Vom alten Kleid und neuen Schläuchen

Die Bilder vom neuen Flicken und vom neuen Wein zeigen, dass die Gegenwart Jesu und die Wirklichkeit seines Reiches nicht einfach in ungeeignete religiöse Formen eingefügt werden können. Im unmittelbaren Zusammenhang antwortet Jesus auf die Frage nach dem Fasten: Seine Jünger können nicht so handeln, als wäre der Bräutigam abwesend, solange er bei ihnen ist. Christus verwirft dabei nicht Gottes frühere Offenbarung, sondern macht deutlich, dass sein Kommen eine neue heilsgeschichtliche Wirklichkeit eröffnet.

Einführung

Die Frage, auf die Jesus antwortet, entsteht aus einem sichtbaren Unterschied. Die Jünger Johannes des Täufers und die Pharisäer fasten, während die Jünger Jesu daran nicht in derselben Weise teilnehmen. Was für die Fragenden wie ein Mangel an Frömmigkeit erscheinen kann, führt Jesus auf eine tiefere Ebene. Bevor er von Kleidern und Weinschläuchen spricht, bezeichnet er sich als Bräutigam und erklärt damit, warum seine Gegenwart die Lage grundlegend verändert.

Fasten war im Volk Gottes mit Trauer, Buße, Demütigung und ernstem Suchen nach Gott verbunden. Jesus erklärt diese Praxis nicht für bedeutungslos. Er zeigt jedoch, dass eine religiöse Handlung ihren Sinn nicht unabhängig von der heilsgeschichtlichen Situation besitzt. Solange der Bräutigam bei seinen Jüngern ist, wäre ein Verhalten, das seine Gegenwart übergeht, nicht Ausdruck tieferer Treue, sondern ein Verkennen dessen, was Gott gerade tut.

Darauf folgen zwei kurze Bilder, die in allen drei synoptischen Evangelien überliefert sind. Ein neuer Flicken und neuer Wein können nicht gedankenlos mit etwas verbunden werden, das ihrer Beschaffenheit nicht entspricht. In beiden Fällen geht es um eine Verbindung, die äußerlich möglich erscheint, sich aber als zerstörerisch erweist.

Jesu Worte richten sich deshalb gegen den Versuch, sein Wirken lediglich als Ergänzung vertrauter Erwartungen zu behandeln. Zugleich warnen sie davor, das Alte vorschnell mit Gottes Gesetz oder der gesamten alttestamentlichen Offenbarung gleichzusetzen. Um die Bilder richtig zu verstehen, muss zuerst geklärt werden, welche Frage Jesus beantwortet, worin das Neue seines Wirkens besteht und weshalb selbst eine an sich gute religiöse Form zur falschen Zeit ihren eigentlichen Sinn verfehlen kann.

Die Frage nach dem Fasten

Lukas 5,33-35 – „33 Sie aber sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes so oft und verrichten Gebete, desgleichen auch die der Pharisäer; die deinigen aber essen und trinken? 34 Und er sprach zu ihnen: Ihr könnt doch die Hochzeitsleute nicht fasten lassen, solange der Bräutigam bei ihnen ist! 35 Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen genommen sein wird; dann werden sie fasten in jenen T…"
Lukas 5,33-35 – „33 Sie aber sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes so oft und verrichten Gebete, desgleichen auch die der Pharisäer; die deinigen aber essen und trinken? 34 Und er sprach zu ihnen: Ihr könnt doch die Hochzeitsleute nicht fasten lassen, solange der Bräutigam bei ihnen ist! 35 Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen genommen sein wird; dann werden sie fasten in jenen T…"
Markus 2,18-20 – „18 Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer pflegten zu fasten; und sie kamen zu ihm und fragten: Warum fasten die Jünger des Johannes und der Pharisäer, deine Jünger aber fasten nicht? 19 Und Jesus sprach zu ihnen: Können die Hochzeitsleute fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie nicht fasten. 20 Es werden aber Tage kommen, da der Br…"
Matthäus 9,14-15 – „14 Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sprachen: Warum fasten wir und die Pharisäer, deine Jünger aber fasten nicht? 15 Und Jesus sprach zu ihnen: Können die Hochzeitleute trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, wo der Bräutigam von ihnen genommen sein wird, und dann werden sie fasten."
Hosea 2,21-22 – „21 Und es soll geschehen an jenem Tage, spricht der HERR, da will ich antworten; ich will dem Himmel antworten, und er soll der Erde antworten; 22 und die Erde wird antworten mit Korn, Most und Öl, und diese werden Jesreel antworten."

Die Bilder vom Kleid und von den Weinschläuchen stehen nicht für sich allein. Jesus erzählt sie als Antwort auf die Frage, weshalb die Jünger Johannes des Täufers und die Pharisäer regelmäßig fasten, seine eigenen Jünger dagegen essen und trinken. Der sichtbare Unterschied in der religiösen Praxis wird zum Anlass, über die Bedeutung seiner Gegenwart zu sprechen. Bevor das Alte und das Neue richtig eingeordnet werden können, muss daher verstanden werden, warum Jesus zunächst vom Bräutigam spricht.

Fasten war im biblischen Glaubensleben keineswegs bedeutungslos. Menschen fasteten in Zeiten der Trauer, der Buße, der ernsten Fürbitte oder des besonderen Suchens nach Gott. Auch Johannes der Täufer rief Israel zur Umkehr und bereitete das Volk auf das kommende Handeln Gottes vor. Dass seine Jünger fasteten, entsprach daher dem ernsten Charakter seines Dienstes und der Erwartung dessen, der nach ihm kommen sollte.

