Der Pharisäer und der Zöllner
Der Pharisäer und der Zöllner: Wahre Gerechtigkeit vor Gott
Das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner zeigt, dass kein Mensch durch religiöse Leistungen oder den Vergleich mit anderen vor Gott gerecht wird. Gott rechtfertigt den Sünder, der seine Schuld erkennt und sich seinem Erbarmen anvertraut. Wahre Demut ist dabei kein eigenes Verdienst, sondern der Verzicht auf Selbstgerechtigkeit und das Vertrauen auf Gottes unverdiente Gnade.
Einführung
Jesus erzählt dieses Gleichnis nicht ohne einen konkreten Anlass. Lukas nennt ausdrücklich Menschen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und deshalb auf andere herabsahen. Ihre Selbstsicherheit blieb nicht auf ihr persönliches Verhältnis zu Gott beschränkt, sondern prägte auch ihren Blick auf ihre Mitmenschen. Gerade diese Verbindung von religiösem Selbstvertrauen und Verachtung stellt Jesus durch eine kurze, scharf zugespitzte Geschichte infrage.
Zwei Männer gehen zum Tempel hinauf, um zu beten. Beide suchen denselben heiligen Ort auf, beide wenden sich äußerlich an Gott und beide gehören zum Volk, das seine Offenbarung empfangen hatte. Dennoch verbanden die ursprünglichen Hörer mit einem Pharisäer und einem Zöllner völlig unterschiedliche Erwartungen. Der eine galt weithin als ernsthaft religiös, der andere war wegen seiner Tätigkeit für die römische Herrschaft und der damit häufig verbundenen Ungerechtigkeit gesellschaftlich und geistlich verachtet.
Jesus beginnt jedoch nicht damit, diese Erwartungen ausdrücklich zu bestätigen oder umzukehren. Er lässt beide Männer beten und führt seine Hörer dadurch hinter den äußeren Eindruck. Nicht ihre gesellschaftliche Stellung, ihr religiöser Ruf oder die Länge ihrer Gebete entscheidet über ihre Stellung vor Gott. Im Tempel, wo beide mit dem Anspruch auftreten, Gott zu begegnen, wird offenbar, worauf jeder seine Hoffnung setzt.
Die Spannung des Gleichnisses liegt deshalb nicht einfach zwischen einem guten und einem schlechten Menschen. Sie entsteht zwischen zwei grundverschiedenen Weisen, vor Gott zu treten. Der eine bringt seine eigene Gerechtigkeit mit, der andere bittet um Erbarmen. Erst Jesu abschließendes Urteil zeigt, welcher von beiden den Tempel tatsächlich von Gott angenommen verlässt.
Selbstgerechtigkeit und Verachtung
Lukas 18,9 – „9 Er sagte aber auch zu etlichen, die sich selbst vertrauten, daß sie gerecht seien, und die übrigen verachteten, dieses Gleichnis:"
Lukas 18,9 – „9 Er sagte aber auch zu etlichen, die sich selbst vertrauten, daß sie gerecht seien, und die übrigen verachteten, dieses Gleichnis:"
Lukas 16,15 – „15 Und er sprach zu ihnen: Ihr seid es, die sich selbst rechtfertigen vor den Menschen, aber Gott kennt eure Herzen; denn was bei den Menschen hoch angesehen ist, das ist ein Greuel vor Gott."
Sprüche 30,12 – „12 ein Geschlecht, das rein ist in seinen eigenen Augen und doch von seinem Kot nicht gewaschen ist;"
Römer 10,3 – „3 Denn weil sie die Gerechtigkeit Gottes nicht erkennen und ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten trachten, sind sie der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan."
Lukas nennt den Anlass des Gleichnisses ungewöhnlich deutlich. Jesus richtet seine Worte an Menschen, die auf sich selbst vertrauten, dass sie gerecht seien, und die anderen verachteten. Damit steht die zentrale geistliche Krankheit bereits vor Beginn der eigentlichen Erzählung fest. Selbstgerechtigkeit betrifft nicht nur die Einschätzung des eigenen Lebens, sondern verändert zugleich den Blick auf die Mitmenschen.
Die Menschen, zu denen Jesus spricht, hielten sich nicht notwendig für vollkommen oder völlig sündlos. Sie waren jedoch überzeugt, vor Gott auf einer besseren Grundlage zu stehen als andere. Ihre religiöse Lebensführung, ihre Kenntnis der Gebote oder ihre sichtbare Abgrenzung von bestimmten Sünden vermittelte ihnen Sicherheit. Statt ihre Hoffnung auf Gottes Erbarmen zu setzen, begannen sie, ihrer eigenen Frömmigkeit zu vertrauen.
Gerade das macht Selbstgerechtigkeit so schwer erkennbar. Offene Auflehnung gegen Gott kann ein Mensch möglicherweise noch als Sünde wahrnehmen. Religiöser Stolz verbirgt sich dagegen häufig hinter richtigen Überzeugungen, guten Gewohnheiten und ernsthaften Bemühungen. Nicht jede sorgfältige Befolgung biblischer Gebote ist selbstgerecht, doch selbst richtige Werke können zu einer falschen Grundlage werden, sobald der Mensch daraus seinen Anspruch auf Gottes Annahme ableitet.
Jesus verbindet dieses Vertrauen auf sich selbst unmittelbar mit der Verachtung anderer. Wer seine eigene Gerechtigkeit durch Vergleiche bestätigt, braucht Menschen, die in seinen Augen schlechter erscheinen. Ihre Fehler werden hervorgehoben, während die eigenen Schwächen übersehen oder entschuldigt werden. So entsteht eine Frömmigkeit, die sich nicht mehr über Gottes Gnade freut, sondern über den Abstand zu vermeintlich schlechteren Menschen.
Verachtung muss dabei nicht immer offen ausgesprochen werden. Sie kann sich in innerer Überlegenheit, mangelndem Mitgefühl oder der schnellen Festlegung zeigen, ein anderer Mensch sei geistlich hoffnungslos. Der Selbstgerechte sieht im Sünder vor allem einen Beweis für die eigene bessere Stellung. Er fragt nicht, wie der Verlorene gerettet werden kann, sondern nutzt dessen Zustand, um das eigene Bild von sich selbst zu stärken.
Damit steht diese Haltung im direkten Gegensatz zum Herzen Gottes. Christus kam nicht, um sich von Sündern in selbstzufriedener Reinheit fernzuhalten, sondern um die Verlorenen zu suchen und zu retten. Er verharmlost ihre Schuld nicht, doch er begegnet ihnen mit einem Ruf zur Umkehr und mit der Bereitschaft zu vergeben. Wer Gottes Gnade verstanden hat, kann die Sünde ernst nehmen, ohne den Sünder verächtlich zu behandeln.
Paulus beschreibt Menschen, die Gottes Gerechtigkeit nicht erkennen und stattdessen ihre eigene aufzurichten versuchen. Das Problem liegt nicht in ihrem Wunsch nach Gerechtigkeit, sondern in der Grundlage, auf der sie diese suchen. Sie wollen vor Gott durch das bestehen, was sie selbst vorweisen können. Dadurch entziehen sie sich gerade der Gerechtigkeit, die Gott in Christus schenkt.
