Die Natur des Menschen
Die Natur des Menschen: geschaffen, gefallen, erneuert
Die Bibel beschreibt den Menschen als von Gott geschaffenes, ganzheitliches und würdevolles Wesen, das sein Leben vollständig von seinem Schöpfer empfängt. Durch die Sünde ist die menschliche Natur gefallen und dem Tod unterworfen, doch Gottes Ebenbild ist nicht bedeutungslos geworden. Der Mensch kann sich nicht selbst wiederherstellen; durch Jesus Christus schenkt Gott Vergebung, ein erneuertes Leben und schließlich die vollständige Wiederherstellung bei der Auferstehung.
Einführung
Kaum eine Frage berührt so viele andere Bereiche des Glaubens wie die Frage nach der Natur des Menschen. Wer verstehen möchte, was Sünde, Erlösung, Tod, Auferstehung oder Heiligung bedeuten, muss zunächst wissen, wie die Schrift den Menschen selbst beschreibt. Dabei begegnen uns Aussagen über seine außergewöhnliche Würde ebenso wie über seine tiefe Abhängigkeit von Gott, seine Gefallenheit und seine Hoffnung auf Erneuerung.
Gerade deshalb ist Vorsicht notwendig. Einzelne Begriffe wie Leib, Seele oder Geist dürfen nicht voneinander gelöst und anschließend mit Vorstellungen gefüllt werden, die der jeweilige Bibeltext nicht trägt. Ebenso wäre es zu wenig, den Menschen nur von seiner Sünde her zu betrachten. Die biblische Geschichte beginnt nicht mit dem gefallenen Menschen, sondern mit dem Menschen, den Gott bewusst erschafft und unter seinen Segen stellt. Erst vor diesem Hintergrund lässt sich ermessen, was durch die Sünde verloren ging und worauf Gottes Erlösung zielt.
Zugleich erzählt die Bibel keine Geschichte, in der der Mensch aus eigener Kraft zu seinem ursprünglichen Zustand zurückfindet. Die Spannung zwischen dem Guten, zu dem er geschaffen wurde, und der Macht der Sünde, die sein Leben prägt, zieht sich durch die Schrift. Deshalb führt eine biblische Betrachtung der menschlichen Natur unweigerlich zur Frage nach Christus: nicht als nachträglicher Ergänzung, sondern als dem, durch den Gott gefallene Menschen erneuert und die Folgen der Sünde schließlich überwindet.
Um dieses Gesamtbild zu verstehen, muss die Betrachtung dort beginnen, wo auch die Bibel beginnt: bei Gottes Schöpfung des Menschen und bei der Frage, was es tatsächlich bedeutet, nach seinem Bild geschaffen zu sein.
Im Bild Gottes geschaffen
1. Mose 1,26-28 – „26 Und Gott sprach: Wir wollen Menschen machen nach unserm Bild uns ähnlich; die sollen herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über das Vieh auf der ganzen Erde, auch über alles, was auf Erden kriecht! 27 Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; männlich und weiblich schuf er sie. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruc…"
1. Mose 1,26-28 – „26 Und Gott sprach: Wir wollen Menschen machen nach unserm Bild uns ähnlich; die sollen herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über das Vieh auf der ganzen Erde, auch über alles, was auf Erden kriecht! 27 Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; männlich und weiblich schuf er sie. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruc…"
1. Mose 5,1-3 – „1 Dies ist das Buch von Adams Geschlecht: Am Tage, da Gott den Menschen schuf, machte er ihn Gott ähnlich; 2 männlich und weiblich schuf er sie und segnete sie und nannte ihren Namen Adam, am Tage, da er sie schuf. 3 Und Adam war 130 Jahre alt, als er einen Sohn zeugte, ihm selbst gleich, nach seinem Bilde, und nannte ihn Seth."
Psalmen 8,4-7 – „4 Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst, und des Menschen Sohn, daß du auf ihn achtest? 5 Du hast ihn ein wenig Gottes entbehren lassen; aber mit Ehre und Schmuck hast du ihn gekrönt; 6 Du lässest ihn herrschen über die Werke deiner Hände; alles hast du unter seine Füße gelegt: 7 Schafe und Ochsen allzumal, dazu auch die wilden Tiere;"
Die biblische Betrachtung des Menschen beginnt nicht bei seiner Schwäche, seiner Sünde oder seiner Sterblichkeit, sondern bei Gottes ursprünglichem Schöpfungshandeln. In 1. Mose 1 erreicht der Schöpfungsbericht einen besonderen Höhepunkt, als Gott spricht: „Laßt uns Menschen machen nach unserem Bild, uns ähnlich.“ Während die übrige Schöpfung ebenfalls aus Gottes Willen hervorgeht und von ihm als gut bezeichnet wird, erhält der Mensch eine ausdrücklich hervorgehobene Stellung. Mann und Frau werden nach Gottes Bild geschaffen und gemeinsam unter seinen Segen gestellt. Damit liegt die grundlegende Würde des Menschen bereits in seinem Ursprung.
Nach Gottes Bild geschaffen zu sein bedeutet nicht, dass der Mensch Gott körperlich gleichen würde. Die Schrift beschreibt Gott nicht als ein vergrößertes menschliches Wesen, dessen äußere Gestalt der Mensch nachahmt. Vielmehr erhält der Mensch innerhalb der Schöpfung eine Stellung, in der er seinen Schöpfer in geschöpflicher Weise widerspiegeln soll. Er kann Gott erkennen, auf sein Wort antworten, verantwortlich entscheiden, Beziehungen gestalten und einen ihm anvertrauten Auftrag wahrnehmen. Seine besondere Stellung besteht daher nicht in Unabhängigkeit von Gott, sondern gerade darin, dass er als Geschöpf auf Gott bezogen lebt.
Unmittelbar mit dem Ebenbild verbindet 1. Mose 1 die Verantwortung für die Erde. Gott überträgt dem Menschen Herrschaft über die anderen Lebewesen und gibt ihm einen Auftrag innerhalb der geschaffenen Welt. Diese Herrschaft darf jedoch nicht von Gottes eigener Herrschaft getrennt verstanden werden. Die Erde bleibt Gottes Schöpfung; der Mensch wird nicht ihr uneingeschränkter Eigentümer, sondern empfängt Verantwortung von dem, dem alles gehört. Seine Autorität ist deshalb eine anvertraute Autorität. Er soll innerhalb der Schöpfung so handeln, dass seine Stellung unter Gott erkennbar bleibt.
Psalm 8 greift genau dieses Verhältnis von Größe und Abhängigkeit auf. Angesichts des Himmels fragt der Psalmist staunend, was der Mensch sei, dass Gott seiner gedenkt. Gemessen an der Weite der Schöpfung erscheint menschliche Größe keineswegs selbstverständlich. Und doch hat Gott den Menschen mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt und ihm Werke seiner Hände anvertraut. Die Würde des Menschen entsteht also nicht daraus, dass er sich selbst erhöht, sondern daraus, dass Gott ihm Würde verleiht. Gerade diese Verbindung schützt sowohl vor Selbstverachtung als auch vor menschlicher Selbstvergötterung.
