Vom Tag und der Nacht – "solange es Tag ist"

Die Worte „Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann“ gehören zu den eindringlichsten Bildworten Jesu. Sie entstehen nicht in einer Lehrrede vor großen Menschenmengen, sondern am Wegesrand, im Blick auf einen einzelnen Menschen. Ein Blindgeborener sitzt vor ih…

Der Schauplatz: ein Blindgeborener am Wegrand

Johannes 9,1–3 – „1 Und als er vorüberging, sah er einen Menschen, blind von Geburt. 2 Und seine Jünger fragten ihn und sagten: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren wurde? 3 Jesus antwortete: Weder dieser hat gesündigt, n…"

Das Bildwort vom Tag und von der Nacht entsteht in einer bemerkenswerten Situation. Jesus begegnet einem Mann, der von Geburt an blind ist. Dieser Mensch hat nie das Licht der Sonne gesehen. Nie hat er die Farben der Schöpfung betrachtet oder die Gesichter seiner Mitmenschen erkannt. Sein ganzes Leben war von einer Einschränkung geprägt, die niemand um ihn herum ändern konnte.

Als die Jünger den Blinden sehen, stellen sie sofort eine theologische Frage: „Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?“ Ihr Blick richtet sich auf die Vergangenheit. Sie suchen nach einer Ursache, nach einer Erklärung für das Leid, das sie vor sich sehen.

Jesus antwortet jedoch in eine ganz andere Richtung. Er beschäftigt sich nicht zuerst mit der Herkunft des Leidens, sondern mit dem Ziel, das Gott in dieser Situation verfolgt. Er erklärt, dass weder der Mann noch seine Eltern die Ursache seiner Blindheit in dem Sinne seien, wie die Jünger vermuten. Vielmehr soll an ihm das Werk Gottes offenbar werden.

Damit verändert Jesus die gesamte Perspektive. Die Jünger schauen zurück und fragen nach Schuld. Jesus schaut nach vorne und spricht von Gottes Wirken. Während andere über Ursachen diskutieren, erkennt er eine Gelegenheit für die Offenbarung göttlicher Gnade.

Genau an diesem Punkt spricht Jesus die Worte vom Tag und von der Nacht. Das ist kein Zufall. Der Blindgeborene wird zu einem lebendigen Beispiel für die Werke Gottes, die jetzt getan werden sollen. Vor Jesus sitzt ein Mensch in Not, und diese Not wird nicht zum Anlass theoretischer Debatten, sondern zum Anlass tätiger Liebe.

Darin offenbart sich etwas Wesentliches über den Dienst Christi. Er verliert sich nicht in Spekulationen über Dinge, die Gott nicht offenbart hat. Sein Blick richtet sich auf den Auftrag, den der Vater ihm gegeben hat. Wo Leid begegnet, sieht er eine Gelegenheit zum Helfen. Wo Finsternis herrscht, bringt er Licht. Wo Menschen gebunden sind, wirkt er Befreiung.

So bildet der Blindgeborene den unmittelbaren Hintergrund für das folgende Bildwort. Die Dringlichkeit des Wirkens entsteht nicht aus abstrakten Überlegungen über die Zeit, sondern aus einer konkreten Begegnung mit einem Menschen. Jesus sieht die Not vor sich und weiß zugleich, dass die Zeit seines irdischen Dienstes begrenzt ist. Deshalb spricht er von dem Tag, solange er noch da ist.

Der Schauplatz macht deutlich, dass die Werke Gottes nicht irgendwo in ferner Zukunft beginnen. Sie geschehen mitten im Alltag, mitten unter Menschen und mitten in den Gelegenheiten, die Gott vor unsere Füße legt. Genau dort beginnt das Wirken des Tages, von dem Jesus nun sprechen wird.

Das Wort: „Solange es Tag ist“

Johannes 9,4–5 – „4 Ich muß die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, so lange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5 So lange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt."

Mitten in der Begegnung mit dem Blindgeborenen spricht Jesus die Worte: „Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“ In diesem Satz liegt eine bemerkenswerte Verbindung von Dringlichkeit und Gewissheit. Jesus weiß, dass seine Zeit auf Erden begrenzt ist, und gerade deshalb richtet er seinen Blick entschlossen auf den Auftrag seines Vaters.