Jesu Gleichnis richtet sich deshalb nicht nur gegen eine bestimmte religiöse Gruppe der Vergangenheit. Jeder Glaubende kann beginnen, aus empfangener Erkenntnis einen Grund zur Überlegenheit zu machen. Je mehr ein Mensch über die Bibel weiß und je länger er religiös lebt, desto notwendiger bleibt die ehrliche Prüfung, worauf sein Vertrauen ruht. Vor diesem Hintergrund führt Jesus nun zwei Männer in den Tempel und lässt ihre Gebete offenbaren, was äußerlich noch verborgen ist.
Zwei Männer gehen zum Gebet
Lukas 18,10 – „10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner."
Lukas 18,10 – „10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner."
Psalmen 65,5 – „5 Du antwortest uns wunderbar in Gerechtigkeit, du Gott unsres Heils, du Zuversicht aller Enden der Erde und der fernsten Meere;"
1. Samuel 16,7 – „7 Aber der HERR sprach zu Samuel: Schaue nicht auf sein Aussehen, noch auf die Höhe seines Wuchses, denn ich habe ihn verworfen; denn Gott sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht; der Mensch sieht auf das Äußere; der HERR sieht auf das Herz."
Jesaja 66,2 – „2 Hat doch meine Hand das alles gemacht, und so ist dies alles geworden, spricht der HERR. Ich will aber den ansehen, der gebeugten und niedergeschlagenen Geistes ist und der zittert ob meinem Wort."
Jesus beginnt die eigentliche Erzählung mit einem auffallend schlichten Satz: Zwei Männer gehen in den Tempel hinauf, um zu beten. Zunächst verbindet beide dasselbe äußere Ziel. Sie suchen denselben heiligen Ort auf und wenden sich an denselben Gott. Noch hat keiner sein Gebet gesprochen, und Jesus nennt kein Urteil über ihre innere Stellung.
Der Tempel in Jerusalem war der Mittelpunkt des gottesdienstlichen Lebens Israels. Dort wurde Gottes Gegenwart bekannt, dort fanden Opfer und festgelegte Gebetszeiten statt, und dorthin kamen Menschen mit Dank, Bitte und Schuldbekenntnis. Dass beide Männer hinaufgehen, zeigt ihre äußere Nähe zu den Dingen Gottes. Doch gerade an diesem Ort wird sichtbar, dass religiöse Nähe nicht automatisch eine aufrichtige Begegnung mit Gott bedeutet.
Mit der Bezeichnung der beiden Personen weckt Jesus bei seinen Hörern sofort gegensätzliche Erwartungen. Der Pharisäer gehörte zu einer Bewegung, die großen Wert auf die Beachtung des Gesetzes, religiöse Reinheit und die Abgrenzung von offenkundiger Sünde legte. Viele Menschen dürften ihn daher für den wahrscheinlichen Gerechten der Geschichte gehalten haben. Sein öffentliches Leben schien für Ernsthaftigkeit und Gottesfurcht zu sprechen.
Der Zöllner stand dagegen unter schwerem Verdacht. Zöllner arbeiteten innerhalb des römischen Abgabensystems und galten häufig als Helfer der fremden Herrschaft. Da das System Möglichkeiten zu persönlicher Bereicherung und ungerechter Überforderung bot, wurden sie vielfach mit Habgier und Betrug verbunden. Seine Berufsbezeichnung allein ließ die Hörer deshalb zunächst an einen moralisch belasteten und religiös fernstehenden Menschen denken.
Jesus behauptet nicht, diese öffentliche Einschätzung sei völlig grundlos gewesen. Der Zöllner wird später selbst seine Schuld anerkennen, während der Pharisäer tatsächlich religiöse Übungen vorweisen kann. Das Gleichnis lehrt nicht, dass offenkundige Sünde unbedeutend und gewissenhafte Lebensführung grundsätzlich verdächtig sei. Es stellt vielmehr die Frage, wie beide Männer mit ihrem tatsächlichen Zustand vor Gott umgehen.
Menschen beurteilen gewöhnlich das, was sichtbar und bekannt ist. Sie sehen Verhalten, Ansehen, Zugehörigkeit und den bisherigen Lebensweg. Gott sieht ebenfalls die äußeren Taten, doch sein Urteil reicht bis zu den Beweggründen und zum verborgenen Vertrauen des Herzens. Deshalb kann ein äußerlich geordnetes Leben eine falsche Sicherheit verbergen, während ein schuldig gewordener Mensch seine Verlorenheit ehrlich erkennen und nach Gnade rufen kann.
Beide Männer benötigen Gottes Erbarmen, auch wenn ihre Schuld unterschiedliche Gestalt besitzt. Der Zöllner trägt eine offenbar gewordene moralische Last. Der Pharisäer ist durch seine religiöse Stellung nicht weniger auf Gnade angewiesen, erkennt diese Bedürftigkeit jedoch nicht. Vor dem heiligen Gott verschwindet der vermeintliche Abstand, durch den sich Menschen gegenseitig in Gerechte und Sünder einteilen.
Der gemeinsame Weg zum Tempel führt daher nicht zu derselben Begegnung. Der heilige Ort, die religiöse Handlung und die gesprochenen Worte können das Herz nicht ersetzen. Entscheidend wird sein, ob der Mensch vor Gott die Wahrheit über sich selbst zulässt oder das Gebet dazu benutzt, sein eigenes Bild von sich zu bestätigen. Genau diesen verborgenen Unterschied beginnt das Gebet des Pharisäers offenzulegen.
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Ein Gebet, das um das eigene Ich kreist
Lukas 18,11 – „11 Der Pharisäer stellte sich hin und betete bei sich selbst also: O Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner."
Lukas 18,11 – „11 Der Pharisäer stellte sich hin und betete bei sich selbst also: O Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner."
Jesaja 58,2-3 – „2 Sie suchen mich zwar Tag für Tag und erheben den Anspruch, meine Wege zu kennen als ein Volk, das Gerechtigkeit geübt und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte; sie verlangen von mir wohlverdiente Rechte, begehren die Nähe Gottes: 3 «Warum fasten wir, und du siehst es nicht; warum demütigen wir unsere Seelen, und du beachtest es nicht?» Seht, an eurem Fastentag sucht ihr euer Vergnügen …"
Matthäus 6,5 – „5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler; denn sie beten gern in den Synagogen und an den Straßenecken, um von den Leuten bemerkt zu werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin."
Psalmen 139,23-24 – „23 Erforsche mich, o Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich es meine; 24 und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege!"
Jesus beschreibt den Pharisäer als einen Mann, der dasteht und bei sich selbst betet. Seine äußere Haltung wirkt gesammelt und sicher, doch die Formulierung lenkt den Blick auf die innere Richtung seines Gebets. Er spricht zwar zu Gott, bleibt gedanklich jedoch bei sich selbst. Die Gegenwart Gottes führt ihn nicht zur Selbstprüfung, sondern wird zur Bühne für seine eigene religiöse Selbstdarstellung.
