Argumente gegen den Sabbat
Bibelstellen kritisch geprüft
Gott segnete und heiligte den siebten Tag bereits bei der Schöpfung. Jesus bezeichnete sich als Herrn des Sabbats und zeigte, dass dieser Tag dem Menschen zum Guten dienen soll. Im Neuen Testament wird zugleich deutlich, dass durch Christus ein Neuer Bund begonnen hat und frühere Bundespflichten neu beurteilt werden müssen. Eine ausdrückliche Aufhebung des siebten Tages oder eine Übertragung seiner Heiligkeit auf den Sonntag finden wir jedoch nicht. Welche Verpflichtung daraus für Christen folgt, muss anhand des gesamten biblischen Zeugnisses geprüft werden. Im Mittelpunkt steht Jesus Christus, denn allein durch seine Gnade werden wir erlöst.
Einführung
Der Sabbat gehört zu den biblischen Geboten, über deren Bedeutung Christen bis heute sehr unterschiedliche Auffassungen vertreten. Für die einen ist der siebte Tag ein bleibendes Geschenk Gottes, das bereits bei der Schöpfung eingesetzt wurde. Andere sind überzeugt, dass seine Verbindlichkeit mit dem Tod und der Auferstehung Jesu endete. Wieder andere sehen im Sonntag den neuen christlichen Ruhetag. Doch wie können Menschen, die sich auf dieselbe Bibel berufen und demselben Jesus nachfolgen möchten, zu so unterschiedlichen Ergebnissen kommen?
Die Antwort scheint zunächst einfach. Schließlich gehört der Sabbat zu den Zehn Geboten. Gott selbst segnete und heiligte den siebten Tag. Doch wer das Neue Testament aufmerksam liest, stößt auf Aussagen, die neue Fragen aufwerfen. Paulus fordert Christen auf, sich wegen bestimmter religiöser Tage nicht verurteilen zu lassen. Er erklärt, dass Gläubige nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade stehen. An anderer Stelle spricht die Bibel davon, dass der frühere Bund veraltet ist. Was bedeuten diese Aussagen für ein Gebot, das Gott selbst gegeben hat?
Auch das Leben Jesu wirft Fragen auf. Warum wurde er beschuldigt, den Sabbat zu brechen? Weshalb heilte er gerade an diesem Tag Menschen, obwohl er wusste, welchen Widerstand das hervorrufen würde? Und wenn Jesus gekommen war, das Gesetz zu erfüllen, welche Bedeutung hatte diese Erfüllung für seine Nachfolger?
Nach seiner Auferstehung wird die Frage noch schwieriger. Die Apostel verkündigten Jesus als den verheißenen Erlöser, und immer mehr Menschen aus anderen Völkern schlossen sich der Gemeinde an. Doch mussten sie deshalb auch den Sabbat halten? Warum wird er beim Apostelkonzil in Jerusalem nicht ausdrücklich vorgeschrieben? Und welche Bedeutung haben die Berichte über christliche Zusammenkünfte am ersten Tag der Woche?
Jede dieser Fragen berührt einen anderen Teil der biblischen Geschichte. Manche Aussagen scheinen auf den ersten Blick eindeutig zu sein, bis wir ihren Zusammenhang betrachten. Andere werden erst verständlich, wenn wir erkennen, welches Problem Jesus oder die Apostel gerade behandelten. Ein einzelner Vers kann überzeugend klingen. Doch trägt er die Schlussfolgerung tatsächlich, die häufig daraus gezogen wird?
Deshalb wollen wir die Einwände gegen den Sabbat nicht umgehen oder abschwächen. Wir werden die betreffenden Bibelstellen sorgfältig untersuchen, ihre Hintergründe erklären und auch jene Argumente ernst nehmen, die unserer bisherigen Überzeugung widersprechen könnten. Dabei geht es nicht darum, eine bereits feststehende Antwort um jeden Preis zu verteidigen. Entscheidend ist, was Gottes Wort tatsächlich sagt.
Denn letztlich geht es um mehr als die Frage, an welchem Wochentag ein Christ ruht oder Gottesdienst feiert. Es geht darum, wie wir Gottes Gebote verstehen, was Jesus durch sein Erlösungswerk verändert hat und wie sich Gnade, Glaube und Gehorsam zueinander verhalten.
Unsere Untersuchung beginnt deshalb nicht mit den Aussagen des Paulus oder der Geschichte des Sonntags, sondern mit einer grundlegenden Frage: War der Sabbat von Anfang an für den Menschen bestimmt, oder wurde er ausschließlich dem Volk Israel gegeben? Erst wenn wir seinen Ursprung und seine ursprüngliche Bedeutung verstehen, können wir beurteilen, was sich durch Jesus Christus möglicherweise verändert hat.
War der Sabbat nur für Israel bestimmt?
2. Mose 31,16-17 – „16 Und zwar sollen die Kinder Israel den Sabbat halten, damit sie ihn für alle ihre Geschlechter zum ewigen Bunde machen. 17 Er ist ein ewiges Zeichen zwischen mir und den Kindern Israel; denn in sechs Tagen machte der HERR Himmel und Erde; aber am siebenten Tage ruhte er und erquickte sich."
1. Mose 2,2-3 – „2 so daß Gott am siebenten Tage sein Werk vollendet hatte, das er gemacht; und er ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, denn an demselbigen ruhte er von all seinem Werk, das Gott schuf, als er es machte."
2. Mose 20,8-11 – „8 Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest! 9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke verrichten; 10 aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes; da sollst du kein Werk tun; weder du, noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Vieh, noch dein Fremdling, der in deinen Toren ist. 11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und E…"
2. Mose 31,13-17 – „13 Sage den Kindern Israel und sprich: Beobachtet nur ja meine Sabbate! Denn sie sind das Zeichen zwischen mir und euch für alle eure Geschlechter, damit man wisse, daß ich der HERR bin, der euch heiligt. 14 Und zwar sollt ihr den Sabbat beobachten, weil er euch heilig sein soll. Wer ihn entheiligt, der soll des Todes sterben; wer an demselben eine Arbeit verrichtet, dessen Seele soll ausgerottet…"
Markus 2,27-28 – „27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 Also ist des Menschen Sohn auch Herr des Sabbats."
Nehemia 9,13-15 – „13 Du bist auf den Berg Sinai herabgefahren und hast mit ihnen vom Himmel her geredet und ihnen richtige Ordnungen und wahrhaftige Gesetze und gute Gebote und Satzungen gegeben. 14 Du hast ihnen deinen heiligen Sabbat kundgetan und ihnen Gebote, Satzungen und Gesetze geboten durch deinen Knecht Mose. 15 Brot vom Himmel hast du ihnen gegeben, als sie hungerten, und Wasser aus dem Felsen hast du fü…"
Hesekiel 20,10-12 – „10 So führte ich sie denn aus Ägyptenland heraus und brachte sie in die Wüste, 11 und ich gab ihnen meine Satzungen und tat ihnen meine Rechte kund, durch die der Mensch lebt, wenn er sie tut. 12 Ich gab ihnen auch meine Sabbate, welche ein Zeichen sein sollen zwischen mir und ihnen, damit man erkenne, daß ich, der HERR, es bin, der sie heiligt."
1. Mose 26,5 – „5 weil Abraham meiner Stimme gehorsam gewesen und meine Rechte, meine Gebote, meine Sitten und meine Gesetze gehalten hat."
2. Mose 16,19-30 – „19 Und Mose sprach zu ihnen: Niemand lasse etwas davon übrigbleiben bis zum andern Morgen! 20 Aber sie gehorchten Mose nicht; denn etliche ließen davon übrigbleiben bis zum Morgen. Da wuchsen Würmer darin, und es ward stinkend. Und Mose ward zornig über sie. 21 Sie sammelten aber von demselben alle Morgen für sich, soviel ein jeder essen mochte; wenn aber die Sonne heiß schien, zerschmolz es. 22 …"
1. Mose 17,9-13 – „9 Und Gott sprach weiter zu Abraham: So bewahre nun meinen Bund, du und dein Same nach dir, von Geschlecht zu Geschlecht! 10 Das ist aber mein Bund, den ihr bewahren sollt, zwischen mir und euch und deinem Samen nach dir: Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden. 11 Ihr sollt aber die Vorhaut eures Fleisches beschneiden. Das soll ein Zeichen des Bundes sein zwischen mir und euc…"
1. Mose 4,3-4 – „3 Es begab sich aber nach Verfluß von Jahren, daß Kain dem HERRN ein Opfer brachte von den Früchten der Erde. 4 Und Abel, auch er brachte [dar] von den Erstgebornen seiner Schafe und von ihren Fettesten."
1. Mose 4,25-26 – „25 Und Adam erkannte sein Weib abermal; die gebar einen Sohn und nannte ihn Seth; denn Gott hat mir für Abel einen andern Samen gesetzt, weil Kain ihn umgebracht hat. 26 Und auch dem Seth ward ein Sohn geboren, den hieß er Enosch. Damals fing man an, den Namen des HERRN anzurufen."
5. Mose 5,12-15 – „12 Beobachte den Sabbattag, daß du ihn heiligest, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat. 13 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun; 14 aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes; da sollst du kein Werk tun, weder du, noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Ochs, noch dein Esel, noch all dein Vieh, noch dein Fremdling, …"
Jesaja 56,6-7 – „6 Und die Fremdlinge, die sich dem HERRN anschließen, um ihm zu dienen und des HERRN Namen zu lieben, und alle, die darauf achten, den Sabbat nicht zu entheiligen, und die an meinem Bund festhalten; 7 die will ich zu meinem heiligen Berge führen und sie in meinem Bethaus erfreuen; ihre Brandopfer und Schlachtopfer sollen angenehm sein auf meinem Altar; denn mein Haus soll ein Bethaus heißen für a…"
In 2. Mose 31 bezeichnet Gott den Sabbat ausdrücklich als ewiges Zeichen seines Bundes mit Israel. Mit einem Bund ist die verbindliche Beziehung gemeint, die Gott mit seinem Volk eingeht und zu der bestimmte Zusagen und Weisungen gehören. Diese Aussage scheint zunächst eindeutig: Der Sabbat war ein besonderes Kennzeichen Israels. Doch bedeutet das auch, dass er ausschließlich für dieses Volk bestimmt war? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir untersuchen, wann der siebte Tag seine besondere Stellung erhielt und welche Bedeutung später hinzukam.
Die erste Erwähnung finden wir bereits am Anfang der Bibel. In 1. Mose 2,2–3 lesen wir: „So daß Gott am siebenten Tage sein Werk vollendet hatte, das er gemacht; und er ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, denn an demselbigen ruhte er von all seinem Werk, das Gott schuf, als er es machte.“
Gott ruhte also nicht nur am siebten Tag. Er segnete und heiligte ihn auch. Heiligen bedeutet hier, dass Gott diesen Tag von den übrigen Tagen unterschied und ihm eine besondere Bestimmung gab. Das geschah unmittelbar nach der Vollendung der Schöpfung, noch bevor die Bibel vom Sündenfall berichtet. Gottes Ruhe war dabei keine Erholung von körperlicher Erschöpfung. Er ruhte, weil sein Werk vollendet war. Der siebte Tag erhielt seine besondere Stellung somit lange bevor das Volk Israel entstand.
Allerdings müssen wir beachten, was dieser Bericht tatsächlich aussagt. Er enthält noch keinen ausdrücklich an Adam und Eva gerichteten Sabbatbefehl. Auch erfahren wir nicht, ob sie den siebten Tag regelmäßig als Ruhetag beachteten. Selbst das Wort „Sabbat“ wird hier noch nicht verwendet. Eine ununterbrochene Sabbatbeachtung aller Menschen seit Adam lässt sich deshalb nicht allein aus diesem Abschnitt beweisen. Ausdrücklich bezeugt ist zunächst Gottes eigenes Handeln: Er segnete und heiligte den siebten Tag.
Schon in den ersten Generationen nach Adam finden wir Menschen, die Gott verehrten. Kain und Abel brachten ihm Opfer dar (1. Mose 4,3–4). Später berichtet die Bibel, dass man zur Zeit Enoschs, des Sohnes Seths, begann, den Namen des Herrn anzurufen (1. Mose 4,25–26). Damit ist offenbar nicht gemeint, dass zuvor niemand zu Gott gebetet hatte. Vielmehr lässt sich darin ein Hinweis erkennen, dass die Verehrung Gottes zunehmend als öffentliches Bekenntnis sichtbar wurde. Möglicherweise kamen die Menschen dafür auch gemeinsam zusammen. Ob sie sich an einem bestimmten Wochentag versammelten oder dabei den Sabbat beachteten, erfahren wir jedoch nicht.
Eine weitere Spur führt uns zu Abraham, der lange vor Mose lebte. In 1. Mose 26,5 erklärt Gott gegenüber Isaak, dass Abraham seiner Stimme gehorcht und seine Gebote, Satzungen und Gesetze gehalten habe. Gott gab den Menschen also bereits vor dem Bund am Sinai Weisungen und erwartete, dass sie danach lebten. Welche Gebote Abraham im Einzelnen kannte, wird jedoch nicht vollständig erklärt. Der Sabbat wird hier nicht ausdrücklich erwähnt. Seine Beachtung durch Abraham ist daher möglich, aber durch diesen Vers allein nicht bewiesen.
Deutlicher wird die Sabbatfrage während der Wüstenwanderung Israels. Noch bevor Gott die Zehn Gebote am Sinai verkündete, versorgte er sein Volk auf außergewöhnliche Weise mit Nahrung. Jeden Morgen fanden die Israeliten Manna, das sie sammeln und essen konnten. Doch für den siebten Tag hatte Gott eine besondere Ordnung getroffen.
Der Bericht in 2. Mose 16 beschreibt drei Vorgänge. Am sechsten Tag sammelten die Israeliten die doppelte Menge Manna. Die Portion, die sie für den Sabbat aufbewahrten, blieb frisch, obwohl Manna an gewöhnlichen Tagen verdarb, wenn es bis zum nächsten Morgen aufgehoben wurde. Am siebten Tag fiel schließlich überhaupt kein neues Manna. Gott sorgte somit selbst dafür, dass sein Volk die gewöhnliche Arbeit unterbrechen konnte, ohne deshalb auf Nahrung verzichten zu müssen.
Als einige trotzdem am Sabbat hinausgingen, um Manna zu sammeln, wurden sie von Gott zurechtgewiesen. Bereits bei der Ankündigung der Versorgung hatte er erklärt, dass er Israel prüfen wolle, ob es seinen Weisungen folgen würde (2. Mose 16,4). Die Sabbatruhe wurde dadurch auch zu einer Frage des Vertrauens. Würde das Volk darauf vertrauen, dass Gottes Versorgung ausreichte, selbst wenn es einen Tag lang nicht arbeitete? Der Bericht zeigt jedenfalls eindeutig, dass die Israeliten den Sabbat schon vor der Verkündigung der Zehn Gebote beachten sollten.
Am Sinai erhielt das Volk anschließend Gottes ausdrückliche Gebote. Im vierten Gebot erklärte der Herr, weshalb der siebte Tag heilig gehalten werden sollte: Er selbst hatte Himmel und Erde in sechs Tagen geschaffen und am siebten geruht (2. Mose 20,8–11). Damit verband Gott die Anweisung an Israel unmittelbar mit dem Geschehen, das bereits im Schöpfungsbericht beschrieben wurde.
In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, wem die angeordnete Ruhe zugutekommen sollte. Nicht nur der Hausherr durfte seine Arbeit unterbrechen. Auch seine Kinder, Knechte, Mägde, die Fremden innerhalb seines Verantwortungsbereichs und sogar die Arbeitstiere sollten ruhen. Niemand sollte ununterbrochen arbeiten müssen, nur damit ein anderer seine eigenen Aufgaben fortsetzen konnte. Das Sabbatgebot schützte damit auch Menschen, die wenig Einfluss auf ihre Lebensumstände hatten.
Doch wie passen dazu zwei andere Aussagen des Alten Testaments? In Nehemia 9,13–14 wird daran erinnert, dass Gott Israel am Sinai seinen heiligen Sabbat bekannt machte. Auch Hesekiel 20,10–12 berichtet, dass er seinem Volk nach dem Auszug aus Ägypten seine Sabbate gab. Könnte das bedeuten, dass der Sabbat überhaupt erst damals entstand?
Beide Stellen beschreiben, wie Israel den Sabbat als verbindliche Weisung empfing. Sie sprechen jedoch nicht davon, dass Gott den siebten Tag erst zu diesem Zeitpunkt heiligte. Diesen Unterschied müssen wir beachten: Einen bereits von Gott ausgezeichneten Tag einem Volk als Gebot bekannt zu machen, ist nicht dasselbe wie die erstmalige Heiligung dieses Tages. Zugleich folgt daraus noch nicht, dass alle Menschen vor Mose den Sabbat gehalten hätten. Die Texte beschreiben unterschiedliche Ereignisse, ohne sich gegenseitig zu widersprechen.
Innerhalb des Bundes mit Israel erhielt der Sabbat außerdem eine besondere Aufgabe. Nach 2. Mose 31,13 sollte er ein Zeichen zwischen Gott und seinem Volk sein, damit die Israeliten erkennen, dass der Herr sie heiligt. Mit dieser Heiligung ist gemeint, dass Gott Menschen für sich aussondert und sie zu einem Leben in Gemeinschaft mit ihm beruft. Israel sollte dadurch daran erinnert werden, wem es gehörte und dass seine Beziehung zu Gott nicht auf eigener Leistung beruhte.
Eine weitere Bedeutung finden wir in 5. Mose 5,12–15. Dort erinnert Mose die Israeliten an ihre frühere Sklaverei in Ägypten. Sie hatten selbst erlebt, was es bedeutete, unter fremder Herrschaft schwere Arbeit verrichten zu müssen und nicht frei über ihre Zeit bestimmen zu können. Nun hatte Gott sie aus dieser Knechtschaft befreit. Deshalb sollten sie am Sabbat nicht nur selbst ruhen, sondern auch ihren Knechten und Mägden Ruhe gewähren.
Darin liegt eine wichtige Aufforderung zur Barmherzigkeit. Wer selbst unter harter Arbeit gelitten und Befreiung erfahren hatte, sollte anderen die notwendige Ruhe nicht verweigern. Die Erinnerung an Ägypten war deshalb mehr als ein Rückblick auf die Vergangenheit. Sie sollte das Verhalten der Israeliten verändern. Gottes Güte, die sie selbst erfahren hatten, sollte in ihrem Umgang mit anderen Menschen sichtbar werden.
