, wo wir eine Gebetsstätte vermuteten; und wir setzten uns und redeten z…"
Apostelgeschichte 16,11-34 – „11 So fuhren wir denn von Troas ab und kamen in gerader Fahrt nach Samothrace und am folgenden Tage nach Neapolis; 12 und von da nach Philippi, welches die erste Stadt jenes Teils von Mazedonien ist, eine Kolonie. Wir hielten uns aber in dieser Stadt etliche Tage auf. 13 Und am Sabbattage gingen wir zum Tor hinaus an den Fluß, wo wir eine Gebetsstätte vermuteten; und wir setzten uns und redeten z…"
Philipper 1,3-8 – „3 Ich danke meinem Gott, so oft ich euer gedenke, 4 allezeit, in jedem Gebet für euch alle, indem ich das Gebet mit Freuden tue 5 wegen eurer Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis jetzt, 6 und weil ich davon überzeugt bin, daß der, welcher in euch ein gutes Werk angefangen hat, es auch vollenden wird bis auf den Tag Jesu Christi. 7 Es ist ja nur billig, daß ich so von euch allen denke…"
1. Thessalonicher 2,2 – „2 sondern, wiewohl wir zuvor gelitten hatten und mißhandelt worden waren zu Philippi, wie ihr wisset, gewannen wir dennoch Freudigkeit in unsrem Gott, bei euch das Evangelium Gottes zu verkünden unter viel Kampf."

Von Troas aus setzte Paulus mit seinen Begleitern nach Mazedonien über. Über Samothrake und Neapolis gelangten sie nach Philippi, einer bedeutenden Stadt der Region (Apg 16,11-12). Dort begann Paulus seinen Dienst nicht in einer Synagoge, sondern an einem Gebetsort außerhalb des Stadttores bei einem Fluss. Am Sabbat setzte sich die Reisegruppe zu den dort versammelten Frauen und sprach mit ihnen. Unter den Zuhörerinnen befand sich Lydia, eine Purpurhändlerin aus Thyatira, die Gott verehrte.

Lukas beschreibt ihre Reaktion mit einer bemerkenswerten Formulierung: Der Herr öffnete ihr das Herz, sodass sie auf das achtgab, was Paulus sagte (Apg 16,14). Der Verkündiger sprach, doch die innere Annahme des Wortes wird ausdrücklich Gottes Wirken zugeschrieben. Lydia ließ sich mit ihrem Haus taufen und bat Paulus und seine Begleiter anschließend, in ihrem Haus zu bleiben. Damit entstand in Philippi früh ein Ort, an dem die neue Gemeinschaft zusammenkommen konnte.

Der weitere Verlauf zeigte jedoch, dass der Dienst in Philippi nicht ohne Widerstand bleiben würde. Mehrere Tage lang begegnete Paulus einer Sklavin, die einen Wahrsagegeist hatte und ihren Besitzern durch Wahrsagerei großen Gewinn einbrachte. Sie folgte Paulus und seinen Mitarbeitern und rief öffentlich aus, diese Männer seien Diener des höchsten Gottes und verkündigten einen Weg des Heils. Obwohl ihre Worte zunächst zutreffend erscheinen konnten, duldete Paulus diese Verbindung nicht dauerhaft. Schließlich gebot er dem Geist im Namen Jesu Christi, aus ihr auszufahren, und in derselben Stunde verließ er sie (Apg 16,16-18).

Damit trat ein weiterer Konflikt hervor. Die Besitzer der Frau sahen, dass ihre Aussicht auf Gewinn verschwunden war, ergriffen Paulus und Silas und schleppten sie auf den Marktplatz vor die Obrigkeit. Ihre Anklage stellte jedoch nicht den verlorenen wirtschaftlichen Vorteil in den Vordergrund. Stattdessen beschuldigten sie die beiden als Juden, die Unruhe verursachten und Gebräuche verkündigten, die Römer nicht annehmen dürften (Apg 16,19-21). Wirtschaftliches Eigeninteresse verband sich so mit öffentlicher Anklage und religiös-kultureller Ablehnung.

Die Menge erhob sich gegen Paulus und Silas. Die Stadtbeamten ließen ihnen die Kleider herunterreißen, sie mit Ruten schlagen und anschließend ins Gefängnis werfen. Dem Gefängnisaufseher wurde befohlen, sie sicher zu verwahren, sodass er sie in den innersten Teil des Gefängnisses brachte und ihre Füße in den Block legte (Apg 16,22-24). Paulus erinnert später daran, dass er und seine Mitarbeiter in Philippi gelitten und Misshandlungen erfahren hatten, bevor sie dennoch mit Freimütigkeit weiter das Evangelium verkündigten (1Thess 2,2). Der Dienst in Mazedonien begann damit unter schweren äußeren Bedingungen.

Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Gott Loblieder, während die anderen Gefangenen ihnen zuhörten. Plötzlich erschütterte ein starkes Erdbeben die Fundamente des Gefängnisses, alle Türen öffneten sich, und die Fesseln der Gefangenen lösten sich (Apg 16,25-26). Der Gefängnisaufseher erwachte und wollte sich das Leben nehmen, weil er annahm, die Gefangenen seien entflohen. Paulus rief ihm jedoch zu, er solle sich nichts antun, denn alle seien noch da.

Der Aufseher fiel zitternd vor Paulus und Silas nieder und fragte: „Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ Ihre Antwort richtete ihn nicht auf eine religiöse Leistung, sondern auf Christus: „Glaube an den Herrn Jesus Christus“ (Apg 16,30-31). Danach verkündigten sie ihm und allen in seinem Haus das Wort des Herrn. Noch in derselben Nacht versorgte der Mann ihre Wunden, und er ließ sich mit den Seinen taufen. Aus dem Bewacher der geschlagenen Gefangenen wurde ein Mensch, der sie in sein Haus führte, ihnen zu essen gab und sich darüber freute, zum Glauben an Gott gekommen zu sein.

Am folgenden Morgen ließen die Stadtbeamten ausrichten, Paulus und Silas sollten freigelassen werden. Paulus machte nun jedoch geltend, dass sie als römische Bürger ohne Gerichtsverfahren öffentlich geschlagen und ins Gefängnis geworfen worden waren. Er verlangte, dass die Verantwortlichen selbst kämen und sie hinausführten (Apg 16,35-39). Paulus gebrauchte sein Bürgerrecht hier nicht, um Leiden grundsätzlich zu vermeiden; die Misshandlung war bereits geschehen. Sein Bestehen auf einer öffentlichen Klärung konnte zugleich dazu beitragen, dass die neu entstandene Gemeinde nicht unter dem Eindruck zurückblieb, ihre Verkündiger seien rechtmäßig verurteilte Verbrecher gewesen.

Nach ihrer Entlassung gingen Paulus und Silas zu Lydia. Dort sahen sie die Brüder, ermutigten sie und verließen anschließend die Stadt (Apg 16,40). Paulus' Beziehung zu Philippi endete damit jedoch nicht. Später schrieb er der dortigen Gemeinde mit auffallender Wärme, dankte Gott für ihre Gemeinschaft am Evangelium und bezeugte seine tiefe Verbundenheit mit ihnen (Phil 1,3-8). Aus einem Gebetsort am Fluss, einer Hausgemeinschaft und einer Nacht im Gefängnis war eine Gemeinde hervorgegangen, die Paulus über Jahre hinweg eng verbunden blieb.

Von Philippi aus führte sein Weg weiter durch Mazedonien nach Thessalonich. Dort trat Paulus erneut in einer Synagoge auf und versuchte aus den Schriften zu zeigen, dass der Christus leiden und von den Toten auferstehen musste. Wieder fanden Menschen zum Glauben, und wieder formierte sich rasch Widerstand gegen seine Verkündigung.

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Paulus verkündigt in Thessalonich

Apostelgeschichte 17,1-9 – „1 Sie reisten aber durch Amphipolis und Apollonia und kamen nach Thessalonich, wo eine Synagoge der Juden war. 2 Paulus aber ging nach seiner Gewohnheit zu ihnen hinein und redete an drei Sabbaten mit ihnen auf Grund der Schrift, 3 indem er erläuterte und darlegte, daß Christus leiden und von den Toten auferstehen mußte, und daß dieser Jesus, welchen ich euch verkündige (so sprach er), der Christ…"
Apostelgeschichte 17,1-9 – „1 Sie reisten aber durch Amphipolis und Apollonia und kamen nach Thessalonich, wo eine Synagoge der Juden war. 2 Paulus aber ging nach seiner Gewohnheit zu ihnen hinein und redete an drei Sabbaten mit ihnen auf Grund der Schrift, 3 indem er erläuterte und darlegte, daß Christus leiden und von den Toten auferstehen mußte, und daß dieser Jesus, welchen ich euch verkündige (so sprach er), der Christ…"
1. Thessalonicher 1,2-10 – „2 Wir danken Gott allezeit für euch alle, wenn wir euch erwähnen in unsren Gebeten, 3 da wir uns unablässig erinnern an euer Glaubenswerk und eure Liebesarbeit und euer Beharren in der Hoffnung auf unsren Herrn Jesus Christus, vor unsrem Gott und Vater. 4 Denn wir wissen, von Gott geliebte Brüder, um eure Erwählung: 5 daß unser Evangelium nicht nur im Wort zu euch kam, sondern auch in Kraft und i…"
1. Thessalonicher 2,1-12 – „1 Denn ihr wisset selbst, Brüder, daß unser Eingang bei euch nicht vergeblich war; 2 sondern, wiewohl wir zuvor gelitten hatten und mißhandelt worden waren zu Philippi, wie ihr wisset, gewannen wir dennoch Freudigkeit in unsrem Gott, bei euch das Evangelium Gottes zu verkünden unter viel Kampf. 3 Denn unsre Predigt entspringt nicht dem Irrtum, noch unreinen Absichten, auch keinem Betrug; 4 sonder…"
1. Thessalonicher 2,17-20 – „17 Wir aber, Brüder, nachdem wir euer für eine kleine Weile beraubt waren, dem Angesicht, nicht dem Herzen nach, haben uns vor großem Verlangen um so mehr bemüht, euer Angesicht zu sehen. 18 Darum wollten wir auch zu euch kommen, ich Paulus einmal, sogar zweimal, und Satan hat uns verhindert. 19 Denn wer ist unsre Hoffnung oder Freude oder Krone des Ruhms? Seid nicht auch ihr es vor unsrem Herrn …"

Von Philippi aus zogen Paulus und Silas über Amphipolis und Apollonia nach Thessalonich. Dort gab es eine Synagoge der Juden, und Paulus ging nach seiner Gewohnheit hinein. An drei Sabbaten sprach er mit den Anwesenden anhand der Schriften und legte ihnen dar, dass der Christus leiden und von den Toten auferstehen musste. Seine Verkündigung lief auf eine klare Aussage hinaus: „Dieser Jesus, den ich euch verkündige, ist der Christus“ (Apg 17,2-3). Wieder stand damit nicht Paulus selbst, sondern die Identität Jesu im Mittelpunkt seines Dienstes.

Einige Juden ließen sich überzeugen und schlossen sich Paulus und Silas an. Ebenso glaubte eine große Zahl gottesfürchtiger Griechen sowie nicht wenige angesehene Frauen (Apg 17,4). Aus dieser Gruppe entstand die Gemeinde von Thessalonich. Paulus' spätere Briefe zeigen, dass die Verkündigung dort nicht nur als theoretische Lehre aufgenommen wurde. Er erinnert die Gläubigen daran, wie sie sich von den Götzen zu Gott bekehrt hatten, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten, den Gott von den Toten auferweckt hatte (1Thess 1,9-10).

Die Briefe an die Thessalonicher geben zugleich Einblick in die Art, wie Paulus während dieses Aufenthalts arbeitete. Er erinnert die Gemeinde daran, dass er nach den Misshandlungen in Philippi trotz vieler Widerstände den Mut gehabt hatte, ihnen das Evangelium Gottes zu verkündigen (1Thess 2,2). Dabei betont er, weder aus Irrtum noch aus unreinen Motiven oder Täuschung gehandelt zu haben. Er wollte nicht Menschen gefallen, sondern Gott, der die Herzen prüft. Weder Schmeichelei noch Gewinnsucht sollten seine Verkündigung bestimmen.

Paulus beschreibt seinen Umgang mit den Gläubigen zugleich mit außergewöhnlich persönlichen Bildern. Er sei unter ihnen sanft gewesen wie eine Mutter, die ihre eigenen Kinder pflegt, und habe ihnen nicht nur das Evangelium Gottes, sondern auch sein eigenes Leben mitteilen wollen, weil sie ihm lieb geworden waren. Zugleich erinnert er daran, wie er jeden Einzelnen wie ein Vater seine Kinder ermahnt, ermutigt und zu einem Leben aufgerufen hatte, das Gottes Berufung entspricht (1Thess 2,7-12). Sein apostolischer Dienst bestand somit nicht nur aus öffentlicher Predigt. Er verband Verkündigung mit persönlicher Fürsorge, Ermahnung und einem Lebenszeugnis vor der Gemeinde.

Auch seinen Lebensunterhalt spricht Paulus ausdrücklich an. Er erinnert die Thessalonicher daran, dass er Tag und Nacht arbeitete, um ihnen nicht zur Last zu fallen, während er ihnen das Evangelium verkündigte (1Thess 2,9). Spätere Hinweise zeigen, dass die Gemeinde in Philippi ihn zugleich mehrfach unterstützte (Phil 4,15-16). Beides steht nicht im Widerspruch: Paulus konnte Unterstützung annehmen und dennoch darauf achten, seine Verkündigung an einem bestimmten Ort nicht durch finanzielle Abhängigkeit angreifbar zu machen. Seine Entscheidungen richteten sich danach, was dem Evangelium und der Gemeinde diente.

Der Erfolg der Verkündigung löste jedoch erneut Widerstand aus. Einige Juden wurden eifersüchtig, sammelten Männer vom Markt und brachten die Stadt in Aufruhr. Sie suchten Paulus und Silas im Haus des Jason, fanden sie dort aber nicht und schleppten stattdessen Jason und einige Brüder vor die Stadtobersten. Die Ankläger behaupteten, die Männer, die „den Erdkreis aufgewiegelt“ hätten, seien nun auch nach Thessalonich gekommen, und Jason habe sie aufgenommen. Besonders schwer wog der Vorwurf, sie handelten gegen die Verordnungen des Kaisers und behaupteten, ein anderer sei König: Jesus (Apg 17,5-7).

Die Verkündigung Jesu als Christus besaß tatsächlich einen Herrschaftsanspruch, doch die Gegner stellten sie als politische Auflehnung dar. Die Stadtobersten wurden beunruhigt und ließen Jason und die anderen erst frei, nachdem sie eine Sicherheit geleistet hatten. Für Paulus und Silas wurde ein weiteres Verbleiben offenbar zu gefährlich. Noch in derselben Nacht sandten die Brüder sie nach Beröa weiter (Apg 17,8-10). Wieder musste Paulus eine junge Gemeinde unter Druck zurücklassen.

Diese Trennung beschäftigte ihn tief. Im ersten Thessalonicherbrief schreibt er, dass er die Gläubigen zwar räumlich, aber nicht im Herzen verlassen habe und sich sehr danach sehnte, sie wiederzusehen. Mehrfach habe er zu ihnen kommen wollen, sei jedoch daran gehindert worden (1Thess 2,17-18). Die Gemeinde war für Paulus keine vorübergehende Station einer Reiseroute. Er bezeichnete die Gläubigen als seine Hoffnung, Freude und Krone vor Jesus Christus bei dessen Wiederkunft (1Thess 2,19-20).

Die Verfolgung hatte Paulus aus Thessalonich vertrieben, aber die dort entstandene Gemeinde blieb bestehen und wurde selbst zu einem Zeugnis für andere. Paulus zog währenddessen nach Beröa weiter. Dort begegnete er Menschen, die seine Verkündigung nicht vorschnell annahmen oder ablehnten, sondern täglich in den Schriften prüften, ob sich seine Aussagen tatsächlich so verhielten. Damit rückte eine Haltung in den Mittelpunkt, die auch Paulus' eigene Botschaft am entscheidenden Maßstab messen ließ: dem Wort Gottes.

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Von Beröa nach Athen

Apostelgeschichte 17,10-34 – „10 Die Brüder aber schickten alsbald während der Nacht Paulus und Silas nach Beröa, wo sie sich nach ihrer Ankunft in die Synagoge der Juden begaben. 11 Diese aber waren edler gesinnt als die zu Thessalonich, indem sie das Wort mit aller Bereitwilligkeit aufnahmen und täglich in der Schrift forschten, ob es sich also verhalte. 12 Es wurden denn auch viele von ihnen gläubig, auch von den angesehen…"
Apostelgeschichte 17,10-34 – „10 Die Brüder aber schickten alsbald während der Nacht Paulus und Silas nach Beröa, wo sie sich nach ihrer Ankunft in die Synagoge der Juden begaben. 11 Diese aber waren edler gesinnt als die zu Thessalonich, indem sie das Wort mit aller Bereitwilligkeit aufnahmen und täglich in der Schrift forschten, ob es sich also verhalte. 12 Es wurden denn auch viele von ihnen gläubig, auch von den angesehen…"
1. Thessalonicher 3,1-5 – „1 Darum, weil wir es nicht länger aushielten, zogen wir vor, allein in Athen zu bleiben; 2 und sandten Timotheus, unsren Bruder, der Gottes Diener und unser Mitarbeiter am Evangelium ist, daß er euch stärke und ermahne in betreff eures Glaubens, 3 damit niemand wankend werde in diesen Trübsalen; denn ihr wisset selbst, daß wir dazu bestimmt sind. 4 Denn als wir bei euch waren, sagten wir euch vor…"
Apostelgeschichte 17,22-31 – „22 Da stellte sich Paulus mitten auf den Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe an allem, daß ihr sehr religiöse Leute seid! 23 Denn als ich umherging und eure Heiligtümer besichtigte, fand ich auch einen Altar, an welchem geschrieben stand: «Dem unbekannten Gott.» Was ihr nun verehret, ohne es zu kennen, das verkündige ich euch. 24 Der Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was da…"

Nach der nächtlichen Abreise aus Thessalonich kamen Paulus und Silas nach Beröa. Auch dort gingen sie zunächst in die Synagoge der Juden. Lukas beschreibt die Menschen in Beröa als aufgeschlossener als jene, denen Paulus zuvor in Thessalonich begegnet war. Sie nahmen das Wort mit großer Bereitschaft auf und untersuchten täglich die Schriften, um zu prüfen, ob sich die verkündigten Aussagen tatsächlich so verhielten (Apg 17,10-11). Die Botschaft des Paulus wurde damit nicht aufgrund seiner Autorität ungeprüft angenommen, sondern an den Schriften gemessen.

Viele von ihnen kamen zum Glauben, darunter angesehene griechische Frauen und nicht wenige Männer (Apg 17,12). Der Bericht verbindet die sorgfältige Prüfung der Schrift nicht mit Misstrauen gegenüber dem Evangelium, sondern mit ernsthafter Offenheit. Paulus hatte keinen Grund, eine solche Prüfung zu fürchten. Seine Verkündigung sollte gerade anhand dessen beurteilt werden, was Gott bereits offenbart hatte. Glaube und sorgfältiges Prüfen erscheinen hier nicht als Gegensätze.

Doch der Widerstand aus Thessalonich erreichte Paulus auch in Beröa. Als die dortigen Gegner erfuhren, dass er nun an einem anderen Ort das Wort Gottes verkündigte, kamen sie ebenfalls nach Beröa und wiegelten die Menge auf (Apg 17,13). Die Brüder brachten Paulus daraufhin in Richtung Meer, während Silas und Timotheus zunächst zurückblieben. Paulus wurde von einigen Begleitern bis nach Athen geführt und gab ihnen den Auftrag mit, Silas und Timotheus sollten so bald wie möglich zu ihm kommen (Apg 17,14-15).

Damit befand sich Paulus nun vorübergehend ohne seine engsten Mitarbeiter in Athen. Die Stadt konfrontierte ihn mit einem religiösen Umfeld, das sich deutlich von den bisherigen Stationen unterschied. Während er auf Silas und Timotheus wartete, sah Paulus die Stadt voller Götzenbilder. Lukas berichtet, dass sein Geist in ihm erregt wurde (Apg 17,16). Diese Reaktion führte jedoch nicht dazu, dass Paulus sich zurückzog. Er begann vielmehr sowohl in der Synagoge mit Juden und Gottesfürchtigen als auch täglich auf dem Markt mit den Menschen zu sprechen, denen er dort begegnete.

Unter seinen Gesprächspartnern befanden sich auch epikureische und stoische Philosophen. Einige hielten Paulus für einen Schwätzer, andere meinten, er verkündige fremde Gottheiten, weil er von Jesus und der Auferstehung sprach (Apg 17,18). Schließlich führten sie ihn auf den Areopag und wollten genauer hören, welche neue Lehre er vortrug. Paulus befand sich damit in einer anderen Situation als in einer jüdischen Synagoge. Er konnte hier nicht einfach bei Israels Geschichte und den bekannten Verheißungen beginnen, sondern musste Menschen ansprechen, deren Denken von anderen religiösen und philosophischen Voraussetzungen geprägt war.

Paulus knüpfte deshalb an dem an, was er in Athen beobachtet hatte. Unter den zahlreichen Heiligtümern hatte er auch einen Altar mit der Aufschrift „Einem unbekannten Gott“ gesehen. Von dort aus führte er seine Zuhörer nicht tiefer in ihre bestehende Religiosität hinein, sondern verkündigte ihnen den Gott, den sie nicht kannten (Apg 17,22-23). Dieser Gott ist nach Paulus der Schöpfer der Welt und alles dessen, was darin ist. Er wohnt nicht in Tempeln, die von Menschen gemacht wurden, und ist nicht auf menschliche Versorgung angewiesen, als brauche er etwas. Vielmehr gibt er selbst allen Leben und Atem.

Von einem Menschen, so erklärte Paulus weiter, habe Gott die ganze Menschheit gemacht und ihre Zeiten und Wohngebiete bestimmt, damit sie ihn suchen sollten. Gott sei keinem Menschen fern, denn in ihm leben, weben und sind wir (Apg 17,24-28). Paulus griff dabei sogar Formulierungen auf, die seinen Zuhörern bekannt waren, doch er unterstellte diese Gedanken einer biblischen Aussage über den Schöpfer. Wenn Menschen Gottes Geschlecht sind, könne das Göttliche nicht angemessen als Gold, Silber oder Stein verstanden werden, als Werk menschlicher Kunst und Vorstellung.

Dann führte Paulus seine Rede zu einer klaren Forderung. Gott habe über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen, rufe nun aber alle Menschen überall zur Umkehr. Der Grund dafür liege im kommenden Gericht: Gott habe einen Tag bestimmt, an dem er die Welt durch einen von ihm eingesetzten Mann in Gerechtigkeit richten werde. Den Beweis dafür habe er allen gegeben, indem er diesen Mann von den Toten auferweckte (Apg 17,30-31). Auch vor philosophisch geprägten Zuhörern führte Paulus damit letztlich zu Jesus, zur Auferstehung, zur Umkehr und zum Gericht.

Gerade die Auferstehung löste unterschiedliche Reaktionen aus. Einige verspotteten Paulus, andere wollten ihn ein weiteres Mal hören. Paulus verließ daraufhin ihre Mitte. Dennoch kamen einige Menschen zum Glauben, darunter Dionysius, ein Mitglied des Areopags, eine Frau namens Damaris und weitere Personen (Apg 17,32-34). Die Apostelgeschichte berichtet hier nicht von einer großen Gemeindegründung wie an anderen Orten, aber auch Athen blieb nicht ohne Frucht.

Während Paulus sich in dieser Phase um die neu entstandenen Gemeinden sorgte, beschäftigte ihn besonders Thessalonich. Später schreibt er, dass er es nicht länger ausgehalten habe, ohne Nachricht über ihren Glauben zu bleiben, und deshalb bereit gewesen sei, allein in Athen zurückzubleiben, während Timotheus zu ihnen gesandt wurde, um sie zu stärken und zu ermutigen (1Thess 3,1-5). Diese Sorge zeigt erneut, dass Paulus seinen Dienst nicht mit der ersten Verkündigung als abgeschlossen betrachtete. Er wollte wissen, ob Menschen auch unter Bedrängnis bei Christus blieben.

Von Athen aus zog Paulus weiter nach Korinth. Dort sollte er länger bleiben als an vielen vorherigen Orten, erneut mit seinen Händen arbeiten, neue Mitarbeiter kennenlernen und erleben, wie Christus ihn mitten in starkem Widerstand ausdrücklich zum Bleiben ermutigte.

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Christus ermutigt Paulus, in Korinth zu bleiben

Apostelgeschichte 18,1-17 – „1 Darnach schied Paulus von Athen und kam nach Korinth. 2 Und dort fand er einen Juden namens Aquila, aus Pontus gebürtig, der vor kurzem samt seiner Frau Priscilla aus Italien gekommen war (weil Claudius befohlen hatte, daß alle Juden aus Rom weichen sollten); 3 zu diesen ging er, und weil er das gleiche Handwerk hatte, blieb er bei ihnen und arbeitete; sie waren nämlich von Beruf Zeltmacher. 4 …"
Apostelgeschichte 18,1-17 – „1 Darnach schied Paulus von Athen und kam nach Korinth. 2 Und dort fand er einen Juden namens Aquila, aus Pontus gebürtig, der vor kurzem samt seiner Frau Priscilla aus Italien gekommen war (weil Claudius befohlen hatte, daß alle Juden aus Rom weichen sollten); 3 zu diesen ging er, und weil er das gleiche Handwerk hatte, blieb er bei ihnen und arbeitete; sie waren nämlich von Beruf Zeltmacher. 4 …"
1. Korinther 2,1-5 – „1 So bin auch ich, meine Brüder, als ich zu euch kam, nicht gekommen, um euch in hervorragender Rede oder Weisheit das Zeugnis Gottes zu verkündigen. 2 Denn ich hatte mir vorgenommen, unter euch nichts anderes zu wissen, als nur Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten. 3 Und ich war in Schwachheit und mit viel Furcht und Zittern unter euch. 4 Und meine Rede und meine Predigt bestand nicht in üb…"
1. Thessalonicher 3,6-10 – „6 Nun aber, da Timotheus von euch zu uns zurückgekehrt ist und uns gute Nachricht gebracht hat von eurem Glauben und eurer Liebe, und daß ihr uns allezeit in gutem Andenken habet und darnach verlanget, uns zu sehen, gleichwie wir euch, 7 da sind wir deshalb, ihr Brüder, eurethalben bei all unserer Not und Trübsal getröstet worden, durch euren Glauben! 8 Denn nun leben wir, wenn ihr feststehet im …"

Nach seinem Aufenthalt in Athen zog Paulus weiter nach Korinth. Dort begegnete er einem Juden namens Aquila, der aus Pontus stammte, und dessen Frau Priszilla. Die beiden waren vor Kurzem aus Italien gekommen, weil Kaiser Klaudius angeordnet hatte, dass die Juden Rom verlassen sollten. Paulus schloss sich ihnen an und arbeitete mit ihnen, weil sie denselben Beruf ausübten: Sie waren Zeltmacher beziehungsweise arbeiteten in diesem Handwerk (Apg 18,1-3). Aus dieser Begegnung entstand eine Zusammenarbeit, die weit über den Aufenthalt in Korinth hinausreichen sollte.

Wie an vielen vorherigen Orten ging Paulus am Sabbat in die Synagoge und sprach dort mit Juden und Griechen. Er versuchte, sie von seiner Botschaft zu überzeugen (Apg 18,4). Als Silas und Timotheus aus Mazedonien zu ihm kamen, widmete Paulus sich besonders der Verkündigung des Wortes und bezeugte den Juden, dass Jesus der Christus ist (Apg 18,5). Sein Ausgangspunkt blieb damit derselbe wie zuvor: Nicht eine neue religiöse Bewegung sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Frage, wer Jesus wirklich ist.

Paulus erinnert die Korinther später daran, in welcher Haltung er damals zu ihnen gekommen war. Er wollte ihnen das Zeugnis Gottes nicht mit überlegener Rede oder menschlicher Weisheit bringen. Im Zentrum seiner Verkündigung stand „Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigter“ (1Kor 2,1-2). Paulus beschreibt sich dabei selbst als schwach, furchtsam und zitternd. Seine spätere Bedeutung als Apostel darf deshalb nicht den Eindruck erzeugen, er habe jeden Ort in menschlicher Unerschütterlichkeit betreten. Seine Zuversicht sollte nicht auf rhetorischer Wirkung beruhen, sondern auf Gottes Kraft.

Auch in Korinth stieß die Verkündigung auf entschiedenen Widerstand. Als manche widersprachen und lästerten, erklärte Paulus ihnen, dass er seine Verantwortung erfüllt habe und sich nun in besonderer Weise den Menschen aus den Völkern zuwenden werde (Apg 18,6). Er verließ die Synagoge und ging in das Haus eines Mannes namens Titius Justus, der Gott verehrte und dessen Haus unmittelbar an die Synagoge grenzte. Dennoch bedeutete der Konflikt keineswegs, dass nun alle Juden die Botschaft ablehnten.

Gerade der Synagogenvorsteher Krispus kam mit seinem ganzen Haus zum Glauben an den Herrn. Auch viele andere Korinther hörten das Evangelium, glaubten und ließen sich taufen (Apg 18,8). Paulus erwähnt später, dass er Krispus selbst getauft hatte, ebenso Gajus und das Haus des Stephanas (1Kor 1,14-16). Die Gemeinde in Korinth wuchs damit aus Menschen unterschiedlicher Herkunft. Der Widerstand aus einem Teil der Synagoge konnte nicht verhindern, dass andere gerade dort Jesus als Herrn annahmen.

In dieser Phase erhielt Paulus eine besondere Ermutigung. Der Herr sprach in der Nacht durch eine Erscheinung zu ihm: Er solle sich nicht fürchten, sondern weiterreden und nicht schweigen. Christus versprach, bei ihm zu sein, und erklärte, dass ihm niemand etwas antun werde, um ihn zu verletzen; er habe in dieser Stadt ein großes Volk (Apg 18,9-10). Diese Worte zeigen, dass die Fortsetzung des Dienstes nicht auf Paulus' eigener Furchtlosigkeit beruhte. Christus kannte sowohl die Bedrohung als auch diejenigen, die das Evangelium noch annehmen würden.

Paulus blieb daraufhin ein Jahr und sechs Monate in Korinth und lehrte das Wort Gottes (Apg 18,11). Damit wurde Korinth zu einer seiner längeren bisherigen Dienststationen. Während dieser Zeit erreichten ihn auch Nachrichten über die Gemeinde in Thessalonich. Timotheus brachte gute Kunde von ihrem Glauben und ihrer Liebe und berichtete, dass sie Paulus weiterhin in guter Erinnerung hatten und ihn wiedersehen wollten. Paulus schreibt, dass diese Nachricht ihn in seiner eigenen Bedrängnis und Not getröstet habe (1Thess 3,6-8). Der Apostel stärkte Gemeinden, wurde aber selbst ebenso durch ihre Treue ermutigt.

Der äußere Widerstand verschwand dennoch nicht. Als Gallio Statthalter von Achaja war, erhoben sich Gegner gemeinsam gegen Paulus, brachten ihn vor den Richterstuhl und beschuldigten ihn, Menschen zu einer gesetzeswidrigen Gottesverehrung zu verleiten. Noch bevor Paulus seine Verteidigung vortragen konnte, wies Gallio die Angelegenheit als innerjüdischen Streit über Worte, Namen und Gesetz zurück und vertrieb die Ankläger vom Richterstuhl (Apg 18,12-16). Der Versuch, Paulus auf diesem Weg zum Schweigen zu bringen, erreichte sein Ziel nicht.

Anschließend ergriffen Menschen Sosthenes, den Synagogenvorsteher, und schlugen ihn vor dem Richterstuhl; Gallio kümmerte sich nicht darum (Apg 18,17). Der Text erklärt weder sicher, wer die Schläger waren, noch ob dieser Sosthenes mit dem später in 1. Korinther 1,1 genannten „Bruder Sosthenes“ identisch ist. Eine solche Gleichsetzung bleibt deshalb offen. Für Paulus endete der Aufenthalt in Korinth jedenfalls nicht unmittelbar mit diesem Konflikt. Er blieb noch eine Zeit dort, bevor er von den Brüdern Abschied nahm und gemeinsam mit Priszilla und Aquila nach Syrien aufbrach. Damit begann ein weiterer Abschnitt seines Dienstes, der ihn über Ephesus schließlich wieder zu seiner Ausgangsgemeinde nach Antiochia führen sollte.

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Paulus kehrt über Ephesus nach Antiochia zurück

Apostelgeschichte 18,18-23 – „18 Paulus aber, nachdem er noch viele Tage dort verblieben war, nahm von den Brüdern Abschied und segelte nach Syrien, und mit ihm Priscilla und Aquila, nachdem er sich in Kenchreä das Haupt hatte scheren lassen; denn er hatte ein Gelübde. 19 Und er gelangte nach Ephesus und ließ jene dort zurück; er selbst aber ging in die Synagoge und hatte Gespräche mit den Juden. 20 Als sie ihn aber baten, lä…"
Apostelgeschichte 18,18-23 – „18 Paulus aber, nachdem er noch viele Tage dort verblieben war, nahm von den Brüdern Abschied und segelte nach Syrien, und mit ihm Priscilla und Aquila, nachdem er sich in Kenchreä das Haupt hatte scheren lassen; denn er hatte ein Gelübde. 19 Und er gelangte nach Ephesus und ließ jene dort zurück; er selbst aber ging in die Synagoge und hatte Gespräche mit den Juden. 20 Als sie ihn aber baten, lä…"
Apostelgeschichte 18,18 – „18 Paulus aber, nachdem er noch viele Tage dort verblieben war, nahm von den Brüdern Abschied und segelte nach Syrien, und mit ihm Priscilla und Aquila, nachdem er sich in Kenchreä das Haupt hatte scheren lassen; denn er hatte ein Gelübde."
Apostelgeschichte 18,19-21 – „19 Und er gelangte nach Ephesus und ließ jene dort zurück; er selbst aber ging in die Synagoge und hatte Gespräche mit den Juden. 20 Als sie ihn aber baten, längere Zeit bei ihnen zu bleiben, willigte er nicht ein; 21 sondern nahm Abschied von ihnen, indem er sprach: Ich muß durchaus das bevorstehende Fest in Jerusalem feiern, ich werde aber wieder zu euch zurückkehren, so Gott will. Und er fuhr …"

Nach dem langen Aufenthalt in Korinth blieb Paulus noch einige Zeit bei den Brüdern. Dann verabschiedete er sich und segelte gemeinsam mit Priszilla und Aquila in Richtung Syrien (Apg 18,18). Damit endete eine wichtige Phase seines Dienstes, in der in Korinth trotz erheblicher Widerstände eine Gemeinde entstanden war. Die beiden Mitarbeiter, die Paulus dort kennengelernt hatte, begleiteten ihn nun auf dem nächsten Abschnitt seines Weges.

Bevor sie weiterzogen, ließ Paulus sich in Kenchreä, dem östlichen Hafen Korinths, das Haar abschneiden, „denn er hatte ein Gelübde“ (Apg 18,18). Lukas nennt weder den Anlass noch den genauen Inhalt dieses Gelübdes. Deshalb lässt sich daraus nicht sicher ableiten, welche persönliche Situation dahinterstand oder welche besondere Bedeutung Paulus damit verband. Sicher ist lediglich, dass er auch nach seiner Berufung zu Christus eine solche jüdisch geprägte Praxis ausübte. Der Text stellt dies weder als Grundlage seiner Rechtfertigung noch als Voraussetzung für seinen apostolischen Dienst dar.

Von dort gelangten sie nach Ephesus. Priszilla und Aquila blieben in der Stadt, während Paulus die Synagoge aufsuchte und mit den Juden sprach (Apg 18,19). Der Aufenthalt war diesmal offenbar kurz, doch die Reaktion unterschied sich von manchen vorausgegangenen Erfahrungen: Die Menschen baten ihn, länger bei ihnen zu bleiben. Paulus ging darauf zunächst nicht ein. Er nahm Abschied, ließ aber erkennen, dass eine Rückkehr möglich war, wenn Gott es zuließ (Apg 18,20-21).