Sein Gebet beginnt mit einem Dank. An sich ist das keineswegs verkehrt, denn Dankbarkeit gehört wesentlich zum Gebet. Doch der Pharisäer dankt nicht für Gottes Gnade, Vergebung oder geduldige Führung. Er dankt dafür, dass er nach seiner eigenen Einschätzung anders und besser ist als bestimmte andere Menschen. Gott erscheint in seinem Gebet weniger als der Retter, den er braucht, sondern als Zeuge seiner vermeintlichen Vorzüglichkeit.
Damit wird sichtbar, dass auch fromme Sprache ein selbstbezogenes Herz verbergen kann. Ein Mensch kann den Namen Gottes nennen und dennoch vor allem über die eigene Leistung sprechen. Er kann Dankbarkeit ausdrücken, ohne sich wirklich als Beschenkten zu erkennen. Die äußere Form des Gebets bleibt erhalten, während seine innere Bewegung nicht zu Gott hin, sondern zum eigenen Ich zurückführt.
Der Pharisäer bittet um nichts. Er bekennt keine Schuld, sucht keine Vergebung und erwartet keine Veränderung seines Herzens. In seiner Wahrnehmung fehlt ihm nichts Wesentliches. Gerade darin liegt seine tiefste Not: Er steht vor dem heiligen Gott und erkennt nicht, wie sehr auch er auf Erbarmen angewiesen ist. Seine religiöse Sicherheit hat ihn für den eigenen Zustand blind gemacht.
Wahres Gebet entsteht dagegen aus der Erkenntnis, dass der Mensch von Gott abhängig ist. Es umfasst Lob und Dank, aber ebenso Bitte, Bekenntnis und die Bereitschaft, sich prüfen zu lassen. Wer Gott wirklich begegnet, verliert nicht seine Würde, doch er hört auf, sich selbst zum Maßstab zu machen. Er fragt nicht nur, ob sein Leben besser erscheint als das anderer, sondern ob Denken, Motive und Handeln dem Willen Gottes entsprechen.
Jesus hatte auch davor gewarnt, Gebet zur öffentlichen Darstellung von Frömmigkeit zu benutzen. Im Gleichnis wird nicht ausdrücklich gesagt, ob andere Menschen die Worte des Pharisäers hören konnten. Entscheidend ist vielmehr, dass er innerlich vor einem vorgestellten Publikum zu stehen scheint. Sein Gebet zählt auf, was ihn auszeichnet, als müsse seine religiöse Stellung bestätigt und bewundert werden.
Auch aufrichtig Glaubende können in diese Haltung geraten. Ein Gebet kann unmerklich zu einer Aufzählung eigener Treue werden, besonders wenn der Mensch auf schwierige oder sichtbar gescheiterte Lebenswege anderer blickt. Dann wird Gottes Hilfe zwar mit Worten anerkannt, doch im Herzen wächst das Gefühl, den eigenen guten Zustand im Wesentlichen selbst erreicht zu haben. Aus Gnade wird ein Besitz, aus Erkenntnis ein Anlass zur Überlegenheit.
Der Psalmbeter bittet Gott deshalb, sein Herz zu erforschen und verborgene Wege aufzudecken. Eine solche Bitte fehlt im Gebet des Pharisäers vollständig. Er prüft nicht sich selbst im Licht Gottes, sondern bestätigt sich durch den Blick auf andere. Noch deutlicher wird diese innere Haltung, als er beginnt, bestimmte Menschengruppen aufzuzählen und schließlich sogar den Zöllner neben sich in sein Gebet einzubeziehen.
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Der Vergleich mit anderen täuscht
Lukas 18,11 – „11 Der Pharisäer stellte sich hin und betete bei sich selbst also: O Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner."
Lukas 18,11 – „11 Der Pharisäer stellte sich hin und betete bei sich selbst also: O Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner."
2. Korinther 10,12 – „12 Denn wir unterstehen uns nicht, uns selbst denen beizuzählen oder gleichzusetzen, die sich selbst empfehlen; sie aber, indem sie sich an sich selbst messen und sich mit sich selbst vergleichen, sind unverständig."
Römer 2,1-3 – „1 Darum bist du nicht zu entschuldigen, o Mensch, wer du seist, der du richtest! Denn indem du den andern richtest, verdammst du dich selbst; denn du verübst ja dasselbe, was du richtest! 2 Wir wissen aber, daß das Gericht Gottes dem wahren Sachverhalt entsprechend über die ergeht, welche solches verüben. 3 Oder denkst du, o Mensch, der du die richtest, welche solches verüben, und doch das Gleich…"
Matthäus 7,3-5 – „3 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? 4 Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Halt, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, der Balken ist in deinem Auge? 5 Du Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge und dann siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest!"
Der Pharisäer erklärt, er sei nicht wie die übrigen Menschen: Räuber, Ungerechte und Ehebrecher – oder auch wie dieser Zöllner. Damit verlässt sein Gebet endgültig die Betrachtung Gottes und richtet sich auf die Fehler anderer. Er bestimmt seine eigene Stellung nicht im Licht der Heiligkeit Gottes, sondern anhand des Abstandes, den er zwischen sich und bestimmten Sündern wahrnimmt. Weil andere in seinen Augen schlechter dastehen, hält er sich selbst für gerecht.
Die von ihm genannten Verhaltensweisen sind tatsächlich Sünde. Jesus erklärt weder Raub noch Ungerechtigkeit oder Ehebruch für bedeutungslos. Der Irrtum des Pharisäers besteht nicht darin, dass er zwischen richtigem und falschem Verhalten unterscheidet. Er liegt darin, dass er die Schuld anderer zur Grundlage seiner eigenen Rechtfertigung macht. Die Wahrheit über fremde Sünde kann jedoch niemals die Wahrheit über das eigene Herz ersetzen.
Ein solcher Vergleich wählt gewöhnlich einen Maßstab, bei dem der Mensch günstig abschneidet. Der Pharisäer nennt nicht Menschen, deren Liebe, Barmherzigkeit oder Demut seine eigene Haltung infrage stellen könnten. Er blickt auf solche, deren sichtbare Verfehlungen ihm besonders verwerflich erscheinen. Dadurch kann er seine eigenen verborgenen Sünden übersehen und zugleich den Eindruck gewinnen, Gottes Zustimmung bereits zu besitzen.
Paulus beschreibt diesen Vergleich als unverständig. Wer sich ausschließlich an anderen Menschen misst, bewegt sich innerhalb eines begrenzten und verschiebbaren Maßstabes. Fast immer lässt sich jemand finden, dessen Leben ungeordneter, dessen Erkenntnis geringer oder dessen Schuld offensichtlicher erscheint. Doch vor Gott lautet die entscheidende Frage nicht, ob ein Mensch besser als ein anderer ist, sondern ob er selbst ohne Gnade vor Gottes vollkommenem Maßstab bestehen könnte.
Der Blick auf den Zöllner zeigt zugleich, wie aus Selbstgerechtigkeit Verachtung entsteht. Der Pharisäer spricht über ihn, obwohl beide zum Gebet in den Tempel gekommen sind. Er kennt weder dessen Reue noch das Gebet, das dieser gleich sprechen wird. Dennoch hat er sein Urteil bereits gefällt. In seinen Augen dient der Zöllner nicht als Mensch, der Gottes Erbarmen braucht, sondern als abschreckendes Gegenbild zur eigenen Frömmigkeit.