Die Befreiung aus Ägypten eröffnet uns zugleich einen tieferen geistlichen Gedanken. Israel konnte sich nicht aus eigener Kraft aus der Herrschaft des Pharaos befreien. Gott musste eingreifen und seinem Volk den Weg in die Freiheit öffnen. Im Neuen Testament verwendet Jesus ein ähnliches Bild, wenn er erklärt, dass jeder, der Sünde tut, ein Knecht der Sünde ist. Wirkliche Freiheit schenkt erst der Sohn Gottes (Johannes 8,34–36). Auch Paulus beschreibt, wie Menschen durch Christus aus der Herrschaft der Sünde befreit werden und ein neues Leben beginnen können (Römer 6,17–18).
So lässt sich die geschichtliche Befreiung Israels auch als Bild für die Erlösung durch Jesus Christus verstehen. Der Mensch kann die Macht der Sünde nicht aus eigener Kraft überwinden. Er braucht einen Erlöser, der ihm vergibt und sein Leben erneuert. In diesem Licht kann der Sabbat auch daran erinnern, dass unsere Hoffnung nicht auf eigener Leistung beruht, sondern auf Gottes rettendem Handeln.
Dabei müssen wir die beiden Bedeutungen auseinanderhalten. Mose spricht in 5. Mose 5 zunächst von der tatsächlichen Befreiung Israels aus Ägypten und der Verantwortung, anderen Menschen Ruhe zu ermöglichen. Die Verbindung zur Erlösung von der Sünde ist eine geistliche Anwendung, die sich aus den späteren Aussagen Jesu und der Apostel erschließt. Sie vertieft unser Verständnis, ersetzt aber nicht die ursprüngliche Bedeutung des Gebots.
Nun stellt sich eine weitere Frage. Wenn Gott den Sabbat als „ewiges Zeichen“ seines Bundes mit Israel bezeichnet, muss diese Verpflichtung dann unverändert für alle späteren Generationen und auch für sämtliche Christen gelten?
Ein wichtiger Vergleich findet sich in 1. Mose 17,9–13. Dort bezeichnet Gott auch die Beschneidung als einen ewigen Bund. Dennoch erklärt das Neue Testament, dass Menschen aus anderen Völkern nicht beschnitten werden müssen, um durch Christus zu Gottes Volk zu gehören. Die Bezeichnung als ewiger Bund entscheidet deshalb nicht für sich allein, welche Verpflichtungen im Neuen Bund bestehen.
Allerdings besitzen Beschneidung und Sabbat nicht denselben Ursprung. Die Beschneidung wurde Abraham als besonderes Bundeszeichen gegeben. Die Heiligung des siebten Tages wird dagegen bereits am Anfang der Bibel beschrieben. Deshalb dürfen wir die beiden Einrichtungen weder vollständig gleichsetzen noch den unterschiedlichen Umgang mit ihnen übersehen. Entscheidend ist, welche Aufgabe Gott ihnen gab und was Jesus und seine Apostel über ihre Bedeutung lehren.
Auch die strengen Strafbestimmungen für Sabbatbruch müssen in ihrem geschichtlichen Zusammenhang verstanden werden. Innerhalb der damaligen Ordnung Israels konnte eine vorsätzliche Entheiligung des Sabbats mit dem Tod bestraft werden. Daraus folgt jedoch nicht, dass christliche Gemeinden heute solche Strafen verhängen müssten. Die staatlichen Rechtsbestimmungen Israels und die Frage nach der bleibenden Bedeutung eines göttlichen Gebots sind nicht dasselbe.
Dass die Sabbatbeachtung nicht ausschließlich Menschen israelitischer Abstammung vorbehalten war, zeigen auch die Propheten. In Jesaja 56,6–7 spricht Gott von Fremden, die sich ihm anschließen, ihn lieben und ihm dienen möchten. Sie werden ausdrücklich als Menschen beschrieben, die seinen Sabbat achten und an seinem Bund festhalten. Gott verheißt ihnen, dass sie in seinem Haus willkommen sein werden.
Hier geht es um Menschen aus anderen Völkern, die sich bewusst dem Gott Israels zuwenden. Sie werden nicht wegen ihrer Herkunft ausgeschlossen, sondern dürfen an der Gemeinschaft mit ihm teilhaben. Der Sabbat erscheint dabei als Teil ihres Glaubenslebens. Die Verheißung zeigt somit, dass seine Beachtung nicht auf gebürtige Israeliten beschränkt war. Welche Verpflichtungen für die Gläubigen des Neuen Bundes bestehen, wird dadurch allerdings noch nicht abschließend entschieden.
Jesus greift später einen Teil dieser Verheißung auf. Als er das Geschehen im Tempel kritisiert, erinnert er daran, dass Gottes Haus ein Bethaus für alle Völker sein soll (Markus 11,17). Ihm war wichtig, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft Zugang zur Anbetung Gottes finden konnten. Dabei zitiert er die Aussage über das Gebetshaus, nicht den Teil der Verheißung, der den Sabbat erwähnt. Seine Worte bestätigen deshalb die Einladung an die Völker, enthalten aber keinen ausdrücklichen Sabbatbefehl für sie.
Besonders aufschlussreich ist schließlich eine Aussage Jesu in Markus 2,27–28. Als seine Jünger wegen des Ährenpflückens am Sabbat kritisiert werden, erklärt er: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Anschließend bezeichnet er sich als Herrn des Sabbats.
Jesus stellt damit den ursprünglichen Nutzen des Tages für den Menschen heraus. Der Sabbat sollte nicht zu einer Last werden, die Menschen bedrückt. Er war zu ihrem Guten bestimmt. Zugleich macht Jesus deutlich, dass er selbst die Autorität besitzt, seinen richtigen Sinn zu offenbaren.
Seine Wortwahl verdient Aufmerksamkeit. Er spricht vom Menschen und nicht ausdrücklich nur von Israel. Das passt zu einer Bedeutung, die über die Geschichte eines einzelnen Volkes hinausreicht. Dennoch richtet sich seine Aussage zunächst an Menschen, die bereits innerhalb der jüdischen Sabbatordnung lebten. Eine vollständig erklärte Sabbatpflicht für alle Christen spricht er an dieser Stelle nicht aus. Seine Worte zeigen jedoch, dass der Sabbat nach seinem Verständnis dem Menschen dienen und unter seiner eigenen Herrschaft richtig verstanden werden soll.
Was ergibt sich daraus für unsere Ausgangsfrage? Die Bibel zeigt, dass der Sabbat innerhalb des Bundes mit Israel eine besondere Aufgabe hatte. Er war Zeichen ihrer Beziehung zu Gott, erinnerte an die erfahrene Befreiung und gewährte Menschen und Tieren Ruhe.
Seine Bedeutung lässt sich jedoch nicht auf diese Bundesfunktion beschränken. Der siebte Tag hatte schon zuvor durch Gottes Handeln eine besondere Stellung erhalten. Später wurde seine Beachtung auch Menschen anderer Herkunft eröffnet. Jesus selbst stellte schließlich seinen guten Zweck für den Menschen heraus.
Damit reicht der Hinweis auf Israel als Bundesvolk nicht aus, um jede darüber hinausgehende Bedeutung des Sabbats auszuschließen. Ob daraus eine verbindliche Sabbatbeachtung für Christen folgt, bleibt jedoch eine eigene Frage. Sie muss anhand der Lehre Jesu, des Neuen Bundes und der Aussagen der Apostel beantwortet werden.
Bevor wir uns diesen Texten zuwenden, müssen wir noch eine wichtige Unterscheidung treffen. Denn das Alte Testament kennt nicht nur den wöchentlichen Sabbat, sondern auch besondere jährliche Ruhetage. Sie hatten unterschiedliche Aufgaben und werden im Neuen Testament zum Teil gemeinsam erwähnt. Deshalb müssen wir zunächst klären, worin sie sich unterscheiden.
Nicht jeder „Sabbat“ bezeichnet dieselbe Ordnung
3. Mose 23,3 – „3 Sechs Tage lang soll man arbeiten, aber am siebenten Tag ist die Sabbatfeier, eine heilige Versammlung; da sollt ihr kein Werk tun; denn es ist der Sabbat des HERRN, in allen euren Wohnorten."
3. Mose 23,27-32 – „27 Am zehnten Tag in diesem siebenten Monat ist der Versöhnungstag, da sollt ihr eine heilige Versammlung halten und eure Seelen demütigen und dem HERRN Feueropfer darbringen; 28 und ihr sollt an diesem Tage keine Arbeit verrichten; denn es ist der Versöhnungstag, zu eurer Versöhnung vor dem HERRN, eurem Gott. 29 Welche Seele sich aber an diesem Tage nicht demütigt, die soll ausgerottet werden au…"
3. Mose 23,37-38 – „37 Das sind die Feste des HERRN, da ihr heilige Versammlungen einberufen sollt, um dem HERRN Feueropfer, Brandopfer, Speisopfer, Schlachtopfer und Trankopfer darzubringen, ein jedes an seinem Tag 38 außer den Sabbaten des HERRN und außer euren Gaben, den gelobten und freiwilligen Gaben, die ihr dem HERRN gebet."
2. Mose 20,8-11 – „8 Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest! 9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke verrichten; 10 aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes; da sollst du kein Werk tun; weder du, noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Vieh, noch dein Fremdling, der in deinen Toren ist. 11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und E…"
3. Mose 23,3 – „3 Sechs Tage lang soll man arbeiten, aber am siebenten Tag ist die Sabbatfeier, eine heilige Versammlung; da sollt ihr kein Werk tun; denn es ist der Sabbat des HERRN, in allen euren Wohnorten."
1. Korinther 5,7 – „7 Feget den alten Sauerteig aus, damit ihr ein neuer Teig seid, gleichwie ihr ja ungesäuert seid! Denn auch für uns ist ein Passahlamm geschlachtet worden: Christus."
Johannes 19,31 – „31 Die Juden nun, damit die Leichname nicht während des Sabbats am Kreuze blieben (es war nämlich Rüsttag, und jener Sabbattag war groß), baten Pilatus, daß ihnen die Beine zerschlagen und sie herabgenommen würden."
3. Mose 23,4-8 – „4 Das sind aber die Feste des HERRN, die heiligen Versammlungen, die ihr zu festgesetzten Zeiten einberufen sollt: 5 Am vierzehnten Tag des ersten Monats, gegen Abend, ist das Passah des HERRN. 6 Und am fünfzehnten Tage desselben Monats ist das Fest der ungesäuerten Brote des HERRN. Da sollt ihr sieben Tage lang ungesäuertes Brot essen. 7 Am ersten Tag sollt ihr eine heilige Versammlung halten; 8…"
Hebräer 10,1-14 – „1 Denn weil das Gesetz nur einen Schatten der zukünftigen Güter hat, nicht das Ebenbild der Dinge selbst, so kann es auch mit den gleichen alljährlichen Opfern, welche man immer wieder darbringt, die Hinzutretenden niemals vollkommen machen! 2 Hätte man sonst nicht aufgehört, Opfer darzubringen, wenn die, welche den Gottesdienst verrichten, einmal gereinigt, kein Bewußtsein von Sünden mehr gehabt…"
Der wöchentliche Sabbat war nicht der einzige Tag, an dem die Israeliten auf Gottes Anordnung von ihrer Arbeit ruhen sollten. Auch bestimmte jährliche Festtage waren mit besonderer Ruhe verbunden. Einige von ihnen wurden ausdrücklich als Sabbatruhe bezeichnet. Deshalb ist es wichtig, zwischen dem Sabbat des vierten Gebots und den besonderen Ruhetagen innerhalb der jährlichen Feste zu unterscheiden. Beide gehörten zum Gottesdienst Israels, hatten aber nicht denselben Ursprung und erfüllten nicht in jeder Hinsicht dieselbe Aufgabe.
Diese Unterscheidung wird in 3. Mose 23 deutlich. Das Kapitel beginnt mit dem wöchentlichen Sabbat. Auf sechs Arbeitstage folgt der siebte Tag, den Gott als Tag der Ruhe und der heiligen Versammlung bestimmt. Eine heilige Versammlung war ein Zusammenkommen, das besonders der gemeinsamen Hinwendung zu Gott und seinem Gottesdienst gewidmet war. Anschließend beschreibt das Kapitel die jährlichen Feste Israels. Anders als der wöchentliche Sabbat, der alle sieben Tage wiederkehrt, fanden diese Feiern an festgelegten Tagen bestimmter Monate statt.
Ein besonders deutliches Beispiel ist der Versöhnungstag. Er wurde jedes Jahr am zehnten Tag des siebten Monats begangen. An diesem Tag sollte das Volk seine Schuld vor Gott ernst nehmen und sich vor ihm demütigen. Zugleich gehörten besondere Opferhandlungen zu diesem Tag. Gott ordnete ausdrücklich an, dass die Israeliten an ihm keinerlei Arbeit verrichten sollten, und bezeichnete ihn als Sabbatruhe (3. Mose 23,27–32). Da der Versöhnungstag an ein festes Monatsdatum gebunden war, konnte er auf unterschiedliche Wochentage fallen. Er war deshalb nicht mit dem regelmäßig wiederkehrenden siebten Wochentag gleichzusetzen.
Auch andere jährliche Feiern waren mit besonderer Arbeitsruhe verbunden. Beim Laubhüttenfest, das an Gottes Bewahrung Israels während der Wüstenwanderung erinnerte, sollten sowohl am ersten als auch am achten Tag besondere Ruhetage eingehalten werden (3. Mose 23,39). Nicht jeder Tag eines mehrtägigen Festes war dabei automatisch ein solcher Ruhetag. Die Schrift unterscheidet vielmehr zwischen den Festzeiten insgesamt und den einzelnen Tagen, an denen besondere Ruhe vorgeschrieben war.
Am Ende der Festordnung wird diese Unterscheidung noch einmal hervorgehoben. In 3. Mose 23,37–38 werden die jährlichen Feiern und die damit verbundenen Opfer ausdrücklich neben den Sabbaten des Herrn genannt. Die besonderen Festordnungen kamen also zu den regelmäßigen Sabbaten hinzu. Ein jährlicher Ruhetag konnte gelegentlich auf einen wöchentlichen Sabbat fallen, blieb aber seinem Anlass und seiner zeitlichen Festlegung nach eine eigene Einrichtung. Damit zeigt die Bibel selbst, dass nicht jede Anordnung zur Sabbatruhe automatisch den siebten Wochentag meint.
Wie wichtig diese Unterscheidung ist, zeigt auch ein Bericht über die Kreuzigung Jesu. In Johannes 19,31 wird erklärt, dass die jüdischen Verantwortlichen die Leichname noch vor Beginn des Sabbats von den Kreuzen abnehmen lassen wollten. Johannes fügt hinzu, dass jener Sabbattag „groß“ war. Zur gleichen Zeit wurde das Passahfest gefeiert, an das sich das Fest der ungesäuerten Brote anschloss. Dessen erster Tag war ein besonderer Ruhetag, an dem keine gewöhnliche Arbeit verrichtet werden sollte (3. Mose 23,5–8). Deshalb wird unterschiedlich verstanden, ob Johannes einen wöchentlichen Sabbat beschreibt, der während dieser Festzeit eine zusätzliche Bedeutung erhielt, oder einen besonderen jährlichen Festtag. Die Bezeichnung als großer Sabbat entscheidet diese Frage nicht allein. Sie beweist weder, dass damals zwei Sabbattage unmittelbar aufeinanderfolgten, noch dass ausschließlich der gewöhnliche Wochensabbat gemeint sein muss. Um solche Stellen richtig zu verstehen, müssen wir beachten, welche Festordnung und welchen zeitlichen Zusammenhang der jeweilige Bericht beschreibt.
Für das Verständnis des Neuen Testaments müssen wir außerdem beachten, dass viele religiöse Handlungen Israels auf das zukünftige Erlösungswerk Jesu hinwiesen. Der Hebräerbrief verwendet dafür das Bild eines Schattens. Dieses Bild lässt sich einfach verstehen: Ein Schatten zeigt bereits etwas von der Gestalt eines Gegenstandes, ohne der Gegenstand selbst zu sein. In ähnlicher Weise ließen bestimmte Opfer und Vorschriften etwas von Gottes kommender Rettung erkennen, bevor Jesus sie tatsächlich vollbrachte. Sie waren deshalb weder bedeutungslos noch falsch. Gott hatte ihnen eine wichtige Aufgabe gegeben. Doch ihre Bedeutung lag gerade darin, auf eine größere Wirklichkeit hinzuweisen.
Besonders anschaulich wird das am Passah. Dieses jährliche Fest erinnerte Israel an seine Befreiung aus Ägypten. Vor dem Auszug hatte Gott angeordnet, dass die Familien ein Lamm schlachten und sein Blut an die Türpfosten und den oberen Türbalken ihrer Häuser streichen sollten. Dieses Blut war ein Zeichen dafür, dass Gott ihre Häuser beim angekündigten Gericht verschonen würde (2. Mose 12). Das Geschehen erinnerte später nicht nur an die damalige Rettung. Es wies zugleich auf Jesus Christus hin, der durch seinen Tod die Erlösung der Menschen ermöglichen sollte. Deshalb bezeichnet Paulus Christus ausdrücklich als unser Passahlamm (1. Korinther 5,7). Was das frühere Lamm bildlich veranschaulichte, wurde durch Jesu Hingabe Wirklichkeit.
Auch die wiederholten Tieropfer hatten eine solche vorausweisende Bedeutung. Sie erinnerten die Menschen an die Ernsthaftigkeit der Sünde und daran, dass Schuld vor Gott nicht einfach übergangen werden kann. Doch das Blut von Tieren konnte Sünden nicht endgültig wegnehmen. Der Hebräerbrief erklärt deshalb, dass diese Opfer immer wieder dargebracht werden mussten, während Christus sich selbst ein für alle Mal hingegeben hat (Hebräer 10,1–14). Sein vollkommenes Opfer musste nicht wiederholt werden. Die früheren Opferhandlungen hatten damit ihren vorausweisenden Zweck erfüllt und mussten nicht länger als Mittel des Gottesdienstes fortgesetzt werden.