Diese Formulierung passt zu einer Grundlinie, die in Paulus' Reisen immer wieder sichtbar wird. Er plante, reiste und traf Entscheidungen, verstand seinen Dienst jedoch nicht als ein Werk, über dessen Verlauf er allein verfügte. Schon zuvor waren ihm Wege verschlossen und andere geöffnet worden. Auch hier stellte er seine beabsichtigte Rückkehr unter Gottes Willen. Seine späteren Briefe zeigen dieselbe Haltung, wenn er Reisepläne nicht als selbstverständlich behandelt, sondern von den Möglichkeiten abhängig macht, die der Herr eröffnet.

Paulus ließ Priszilla und Aquila in Ephesus zurück und segelte weiter. Apostelgeschichte 18 berichtet anschließend, dass er in Cäsarea ankam, „hinaufging“, die Gemeinde begrüßte und danach nach Antiochia hinabzog (Apg 18,22). Welche Gemeinde mit dem kurzen Hinweis auf das Hinaufgehen gemeint ist, wird nicht ausdrücklich benannt; vielfach wird Jerusalem angenommen, doch Lukas nennt die Stadt an dieser Stelle nicht. Für die Lebensgeschichte des Paulus ist entscheidend, dass er schließlich wieder Antiochia erreichte, die Gemeinde, von der sein ausgesandter Dienst ausgegangen war.

Damit schloss sich eine weitere große Reisebewegung. Paulus war durch Kleinasien und Mazedonien gezogen, hatte Philippi, Thessalonich, Beröa, Athen und Korinth erreicht und an verschiedenen Orten Gemeinden entstehen sehen. Doch Lukas beendet diesen Abschnitt auffallend knapp. Der Schwerpunkt liegt nicht auf einer feierlichen Rückkehr, sondern darauf, dass Paulus nach einer gewissen Zeit wieder aufbrach. Sein Dienst war noch lange nicht abgeschlossen.

Nach einiger Zeit in Antiochia zog Paulus erneut los und durchwanderte nacheinander das Gebiet von Galatien und Phrygien. Sein Ziel wird ausdrücklich genannt: Er stärkte alle Jünger (Apg 18,23). Damit begann eine neue Reise nicht mit der Gründung einer völlig unbekannten Arbeit, sondern mit der Sorge für bereits bestehende Gemeinden. Die Menschen, die auf früheren Reisen zum Glauben gekommen waren, sollten im Glauben befestigt werden.

Während Paulus sich Ephesus wieder näherte, hatte Gott dort bereits durch Priszilla und Aquila weitergewirkt. Ein beredter und schriftkundiger Jude namens Apollos war in die Stadt gekommen und verkündigte eifrig, was er über den Weg des Herrn wusste. Noch bevor Paulus selbst Ephesus erneut erreichte, bereitete sich dadurch eine Situation vor, in der die Gemeinde weiter wachsen und die Stadt zu einem der bedeutendsten Orte seines späteren Dienstes werden sollte.

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Paulus wirkt über längere Zeit in Ephesus

Apostelgeschichte 19,1-20 – „1 Es begab sich aber, während Apollos in Korinth war, daß Paulus, nachdem er die obern Länder durchzogen hatte, nach Ephesus kam. Und als er etliche Jünger fand, sprach er zu ihnen: 2 Habt ihr den heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet? Sie aber sprachen: Wir haben nicht einmal gehört, ob ein heiliger Geist sei! 3 Und er sprach zu ihnen: Worauf seid ihr denn getauft worden? Sie aber spr…"
Apostelgeschichte 19,1-20 – „1 Es begab sich aber, während Apollos in Korinth war, daß Paulus, nachdem er die obern Länder durchzogen hatte, nach Ephesus kam. Und als er etliche Jünger fand, sprach er zu ihnen: 2 Habt ihr den heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet? Sie aber sprachen: Wir haben nicht einmal gehört, ob ein heiliger Geist sei! 3 Und er sprach zu ihnen: Worauf seid ihr denn getauft worden? Sie aber spr…"
Apostelgeschichte 20,31 – „31 Darum wachet und denket daran, daß ich drei Jahre lang Tag und Nacht nicht abgelassen habe, jeden einzelnen unter Tränen zu ermahnen."
1. Korinther 16,8-9 – „8 Ich werde aber zu Ephesus bleiben bis Pfingsten. 9 Denn eine Tür hat sich mir aufgetan, weit und vielversprechend; auch der Widersacher sind viele."

Nachdem Paulus die Gemeinden in Galatien und Phrygien gestärkt hatte, kam er schließlich wieder nach Ephesus. Dort traf er einige Jünger und fragte sie, ob sie den Heiligen Geist empfangen hätten, als sie gläubig geworden waren. Ihre Antwort zeigte, dass ihr Verständnis noch unvollständig war: Sie hatten nicht einmal gehört, dass der Heilige Geist gegeben worden war. Auf die weitere Frage des Paulus erklärten sie, mit der Taufe des Johannes getauft worden zu sein (Apg 19,1-3).

Paulus stellte die Taufe des Johannes nicht herab. Er erklärte vielmehr ihren Platz in Gottes Heilshandeln. Johannes hatte mit einer Taufe der Umkehr getauft und das Volk aufgefordert, an den zu glauben, der nach ihm kommen sollte – an Jesus Christus. Als die Männer dies hörten, ließen sie sich auf den Namen des Herrn Jesus taufen. Paulus legte ihnen die Hände auf, der Heilige Geist kam auf sie, und sie redeten in Sprachen und weissagten. Lukas nennt ihre Zahl mit ungefähr zwölf Männern (Apg 19,4-7). Ihr bisheriges Wissen wurde somit nicht einfach verworfen, sondern durch die volle Erkenntnis Jesu und das Wirken des Geistes ergänzt.

Wie gewohnt ging Paulus anschließend in die Synagoge. Drei Monate lang sprach er dort freimütig, führte Gespräche und suchte die Zuhörer von den Dingen des Reiches Gottes zu überzeugen (Apg 19,8). Doch ein Teil verhärtete sich, glaubte nicht und redete öffentlich schlecht über „den Weg“. Paulus trennte daraufhin die Jünger von ihnen und setzte seinen Lehrdienst an einem anderen Ort fort, in der Schule eines Mannes namens Tyrannus. Dort unterwies er die Menschen regelmäßig.

Dieser Dienst dauerte zwei Jahre. Lukas fasst seine Wirkung mit einer außergewöhnlich weitreichenden Aussage zusammen: Alle Bewohner der Provinz Asia, Juden wie Griechen, hörten das Wort des Herrn (Apg 19,9-10). Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass Paulus persönlich jeden Ort besuchte. Vielmehr wurde Ephesus zu einem Zentrum, von dem aus das Evangelium durch Mitarbeiter und Gläubige in die umliegende Region weitergetragen wurde. Paulus selbst erinnert die Ältesten von Ephesus später daran, dass sein Wirken unter ihnen insgesamt drei Jahre umfasste (Apg 20,31).

Gott wirkte während dieser Zeit besondere Wunder durch Paulus. Selbst Tücher und Schürzen, die seinen Körper berührt hatten, wurden zu Kranken gebracht, und Krankheiten wichen, ebenso böse Geister (Apg 19,11-12). Der Bericht schreibt die Wirkung ausdrücklich Gott zu, nicht den Gegenständen und nicht einer besonderen Kraft, die Paulus unabhängig von ihm besessen hätte. Gerade was unmittelbar danach geschah, unterstreicht diese Grenze.

Einige umherziehende jüdische Beschwörer versuchten, den Namen Jesu wie eine wirksame Formel zu gebrauchen. Sie sagten zu bösen Geistern: „Ich beschwöre euch bei dem Jesus, den Paulus predigt.“ Unter ihnen waren sieben Söhne eines jüdischen Hohenpriesters namens Skevas. Der böse Geist antwortete ihnen jedoch: „Jesus kenne ich, und von Paulus weiß ich; wer aber seid ihr?“ Der besessene Mann überwältigte sie, sodass sie verwundet aus dem Haus flohen (Apg 19,13-16). Der Name Jesu ließ sich nicht als magisches Mittel benutzen. Die Autorität lag bei Christus selbst.

Als dieser Vorfall in Ephesus bekannt wurde, kam Furcht über Juden und Griechen, und der Name des Herrn Jesus wurde groß gemacht. Viele Gläubige bekannten offen ihre früheren Praktiken. Menschen, die Zauberei betrieben hatten, brachten ihre Bücher zusammen und verbrannten sie vor allen. Lukas nennt ihren beträchtlichen Wert und fasst anschließend zusammen: „So wuchs das Wort des Herrn mit Macht und nahm überhand“ (Apg 19,17-20). Die Wirkung des Evangeliums zeigte sich damit nicht nur in Worten, sondern in einem sichtbaren Bruch mit früheren Bindungen.

Paulus blieb trotz dieser geistlichen Frucht realistisch im Blick auf den Widerstand. In einem Brief, den er während seines Aufenthalts in Ephesus an die Korinther schrieb, erklärte er, dass er bis Pfingsten in Ephesus bleiben wolle. Zur Begründung schrieb er: „Denn eine große und wirkungsvolle Tür ist mir aufgetan, und der Widersacher sind viele“ (1Kor 16,8-9). Eine offene Tür für das Evangelium bedeutete für Paulus also nicht das Fehlen von Gegnern. Große Möglichkeiten und großer Widerstand konnten gleichzeitig bestehen.

Gerade in Ephesus sollte dieser Widerstand bald öffentlich sichtbar werden. Die Verkündigung, die Menschen von magischen Praktiken und Götzen wegführte, berührte auch wirtschaftliche Interessen. Ein Silberschmied namens Demetrius erkannte, dass die Ausbreitung der Botschaft des Paulus das Geschäft mit den Heiligtümern der Artemis bedrohte. Aus geistlichem Widerstand wurde ein öffentlicher Aufruhr, der die ganze Stadt erfasste und Paulus erneut vor eine gefährliche Situation stellte.

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Der Aufruhr in Ephesus

Apostelgeschichte 19,21-41 – „21 Nachdem aber solches vollbracht war, nahm sich Paulus im Geiste vor, durch Mazedonien und Achaja zu ziehen und nach Jerusalem zu reisen, indem er sprach: Wenn ich dort gewesen bin, muß ich auch Rom sehen. 22 Er sandte aber zwei seiner Gehilfen, Timotheus und Erastus, nach Mazedonien und hielt sich noch eine Zeitlang in Asien auf. 23 Es entstand aber um jene Zeit ein nicht unbedeutender Aufruhr…"
Apostelgeschichte 19,21-41 – „21 Nachdem aber solches vollbracht war, nahm sich Paulus im Geiste vor, durch Mazedonien und Achaja zu ziehen und nach Jerusalem zu reisen, indem er sprach: Wenn ich dort gewesen bin, muß ich auch Rom sehen. 22 Er sandte aber zwei seiner Gehilfen, Timotheus und Erastus, nach Mazedonien und hielt sich noch eine Zeitlang in Asien auf. 23 Es entstand aber um jene Zeit ein nicht unbedeutender Aufruhr…"
Apostelgeschichte 19,23-27 – „23 Es entstand aber um jene Zeit ein nicht unbedeutender Aufruhr um des Weges willen. 24 Denn ein gewisser Demetrius, ein Silberschmied, verfertigte silberne Tempel der Diana und verschaffte den Künstlern nicht unbedeutenden Gewinn. 25 Diese versammelte er samt den Arbeitern desselben Faches und sprach: Ihr Männer, ihr wisset, daß von diesem Gewerbe unser Wohlstand kommt. 26 Und ihr sehet und hör…"
Apostelgeschichte 19,28-34 – „28 Als sie das hörten, wurden sie voll Zorn und schrieen: Groß ist die Diana der Epheser! 29 Und die ganze Stadt kam in Verwirrung, und sie stürmten einmütig ins Theater und rissen die Mazedonier Gajus und Aristarchus, des Paulus Reisegefährten, mit sich. 30 Da aber Paulus unter das Volk gehen wollte, ließen es ihm die Jünger nicht zu. 31 Auch etliche der Obersten von Asien, die seine Freunde war…"

Während der langen Zeit in Ephesus reiften bei Paulus bereits neue Reisepläne. Lukas berichtet, dass Paulus sich vornahm, durch Mazedonien und Achaja nach Jerusalem zu reisen und danach auch Rom zu sehen. Zunächst sandte er Timotheus und Erastus nach Mazedonien, während er selbst noch eine Zeitlang in der Provinz Asia blieb (Apg 19,21-22). Damit blickte sein Dienst schon über Ephesus hinaus. Doch bevor er die Stadt verließ, erreichte der Widerstand gegen die Ausbreitung des Evangeliums einen neuen Höhepunkt.

Ausgangspunkt war ein Silberschmied namens Demetrius. Er stellte silberne Nachbildungen des Tempels der Artemis her und verschaffte damit den Handwerkern beträchtlichen Verdienst. Demetrius versammelte die Männer dieses Gewerbes und wies sie darauf hin, dass ihr Wohlstand von dieser Arbeit abhänge. Dann benannte er Paulus als Gefahr: Dieser habe nicht nur in Ephesus, sondern in beinahe der ganzen Provinz Asia viele Menschen überzeugt, dass von Menschenhänden gemachte Götter keine wirklichen Götter seien (Apg 19,24-26).

Damit bestätigt selbst ein Gegner indirekt die große Reichweite der Verkündigung. Paulus hatte nicht einfach gegen einzelne Kunstgegenstände gesprochen. Seine Botschaft vom lebendigen Gott und von Jesus Christus stellte vielmehr das gesamte religiöse Denken infrage, auf dem der Götzenkult beruhte. Wenn ein von Menschen geschaffenes Bild kein Gott ist, verliert auch der Handel mit solchen Heiligtümern seine religiöse Grundlage. Das Evangelium berührte deshalb nicht nur persönliche Überzeugungen, sondern konnte wirtschaftliche Strukturen erschüttern, die vom Götzendienst lebten.

Demetrius verband seine wirtschaftliche Sorge geschickt mit der Verteidigung der Artemis. Er warnte davor, dass nicht nur ihr Gewerbe in Verruf geraten könne, sondern auch der Tempel der großen Göttin seine Bedeutung verlieren werde (Apg 19,27). Als die Handwerker dies hörten, wurden sie von Zorn erfüllt und riefen: „Groß ist die Diana der Epheser!“ beziehungsweise Artemis der Epheser. Die Erregung griff auf die ganze Stadt über.

Die Menge stürmte in das Theater und schleppte Gajus und Aristarchus, zwei Reisegefährten des Paulus aus Mazedonien, mit sich (Apg 19,28-29). Paulus wollte daraufhin selbst vor das Volk treten. Die Jünger hielten ihn jedoch davon ab. Sogar einige der sogenannten Asiarchen, führende Männer der Provinz, die ihm wohlgesinnt waren, ließen ihm ausrichten, er solle sich nicht in das Theater begeben (Apg 19,30-31). Paulus war bereit, sich der Menge zu stellen, doch seine Mitarbeiter erkannten offenbar, dass dies in dieser Situation nur zusätzliche Gefahr geschaffen hätte.

Im Theater herrschte Verwirrung. Lukas beschreibt, dass die einen dies und die anderen jenes riefen und die meisten überhaupt nicht wussten, warum sie zusammengekommen waren (Apg 19,32). Gerade darin wird sichtbar, wie schnell aus gezielter wirtschaftlicher Agitation ein unkontrollierter Massenaufruhr werden konnte. Schließlich trat Alexander vor, den die Juden nach vorne schoben, offenbar um ihre eigene Stellung gegenüber der Menge zu erklären. Als die Menschen jedoch erkannten, dass er Jude war, schrien sie etwa zwei Stunden lang gemeinsam: „Groß ist die Diana der Epheser!“ (Apg 19,33-34).

Beendet wurde der Aufruhr nicht durch Paulus, sondern durch den Stadtschreiber. Er beruhigte die Menge und wies darauf hin, dass Gajus und Aristarchus weder Tempelräuber seien noch die Göttin gelästert hätten. Wenn Demetrius und die Handwerker eine rechtliche Beschwerde hätten, stünden Gerichte und Statthalter zur Verfügung. Für weitergehende Anliegen gebe es eine ordnungsgemäße Versammlung. Zugleich warnte er davor, dass die Stadt wegen dieses Aufruhrs selbst angeklagt werden könnte, weil es keinen ausreichenden Grund für die Zusammenrottung gab (Apg 19,35-40).

Diese Worte zeigen einen wichtigen Zug im Auftreten des Paulus und seiner Mitarbeiter. Obwohl ihre Botschaft den Götzendienst grundsätzlich infrage stellte, berichtet der Stadtschreiber ausdrücklich, dass die festgehaltenen Männer weder Tempelraub begangen noch die Göttin gelästert hatten. Die Verkündigung des Evangeliums musste nicht durch Beschimpfung oder gewaltsamen Angriff auf Heiligtümer vorangetrieben werden. Die Wahrheit über Gott und Christus war stark genug, die falschen Grundlagen des Götzendienstes selbst zu erschüttern.

Nachdem der Stadtschreiber dies gesagt hatte, löste er die Versammlung auf (Apg 19,41). Paulus war damit einer unmittelbaren Gefahr entgangen, ohne selbst in die Menge hineinzutreten. Der Aufruhr zeigte zugleich, wie tief das Evangelium inzwischen in Ephesus und der umliegenden Region wirkte. Wo Menschen Christus annahmen, konnten nicht alle bisherigen Bindungen und Geschäftsmodelle unverändert bestehen bleiben.

Nach dem Ende der Unruhe rief Paulus die Jünger zu sich, ermutigte sie und nahm Abschied. Dann machte er sich auf den bereits geplanten Weg nach Mazedonien (Apg 20,1). Damit endete sein langer Dienst in Ephesus. Doch die Beziehungen zu den Gemeinden und Mitarbeitern dieser Region blieben bestehen, und auf seiner weiteren Reise sollte Paulus nicht nur bekannte Gemeinden erneut stärken, sondern auch Entscheidungen treffen, die ihn schließlich nach Jerusalem und in eine neue Phase von Gefangenschaft und Zeugnis führen würden.

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Paulus stärkt die Gemeinden und nimmt Abschied in Troas

Apostelgeschichte 20,1-12 – „1 Nachdem sich aber der Tumult gelegt hatte, ließ Paulus die Jünger zu sich kommen und ermahnte sie; dann nahm er Abschied von ihnen und zog aus, um nach Mazedonien zu reisen. 2 Und nachdem er jene Bezirke durchzogen und sie mit vielen Worten ermahnt hatte, kam er nach Griechenland. 3 Und er brachte daselbst drei Monate zu; und da ihm die Juden, als er nach Syrien abfahren wollte, nachstellten, e…"
Apostelgeschichte 20,1-12 – „1 Nachdem sich aber der Tumult gelegt hatte, ließ Paulus die Jünger zu sich kommen und ermahnte sie; dann nahm er Abschied von ihnen und zog aus, um nach Mazedonien zu reisen. 2 Und nachdem er jene Bezirke durchzogen und sie mit vielen Worten ermahnt hatte, kam er nach Griechenland. 3 Und er brachte daselbst drei Monate zu; und da ihm die Juden, als er nach Syrien abfahren wollte, nachstellten, e…"
2. Korinther 2,12-13 – „12 Als ich aber nach Troas kam für das Evangelium Christi und mir eine Tür offenstand im Herrn, hatte ich gleichwohl keine Ruhe in meinem Geist, weil ich meinen Bruder Titus nicht fand; 13 sondern ich nahm Abschied von ihnen und reiste nach Mazedonien."
2. Korinther 7,5-7 – „5 Denn als wir nach Mazedonien kamen, hatte unser Fleisch keine Ruhe, sondern wir wurden auf alle Art bedrängt, draußen Kämpfe, drinnen Furcht. 6 Aber Gott, der die Geringen tröstet, der tröstete uns durch die Ankunft des Titus; 7 und nicht bloß durch seine Ankunft, sondern auch durch den Trost, welchen er bei euch empfangen hatte. Als er uns von eurer Sehnsucht, eurer Klage, eurem Eifer für mich…"
2. Korinther 8,1-4 – „1 Wir tun euch aber, ihr Brüder, die Gnade Gottes kund, welche den Gemeinden Mazedoniens gegeben worden ist. 2 Denn trotz vieler Trübsalsproben hat ihre überfließende Freude und ihre so tiefe Armut den Reichtum ihrer Gebefreudigkeit zutage gefördert. 3 Denn nach Vermögen, ja ich bezeuge es, über ihr Vermögen waren sie bereitwillig 4 und baten uns mit vielem Zureden um die Gnade, an dem Dienste fü…"

Nach dem Aufruhr in Ephesus rief Paulus die Jünger zu sich, ermutigte sie und verabschiedete sich. Danach reiste er nach Mazedonien (Apg 20,1). Lukas fasst diesen Abschnitt zunächst knapp zusammen: Paulus durchzog die dortigen Gebiete und stärkte die Gläubigen mit vielen Worten. Seine Reise war damit erneut nicht allein auf die Verkündigung an neuen Orten gerichtet. Gemeinden, die bereits bestanden, benötigten Ermutigung, Unterweisung und Festigung.

Die Briefe des Paulus geben zusätzliche Einblicke in diese Zeit. Im zweiten Korintherbrief berichtet er, dass er zuvor nach Troas gekommen war und dort eine geöffnete Tür für das Evangelium vorgefunden hatte. Dennoch fand er innerlich keine Ruhe, weil er Titus nicht antraf, von dem er Nachricht über die schwierige Situation in Korinth erwartete. Deshalb verabschiedete er sich und zog nach Mazedonien weiter (2Kor 2,12-13). Diese Aussage zeigt, wie eng seine Reiseentscheidungen mit seiner Sorge um die Gemeinden verbunden waren. Eine gute Gelegenheit zur Verkündigung nahm ihm nicht die Verantwortung für Menschen, deren geistliche Lage ihn stark beschäftigte.

Auch in Mazedonien blieb Paulus nicht ohne Belastungen. Er schreibt, sein Leib habe dort keine Ruhe gehabt; von außen seien Kämpfe und von innen Befürchtungen gewesen. Dann aber habe Gott, „der die Niedrigen tröstet“, ihn durch die Ankunft des Titus getröstet (2Kor 7,5-6). Titus brachte gute Nachrichten über die Reaktion der Korinther auf Paulus' vorherige ernste Worte. Die Freude des Apostels zeigt, dass seine Briefe für ihn keine distanzierten theologischen Abhandlungen waren. Er litt mit den Gemeinden, wartete auf Nachrichten über sie und wurde durch ihre Umkehr und Treue persönlich gestärkt.

Während seines Aufenthalts in Mazedonien begegnete Paulus zugleich einer bemerkenswerten Bereitschaft der dortigen Gemeinden zu praktischer Hilfe. Später berichtet er den Korinthern, dass die Gemeinden Mazedoniens trotz eigener Bedrängnis und Armut mit großer Freigebigkeit für die Heiligen gaben (2Kor 8,1-4). Paulus war in dieser Lebensphase intensiv mit einer Sammlung für bedürftige Gläubige in Jerusalem beschäftigt. Diese Hilfe sollte nicht nur materielle Not lindern, sondern auch die Verbundenheit zwischen Gemeinden aus den Völkern und den jüdischen Gläubigen sichtbar machen.

Von Mazedonien zog Paulus weiter nach Griechenland und blieb dort drei Monate (Apg 20,2-3). Der Text nennt an dieser Stelle nicht jede Stadt und jedes einzelne Ereignis. Als Paulus anschließend nach Syrien weiterreisen wollte, erfuhr er von einem Anschlag, den jüdische Gegner gegen ihn planten. Deshalb änderte er seine Route und entschied sich, über Mazedonien zurückzukehren. Seine Reisepläne blieben damit erneut unter dem Einfluss konkreter Gefahren, ohne dass er deshalb sein eigentliches Ziel aufgab.

Mehrere Mitarbeiter begleiteten ihn: Sopater aus Beröa, Aristarchus und Sekundus aus Thessalonich, Gajus aus Derbe, Timotheus sowie Tychikus und Trophimus aus der Provinz Asia (Apg 20,4). Diese Namen machen sichtbar, wie sehr sich Paulus' Dienst inzwischen vervielfältigt hatte. Aus verschiedenen Regionen waren Männer zu Mitarbeitern geworden, die gemeinsam Verantwortung trugen. Der Apostel wirkte nicht als Einzelgänger, sondern innerhalb eines wachsenden Kreises von Dienern aus den Gemeinden, die durch das Evangelium entstanden waren.

Schließlich traf Paulus in Troas wieder mit seinen Begleitern zusammen. Am ersten Tag der Woche versammelten sich die Jünger, um das Brot zu brechen, und Paulus sprach zu ihnen, weil er am folgenden Tag abreisen wollte. Seine Rede dauerte bis Mitternacht. Ein junger Mann namens Eutychus saß in einem Fenster, wurde vom Schlaf überwältigt und fiel aus dem dritten Stock hinunter. Lukas berichtet, dass er tot aufgehoben wurde (Apg 20,7-9).

Paulus ging hinunter, beugte sich über ihn, umfasste ihn und sagte den Anwesenden, sie sollten nicht beunruhigt sein, denn sein Leben sei in ihm. Danach ging Paulus wieder hinauf, brach das Brot und sprach noch lange mit den Gläubigen, bis zum Tagesanbruch. Eutychus wurde lebend zurückgebracht, wodurch die Gemeinde sehr getröstet wurde (Apg 20,10-12). Der Bericht stellt das Ereignis nicht als Schaustück apostolischer Macht dar. Im Mittelpunkt steht Gottes bewahrendes Eingreifen mitten in einer Abschiedsnacht, die sonst von tiefer Trauer überschattet worden wäre.

Am Morgen setzte Paulus seine Reise fort. Sein Ziel war Jerusalem, und er wollte, wenn möglich, zum Pfingstfest dort sein. Dennoch sollte er die Region um Ephesus nicht verlassen, ohne noch einmal mit den Männern zu sprechen, die für die dortige Gemeinde Verantwortung trugen. Deshalb ließ er die Ältesten von Ephesus nach Milet kommen. Was er ihnen dort sagte, gehört zu den persönlichsten Abschiedsworten seines in der Apostelgeschichte überlieferten Dienstes und zeigt, wie Paulus sein bisheriges Wirken, die kommenden Gefahren und die Verantwortung der Gemeinde vor Gott verstand.

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Paulus nimmt Abschied von den Ältesten aus Ephesus

Apostelgeschichte 20,17-38 – „17 Von Milet aber schickte er gen Ephesus und ließ die Ältesten der Gemeinde herüberrufen. 18 Und als sie zu ihm gekommen waren, sprach er zu ihnen: Ihr wißt, wie ich mich vom ersten Tag an, als ich Asien betrat, die ganze Zeit unter euch verhalten habe, 19 daß ich dem Herrn diente mit aller Demut, unter Tränen und Anfechtungen, die mir durch die Nachstellungen der Juden widerfuhren; 20 wie ich n…"
Apostelgeschichte 20,17-38 – „17 Von Milet aber schickte er gen Ephesus und ließ die Ältesten der Gemeinde herüberrufen. 18 Und als sie zu ihm gekommen waren, sprach er zu ihnen: Ihr wißt, wie ich mich vom ersten Tag an, als ich Asien betrat, die ganze Zeit unter euch verhalten habe, 19 daß ich dem Herrn diente mit aller Demut, unter Tränen und Anfechtungen, die mir durch die Nachstellungen der Juden widerfuhren; 20 wie ich n…"
Apostelgeschichte 20,22-24 – „22 Und nun siehe, gebunden im Geiste reise ich nach Jerusalem, ohne zu wissen, was mir dort begegnen wird, 23 außer daß der heilige Geist von Stadt zu Stadt mir bezeugt und sagt, daß Bande und Trübsal meiner warten. 24 Aber ich halte mein Leben nicht der Rede wert, wenn es gilt, meinen Lauf und den Dienst zu vollenden, den ich von dem Herrn Jesus empfangen habe, nämlich das Evangelium der Gnade G…"
Apostelgeschichte 20,28-32 – „28 So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der heilige Geist euch zu Aufsehern gesetzt hat, die Gemeinde Gottes zu weiden, welche er durch das Blut seines eigenen Sohnes erworben hat! 29 Denn das weiß ich, daß nach meinem Abschied räuberische Wölfe zu euch kommen werden, die der Herde nicht schonen; 30 auch aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrt…"

Paulus wollte auf seiner Reise nach Jerusalem nicht noch einmal längere Zeit in Ephesus bleiben. Von Milet aus ließ er deshalb die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen (Apg 20,17). Was folgt, ist keine gewöhnliche Lehrrede, sondern ein persönlicher Abschied von Männern, mit denen Paulus während seines langen Dienstes eng verbunden gewesen war. Seine Worte blicken auf die gemeinsame Vergangenheit zurück, richten den Blick auf die bevorstehenden Gefahren und übertragen den Ältesten Verantwortung für eine Gemeinde, die Paulus nun verlassen musste.

Zunächst erinnerte er sie daran, wie er unter ihnen gelebt hatte. Seit seinem ersten Tag in der Provinz Asia habe er dem Herrn mit aller Demut, unter Tränen und mitten in Prüfungen gedient, die ihm durch Anschläge seiner Gegner entstanden waren. Zugleich habe er nichts zurückgehalten, was ihnen zum Nutzen dienen konnte, sondern öffentlich und in den Häusern gelehrt. Juden wie Griechen habe er zur Umkehr zu Gott und zum Glauben an Jesus Christus aufgerufen (Apg 20,18-21). Paulus stellte damit nicht seine eigene Leistung heraus, sondern erinnerte die Ältesten an einen Dienst, dessen Botschaft und Lebensführung sie selbst miterlebt hatten.

Nun lag jedoch ein anderer Weg vor ihm. Paulus erklärte, dass er „gebunden im Geist“ nach Jerusalem gehe, ohne genau zu wissen, was ihm dort begegnen werde. Sicher wusste er nur, dass der Heilige Geist ihm von Stadt zu Stadt Gefangenschaft und Bedrängnisse ankündigte (Apg 20,22-23). Er ging also nicht ahnungslos einer ungefährlichen Reise entgegen. Die Warnungen waren ernst, doch sie führten ihn nicht zur Aufgabe seines Weges.

Gerade an dieser Stelle formulierte Paulus seine Haltung besonders deutlich. Sein eigenes Leben betrachtete er nicht als das höchste Gut, das um jeden Preis erhalten werden müsse. Entscheidend war für ihn, seinen Lauf und den Dienst zu vollenden, den er vom Herrn Jesus empfangen hatte: das Evangelium von der Gnade Gottes zu bezeugen (Apg 20,24). Seine Bereitschaft zu leiden beruhte damit nicht auf einer Verachtung des Lebens. Das Leben selbst erhielt seinen Sinn aus dem Auftrag Christi, dem Paulus sich verpflichtet wusste.

Paulus sagte den Ältesten anschließend, dass sie sein Angesicht nach seiner jetzigen Erwartung nicht wiedersehen würden. Deshalb erklärte er feierlich, dass er ihnen den ganzen Ratschluss Gottes nicht verschwiegen habe (Apg 20,25-27). Nun ging die Verantwortung in besonderer Weise auf diejenigen über, die in der Gemeinde zurückblieben. Paulus forderte sie auf, zunächst auf sich selbst und dann auf die ganze Herde zu achten, über die der Heilige Geist sie als Aufseher gesetzt hatte. Sie sollten für die Gemeinde Gottes sorgen, die Christus sich durch sein eigenes Blut erworben hatte (Apg 20,28).

Diese Verantwortung war notwendig, weil Paulus kommende Gefahren voraussah. Nach seinem Weggang würden, wie er sagte, „räuberische Wölfe“ in die Gemeinde eindringen und die Herde nicht schonen. Sogar aus ihrer eigenen Mitte würden Männer auftreten, die verkehrte Dinge redeten, um Jünger hinter sich herzuziehen (Apg 20,29-30). Die größte Gefahr für eine Gemeinde konnte demnach nicht nur von äußerer Verfolgung kommen. Auch falsche Lehre und der Versuch, Menschen an menschliche Führer statt an Christus zu binden, konnten die Gemeinschaft von innen bedrohen.

Darum rief Paulus die Ältesten zur Wachsamkeit auf und erinnerte daran, dass er drei Jahre lang Tag und Nacht nicht aufgehört hatte, jeden Einzelnen unter Tränen zu ermahnen. Dennoch übergab er die Zukunft der Gemeinde nicht letztlich menschlicher Kontrolle. Er befahl sie Gott und „dem Wort seiner Gnade“ an, das die Kraft besitzt, aufzuerbauen und das Erbe unter allen Geheiligten zu geben (Apg 20,31-32). Paulus konnte gehen, weil die Gemeinde nicht ihm gehörte. Ihre letzte Sicherheit lag weder in seiner Gegenwart noch in der Stärke ihrer Leiter, sondern in Gott und seinem Wort.

Zum Schluss erinnerte Paulus daran, dass er weder Silber noch Gold noch Kleidung begehrt hatte. Seine Begleiter wussten, dass seine eigenen Hände für seine Bedürfnisse und die seiner Mitarbeiter gearbeitet hatten. Darin wollte er ein Beispiel geben, die Schwachen zu unterstützen und nicht nur an den eigenen Vorteil zu denken (Apg 20,33-35). Apostolischer Dienst bedeutete für Paulus deshalb nicht Herrschaft über andere oder persönlichen Gewinn, sondern Hingabe an Menschen, die Christus gehörten.

Nachdem Paulus gesprochen hatte, kniete er mit allen nieder und betete. Die Ältesten weinten, umarmten und küssten ihn. Besonders schmerzte sie seine Aussage, dass sie sein Angesicht nicht mehr sehen würden. Schließlich begleiteten sie ihn zum Schiff (Apg 20,36-38). Der Abschied von Milet zeigt Paulus nicht nur als Verkündiger und Lehrer, sondern als einen Hirten, dessen Dienst durch persönliche Verbundenheit, Tränen und Verantwortung geprägt war. Doch sein Weg führte weiter nach Jerusalem, und auf den nächsten Stationen wurden die Warnungen vor dem Leiden immer konkreter.

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Paulus zieht trotz Warnungen nach Jerusalem

Apostelgeschichte 21,1-16 – „1 Als es aber geschah, daß wir uns von ihnen losgerissen hatten und abgefahren waren, kamen wir in gerader Fahrt nach Kos und am folgenden Tage nach Rhodus und von da nach Patara. 2 Und da wir ein Schiff fanden, das nach Phönizien fuhr, stiegen wir ein und fuhren ab. 3 Als wir aber Cypern erblickten, ließen wir es links liegen, fuhren nach Syrien und gelangten nach Tyrus; denn daselbst sollte das…"
Apostelgeschichte 21,1-16 – „1 Als es aber geschah, daß wir uns von ihnen losgerissen hatten und abgefahren waren, kamen wir in gerader Fahrt nach Kos und am folgenden Tage nach Rhodus und von da nach Patara. 2 Und da wir ein Schiff fanden, das nach Phönizien fuhr, stiegen wir ein und fuhren ab. 3 Als wir aber Cypern erblickten, ließen wir es links liegen, fuhren nach Syrien und gelangten nach Tyrus; denn daselbst sollte das…"
Apostelgeschichte 21,4 – „4 Und als wir die Jünger aufgefunden hatten, blieben wir sieben Tage dort. Und sie sagten dem Paulus durch den Geist, er solle nicht nach Jerusalem hinaufziehen."
Apostelgeschichte 21,10-14 – „10 Als wir uns aber mehrere Tage dort aufhielten, kam aus Judäa ein Prophet namens Agabus herab. 11 Der kam zu uns, nahm den Gürtel des Paulus und band sich die Hände und die Füße und sprach: Das sagt der heilige Geist: Den Mann, dem dieser Gürtel gehört, werden die Juden in Jerusalem so binden und in die Hände der Heiden ausliefern! 12 Da wir solches hörten, baten wir und die Einwohner des Ortes…"

Nach dem bewegenden Abschied von den Ältesten aus Ephesus setzte Paulus seine Reise nach Jerusalem fort. Über Kos und Rhodos gelangten er und seine Begleiter nach Patara, fanden dort ein Schiff nach Phönizien und fuhren an Zypern vorbei bis nach Tyrus (Apg 21,1-3). Die Reise hatte nun ein klares Ziel. Gleichzeitig verdichteten sich unterwegs jene Hinweise auf bevorstehendes Leiden, von denen Paulus bereits in Milet gesprochen hatte.