Jesus deckt damit eine Haltung auf, die sich auch hinter richtiger Lehre verbergen kann. Ein Mensch kann Sünde klar benennen und dennoch selbst in Hochmut fallen. Er kann moralisch zutreffende Urteile aussprechen, aber ohne Trauer über den verlorenen Zustand des anderen und ohne Bewusstsein der eigenen Bedürftigkeit. Wahrheit wird dann nicht zum Ruf zur Rettung, sondern zum Werkzeug der Selbsterhöhung.
Römer 2 warnt denjenigen, der andere richtet und dabei übersieht, dass auch er unter Gottes Urteil steht. Das bedeutet nicht, jede moralische Beurteilung aufzugeben. Es bedeutet, dass niemand die Sünde eines anderen verurteilen darf, als wäre er selbst von Natur aus gerecht und nicht auf Vergebung angewiesen. Wer die eigene Schuld im Licht des Kreuzes erkannt hat, wird weiterhin zwischen Gut und Böse unterscheiden, aber er tut es mit Demut und dem Wunsch nach Wiederherstellung.
Jesus vergleicht diese Blindheit an anderer Stelle mit einem Menschen, der den Splitter im Auge seines Bruders sieht und den Balken im eigenen Auge übersieht. Der Fehler des anderen kann wirklich vorhanden sein, doch der Blick des Urteilenden ist durch seine eigene ungeprüfte Haltung verzerrt. Erst ehrliche Selbstprüfung befähigt zu einer Hilfe, die nicht von Überlegenheit geprägt ist. Der Pharisäer hingegen betrachtet ausschließlich fremde Fehler und bleibt dadurch gegenüber seiner eigenen Not blind.
Sein Vergleich führt deshalb nicht näher zu Gott, sondern tiefer in die Täuschung. Er sieht Sünde nur dort, wo sie eine andere Gestalt besitzt als in seinem eigenen Herzen. Während er sich von Räubern, Ungerechten und Ehebrechern abgrenzt, erkennt er weder seinen Stolz noch seine Lieblosigkeit. Um seine vermeintliche Gerechtigkeit weiter zu begründen, wendet er sich nun den religiösen Leistungen zu, die er Gott als Beweis seiner besonderen Treue vorhält.
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Gute Werke werden zur falschen Grundlage
Lukas 18,12 – „12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich erwerbe."
Lukas 18,12 – „12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich erwerbe."
Matthäus 6,16-18 – „16 Wenn ihr aber fastet, sollt ihr nicht finster dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Angesicht, damit es von den Leuten bemerkt werde, daß sie fasten. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. 17 Du aber, wenn du fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht, 18 damit es nicht von den Leuten bemerkt werde, daß du fastest, sondern von deinem Vater, der im Verbo…"
Matthäus 23,23 – „23 Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, daß ihr die Minze und den Anis und den Kümmel verzehntet und das Wichtigere im Gesetz vernachlässiget, nämlich das Gericht und das Erbarmen und den Glauben! Dies sollte man tun und jenes nicht lassen."
Philipper 3,7-9 – „7 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden gerechnet; 8 ja ich achte nun auch alles für Schaden gegenüber der alles übertreffenden Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich alles eingebüßt habe, und ich achte es für Unrat, damit ich Christus gewinne 9 und in ihm erfunden werde, daß ich nicht meine eigene Gerechtigkeit (die aus dem Gesetz) habe, sondern…"
Nachdem der Pharisäer beschrieben hat, welche Sünden er nicht begeht, zählt er auf, was er stattdessen leistet. Er fastet zweimal in der Woche und gibt den Zehnten von allem, was er einnimmt. Damit verweist er auf sichtbare religiöse Handlungen, die über ein beiläufiges Bekenntnis hinausgehen. Sein Leben scheint von Disziplin, Verzicht und sorgfältiger Pflichterfüllung geprägt zu sein.
Jesus erklärt weder das Fasten noch das Geben des Zehnten für falsch. Fasten kann Ausdruck von Trauer, Umkehr und bewusster Hinwendung zu Gott sein. Der Zehnte erinnert daran, dass aller Besitz letztlich von Gott kommt und der Mensch ihm auch im Umgang mit seinen Mitteln verantwortlich ist. Das Problem liegt daher nicht zuerst in den genannten Handlungen, sondern in der Bedeutung, die der Pharisäer ihnen für seine Stellung vor Gott gibt.
Sein zweimaliges Fasten ging über das hinaus, was das Gesetz allgemein als regelmäßige wöchentliche Pflicht verlangte. Auch beim Zehnten betont er, diesen von allem zu geben, was er erwirbt. Er führt also gerade jene Bereiche an, in denen er sich als besonders gewissenhaft und hingebungsvoll ansehen konnte. Was als freiwilliger Ausdruck der Gottesverehrung hätte dienen können, wird in seinem Gebet zum Nachweis eigener Gerechtigkeit.
Dadurch verändert sich der Charakter seiner Werke. Äußerlich können sie weiterhin richtig erscheinen, doch innerlich dienen sie nicht mehr allein der Ehre Gottes. Der Pharisäer benutzt sie, um sich selbst zu bestätigen und sich von anderen abzuheben. Seine Frömmigkeit wird zu einem geistlichen Guthaben, auf das er vor Gott verweist, obwohl kein Werk die Schuld des Menschen beseitigen oder einen Anspruch auf Annahme schaffen kann.
Jesus hatte beim Fasten ausdrücklich davor gewarnt, eine fromme Handlung für den Eindruck auf andere zu benutzen. Wahres Fasten richtet das Herz auf Gott und sucht nicht menschliche Bewunderung. Im Gleichnis geht die Selbstdarstellung noch tiefer: Selbst wenn kein anderer das Gebet hören sollte, bewundert der Pharisäer seine eigene Frömmigkeit. Er hat das Urteil, das er von Gott erwartet, innerlich bereits über sich selbst gesprochen.
Ähnlich verhält es sich mit dem Zehnten. Jesus bestätigte dessen Bedeutung, tadelte jedoch religiöse Menschen, die dabei Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue vernachlässigten. Sorgfalt in messbaren Pflichten kann leicht darüber hinwegtäuschen, dass das Herz lieblos, hochmütig oder unversöhnt geblieben ist. Der Pharisäer zählt genau berechenbare Leistungen auf, erkennt aber nicht, dass seine Verachtung des Zöllners seinem Anspruch auf Gottesnähe widerspricht.
Damit warnt das Gleichnis nicht vor Gehorsam, sondern vor dem Vertrauen auf Gehorsam als Grundlage der Erlösung. Gottes Gebote verlieren ihre Bedeutung nicht, weil Werke niemanden rechtfertigen können. Doch wahrer Gehorsam entsteht als Frucht des Glaubens und der empfangenen Gnade. Sobald er zum Mittel der Selbsterhöhung oder zum Kaufpreis göttlicher Anerkennung wird, wird selbst eine richtige Handlung geistlich entstellt.