Das Problem der Fragenden liegt nicht notwendig darin, dass sie überhaupt fasten. Ihre Frage zeigt jedoch die Gefahr, eine religiöse Übung unabhängig von ihrem Sinn und ihrer Zeit zum festen Maßstab für andere zu machen. Weil bestimmte Menschen häufig fasteten, erschien es ihnen folgerichtig, dass auch Jesu Jünger dieselbe Form übernehmen müssten. Äußere Gleichförmigkeit wurde dadurch leicht mit geistlicher Treue verwechselt.

Jesus antwortet nicht mit einer neuen Fastenregel, sondern mit einer Gegenfrage. Können die Hochzeitsgäste trauern und fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Eine Hochzeit war eine Zeit der Freude, der Gemeinschaft und des Festes. Trauerndes Fasten hätte in dieser Situation nicht besondere Frömmigkeit bewiesen, sondern den Charakter des Augenblicks verkannt.

Indem Jesus sich als Bräutigam bezeichnet, macht er eine weitreichende Aussage über seine Person. Schon die Propheten hatten das Verhältnis Gottes zu seinem Volk mit dem Bild einer Ehe beschrieben. Nun steht Jesus selbst in der Mitte des Festes und beansprucht die Stellung des Bräutigams. Mit seinem Kommen ist die lange erwartete Nähe Gottes nicht mehr nur angekündigt; sie ist in seiner Person gegenwärtig geworden.

Darum ist das Verhalten seiner Jünger nicht Ausdruck religiöser Nachlässigkeit. Ihre Freude entsteht daraus, dass sie bei Christus sind. Sie leben in einer heilsgeschichtlichen Stunde, die sich nicht angemessen mit den Formen einer Zeit ausdrücken lässt, in der der Kommende noch erwartet wurde. Die Gegenwart des Bräutigams verändert nicht Gottes Wahrheit, wohl aber die Lage, auf die religiöse Handlungen antworten sollen.

Jesus erklärt zugleich, dass diese festliche Zeit nicht unverändert bleiben wird. Tage werden kommen, an denen der Bräutigam von seinen Jüngern genommen wird; dann werden sie fasten. Diese Worte weisen verhüllt auf seinen gewaltsamen Tod und die kommende Trennung hin. Jesus verwirft das Fasten daher nicht grundsätzlich, sondern ordnet es seiner Beziehung zu ihm unter: Es erhält seinen Sinn aus seiner Gegenwart, seiner Abwesenheit und der Sehnsucht nach seiner endgültigen Wiederkehr.

Damit ist die Grundlage für die folgenden Bilder gelegt. Das Neue besteht zunächst nicht in einer beliebigen Abkehr von allem Früheren, sondern in der Person und dem Werk Christi. Wer seine Gegenwart nur in bestehende religiöse Erwartungen einpassen will, ohne die durch ihn geschaffene neue Wirklichkeit zu erkennen, wird weder die Freude des Hochzeitsfestes noch den rechten Sinn des späteren Fastens verstehen.

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Kein neuer Flicken für das alte Kleid

Lukas 5,36 – „36 Er sagte aber auch ein Gleichnis zu ihnen: Niemand reißt ein Stück von einem neuen Kleide und setzt es auf ein altes Kleid; denn sonst zerreißt er auch das neue, und das Stück vom neuen reimt sich nicht zu dem alten."
Lukas 5,36 – „36 Er sagte aber auch ein Gleichnis zu ihnen: Niemand reißt ein Stück von einem neuen Kleide und setzt es auf ein altes Kleid; denn sonst zerreißt er auch das neue, und das Stück vom neuen reimt sich nicht zu dem alten."
Markus 2,21 – „21 Niemand näht ein Stück ungewalkten Tuches auf ein altes Kleid; sonst reißt die Füllung davon ab, das neue von dem alten, und der Riß wird ärger."
Matthäus 9,16 – „16 Niemand aber setzt einen Lappen von ungewalktem Tuch auf ein altes Kleid, denn der Lappen reißt von dem Kleide ab, und der Riß wird ärger."
Galater 3,23-25 – „23 Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen auf den Glauben hin, der geoffenbart werden sollte. 24 So ist also das Gesetz unser Zuchtmeister geworden auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerechtfertigt würden. 25 Nachdem aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister;"

Nach dem Bild des Bräutigams erzählt Jesus ein kurzes Gleichnis vom Ausbessern eines alten Kleidungsstücks. Lukas beschreibt einen Menschen, der ein Stück von einem neuen Gewand abschneidet und damit ein altes flickt. Dadurch wird das neue Kleid beschädigt, während der neue Stoff zugleich nicht zum alten passt. Bei Matthäus und Markus liegt der Schwerpunkt darauf, dass ein noch nicht eingelaufener Flicken sich später zusammenzieht und den vorhandenen Riss vergrößert.

Die Berichte setzen unterschiedliche Akzente, führen jedoch zur gleichen Aussage. Eine Verbindung, die zunächst wie eine nützliche Reparatur erscheint, richtet am Ende größeren Schaden an. Das Neue kann nicht beliebig aus seinem eigenen Zusammenhang herausgelöst und auf etwas gesetzt werden, das seiner Beschaffenheit nicht entspricht. Ebenso wenig lässt sich das Alte durch eine äußerliche Ergänzung wirklich erneuern.

Im unmittelbaren Zusammenhang bezieht sich dieses Bild auf den Versuch, Jesu Jünger den gewohnten Fastenformen anderer religiöser Gruppen anzupassen. Die Fragenden erwarten offenbar, dass Jesus eine bestehende Praxis übernimmt und sein Wirken innerhalb vertrauter Maßstäbe bestätigt. Doch seine Gegenwart lässt sich nicht wie ein zusätzlicher religiöser Bestandteil an ein bereits festgelegtes System anfügen. Wer nur eine weitere Regel erwartet, hat noch nicht erkannt, wer mit dem Bräutigam gekommen ist.