In Tyrus fanden die Reisenden Jünger und blieben sieben Tage bei ihnen. Lukas berichtet, dass diese Paulus „durch den Geist“ sagten, er solle nicht nach Jerusalem hinaufgehen (Apg 21,4). Diese Aussage steht neben Paulus’ vorherigem Zeugnis, dass er „gebunden im Geist“ nach Jerusalem zog und der Heilige Geist ihm Gefangenschaft und Bedrängnisse ankündigte (Apg 20,22-23). Der Text verlangt deshalb eine sorgfältige Unterscheidung. Sicher ist, dass der Geist die kommende Gefahr offenbarte; ob die Aufforderung, nicht weiterzureisen, unmittelbar als göttliches Verbot oder als Reaktion der Jünger auf diese Offenbarung zu verstehen ist, wird im Bericht nicht weiter erklärt.

Als die sieben Tage vorüber waren, begleiteten die Gläubigen Paulus mit Frauen und Kindern bis vor die Stadt. Am Ufer knieten sie gemeinsam nieder und beteten. Danach verabschiedeten sie sich voneinander, und Paulus setzte die Reise fort (Apg 21,5-6). Wieder erscheint sein Weg nach Jerusalem nicht als einsamer Entschluss. An mehreren Orten war er von Gemeinden umgeben, die ihn liebten, für ihn beteten und die drohende Gefahr mit ihm trugen.

Über Ptolemais gelangte die Reisegruppe nach Cäsarea. Dort wohnten sie im Haus des Evangelisten Philippus, eines der sieben Männer, die bereits in der frühen Jerusalemer Gemeinde für einen besonderen Dienst ausgewählt worden waren. Lukas erwähnt außerdem, dass Philippus vier unverheiratete Töchter hatte, die weissagten (Apg 21,8-9). Damit begegnet Paulus erneut einer Gemeinde, in der die Gabe der Prophetie ausdrücklich erwähnt wird.

Nach einigen Tagen kam der Prophet Agabus aus Judäa. Derselbe Agabus war bereits früher in Antiochia aufgetreten und hatte eine kommende Hungersnot angekündigt. Nun nahm er den Gürtel des Paulus, band sich damit Hände und Füße und erklärte im Namen des Heiligen Geistes, dass der Besitzer dieses Gürtels in Jerusalem von den Juden auf diese Weise gebunden und in die Hände der Heiden übergeben werden würde (Apg 21,10-11). Die Warnung war damit nicht mehr allgemein. Gefangenschaft und Auslieferung wurden in einem eindringlichen prophetischen Zeichen konkret vor Augen gestellt.

Als seine Begleiter und die Gläubigen in Cäsarea dies hörten, baten sie Paulus eindringlich, nicht nach Jerusalem hinaufzugehen. Paulus antwortete darauf nicht mit Gleichgültigkeit. Er fragte, warum sie weinten und ihm das Herz schwer machten. Dann erklärte er: „Ich bin bereit, nicht allein mich binden zu lassen, sondern auch zu sterben in Jerusalem für den Namen des Herrn Jesus“ (Apg 21,13). Seine Entschlossenheit beruhte damit nicht darauf, dass er die Gefahr unterschätzte. Er wusste, was ihm angekündigt worden war, und war dennoch bereit, die möglichen Folgen seines Weges zu tragen.

Als die anderen erkannten, dass Paulus sich nicht umstimmen ließ, hörten sie auf, ihn zu bedrängen, und sagten: „Der Wille des Herrn geschehe!“ (Apg 21,14). Diese Worte lösen nicht jede Frage nach der genauen Bedeutung der vorausgegangenen Warnungen. Sie zeigen jedoch, dass die Begleiter Paulus schließlich Gott anvertrauten. Die Zukunft lag nicht in ihrer Kontrolle, und weder ihre Liebe zu Paulus noch seine eigene Entschlossenheit konnte die kommenden Ereignisse bestimmen.

Nach diesen Tagen machten sie sich reisefertig und zogen nach Jerusalem. Einige Jünger aus Cäsarea begleiteten sie und führten sie zu Mnason aus Zypern, einem alten Jünger, bei dem sie wohnen sollten (Apg 21,15-16). Damit erreichte Paulus die Stadt, zu der ihn sein Weg trotz wiederholter Warnungen geführt hatte. Er kam nicht als der Saulus zurück, der einst von Jerusalem ausgezogen war, um Christen gefangen zu nehmen, sondern als Diener Jesu, der bereit war, selbst gebunden zu werden.

In Jerusalem wurde Paulus zunächst von den Brüdern freudig aufgenommen. Doch seine Anwesenheit sollte bald eine Kette von Ereignissen auslösen, durch die die angekündigte Gefangenschaft Wirklichkeit wurde. Noch bevor römische Behörden eingriffen, musste Paulus sich innerhalb der Gemeinde mit Gerüchten über seinen Dienst unter den Völkern auseinandersetzen. Aus dem Versuch, Missverständnisse zu vermeiden, entwickelte sich schließlich jene Situation im Tempel, die seine Freiheit für lange Zeit beendete.

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Paulus wird im Tempel verhaftet

Apostelgeschichte 21,17-36 – „17 Und als wir in Jerusalem angekommen waren, nahmen uns die Brüder mit Freuden auf. 18 Am folgenden Tage aber ging Paulus mit uns zu Jakobus, und alle Ältesten fanden sich ein. 19 Und nachdem er sie begrüßt hatte, erzählte er alles bis ins einzelne, was Gott unter den Heiden durch seinen Dienst getan hatte. 20 Sie aber priesen Gott, als sie solches hörten, und sprachen zu ihm: Bruder, du siehst,…"
Apostelgeschichte 21,17-36 – „17 Und als wir in Jerusalem angekommen waren, nahmen uns die Brüder mit Freuden auf. 18 Am folgenden Tage aber ging Paulus mit uns zu Jakobus, und alle Ältesten fanden sich ein. 19 Und nachdem er sie begrüßt hatte, erzählte er alles bis ins einzelne, was Gott unter den Heiden durch seinen Dienst getan hatte. 20 Sie aber priesen Gott, als sie solches hörten, und sprachen zu ihm: Bruder, du siehst,…"
Apostelgeschichte 21,20-26 – „20 Sie aber priesen Gott, als sie solches hörten, und sprachen zu ihm: Bruder, du siehst, wie viele Tausende von Juden gläubig geworden sind, und alle sind Eiferer für das Gesetz. 21 Es ist ihnen aber über dich berichtet worden, du lehrest alle Juden, die unter den Heiden sind, den Abfall von Mose und sagest, sie sollen ihre Kinder nicht beschneiden und nicht nach den Gebräuchen wandeln. 22 Was i…"
Apostelgeschichte 21,27-30 – „27 Als aber die sieben Tage zu Ende gingen, brachten die Juden aus Asien, die ihn im Tempel sahen, das ganze Volk in Aufruhr und legten Hand an ihn und schrieen: 28 Ihr israelitischen Männer, kommet zu Hilfe! Das ist der Mensch, der allenthalben jedermann lehrt gegen das Volk und das Gesetz und diese Stätte. Dazu hat er auch noch Griechen in den Tempel geführt und diese heilige Stätte entweiht! 2…"

Als Paulus Jerusalem erreichte, nahmen die Brüder ihn freudig auf. Am folgenden Tag ging er gemeinsam mit seinen Begleitern zu Jakobus; auch die Ältesten der Gemeinde waren anwesend. Paulus berichtete ausführlich, was Gott durch seinen Dienst unter den Völkern getan hatte. Die Reaktion war zunächst eindeutig: Als die Brüder dies hörten, verherrlichten sie Gott (Apg 21,17-20). Die Ausbreitung des Evangeliums unter den Völkern wurde damit nicht als Werk des Paulus gefeiert, sondern als Handeln Gottes anerkannt.

Doch zugleich bestand innerhalb der Jerusalemer Gemeinde eine angespannte Situation. Jakobus und die Ältesten erklärten Paulus, dass viele Tausende Juden gläubig geworden seien und zugleich großen Eifer für das Gesetz hätten. Über Paulus seien Gerüchte verbreitet worden, er lehre die unter den Völkern lebenden Juden, Mose abzufallen, ihre Kinder nicht zu beschneiden und die überlieferten jüdischen Lebensformen aufzugeben (Apg 21,20-21). Ob Paulus tatsächlich etwas Derartiges lehrte, wird nicht einfach durch das Gerücht bewiesen. Seine eigenen Briefe zeigen vielmehr, dass er die Beschneidung als Voraussetzung der Rechtfertigung entschieden ablehnte, jüdische Herkunft und freiwillige jüdische Lebenspraxis aber nicht grundsätzlich verbot.

Um die Gerüchte zu entkräften, schlugen die Ältesten Paulus einen öffentlichen Schritt vor. Vier Männer befanden sich unter einem Gelübde. Paulus sollte sich mit ihnen reinigen, ihre Kosten übernehmen und dadurch zeigen, dass die verbreiteten Behauptungen über ihn nicht zutrafen und auch er selbst das Gesetz achtete (Apg 21,23-24). Zugleich erinnerten die Ältesten an die bereits getroffene Entscheidung über die Gläubigen aus den Völkern: Von ihnen sollten nicht jene Forderungen verlangt werden, die in der Jerusalemer Versammlung ausdrücklich zurückgewiesen worden waren (Apg 21,25).

Paulus nahm den Vorschlag an. Am folgenden Tag reinigte er sich gemeinsam mit den Männern und ging in den Tempel, um anzuzeigen, wann die Tage der Reinigung vollendet sein würden und für jeden von ihnen das Opfer dargebracht werden sollte (Apg 21,26). Der Text berichtet diese Entscheidung, gibt jedoch an dieser Stelle keine ausdrückliche göttliche Bewertung darüber, ob Paulus mit diesem Schritt in jeder Hinsicht richtig handelte. Deshalb sollte weder sein Verhalten automatisch zum allgemeinen Vorbild erklärt noch ihm ein Motiv zugeschrieben werden, das die Schrift nicht nennt.

Die beabsichtigte Beruhigung der Situation wurde nicht erreicht. Als die sieben Tage beinahe vollendet waren, sahen Juden aus der Provinz Asia Paulus im Tempel. Sie erregten die Menge, ergriffen ihn und riefen um Hilfe. Sie beschuldigten ihn, überall gegen das Volk, das Gesetz und diesen Ort zu lehren und außerdem Griechen in den Tempel gebracht und damit den heiligen Ort entweiht zu haben (Apg 21,27-28). Lukas erklärt jedoch ausdrücklich, wie die letzte Anschuldigung entstanden war: Sie hatten zuvor Trophimus aus Ephesus mit Paulus in der Stadt gesehen und lediglich angenommen, Paulus habe ihn in den Tempel geführt (Apg 21,29).

Damit beruhte ein wesentlicher Teil der Anklage nicht auf einem beobachteten Geschehen, sondern auf einer Schlussfolgerung der Gegner. Die ganze Stadt geriet in Bewegung, das Volk lief zusammen, Paulus wurde ergriffen und aus dem Tempel hinausgeschleppt. Unmittelbar danach wurden die Türen geschlossen (Apg 21,30). Die Situation eskalierte so weit, dass die Menge versuchte, Paulus zu töten.

Die Nachricht vom Aufruhr erreichte den römischen Obersten der Truppe. Er nahm Soldaten und Hauptleute mit und lief zur Menge hinab. Als die Menschen den Obersten und die Soldaten sahen, hörten sie auf, Paulus zu schlagen. Der römische Befehlshaber ließ ihn festnehmen und mit zwei Ketten binden und fragte, wer er sei und was er getan habe (Apg 21,31-33). Damit begann sich die prophetische Ankündigung aus Cäsarea sichtbar zu erfüllen: Paulus war in Jerusalem gebunden und geriet nun in die Gewalt römischer Behörden.

Eine zuverlässige Antwort erhielt der Oberste aus der aufgebrachten Menge jedoch nicht. Die einen riefen dies, die anderen etwas anderes, sodass er wegen des Tumults nichts Sicheres feststellen konnte. Deshalb ließ er Paulus in die Kaserne bringen. Als sie die Treppen erreichten, mussten die Soldaten ihn wegen der Gewalt der Menge tragen, während zahlreiche Menschen hinterherliefen und riefen: „Weg mit ihm!“ (Apg 21,34-36). Paulus befand sich damit innerhalb weniger Augenblicke nicht mehr als freier Besucher Jerusalems in der Stadt, sondern als Gefangener unter römischem Schutz vor einer Menge, die seinen Tod verlangte.

Doch selbst in dieser Situation dachte Paulus nicht zuerst an eine Fluchtmöglichkeit. Kurz bevor er in die Kaserne gebracht wurde, bat er den römischen Obersten um Erlaubnis, zu den Menschen sprechen zu dürfen. Der Mann, der gerade geschlagen und beinahe getötet worden war, wollte dieselbe Menge noch einmal mit seinem Zeugnis über Jesus Christus konfrontieren. Seine Gefangenschaft begann deshalb nicht mit Schweigen, sondern mit einer Verteidigungsrede, in der Paulus seinen eigenen Weg vom Verfolger zum Zeugen Christi öffentlich erklärte.

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Paulus verteidigt sich vor dem Volk in Jerusalem

Apostelgeschichte 21,37-22 – „22 Was ist nun zu tun? Auf jeden Fall muß die Menge zusammenkommen; denn sie werden hören, daß du angelangt bist. 23 So tue nun das, was wir dir sagen: Wir haben vier Männer, die ein Gelübde auf sich haben; 24 diese nimm zu dir, laß dich reinigen mit ihnen und trage die Kosten für sie, daß sie das Haupt scheren, so werden alle erkennen, daß an dem, was über dich berichtet worden, nichts ist, sond…"
Apostelgeschichte 21,37-22 – „22 Was ist nun zu tun? Auf jeden Fall muß die Menge zusammenkommen; denn sie werden hören, daß du angelangt bist. 23 So tue nun das, was wir dir sagen: Wir haben vier Männer, die ein Gelübde auf sich haben; 24 diese nimm zu dir, laß dich reinigen mit ihnen und trage die Kosten für sie, daß sie das Haupt scheren, so werden alle erkennen, daß an dem, was über dich berichtet worden, nichts ist, sond…"
Apostelgeschichte 22,3-5 – „3 Ich bin ein jüdischer Mann, geboren zu Tarsus in Cilicien, aber erzogen in dieser Stadt, zu den Füßen Gamaliels, unterrichtet mit allem Fleiß im väterlichen Gesetz, und ich war ein Eiferer für Gott, wie ihr alle es heute seid. 4 Ich verfolgte diesen Weg bis auf den Tod, indem ich Männer und Frauen band und ins Gefängnis überlieferte, 5 wie mir auch der Hohepriester und der ganze Rat der Älteste…"
Apostelgeschichte 22,17-21 – „17 Es geschah mir aber, als ich nach Jerusalem zurückgekehrt war und im Tempel betete, daß ich in eine Verzückung geriet 18 und Ihn sah, der zu mir sprach: Eile und geh schnell aus Jerusalem fort, denn sie werden dein Zeugnis von mir nicht annehmen! 19 Und ich sprach: Herr, sie wissen selbst, daß ich die, welche an dich glaubten, ins Gefängnis werfen und in den Synagogen schlagen ließ, 20 und daß…"

Noch während Paulus in die römische Kaserne geführt wurde, bat er den Obersten um Erlaubnis, zum Volk sprechen zu dürfen. Der Befehlshaber war überrascht, dass Paulus Griechisch sprach, denn er hatte ihn offenbar zunächst mit einem Ägypter verwechselt, der zuvor einen Aufstand angeführt hatte. Paulus stellte sich dagegen als Jude aus Tarsus in Zilizien vor und bat darum, die Menge anreden zu dürfen. Nachdem er die Erlaubnis erhalten hatte, stellte er sich auf die Stufen und gab dem Volk ein Zeichen mit der Hand. Als große Stille eingetreten war, sprach er sie in hebräischer beziehungsweise aramäischer Sprache an (Apg 21,37-40).

Paulus begann nicht mit einem Angriff auf seine Gegner, sondern mit seiner eigenen Geschichte. Er bezeichnete sich als Juden, geboren in Tarsus und in Jerusalem erzogen, unterwiesen zu den Füßen Gamaliels und mit großem Eifer für Gott erfüllt (Apg 22,1-3). Damit machte er deutlich, dass er die jüdische Glaubenswelt seiner Zuhörer aus eigener Erfahrung kannte. Seine gegenwärtige Verkündigung war nicht aus Gleichgültigkeit gegenüber den Schriften Israels entstanden. Paulus war gerade aus einem Leben hervorgegangen, in dem er seine religiöse Überzeugung mit außergewöhnlicher Entschiedenheit verfolgt hatte.

Er verschwieg auch seine Schuld nicht. Paulus bekannte öffentlich, dass er den „Weg“ bis auf den Tod verfolgt, Männer und Frauen gebunden und ins Gefängnis gebracht hatte. Als Beleg verwies er auf den Hohenpriester und den Ältestenrat, von denen er damals sogar Schreiben erhalten hatte, um auch die Gläubigen in Damaskus gefangen nach Jerusalem zu bringen (Apg 22,4-5). Der Mann, den die Menge nun als Gegner betrachtete, erinnerte sie damit daran, dass er selbst einst genau auf ihrer Seite gestanden hatte.

Anschließend erzählte Paulus von seiner Begegnung mit Jesus auf dem Weg nach Damaskus. Die wesentlichen Ereignisse waren dieselben, die Lukas zuvor bereits berichtet hatte: das Licht vom Himmel, die Stimme Jesu, Paulus’ Blindheit und seine Begegnung mit Ananias. Für seine gegenwärtigen Zuhörer hob Paulus besonders hervor, dass Ananias ein gottesfürchtiger Mann nach dem Gesetz war und unter den dort lebenden Juden ein gutes Zeugnis besaß (Apg 22,6-16). Seine Lebenswende stellte Paulus damit nicht als Abkehr vom Gott Israels dar. Er bezeugte vielmehr, dass gerade der Gott der Väter ihn zu der Erkenntnis geführt hatte, dass Jesus der Gerechte und auferstandene Herr ist.

Paulus führte seine Geschichte anschließend zurück nach Jerusalem. Während er im Tempel betete, hatte er nach seinem eigenen Zeugnis eine Erscheinung des Herrn. Christus forderte ihn auf, Jerusalem schnell zu verlassen, weil die Menschen sein Zeugnis nicht annehmen würden. Paulus erinnerte den Herrn daran, dass seine frühere Tätigkeit als Verfolger überall bekannt war und dass er bei der Tötung des Stephanus selbst zugestimmt und die Kleider der Täter bewacht hatte (Apg 22,17-20). Gerade seine Vergangenheit schien ihm ein starkes Argument dafür zu sein, dass seine Veränderung nicht leichtfertig entstanden sein konnte.

Doch Christus hatte ihm geantwortet: „Gehe hin, denn ich will dich weit weg zu den Heiden senden“ (Apg 22,21). Bis zu diesem Punkt hatte die Menge Paulus zugehört. Als jedoch der Auftrag zu den Völkern ausgesprochen wurde, brach der Widerstand erneut hervor. Die Zuhörer erhoben ihre Stimmen und verlangten, einen solchen Menschen von der Erde zu beseitigen; sie hielten ihn nicht für würdig zu leben (Apg 22,22). Damit wurde sichtbar, dass nicht allein Paulus’ persönliche Vergangenheit den Konflikt bestimmte. Besonders die Vorstellung, dass Gottes Heil ohne die von seinen Gegnern verlangten Abgrenzungen zu den Völkern hinausging, traf auf heftige Ablehnung.

Die Menge schrie, warf ihre Kleider ab und schleuderte Staub in die Luft (Apg 22,23). Paulus’ Verteidigung hatte deshalb nicht zu seiner Freilassung geführt. Dennoch hatte er die Gelegenheit genutzt, nicht lediglich seine Unschuld zu behaupten, sondern von Jesus Christus zu zeugen. Seine eigene Geschichte wurde dabei nicht zum Mittelpunkt um ihrer selbst willen. Sie diente als Zeugnis dafür, dass der auferstandene Jesus ihn aus seinem früheren Weg herausgerufen und ihm den Auftrag gegeben hatte, das Evangelium weiterzutragen.

Der römische Oberst verstand offenbar nicht, weshalb die Erwähnung dieses Auftrags eine derart heftige Reaktion ausgelöst hatte. Er befahl deshalb, Paulus in die Kaserne zu bringen und ihn unter Geißelung zu verhören, um herauszufinden, weshalb die Menge so gegen ihn schrie (Apg 22,24). Damit drohte Paulus nun nicht mehr nur Gewalt durch die Menge, sondern eine schwere Misshandlung durch die römischen Behörden. Doch unmittelbar bevor die Geißelung begann, stellte Paulus dem verantwortlichen Hauptmann eine Frage, die die gesamte Situation veränderte: Durfte ein römischer Bürger überhaupt ohne Verurteilung ausgepeitscht werden?

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Paulus beruft sich auf sein römisches Bürgerrecht

Apostelgeschichte 22,24-30 – „24 ließ der Oberste ihn in die Kaserne führen und befahl, ihn unter Geißelhieben zu verhören, damit er erführe, aus welchem Grund sie derart über ihn schrieen. 25 Als sie ihn aber [für die Geißelung] mit den Riemen ausstreckten, sprach Paulus zu dem Hauptmann, der dabeistand: Ist es euch erlaubt, einen Römer, dazu noch ohne Urteil, zu geißeln? 26 Als der Hauptmann das hörte, ging er zu dem Oberst…"
Apostelgeschichte 22,24-30 – „24 ließ der Oberste ihn in die Kaserne führen und befahl, ihn unter Geißelhieben zu verhören, damit er erführe, aus welchem Grund sie derart über ihn schrieen. 25 Als sie ihn aber [für die Geißelung] mit den Riemen ausstreckten, sprach Paulus zu dem Hauptmann, der dabeistand: Ist es euch erlaubt, einen Römer, dazu noch ohne Urteil, zu geißeln? 26 Als der Hauptmann das hörte, ging er zu dem Oberst…"
Apostelgeschichte 22,25-29 – „25 Als sie ihn aber [für die Geißelung] mit den Riemen ausstreckten, sprach Paulus zu dem Hauptmann, der dabeistand: Ist es euch erlaubt, einen Römer, dazu noch ohne Urteil, zu geißeln? 26 Als der Hauptmann das hörte, ging er zu dem Obersten, meldete es ihm und sprach: Siehe zu, was du tun willst, denn dieser Mensch ist ein Römer! 27 Da kam der Oberste herzu und sprach zu ihm: Sage mir, bist du e…"
Apostelgeschichte 23,1-5 – „1 Da sah Paulus den Hohen Rat fest an und sprach: Ihr Männer und Brüder, ich habe mit allem guten Gewissen Gott zu dienen gesucht bis auf diesen Tag. 2 Aber der Hohepriester Ananias befahl den Umstehenden, ihn auf den Mund zu schlagen. 3 Da sprach Paulus zu ihm: Gott wird dich schlagen, du getünchte Wand! Du sitzest da, mich zu richten nach dem Gesetz, und heißest mich schlagen wider das Gesetz? …"

Nachdem die Menge erneut den Tod des Paulus gefordert hatte, ließ der römische Oberst ihn in die Kaserne bringen. Weil er noch immer nicht verstand, weshalb die Menschen so heftig gegen Paulus aufgebracht waren, befahl er, ihn unter Geißelung zu verhören. Durch diese Misshandlung sollte offenbar erzwungen werden, dass Paulus den Grund für die Anschuldigungen gegen ihn offenbarte (Apg 22,24). Noch bevor die Schläge begannen, machte Paulus jedoch von einem Recht Gebrauch, das bereits seit seiner Geburt zu seiner Lebensgeschichte gehörte.

Als man ihn mit Riemen festband, fragte Paulus den dabeistehenden Hauptmann: „Ist es euch erlaubt, einen römischen Bürger, und zwar unverurteilt, zu geißeln?“ (Apg 22,25). Die Frage genügte, um die Situation sofort zu verändern. Der Hauptmann ging zum Obersten und warnte ihn, denn Paulus war römischer Bürger. Eine derartige Behandlung eines Bürgers ohne vorheriges rechtmäßiges Verfahren konnte für die verantwortlichen Beamten selbst ernste Folgen haben.

Der Oberst kam persönlich zu Paulus und fragte, ob er tatsächlich römischer Bürger sei. Paulus bestätigte es. Darauf erklärte der Oberst, er selbst habe dieses Bürgerrecht für eine große Summe erworben. Paulus antwortete dagegen knapp: „Ich aber bin sogar darin geboren“ (Apg 22,27-28). Wie seine Familie dieses Bürgerrecht erhalten hatte, sagt die Bibel nicht. Damit bestätigt sich jedoch jene besondere rechtliche Stellung, die bereits zu seinen frühen Lebensvoraussetzungen gehörte und nun in seiner Gefangenschaft entscheidende Bedeutung gewann.

Sofort ließen diejenigen von ihm ab, die ihn unter Folter verhören sollten. Auch der Oberst bekam es mit der Furcht zu tun, weil er erkannt hatte, dass er einen römischen Bürger hatte binden lassen (Apg 22,29). Paulus nutzte sein Bürgerrecht damit nicht als Gegensatz zu seinem Vertrauen auf Gott. Derselbe Mann, der bereit gewesen war, für den Namen Jesu Gefangenschaft und sogar den Tod zu ertragen, nahm zugleich den rechtlichen Schutz in Anspruch, der ihm zustand. Bereits in Philippi hatte er nach einer rechtswidrigen Misshandlung auf seinem Bürgerrecht bestanden. Leiden um Christi willen bedeutete für ihn nicht, jede vermeidbare Ungerechtigkeit widerspruchslos hinzunehmen.

Der römische Oberst hatte damit zwar die Geißelung verhindert, wusste aber weiterhin nicht, worin die eigentliche Anklage gegen Paulus bestand. Deshalb ließ er ihn am folgenden Tag von seinen Fesseln lösen und befahl den Hohenpriestern und dem ganzen Hohen Rat zusammenzukommen. Paulus wurde vor dieses jüdische Leitungsgremium gestellt, damit der Oberst herausfinden konnte, warum er angeklagt wurde (Apg 22,30). Der Konflikt verlagerte sich damit von der aufgebrachten Menschenmenge in eine förmlichere Anhörung.

Paulus blickte den Hohen Rat aufmerksam an und begann mit der Erklärung: „Ihr Männer, Brüder, ich habe mit allem guten Gewissen vor Gott gewandelt bis auf diesen Tag“ (Apg 23,1). Diese Aussage bedeutete nicht, dass Paulus sein früheres Leben als Verfolger für sündlos hielt. Seine Briefe sprechen darüber ausgesprochen kritisch. Der Hinweis auf sein Gewissen beschreibt vielmehr, dass er nicht bewusst gegen das gehandelt hatte, was er jeweils für Gottes Willen hielt. Gerade seine eigene Lebensgeschichte zeigte jedoch, dass ein aufrichtiges Gewissen allein nicht genügt, wenn das Verständnis der Wahrheit falsch ist.

Noch während dieser ersten Worte befahl der Hohepriester Ananias den Umstehenden, Paulus auf den Mund zu schlagen. Paulus reagierte scharf und kündigte Gottes Gericht über ihn an, weil er einerseits nach dem Gesetz zu Gericht saß und andererseits gegen das Gesetz befahl, ihn zu schlagen (Apg 23,2-3). Als Umstehende ihn darauf hinwiesen, dass er den Hohenpriester Gottes beschimpfe, antwortete Paulus, er habe nicht gewusst, dass es der Hohepriester sei, und verwies auf die Schrift, nach der über einen Obersten des Volkes nicht böse geredet werden sollte (Apg 23,4-5).

Der Bericht beschönigt Paulus' Reaktion nicht und erklärt auch nicht näher, weshalb er Ananias nicht erkannt hatte. Entscheidend ist, dass Paulus nach dem Hinweis seine Worte unmittelbar am Maßstab der Schrift einordnet. Er beruft sich nicht auf seine apostolische Stellung, um sich über Gottes Weisung zu stellen. Selbst in einer ungerechten Situation blieb für ihn das offenbarte Wort der Maßstab, an dem auch sein eigenes Reden geprüft werden musste.

Doch die Anhörung vor dem Hohen Rat sollte sich noch in eine andere Richtung entwickeln. Paulus erkannte, dass ein Teil des Rates aus Sadduzäern und ein anderer aus Pharisäern bestand. Er selbst war als Pharisäer geprägt worden, und gerade bei einer zentralen Frage bestanden zwischen beiden Gruppen tiefe Gegensätze: der Auferstehung der Toten. Paulus stellte deshalb diese Hoffnung in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Damit verlagerte sich die Frage von seiner Person auf einen Kernpunkt seiner Verkündigung – die Hoffnung auf Auferstehung, die für ihn untrennbar mit dem auferstandenen Jesus Christus verbunden war.

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Christus stärkt Paulus in der Nacht

Apostelgeschichte 23,6-24 – „6 Da aber Paulus wußte, daß der eine Teil aus Sadduzäern, der andere aus Pharisäern bestand, rief er in die Ratsversammlung hinein: Ihr Männer und Brüder, ich bin ein Pharisäer und eines Pharisäers Sohn; wegen der Hoffnung und der Auferstehung der Toten werde ich gerichtet! 7 Als er aber solches sagte, entstand ein Streit zwischen den Pharisäern und den Sadduzäern, und die Versammlung spaltete si…"
Apostelgeschichte 23,6-24 – „6 Da aber Paulus wußte, daß der eine Teil aus Sadduzäern, der andere aus Pharisäern bestand, rief er in die Ratsversammlung hinein: Ihr Männer und Brüder, ich bin ein Pharisäer und eines Pharisäers Sohn; wegen der Hoffnung und der Auferstehung der Toten werde ich gerichtet! 7 Als er aber solches sagte, entstand ein Streit zwischen den Pharisäern und den Sadduzäern, und die Versammlung spaltete si…"
Apostelgeschichte 23,11 – „11 Aber in der folgenden Nacht trat der Herr zu ihm und sprach: Sei getrost, Paulus! Denn wie du in Jerusalem von mir gezeugt hast, so sollst du auch in Rom zeugen."
Apostelgeschichte 23,12-22 – „12 Als es aber Tag geworden war, rotteten sich etliche Juden zusammen und verschworen sich, weder zu essen noch zu trinken, bis sie den Paulus umgebracht hätten. 13 Es waren aber ihrer mehr als vierzig, die diese Verschwörung gemacht hatten. 14 Diese gingen zu den Hohenpriestern und Ältesten und sprachen: Wir haben uns mit einem Fluche verschworen, nichts zu genießen, bis wir den Paulus umgebrach…"

Als Paulus erkannte, dass der Hohe Rat aus Sadduzäern und Pharisäern bestand, rief er aus, dass er selbst Pharisäer und Sohn von Pharisäern sei und wegen der Hoffnung und der Auferstehung der Toten vor Gericht stehe (Apg 23,6). Damit griff er keine nebensächliche Streitfrage auf. Die Auferstehung gehörte zum Zentrum seiner Verkündigung, weil sein ganzes Zeugnis von Jesus darauf beruhte, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hatte. Zugleich wusste Paulus, dass gerade an dieser Frage zwischen den beiden Gruppen ein grundlegender Gegensatz bestand.

Lukas erklärt diesen Unterschied ausdrücklich. Die Sadduzäer sagten, es gebe keine Auferstehung, auch weder Engel noch Geist; die Pharisäer bekannten dagegen diese Wirklichkeiten (Apg 23,8). Sobald Paulus die Auferstehung ansprach, entstand deshalb ein heftiger Streit zwischen beiden Seiten. Einige Schriftgelehrte aus der Partei der Pharisäer gingen sogar so weit, Paulus zu verteidigen und zu erklären, sie fänden nichts Böses an ihm. Sie hielten es zumindest für möglich, dass ein Geist oder Engel zu ihm gesprochen hatte (Apg 23,9).

Der Konflikt wurde schließlich so heftig, dass der römische Oberst befürchtete, Paulus könne von den Streitenden zerrissen werden. Er befahl seinen Soldaten, hinabzugehen, Paulus aus ihrer Mitte herauszuholen und wieder in die Kaserne zu bringen (Apg 23,10). Damit endete auch dieser Versuch, die eigentliche Anklage gegen ihn geordnet zu klären, im Tumult. Paulus blieb Gefangener, ohne dass ihm eine Straftat nachgewiesen worden war.

Gerade in der folgenden Nacht erhielt er eine entscheidende Ermutigung. Der Herr trat zu ihm und sagte: „Sei getrost, Paulus! Denn wie du von mir in Jerusalem Zeugnis abgelegt hast, so musst du auch in Rom Zeugnis ablegen“ (Apg 23,11). Christus versprach Paulus an dieser Stelle nicht das sofortige Ende seiner Gefangenschaft. Er gab ihm vielmehr Gewissheit über den Fortgang seines Auftrags. Jerusalem sollte nicht der letzte Ort seines Zeugnisses sein. Der Wunsch des Paulus, auch Rom zu sehen, wurde nun mit einer ausdrücklichen Zusage des Herrn verbunden.

Diese Verheißung erhielt schon am nächsten Morgen besonderes Gewicht. Mehr als vierzig Männer verschworen sich und verpflichteten sich unter einem Fluch, weder zu essen noch zu trinken, bis sie Paulus getötet hätten (Apg 23,12-13). Sie gingen zu den Hohenpriestern und Ältesten und schlugen vor, Paulus unter dem Vorwand einer genaueren Untersuchung erneut vor den Hohen Rat bringen zu lassen. Sie wollten ihn auf dem Weg dorthin töten. Der Plan war vorbereitet, bevor Paulus überhaupt wieder vor dem Rat erscheinen konnte.

Doch der Anschlag wurde bekannt. Lukas erwähnt hier erstmals einen nahen Verwandten des Paulus: Der Sohn seiner Schwester hörte von dem Hinterhalt, ging in die Kaserne und berichtete Paulus davon (Apg 23,16). Dass Paulus eine Schwester hatte und ihr Sohn sich zu dieser Zeit in Jerusalem befand, gehört zu den wenigen ausdrücklichen Angaben der Bibel über seine engere Familie. Über ihre Namen, ihren Glauben oder ihre weitere Lebensgeschichte wird nichts gesagt.

Paulus ließ einen Hauptmann rufen und bat ihn, den jungen Mann zum Obersten zu bringen. Sein Neffe berichtete diesem unter vier Augen von dem geplanten Anschlag. Der Oberst nahm die Warnung ernst und forderte ihn auf, niemandem zu sagen, dass er ihn darüber informiert hatte (Apg 23,17-22). Paulus' Rettung geschah damit nicht durch ein öffentliches Wunder. Gott gebrauchte die Information eines Familienangehörigen und die Reaktion eines römischen Offiziers, um den Mordplan zu vereiteln.

Die nächtliche Zusage Christi und die Ereignisse des folgenden Tages stehen in einem deutlichen Zusammenhang. Paulus war real bedroht; mehr als vierzig Männer hatten sich zu seiner Tötung verpflichtet. Dennoch hatte Christus gesagt, dass Paulus auch in Rom Zeugnis geben müsse. Gottes Bewahrung bedeutete in diesem Fall nicht, dass die Gefahr gar nicht entstand, sondern dass der geplante Anschlag sein Ziel nicht erreichen konnte.

Der römische Oberst entschied deshalb, Paulus noch in derselben Nacht aus Jerusalem wegzubringen. Eine starke militärische Eskorte sollte ihn nach Cäsarea zum Statthalter Felix überführen (Apg 23,23-24). Damit wurde Paulus zwar vor dem unmittelbaren Mordanschlag geschützt, blieb jedoch weiterhin Gefangener. Sein Weg nach Rom begann nicht als freie Missionsreise, sondern führte zunächst unter Bewachung nach Cäsarea, wo sich seine Gefangenschaft verlängern und er sich erneut gegen schwere Anschuldigungen verteidigen musste.

