Abel

Abel in der Bibel: Bedeutung, Opfer und Glaubenszeugnis

Abel war der zweite in der Bibel genannte Sohn Adams und Evas und lebte als Schafhirte. Sein Opfer wurde von Gott angenommen, und das Neue Testament erklärt ausdrücklich, dass er es im Glauben darbrachte und als gerecht bezeugt wurde. Obwohl seine eigentliche Lebensgeschichte nur wenige Verse umfasst, erhält Abel dadurch eine bleibende Bedeutung für Glauben, wahre Anbetung und Gottes Gerechtigkeit.

Einführung

Abels Geschichte beginnt in einer Welt, die noch ganz am Anfang ihrer Erfahrungen mit den Folgen der Sünde steht. Adam und Eva leben nicht mehr im Garten Eden, doch Gottes Verheißung und die Hoffnung auf Erlösung stehen weiterhin über ihrer Familie. In diese erste Generation außerhalb Edens wird Abel hineingeboren. Die Bibel erzählt nur wenig über seine Lebensjahre, aber gerade deshalb muss sorgfältig zwischen dem unterschieden werden, was tatsächlich über ihn offenbart wird, und dem, was später in seine Geschichte hineingedeutet wurde.

Schon die ersten Angaben stellen Abel neben seinen älteren Bruder Kain. Beide wachsen in derselben Familie auf, doch ihre Lebenswege werden nicht einfach miteinander gleichgesetzt. Kain bearbeitet den Erdboden, Abel wird Schafhirte. Über Abels Kindheit, sein Alter oder die Gründe für seine Berufswahl berichtet die Schrift nichts. Sie führt unmittelbar zu jener Lebensphase, in der die Beziehung der Brüder zu Gott sichtbar wird.

Dabei erschließt sich Abels Bedeutung nicht allein aus dem kurzen Bericht in 1. Mose. Spätere biblische Texte greifen ihn erneut auf und erklären rückblickend, was in seinem Handeln vor Gott entscheidend war. Diese späteren Aussagen dürfen jedoch den ursprünglichen Bericht nicht ersetzen. Zuerst steht die schlichte Lebensgeschichte eines Sohnes Adams und Evas, der mit seinem Bruder vor Gott tritt.

So beginnt Abels biblisch greifbarer Weg nicht mit seinem späteren Schicksal, sondern mit seiner Herkunft aus der ersten Familie der Menschheit und mit der knappen Feststellung: Abel wurde ein Hirte der Schafe. Genau dort setzt seine Geschichte ein.

Abel wird Hirte der Schafe

1. Mose 4,1-2 – „1 Und Adam erkannte sein Weib Eva; sie aber empfing und gebar den Kain. Und sie sprach: Ich habe einen Mann bekommen mit der Hilfe des HERRN! 2 Und weiter gebar sie seinen Bruder Abel. Und Abel ward ein Schäfer, Kain aber ein Ackersmann."
1. Mose 4,1-2 – „1 Und Adam erkannte sein Weib Eva; sie aber empfing und gebar den Kain. Und sie sprach: Ich habe einen Mann bekommen mit der Hilfe des HERRN! 2 Und weiter gebar sie seinen Bruder Abel. Und Abel ward ein Schäfer, Kain aber ein Ackersmann."
1. Mose 3,23-24 – „23 Deswegen schickte ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, damit er den Erdboden bearbeite, von dem er genommen war. 24 Und er vertrieb den Menschen und ließ östlich vom Garten Eden die Cherubim lagern mit dem gezückten flammenden Schwert, zu bewahren den Weg zum Baume des Lebens."