Jesus bezeichnet dabei weder das Gesetz Gottes noch die gesamte alttestamentliche Offenbarung als ein wertloses, verschlissenes Kleid. Er selbst erfüllt die Schrift und offenbart ihren wahren Sinn. Das Problem liegt nicht in Gottes Wort, sondern in dem Versuch, die durch Christus eröffnete Wirklichkeit in religiöse Formen einzupassen, die unabhängig von ihm beurteilt und angewandt werden. Aus einer von Gott gegebenen Übung kann so ein menschlicher Maßstab werden, der seine gegenwärtige Führung nicht mehr wahrnimmt.

Das Bild warnt zugleich davor, Christus lediglich zur Verbesserung eines bestehenden religiösen Lebens zu benutzen. Ein Mensch kann einzelne Worte Jesu übernehmen, christliche Gewohnheiten hinzufügen und dennoch an seiner bisherigen Selbstgerechtigkeit festhalten. Christus wird dann wie ein Flicken gebraucht, der bestimmte Mängel verdecken soll, während die Grundlage unverändert bleibt. Das Evangelium wäre nur ein Zusatz zu einem Leben, dessen Richtung weiterhin der Mensch selbst bestimmt.

Doch Jesus ist nicht gekommen, um die eigene Gerechtigkeit des Menschen auszubessern. Sein Werk deckt auf, dass niemand durch religiöse Leistung vor Gott gerecht werden kann. Das Gesetz führt zur Erkenntnis der Sünde und weist auf Christus hin, doch die Rechtfertigung wird aus Gnade empfangen. Wer Christus nur in ein System menschlichen Verdienstes einfügt, vermischt zwei Grundlagen, die nicht miteinander vereinbar sind.

Auch das neue Kleid darf nicht zerschnitten werden. Jesu Botschaft verliert ihre Klarheit, wenn nur diejenigen Teile übernommen werden, die sich bequem mit bisherigen Überzeugungen verbinden lassen. Seine Vergebung kann nicht von seinem Ruf zur Nachfolge, seine Gnade nicht von seiner Herrschaft und seine Person nicht von seinem Erlösungswerk getrennt werden. Christus schenkt sich nicht als brauchbares Einzelstück für ein ansonsten selbstbestimmtes Leben.

Das erste Bild spricht deshalb zunächst von der Unmöglichkeit einer bloß äußerlichen Verbindung. Die Gegenwart des Bräutigams schafft mehr als eine veränderte Fastenordnung. Mit Christus ist eine neue heilsgeschichtliche Wirklichkeit angebrochen, die nicht durch das Anfügen einzelner religiöser Formen erfasst werden kann. Was er bringt, muss in seinem eigenen Zusammenhang angenommen werden – ungeteilt, von ihm bestimmt und auf seine Gnade gegründet.

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Neuer Wein braucht neue Schläuche

Lukas 5,37-38 – „37 Und niemand faßt neuen Wein in alte Schläuche; denn sonst wird der neue Wein die Schläuche zerreißen, und er selbst wird verschüttet, und die Schläuche kommen um; 38 sondern neuen Wein soll man in neue Schläuche fassen, so werden beide erhalten."
Lukas 5,37-38 – „37 Und niemand faßt neuen Wein in alte Schläuche; denn sonst wird der neue Wein die Schläuche zerreißen, und er selbst wird verschüttet, und die Schläuche kommen um; 38 sondern neuen Wein soll man in neue Schläuche fassen, so werden beide erhalten."
Markus 2,22 – „22 Und niemand faßt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche und der Wein wird verschüttet und die Schläuche verderben; sondern neuer Wein ist in neue Schläuche zu fassen."
Matthäus 9,17 – „17 Man faßt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche, sonst zerreißen die Schläuche und der Wein wird verschüttet und die Schläuche kommen um; sondern man faßt neuen Wein in neue Schläuche, so bleiben beide miteinander erhalten."
Jeremia 31,31-33 – „31 Siehe, es kommen Tage, spricht der HERR, da ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen werde; 32 nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern schloß an dem Tage, da ich sie bei der Hand ergriff, um sie aus dem Lande Ägypten auszuführen; denn sie haben meinen Bund gebrochen, und ich hatte sie mir doch angetraut, spricht der HERR. 33 Sondern das ist der Bund, den …"

Mit dem zweiten Bild vertieft Jesus den Gedanken des neuen Flickens. Neuer Wein wurde in Schläuche aus Tierhaut gefüllt, die sich während der Gärung ausdehnen konnten. Ein bereits gebrauchter Schlauch hatte diese Dehnung hinter sich und konnte mit der Zeit hart und brüchig werden. Füllte man gärenden Wein hinein, bestand die Gefahr, dass der wachsende Druck das Gefäß zerriss und sowohl der Wein als auch der Schlauch verloren gingen.

Das Bild richtet die Aufmerksamkeit nicht nur auf den Wert des neuen Weines, sondern auch auf die Beschaffenheit des Gefäßes. Wein und Schlauch müssen zueinander passen, damit beides bewahrt bleibt. Jesus beschreibt damit keine geringfügige Unbequemlichkeit, sondern eine Verbindung, die ihrem Wesen nach ungeeignet ist. Das Neue kann nicht dadurch erhalten werden, dass man es in Formen zwingt, die sich ihm nicht mehr anpassen können.

Auch hier liegt der erste Bezug in der Frage nach dem Fasten. Die Gegenwart des Bräutigams kann nicht innerhalb einer religiösen Ordnung beurteilt werden, die ihre Formen unabhängig von ihm festgelegt hat. Jesu Wirken verlangt, dass bisherige Praktiken von seiner Person und seinem Heilswerk her neu verstanden werden. Nicht Christus muss sich einem vorgegebenen Maßstab unterordnen; die religiösen Formen müssen danach gefragt werden, ob sie der von Gott eröffneten Wirklichkeit dienen.

