Die Menschwerdung Jesu
Die Menschwerdung Jesu: Gott wird wirklich Mensch
Die Menschwerdung Jesu bedeutet, dass der ewige Sohn Gottes wirklicher Mensch wurde, ohne seine göttliche Natur aufzugeben. Er trat durch die Geburt in unsere gefallene Welt ein, teilte das menschliche Leben und blieb doch ohne Sünde. Dadurch konnte er Gott vollkommen offenbaren, die Schuld des Menschen tragen, den Tod überwinden und als barmherziger Hohepriester denen helfen, die ihm vertrauen.
Einführung
Die Geburt Jesu gehört zu den bekanntesten Ereignissen der Bibel. Doch ihre eigentliche Bedeutung reicht weit über die vertrauten Bilder von Bethlehem hinaus. In der Krippe beginnt nicht das Dasein Christi. Derjenige, der dort als Kind liegt, war bereits vor der Erschaffung der Welt beim Vater. Das ewige Wort tritt in Zeit und Geschichte ein und nimmt ein Leben an, das von Abhängigkeit, Begrenzung und Leid geprägt ist.
Gerade hier begegnet der Glaube einem Geheimnis, das nicht durch einfache Vergleiche aufgelöst werden kann. Jesus ist weder ein gewöhnlicher Mensch, der später göttliche Würde empfängt, noch erscheint Gott lediglich in menschlicher Gestalt. Die Schrift bezeugt ihn als wahrhaft göttlich und wahrhaft menschlich. Wird eine dieser beiden Wahrheiten abgeschwächt, verändert sich auch das Verständnis seines Lebens, seines Opfers und seines Dienstes für den Menschen.
Die Menschwerdung berührt deshalb den gesamten Erlösungsplan. Sie wirft die Frage auf, warum der Sohn Gottes selbst kommen musste, weshalb er unsere Natur annahm und was seine Erniedrigung über das Wesen Gottes offenbart. Zugleich führt sie in die menschliche Erfahrung hinein: in Versuchung und Gehorsam, Schwachheit und Vertrauen, Leiden und Hoffnung.
Um diese Tiefe zu erkennen, genügt es nicht, nur bei der Geburt stehen zu bleiben. Der Weg beginnt beim ewigen Sohn, führt durch die Verheißungen der Schrift in sein wirkliches Menschsein hinein und reicht bis zu seinem rettenden Handeln. Erst in diesem Zusammenhang wird sichtbar, weshalb die Menschwerdung nicht nur ein Wunder der Vergangenheit ist, sondern die Grundlage dafür, dass Gott dem Menschen in Christus wirklich nahekommt.
Der Sohn vor seiner Geburt
Johannes 1,1-3 – „1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. 2 Dieses war im Anfang bei Gott. 3 Alles ist durch dasselbe entstanden; und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist."
Johannes 1,1-3 – „1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. 2 Dieses war im Anfang bei Gott. 3 Alles ist durch dasselbe entstanden; und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist."
Johannes 17,5 – „5 Und nun verherrliche du mich, Vater, bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war."
Kolosser 1,15-17 – „15 welcher das Ebenbild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Kreatur. 16 Denn in ihm ist alles erschaffen worden, was im Himmel und was auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: alles ist durch ihn und für ihn geschaffen; 17 und er ist vor allem, und alles besteht in ihm."
Die Menschwerdung Jesu kann erst richtig verstanden werden, wenn geklärt ist, wer derjenige war, der Mensch wurde. Die Bibel beginnt deshalb nicht bei Bethlehem, sondern führt weiter zurück. Johannes schreibt nicht: Im Anfang entstand das Wort, sondern: „Im Anfang war das Wort.“ Als die Schöpfung ihren Anfang nahm, war Christus bereits da. Seine Geburt war der Beginn seines menschlichen Lebens, nicht der Anfang seiner Existenz.
Johannes bezeichnet Christus als das Wort, das bei Gott war und selbst Gott war. Diese Aussagen gehören zusammen. Der Sohn wird vom Vater unterschieden, denn er war „bei Gott“. Zugleich wird ihm göttliches Wesen zugesprochen, denn „das Wort war Gott“. Damit bewahrt der Text sowohl die persönliche Beziehung zwischen Vater und Sohn als auch die wahre Gottheit Christi. Jesus ist nicht ein später erschaffenes Wesen, das Gott besonders erhöhte, sondern gehört von Ewigkeit her zur göttlichen Wirklichkeit.
Diese Wahrheit wird durch seine Beziehung zur Schöpfung bestätigt. Alles ist durch ihn geworden, und ohne ihn wurde nichts von dem, was entstanden ist. Christus steht daher nicht auf der Seite der geschaffenen Dinge. Er ist nicht Teil des „Alles“, das durch ihn ins Dasein kam, sondern derjenige, durch den es geschaffen wurde. Wer später als Kind in der Welt lebt, ist derselbe, durch den diese Welt überhaupt besteht.
Auch Paulus beschreibt Christus als den Schöpfer und Erhalter aller Dinge. Sichtbares und Unsichtbares, Mächte und Gewalten haben ihren Ursprung in ihm. Wenn Christus als „Erstgeborener aller Schöpfung“ bezeichnet wird, bedeutet dies im Zusammenhang nicht, dass er das erste geschaffene Wesen wäre. Der folgende Satz erklärt seine Vorrangstellung: Alles wurde durch ihn und für ihn geschaffen. Der Ausdruck bezeichnet seinen einzigartigen Rang und sein Herrschaftsrecht über die Schöpfung.
Jesus selbst spricht von einer Herrlichkeit, die er beim Vater besaß, ehe die Welt war. Kurz vor seinem Leiden bittet er nicht um eine Würde, die ihm erstmals verliehen werden soll, sondern um die Offenbarung jener Herrlichkeit, die bereits vor der Schöpfung zu ihm gehörte. Seine Worte setzen ein bewusstes Dasein beim Vater voraus. Zwischen Vater und Sohn bestand Gemeinschaft, bevor Zeit, Erde und menschliche Geschichte ihren Anfang nahmen.
Deshalb darf die Menschwerdung nicht so verstanden werden, als hätte Gott in Jesus lediglich einen besonders guten Menschen erwählt. Auch die Vorstellung, Christus sei erst bei seiner Empfängnis oder Taufe zum Sohn Gottes geworden, reicht nicht aus. Der Sohn kommt vom Vater in die Welt. Er wird gesandt, nimmt Fleisch an und kehrt nach vollendetem Werk zu der Herrlichkeit zurück, aus der er gekommen ist. Sein irdisches Leben steht zwischen seinem ewigen Dasein beim Vater und seiner erneuten Verherrlichung.
Diese Präexistenz gibt auch seinem freiwilligen Kommen sein eigentliches Gewicht. Nur wer zuvor in göttlicher Herrlichkeit lebte, konnte sich erniedrigen und Knechtsgestalt annehmen. Nur wer der Herr der Schöpfung war, konnte bewusst in ihre Begrenzungen eintreten. Die Demut Jesu besteht nicht darin, dass ein unbedeutender Mensch groß wurde, sondern darin, dass der ewige Sohn bereit war, niedrig zu werden.
Damit beginnt die biblische Betrachtung der Menschwerdung nicht bei menschlicher Schwachheit, sondern bei göttlicher Herrlichkeit. Der Weg führt vom Vater zur Welt, vom Schöpfer in die Schöpfung und von ewiger Gemeinschaft in ein Leben unter den Bedingungen der gefallenen Menschheit. Erst vor diesem Hintergrund wird erkennbar, wie weit Christus sich herabließ, als das ewige Wort Fleisch wurde.
Der freiwillige Weg in die Niedrigkeit
Philipper 2,6-8 – „6 welcher, da er sich in Gottes Gestalt befand, es nicht wie einen Raub festhielt, Gott gleich zu sein; 7 sondern sich selbst entäußerte, die Gestalt eines Knechtes annahm und den Menschen ähnlich wurde, 8 und in seiner äußern Erscheinung wie ein Mensch erfunden, sich selbst erniedrigte und gehorsam wurde bis zum Tod, ja bis zum Kreuzestod."
Philipper 2,6-8 – „6 welcher, da er sich in Gottes Gestalt befand, es nicht wie einen Raub festhielt, Gott gleich zu sein; 7 sondern sich selbst entäußerte, die Gestalt eines Knechtes annahm und den Menschen ähnlich wurde, 8 und in seiner äußern Erscheinung wie ein Mensch erfunden, sich selbst erniedrigte und gehorsam wurde bis zum Tod, ja bis zum Kreuzestod."
Hebräer 10,5-7 – „5 Darum spricht er bei seinem Eintritt in die Welt: «Opfer und Gaben hast du nicht gewollt; einen Leib aber hast du mir zubereitet. 6 Brandopfer und Sündopfer gefallen dir nicht. 7 Da sprach ich: Siehe, ich komme (in der Buchrolle steht von mir geschrieben), daß ich tue, o Gott, deinen Willen.»"
Johannes 6,38 – „38 Denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat."
Die Menschwerdung war kein Geschehen, das Christus widerfuhr, sondern ein Weg, den er bewusst annahm. Paulus beschreibt ihn als denjenigen, der in göttlicher Gestalt war und dennoch nicht eigennützig an seiner Stellung festhielt. Der ewige Sohn wurde nicht gegen seinen Willen in die Welt gesandt. Sein Kommen entsprang der vollkommenen Einheit zwischen seinem Willen und dem Willen des Vaters.