Das Bild vom Tag war für die Menschen seiner Zeit unmittelbar verständlich. Der größte Teil der Arbeit wurde bei Tageslicht verrichtet. Bauern bestellten ihre Felder, Handwerker verrichteten ihre Arbeit und Reisende legten ihre Wege zurück, solange Licht vorhanden war. Mit dem Einbruch der Nacht wurden viele Tätigkeiten unmöglich oder zumindest stark eingeschränkt.

Jesus verwendet dieses alltägliche Bild für seinen eigenen Dienst. Der „Tag“ bezeichnet die von Gott gegebene Zeit des Wirkens. Solange diese Zeit andauert, soll das Werk getan werden, das der Vater aufgetragen hat. Jesus lebt nicht in der Illusion unbegrenzter Möglichkeiten. Er kennt die Begrenzung seiner irdischen Sendung und richtet jeden Schritt bewusst auf den Willen Gottes aus.

Dabei fällt auf, dass Jesus nicht sagt: „Ich muss wirken“, sondern: „Wir müssen wirken.“ Die Jünger werden in diesen Auftrag hineingenommen. Was zunächst von Christus selbst gilt, wird später auch für seine Nachfolger gelten. Jeder Gläubige lebt innerhalb einer von Gott geschenkten Zeitspanne, in der bestimmte Aufgaben anvertraut sind.

Das Bild spricht deshalb von der Kostbarkeit der Gegenwart. Menschen neigen dazu, das Wesentliche auf später zu verschieben. Sie rechnen mit zukünftigen Gelegenheiten, die vielleicht niemals eintreffen werden. Jesus lenkt den Blick dagegen auf die Stunde, die Gott jetzt gegeben hat. Der Tag ist nicht morgen. Der Tag ist die Zeit, in der das Licht gegenwärtig scheint.

Gleichzeitig bewahrt dieses Wort vor einer falschen Rastlosigkeit. Jesus spricht nicht von grenzenloser Aktivität, sondern von Treue im Auftrag des Vaters. Nicht jede denkbare Aufgabe muss erfüllt werden. Entscheidend sind die Werke, die Gott selbst vorbereitet hat. Der Herr lebt nicht getrieben von menschlichen Erwartungen, sondern geleitet durch den Willen seines Vaters.

So wird der Tag zu einem Bild für die von Gott geschenkte Gelegenheit. Jeder Tag des Lebens trägt Möglichkeiten in sich, die nicht wiederkehren. Jede Begegnung, jede Entscheidung und jede Gelegenheit zum Dienst gehört zu diesem von Gott anvertrauten Licht. Wer das versteht, beginnt die Gegenwart nicht mehr als selbstverständlich anzusehen, sondern als eine kostbare Gabe, in der Gottes Werke getan werden dürfen.

Die Werke des Tages

Epheser 5,15–17 – „15 Sehet nun zu, wie ihr sorgfältig wandelt, nicht als Unweise, sondern als Weise, 16 die gelegene Zeit auskaufend, denn die Tage sind böse. 17 Darum seid nicht töricht, sondern verständig, was der Wille des Herrn sei."

Wenn Jesus davon spricht, die Werke Gottes zu wirken, stellt sich die Frage, worin diese Werke eigentlich bestehen. Viele Menschen denken dabei zuerst an außergewöhnliche Aufgaben, große Predigten oder sichtbare Dienste. Doch die Geschichte des Blindgeborenen zeigt etwas anderes. Das Werk Gottes beginnt oft mitten in den Begegnungen und Gelegenheiten des gewöhnlichen Lebens.

Jesus sieht einen Menschen, den andere längst übersehen hatten. Daraus wird deutlich, dass die Werke des Tages häufig direkt vor uns liegen. Sie bestehen nicht immer in spektakulären Taten, sondern in Treue gegenüber dem Auftrag, den Gott für den jeweiligen Augenblick gegeben hat.