Der neue Wein bezeichnet im Gleichnis daher zunächst das Neue, das mit Jesus und seinem Reich angebrochen ist. Dazu gehören seine Gegenwart, seine Botschaft, sein Erlösungswerk und die Gemeinschaft, die um ihn entsteht. Der Text erklärt nicht jede Einzelheit des Bildes gesondert und setzt den Wein nicht ausdrücklich mit dem Heiligen Geist gleich. Das Wirken des Geistes gehört zwar untrennbar zum neuen Leben in Christus, doch die Pointe des Gleichnisses ist weiter: Die durch Jesus geschaffene Wirklichkeit kann nicht in ungeeignete religiöse Strukturen eingeschlossen werden.

Ebenso dürfen die alten Schläuche nicht pauschal mit dem Alten Testament oder dem Gesetz Gottes gleichgesetzt werden. Jesus verwirft nicht die Offenbarung, die er selbst erfüllt. Schon die Propheten hatten einen neuen Bund angekündigt, in dem Gott sein Gesetz in das Herz seines Volkes schreiben und die Sünden vergeben würde. Das Neue steht deshalb nicht im Widerspruch zu Gottes früherem Wort, sondern bringt dessen Verheißungen durch Christus ihrer Erfüllung entgegen.

Ungeeignet werden religiöse Formen dort, wo sie starr, selbstgenügsam und von der lebendigen Beziehung zu Gott gelöst sind. Eine Praxis kann äußerlich ehrwürdig erscheinen und dennoch den Blick auf Christus verstellen, wenn sie zum Maßstab menschlicher Gerechtigkeit wird. Die Pharisäer liefen Gefahr, Fasten nicht mehr als demütige Hinwendung zu Gott, sondern als sichtbares Kennzeichen besonderer Frömmigkeit zu behandeln. In einer solchen Haltung konnte die Freude über den gekommenen Bräutigam kaum Raum gewinnen.

Jesu Aussage „Neuen Wein soll man in neue Schläuche füllen“ zeigt deshalb die Notwendigkeit einer Aufnahmefähigkeit, die Gott selbst schafft. Seine Jünger müssen lernen, ihr Denken, ihre Erwartungen und ihre religiöse Praxis von ihm formen zu lassen. Das bedeutet nicht, jede überlieferte Form allein wegen ihres Alters abzulehnen. Entscheidend ist, ob sie der Wahrheit Gottes dient, auf Christus hinweist und sich seiner Führung unterordnet oder ob sie sein Wirken begrenzen soll.

Der neue Schlauch ist somit nicht einfach eine modernere Methode. Auch eine neue äußere Form kann schnell ebenso starr werden wie eine alte. Erforderlich ist eine Haltung, die Gottes Wort über menschliche Gewohnheiten stellt und bereit bleibt, sich durch Christus korrigieren zu lassen. Nur wo er selbst den Maßstab bildet, können die Gaben seines Reiches aufgenommen werden, ohne dass sie durch Selbstgerechtigkeit, Tradition oder geistliche Unbeweglichkeit entstellt werden.

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Erneuerung statt äußerer Anpassung

Hesekiel 36,26-27 – „26 Und ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euch legen; ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben; 27 ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Satzungen wandeln und meine Rechte beobachten und tun."
Hesekiel 36,26-27 – „26 Und ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euch legen; ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben; 27 ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Satzungen wandeln und meine Rechte beobachten und tun."
Jeremia 31,33 – „33 Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Hause Israel nach jenen Tagen schließen will, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und es in ihren Sinn schreiben und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein;"
2. Korinther 5,17 – „17 Darum, ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!"
Römer 12,2 – „2 Und passet euch nicht diesem Weltlauf an, sondern verändert euer Wesen durch die Erneuerung eures Sinnes, um prüfen zu können, was der Wille Gottes sei, der gute und wohlgefällige und vollkommene."

Die Bilder Jesu machen deutlich, dass die notwendige Veränderung nicht bei einzelnen religiösen Gewohnheiten stehen bleiben kann. Ein neuer Flicken behebt die Beschaffenheit des alten Kleides nicht, und neuer Wein macht einen ungeeigneten Schlauch nicht von selbst aufnahmefähig. Ebenso genügt es nicht, einige Formen zu verändern, während das Herz weiterhin von Selbstgerechtigkeit, Stolz oder dem Festhalten an den eigenen Maßstäben bestimmt wird.

Das Gleichnis setzt die neuen Schläuche nicht ausdrücklich mit einem neuen Herzen gleich. Dennoch führt seine Pointe zu einer Wahrheit, die in der gesamten Schrift klar bezeugt wird: Der Mensch benötigt eine Erneuerung, die er nicht aus eigener Kraft hervorbringen kann. Religiöse Disziplin kann Verhalten ordnen, Wissen vermitteln und Gewohnheiten prägen, aber sie kann das innerste Wesen des Menschen nicht neu schaffen. Diese Veränderung ist Gottes Werk.

Schon durch die Propheten hatte der Herr verheißen, seinem Volk ein neues Herz und einen neuen Geist zu geben. Er wollte das steinerne, unempfindliche Herz wegnehmen und seinen Geist in die Menschen legen. Zugleich sollte sein Gesetz nicht länger nur äußerlich vor ihnen stehen, sondern in ihr Inneres geschrieben werden. Der neue Bund bedeutet daher nicht die Abschaffung von Gottes Willen, sondern eine erneuerte Beziehung, in der Gehorsam aus dem Wirken seiner Gnade hervorgeht.