Paulus konnte ebenfalls auf religiöse Vorzüge und großen Eifer zurückblicken. Doch als er Christus erkannte, hörte er auf, seine eigene Gesetzesgerechtigkeit als Grundlage vor Gott anzusehen. Er wollte nicht mit einer Gerechtigkeit vor ihm stehen, die aus eigener Leistung hervorgeht, sondern mit der Gerechtigkeit, die Gott durch den Glauben schenkt. Was früher sein Vertrauen getragen hatte, verlor gegenüber Christus seinen rettenden Wert.
Der Pharisäer benötigt dieselbe Gnade wie der Zöllner, erkennt es jedoch nicht. Seine Werke hätten Ausdruck dankbarer Abhängigkeit sein können, doch sie sind zu Beweisen seiner vermeintlichen Unabhängigkeit geworden. Er tritt vor Gott wie jemand, der bestätigt werden möchte, nicht wie jemand, der gerettet werden muss. Der Zöllner dagegen besitzt nichts, womit er sich rechtfertigen könnte, und gerade deshalb bleibt ihm nur der Weg, auf dem jeder Sünder zu Gott kommen muss: der ehrliche Ruf nach Erbarmen.
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Der Zöllner wagt keinen Blick nach oben
Lukas 18,13 – „13 Und der Zöllner stand von ferne, wagte nicht einmal seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug an seine Brust und sprach: O Gott, sei mir Sünder gnädig!"
Lukas 18,13 – „13 Und der Zöllner stand von ferne, wagte nicht einmal seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug an seine Brust und sprach: O Gott, sei mir Sünder gnädig!"
Psalmen 51,5-6 – „5 Siehe, ich bin in Schuld geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen; 6 siehe, du verlangst Wahrheit im Innersten: so tue mir im Verborgenen Weisheit kund!"
Esra 9,6 – „6 Und ich sprach: Mein Gott, ich schäme und scheue mich, mein Angesicht aufzuheben zu dir, mein Gott; denn unsere Sünden sind über unser Haupt gewachsen, und unsre Schuld reicht bis an den Himmel!"
Jesaja 6,5 – „5 Da sprach ich: Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin ein Mann von unreinen Lippen und wohne unter einem Volk, das auch unreine Lippen hat; denn meine Augen haben den König, den HERRN der Heerscharen, gesehen!"
Nach dem selbstsicheren Gebet des Pharisäers richtet Jesus den Blick auf den Zöllner. Dieser steht von ferne und wagt nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben. Während der Pharisäer seinen Abstand zu anderen Menschen betont, empfindet der Zöllner schmerzlich den Abstand zwischen seinem eigenen Leben und der Heiligkeit Gottes. Seine äußere Haltung macht sichtbar, dass er seine Schuld weder verharmlost noch hinter religiösen Worten verbirgt.
Dass er von ferne steht, bedeutet nicht, dass er Gott grundsätzlich fernbleiben möchte. Gerade deshalb ist er zum Tempel gekommen. Doch er tritt nicht mit dem Anspruch auf einen bevorzugten Platz oder besondere Anerkennung auf. Er weiß, dass er nichts besitzt, womit er sich selbst empfehlen könnte. Die Entfernung bringt seine Ehrfurcht, seine Scham und das Bewusstsein zum Ausdruck, allein auf Gottes Erbarmen angewiesen zu sein.
Auch sein gesenkter Blick ist keine fromme Inszenierung. Jesus beschreibt einen Menschen, der vor der Wahrheit über sich selbst nicht mehr ausweicht. In der Schrift kann das Erheben der Augen Ausdruck vertrauensvollen Gebets sein, doch Schuld kann einen Menschen so treffen, dass er sich unwürdig fühlt, zu Gott aufzublicken. Der Zöllner erkennt, dass er vor demjenigen steht, dessen Reinheit jede Selbsttäuschung aufdeckt.
Diese Selbsterkenntnis entsteht nicht durch den Vergleich mit anderen. Der Zöllner sucht keinen noch größeren Sünder, an dem er sich innerlich aufrichten könnte. Er spricht weder über ungerechte Pharisäer noch über andere Zöllner, deren Verhalten vielleicht schlimmer war als sein eigenes. Im Licht Gottes wird die Schuld eines anderen für seine Stellung bedeutungslos. Er sieht nicht zur Seite, sondern stellt sich der Wahrheit über sein eigenes Leben.
Damit beschreibt Jesus keine krankhafte Selbstverachtung. Der Zöllner erklärt nicht, dass sein Leben wertlos oder Gottes Liebe unerreichbar sei. Er erkennt vielmehr die moralische Wirklichkeit seiner Schuld und gibt den Versuch auf, sich selbst zu rechtfertigen. Biblische Demut besteht nicht darin, den von Gott geschaffenen Wert des Menschen zu leugnen, sondern darin, sich selbst wahrheitsgemäß vor Gott zu sehen.
Eine solche Erkenntnis ist nur möglich, weil Gottes Licht das Herz erreicht. Menschen neigen dazu, ihre Schuld umzubenennen, sie durch Umstände zu entschuldigen oder die Verantwortung auf andere zu übertragen. Wo Gott jedoch das Gewissen öffnet, wird Sünde nicht länger nur als menschliche Schwäche oder unglücklicher Fehler verstanden. Sie erscheint als persönliche Auflehnung gegen den heiligen und guten Willen Gottes.
David bringt diese Erkenntnis zum Ausdruck, wenn er seine Schuld bekennt und erklärt, gegen Gott gesündigt zu haben. Damit leugnet er nicht das Unrecht, das er Menschen zugefügt hat. Er erkennt vielmehr, dass jede Sünde letztlich auch gegen Gott gerichtet ist, dessen Gebot und Liebe missachtet wurden. Ebenso steht der Zöllner nicht nur unter dem Urteil seiner Mitmenschen, sondern vor dem Gott, dem er verantwortlich ist.
Seine Körperhaltung zeigt zugleich, dass wahre Buße den Menschen nicht zur Flucht aus Gottes Gegenwart treiben muss. Der Zöllner bleibt im Tempel. Obwohl er seine Unwürdigkeit erkennt, wendet er sich gerade an denjenigen, gegen den er gesündigt hat. Schuld führt ihn nicht in hoffnungslose Entfernung, sondern an den Ort, an dem Vergebung gesucht werden kann.
So unterscheidet sich seine Demut grundlegend von der Haltung des Pharisäers. Der eine sieht keinen Mangel und bittet deshalb um nichts; der andere erkennt seine ganze Bedürftigkeit und weiß, dass er sich nicht selbst helfen kann. Seine gesenkten Augen und seine Entfernung sind jedoch noch nicht das Ziel der Erzählung. Entscheidend ist, dass aus dieser Selbsterkenntnis ein Gebet hervorgeht, das seine Hoffnung vollständig auf Gottes Erbarmen setzt.
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Die Bitte um versöhnende Gnade
Lukas 18,13 – „13 Und der Zöllner stand von ferne, wagte nicht einmal seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug an seine Brust und sprach: O Gott, sei mir Sünder gnädig!"
Lukas 18,13 – „13 Und der Zöllner stand von ferne, wagte nicht einmal seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug an seine Brust und sprach: O Gott, sei mir Sünder gnädig!"