Abels Leben beginnt außerhalb des Gartens Eden. Seine Eltern Adam und Eva hatten durch ihren Ungehorsam den unmittelbaren Zugang zu dem Garten verloren und lebten nun in einer Welt, in der die Folgen der Sünde bereits Wirklichkeit geworden waren. Der Erdboden war mit Mühsal verbunden, Schmerz und Tod waren in die menschliche Erfahrung eingetreten, und doch hatte Gott die Menschen nicht ohne Hoffnung zurückgelassen. Noch vor der Vertreibung hatte er von dem kommenden Samen der Frau gesprochen, der der Schlange den Kopf zertreten würde. Abel wurde damit in die erste Generation hineingeboren, die unter den Folgen des Sündenfalls lebte und zugleich unter einer göttlichen Verheißung stand.

1. Mose 4 berichtet zunächst von der Geburt Kains. Eva verbindet dessen Geburt ausdrücklich mit dem HERRN, während der biblische Bericht Abels Geburt anschließend nur knapp erwähnt: Sie gebar weiter seinen Bruder Abel. Über den zeitlichen Abstand zwischen den Brüdern, über Abels genaue Kindheit und über seine frühen Lebensjahre erfahren wir nichts. Auch sein Alter bei den später berichteten Ereignissen wird nicht genannt. Die Bibel lässt diese Fragen offen, und deshalb lässt sich Abels frühes Leben nicht weiter rekonstruieren, ohne über den Text hinauszugehen.

Schon die Bezeichnung „sein Bruder Abel“ stellt ihn von seiner ersten Erwähnung an in eine Beziehung, die für seine gesamte überlieferte Lebensgeschichte bestimmend wird. Kain und Abel sind Söhne derselben Eltern und gehören zur ersten Familie nach dem Sündenfall. Sie wachsen unter denselben grundlegenden Voraussetzungen auf: Beide kennen die Welt außerhalb Edens, beide stammen von Adam und Eva ab, und beide treten später als Menschen hervor, die Gott eine Gabe darbringen. Dennoch wird ihre gemeinsame Herkunft nicht zu derselben geistlichen Antwort führen. Der Bibeltext erklärt den späteren Unterschied jedoch nicht aus verschiedenen Lebensbedingungen oder aus einer erfundenen psychologischen Vorgeschichte, sondern zeigt ihn erst dort, wo beide vor Gott handeln.

Die erste konkrete Angabe über Abels eigenes Leben betrifft seine Tätigkeit. „Abel wurde ein Schafhirte, Kain aber ein Ackerbauer“ (1. Mose 4,2). Damit erscheinen bereits in der ersten Generation nach Adam zwei grundlegende Formen menschlicher Arbeit: die Betreuung von Herden und die Bearbeitung des Bodens. Der Text wertet zunächst keine dieser Tätigkeiten als geistlich höher oder niedriger. Kains Ackerbau war nicht an sich verwerflich, ebenso wenig machte Abels Tätigkeit als Hirte ihn automatisch gerecht. Entscheidend wird später nicht der Beruf der Brüder sein, sondern die Weise, wie sie Gott begegnen.

Dass Abel Herden hielt, ist dennoch für den weiteren Bericht wichtig. Seine Tätigkeit erklärt, woher die Erstlinge seiner Herde stammten, die er später dem HERRN darbrachte. Mehr sagt 1. Mose an dieser Stelle zunächst nicht. Die Schrift berichtet nicht, dass Abel durch die Arbeit mit den Tieren bestimmte Charakterzüge erlernte, und sie erklärt hier auch noch nicht, dass sein Hirtenberuf selbst ein prophetisches Bild gewesen sei. Solche Gedanken mögen naheliegend wirken, würden aber mehr behaupten, als der Text über Abels Beruf tatsächlich offenbart.