Gerade darin unterscheidet sich das Evangelium von einer bloßen religiösen Verbesserung. Der Mensch erhält nicht lediglich strengere Regeln oder bessere Vorsätze. In Christus wird ihm Vergebung geschenkt, seine frühere Schuld verliert ihren verdammenden Anspruch, und ein neues Leben beginnt. Paulus beschreibt den Menschen, der in Christus ist, deshalb als neue Schöpfung. Das Alte bestimmt nicht mehr unveränderlich seine Identität und Zukunft.

Diese Erneuerung beseitigt jedoch nicht augenblicklich jede Schwäche und jede falsche Gewohnheit. Das neue Leben muss wachsen, und der Gläubige bleibt darauf angewiesen, sich von Gottes Wort prüfen und von seinem Geist führen zu lassen. Erneuerung bedeutet nicht, dass ein Mensch fortan keiner Korrektur mehr bedarf, sondern dass er für Gottes Korrektur empfänglich wird. Sein Denken wird nicht länger als unantastbarer Maßstab behandelt, sondern darf von der Wahrheit Gottes umgestaltet werden.

Darin zeigt sich die Beweglichkeit, die zum Bild der neuen Schläuche passt. Ein erneuertes Herz ist nicht dadurch gekennzeichnet, dass es jedem neuen Gedanken unkritisch folgt. Es bleibt vielmehr lernbereit gegenüber Christus und zugleich fest in dem, was Gott offenbart hat. Geistliche Offenheit bedeutet deshalb weder Beliebigkeit noch die Abwertung bewährter Wahrheit, sondern die Bereitschaft, menschliche Überlieferungen immer wieder am Wort Gottes prüfen zu lassen.

Auch christliche Formen können ihren Sinn verlieren, wenn sie von dieser inneren Wirklichkeit getrennt werden. Gebet, Fasten, Gottesdienst und Gehorsam sind nicht falsch; sie gehören zu einem Leben mit Gott. Doch sobald sie zur Grundlage eigener Gerechtigkeit oder zum Mittel werden, sich anderen überlegen zu fühlen, werden sie ihrem eigentlichen Zweck entfremdet. Äußere Treue kann das erneuerte Herz nicht ersetzen, sondern soll aus ihm hervorgehen.

Christus bietet dem Menschen daher nicht nur einen Platz in einem verbesserten religiösen System an. Er ruft ihn in eine neue Gemeinschaft mit sich und schenkt durch den Heiligen Geist die Kraft zu einem veränderten Leben. Wo diese Erneuerung geschieht, werden religiöse Formen nicht bedeutungslos, sondern erhalten ihren rechten Platz: Sie dienen nicht mehr der Selbsterhöhung, sondern der Gemeinschaft mit Gott, der Liebe zum Nächsten und der Nachfolge des Bräutigams.

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Die Bindung an das Vertraute

Lukas 5,39 – „39 Und niemand, der alten trinkt, will neuen; denn er spricht: Der alte ist gesund!"
Lukas 5,39 – „39 Und niemand, der alten trinkt, will neuen; denn er spricht: Der alte ist gesund!"
Johannes 5,39-40 – „39 Ihr erforschet die Schriften, weil ihr meinet, darin das ewige Leben zu haben; und sie sind es, die von mir zeugen. 40 Und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu empfangen."
Markus 7,8-9 – „8 Ihr verlasset das Gebot Gottes und haltet die Überlieferung der Menschen fest, das Untertauchen von Krügen und Bechern, und viel anderes dergleichen tut ihr. 9 Und er sprach zu ihnen: Wohl fein verwerfet ihr das Gebot Gottes, um eure Überlieferung festzuhalten."
Philipper 3,7-9 – „7 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden gerechnet; 8 ja ich achte nun auch alles für Schaden gegenüber der alles übertreffenden Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich alles eingebüßt habe, und ich achte es für Unrat, damit ich Christus gewinne 9 und in ihm erfunden werde, daß ich nicht meine eigene Gerechtigkeit (die aus dem Gesetz) habe, sondern…"

Nur Lukas überliefert nach den beiden Bildern noch eine abschließende Aussage: Wer alten Wein getrunken hat, verlangt nicht sogleich nach neuem, denn er hält den alten für gut. Jesus beschreibt damit eine menschlich verständliche Reaktion. Das Vertraute besitzt eine starke Anziehungskraft, während etwas Neues zunächst fremd, ungewohnt oder sogar minderwertig erscheinen kann.

Dieser Satz darf nicht so verstanden werden, als erkläre Jesus das Alte grundsätzlich für besser und sein eigenes Wirken für weniger wertvoll. Er gibt vielmehr wieder, wie ein Mensch urteilt, der sich an den alten Wein gewöhnt hat. Die Worte schildern seine Vorliebe, nicht Gottes abschließendes Urteil. Gerade darin liegt die ernste Beobachtung: Das Gewohnte kann so selbstverständlich werden, dass der Mensch das von Gott geschenkte Neue ablehnt, bevor er es wirklich erkannt hat.

Damit erklärt Jesus zugleich, weshalb seine Gegenwart bei vielen religiösen Menschen auf Widerstand stößt. Ihre Fastengewohnheiten, Auslegungen und Ordnungen waren ihnen vertraut und verliehen ihrem religiösen Leben Sicherheit. Jesu Handeln passte jedoch nicht in alle ihre Erwartungen. Statt sich von ihm korrigieren zu lassen, bestand die Gefahr, seine Jünger an den Maßstäben zu messen, die sie selbst bereits für verbindlich hielten.

Das Problem lag dabei nicht in jeder überlieferten Gewohnheit. Auch Jesus nahm am Gottesdienst Israels teil, kannte die Heilige Schrift und lebte vollkommen im Gehorsam gegenüber seinem Vater. Er griff jedoch menschliche Überlieferungen an, wenn sie Gottes Wort verdunkelten oder an seine Stelle traten. Tradition wird dort gefährlich, wo sie nicht mehr geprüft werden darf und Treue zu Gott mit Treue zu vertrauten menschlichen Formen gleichgesetzt wird.