Wenn Paulus sagt, Christus habe sich selbst entäußert, meint er nicht, dass Jesus aufhörte, Gott zu sein. Der Text erklärt die Entäußerung unmittelbar dadurch, dass er Knechtsgestalt annahm und den Menschen gleich wurde. Christus legte seine göttliche Natur nicht ab, sondern nahm die menschliche Natur hinzu. Er verzichtete auf die uneingeschränkte sichtbare Herrlichkeit und trat in eine Lebensform ein, die von Abhängigkeit, Gehorsam und Erniedrigung geprägt war.
Gerade das macht die Tiefe seines Handelns aus. Menschen versuchen gewöhnlich, ihre Stellung zu bewahren, ihre Rechte zu verteidigen und sich vor Verlust zu schützen. Christus nutzte seine göttliche Würde dagegen nicht, um sich dem menschlichen Leiden zu entziehen. Er gebrauchte seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil, sondern stellte sich in den Dienst derer, die er retten wollte.
Der Hebräerbrief verbindet diesen Schritt mit den Worten: „Siehe, ich komme.“ Dabei wird Psalm 40 aufgenommen und auf Christus bezogen. Sein Kommen erscheint als bewusste Antwort auf den Willen Gottes. Die Opfer des alten Bundes konnten die Sünde nicht endgültig beseitigen; deshalb trat der Sohn selbst in die Geschichte ein, um in dem für ihn bereiteten menschlichen Leib vollkommenen Gehorsam zu leben und sich schließlich hinzugeben.
Auch Jesus beschreibt sein irdisches Leben als einen gesandten Auftrag. Er kam nicht, um unabhängig vom Vater einen eigenen Weg zu verfolgen, sondern um dessen Willen zu tun. Diese Unterordnung bedeutet keine geringere göttliche Würde, sondern offenbart die vollkommene Einheit der Liebe innerhalb des göttlichen Handelns. Vater und Sohn verfolgen nicht gegensätzliche Ziele: Der Vater sendet aus Liebe, und der Sohn kommt aus derselben Liebe.
Die freiwillige Erniedrigung Christi reicht deshalb weiter als seine Geburt. Paulus führt den Weg von der göttlichen Herrlichkeit über die Knechtsgestalt bis zum Gehorsam am Kreuz. Die Krippe und das Kreuz gehören zu derselben Bewegung. Derjenige, der sich in Bethlehem der menschlichen Abhängigkeit aussetzt, nimmt damit einen Weg an, dessen ganze Schwere ihm nicht verborgen ist.
Sein Gehorsam war dabei nicht bloß das Ausführen eines äußeren Befehls. Er entsprang einer vollkommenen Hingabe an den Vater und einer Liebe, die den verlorenen Menschen erreichen wollte. Christus kam mit dem Wissen, dass er Ablehnung, Versuchung, Leiden und Tod begegnen würde. Dennoch blieb sein Entschluss bestehen: Er wollte den Willen Gottes erfüllen und das Werk vollenden, das kein anderer vollbringen konnte.
So offenbart die Menschwerdung nicht nur, was Christus zurückließ, sondern vor allem, wer Gott ist. Göttliche Größe zeigt sich hier nicht im Festhalten an Vorrechten, sondern in selbstloser Hingabe. Der ewige Sohn steigt nicht herab, weil seine Herrlichkeit gering wäre, sondern weil seine Liebe größer ist als der Abstand, den die Sünde zwischen Gott und Mensch geschaffen hat.
Zurück: Der Sohn vor seiner Geburt Weiter: Als die erfüllte Zeit gekommen war
Als die erfüllte Zeit gekommen war
Galater 4,4-5 – „4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott Seinen Sohn, von einem Weibe geboren und unter das Gesetz getan, 5 damit er die, welche unter dem Gesetz waren, loskaufte, auf daß wir das Sohnesrecht empfingen."
Galater 4,4-5 – „4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott Seinen Sohn, von einem Weibe geboren und unter das Gesetz getan, 5 damit er die, welche unter dem Gesetz waren, loskaufte, auf daß wir das Sohnesrecht empfingen."
Jesaja 7,14 – „14 Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen und wird Mutter eines Sohnes, den sie Immanuel nennen wird."
Matthäus 1,22-23 – „22 Dieses alles aber ist geschehen, auf daß erfüllt würde, was von dem Herrn gesagt ist durch den Propheten, der da spricht: 23 «Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und man wird ihm den Namen Emmanuel geben; das heißt übersetzt: Gott mit uns.»"
Die Menschwerdung war nicht nur ein freiwilliger Schritt des Sohnes, sondern zugleich die Erfüllung eines lange vorbereiteten göttlichen Plans. Paulus fasst diesen Zusammenhang in den Worten zusammen: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn.“ Christus erschien weder zufällig noch zu einem beliebigen Augenblick. Sein Kommen stand innerhalb einer Geschichte, die Gott von Anfang an auf dieses Ziel hinführte.
Schon nach dem Sündenfall wurde die Hoffnung ausgesprochen, dass der Nachkomme der Frau der Schlange den Kopf zertreten würde. Diese erste Verheißung erklärte noch nicht alle Einzelheiten des kommenden Erlösers, setzte jedoch eine entscheidende Linie: Die Befreiung sollte innerhalb der Menschheitsgeschichte geschehen. Der Sieger über die Macht der Sünde würde als wirklicher Nachkomme der Frau auftreten und gerade dort handeln, wo der Mensch gefallen war.
Im weiteren Verlauf der Schrift wurde diese Erwartung zunehmend konkreter. Gott verband die Verheißung mit Abraham, durch dessen Nachkommen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten. Später wurde sie auf das königliche Geschlecht Davids bezogen. Der kommende Retter sollte deshalb nicht ohne geschichtliche Herkunft erscheinen, sondern in die von Gott geführte Geschichte Israels eintreten und die gegebenen Zusagen erfüllen.
Auch die Ankündigung des Immanuel gehört in diesen Zusammenhang. Jesajas Wort wurde zunächst in eine konkrete geschichtliche Krise hineingesprochen, in der das Haus Davids um seinen Fortbestand fürchtete. Matthäus zeigt jedoch, dass seine tiefste Erfüllung in der Geburt Jesu liegt. In ihm erhält der verheißene Name seine umfassende Bedeutung: Gott ist nicht nur durch Schutz und Führung mit seinem Volk, sondern kommt in der Person des Sohnes selbst zu den Menschen.
Diese Erfüllung hebt den ursprünglichen Zusammenhang der Verheißung nicht auf, sondern führt die darin eröffnete Hoffnung zu ihrem Höhepunkt. Die Schrift behandelt Gottes Zusagen nicht als voneinander getrennte Vorhersagen, sondern als eine wachsende heilsgeschichtliche Linie. Was zunächst in einzelnen Bildern, Namen und Verheißungen sichtbar wurde, nimmt in Jesus konkrete Gestalt an. Die Menschwerdung verbindet deshalb das Handeln Gottes im Alten Testament mit der Erfüllung im Neuen.
Paulus betont außerdem, dass Christus „von einer Frau geboren“ wurde. Der Sohn trat nicht scheinbar in die Welt ein und nahm auch keinen vom menschlichen Geschlecht unabhängigen Leib an. Er wurde geboren und erhielt eine wirkliche menschliche Herkunft. Zugleich blieb sein Kommen ein göttliches Senden: Derjenige, der geboren wurde, war der Sohn, den Gott in die Welt sandte.
Christus wurde auch „unter das Gesetz getan“. Er trat damit in die Bundes- und Lebensordnung ein, unter der sein Volk stand. Er empfing nicht nur einen menschlichen Körper, sondern nahm eine bestimmte geschichtliche Stellung an. Als Israelit lebte er innerhalb der von Gott gegebenen Offenbarung und erfüllte in vollkommenem Gehorsam, woran sündige Menschen immer wieder gescheitert waren.
Doch dieser Eintritt in die Geschichte hatte ein klares Ziel. Der Sohn kam unter das Gesetz, um die unter dem Gesetz Stehenden zu erlösen und ihnen die Sohnschaft zu schenken. Gottes Plan endet daher nicht bei der Geburt Jesu. Die erfüllte Zeit bringt den Erlöser, der in die Lage des Menschen eintritt, damit der Mensch aus Knechtschaft herausgeführt und in die Gemeinschaft mit Gott aufgenommen werden kann.
So steht Bethlehem nicht als überraschende Unterbrechung in der biblischen Geschichte. Dort laufen Verheißung, Bund, Hoffnung und göttliche Führung zusammen. Der ewige Sohn kommt in die von Gott vorbereitete Zeit, nimmt seinen Platz innerhalb der menschlichen Geschichte ein und beginnt das Werk, auf das die Schrift seit den ersten Seiten hingewiesen hat.
Zurück: Der freiwillige Weg in die Niedrigkeit Weiter: Vom Heiligen Geist empfangen
Vom Heiligen Geist empfangen
Lukas 1,34-35 – „34 Maria aber sprach zu dem Engel: Wie kann das sein, da ich keinen Mann kenne? 35 Und der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Darum wird auch das Heilige, das erzeugt wird, Sohn Gottes genannt werden."