Diese Wahrheit betrifft jeden Menschen. Der biblische Wert eines Lebens hängt nicht von Leistungsfähigkeit, gesellschaftlicher Stellung, Intelligenz, Gesundheit, Besitz oder Anerkennung ab. Bevor der Mensch irgendeine Leistung erbringen konnte, hatte Gott ihm bereits seine besondere Stellung gegeben. Deshalb lässt sich menschliche Würde auch nicht auf diejenigen beschränken, die bestimmten Erwartungen entsprechen. Wer den Menschen von seinem Schöpfer her betrachtet, begegnet ihm als einem Leben, das seinen grundlegenden Wert nicht selbst erwerben muss.
Doch bereits die ersten Kapitel der Bibel zeigen, dass zwischen der ursprünglichen Schöpfung und der späteren Menschheit eine tiefgreifende Veränderung eingetreten ist. 1. Mose 5 erinnert zunächst daran, dass Gott den Menschen nach seinem Bild schuf, beschreibt dann aber Seth zugleich als Sohn Adams, „ihm ähnlich, nach seinem Bild“. Die Schrift erklärt an dieser Stelle nicht, dass Gottes Ebenbild verschwunden wäre. Sie zeigt jedoch die Menschheit nun innerhalb einer Geschichte, die bereits vom Sündenfall geprägt ist. Das von Gott geschaffene Leben wird von Generation zu Generation weitergegeben, aber innerhalb einer gefallenen Welt.
Darum darf das Ebenbild Gottes weder so verstanden werden, als sei im Menschen nach dem Sündenfall alles unverändert geblieben, noch so, als hätte der Mensch dadurch jede von Gott verliehene Würde verloren. Die Bibel hält beide Linien zusammen. Der Mensch bleibt Gottes Geschöpf und steht weiterhin unter seiner Autorität; zugleich entspricht sein tatsächliches Leben nicht mehr ungebrochen seiner ursprünglichen Bestimmung. Genau aus dieser Spannung entsteht die weitere biblische Frage nach seiner Natur: Wie konnte ein nach Gottes Bild geschaffenes Wesen in einen Zustand geraten, in dem Sünde und Tod sein Leben bestimmen?
Der erste Blick auf den Menschen führt deshalb zu einer grundlegenden Ausgangslage. Er ist weder ein bedeutungsloses Produkt der Welt noch ein autonomes Wesen, das sich selbst gehört. Er ist von Gott gewollt, mit Würde versehen und zu verantwortlichem Leben unter seinem Schöpfer bestimmt. Erst wenn dieser ursprüngliche Ausgangspunkt feststeht, lässt sich verstehen, wie tief der Fall des Menschen reicht – und was Gott wiederherstellen will.
Der Mensch wurde eine lebendige Seele
1. Mose 2,7 – „7 Da bildete Gott der HERR den Menschen, Staub von der Erde, und blies den Odem des Lebens in seine Nase, und also ward der Mensch eine lebendige Seele."
1. Mose 2,7 – „7 Da bildete Gott der HERR den Menschen, Staub von der Erde, und blies den Odem des Lebens in seine Nase, und also ward der Mensch eine lebendige Seele."
Prediger 12,7 – „7 und der Staub wieder zur Erde wird, wie er gewesen ist, und der Geist zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat."
Hiob 33,4 – „4 Der Geist Gottes hat mich gemacht, und der Odem des Allmächtigen belebt mich."
1. Mose 2,7 beschreibt die Erschaffung des Menschen noch einmal aus einer anderen Perspektive. Während der erste Schöpfungsbericht seine besondere Stellung und Berufung hervorhebt, richtet sich der Blick nun darauf, wie sein Leben entsteht. Gott bildet den Menschen aus dem Staub der Erde und haucht ihm den Odem des Lebens ein. Erst daraufhin wird der Mensch zu einer lebendigen Seele. Diese Reihenfolge ist für das biblische Verständnis seiner Natur grundlegend.
Der Text sagt nicht, dass Gott einem bereits lebenden Körper eine eigenständig existierende Seele einsetzt. Vielmehr verbindet sich der von Gott geformte Leib mit dem von Gott gegebenen Lebensodem, und der Mensch wird dadurch zu einem lebendigen Wesen. Die „Seele“ erscheint hier nicht als ein zweiter, vom Körper unabhängiger Mensch im Menschen, sondern bezeichnet den lebendigen Menschen selbst. Der Mensch besitzt sein Leben nicht aus sich heraus; er lebt, weil Gott ihm Leben gibt.
Dabei bleiben beide Bestandteile klar voneinander unterscheidbar. Der Staub stammt von der Erde und macht die geschöpfliche Begrenztheit des Menschen sichtbar. Der Lebensodem dagegen kommt von Gott. Doch weder der geformte Staub allein noch der Lebensodem für sich wird in diesem Vers als der vollständige Mensch beschrieben. Erst durch Gottes lebensschaffendes Handeln entsteht die lebendige Person. Das biblische Menschenbild beginnt deshalb mit Einheit und Abhängigkeit, nicht mit einer Vorstellung zweier voneinander unabhängiger Lebensformen.
Auch andere Texte greifen diese Abhängigkeit auf. Elihu sagt in Hiob 33,4: „Der Geist Gottes hat mich gemacht, und der Odem des Allmächtigen erhält mich am Leben.“ Menschliches Leben bleibt also nicht nur seinem Ursprung nach auf Gott angewiesen. Der Atem, die Lebenskraft und das Fortbestehen des Menschen stehen unter Gottes Verfügung. Leben ist in der Schrift kein unverlierbarer Besitz des Geschöpfes, sondern eine Gabe des Schöpfers.
Prediger 12,7 beschreibt später den umgekehrten Vorgang beim Tod: Der Staub kehrt zur Erde zurück, wie er gewesen ist, und der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat. Auch hier muss der Aussagezusammenhang beachtet werden. Der Text erklärt nicht, dass eine bewusst weiterlebende Persönlichkeit den Körper verlässt, sondern beschreibt die Rücknahme dessen, was bei der Schöpfung zusammenkam. Der Körper kehrt zur Erde zurück, und die von Gott gegebene Lebenskraft steht wieder bei ihrem Ursprung.
Damit wird zugleich verständlich, warum die Bibel den Menschen so konsequent als Geschöpf beschreibt. Er trägt große Würde, ist aber niemals die Quelle seines eigenen Lebens. Selbst vor dem Sündenfall besaß der Mensch Leben nur als Gabe. Unsterblichkeit gehört in der Schrift nicht selbstverständlich zur menschlichen Natur; sie gehört Gott ursprünglich und wird dem Menschen nur in der Weise zuteil, wie Gott sie schenkt. Deshalb darf menschliche Würde nicht mit göttlicher Selbstständigkeit verwechselt werden.
