Zu den herausforderndsten Begegnungen im Dienst Jesu gehören die Gespräche mit den drei Männern in Lukas 9. Anders als viele andere Gleichnisse besteht dieser Abschnitt nicht aus einer erzählten Geschichte, sondern aus realen Begegnungen. Dennoch gipfelt alles in einem eindrücklichen Bildwort: der Hand am Pflug und dem Blick nach vorne. …
Lukas 9,57–58 – „57 Es geschah aber, als sie auf dem Wege dahinzogen, sprach einer zu ihm: Ich will dir nachfolgen, wohin irgend du gehst, Herr. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; aber der Sohn des Mensche…"
Die erste Begegnung beginnt mit großer Begeisterung. Ein Mann tritt zu Jesus und erklärt: „Herr, ich will dir folgen, wohin du auch gehst.“ Seine Worte klingen entschlossen und kompromisslos. Anders als viele andere Menschen wird er nicht erst von Jesus gerufen, sondern bietet seine Nachfolge selbst an.
Doch statt seine Entschlossenheit sofort zu loben, antwortet Jesus mit einer ernüchternden Wahrheit: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel des Himmels haben Nester; aber der Sohn des Menschen hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ Auf den ersten Blick scheint diese Antwort kaum zu der Aussage des Mannes zu passen. Tatsächlich spricht Jesus jedoch genau den Punkt an, der im Herzen seines Gegenübers verborgen liegt.
Der Herr durchschaut, dass Begeisterung allein nicht ausreicht. Viele Menschen fühlen sich von Jesus angezogen, solange sie in ihm Hoffnung, Trost oder besondere Segnungen sehen. Doch Nachfolge bedeutet mehr als Bewunderung. Sie bedeutet, denselben Weg zu gehen wie der Meister selbst.
Deshalb lenkt Jesus den Blick auf seine eigene Situation. Der Menschensohn lebt nicht in äußerer Sicherheit. Er besitzt keinen festen Wohnsitz, keine gesicherte Stellung und keine irdische Macht. Sein Weg führt durch Ablehnung, Entbehrung und schließlich zum Kreuz. Wer ihm folgen möchte, muss bereit sein, auch die Kosten dieses Weges anzunehmen.
Dabei geht es nicht darum, dass jeder Christ Heimatlosigkeit oder Armut erleben müsste. Jesus formuliert hier kein allgemeines Gesetz über die Lebensumstände seiner Nachfolger. Er macht vielmehr deutlich, dass die Nachfolge nicht auf den Erwartungen menschlicher Bequemlichkeit aufgebaut werden darf. Wer Christus folgt, folgt ihm um seiner selbst willen und nicht wegen der Vorteile, die er sich davon verspricht.
Damit stellt Jesus eine wichtige Frage an jeden Menschen, der ihm nachfolgen möchte: Würde ich ihm auch dann folgen, wenn der Weg schwieriger wird als erwartet? Bleibt meine Hingabe bestehen, wenn äußere Sicherheiten wegbrechen? Ist Christus selbst mein Ziel oder nur das, was ich mir von ihm erhoffe?
Die erste Begegnung zeigt deshalb die Notwendigkeit einer nüchternen Nachfolge. Wahre Jüngerschaft beginnt dort, wo Menschen nicht nur die Herrlichkeit Christi sehen wollen, sondern bereit sind, ihm auch auf dem Weg der Selbstverleugnung zu folgen. Jesus wirbt keine Anhänger mit falschen Versprechungen. Er zeigt offen, wohin sein Weg führt, damit diejenigen, die ihm folgen, dies mit klarem Herzen und echter Hingabe tun.