Hier wird auch deutlich, was es bedeutet, wenn eine frühere Anordnung in Christus ihre Erfüllung findet. Gott hatte den Opferdienst nicht eingerichtet, weil die Tieropfer die Menschen endgültig von ihrer Schuld befreien konnten. Vielmehr sollten die Opfer auf den kommenden Erlöser hinweisen, der allein wirkliche Vergebung und Versöhnung ermöglichen würde. Nachdem Jesus das vollbracht hatte, was sie ankündigten, war ihre bisherige Durchführung nicht mehr erforderlich. Ihre Bedeutung bleibt dennoch in der Bibel erhalten, weil wir durch sie das Erlösungswerk Christi besser verstehen können.
Diese Erkenntnis ist für die Sabbatfrage wichtig. Aus der Erfüllung der Opfer und der damit verbundenen Vorschriften lässt sich nicht ohne Weiteres schließen, dass auch der wöchentliche Sabbat seine Bedeutung verloren hat. Seine Heiligung wird bereits mit der Schöpfung begründet, lange bevor Israel seine Fest- und Opferordnungen erhielt. Zugleich sollten wir nicht ausschließen, dass auch der Sabbat über die Erinnerung an die Schöpfung hinaus auf Gottes zukünftiges Handeln hinweisen kann. Eine solche zusätzliche Bedeutung würde seinen ursprünglichen Sinn nicht automatisch aufheben. Welche Folgen das Kommen Christi für den siebten Tag hat, muss deshalb gesondert untersucht werden.
Damit haben wir eine wichtige Grundlage für die folgenden Aussagen des Paulus gewonnen. Die Bibel kennt sowohl den wöchentlichen Sabbat als auch besondere jährliche Ruhetage. Sie zeigt außerdem, dass religiöse Handlungen und Opfer auf Christus hinweisen konnten und durch ihn ihre bisherige Aufgabe erfüllten. Doch aus dieser Unterscheidung allein lässt sich noch nicht entscheiden, welche Sabbate Paulus meint, wenn er in Kolosser 2 von Festen, Neumonden und Sabbaten spricht. Die Aufzählung kann auch den wöchentlichen Sabbat einschließen. Entscheidend wird deshalb sein, welche Bedeutung Paulus diesen Tagen im Zusammenhang mit dem Opferdienst, der Erlösung durch Christus und der Freiheit der Gläubigen gibt.
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Kolosser 2,16–17: Sind damit die Sabbate aufgehoben?
Kolosser 2,16-17 – „16 So soll euch nun niemand richten wegen Speise oder Trank, oder wegen eines Festes oder Neumonds oder Sabbats, 17 welche Dinge doch nur ein Schatten derer sind, die kommen sollten, wovon aber Christus das Wesen hat."
3. Mose 23,37-38 – „37 Das sind die Feste des HERRN, da ihr heilige Versammlungen einberufen sollt, um dem HERRN Feueropfer, Brandopfer, Speisopfer, Schlachtopfer und Trankopfer darzubringen, ein jedes an seinem Tag 38 außer den Sabbaten des HERRN und außer euren Gaben, den gelobten und freiwilligen Gaben, die ihr dem HERRN gebet."
2. Mose 20,8-11 – „8 Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest! 9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke verrichten; 10 aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes; da sollst du kein Werk tun; weder du, noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Vieh, noch dein Fremdling, der in deinen Toren ist. 11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und E…"
Kolosser 2,20-23 – „20 Wenn ihr mit Christus den Grundsätzen der Welt abgestorben seid, was lasset ihr euch Satzungen auferlegen, als lebtet ihr noch in der Welt? 21 zum Beispiel: «Rühre das nicht an, koste jenes nicht, befasse dich nicht mit dem!» 22 was alles durch den Gebrauch der Vernichtung anheimfällt. 23 Es sind nur Gebote und Lehren von Menschen, haben freilich einen Schein von Weisheit in selbstgewähltem Go…"
Hesekiel 45,17 – „17 Dagegen liegt dem Fürsten ob, auf die Feste, Neumonde, Sabbate und alle hohen Feste des Hauses Israel Brandopfer, Speisopfer und Trankopfer zu geben. Er soll das Sündopfer, das Speisopfer, das Brandopfer und das Dankopfer darbringen, um für das Haus Israel Sühne zu erwirken."
Kolosser 2,16-17 – „16 So soll euch nun niemand richten wegen Speise oder Trank, oder wegen eines Festes oder Neumonds oder Sabbats, 17 welche Dinge doch nur ein Schatten derer sind, die kommen sollten, wovon aber Christus das Wesen hat."
1. Chronik 23,31 – „31 auch haben sie dem HERRN alle Brandopfer zu opfern, an den Sabbaten, Neumonden und Festen in der vorgeschriebenen Zahl vor dem HERRN immerdar."
Hebräer 4,3-11 – „3 Denn wir, die wir gläubig geworden sind, gehen in die Ruhe ein, wie er gesagt hat: «Daß ich schwur in meinem Zorn, sie sollen nicht in meine Ruhe eingehen». 4 Und doch waren die Werke seit Grundlegung der Welt beendigt; denn er hat irgendwo von dem siebenten [Tag] also gesprochen: «Und Gott ruhte am siebenten Tag von allen seinen Werken», 5 und in dieser Stelle wiederum: «Sie sollen nicht in me…"
Klagelieder 2,6-9 – „6 Er hat sein Gehege verwüstet wie einen Garten, sein Versammlungshaus zerstört; der HERR hat die Festtage und Sabbate zu Zion in Vergessenheit gebracht und in seinem grimmigen Zorn König und Priester verworfen. 7 Der Herr hat seinen Altar verabscheut, sein Heiligtum verflucht; er hat die Mauern ihrer Paläste der Hand des Feindes preisgegeben; sie haben im Hause des HERRN ihre Stimme erschallen l…"
4. Mose 28,9-10 – „9 Am Sabbattag aber zwei einjährige, tadellose Lämmer und zwei Zehntel Semmelmehl zum Speisopfer, mit Öl gemengt, dazu sein Trankopfer. 10 Das ist das Brandopfer eines jeden Sabbats, außer dem beständigen Brandopfer und seinem Trankopfer."
Hosea 2,9-23 – „9 Darum will ich mein Korn zurücknehmen zu seiner Zeit und meinen Most zu seiner Frist und will ihr meine Wolle und meinen Flachs, womit sie ihre Blöße deckt, entziehen. 10 Und ich will nun ihre Schande enthüllen vor den Augen ihrer Liebhaber, und niemand wird sie aus meiner Hand erretten; 11 und ich will aller ihrer Freude ein Ende machen, ihrem Fest, ihrem Neumond und ihrem Sabbat und allen ihr…"
Diese Worte gehören zu den wichtigsten Einwänden gegen die bleibende Verbindlichkeit des Sabbats. Paulus nennt ausdrücklich den Sabbat und fordert die Gläubigen auf, sich wegen bestimmter religiöser Praktiken nicht richten zu lassen. Außerdem bezeichnet er die genannten Dinge als Schatten, denen Christus als die eigentliche Wirklichkeit gegenübersteht. Bedeutet das, dass der siebte Tag durch Jesu Tod seine bisherige Stellung verloren hat? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir darauf achten, welche religiösen Ordnungen Paulus anspricht und welche Schlussfolgerung er tatsächlich daraus zieht.
Zunächst fällt die Verbindung von Festen, Neumonden und Sabbaten auf. Mit Neumonden sind hier die religiösen Feiern gemeint, die den Beginn eines neuen Monats kennzeichneten. Eine entsprechende Zusammenstellung begegnet bereits mehrfach im Alten Testament, etwa in Hesekiel 45,17 und 1. Chronik 23,31. Sie umfasst dort die verschiedenen Zeiten des israelitischen Gottesdienstes und lässt sich als Aufzählung jährlicher Feste, monatlicher Feiern und wöchentlicher Sabbate verstehen. Deshalb ist es gut begründbar, dass Paulus auch den Sabbat des siebten Wochentages einschließt. Die Unterscheidung zwischen wöchentlichen und jährlichen Ruhetagen, die wir zuvor kennengelernt haben, erlaubt es nicht, den Wochensabbat ohne weitere Prüfung aus seinen Worten auszuschließen.
Eine besonders bemerkenswerte Aussage finden wir in Hosea 2,11. Dort kündigt Gott selbst an, der Freude Israels ein Ende zu machen, einschließlich seiner Feste, Neumonde und Sabbate. Diese Worte könnten den Eindruck erwecken, Gott habe die Abschaffung des Sabbats bereits durch den Propheten angekündigt. Doch der Zusammenhang zeigt, worum es geht. Hosea spricht zum untreuen Nordreich Israel, das sich von Gott abgewandt hatte und dennoch seine religiösen Feiern beging. Gott kündigt an, diesem Treiben durch sein Gericht ein Ende zu setzen. Der bisherige Festbetrieb sollte zusammenbrechen, weil das Volk die Beziehung zu seinem Gott verlassen hatte. Es handelt sich somit um eine Gerichtsankündigung über Israel, nicht um eine allgemeine Erklärung, dass der siebte Tag seine Heiligkeit für immer verlieren würde. Dass Gott anschließend davon spricht, sein Volk wieder zu sich zu ziehen und seine Beziehung zu ihm wiederherzustellen, bestätigt diesen Zusammenhang (Hosea 2,14–23).
Eine ähnliche Aussage begegnet in Klagelieder 2,6. Dort heißt es, dass der Herr die Festtage und Sabbate in Zion in Vergessenheit gebracht hat. Auch hier geht es um ein tatsächliches göttliches Gericht. Jerusalem und der Ort des gemeinsamen Gottesdienstes waren verwüstet worden. Der regelmäßige Fest- und Opferdienst konnte unter diesen Umständen nicht mehr in seiner bisherigen Form stattfinden. Doch die Zerstörung des Heiligtums und die Unterbrechung seiner religiösen Feiern sind nicht dasselbe wie die Aufhebung aller göttlichen Gebote, die innerhalb dieser Ordnung beachtet wurden. Beide prophetischen Aussagen zeigen, dass Gott einem untreuen Volk seine bisherige Gottesdienstpraxis nehmen konnte. Sie erklären jedoch nicht, dass die ursprüngliche Heiligung des siebten Tages durch Christus endgültig aufgehoben werden sollte.
Damit ist jedoch noch nicht entschieden, welche Bedeutung die Aussage des Paulus für diesen Tag besitzt. Denn die Erwähnung des Sabbats und die Aufhebung seiner göttlichen Heiligung sind nicht dasselbe. Gerade deshalb müssen wir zunächst den Zusammenhang betrachten, in dem Paulus seine Warnung ausspricht.
In den vorausgehenden Versen erinnert er die Gläubigen daran, was Gott durch Jesus Christus für sie getan hat. Sie waren durch ihre Übertretungen von Gott getrennt, doch er hat ihnen vergeben und sie mit Christus lebendig gemacht (Kolosser 2,13–14). Ihre Rettung beruht somit nicht auf eigenen religiösen Leistungen. Sie ist das Ergebnis dessen, was Christus für sie vollbracht hat. Diese Grundlage ist entscheidend, denn von ihr aus erklärt Paulus, weshalb sich die Gläubigen nicht von bestimmten religiösen Forderungen beherrschen lassen sollen.
Dabei verwendet er das Bild einer Schuldschrift. Wir können sie uns wie einen Schuldschein vorstellen, der festhält, dass jemand eine Schuld zu begleichen hat. Solange die Forderung besteht, steht dieses Dokument gegen den Schuldner. Paulus beschreibt nun, wie Gott die gegen uns stehende Schuldschrift ausgelöscht und ans Kreuz geheftet hat. Er verbindet sie mit Satzungen, also verbindlichen Bestimmungen. Wie diese Bestimmungen im Einzelnen mit der Schuldschrift zusammenhängen, wird unterschiedlich ausgelegt. Im unmittelbaren Zusammenhang geht es jedoch ausdrücklich um die Übertretungen der Menschen und ihre Vergebung. Durch Christi Tod wird die Schuld beseitigt, die gegen den Menschen stand und die er aus eigener Kraft nicht wiedergutmachen konnte.
Daraus lässt sich nicht einfach folgern, Gott habe sämtliche Gebote aufgehoben. Paulus fordert die Gläubigen weiterhin auf, sich von Bosheit, Habsucht und Lüge abzuwenden (Kolosser 3,5–10). Auch in Römer 3,31 erklärt er, dass der Glaube Gottes Gesetz nicht außer Kraft setzt. Die Vergebung der Sünde bedeutet also nicht, dass Gottes Wille bedeutungslos geworden wäre. Allerdings beantwortet dies noch nicht, welche Vorschriften des früheren Gottesdienstes nach Christi Tod weiterhin gelten. Die Schuldschrift darf deshalb weder vorschnell mit den Zehn Geboten gleichgesetzt noch ohne nähere Begründung auf eine einzige Gruppe religiöser Vorschriften beschränkt werden.
Wogegen Paulus sich richtet, wird im weiteren Verlauf des Kapitels deutlicher. Bereits in Vers 8 warnt er davor, sich durch menschliche Überlieferungen und Lehren von Christus wegführen zu lassen. Später spricht er von Menschen, die sich auf besondere Demut, Engelverehrung und religiöse Erfahrungen berufen. Außerdem kritisiert er Vorschriften darüber, was man anfassen, kosten oder gebrauchen dürfe (Kolosser 2,18–23). Solche Regeln können den Eindruck besonderer Frömmigkeit erwecken, ohne das Herz eines Menschen wirklich zu verändern. Wer sich ihnen unterwirft, läuft Gefahr, die von Christus geschenkte Freiheit gegen eine neue religiöse Abhängigkeit einzutauschen.
Welche Lehren die Gemeinde in Kolossä im Einzelnen beeinflussten, erfahren wir allerdings nicht vollständig. Paulus beschreibt verschiedene Merkmale, ohne uns eine genaue Darstellung aller beteiligten Personen und ihrer Überzeugungen zu geben. Deshalb können wir auch nicht sicher feststellen, ob die Gläubigen wegen der Nichtbeachtung bestimmter Tage, wegen ihrer Beachtung oder wegen einer besonderen Art ihrer Beachtung kritisiert wurden. Diese Unsicherheit sollten wir nicht durch Vermutungen ersetzen.
Sicher ist dagegen, dass Paulus solche religiösen Urteile zurückweist. Niemand soll die Gläubigen aufgrund der angesprochenen Speisevorschriften oder religiösen Zeiten verurteilen. Ihre Zugehörigkeit zu Christus hängt nicht davon ab, dass sie den Maßstäben bestimmter Lehrer entsprechen. Damit erklärt Paulus jedoch noch nicht ausdrücklich, dass jede der genannten Praktiken bedeutungslos geworden sei. Seine Warnung schützt die Gläubigen vor einer religiösen Beurteilung, die ihre Stellung in Christus von solchen Forderungen abhängig macht. Welche Bedeutung Gottes eigene Gebote dabei weiterhin besitzen, muss aus dem Zusammenhang der Schrift geklärt werden.
Besonders wichtig wird nun die Begründung mit dem Schattenbild. Wie bereits gezeigt wurde, bezeichnet der Hebräerbrief damit frühere Anordnungen, die auf das Erlösungswerk Christi hinwiesen. Sie veranschaulichten etwas, das durch Jesus Wirklichkeit werden sollte. Paulus verwendet in Kolosser 2 einen ähnlichen Gedanken: Die genannten Dinge werden Christus gegenübergestellt, in dem sie ihre eigentliche Bedeutung finden.
Dabei müssen wir allerdings genau lesen. Paulus sagt nicht ausdrücklich, dass ausschließlich menschliche Zusatzregeln Schatten seien. Er bezieht das Bild auf die zuvor genannten religiösen Dinge selbst. Deshalb genügt es nicht, seine Aussage allein als Kritik an übertriebenen Vorschriften zu erklären. Wir müssen auch berücksichtigen, dass Gott innerhalb des früheren Gottesdienstes selbst Handlungen angeordnet hatte, deren Aufgabe durch Christus erfüllt wurde.
Hier ist der alttestamentliche Opferdienst besonders aufschlussreich. In 4. Mose 28–29 werden die regelmäßigen Opfer Israels beschrieben. Neben den täglichen Opfern gab es zusätzliche Opfer am wöchentlichen Sabbat, am Beginn jedes Monats und an den jährlichen Festen. Am Sabbat sollten beispielsweise zwei weitere Lämmer dargebracht werden, begleitet von Speis- und Trankopfern. Diese Opfer gehörten zu den religiösen Handlungen, die später durch das vollkommene Opfer Jesu ihre bisherige Aufgabe verloren.
Die Verbindung zu Kolosser 2 ist bemerkenswert. In 1. Chronik 23,31 und Hesekiel 45,17 begegnen Sabbate, Neumonde und Feste ausdrücklich im Zusammenhang mit Opferhandlungen. Die Aufzählung bezeichnet dort also nicht nur bestimmte Tage im Kalender, sondern steht zugleich innerhalb einer Ordnung festgelegter Opfer. Deshalb besteht eine biblisch begründbare Möglichkeit, dass Paulus auch die religiösen Vorschriften und Handlungen im Blick hat, die mit diesen Zeiten verbunden waren.
Das bedeutet jedoch nicht, dass seine Worte eindeutig auf Opfer beschränkt werden können. Paulus nennt in Kolosser 2,16 keine Tieropfer ausdrücklich. Auch die erwähnten Speisen und Getränke können sich auf Fragen des Essens und Trinkens beziehen. Die später kritisierten Vorschriften über das Kosten und Berühren sprechen dafür, dass solche Verhaltensregeln in der Gemeinde eine Rolle spielten. Wir dürfen die Ähnlichkeit zu den alttestamentlichen Opferordnungen deshalb nicht mit einem ausdrücklichen Beweis gleichsetzen. Sie hilft uns, eine mögliche Bedeutung seiner Worte zu erkennen, entscheidet aber nicht allein über ihre genaue Reichweite.
Gerade an diesem Punkt wird der Unterschied zwischen dem wöchentlichen Sabbat und den mit ihm verbundenen Opferhandlungen wichtig. Die Opfer wiesen auf die Erlösung durch Christus voraus. Die besondere Stellung des siebten Tages wird dagegen bereits bei der Schöpfung begründet, lange bevor der spätere Opferdienst Israels eingerichtet wurde. Gott segnete und heiligte diesen Tag, weil er an ihm von seinem vollendeten Schöpfungswerk ruhte (1. Mose 2,2–3). Im vierten Gebot greift er genau diese Begründung wieder auf. Der Sabbat erinnert somit zunächst an ein Werk Gottes, das bereits vollendet war, während die Opfer auf das noch kommende Erlösungswerk Christi hinwiesen.