Dieses ganzheitliche Verständnis bewahrt auch davor, Körper und geistliches Leben gegeneinander auszuspielen. Der Leib ist kein bedeutungsloses Gefäß, das die eigentliche Person lediglich vorübergehend beherbergt. Gott selbst formte den Menschen aus der Erde und nannte seine Schöpfung sehr gut. Körperliches Leben, Denken, Empfinden, Beziehung und geistliche Verantwortung gehören zum Leben des ganzen Menschen und stehen gemeinsam unter Gottes Anspruch.
So führt 1. Mose 2 noch tiefer in die Frage nach der menschlichen Natur. Der Mensch ist nach Gottes Bild geschaffen, aber er ist nicht Gott. Er besitzt Würde, aber kein Leben unabhängig von seinem Schöpfer. Er ist ein lebendiges Ganzes, das seinen Anfang und jeden weiteren Atemzug Gott verdankt. Gerade diese völlige Abhängigkeit macht verständlich, wie einschneidend es werden musste, als der Mensch sich von der Quelle seines Lebens abwandte.
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Durch die Sünde dem Tod unterworfen
Römer 5,12 – „12 Darum, gleichwie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und so der Tod zu allen Menschen hindurchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben"
Römer 5,12 – „12 Darum, gleichwie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und so der Tod zu allen Menschen hindurchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben"
Römer 5,18-19 – „18 Also: wie der Sündenfall des einen zur Verurteilung aller Menschen führte, so führt auch das gerechte Tun des Einen alle Menschen zur lebenbringenden Rechtfertigung. 19 Denn gleichwie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern gemacht worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die vielen zu Gerechten gemacht."
1. Mose 3,17-19 – „17 Und zu Adam sprach er: Dieweil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und von dem Baum gegessen, davon ich dir gebot und sprach: «Du sollst nicht davon essen», verflucht sei der Erdboden um deinetwillen, mit Mühe sollst du dich davon nähren dein Leben lang; 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Gewächs des Feldes essen. 19 Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein …"
Die ersten beiden Kapitel der Bibel zeigen den Menschen als geschaffenes, von Gott abhängiges Wesen, dessen Leben aus der Gemeinschaft mit seinem Schöpfer kommt. In 1. Mose 3 tritt jedoch eine Veränderung ein, die das weitere biblische Menschenbild entscheidend prägt. Der Mensch misstraut Gottes Wort, überschreitet bewusst die von Gott gesetzte Grenze und versucht, seinen Weg unabhängig von ihm zu bestimmen. Damit wird Sünde nicht nur als einzelne falsche Handlung sichtbar, sondern als Auflehnung gegen die Ordnung, in der der Mensch geschaffen wurde.
Die Folgen zeigen sich unmittelbar. Scham und Angst treten in eine Beziehung, die zuvor von Offenheit geprägt war. Adam und Eva verbergen sich vor Gott, schieben Verantwortung von sich und erleben, wie die Sünde auch das Verhältnis zwischen Menschen belastet. Schließlich nennt Gott eine Folge, die bis an die Wurzel menschlicher Existenz reicht: Der Mensch wird zum Staub zurückkehren, aus dem er genommen wurde. Der Tod erscheint damit nicht als natürlicher Bestandteil der ursprünglichen Schöpfungsordnung, sondern als Folge des Bruchs mit Gott.
Paulus greift diese Linie in Römer 5 auf und fasst ihre heilsgeschichtliche Tragweite zusammen: Durch einen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod. Adam steht hier nicht lediglich als Beispiel eines Menschen, der irgendwann sündigte. Mit seinem Fall beginnt eine Menschheitsgeschichte, die von Sünde und Sterblichkeit geprägt ist. Jeder nachfolgende Mensch wird in eine Welt hineingeboren, in der die ursprüngliche ungebrochene Gemeinschaft mit Gott nicht mehr den tatsächlichen Zustand der Menschheit bestimmt.
Dabei muss sorgfältig unterschieden werden. Römer 5 sagt nicht, dass jeder Mensch persönlich genau Adams einzelne Tat begangen hätte. Paulus erklärt jedoch, dass Adams Ungehorsam Folgen für die ganze Menschheit besitzt und dass zugleich „alle gesündigt haben“. Die Bibel verbindet deshalb die gemeinsame gefallene Menschheitslage mit persönlicher Verantwortung. Der Mensch lebt nicht nur unter den Folgen einer längst vergangenen Sünde; er bestätigt die Wirklichkeit der Sünde auch durch sein eigenes Denken und Handeln.
Damit erklärt sich die Spannung, die das menschliche Leben seit dem Fall kennzeichnet. Der Mensch ist weiterhin Gottes Geschöpf und trägt weiterhin die Würde seines göttlichen Ursprungs, doch sein Verhältnis zu Gott ist gestört. Sein Denken, Wollen und Handeln entsprechen nicht mehr selbstverständlich Gottes Willen. Die Sünde betrifft deshalb mehr als einzelne Fehlentscheidungen, die durch größere Anstrengung vollständig vermieden werden könnten. Das Problem reicht tiefer: Der gefallene Mensch benötigt nicht lediglich bessere Regeln, sondern Rettung und Erneuerung.
Diese Gefallenheit bedeutet jedoch nicht, dass jeder Mensch in jedem Augenblick so böse handelt, wie es überhaupt möglich wäre, oder dass jede von Menschen getroffene Entscheidung gleichermaßen sündig wäre. Auch nach dem Fall kennt die Schrift Liebe, Verantwortung, Mitgefühl und menschliches Handeln, das anderen dient. Doch keine dieser Erfahrungen hebt die grundsätzliche Wirklichkeit auf, dass die Menschheit unter Sünde und Tod steht. Die ursprüngliche Bestimmung des Menschen ist noch erkennbar, aber sie wird nicht mehr in ungebrochener Reinheit verwirklicht.
Gerade deshalb ist Römer 5 keine hoffnungslose Beschreibung. Paulus spricht von Adam, um anschließend Christus gegenüberzustellen. Dem Ungehorsam des einen stellt er den Gehorsam des anderen gegenüber; der Verurteilung begegnet Gottes rechtfertigende Gnade, und der Herrschaft des Todes wird die Gabe des Lebens entgegengestellt. Die biblische Lehre von der gefallenen Natur des Menschen führt deshalb nicht zu Resignation, sondern macht verständlich, weshalb Erlösung notwendig ist und weshalb sie von außerhalb des Menschen kommen muss.
Der Mensch kann seinen ursprünglichen Zustand nicht dadurch zurückgewinnen, dass er sich selbst verbessert. Das Problem, das mit dem Sündenfall in die Menschheitsgeschichte eingetreten ist, reicht bis zu seiner Beziehung zu Gott und schließlich bis zum Tod. Genau an diesem Punkt beginnt die Bedeutung Christi sichtbar zu werden: Was durch Adam zur gefallenen Menschheit kam, beantwortet Gott durch einen neuen Anfang in seinem Sohn.
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Das Herz braucht Erneuerung
Jeremia 17,9-10 – „9 Überaus trügerisch ist das Herz und bösartig; wer kann es ergründen? 10 Ich, der HERR, erforsche das Herz und prüfe die Nieren, um einem jeden zu vergelten nach seinen Wegen, nach der Frucht seiner Taten."