Lukas 9,59–60 – „59 Er sprach aber zu einem anderen: Folge mir nach. Der aber sprach: Herr, erlaube mir zuvor hinzugehen und meinen Vater zu begraben. 60 Jesus aber sprach zu ihm: Laß die Toten ihre Toten begraben, du aber gehe hin und verkündige das Reich…"
Im zweiten Gespräch geht die Initiative von Jesus selbst aus. Er ruft einen Mann in die Nachfolge und spricht das einfache, aber gewichtige Wort: „Folge mir nach.“ Doch der Angesprochene antwortet mit einer Bitte: „Herr, erlaube mir zuvor hinzugehen und meinen Vater zu begraben.“
Die Antwort Jesu gehört zu den schwierigsten Aussagen dieses Abschnitts: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes.“ Ohne den Zusammenhang könnte der Eindruck entstehen, Jesus missachte familiäre Verantwortung oder die Pflicht, Angehörige zu ehren. Doch dies widerspräche seinem gesamten übrigen Lehrdienst und dem Zeugnis der Schrift.
Wahrscheinlich spricht der Mann nicht von einer unmittelbar bevorstehenden Beerdigung. Wäre sein Vater gerade verstorben gewesen, hätte er sich kaum in dieser Situation bei Jesus befunden. Vielmehr deutet vieles darauf hin, dass er seine Nachfolge auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschieben möchte. Zunächst sollen familiäre Verpflichtungen erfüllt werden. Erst später, wenn alles geregelt ist, will er dem Ruf Jesu folgen.
Genau diesen Aufschub spricht Jesus an. Hinter der Bitte verbirgt sich nicht offene Ablehnung, sondern Vertagung. Der Mann sagt nicht Nein. Er sagt: später. Doch gerade darin liegt die Gefahr. Die Nachfolge wird nicht verweigert, sondern immer wieder auf einen günstigeren Zeitpunkt verschoben, der möglicherweise niemals kommt.
Deshalb spricht Jesus von den Toten, die ihre Toten begraben sollen. Er unterscheidet zwischen dem leiblichen und dem geistlichen Zustand. Menschen, die geistlich tot sind, beschäftigen sich verständlicherweise mit den Angelegenheiten dieser vergänglichen Welt. Wer jedoch zum Leben gerufen wurde und den Ruf des Reiches Gottes hört, steht vor einer anderen Priorität.
Damit macht Jesus deutlich, dass das Reich Gottes eine Dringlichkeit besitzt, die keinen Aufschub duldet. Das Evangelium ist keine Aufgabe für irgendwann. Der Ruf Christi fordert eine Antwort in der Gegenwart. Immer wieder zeigt die Schrift, dass Gottes Ruf im Heute an den Menschen ergeht. Wer ihn ständig auf morgen verschiebt, läuft Gefahr, ihn nie wirklich anzunehmen.
Diese Begegnung offenbart daher ein Hindernis der Nachfolge, das oft schwerer zu erkennen ist als offene Ablehnung. Nicht Feindschaft gegenüber Christus steht im Weg, sondern das ständige „zuerst noch“. Immer findet sich etwas, das vorher erledigt werden soll. Immer scheint ein günstigerer Zeitpunkt zu kommen. Jesus durchbricht diese Denkweise und erinnert daran, dass das Reich Gottes den ersten Platz beansprucht.
Der zweite Mann steht somit für die Gefahr des Aufschiebens. Seine Geschichte zeigt, dass Nachfolge nicht erst beginnt, wenn alle anderen Dinge geordnet sind. Sie beginnt dort, wo der Mensch dem Ruf Christi den Vorrang gibt und bereit ist, ihm heute zu folgen.
Lukas 9,61 – „61 Es sprach aber auch ein anderer: Ich will dir nachfolgen, Herr; zuvor aber erlaube mir, Abschied zu nehmen von denen, die in meinem Hause sind."
Der dritte Mann wirkt auf den ersten Blick besonders verständlich. Er erklärt seine Bereitschaft zur Nachfolge und bittet lediglich um eine letzte Gelegenheit, sich von seiner Familie zu verabschieden. Im Vergleich zu den vorherigen Begegnungen erscheint diese Bitte bescheiden und vernünftig. Wer würde nicht verstehen, dass jemand seine Angehörigen noch einmal sehen möchte?
Gerade deshalb liegt die eigentliche Herausforderung tiefer. Wieder verwendet der Mann die Worte „zuerst aber“. Wie schon im vorherigen Gespräch erscheint etwas anderes vor der unmittelbaren Nachfolge Christi. Die Bitte selbst steht dabei weniger im Mittelpunkt als die Herzenshaltung, die sich dahinter verbirgt.