Auch die häufig hervorgehobene Bedeutung seines Namens muss mit derselben Sorgfalt behandelt werden. Der hebräische Name Abel steht sprachlich mit einem Wort in Verbindung, das „Hauch“ oder „Vergänglichkeit“ bezeichnen kann. Anders als bei manchen anderen biblischen Namen erklärt der Bericht in 1. Mose 4 jedoch nicht, warum Eva ihm diesen Namen gab oder ob damit eine prophetische Aussage über sein kurzes Leben verbunden war. Deshalb sollte aus der Namensbedeutung keine verborgene Lebensprophezeiung konstruiert werden. Abels späterer Tod macht die Vorstellung von Vergänglichkeit zwar eindrücklich, doch der Bibeltext selbst stellt diese Verbindung nicht ausdrücklich her.

So ist das erste sichere Bild Abels bemerkenswert schlicht. Er ist ein Sohn Adams und Evas, ein Bruder Kains und ein Hirte der Schafe. Über große Taten, Worte oder außergewöhnliche Erfahrungen wird bis hierher nichts berichtet. Doch gerade aus diesem gewöhnlich wirkenden Leben führt der biblische Bericht unmittelbar zu jener Begegnung mit Gott, durch die Abel weit über seine kurze Lebenszeit hinaus Bedeutung erhalten sollte: Beide Brüder bringen dem HERRN eine Gabe dar.

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Abel bringt Gott sein Opfer im Glauben

1. Mose 4,3-5 – „3 Es begab sich aber nach Verfluß von Jahren, daß Kain dem HERRN ein Opfer brachte von den Früchten der Erde. 4 Und Abel, auch er brachte [dar] von den Erstgebornen seiner Schafe und von ihren Fettesten. 5 Und der HERR sah an Abel und sein Opfer; aber Kain und sein Opfer sah er gar nicht an. Da ergrimmte Kain sehr und ließ den Kopf hängen."
1. Mose 4,3-5 – „3 Es begab sich aber nach Verfluß von Jahren, daß Kain dem HERRN ein Opfer brachte von den Früchten der Erde. 4 Und Abel, auch er brachte [dar] von den Erstgebornen seiner Schafe und von ihren Fettesten. 5 Und der HERR sah an Abel und sein Opfer; aber Kain und sein Opfer sah er gar nicht an. Da ergrimmte Kain sehr und ließ den Kopf hängen."
Hebräer 11,4 – „4 Durch Glauben brachte Abel Gott ein größeres Opfer dar als Kain; durch ihn erhielt er das Zeugnis, daß er gerecht sei, indem Gott über seine Gaben Zeugnis ablegte, und durch ihn redet er noch, wiewohl er gestorben ist."
1. Johannes 3,12 – „12 nicht wie Kain, der von dem Argen war und seinen Bruder erschlug! Und warum erschlug er ihn? Weil seine Werke böse waren, die seines Bruders aber gerecht."

Der Bericht führt nun von Abels Tätigkeit zu der ersten Handlung, durch die sein Verhältnis zu Gott ausdrücklich sichtbar wird. Nach einiger Zeit bringen sowohl Kain als auch Abel dem HERRN eine Gabe dar. Kain nimmt von den Früchten des Erdbodens, Abel dagegen bringt von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Damit stehen die beiden Brüder nicht nur nebeneinander als Arbeiter, sondern als Menschen, die bewusst vor Gott treten. Gerade hier beginnt sich eine Trennung zu zeigen, die der bisherige Bericht noch nicht erkennen ließ.

Bei Abel hebt 1. Mose 4 zwei Einzelheiten hervor: Er brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Er gab damit von dem ersten Ertrag seiner Tiere und von einem besonders wertvollen Teil. Der Text berichtet anschließend: Der HERR sah Abel und seine Gabe an. Auffällig ist dabei die Reihenfolge: Nicht nur das Opfer wird genannt, sondern zuerst Abel selbst. Gottes Annahme betrifft also nicht lediglich einen äußeren Gegenstand; der Mensch, der vor ihm steht, gehört untrennbar dazu.