Lukas 1,34-35 – „34 Maria aber sprach zu dem Engel: Wie kann das sein, da ich keinen Mann kenne? 35 Und der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Darum wird auch das Heilige, das erzeugt wird, Sohn Gottes genannt werden."
Matthäus 1,18-21 – „18 Die Geburt Jesu Christi aber war also: Als seine Mutter Maria mit Joseph verlobt war, noch ehe sie zusammenkamen, erfand sich's, daß sie empfangen hatte vom heiligen Geist. 19 Aber Joseph, ihr Mann, der gerecht war und sie doch nicht an den Pranger stellen wollte, gedachte sie heimlich zu entlassen. 20 Während er aber solches im Sinne hatte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum,…"
Lukas 1,30-33 – „30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade bei Gott gefunden. 31 Und siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären; und du sollst ihm den Namen Jesus geben. 32 Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben; 33 und er wird regieren über das Haus Jakobs in Ewigkeit, und seines Reiches …"
Die Verheißungen führten bis zu dem Augenblick, in dem der ewige Sohn tatsächlich in das menschliche Leben eintrat. Lukas und Matthäus beschreiben diesen Anfang mit großer Zurückhaltung und zugleich mit eindeutiger Klarheit. Maria sollte ein Kind empfangen, obwohl sie mit keinem Mann zusammengelebt hatte. Die Menschwerdung beginnt deshalb nicht durch gewöhnliche menschliche Zeugung, sondern durch ein einzigartiges Handeln Gottes.
Als Maria fragt, wie dies geschehen könne, erhält sie keine medizinische oder naturwissenschaftliche Erklärung. Der Engel antwortet: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“ Damit wird der Ursprung des Kindes eindeutig dem Wirken Gottes zugeschrieben. Die Empfängnis Jesu ist ein Schöpfungshandeln, das menschliche Möglichkeiten übersteigt, ohne Marias wirkliche Beteiligung und die tatsächliche Entwicklung des Kindes in ihrem Leib aufzuheben.
Der Heilige Geist ersetzt dabei keinen menschlichen Vater im biologischen Sinn, und Gott wird nicht in einer körperlichen Verbindung mit Maria dargestellt. Solche Vorstellungen liegen dem Bibeltext fern. Die Sprache des Engels beschreibt ein heiliges, souveränes Wirken Gottes. Das ewige Wort nimmt durch dieses Wunder menschliche Natur an, ohne dass seine göttliche Sohnschaft erst in diesem Augenblick beginnen würde.
Jesus ist daher nicht das Ergebnis einer Verbindung zweier bereits vorhandener Naturen oder Wesen. Der Sohn Gottes wird auch nicht in einen menschlichen Körper hineingesetzt, der unabhängig von ihm vorbereitet worden wäre. Er selbst wird Mensch. In Marias Leib beginnt sein wirkliches menschliches Dasein mit körperlicher Entwicklung, Geburt und allem, was zu einem echten menschlichen Leben gehört.
Matthäus bestätigt dieselbe Wahrheit aus der Sicht Josephs. Die Schwangerschaft Marias bringt ihn in eine Lage, die er zunächst nur nach dem beurteilen kann, was äußerlich sichtbar ist. Erst Gottes Offenbarung macht ihm verständlich, dass das in ihr Gezeugte vom Heiligen Geist ist. Joseph wird damit nicht zum leiblichen Vater Jesu, übernimmt jedoch im Gehorsam gegenüber Gott die rechtliche und familiäre Verantwortung für das Kind.
Der Engel verbindet die wunderbare Empfängnis unmittelbar mit dem Namen und dem Auftrag Jesu: „Du sollst seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.“ Das Wunder dient also nicht dazu, bloß Staunen hervorzurufen. Es weist darauf hin, dass der kommende Retter seinen Ursprung nicht in menschlicher Planung besitzt und dass seine Sendung von Gott ausgeht. Derjenige, der geboren wird, kommt, um ein Werk zu vollbringen, das kein gewöhnlicher Mensch leisten könnte.
Zugleich darf die Jungfrauengeburt nicht so erklärt werden, als wäre menschliche Natur an sich sündig oder als würde Sünde ausschließlich durch einen menschlichen Vater weitergegeben. Die Bibel lehrt eine solche biologische Erklärung nicht. Sie bezeugt vielmehr, dass Jesus wirklicher Mensch wurde und dennoch „das Heilige“ genannt wird. Seine Sündlosigkeit gründet in seiner Person und in seinem vollkommenen Leben, nicht in einer von der Schrift nicht erklärten Theorie über die Vererbung der Sünde.
In der Empfängnis Jesu begegnen sich daher göttliches Wunder und wirkliche Menschlichkeit. Der Sohn kommt von Gott und wird zugleich von einer Frau geboren. Er besitzt keinen menschlichen Vater, aber eine echte menschliche Abstammung, einen wirklichen Leib und eine tatsächliche Lebensgeschichte. So wird bereits an seinem irdischen Anfang sichtbar, dass Jesus nicht nur wie ein Mensch erscheint: Der ewige Sohn ist wahrhaft in unsere Menschheit eingetreten.
Zurück: Als die erfüllte Zeit gekommen war Weiter: Wirklich Mensch geworden
Wirklich Mensch geworden
Hebräer 2,14 – „14 Da nun die Kinder Fleisch und Blut gemeinsam haben, ist er in ähnlicher Weise dessen teilhaftig geworden, damit er durch den Tod den außer Wirksamkeit setzte, der des Todes Gewalt hat, nämlich den Teufel,"
Hebräer 2,14 – „14 Da nun die Kinder Fleisch und Blut gemeinsam haben, ist er in ähnlicher Weise dessen teilhaftig geworden, damit er durch den Tod den außer Wirksamkeit setzte, der des Todes Gewalt hat, nämlich den Teufel,"
Lukas 2,40 – „40 Das Kindlein aber wuchs und ward stark, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade war auf ihm."
Lukas 2,52 – „52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen."
Die wunderbare Empfängnis Jesu darf nicht den Eindruck erwecken, sein Menschsein sei nur äußerlich oder von anderer Art gewesen als das unsere. Der Hebräerbrief sagt, dass die Menschen Fleisch und Blut gemeinsam haben und Christus daran „in gleicher Weise“ Anteil nahm. Er erschien nicht lediglich in menschlicher Gestalt, sondern wurde wirklich einer von ihnen. Sein Leib, seine Entwicklung und seine Erfahrungen gehörten vollständig zur menschlichen Wirklichkeit.
Nach seiner Geburt durchlief Jesus nicht nur scheinbar die verschiedenen Lebensstufen. Er begann als hilfsbedürftiges Kind, war auf Fürsorge angewiesen und wuchs innerhalb einer Familie heran. Lukas beschreibt, wie das Kind zunahm und stark wurde. Der Sohn Gottes übersprang die menschliche Entwicklung nicht, obwohl er der Schöpfer des Lebens war.
Auch sein Wachstum an Weisheit gehört zu diesem wirklichen Menschsein. Die Aussage, Jesus habe an Weisheit zugenommen, bedeutet nicht, dass seine göttliche Natur unvollkommen oder unwissend gewesen wäre. Sie zeigt vielmehr, dass er als Mensch nicht mit einer äußerlich unbegrenzten Entfaltung göttlichen Wissens durch die Kindheit ging. Seine menschlichen Fähigkeiten entwickelten sich in der Weise, die zu einem wirklichen menschlichen Leben gehört.
Dabei blieb Jesus vom Vater abhängig. Er wuchs im Umgang mit der Schrift, im Gebet und im gehorsamen Leben. Sein menschlicher Weg wurde nicht dadurch unecht, dass er der Sohn Gottes war. Gerade seine freiwillige Abhängigkeit zeigt, wie vollständig er die Bedingungen des Menschseins angenommen hatte. Er lebte nicht außerhalb der menschlichen Ordnung, sondern innerhalb ihrer Grenzen in ungebrochener Gemeinschaft mit Gott.
Die Evangelien verschweigen auch seine körperlichen Bedürfnisse nicht. Jesus wurde hungrig und durstig, ermüdete nach einer Reise und schlief erschöpft in einem Boot. Er empfand Schmerzen, weinte und erlebte tiefe innere Bedrängnis. Diese Erfahrungen waren weder gespielt noch bloße Bilder für etwas Geistliches. Sie gehörten zu seinem wirklichen menschlichen Leben.
Ebenso echt waren seine Beziehungen. Jesus kannte familiäre Bindungen, Freundschaft, Zuneigung und die Trauer über den Verlust eines Menschen. Er erlebte Missverständnis, Ablehnung und Einsamkeit. Sein Menschsein bestand deshalb nicht nur aus einem menschlichen Körper, sondern umfasste auch Empfinden, Denken, Wollen und Beziehung. Dennoch darf seine menschliche Seele nicht als eine zweite, von der Person des Sohnes getrennte Person verstanden werden: Es ist stets derselbe Christus, der göttlich ist und menschlich lebt.