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Paulus verteidigt sich vor Felix in Cäsarea

Apostelgeschichte 23,23-35 – „23 Und er ließ zwei Hauptleute zu sich rufen und sprach: Haltet zweihundert Soldaten bereit, damit sie nach Cäsarea ziehen, dazu siebzig Reiter und zweihundert Schleuderer, von der dritten Stunde der Nacht an; 24 auch soll man Tiere bereitstellen, um den Paulus daraufzusetzen und ihn zu dem Landpfleger Felix in Sicherheit zu bringen. 25 Und er schrieb einen Brief, der folgenden Inhalt hatte: 26 «…"
Apostelgeschichte 23,23-35 – „23 Und er ließ zwei Hauptleute zu sich rufen und sprach: Haltet zweihundert Soldaten bereit, damit sie nach Cäsarea ziehen, dazu siebzig Reiter und zweihundert Schleuderer, von der dritten Stunde der Nacht an; 24 auch soll man Tiere bereitstellen, um den Paulus daraufzusetzen und ihn zu dem Landpfleger Felix in Sicherheit zu bringen. 25 Und er schrieb einen Brief, der folgenden Inhalt hatte: 26 «…"
Apostelgeschichte 24,1-21 – „1 Nach fünf Tagen aber kam der Hohepriester Ananias mit den Ältesten und einem Redner, einem gewissen Tertullus, hinab; diese erschienen vor dem Landpfleger wider Paulus. 2 Als dieser aber gerufen worden war, erhob Tertullus die Anklage und sprach: 3 Daß wir viel Frieden durch dich genießen und daß diesem Volke durch deine Fürsorge bessere Zustände geschaffen worden sind, das anerkennen wir allez…"
Apostelgeschichte 24,22-27 – „22 Als Felix solches hörte, verwies er sie auf eine spätere Zeit, da er den Weg genauer kannte, und sprach: Wenn Lysias, der Oberste, herabkommt, will ich eure Sache untersuchen. 23 Und er befahl dem Hauptmann, Paulus in Gewahrsam zu halten, jedoch in milder Haft, auch keinem der Seinigen zu wehren, ihm Dienste zu leisten. 24 Nach etlichen Tagen aber kam Felix mit seinem Weibe Drusilla, die eine …"

Noch in derselben Nacht ließ der römische Oberst Paulus unter starker Bewachung aus Jerusalem fortbringen. Zweihundert Soldaten, siebzig Reiter und zweihundert Lanzenträger sollten zunächst für seine Sicherheit sorgen; außerdem wurden Reittiere bereitgestellt, damit Paulus unversehrt zum Statthalter Felix gelangte (Apg 23,23-24). Der Gefangene, dessen Tod mehr als vierzig Männer beschlossen hatten, wurde damit unter dem Schutz jener römischen Macht aus der Stadt gebracht, vor deren Behörden er sich zugleich verantworten musste.

Der Oberst Claudius Lysias sandte Felix einen Brief, in dem er den bisherigen Verlauf zusammenfasste. Er erklärte, Paulus sei von den Juden ergriffen und beinahe getötet worden; bei der Untersuchung habe sich herausgestellt, dass die Anklage Fragen ihres Gesetzes betraf und nichts enthielt, was Tod oder Gefängnis verdient hätte. Nachdem Lysias von dem geplanten Anschlag erfahren hatte, habe er Paulus deshalb sofort zu Felix geschickt und zugleich seine Ankläger angewiesen, ihre Sache dort vorzubringen (Apg 23,25-30). Damit besaß der Statthalter bereits vor der eigentlichen Anhörung einen römischen Bericht, nach dem keine todeswürdige Straftat festgestellt worden war.

Die Soldaten brachten Paulus zunächst nach Antipatris; am folgenden Tag begleiteten die Reiter ihn weiter nach Cäsarea. Nachdem Felix den Brief gelesen und erfahren hatte, dass Paulus aus Zilizien stammte, erklärte er, den Fall zu hören, sobald auch die Ankläger eingetroffen seien. Bis dahin wurde Paulus im Prätorium des Herodes bewacht (Apg 23,31-35). Damit begann eine längere Gefangenschaft in Cäsarea, während der Paulus mehrfach Gelegenheit erhielt, vor politischen Machthabern Zeugnis abzulegen.

Fünf Tage später kamen der Hohepriester Ananias, einige Älteste und ein Redner namens Tertullus nach Cäsarea. Tertullus trug die Anklage vor Felix vor und beschuldigte Paulus, ein Unruhestifter zu sein, Aufruhr unter den Juden in der ganzen Welt zu verursachen und ein Anführer der Partei der Nazarener zu sein. Außerdem behauptete er, Paulus habe versucht, den Tempel zu entweihen (Apg 24,1-6). Die Anklage verband damit religiöse Vorwürfe mit dem Verdacht politischer Unruhe – ein Vorwurf, der für einen römischen Statthalter besonders bedeutsam sein konnte.

Paulus erhielt anschließend Gelegenheit zur Verteidigung. Er wies darauf hin, dass Felix leicht feststellen könne, dass er erst wenige Tage zuvor nach Jerusalem gekommen war, um anzubeten. Niemand habe ihn im Tempel mit jemandem streiten oder eine Volksmenge aufwiegeln sehen, weder dort noch in den Synagogen oder in der Stadt. Seine Gegner könnten die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen nicht beweisen (Apg 24,10-13). Paulus bestritt also klar, die ihm zugeschriebene öffentliche Unruhe verursacht zu haben.

Gleichzeitig verleugnete er seinen Glauben nicht. Er bekannte ausdrücklich, dass er Gott nach dem „Weg“ diente, den seine Gegner eine Sekte nannten. Dabei erklärte er, alles zu glauben, was im Gesetz und in den Propheten geschrieben steht, und dieselbe Hoffnung auf Gott zu besitzen, dass es eine Auferstehung der Gerechten und Ungerechten geben werde (Apg 24,14-15). Seine Verkündigung Christi verstand Paulus somit nicht als Abkehr vom Gott und von den Schriften Israels. Gerade die Hoffnung auf Auferstehung bildete für ihn eine Verbindung zwischen den Verheißungen der Schrift und dem Evangelium, das er verkündigte.

Auch den unmittelbaren Anlass seiner Anwesenheit in Jerusalem erklärte Paulus. Nach mehreren Jahren sei er gekommen, um seinem Volk Gaben zu bringen und Opfer darzubringen. Dabei hätten ihn Juden aus der Provinz Asia gereinigt im Tempel gefunden, ohne Menschenmenge und ohne Aufruhr. Wenn diese Männer tatsächlich eine Anklage gegen ihn hätten, so hätten gerade sie vor Felix erscheinen müssen. Die anwesenden Vertreter sollten dagegen sagen, welches Vergehen sie bei seiner Anhörung vor dem Hohen Rat festgestellt hätten – abgesehen von seiner Aussage, dass er wegen der Auferstehung der Toten vor Gericht stehe (Apg 24,17-21).

Felix vertagte den Fall. Lukas bemerkt, dass der Statthalter den „Weg“ ziemlich genau kannte und erklärte, er werde entscheiden, sobald der Oberst Lysias herabkomme. Paulus blieb unter Bewachung, erhielt jedoch gewisse Erleichterungen, und seinen Freunden wurde gestattet, für ihn zu sorgen (Apg 24,22-23). Seine Gefangenschaft war damit weniger streng als eine vollständige Isolation, doch seine Freiheit erhielt er nicht zurück.

Einige Tage später kam Felix mit seiner Frau Drusilla, die Jüdin war, und ließ Paulus holen. Er hörte ihn über den Glauben an Christus Jesus. Paulus sprach dabei über Gerechtigkeit, Selbstbeherrschung und das kommende Gericht. Felix erschrak und brach das Gespräch ab: Für diesmal solle Paulus gehen; bei Gelegenheit werde er ihn wieder rufen (Apg 24,24-25). Paulus passte seine Botschaft damit nicht an die Stellung seines Zuhörers an. Auch einem Statthalter gegenüber blieb das kommende Gericht Gottes Teil seines Zeugnisses.

Lukas nennt zugleich ein weniger ehrenhaftes Motiv für die wiederholten Gespräche: Felix hoffte, Paulus werde ihm Geld geben, und ließ ihn deshalb häufig holen. Zwei Jahre vergingen, ohne dass der Statthalter den Fall zu einem gerechten Abschluss brachte. Als Felix schließlich von Porcius Festus abgelöst wurde, ließ er Paulus weiterhin gefangen, weil er sich bei den Juden beliebt machen wollte (Apg 24,26-27). So blieb Paulus zwei Jahre lang ohne Verurteilung in Haft. Doch als ein neuer Statthalter sein Amt übernahm, wurde sein Fall erneut geöffnet – und Paulus sollte eine Entscheidung treffen, die seinen Weg endgültig in Richtung Rom lenkte.

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Paulus beruft sich auf den Kaiser

Apostelgeschichte 25,1-12 – „1 Als nun Festus in der Provinz angekommen war, zog er nach drei Tagen von Cäsarea nach Jerusalem hinauf. 2 Da wurden die Hohenpriester und die Vornehmsten der Juden bei ihm vorstellig gegen Paulus, 3 redeten ihm zu und baten es sich als eine Gunst wider ihn aus, daß er ihn nach Jerusalem holen ließe; dabei planten sie einen Anschlag, um ihn unterwegs umzubringen. 4 Da antwortete Festus, Paulus w…"
Apostelgeschichte 25,1-12 – „1 Als nun Festus in der Provinz angekommen war, zog er nach drei Tagen von Cäsarea nach Jerusalem hinauf. 2 Da wurden die Hohenpriester und die Vornehmsten der Juden bei ihm vorstellig gegen Paulus, 3 redeten ihm zu und baten es sich als eine Gunst wider ihn aus, daß er ihn nach Jerusalem holen ließe; dabei planten sie einen Anschlag, um ihn unterwegs umzubringen. 4 Da antwortete Festus, Paulus w…"
Apostelgeschichte 25,8-12 – „8 während Paulus sich also verteidigte: Weder gegen das Gesetz der Juden, noch gegen den Tempel, noch gegen den Kaiser habe ich etwas verbrochen! 9 Festus aber, der sich die Juden zu Dank verpflichten wollte, antwortete dem Paulus und sprach: Willst du nach Jerusalem hinaufziehen und dich dort hierüber von mir richten lassen? 10 Aber Paulus sprach: Ich stehe vor dem Richterstuhl des Kaisers, da m…"
Apostelgeschichte 23,11 – „11 Aber in der folgenden Nacht trat der Herr zu ihm und sprach: Sei getrost, Paulus! Denn wie du in Jerusalem von mir gezeugt hast, so sollst du auch in Rom zeugen."

Als Porcius Festus das Amt des Statthalters übernommen hatte, reiste er bereits drei Tage später von Cäsarea nach Jerusalem. Dort brachten die Hohenpriester und führenden Männer der Juden erneut ihre Anklagen gegen Paulus vor. Sie baten Festus um einen Gefallen: Paulus sollte nach Jerusalem überführt werden. Hinter diesem Wunsch stand jedoch ein geheimer Plan. Auf dem Weg wollten sie einen Anschlag verüben und Paulus töten (Apg 25,1-3). Auch nach zwei Jahren Gefangenschaft war die Feindschaft gegen ihn also nicht erloschen.

Festus ging auf diese Forderung nicht ein. Paulus werde in Cäsarea bewacht, erklärte er, und er selbst werde bald dorthin zurückkehren. Die Verantwortlichen unter den Anklägern sollten mitkommen und dort ihre Vorwürfe gegen Paulus vorbringen, wenn tatsächlich ein Verbrechen vorliege (Apg 25,4-5). Damit scheiterte erneut ein Versuch, Paulus außerhalb eines geordneten römischen Verfahrens in die Hände seiner Gegner zu bringen. Die Zusage Christi, dass Paulus auch in Rom Zeugnis ablegen werde, stand weiterhin über Ereignissen, die menschlich betrachtet jederzeit tödlich hätten enden können.

Nach acht oder zehn Tagen kehrte Festus nach Cäsarea zurück. Bereits am folgenden Tag setzte er sich auf den Richterstuhl und ließ Paulus vorführen. Die aus Jerusalem gekommenen Juden stellten sich um ihn und brachten viele schwere Beschuldigungen vor, die sie jedoch nicht beweisen konnten (Apg 25,6-7). Lukas nennt hier nicht jede einzelne Anklage erneut. Entscheidend ist seine Feststellung, dass den Vorwürfen der notwendige Beweis fehlte.

Paulus verteidigte sich knapp und eindeutig. Er erklärte, weder gegen das Gesetz der Juden noch gegen den Tempel noch gegen den Kaiser gesündigt zu haben (Apg 25,8). Damit nahm er die drei wesentlichen Bereiche der gegen ihn gerichteten Anschuldigungen auf: religiöses Fehlverhalten gegenüber dem jüdischen Gesetz, Entweihung des Tempels und politische Schuld gegenüber Rom. In keinem dieser Punkte erkannte Paulus eine Straftat an, für die er verurteilt werden konnte.

Festus befand sich jedoch in einer politischen Lage, in der er die jüdischen Führer offenbar nicht gegen sich aufbringen wollte. Lukas sagt ausdrücklich, dass er den Juden einen Gefallen tun wollte. Deshalb fragte er Paulus, ob er bereit sei, nach Jerusalem hinaufzugehen und dort vor ihm über diese Angelegenheiten gerichtet zu werden (Apg 25,9). Damit stand Paulus erneut vor der Möglichkeit, in jene Stadt zurückgebracht zu werden, in der bereits mehrfach Anschläge auf sein Leben geplant worden waren.

Paulus lehnte dies ab und berief sich nun auf sein Recht als römischer Bürger. Er erklärte, dass er vor dem Richterstuhl des Kaisers stehe, wo sein Fall verhandelt werden müsse. Den Juden habe er kein Unrecht getan, wie Festus selbst sehr wohl wisse. Zugleich machte Paulus deutlich, dass er sich einer gerechten Strafe nicht entziehen wollte: Wenn er tatsächlich etwas getan hätte, das den Tod verdiente, verweigere er sich dem Tod nicht. Wenn die Anklagen jedoch unbegründet seien, dürfe niemand ihn seinen Gegnern ausliefern (Apg 25,10-11).

Dann sprach Paulus die entscheidenden Worte: „Ich berufe mich auf den Kaiser!“ (Apg 25,11). Damit machte er von dem Recht Gebrauch, seinen Fall der höchsten römischen Instanz vorzulegen. Wie schon zuvor bei der drohenden Geißelung stand die Nutzung seiner gesetzlichen Rechte nicht im Gegensatz zu seiner Bereitschaft, für Christus zu leiden. Paulus suchte nicht um jeden Preis den Tod. Er war bereit zu leiden, wenn Treue zu seinem Auftrag dies erforderte, nahm aber zugleich rechtmäßige Möglichkeiten in Anspruch, sich einer ungerechten Auslieferung zu entziehen.

Festus besprach sich mit seinem Rat und antwortete schließlich: „Auf den Kaiser hast du dich berufen; zum Kaiser sollst du gehen!“ (Apg 25,12). Damit wurde der weitere juristische Weg festgelegt. Paulus sollte nach Rom gelangen – nicht aufgrund eines frei geplanten Missionsvorhabens, sondern als Gefangener, dessen Berufung vor dem Kaiser verhandelt werden musste. Gerade darin begann sich die Verheißung Christi aus der Nacht in Jerusalem auf unerwartete Weise weiter zu erfüllen.

Für Festus entstand jedoch ein neues Problem. Er sollte einen Gefangenen nach Rom senden, ohne eine klare Anklage formulieren zu können. Wenige Tage später traf König Agrippa mit Bernice in Cäsarea ein. Festus legte ihm den ungewöhnlichen Fall des Paulus vor und erklärte, dass es bei dem Streit nicht um die von ihm erwarteten Verbrechen ging, sondern um religiöse Fragen und insbesondere um „einen gewissen Jesus, der gestorben ist, von dem Paulus behauptete, er lebe“ (Apg 25,19). Damit rückte erneut der eigentliche Kern der Auseinandersetzung hervor.

Agrippa wollte Paulus selbst hören. So erhielt der gefangene Apostel noch vor seiner Reise nach Rom die Gelegenheit, vor einem König, einem römischen Statthalter und den führenden Männern der Stadt Zeugnis abzulegen. Was äußerlich wie eine weitere Anhörung in einer langwierigen Gefangenschaft erschien, wurde für Paulus zu einer Bühne, auf der er erneut von seiner Begegnung mit Christus, seiner Berufung und der Hoffnung der Auferstehung sprechen konnte.

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Paulus bezeugt Christus vor König Agrippa

Apostelgeschichte 25,13-26 – „13 Als aber etliche Tage vergangen waren, kam der König Agrippa mit Bernice nach Cäsarea, um Festus zu begrüßen. 14 Und da sie sich mehrere Tage dort aufhielten, legte Festus dem König die Sache des Paulus vor und sprach: Es ist von Felix ein Mann gefangen zurückgelassen worden, 15 wegen dessen, als ich in Jerusalem war, die Hohenpriester und Ältesten der Juden vorstellig wurden, indem sie seine …"
Apostelgeschichte 25,13-26 – „13 Als aber etliche Tage vergangen waren, kam der König Agrippa mit Bernice nach Cäsarea, um Festus zu begrüßen. 14 Und da sie sich mehrere Tage dort aufhielten, legte Festus dem König die Sache des Paulus vor und sprach: Es ist von Felix ein Mann gefangen zurückgelassen worden, 15 wegen dessen, als ich in Jerusalem war, die Hohenpriester und Ältesten der Juden vorstellig wurden, indem sie seine …"
Apostelgeschichte 26,9-18 – „9 Ich habe zwar auch gemeint, ich müßte gegen den Namen Jesus von Nazareth viel Feindseliges verüben, 10 was ich auch zu Jerusalem tat; und viele der Heiligen ließ ich ins Gefängnis schließen, wozu ich von den Hohenpriestern die Vollmacht empfangen hatte, und wenn sie getötet werden sollten, gab ich die Stimme dazu. 11 Und in allen Synagogen zwang ich sie oft durch Strafen, zu lästern, und über d…"
Apostelgeschichte 26,22-23 – „22 Aber da mir Hilfe von Gott widerfahren ist, so stehe ich bis auf diesen Tag und lege Zeugnis ab vor Kleinen und Großen und lehre nichts anderes, als was die Propheten und Mose gesagt haben, daß es geschehen werde: 23 nämlich, daß Christus leiden müsse und daß er, der Erstling aus der Auferstehung der Toten, Licht verkündigen werde dem Volke und auch den Heiden."
Apostelgeschichte 26,27-29 – „27 Glaubst du, König Agrippa, den Propheten? Ich weiß, daß du glaubst. 28 Agrippa aber sprach zu Paulus: Du überredest mich bald, daß ich ein Christ werde! 29 Paulus erwiderte: Ich wünschte zu Gott, daß über kurz oder lang nicht allein du, sondern auch alle, die mich heute hören, solche würden, wie ich bin, ausgenommen diese Bande!"

Nachdem Paulus sich auf den Kaiser berufen hatte, trafen König Agrippa und Bernice in Cäsarea ein, um Festus zu begrüßen. Weil sie mehrere Tage dort blieben, berichtete Festus dem König von dem ungewöhnlichen Gefangenen, den Felix zurückgelassen hatte. Er erklärte, die führenden Juden hätten in Jerusalem eine Verurteilung des Paulus verlangt, er selbst habe jedoch darauf bestanden, dass ein Angeklagter seinen Anklägern gegenübergestellt werden und Gelegenheit zur Verteidigung erhalten müsse. Zu Festus’ Überraschung betrafen die vorgebrachten Streitfragen vor allem ihre Religion und Jesus, „der gestorben ist, von dem Paulus behauptete, er lebe“ (Apg 25,13-19).

Agrippa äußerte den Wunsch, Paulus selbst zu hören. Am folgenden Tag erschien er mit Bernice unter großem Gepränge gemeinsam mit den Obersten und angesehenen Männern der Stadt im Audienzsaal. Festus ließ Paulus vorführen und erklärte den Anwesenden, dass die jüdischen Führer seinen Tod verlangten, er selbst aber nichts gefunden habe, was den Tod verdiente. Weil Paulus sich auf den Kaiser berufen hatte, müsse er nach Rom gesandt werden. Festus stand jedoch vor dem Problem, seinem Herrn keine klare Anklage gegen den Gefangenen vorlegen zu können. Die Anhörung sollte deshalb helfen, den Fall genauer zu bestimmen (Apg 25,23-27).

Agrippa erlaubte Paulus, für sich selbst zu sprechen. Paulus begann mit der Bitte, geduldig angehört zu werden, weil Agrippa mit den jüdischen Gebräuchen und Streitfragen vertraut war. Er führte seine Zuhörer erneut in seine frühere Lebensgeschichte zurück. Seine Lebensweise unter seinem Volk sei bekannt gewesen; nach der strengsten Richtung ihrer Religion habe er als Pharisäer gelebt. Nun stehe er wegen der Hoffnung auf die Verheißung vor Gericht, die Gott den Vätern gegeben hatte. Paulus stellte die Hoffnung auf Auferstehung deshalb nicht als fremde Neuerung dar, sondern fragte: „Warum wird es bei euch für unglaublich gehalten, dass Gott Tote auferweckt?“ (Apg 26,4-8).

Dann bekannte Paulus mit großer Offenheit seine frühere Feindschaft gegen Jesus. Er selbst habe gemeint, gegen den Namen Jesu von Nazareth viel unternehmen zu müssen. Mit Vollmacht der Hohenpriester habe er viele Heilige ins Gefängnis gebracht und ihrer Tötung zugestimmt. In den Synagogen habe er versucht, sie durch Bestrafungen zum Widerruf zu zwingen, und in seinem maßlosen Zorn habe er sie sogar bis in auswärtige Städte verfolgt (Apg 26,9-11). Paulus beschönigte diese Vergangenheit vor den Mächtigen nicht. Gerade der frühere Verfolger war nun der Zeuge dafür, dass seine Haltung gegenüber Jesus nicht durch einen allmählichen menschlichen Meinungswechsel verändert worden war.

Auf diesem Hintergrund erzählte Paulus erneut von der Reise nach Damaskus. Mit Vollmacht und Auftrag der Hohenpriester unterwegs, habe er zur Mittagszeit ein Licht vom Himmel gesehen, heller als die Sonne, das ihn und seine Begleiter umstrahlte. Alle seien zu Boden gefallen, und Paulus habe eine Stimme gehört: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ Auf seine Frage nach der Identität des Sprechers habe die Antwort gelautet: „Ich bin Jesus, den du verfolgst“ (Apg 26,12-15). Vor Agrippa wird damit besonders deutlich, dass der Inhalt seiner späteren Verkündigung aus seiner Begegnung mit dem auferstandenen Christus hervorging.

Paulus gab anschließend ausführlicher wieder, welchen Auftrag Christus ihm erteilt hatte. Jesus hatte ihn zum Diener und Zeugen bestimmt und wollte ihn zu seinem Volk und zu den Völkern senden. Menschen sollten durch seine Verkündigung die Augen geöffnet werden, sich von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt Satans zu Gott wenden und Vergebung der Sünden sowie ein Erbe unter denen empfangen, die durch den Glauben an Christus geheiligt sind (Apg 26,16-18). Paulus verstand seinen Dienst damit nicht als persönliche Lebensaufgabe, die er selbst gewählt hatte. Er stand unter einem Auftrag, dessen Mittelpunkt Gottes rettendes Handeln in Christus war.

Darum erklärte Paulus Agrippa: „Daher, König Agrippa, war ich der himmlischen Erscheinung nicht ungehorsam“ (Apg 26,19). Er habe zuerst in Damaskus, dann in Jerusalem und im ganzen Gebiet Judäas sowie unter den Völkern verkündigt, dass Menschen Buße tun, sich zu Gott bekehren und Werke vollbringen sollten, die der Umkehr entsprechen. Gerade deshalb hätten Juden ihn im Tempel ergriffen und versucht, ihn zu töten. Paulus trennte dabei Gnade und verändertes Leben nicht voneinander. Die Umkehr zu Gott sollte in einem Leben sichtbar werden, das dieser Umkehr entsprach.

Bis zu diesem Tag, so erklärte Paulus weiter, habe er Gottes Hilfe erfahren und stehe deshalb noch immer da, um Kleinen wie Großen Zeugnis zu geben. Dabei verkündige er nichts anderes als das, wovon Mose und die Propheten gesagt hätten, dass es geschehen werde: Der Christus müsse leiden und als Erster durch die Auferstehung aus den Toten Licht für das Volk und für die Völker verkündigen (Apg 26,22-23). Damit verdichtete Paulus noch einmal seinen gesamten Dienst. Sein Evangelium beruhte für ihn auf Gottes Verheißungen und fand seinen Mittelpunkt im Leiden und in der Auferstehung Jesu.

An diesem Punkt unterbrach Festus ihn laut und erklärte, Paulus sei wahnsinnig; seine große Gelehrsamkeit treibe ihn in den Wahnsinn. Paulus antwortete respektvoll, aber bestimmt, er rede Worte der Wahrheit und Besonnenheit. Dann wandte er sich direkt an Agrippa. Diese Dinge seien nicht im Verborgenen geschehen, und der König kenne sie. Schließlich fragte Paulus: „Glaubst du den Propheten, König Agrippa? Ich weiß, dass du glaubst“ (Apg 26,24-27). Damit war aus der Anhörung des Gefangenen eine persönliche Herausforderung an den König geworden.

Agrippas Antwort lässt sich nicht sicher als echtes Glaubensbekenntnis verstehen. Er fragte Paulus sinngemäß, ob dieser meine, ihn in so kurzer Zeit zum Christen machen zu können. Paulus antwortete, er bete zu Gott, dass nicht nur Agrippa, sondern alle Zuhörer so würden wie er – „ausgenommen diese Fesseln“ (Apg 26,28-29). Darin liegt die besondere Umkehrung dieser Szene: Äußerlich stand Paulus als Gefangener vor freien und mächtigen Menschen. Geistlich jedoch sah er sich nicht als denjenigen, dessen Zustand sie vermeiden sollten, sondern wünschte ihnen seinen Glauben an Christus, nur nicht seine Ketten.

Nach der Anhörung zogen sich Agrippa, Festus, Bernice und die übrigen Verantwortlichen zurück. Untereinander waren sie sich einig: Paulus hatte nichts getan, was Tod oder Gefangenschaft verdiente. Agrippa sagte zu Festus sogar, dieser Mann hätte freigelassen werden können, wenn er sich nicht auf den Kaiser berufen hätte (Apg 26,30-32). Damit endete eine weitere Untersuchung mit derselben Grundfeststellung: Paulus blieb nicht deshalb gefangen, weil eine todeswürdige Schuld nachgewiesen worden war. Seine Berufung auf den Kaiser bestimmte nun jedoch den weiteren Weg. Er sollte nach Rom gebracht werden – und zwischen Cäsarea und Rom lag eine gefährliche Seereise, auf der sich erneut zeigen würde, dass die Zusage Christi auch durch Sturm, Schiffbruch und Todesgefahr hindurch Bestand hatte.

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Paulus auf dem Weg nach Rom

Apostelgeschichte 27,1-26 – „1 Als es aber beschlossen worden war, daß wir nach Italien abfahren sollten, übergaben sie Paulus und einige andere Gefangene einem Hauptmann namens Julius von der Kaiserlichen Schar. 2 Nachdem wir aber ein adramyttenisches Schiff bestiegen hatten, welches der kleinasiatischen Küste entlang fahren sollte, reisten wir ab in Begleitung des Mazedoniers Aristarchus aus Thessalonich. 3 Und am andern T…"
Apostelgeschichte 27,1-26 – „1 Als es aber beschlossen worden war, daß wir nach Italien abfahren sollten, übergaben sie Paulus und einige andere Gefangene einem Hauptmann namens Julius von der Kaiserlichen Schar. 2 Nachdem wir aber ein adramyttenisches Schiff bestiegen hatten, welches der kleinasiatischen Küste entlang fahren sollte, reisten wir ab in Begleitung des Mazedoniers Aristarchus aus Thessalonich. 3 Und am andern T…"
Apostelgeschichte 27,9-12 – „9 Da aber schon geraume Zeit verflossen war und die Schiffahrt gefährlich wurde, weil auch die Fastenzeit bereits vorüber war, warnte Paulus und sprach zu ihnen: 10 Ihr Männer, ich sehe, daß die Schiffahrt mit Schädigung und großem Verlust nicht nur für die Ladung und das Schiff, sondern auch für unser Leben verbunden sein wird! 11 Aber der Hauptmann glaubte dem Steuermann und dem Schiffsherrn me…"
Apostelgeschichte 27,21-26 – „21 Und da man lange ohne Nahrung geblieben war, trat Paulus mitten unter sie und sprach: Man hätte zwar, ihr Männer, mir gehorchen und nicht von Kreta abfahren und sich diese Schädigung und den Verlust ersparen sollen. 22 Doch auch jetzt ermahne ich euch, guten Mutes zu sein, denn kein Leben von euch wird verloren gehen, nur das Schiff. 23 Denn in dieser Nacht trat zu mir ein Engel des Gottes, de…"

Nachdem feststand, dass Paulus nach Rom gebracht werden sollte, wurde er zusammen mit anderen Gefangenen einem Hauptmann namens Julius aus der kaiserlichen Schar übergeben. Lukas spricht in diesem Abschnitt erneut in der Wir-Form und gehörte damit zu den Begleitern der Reise. Auch Aristarchus aus Thessalonich war dabei (Apg 27,1-2). Paulus trat die Fahrt nicht als freier Missionar an, sondern als Gefangener des römischen Staates. Dennoch führte ihn gerade dieser Weg in jene Stadt, von der Christus ihm bereits in Jerusalem gesagt hatte, dass er auch dort Zeugnis ablegen müsse.

Das erste Schiff fuhr entlang der Küste Kleinasiens. Bereits am folgenden Tag erreichten sie Sidon. Julius behandelte Paulus freundlich und erlaubte ihm, seine Freunde aufzusuchen und sich von ihnen versorgen zu lassen (Apg 27,3). Auch während seiner Gefangenschaft blieb Paulus somit mit anderen Gläubigen verbunden. Der Bericht zeigt zugleich, dass sein Verhältnis zu den römischen Bewachern nicht durchgehend von Feindschaft geprägt war. Mehrfach begegneten ihm Amtsträger, die erkennbar unterschieden zwischen seiner Gefangenenstellung und einer persönlichen Gefährlichkeit.

Die Weiterfahrt wurde durch ungünstige Winde erschwert. Sie segelten im Schutz Zyperns, durchquerten das Meer vor Zilizien und Pamphylien und erreichten Myra in Lyzien. Dort fand der Hauptmann ein alexandrinisches Schiff, das nach Italien fuhr, und brachte die Gefangenen an Bord (Apg 27,4-6). Doch auch mit diesem größeren Schiff kamen sie nur langsam voran. Mit Mühe erreichten sie die Gegend bei Knidus und fuhren schließlich im Schutz Kretas bis zu einem Ort namens Gute Häfen.

Inzwischen war viel Zeit vergangen, und die Schifffahrt wurde gefährlich. Lukas erwähnt, dass auch „das Fasten“ bereits vorüber war, wodurch deutlich wird, dass die Reise in eine Jahreszeit geraten war, in der das Wetter zunehmend unsicher wurde (Apg 27,9). Paulus warnte die Verantwortlichen, dass die weitere Fahrt mit großem Schaden für Ladung und Schiff und sogar mit Gefahr für das Leben verbunden sein werde. Der Hauptmann vertraute jedoch dem Steuermann und dem Schiffsherrn mehr als Paulus. Weil der Hafen außerdem zum Überwintern ungeeignet erschien, entschied die Mehrheit, weiterzufahren und möglichst Phönix auf Kreta zu erreichen (Apg 27,10-12).

Zunächst schien diese Entscheidung bestätigt zu werden. Ein leichter Südwind kam auf, und die Seeleute meinten, ihr Ziel erreichen zu können. Doch kurz darauf brach ein gewaltiger Sturmwind los, der in der Apostelgeschichte als Euroklydon beziehungsweise Nordoststurm bezeichnet wird. Das Schiff wurde erfasst und konnte dem Wind nicht mehr standhalten, sodass die Besatzung sich treiben lassen musste (Apg 27,13-15). Aus einer scheinbar kontrollierten Küstenfahrt wurde innerhalb kurzer Zeit eine lebensbedrohliche Situation.

Die Mannschaft versuchte alles, um das Schiff zu sichern. Das Beiboot wurde mit Mühe eingeholt, das Schiff wurde mit Seilen umspannt, und aus Furcht, auf die Syrte getrieben zu werden, wurden Maßnahmen getroffen, um die Fahrt zu verlangsamen. Am folgenden Tag warf man Ladung über Bord, am dritten Tag sogar Teile der Schiffsausrüstung (Apg 27,16-19). Der Sturm hielt jedoch an. Viele Tage lang waren weder Sonne noch Sterne zu sehen, und Lukas fasst die Lage schließlich mit den Worten zusammen, dass ihnen alle Hoffnung auf Rettung genommen war (Apg 27,20).

Gerade in diesem Augenblick trat Paulus hervor. Nachdem lange kaum Nahrung aufgenommen worden war, stellte er sich unter die Menschen an Bord. Er erinnerte daran, dass es besser gewesen wäre, seiner Warnung auf Kreta zu folgen, doch er blieb nicht bei diesem Rückblick stehen. Vielmehr forderte er sie auf, Mut zu fassen: Keiner von ihnen werde sein Leben verlieren; nur das Schiff werde untergehen (Apg 27,21-22). Die Grundlage dieser Hoffnung war nicht Paulus’ Erfahrung als Reisender, sondern eine Offenbarung Gottes.

Paulus erklärte, in der vergangenen Nacht habe ein Engel des Gottes bei ihm gestanden, dem er gehöre und diene. Die Botschaft lautete: „Fürchte dich nicht, Paulus! Du musst vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir alle geschenkt, die mit dir fahren“ (Apg 27,23-24). Damit wurde die frühere Zusage Christi erneut bestätigt. Paulus sollte Rom erreichen. Der Sturm war real, das Schiff würde verloren gehen, doch Gottes Auftrag war durch die Gewalt des Meeres nicht aufgehoben.

Paulus zog daraus eine klare Folgerung für alle an Bord: Sie sollten guten Mutes sein, denn er vertraue Gott, dass es so geschehen werde, wie es ihm gesagt worden war. Zugleich fügte er hinzu, dass sie auf eine Insel verschlagen werden müssten (Apg 27,25-26). Sein Glaube bedeutete damit keine Verharmlosung der Gefahr. Das Schiff blieb dem Untergang geweiht, und ein Schiffbruch stand bevor. Gottes Zusage bestand nicht darin, jede Bedrohung zu verhindern, sondern darin, Paulus und die Menschen mit ihm durch diese Bedrohung hindurch zu bewahren.

Noch viele Tage trieb das Schiff über das Meer. Die Besatzung wusste nicht sicher, wo sie sich befand, und die Gefahr nahm weiter zu. Doch während anderen jede Hoffnung genommen worden war, besaß Paulus nun ein Wort, auf das er sich verlassen konnte. Als sich schließlich Land näherte und einige Seeleute heimlich zu fliehen versuchten, sollte sich zeigen, dass die angekündigte Rettung nicht zur Passivität führte. Paulus blieb aufmerksam, warnte den Hauptmann und übernahm mitten im Sturm zunehmend eine Rolle, die weit über die eines gewöhnlichen Gefangenen hinausging.

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Paulus überlebt den Schiffbruch

Apostelgeschichte 27,27-44 – „27 Als nun die vierzehnte Nacht kam, seitdem wir auf dem Adriatischen Meere umhergetrieben wurden, vermuteten die Schiffsleute um Mitternacht, daß sich ihnen Land nähere. 28 Und sie ließen das Senkblei hinunter und fanden zwanzig Klafter. Und als sie ein wenig weitergefahren waren und es wieder hinunterließen, fanden sie fünfzehn Klafter. 29 Und da sie fürchteten, wir könnten auf Klippen geworfen…"
Apostelgeschichte 27,27-44 – „27 Als nun die vierzehnte Nacht kam, seitdem wir auf dem Adriatischen Meere umhergetrieben wurden, vermuteten die Schiffsleute um Mitternacht, daß sich ihnen Land nähere. 28 Und sie ließen das Senkblei hinunter und fanden zwanzig Klafter. Und als sie ein wenig weitergefahren waren und es wieder hinunterließen, fanden sie fünfzehn Klafter. 29 Und da sie fürchteten, wir könnten auf Klippen geworfen…"
Apostelgeschichte 27,31-36 – „31 sprach Paulus zu dem Hauptmann und zu den Soldaten: Wenn diese nicht im Schiff bleiben, könnt ihr nicht gerettet werden. 32 Da hieben die Kriegsknechte die Stricke des Bootes ab und ließen es hinunterfallen. 33 Bis es aber Tag werden wollte, ermahnte Paulus alle, Speise zu sich zu nehmen, und sprach: Es ist heute der vierzehnte Tag, daß ihr vor banger Erwartung ohne Nahrung geblieben seid und …"
Apostelgeschichte 27,42-44 – „42 Von den Soldaten aber wurde vorgeschlagen, man solle die Gefangenen töten, damit keiner schwimmend entfliehe. 43 Der Hauptmann aber, der den Paulus retten wollte, verhinderte ihr Vorhaben und befahl, wer schwimmen könne, solle sich zuerst ins Meer werfen, um ans Land zu kommen, und die übrigen teils auf Brettern, teils auf Schiffstrümmern. 44 Und so geschah es, daß alle ans Land gerettet wurde…"

In der vierzehnten Nacht trieb das Schiff noch immer über das Adriatische Meer. Gegen Mitternacht vermuteten die Seeleute, dass sich Land näherte. Sie loteten die Tiefe und stellten zunächst zwanzig, wenig später nur noch fünfzehn Faden fest. Aus Angst, auf Felsen zu geraten, warfen sie vom Heck vier Anker aus und warteten auf den Morgen (Apg 27,27-29). Die Gefahr war damit keineswegs vorüber. Obwohl Paulus Gottes Zusage kannte, mussten die Menschen an Bord weiterhin verantwortungsvoll handeln.