Die Heilige Schrift kennt durchaus Beispiele, in denen ein Abschied nicht verurteilt wird. Als Elisa von Elia berufen wird, verabschiedet er sich von seiner Familie und ordnet sein bisheriges Leben bewusst zu Ende. Doch bei Elisa wird der Abschied zugleich zum endgültigen Bruch mit dem Alten. Er zerstört seine Pfluggeräte und kehrt nicht mehr zu seinem früheren Leben zurück. Sein Blick ist entschieden nach vorne gerichtet.
Bei dem Mann in Lukas 9 scheint Jesus jedoch etwas anderes zu erkennen. Der Abschied droht zu einem Festhalten an dem zu werden, was zurückgelassen werden soll. Die Vergangenheit besitzt noch eine solche Anziehungskraft, dass die Entscheidung für Christus nicht mit ungeteilter Entschlossenheit getroffen wird.
Hier berührt Jesus eine Gefahr, die viele Nachfolger Gottes kennen. Man kann äußerlich vorangehen und innerlich dennoch zurückschauen. Der Körper bewegt sich auf dem Weg der Nachfolge, während das Herz immer wieder bei dem verweilt, was aufgegeben wurde. Alte Sicherheiten, frühere Lebensweisen, verpasste Möglichkeiten oder vertraute Bindungen können zu einem ständigen Gegenstand der Sehnsucht werden.
Das Problem liegt dabei nicht im Erinnern selbst. Die Bibel fordert nicht dazu auf, die Vergangenheit zu vergessen. Vielmehr geht es um die Frage, woran das Herz hängt. Wer ständig zurückblickt, wird Schwierigkeiten haben, die Führung Gottes für die Zukunft zu erkennen. Die Gedanken bleiben an dem gebunden, was hinter ihm liegt, statt sich auf das auszurichten, wohin Gott ihn führen möchte.
So zeigt die dritte Begegnung ein weiteres Hindernis der Nachfolge. Der erste Mann unterschätzte die Kosten. Der zweite verschob die Entscheidung. Der dritte droht an der Bindung an das Vergangene hängen zu bleiben. Alle drei Fälle machen deutlich, dass Christus nicht nur äußere Schritte fordert, sondern ein Herz, das bereit ist, ihm mit ungeteilter Hingabe zu folgen.
Lukas 9,62 – „62 Jesus aber sprach zu ihm: Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, ist geschickt zum Reiche Gottes."
Auf die Bitte des dritten Mannes antwortet Jesus mit einem Bild aus dem Alltag seiner Zeit: „Niemand, der seine Hand an den Pflug legt und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes.“ Mit diesen Worten fasst er die drei vorherigen Begegnungen zusammen und führt sie zu ihrem eigentlichen Kern.
Das Bild stammt aus der Landwirtschaft. Wer ein Feld pflügt, muss seinen Blick auf einen festen Punkt vor sich richten. Nur so entsteht eine gerade Furche. Beginnt der Pflüger ständig nach hinten zu schauen, wird die Linie unregelmäßig und das Feld unordentlich bearbeitet. Der Pflug verlangt Konzentration und eine klare Blickrichtung.
Genau darin liegt die geistliche Bedeutung des Bildes. Nachfolge Christi ist kein gelegentlicher Blick nach vorne mit häufigen Rückkehrbewegungen zum Alten. Sie verlangt eine klare Ausrichtung des Herzens. Der Jünger lebt nicht von ständigen Vergleichen zwischen dem alten und dem neuen Leben. Sein Blick richtet sich auf den Herrn und auf das Ziel, zu dem dieser ihn ruft.
Dabei fordert Jesus nicht, die Vergangenheit zu verachten. Die Bibel kennt dankbare Erinnerung und das Lernen aus früheren Erfahrungen. Das Problem beginnt dort, wo das Herz immer wieder zu dem zurückkehrt, was aufgegeben wurde. Wer fortwährend darüber nachdenkt, was er durch die Nachfolge verloren hat, wird Schwierigkeiten haben, die Größe dessen zu erkennen, was er in Christus gewonnen hat.