Jeremia 17,9-10 – „9 Überaus trügerisch ist das Herz und bösartig; wer kann es ergründen? 10 Ich, der HERR, erforsche das Herz und prüfe die Nieren, um einem jeden zu vergelten nach seinen Wegen, nach der Frucht seiner Taten."
Markus 7,20-23 – „20 Er sprach aber: Was aus dem Menschen herauskommt, das verunreinigt den Menschen. 21 Denn von innen, aus dem Herzen des Menschen, kommen hervor die bösen Gedanken, Unzucht, Mord, Diebstahl, 22 Ehebruch, Geiz, Bosheit, Betrug, Üppigkeit, Neid, Lästerung, Hoffart, Unvernunft. 23 All dies Böse kommt von innen heraus und verunreinigt den Menschen."
Römer 7,18-24 – „18 Denn ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, nichts Gutes wohnt; das Wollen ist zwar bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten gelingt mir nicht! 19 Denn nicht das Gute, das ich will, tue ich, sondern das Böse, das ich nicht will, übe ich aus. 20 Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so vollbringe nicht mehr ich dasselbe, sondern die Sünde, die in mir wohnt. 21 Ich finde…"
Hesekiel 36,26-27 – „26 Und ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euch legen; ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben; 27 ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Satzungen wandeln und meine Rechte beobachten und tun."
Die gefallene Natur des Menschen zeigt sich nicht nur darin, dass er sterblich geworden ist. Die Bibel führt noch tiefer und richtet den Blick auf das Innere, aus dem Gedanken, Entscheidungen und Handlungen hervorgehen. Gerade dort liegt ein wesentlicher Teil des menschlichen Problems. Der Mensch braucht deshalb nicht lediglich bessere äußere Bedingungen oder mehr religiöse Kenntnis, sondern eine Veränderung, die sein Herz erreicht.
Jeremia beschreibt das menschliche Herz mit ungewöhnlich ernsten Worten. Es ist trügerisch und schwer zu durchschauen, doch Gott erforscht Herz und Nieren und kennt den Menschen vollkommen. Damit korrigiert die Schrift die Vorstellung, der Mensch könne sich selbst immer zuverlässig beurteilen. Motive können verborgen, Wünsche widersprüchlich und Selbstwahrnehmungen verzerrt sein. Dass der Mensch etwas für richtig hält oder aufrichtig empfindet, macht es deshalb noch nicht automatisch zu Gottes Wahrheit.
Jesus greift diesen inneren Ursprung der Sünde in Markus 7 auf. Im Streit um Reinheit lenkt er den Blick weg von einer bloß äußerlichen Betrachtung und erklärt, dass das, was den Menschen verunreinigt, aus seinem Inneren hervorgeht. Böse Gedanken, sexuelle Unmoral, Habgier, Betrug, Stolz und andere Sünden erscheinen nicht lediglich als Einflüsse, die von außen an einen ansonsten unverdorbenen Menschen herantreten. Sie können aus dem menschlichen Herzen selbst hervorkommen. Damit macht Jesus deutlich, wie tief das Problem der Sünde reicht.
Diese Aussage bedeutet nicht, dass jeder Mensch jede genannte Sünde in gleicher Weise begeht. Sie bedeutet ebenso wenig, dass äußere Einflüsse bedeutungslos wären. Versuchung, Umgebung, Erziehung und Entscheidungen können das Verhalten stark prägen. Doch die Schrift erlaubt nicht, das Böse ausschließlich außerhalb des Menschen zu suchen. Der gefallene Mensch trägt eine innere Neigung zur Sünde in sich und kann sich deshalb nicht allein dadurch retten, dass seine Umgebung verändert wird.
Paulus beschreibt in Römer 7 die bedrängende Erfahrung eines Menschen, der Gottes Willen erkennt und zugleich die Macht der Sünde erfährt. Er weiß, was gut ist, und erlebt dennoch, dass das Vollbringen nicht einfach aus eigener Kraft folgt. Seine Worte führen schließlich zu dem Ausruf: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Todesleib?“ Unabhängig von Einzelheiten der Auslegung dieses Abschnitts ist die Richtung seiner Argumentation deutlich: Kenntnis des Guten und das Gesetz selbst können die Macht der Sünde nicht aus eigener Kraft brechen.
Damit erhält auch Gottes Gesetz seine richtige Stellung. Es offenbart, was gut und heilig ist, und macht Sünde erkennbar; aber es verwandelt das gefallene Herz nicht dadurch, dass es ihm lediglich Gebote vor Augen stellt. Das Problem liegt nicht in Gottes Maßstab, sondern im Menschen. Deshalb kann Erlösung weder in der Abschaffung des göttlichen Willens noch in menschlicher Selbstdisziplin bestehen. Der Mensch braucht eine Kraft, die er sich selbst nicht geben kann.
Schon im Alten Testament verbindet Gott deshalb die Hoffnung der Wiederherstellung mit einer Verheißung des neuen Herzens. In Hesekiel 36 spricht er davon, das steinerne Herz wegzunehmen, ein fleischernes Herz zu geben und seinen Geist in den Menschen zu legen. Auffällig ist, wer dabei handelt: Gott reinigt, Gott schenkt ein neues Herz und Gott gibt seinen Geist. Die Veränderung beginnt nicht mit der Behauptung des Menschen, er könne seine Natur selbst überwinden, sondern mit Gottes rettendem Eingreifen.
Die biblische Diagnose des menschlichen Herzens ist deshalb ernst, aber nicht hoffnungslos. Sie nimmt dem Menschen das Vertrauen auf seine eigene moralische Kraft, ohne ihm die Aussicht auf Veränderung zu nehmen. Gerade weil die Sünde bis ins Innere reicht, muss auch Gottes Erlösung bis ins Innere reichen. Der gefallene Mensch braucht nicht nur Vergebung für Vergangenes, sondern neues Leben – und genau diese Erneuerung eröffnet Gott durch Christus und seinen Geist.
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In Christus beginnt ein neuer Mensch
2. Korinther 5,17 – „17 Darum, ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!"
2. Korinther 5,17 – „17 Darum, ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!"
Kolosser 3,9-10 – „9 Lüget einander nicht an: da ihr ja den alten Menschen mit seinen Handlungen ausgezogen 10 und den neuen angezogen habt, der erneuert wird zur Erkenntnis, nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat;"
Epheser 4,22-24 – „22 daß ihr, was den frühern Wandel betrifft, den alten Menschen ablegen sollt, der sich wegen der betrügerischen Lüste verderbte, 23 dagegen euch im Geiste eures Gemüts erneuern lassen 24 und den neuen Menschen anziehen sollt, der nach Gott geschaffen ist in Gerechtigkeit und Heiligkeit der Wahrheit."