Warum Abels Gabe angenommen wurde, erklärt 1. Mose 4 an dieser Stelle nicht vollständig. Gerade deshalb ist der spätere Rückblick des Hebräerbriefes so wichtig. Dort heißt es, dass Abel durch Glauben Gott ein besseres Opfer darbrachte als Kain und dadurch das Zeugnis erhielt, gerecht zu sein. Der entscheidende Unterschied wird damit ausdrücklich auf den Glauben bezogen. Abels Handlung war nicht nur äußerlich richtig; sie kam aus einem Verhältnis des Vertrauens zu Gott.

Das schützt zugleich vor einer zu einfachen Erklärung des Gegensatzes zwischen den Brüdern. Der Genesisbericht sagt nicht ausdrücklich, dass jede Gabe aus den Früchten des Feldes grundsätzlich unannehmbar gewesen wäre. Später kennt selbst das von Gott gegebene Gesetz auch Speisopfer aus Erzeugnissen des Landes. Deshalb lässt sich aus 1. Mose 4 allein nicht sicher behaupten, Kains Opfer sei ausschließlich deshalb verworfen worden, weil es kein Tieropfer war. Die Schrift lenkt den Blick tiefer: Hebräer 11 hebt Abels Glauben hervor, während 1. Johannes 3 Kains Werke als böse und die seines Bruders als gerecht bezeichnet.

Das bedeutet nicht, dass die Art von Abels Gabe bedeutungslos wäre. Abel bringt aus seiner Herde, und dabei kommt ein Tier zu Tode. Im weiteren Verlauf der Bibel werden Tieropfer eng mit Sünde, Sühnung und schließlich mit dem Opfer Christi verbunden. Doch 1. Mose 4 erklärt Abel nicht ausdrücklich, wie viel er von dieser später offenbarten Bedeutung verstand. Es wäre daher zu weitgehend, ihm bereits ein vollständig entwickeltes Verständnis des späteren Opferdienstes oder des Kreuzes zuzuschreiben. Sicher ist vielmehr: Abel handelte im Glauben nach dem Licht, das ihm gegeben war, und Gott nahm ihn und seine Gabe an.

Auch die Verbindung zu dem Tier, aus dessen Fell Gott nach dem Sündenfall Kleidung für Adam und Eva machte, muss vorsichtig bleiben. 1. Mose 3 berichtet, dass Gott ihnen Röcke aus Fell anfertigte, sagt jedoch nicht ausdrücklich, dass dieses Tier als Opfer geschlachtet wurde oder dass Gott dort bereits einen Opferdienst einsetzte. Der größere biblische Zusammenhang ermöglicht es, in den frühen Tieropfern eine Linie zu dem später vollständig offenbarten Erlösungsplan zu erkennen; die Einzelheiten dürfen aber nicht in den Text hineingelesen werden, als hätte 1. Mose selbst sie bereits erklärt.

Was die Bibel über Abel sicher bezeugt, ist stark genug: Er glaubte Gott. Aus diesem Glauben heraus brachte er seine Gabe, und Gott gab ihm das Zeugnis, gerecht zu sein. Hebräer 11 sagt nicht, dass Abel sich durch die Qualität seines Opfers die Gerechtigkeit verdiente. Gerade die einleitenden Worte „durch Glauben“ stellen klar, dass seine Annahme vor Gott nicht als menschliche Leistung verstanden werden kann. Sein Handeln wurde vielmehr zum sichtbaren Ausdruck dieses Glaubens.

Damit tritt Abel als einer der frühesten Menschen hervor, über deren Glauben die Schrift ausdrücklich urteilt. Seine Geschichte zeigt bereits nahe am Anfang der Bibel, dass äußere Gottesverehrung und echter Glaube nicht automatisch dasselbe sind. Zwei Brüder können beide eine Gabe bringen und doch in völlig verschiedener Weise vor Gott stehen. Gottes Annahme Abels sollte deshalb nicht nur sein Verhältnis zu Gott sichtbar machen; sie wurde zugleich zu dem Anlass, an dem sich offenbarte, was im Herzen seines Bruders heranwuchs.