Diese Bindung kann sogar bei Menschen bestehen, die ernsthaft in der Schrift forschen. Jesus sagte später zu seinen Gegnern, dass die Schriften von ihm zeugen, sie aber dennoch nicht zu ihm kommen wollten. Das geschriebene Wort war ihnen vertraut, doch sie verfehlten denjenigen, auf den es hinwies. Bibelkenntnis schützt daher nicht automatisch vor geistlicher Unbeweglichkeit, wenn der Mensch nur bestätigt sehen möchte, was er bereits zu wissen meint.

Auch Selbstgerechtigkeit kann wie alter Wein erscheinen, dessen Geschmack vertraut geworden ist. Der Mensch kennt seine Leistungen, kann sie vergleichen und sich auf sie berufen. Die Gnade Christi nimmt ihm dagegen jeden Grund zum Rühmen und stellt ihn als Bedürftigen vor Gott. Paulus musste deshalb das, was ihm früher religiösen Gewinn bedeutet hatte, um Christi willen für Verlust achten, damit seine Gerechtigkeit nicht aus eigener Leistung, sondern aus dem Glauben komme.

Jesu abschließende Beobachtung fordert dennoch nicht zu einer unkritischen Vorliebe für alles Neue auf. Neuheit ist für sich genommen kein Zeichen göttlicher Wahrheit, und Alter macht eine Überzeugung nicht automatisch falsch. Der Maßstab bleibt Gottes Wort, das in Christus seine Mitte und Erfüllung findet. Ein lernbereites Herz verwirft deshalb weder vorschnell das Bewährte noch nimmt es jede Veränderung begeistert an, sondern prüft beides unter der Herrschaft Jesu.

Die eigentliche Gefahr besteht darin, das Vertraute allein deshalb festzuhalten, weil es vertraut ist. Wer Christus folgt, muss ihm erlauben, auch tief verwurzelte religiöse Vorstellungen zu prüfen. Nicht persönliche Gewöhnung, menschliche Autorität oder lange Tradition entscheiden darüber, was wahr und angemessen ist. Der Bräutigam selbst bestimmt, wie seine Gegenwart erkannt und wie das Leben mit ihm gestaltet werden soll.

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Fasten in der Zeit des Wartens

Lukas 5,35 – „35 Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen genommen sein wird; dann werden sie fasten in jenen Tagen."
Lukas 5,35 – „35 Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen genommen sein wird; dann werden sie fasten in jenen Tagen."
Matthäus 6,16-18 – „16 Wenn ihr aber fastet, sollt ihr nicht finster dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Angesicht, damit es von den Leuten bemerkt werde, daß sie fasten. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. 17 Du aber, wenn du fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht, 18 damit es nicht von den Leuten bemerkt werde, daß du fastest, sondern von deinem Vater, der im Verbo…"
Apostelgeschichte 13,2-3 – „2 Als sie nun dem Herrn dienten und fasteten, sprach der heilige Geist: Sondert mir Barnabas und Saulus aus zu dem Werk, zu welchem ich sie berufen habe! 3 Da fasteten und beteten sie, legten ihnen die Hände auf und ließen sie ziehen."
Jesaja 58,6-7 – „6 Ist nicht das ein Fasten, wie ich es liebe: daß ihr ungerechte Fesseln öffnet, daß ihr die Knoten des Joches löset, daß ihr die Bedrängten freilasset und jegliches Joch wegreißet, 7 daß du dem Hungrigen dein Brot brichst und arme Verfolgte in dein Haus führst, daß, wenn du einen Nackten siehst, du ihn bekleidest und deinem Fleische dich nicht entziehst?"

Jesus erklärt nicht nur, warum seine Jünger während seiner Gegenwart nicht in derselben Weise fasten wie andere religiöse Gruppen. Er kündigt auch Tage an, in denen der Bräutigam von ihnen genommen sein wird; dann werden sie fasten. Damit erhält das Gespräch eine ernste Wendung. Die Freude über seine Gegenwart wird durch seinen bevorstehenden Tod erschüttert werden, und seine Jünger werden erfahren, was Verlust, Sehnsucht und wartender Glaube bedeuten.

Das Wort vom Wegnehmen des Bräutigams weist über eine gewöhnliche räumliche Trennung hinaus. Jesus wird seinen Jüngern gewaltsam entrissen und ans Kreuz gebracht werden. Ihre damalige Trauer wird jedoch nicht das letzte Wort behalten, denn er wird auferstehen und ihnen erneut begegnen. Später wird er zum Vater zurückkehren, während seine Gemeinde auf seine sichtbare Wiederkunft wartet.

Diese Zeit darf weder als vollständige Abwesenheit noch als bereits vollendete Gegenwart Christi missverstanden werden. Durch den Heiligen Geist bleibt der auferstandene Herr bei seinen Nachfolgern und wirkt in ihnen. Zugleich sehen sie ihn noch nicht von Angesicht zu Angesicht, und die Welt ist noch immer von Sünde, Leid und Tod geprägt. Christliches Leben steht daher zwischen erfüllter Erlösung und erwarteter Vollendung, zwischen der Freude über das vollbrachte Werk Christi und der Sehnsucht nach seiner Wiederkunft.

In dieser Spannung kann Fasten seinen angemessenen Platz erhalten. Es ist kein Versuch, Christus durch menschliche Entbehrung näherzubringen oder Gottes Gunst zu verdienen. Der Gläubige fastet nicht, weil das Opfer Jesu unzureichend wäre, sondern weil er seine Abhängigkeit von Gott bewusster suchen möchte. Der vorübergehende Verzicht kann Gebet, Buße, Fürbitte und geistliche Sammlung begleiten, sofern er aus einer aufrichtigen Hinwendung zu Gott hervorgeht.