Johannes 3,3-6 – „3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen! 4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Er kann doch nicht zum zweitenmal in seiner Mutter Schoß gehen und geboren werden? 5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wenn jemand nicht aus Wass…"
Wenn das Problem des Menschen bis in sein Inneres reicht, muss auch die Erlösung mehr bewirken als eine Veränderung äußerer Gewohnheiten. Das Neue Testament beschreibt deshalb das Leben mit Christus als einen wirklichen Neuanfang. Paulus sagt in 2. Korinther 5,17: Wer in Christus ist, ist eine neue Schöpfung. Diese Aussage bedeutet nicht, dass ein Gläubiger augenblicklich jede Schwäche verliert, sondern dass durch die Verbindung mit Christus eine neue Wirklichkeit begonnen hat.
Jesus selbst spricht in Johannes 3 gegenüber Nikodemus von einer Geburt „aus Wasser und Geist“. Nikodemus ist religiös gebildet und mit den Schriften vertraut, doch Jesus macht deutlich, dass selbst religiöse Herkunft und Kenntnis nicht genügen. Der Mensch braucht neues Leben von Gott. Wie die natürliche Geburt nicht vom Kind selbst hervorgebracht wird, so ist auch die geistliche Wiedergeburt kein Werk menschlicher Selbstverbesserung. Sie entsteht durch Gottes Wirken.
Damit unterscheidet sich die biblische Erneuerung grundlegend von dem Versuch, lediglich eine bessere Version des alten Menschen zu werden. Der Mensch kann Verhaltensweisen verändern, Gewohnheiten einüben und sich in vielen Bereichen disziplinieren. Doch das Evangelium setzt tiefer an. Es verbindet den Menschen mit Christus und schafft dadurch eine neue Ausrichtung des Lebens. Nicht das eigene Ich soll nur leistungsfähiger werden, sondern das Verhältnis zu Gott wird erneuert.
Paulus beschreibt diesen Wandel in Epheser 4 mit dem Bild des Ablegens und Anziehens. Der „alte Mensch“, der durch betrügerische Begierden verdorben wird, soll abgelegt werden; zugleich sollen die Gläubigen im Geist ihres Denkens erneuert werden und den „neuen Menschen“ anziehen. Der Zusammenhang zeigt, dass diese Erneuerung konkrete Folgen besitzt. Wahrheit tritt an die Stelle der Lüge, versöhnliches Handeln an die Stelle zerstörerischen Zorns und hilfreiche Rede an die Stelle verletzender Worte.
Ähnlich spricht Kolosser 3 davon, den alten Menschen mit seinen Handlungen auszuziehen und den neuen anzuziehen. Dieser neue Mensch wird „erneuert zur Erkenntnis nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat“. Damit führt Paulus bewusst zur Schöpfung zurück. Was durch die Sünde entstellt wurde, beginnt in Christus wiederhergestellt zu werden. Gottes Ziel besteht nicht darin, die ursprüngliche Bestimmung des Menschen aufzugeben, sondern sie durch Erlösung neu hervortreten zu lassen.
Diese Wiederherstellung geschieht jedoch nicht dadurch, dass der Mensch selbst zum Erlöser seiner gefallenen Natur wird. Die Veränderung steht von Anfang bis Ende in Verbindung mit Christus. Der Mensch empfängt Vergebung, neues Leben und den Heiligen Geist; daraus wächst eine neue Lebensweise. Gehorsam ist deshalb nicht der Preis, mit dem der Mensch Gottes Annahme verdient, sondern die Frucht eines Lebens, das von Gottes Gnade erfasst und neu ausgerichtet wird.
Dabei bleibt der Gläubige während seines irdischen Lebens weiterhin mit Schwachheit und Versuchung konfrontiert. Der Ausdruck „neuer Mensch“ bedeutet nicht, dass der Kampf mit der Sünde bereits vollständig beendet wäre. Vielmehr hat sich die Herrschaftsrichtung verändert: Sünde soll nicht länger als selbstverständlicher Herr über das Leben akzeptiert werden. Wo der Mensch fällt, ruft Christus zur Umkehr; wo alte Muster wiederkehren, wirkt Gottes Geist weiter an der Erneuerung.
So wird sichtbar, dass Erlösung die Frage nach der Natur des Menschen nicht umgeht, sondern sie beantwortet. Der gefallene Mensch kann sich nicht aus eigener Kraft in seinen ursprünglichen Zustand zurückführen. Doch in Christus beginnt Gott eine neue Schöpfung. Die Wiederherstellung des Menschen ist deshalb weder bloß Vergebung ohne Veränderung noch Veränderung ohne Gnade, sondern ein neues Leben, in dem Gottes Bild Schritt für Schritt wieder deutlicher sichtbar wird.
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Gott heiligt den ganzen Menschen
1. Thessalonicher 5,23-24 – „23 Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch, und euer ganzes Wesen, der Geist, die Seele und der Leib, werde unsträflich bewahrt bei der Wiederkunft unsres Herrn Jesus Christus! 24 Treu ist er, der euch beruft; er wird es auch tun."
1. Thessalonicher 5,23-24 – „23 Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch, und euer ganzes Wesen, der Geist, die Seele und der Leib, werde unsträflich bewahrt bei der Wiederkunft unsres Herrn Jesus Christus! 24 Treu ist er, der euch beruft; er wird es auch tun."
Römer 12,1-2 – „1 Ich ermahne euch nun, ihr Brüder, kraft der Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber darbringet als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer: das sei euer vernünftiger Gottesdienst! 2 Und passet euch nicht diesem Weltlauf an, sondern verändert euer Wesen durch die Erneuerung eures Sinnes, um prüfen zu können, was der Wille Gottes sei, der gute und wohlgefällige und vollkommene."
1. Korinther 6,19-20 – „19 Oder wisset ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des in euch wohnenden heiligen Geistes ist, welchen ihr von Gott empfangen habt, und daß ihr nicht euch selbst angehöret? 20 Denn ihr seid teuer erkauft; darum verherrlichet Gott mit eurem Leibe!"
Wenn Paulus am Ende des ersten Thessalonicherbriefes darum bittet, dass Gott die Gläubigen „durch und durch“ heilige und ihr „Geist, Seele und Leib“ untadelig bewahrt werde, beschreibt er die umfassende Reichweite von Gottes erneuerndem Wirken. Kein Bereich des menschlichen Lebens soll von ihm ausgeschlossen bleiben. Der Glaube betrifft nicht nur Gedanken oder religiöse Empfindungen, sondern den Menschen in seiner ganzen Existenz.
Dabei darf die Aufzählung von Geist, Seele und Leib nicht vorschnell wie eine technische Zerlegung des Menschen in drei selbstständig bestehende Bestandteile gelesen werden. Paulus gibt an dieser Stelle keine ausführliche Lehre über den Aufbau des Menschen. Sein Anliegen ist der umfassende Segenswunsch, dass Gott seine Gläubigen vollständig bewahrt. Ähnliche biblische Aufzählungen können verschiedene Aspekte menschlichen Lebens hervorheben, ohne damit voneinander unabhängig existierende Wesensteile zu definieren.