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Kain erschlägt seinen Bruder Abel

1. Mose 4,5-8 – „5 Und der HERR sah an Abel und sein Opfer; aber Kain und sein Opfer sah er gar nicht an. Da ergrimmte Kain sehr und ließ den Kopf hängen. 6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum bist du so zornig und lässest den Kopf hängen? Ist's nicht also: Wenn du gut bist, so darfst du dein Haupt erheben? 7 Bist du aber nicht gut, so lauert die Sünde vor der Tür, und ihre Begierde ist auf dich gerichtet; du aber …"
1. Mose 4,5-8 – „5 Und der HERR sah an Abel und sein Opfer; aber Kain und sein Opfer sah er gar nicht an. Da ergrimmte Kain sehr und ließ den Kopf hängen. 6 Da sprach der HERR zu Kain: Warum bist du so zornig und lässest den Kopf hängen? Ist's nicht also: Wenn du gut bist, so darfst du dein Haupt erheben? 7 Bist du aber nicht gut, so lauert die Sünde vor der Tür, und ihre Begierde ist auf dich gerichtet; du aber …"
1. Johannes 3,12 – „12 nicht wie Kain, der von dem Argen war und seinen Bruder erschlug! Und warum erschlug er ihn? Weil seine Werke böse waren, die seines Bruders aber gerecht."
Matthäus 23,35 – „35 auf daß über euch komme alles gerechte Blut, das auf Erden vergossen worden ist, vom Blute Abels, des Gerechten, an bis auf das Blut Zacharias, des Sohnes Barachias, welchen ihr zwischen dem Tempel und dem Altar getötet habt."

Die Annahme Abels und seiner Gabe führt unmittelbar in den dunkelsten Abschnitt seines kurzen Lebens. Während der HERR Abel und seine Gabe ansah, nahm er Kain und dessen Gabe nicht an. Kain reagierte darauf mit heftigem Zorn, und sein Angesicht senkte sich. Damit richtet der biblische Bericht den Blick zunächst nicht auf Abel, sondern auf das, was sich bei seinem Bruder entwickelt. Abels Glaube wird zum Hintergrund eines Konflikts, dessen Ursache nicht in einem Streit zwischen den Brüdern liegt, sondern in Kains Reaktion auf Gott.

Gott lässt Kain mit seinem Zorn nicht einfach allein. Er spricht ihn an, fragt nach dem Grund seiner Reaktion und stellt ihm vor Augen, dass ihm ein anderer Weg offensteht. Wenn er recht handelt, kann er wieder aufblicken; wenn nicht, liegt die Sünde vor der Tür und verlangt nach ihm, doch er soll über sie herrschen. Noch bevor Gewalt geschieht, erhält Kain damit eine ausdrückliche Warnung. Der Mord an Abel erscheint nicht als unausweichlicher Ausgang einer unkontrollierbaren Situation, sondern als Tat, der Gottes mahnendes Wort vorausgeht.

Über Abel selbst wird während dieser Warnung nichts berichtet. Die Bibel lässt ihn weder antworten noch mit Kain streiten. Gerade deshalb darf ihm kein Verhalten zugeschrieben werden, das der Text nicht nennt. Wir wissen nicht, was Abel über den Zorn seines Bruders wusste, was zwischen ihnen unmittelbar vor der Tat gesprochen wurde oder ob er eine Gefahr erkannte. Der Bericht konzentriert sich auf Kains Verantwortung und auf das, was anschließend geschieht.

1. Mose 4 führt beide Brüder schließlich auf das Feld. Der überlieferte Text berichtet, dass Kain dort gegen seinen Bruder Abel aufstand und ihn tötete. Damit tritt der Tod, vor dem Gott den Menschen nach dem Sündenfall gewarnt hatte, innerhalb der Menschheitsfamilie in erschreckender Weise hervor. Der erste ausdrücklich berichtete Tod eines Menschen ist zugleich eine Gewalttat: Ein Bruder nimmt seinem Bruder das Leben. Die Sünde, die mit dem Misstrauen gegenüber Gott begonnen hatte, zeigt nun ihre zerstörerische Macht in einer menschlichen Beziehung.