Psalmen 51,3-4 – „3 denn ich erkenne meine Übertretungen, und meine Sünde ist immerdar vor mir. 4 An dir allein habe ich gesündigt und getan, was in deinen Augen böse ist, auf daß du Recht behaltest mit deinem Spruch und dein Urteil unangefochten bleibe."
1. Johannes 2,1-2 – „1 Meine Kindlein, solches schreibe ich euch, damit ihr nicht sündiget! Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten; 2 und er ist das Sühnopfer für unsre Sünden, aber nicht nur für die unsren, sondern auch für die der ganzen Welt."
Hebräer 9,11-14 – „11 Als aber Christus kam als ein Hoherpriester der zukünftigen Güter, ist er durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht mit Händen gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist, 12 auch nicht durch das Blut von Böcken und Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für allemal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erfunden. 13 Denn wenn das Blut von Böcken und Sti…"
Der Zöllner schlägt sich an die Brust und spricht nur wenige Worte: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Seine Bitte enthält keine Erklärung seiner Umstände, keine Entschuldigung und kein Versprechen, durch zukünftige Leistungen seine Vergangenheit auszugleichen. Er steht vor Gott mit der Erkenntnis, dass er seine Schuld nicht selbst beseitigen kann. Alles hängt für ihn daran, ob Gott einem Schuldigen Erbarmen erweist.
Das Schlagen an die Brust war Ausdruck tiefer Trauer und innerer Erschütterung. Der Zöllner bedauert nicht lediglich, dass sein Verhalten unangenehme Folgen haben könnte oder dass andere ihn verachten. Seine Schuld hat ihn im Innersten getroffen. Wahre Buße bleibt deshalb nicht bei einem allgemeinen Eingeständnis menschlicher Unvollkommenheit stehen, sondern erkennt, dass die Sünde die Beziehung zu Gott verletzt hat.
Auffällig ist auch, wie persönlich er sein Bekenntnis formuliert. Er spricht nicht von den Fehlern aller Menschen und versteckt sich nicht in der allgemeinen Aussage, niemand sei vollkommen. Sinngemäß nennt er sich selbst den Sünder. Damit behauptet er nicht, objektiv der schlimmste Mensch seiner Umgebung zu sein. Er hört vielmehr auf, seine Schuld durch Vergleiche zu relativieren, und übernimmt vor Gott die Verantwortung für sein eigenes Leben.
Das Verb, das mit „gnädig sein“ wiedergegeben wird, besitzt einen Zusammenhang mit Versöhnung und Sühnung. Im Tempel, dem Ort der Opfer und des göttlichen Vergebungsangebots, erhält diese Bitte daher ein besonderes Gewicht. Der Zöllner bittet nicht nur um ein nachsichtiges Übersehen seiner Schuld, sondern um jene Barmherzigkeit, durch die das zerstörte Verhältnis zu Gott wiederhergestellt werden kann. Der Text entfaltet hier noch nicht die ganze Lehre vom Opfer Christi, weist aber auf die Notwendigkeit einer von Gott geschaffenen Versöhnung hin.
Gott vergibt Sünde nicht, indem er sie für unwichtig erklärt. Seine Gnade steht nicht gegen seine Gerechtigkeit, sondern schafft den Weg, auf dem der Schuldige gerettet werden kann, ohne dass Gottes heiliger Maßstab aufgehoben wird. Was im Tempeldienst durch Opfer vorausgebildet war, erfüllte Christus durch die Hingabe seines eigenen Lebens. Er trägt die Schuld des Menschen und eröffnet damit die Grundlage, auf der Gott dem Umkehrenden vergeben und ihn gerecht sprechen kann.
Der Zöllner kennt möglicherweise noch nicht die ganze Tiefe dieses kommenden Erlösungswerks. Dennoch richtet sich sein Vertrauen auf den richtigen Ort. Er erwartet Rettung weder von seiner Reue noch von der Aufrichtigkeit seines Gebets, sondern von Gottes Erbarmen. Selbst seine Demut wird nicht zu einer neuen Leistung, die er Gott anbieten könnte. Sie besteht gerade darin, jeden eigenen Anspruch aufzugeben und sich der Gnade auszuliefern.
Damit unterscheidet sich sein Gebet grundlegend von dem des Pharisäers. Der Pharisäer nennt Gott seine Werke und erwartet offenbar Zustimmung. Der Zöllner nennt Gott seine Schuld und bittet um Vergebung. Der eine spricht, als sei Gott ihm eine Bestätigung schuldig; der andere weiß, dass er nur empfangen kann, was ihm unverdient geschenkt wird. Beide stehen im Tempel, doch nur einer sucht tatsächlich Rettung außerhalb seiner selbst.
Das kurze Gebet zeigt zugleich, dass aufrichtige Buße nicht viele Worte benötigt. Ihre Tiefe liegt nicht in sprachlicher Eindringlichkeit, sondern in der Wahrheit des Herzens. Der Zöllner erkennt seine Schuld, wendet sich dennoch Gott zu und vertraut darauf, dass dessen Barmherzigkeit größer ist als sein Versagen. Diese Verbindung aus Bekenntnis und Hoffnung unterscheidet echte Umkehr sowohl von Selbstrechtfertigung als auch von hoffnungsloser Verzweiflung.
Damit ist alles vorbereitet für die überraschende Entscheidung Jesu. Der Zöllner hat keine guten Werke aufgezählt, keine religiöse Stellung beansprucht und nichts zur eigenen Verteidigung vorgebracht. Dennoch wird gerade über ihn ein Urteil ausgesprochen, das kein Mensch sich selbst verleihen kann: Er geht gerechtfertigt nach Hause.
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Der Sünder geht gerechtfertigt nach Hause
Lukas 18,14 – „14 Ich sage euch, dieser ging gerechtfertigt in sein Haus hinab, eher als jener; denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden."
Lukas 18,14 – „14 Ich sage euch, dieser ging gerechtfertigt in sein Haus hinab, eher als jener; denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden."
Römer 3,23-24 – „23 Denn es ist kein Unterschied: Alle haben gesündigt und ermangeln der Herrlichkeit Gottes, 24 so daß sie gerechtfertigt werden ohne Verdienst, durch seine Gnade, mittels der Erlösung, die in Christus Jesus ist."
Römer 4,5 – „5 wer dagegen keine Werke verrichtet, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, dem wird sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet."
Römer 5,1 – „1 Da wir nun durch den Glauben gerechtfertigt sind, so haben wir Frieden mit Gott durch unsren Herrn Jesus Christus,"
Nachdem beide Gebete gesprochen sind, fällt Jesus das entscheidende Urteil: Der Zöllner geht gerechtfertigt in sein Haus hinab, der Pharisäer dagegen nicht. Damit kehrt Jesus die Erwartung vieler Hörer um. Der öffentlich verachtete Mann verlässt den Tempel von Gott angenommen, während der angesehene religiöse Mann trotz seiner Leistungen nicht als gerecht bestätigt wird. Maßgeblich ist nicht, wie beide vor Menschen erscheinen, sondern wie Gott ihr Vertrauen beurteilt.