Die Schrift fasst dieses Geheimnis nicht in einer technischen Erklärung auf. Sie hält vielmehr beide Wahrheiten fest: Derjenige, der Fleisch und Blut annahm, war der ewige Sohn, und das Menschsein, das er annahm, war vollständig wirklich. Seine Gottheit verwandelte seine menschliche Natur nicht in etwas Unmenschliches; seine Menschheit verminderte umgekehrt nicht seine göttliche Identität.
Darum ist Jesu menschliches Leben für die Erlösung unverzichtbar. Nur weil er wirklich zu unserem Geschlecht gehörte, konnte er an unserer Stelle handeln, unsere Lage tragen und den Tod betreten. Der Retter blieb nicht oberhalb der menschlichen Erfahrung. Er kam in sie hinein und durchlief ihren Weg von der Kindheit bis zum Tod, ohne aufzuhören, der ewige Sohn Gottes zu sein.
Zurück: Vom Heiligen Geist empfangen Weiter: Wahrer Gott und wahrer Mensch
Wahrer Gott und wahrer Mensch
Johannes 1,14 – „14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit."
Johannes 1,14 – „14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit."
Kolosser 2,9 – „9 Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig;"
1. Timotheus 3,16 – „16 Und anerkannt groß ist das Geheimnis der Gottseligkeit: Gott ist geoffenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt unter den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in Herrlichkeit."
Die Schrift beschreibt die Menschwerdung nicht als Verwandlung Gottes in einen Menschen, sondern mit den Worten: „Das Wort wurde Fleisch.“ Der ewige Sohn hörte nicht auf, der zu sein, der er von Ewigkeit her war. Er nahm menschliche Natur an und trat dadurch in eine Lebensweise ein, die er zuvor nicht besessen hatte. Derjenige, der Mensch wurde, blieb derselbe göttliche Sohn.
Johannes sagt deshalb nicht, dass das Wort lediglich einen menschlichen Leib benutzte oder zeitweise in einem Menschen wohnte. Das Wort selbst wurde Fleisch. „Fleisch“ bezeichnet hier den Menschen in seiner geschöpflichen, schwachen und sterblichen Lebenswirklichkeit. Christus nahm keine bloße äußere Hülle an, sondern wurde in umfassendem Sinn Mensch und wohnte unter den Menschen.
Zugleich blieb in ihm die Fülle der Gottheit gegenwärtig. Paulus schreibt, dass in Christus die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt. Seine göttliche Identität wurde durch seine menschliche Geburt weder aufgehoben noch auf einen unvollständigen Rest vermindert. In dem Menschen Jesus Christus begegnet deshalb nicht nur ein Bote Gottes, sondern der Sohn selbst.
Diese beiden Wahrheiten dürfen weder voneinander getrennt noch miteinander vermischt werden. Jesus ist nicht zeitweise Gott und zu anderen Zeiten nur Mensch. Ebenso besteht er nicht aus zwei voneinander unabhängigen Personen, die gemeinsam handeln. Derjenige, der müde am Brunnen sitzt, ist derselbe, durch den alle Dinge geschaffen wurden. Derjenige, der als Kind getragen wird, ist derselbe, der die Schöpfung erhält.
Dennoch hebt seine Gottheit die Wirklichkeit seines menschlichen Lebens nicht auf. Wenn Jesus hungert, leidet oder stirbt, sind diese Erfahrungen nicht bloßer Schein. Sie gehören zu der menschlichen Natur, die der Sohn wirklich angenommen hat. Umgekehrt wird seine menschliche Begrenzung nicht zu einem Beweis gegen seine Gottheit. Die Evangelien bezeugen beides, ohne das Geheimnis durch eine vereinfachende Erklärung aufzulösen.
Darum müssen die Aussagen über Christus jeweils in ihrem Zusammenhang verstanden werden. Wenn er wächst, lernt, betet und dem Vater gehorcht, wird sein wirkliches Menschsein sichtbar. Wenn er Sünden vergibt, göttliche Ehre empfängt, über die Natur gebietet und von einer Herrlichkeit vor der Erschaffung der Welt spricht, tritt seine göttliche Identität hervor. Es handelt jedoch niemals ein anderer Christus, sondern stets derselbe Sohn in der Wirklichkeit seiner Menschwerdung.
Diese Einheit erklärt auch, weshalb sein Leben und Sterben eine Bedeutung besitzen, die über das Schicksal eines einzelnen Menschen hinausgeht. Weil er Mensch ist, kann er die Menschheit wirklich vertreten und an ihrer Stelle handeln. Weil er der göttliche Sohn ist, besitzt seine Selbsthingabe eine einzigartige Würde und rettende Kraft. Weder ein Engel noch ein sündiger Mensch hätte dieses Werk vollbringen können.
Paulus fasst die Größe dieses Geschehens mit den Worten zusammen: „Gott ist geoffenbart worden im Fleisch.“ Die Menschwerdung macht den unsichtbaren Gott nicht vollständig begreifbar, aber sie offenbart ihn in einer Weise, die der Mensch sehen, hören und erfahren kann. Gottes Wesen wird im Leben des Sohnes nicht nur erklärt, sondern sichtbar.
So steht im Mittelpunkt des christlichen Glaubens nicht eine abstrakte Verbindung von Göttlichem und Menschlichem, sondern die lebendige Person Jesu Christi. In ihm begegnen wirkliche göttliche Herrlichkeit und vollständiges Menschsein, ohne dass eines das andere verdrängt. Gerade diese untrennbare Einheit macht ihn zu dem, der Gott offenbaren und zugleich den verlorenen Menschen zu Gott zurückführen kann.
Zurück: Wirklich Mensch geworden Weiter: Versucht wie wir, doch ohne Sünde
Versucht wie wir, doch ohne Sünde
Hebräer 4,15 – „15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der kein Mitleid haben könnte mit unsren Schwachheiten, sondern der in allem gleich [wie wir] versucht worden ist, doch ohne Sünde."
Hebräer 4,15 – „15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der kein Mitleid haben könnte mit unsren Schwachheiten, sondern der in allem gleich [wie wir] versucht worden ist, doch ohne Sünde."
Römer 8,3 – „3 Denn was dem Gesetz unmöglich war (weil es durch das Fleisch geschwächt wurde), das hat Gott getan, nämlich die Sünde im Fleische verdammt, indem er seinen Sohn sandte in der Ähnlichkeit des sündlichen Fleisches und um der Sünde willen,"
1. Petrus 2,21-22 – „21 Denn dazu seid ihr berufen, weil auch Christus für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen hat, daß ihr seinen Fußstapfen nachfolget. 22 «Er hat keine Sünde getan, es ist auch kein Betrug in seinem Munde erfunden worden»;"
Das wirkliche Menschsein Jesu schließt auch die Begegnung mit Versuchung ein. Der Hebräerbrief sagt nicht nur, dass Christus unsere Schwachheiten kennt, sondern dass er „in allem in gleicher Weise wie wir versucht worden ist“. Sein Gehorsam wurde nicht unter geschützten Bedingungen gelebt. Er trat in eine Welt ein, in der Hunger, Leid, Angst, Verführung und der Druck des Bösen tatsächliche Wirklichkeiten waren.
Versuchung bedeutet jedoch nicht Sünde. Auch ein sündloser Mensch kann zur Abkehr von Gott gedrängt werden, solange er diesem Drängen nicht zustimmt. Jesus begegnete der Versuchung mit seinem wirklichen menschlichen Willen, doch er gab ihr niemals Raum. Die Schrift bezeugt ausdrücklich, dass er keine Sünde tat und kein Betrug in seinem Mund gefunden wurde.
Seine Versuchungen waren deshalb weder Schauspiel noch bloße äußere Prüfungen. In der Wüste traf ihn der Versucher dort, wo sein menschliches Leben tatsächlich unter Belastung stand. Nach langem Fasten war Jesus hungrig. Dennoch gebrauchte er seine göttliche Macht nicht, um sich unabhängig vom Vater Erleichterung zu verschaffen. Die Versuchung zielte darauf, seine Sohnschaft von Vertrauen und Gehorsam zu lösen.
Auch später begegnete ihm derselbe Grundangriff in unterschiedlichen Formen. Menschen wollten ihn zum König machen, seine Gegner forderten Zeichen, und selbst wohlmeinende Jünger versuchten, ihn vom Leidensweg abzuhalten. Am Kreuz wurde er aufgefordert, sich selbst zu retten. Immer wieder lag die Versuchung darin, den Auftrag des Vaters zu verlassen, Macht für sich selbst einzusetzen oder dem Weg des Gehorsams auszuweichen.
Paulus schreibt, dass Gott seinen Sohn „in der Gestalt des Fleisches der Sünde“ sandte. Damit wird Jesu wirkliche Nähe zur gefallenen Menschheit beschrieben, nicht eine sündige Gesinnung in ihm. Er erschien nicht in der unberührten Umgebung des Paradieses, sondern trat in eine Menschheit ein, die seit Generationen unter den Folgen der Sünde lebte. Er kannte körperliche Schwäche, Sterblichkeit, Leid und den Druck einer von Gott entfremdeten Welt, ohne selbst innerlich gegen Gott aufzubegehren.
Die Bibel sagt daher weder, Jesus sei von menschlicher Schwachheit unberührt geblieben, noch schreibt sie ihm sündige Neigungen oder persönliche Schuld zu. Er war „heilig, unschuldig, unbefleckt“ und blieb in ununterbrochener Übereinstimmung mit dem Vater. Seine Reinheit bestand nicht darin, dass er Versuchung nicht kannte, sondern darin, dass er unter ihrem ganzen Druck treu blieb.