Diese Unterscheidung ist für unsere Frage entscheidend. Die zusätzlichen Opfer am Sabbat mussten nach Christi vollkommenem Opfer nicht fortgesetzt werden. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass auch die ursprüngliche Heiligung des Tages aufgehoben wurde. Der Sabbat erhielt seine besondere Stellung nicht erst durch die später angeordneten Opferhandlungen. Ihre Erfüllung erklärt deshalb noch nicht, weshalb Gottes Segen über dem siebten Tag seine Bedeutung verloren haben sollte.
Allerdings darf auch die andere Seite nicht übergangen werden. Wenn Paulus mit dem Schattenbild tatsächlich die genannten Tage selbst und nicht nur ihre begleitenden Vorschriften meint, könnte seine Aussage eine weiterreichende Freiheit gegenüber diesen religiösen Zeiten begründen. Dann wäre seine Warnung ein ernstes Argument dagegen, die frühere Kalenderordnung unverändert für alle Christen verbindlich zu machen. Dieser Einwand lässt sich nicht allein mit dem Hinweis beantworten, dass der Sabbat schon bei der Schöpfung geheiligt wurde. Wir müssen ebenso fragen, welche Bedeutung Paulus ihm nach dem Kommen Christi zuschreibt.
Auch der Hebräerbrief zeigt, dass die Ruhe Gottes eine Bedeutung besitzt, die über das bloße Unterbrechen der Arbeit hinausgeht. In Hebräer 4,3–11 wird Gottes Ruhe am siebten Tag mit der Ruhe verbunden, in die Menschen durch den Glauben eingehen sollen. Daraus folgt jedoch weder ausdrücklich, dass die wöchentliche Sabbatbeachtung durch diese geistliche Ruhe ersetzt wurde, noch lässt sich daraus allein ihre bleibende Verpflichtung beweisen. Diese Frage werden wir im betreffenden Kapitel ausführlicher untersuchen.
Für Kolosser 2 lässt sich deshalb Folgendes festhalten: Paulus stellt Christus in den Mittelpunkt und schützt die Gläubigen davor, sich durch religiöse Vorschriften oder menschliche Urteile von ihm abhängig machen zu lassen. Die Verbindung zu den alttestamentlichen Opferordnungen bietet eine gute biblische Grundlage, um zwischen den vorausweisenden Handlungen und der ursprünglichen Heiligung des Sabbats zu unterscheiden. Zugleich bleibt zu beachten, dass Paulus diese Unterscheidung nicht ausdrücklich formuliert.
Kolosser 2,16–17 ist daher kein eindeutiger Beweis dafür, dass Gott den wöchentlichen Sabbat aufgehoben hat. Ebenso wenig erklärt der Abschnitt, dass seine Heiligkeit auf den Sonntag übertragen worden wäre. Der Text zeigt jedoch, dass die Stellung religiöser Vorschriften durch Christus neu beurteilt werden muss und dass niemand seine Annahme bei Gott durch solche Handlungen verdienen kann. Ob der siebte Tag für Christen weiterhin verbindlich bleibt, muss deshalb aus dem gesamten biblischen Zeugnis beantwortet werden. Eine besonders wichtige weitere Aussage begegnet uns in Römer 14. Dort spricht Paulus noch unmittelbarer über unterschiedliche Überzeugungen hinsichtlich der Beachtung bestimmter Tage.
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Römer 14: Wird jeder Tag zur Gewissensfrage?
Römer 14,1-6 – „1 Des Schwachen im Glauben nehmet euch an, doch nicht um über Meinungen zu streiten. 2 Einer glaubt, alles essen zu dürfen; wer aber schwach ist, ißt Gemüse. 3 Wer ißt, verachte den nicht, der nicht ißt; und wer nicht ißt, richte den nicht, der ißt; denn Gott hat ihn angenommen. 4 Wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn. Er wird aber aufgerichtet werden…"
Römer 14,1-6 – „1 Des Schwachen im Glauben nehmet euch an, doch nicht um über Meinungen zu streiten. 2 Einer glaubt, alles essen zu dürfen; wer aber schwach ist, ißt Gemüse. 3 Wer ißt, verachte den nicht, der nicht ißt; und wer nicht ißt, richte den nicht, der ißt; denn Gott hat ihn angenommen. 4 Wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn. Er wird aber aufgerichtet werden…"
Römer 14,13-17 – „13 Darum laßt uns nicht mehr einander richten, sondern das richtet vielmehr, daß dem Bruder weder Anstoß noch Ärgernis gegeben werde! 14 Ich weiß und bin in dem Herrn Jesus davon überzeugt, daß nichts an sich selbst unrein ist; sondern nur für den, der etwas für unrein hält, ist es unrein. 15 Wenn aber dein Bruder um einer Speise willen betrübt wird, so wandelst du schon nicht nach der Liebe. Ver…"
Römer 13,8-10 – „8 Seid niemand etwas schuldig, als daß ihr einander liebet; denn wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn die [Forderung]: «Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, laß dich nicht gelüsten» (und welches andere Gebot noch sei), wird zusammengefaßt in diesem Wort: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!» 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts …"
Römer 14,19-23 – „19 So laßt uns nun dem nachjagen, was zum Frieden und zur Erbauung untereinander dient. 20 Zerstöre nicht wegen einer Speise Gottes Werk! Es ist zwar alles rein, aber es ist demjenigen schädlich, welcher es mit Anstoß ißt. 21 Es ist gut, wenn du kein Fleisch issest und keinen Wein trinkst, noch sonst etwas [tust], woran dein Bruder Anstoß oder Ärgernis nehmen oder schwach werden könnte. 22 Du has…"
Römer 15,1-7 – „1 Es ist aber unsere, der Starken Pflicht, die Schwachheiten der Kraftlosen zu tragen und nicht Gefallen an uns selber zu haben. 2 Es soll aber ein jeder von uns seinem Nächsten gefallen zum Guten, zur Erbauung. 3 Denn auch Christus hatte nicht an sich selbst Gefallen, sondern wie geschrieben steht: «Die Schmähungen derer, die dich geschmäht haben, sind auf mich gefallen.» 4 Was aber zuvor geschr…"
Auf den ersten Blick scheinen diese Worte eine weitreichende Freiheit zu gewähren. Während ein Gläubiger bestimmte Tage besonders achtet, betrachtet ein anderer alle Tage als gleich. Paulus fordert beide auf, ihrer Überzeugung vor Gott gewiss zu sein. Bedeutet das, dass jeder Christ selbst entscheiden darf, ob er den siebten Tag heilighält? Und wenn dies tatsächlich gemeint ist, welche Bedeutung hätte dann das vierte Gebot? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir beachten, weshalb Paulus überhaupt über unterschiedliche Tage spricht.
Das Kapitel beginnt mit einem Streit über das Essen. Während manche Gläubige ohne Bedenken verschiedene Speisen zu sich nahmen, verzichteten andere auf Fleisch und ernährten sich ausschließlich von Pflanzenkost. Paulus bezeichnet denjenigen, der solche Bedenken hatte, als schwach im Glauben. Damit erklärt er ihn jedoch nicht zu einem schlechteren Christen. Gemeint ist ein Mensch, dessen Glaube ihm noch nicht die Freiheit gibt, bestimmte Dinge ohne innere Zweifel zu tun. Gerade diesen Menschen soll die Gemeinde annehmen, statt ihn wegen seiner Überzeugungen herabzusetzen.
Weshalb einige Gläubige auf Fleisch verzichteten, erklärt Paulus nicht ausdrücklich. Möglicherweise befürchteten sie, durch bestimmte Speisen religiös unrein zu werden. Auch Bedenken hinsichtlich der Herkunft oder Zubereitung des Fleisches kommen infrage. Im weiteren Verlauf erwähnt Paulus außerdem den Verzicht auf Wein (Römer 14,21). Es ging also um Fragen, bei denen manche Christen glaubten, bestimmte Speisen oder Getränke vor Gott meiden zu müssen. Dabei sollten wir nicht voraussetzen, dass die alttestamentlichen Speisegesetze grundsätzlich vegetarische Ernährung verlangten. Eine solche Vorschrift enthält das Gesetz Israels nicht.
In diesen Zusammenhang stellt Paulus die unterschiedliche Beachtung von Tagen. Welche Tage er meint, sagt er allerdings nicht. Einige Ausleger denken an jüdische Festtage, die manche Christen weiterhin besonders achteten, während andere sie nicht mehr in derselben Weise beachteten. Andere vermuten besondere Fasttage. Damit sind Tage gemeint, an denen Menschen aus religiösen Gründen zeitweise auf Nahrung oder bestimmte Speisen verzichteten, etwa um sich besonders dem Gebet zu widmen. Ein solcher Zusammenhang könnte erklären, weshalb Paulus die Fragen nach Speisen und Tagen so eng miteinander verbindet.
Beide Erklärungen sind möglich, doch keine wird im Text ausdrücklich bestätigt. Paulus nennt weder bestimmte Feste noch konkrete Fasttage. Deshalb wäre es nicht gerechtfertigt, seine Aussage sicher auf freiwillige Fasttage zu beschränken. Ebenso wenig erwähnt er den wöchentlichen Sabbat ausdrücklich. Dass ein Zusammenhang mit jüdischen Festordnungen naheliegt, bedeutet noch nicht, dass der siebte Wochentag unbedingt dazugehört. Wir müssen daher zwischen den möglichen Hintergründen und dem unterscheiden, was Paulus tatsächlich schreibt.
Besonders ernst zu nehmen ist dabei die Aussage, dass ein Gläubiger alle Tage gleich achtet. Sie lässt sich nicht einfach übergehen, denn bei einem allgemeinen Verständnis könnte auch der wöchentliche Sabbat eingeschlossen sein. Andererseits müssen wir beachten, dass Paulus nicht über sämtliche denkbaren Unterschiede zwischen den Wochentagen spricht. Er behandelt eine konkrete Streitfrage innerhalb der Gemeinde. Welche Tage von diesem Streit betroffen waren, erfahren wir nicht. Deshalb kann die Formulierung weder ohne weitere Begründung auf den Sabbat ausgedehnt noch mit Sicherheit auf andere Tage begrenzt werden.
Deutlich ist dagegen, wie Paulus den Umgang mit diesen unterschiedlichen Überzeugungen beurteilt. Wer bestimmte Speisen ohne Bedenken isst, soll den anderen nicht verachten. Wer darauf verzichtet, darf den Essenden nicht verurteilen. Beide sollen anerkennen, dass der andere Christus gehört. Paulus erinnert sie deshalb daran, dass jeder Gläubige seinem eigenen Herrn verantwortlich ist. Nicht die Zustimmung anderer Menschen entscheidet darüber, ob jemand von Gott angenommen wird. Christus selbst ist der Herr, vor dem jeder Mensch steht.
Dasselbe Grundprinzip gilt für die Beachtung der angesprochenen Tage. Wer einen Tag besonders achtet, soll dies in aufrichtiger Hingabe an den Herrn tun. Paulus richtet den Blick damit auf die innere Haltung der Gläubigen. Ihr Handeln soll nicht von dem Wunsch bestimmt sein, andere zu beeindrucken oder sich über sie zu erheben. Sie sollen in Verantwortung vor Gott leben. Dabei bedeutet eine aufrichtige Absicht jedoch noch nicht, dass jede religiöse Überzeugung automatisch richtig ist. Auch ein gewissenhafter Mensch kann sich irren. Deshalb verbindet Paulus die persönliche Überzeugung mit der Verantwortung, im Glauben zu wachsen und die Rücksicht auf andere nicht zu verlieren.
Hier müssen wir verstehen, was mit dem Gewissen gemeint ist. Das Gewissen ist das innere Urteil eines Menschen darüber, ob er etwas vor Gott verantworten kann. Es kann ihn vor einer Handlung warnen, die er selbst für falsch hält. Dieses Urteil ist jedoch nicht unfehlbar, denn es hängt auch davon ab, was ein Mensch erkannt und verstanden hat. Deshalb muss das Gewissen durch Gottes Wort geprägt werden. Zugleich darf niemand leichtfertig gegen seine gegenwärtige Überzeugung handeln. Paulus erklärt am Ende des Kapitels, dass jemand schuldig wird, wenn er etwas tut, obwohl er selbst daran zweifelt, ob es vor Gott richtig ist (Römer 14,23).
Ein einfaches Beispiel verdeutlicht diesen Gedanken. Wenn ein Christ eine bestimmte Speise für unerlaubt hält, aber dennoch davon isst, handelt er bewusst gegen das, was er selbst als Gottes Willen versteht. Selbst wenn ein anderer diese Speise ohne Bedenken essen kann, sollte er den Zweifelnden nicht dazu drängen, seine Überzeugung zu missachten. Stattdessen soll er Rücksicht auf dessen Glauben nehmen. Umgekehrt darf derjenige, der Bedenken hat, seine persönliche Unsicherheit nicht ohne Weiteres zum Maßstab für die gesamte Gemeinde machen.
Darin zeigt sich, worauf Paulus hinauswill. Christliche Freiheit bedeutet nicht, nur an sich selbst zu denken. Wer etwas mit gutem Gewissen tun kann, trägt dennoch Verantwortung für andere. Er soll darauf achten, dass sein Verhalten niemanden dazu verleitet, gegen die eigene Überzeugung zu handeln. Deshalb fordert Paulus die Gläubigen auf, dem Frieden und der gegenseitigen Stärkung im Glauben nachzujagen (Römer 14,19). Die Liebe zum Mitmenschen soll wichtiger sein als das Beharren auf einer persönlichen Freiheit, wenn deren Ausübung einem anderen geistlich schadet.
Diese Rücksicht bedeutet allerdings nicht, dass Gottes Gebote zu einer bloßen Geschmacksfrage werden. Bereits im vorausgehenden Kapitel spricht Paulus ausdrücklich über Ehebruch, Töten, Stehlen und das Verlangen nach dem Besitz anderer. Er erklärt, dass die Liebe dem Nächsten nichts Böses tut und deshalb Gottes Gesetz erfüllt (Römer 13,8–10). Solche Handlungen behandelt Paulus nicht als gleichberechtigte Möglichkeiten, zwischen denen jeder nach persönlicher Überzeugung wählen dürfte. Seine Aufforderung zur gegenseitigen Annahme in Römer 14 bezieht sich auf die dort angesprochenen Streitfragen. Sie darf nicht zu einer allgemeinen Erlaubnis gemacht werden, Gottes Willen nach eigenen Vorstellungen festzulegen.
Gerade deshalb ist die Frage wichtig, ob Paulus auch den wöchentlichen Sabbat zu diesen Streitfragen zählt. Dieser Tag wurde von Gott bereits bei der Schöpfung gesegnet und geheiligt und später ausdrücklich in den Zehn Geboten verankert. Eine solche göttliche Anordnung besitzt eine andere Grundlage als ein freiwillig gewählter Fasttag. Wenn Paulus lediglich über die Auswahl bestimmter Fast- oder Festtage spricht, lässt sich seine gewährte Freiheit nicht ohne Weiteres auf das vierte Gebot übertragen. Wir müssten zunächst zeigen, dass der Sabbat tatsächlich zu den Tagen gehört, deren unterschiedliche Beachtung Paulus hier zulässt.
Sollte Paulus dagegen auch den siebten Wochentag meinen, hätte seine Aussage erhebliches Gewicht. Dann würde er nicht nur berichten, dass Christen unterschiedliche Auffassungen über den Sabbat besaßen, sondern ihnen ausdrücklich gebieten, einander trotz dieser Unterschiede anzunehmen. Das wäre ein ernsthafter Einwand gegen die Auffassung, alle Christen müssten den Sabbat in gleicher Weise als verbindlichen Ruhetag beachten. Eine solche Deutung ließe sich nicht allein mit dem Hinweis auf die weiterhin geltenden sittlichen Gebote widerlegen. Es müsste erklärt werden, weshalb Paulus gerade beim Sabbat eine unterschiedliche Praxis zulassen sollte, obwohl dieser Tag zum vierten Gebot gehört.
Allerdings bleibt genau diese Voraussetzung unbewiesen. Paulus nennt den Sabbat nicht. Er erklärt auch nicht, dass Gottes Segnung des siebten Tages aufgehoben worden wäre oder seine Heiligkeit nun von der persönlichen Entscheidung des Menschen abhänge. Dass der Sabbat nicht ausdrücklich erwähnt wird, beweist zwar nicht, dass er ausgeschlossen ist. Es verhindert jedoch, dass Römer 14,5–6 für sich allein als eindeutige Aufhebung des vierten Gebots gelten kann. Welche Bedeutung die gewährte Freiheit für den wöchentlichen Sabbat besitzt, muss deshalb anhand der übrigen Aussagen der Schrift beurteilt werden.
Unabhängig davon bleibt die praktische Unterweisung des Paulus verbindlich. Christen sollen einander nicht verachten oder vorschnell verurteilen, wenn sie in bestimmten Fragen unterschiedliche Erkenntnisse besitzen. Sie sollen nach Gottes Willen fragen, ihre Überzeugungen an seinem Wort prüfen und liebevoll miteinander umgehen. Paulus führt diesen Gedanken in Römer 15 weiter: Die Starken sollen die Schwachen tragen und nicht nur das eigene Wohl suchen. Christus selbst wird zum Vorbild einer Liebe, die den anderen annimmt und ihm zum Guten dient.
Römer 14 entscheidet somit nicht ausdrücklich, ob der wöchentliche Sabbat für Christen weiterhin verpflichtend bleibt. Das Kapitel zeigt jedoch, dass die Annahme durch Christus nicht von der Zustimmung anderer Menschen abhängt und dass unterschiedliche religiöse Überzeugungen mit Geduld und Liebe behandelt werden müssen. Zugleich darf persönliche Freiheit nicht gegen einen eindeutig erkannten Willen Gottes ausgespielt werden. Wie wichtig der Zusammenhang einer solchen Frage ist, zeigt der Galaterbrief. Dort spricht Paulus ebenfalls über die Beachtung bestimmter Tage, verbindet sie jedoch mit einer wesentlich ernsteren Warnung. Weshalb beurteilt er diese Situation anders?
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Galater 4: Warnt Paulus vor der Beachtung bestimmter Tage?