Einige Seeleute versuchten jedoch, sich heimlich in Sicherheit zu bringen. Unter dem Vorwand, auch vom Bug Anker ausbringen zu wollen, ließen sie das Beiboot ins Meer hinab. Paulus bemerkte ihre Absicht und sagte zum Hauptmann und zu den Soldaten: „Wenn diese nicht im Schiff bleiben, könnt ihr nicht gerettet werden“ (Apg 27,30-31). Daraufhin schnitten die Soldaten die Seile des Beiboots durch und ließen es forttreiben. Gottes Zusage, dass alle Menschen an Bord bewahrt würden, machte menschliches Handeln also nicht überflüssig. Die verheißene Rettung schloss konkrete Schritte des Gehorsams und der Vernunft ein.

Kurz vor Tagesanbruch forderte Paulus alle auf, Nahrung zu sich zu nehmen. Seit vierzehn Tagen, sagte er, hätten sie unter der Anspannung gewartet und kaum etwas gegessen. Nun benötigten sie Kraft für das, was bevorstand. Er versicherte ihnen erneut, dass keinem von ihnen ein Haar vom Haupt verloren gehen werde (Apg 27,33-34). Paulus sprach damit nicht aus bloßem Optimismus. Seine Zuversicht gründete auf der zuvor empfangenen Zusage Gottes.

Dann nahm Paulus Brot, dankte Gott vor allen, brach es und begann zu essen. Die anderen fassten daraufhin neuen Mut und nahmen ebenfalls Nahrung zu sich. Lukas nennt die Zahl der Menschen an Bord mit insgesamt 276 Personen (Apg 27,35-37). Mitten in Sturm, Erschöpfung und drohendem Schiffbruch dankte Paulus öffentlich Gott. Der Gefangene wurde dadurch nicht zum Kapitän des Schiffes, aber sein Vertrauen auf Gott gab einer verzweifelten Gemeinschaft Orientierung.

Nachdem sich alle satt gegessen hatten, erleichterten sie das Schiff, indem sie den restlichen Weizen ins Meer warfen. Als es Tag wurde, erkannten die Seeleute das Land zwar nicht, bemerkten aber eine Bucht mit einem Strand. Sie beschlossen, wenn möglich, das Schiff dort auflaufen zu lassen. Sie lösten die Anker, ließen sie im Meer zurück, machten die Steuerruder frei, hissten das Vordersegel und hielten auf das Ufer zu (Apg 27,38-40).

Doch das Schiff erreichte den Strand nicht unbeschädigt. Es geriet auf eine Untiefe, der Bug bohrte sich fest und blieb unbeweglich, während das Heck durch die Gewalt der Wellen zerbrach (Apg 27,41). Damit erfüllte sich genau das, was Paulus angekündigt hatte: Das Schiff ging verloren. Gottes Bewahrung bestand nicht darin, das Fahrzeug vor jedem Schaden zu schützen, sondern darin, die Menschen durch den Untergang hindurch am Leben zu erhalten.

Nun entstand für Paulus und die anderen Gefangenen eine zusätzliche Gefahr. Die Soldaten wollten die Gefangenen töten, damit niemand schwimmend entkommen konnte (Apg 27,42). Aus ihrer Sicht konnte eine Flucht der ihnen anvertrauten Gefangenen schwere persönliche Folgen haben. Doch der Hauptmann Julius wollte Paulus retten und verhinderte deshalb den Plan. Er befahl denjenigen, die schwimmen konnten, zuerst ins Meer zu springen und an Land zu gelangen; die übrigen sollten auf Brettern oder anderen Teilen des Schiffes folgen.

Am Ende geschah, was Gott durch seinen Boten angekündigt hatte: „So geschah es, dass alle gerettet ans Land kamen“ (Apg 27,44). Von den 276 Menschen an Bord ging keiner verloren. Die Rettung vollzog sich nicht auf eine einzige Weise. Manche schwammen, andere hielten sich an Trümmern fest; der Hauptmann verhinderte die Tötung der Gefangenen, und zuvor waren die Seeleute zum Bleiben an Bord gezwungen worden. Hinter diesen unterschiedlichen menschlichen Handlungen stand jedoch die Verheißung Gottes, dass Paulus vor den Kaiser treten und auch die Menschen mit ihm bewahrt werden sollten.

Der Schiffbruch zeigt damit besonders deutlich, wie Gottes Zusage und menschliche Verantwortung in Paulus’ Leben zusammenwirkten. Paulus wusste, dass Gott retten würde, und gerade deshalb warnte er, handelte, ermutigte und sorgte dafür, dass notwendige Schritte getan wurden. Glaube führte ihn nicht zur Passivität. Er vertraute dem Wort Gottes so sehr, dass er mitten in einer scheinbar aussichtslosen Lage vernünftig und entschlossen handeln konnte.

Erst nachdem alle das Ufer erreicht hatten, erfuhren sie, wo sie gestrandet waren: Die Insel hieß Malta. Paulus hatte Rom noch nicht erreicht, doch erneut war ein Ereignis eingetreten, das seinen Tod hätte bedeuten können, ohne die Zusage Christi aufzuheben. Auf Malta sollte sein Aufenthalt wiederum nicht nur eine unfreiwillige Unterbrechung der Reise bleiben. Auch dort öffneten sich Begegnungen, durch die Gottes Wirken unter den Bewohnern der Insel sichtbar wurde.

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Paulus auf Malta

Apostelgeschichte 28,1-10 – „1 Und als wir gerettet waren, da erfuhren wir, daß die Insel Melite hieß. 2 Die Barbaren aber erzeigten uns ungewöhnliche Menschenfreundlichkeit; denn sie zündeten ein Feuer an und holten uns alle herbei wegen des anhaltenden Regens und um der Kälte willen. 3 Als aber Paulus einen Haufen Reiser zusammenraffte und auf das Feuer legte, kam infolge der Hitze eine Otter hervor und fuhr ihm an die Han…"
Apostelgeschichte 28,1-10 – „1 Und als wir gerettet waren, da erfuhren wir, daß die Insel Melite hieß. 2 Die Barbaren aber erzeigten uns ungewöhnliche Menschenfreundlichkeit; denn sie zündeten ein Feuer an und holten uns alle herbei wegen des anhaltenden Regens und um der Kälte willen. 3 Als aber Paulus einen Haufen Reiser zusammenraffte und auf das Feuer legte, kam infolge der Hitze eine Otter hervor und fuhr ihm an die Han…"
Apostelgeschichte 28,3-6 – „3 Als aber Paulus einen Haufen Reiser zusammenraffte und auf das Feuer legte, kam infolge der Hitze eine Otter hervor und fuhr ihm an die Hand. 4 Wie aber die Einwohner das Tier an seiner Hand hängen sahen, sprachen sie zueinander: Gewiß ist dieser Mensch ein Mörder, den, ob er sich gleich aus dem Meere gerettet hat, die Rache dennoch nicht leben läßt. 5 Er jedoch schleuderte das Tier ins Feuer u…"
Apostelgeschichte 28,7-10 – „7 Aber in der Umgebung jenes Ortes hatte der Vornehmste der Insel, namens Publius, ein Landgut; dieser nahm uns auf und beherbergte uns drei Tage lang freundlich. 8 Es begab sich aber, daß der Vater des Publius am Fieber und an der Ruhr krank darniederlag. Paulus ging zu ihm hinein, betete und legte ihm die Hände auf und machte ihn gesund. 9 Daraufhin kamen auch die übrigen Kranken auf der Insel …"

Nachdem alle den Schiffbruch überlebt hatten, erfuhren Paulus und seine Begleiter, dass die Insel Malta hieß. Die Bewohner begegneten den Gestrandeten mit ungewöhnlicher Freundlichkeit. Wegen des einsetzenden Regens und der Kälte entzündeten sie ein Feuer und nahmen alle auf (Apg 28,1-2). Die 276 Menschen hatten zwar ihr Schiff und ihre Ladung verloren, waren aber nicht ohne Versorgung geblieben. Gottes Bewahrung setzte sich nun durch die Gastfreundschaft von Menschen fort, die Paulus zuvor nicht gekannt hatte.

Paulus selbst beteiligte sich an der Arbeit. Als er ein Bündel Reisig gesammelt und auf das Feuer gelegt hatte, kam infolge der Hitze eine Schlange heraus und biss sich an seiner Hand fest (Apg 28,3). Die Inselbewohner sahen das Tier hängen und deuteten das Geschehen sofort religiös. Sie meinten, Paulus müsse ein Mörder sein: Obwohl er dem Meer entkommen sei, lasse die Gerechtigkeit ihn nun doch nicht leben (Apg 28,4). Ihre Schlussfolgerung beruhte jedoch nicht auf Kenntnis seiner Geschichte, sondern auf ihrer eigenen Deutung des Unglücks.

Paulus schüttelte die Schlange ins Feuer und erlitt keinen Schaden. Die Bewohner erwarteten zunächst, dass er anschwellen oder plötzlich tot umfallen würde. Als sie lange warteten und nichts dergleichen geschah, änderten sie ihre Meinung ins Gegenteil und hielten ihn für einen Gott (Apg 28,5-6). Damit zeigt der Bericht innerhalb weniger Verse zwei vorschnelle menschliche Urteile: Erst galt Paulus aufgrund seines Unglücks als schwerer Verbrecher, dann wegen seiner Bewahrung als göttliches Wesen. Lukas bestätigt keines von beiden.

In der Nähe des Ortes besaß Publius, der erste Mann der Insel, Landgüter. Er nahm Paulus und seine Begleiter freundlich auf und beherbergte sie drei Tage lang (Apg 28,7). Während dieses Aufenthalts lag der Vater des Publius krank an Fieber und Ruhr. Paulus ging zu ihm, betete, legte ihm die Hände auf und heilte ihn (Apg 28,8). Wieder erscheint Paulus nicht als jemand, der aus eigener Kraft über Krankheit verfügt. Das Gebet geht der Heilung voraus und richtet den Blick auf Gott.

Nachdem dies geschehen war, kamen auch andere Kranke der Insel zu Paulus und wurden geheilt (Apg 28,9). Der unfreiwillige Aufenthalt nach dem Schiffbruch wurde dadurch zu einer Gelegenheit, Menschen zu dienen. Paulus war weiterhin Gefangener und wartete auf die Weiterreise nach Rom, doch sein Dienst war deshalb nicht unterbrochen. Wo er sich befand, konnte Christus ihn gebrauchen.

Die Bewohner ehrten Paulus und seine Begleiter schließlich auf vielfältige Weise. Als nach dem Winter die Weiterreise möglich wurde, versorgten sie die Gruppe mit allem, was sie für die Fahrt benötigte (Apg 28,10). Dieselben Menschen, die Paulus zunächst aufgrund eines Schlangenbisses verurteilt hatten, begegneten ihm nun mit großer Wertschätzung. Der Text legt den Schwerpunkt jedoch nicht darauf, dass Paulus gesellschaftliche Anerkennung gewann, sondern darauf, wie aus einer Katastrophe unerwartete Versorgung und Dienstmöglichkeiten entstanden.

Drei Monate blieben sie auf Malta, bevor sie ihre Reise fortsetzen konnten (Apg 28,11). Die Bibel berichtet aus dieser Zeit nur die genannten Ereignisse und erlaubt keine weitergehende Rekonstruktion seines Wirkens auf der Insel. Sicher ist jedoch: Weder Sturm noch Schiffbruch noch die Schlange hatten den Weg beendet, den Christus für Paulus angekündigt hatte.

Schließlich bestiegen Paulus und seine Begleiter ein alexandrinisches Schiff, das auf Malta überwintert hatte. Über Syrakus, Rhegium und Puteoli näherten sie sich ihrem Ziel. Dort traf Paulus erneut auf Brüder, und die Nachricht von seiner Ankunft gelangte bis nach Rom. Der lange Weg, der Jahre zuvor mit der Zusage Christi begonnen hatte, dass Paulus auch in Rom Zeugnis geben müsse, stand unmittelbar vor seiner Erfüllung.

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Paulus erreicht Rom

Apostelgeschichte 28,11-22 – „11 Nach drei Monaten aber fuhren wir ab auf einem Schiffe von Alexandria, das auf der Insel überwintert hatte und das Zeichen der Zwillinge führte. 12 Und wir liefen in Syrakus ein und blieben drei Tage daselbst. 13 Und von da segelten wir um die Küste herum und kamen nach Regium; und da sich nach einem Tage der Südwind erhob, gelangten wir am zweiten Tage nach Puteoli. 14 Daselbst fanden wir Brü…"
Apostelgeschichte 28,11-22 – „11 Nach drei Monaten aber fuhren wir ab auf einem Schiffe von Alexandria, das auf der Insel überwintert hatte und das Zeichen der Zwillinge führte. 12 Und wir liefen in Syrakus ein und blieben drei Tage daselbst. 13 Und von da segelten wir um die Küste herum und kamen nach Regium; und da sich nach einem Tage der Südwind erhob, gelangten wir am zweiten Tage nach Puteoli. 14 Daselbst fanden wir Brü…"
Apostelgeschichte 28,14-16 – „14 Daselbst fanden wir Brüder und wurden von ihnen gebeten, sieben Tage zu bleiben, und so gelangten wir nach Rom. 15 Und von dort kamen die Brüder, als sie von uns gehört hatten, uns entgegen bis gen Appii Forum und Tres Tabernä. Als Paulus sie sah, dankte er Gott und faßte Mut. 16 Da wir aber nach Rom kamen, übergab der Hauptmann die Gefangenen dem Obersten der Leibwache; dem Paulus aber wurde …"
Apostelgeschichte 28,17-22 – „17 Es begab sich aber nach drei Tagen, daß er die Vornehmsten der Juden zusammenrief. Und als sie versammelt waren, sprach er zu ihnen: Ihr Männer und Brüder, wiewohl ich nichts wider das Volk oder die Gebräuche der Väter getan habe, bin ich gefangen von Jerusalem aus in die Hände der Römer überliefert worden. 18 Diese wollten mich freilassen, nachdem sie mich verhört hatten, weil keine todeswürd…"

Nach drei Monaten auf Malta konnte die Reise nach Rom fortgesetzt werden. Paulus und seine Begleiter gingen an Bord eines alexandrinischen Schiffes, das auf der Insel überwintert hatte. Über Syrakus auf Sizilien und Rhegium an der süditalienischen Küste gelangten sie schließlich nach Puteoli (Apg 28,11-13). Der Weg war lang gewesen und hatte Gefangenschaft, Mordpläne, Sturm und Schiffbruch eingeschlossen. Dennoch näherte Paulus sich nun tatsächlich jener Stadt, von der Christus ihm in Jerusalem gesagt hatte, dass er auch dort Zeugnis ablegen müsse.

In Puteoli fanden die Reisenden Brüder. Diese baten sie, sieben Tage bei ihnen zu bleiben, und offenbar wurde ihnen dies gestattet (Apg 28,14). Damit begegnete Paulus bereits vor seiner Ankunft in Rom einer christlichen Gemeinschaft in Italien. Die Apostelgeschichte berichtet nicht, wer diese Gemeinde gegründet hatte oder wie das Evangelium zu ihnen gelangt war. Sicher ist jedoch, dass Paulus nicht als erster Christ nach Italien kam. Noch bevor er Rom erreichte, gab es dort Menschen, die Jesus nachfolgten.

Die Nachricht von seiner Ankunft verbreitete sich bis zu den Gläubigen in Rom. Einige kamen Paulus bis zum Forum Appii, andere bis zu den Drei Schenken entgegen. Als Paulus sie sah, dankte er Gott und fasste Mut (Apg 28,15). Diese kurze Bemerkung ist für sein persönliches Erleben bedeutsam. Paulus hatte die römischen Christen Jahre zuvor bereits angeschrieben und seinen Wunsch geäußert, sie zu besuchen. Nun erreichte er sie unter ganz anderen Umständen als ursprünglich erhofft: nicht als frei reisender Apostel, sondern unter Bewachung.

Dennoch war seine Ankunft in Rom für ihn ein Anlass zum Dank. Die Begegnung mit den Brüdern stärkte ihn. Auch Paulus, der andere immer wieder ermutigte, benötigte selbst Ermutigung. Die lange Erfahrung von Widerstand und Gefangenschaft machte ihn nicht unabhängig von der Gemeinschaft der Gläubigen. Gottes Trost begegnete ihm erneut durch Menschen, die ihm auf seinem Weg entgegenkamen.

Als Paulus schließlich in Rom eintraf, erhielt er eine besondere Form der Haft. Während die übrigen Gefangenen den zuständigen Stellen übergeben wurden, durfte Paulus für sich wohnen, allerdings zusammen mit einem Soldaten, der ihn bewachte (Apg 28,16). Seine Bewegungsfreiheit blieb also eingeschränkt, doch er wurde nicht vollständig vom Kontakt mit anderen Menschen abgeschnitten. Gerade diese Situation eröffnete ihm Möglichkeiten, Besucher zu empfangen und weiterhin Zeugnis abzulegen.

Bereits nach drei Tagen rief Paulus die führenden Juden Roms zusammen. Er wollte nicht warten, bis sie ausschließlich durch seine Gegner von seinem Fall hörten. Er erklärte ihnen, dass er nichts gegen das jüdische Volk oder die überlieferten Gebräuche getan habe, dennoch in Jerusalem als Gefangener den Römern übergeben worden sei. Die römischen Behörden hätten ihn nach einer Untersuchung freilassen wollen, weil kein todeswürdiger Grund gegen ihn vorgelegen habe. Erst der Widerstand seiner Gegner habe ihn gezwungen, sich auf den Kaiser zu berufen (Apg 28,17-19).

Paulus fügte ausdrücklich hinzu, dass er damit keine Anklage gegen sein eigenes Volk erheben wolle. Dann nannte er den eigentlichen Grund, weshalb er mit den jüdischen Führern sprechen wollte: „Um der Hoffnung Israels willen trage ich diese Kette“ (Apg 28,20). Seine Gefangenschaft verstand er damit nicht als Folge einer Abkehr vom Gott Israels. Die Hoffnung, die er verkündigte, sah er vielmehr in der Erfüllung dessen, worauf Israel wartete – letztlich in Jesus Christus und seiner Auferstehung.

Die jüdischen Führer antworteten, sie hätten weder Briefe aus Judäa über Paulus erhalten noch sei jemand gekommen, der etwas Böses über ihn berichtet habe. Sie wollten jedoch seine Auffassung selbst hören, denn von dieser „Sekte“ sei ihnen bekannt, dass ihr überall widersprochen werde (Apg 28,21-22). Paulus erhielt damit in Rom erneut Gelegenheit, seine Botschaft nicht nur vor römischen Behörden, sondern auch vor jüdischen Zuhörern darzulegen.

Ein Tag wurde vereinbart, an dem eine größere Zahl zu Paulus in seine Unterkunft kam. Dort sollte er ausführlich erklären, was er unter dem Reich Gottes verstand, und aus Gesetz und Propheten von Jesus Zeugnis geben. Die Stadt, die lange als fernes Ziel vor ihm gelegen hatte, war damit tatsächlich zum nächsten Ort seiner Verkündigung geworden. Seine Ketten verhinderten den Dienst nicht; sie bestimmten lediglich die äußeren Bedingungen, unter denen er nun fortgesetzt wurde.

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Paulus verkündigt in Rom unter Bewachung

Apostelgeschichte 28,23-31 – „23 Nachdem sie ihm nun einen Tag bestimmt hatten, kamen mehrere zu ihm in die Herberge. Diesen legte er vom Morgen bis zum Abend in einem ausführlichen Zeugnis das Reich Gottes dar und suchte sie von Jesus zu überzeugen, ausgehend von dem Gesetze Moses und von den Propheten. 24 Und die einen ließen sich von dem überzeugen, was er sagte, die andern aber blieben ungläubig. 25 Und da sie sich nicht …"
Apostelgeschichte 28,23-31 – „23 Nachdem sie ihm nun einen Tag bestimmt hatten, kamen mehrere zu ihm in die Herberge. Diesen legte er vom Morgen bis zum Abend in einem ausführlichen Zeugnis das Reich Gottes dar und suchte sie von Jesus zu überzeugen, ausgehend von dem Gesetze Moses und von den Propheten. 24 Und die einen ließen sich von dem überzeugen, was er sagte, die andern aber blieben ungläubig. 25 Und da sie sich nicht …"
Apostelgeschichte 28,23-24 – „23 Nachdem sie ihm nun einen Tag bestimmt hatten, kamen mehrere zu ihm in die Herberge. Diesen legte er vom Morgen bis zum Abend in einem ausführlichen Zeugnis das Reich Gottes dar und suchte sie von Jesus zu überzeugen, ausgehend von dem Gesetze Moses und von den Propheten. 24 Und die einen ließen sich von dem überzeugen, was er sagte, die andern aber blieben ungläubig."
Apostelgeschichte 28,28-31 – „28 So sei euch nun kund, daß den Heiden dieses Heil Gottes gesandt ist; sie werden auch hören! 29 Und als er das gesagt hatte, liefen die Juden davon und hatten viel Wortwechsel miteinander. 30 Paulus aber blieb zwei Jahre in einer eigenen Mietwohnung und nahm alle auf, die ihm zuliefen, 31 predigte das Reich Gottes und lehrte von dem Herrn Jesus Christus mit aller Freimütigkeit und ungehindert."

An dem vereinbarten Tag kamen zahlreiche jüdische Zuhörer zu Paulus in seine Unterkunft. Vom Morgen bis zum Abend legte er ihnen das Reich Gottes dar und suchte sie aus dem Gesetz Moses und den Propheten von Jesus zu überzeugen (Apg 28,23). Damit setzte Paulus auch in Rom dieselbe Grundlinie fort, die seinen Dienst seit seiner Berufung geprägt hatte. Obwohl er als Gefangener dort war und auf die Entscheidung über seinen Rechtsfall wartete, blieb seine eigentliche Botschaft unverändert: Gottes Verheißungen führen zu Jesus Christus und zu dem Reich, das in ihm verkündigt wird.

Die Reaktionen waren geteilt. Einige ließen sich von dem Gesagten überzeugen, andere glaubten nicht (Apg 28,24). Lukas beschreibt also weder eine vollständige Ablehnung noch eine allgemeine Annahme. Die Botschaft selbst führte zu einer Entscheidung. Paulus hatte bereits auf vielen Stationen erlebt, dass dieselbe Verkündigung bei einem Teil der Zuhörer Glauben hervorrief und bei einem anderen auf Widerstand stieß. Auch in Rom verlief die Begegnung nicht anders.

Als die Anwesenden untereinander uneins blieben und sich entfernen wollten, griff Paulus ein Wort aus Jesaja 6 auf. Durch den Heiligen Geist, erklärte er, habe der Prophet zu den Vätern davon gesprochen, dass Menschen hören und doch nicht verstehen, sehen und doch nicht erkennen würden, weil ihr Herz unempfänglich geworden sei (Apg 28,25-27). Paulus verwendete diese Worte nicht, um jüdische Herkunft grundsätzlich abzuwerten. Er selbst war Jude, zahlreiche Juden hatten das Evangelium angenommen, und auch unter seinen Zuhörern in Rom gab es solche, die sich überzeugen ließen. Die prophetische Warnung richtete sich vielmehr gegen eine konkrete Verhärtung gegenüber Gottes Wort.

Darauf folgte eine Aussage, die den bisherigen Verlauf seiner Lebensgeschichte noch einmal aufnahm: „So sei euch nun kund, dass den Heiden dieses Heil Gottes gesandt ist; und sie werden hören!“ (Apg 28,28). Bereits bei seiner Berufung hatte Christus Paulus einen Dienst unter den Völkern angekündigt. Auf seinen Reisen hatte er erlebt, wie das Evangelium Menschen unterschiedlicher Herkunft erreichte. Nun erklang dieselbe Linie sogar im Zentrum des Römischen Reiches. Gottes Heil blieb nicht an ethnische Grenzen gebunden.

Paulus blieb zwei volle Jahre in einer eigenen gemieteten Wohnung und durfte alle aufnehmen, die zu ihm kamen (Apg 28,30). Seine Haft war damit real, aber sie verhinderte den Zugang zu Menschen nicht. Besucher konnten ihn aufsuchen, und Paulus gebrauchte diese Möglichkeit zur Verkündigung. Der Apostel, der zuvor weite Strecken über Land und Meer zurückgelegt hatte, wirkte nun über längere Zeit von einem einzigen Ort aus. Sein Auftrag hing nicht daran, ob er frei reisen konnte.

Lukas beendet die Apostelgeschichte mit einem bemerkenswert offenen Bild. Paulus verkündigte das Reich Gottes und lehrte über den Herrn Jesus Christus „mit aller Freimütigkeit, ungehindert“ (Apg 28,31). Politisch war er ein Gefangener, doch das Wort, das er verkündigte, war nicht gefesselt. Die römische Bewachung hatte seinen Bewegungsraum eingeschränkt, aber sie konnte das Zeugnis von Christus nicht zum Schweigen bringen.

Gerade diese letzten Verse der Apostelgeschichte setzen deshalb einen anderen Schwerpunkt als eine ausführliche Schilderung des Ausgangs seines Gerichtsverfahrens. Lukas berichtet hier weder von einem Freispruch noch von einer Verurteilung und auch nicht vom Tod des Paulus. Die erzählte Geschichte endet vielmehr mit dem fortgesetzten Dienst des Apostels in Rom. Alles, was über sein weiteres Leben gesagt werden soll, muss deshalb sorgfältig aus den biblischen Briefen gewonnen werden und darf nicht mit späteren Überlieferungen aufgefüllt werden.

Mehrere Briefe geben Einblicke in Paulus’ Leben während einer Gefangenschaft und in die Menschen, die damals mit ihm verbunden waren. Darin begegnet er nicht nur als öffentlicher Verkündiger, sondern als Gefangener, der Gemeinden ermutigt, Mitarbeiter sendet, persönliche Beziehungen pflegt und selbst mitten in Einschränkung das Voranschreiten des Evangeliums erkennt. Diese Selbstzeugnisse vertiefen das Bild jener Lebensphase, mit der die Apostelgeschichte endet.

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Das Evangelium breitet sich trotz der Gefangenschaft aus

Philipper 1,12-26 – „12 Ich will aber, Brüder, daß ihr wisset, wie alles, was mir begegnet ist, nur mehr zur Förderung des Evangeliums ausgeschlagen hat 13 so daß in der ganzen kaiserlichen Kaserne und bei den übrigen allen bekannt geworden ist, daß ich um Christi willen gebunden bin, 14 und daß die Mehrzahl der Brüder im Herrn, durch meine Bande ermutigt, es desto kühner wagen, das Wort Gottes zu reden ohne Furcht; …"
Philipper 1,12-26 – „12 Ich will aber, Brüder, daß ihr wisset, wie alles, was mir begegnet ist, nur mehr zur Förderung des Evangeliums ausgeschlagen hat 13 so daß in der ganzen kaiserlichen Kaserne und bei den übrigen allen bekannt geworden ist, daß ich um Christi willen gebunden bin, 14 und daß die Mehrzahl der Brüder im Herrn, durch meine Bande ermutigt, es desto kühner wagen, das Wort Gottes zu reden ohne Furcht; …"
Epheser 6,19-20 – „19 auch für mich, damit mir ein Wort gegeben werde, so oft ich meinen Mund auftue, freimütig das Geheimnis des Evangeliums kundzutun, 20 für welches ich ein Botschafter bin in Ketten, auf daß ich darin freimütig rede, wie ich reden soll."
Philemon 1,8-16 – „8 Darum, wiewohl ich in Christus volle Freiheit hätte, dir zu gebieten, was sich geziemt, 9 so will ich doch, um der Liebe willen, eher ermahnen, als ein solcher, wie ich bin, nämlich ein alter Paulus, jetzt aber auch ein Gebundener Jesu Christi. 10 Ich ermahne dich betreffs meines Sohnes, den ich in meinen Banden gezeugt habe, Onesimus, 11 der dir ehemals unnütz war, jetzt aber dir und mir nützl…"
Kolosser 4,7-14 – „7 Was mich betrifft, wird euch alles Tychikus kundtun, der geliebte Bruder und treue Diener und Mitknecht im Herrn, 8 den ich eben darum zu euch gesandt habe, damit ihr erfahret, wie es bei uns stehe, und daß er eure Herzen tröste, 9 samt Onesimus, dem treuen und geliebten Bruder, der einer der Eurigen ist; sie werden euch alles kundtun, was hier vorgeht. 10 Es grüßt euch Aristarchus, mein Mitgef…"

Die Briefe des Paulus lassen erkennen, dass seine Gefangenschaft seinen Dienst keineswegs zum Stillstand brachte. Im Philipperbrief erklärt er sogar, dass seine Lage zur Förderung des Evangeliums beigetragen habe. Seine Fesseln um Christi willen seien im ganzen Prätorium und darüber hinaus bekannt geworden, und viele Brüder hätten gerade durch seine Gefangenschaft neuen Mut gewonnen, das Wort Gottes ohne Furcht zu verkündigen (Phil 1,12-14). Was äußerlich wie eine starke Einschränkung seines Wirkens erschien, wurde damit zu einem weiteren Weg, auf dem Christus bekannt gemacht wurde.

Paulus verschweigt dabei nicht, dass die Motive anderer Verkündiger unterschiedlich waren. Einige predigten Christus aus Neid und Streit und meinten sogar, dadurch seine Bedrängnis zu vergrößern; andere handelten aus Liebe und wussten, dass Paulus zur Verteidigung des Evangeliums eingesetzt war (Phil 1,15-17). Seine Reaktion ist bemerkenswert. Er billigte die falschen Motive nicht, doch er stellte seine persönliche Stellung nicht in den Mittelpunkt. Entscheidend war für ihn, dass Christus verkündigt wurde, und darüber konnte er sich trotz seiner eigenen Gefangenschaft freuen.

Gleichzeitig war Paulus sich der Unsicherheit seiner persönlichen Zukunft bewusst. Er wusste nicht einfach, wie sein Verfahren ausgehen würde. Im Philipperbrief rechnet er sowohl mit weiterem Leben und Dienst als auch mit der Möglichkeit des Todes. Er beschreibt sein Leben mit den Worten: „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn“ (Phil 1,21). Damit äußert Paulus keine Verachtung des Lebens. Im Gegenteil: Weiterzuleben bedeutete für ihn fruchtbare Arbeit im Dienst Christi, und gerade deshalb empfand er eine Spannung zwischen dem Wunsch, bei Christus zu sein, und der Verantwortung, den Gemeinden weiterhin zu dienen (Phil 1,22-26).

Auch in seiner Gefangenschaft blieb Paulus daher unmittelbar mit Mitarbeitern und Gemeinden verbunden. Tychikus erscheint als ein vertrauter Mitarbeiter, den Paulus senden wollte, damit Gemeinden über seine Lage informiert und ihre Herzen getröstet würden (Kol 4,7-8; Eph 6,21-22). Neben ihm werden unter anderem Aristarchus, Markus, Justus, Epaphras, Lukas und Demas genannt (Kol 4,10-14). Diese Hinweise zeigen Paulus nicht als isolierten Gefangenen. Um ihn herum bestand weiterhin ein Kreis von Mitarbeitern, durch die Nachrichten, Ermutigung und Lehre zwischen ihm und den Gemeinden weitergegeben wurden.

Besonders persönlich wird diese Lebensphase im Brief an Philemon. Paulus begegnete während seiner Gefangenschaft einem Mann namens Onesimus und bezeichnet ihn als sein „Kind“, das er in seinen Fesseln gezeugt habe (Phlm 10). Onesimus stand in einer belasteten Beziehung zu Philemon, seinem Herrn, und Paulus sandte ihn zu diesem zurück. Dabei gebrauchte er seine apostolische Autorität nicht zuerst als Befehl, sondern bat um eine Aufnahme, die durch das Evangelium grundlegend verändert war.

Paulus schreibt, Philemon solle Onesimus nicht mehr lediglich als Sklaven ansehen, sondern „mehr als einen Sklaven, als einen geliebten Bruder“ (Phlm 16). Zugleich bot Paulus an, selbst für einen möglichen Schaden oder eine Schuld des Onesimus einzustehen (Phlm 18-19). Der Brief entwickelt keine umfassende gesellschaftliche Abhandlung, zeigt aber deutlich, wie die Zugehörigkeit zu Christus menschliche Beziehungen neu ordnet. Paulus wollte, dass das Evangelium nicht nur bekannt wurde, sondern im Umgang miteinander konkrete Gestalt annahm.

Seine eigene Gefangenschaft bezeichnet Paulus mehrfach ausdrücklich als Gefangenschaft um Christi willen. Im Epheserbrief bittet er um Gebet, damit ihm das rechte Wort gegeben werde, das Geheimnis des Evangeliums freimütig bekannt zu machen. Er nennt sich dabei einen „Gesandten in Ketten“ (Eph 6,19-20). Die Verbindung ist auffällig: Paulus war äußerlich gebunden und verstand sich dennoch weiterhin als Gesandter. Seine Ketten hoben seinen Auftrag nicht auf.

Diese Briefe zeigen damit einen Apostel, dessen Dienst sich an die veränderten Umstände anpasste, ohne seinen Mittelpunkt zu verlieren. Wenn er nicht reisen konnte, schrieb er. Wenn er Gemeinden nicht persönlich besuchen konnte, sandte er Mitarbeiter. Wenn seine eigene Zukunft unsicher war, richtete er den Blick der Gläubigen nicht auf seine Freilassung als höchste Hoffnung, sondern auf Christus. Paulus' Wirken war nicht an eine bestimmte Form des Dienstes gebunden, weil sein Auftrag letztlich von dem Herrn ausging, dem er auch als Gefangener gehörte.

Doch die neutestamentlichen Briefe enthalten Hinweise, die über die am Ende der Apostelgeschichte geschilderte zweijährige Haft hinauszuweisen scheinen. Besonders die Pastoralbriefe erwähnen Reiseorte, Mitarbeiteraufträge und Situationen, die sich nicht ohne Weiteres in den bis dahin erzählten Verlauf der Apostelgeschichte einordnen lassen. Diese Texte müssen vorsichtig betrachtet werden, weil die Bibel keine zusammenhängende Erzählung dieser späteren Jahre bietet. Sie ermöglichen jedoch einige sichere Einblicke in eine weitere Lebensphase des Paulus, ohne dass daraus eine lückenlose Chronologie konstruiert werden darf.

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Spätere Reisen und Verantwortung für die Gemeinden

1. Timotheus 1,3-5 – „3 Wie ich dich bei meiner Abreise nach Mazedonien ermahnte, in Ephesus zu bleiben, damit du etlichen Leuten gebietest, nichts anderes zu lehren, 4 auch nicht auf Legenden und endlose Geschlechtsregister zu achten, welche mehr Streitfragen hervorbringen als göttliche Erbauung im Glauben; 5 und doch ist der Endzweck des Gebotes Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben."
1. Timotheus 1,3-5 – „3 Wie ich dich bei meiner Abreise nach Mazedonien ermahnte, in Ephesus zu bleiben, damit du etlichen Leuten gebietest, nichts anderes zu lehren, 4 auch nicht auf Legenden und endlose Geschlechtsregister zu achten, welche mehr Streitfragen hervorbringen als göttliche Erbauung im Glauben; 5 und doch ist der Endzweck des Gebotes Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben."
Titus 1,5 – „5 Deswegen ließ ich dich in Kreta zurück, damit du das Versäumte nachholen und in jeder Stadt Älteste einsetzen möchtest, wie ich dir befohlen habe:"
Titus 3,12-13 – „12 Wenn ich Artemas zu dir senden werde, oder Tychikus, so beeile dich, zu mir nach Nikopolis zu kommen; denn dort habe ich zu überwintern beschlossen. 13 Zenas, den Schriftgelehrten, und Apollos schicke eilends voraus und laß es ihnen an nichts fehlen!"
2. Timotheus 4,19-20 – „19 Grüße Prisca und Aquila und das Haus des Onesiphorus. 20 Erastus blieb in Korinth, Trophimus ließ ich in Milet krank zurück."