Rechtfertigung bedeutet, dass Gott einen Schuldigen gerecht spricht und ihn in die rechte Beziehung zu sich aufnimmt. Der Zöllner wird nicht für unschuldig erklärt, als hätte seine Vergangenheit keine Bedeutung. Er hatte sich selbst als Sünder bekannt und Gottes Urteil über seine Schuld anerkannt. Dennoch spricht Gott ihm einen neuen Stand zu, weil er sich nicht auf eigene Verdienste, sondern auf göttliches Erbarmen verlässt.
Diese Rechtfertigung kann der Mensch sich nicht selbst verleihen. Der Pharisäer hatte sein Urteil über sich bereits gefällt und sich innerlich zu den Gerechten gerechnet. Doch Selbstbestätigung besitzt vor Gott keine rettende Kraft. Der Zöllner verzichtet dagegen darauf, sich zu verteidigen, und überlässt sein Urteil demjenigen, der gerecht und zugleich barmherzig ist. Gerade dadurch empfängt er, was der andere sich selbst zugesprochen hatte.
Jesus lehrt damit nicht, dass Reue oder Demut eine neue Form menschlichen Verdienstes darstellen. Der Zöllner wird nicht gerechtfertigt, weil seine Körperhaltung besonders eindrucksvoll oder sein Schuldgefühl stark genug gewesen wäre. Auch sein Gebet bezahlt keine Schuld. Seine Buße zeigt vielmehr, dass er aufgehört hat, sich selbst zu retten, und bereit ist, Gottes unverdiente Gnade zu empfangen.
Paulus entfaltet später dieselbe Wahrheit, wenn er erklärt, dass alle Menschen gesündigt haben und ohne Verdienst durch Gottes Gnade gerechtfertigt werden. Vor diesem Maßstab verschwindet der vermeintliche Abstand zwischen Pharisäer und Zöllner. Ihre Lebenswege unterscheiden sich deutlich, doch beide können nur auf derselben Grundlage gerettet werden. Niemand besitzt vor Gott einen eigenen Vorrang, und niemand ist durch seine Vergangenheit außerhalb der Reichweite göttlicher Vergebung.
Derjenige, der nicht mit eigenen Werken vor Gott tritt, sondern dem vertraut, der Gottlose rechtfertigt, empfängt Gerechtigkeit durch den Glauben. Dieser Glaube ist kein bloßes Für-wahr-Halten und auch keine Leistung, durch die der Mensch Gottes Anerkennung verdient. Er ist die leere Hand, die annimmt, was Gott schenkt. Der Zöllner bringt nichts mit außer seiner Schuld und geht dennoch reich beschenkt nach Hause.
Die Grundlage dieses Urteils liegt letztlich im Erlösungswerk Christi. Gott kann den Sünder gerecht sprechen, weil Jesus dessen Schuld trägt und die vollkommene Gerechtigkeit erfüllt, die dem Menschen fehlt. Das Gleichnis wird vor dem Kreuz erzählt, doch seine Aussage weist bereits auf dieses Zentrum des Evangeliums hin. Gottes Erbarmen ist nicht ein unbegründetes Übersehen des Bösen, sondern eine Gnade, deren Preis Christus selbst übernimmt.
Rechtfertigung verändert zuerst den Stand des Menschen vor Gott, bleibt aber nicht ohne Folgen für sein weiteres Leben. Wer Vergebung empfängt, wird nicht dazu eingeladen, in bewusster Sünde fortzufahren. Gnade stellt die Beziehung zu Gott wieder her und eröffnet damit ein neues Leben unter seiner Führung. Die daraus wachsende Frucht ist jedoch Folge der Annahme und niemals deren Voraussetzung.
Der Zöllner geht deshalb nicht nach Hause, weil er nun auf sich selbst stolz sein könnte. Er geht als ein Mensch, dessen Hoffnung vollständig außerhalb seiner eigenen Leistung liegt. Der Pharisäer verlässt den Tempel dagegen mit denselben religiösen Vorzügen, aber ohne die Rechtfertigung, die er nicht zu benötigen glaubte. Jesu Urteil zeigt damit, dass Gott denjenigen erhöht, der jeden eigenen Anspruch aufgibt – ein Grundsatz, den der abschließende Satz des Gleichnisses noch weiter entfaltet.
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Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht
Lukas 18,14 – „14 Ich sage euch, dieser ging gerechtfertigt in sein Haus hinab, eher als jener; denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden."
Lukas 18,14 – „14 Ich sage euch, dieser ging gerechtfertigt in sein Haus hinab, eher als jener; denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden."
Jakobus 4,6-10 – „6 Größer aber ist die Gnade, die er gibt. Darum spricht sie: «Gott widersteht den Hoffärtigen; aber den Demütigen gibt er Gnade.» 7 So unterwerfet euch nun Gott! Widerstehet dem Teufel, so flieht er von euch; 8 nahet euch zu Gott, so naht er sich zu euch! Reiniget die Hände, ihr Sünder, und machet eure Herzen keusch, die ihr geteilten Herzens seid! 9 Fühlet euer Elend, trauert und heulet! Euer La…"
Jesaja 57,15 – „15 Denn also spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt und dessen Name heilig ist: In der Höhe und im Heiligtum wohne ich und bei dem, welcher eines zerschlagenen und gedemütigten Geistes ist, auf daß ich belebe den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen erquicke."
1. Petrus 5,5-6 – „5 Gleicherweise ihr Jüngeren, seid untertan den Ältesten; umschürzet euch aber alle gegenseitig mit der Demut! Denn «Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade». 6 So demütiget euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit!"
Jesus schließt das Gleichnis mit einem Grundsatz, der weit über die beiden Männer im Tempel hinausreicht: Jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden. Damit erklärt er die innere Ordnung des Reiches Gottes. Der Mensch kann sich vor anderen groß machen und sich selbst Gerechtigkeit zusprechen, doch über seine wirkliche Stellung entscheidet allein Gott.
Selbsterhöhung beginnt nicht erst bei offenem Hochmut oder dem Wunsch nach öffentlicher Bewunderung. Sie zeigt sich bereits dort, wo ein Mensch sich selbst zum Maßstab macht, seine Vorzüge hervorhebt und seine Abhängigkeit von Gottes Gnade aus dem Blick verliert. Der Pharisäer hatte sich innerlich über andere gestellt und war überzeugt, Gottes Zustimmung bereits zu besitzen. Gerade dadurch verschloss er sich für das, was nur Gott ihm schenken konnte.
Die angekündigte Erniedrigung ist deshalb Gottes wahrhaftiges Urteil über eine falsche Selbsteinschätzung. Gott macht einen Menschen nicht aus Willkür klein, sondern deckt auf, was vor ihm tatsächlich besteht. Religiöser Ruf, gute Werke und menschliche Anerkennung können die Schuld des Herzens nicht verdecken. Spätestens im Gericht wird jede selbstgeschaffene Gerechtigkeit ihre vermeintliche Tragfähigkeit verlieren.