Später gibt 1. Johannes 3 eine geistliche Bewertung dieses Geschehens. Kain wird dort mit dem Bösen verbunden und die Ursache seines Hasses wird darin gesehen, dass seine Werke böse waren, die seines Bruders dagegen gerecht. Damit erklärt die Schrift den Mord nicht als gewöhnlichen Familienkonflikt. Zwischen den Brüdern wird ein Gegensatz sichtbar, der ihr Verhältnis zu Gott und ihr Handeln betrifft. Abels gerechtes Leben machte Kains falschen Weg nicht erst böse, aber es ließ den Gegensatz zwischen beiden hervortreten.

Jesus selbst greift Abels Tod viele Jahrhunderte später auf. In seiner Anklage gegen diejenigen, die Gottes Boten verwerfen und verfolgen, spricht er vom „Blut Abels, des Gerechten“. Damit bestätigt Christus ausdrücklich die biblische Beurteilung Abels. Er starb nicht als schuldiger Täter, der die Folgen eigener Gewalt erntete, sondern wird von Jesus als Gerechter bezeichnet, dessen Blut vergossen wurde. Abels Tod wird dadurch zu einem frühen Beispiel für die Feindschaft, die sich gegen Menschen richten kann, die vor Gott gerecht stehen.

In diesem Sinn kann Abel als der erste in der Bibel berichtete Gerechte verstanden werden, der durch die Hand eines anderen Menschen getötet wurde. Der Text nennt ihn nicht mit dem späteren Fachbegriff „Märtyrer“, doch die Verbindung von seinem Glauben, seiner Gerechtigkeit und seinem gewaltsamen Tod macht verständlich, weshalb seine Geschichte in der späteren Schrift zum Zeugnis treuen Glaubens wird. Sein Leben endet auf dem Feld, ohne dass die Bibel ein einziges gesprochenes Wort von ihm überliefert. Doch mit seinem Tod verstummt sein Zeugnis nicht. Denn unmittelbar nach der Tat spricht Gott selbst über Abel – und erklärt, dass dessen vergossenes Blut zu ihm schreit.

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Abels Blut schreit von der Erde

1. Mose 4,9-12 – „9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß es nicht! Soll ich meines Bruders Hüter sein? 10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde! 11 Und nun sollst du verbannt sein aus dem Land, das seinen Mund aufgetan hat, das Blut deines Bruders zu empfangen von deiner Hand! 12 Wenn du das Land bebaust, soll es dir …"
1. Mose 4,9-12 – „9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß es nicht! Soll ich meines Bruders Hüter sein? 10 Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde! 11 Und nun sollst du verbannt sein aus dem Land, das seinen Mund aufgetan hat, das Blut deines Bruders zu empfangen von deiner Hand! 12 Wenn du das Land bebaust, soll es dir …"
Hebräer 12,24 – „24 und zu Jesus, dem Mittler des neuen Bundes, und zu dem Blut der Besprengung, das Besseres redet als Abels Blut."
Hebräer 11,4 – „4 Durch Glauben brachte Abel Gott ein größeres Opfer dar als Kain; durch ihn erhielt er das Zeugnis, daß er gerecht sei, indem Gott über seine Gaben Zeugnis ablegte, und durch ihn redet er noch, wiewohl er gestorben ist."