Gerade deshalb unterscheidet sich sein Gehorsam von einer bloßen äußeren Fehlerlosigkeit. Jesus lebte aus Vertrauen, Gebet und Hingabe. Er begegnete der Versuchung mit dem Wort Gottes und blieb vom Vater abhängig. Damit zeigte er nicht nur, was das Gesetz fordert, sondern wie ein menschliches Leben aussieht, das vollkommen von der Gemeinschaft mit Gott getragen wird.
Seine Sündlosigkeit macht ihn jedoch nicht zu einem unerreichbaren Beobachter menschlichen Ringens. Wer der Versuchung nachgibt, erfährt ihren Druck nur bis zum Augenblick des Nachgebens. Christus widerstand bis zum Ende und kennt deshalb ihre Macht in einer Tiefe, die der gefallene Mensch nicht vollständig ermessen kann. Er versteht die Schwachheit, ohne sie gutzuheißen, und begegnet dem Versuchten mit Erbarmen, ohne die Sünde zu verharmlosen.
So steht Jesus nicht nur als Beispiel vor dem Menschen. Sein vollkommenes Leben war die notwendige Voraussetzung dafür, dass er als schuldloser Stellvertreter handeln konnte. Er wurde wirklich versucht und blieb wirklich ohne Sünde. Gerade weil der Böse keinen Anspruch an ihn fand, konnte Christus den Platz der Schuldigen einnehmen und dort siegen, wo die Menschheit gefallen war.
Zurück: Wahrer Gott und wahrer Mensch Weiter: Durch den Tod den Tod überwunden
Durch den Tod den Tod überwunden
Hebräer 2,14-17 – „14 Da nun die Kinder Fleisch und Blut gemeinsam haben, ist er in ähnlicher Weise dessen teilhaftig geworden, damit er durch den Tod den außer Wirksamkeit setzte, der des Todes Gewalt hat, nämlich den Teufel, 15 und alle diejenigen befreite, welche durch Todesfurcht ihr ganzes Leben hindurch in Knechtschaft gehalten wurden. 16 Denn er nimmt sich ja nicht der Engel an, sondern des Samens Abrahams n…"
Hebräer 2,14-17 – „14 Da nun die Kinder Fleisch und Blut gemeinsam haben, ist er in ähnlicher Weise dessen teilhaftig geworden, damit er durch den Tod den außer Wirksamkeit setzte, der des Todes Gewalt hat, nämlich den Teufel, 15 und alle diejenigen befreite, welche durch Todesfurcht ihr ganzes Leben hindurch in Knechtschaft gehalten wurden. 16 Denn er nimmt sich ja nicht der Engel an, sondern des Samens Abrahams n…"
1. Korinther 15,21-22 – „21 Denn weil der Tod kam durch einen Menschen, so kommt auch die Auferstehung der Toten durch einen Menschen; 22 denn gleichwie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden."
Römer 5,18-19 – „18 Also: wie der Sündenfall des einen zur Verurteilung aller Menschen führte, so führt auch das gerechte Tun des Einen alle Menschen zur lebenbringenden Rechtfertigung. 19 Denn gleichwie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern gemacht worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die vielen zu Gerechten gemacht."
Die Sündlosigkeit Jesu war nicht nur ein vollkommenes Vorbild für menschlichen Gehorsam. Sie bereitete den Weg dafür, dass er stellvertretend für Schuldige handeln konnte. Der Hebräerbrief verbindet deshalb die Menschwerdung unmittelbar mit seinem Tod: Weil die Menschen Fleisch und Blut besitzen, nahm auch Christus daran teil. Er wurde sterblich, damit er gerade durch den Tod die Macht des Todes überwinden konnte.
Als ewiger Sohn war Christus nicht dem Tod unterworfen. Gott ist die Quelle des Lebens, und in dem Wort war das Leben. Erst indem der Sohn wirklicher Mensch wurde, konnte er sterben. Die Menschwerdung ist daher nicht von Golgatha zu trennen. Der Leib, den er annahm, war nicht nur das Mittel, um unter den Menschen zu leben, sondern auch der Leib, in dem er sich für sie hingeben konnte.
Der Tod erscheint in der Bibel nicht lediglich als natürlicher Abschluss des Lebens. Er ist als Folge der Sünde in die menschliche Geschichte eingedrungen. Seit Adams Fall steht die Menschheit unter einer Macht, die niemand aus eigener Kraft durchbrechen kann. Jeder Mensch wird geboren, lebt eine begrenzte Zeit und geht schließlich dem Tod entgegen. Kein menschlicher Gehorsam kann nachträglich die bereits entstandene Schuld aufheben oder verlorenes Leben aus sich selbst zurückbringen.
Christus trat in diese Lage ein, ohne selbst an Adams Ungehorsam teilzunehmen. Paulus stellt Adam und Christus deshalb einander gegenüber. Durch den Ungehorsam des einen kamen Sünde, Verurteilung und Tod über die Menschheit; durch den Gehorsam des anderen werden Rechtfertigung und Leben eröffnet. Jesus beginnt nicht nur eine bessere Lehre, sondern steht als neuer Repräsentant der Menschheit dort, wo der erste Mensch gefallen war.
Seine Stellvertretung ist nur möglich, weil er wirklich zu denen gehört, die er retten will. Der Hebräerbrief sagt, dass er seinen Brüdern in allem gleich werden musste. Damit wird keine Gleichheit in persönlicher Sünde gemeint, sondern seine vollständige Teilnahme an der menschlichen Lebenswirklichkeit. Er nimmt den Platz des Menschen nicht als Außenstehender ein, sondern als einer, der Fleisch und Blut, Leiden und Sterblichkeit mit ihm teilt.
Zugleich unterscheidet er sich entscheidend von allen anderen Menschen. Jesus trägt keine eigene Schuld und steht deshalb nicht selbst unter einem Todesurteil, das er verdient hätte. Sein Tod ist keine unvermeidliche Folge persönlichen Versagens, sondern freiwillige Hingabe. Er kann das Leben für andere geben, weil er selbst ohne Sünde ist und der Tod keinen rechtmäßigen Anspruch auf ihn besitzt.
Dadurch wird der Tod, den Christus erleidet, zum Ort seines Sieges. Satan besitzt nicht unabhängig von Gott eine uneingeschränkte Herrschaft über Leben und Tod. Seine Macht besteht in der Sünde, der Anklage und der Furcht, durch die Menschen in Knechtschaft gehalten werden. Als Jesus die Schuld trägt, stirbt und aufersteht, wird sichtbar, dass weder die Anklage noch das Grab das letzte Wort behalten.
Die Erlösung besteht deshalb nicht darin, dass der Mensch dem leiblichen Dasein entkommt. Christus rettet den ganzen Menschen, indem er selbst Mensch wird, stirbt und leiblich aufersteht. Die Hoffnung des Glaubens richtet sich nicht auf eine von der Schöpfung losgelöste Existenz, sondern auf die Auferstehung und die endgültige Befreiung von Sünde und Tod.
So erklärt die Menschwerdung, wie Gott den Menschen aus seiner tiefsten Gefangenschaft befreit. Der Sohn nahm das sterbliche Leben an, um den Tod von innen her zu überwinden. Er wurde unser Bruder, ohne unsere Sünde zu teilen, und ging an unserer Stelle in das Gericht hinein. Weil der Menschgewordene nicht im Grab blieb, ist der Tod für alle, die zu ihm gehören, nicht mehr das endgültige Ende.
Zurück: Versucht wie wir, doch ohne Sünde Weiter: Der mitfühlende Hohepriester
Der mitfühlende Hohepriester
Hebräer 4,15-16 – „15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der kein Mitleid haben könnte mit unsren Schwachheiten, sondern der in allem gleich [wie wir] versucht worden ist, doch ohne Sünde. 16 So lasset uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe!"
Hebräer 4,15-16 – „15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der kein Mitleid haben könnte mit unsren Schwachheiten, sondern der in allem gleich [wie wir] versucht worden ist, doch ohne Sünde. 16 So lasset uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe!"
Hebräer 2,17-18 – „17 Daher mußte er in allem den Brüdern ähnlich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, um die Sünden des Volkes zu sühnen; 18 denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht wurde, kann er denen helfen, die versucht werden."
Hebräer 5,7-9 – „7 Und er hat in den Tagen seines Fleisches Bitten und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tode retten konnte, und ist auch erhört [und befreit] worden von dem Zagen. 8 Und wiewohl er Sohn war, hat er doch an dem, was er litt, den Gehorsam gelernt; 9 und [so] zur Vollendung gelangt, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden,"
Die Menschwerdung ermöglichte nicht nur den stellvertretenden Tod Jesu. Sie ist ebenso die Grundlage seines fortdauernden Dienstes für den Menschen. Der Hebräerbrief stellt Christus als den großen Hohenpriester vor, der vor Gott für sein Volk eintritt. Dabei ist er kein ferner Mittler, der die menschliche Not nur aus göttlicher Allwissenheit kennt. Er hat das Leben, dessen Lasten er trägt, selbst durchschritten.