Sich selbst zu erniedrigen bedeutet dagegen nicht, den eigenen Wert zu leugnen oder sich künstlich schlechter darzustellen, als man ist. Der Zöllner übertreibt seine Schuld nicht, um besonders demütig zu erscheinen. Er nimmt lediglich Gottes Urteil über sich an und verzichtet darauf, sich zu entschuldigen oder mit anderen zu vergleichen. Demut ist hier Wahrhaftigkeit vor Gott: Der Mensch erkennt sowohl seine Schuld als auch seine völlige Abhängigkeit von göttlichem Erbarmen.
Diese Haltung darf ebenfalls nicht zu einer neuen religiösen Leistung werden. Niemand wird erhöht, weil er seine Demut besonders überzeugend vorweisen könnte. Sobald ein Mensch stolz darauf wird, nicht stolz zu sein, kehrt er auf den Weg des Pharisäers zurück. Wahre Demut blickt nicht auf sich selbst und fragt, ob sie ausreichend tief oder eindrucksvoll sei. Sie richtet den Blick auf Gott, bekennt die eigene Bedürftigkeit und empfängt seine Gnade.
Jakobus verbindet deshalb Gottes Widerstand gegen die Hochmütigen mit der Aufforderung, sich vor dem Herrn zu demütigen. Die anschließende Erhöhung bleibt Gottes Handlung. Der Mensch verschafft sich keine höhere Stellung, sondern wird von Gott angenommen, aufgerichtet und in die Gemeinschaft mit ihm aufgenommen. Was der Zöllner nicht für sich beansprucht, schenkt Gott ihm aus Gnade.
Diese göttliche Erhöhung beginnt mit der Rechtfertigung, reicht aber darüber hinaus. Gott vergibt dem Schuldigen, nimmt ihn als sein Kind an und beginnt, sein Leben zu erneuern. In der kommenden Vollendung wird er diejenigen öffentlich zu Christus bekennen, die hier ihre Hoffnung nicht auf sich selbst, sondern auf den Retter gesetzt haben. Die Erhöhung besteht daher nicht in menschlichem Ansehen, sondern in der von Gott geschenkten Zugehörigkeit zu seinem Reich.
Der Grundsatz Jesu findet seine tiefste Bestätigung in Christus selbst. Obwohl er ohne Sünde und wahrhaft erhöht war, erniedrigte er sich, nahm Knechtsgestalt an und ging den Weg bis zum Kreuz. Deshalb hat der Vater ihn erhöht und ihm den Namen über alle Namen gegeben. Die Demut des Zöllners rettet ihn nicht unabhängig von Christus; sie führt ihn vielmehr zu jener Gnade, die durch die Selbsterniedrigung und Hingabe des Sohnes möglich wird.
Damit lässt Jesus keinen Hörer als unbeteiligten Beobachter zurück. Die entscheidende Frage lautet nicht nur, welcher der beiden Männer sympathischer erscheint, sondern welcher Haltung das eigene Herz entspricht. Wer vor Gott mit seiner Frömmigkeit handelt, bleibt auf sich selbst angewiesen. Wer dagegen jeden Anspruch aufgibt und sich Christus anvertraut, empfängt aus Gnade, was er niemals selbst hervorbringen könnte: Vergebung, Gerechtigkeit und eine von Gott geschenkte Erhöhung.
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Zusammenfassung und Gebet
Das Gleichnis führt zwei Menschen an denselben Ort und lässt sie vor demselben Gott beten. Äußerlich verbindet sie eine religiöse Handlung, doch innerlich trennen sie zwei völlig verschiedene Grundlagen. Der eine vertraut auf seine Frömmigkeit, der andere auf Gottes Erbarmen. Gerade darin liegt die entscheidende Frage des Gleichnisses: Worauf stützt sich ein Mensch, wenn er vor Gott tritt?
Der Pharisäer besitzt Eigenschaften und Gewohnheiten, die für sich genommen nicht falsch sind. Er meidet sichtbare Sünden, fastet und gibt den Zehnten. Doch aus dem Gehorsam ist eine Grundlage der Selbsterhöhung geworden. Seine Werke führen ihn nicht zu Dankbarkeit und Demut, sondern zu dem Gefühl, Gott müsse seine besondere Stellung bestätigen.
Damit verliert auch sein Blick auf andere Menschen die Barmherzigkeit. Der Zöllner erscheint ihm nicht als ein verlorener Mensch, der Gottes Hilfe benötigt, sondern als Beweis für die eigene Überlegenheit. Selbstgerechtigkeit bleibt deshalb niemals nur eine innere Fehleinschätzung. Sie erzeugt Verachtung, weil der Mensch andere verkleinern muss, um sich selbst groß erscheinen zu lassen.
Der Zöllner steht demgegenüber ohne Verteidigung vor Gott. Er verschweigt seine Schuld nicht, vergleicht sich mit niemandem und versucht nicht, sein bisheriges Leben durch religiöse Leistungen auszugleichen. Seine Buße besteht darin, Gottes Urteil über seine Sünde anzuerkennen und dennoch nicht vor ihm zu fliehen. Er bleibt im Tempel und ruft zu dem Gott, dessen Erbarmen seine einzige Hoffnung ist.
Sein kurzes Gebet trägt deshalb die ganze Wahrheit echter Umkehr in sich. Der Zöllner erkennt, dass er sich nicht selbst reinigen, entschuldigen oder gerecht sprechen kann. Zugleich vertraut er darauf, dass Gott dem Schuldigen gnädig sein kann. Buße und Glaube gehören hier zusammen: Er verzweifelt nicht an seiner Schuld, sondern bringt sie zu dem, der vergeben kann.
Jesu Urteil offenbart den Mittelpunkt des Evangeliums. Nicht der Mann mit den meisten religiösen Leistungen geht gerechtfertigt nach Hause, sondern der Sünder, der sich auf Gnade verlässt. Rechtfertigung ist Gottes Geschenk an den Glaubenden, kein Lohn für einen moralischen Vorsprung. Sie gründet letztlich auf Christus, der die Schuld des Menschen trägt und ihm eine Gerechtigkeit schenkt, die er selbst niemals hervorbringen könnte.
Diese Gnade macht Gehorsam nicht bedeutungslos. Sie ordnet ihn vielmehr an seinen richtigen Platz. Gute Werke sind nicht die Grundlage der Annahme bei Gott, sondern die Frucht eines Lebens, das bereits angenommen und erneuert wurde. Wer Gottes Vergebung wirklich empfängt, wird nicht stolz auf seine Demut, sondern lernt, selbst barmherzig mit anderen umzugehen.
Darum endet das Gleichnis mit der Umkehrung menschlicher Maßstäbe. Wer sich selbst erhöht, wird vor Gottes Wahrheit erniedrigt werden. Wer dagegen jeden eigenen Anspruch aufgibt und sich ihm anvertraut, wird von Gott aufgerichtet. Vor ihm besteht kein Mensch durch den Vergleich mit anderen, sondern allein durch die Gnade Christi. Der Weg nach Hause in Frieden beginnt dort, wo der Mensch aufhört, sich selbst zu rechtfertigen, und Gott um Erbarmen bittet.
Der Unterschied zwischen beiden Männern war nicht ihr Leben – sondern ihr Herz vor Gott. Denn nicht der, der sich selbst für gerecht hält, wird angenommen – sondern der, der erkennt, dass er Gnade braucht.