Das ist besonders wichtig, weil die Schrift Begriffe wie „Seele“ und „Geist“ je nach Zusammenhang unterschiedlich verwendet. In 1. Mose 2 wurde der Mensch als Ganzes zu einer lebendigen Seele, während an anderen Stellen „Seele“ das Leben, die Person oder das innere Empfinden bezeichnen kann. „Geist“ kann unter anderem den von Gott gegebenen Lebensodem oder eine innere Haltung bezeichnen. Die Bedeutung ergibt sich deshalb jeweils aus dem konkreten Zusammenhang und darf nicht aus einem einzelnen Wort zu einer umfassenden Lehre ausgebaut werden.
Der Schwerpunkt von 1. Thessalonicher 5 liegt ohnehin an einer anderen Stelle: Gott selbst ist der Handelnde. Paulus spricht vom „Gott des Friedens“, der heiligt, und fügt unmittelbar hinzu, dass derjenige, der die Gläubigen berufen hat, treu ist und es auch tun wird. Heiligung ist deshalb weder bloße menschliche Selbstdisziplin noch eine von der Gnade getrennte moralische Leistung. Sie ist Gottes Werk am Menschen, dem der Gläubige im Vertrauen und Gehorsam Raum gibt.
Römer 12 zeigt, wie umfassend diese Erneuerung das konkrete Leben erfasst. Paulus fordert die Gläubigen auf, ihre Leiber Gott als lebendiges Opfer darzustellen und zugleich durch die Erneuerung ihres Sinnes verwandelt zu werden. Körperliches Handeln und inneres Denken werden nicht voneinander getrennt. Gottes Gnade beansprucht den ganzen Menschen: wie er denkt, was er begehrt, welche Entscheidungen er trifft und wie er seinen Körper gebraucht.
Dasselbe wird in 1. Korinther 6 besonders deutlich. Paulus wendet sich gegen sexuelle Unmoral und erinnert die Gemeinde daran, dass ihr Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist und sie Gott auch mit ihrem Leib verherrlichen sollen. Der Körper ist damit keineswegs ein minderwertiger oder nebensächlicher Teil menschlicher Existenz. Er gehört Gott und besitzt gerade deshalb geistliche Bedeutung. Biblische Heiligung verachtet das Körperliche nicht, sondern stellt auch das körperliche Leben unter die Herrschaft Christi.
Diese Ganzheitlichkeit bewahrt vor zwei gegensätzlichen Irrwegen. Einerseits kann der Glaube nicht auf ein innerliches Verhältnis zu Gott reduziert werden, während das sichtbare Leben davon unberührt bleibt. Andererseits besteht geistliche Reife nicht darin, körperliche Bedürfnisse oder die geschaffene Menschlichkeit grundsätzlich abzuwerten. Gott hat den Menschen als Geschöpf geschaffen, und seine Erlösung zielt nicht auf die Befreiung von der Geschöpflichkeit, sondern auf ihre Wiederherstellung unter seiner guten Herrschaft.
Darum betrifft die Erneuerung in Christus Denken, Wollen, Beziehungen, Gewohnheiten und körperliches Handeln. Der ganze Mensch ist gefallen, und der ganze Mensch steht unter Gottes rettendem Anspruch. Doch selbst die tiefste Heiligung während dieses Lebens hebt noch nicht die letzte Folge des Sündenfalls auf: die Sterblichkeit. Damit bleibt eine entscheidende Frage offen. Wenn der Mensch als Ganzes lebt und als Ganzes von Gott erneuert wird, was geschieht dann mit ihm im Tod – und worin besteht seine endgültige Hoffnung?
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Der Tod ist ein Schlaf bis zur Auferstehung
Prediger 9,5-6 – „5 denn die Lebendigen wissen, daß sie sterben müssen; aber die Toten wissen gar nichts, und es wird ihnen auch keine Belohnung mehr zuteil; denn man denkt nicht mehr an sie. 6 Ihre Liebe und ihr Haß wie auch ihr Eifer sind längst vergangen, und sie haben auf ewig keinen Anteil mehr an allem, was unter der Sonne geschieht."
Prediger 9,5-6 – „5 denn die Lebendigen wissen, daß sie sterben müssen; aber die Toten wissen gar nichts, und es wird ihnen auch keine Belohnung mehr zuteil; denn man denkt nicht mehr an sie. 6 Ihre Liebe und ihr Haß wie auch ihr Eifer sind längst vergangen, und sie haben auf ewig keinen Anteil mehr an allem, was unter der Sonne geschieht."
Johannes 11,11-14 – „11 Solches sprach er, und darnach sagte er zu ihnen: Unser Freund Lazarus ist entschlafen; aber ich gehe hin, um ihn aus dem Schlafe zu erwecken. 12 Da sprachen seine Jünger: Herr, ist er entschlafen, so wird er genesen! 13 Jesus aber hatte von seinem Tode geredet; sie meinten aber, er rede von dem natürlichen Schlaf. 14 Da sagte es ihnen Jesus frei heraus: Lazarus ist gestorben;"
1. Thessalonicher 4,13-17 – „13 Wir wollen euch aber, ihr Brüder, nicht in Unwissenheit lassen in betreff der Entschlafenen, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben. 14 Denn wenn wir glauben, daß Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die Entschlafenen durch Jesus mit ihm führen. 15 Denn das sagen wir euch in einem Worte des Herrn, daß wir, die wir leben und bis zur Wiederkunft …"
1. Korinther 15,51-54 – „51 Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden, 52 plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune; denn die Posaune wird erschallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. 53 Denn dieses Verwesliche muß anziehen Unverweslichkeit, und dieses Sterbliche muß anziehen Unsterblichk…"
Die Frage nach der Natur des Menschen wird besonders deutlich, wenn die Bibel über den Tod spricht. Wenn menschliches Leben aus dem von Gott geformten Leib und dem von ihm gegebenen Lebensodem besteht, dann bedeutet der Tod nicht einfach, dass der eigentliche Mensch seinen Körper verlässt und bewusst an einem anderen Ort weiterlebt. Die Schrift beschreibt den Tod vielmehr als das Ende des gegenwärtigen bewussten Lebens und richtet die Hoffnung des Gläubigen auf die zukünftige Auferstehung.
Prediger 9 formuliert diese Wirklichkeit sehr nüchtern. Die Lebenden wissen, dass sie sterben werden, während die Toten nichts wissen; auch ihre unmittelbare Teilnahme an dem, was unter der Sonne geschieht, ist beendet. Der Abschnitt behandelt das menschliche Leben aus der Perspektive dieser Welt und unterstreicht, dass der Tod einen wirklichen Einschnitt darstellt. Er beschreibt keinen zweiten bewussten Lebensraum, in dem Verstorbene ihr bisheriges Leben fortsetzen.
Auch Jesus verwendet für den Tod ein Bild, das diese Sicht verständlich macht. Als Lazarus gestorben ist, sagt er zunächst, sein Freund sei eingeschlafen und er werde hingehen, ihn aufzuwecken. Weil die Jünger seine Worte wörtlich auf gewöhnlichen Schlaf beziehen, erklärt Jesus anschließend ausdrücklich, dass Lazarus gestorben ist. Tod und Schlaf werden dadurch nicht vollständig gleichgesetzt, doch das Bild macht etwas Wesentliches deutlich: Der Tod ist ein Zustand, aus dem Gott den Menschen wieder erwecken kann.