Die Apostelgeschichte endet mit Paulus in Rom, berichtet aber nicht, wie sein dortiges Verfahren ausging. Einige spätere Briefe enthalten jedoch Hinweise auf Orte und Aufgaben, die sich nicht ohne Weiteres in die zuvor erzählten Reisen einordnen lassen. Sie legen deshalb nahe, dass Paulus nach der zweijährigen römischen Haft noch einmal reisen und Gemeinden betreuen konnte. Eine ausdrückliche Erzählung seiner Freilassung bietet die Bibel allerdings nicht. Was über diese Lebensphase gesagt werden kann, muss deshalb aus einzelnen Angaben seiner Briefe zusammengesetzt werden, ohne die fehlenden Zwischenstücke mit späterer Überlieferung zu ergänzen.

Im ersten Timotheusbrief erinnert Paulus seinen Mitarbeiter daran, dass er ihn bei seiner Abreise nach Mazedonien gebeten hatte, in Ephesus zu bleiben. Timotheus sollte dort bestimmten Personen gebieten, keine fremden Lehren zu verbreiten und sich nicht in endlosen Spekulationen zu verlieren, die mehr Streitfragen als eine glaubensgemäße Verwaltung Gottes hervorbrachten (1Tim 1,3-4). Paulus war demnach weiterhin mit der Gemeinde von Ephesus verbunden, konnte aber nicht selbst dauerhaft dortbleiben. Ein Teil seiner Verantwortung wurde zunehmend auf bewährte Mitarbeiter übertragen.

Dabei nennt Paulus das Ziel solcher Unterweisung nicht bloß als Abwehr von Irrtum. Das Endziel des Gebotes sei Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben (1Tim 1,5). Richtige Lehre und ein verändertes Leben gehörten für ihn zusammen. Gegen Ende seines Dienstes beschäftigte ihn deshalb nicht nur die Frage, ob Gemeinden existierten, sondern ob sie in gesunder Lehre blieben und diese Wahrheit in einer Christus entsprechenden Lebensführung sichtbar wurde.

Ein ähnliches Bild begegnet im Titusbrief. Paulus hatte Titus auf Kreta zurückgelassen, damit dieser das noch Fehlende ordnen und in den Städten Älteste einsetzen sollte (Tit 1,5). Auch hier übergab Paulus einem Mitarbeiter konkrete Verantwortung für Gemeinden. Er selbst konnte nicht überall gleichzeitig bleiben. Die Weiterführung seines Werkes hing deshalb zunehmend davon ab, dass zuverlässige Männer unter Gottes Wort Verantwortung übernahmen und die Gemeinden vor falscher Lehre schützten.

Paulus plante zugleich weiterhin konkrete Reisen. Er schrieb Titus, dass er Artemas oder Tychikus zu ihm senden wolle und Titus dann zu Paulus nach Nikopolis kommen solle, weil Paulus beschlossen hatte, dort zu überwintern (Tit 3,12). Auch Zenas und Apollos sollten bei ihrer Weiterreise unterstützt werden (Tit 3,13). Diese kurzen Hinweise zeigen einen Apostel, der trotz vieler zurückliegender Leiden weiterhin Mitarbeiter koordiniert, Reisewege plant und die Verbindung zwischen verschiedenen Gemeinden aufrechterhält.

Andere Bemerkungen aus seinen späten Briefen ergänzen das Bild, ohne eine vollständig sichere Reiseroute zu ergeben. Paulus erwähnt später, dass Erastus in Korinth geblieben sei und dass er Trophimus krank in Milet zurückgelassen habe (2Tim 4,20). Ob jede dieser Angaben Ereignisse aus derselben späten Reisephase beschreibt, lässt sich nicht mit völliger Sicherheit feststellen. Sie zeigen jedoch, dass Paulus weiterhin mit Orten und Mitarbeitern verbunden war, die bereits aus seinen früheren Reisen bekannt waren.

Diese Hinweise sind auch deshalb bemerkenswert, weil Paulus inzwischen einen großen Teil seiner Arbeit an andere weitergab. Timotheus, Titus, Tychikus, Artemas und weitere Mitarbeiter erscheinen nicht mehr lediglich als Begleiter eines führenden Apostels. Sie tragen zunehmend eigene Verantwortung. Paulus gibt ihnen Anweisungen für Gemeindeleitung, Lehre, Auswahl von Ältesten, Umgang mit Irrlehren und persönliche Treue. Sein Dienst entwickelte sich damit von unmittelbarer Gemeindegründung immer stärker hin zur Zurüstung einer nächsten Generation von Mitarbeitern.

Dabei blieb Paulus selbst nicht unfehlbarer Mittelpunkt der Gemeinden. Seine Briefe führen Timotheus und Titus immer wieder zurück zu dem ihnen anvertrauten Wort, zur gesunden Lehre und zu Jesus Christus. Die Gemeinden sollten nicht dauerhaft von Paulus' persönlicher Anwesenheit abhängig bleiben. Menschen kamen und gingen, Mitarbeiter wurden gesandt und Aufgaben weitergegeben; das Evangelium selbst musste bewahrt und zuverlässig weitergegeben werden.

Die Bibel nennt für diese Lebensphase weder eine lückenlose Reihenfolge der Reisen noch die genaue Dauer zwischen den einzelnen Stationen. Auch die häufig angenommene umfassende Reisetätigkeit nach einer ersten römischen Freilassung kann nur so weit dargestellt werden, wie die Briefe tatsächlich Hinweise geben. Sicher ist jedoch, dass Paulus noch immer plante, Mitarbeiter einsetzte und für die geistliche Ordnung der Gemeinden Verantwortung trug.

Diese spätere Dienstphase führte schließlich wieder in Gefangenschaft. Im zweiten Timotheusbrief begegnet Paulus unter deutlich anderen Umständen als während der zuvor beschriebenen römischen Haft. Er spricht von Leiden, von Ketten wie ein Übeltäter, von verlassenen Mitarbeitern und davon, dass sein eigener Lauf seinem Ende entgegengeht. Damit erreicht seine biblisch greifbare Lebensgeschichte ihren letzten Abschnitt.

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Paulus blickt seinem letzten Abschied entgegen

2. Timotheus 4,6-18 – „6 Denn ich werde schon geopfert, und die Zeit meiner Auflösung ist nahe. 7 Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt; 8 hinfort liegt für mich die Krone der Gerechtigkeit bereit, welche mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tage zuerkennen wird, nicht aber mir allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung liebgewonnen haben. 9 Beeile dich, bald zu mir z…"
2. Timotheus 4,6-18 – „6 Denn ich werde schon geopfert, und die Zeit meiner Auflösung ist nahe. 7 Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt; 8 hinfort liegt für mich die Krone der Gerechtigkeit bereit, welche mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tage zuerkennen wird, nicht aber mir allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung liebgewonnen haben. 9 Beeile dich, bald zu mir z…"
2. Timotheus 1,8-12 – „8 So schäme dich nun nicht des Zeugnisses unsres Herrn, auch nicht meiner, der ich sein Gebundener bin; sondern leide Ungemach mit dem Evangelium, nach der Kraft Gottes, 9 der uns gerettet und mit einem heiligen Ruf berufen hat, nicht nach unsren Werken, sondern nach seinem eigenen Vorsatz und der Gnade, die uns in Christus Jesus vor ewigen Zeiten gegeben, 10 jetzt aber geoffenbart worden ist dur…"
2. Timotheus 2,8-10 – „8 Halt im Gedächtnis Jesus Christus, der von den Toten auferstanden ist, aus Davids Samen, nach meinem Evangelium, 9 in dessen Dienst ich Ungemach leide, sogar Ketten wie ein Übeltäter; aber das Wort Gottes ist nicht gekettet. 10 Darum erdulde ich alles um der Auserwählten willen, damit auch sie das Heil erlangen, das in Christus Jesus ist, mit ewiger Herrlichkeit."

Im zweiten Timotheusbrief begegnet Paulus in einer Gefangenschaft, die deutlich bedrängender erscheint als die am Ende der Apostelgeschichte geschilderte Zeit. Er spricht davon, für das Evangelium zu leiden und „gebunden zu sein wie ein Übeltäter“ (2Tim 2,9). Zugleich ruft er Timotheus dazu auf, sich weder des Zeugnisses von Christus noch seines gefangenen Apostels zu schämen, sondern nach der Kraft Gottes am Leiden für das Evangelium teilzunehmen (2Tim 1,8). Paulus betrachtete seine Ketten damit nicht als Widerlegung seines Auftrags. Auch jetzt blieb für ihn entscheidend, wem er glaubte und für wen er litt.

Seine Zuversicht beruhte nicht darauf, dass er noch mit einer sicheren Freilassung rechnete. Er schreibt: „Ich weiß, an wen ich glaube“, und ist überzeugt, dass Christus das ihm Anvertraute bis zu jenem Tag bewahren kann (2Tim 1,12). Der Blick des Paulus richtet sich damit über das unmittelbare Gerichtsverfahren hinaus. Seine Hoffnung hängt nicht mehr an einer bestimmten Wendung seiner irdischen Lage, sondern an Jesus Christus, der den Tod überwunden und durch das Evangelium Leben und Unvergänglichkeit ans Licht gebracht hat (2Tim 1,10).

Auch unter diesen Umständen blieb Paulus an der Weitergabe des Evangeliums interessiert. Gegenüber Timotheus betont er, dass er um Jesu Christi willen Leiden bis hin zu Fesseln erträgt, fügt aber unmittelbar hinzu: „Aber Gottes Wort ist nicht gebunden“ (2Tim 2,8-9). Dieser Gedanke führt eine Linie weiter, die bereits während seiner früheren Gefangenschaft sichtbar geworden war. Paulus konnte eingesperrt werden, doch die Botschaft, die ihm anvertraut worden war, blieb nicht auf seine persönliche Bewegungsfreiheit angewiesen.

Seine äußere Situation war zugleich von schmerzlichen Veränderungen in seinen Beziehungen geprägt. Paulus berichtet, dass Demas ihn verlassen habe, weil er den gegenwärtigen Weltlauf liebgewonnen habe, und nach Thessalonich gegangen sei. Kreszens war nach Galatien und Titus nach Dalmatien gegangen; Lukas allein befand sich noch bei Paulus (2Tim 4,10-11). Über die Gründe jeder einzelnen Abreise sagt der Text nicht dasselbe, weshalb nicht alle genannten Mitarbeiter als untreu beurteilt werden dürfen. Demas wird ausdrücklich negativ eingeordnet, während andere möglicherweise aufgrund ihres Dienstes an anderen Orten waren.

Gerade in dieser Situation erwähnt Paulus noch einmal Markus, über den es viele Jahre zuvor zum scharfen Streit mit Barnabas gekommen war. Timotheus sollte Markus mitbringen, denn, so schreibt Paulus, „er ist mir sehr nützlich zum Dienst“ (2Tim 4,11). Damit endet die biblisch greifbare Beziehung zwischen Paulus und Markus nicht mit ihrer früheren Trennung, sondern mit ausdrücklicher Wertschätzung. Die Schrift berichtet nicht, wie die Versöhnung und erneute Zusammenarbeit zustande kamen. Sicher ist jedoch, dass Paulus den Mann, den er einst nicht wieder auf eine Reise mitnehmen wollte, nun gerade in seiner letzten bekannten Gefangenschaft bei sich haben wollte.

Paulus erwähnt außerdem seine erste Verteidigung. Dabei habe ihm niemand beigestanden, sondern alle hätten ihn verlassen. Er bittet ausdrücklich darum, dass es ihnen nicht angerechnet werde (2Tim 4,16). Direkt danach richtet sich sein Blick auf denjenigen, der ihn nicht verlassen hatte: „Aber der Herr stand mir bei und stärkte mich“ (2Tim 4,17). Durch diese Stärkung, so Paulus, sei die Verkündigung vollendet worden, sodass alle Völker sie hören konnten; außerdem sei er „aus dem Rachen des Löwen“ gerettet worden. Welche konkrete Gefahr mit diesem Bild gemeint ist, erklärt der Text nicht, weshalb keine bestimmte Hinrichtungsart oder Gerichtsszene daraus abgeleitet werden sollte.

Trotz dieser vorausgegangenen Rettung spricht Paulus nun mit großer Nüchternheit über das nahende Ende seines Lebens. „Denn ich werde schon geopfert, und die Zeit meines Aufbruchs ist nahe“, schreibt er (2Tim 4,6). Anders als in früheren Briefen, in denen er noch mit verschiedenen Möglichkeiten des Ausgangs seiner Gefangenschaft rechnete, klingt hier die Erwartung des Todes deutlich. Dennoch berichtet die Bibel weder den späteren Prozess noch die Hinrichtung des Paulus. Seine eigentliche Lebensgeschichte kann deshalb nur bis zu diesem letzten sicheren Selbstzeugnis verfolgt werden.

Paulus fasst seinen zurückliegenden Dienst mit den Worten zusammen: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt“ (2Tim 4,7). Diese Aussage ist kein Rückblick auf ein fehlerloses Leben. Derselbe Paulus hatte seine Vergangenheit als Verfolger offen bekannt und seine Rettung allein der Gnade Christi zugeschrieben. Was er nun bezeugt, ist die Treue, mit der er nach seiner Berufung an Christus und dem ihm anvertrauten Evangelium festgehalten hatte.

Seine Hoffnung richtete sich schließlich auf „die Krone der Gerechtigkeit“, die ihm der Herr, der gerechte Richter, „an jenem Tag“ geben werde – und nicht ihm allein, sondern allen, die Christi Erscheinung liebgewonnen haben (2Tim 4,8). Paulus beschreibt seine Hoffnung damit nicht als sofortigen Lohn im Augenblick seines Todes, sondern richtet sie auf den zukünftigen Tag und das Erscheinen Christi. Der Apostel, dessen Leben durch die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus eine völlig neue Richtung erhalten hatte, erwartete seine endgültige Hoffnung von dessen Wiederkunft.

Über den weiteren Verlauf seines Lebens und seinen Tod berichtet die Bibel nichts. Spätere Überlieferungen über seine Hinrichtung können deshalb nicht Teil der sicheren biblischen Biografie sein. Die letzte biblisch greifbare Lebensphase zeigt Paulus als Gefangenen, dessen Tod nahe erscheint, der aber weiterhin an Christus festhält, Mitarbeiter im Blick behält und dem kommenden Gericht mit Hoffnung entgegensieht. Nach diesem letzten persönlichen Zeugnis bleibt noch zu betrachten, wie andere neutestamentliche Schriften Paulus und seine Briefe einordnen und welche bleibende Bedeutung sein apostolischer Dienst im Gesamtzeugnis der Bibel besitzt.

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Paulus’ Briefe bleiben Teil des apostolischen Zeugnisses

2. Petrus 3,15-16 – „15 Und die Geduld unsres Herrn achtet für euer Heil, wie auch unser lieber Bruder Paulus nach der ihm verliehenen Weisheit euch geschrieben hat, 16 wie auch in allen Briefen, wo er davon spricht, in welchen etliches schwer zu verstehen ist, was die Ungelehrten und Unbefestigten verdrehen, wie auch die übrigen Schriften, zu ihrem eigenen Verderben."
2. Petrus 3,15-16 – „15 Und die Geduld unsres Herrn achtet für euer Heil, wie auch unser lieber Bruder Paulus nach der ihm verliehenen Weisheit euch geschrieben hat, 16 wie auch in allen Briefen, wo er davon spricht, in welchen etliches schwer zu verstehen ist, was die Ungelehrten und Unbefestigten verdrehen, wie auch die übrigen Schriften, zu ihrem eigenen Verderben."
1. Korinther 14,37 – „37 Glaubt jemand ein Prophet oder ein Geistbegabter zu sein, der erkenne, daß das, was ich euch schreibe, des Herrn Gebot ist."
1. Thessalonicher 2,13 – „13 Darum danken wir auch Gott unablässig, daß ihr das von uns empfangene Wort der Predigt Gottes aufnahmet, nicht als Menschenwort, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort, welches auch in euch, den Gläubigen, wirkt."
Kolosser 4,16 – „16 Und wenn der Brief bei euch gelesen ist, so sorget dafür, daß er auch in der Gemeinde zu Laodizea gelesen werde und daß ihr auch den aus Laodizea leset."

Die biblische Bedeutung des Paulus endet nicht mit seiner letzten persönlichen Erwähnung. Ein großer Teil seines Dienstes blieb in Briefen erhalten, die an Gemeinden und einzelne Mitarbeiter gerichtet waren. Sie entstanden nicht als losgelöste Lehrbücher, sondern mitten in konkreten Situationen: Gemeinden benötigten Korrektur, Ermutigung und Unterweisung, Mitarbeiter brauchten Orientierung, Irrlehren mussten beantwortet und das Evangelium gegenüber Missverständnissen verteidigt werden. Gerade deshalb verbinden die Paulusbriefe grundlegende Wahrheit über Christus mit dem tatsächlichen Leben der Gemeinde.

Paulus verstand die Botschaft, die er verkündigte, nicht als seine private religiöse Meinung. Den Thessalonichern dankte er dafür, dass sie das von ihm verkündigte Wort nicht als Menschenwort aufgenommen hatten, sondern als das, was es in Wahrheit sei: Gottes Wort, das in den Glaubenden wirke (1Thess 2,13). Gegenüber den Korinthern konnte er ebenso deutlich erklären, dass jemand, der sich für einen Propheten oder geistlich hielt, erkennen müsse, dass seine schriftlichen Weisungen „Gebote des Herrn“ waren (1Kor 14,37). Solche Aussagen verlangen eine sorgfältige Einordnung: Paulus erhob nicht jede persönliche Bemerkung zu einem allgemeinen Gebot, verstand aber seinen apostolischen Lehrdienst als von Christus autorisierten Auftrag.

Seine Briefe wurden zudem nicht nur von den unmittelbar genannten Empfängern gelesen. Im Kolosserbrief ordnete Paulus ausdrücklich an, dass sein Schreiben nach der Verlesung in Kolossä auch in der Gemeinde von Laodizea gelesen werden sollte und die Kolosser ihrerseits einen Brief aus Laodizea lesen sollten (Kol 4,16). Damit wird sichtbar, dass apostolische Schreiben zwischen Gemeinden weitergegeben werden konnten. Zugleich zeigt diese Stelle, dass nicht jeder Brief des Paulus im biblischen Kanon erhalten ist. Auch 1. Korinther 5,9 verweist auf ein früheres Schreiben an die Korinther. Vollständigkeit der biblischen Biografie bedeutet deshalb nicht, Paulus weitere verlorene Briefe zuzuschreiben oder ihren Inhalt rekonstruieren zu wollen.

Besonders bedeutsam ist die spätere Aussage des Petrus. Er fordert seine Leser auf, die Geduld des Herrn als Rettungsmöglichkeit zu verstehen, „wie auch unser geliebter Bruder Paulus“ ihnen nach der ihm gegebenen Weisheit geschrieben habe (2Petr 3,15). Petrus spricht hier nicht von einem Rivalen oder einem fremden Lehrer, sondern bezeichnet Paulus als geliebten Bruder und erkennt die ihm gegebene Weisheit an. Das ist umso bemerkenswerter, weil Paulus selbst an anderer Stelle offen von einer ernsten Auseinandersetzung mit Petrus berichtet hatte. Der Konflikt in Antiochia hatte ihre gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus nicht aufgehoben.

Petrus fügt hinzu, dass Paulus in seinen Briefen über solche Dinge spreche und manche Aussagen darin schwer zu verstehen seien. Unwissende und ungefestigte Menschen würden sie verdrehen – „wie auch die übrigen Schriften“ – zu ihrem eigenen Verderben (2Petr 3,16). Diese Formulierung ist für die biblische Nachwirkung des Paulus von besonderem Gewicht. Seine Briefe werden nicht als unverbindliche Privatkorrespondenz behandelt, sondern in einem Zusammenhang mit den übrigen Schriften genannt. Zugleich enthält Petrus’ Aussage eine Warnung: Gerade weil die Texte Gewicht besitzen, dürfen schwierige Aussagen nicht aus ihrem Zusammenhang gerissen und verdreht werden.

Das passt auffallend zu dem, was Paulus selbst in seinen Briefen immer wieder fordert. Seine Aussagen über Gnade dürfen nicht so gelesen werden, als mache Gnade Sünde bedeutungslos. Seine Lehre von der Rechtfertigung aus Glauben bedeutet nicht, dass Gottes Wille für das Leben aufgehoben wäre. Ebenso dürfen einzelne Aussagen über Gesetz, Israel, Gemeinde, Frauen und Männer, Essen, Tage, Gaben oder Endzeit nicht isoliert gegen andere biblische Texte ausgespielt werden. Die Warnung des Petrus macht deutlich, dass schon im apostolischen Zeitalter die Möglichkeit bestand, Paulus falsch zu verstehen und seine Aussagen zu verdrehen.

Gerade die Lebensgeschichte des Paulus hilft, seine Briefe richtig einzuordnen. Der Mann, der die Rechtfertigung aus Gnade so entschieden verkündigte, war selbst ein ehemaliger Verfolger, der wusste, dass religiöse Leistung ihn nicht retten konnte. Der Apostel, der über Leiden schrieb, trug selbst Ketten und Wunden. Der Lehrer, der Gemeinden zur Einheit aufrief, kannte Konflikte mit Mitarbeitern und Gemeinden aus eigener Erfahrung. Und der Zeuge der Auferstehung gründete seine Hoffnung nicht auf eine abstrakte Idee, sondern auf den Christus, der ihm auf dem Weg nach Damaskus begegnet war.

Der Hebräerbrief wird in dieser Lebensgeschichte dagegen nicht einfach Paulus zugeschrieben. Der Brief selbst nennt seinen Verfasser nicht, und die Bibel gibt keine sichere Aussage, die Paulus eindeutig als Autor identifiziert. Deshalb kann eine spätere kirchliche Zuschreibung nicht als biblische Tatsache behandelt werden. Für die bleibende Bedeutung des Paulus ist eine solche Annahme auch nicht notwendig: Die ausdrücklich mit seinem Namen verbundenen Briefe und die ausführliche Lebensgeschichte der Apostelgeschichte bieten bereits ein außergewöhnlich reiches Zeugnis seines Dienstes.

So erinnert das Neue Testament Paulus nicht als unfehlbaren Helden, sondern als von Christus berufenen und begnadigten Apostel, dessen Botschaft über sein eigenes Leben hinaus weitergegeben wurde. Seine Autorität lag nicht darin, dass seine Persönlichkeit über den anderen Aposteln stand, sondern in dem Auftrag, den Christus ihm gegeben hatte. Seine Briefe behalten deshalb ihr Gewicht, weil sie den Leser immer wieder über Paulus hinausführen: zur Gnade Gottes, zum gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus, zu einem Leben des Glaubens und zu der Hoffnung auf seine Wiederkunft.

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Paulus versteht sein Leben als Werk der Gnade

1. Korinther 15,9-10 – „9 Denn ich bin der geringste von den Aposteln, nicht wert ein Apostel zu heißen, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. 10 Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist."
1. Korinther 15,9-10 – „9 Denn ich bin der geringste von den Aposteln, nicht wert ein Apostel zu heißen, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. 10 Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist."
1. Timotheus 1,12-16 – „12 Und darum danke ich dem, der mir Kraft verliehen hat, Christus Jesus, unsrem Herrn, daß er mich treu erachtet und in den Dienst eingesetzt hat, 13 der ich zuvor ein Lästerer und Verfolger und Frevler war. Aber mir ist Erbarmung widerfahren, weil ich es unwissend, im Unglauben getan habe. 14 Über alle Maßen groß aber wurde die Gnade unsres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus J…"
Galater 2,20-21 – „20 Und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt im Fleische lebe, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat. 21 Ich setze die Gnade Gottes nicht beiseite; denn wenn durch das Gesetz Gerechtigkeit [kommt], so ist Christus vergeblich gestorben."
Philipper 3,7-14 – „7 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden gerechnet; 8 ja ich achte nun auch alles für Schaden gegenüber der alles übertreffenden Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich alles eingebüßt habe, und ich achte es für Unrat, damit ich Christus gewinne 9 und in ihm erfunden werde, daß ich nicht meine eigene Gerechtigkeit (die aus dem Gesetz) habe, sondern…"

Wenn Paulus später auf sein eigenes Leben zurückblickt, stellt er seine apostolische Bedeutung nicht als Ergebnis persönlicher Größe dar. Im ersten Korintherbrief bezeichnet er sich wegen seiner Vergangenheit sogar als den geringsten der Apostel und erklärt, er sei nicht würdig, Apostel genannt zu werden, weil er die Gemeinde Gottes verfolgt habe (1Kor 15,9). Die Erinnerung an seine frühere Schuld verschwand also nicht, nachdem Christus ihn berufen hatte. Paulus benutzte seine Vergangenheit jedoch auch nicht, um die Wirksamkeit der Vergebung infrage zu stellen.

Unmittelbar nach diesem Bekenntnis sagt er: „Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ (1Kor 15,10). Diese Gnade war für Paulus nicht lediglich eine Erklärung dafür, dass ihm seine Vergangenheit vergeben worden war. Sie bestimmte auch seinen gesamten weiteren Dienst. Er konnte davon sprechen, mehr gearbeitet zu haben als die anderen, fügte aber sofort hinzu, dass dies letztlich nicht ihm selbst zuzuschreiben sei, sondern der Gnade Gottes, die mit ihm wirkte. Menschliche Hingabe und göttliche Gnade werden damit nicht gegeneinander ausgespielt. Paulus arbeitete, litt und setzte sich ein – und erkannte zugleich Gott als Ursprung und Kraft seines Dienstes an.

Noch ausführlicher blickt er im ersten Timotheusbrief auf seine Berufung zurück. Er dankt Christus Jesus, der ihn gestärkt und für treu erachtet habe, indem er ihn in den Dienst stellte, obwohl er zuvor ein Lästerer, Verfolger und Gewalttäter gewesen war (1Tim 1,12-13). Paulus entschuldigt seine früheren Taten nicht. Dass er in Unwissenheit und Unglauben gehandelt hatte, nimmt ihnen nicht die Schwere; gerade deshalb hebt er hervor, dass ihm Barmherzigkeit widerfuhr.

Paulus beschreibt die Gnade des Herrn als überströmend mit Glauben und Liebe in Christus Jesus. Dann bezeichnet er sich im Blick auf seine Vergangenheit als den ersten beziehungsweise größten der Sünder, denen Christus zu retten gekommen ist (1Tim 1,14-15). Diese Aussage darf nicht so verstanden werden, als hätte Paulus sich nach seiner Bekehrung bewusst als schlimmsten lebenden Sünder betrachtet. Der Zusammenhang richtet den Blick auf den Verfolger, dem Christus Barmherzigkeit erwiesen hatte. Gerade an ihm sollte sichtbar werden, wie weit die Geduld Jesu Christi reicht.

Paulus erklärt sogar, dass ihm deshalb Barmherzigkeit widerfahren sei, damit Jesus Christus an ihm seine ganze Langmut zeigen könne – als Beispiel für diejenigen, die später an ihn zum ewigen Leben glauben würden (1Tim 1,16). Damit erhält seine persönliche Geschichte eine Bedeutung, die über ihn selbst hinausgeht. Der ehemalige Verfolger wurde zu einem lebendigen Zeugnis dafür, dass die Gnade Christi auch schwere Schuld vergeben und einen Menschen in einen völlig neuen Dienst stellen kann.

Diese Gnade bedeutete für Paulus jedoch niemals, dass das alte Leben einfach fortgesetzt werden durfte. Im Galaterbrief beschreibt er seine neue Existenz mit den Worten, dass er mit Christus gekreuzigt sei und nun Christus in ihm lebe. Sein gegenwärtiges Leben im Fleisch lebe er im Glauben an den Sohn Gottes, „der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20). Die Liebe Christi und sein stellvertretendes Opfer bildeten damit nicht nur die Grundlage der Vergebung, sondern auch die Mitte des neuen Lebens des Paulus.

Entsprechend radikal veränderte sich seine Bewertung dessen, worauf er sich früher verlassen hatte. Im Philipperbrief zählt Paulus seine jüdischen Vorzüge und religiösen Leistungen auf und erklärt anschließend, dass er das, was ihm Gewinn gewesen war, um Christi willen für Verlust geachtet habe (Phil 3,4-7). Damit verachtete er weder seine Herkunft noch die Schrift, in der er erzogen worden war. Verworfen wurde vielmehr das Vertrauen darauf, vor Gott aufgrund eigener Vorzüge bestehen zu können.

Paulus wollte in Christus gefunden werden, nicht mit einer eigenen Gerechtigkeit aus dem Gesetz, sondern mit der Gerechtigkeit, die durch den Glauben an Christus kommt (Phil 3,8-9). Sein Ziel war, Christus zu erkennen, die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden. Selbst nach vielen Jahren des Dienstes spricht Paulus nicht so, als hätte er geistlich bereits alles erreicht. Er sagt ausdrücklich, dass er es noch nicht ergriffen habe und noch nicht vollendet sei (Phil 3,10-13).

Darum beschreibt er sein weiteres Leben als ein Ausstrecken nach dem Ziel. Er vergisst, was hinter ihm liegt, und streckt sich nach dem aus, was vor ihm liegt, um dem Ziel entgegenzujagen, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus (Phil 3,13-14). Die Vergangenheit bestimmte ihn nicht mehr als unveränderliches Urteil, aber sie hielt ihn auch davon ab, sich selbst zu erhöhen. Seine Hoffnung lag weder in der Erinnerung an seine Leistungen noch in einem Anspruch auf geistliche Größe.

So bleibt Paulus im Gesamtzeugnis seiner eigenen Briefe ein Mann, dessen Leben nur von Christus her verständlich wird. Seine Vergangenheit erklärt die Größe der empfangenen Barmherzigkeit, seine Berufung zeigt die Freiheit der göttlichen Gnade, sein Dienst zeigt deren Wirksamkeit, und seine Hoffnung richtet sich auf die Vollendung, die noch vor ihm liegt. Der ehemalige Verfolger wurde nicht zum Mittelpunkt seiner eigenen Botschaft. Je weiter seine Geschichte fortschritt, desto deutlicher führte sie über ihn selbst hinaus zu Jesus Christus, der ihn gerufen, getragen und bis zum Ende zum Zeugen seiner Gnade gemacht hatte.

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Paulus widerspricht Petrus in Antiochia

Galater 2,11-21 – „11 Als aber Petrus nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn er war angeklagt. 12 Bevor nämlich etliche von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus der Beschneidung fürchtete. 13 Und es heuchelten mit ihm auch die übrigen Juden, so daß selbst Barnabas von ihrer Heuchelei mitfortgerissen wurde. 14 Als ich ab…"
Galater 2,11-21 – „11 Als aber Petrus nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn er war angeklagt. 12 Bevor nämlich etliche von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus der Beschneidung fürchtete. 13 Und es heuchelten mit ihm auch die übrigen Juden, so daß selbst Barnabas von ihrer Heuchelei mitfortgerissen wurde. 14 Als ich ab…"
Galater 2,11-14 – „11 Als aber Petrus nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn er war angeklagt. 12 Bevor nämlich etliche von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus der Beschneidung fürchtete. 13 Und es heuchelten mit ihm auch die übrigen Juden, so daß selbst Barnabas von ihrer Heuchelei mitfortgerissen wurde. 14 Als ich ab…"
Galater 2,15-16 – „15 Wir sind von Natur Juden und nicht Sünder aus den Heiden; 16 da wir aber erkannt haben, daß der Mensch nicht aus Gesetzeswerken gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, so sind auch wir an Christus Jesus gläubig geworden, damit wir aus dem Glauben an Christus gerechtfertigt würden, und nicht aus Gesetzeswerken, weil aus Gesetzeswerken kein Fleisch gerechtfertigt wird."

Ein weiteres wichtiges Selbstzeugnis des Paulus führt noch einmal in eine frühere Phase seines Dienstes zurück. Im Galaterbrief berichtet er von einer Begegnung mit Petrus in Antiochia, bei der es zu einer offenen Auseinandersetzung kam. Der genaue Zeitpunkt dieses Ereignisses innerhalb der in der Apostelgeschichte berichteten Jahre lässt sich nicht mit völliger Sicherheit bestimmen. Inhaltlich gehört es jedoch in jene Zeit, in der die junge Gemeinde darum rang, wie jüdische und nichtjüdische Gläubige gemeinsam aus dem Evangelium leben sollten.

Paulus berichtet, dass Petrus nach Antiochia gekommen war und dort zunächst gemeinsam mit Gläubigen aus den Völkern aß. Als jedoch bestimmte Männer aus dem Umfeld des Jakobus eintrafen, zog Petrus sich zurück und sonderte sich ab, weil er die Vertreter der Beschneidung fürchtete (Gal 2,11-12). Paulus bestreitet damit nicht Petrus’ apostolische Berufung. Gerade weil Petrus eine bedeutende Stellung besaß, hatten seine Handlungen jedoch weitreichende Folgen.

Andere jüdische Gläubige schlossen sich seinem Verhalten an. Selbst Barnabas, der Paulus über lange Jahre begleitet und gemeinsam mit ihm für die Freiheit der Gläubigen aus den Völkern eingestanden hatte, wurde nach Paulus’ Worten von dieser Haltung mitgezogen (Gal 2,13). Damit zeigt die Bibel erneut, dass bedeutende Diener Christi nicht persönlich unfehlbar waren. Frühere Erkenntnis, geistliche Erfahrung und Verantwortung schützten weder Petrus noch Barnabas automatisch davor, in einer konkreten Situation inkonsequent zu handeln.

Paulus beschreibt das Problem als Heuchelei und erklärt, dass die Beteiligten „nicht richtig wandelten nach der Wahrheit des Evangeliums“ (Gal 2,13-14). Damit ging es für ihn um mehr als unterschiedliche Essgewohnheiten. Durch den Rückzug entstand praktisch der Eindruck, als sei die volle Gemeinschaft zwischen jüdischen und nichtjüdischen Christen doch von einer besonderen jüdischen Abgrenzung abhängig. Das widersprach jener Wahrheit, die Paulus und andere zuvor verteidigt hatten: Menschen werden nicht aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder aufgrund von Gesetzeswerken in Christus angenommen.

Deshalb widersprach Paulus Petrus öffentlich. Er fragte ihn sinngemäß, wie er von Menschen aus den Völkern verlangen könne, jüdisch zu leben, wenn er selbst zuvor mit ihnen Gemeinschaft gepflegt hatte (Gal 2,14). Der öffentliche Charakter der Zurechtweisung entsprach dem öffentlichen Charakter des Problems. Paulus ging es dabei nicht darum, Petrus persönlich herabzusetzen oder seine gesamte Stellung infrage zu stellen. Er wandte sich gegen ein Verhalten, das aus seiner Sicht die Wahrheit des Evangeliums vor der Gemeinde verdunkelte.

An diesen Bericht schließt Paulus eine grundlegende Aussage über Rechtfertigung an. Auch Menschen jüdischer Herkunft wissen, so erklärt er, dass der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus (Gal 2,15-16). Der Konflikt in Antiochia war deshalb für Paulus keine bloße Frage gesellschaftlicher Höflichkeit. Wenn die Tischgemeinschaft so gestaltet wurde, als benötigten Menschen aus den Völkern eine zusätzliche religiöse Stellung, wurde praktisch etwas neben Christus gestellt, was für ihre volle Annahme entscheidend erschien.

Paulus führt den Gedanken bis zum Kreuz. Wenn Gerechtigkeit durch das Gesetz käme, dann wäre Christus vergeblich gestorben (Gal 2,21). Damit wird sichtbar, weshalb er an diesem Punkt keine scheinbar friedliche Mehrdeutigkeit zulassen wollte. Das Kreuz Jesu war für ihn nicht eine Ergänzung menschlicher religiöser Leistung, sondern die Grundlage der Rechtfertigung. Jede Praxis, die diese Grundlage verdunkelte, berührte den Mittelpunkt des Evangeliums.