Galater 4,8-11 – „8 Damals aber, als ihr Gott nicht kanntet, dientet ihr denen, die von Natur nicht Götter sind. 9 Nun aber, da ihr Gott erkannt habt, ja vielmehr von Gott erkannt seid, wie möget ihr euch wiederum den schwachen und armseligen Elementen zuwenden, denen ihr von neuem dienen wollt? 10 Ihr beobachtet Tage und Monate und [heilige] Zeiten und Jahre. 11 Ich fürchte für euch, daß ich am Ende vergeblich um…"
Galater 4,8-11 – „8 Damals aber, als ihr Gott nicht kanntet, dientet ihr denen, die von Natur nicht Götter sind. 9 Nun aber, da ihr Gott erkannt habt, ja vielmehr von Gott erkannt seid, wie möget ihr euch wiederum den schwachen und armseligen Elementen zuwenden, denen ihr von neuem dienen wollt? 10 Ihr beobachtet Tage und Monate und [heilige] Zeiten und Jahre. 11 Ich fürchte für euch, daß ich am Ende vergeblich um…"
Galater 4,21-31 – „21 Saget mir, die ihr unter dem Gesetz sein wollt: höret ihr das Gesetz nicht? 22 Es steht doch geschrieben, daß Abraham zwei Söhne hatte, einen von der Sklavin, den andern von der Freien. 23 Der von der Sklavin war nach dem Fleisch geboren, der von der Freien aber kraft der Verheißung. 24 Das hat einen bildlichen Sinn: Es sind zwei Bündnisse; das eine von dem Berge Sinai, das zur Knechtschaft ge…"
Galater 5,1-6 – „1 Für die Freiheit hat uns Christus befreit; so stehet nun fest und lasset euch nicht wieder in ein Joch der Knechtschaft spannen! 2 Siehe, ich Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasset, wird euch Christus nichts nützen. 3 Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden läßt, daß er schuldig ist, das ganze Gesetz zu halten. 4 Ihr seid losgetrennt von Christus, die ihr durchs Gese…"
Galater 5,13-14 – „13 Denn ihr, meine Brüder, seid zur Freiheit berufen; nur machet die Freiheit nicht zu einem Vorwand für das Fleisch, sondern durch die Liebe dienet einander. 14 Denn das ganze Gesetz wird in einem Worte erfüllt, in dem: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.»"
Galater 3,19-26 – „19 Wozu nun das Gesetz? Der Übertretungen wegen wurde es hinzugefügt, bis der Same käme, dem die Verheißung gilt, und es ist durch Engel übermittelt worden in die Hand eines Mittlers. 20 Ein Mittler aber ist nicht nur [Mittler] von einem; Gott aber ist einer. 21 Ist nun das Gesetz wider die Verheißungen Gottes? Das sei ferne! Denn wenn ein Gesetz gegeben wäre, das Leben schaffen könnte, so käme d…"
1. Korinther 7,19 – „19 Beschnitten sein ist nichts und unbeschnitten sein ist auch nichts, wohl aber Gottes Gebote halten."
Die Warnung des Paulus ist hier deutlich ernster als in Römer 14. Während er die Gläubigen in Rom auffordert, einander trotz unterschiedlicher Überzeugungen anzunehmen, fürchtet er im Galaterbrief sogar, seine Arbeit könne vergeblich gewesen sein. Offenbar sieht er in der Beachtung bestimmter Zeiten eine Entwicklung, die den Glauben der Galater gefährdet. Weshalb beurteilt er diese Situation so anders? Und richtet sich seine Warnung tatsächlich gegen den wöchentlichen Sabbat?
Um das zu verstehen, müssen wir den Anlass des Briefes betrachten. Die Galater, an die Paulus sich richtet, hatten früher andere Götter verehrt. Durch die Verkündigung des Evangeliums hatten sie jedoch Jesus Christus kennengelernt und waren zum Glauben an den lebendigen Gott gekommen. Nun gerieten sie unter den Einfluss von Lehrern, die verlangten, dass sich männliche Gläubige beschneiden ließen. Die Beschneidung war ursprünglich ein körperliches Zeichen des Bundes, den Gott mit Abraham geschlossen hatte (1. Mose 17,9–14). Später gehörte sie zur Bundesordnung Israels. Die Forderung dieser Lehrer bedeutete deshalb mehr als die Übernahme eines einzelnen religiösen Brauchs. Es ging darum, ob Menschen aus anderen Völkern erst durch die Übernahme dieser Ordnung vollständig zu Gottes Volk gehören konnten.
Paulus widerspricht dieser Vorstellung entschieden. Bereits in Galater 3 erinnert er die Gläubigen daran, dass sie Gottes Geist durch den Glauben empfangen hatten und nicht durch die Erfüllung gesetzlicher Vorschriften. Sie waren durch Christus zu Kindern Gottes geworden. Seine Erlösung musste nicht erst durch die Beschneidung oder weitere religiöse Handlungen vervollständigt werden. Ihre Annahme bei Gott beruhte auf seiner Gnade, nicht auf einer Leistung, mit der sie sich ihre Zugehörigkeit verdienen konnten.
Damit berührt der Streit die Frage der Rechtfertigung. Dieser Begriff beschreibt, dass Gott einen schuldigen Menschen aufgrund des Erlösungswerkes Jesu gerecht spricht. Der Mensch kann seine Sünden nicht durch eigene Anstrengungen ungeschehen machen. Er ist auf Gottes Vergebung angewiesen und empfängt sie durch den Glauben an Christus. Wer dagegen versucht, seine Stellung vor Gott durch religiöse Leistungen zu sichern, sucht die Grundlage seiner Annahme an der falschen Stelle. Genau vor dieser Gefahr warnt Paulus die Galater.
Doch Paulus geht noch einen Schritt weiter. In Galater 3,19 erklärt er, dass das Gesetz wegen der Übertretungen hinzugefügt wurde, bis der verheißene Nachkomme kommen würde. Gemeint ist Christus, auf den Gottes Verheißung an Abraham hinweist. Anschließend vergleicht Paulus das Gesetz mit einem Aufseher, der ein unmündiges Kind betreut und dessen Verhalten überwacht. In der damaligen Zeit hatte ein solcher Aufseher die Aufgabe, ein Kind während seiner Erziehung zu begleiten und zu beaufsichtigen. Seine Verantwortung war jedoch nicht für das gesamte Leben des Kindes bestimmt. Sobald dieses eine neue Stellung erreichte, endete die bisherige Aufsicht. Entsprechend erklärt Paulus, dass das Gesetz bis zum Kommen Christi eine solche Aufgabe hatte. Nun aber, da der Glaube gekommen ist, stehen die Gläubigen nicht länger unter diesem Aufseher (Galater 3,23–25).
Diese Aussage ist für die Sabbatfrage wichtig, weil Paulus damit nicht lediglich vor dem Versuch warnt, durch eigene Leistungen gerecht zu werden. Er beschreibt auch das Ende einer früheren Ordnung, unter deren Aufsicht Gottes Volk stand. Deshalb dürfen wir seine Worte nicht so erklären, als hätte sich durch Christus allein die innere Einstellung der Gläubigen verändert, während ihre bisherige Stellung zum Gesetz vollständig gleich geblieben wäre. Allerdings sagt Paulus damit noch nicht, dass jedes Gebot, das innerhalb dieser Ordnung verkündet wurde, seinen göttlichen Maßstab verloren hat. Er erklärt zunächst, dass die frühere Gesetzesaufsicht ihre Aufgabe erfüllt hat. Welche Weisungen weiterhin für das Leben der Gläubigen gelten, muss aus dem gesamten Zeugnis des Neuen Testaments erschlossen werden.
Schon zu Beginn des vierten Kapitels verdeutlicht er ihre neue Stellung mit einem Vergleich. Ein Kind, das später das Erbe seines Vaters empfangen soll, steht zunächst unter der Aufsicht anderer. Doch mit dem vorgesehenen Zeitpunkt ändert sich seine Stellung. Paulus greift dieses Bild auf, um zu erklären, was Christus für die Gläubigen getan hat. Sie sollen nicht länger wie Unmündige unter einer früheren Ordnung leben, sondern als Kinder Gottes die ihnen geschenkte Freiheit erfahren. Gott hat ihnen sogar den Geist seines Sohnes gegeben, durch den sie ihn als Vater anrufen dürfen (Galater 4,1–7). Gerade deshalb erschüttert es Paulus, dass sie sich erneut einer religiösen Abhängigkeit zuwenden.
In diesem Zusammenhang spricht er von den „schwachen und armseligen Elementen“. Der Ausdruck ist nicht sofort verständlich. Das zugrunde liegende griechische Wort konnte unter anderem grundlegende Bestandteile oder Anfangsgründe bezeichnen. Manche Ausleger verstehen darunter religiöse Ordnungen, die den Menschen vor dem Kommen Christi bestimmten. Andere denken an Mächte, denen Menschen Einfluss auf ihr Leben und ihr Schicksal zuschrieben. Welche Bedeutung Paulus an dieser Stelle genau voraussetzt, ist umstritten. Doch seine Warnung ist klar: Die Galater drohen sich erneut etwas zu unterwerfen, das ihnen weder die Erlösung noch die Freiheit schenken kann, die sie durch Christus bereits empfangen haben.
Dabei entsteht eine wichtige Frage. Paulus erinnert die Galater ausdrücklich an ihre frühere Verehrung falscher Götter. Wenn sie nun aber unter den Einfluss von Lehrern geraten waren, die jüdische Vorschriften verlangten, weshalb spricht er dann von einer Rückkehr? Schließlich hatten diese Gläubigen vor ihrer Bekehrung nicht unter dem Gesetz Israels gelebt.
Eine mögliche Erklärung liegt darin, dass Paulus nicht die äußeren religiösen Handlungen gleichsetzt, sondern den Zustand der Abhängigkeit. Früher hatten die Galater Göttern gedient, die sie nicht retten konnten. Nun drohten sie, ihre von Christus geschenkte Freiheit erneut durch religiöse Verpflichtungen zu verlieren, von denen sie ihre Annahme bei Gott abhängig machten. Die Vorschriften waren andere, doch die Gefahr war vergleichbar: Statt vollständig auf Christus zu vertrauen, suchten sie Sicherheit in einer Ordnung, die ihnen das Heil nicht geben konnte. Das bedeutet nicht, dass Gottes Offenbarung an Israel mit der früheren Götterverehrung identisch wäre. Paulus stellt vielmehr die Frage, weshalb Menschen, die durch Christus befreit wurden, wieder in religiöse Knechtschaft geraten wollen.
Vor diesem Hintergrund müssen wir auch seine Aufzählung der Tage, Monate, Zeiten und Jahre verstehen. Sie beschreibt eine weitreichende Beachtung religiöser Zeiten, nennt aber keine einzelnen Festtage. Wegen des Streits um Beschneidung und Gesetz liegt es nahe, dabei an den jüdischen Festkalender zu denken. Dazu gehörten jährliche Feste, monatliche Feiern und der wöchentliche Sabbat. Auch besondere Fest- und Ruhejahre waren im Gesetz Israels bekannt. Dennoch ordnet Paulus die einzelnen Begriffe diesen Einrichtungen nicht ausdrücklich zu. Wir sollten deshalb nicht behaupten, seine Aufzählung beschreibe zweifelsfrei jede dieser Ordnungen.
Zugleich darf die frühere heidnische Vergangenheit der Galater nicht übergangen werden. Auch außerhalb Israels wurden bestimmte Tage, Monate und Zeiten mit religiösen Vorstellungen verbunden. Deshalb wird die Möglichkeit vertreten, Paulus habe hier solche Zeitordnungen im Blick oder denke an eine Verbindung unterschiedlicher religiöser Einflüsse. Gegen eine ausschließlich heidnische Deutung spricht jedoch, dass der Brief ausführlich die Forderung nach Beschneidung und die Unterstellung unter das Gesetz behandelt. Die genaue Herkunft der genannten Kalenderpraktiken bleibt daher eine Auslegungsfrage. Sicher ist nur, dass Paulus ihre Beachtung im Zusammenhang mit einer für die Galater gefährlichen religiösen Abhängigkeit sieht.
Wie weit seine Warnung reicht, zeigt er anschließend anhand der Geschichte Abrahams. In Galater 4,21–31 erinnert Paulus an Hagar und Sara. Hagar war eine Sklavin und wurde die Mutter Ismaels. Sara war Abrahams freie Frau und wurde die Mutter Isaaks, dessen Geburt Gott verheißen hatte. Paulus verwendet ihre Geschichte als Bild für zwei unterschiedliche Stellungen vor Gott. Hagar verbindet er ausdrücklich mit dem Bund am Sinai und der Knechtschaft. Die Gläubigen bezeichnet er dagegen als Kinder der Verheißung, deren Zugehörigkeit zu Gott auf seiner Zusage und deren Erfüllung durch Christus beruht. Sie sollen deshalb nicht unter eine Ordnung zurückkehren, die ihrer neuen Stellung als freie Kinder Gottes widerspricht.
Damit geht es um mehr als die persönliche Einstellung, mit der jemand religiöse Vorschriften erfüllt. Paulus fragt auch danach, welcher Bundesordnung sich die Gläubigen unterstellen. In Galater 5,2–4 erklärt er, dass die Annahme der Beschneidung unter den hier verhandelten Voraussetzungen zur Verpflichtung auf das ganze Gesetz führt. Wer versucht, auf diesem Weg vor Gott gerecht zu werden, verlässt die Grundlage der Gnade. Die Beschneidung wird in diesem Streit zum Zeichen für die Übernahme einer Verpflichtung, durch die Menschen ihre Zugehörigkeit zu Gottes Volk sichern wollen. Deshalb darf die Warnung nicht auf übertriebene religiöse Strenge reduziert werden. Paulus widerspricht der Forderung, Christen aus anderen Völkern müssten die frühere Bundesordnung übernehmen, um vollständig zu Christus zu gehören.
Hier wird zugleich der Unterschied zu Römer 14 verständlich. Dort spricht Paulus über Streitfragen, bei denen er unterschiedliche Überzeugungen innerhalb der Gemeinde zulässt. Im Galaterbrief geht es dagegen um eine Lehre, die den Gläubigen vermittelt, ihre Stellung vor Gott müsse durch die Übernahme bestimmter Bundesvorschriften vervollständigt werden. Deshalb reagiert Paulus so entschieden. Nicht jeder religiöse Brauch ist schon deshalb falsch, weil jemand ihn beachtet. Entscheidend ist jedoch, ob daraus eine Verpflichtung gemacht wird, die den Glauben an das vollkommene Erlösungswerk Christi ergänzt oder verdrängt.
Was bedeutet das nun für den wöchentlichen Sabbat? Sollte er zu den von Paulus genannten Tagen gehören, müsste seine Beachtung im Zusammenhang dieser Warnung verstanden werden. Der siebte Tag dürfte dann nicht als Bestandteil einer früheren Bundesordnung zur Voraussetzung gemacht werden, durch die ein Mensch erst seine volle Stellung vor Gott erlangt. Daraus folgt jedoch nicht unmittelbar, dass jede Sabbatbeachtung falsch wäre. Ebenso wenig beweist die Aufzählung allein, dass Gottes ursprüngliche Heiligung des siebten Tages aufgehoben wurde.
Dabei müssen wir eine weitere Unterscheidung beachten. Dass Gehorsam keinen Menschen rechtfertigen kann, bedeutet nicht, dass Gottes Wille für das Leben der Gläubigen bedeutungslos geworden wäre. Paulus erklärt selbst, dass der Glaube durch die Liebe wirksam wird (Galater 5,6). In 1. Korinther 7,19 unterscheidet er außerdem zwischen der Beschneidung, die für die Zugehörigkeit zu Christus nicht entscheidend ist, und der Bedeutung, Gottes Gebote zu halten. Die Befreiung von einer früheren Bundesverpflichtung darf deshalb nicht mit einer allgemeinen Abschaffung aller göttlichen Weisungen verwechselt werden. Welche Bedeutung das vierte Gebot innerhalb des Neuen Bundes besitzt, wird dadurch allerdings noch nicht abschließend entschieden.
Der Galaterbrief führt uns somit zu einer wichtigen Erkenntnis: Kein religiöser Tag, keine Beschneidung und keine andere Handlung kann dem Erlösungswerk Christi etwas hinzufügen. Wer zu Jesus gehört, ist durch Gottes Gnade angenommen. Aus dieser geschenkten Freiheit soll ein Leben entstehen, das von Liebe und vom Heiligen Geist geprägt wird (Galater 5,13–14.22–23). Gerade darin unterscheidet sich der Gehorsam, der aus dem Glauben erwächst, von dem Versuch, sich Gottes Annahme durch die Einhaltung religiöser Vorschriften zu verdienen.
Galater 4,8–11 ist deshalb eine ernste Warnung davor, die Beachtung religiöser Zeiten zu einer Grundlage der Erlösung oder der Zugehörigkeit zu Gottes Volk zu machen. Der Abschnitt nennt den wöchentlichen Sabbat jedoch nicht ausdrücklich und erklärt auch nicht, dass seine Heiligung von Gott aufgehoben worden wäre. Zugleich darf die Warnung vor der Übernahme der früheren Bundesordnung nicht abgeschwächt werden. Wer eine bleibende Sabbatpflicht begründen möchte, muss zeigen, dass sie nicht auf einer Verpflichtung zum Sinai-Bund beruht, sondern aus dem gesamten biblischen Zeugnis über den siebten Tag hervorgeht.
Nach diesen Aussagen des Paulus richtet sich unser Blick auf die Praxis der ersten christlichen Gemeinden. Denn selbst wenn einzelne Bibelstellen unterschiedlich ausgelegt werden können, stellt sich eine weitere Frage: Wie lebten die Apostel und die ersten Gläubigen nach Jesu Tod und Auferstehung? Besonders häufig wird dabei eine Zusammenkunft am ersten Tag der Woche angeführt, von der Apostelgeschichte 20 berichtet.
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Apostelgeschichte 20,7: Wurde der erste Wochentag zum neuen Sabbat?
Apostelgeschichte 20,7 – „7 Am ersten Tage der Woche aber, als wir versammelt waren, um das Brot zu brechen, unterredete sich Paulus mit ihnen, da er am folgenden Tage abreisen wollte, und dehnte die Rede bis Mitternacht aus."