Gerade darin liegt die Kraft des biblischen Schlafbildes. Ein Schlafender besitzt keine bewusste Wahrnehmung der vergangenen Stunden und erlebt beim Erwachen unmittelbar den nächsten bewussten Augenblick. Ähnlich richtet die Schrift die Hoffnung des Verstorbenen nicht auf eine unabhängig vom Leib weiterlebende Existenz, sondern auf Gottes zukünftiges Handeln. Der Tod ist ernst und wirklich, aber für Gott nicht endgültig.
Paulus greift diese Hoffnung in 1. Thessalonicher 4 auf. Er möchte nicht, dass die Gemeinde über die „Entschlafenen“ ohne Hoffnung trauert. Seine Antwort besteht jedoch nicht darin, dass die Verstorbenen bereits in ihrer endgültigen Herrlichkeit angekommen seien. Stattdessen richtet er den Blick auf die Wiederkunft Jesu: Der Herr wird kommen, und „die Toten in Christus werden zuerst auferstehen“. Erst danach werden die lebenden Gläubigen gemeinsam mit ihnen dem Herrn entgegengeführt.
Damit liegt der Schwerpunkt der christlichen Hoffnung nicht auf einer natürlichen Unsterblichkeit des Menschen, sondern auf der Auferstehungsmacht Christi. Das ist ein entscheidender Unterschied. Wäre der Mensch aus sich selbst heraus unsterblich, wäre der Tod letztlich nur der Übergang einer unsterblichen Persönlichkeit in eine andere Daseinsform. Die biblische Botschaft ist größer: Der Mensch ist sterblich, doch Gott kann ihn aus dem Tod zurückrufen.
1. Korinther 15 führt diese Wahrheit noch weiter. Paulus beschreibt einen zukünftigen Augenblick, in dem die Toten auferweckt und die Lebenden verwandelt werden. Dann wird das Vergängliche Unvergänglichkeit und das Sterbliche Unsterblichkeit anziehen. Gerade diese Formulierung zeigt, dass Unsterblichkeit nicht als selbstverständlicher Besitz des Menschen vorausgesetzt wird. Sie wird bei der Auferstehung als Gabe Gottes verliehen.
Darum ist der Tod für den Gläubigen weder zu verharmlosen noch hoffnungslos. Er bleibt ein Feind und eine Folge der gefallenen Welt, doch Christus hat durch seine eigene Auferstehung gezeigt, dass dieser Feind nicht das letzte Wort behalten wird. Die Hoffnung des Menschen liegt nicht darin, dass ein unsterblicher Teil von ihm den Tod aus eigener Kraft übersteht, sondern darin, dass der Gott, der ihm am Anfang Leben gab, ihn erneut zum Leben rufen kann.
So schließt sich eine wichtige Linie des biblischen Menschenbildes. Der Mensch empfängt sein Leben vollständig von Gott, verliert dieses Leben im Tod und wartet auf die Auferstehung. Die endgültige Antwort auf seine Sterblichkeit liegt deshalb nicht in ihm selbst, sondern in Christus. Durch ihn wird der Tod überwunden und das Leben wiedergegeben – nicht nur als Fortsetzung des alten Zustands, sondern als unvergängliches Leben in Gottes vollendeter Schöpfung.
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Christus stellt das Bild Gottes wieder her
1. Korinther 15,45-49 – „45 So steht auch geschrieben: Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele; der letzte Adam zu einem lebendigmachenden Geiste. 46 Aber nicht das Geistige ist das erste, sondern das Seelische, darnach [kommt] das Geistige. 47 Der erste Mensch ist von Erde, irdisch; der zweite Mensch ist der Herr vom Himmel. 48 Wie der Irdische beschaffen ist, so sind auch die Irdischen; und wie der Himm…"
1. Korinther 15,45-49 – „45 So steht auch geschrieben: Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele; der letzte Adam zu einem lebendigmachenden Geiste. 46 Aber nicht das Geistige ist das erste, sondern das Seelische, darnach [kommt] das Geistige. 47 Der erste Mensch ist von Erde, irdisch; der zweite Mensch ist der Herr vom Himmel. 48 Wie der Irdische beschaffen ist, so sind auch die Irdischen; und wie der Himm…"
Philipper 3,20-21 – „20 Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel, von woher wir auch als Retter den Herrn Jesus Christus erwarten, 21 welcher den Leib unsrer Niedrigkeit umgestalten wird, daß er gleichgestaltet werde dem Leibe seiner Herrlichkeit, vermöge der Kraft, durch welche er sich auch alles untertan machen kann!"
1. Johannes 3,2 – „2 Geliebte, wir sind nun Gottes Kinder, und noch ist nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen aber, daß, wenn Er offenbar werden wird, wir Ihm ähnlich sein werden; denn wir werden Ihn sehen, wie er ist."
Die Auferstehungshoffnung führt die biblische Lehre vom Menschen zu ihrem eigentlichen Ziel. Gottes Erlösung besteht nicht lediglich darin, den gefallenen Menschen für immer in seinem gegenwärtigen Zustand weiterleben zu lassen. Was mit der Schöpfung begann und durch die Sünde beschädigt wurde, soll vollständig wiederhergestellt werden. Deshalb verbindet das Neue Testament die Zukunft des Menschen unmittelbar mit Jesus Christus.
In 1. Korinther 15 stellt Paulus Adam und Christus einander gegenüber. Adam ist der erste Mensch, aus dem die sterbliche Menschheit hervorgeht; Christus wird als der „letzte Adam“ bezeichnet und steht am Anfang einer neuen Menschheit. Paulus entwickelt damit nicht zwei voneinander unabhängige Geschichten. Er zeigt vielmehr, dass Christus dort eingreift, wo die Geschichte Adams unter Sünde und Tod geraten ist. Die Erlösung führt den Menschen aus der alten Ordnung der Vergänglichkeit in eine neue Wirklichkeit, deren Ursprung Christus ist.
Besonders deutlich wird das in der Unterscheidung zwischen dem Bild des Irdischen und dem Bild des Himmlischen. Menschen tragen gegenwärtig die Sterblichkeit und Gebrechlichkeit, die mit der gefallenen Menschheit verbunden sind. Doch Paulus richtet den Blick auf eine Zukunft, in der diejenigen, die Christus gehören, sein Bild tragen werden. Die ursprüngliche Bestimmung, Gottes Charakter widerzuspiegeln, erreicht damit eine Vollendung, die der gefallene Mensch aus eigener Kraft niemals herstellen könnte.
Diese Hoffnung bedeutet nicht, dass die geschaffene menschliche Identität ausgelöscht wird. Erlösung macht den Menschen nicht zu Gott und löst ihn auch nicht in einer höheren geistigen Existenz auf. Der Mensch bleibt Geschöpf. Gerade darin liegt die Schönheit der Wiederherstellung: Gott beseitigt nicht das Menschsein, sondern befreit es von dem, was durch Sünde und Tod hineingekommen ist. Die Erlösung vollendet die Schöpfung, statt sie aufzugeben.