Gleichzeitig zeigt der Bericht auch Paulus selbst in einer bemerkenswerten Stellung. Er war bereit, einem angesehenen Apostel zu widersprechen, wenn dessen Verhalten nach seiner Überzeugung nicht mit dem Evangelium übereinstimmte. Apostolische Einheit bedeutete deshalb nicht, dass Leiter einander niemals korrigierten. Ihre gemeinsame Autorität stand unter der Wahrheit, die sie verkündigten, und nicht über ihr.

Der Galaterbrief berichtet nicht, wie Petrus unmittelbar auf die Zurechtweisung reagierte. Deshalb darf keine Versöhnungsszene erfunden werden. Später nennt Petrus Paulus jedoch ausdrücklich seinen „geliebten Bruder“ und spricht anerkennend von der ihm gegebenen Weisheit (2Petr 3,15). Der Konflikt von Antiochia blieb damit im biblischen Gesamtzeugnis nicht das letzte Wort über ihre Beziehung.

Für Paulus selbst führt die Auseinandersetzung unmittelbar zu einem seiner persönlichsten Bekenntnisse: Er sieht sein altes Leben als mit Christus gekreuzigt und sein gegenwärtiges Leben als ein Leben des Glaubens an den Sohn Gottes, der ihn geliebt und sich selbst für ihn hingegeben hat (Gal 2,20). Genau darin lag für ihn die Wahrheit, die in Antiochia verteidigt werden musste. Nicht Herkunft, menschliches Ansehen oder religiöse Leistung bestimmten die Stellung vor Gott, sondern Christus und seine Gnade.

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Paulus lernt, sich seiner Schwachheit zu rühmen

2. Korinther 11,23-33 – „23 Sie sind Diener Christi? Ich rede unsinnig: Ich bin's noch mehr; ich habe weit mehr Mühsal, über die Maßen viele Streiche ausgestanden, war weit mehr in Gefängnissen, öfters in Todesgefahren. 24 Von den Juden habe ich fünfmal vierzig Streiche weniger einen empfangen; 25 dreimal bin ich mit Ruten geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten; einen Tag und eine Nac…"
2. Korinther 11,23-33 – „23 Sie sind Diener Christi? Ich rede unsinnig: Ich bin's noch mehr; ich habe weit mehr Mühsal, über die Maßen viele Streiche ausgestanden, war weit mehr in Gefängnissen, öfters in Todesgefahren. 24 Von den Juden habe ich fünfmal vierzig Streiche weniger einen empfangen; 25 dreimal bin ich mit Ruten geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten; einen Tag und eine Nac…"
2. Korinther 12,1-10 – „1 Es ist mir freilich das Rühmen nichts nütze; doch will ich auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn zu sprechen kommen. 2 Ich weiß von einem Menschen in Christus, der vor vierzehn Jahren (ob im Leibe, weiß ich nicht, oder ob außerhalb des Leibes, weiß ich nicht; Gott weiß es) bis in den dritten Himmel entrückt wurde. 3 Und ich weiß von dem betreffenden Menschen (ob im Leibe, oder außer…"
Galater 4,13-15 – „13 ihr wisset aber, daß ich bei leiblicher Schwachheit euch zum erstenmal das Evangelium verkündigt habe. 14 Und ihr habt die mir am Fleische widerfahrene Anfechtung nicht gering angeschlagen oder gar verabscheut, sondern wie einen Engel Gottes nahmet ihr mich auf, wie Christus Jesus. 15 Was ist nun aus eurer Glückseligkeit geworden? Denn ich gebe euch das Zeugnis, daß ihr wenn möglich eure Augen…"

Paulus’ Briefe enthalten mehrere autobiografische Rückblicke auf Leiden, die in der Apostelgeschichte nur teilweise oder überhaupt nicht einzeln erzählt werden. Besonders ausführlich spricht er darüber im zweiten Korintherbrief. Der Anlass ist allerdings kein Wunsch, seine außergewöhnlichen Erfahrungen herauszustellen. Paulus reagiert auf Menschen, die sich mit ihrer Stellung und ihren Leistungen rühmten und dadurch seinen apostolischen Dienst infrage stellten. Nur widerwillig stellt er ihnen deshalb einen Rückblick auf das gegenüber, was er im Dienst Christi tatsächlich ertragen hatte.

Er nennt Gefängnisse, Schläge und wiederholte Lebensgefahr. Fünfmal habe er von Juden vierzig Schläge weniger einen erhalten, dreimal sei er mit Ruten geschlagen und einmal gesteinigt worden. Dreimal habe er Schiffbruch erlitten und sogar eine Nacht und einen Tag auf dem offenen Meer zugebracht (2Kor 11,23-25). Nicht alle diese Ereignisse lassen sich mit den Berichten der Apostelgeschichte identifizieren. Der dort geschilderte Schiffbruch auf der Reise nach Rom lag bei der Abfassung des zweiten Korintherbriefes noch in der Zukunft. Paulus hatte demnach bereits vorher weitere schwere Unglücke auf seinen Reisen überlebt, über die Lukas keine ausführliche Erzählung bietet.

Seine Aufzählung setzt sich mit Gefahren auf Reisen fort: durch Flüsse, Räuber, Menschen aus dem eigenen Volk und Menschen aus den Völkern, in Städten, Wüsten und auf dem Meer sowie durch falsche Brüder. Paulus spricht von Mühe und Arbeit, häufigem Wachen, Hunger und Durst, Fasten, Kälte und Blöße (2Kor 11,26-27). Diese Angaben erweitern das Bild seiner Reisen erheblich. Die Apostelgeschichte berichtet wichtige Einzelereignisse, doch Paulus selbst macht deutlich, dass der Alltag seines Dienstes von wesentlich mehr Entbehrungen geprägt war, als eine fortlaufende Erzählung vollständig wiedergeben könnte.

Zu diesen äußeren Belastungen kam eine andere Last. Paulus nennt „den täglichen Andrang zu mir, die Sorge für alle Gemeinden“ (2Kor 11,28). Gerade dies zeigt, was ihn innerhalb seiner Leiden besonders beschäftigte. Sein Dienst bestand nicht allein darin, Verfolgung zu ertragen und weiterzureisen. Die geistliche Entwicklung der Gemeinden blieb ihm auch aus der Entfernung ein tiefes Anliegen. Wenn jemand schwach war, fühlte Paulus mit; wenn jemand zu Fall gebracht wurde, ließ ihn das nicht unberührt (2Kor 11,29).

Bemerkenswert ist, wie Paulus diese Aufzählung abschließt. Wenn er sich überhaupt rühmen müsse, wolle er sich dessen rühmen, was seine Schwachheit betrifft (2Kor 11,30). Als Beispiel erinnert er sogar an seine Flucht aus Damaskus, als er in einem Korb durch ein Fenster der Stadtmauer hinabgelassen wurde (2Kor 11,32-33). Was menschlich kaum als eindrucksvoller Anfang einer großen Laufbahn erscheinen konnte, wurde für Paulus zu einem passenden Bild seines Dienstes: Er lebte nicht aus eigener Unverwundbarkeit.

Im folgenden Abschnitt berichtet Paulus von außergewöhnlichen Offenbarungen. Er spricht zurückhaltend von einem Menschen in Christus, der vierzehn Jahre zuvor bis in den dritten Himmel beziehungsweise ins Paradies entrückt worden sei und unaussprechliche Worte gehört habe (2Kor 12,1-4). Der weitere Zusammenhang macht deutlich, dass Paulus von einer eigenen Erfahrung spricht, ohne sie zum Anlass persönlicher Selbsterhöhung zu machen. Ob dieses Erlebnis körperlich oder außerhalb des Körpers geschah, wusste nach seiner eigenen Aussage nur Gott. Paulus lässt damit ausdrücklich offen, was er selbst nicht sicher erklären konnte.

Gerade im Zusammenhang mit diesen Offenbarungen spricht er von einem „Pfahl für das Fleisch“, einem Engel Satans, der ihn schlagen sollte, damit er sich nicht überhebe (2Kor 12,7). Was genau damit gemeint war, erklärt Paulus nicht. Deshalb lässt sich weder eine bestimmte Krankheit noch ein konkretes körperliches Leiden oder eine andere häufig vorgeschlagene Erklärung als sichere biblische Tatsache festlegen. Sicher ist nur, dass Paulus diese Belastung als schwer genug empfand, um den Herrn dreimal darum zu bitten, sie von ihm wegzunehmen.

Die Antwort Christi bestand nicht in der Beseitigung des Leidens. Der Herr sagte zu Paulus: „Meine Gnade genügt dir; denn meine Kraft wird in Schwachheit vollkommen“ (2Kor 12,9). Damit musste Paulus lernen, Gottes Wirksamkeit nicht daran zu messen, ob jede Belastung verschwand. Er konnte geheilt werden und andere Heilungen erleben, doch in dieser nicht näher bezeichneten Not erhielt er keine Befreiung, sondern ausreichende Gnade. Gottes Macht zeigte sich gerade darin, dass Paulus trotz seiner Schwachheit getragen und gebraucht wurde.

Auch der Galaterbrief enthält einen möglichen Einblick in körperliche Schwäche. Paulus erinnert die Galater daran, dass er ihnen „in Schwachheit des Fleisches“ erstmals das Evangelium verkündigt hatte und dass seine körperliche Prüfung sie damals nicht zur Verachtung gebracht hatte (Gal 4,13-14). Ob diese Aussage mit dem „Pfahl für das Fleisch“ aus 2. Korinther 12 zusammenhängt, sagt die Bibel nicht. Eine Gleichsetzung bleibt daher unsicher.

So verändert sich durch Paulus’ eigene Rückblicke das Bild seines apostolischen Lebens. Seine vielen Reisen, Gemeindegründungen und Briefe dürfen nicht den Eindruck eines Mannes vermitteln, der durch außergewöhnliche persönliche Stärke über allen Schwierigkeiten stand. Paulus kannte körperliche Schwäche, Angst, Entbehrung, wiederholte Lebensgefahr und Sorgen um die Gemeinden. Gerade deshalb wollte er am Ende nicht seine Belastbarkeit rühmen, sondern Christus, dessen Kraft ihn in seiner Begrenztheit trug. Seine apostolische Wirksamkeit sollte nicht beweisen, wie stark Paulus war, sondern wie ausreichend die Gnade seines Herrn blieb.

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Paulus versteht sich als Apostel für die Völker

Römer 15,14-29 – „14 Ich habe aber, meine Brüder, die feste Überzeugung von euch, daß auch ihr selbst voll Gütigkeit seid, erfüllt mit aller Erkenntnis und fähig, einander zu ermahnen. 15 Das machte mir aber zum Teil um so mehr Mut, euch zu schreiben, um euer Gedächtnis wieder aufzufrischen, wegen der Gnade, die mir von Gott gegeben ist, 16 daß ich ein Diener Jesu Christi für die Heiden sein soll, der das Evangeli…"
Römer 15,14-29 – „14 Ich habe aber, meine Brüder, die feste Überzeugung von euch, daß auch ihr selbst voll Gütigkeit seid, erfüllt mit aller Erkenntnis und fähig, einander zu ermahnen. 15 Das machte mir aber zum Teil um so mehr Mut, euch zu schreiben, um euer Gedächtnis wieder aufzufrischen, wegen der Gnade, die mir von Gott gegeben ist, 16 daß ich ein Diener Jesu Christi für die Heiden sein soll, der das Evangeli…"
Galater 1,15-16 – „15 Als es aber Gott, der mich von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch seine Gnade berufen hat, wohlgefiel, 16 seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich ihn durch das Evangelium unter den Heiden verkündige, ging ich alsbald nicht mit Fleisch und Blut zu Rate,"
Galater 2,7-9 – „7 sondern im Gegenteil, als sie sahen, daß ich mit dem Evangelium an die Unbeschnittenen betraut bin, gleichwie Petrus mit dem an die Beschneidung 8 denn der, welcher in Petrus kräftig wirkte zum Apostelamt unter der Beschneidung, der wirkte auch in mir kräftig für die Heiden, 9 und als sie die Gnade erkannten, die mir gegeben ist, reichten Jakobus und Kephas und Johannes, die für Säulen gelten, …"
Römer 11,13-14 – „13 Zu euch, den Heiden, rede ich (da ich nun eben Heidenapostel bin, rühme ich mein Amt, 14 ob ich nicht etwa meine Volksgenossen zum Nacheifern reizen und etliche von ihnen erretten könnte);"

Über viele einzelne Reisen hinweg blieb für Paulus eine Berufung besonders prägend: Christus hatte ihn in besonderer Weise zum Dienst unter den Völkern gesandt. Diese Aufgabe war bereits bei seiner Begegnung mit dem auferstandenen Herrn angelegt und wurde später von der Gemeinde und den anderen Aposteln anerkannt. Paulus verstand sie weder als persönlichen Anspruch auf ein bestimmtes Gebiet noch als Abwertung seines eigenen Volkes. Sie war für ihn ein von Gott anvertrauter Schwerpunkt innerhalb des einen Evangeliums.

Im Galaterbrief führt Paulus diesen Auftrag auf Gottes Handeln zurück. Gott habe ihn ausgesondert und durch seine Gnade berufen, seinen Sohn in ihm zu offenbaren, damit er ihn unter den Völkern verkündige (Gal 1,15-16). Später hätten Jakobus, Petrus und Johannes erkannt, dass ihm das Evangelium für die Unbeschnittenen in besonderer Weise anvertraut worden war, während Petrus einen besonderen Dienst unter den Beschnittenen ausübte (Gal 2,7-9). Unterschiedliche Arbeitsfelder bedeuteten dabei nicht unterschiedliche Evangelien. Derselbe Gott wirkte durch verschiedene Diener.

Paulus bezeichnet sich deshalb im Römerbrief ausdrücklich als „Apostel der Heiden“ beziehungsweise der Völker (Röm 11,13). Zugleich spricht er dort mit tiefem Schmerz über Menschen aus seinem eigenen Volk, die Christus nicht angenommen hatten. Sein Dienst unter den Völkern bedeutete also keine Gleichgültigkeit gegenüber Israel. Vielmehr hoffte er, dass gerade Gottes Wirken unter den Völkern auch Menschen aus seinem eigenen Volk zur Umkehr führen würde. Die Spannung zwischen seiner besonderen Berufung und seiner bleibenden Verbundenheit mit Israel begleitete einen großen Teil seines Dienstes.

Kurz vor seiner Reise nach Jerusalem gibt Paulus im Römerbrief einen bemerkenswerten Überblick über die geografische Ausdehnung seiner Arbeit. Von Jerusalem an und ringsum bis nach Illyrien habe er das Evangelium Christi umfassend verkündigt (Röm 15,19). Dabei beschreibt er einen Grundsatz seiner Missionsarbeit: Er habe danach gestrebt, Christus dort zu verkündigen, wo sein Name noch nicht bekannt war, damit er nicht auf einem fremden Fundament baue (Röm 15,20). Paulus wollte vorhandene Gemeinden nicht geringschätzen; vielmehr sah er seine besondere Aufgabe häufig darin, neue Gebiete mit dem Evangelium zu erreichen.

Gerade deshalb betrachtete er seinen Dienst in den östlichen Regionen irgendwann als so weit fortgeschritten, dass er neue Gebiete ins Auge fassen konnte. Den Christen in Rom schrieb er, dass er seit vielen Jahren den Wunsch habe, zu ihnen zu kommen. Von dort aus hoffte er sogar nach Spanien weiterzureisen und auf dem Weg Gemeinschaft mit der römischen Gemeinde zu haben (Röm 15,23-24). Die Bibel berichtet jedoch nicht, dass Paulus Spanien tatsächlich erreichte. Sein Plan darf deshalb nicht als ausgeführte Reise in seine Lebensgeschichte aufgenommen werden.

Bevor Paulus nach Rom weiterziehen wollte, stand zunächst Jerusalem auf seinem Weg. Er brachte den dortigen Gläubigen eine Sammlung aus Mazedonien und Achaja, weil die Gemeinden dieser Gebiete freiwillig für die Bedürftigen unter den Heiligen gegeben hatten (Röm 15,25-27). Paulus sah in dieser Unterstützung mehr als bloße finanzielle Hilfe. Wenn Menschen aus den Völkern Anteil an den geistlichen Segnungen erhalten hatten, erschien es ihm angemessen, dass sie jüdischen Gläubigen auch mit materiellen Gütern dienten. Die Sammlung wurde so zu einem sichtbaren Ausdruck der Verbundenheit innerhalb der Gemeinde Christi.

Paulus bat die Römer zugleich eindringlich um Gebet. Sie sollten mit ihm darum ringen, dass er vor den Ungläubigen in Judäa bewahrt werde und sein Dienst für Jerusalem bei den Heiligen angenommen werde, damit er nach Gottes Willen mit Freude zu ihnen kommen könne (Röm 15,30-32). Der weitere Verlauf zeigte, wie begründet seine Sorge war. In Jerusalem wurde er ergriffen, und statt als freier Reisender nach Rom zu gelangen, kam er Jahre später als Gefangener dorthin.

Gerade dieser Gegensatz zwischen Paulus' Plan und dem tatsächlichen Verlauf verdeutlicht eine wichtige Linie seines Lebens. Er entwarf Reisepläne und verfolgte große missionarische Ziele, doch er konnte nicht bestimmen, auf welchem Weg Gott diese führen würde. Paulus wollte Rom besuchen; Christus hatte ihm zugesagt, dort Zeugnis abzulegen. Dass dieses Zeugnis schließlich in Ketten geschah, gehörte nicht zu Paulus' ursprünglicher Planung.

Seine Berufung zu den Völkern darf deshalb nicht vor allem an der Zahl der zurückgelegten Kilometer oder der gegründeten Gemeinden gemessen werden. Paulus verstand sich als Verwalter einer Gnade, die er selbst empfangen hatte und nun anderen verkündigen sollte. Seine Aufgabe war erfüllt, wenn Menschen nicht an ihn, sondern an Jesus Christus gebunden wurden. Gemeinden konnten anschließend von anderen Mitarbeitern betreut werden, während Paulus weiterzog und neuen Menschen das Evangelium brachte.

So fügt sich sein missionarisches Selbstverständnis in die gesamte Lebensgeschichte ein. Der Mann, der einst über die Grenzen Jerusalems hinauszog, um Christen zu verfolgen, wurde von Christus selbst über immer weitere Grenzen gesandt, um Menschen zu Christus zu rufen. Was Saulus hatte vernichten wollen, durfte Paulus nun ausbreiten. Doch auch darin blieb nicht der Apostel selbst das Zentrum: Seine Berufung, seine Reisen und seine Briefe standen im Dienst einer Botschaft, deren Mittelpunkt allein Jesus Christus war.

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Paulus trägt sein eigenes Volk im Herzen

Römer 9,1-5 – „1 Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im heiligen Geist, 2 daß ich große Traurigkeit und unablässigen Schmerz in meinem Herzen habe. 3 Ich wünschte nämlich, selber von Christus verbannt zu sein für meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleisch, 4 welche Israeliten sind, denen die Kindschaft und die Herrlichkeit und die Bündnisse und die Gesetzgebung …"
Römer 9,1-5 – „1 Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im heiligen Geist, 2 daß ich große Traurigkeit und unablässigen Schmerz in meinem Herzen habe. 3 Ich wünschte nämlich, selber von Christus verbannt zu sein für meine Brüder, meine Verwandten nach dem Fleisch, 4 welche Israeliten sind, denen die Kindschaft und die Herrlichkeit und die Bündnisse und die Gesetzgebung …"
Römer 10,1-4 – „1 Brüder, meines Herzens Wunsch und mein Flehen zu Gott für Israel ist auf ihr Heil gerichtet. 2 Denn ich gebe ihnen das Zeugnis, daß sie eifern um Gott, aber mit Unverstand. 3 Denn weil sie die Gerechtigkeit Gottes nicht erkennen und ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten trachten, sind sie der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan. 4 Denn Christus ist des Gesetzes Ende zur Gerechtigkeit für einen…"
Römer 11,1-6 – „1 Ich frage nun: Hat etwa Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne! Denn auch ich bin ein Israelit, aus dem Samen Abrahams, aus dem Stamme Benjamin. 2 Gott hat sein Volk nicht verstoßen, welches er zuvor ersehen hat! Oder wisset ihr nicht, was die Schrift bei [der Geschichte von] Elia spricht, wie er sich an Gott gegen Israel wendet: 3 «Herr, sie haben deine Propheten getötet und deine Altäre zers…"
Römer 11,25-32 – „25 Denn ich will nicht, meine Brüder, daß euch dieses Geheimnis unbekannt bleibe, damit ihr euch nicht selbst klug dünket, daß Israel zum Teil Verstockung widerfahren ist, bis daß die Vollzahl der Heiden eingegangen sein wird 26 und also ganz Israel gerettet werde, wie geschrieben steht: «Aus Zion wird der Erlöser kommen und die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden», 27 und: «das ist mein Bund mit …"

Paulus’ besonderer Auftrag unter den Völkern bedeutete niemals, dass er sein eigenes Volk innerlich hinter sich ließ. Gerade der Römerbrief zeigt, wie tief ihn die Frage beschäftigte, dass viele Israeliten Jesus nicht als Christus angenommen hatten. Paulus beginnt diesen Abschnitt mit ungewöhnlich persönlichen Worten. Er spricht von großer Traurigkeit und einem unaufhörlichen Schmerz in seinem Herzen und bekräftigt seine Aussage ausdrücklich vor Christus (Röm 9,1-2). Die Ablehnung des Evangeliums durch viele seiner Volksgenossen war für ihn kein abstraktes theologisches Problem.

Dabei erinnert Paulus an die besondere Stellung Israels in Gottes Heilsgeschichte. Den Israeliten gehörten nach seiner Aufzählung die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bündnisse, die Gesetzgebung, der Gottesdienst und die Verheißungen; aus ihnen stammen die Väter, und aus ihnen kam Christus dem Fleisch nach (Röm 9,4-5). Paulus wertete diese Geschichte also nicht ab, nachdem er Apostel für die Völker geworden war. Gerade weil Gott Israel so reich beschenkt hatte und Christus aus diesem Volk hervorgegangen war, empfand er die gegenwärtige Situation besonders schmerzlich.

Sein persönliches Anliegen bringt er wenig später noch einmal auf den Punkt: „Brüder, meines Herzens Wunsch und mein Flehen zu Gott für Israel ist auf ihre Rettung gerichtet“ (Röm 10,1). Paulus spricht damit nicht über Israel aus Distanz, sondern betet für sein Volk. Dabei kannte er den religiösen Eifer vieler seiner Landsleute aus eigener Erfahrung. Er bezeugt ihnen Eifer für Gott, erklärt jedoch, dass dieser Eifer nicht der rechten Erkenntnis entspreche (Röm 10,2). Genau darin spiegelte sich ein Teil seiner eigenen Vergangenheit: Auch Saulus hatte mit großem Eifer gehandelt und dennoch Christus bekämpft.

Paulus sieht den entscheidenden Punkt darin, dass Menschen ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten suchen und sich der Gerechtigkeit Gottes nicht unterordnen. Christus bezeichnet er als Ziel beziehungsweise Erfüllung des Gesetzes zur Gerechtigkeit für jeden Glaubenden (Röm 10,3-4). Damit richtet sich seine Kritik nicht gegen Gottes Gesetz oder gegen Israel als Volk, sondern gegen den Versuch, vor Gott eine eigene Gerechtigkeit aufzurichten. Paulus wusste aus seiner eigenen Lebensgeschichte, wie religiöse Hingabe ohne die Erkenntnis Christi in die falsche Richtung führen konnte.

Deshalb weist er ausdrücklich die Vorstellung zurück, Gott habe sein Volk einfach verstoßen. Seine Antwort lautet: „Das sei ferne!“ Als erstes Beispiel nennt Paulus sich selbst: „Denn auch ich bin ein Israelit, aus dem Samen Abrahams, vom Stamm Benjamin“ (Röm 11,1). Seine eigene Existenz als jüdischer Apostel Jesu war damit bereits ein Gegenbeispiel gegen eine pauschale Verwerfung Israels. Paulus führt anschließend die Geschichte Elias an und spricht von einem Überrest nach der Auswahl der Gnade (Röm 11,2-6).

Gleichzeitig beschönigt Paulus den Unglauben vieler nicht. Er spricht von Verhärtung, von abgeschnittenen Zweigen und davon, dass Menschen wegen Unglaubens nicht bleiben konnten (Röm 11,17-23). Doch gerade dieses Bild richtet sich ebenso als Warnung an die Gläubigen aus den Völkern. Sie sollten sich nicht über die natürlichen Zweige erheben. Nicht sie tragen die Wurzel, sondern die Wurzel trägt sie. Paulus bekämpft damit jede Überheblichkeit, die aus der Aufnahme der Völker einen Grund zur Verachtung Israels machen könnte.

Seine Warnung ist scharf: Die Gläubigen aus den Völkern stehen durch den Glauben und sollen deshalb nicht hochmütig sein, sondern Gott fürchten. Wenn Gott natürliche Zweige nicht schonte, sollten auch sie nicht meinen, ihre Stellung mache sie unabhängig von bleibendem Glauben (Röm 11,20-22). Gnade wird bei Paulus niemals zum Anlass geistlicher Selbstüberhöhung. Wer durch Gottes Güte aufgenommen wurde, besitzt keinen Grund, auf andere herabzusehen.

Paulus blickt zugleich voller Hoffnung auf Gottes weiteres Handeln. Er spricht von einem Geheimnis, damit die Gläubigen sich nicht selbst für klug halten: Israel sei nur zum Teil Verhärtung widerfahren, bis die Vollzahl der Völker eingegangen sei (Röm 11,25). Seine Aussagen in diesem Abschnitt sind dicht und wurden unterschiedlich ausgelegt. Sicher ist jedoch, dass Paulus Gottes Treue nicht gegen Israel und die Völker ausspielt. Beide stehen unter der Wirklichkeit menschlichen Ungehorsams und unter Gottes Ruf zur Barmherzigkeit.

Am Ende dieses Gedankengangs fasst Paulus die Lage nicht mit menschlichem Stolz, sondern mit Gottes Erbarmen zusammen: Gott habe alle unter den Ungehorsam eingeschlossen, damit er sich aller erbarme (Röm 11,32). Das bedeutet keine automatische Rettung unabhängig vom Glauben; der gesamte Zusammenhang ruft zu Glauben und warnt vor Unglauben. Es zeigt jedoch, dass Paulus die Heilsgeschichte nicht als Sieg einer Menschengruppe über eine andere verstand. Juden wie Menschen aus den Völkern sind auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen.

Damit wird noch einmal deutlich, wie grundlegend Christus die Perspektive des Paulus verändert hatte. Der frühere Verfolger hatte geglaubt, Gottes Sache durch Gewalt gegen die Gemeinde verteidigen zu müssen. Der spätere Apostel konnte über diejenigen, die seine Verkündigung ablehnten und ihn selbst vielfach bekämpft hatten, mit Trauer sprechen und für ihre Rettung beten. Seine Berufung zu den Völkern löste seine Verbundenheit mit Israel nicht auf. Sie führte ihn vielmehr tiefer in die Erkenntnis, dass Gottes Heil in Christus Menschen nicht zur Überheblichkeit, sondern zur Demut, zum Glauben und zur Barmherzigkeit ruft.

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Paulus verzichtet um des Evangeliums willen auf persönliche Rechte

1. Korinther 7,7-8 – „7 Denn ich wollte, alle Menschen wären wie ich; aber jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. 8 Ich sage aber den Ledigen und den Witwen: Es ist gut für sie, wenn sie bleiben wie ich."
1. Korinther 7,7-8 – „7 Denn ich wollte, alle Menschen wären wie ich; aber jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. 8 Ich sage aber den Ledigen und den Witwen: Es ist gut für sie, wenn sie bleiben wie ich."
1. Korinther 9,1-18 – „1 Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel? Habe ich nicht unsern Herrn Jesus Christus gesehen? Seid nicht ihr mein Werk im Herrn? 2 Bin ich für andere kein Apostel, so bin ich es doch für euch; denn das Siegel meines Apostelamts seid ihr in dem Herrn. 3 Dies ist meine Verteidigung denen gegenüber, die mich zur Rede stellen: 4 Haben wir nicht Vollmacht, zu essen und zu trinken? 5 Haben wir n…"
1. Korinther 9,19-23 – „19 Denn wiewohl ich frei bin von allen, habe ich mich doch allen zum Knecht gemacht, um ihrer desto mehr zu gewinnen. 20 Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, auf daß ich die Juden gewinne; denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich geworden, als wäre ich unter dem Gesetz (obschon ich nicht unter dem Gesetz bin), damit ich die unter dem Gesetz gewinne; 21 denen, die ohne Gesetz sind, bin ich ge…"

Die Briefe des Paulus geben auch einige Einblicke in seine persönliche Lebensweise, die in der Apostelgeschichte nur am Rand sichtbar werden. Im ersten Korintherbrief spricht er über Ehe und Ehelosigkeit und sagt im Blick auf seinen damaligen Zustand, er wünsche, dass andere in dieser Hinsicht sein könnten wie er. Wenig später empfiehlt er Unverheirateten und Witwen, unverheiratet zu bleiben, „wie auch ich“ (1Kor 7,7-8). Daraus lässt sich sicher schließen, dass Paulus zu dieser Zeit ohne Ehefrau lebte. Ob er niemals verheiratet gewesen war oder früher eine Ehe bestanden hatte, sagt die Bibel dagegen nicht.

Paulus machte aus seiner eigenen Lebensform kein allgemeines Gebot. Gerade in demselben Zusammenhang bezeichnet er sowohl Ehe als auch Ehelosigkeit als Bereiche, in denen Menschen unterschiedliche Gaben von Gott besitzen (1Kor 7,7). Wer heiratet, sündigt nicht; wer unverheiratet bleibt, kann unter bestimmten Umständen freier für die Angelegenheiten des Herrn sorgen. Paulus erhob seine persönliche Situation deshalb nicht zum Maßstab geistlicher Überlegenheit. Entscheidend war für ihn, Gott in der jeweiligen Berufung treu zu dienen.

Auch als Apostel besaß Paulus Rechte, auf deren Ausübung er freiwillig verzichten konnte. In 1. Korinther 9 fragt er ausdrücklich, ob er und Barnabas etwa nicht das Recht hätten, nicht für ihren Lebensunterhalt arbeiten zu müssen. Ebenso fragt er, ob sie nicht das Recht hätten, eine gläubige Frau als Ehefrau mitzuführen, wie andere Apostel, die Brüder des Herrn und Petrus es taten (1Kor 9,4-6). Paulus bestreitet diese Rechte nicht. Im Gegenteil: Ein großer Teil seiner Argumentation dient gerade dazu zu zeigen, dass ein Verkündiger des Evangeliums grundsätzlich berechtigt ist, von seinem Dienst unterstützt zu werden.

Dafür führt Paulus verschiedene Beispiele an. Ein Soldat dient nicht auf eigene Kosten, ein Weinbergbesitzer erwartet Frucht, und wer eine Herde weidet, darf von ihrer Milch nehmen. Auch das mosaische Gesetz, wonach einem dreschenden Ochsen das Maul nicht verbunden werden soll, verwendet Paulus als Grundsatz dafür, dass ein Arbeiter an der Frucht seiner Arbeit Anteil haben darf. Schließlich verweist er auf den Tempeldienst und fasst zusammen, dass der Herr angeordnet habe, dass diejenigen, die das Evangelium verkündigen, vom Evangelium leben sollen (1Kor 9,7-14).

Doch unmittelbar danach erklärt Paulus, dass er von diesen Rechten nicht in der entsprechenden Weise Gebrauch gemacht habe. Sein Ziel war nicht, einen persönlichen Anspruch durchzusetzen, sondern dem Evangelium kein Hindernis zu bereiten (1Kor 9,12.15). Deshalb arbeitete er an verschiedenen Orten mit seinen eigenen Händen, wie die Apostelgeschichte und seine Briefe ebenfalls bezeugen. Dieser Verzicht bedeutete nicht, dass finanzielle Unterstützung grundsätzlich falsch gewesen wäre; Paulus nahm beispielsweise Hilfe von den Philippern dankbar an. Seine Entscheidungen konnten je nach Situation unterschiedlich ausfallen.

Darin zeigt sich ein Grundsatz, der sein apostolisches Leben weit über finanzielle Fragen hinaus prägte. Paulus unterschied zwischen dem, was ihm grundsätzlich erlaubt oder rechtmäßig zustand, und dem, was in einer konkreten Situation dem Evangelium am meisten diente. Freiheit bedeutete für ihn deshalb nicht, auf allen persönlichen Ansprüchen zu bestehen. Er konnte freiwillig auf Rechte verzichten, wenn dadurch unnötige Hindernisse für andere beseitigt wurden.

Diese Haltung beschreibt er anschließend mit den bekannten Worten, dass er, obwohl er von allen frei sei, sich allen zum Diener gemacht habe, um möglichst viele zu gewinnen (1Kor 9,19). Juden begegnete er in einer Weise, die ihnen den Zugang zur Botschaft nicht unnötig erschwerte; ebenso suchte er Menschen außerhalb des jüdischen Gesetzes in ihrer Situation zu erreichen. Dabei fügt Paulus ausdrücklich hinzu, dass er nicht ohne Gesetz vor Gott sei, sondern unter dem Gesetz Christi stehe (1Kor 9,20-21). Anpassung bedeutete für ihn also nicht Beliebigkeit oder Aufgabe göttlicher Wahrheit.

Sein Ziel formuliert Paulus klar: „Allen bin ich alles geworden, damit ich auf alle Weise etliche rette“ (1Kor 9,22). Auch diese Aussage darf nicht so verstanden werden, als habe Paulus selbst Menschen retten können oder die Botschaft je nach Publikum verändert. Der Zusammenhang zeigt vielmehr, dass er bereit war, persönliche Vorlieben und Rechte zurückzustellen, damit Menschen möglichst wenig unnötige Hindernisse zwischen sich und dem Evangelium vorfanden. Die rettende Kraft lag bei Christus; Paulus wollte dieser Botschaft mit seinem eigenen Verhalten nicht im Weg stehen.

Gerade dadurch ergänzen diese autobiografischen Aussagen das Bild, das seine Reisen bereits vermittelt haben. Paulus war nicht nur bereit, Verfolgung und Entbehrung zu ertragen. Er ordnete auch legitime persönliche Ansprüche seinem Auftrag unter. Seine Ehelosigkeit in dieser Lebensphase, seine Arbeit mit eigenen Händen und sein zeitweiliger Verzicht auf apostolische Unterstützung wurden nicht zu Leistungen, durch die er sich vor Gott etwas verdiente. Sie waren praktische Entscheidungen innerhalb eines Lebens, das nach seiner Berufung immer stärker von einer einzigen Frage bestimmt wurde: Wie kann Christus durch seinen Dienst möglichst ungehindert bekannt werden?

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Paulus verteidigt seinen apostolischen Dienst

2. Korinther 10,7-18 – „7 Sehet ihr auf das, was vor Augen liegt? Traut jemand sich selbst zu, daß er Christus angehöre, so möge er wiederum bei sich bedenken, daß, gleichwie er Christus angehört, so auch wir. 8 Denn wenn ich mich auch noch etwas mehr rühmen wollte wegen unsrer Gewalt, die der Herr uns zu eurer Erbauung und nicht zu eurer Zerstörung gegeben hat, so würde ich nicht zuschanden werden, 9 damit es nicht sch…"
2. Korinther 10,7-18 – „7 Sehet ihr auf das, was vor Augen liegt? Traut jemand sich selbst zu, daß er Christus angehöre, so möge er wiederum bei sich bedenken, daß, gleichwie er Christus angehört, so auch wir. 8 Denn wenn ich mich auch noch etwas mehr rühmen wollte wegen unsrer Gewalt, die der Herr uns zu eurer Erbauung und nicht zu eurer Zerstörung gegeben hat, so würde ich nicht zuschanden werden, 9 damit es nicht sch…"
2. Korinther 11,3-15 – „3 Ich fürchte aber, es könnten, wie die Schlange mit ihrer List Eva verführte, so auch eure Sinne verdorben und von der Einfalt gegen Christus abgelenkt werden. 4 Denn wenn der, welcher zu euch kommt, einen andern Jesus predigt, den wir nicht gepredigt haben, oder wenn ihr einen andern Geist empfanget, den ihr nicht empfangen habt, oder ein anderes Evangelium, das ihr nicht angenommen habt, so er…"
2. Korinther 12,11-13 – „11 Ich bin töricht geworden; ihr habt mich dazu gezwungen. Denn ich sollte von euch gelobt werden, da ich den «bedeutenden Aposteln» um nichts nachstehe, wenn ich auch nichts bin. 12 Die Zeichen eines Apostels sind unter euch gewirkt worden in aller Geduld, in Zeichen, Wundern und Kräften. 13 Denn was ist es, worin ihr den übrigen Gemeinden nachgesetzt wurdet, außer daß ich selbst euch nicht zur …"
Galater 1,6-12 – „6 Mich wundert, daß ihr so schnell übergehet von dem, der euch durch Christi Gnade berufen hat, zu einem anderen Evangelium, so es doch kein anderes gibt; 7 nur sind etliche da, die euch verwirren und das Evangelium Christi verdrehen wollen. 8 Aber wenn auch wir oder ein Engel vom Himmel euch etwas anderes als Evangelium predigen würde außer dem, was wir euch verkündigt haben, der sei verflucht! …"

Paulus musste nicht nur äußere Verfolgung ertragen. Auch innerhalb von Gemeinden wurde seine apostolische Autorität angegriffen. Besonders der zweite Korintherbrief zeigt, wie belastend diese Auseinandersetzungen werden konnten. Manche Gegner stellten offenbar seine persönliche Erscheinung und sein Auftreten gegen die Kraft seiner Briefe: Seine Briefe seien gewichtig und stark, seine leibliche Gegenwart dagegen schwach und seine Rede verachtenswert (2Kor 10,10). Paulus verschweigt diese Kritik nicht, lässt aber auch nicht zu, dass der Wert seines Dienstes an menschlicher Wirkung oder Selbstdarstellung gemessen wird.