Ein Hoherpriester hatte die Aufgabe, zwischen Gott und dem Volk zu dienen. Er trat nicht an die Stelle Gottes und konnte auch nicht aus eigener Macht Vergebung bewirken. Sein Dienst wies darauf hin, dass sündige Menschen einen von Gott bestimmten Zugang benötigen. In Christus erreicht dieses Bild seine Erfüllung: Er bringt nicht das Opfer eines anderen dar, sondern gibt sich selbst und tritt aufgrund seines vollendeten Werkes vor den Vater.
Damit er diesen Dienst ausüben konnte, musste er seinen Brüdern gleich werden. Der Hebräerbrief verbindet sein Menschsein ausdrücklich damit, dass er ein barmherziger und treuer Hoherpriester sein konnte. Seine Barmherzigkeit beruht nicht auf Nachsicht gegenüber der Sünde, sondern auf einem vollkommenen Verständnis der menschlichen Schwachheit. Seine Treue zeigt sich darin, dass er Gottes Willen bis zum Ende erfüllte und den Menschen auch unter größtem Leiden nicht aufgab.
Jesus kennt nicht nur körperliche Schmerzen und äußere Bedrängnis. Er weiß, was es bedeutet, unter Versuchung zu stehen, von Menschen missverstanden zu werden und im Gebet mit schwerer innerer Not vor Gott zu treten. Der Hebräerbrief erinnert daran, dass er während seines irdischen Lebens mit starkem Schreien und Tränen betete. Sein Gehorsam war kein unberührtes Durchschreiten des Leidens, sondern bewährte sich mitten in einer Wirklichkeit, deren Schwere er vollständig empfand.
Wenn gesagt wird, Christus habe durch das, was er litt, Gehorsam gelernt, bedeutet das nicht, dass er zuvor ungehorsam oder moralisch unvollkommen gewesen wäre. Er lernte Gehorsam in dem Sinn, dass er ihn als Mensch unter immer schwereren Bedingungen tatsächlich durchlebte. Was dem ewigen Sohn seinem Wesen nach nicht fremd war, wurde in seiner menschlichen Erfahrung bis zum Kreuz bewährt und vollendet.
Deshalb kann er denen helfen, die versucht werden. Diese Hilfe besteht nicht nur aus Mitgefühl oder einem guten Beispiel. Christus tritt für die Seinen ein, schenkt Vergebung, gibt durch den Heiligen Geist Kraft und führt sie immer wieder in die Gemeinschaft mit Gott zurück. Er versteht ihre Schwachheit, ohne sie darin festzuhalten, und begegnet ihrem Fallen mit Gnade, ohne die Sünde zu verharmlosen.
Der offene Zugang zum Thron der Gnade gründet daher nicht in der Würdigkeit des Menschen. Wer zu Gott kommt, muss seine Not weder verbergen noch sich durch eigene Leistung zunächst annehmbar machen. Der Freimut, von dem der Hebräerbrief spricht, ist kein selbstsicheres Auftreten, sondern Vertrauen auf den, der den Weg geöffnet hat. Der Mensch darf kommen, weil Christus ihn vertritt.
Gnade bedeutet dabei mehr als nachträgliche Vergebung. Der Gläubige soll Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden „zur rechtzeitigen Hilfe“. Christus begegnet ihm also nicht erst nach dem Versagen, sondern auch mitten im Kampf. Seine menschliche Erfahrung macht seine Hilfe verständlich und nah; seine göttliche Macht macht sie wirksam.
So setzt sich die Bedeutung der Menschwerdung über Jesu irdisches Leben hinaus fort. Der auferstandene und verherrlichte Christus hat sein Menschsein nicht abgelegt. Derjenige, der vor dem Vater dient, ist derselbe, der Hunger, Tränen, Versuchung und Leiden kannte. Darum steht zwischen Gott und dem Menschen kein unbeteiligter Vermittler, sondern der menschgewordene Sohn, der vollkommen versteht und vollkommen retten kann.
Zurück: Durch den Tod den Tod überwunden Weiter: Der menschgewordene Sohn offenbart den Vater
Der menschgewordene Sohn offenbart den Vater
Johannes 1,18 – „18 Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoße des Vaters ist, der hat uns Aufschluß über ihn gegeben."
Johannes 1,18 – „18 Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoße des Vaters ist, der hat uns Aufschluß über ihn gegeben."
Johannes 14,8-10 – „8 Philippus spricht zu ihm: Herr, zeige uns den Vater, so genügt es uns! 9 Spricht Jesus zu ihm: So lange Zeit bin ich bei euch, und du kennst mich noch nicht? Philippus, wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen! Wie kannst du sagen: Zeige uns den Vater? 10 Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst, sonde…"
Hebräer 1,1-3 – „1 Nachdem Gott vor Zeiten manchmal und auf mancherlei Weise zu den Vätern geredet hat durch die Propheten, hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn, 2 welchen er zum Erben von allem eingesetzt, durch welchen er auch die Weltzeiten gemacht hat; 3 welcher, da er die Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und der Ausdruck seines Wesens ist und alle Dinge trägt mit dem Wort seiner Kraft…"
Die Menschwerdung beantwortet nicht nur die Frage, wie der Mensch erlöst werden kann. Sie zeigt zugleich, wie Gott erkannt werden will. Der unsichtbare Gott bleibt dem menschlichen Blick entzogen, doch er hat sich nicht im Verborgenen gelassen. Im Sohn tritt er so in die Geschichte ein, dass Menschen seine Worte hören, sein Handeln beobachten und in seinem Leben erkennen können, wie Gott wirklich ist.
Johannes erklärt, dass niemand Gott je gesehen hat und dass der Sohn ihn kundgemacht hat. Christus vermittelt daher nicht lediglich einzelne Informationen über Gott. Er legt den Vater aus, macht sein Wesen verständlich und führt den Menschen in eine Erkenntnis, die ohne ihn nicht möglich wäre. Was zuvor durch Worte, Verheißungen und Gottes Handeln sichtbar wurde, begegnet nun in der Person Jesu.
Darum kann Jesus zu Philippus sagen: „Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen.“ Damit behauptet er nicht, selbst der Vater zu sein. Vater und Sohn bleiben als Personen voneinander unterschieden. Doch der Sohn steht in vollkommener Einheit mit dem Vater und offenbart dessen Wesen so zuverlässig, dass niemand an Jesus vorbeigehen und zugleich beanspruchen kann, Gott richtig erkannt zu haben.
Diese Offenbarung geschieht durch das ganze Leben Christi. Seine Barmherzigkeit gegenüber Leidenden zeigt, dass menschliche Not Gott nicht gleichgültig ist. Seine Bereitschaft, Ausgestoßene anzunehmen, macht sichtbar, dass Gottes Gnade Menschen erreicht, die sich selbst nicht retten können. Seine Klarheit gegenüber Heuchelei und Sünde offenbart zugleich, dass göttliche Liebe niemals auf Kosten der Wahrheit handelt.
Auch Jesu Umgang mit Schwachen gehört zu dieser Offenbarung. Er zerbricht den Menschen nicht, der seine Bedürftigkeit erkennt, und weist den nicht ab, der in ehrlicher Umkehr zu ihm kommt. Zugleich bestätigt er niemanden in Selbsttäuschung und Auflehnung. In ihm erscheinen Güte und Heiligkeit nicht als Gegensätze: Die Liebe Gottes sucht den Sünder gerade deshalb, weil sie ihn nicht unter der Herrschaft der Sünde lassen will.
Besonders deutlich wird das Wesen des Vaters auf dem Weg zum Kreuz. Jesus erklärt, dass er die Welt erkennen lassen will, dass er den Vater liebt und dessen Auftrag erfüllt. Seine Hingabe ist daher nicht der Versuch eines barmherzigen Sohnes, einen unwilligen Gott zur Vergebung zu bewegen. Der Vater selbst liebt die Welt und sendet den Sohn; der Sohn gibt sich in vollkommener Übereinstimmung mit diesem rettenden Willen hin.
Damit korrigiert die Menschwerdung verzerrte Vorstellungen von Gott. Wer Gott hauptsächlich als fern, unnahbar oder widerwillig zu vergeben betrachtet, soll auf Christus sehen. Doch ebenso widerspricht Jesus dem Bild eines Gottes, dessen Liebe Sünde bedeutungslos macht. Derjenige, der vergibt, ruft zur Umkehr; derjenige, der heilt, fordert zum Glauben; derjenige, der sein Leben hingibt, wird auch als gerechter Richter wiederkommen.
Der Hebräerbrief nennt den Sohn die Ausstrahlung der Herrlichkeit Gottes und das Ebenbild seines Wesens. Ein Ebenbild gibt nicht nur eine entfernte Ähnlichkeit wieder, sondern macht denjenigen erkennbar, den es darstellt. In Christus wird Gottes Charakter deshalb nicht abgeschwächt oder an menschliche Erwartungen angepasst. Er wird in einer Weise offenbart, die der Mensch wahrnehmen kann, ohne dass Gottes unendliches Wesen dadurch vollständig erfasst wäre.
So bringt die Menschwerdung Gott nicht nur räumlich oder geschichtlich nahe. Sie schafft Klarheit darüber, wem der Mensch vertraut. Wer Jesus betrachtet, begegnet keiner anderen Haltung als der des Vaters. In seiner Reinheit, seinem Erbarmen, seinem Gehorsam und seiner Hingabe wird sichtbar, dass im Herzen Gottes selbst der Wille zur Rettung des Menschen liegt.