Jesus warnte deshalb davor, das Fasten öffentlich zur Schau zu stellen. Wer sein Gesicht absichtlich traurig erscheinen lässt, um von Menschen als besonders fromm wahrgenommen zu werden, hat die Übung von ihrem eigentlichen Ziel gelöst. Fasten soll nicht die Aufmerksamkeit auf die Leistung des Menschen lenken, sondern sein Herz ungeteilt vor Gott bringen. Es bleibt eine verborgene Angelegenheit zwischen dem Vater und demjenigen, der ihn sucht.

Die erste Gemeinde zeigt, dass diese Praxis nach der Auferstehung Jesu nicht verschwunden war. In Antiochia dienten die Gläubigen dem Herrn, fasteten und beteten, als der Heilige Geist Barnabas und Saulus zu einem besonderen Auftrag berief. Auch bei der Einsetzung von Ältesten wurde das Gebet durch Fasten begleitet. Entscheidend war jedoch nicht die Form für sich allein, sondern die demütige Bereitschaft, Gottes Führung zu erkennen und ihr zu gehorchen.

Ebenso behält die prophetische Kritik an einem falschen Fasten ihre Gültigkeit. Jesaja beschreibt Menschen, die äußerlich Verzicht üben, während sie zugleich streiten, andere bedrücken und das Recht missachten. Gott sucht kein Fasten, das religiöse Ernsthaftigkeit vorspielt und das Leben unverändert lässt. Wahre Hinwendung zu ihm zeigt sich auch darin, dass Unterdrückung beendet, Bedürftigen geholfen und Barmherzigkeit geübt wird.

Damit bestätigt gerade das Fasten die Botschaft der beiden Gleichnisbilder. Die äußere Form ist nicht abgeschafft, aber sie muss von Christus her neu verstanden und mit einem erneuerten Herzen verbunden werden. Wo Fasten zum starren Maßstab, zum Verdienst oder zum Zeichen geistlicher Überlegenheit wird, gehört es zu den ungeeigneten Formen, die Jesu Wirken einengen. Wo es dagegen aus der Gemeinschaft mit dem Bräutigam, aus dem Vertrauen auf seine Gnade und aus der Sehnsucht nach seiner Vollendung hervorgeht, dient es einem lebendigen Glauben.

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Damit beides bewahrt bleibt

Matthäus 9,17 – „17 Man faßt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche, sonst zerreißen die Schläuche und der Wein wird verschüttet und die Schläuche kommen um; sondern man faßt neuen Wein in neue Schläuche, so bleiben beide miteinander erhalten."
Matthäus 9,17 – „17 Man faßt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche, sonst zerreißen die Schläuche und der Wein wird verschüttet und die Schläuche kommen um; sondern man faßt neuen Wein in neue Schläuche, so bleiben beide miteinander erhalten."
Matthäus 5,17-18 – „17 Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen! Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. 18 Denn wahrlich, ich sage euch, bis daß Himmel und Erde vergangen sind, wird nicht ein Jota noch ein einziges Strichlein vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist."
Römer 3,31 – „31 Heben wir nun das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Vielmehr richten wir das Gesetz auf."
Hebräer 8,6-10 – „6 Nun aber hat er einen um so bedeutenderen Dienst erlangt, als er auch eines besseren Bundes Mittler ist, der auf besseren Verheißungen ruht. 7 Denn wenn jener erste [Bund] tadellos gewesen wäre, so würde nicht Raum für einen zweiten gesucht. 8 Denn er tadelt sie doch, indem er spricht: «Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, da ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund …"

Matthäus beendet das Bild von den Weinschläuchen mit einem wichtigen Zusatz: Neuer Wein wird in neue Schläuche gefüllt, „und beide werden miteinander erhalten“. Jesus beschreibt sein Werk also nicht als gedankenlose Zerstörung. Das Neue soll aufgenommen werden, ohne dass der Wein verloren geht oder das Gefäß zerbricht. Seine Weisung zielt auf Bewahrung, allerdings auf eine Bewahrung, die der tatsächlichen Beschaffenheit des Neuen entspricht.

Diese Aussage schützt das Gleichnis vor einer oberflächlichen Gegenüberstellung, nach der alles Alte schlecht und alles Neue gut wäre. Jesus lehrt keine religiöse Begeisterung für Veränderung um ihrer selbst willen. Der neue Wein ist wertvoll, weil er mit seiner Person und dem von ihm gebrachten Heil verbunden ist, nicht lediglich, weil er neu ist. Ebenso sind neue Schläuche geeignet, weil sie dieses Geschenk aufnehmen können, nicht weil jede neue Form automatisch besser wäre.

Vor allem darf das alte Kleid oder der alte Schlauch nicht pauschal mit dem Gesetz und den Schriften des Alten Testaments gleichgesetzt werden. Jesus erklärte ausdrücklich, dass er nicht gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern sie zu erfüllen. Sein Leben, sein Tod und seine Auferstehung bestätigen Gottes Verheißungen und führen sie ihrem von Gott bestimmten Ziel entgegen. Das Evangelium widerspricht daher nicht der früheren Offenbarung, sondern erschließt ihre Mitte in Christus.

Dennoch bringt diese Erfüllung wirkliche Veränderungen mit sich. Opfer, Priesterdienst und Heiligtumsordnungen hatten auf das Erlösungswerk Christi hingewiesen. Nachdem das wahre Opfer gebracht und der verheißene Mittler erschienen war, konnten diese vorausweisenden Formen nicht so weitergeführt werden, als stünde ihre Erfüllung noch aus. Ihr göttlicher Zweck wird nicht dadurch geehrt, dass man an ihrem Schatten festhält, sondern indem man denjenigen annimmt, auf den sie hingewiesen haben.