Nach Abels Tod wendet sich Gott erneut an Kain. Seine erste Frage lautet: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Wie schon nach dem Sündenfall begegnet Gott dem schuldigen Menschen mit einer Frage, obwohl ihm das Geschehene nicht verborgen ist. Kain erhält damit Gelegenheit, sich zu seiner Tat zu stellen. Stattdessen antwortet er mit einer Lüge und weist jede Verantwortung zurück: Er wisse nicht, wo Abel sei, und fragt, ob er seines Bruders Hüter sei. Derjenige, der seinen Bruder getötet hat, versucht nun, sich sogar von der Verantwortung für ihn zu distanzieren.

Gottes Antwort lässt keinen Zweifel daran, dass das verborgene Verbrechen vor ihm offenliegt. Er fragt Kain, was er getan habe, und erklärt: Die Stimme des Blutes seines Bruders schreie von der Erde zu ihm. Abel selbst kann vor keinem menschlichen Gericht mehr aussagen. Es gibt in dieser frühen Welt keine berichteten Zeugen, die seine Sache vertreten. Doch sein Tod ist deshalb nicht vergessen. Gott hört gleichsam das Zeugnis des vergossenen Blutes und zieht den Täter zur Verantwortung.

Der Ausdruck von der „Stimme“ des Blutes ist dabei bildhaft zu verstehen. Die Bibel berichtet nicht, dass Abel nach seinem Tod bewusst aus einer anderen Welt zu Gott gesprochen hätte. Es ist sein vergossenes Blut, das vom Erdboden her „schreit“. Gerade diese Formulierung unterstreicht, dass die Tat selbst vor Gott Zeugnis ablegt. Der ermordete Abel ist tot, aber das Unrecht an ihm bleibt vor dem Richter der ganzen Erde nicht verborgen.

Daraufhin spricht Gott sein Gericht über Kain aus. Der Erdboden, der Abels Blut aufgenommen hat, wird für den Ackerbauer nun zu einem Ort des Fluches. Wenn Kain ihn bearbeitet, soll er ihm seine Kraft nicht mehr geben, und Kain soll unstet und flüchtig auf der Erde sein. Diese Folgen treffen ihn gerade in dem Lebensbereich, der zuvor seine Tätigkeit bestimmt hatte. Der Ackerbauer hat das Blut seines Bruders auf den Erdboden vergossen; nun wird sein Verhältnis zu diesem Boden selbst von den Folgen seiner Tat gezeichnet.

Für Abel verändert dieses Gericht nichts mehr an seinem irdischen Leben. Gott verhindert den Mord nicht rückwirkend und führt Abel in dieser Geschichte nicht wieder ins Leben zurück. Gerade darin liegt eine ernste Wahrheit: Gottes Anerkennung eines Menschen bedeutet nicht, dass dieser vor jeder Gewalt und jedem Leiden bewahrt wird. Abel war von Gott angenommen und wurde dennoch erschlagen. Seine Geschichte bietet deshalb keinen einfachen Zusammenhang zwischen Glauben und äußerem Wohlergehen. Sie zeigt vielmehr, dass Gott auch das Leiden seiner Treuen sieht und dass menschliches Unrecht seinem Gericht nicht entgeht.

Jahrtausende später greift der Hebräerbrief das Bild des sprechenden Blutes noch einmal auf und stellt ihm das Blut Jesu gegenüber. Die Gläubigen sind dort zu Jesus, dem Mittler des neuen Bundes, und zum „Blut der Besprengung“ gekommen, das besser redet als Abels Blut. Der Text entfaltet den Gegensatz nicht in allen Einzelheiten, doch die heilsgeschichtliche Steigerung ist deutlich: Abels vergossenes Blut steht als Zeugnis eines unschuldig Getöteten vor Gott; das Blut Christi gehört zu dem Opfer, durch das der neue Bund und die Erlösung verwirklicht werden. Abel weist damit nicht aus eigener Kraft auf Rettung hin. Christus besitzt das bessere, endgültige Wort.