Sein Maßstab war nicht der Vergleich mit Menschen, die sich selbst empfahlen. Paulus erklärt, dass diejenigen, die sich untereinander messen und miteinander vergleichen, nicht verständig handeln (2Kor 10,12). Er wollte sich nicht mit Arbeiten rühmen, die andere getan hatten, sondern innerhalb des Bereiches dienen, den Gott ihm zugewiesen hatte. Dazu gehörte auch Korinth, denn Paulus war mit dem Evangelium Christi tatsächlich bis zu ihnen gekommen (2Kor 10,13-14). Sein apostolischer Anspruch sollte deshalb nicht auf Selbstlob beruhen, sondern auf dem Auftrag und der Frucht, die Gott ihm gegeben hatte.

Hinter der Auseinandersetzung stand für Paulus eine noch ernstere Gefahr. Er fürchtete, die Korinther könnten von der schlichten und reinen Hingabe an Christus abgebracht werden. Wenn jemand einen anderen Jesus verkündigte, einen anderen Geist vermittelte oder ein anderes Evangelium brachte, bestand die Gefahr, dass die Gemeinde dies erstaunlich bereitwillig hinnahm (2Kor 11,3-4). Paulus verteidigte seine Stellung deshalb nicht hauptsächlich, um persönliche Anerkennung zu erhalten. Er sah das Evangelium selbst bedroht.

In diesem Zusammenhang spricht Paulus scharf von „falschen Aposteln“ und betrügerischen Arbeitern, die sich als Apostel Christi ausgaben (2Kor 11,13). Er warnt davor, sich durch äußeren Anschein täuschen zu lassen, denn auch Satan könne sich als Engel des Lichts verstellen. Eine religiöse Erscheinung, geistliche Sprache oder der Anspruch auf besondere Autorität bewiesen deshalb für Paulus noch nicht, dass ein Dienst tatsächlich von Christus kam. Entscheidend blieb die Übereinstimmung mit dem wahren Evangelium und dem Charakter des apostolischen Dienstes.

Ähnlich entschieden hatte Paulus bereits den Galatern geschrieben. Er wunderte sich, dass sie sich so schnell von dem, der sie durch die Gnade Christi berufen hatte, zu einem „anderen Evangelium“ abwandten. Zugleich erklärt er, dass es in Wahrheit kein zweites Evangelium gebe; vielmehr verwirrten bestimmte Menschen die Gemeinde und wollten das Evangelium Christi verkehren (Gal 1,6-7). Deshalb formuliert Paulus eine außergewöhnlich strenge Grenze: Selbst wenn er selbst oder ein Engel vom Himmel etwas als Evangelium verkündigen würde, das dem bereits empfangenen Evangelium widerspricht, dürfte diese Botschaft nicht angenommen werden (Gal 1,8-9).

Damit stellte Paulus sogar seine eigene Person unter die Wahrheit der Botschaft. Seine Autorität bedeutete nicht, dass alles richtig sein musste, nur weil Paulus es sagte. Das von Christus empfangene Evangelium stand über jedem menschlichen Verkündiger. Paulus erklärt anschließend, dass die von ihm verkündigte Botschaft nicht nach Menschenart sei und er sie nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt habe, sondern durch Offenbarung Jesu Christi (Gal 1,11-12). Genau deshalb durfte sie auch nicht nach menschlichem Gefallen verändert werden.

Im zweiten Korintherbrief spricht Paulus dennoch über Zeichen, die seinen Dienst unter den Korinthern begleitet hatten. Er erklärt, dass „die Zeichen eines Apostels“ unter ihnen in aller Geduld durch Zeichen, Wunder und Machttaten gewirkt worden seien (2Kor 12,12). Damit konnte die Gemeinde auf konkrete Bestätigungen seines Dienstes zurückblicken. Doch auch diese Zeichen bildeten nicht den Mittelpunkt seiner Selbstverteidigung. Paulus hatte bereits davor gewarnt, dass äußere religiöse Eindrücke allein täuschen können.

Seine Verteidigung erhält gerade deshalb eine ungewöhnliche Form. Statt sich mit Stärke, Einfluss und außergewöhnlicher Wirkung zu rühmen, spricht Paulus ausführlich über Leiden, Schwachheit und Abhängigkeit von Christus. Er sagt sogar, er sei ein Tor geworden, weil die Korinther ihn zum Rühmen gezwungen hätten; eigentlich hätten sie ihn empfehlen sollen, denn er sei den „übergroßen Aposteln“ in nichts nachgestanden, auch wenn er selbst nichts sei (2Kor 12,11). Seine apostolische Stellung und persönliche Demut stehen hier nebeneinander.

Paulus wusste also, dass Autorität im Dienst Christi notwendig war, aber er wollte daraus keine Herrschaft über den Glauben anderer machen. An anderer Stelle erklärt er den Korinthern ausdrücklich, dass er und seine Mitarbeiter nicht Herren über ihren Glauben seien, sondern Mitarbeiter an ihrer Freude, denn im Glauben stünden sie (2Kor 1,24). Apostolische Leitung durfte fest auftreten, Irrtum benennen und korrigieren, doch sie sollte Menschen nicht an die Persönlichkeit des Apostels binden.

Diese Kämpfe zeigen eine weitere Seite seines Lebens. Paulus musste das Evangelium nicht nur gegen Verfolgung von außen verteidigen, sondern auch gegen Verzerrungen, Selbstdarstellung und falsche Autoritätsansprüche innerhalb christlicher Gemeinden. Dabei führte er den entscheidenden Maßstab immer wieder weg von sich selbst. Nicht die eindrucksvollste Persönlichkeit, die stärkste Rhetorik oder der höchste Anspruch sollte bestimmen, was wahr ist. Das Evangelium Jesu Christi blieb der Maßstab – und auch Paulus selbst wollte nur insoweit gehört werden, wie er diesem Auftrag treu blieb.

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Paulus weist jede Bindung an seine Person zurück

1. Korinther 1,10-17 – „10 Ich ermahne euch aber, ihr Brüder, kraft des Namens unsres Herrn Jesus Christus, daß ihr alle einerlei Rede führet und nicht Spaltungen unter euch sein lasset, sondern zusammenhaltet in derselben Gesinnung und in derselben Meinung. 11 Mir ist nämlich, meine Brüder, durch die Leute der Chloe bekanntgeworden, daß Zwistigkeiten unter euch sind. 12 Ich rede aber davon, daß unter euch der eine spri…"
1. Korinther 1,10-17 – „10 Ich ermahne euch aber, ihr Brüder, kraft des Namens unsres Herrn Jesus Christus, daß ihr alle einerlei Rede führet und nicht Spaltungen unter euch sein lasset, sondern zusammenhaltet in derselben Gesinnung und in derselben Meinung. 11 Mir ist nämlich, meine Brüder, durch die Leute der Chloe bekanntgeworden, daß Zwistigkeiten unter euch sind. 12 Ich rede aber davon, daß unter euch der eine spri…"
1. Korinther 3,4-9 – „4 Denn wenn einer sagt: Ich halte zu Paulus, der andere aber: Ich zu Apollos! seid ihr da nicht fleischlich? 5 Was ist nun Apollos, was ist Paulus? Diener sind sie, durch welche ihr gläubig geworden seid, und zwar, wie es der Herr einem jeglichen gegeben hat. 6 Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Gedeihen gegeben. 7 So ist also weder der etwas, welcher pflanzt, noch der, w…"
1. Korinther 4,1-7 – „1 So soll man uns betrachten: als Christi Diener und Verwalter göttlicher Geheimnisse. 2 Im übrigen wird von Verwaltern nur verlangt, daß einer treu erfunden werde. 3 Mir aber ist es das Geringste, daß ich von euch oder von einem menschlichen Gerichtstage beurteilt werde; auch beurteile ich mich nicht selbst. 4 Denn ich bin mir nichts bewußt; aber damit bin ich nicht gerechtfertigt, sondern der H…"

Die Bedeutung des Paulus für die Gemeinden brachte eine Gefahr mit sich, gegen die er selbst entschieden vorging: Menschen konnten sich stärker an einzelne Verkündiger binden als an Christus. Besonders in Korinth hatten sich Gruppen gebildet, die sich mit verschiedenen Namen identifizierten. Einige sagten: „Ich gehöre zu Paulus“, andere beriefen sich auf Apollos, Petrus oder unmittelbar auf Christus (1Kor 1,12). Paulus betrachtete solche Parteiungen nicht als Ausdruck gesunder Wertschätzung unterschiedlicher Diener, sondern als eine Spaltung der Gemeinde.

Seine Antwort stellt Christus sofort in den Mittelpunkt. Paulus fragt: „Ist Christus denn zerteilt? Ist etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden?“ (1Kor 1,13). Damit weist er jede Vorstellung zurück, seine apostolische Bedeutung könne ihm eine Stellung geben, die Christus allein zukommt. Nicht Paulus war für die Gemeinde gestorben. Nicht sein Name begründete ihre neue Identität. Der Apostel, dessen Briefe und Dienst außerordentlichen Einfluss besaßen, verweigerte gerade deshalb jede Verehrung seiner eigenen Person.

In diesem Zusammenhang erinnert Paulus daran, dass er in Korinth nur wenige Menschen persönlich getauft hatte. Er nennt Krispus und Gajus sowie das Haus des Stephanas und erklärt, Christus habe ihn nicht in erster Linie gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkündigen (1Kor 1,14-17). Damit wertet er die Taufe nicht ab; an anderen Stellen behandelt er sie als wichtigen Bestandteil des christlichen Lebens. Sein Punkt ist vielmehr, dass niemand aus der Tatsache, von Paulus persönlich getauft worden zu sein, einen besonderen Rang oder eine persönliche Zugehörigkeit zu ihm ableiten sollte.

Auch die Beziehung zwischen Paulus und Apollos ordnet er bewusst unter Gottes Wirken ein. Weil einige Korinther sagten, sie gehörten zu Paulus, andere zu Apollos, fragt er: „Wer ist denn Paulus, und wer Apollos?“ Seine Antwort lautet: Diener, durch die sie zum Glauben gekommen waren, und zwar so, wie der Herr jedem seinen Auftrag gegeben hatte (1Kor 3,4-5). Paulus hatte gepflanzt, Apollos begossen – „aber Gott hat das Gedeihen gegeben“ (1Kor 3,6).

Damit relativiert Paulus nicht die Bedeutung menschlichen Dienstes, sondern ordnet sie richtig ein. Der Pflanzende und der Begießende besitzen unterschiedliche Aufgaben und werden von Gott entsprechend beurteilt, doch keiner von ihnen kann geistliches Leben hervorbringen. „So ist weder der etwas, welcher pflanzt, noch der, welcher begießt, sondern Gott, der das Gedeihen gibt“ (1Kor 3,7). Gerade der Gemeindegründer Paulus wollte deshalb nicht als eigentliche Ursache des geistlichen Wachstums betrachtet werden.

Paulus beschreibt sich und Apollos vielmehr als Gottes Mitarbeiter, während die Gemeinde Gottes Ackerfeld und Gottes Bau ist (1Kor 3,9). Dieses Bild setzt klare Eigentumsverhältnisse: Die Gemeinde gehört weder Paulus noch Apollos. Beide arbeiten an etwas, das Gott gehört. Dadurch erhält auch apostolische Autorität ihre Grenze. Paulus konnte lehren, korrigieren und Verantwortung tragen, aber er konnte die Gemeinde nicht zu seinem persönlichen Besitz machen.

Wenig später formuliert er denselben Gedanken noch einmal aus einer anderen Perspektive. Man solle ihn und seine Mitarbeiter als Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes ansehen (1Kor 4,1). Von einem Verwalter werde Treue verlangt. Seine Aufgabe bestehe darin, zuverlässig mit etwas umzugehen, das ihm anvertraut wurde, nicht darin, selbst Eigentümer zu werden. Auch Paulus’ außergewöhnliche Berufung machte ihn damit nicht zum Ursprung der Wahrheit, sondern zu ihrem verantwortlichen Diener.

Diese Haltung schützte zugleich vor einer anderen Form geistlicher Überheblichkeit. Paulus fragt die Korinther: „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“ Und wenn sie es empfangen hätten, warum rühmten sie sich, als hätten sie es nicht empfangen (1Kor 4,7)? Was für einzelne Gemeindeglieder galt, traf ebenso auf den Apostel zu. Seine Erkenntnis, seine Berufung, seine Gaben und die Frucht seines Dienstes waren empfangen. Deshalb konnte keine dieser Gaben eine Grundlage für Selbsterhöhung bilden.

Gerade hier schließt sich eine wichtige Linie seines Lebens. Saulus hatte einst stark auf Herkunft, religiöse Stellung und eigenen Eifer gebaut. Der spätere Paulus lernte dagegen, selbst seine apostolische Bedeutung als anvertraute Gnade zu verstehen. Er wollte Gemeinden gründen, stärken und korrigieren, aber niemals Menschen an seinen Namen binden. Wo sich Gläubige um Paulus, Apollos oder andere Leiter sammelten und daraus Parteien bildeten, sah er nicht seinen Erfolg, sondern eine geistliche Fehlentwicklung.

Damit hinterlässt Paulus im Neuen Testament ein bemerkenswertes Selbstzeugnis über geistliche Leitung. Je größer der Einfluss eines Dieners wird, desto wichtiger bleibt die Unterscheidung zwischen dem Werkzeug und dem Herrn, dem es dient. Paulus beanspruchte apostolische Autorität, aber nicht den Platz Christi. Er pflanzte, lehrte, schrieb und litt – doch das Gedeihen kam von Gott, und die Gemeinde gehörte Christus allein.

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Paulus lebt in der Hoffnung auf Auferstehung und Wiederkunft

1. Thessalonicher 4,13-18 – „13 Wir wollen euch aber, ihr Brüder, nicht in Unwissenheit lassen in betreff der Entschlafenen, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben. 14 Denn wenn wir glauben, daß Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die Entschlafenen durch Jesus mit ihm führen. 15 Denn das sagen wir euch in einem Worte des Herrn, daß wir, die wir leben und bis zur Wiederkunft …"
1. Thessalonicher 4,13-18 – „13 Wir wollen euch aber, ihr Brüder, nicht in Unwissenheit lassen in betreff der Entschlafenen, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben. 14 Denn wenn wir glauben, daß Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die Entschlafenen durch Jesus mit ihm führen. 15 Denn das sagen wir euch in einem Worte des Herrn, daß wir, die wir leben und bis zur Wiederkunft …"
1. Korinther 15,51-58 – „51 Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden, 52 plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune; denn die Posaune wird erschallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. 53 Denn dieses Verwesliche muß anziehen Unverweslichkeit, und dieses Sterbliche muß anziehen Unsterblichk…"
Philipper 3,20-21 – „20 Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel, von woher wir auch als Retter den Herrn Jesus Christus erwarten, 21 welcher den Leib unsrer Niedrigkeit umgestalten wird, daß er gleichgestaltet werde dem Leibe seiner Herrlichkeit, vermöge der Kraft, durch welche er sich auch alles untertan machen kann!"
2. Timotheus 4,8 – „8 hinfort liegt für mich die Krone der Gerechtigkeit bereit, welche mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tage zuerkennen wird, nicht aber mir allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung liebgewonnen haben."

Die Hoffnung, die Paulus verkündigte, richtete sich nicht nur auf Vergebung und ein erneuertes Leben in der Gegenwart. Von seinen frühen Briefen bis zu seinen letzten biblisch greifbaren Worten blickte er auf die Wiederkunft Jesu und die Auferstehung der Toten. Diese Erwartung war für ihn kein Randthema. Sie gab seinem eigenen Leiden, dem Tod anderer Gläubiger und schließlich auch seinem nahenden Lebensende einen größeren Horizont.

Als Christen in Thessalonich über verstorbene Glaubensgeschwister beunruhigt waren, wollte Paulus nicht, dass sie in derselben Hoffnungslosigkeit trauerten wie Menschen ohne Hoffnung. Seine Begründung beginnt bei Jesus: Weil Jesus gestorben und auferstanden ist, wird Gott auch die Entschlafenen durch Jesus mit ihm führen (1Thess 4,13-14). Paulus bezeichnet die verstorbenen Gläubigen dabei als Entschlafene. Ihre Hoffnung liegt nicht in einem endgültigen Sieg des Todes, sondern in dem Handeln Christi bei seiner Wiederkunft.

Paulus beschreibt diesen kommenden Tag als sichtbares Eingreifen des Herrn. Christus selbst wird vom Himmel herabkommen; die Toten in Christus werden zuerst auferstehen, und die dann lebenden Gläubigen werden gemeinsam mit ihnen dem Herrn entgegengeführt werden. Der Trost seiner Worte liegt deshalb in der zukünftigen Wiedervereinigung und in der Zusage: „So werden wir allezeit bei dem Herrn sein“ (1Thess 4,16-17). Paulus fordert die Gemeinde ausdrücklich auf, einander mit dieser Hoffnung zu trösten.

Im ersten Korintherbrief entfaltet er denselben Gedanken noch umfassender. Die Auferstehung Jesu ist dort die Grundlage der gesamten christlichen Hoffnung. Wenn Christus nicht auferstanden wäre, wäre die Verkündigung leer, der Glaube vergeblich und die Verstorbenen in Christus verloren. Doch Paulus setzt dem entgegen: Christus ist tatsächlich von den Toten auferstanden und wird als Erstling der Entschlafenen bezeichnet (1Kor 15,12-20). Die zukünftige Auferstehung der Gläubigen steht damit für Paulus in untrennbarer Verbindung mit der bereits geschehenen Auferstehung Jesu.

Auch die Gläubigen, die bei Christi Wiederkunft noch leben, benötigen nach Paulus eine grundlegende Verwandlung. „Wir werden zwar nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden“, schreibt er (1Kor 15,51). Beim letzten Posaunenschall werden die Toten unverweslich auferweckt und die Lebenden verwandelt. Das Vergängliche muss Unvergänglichkeit und das Sterbliche Unsterblichkeit anziehen (1Kor 15,52-54). Unsterblichkeit erscheint hier nicht als selbstverständlicher Besitz des Menschen, sondern als das, womit die Sterblichen bei Gottes endgültigem Eingreifen bekleidet werden.

Darum kann Paulus den Tod schließlich als besiegten Feind betrachten. Seine Gewissheit lautet nicht, dass der Tod unwirklich oder bedeutungslos sei, sondern dass Christus ihm das letzte Wort nehmen wird. Aus dieser Zukunftshoffnung folgt eine Aufforderung an die Gegenwart: Die Gläubigen sollen fest, unbeweglich und allezeit reich im Werk des Herrn sein, weil ihre Arbeit im Herrn nicht vergeblich ist (1Kor 15,58). Die Hoffnung auf die Auferstehung führt bei Paulus somit nicht zur Flucht aus der gegenwärtigen Verantwortung, sondern gerade zu treuem Dienst.

Auch im Philipperbrief verbindet Paulus seine persönliche Identität mit dieser Erwartung. Das Bürgerrecht der Gläubigen sei in den Himmeln, „von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Retter erwarten“. Christus werde den Leib ihrer Niedrigkeit verwandeln und seinem verherrlichten Leib gleichgestalten (Phil 3,20-21). Gerade Paulus, der aufgrund seines römischen Bürgerrechts wiederholt besonderen rechtlichen Schutz erfahren hatte, richtete seine endgültige Zugehörigkeit auf ein Reich, dessen Herr Christus ist.

Diese Hoffnung blieb bis zu seinen letzten überlieferten Worten bestehen. Als Paulus in 2. Timotheus 4 mit seinem nahenden Abschied rechnet, erwartet er die Krone der Gerechtigkeit nicht als unmittelbare Folge seines Sterbens, sondern von dem Herrn, dem gerechten Richter, „an jenem Tag“. Und er fügt hinzu, dass diese Hoffnung nicht nur ihm gilt, sondern allen, die Christi Erscheinung liebgewonnen haben (2Tim 4,8). Sein persönlicher Lauf endet damit im Blick auf ein zukünftiges Handeln Jesu.

Gerade darin erhält die Lebensgeschichte des Paulus einen konsequenten Abschluss. Seine Berufung begann mit der Begegnung mit dem auferstandenen Christus; sein Dienst bestand darin, diesen Christus zu verkündigen; und seine letzte Hoffnung richtete sich auf dessen Wiederkunft und die Auferstehung. Weder seine Leistungen noch seine Leiden konnten ihm die endgültige Vollendung geben. Was er erwartete, musste Christus selbst vollbringen.

Deshalb konnte Paulus angesichts von Gefangenschaft und möglichem Tod zugleich nüchtern und hoffnungsvoll bleiben. Er musste den Tod nicht verharmlosen, um ihm seine Macht zu nehmen. Für ihn war er ein Feind, dessen endgültige Niederlage bereits durch die Auferstehung Jesu verbürgt war. Der Apostel, der so oft dem Tod nahegekommen war, lebte bis zuletzt aus der Gewissheit, dass seine Geschichte nicht im Grab, sondern bei der Wiederkunft seines Herrn ihre Vollendung finden würde.

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Paulus verbindet Gnade mit einem neuen Leben im Geist

Römer 3,21-31 – „21 Nun aber ist außerhalb vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes geoffenbart worden, die von dem Gesetz und den Propheten bezeugt wird, 22 nämlich die Gerechtigkeit Gottes, [veranlaßt] durch den Glauben an Jesus Christus, für alle, die da glauben. 23 Denn es ist kein Unterschied: Alle haben gesündigt und ermangeln der Herrlichkeit Gottes, 24 so daß sie gerechtfertigt werden ohne Verdienst, durch sei…"
Römer 3,21-31 – „21 Nun aber ist außerhalb vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes geoffenbart worden, die von dem Gesetz und den Propheten bezeugt wird, 22 nämlich die Gerechtigkeit Gottes, [veranlaßt] durch den Glauben an Jesus Christus, für alle, die da glauben. 23 Denn es ist kein Unterschied: Alle haben gesündigt und ermangeln der Herrlichkeit Gottes, 24 so daß sie gerechtfertigt werden ohne Verdienst, durch sei…"
Römer 6,1-14 – „1 Was wollen wir nun sagen? Sollen wir in der Sünde verharren, damit das Maß der Gnade voll werde? 2 Das sei ferne! Wie sollten wir, die wir der Sünde gestorben sind, noch in ihr leben? 3 Oder wisset ihr nicht, daß wir alle, die wir auf Jesus Christus getauft sind, auf seinen Tod getauft sind? 4 Wir sind also mit ihm begraben worden durch die Taufe auf den Tod, auf daß, gleichwie Christus durch d…"
Römer 8,1-14 – „1 So gibt es nun keine Verdammnis mehr für die, welche in Christus Jesus sind. 2 Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. 3 Denn was dem Gesetz unmöglich war (weil es durch das Fleisch geschwächt wurde), das hat Gott getan, nämlich die Sünde im Fleische verdammt, indem er seinen Sohn sandte in der Ähnlichkeit des sündli…"
Galater 5,13-25 – „13 Denn ihr, meine Brüder, seid zur Freiheit berufen; nur machet die Freiheit nicht zu einem Vorwand für das Fleisch, sondern durch die Liebe dienet einander. 14 Denn das ganze Gesetz wird in einem Worte erfüllt, in dem: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» 15 Wenn ihr einander aber beißet und fresset, so sehet zu, daß ihr nicht voneinander verzehrt werdet! 16 Ich sage aber: Wandel…"

Zu den tragenden Linien des apostolischen Dienstes des Paulus gehört seine Verkündigung von der Rechtfertigung durch den Glauben. Was in seiner eigenen Lebensgeschichte sichtbar geworden war, entfaltete er in seinen Briefen grundlegend: Kein Mensch kann sich durch religiöse Herkunft, persönliche Leistung oder Werke des Gesetzes vor Gott eine gerechte Stellung verdienen. Paulus führt Juden wie Menschen aus den Völkern zunächst unter dieselbe Wirklichkeit der Sünde und richtet den Blick dann auf Gottes Gerechtigkeit, die durch den Glauben an Jesus Christus für die Glaubenden offenbar wird (Röm 3,21-23).

Im Mittelpunkt steht für Paulus das Erlösungswerk Christi. Menschen werden aus Gottes Gnade gerechtfertigt durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist (Röm 3,24). Damit wird jeder menschliche Selbstruhm ausgeschlossen. Paulus, der selbst einmal auf Abstammung, religiöse Stellung und Gesetzeseifer vertraut hatte, verkündigte nun eine Gerechtigkeit, die nicht verdient, sondern im Glauben empfangen wird. Seine Botschaft stellte damit nicht einen einfacheren Weg menschlicher Selbstrettung vor, sondern nahm dem Menschen gerade die Grundlage, sich vor Gott auf sich selbst zu berufen.

Diese Lehre führte Paulus jedoch nicht zu der Schlussfolgerung, Gottes Gesetz sei bedeutungslos geworden. Nachdem er die Rechtfertigung durch Glauben erklärt hat, fragt er ausdrücklich: „Heben wir nun das Gesetz auf durch den Glauben?“ Seine Antwort lautet: „Das sei ferne! Vielmehr bestätigen wir das Gesetz“ (Röm 3,31). Gnade und Gehorsam stehen für Paulus deshalb nicht als Gegensätze nebeneinander. Gegeneinander stehen vielmehr die Vorstellung, durch eigene Werke gerechtfertigt zu werden, und Gottes Geschenk der Gerechtigkeit in Christus.

Gerade deshalb musste Paulus auch einem möglichen Missverständnis seiner Gnadenverkündigung widersprechen. Wenn Gottes Gnade dort überreich wird, wo die Sünde mächtig geworden ist, folgt daraus nicht, dass ein Christ in der Sünde bleiben soll, damit die Gnade zunimmt. Paulus antwortet erneut entschieden: „Das sei ferne!“ Wer mit Christus verbunden ist, soll sich der Sünde gegenüber als tot und Gott gegenüber als lebend in Christus Jesus verstehen (Röm 6,1-11). Die Gnade vergibt also nicht nur vergangene Schuld, sondern stellt den Glaubenden unter eine neue Herrschaft.

Paulus kann deshalb sagen: „Die Sünde wird nicht herrschen über euch, weil ihr nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade seid“ (Röm 6,14). Auch diese Aussage bedeutet im Zusammenhang nicht, dass Sünde ihren Charakter verloren oder Gottes Wille aufgehoben worden wäre. Gerade weil die Gläubigen unter der Gnade stehen, sollen sie ihre Glieder nicht länger der Sünde als Werkzeuge der Ungerechtigkeit zur Verfügung stellen, sondern Gott (Röm 6,12-13). Gnade befreit nicht zum Ungehorsam, sondern aus der Herrschaft der Sünde.

Im Römerbrief führt Paulus diese Linie weiter zum Leben im Heiligen Geist. Für diejenigen, die in Christus Jesus sind, gibt es keine Verdammnis; das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus hat sie vom Gesetz der Sünde und des Todes befreit (Röm 8,1-2). Was das Gesetz aufgrund der Schwachheit des sündigen Fleisches nicht bewirken konnte, tat Gott, indem er seinen eigenen Sohn sandte. Das Ziel beschreibt Paulus so, dass die gerechte Forderung des Gesetzes in denen erfüllt wird, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist leben (Röm 8,3-4).

Damit wird auch die Heiligung nicht zu einer neuen Form der Selbsterlösung. Der Geist Gottes wirkt in Menschen, die Christus gehören, und führt sie in ein anderes Leben. Paulus stellt deshalb Fleisch und Geist einander gegenüber und erklärt, dass diejenigen, die durch den Geist Gottes geleitet werden, Gottes Kinder sind (Röm 8,5-14). Die Veränderung des Lebens ist Frucht der Beziehung zu Christus und des Wirkens des Geistes, nicht der Preis, mit dem diese Beziehung erworben wird.

Im Galaterbrief beschreibt Paulus dieselbe Wirklichkeit als christliche Freiheit. Die Gläubigen seien zur Freiheit berufen, sollten diese Freiheit jedoch nicht als Gelegenheit für das Fleisch gebrauchen, sondern einander durch die Liebe dienen (Gal 5,13). Freiheit von der Rechtfertigung durch Gesetzeswerke bedeutet daher keine Freiheit von Gottes Willen. Paulus kann sogar erklären, dass das ganze Gesetz in dem Gebot zusammengefasst wird, den Nächsten zu lieben wie sich selbst (Gal 5,14).

Dem Leben nach dem Fleisch stellt er die Frucht des Geistes gegenüber: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung (Gal 5,22-23). Diese Eigenschaften sind nicht die Grundlage dafür, dass ein Mensch von Gott angenommen wird. Sie beschreiben das Leben, das aus der Herrschaft des Geistes hervorgeht. Wer Christus angehört, soll deshalb nicht nur vom Glauben sprechen, sondern auch im Geist wandeln (Gal 5,24-25).

Gerade darin wird eine wesentliche Entwicklung im Leben und in der Botschaft des Paulus sichtbar. Der frühere Saulus hatte seinen religiösen Eifer zum Maßstab seiner Treue gemacht und war dabei zum Verfolger geworden. Der Apostel Paulus stellte dagegen Christus, seine Gnade und das Wirken des Geistes in den Mittelpunkt. Doch diese Gnade machte den Gehorsam nicht entbehrlich. Sie gab ihm einen neuen Ort: nicht als Weg, sich Erlösung zu verdienen, sondern als Frucht eines Lebens, das Christus gehört.

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Zusammenfassung und Gebet

Paulus’ Leben gehört zu den eindrücklichsten Zeugnissen dafür, dass Gottes Gnade einen Menschen nicht nur vergeben, sondern grundlegend neu ausrichten kann. Gerade an ihm wird sichtbar, dass religiöser Eifer, Wissen und Gewissen allein noch nicht garantieren, dass ein Mensch Gottes Willen richtig erkennt. Saulus meinte, Gott zu dienen, während er die Gemeinde Jesu verfolgte. Erst die Begegnung mit dem auferstandenen Christus brachte ans Licht, gegen wen sein Kampf in Wahrheit gerichtet war.

Doch Christus begegnete dem Verfolger nicht nur mit Wahrheit über seine Schuld. Er begegnete ihm zugleich mit Barmherzigkeit und Berufung. Paulus hat diesen Ursprung seines Dienstes nie vergessen. Je größer seine Verantwortung wurde, desto weniger konnte er sie als Beweis eigener Größe verstehen. Was er war und was durch seinen Dienst geschah, führte er auf die Gnade Gottes zurück. Seine Vergangenheit wurde weder verdrängt noch zu einer lebenslangen Verdammung, sondern blieb ein Zeugnis dafür, wie weit die Barmherzigkeit Christi reicht.

Diese Gnade bestimmte auch seine Botschaft. Paulus verkündigte keine Erlösung, die Menschen durch Abstammung, religiöse Leistung oder Werke verdienen könnten. Rechtfertigung empfängt der Sünder durch den Glauben an Jesus Christus. Doch Paulus machte daraus niemals eine Erlaubnis zur Sünde. Wer Christus gehört, wird aus der Herrschaft der Sünde gerufen und soll durch den Heiligen Geist in einem neuen Leben wandeln. Gnade und Gehorsam standen deshalb nicht gegeneinander: Gehorsam war nicht die Grundlage der Erlösung, sondern ihre Frucht.

Sein apostolischer Dienst war von außergewöhnlicher Weite und zugleich von großer Schwachheit geprägt. Paulus gründete und stärkte Gemeinden, bildete Mitarbeiter aus, verteidigte das Evangelium gegen Verzerrungen und trug die Sorge für viele Gläubige. Gleichzeitig kannte er Schläge, Gefängnisse, Entbehrung, Ablehnung, Konflikte, Krankheit oder körperliche Schwäche, wiederholte Lebensgefahr und schließlich lange Gefangenschaft. Gott nahm nicht jede Belastung von ihm. Paulus musste lernen, dass die Kraft Christi gerade dort sichtbar werden kann, wo menschliche Stärke nicht ausreicht.

Auch seine Beziehungen zeigen ihn nicht als idealisierten Glaubenshelden. Er geriet mit Barnabas in einen scharfen Konflikt, widersprach Petrus öffentlich und musste sich gegen Angriffe aus Gemeinden verteidigen. Zugleich konnte eine zerbrochene Zusammenarbeit wieder heil werden, wie seine spätere Wertschätzung für Markus erkennen lässt. Paulus selbst stellte weder sich noch irgendeinen anderen Diener über die Wahrheit des Evangeliums. Die Gemeinde gehörte nicht Paulus, Petrus oder Apollos. Sie gehörte Christus.

Darum widersprach Paulus auch jeder Bindung an seine eigene Person. Er wusste um seine apostolische Autorität, betrachtete sich jedoch als Diener und Verwalter dessen, was Gott ihm anvertraut hatte. Er pflanzte, andere begossen, doch Gott gab das Wachstum. Selbst außergewöhnliche Offenbarungen und geistliche Erfahrungen sollten keinen Menschen erhöhen. Je mehr Paulus über seinen eigenen Dienst sprach, desto entschiedener führte er letztlich von sich selbst weg.

Sein Leben blieb bis zum letzten biblisch greifbaren Abschnitt von dieser Ausrichtung geprägt. Die Bibel berichtet seinen Tod nicht und gibt deshalb keinen Grund, spätere Überlieferungen darüber zur sicheren Lebensgeschichte hinzuzufügen. Sie lässt Paulus als Gefangenen zurück, der mit seinem nahenden Abschied rechnet, den Glauben bewahrt und auf den kommenden Tag blickt. Seine Hoffnung ruht nicht auf einem unsterblichen menschlichen Leben, das den Tod aus eigener Kraft überdauert, sondern auf Jesus Christus, seiner Auferstehung und seiner Wiederkunft, bei der die Toten in Christus auferstehen und die Sterblichen Unsterblichkeit empfangen.

Damit liegt die bleibende Größe des Paulus gerade darin, dass seine Lebensgeschichte nicht bei Paulus endet. Der Verfolger wurde zum Zeugen, der Selbstgerechte lernte aus der Gnade zu leben, der Gebundene verkündigte ein Wort, das nicht gebunden werden konnte, und der leidende Apostel setzte seine Hoffnung nicht auf sich selbst, sondern auf seinen Herrn. Paulus’ Briefe und sein Leben führen deshalb immer wieder zu derselben Mitte: Jesus Christus, gekreuzigt und auferstanden, ist der Herr, durch dessen Gnade Sünder gerettet, verwandelt und zur Hoffnung auf seine Wiederkunft gerufen werden.

Herr, unser Gott, wir danken dir für die Gnade, die im Leben des Paulus sichtbar geworden ist. Bewahre uns davor, auf eigene Leistung, Wissen oder religiösen Eifer zu vertrauen, und richte unseren Blick immer wieder auf Jesus Christus. Lehre uns, Wahrheit und Gnade zusammenzuhalten, treu zu deinem Wort zu stehen und zugleich demütig zu bleiben. Stärke uns in Schwachheit, schenke Mut in Bedrängnis und lass unser Leben nicht uns selbst, sondern deinem Sohn dienen. Bewahre unseren Glauben bis zu dem Tag, an dem Christus wiederkommt. Amen.

„Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, daß er der Herr sei, wir aber eure Knechte um Jesu willen.“ 2. Korinther 4,5

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