Zurück: Der mitfühlende Hohepriester Weiter: Damit Menschen Kinder Gottes werden
Damit Menschen Kinder Gottes werden
Galater 4,4-7 – „4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott Seinen Sohn, von einem Weibe geboren und unter das Gesetz getan, 5 damit er die, welche unter dem Gesetz waren, loskaufte, auf daß wir das Sohnesrecht empfingen. 6 Weil ihr denn Söhne seid, hat Gott den Geist Seines Sohnes in eure Herzen gesandt, der schreit: Abba, Vater! 7 So bist du also nicht mehr Knecht, sondern Sohn; wenn aber Sohn, dann auch Erbe…"
Galater 4,4-7 – „4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott Seinen Sohn, von einem Weibe geboren und unter das Gesetz getan, 5 damit er die, welche unter dem Gesetz waren, loskaufte, auf daß wir das Sohnesrecht empfingen. 6 Weil ihr denn Söhne seid, hat Gott den Geist Seines Sohnes in eure Herzen gesandt, der schreit: Abba, Vater! 7 So bist du also nicht mehr Knecht, sondern Sohn; wenn aber Sohn, dann auch Erbe…"
Johannes 1,12-14 – „12 Allen denen aber, die ihn aufnahmen, gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben; 13 welche nicht aus dem Geblüt, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade un…"
Hebräer 2,10-11 – „10 Denn es ziemte dem, um dessentwillen alles und durch den alles ist, als er viele Kinder zur Herrlichkeit führte, den Anführer ihres Heils durch Leiden zu vollenden. 11 Denn sowohl der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, stammen alle von einem ab."
Die Menschwerdung offenbart den Vater und schafft zugleich die Voraussetzung dafür, dass Menschen in eine neue Beziehung zu ihm eintreten können. Paulus beschreibt das Ziel des Kommens Jesu nicht nur als Befreiung von Schuld und Knechtschaft. Der Sohn wurde von einer Frau geboren und unter das Gesetz gestellt, „damit wir die Sohnschaft empfingen“. Gottes Rettung nimmt dem Menschen daher nicht nur etwas ab; sie schenkt ihm eine neue Stellung und Zugehörigkeit.
Diese Sohnschaft darf nicht mit der einzigartigen Sohnschaft Jesu gleichgesetzt werden. Christus ist der ewige Sohn Gottes und besitzt diese Beziehung zum Vater seinem Wesen nach. Menschen dagegen werden durch Gnade als Kinder angenommen. Sie werden nicht göttlich und treten nicht in dieselbe Stellung ein wie Christus. Doch durch ihn erhalten sie wirklichen Zugang zu dem Vater, zu dem sie als von Gott entfremdete Sünder keinen eigenen Anspruch besaßen.
Johannes verbindet diese Annahme unmittelbar mit dem menschgewordenen Wort. Christus kam in sein Eigentum, doch viele nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn im Glauben aufnehmen, gibt er das Recht, Kinder Gottes zu werden. Diese neue Geburt gründet weder auf natürlicher Abstammung noch auf menschlicher Entscheidungskraft, sondern auf Gottes Wirken. Unmittelbar danach steht die Aussage: „Und das Wort wurde Fleisch.“ Die Annahme als Gottes Kinder wird also durch das Kommen des Sohnes eröffnet.
Christus überwindet die Entfernung zwischen Gott und Mensch nicht, indem er beide Seiten nur äußerlich miteinander verbindet. Er tritt selbst in die Menschheit ein und bringt in seiner Person göttliches Leben in ihre verlorene Wirklichkeit. Als wahrer Mensch kann er die Menschen seine Brüder nennen; als wahrer Sohn kann er sie zum Vater führen. Der Hebräerbrief spricht deshalb davon, dass der Heiligende und die Geheiligten „alle von einem“ sind und Christus sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen.
Diese Bezeichnung verharmlost den Unterschied zwischen Christus und den Erlösten nicht. Jesus bleibt ihr Herr, Erlöser und Hoherpriester. Dennoch zeigt sie, wie weit seine Erniedrigung reicht. Der Heilige stellt sich an die Seite der Unheiligen, um sie zu heiligen. Der Sohn tritt in ihre Menschheit ein, damit sie durch seine Gnade Anteil an seiner Gemeinschaft mit dem Vater empfangen können.
Paulus erklärt, dass Gott den Geist seines Sohnes in die Herzen der Glaubenden sendet, durch den sie rufen: „Abba, Vater!“ Sohnschaft ist daher mehr als eine rechtliche Bezeichnung ohne innere Wirklichkeit. Der Heilige Geist schafft Vertrauen, richtet das Herz auf Gott aus und lässt den Erlösten lernen, als Kind in der Gegenwart des Vaters zu leben. Diese Nähe beruht nicht auf wechselnden Gefühlen, sondern auf dem vollendeten Werk Christi.
Damit verändert sich auch der Gehorsam. Ein Knecht handelt vor allem unter dem Druck äußerer Forderung und aus Furcht vor Verlust. Ein angenommenes Kind lernt, dem Vater aus Vertrauen und Liebe zu folgen. Gottes Gesetz verliert dadurch weder seine Bedeutung noch seinen Anspruch. Doch der Erlöste versucht nicht mehr, sich durch Gehorsam eine Stellung zu verdienen, die ihm allein durch Christus geschenkt werden kann. Gehorsam wird zur Antwort auf empfangene Gnade.
Die Sohnschaft schließt auch ein Erbe ein. Wer durch Christus Kind Gottes ist, wird nach Paulus zugleich Erbe. Die Erlösung endet daher nicht bei der gegenwärtigen Vergebung, sondern führt zur endgültigen Wiederherstellung. Gottes Kinder warten auf die Auferstehung, die Befreiung von der Vergänglichkeit und die vollkommene Gemeinschaft mit ihrem Vater. Was in Christus bereits erschienen ist, wird bei seiner Wiederkunft an denen vollendet, die zu ihm gehören.
So reicht das Ziel der Menschwerdung weiter als die Rückkehr zu einem neutralen Zustand. Gott begnadigt den Menschen nicht nur und hält ihn anschließend auf Abstand. In seinem Sohn öffnet er ihm sein Haus, schenkt ihm einen neuen Namen und nimmt ihn in eine Beziehung auf, die kein menschliches Versagen hervorbringen und keine menschliche Leistung verdienen konnte. Der ewige Sohn wurde einer von uns, damit verlorene Menschen durch ihn Kinder Gottes werden.
Zurück: Der menschgewordene Sohn offenbart den Vater Weiter: Der auferstandene Christus bleibt Mensch
Der auferstandene Christus bleibt Mensch
1. Timotheus 2,5-6 – „5 Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, 6 der sich selbst als Lösegeld für alle gegeben hat. [Das ist] das Zeugnis zur rechten Zeit,"
1. Timotheus 2,5-6 – „5 Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, 6 der sich selbst als Lösegeld für alle gegeben hat. [Das ist] das Zeugnis zur rechten Zeit,"
Lukas 24,36-43 – „36 Während sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! 37 Aber bestürzt und voll Furcht meinten sie, einen Geist zu sehen. 38 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum steigen Zweifel auf in euren Herzen? 39 Sehet an meinen Händen und Füßen, daß ich es bin! Rühret mich an und sehet, denn ein Geist hat nicht Fleisch und Be…"
Apostelgeschichte 1,9-11 – „9 Und nach diesen Worten wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und vor ihren Augen weg. 10 Und als sie unverwandt gen Himmel blickten, während er dahinfuhr, siehe, da standen zwei Männer in weißen Kleidern bei ihnen, die sprachen: 11 Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr hier und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wir…"
Die Menschwerdung war keine vorübergehende Verkleidung, die Christus nach seinem Tod wieder ablegte. Der Sohn Gottes nahm das Menschsein nicht nur für die Jahre seines irdischen Dienstes an. Nach seiner Auferstehung begegnet er den Jüngern weiterhin als derselbe Jesus, der gekreuzigt worden war. Die Wundmale bleiben sichtbar, seine Stimme ist ihnen vertraut, und seine persönliche Beziehung zu ihnen besteht fort.
Als die Jünger den Auferstandenen sehen, halten sie ihn zunächst für einen Geist. Jesus begegnet dieser Vorstellung mit großer Deutlichkeit. Er fordert sie auf, seine Hände und Füße anzusehen und ihn zu berühren. Ein Geist habe nicht Fleisch und Knochen, wie sie es an ihm wahrnehmen könnten. Anschließend isst er vor ihren Augen. Damit macht der Bericht deutlich, dass seine Auferstehung keine Befreiung vom Leib, sondern die Überwindung des Todes am wirklichen menschlichen Leib ist.
Dieser Leib ist nicht mehr der Vergänglichkeit und Sterblichkeit unterworfen. Christus kann nicht erneut sterben, und die Macht des Todes besitzt keinen Anspruch mehr auf ihn. Dennoch bleibt eine erkennbare Verbindung zwischen dem gekreuzigten und dem auferstandenen Jesus bestehen. Nicht ein anderer tritt aus dem Grab hervor, sondern derselbe Herr, dessen Leib begraben worden war. Die Auferstehung erneuert und verherrlicht sein menschliches Dasein, sie beseitigt es nicht.