Apostelgeschichte 20,7-13 – „7 Am ersten Tage der Woche aber, als wir versammelt waren, um das Brot zu brechen, unterredete sich Paulus mit ihnen, da er am folgenden Tage abreisen wollte, und dehnte die Rede bis Mitternacht aus. 8 Es waren aber zahlreiche Lampen in dem Obersaal, wo wir versammelt waren. 9 Und ein Jüngling namens Eutychus saß am Fenster; der sank in einen tiefen Schlaf, weil Paulus so lange redete, und vom Sc…"
Apostelgeschichte 2,46 – „46 Und täglich verharrten sie einmütig im Tempel und brachen das Brot in den Häusern, nahmen die Speise mit Frohlocken und in Einfalt des Herzens,"
Lukas 23,54-56 – „54 Und es war Rüsttag, und der Sabbat brach an. 55 Die Frauen aber, die mit ihm aus Galiläa gekommen waren, gaben ihm das Geleite und sahen sich die Gruft an und wie sein Leib hineingelegt wurde. 56 Dann kehrten sie zurück und bereiteten Spezereien und Salben; am Sabbat aber ruhten sie nach dem Gesetz."
Apostelgeschichte 13,42-44 – „42 Als sie aber aus der Versammlung gingen, bat man sie, daß ihnen diese Worte [auch] am nächsten Sabbat gepredigt werden möchten. 43 Nachdem aber die [Versammlung in der] Synagoge sich aufgelöst hatte, folgten viele Juden und gottesfürchtige Proselyten dem Paulus und Barnabas nach, welche zu ihnen redeten und sie ermahnten, bei der Gnade Gottes zu beharren. 44 Und am folgenden Sabbat versammelte…"
Lukas 18,12 – „12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich erwerbe."
Lukas 24,1 – „1 Am ersten Tage der Woche aber, früh morgens, kamen sie zur Gruft und brachten die Spezereien, die sie bereitet hatten."
Hier berichtet Lukas ausdrücklich von einer christlichen Versammlung am ersten Tag der Woche. Die Gläubigen kamen zusammen, um das Brot zu brechen, und Paulus sprach zu ihnen. Deshalb wird dieser Vers häufig als Hinweis darauf verstanden, dass die ersten Christen bereits den Sonntag als ihren regelmäßigen Gottesdiensttag betrachteten. Manche gehen noch weiter und sehen darin einen Beleg dafür, dass der erste Wochentag den Sabbat ersetzt hatte. Doch berichtet Lukas tatsächlich von einer solchen Veränderung, oder beschreibt er zunächst nur eine Zusammenkunft der Gemeinde?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns die Ereignisse genauer ansehen. Paulus befand sich auf einer seiner Missionsreisen in Troas, einer Stadt an der Küste Kleinasiens. Nach Apostelgeschichte 20,6 blieb er dort sieben Tage bei den Gläubigen. Als seine Abreise bevorstand, kamen sie noch einmal zusammen. Paulus nutzte diese Gelegenheit, um ausführlich zu ihnen zu sprechen. Seine Unterweisung dauerte bis Mitternacht und wurde anschließend sogar bis zum Tagesanbruch fortgesetzt. Schon diese ungewöhnliche Dauer zeigt, wie wichtig ihm die gemeinsame Zeit mit den Gläubigen war.
Während dieser langen Versammlung ereignete sich etwas Dramatisches. Ein junger Mann namens Eutychus saß an einem offenen Fenster im dritten Stock. Während Paulus sprach, wurde er vom Schlaf überwältigt, stürzte hinunter und wurde tot aufgehoben. Paulus eilte zu ihm, umfasste ihn und beruhigte die Anwesenden. Lukas berichtet anschließend, dass der junge Mann lebendig zurückgebracht wurde und die Gemeinde darüber großen Trost empfand. Danach setzte Paulus die Gemeinschaft fort, bevor er am Morgen aufbrach.
Diese Einzelheiten zeigen, worauf sich der Bericht besonders konzentriert: auf die Gemeinschaft der Gläubigen, die Unterweisung durch Paulus und die außergewöhnliche Rettung des jungen Mannes. Lukas erzählt nicht nur, an welchem Wochentag eine Versammlung stattfand. Er berichtet von einer Nacht, in der Gottes Wirken die Gemeinde in einer erschütternden Situation tröstete. Diese Bedeutung sollten wir nicht übersehen, wenn wir den Abschnitt auf die Frage nach dem richtigen Gottesdiensttag untersuchen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Brotbrechen. Damit konnte im damaligen Sprachgebrauch das gemeinsame Essen bezeichnet werden. Innerhalb der christlichen Gemeinde besaß es darüber hinaus eine geistliche Bedeutung, weil Jesus beim letzten Mahl mit seinen Jüngern das Brot gebrochen und ihnen aufgetragen hatte, seines Todes zu gedenken. Deshalb ist es gut möglich, dass die Gläubigen in Troas auch das Abendmahl feierten. Lukas beschreibt jedoch nicht ausführlich, welche Handlungen zu dieser Mahlzeit gehörten.
Entscheidend ist, dass das Brotbrechen nicht ausschließlich an den ersten Wochentag gebunden war. Bereits in Apostelgeschichte 2,46 wird berichtet, dass die ersten Gläubigen täglich Gemeinschaft pflegten und in ihren Häusern das Brot brachen. Selbst wenn die Versammlung in Troas eine Abendmahlsfeier einschloss, folgt daraus deshalb noch nicht, dass allein der Sonntag für diese Handlung bestimmt war. Eine gemeinsame Mahlzeit im Gedenken an Christus kann die geistliche Bedeutung einer Versammlung zeigen, ohne damit automatisch den betreffenden Wochentag zu heiligen.
Andererseits dürfen wir die ausdrückliche Erwähnung des ersten Wochentages nicht als bedeutungslos behandeln. Lukas hätte die Versammlung auch ohne diese Zeitangabe schildern können. Manche Ausleger sehen darin deshalb einen Hinweis darauf, dass Christen bereits regelmäßig an diesem Tag zusammenkamen. Diese Möglichkeit verdient Beachtung. Die bevorstehende Abreise des Paulus erklärt zwar, weshalb die Zusammenkunft besonders lange dauerte. Sie beweist aber nicht, dass es zuvor keine regelmäßigen Versammlungen am ersten Wochentag gegeben hatte.
Damit müssen wir zwei Fragen unterscheiden. Die erste lautet, ob sich die Christen in Troas regelmäßig am ersten Wochentag versammelten. Das ist möglich, lässt sich aus diesem einzelnen Bericht jedoch nicht mit Sicherheit feststellen. Die zweite Frage geht wesentlich weiter: Bedeutete eine solche Zusammenkunft, dass Gott den ersten Tag geheiligt und zum neuen Sabbat bestimmt hatte? Dafür müsste der Bericht mehr aussagen als nur, dass die Gläubigen an diesem Tag zusammenkamen.
Gelegentlich wird schon die Übersetzung „erster Tag der Woche“ infrage gestellt. Im griechischen Text steht ein Ausdruck, der wörtlich mit dem Wort Sabbat verbunden ist. Daraus wird manchmal geschlossen, die Versammlung habe tatsächlich an einem Sabbat stattgefunden. Doch im damaligen Sprachgebrauch konnte das griechische Wort für Sabbat auch eine ganze Woche bezeichnen. So spricht der Pharisäer in Lukas 18,12 davon, zweimal in der Woche zu fasten. Auch die Evangelien verwenden dieselbe sprachliche Wendung wie Apostelgeschichte 20,7, wenn sie den ersten Wochentag nennen. In Lukas 23,56 wird zunächst berichtet, dass die Frauen am Sabbat ruhten. Anschließend beschreibt Lukas 24,1, wie sie am ersten Tag der Woche zum Grab Jesu gingen. Gemeint ist also der auf den Sabbat folgende Tag. Deshalb ist auch die Übersetzung von Apostelgeschichte 20,7 als „erster Tag der Woche“ sachgerecht. Der sprachliche Zusammenhang mit dem Wort Sabbat macht diesen Tag weder zum siebten Wochentag noch zu einem neu geheiligten Ruhetag.
Auch die nächtliche Zeitangabe ist für das Verständnis interessant. Nach der jüdischen Tagesrechnung begann ein neuer Tag bereits mit dem Sonnenuntergang. Wenn Lukas diese Zählung verwendet, fand die Versammlung am Abend nach dem wöchentlichen Sabbat statt. Nach unserer heutigen Bezeichnung wäre das Samstagabend gewesen. Mit Sonnenuntergang hätte dann bereits der erste Tag der neuen Woche begonnen. Paulus sprach während der Nacht und setzte seine Reise am folgenden Morgen fort.
Es gibt jedoch auch eine andere Möglichkeit. In der griechisch-römischen Umwelt waren ebenfalls Tageszählungen verbreitet, bei denen der neue Tag nicht bereits mit Sonnenuntergang begann. Sollte Lukas eine solche Zählung voraussetzen, könnte die Versammlung am Sonntagabend stattgefunden haben. Die vielen Lampen im Versammlungsraum, die Rede bis Mitternacht und die Abreise am nächsten Morgen passen grundsätzlich zu beiden Möglichkeiten. Der Bericht legt nicht ausdrücklich fest, welche Tagesrechnung verwendet wird.
Deshalb wäre es falsch, aus der nächtlichen Versammlung einen zweifelsfreien Beweis für die Samstagabend-Deutung zu machen. Ebenso wenig darf die Sonntagabend-Deutung einfach als sicher vorausgesetzt werden. Für die entscheidende Sabbatfrage ist diese Unsicherheit jedoch nicht ausschlaggebend. In beiden Fällen bezeugt Lukas eine christliche Zusammenkunft am ersten Wochentag, ohne ausdrücklich zu erklären, dass dieser Tag an die Stelle des Sabbats getreten sei.
Nach der Versammlung setzte Paulus seine Reise fort. Seine Begleiter fuhren mit dem Schiff nach Assos, während er selbst den Weg dorthin zu Fuß zurücklegte (Apostelgeschichte 20,13–14). Wenn die Versammlung am Samstagabend stattgefunden hatte, fiel diese Reise auf den Sonntag. Bei einer Versammlung am Sonntagabend wäre Paulus dagegen am folgenden Morgen aufgebrochen. Auch deshalb sollten wir seine Reise nicht als eindeutigen Beweis dafür verwenden, welchen religiösen Stellenwert der erste Wochentag damals besaß. Lukas beschreibt den Ablauf der Reise, ohne daraus eine ausdrückliche Lehre über die Heiligung bestimmter Tage abzuleiten.
Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen einer christlichen Versammlung und einem von Gott geheiligten Ruhetag. Christen können an unterschiedlichen Tagen gemeinsam beten, Gottes Wort hören und das Abendmahl feiern. Die Apostelgeschichte zeigt, dass solche Zusammenkünfte zum Leben der ersten Gemeinde gehörten. Daraus allein lässt sich jedoch noch nicht ableiten, dass jeder betreffende Tag eine besondere Heiligung durch Gott erhalten hätte.
Beim wöchentlichen Sabbat enthält die Bibel eine ausdrückliche Begründung: Gott segnete und heiligte den siebten Tag bei der Schöpfung und gebot später, ihn als Tag der Ruhe zu beachten (1. Mose 2,2–3; 2. Mose 20,8–11). In Apostelgeschichte 20 finden wir keine entsprechende Anordnung für den ersten Wochentag. Lukas fordert die Gläubigen weder auf, an diesem Tag ihre Arbeit ruhen zu lassen, noch erklärt er, dass Gottes ursprüngliche Heiligung des siebten Tages auf ihn übertragen worden sei.
Das bedeutet nicht, dass eine regelmäßige christliche Versammlung am Sonntag ohne Bedeutung gewesen wäre. Auch wenn Christen bereits in apostolischer Zeit an diesem Tag Gottesdienst feierten, wäre das eine wichtige Beobachtung für die Geschichte der ersten Gemeinden. Doch zwischen einer solchen Gewohnheit und einem göttlichen Gebot besteht ein Unterschied. Die Möglichkeit regelmäßiger Zusammenkünfte beantwortet noch nicht die Frage, ob der erste Tag dadurch zum neuen Sabbat wurde. Eine solche Veränderung müsste aus der Lehre Jesu oder seiner Apostel deutlicher hervorgehen.
Ebenso wenig dürfen wir aus diesem Bericht schließen, die ersten Christen hätten den wöchentlichen Sabbat bereits aufgegeben. Lukas spricht in anderen Teilen der Apostelgeschichte weiterhin von Sabbatversammlungen und von der Verkündigung des Evangeliums an diesem Tag. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Paulus häufig die Synagogen aufsuchte, um dort Juden und gottesfürchtige Menschen zu erreichen. Seine Missionspraxis beweist daher für sich allein noch keine allgemeine Sabbatpflicht für alle Christen. Sie zeigt jedoch, dass der siebte Tag auch nach Jesu Auferstehung weiterhin eine wichtige Rolle innerhalb der berichteten Ereignisse spielte.
Apostelgeschichte 20,7 bestätigt somit, dass sich Christen am ersten Tag der Woche zur Gemeinschaft, zum Brotbrechen und zur Unterweisung versammelten. Ob solche Zusammenkünfte in Troas bereits regelmäßig stattfanden, bleibt offen. Vor allem aber enthält der Bericht keine ausdrückliche Anordnung, diesen Tag als neuen Sabbat zu halten. Die geistliche Bedeutung der Versammlung ist unbestreitbar; eine göttliche Übertragung der Sabbatheiligkeit lässt sich daraus nicht beweisen.
Damit ist allerdings noch nicht jede Aussage über den ersten Wochentag untersucht. In 1. Korinther 16,2 nennt Paulus diesen Tag erneut und ordnet diesmal ausdrücklich eine wöchentlich wiederkehrende Handlung an. Deshalb müssen wir als Nächstes prüfen, ob diese Anweisung auf einen bereits verbindlichen christlichen Sonntag hinweist oder einen anderen Zweck verfolgt.
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Macht die Auferstehung den Sonntag zum neuen heiligen Tag?
Johannes 20,1.19 – „1 Am ersten Tage aber der Woche kommt Maria Magdalena früh, als es noch finster war, zur Gruft und sieht den Stein von der Gruft hinweggenommen. 19 Als es nun an jenem ersten Wochentag Abend geworden war und die Türen verschlossen waren an dem Ort, wo sich die Jünger versammelt hatten, aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!"
Johannes 20,1.19 – „1 Am ersten Tage aber der Woche kommt Maria Magdalena früh, als es noch finster war, zur Gruft und sieht den Stein von der Gruft hinweggenommen. 19 Als es nun an jenem ersten Wochentag Abend geworden war und die Türen verschlossen waren an dem Ort, wo sich die Jünger versammelt hatten, aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!"
Johannes 20,26-31 – „26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger wiederum dort und Thomas bei ihnen. Da kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! 27 Dann spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sprach zu …"
1. Mose 2,2-3 – „2 so daß Gott am siebenten Tage sein Werk vollendet hatte, das er gemacht; und er ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, denn an demselbigen ruhte er von all seinem Werk, das Gott schuf, als er es machte."
2. Korinther 5,17 – „17 Darum, ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!"
Römer 6,3-4 – „3 Oder wisset ihr nicht, daß wir alle, die wir auf Jesus Christus getauft sind, auf seinen Tod getauft sind? 4 Wir sind also mit ihm begraben worden durch die Taufe auf den Tod, auf daß, gleichwie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt worden ist, so auch wir in einem neuen Leben wandeln."
Apostelgeschichte 2,1-4 – „1 Und als der Tag der Pfingsten sich erfüllte, waren sie alle einmütig beisammen. 2 Und es entstand plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie von einem daherfahrenden gewaltigen Winde, und erfüllte das ganze Haus, worin sie saßen. 3 Und es erschienen Zungen, die sich zerteilten, wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeglichen unter ihnen. 4 Und sie wurden alle vom heiligen Geist erfüllt und f…"
3. Mose 23,15-16 – „15 Darnach sollt ihr vom Tage nach dem Sabbat, von dem Tage, da ihr die Webegarbe darbringt, sieben volle Wochen abzählen bis zum Tag, 16 der auf den siebenten Sabbat folgt, nämlich fünfzig Tage sollt ihr zählen, und alsdann dem HERRN ein neues Speisopfer darbringen."
Die Auferstehung Jesu gehört zu den wichtigsten Ereignissen der gesamten Bibel. Durch seinen Sieg über den Tod hat Christus die Grundlage unserer Hoffnung auf das ewige Leben gelegt. Die Evangelien berichten, dass sein Grab am ersten Tag der Woche leer gefunden wurde und der auferstandene Herr seinen Jüngern erschien. Deshalb betrachten viele Christen den Sonntag als besonderen Tag zur Erinnerung an seine Auferstehung. Manche gehen jedoch einen Schritt weiter und vertreten die Auffassung, dass der erste Wochentag dadurch die Heiligkeit des Sabbats übernommen habe. Genau diese Schlussfolgerung müssen wir untersuchen.
Zunächst dürfen wir die Bedeutung des Auferstehungstages nicht unterschätzen. Jesus war gekreuzigt worden, seine Jünger hatten ihre Hoffnung beinahe verloren, und sein Leichnam war in ein Grab gelegt worden. Doch am Morgen nach dem Sabbat fanden die Frauen das Grab geöffnet vor. Die Botschaft, dass Jesus auferstanden war, veränderte alles. Sein Tod war nicht das Ende. Gott hatte seinen Sohn von den Toten auferweckt und damit bestätigt, dass der Tod nicht das letzte Wort besitzt. Die Auferstehung steht deshalb im Mittelpunkt des christlichen Glaubens und ist untrennbar mit der Hoffnung auf unsere eigene Auferstehung verbunden.
Bemerkenswert ist dabei, was Lukas über die Zeit zwischen Jesu Tod und seiner Auferstehung berichtet. Nachdem Jesus in das Grab gelegt worden war, kehrten die Frauen zurück und bereiteten wohlriechende Gewürze und Salben vor. Anschließend ruhten sie am Sabbat nach dem Gebot (Lukas 23,54–56). Erst am ersten Tag der Woche gingen sie zum Grab, um die vorbereiteten Gewürze zu bringen (Lukas 24,1). Lukas beschreibt die Sabbatruhe somit ausdrücklich innerhalb der Ereignisse nach Jesu Kreuzigung. Die Frauen hielten den siebten Tag weiterhin nach dem Gebot, obwohl Jesus bereits gestorben war. Das beweist für sich allein noch keine allgemeine Sabbatpflicht für alle Christen im Neuen Bund, denn die Frauen konnten damit auch ihrer bisherigen jüdischen Glaubenspraxis folgen. Dennoch ist die zeitliche Abfolge bemerkenswert: Lukas erwähnt die Sabbatruhe ausdrücklich und verbindet sie mit dem Gebot, während er für den anschließenden Auferstehungstag keine neue Heiligung oder Ruheordnung beschreibt.