Manchmal besteht dieses Werk darin, einem Menschen die Wahrheit in Liebe zu sagen. Manchmal bedeutet es, einem Bedürftigen zu helfen, einen Mutlosen zu ermutigen oder einem Einsamen Aufmerksamkeit zu schenken. Oft sind es gerade die unscheinbaren Gelegenheiten, durch die Gottes Reich sichtbar wird. Was klein erscheint, kann in Gottes Hand große Bedeutung besitzen.

Dabei liegt eine wichtige Wahrheit in Jesu Worten verborgen: Die Werke des Tages gehören zum jeweiligen Tag. Sie können nicht beliebig verschoben werden. Es gibt Worte, die heute gesprochen werden müssen. Es gibt Entscheidungen, die heute getroffen werden sollen. Es gibt Gelegenheiten zum Dienst, die vielleicht morgen nicht mehr vorhanden sein werden.

Deshalb verbindet Paulus die Weisheit des Glaubens mit einem verantwortungsvollen Umgang mit der Zeit. Wer die Zeit „auskauft“, erkennt den Wert der von Gott gegebenen Möglichkeiten. Er lebt nicht gedankenlos in den Tag hinein, sondern fragt danach, was der Wille des Herrn für die gegenwärtige Situation ist.

Dabei entsteht keine hektische Betriebsamkeit. Die Werke Gottes entspringen nicht menschlichem Aktivismus. Sie wachsen aus der Gemeinschaft mit Christus. Der Herr selbst zeigt, welche Türen geöffnet sind und welche Aufgaben der Vater vorbereitet hat. So wie Jesus den Blindgeborenen sah, lernt auch der Gläubige, die Menschen und Situationen wahrzunehmen, in denen Gott wirken möchte.

Die Werke des Tages erinnern deshalb daran, dass das Reich Gottes oft mitten im Alltag sichtbar wird. Jeder Tag trägt eine eigene Berufung in sich. Nicht morgen und nicht irgendwann, sondern heute stellt Gott Gelegenheiten zum Glauben, zur Liebe und zum Dienst vor seine Kinder. Wer diese Gelegenheiten im Licht Christi erkennt, beginnt zu verstehen, was es bedeutet, die Werke des Tages zu tun, solange es noch Tag ist.

„Ich bin das Licht der Welt“

Johannes 12,35–36 – „35 Da sprach Jesus zu ihnen: Noch eine kleine Zeit ist das Licht unter euch; wandelt, während ihr das Licht habt, auf daß nicht Finsternis euch ergreife. Und wer in der Finsternis wandelt, weiß nicht, wohin er geht. 36 Während ihr das Lich…"

Nachdem Jesus vom Tag gesprochen hat, offenbart er den Grund, warum überhaupt Tag ist: „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“ Damit führt er das Bild auf seine eigentliche Mitte zurück. Der Tag entsteht nicht von selbst. Er existiert, weil das Licht gegenwärtig ist. Und dieses Licht ist Christus selbst.

Schon im Johannesevangelium wird Jesus als das wahre Licht vorgestellt, das in die Welt gekommen ist. Wo er erscheint, wird Wahrheit sichtbar. Finsternis wird aufgedeckt, Irrtum entlarvt und der Weg zu Gott offenbart. Menschen sehen nicht nur ihre eigene Not klarer, sondern erkennen auch den Retter, der ihnen begegnet.

Gerade im Zusammenhang mit dem Blindgeborenen erhält diese Aussage eine besondere Tiefe. Vor Jesus sitzt ein Mann, der nie körperliches Licht gesehen hat. Doch die eigentliche Blindheit, die Jesus im weiteren Verlauf des Kapitels anspricht, betrifft das Herz. Die religiösen Führer besitzen gesunde Augen und bleiben dennoch blind für die Wahrheit, die vor ihnen steht. Der Blindgeborene dagegen empfängt nicht nur das Augenlicht, sondern erkennt schließlich den Sohn Gottes.

Dadurch wird deutlich, dass das Licht Christi mehr ist als Erkenntnis. Es bringt Leben, Glauben und Orientierung. Wer im Licht wandelt, sieht die Wirklichkeit so, wie Gott sie sieht. Er erkennt den Weg, den der Herr vor ihm öffnet, und wird vor dem Stolpern in der Finsternis bewahrt.