Auch Hebräer 11 nimmt das Motiv des Redens auf eine andere Weise auf. Nachdem Abel wegen seines Glaubens und seiner Gerechtigkeit genannt worden ist, heißt es, dass er durch diesen Glauben noch redet, obwohl er gestorben ist. Sein irdisches Leben war beendet, doch Gottes Urteil über dieses Leben blieb bestehen. Das ist die bleibende Stimme Abels in der Schrift: Nicht ein bewusst weiterlebender Toter spricht zu den Menschen, sondern sein von Gott bezeugter Glaube redet durch das biblische Zeugnis weiter. Genau diese spätere Bewertung macht aus der wenigen Verse umfassenden Lebensgeschichte eines Hirten ein Glaubenszeugnis, das bis in das Neue Testament hineinreicht.

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Zusammenfassung und Gebet

Abels Lebensgeschichte ist kurz, aber sie führt unmittelbar zu einer der grundlegendsten Fragen der Bibel: Wie steht ein Mensch vor Gott? Von Abel selbst sind keine Worte überliefert, keine langen Lebensjahre, kein Amt und keine großen sichtbaren Leistungen. Was von ihm bleibt, ist Gottes eigenes Urteil über sein Leben. Abel kam im Glauben zu ihm, Gott nahm ihn und seine Gabe an, und die spätere Schrift bezeichnet ihn ausdrücklich als gerecht.

Gerade deshalb ist sein Tod so bedeutsam. Abel wurde nicht dadurch vor Leid bewahrt, dass er Gott vertraute. Sein eigener Bruder erhob sich gegen ihn und nahm ihm das Leben. Doch das Unrecht verschwand nicht mit dem Tod seines Opfers. Gott hörte das vergossene Blut, stellte Kain zur Verantwortung und zeigte damit schon in dieser ersten Generation der Menschheit, dass kein verborgenes Unrecht seinem Blick entgeht.

Das Neue Testament bewahrt Abel schließlich nicht nur als Opfer eines Verbrechens in Erinnerung. Jesus nennt ihn „Abel, den Gerechten“, Johannes stellt seine gerechten Werke den bösen Werken Kains gegenüber, und der Hebräerbrief setzt ihn an den Anfang der großen Reihe von Menschen, die im Glauben lebten. Sein Leben war vergänglich, doch das Zeugnis, das Gott ihm gab, blieb bestehen.

Und dennoch endet die biblische Linie nicht bei Abel. Der Hebräerbrief führt vom Blut des ermordeten Gerechten weiter zu Jesus Christus und zu einem Blut, das „besser redet als Abels Blut“. Abel konnte die Sünde der Welt nicht tragen und keinen anderen Menschen erlösen. Christus dagegen ist der Mittler des neuen Bundes. So bleibt Abel ein Zeuge des Glaubens, während die eigentliche Hoffnung des Menschen nicht auf Abel, sondern auf den Erlöser gerichtet ist, zu dem die Schrift schließlich führt.

Herr, lehre uns, dir mit einem Glauben zu begegnen, der nicht nur äußerlich erscheint, sondern dir wirklich vertraut. Bewahre uns davor, Anerkennung durch eigene Leistung verdienen zu wollen, und schenke uns ein Herz, das sich auf deine Gnade verlässt. Hilf uns auch dann treu zu bleiben, wenn Gehorsam nicht vor Schwierigkeiten und Leid bewahrt. Danke, dass kein Unrecht vor dir vergessen ist und dass du in Jesus Christus den Weg der Erlösung geöffnet hast. Lass unser Leben wie das Abels von einem Glauben geprägt sein, der auch über den Tod hinaus von deiner Treue Zeugnis gibt. Amen.

„Durch Glauben brachte Abel Gott ein größeres Opfer dar als Kain; durch ihn erhielt er das Zeugnis, daß er gerecht sei, indem Gott über seine Gaben Zeugnis ablegte, und durch ihn redet er noch, wiewohl er gestorben ist.“ Hebräer 11,4

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