Anders verhält es sich mit Gottes sittlichem Willen. Der neue Bund beseitigt nicht den Maßstab seiner Gerechtigkeit, sondern schreibt sein Gesetz in das Herz. Paulus erklärt deshalb, dass der Glaube das Gesetz nicht aufhebt, sondern bestätigt. Was durch menschliche Anstrengung niemals zur Grundlage der Rechtfertigung werden konnte, wird im erneuerten Menschen zur Frucht der Gemeinschaft mit Christus.

Damit zeigt sich, dass das Verhältnis von Alt und Neu sorgfältiger ist als ein einfacher Austausch. Manche Formen finden in Christus ihre Erfüllung und können deshalb nicht unverändert fortgesetzt werden. Andere Wahrheiten bleiben bestehen und werden durch ihn tiefer offenbart und im Herzen wirksam. Wieder andere Gewohnheiten stammen nicht aus Gottes Wort, sondern aus menschlicher Überlieferung und müssen aufgegeben werden, wenn sie seinem Wirken entgegenstehen.

Auch für die Gemeinde bedeutet „beides bewahren“ nicht, jede überlieferte Form unverändert zu erhalten. Formen sollen dem Evangelium dienen, seine Wahrheit verständlich ausdrücken und das gemeinsame Leben mit Christus fördern. Wo sie diesen Dienst erfüllen, müssen sie nicht allein wegen ihres Alters verworfen werden. Wo sie jedoch Selbstgerechtigkeit nähren, Menschen unnötig binden oder die klare Lehre Jesu verdecken, darf ihre lange Geschichte nicht vor notwendiger Korrektur schützen.

Das Gleichnis ruft daher weder zu starrem Traditionalismus noch zu rastloser Neuerung auf. Es stellt beides unter die Autorität Christi. Er bestimmt, was erfüllt, bewahrt, erneuert oder abgelegt werden muss. Ein geistlich erneuertes Herz hält nicht am Alten fest, weil es vertraut ist, und folgt nicht dem Neuen, weil es modern erscheint, sondern sucht in allem die Treue zu dem Bräutigam, in dem Gottes Verheißungen ihre Erfüllung finden.

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Zusammenfassung und Gebet

Die beiden Bilder vom neuen Flicken und vom neuen Wein beginnen mit einer Frage nach dem Fasten, führen aber unmittelbar zur Person Jesu. Solange der Bräutigam bei seinen Jüngern ist, kann ihr Verhalten nicht so beurteilt werden, als hätte sich durch sein Kommen nichts verändert. In Christus ist die verheißene Nähe Gottes Wirklichkeit geworden, und jede religiöse Praxis muss nun von ihm her verstanden werden.

Jesus ist deshalb kein Zusatz zu einem bereits fertigen Glaubenssystem. Seine Botschaft lässt sich nicht wie ein einzelner Flicken übernehmen, während die Grundlage des Lebens unverändert bleibt. Ebenso kann die Wirklichkeit seines Reiches nicht in Formen eingeschlossen werden, die von Selbstgerechtigkeit, menschlicher Überlieferung oder geistlicher Unbeweglichkeit bestimmt sind. Wer Christus nur dort Raum gibt, wo er die bisherigen Vorstellungen bestätigt, hat die Tragweite seines Kommens noch nicht erkannt.

Das Alte, vor dem Jesus warnt, darf jedoch nicht pauschal mit Gottes Gesetz oder der alttestamentlichen Offenbarung gleichgesetzt werden. Christus erfüllt die Schrift, bestätigt Gottes unveränderlichen Willen und bringt die Verheißungen des neuen Bundes zur Wirklichkeit. Was auf ihn vorauswies, findet in ihm sein Ziel; was Gottes heiligen Charakter offenbart, wird nicht aufgehoben, sondern durch den Heiligen Geist in das Herz geschrieben.

Darum liegt die notwendige Veränderung tiefer als jede äußere Reform. Der Mensch braucht nicht lediglich andere Gewohnheiten, sondern ein erneuertes Herz. Diese Erneuerung kann er nicht selbst hervorbringen. Christus vergibt die Schuld, befreit von der vergeblichen Suche nach eigener Gerechtigkeit und schenkt durch seinen Geist ein Leben, das lernfähig, gehorsam und für Gottes Führung empfänglich wird.

Auch Fasten, Gebet und andere geistliche Formen erhalten dadurch ihren rechten Platz. Sie sind weder Mittel, um Erlösung zu verdienen, noch sichtbare Beweise persönlicher Überlegenheit. Sie dienen der Gemeinschaft mit Christus, der demütigen Suche nach Gottes Willen und der Sehnsucht nach der endgültigen Gegenwart des Bräutigams. Ohne diese innere Ausrichtung können selbst gute Formen ihren Sinn verlieren.

Jesu abschließender Hinweis auf die Vorliebe für alten Wein zeigt, wie schwer diese Erneuerung angenommen werden kann. Das Vertraute erscheint häufig sicherer als der Ruf Christi, weil es keine grundlegende Umkehr verlangt. Doch wahre Treue besteht weder im Festhalten am Alten um seines Alters willen noch in der Begeisterung für alles Neue. Sie besteht darin, das eigene Denken, jede Tradition und jede religiöse Form unter die Autorität Jesu zu stellen.

Christus ist nicht gekommen, um ein altes Leben religiöser erscheinen zu lassen. Er schenkt Vergebung, eine neue Beziehung zu Gott und die Kraft zu einer Nachfolge, die aus seiner Gnade lebt. Wo der Bräutigam aufgenommen wird, darf er nicht nur einzelne Bereiche ausbessern. Er selbst wird zur Mitte, von der aus das ganze Leben neu geordnet wird.

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