Auch die Himmelfahrt bestätigt diese bleibende Wirklichkeit. Die Jünger sehen Jesus emporgehoben werden, und die Engel erklären, dass „dieser Jesus“ ebenso wiederkommen wird, wie sie ihn zum Himmel fahren sahen. Derjenige, der zum Vater zurückkehrt, ist nicht nur das ewige Wort, das seine Menschheit hinter sich lässt. Es ist der gekreuzigte und auferstandene Christus, der als verherrlichter Mensch in den Himmel aufgenommen wird.
Darum kann Paulus auch nach der Auferstehung und Himmelfahrt von dem „Menschen Christus Jesus“ sprechen. Er ist der eine Mittler zwischen Gott und den Menschen. Seine Mittlerschaft beruht auf seinem vollbrachten Opfer und seiner einzigartigen Person: Als ewiger Sohn gehört er vollkommen zu Gott, und als wahrer Mensch steht er wirklich auf der Seite derer, die er vertritt. Keine andere Gestalt kann diese Stellung einnehmen.
Dass Christus Mensch bleibt, bedeutet nicht, dass seine göttliche Herrlichkeit eingeschränkt oder sein gegenwärtiger Dienst an irdische Begrenzungen gebunden wäre. Der Auferstandene ist verherrlicht und besitzt alle Macht im Himmel und auf Erden. Doch seine Erhöhung löscht die Geschichte seiner Erniedrigung nicht aus. Der Herr des Himmels ist derselbe, der geboren wurde, litt, starb und auferstand.
Darin liegt eine bleibende Würde des Menschseins. Gott rettet den Menschen nicht, indem er seine geschöpfliche Identität abschafft, sondern indem er sie von Sünde, Vergänglichkeit und Tod befreit. Im auferstandenen Christus erscheint bereits, was Gottes Erlösung für die Seinen vollenden wird. Seine verherrlichte Menschheit ist die Gewissheit, dass auch ihr Leib auferweckt und verwandelt werden soll.
Zugleich tragen die sichtbaren Wundmale eine besondere Bedeutung. Sie erinnern nicht an eine Niederlage, sondern an den Preis der Erlösung und an den Sieg der Liebe. Der erhöhte Christus bleibt für immer derjenige, der sich für die Menschen hingegeben hat. Seine Herrlichkeit lässt das Kreuz nicht bedeutungslos werden, sondern offenbart dessen endgültigen Triumph.
So führt die Menschwerdung nicht nur von der Ewigkeit nach Bethlehem und von Bethlehem zum Kreuz. Sie reicht durch die Auferstehung bis in den Himmel und weiter bis zur Wiederkunft. Der Sohn Gottes hat die Menschheit angenommen, sie durch Tod und Auferstehung getragen und in seiner eigenen Person in die Gegenwart des Vaters geführt. Was in der Krippe begann, bleibt deshalb für immer Teil seiner rettenden Verbindung mit den Menschen.
Zurück: Damit Menschen Kinder Gottes werden Weiter: Zusammenfassung und Gebet
Zusammenfassung und Gebet
Die Menschwerdung Jesu führt an einen Punkt, an dem menschliches Denken seine Grenze erkennt und der Glaube zugleich festen Grund gewinnt. Der ewige Sohn, durch den alles geschaffen wurde, trat in seine eigene Schöpfung ein. Er kam nicht nur in die Nähe der Menschen, sondern nahm ihre Natur, ihre Lebensbedingungen und ihre Sterblichkeit wirklich an. Ohne seine Gottheit abzulegen, wurde er einer von uns.
Darin offenbart sich eine Liebe, die den verlorenen Menschen nicht aus sicherer Entfernung rettet. Christus nahm Abhängigkeit, Erniedrigung und Leiden bewusst auf sich. Er wurde als Kind geboren, wuchs in einer Familie heran, kannte Hunger und Müdigkeit, Freude und Trauer, Freundschaft und Ablehnung. Keine dieser Erfahrungen war bloßer Schein. Der Sohn Gottes ging den menschlichen Weg in seiner ganzen Wirklichkeit.
Doch er teilte nicht die Auflehnung des Menschen gegen Gott. Jesus begegnete Versuchung unter wirklicher Belastung und blieb dem Vater vollkommen treu. Wo Adam fiel und jeder andere Mensch schuldig wurde, lebte Christus in ungebrochenem Gehorsam. Seine Sündlosigkeit entfernte ihn nicht vom menschlichen Ringen, sondern befähigte ihn, als schuldloser Stellvertreter für die Schuldigen einzutreten.
Krippe und Kreuz gehören deshalb untrennbar zusammen. Der Sohn nahm Fleisch und Blut an, damit er sein Leben hingeben konnte. Er wurde sterblich, um in den Tod einzutreten, der über der gefallenen Menschheit lag. Weil der Tod keinen rechtmäßigen Anspruch auf ihn besaß, konnte er ihn durch seine Auferstehung überwinden. Der Menschgewordene trägt nicht nur die Last des Menschen, sondern eröffnet ihm einen Weg aus Schuld, Verurteilung und Grab.
Auch nach seiner Auferstehung bleibt Christus der menschgewordene Sohn. Er ist nicht in eine rein geistige Erscheinungsform zurückgekehrt und hat das angenommene Menschsein nicht abgelegt. Als verherrlichter Mensch dient er vor dem Vater und vertritt diejenigen, die durch ihn zu Gott kommen. Derjenige, der ihre Schwachheit kennt, besitzt zugleich die göttliche Macht, vollständig zu retten.
Darum ist die Menschwerdung mehr als eine Lehre über die Person Jesu. Sie verändert den Blick auf Gott. In Christus wird sichtbar, dass Gottes Heiligkeit und seine Barmherzigkeit nicht gegeneinanderstehen. Der Vater liebt den Menschen nicht weniger als der Sohn, und der Sohn muss ihn nicht erst zur Gnade bewegen. Das gesamte Rettungswerk entspringt dem gemeinsamen Willen Gottes, den Verlorenen zu suchen, seine Schuld zu tragen und ihn in die Gemeinschaft mit sich zurückzuführen.
Diese Gemeinschaft reicht weiter als Vergebung allein. Durch den Sohn dürfen Menschen Kinder Gottes werden. Sie erhalten keine göttliche Natur und werden nicht zu Söhnen in demselben einzigartigen Sinn wie Christus. Doch sie werden aus Gnade angenommen, erhalten Zugang zum Vater und dürfen in der Kraft des Heiligen Geistes als seine Kinder leben. Ihr Gehorsam soll nicht länger der Versuch sein, Annahme zu verdienen, sondern die Antwort auf eine Annahme, die Christus bereits erworben hat.
So begegnet dem Menschen in Jesus weder ein ferner Gott noch ein machtloser Leidensgefährte. Derjenige, der versteht, kann auch retten; derjenige, der alle Macht besitzt, hat selbst gelitten. In ihm kommen göttliche Herrlichkeit und menschliche Nähe vollkommen zusammen. Deshalb darf der Schwache zu ihm kommen, der Versuchung widerstehen, Vergebung empfangen und darauf vertrauen, dass auch der Tod nicht das letzte Wort behalten wird.
Die Menschwerdung zeigt schließlich, welchen Wert Gott dem Menschen und seiner Schöpfung beimisst. Er verwirft sein Werk nicht, sondern tritt selbst hinein, um es wiederherzustellen. Der Sohn wurde Mensch, damit Menschen nicht für immer von Gott getrennt bleiben müssen. Er kam in unsere Niedrigkeit, trug unsere Schuld und führte die angenommene Menschheit durch Auferstehung und Himmelfahrt in die Gegenwart des Vaters.
In Christus ist Gott wirklich mit uns. Nicht nur in einem vergangenen Augenblick in Bethlehem, sondern im gesamten Werk des menschgewordenen, gekreuzigten, auferstandenen und erhöhten Herrn. Seine Nähe ist deshalb keine bloße Empfindung, sondern eine Wirklichkeit, die auf seiner Person und seinem vollendeten Werk beruht. Wer ihm vertraut, findet in ihm einen Retter, der das Menschsein vollkommen kennt, die Sünde vollkommen besiegt hat und seine Erlösten niemals aufgeben wird.
Himmlischer Vater,
wir danken dir, dass du deinen Sohn in unsere verlorene Welt gesandt hast. Herr Jesus Christus, wir staunen über deine Bereitschaft, unsere Menschheit anzunehmen, unseren Weg zu teilen und deine Herrlichkeit zu unserer Rettung zurückzustellen. Hilf uns, dir zu vertrauen, wenn wir schwach, versucht oder bedrängt sind. Lass uns in deiner Gnade leben, deine Nähe suchen und aus der Gewissheit deiner Annahme gehorsam werden. Richte unseren Blick auf dein vollendetes Werk und bewahre uns in der Hoffnung auf deine Wiederkunft und die Auferstehung zum ewigen Leben.
Amen.
„Denn ihr kennt ja die Gnade unsres Herrn Jesus Christus, dass er, wiewohl er reich war, um euretwillen arm wurde, damit ihr durch seine Armut reich würdet.“ 2. Korinther 8,9