Gerade weil dieses Ereignis so bedeutend ist, stellt sich die Frage, ob Gott den Tag der Auferstehung dadurch zugleich geheiligt hat. Die Evangelien nennen ausdrücklich den ersten Wochentag, berichten aber nicht, dass Gott ihn segnete oder als neuen wöchentlichen Ruhetag einsetzte. Ebenso wenig enthalten sie eine Anweisung Jesu, künftig den ersten statt des siebten Tages heilig zu halten. Der Tag des Ereignisses ist ausdrücklich bezeugt. Eine damit verbundene Änderung des Sabbatgebots wird dagegen nicht ausdrücklich beschrieben.
Besonders häufig wird auf die Versammlung der Jünger am Abend des Auferstehungstages hingewiesen. Johannes berichtet, dass sie sich hinter verschlossenen Türen aufhielten, als Jesus plötzlich in ihre Mitte trat. Daraus wird manchmal geschlossen, die Jünger hätten bereits am ersten Sonntag einen christlichen Gottesdienst gefeiert. Doch der Bericht selbst beschreibt die Situation anders. Die Jünger befanden sich noch in einer Zeit großer Unsicherheit. Johannes nennt ausdrücklich ihre Furcht vor den jüdischen Autoritäten als Grund für die verschlossenen Türen. Dass sie gemeinsam an einem Ort waren, steht fest. Dass sie sich dort versammelt hatten, um einen neu eingesetzten christlichen Ruhetag zu feiern, sagt der Text hingegen nicht.
Die eigentliche Bedeutung dieser Begegnung liegt in dem, was Jesus seinen Jüngern offenbart. Er tritt mitten unter sie und spricht ihnen Frieden zu. Dann zeigt er ihnen seine Hände und seine Seite. Die Jünger erkennen, dass ihr gekreuzigter Herr tatsächlich lebt, und werden von Freude erfüllt. Jesus sendet sie aus und bereitet sie auf ihre zukünftige Aufgabe vor. Er spricht zu ihnen über den Heiligen Geist und die Verantwortung, die sie als seine Zeugen tragen werden. Die Begegnung handelt somit von der Wirklichkeit seiner Auferstehung, der Erneuerung ihres Glaubens und ihrer Sendung in die Welt. Eine neue Heiligung des ersten Wochentages erklärt Jesus bei dieser Gelegenheit nicht.
Ein weiteres Argument ergibt sich aus der späteren Begegnung mit Thomas. Johannes berichtet, dass Jesus seinen Jüngern „nach acht Tagen“ erneut erschien (Johannes 20,26). Da im damaligen Sprachgebrauch der erste und der letzte Tag einer solchen Zeitspanne mitgezählt werden konnten, lässt sich diese Angabe als Hinweis auf den folgenden Sonntag verstehen. Manche Ausleger sehen darin eine Bestätigung dafür, dass die Jünger bereits regelmäßig am ersten Wochentag zusammenkamen.
Diese Möglichkeit sollte nicht vorschnell verworfen werden. Doch selbst wenn beide Erscheinungen Jesu an einem Sonntag stattfanden, folgt daraus noch nicht, dass dieser Tag dadurch geheiligt wurde. Zwei Begegnungen können eine besondere Bedeutung des ersten Wochentages nahelegen, begründen aber für sich allein noch keine verbindliche wöchentliche Ruheordnung. Auch bei der zweiten Erscheinung steht etwas anderes im Mittelpunkt: Thomas, der zunächst nicht glauben wollte, erkennt den auferstandenen Jesus und bekennt ihn als seinen Herrn und Gott. Johannes nennt anschließend ausdrücklich das Ziel seines Evangeliums: Die Menschen sollen glauben, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist, und durch diesen Glauben Leben in seinem Namen haben (Johannes 20,30–31).
Damit gelangen wir zu einer grundlegenden Unterscheidung. Ein Tag kann durch ein außergewöhnliches Ereignis eine besondere geschichtliche Bedeutung besitzen, ohne dadurch automatisch zu einem von Gott geheiligten Ruhetag zu werden. Die Kreuzigung, die Auferstehung, die Himmelfahrt Jesu und die Ausgießung des Heiligen Geistes sind einzigartige Ereignisse im Handeln Gottes. Sie verdienen unsere Aufmerksamkeit und prägen den christlichen Glauben. Doch aus ihrer Bedeutung allein ergibt sich noch keine Anordnung, ihren jeweiligen Wochentag künftig regelmäßig als heiligen Ruhetag zu beachten.
Beim siebten Tag beschreibt die Bibel ausdrücklich einen solchen göttlichen Akt. Nach Vollendung der Schöpfung ruhte Gott am siebten Tag, segnete ihn und heiligte ihn (1. Mose 2,2–3). Später begründete er das vierte Gebot genau mit diesem Geschehen. Der Sabbat erhielt seine besondere Stellung also nicht lediglich deshalb, weil an diesem Tag etwas Bedeutsames geschah. Die Schrift erklärt ausdrücklich, dass Gott selbst diesen Tag heiligte. Eine entsprechende Aussage finden wir bei der Auferstehung Jesu über den ersten Wochentag nicht.
Allerdings wird noch ein weiteres Argument angeführt. Mit der Auferstehung Christi habe gewissermaßen eine neue Schöpfung begonnen. So wie die erste Schöpfung mit Gottes vollendetem Werk verbunden war, sei der Sonntag nun der Tag des neuen Lebens, das Jesus durch seinen Sieg über den Tod ermöglicht habe. Diese Überlegung besitzt einen nachvollziehbaren biblischen Hintergrund. Paulus erklärt tatsächlich, dass Menschen, die zu Christus gehören, eine neue Schöpfung sind (2. Korinther 5,17). Durch Jesus beginnt für sie ein neues Leben, das von Gottes Vergebung und seiner erneuernden Kraft geprägt wird.
Auch Johannes berichtet, dass Jesus seine Jünger anhauchte und ihnen den Heiligen Geist zusprach (Johannes 20,22). Darin lässt sich eine Verbindung zur Schöpfung erkennen, bei der Gott dem Menschen den Lebensodem gab. Beide Berichte zeigen auf ihre Weise, dass Leben von Gott ausgeht. Eine solche Verbindung kann uns helfen, die Bedeutung des auferstandenen Christus tiefer zu verstehen. Doch Johannes erklärt nicht, dass durch dieses Geschehen der erste Wochentag zum neuen Sabbat geworden sei. Die geistliche Bedeutung einer Handlung und die Einsetzung eines neuen wöchentlichen Ruhetages sind unterschiedliche Aussagen.
Auch das Pfingstereignis wird gelegentlich als Argument für die besondere Heiligung des Sonntags angeführt. Apostelgeschichte 2 berichtet, dass die Jünger am jüdischen Wochenfest versammelt waren, als der Heilige Geist auf sie ausgegossen wurde. In der christlichen Überlieferung wird Pfingsten am Sonntag gefeiert. Daraus wird manchmal geschlossen, Gott habe nicht nur die Auferstehung Jesu, sondern auch den Beginn der weltweiten Verkündigung des Evangeliums bewusst auf den ersten Wochentag gelegt. Allerdings nennt Lukas in Apostelgeschichte 2 keinen bestimmten Wochentag. Hinzu kommt, dass die Berechnung des jüdischen Wochenfestes bereits in der Antike unterschiedlich verstanden wurde. Nach 3. Mose 23,15–16 sollten von dem Tag nach dem Sabbat sieben Wochen gezählt werden. Manche jüdischen Gruppen verstanden darunter den wöchentlichen Sabbat, sodass das Wochenfest stets auf einen Sonntag fiel. Andere bezogen die Angabe auf den besonderen Ruhetag des Passahfestes, wodurch das Wochenfest auf unterschiedliche Wochentage fallen konnte. Deshalb lässt sich der genaue Wochentag des Pfingstereignisses aus der Apostelgeschichte allein nicht zweifelsfrei bestimmen.
Doch selbst wenn die Ausgießung des Heiligen Geistes tatsächlich an einem Sonntag stattgefunden haben sollte, wäre damit noch keine Änderung des vierten Gebots bewiesen. Lukas beschreibt, wie Gott die Jünger mit seinem Geist erfüllte und sie zur Verkündigung des auferstandenen Christus befähigte. Menschen aus vielen Völkern hörten Gottes große Taten in ihrer eigenen Sprache, Petrus verkündigte Jesus als den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, und Tausende nahmen seine Botschaft an. Die besondere Bedeutung dieses Tages liegt damit im Beginn einer neuen Phase der Verkündigung des Evangeliums. Weder Petrus noch Lukas erklären jedoch, dass Gott durch dieses Ereignis den ersten Wochentag geheiligt oder die Sabbatruhe auf ihn übertragen habe. Die Gabe des Heiligen Geistes begründet die Sendung der Gemeinde, nicht ausdrücklich eine neue wöchentliche Ruheordnung.
Wenn Paulus die Verbindung zwischen Jesu Auferstehung und dem neuen Leben der Gläubigen beschreibt, führt er diesen Gedanken ebenfalls in eine andere Richtung. In Römer 6,3–4 erklärt er, dass die Gläubigen durch die Taufe mit dem Tod und der Auferstehung Christi verbunden sind und nun in einem neuen Leben wandeln sollen. Die Auferstehung ist also nicht nur ein vergangenes Ereignis, an das Christen zurückdenken. Ihre Kraft soll das gegenwärtige Leben der Gläubigen verändern. Paulus leitet daraus jedoch keine Anweisung ab, den ersten Wochentag anstelle des siebten heilig zu halten.
Das bedeutet keineswegs, dass Christen sich am Sonntag nicht versammeln oder in besonderer Weise an die Auferstehung erinnern dürften. Die Gemeinde darf an jedem Wochentag Gottes Wort hören, gemeinsam beten und Christus für seine Erlösung danken. Auch eine regelmäßige Versammlung am ersten Tag kann dem gemeinsamen Glaubensleben dienen. Entscheidend ist jedoch, ob wir zwischen einer christlichen Gewohnheit und einer ausdrücklichen göttlichen Anordnung unterscheiden. Dass Christen einen Tag für ihren Gottesdienst auswählen, bedeutet noch nicht, dass Gott diesen Tag an die Stelle eines zuvor geheiligten Tages gesetzt hat.
Die Auferstehung Jesu besitzt somit eine unvergleichliche Bedeutung für unseren Glauben. Sie bestätigt seinen Sieg über Sünde und Tod und eröffnet allen, die an ihn glauben, die Hoffnung auf das ewige Leben. Der erste Wochentag bleibt untrennbar mit diesem Ereignis verbunden. Doch die Evangelien erklären weder, dass Jesus den siebten Tag aufgehoben habe, noch dass dessen Heiligkeit auf den Sonntag übertragen wurde. Auch die wiederholten Erscheinungen Jesu und die biblische Lehre vom neuen Leben in Christus enthalten keine entsprechende Anordnung.
Damit ist die Auferstehung kein eindeutiger Beweis für die Einsetzung eines neuen Sabbats. Ihre geistliche Bedeutung steht außer Frage, doch eine Änderung des vierten Gebots müsste durch die Schrift selbst begründet werden. Eine weitere Frage bleibt allerdings offen: Könnte Jesus bereits während seines irdischen Wirkens erkennen lassen haben, dass der bisherige Sabbat seine Verbindlichkeit verlieren sollte? Seine Auseinandersetzungen mit den religiösen Autoritäten geben Anlass, diese Frage genauer zu untersuchen. Besonders wichtig ist dabei Johannes 5, wo Jesus beschuldigt wird, den Sabbat gebrochen zu haben.
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Hat Jesus den Sabbat gebrochen oder seinen Sinn wiederhergestellt?
Johannes 5,16-18 – „16 Und deshalb verfolgten die Juden Jesus und suchten ihn zu töten, weil er solches am Sabbat getan hatte. 17 Jesus aber antwortete ihnen: Mein Vater wirkt bis jetzt, und ich wirke auch. 18 Darum suchten die Juden noch mehr, ihn zu töten, weil er nicht nur den Sabbat brach, sondern auch Gott seinen eigenen Vater nannte, womit er sich selbst Gott gleichstellte."
Johannes 5,8-18 – „8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und wandle! 9 Und alsbald wurde der Mensch gesund, hob sein Bett auf und wandelte. Es war aber Sabbat an jenem Tage. 10 Nun sprachen die Juden zu dem Geheilten: Es ist Sabbat; es ist dir nicht erlaubt, das Bett zu tragen! 11 Er antwortete ihnen: Der mich gesund machte, sprach zu mir: Nimm dein Bett und wandle! 12 Da fragten sie ihn: Wer ist der Men…"
Matthäus 12,9-12 – „9 Und er ging von dort weiter und kam in ihre Synagoge. 10 Und siehe, da war ein Mensch, der hatte eine verdorrte Hand. Und sie fragten ihn und sprachen: Darf man am Sabbat heilen? damit sie ihn verklagen könnten. 11 Er aber sprach zu ihnen: Welcher Mensch ist unter euch, der ein Schaf hat und, wenn es am Sabbat in eine Grube fällt, es nicht ergreift und herauszieht? 12 Wieviel besser ist nun ein…"
Markus 2,27-28 – „27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 Also ist des Menschen Sohn auch Herr des Sabbats."
Hebräer 4,15 – „15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der kein Mitleid haben könnte mit unsren Schwachheiten, sondern der in allem gleich [wie wir] versucht worden ist, doch ohne Sünde."
Johannes 7,21-24 – „21 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Ein Werk habe ich getan, und ihr alle verwundert euch darüber. 22 Mose hat euch die Beschneidung gegeben (nicht daß sie von Mose kommt, sondern von den Vätern), und am Sabbat beschneidet ihr den Menschen. 23 Wenn ein Mensch am Sabbat die Beschneidung empfängt, damit das Gesetz Moses nicht übertreten werde, was zürnet ihr mir denn, daß ich den ganzen Mensch…"
Jeremia 17,21-22 – „21 So spricht der HERR: Hütet euch um eurer Seele willen, daß ihr am Sabbattage keine Last auf euch nehmt und sie zu den Toren Jerusalems hineinbringt! 22 Auch sollt ihr am Sabbattag keine Last aus euren Häusern tragen und kein Werk tun; sondern heiligt den Sabbattag, wie ich euren Vätern geboten habe."
Lukas 13,10-17 – „10 Er lehrte aber in einer der Synagogen am Sabbat. 11 Und siehe, da war eine Frau, die seit achtzehn Jahren einen Geist der Krankheit hatte, und sie war verkrümmt und konnte sich gar nicht aufrichten. 12 Als nun Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: Weib, du bist erlöst von deiner Krankheit! 13 Und er legte ihr die Hände auf, und sie wurde sogleich gerade und pries Gott. 14 Da wa…"
Matthäus 12,5-7 – „5 Oder habt ihr nicht im Gesetz gelesen, daß am Sabbat die Priester im Tempel den Sabbat entweihen und doch ohne Schuld sind? 6 Ich sage euch aber: Hier ist ein Größerer als der Tempel! 7 Wenn ihr aber wüßtet, was das heißt: «Ich will Barmherzigkeit und nicht Opfer», so hättet ihr die Unschuldigen nicht verurteilt."
Johannes 9,13-16 – „13 Da führten sie ihn, den Blindgewesenen, zu den Pharisäern. 14 Es war aber Sabbat, als Jesus den Teig machte und ihm die Augen öffnete. 15 Nun fragten ihn wiederum auch die Pharisäer, wie er sehend geworden sei. Er sprach zu ihnen: Einen Teig hat er auf meine Augen gelegt, und ich wusch mich und bin nun sehend! 16 Da sprachen etliche von den Pharisäern: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er…"
Diese Aussage gehört zu den schwierigsten Bibelstellen in der Diskussion über den Sabbat. Johannes berichtet ausdrücklich, dass Jesus den Sabbat brach. Daraus wird häufig geschlossen, Christus habe bereits während seines irdischen Wirkens gezeigt, dass die bisherigen Sabbatvorschriften ihre Verbindlichkeit verloren hatten. Manche verstehen sein Handeln sogar als bewusste Vorbereitung auf die spätere Abschaffung des Sabbats. Doch was genau geschah damals? Und weshalb beschreibt Johannes den Konflikt mit so deutlichen Worten?
Die Ereignisse beginnen am Teich Bethesda in Jerusalem. Dort lagen zahlreiche kranke Menschen, die auf Heilung hofften. Unter ihnen befand sich ein Mann, der seit achtunddreißig Jahren krank war. Als Jesus ihn sah, fragte er, ob er gesund werden wolle. Der Mann erklärte, dass er niemanden habe, der ihm rechtzeitig ins Wasser helfe. Seine Situation war von jahrelanger Hilflosigkeit geprägt. Doch Jesus verlangte keine weitere Anstrengung von ihm, sondern sprach ein machtvolles Wort: Er sollte aufstehen, seine Matte nehmen und gehen. Sofort wurde der Mann gesund.
Was eigentlich Anlass zu großer Freude hätte sein müssen, führte zu einem ernsten Streit. Denn die Heilung geschah am Sabbat. Als einige jüdische Autoritäten den Mann mit seiner Matte sahen, hielten sie ihm vor, dass er an diesem Tag keine solche Last tragen dürfe. Der Geheilte erklärte, dass gerade derjenige, der ihn gesund gemacht hatte, ihm diese Anweisung gegeben habe. Schließlich erfuhren die Verantwortlichen, dass Jesus hinter der Heilung stand. Daraufhin begannen sie, ihn wegen seines Handelns am Sabbat zu verfolgen.
Dabei dürfen wir nicht übersehen, dass sich ihre Einwände auf wirkliche Aussagen des Alten Testaments stützen konnten. Gott hatte gewöhnliche Arbeit am Sabbat untersagt. In Jeremia 17,21–22 wird außerdem ausdrücklich davor gewarnt, an diesem Tag Lasten durch die Tore Jerusalems zu tragen oder sie aus den Häusern hinauszutragen. Die Frage nach dem erlaubten Umgang mit Lasten war somit nicht völlig aus der Luft gegriffen. Es wäre zu einfach, den Einwand allein damit abzutun, dass die religiösen Führer Gottes Gebot überhaupt nicht kannten.