Philipper 3 verbindet diese Wiederherstellung ausdrücklich mit der Wiederkunft Christi. Paulus sagt, dass Jesus den Leib unserer Niedrigkeit verwandeln und seinem verherrlichten Leib gleichgestalten wird. Damit wird auch die körperliche Seite der Erlösung noch einmal bestätigt. Gottes endgültiges Ziel ist nicht die dauerhafte Trennung des Menschen von seinem Leib, sondern dessen Verwandlung. Der sterbliche Mensch wird durch Gottes Macht zu einem Leben geführt, das nicht mehr dem Verfall unterworfen ist.
Auch 1. Johannes 3 spricht mit bewusster Zurückhaltung über diesen zukünftigen Zustand. Johannes erklärt, dass noch nicht vollständig offenbar geworden ist, was die Kinder Gottes sein werden. Eine Wahrheit steht jedoch fest: Wenn Christus offenbar wird, werden sie ihm gleich sein, denn sie werden ihn sehen, wie er ist. Die Bibel beantwortet damit nicht jede denkbare Frage über das zukünftige menschliche Leben. Sie gibt aber eine sichere Richtung vor: Die endgültige Wiederherstellung ist auf Christus ausgerichtet.
Diese Hoffnung wirkt bereits in die Gegenwart hinein. Johannes verbindet die Erwartung der zukünftigen Gleichgestaltung mit Christus unmittelbar mit einem Leben, das heute auf Reinheit ausgerichtet ist. Die kommende Vollendung macht gegenwärtige Heiligung nicht überflüssig. Vielmehr gehört beides zusammen. Was Gott eines Tages vollkommen vollenden wird, beginnt er schon jetzt im Menschen zu erneuern.
Damit erreicht die biblische Anthropologie ihren entscheidenden Zielpunkt. Der Mensch wurde im Bild Gottes geschaffen, fiel unter die Macht von Sünde und Tod und kann sich aus diesem Zustand nicht selbst befreien. In Christus beginnt jedoch eine Wiederherstellung, die das Herz erneuert, das gegenwärtige Leben heiligt und schließlich auch die Sterblichkeit überwindet. Gottes letztes Wort über den Menschen ist deshalb weder Sünde noch Verfall noch Tod, sondern die vollendete Wiederherstellung durch Jesus Christus.
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Zusammenfassung und Gebet
Die Natur des Menschen lässt sich biblisch weder auf seine körperliche Existenz noch auf eine unabhängig vom Leib gedachte Seele reduzieren. Die Schrift beginnt mit einem Menschen, den Gott bewusst erschafft, nach seinem Bild gestaltet und mit Würde sowie Verantwortung ausstattet. Zugleich bleibt dieser Mensch vollständig Geschöpf. Sein Leben stammt nicht aus ihm selbst, sondern entsteht und besteht durch Gottes lebensgebendes Handeln.
Gerade deshalb trifft die Sünde den Menschen so tief. Sie ist nicht nur eine Sammlung falscher Handlungen, sondern hat die Gemeinschaft mit Gott beschädigt und die Menschheit unter die Herrschaft von Sünde und Tod gebracht. Der Mensch bleibt von Gott gewollt und wertvoll, doch sein Inneres entspricht nicht mehr ungebrochen der ursprünglichen Bestimmung. Er erkennt das Gute und erlebt dennoch die Macht von Begierde, Selbstbezogenheit und Ungehorsam.
Die Bibel begegnet dieser Wirklichkeit weder mit einer Verharmlosung der Sünde noch mit Hoffnungslosigkeit. Sie zeigt, dass der Mensch sich nicht selbst erlösen kann, aber auch nicht sich selbst überlassen bleibt. In Christus handelt Gott dort, wo menschliche Kraft nicht ausreicht. Vergebung beseitigt die Schuld, Wiedergeburt eröffnet neues Leben, und der Heilige Geist beginnt eine Erneuerung, die Denken, Wollen und Handeln umfasst.
Damit wird zugleich sichtbar, was Heiligung bedeutet. Gott ersetzt nicht einfach einige schlechte Gewohnheiten durch bessere, sondern richtet den Menschen wieder auf seine ursprüngliche Bestimmung aus. Das Bild des Schöpfers, das durch die Sünde entstellt wurde, soll im Leben eines Menschen zunehmend sichtbar werden. Dieser Prozess bleibt vollständig von Gottes Gnade abhängig und bringt gerade deshalb einen neuen Gehorsam hervor, der nicht Erlösung verdient, sondern aus ihr wächst.
Doch selbst ein erneuertes Leben bleibt in dieser Welt sterblich. Die christliche Hoffnung besteht deshalb nicht darin, dass der Mensch von Natur aus unsterblich wäre. Der Tod ist ein wirklicher Feind, und die Verstorbenen warten auf Gottes Ruf zum Leben. Das Zentrum der Hoffnung ist die Auferstehung bei der Wiederkunft Christi, wenn das Vergängliche verwandelt und den Erlösten Unsterblichkeit geschenkt wird.
Damit führt die gesamte biblische Linie von der Schöpfung über den Fall bis zur Wiederherstellung. Am Anfang steht der Mensch, der sein Leben von Gott empfängt; in der Mitte steht der gefallene Mensch, der Rettung braucht; am Ziel steht nicht ein vom Körper befreites Geistwesen, sondern der von Christus vollständig erneuerte Mensch. Gottes Erlösung gibt nicht etwas auf, das er ursprünglich geschaffen hat, sondern führt sein Werk zur Vollendung.
Der Mensch versteht sich deshalb letztlich erst richtig, wenn er sich in Beziehung zu seinem Schöpfer sieht. Seine Würde kommt von Gott, seine Abhängigkeit verweist auf Gott, seine Sünde macht Gottes Gnade notwendig und seine Zukunft liegt in Christus. Das letzte Wort über die menschliche Natur spricht weder ihre Schwachheit noch ihre Sterblichkeit. Es spricht der Gott, der Leben geschaffen hat und durch Jesus Christus ewiges Leben schenkt.
Herr, unser Gott, wir danken dir, dass unser Leben seinen Ursprung in dir hat und dass du dem Menschen Würde und Bedeutung gegeben hast. Bewahre uns davor, auf unsere eigene Kraft zu vertrauen oder die Tiefe der Sünde geringzuachten. Danke, dass du uns in Jesus Christus nicht unserem gefallenen Zustand überlässt, sondern Vergebung, neues Leben und Erneuerung schenkst. Wirke durch deinen Geist in uns und richte unser Denken, Wollen und Handeln immer mehr auf dich aus. Lass unsere Hoffnung fest auf Christus und auf die Auferstehung gerichtet bleiben, bis du dein Werk vollkommen vollendest. Amen.
„Denn der Tod ist der Sünde Sold; aber die Gnadengabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unsrem Herrn.“ Römer 6,23