Deshalb verbindet Jesus das Bild des Lichtes mit einer dringenden Einladung: „Wandelt, solange ihr das Licht habt.“ Die Gegenwart des Lichtes ist ein Geschenk, das nicht gleichgültig behandelt werden darf. Wer das Licht ablehnt, bleibt in der Finsternis zurück. Wer ihm folgt, wird selbst zu einem Kind des Lichtes.

Damit erhält das Bild vom Tag und der Nacht seine tiefste Bedeutung. Der Tag ist nicht einfach die Lebenszeit eines Menschen. Der Tag ist die Zeit, in der Christus sich offenbart und Menschen ruft. Solange sein Licht scheint, ist die Gelegenheit zum Glauben, zur Umkehr und zum Wirken gegeben.

So führt Jesus den Blick weg von der bloßen Vergänglichkeit der Zeit hin zu seiner eigenen Person. Nicht die Uhr bestimmt letztlich den Tag, sondern das Licht. Und wo Christus als das Licht der Welt erkannt wird, dort beginnt ein neues Leben, das selbst die kommende Nacht nicht auslöschen kann.

Tieferer geistlicher Zusammenhang: Der Tag der Gnade und die kommende Vollendung

Römer 13,12 – „12 Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe. Laßt uns nun die Werke der Finsternis ablegen und die Waffen des Lichts anziehen."

Die Worte Jesu über Tag und Nacht reichen über das Leben eines einzelnen Menschen hinaus. Sie beschreiben zugleich die Zeit, in der die Welt insgesamt lebt. Seit dem Kommen Christi scheint das Licht des Evangeliums in die Finsternis dieser Welt. Menschen werden gerufen, die Wahrheit zu erkennen, an den Sohn Gottes zu glauben und Anteil an seinem Reich zu erhalten.

Diese Zeit des Lichtes ist eine Zeit der Gnade. Gott lässt sein Evangelium verkündigen, ruft Menschen zur Umkehr und öffnet den Weg der Erlösung. Solange dieses Licht scheint, ist die Tür der Gnade geöffnet. Darum trägt die Verkündigung Jesu stets einen ernsten und zugleich hoffnungsvollen Charakter. Der Ruf Gottes ergeht heute.

Doch die Schrift macht ebenso deutlich, dass diese Zeit nicht unbegrenzt andauern wird. Das Reich Gottes bewegt sich auf seine Vollendung zu. Der Tag der Gnade wird in den Tag der Herrlichkeit übergehen. Dann wird die Zeit des Glaubens von der Zeit des Schauens abgelöst werden. Was heute im Licht des Evangeliums angeboten wird, wird dann in seiner ganzen Wirklichkeit offenbar sein.

Darum besitzen Jesu Worte eine heilige Dringlichkeit. Sie wollen nicht Angst erzeugen, sondern zum Glauben führen. Das Licht scheint jetzt. Die Gelegenheit zur Umkehr besteht jetzt. Die Werke, die Gott seinem Volk anvertraut, sollen jetzt getan werden. Niemand weiß, wie viele Tage ihm gegeben sind, aber jeder weiß, dass der heutige Tag ein Geschenk Gottes ist.

Gleichzeitig endet die Geschichte nicht mit der Nacht. Für die Kinder Gottes steht am Ende nicht die Dunkelheit, sondern ein neuer und ewiger Tag. Die Schrift beschreibt die kommende Welt als eine Schöpfung, in der keine Nacht mehr sein wird, weil Gott selbst ihr Licht ist. Das Licht Christi, das heute im Glauben erkannt wird, wird dann die ganze neue Schöpfung erfüllen.

So weist das Bild vom Tag und der Nacht über die Gegenwart hinaus auf die große Hoffnung des Evangeliums. Das Licht scheint heute, damit Menschen zum Licht kommen. Und diejenigen, die Christus folgen, erwarten den Tag, an dem keine Finsternis mehr sein wird und sie für immer im Licht ihres Herrn leben werden.