Deshalb steht das Zurückblicken in diesem Bild für eine innere Unentschlossenheit. Der Mensch hat zwar begonnen, dem Herrn zu folgen, aber sein Herz ist noch nicht vollständig auf den Weg ausgerichtet. Ein Teil von ihm möchte vorwärtsgehen, ein anderer Teil hält weiterhin an früheren Sicherheiten, Wünschen oder Lebenszielen fest.
Hier verbindet sich das Bild des Pfluges mit allen drei Begegnungen zuvor. Der erste Mann musste lernen, dass Nachfolge mehr kostet als anfängliche Begeisterung vermutet. Der zweite wurde davor gewarnt, den Ruf Gottes immer weiter aufzuschieben. Der dritte wird mit der Gefahr konfrontiert, zwar loszugehen, aber innerlich am Alten hängen zu bleiben. Alle drei Situationen betreffen letztlich dieselbe Frage: Ist das Herz ganz auf Christus ausgerichtet?
Darum spricht Jesus von der Tauglichkeit für das Reich Gottes. Gemeint ist nicht, dass ein Nachfolger niemals kämpfen, zweifeln oder schwach werden dürfte. Gemeint ist die grundsätzliche Blickrichtung des Lebens. Das Reich Gottes wird von Menschen getragen, deren Herz auf den Herrn ausgerichtet ist und die gelernt haben, ihm Schritt für Schritt nachzufolgen.
Das Bild vom Pflug endet deshalb mit einer Einladung zu einer entschiedenen Nachfolge. Nicht die Vergangenheit, nicht menschliche Sicherheiten und nicht aufgeschobene Entscheidungen sollen den Weg bestimmen. Der Blick richtet sich nach vorne auf Christus. Wer ihn zum festen Orientierungspunkt seines Lebens macht, wird lernen, den Weg des Reiches Gottes mit Klarheit und Beständigkeit zu gehen.
Philipper 3,13–14 – „13 Brüder, ich halte mich selbst nicht dafür, es ergriffen zu haben; 14 eines aber tue ich: Vergessend was dahinten, und mich ausstreckend nach dem, was vorn ist, jage ich, das Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nac…"
Das Bild vom Pflug weist über die persönliche Nachfolge hinaus auf die Bewegung des gesamten Reiches Gottes. In der Bibel arbeitet Gott heilsgeschichtlich nicht rückwärts, sondern vorwärts. Seine Erlösungsgeschichte bewegt sich auf ein Ziel zu. Von der Verheißung im Garten Eden über das Kommen Christi bis hin zur neuen Erde führt Gott sein Werk Schritt für Schritt der Vollendung entgegen.
Deshalb passt das Zurückblicken nicht zum Wesen des Reiches Gottes. Wer ständig an dem festhält, was hinter ihm liegt, verliert den Blick für das, was Gott vor ihm bereitet. Die Nachfolge Christi bedeutet nicht nur, etwas zurückzulassen. Sie bedeutet vor allem, einer größeren Zukunft entgegenzugehen.
Diese Wahrheit wird besonders im Neuen Testament sichtbar. Christen leben aus der Hoffnung auf das kommende Reich. Ihre eigentliche Heimat liegt nicht in dieser vergänglichen Welt. Sie erwarten die Wiederkunft Christi, die Auferstehung der Toten und die neue Schöpfung. Der Blick des Glaubens richtet sich deshalb nicht auf das Verlorene, sondern auf das Verheißene.
Darum fordert Jesus seine Nachfolger immer wieder auf, auszuharren und voranzugehen. Nicht weil der Weg leicht wäre, sondern weil das Ziel gewiss ist. Der Pflüger blickt nach vorne, weil dort die Furche entsteht. Der Christ blickt nach vorne, weil dort Christus selbst wartet und die Vollendung seines Werkes verheißen hat.
Das Bild vom Pflug erinnert deshalb daran, dass das Reich Gottes ein Reich der Hoffnung ist. Die Vergangenheit mag wertvolle Erinnerungen enthalten, doch die größte Herrlichkeit liegt nicht hinter dem Volk Gottes, sondern vor ihm. Wer dies erkennt, kann lernen, mit festem Blick auf Christus weiterzugehen.
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