Entscheidend ist vielmehr, welche Handlung Gott tatsächlich untersagt hatte und weshalb der geheilte Mann seine Matte trug. Er war weder mit Handelswaren unterwegs noch verrichtete er seine gewöhnliche Arbeit. Er trug das einfache Lager, auf dem er zuvor gelegen hatte. Seine Handlung war unmittelbar mit der außergewöhnlichen Heilung verbunden, die Jesus an ihm vollbracht hatte. Dennoch müssen wir sorgfältig bleiben: Dass es keine Erwerbsarbeit war, beantwortet den Einwand gegen das Tragen einer Last noch nicht vollständig. Gerade deshalb ist es wichtig, wie Jesus selbst sein Handeln erklärte.
Bemerkenswert ist zunächst, dass Jesus den Mann ausdrücklich aufforderte, seine Matte mitzunehmen. Er hätte ihn auch heilen können, ohne ihm diesen Auftrag zu geben. Außerdem war der Mann bereits seit vielen Jahren krank. Es handelte sich nicht um einen plötzlich eingetretenen Notfall, bei dem jede Verzögerung unmittelbar lebensgefährlich gewesen wäre. Jesus hätte die Heilung also auch an einem anderen Tag vornehmen können. Dass er dennoch am Sabbat handelte und die Aufmerksamkeit auf das Tragen der Matte lenkte, zeigt, dass diese Begegnung eine Bedeutung besaß, die über die Heilung des einzelnen Mannes hinausging.
Nun gelangen wir zu der schwierigen Formulierung in Johannes 5,18. Dort steht nicht lediglich, dass die Gegner Jesus beschuldigten, den Sabbat gebrochen zu haben. Johannes selbst verwendet diese Worte, während er erklärt, weshalb die Feindschaft gegen Jesus zunahm. Deshalb dürfen wir die Aussage nicht einfach aus dem Bericht entfernen oder so behandeln, als hätte der Evangelist nichts damit zu tun. Wir müssen vielmehr fragen, in welchem Sinn vom Brechen des Sabbats gesprochen wird und wie Johannes das Handeln Jesu im weiteren Verlauf seines Evangeliums beurteilt.
Dafür ist eine spätere Aussage Jesu besonders aufschlussreich. In Johannes 7,21–24 kommt er selbst auf die Auseinandersetzung um eine Sabbatheilung zurück. Dabei erinnert er seine Zuhörer an die Beschneidung. Nach dem Gesetz Israels sollte ein männliches Kind am achten Tag nach seiner Geburt beschnitten werden. Fiel dieser achte Tag auf einen Sabbat, wurde die Beschneidung dennoch durchgeführt, damit die entsprechende göttliche Anordnung erfüllt wurde. Jesus verweist also auf eine Handlung, die am Sabbat stattfinden durfte, obwohl sie mit körperlicher Tätigkeit verbunden war.
Anschließend stellt er eine entscheidende Frage: Wenn die Beschneidung am Sabbat vorgenommen werden darf, damit das Gesetz Moses nicht verletzt wird, weshalb sind seine Gegner dann zornig, weil er an einem Sabbat einen ganzen Menschen gesund gemacht hat? Damit stellt Jesus nicht einfach die Bedeutung göttlicher Gebote infrage. Er zeigt vielmehr, dass seine Zuhörer bereits anerkennen, dass bestimmte Handlungen am Sabbat mit Gottes Willen vereinbar sind. Wenn dies bei der Beschneidung gilt, wie viel mehr muss dann die Wiederherstellung eines kranken Menschen ernst genommen werden?
Am Ende fordert Jesus seine Zuhörer auf, nicht nach dem äußeren Anschein, sondern gerecht zu urteilen (Johannes 7,24). Genau darin liegt ein wesentlicher Schlüssel zum früheren Konflikt. Wer lediglich sieht, dass jemand am Sabbat eine Matte trägt, kann schnell zu dem Schluss gelangen, hier werde Gottes Gebot missachtet. Jesus verlangt jedoch, die Handlung nach ihrem wirklichen Zusammenhang zu beurteilen. Ein Mensch wurde von jahrelangem Leiden befreit. Die Matte, die er nun selbst tragen konnte, war ein sichtbares Zeichen dieser Wiederherstellung.
Auch andere Sabbatheilungen Jesu bestätigen diesen Grundgedanken. Als er einen Mann mit einer verdorrten Hand heilte, erklärte er, dass es erlaubt sei, am Sabbat Gutes zu tun (Matthäus 12,9–12). Seine Frage nach einem Schaf, das an diesem Tag in eine Grube fällt, machte deutlich, dass Hilfe und Barmherzigkeit nicht im Widerspruch zu Gottes Absicht stehen. Jesus stellte seine Zuhörer damit vor die Frage, weshalb sie einem Tier helfen würden, während sie die Heilung eines Menschen verurteilten.
In Lukas 13 begegnet uns ein weiteres anschauliches Beispiel. Jesus heilte eine Frau, die seit achtzehn Jahren schwer unter ihrer Krankheit gelitten hatte. Als der Synagogenvorsteher darüber empört war, erinnerte Jesus daran, dass Menschen selbst am Sabbat ihre Tiere losbinden, um sie zur Tränke zu führen. Sollte dann nicht erst recht eine Frau von ihrer jahrelangen Gebundenheit befreit werden dürfen? Jesus zeigt damit, dass der Sabbat nicht dazu bestimmt war, notwendige Hilfe und das Gute zu verhindern. Gerade die Befreiung eines leidenden Menschen entspricht dem barmherzigen Wesen Gottes.
Diese Begebenheiten helfen uns, Jesu Worte am Teich Bethesda besser zu verstehen. Als seine Gegner ihm die Heilung vorwarfen, antwortete er, dass sein Vater bis dahin wirke und auch er selbst wirke. Damit lenkte Jesus die Aufmerksamkeit auf etwas, das bereits bei der Schöpfung beginnt. Gott ruhte am siebten Tag von seinem vollendeten Schöpfungswerk. Das bedeutet jedoch nicht, dass er seitdem aufgehört hätte, die Welt zu erhalten und für seine Geschöpfe zu sorgen. Auch am Sabbat bleibt jedes Leben von Gottes Fürsorge abhängig. Der Schöpfer unterbricht nicht seine Erhaltung der Welt, nur weil dieser Tag der Ruhe geweiht ist.
Jesus stellt sein eigenes Handeln in diesen Zusammenhang. Er heilt nicht, weil ihm Gottes Wille gleichgültig wäre, sondern weil er das lebenspendende Wirken seines Vaters offenbart. Seine Antwort reicht deshalb weit über die Frage hinaus, ob ein Mensch am Sabbat eine Matte tragen durfte. Jesus beansprucht, in einer einzigartigen Verbindung mit dem Vater zu stehen und dieselben göttlichen Werke zu tun. Hier liegt der tiefere Grund, weshalb die Auseinandersetzung so heftig wurde.
Johannes berichtet nämlich, dass Jesu Gegner ihn nun nicht mehr nur wegen des Sabbats verfolgten. Sie wollten ihn auch deshalb töten, weil er Gott seinen eigenen Vater nannte und sich damit Gott gleichstellte. Diesen zweiten Teil dürfen wir ebenfalls nicht abschwächen. Das Johannesevangelium stellt Jesus nicht lediglich als einen Lehrer dar, der besondere Einsichten in Gottes Gebote besitzt. Es bezeugt seine einzigartige göttliche Stellung. Deshalb ist sein Anspruch, in Einheit mit dem Vater zu handeln, von grundlegender Bedeutung.
Die anschließenden Worte Jesu bestätigen das. In Johannes 5,19–23 erklärt er, dass der Sohn nichts unabhängig vom Vater tut, sondern handelt, wie er den Vater handeln sieht. Außerdem spricht er von seiner Vollmacht, Leben zu geben und Gericht zu halten. Der Konflikt führt somit unmittelbar zur Frage, wer Jesus ist. Seine Gegner beurteilen sein Verhalten nach ihrer Vorstellung von der Sabbatordnung. Jesus antwortet, indem er seine göttliche Sendung und die Übereinstimmung seines Handelns mit dem Willen des Vaters offenbart.
Damit wird auch die Formulierung über das Brechen des Sabbats verständlicher. Johannes beschreibt einen tatsächlichen Konflikt: Jesus überschritt bewusst Grenzen, die seine Gegner für verbindlich hielten. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass er Gottes eigenes Gebot übertrat. Das Evangelium unterscheidet zwischen dem Urteil der Menschen über Jesus und dem, was durch sein Handeln tatsächlich offenbar wird. Wir sollten deshalb weder behaupten, das Wort „brechen“ bedeute hier überhaupt keinen wirklichen Bruch mit der bestehenden Sabbatauslegung, noch daraus vorschnell schließen, Jesus habe gegen den Willen Gottes gehandelt.
Hinzu kommt das klare Zeugnis des Neuen Testaments über die Sündlosigkeit Jesu. Hebräer 4,15 erklärt, dass er wie wir versucht wurde, jedoch ohne Sünde blieb. Jesus selbst konnte seine Gegner fragen, wer ihn einer Sünde überführen könne (Johannes 8,46). In Johannes 15,10 erklärt er außerdem, dass er die Gebote seines Vaters gehalten hat. Diese Aussagen müssen mit Johannes 5 zusammen verstanden werden. Wäre Jesu Heilung eine schuldhafte Übertretung des göttlichen Willens gewesen, stünde dies im Widerspruch zum Zeugnis über seinen vollkommenen Gehorsam. Der Bericht verlangt deshalb eine sorgfältigere Erklärung als die bloße Behauptung, Jesus habe den Sabbat abgeschafft, indem er ihn übertrat.
Allerdings sollten wir auch seine göttliche Autorität nicht auf die Rolle eines gewöhnlichen Gesetzesauslegers beschränken. Jesus ist nach seinem eigenen Zeugnis der Herr des Sabbats (Markus 2,28). Er besitzt daher eine Vollmacht, die kein anderer Mensch für sich beanspruchen kann. Selbst wer sein Handeln in Johannes 5 als bewusste Durchbrechung einer damals geltenden Sabbatgrenze versteht, müsste deshalb noch begründen, weshalb daraus die vollständige Abschaffung des wöchentlichen Sabbats folgen sollte. Johannes berichtet weder, dass Jesus den siebten Tag für unheilig erklärte, noch dass er an seiner Stelle einen anderen Wochentag einsetzte.
Jesu Auseinandersetzungen zeigen vielmehr, wie eng der Sabbat mit Gottes Barmherzigkeit verbunden ist. Er soll nicht zu einem Tag werden, an dem Menschen aus Angst vor religiösen Vorschriften notwendige Hilfe unterlassen. Ein Kranker darf aufgerichtet, ein Leidender befreit und einem Menschen in Not geholfen werden. Dabei geht es nicht darum, Gottes Gebote zugunsten menschlicher Bequemlichkeit aufzugeben. Jesus offenbart vielmehr, dass Gottes Wille und seine Liebe zum Menschen nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen.
Ebenso wenig sollten wir aus den Sabbatkonflikten einen pauschalen Gegensatz zwischen dem jüdischen Volk und der Lehre Jesu machen. Der Sabbat war nach dem Alten Testament selbst als Segen und Schutz gedacht. Auch unter den jüdischen Lehrern gab es unterschiedliche Auffassungen darüber, welche Hilfe am Sabbat erlaubt war. Jesus setzt sich mit konkreten Einwänden und Auslegungen auseinander. Seine Kritik richtet sich gegen eine Beachtung, bei der die äußere Vorschrift wichtiger wurde als das Wohl des Menschen und die Erkenntnis dessen, was Gott durch seinen Sohn tat.
Johannes 5,18 ist somit kein eindeutiger Beweis dafür, dass Jesus den Sabbat als göttliche Einrichtung aufgehoben hat. Der Evangelist beschreibt einen ernsthaften Konflikt, in dem Jesus bestehende Sabbatvorstellungen bewusst herausforderte und zugleich seine einzigartige Einheit mit dem Vater offenbarte. Besonders Johannes 7 zeigt, dass Jesus seine Heilung nicht als Ungehorsam gegenüber Gott verstand, sondern als Handlung, die nach dem wirklichen Sinn des göttlichen Gesetzes beurteilt werden musste.
Der entscheidende Unterschied liegt deshalb zwischen der Verletzung einer bestimmten Sabbatauslegung und der Aufhebung des Sabbats selbst. Jesu Worte und Taten zeigen, dass der Tag der Ruhe kein Hindernis für Barmherzigkeit und Wiederherstellung sein darf. Sie erklären jedoch nicht, dass seine ursprüngliche Heiligung beendet wurde. Damit stellt sich eine weitere Frage: Wenn Jesus den Sabbat nicht ausdrücklich abschaffte, könnte seine Bedeutung dennoch durch die geistliche Ruhe erfüllt worden sein, die Christus den Gläubigen schenkt? Genau diesen Gedanken müssen wir im Hebräerbrief untersuchen.
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Hebräer 4: Ersetzt die Ruhe in Christus den Sabbat?
Hebräer 4,9-11 – „9 Also bleibt dem Volke Gottes noch eine Sabbatruhe vorbehalten; 10 denn wer in seine Ruhe eingegangen ist, der ruht auch selbst von seinen Werken, gleichwie Gott von den seinigen. 11 So wollen wir uns denn befleißigen, in jene Ruhe einzugehen, damit nicht jemand als gleiches Beispiel des Unglaubens zu Fall komme."
Hebräer 4,1-11 – „1 So laßt uns nun fürchten, daß nicht etwa, während doch eine Verheißung zum Eingang in seine Ruhe hinterlassen ist, jemand von euch als zu spät gekommen erscheine! 2 Denn auch uns ist die gute Botschaft verkündigt worden, gleichwie jenen; aber das Wort der Predigt half jenen nicht, weil es durch die Hörer nicht mit dem Glauben verbunden wurde. 3 Denn wir, die wir gläubig geworden sind, gehen in …"
1. Mose 2,2-3 – „2 so daß Gott am siebenten Tage sein Werk vollendet hatte, das er gemacht; und er ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, denn an demselbigen ruhte er von all seinem Werk, das Gott schuf, als er es machte."
Psalmen 95,7-11 – „7 Denn er ist unser Gott, und wir sind das Volk seiner Weide und die Schafe seiner Hand. 8 Wenn ihr heute seine Stimme höret, so verstocket eure Herzen nicht, wie zu Meriba, am Tage der Versuchung in der Wüste, 9 da mich eure Väter versuchten; sie prüften mich; und sahen doch meine Werke! 10 Vierzig Jahre empfand ich Ekel vor diesem Geschlecht; und ich sprach: Sie sind ein Volk, dessen Herz den I…"
Matthäus 11,28-30 – „28 Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken! 29 Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen; 30 denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht!"
Diese Worte stehen im Mittelpunkt einer wichtigen Frage: Wenn Christen durch Jesus Christus in Gottes Ruhe eingehen können, brauchen sie dann überhaupt noch einen wöchentlichen Sabbat? Manche verstehen den Hebräerbrief so, dass der siebte Tag lediglich auf die geistliche Ruhe in Christus hingewiesen habe und durch deren Erfüllung nicht länger verbindlich sei. Andere sehen gerade in der Aussage, dass dem Volk Gottes eine Sabbatruhe bleibt, einen Beweis für die fortdauernde Gültigkeit des vierten Gebots. Um beide Auffassungen beurteilen zu können, müssen wir verstehen, von welcher Ruhe der Verfasser spricht und weshalb er sie mit dem siebten Schöpfungstag verbindet.
Der Gedankengang beginnt bereits im dritten Kapitel des Hebräerbriefes. Dort erinnert der Verfasser an die Israeliten, die Gott aus Ägypten befreit hatte. Sie waren Zeugen seiner großen Taten geworden und hatten seine Versorgung während der Wüstenwanderung erfahren. Dennoch begegneten viele von ihnen seinen Verheißungen mit Unglauben. Als Gott ihnen den Weg in das verheißene Land eröffnete, ließen sie sich von ihrer Angst bestimmen und vertrauten seiner Zusage nicht. Deshalb durfte jene Generation nicht in die Ruhe eingehen, die Gott ihnen verheißen hatte.
Diese Ruhe hatte zunächst einen ganz konkreten Hintergrund. Gott wollte die Israeliten in das Land Kanaan führen. Dort sollten sie nach ihrer Zeit der Sklaverei und der Wüstenwanderung eine Heimat finden. Sie sollten nicht länger ruhelos umherziehen, sondern unter Gottes Fürsorge leben. Doch der Hebräerbrief erklärt, dass die verheißene Ruhe eine Bedeutung besitzt, die über den Besitz dieses Landes hinausgeht. Um das zu verstehen, müssen wir betrachten, wie der Verfasser die Geschichte Israels mit einer späteren Aussage Gottes verbindet.
Viele Jahre nach der Wüstenwanderung hatte Josua das Volk Israel in das verheißene Land geführt. Gott hatte ihnen dort tatsächlich Ruhe vor ihren Feinden geschenkt, wie das Buch Josua berichtet. Dennoch spricht Psalm 95, der lange nach diesen Ereignissen entstand, weiterhin von der Möglichkeit, in Gottes Ruhe einzugehen. Der Psalm enthält eine eindringliche Aufforderung, auf Gottes Stimme zu hören und das eigene Herz nicht zu verhärten. Zugleich erinnert er an den Unglauben der früheren Generation, die Gottes Ruhe verfehlt hatte.
Genau darin erkennt der Hebräerbrief eine entscheidende Aussage. Wenn Gottes Verheißung bereits durch den Einzug in Kanaan vollständig erfüllt gewesen wäre, weshalb sollte Gott später erneut dazu aufrufen, in seine Ruhe einzugehen? Die spätere Einladung zeigt, dass das Land allein nicht die ganze Bedeutung dieser Verheißung ausschöpfte. Gott hatte seinem Volk mehr zugedacht als die Beendigung einer langen Wanderung oder die Sicherheit einer irdischen Heimat. Es ging um eine tiefere Gemeinschaft mit ihm, in der Menschen seiner Zusage vertrauen und an dem Leben teilhaben, das er für sie bereithält.
In diesem Zusammenhang begegnet uns das Wort „Heute“. Der Hebräerbrief greift die Aufforderung aus Psalm 95 auf: Wer heute Gottes Stimme hört, soll sein Herz nicht verhärten. Dieses „Heute“ bezeichnet keinen neuen wöchentlichen Ruhetag. Es ist vielmehr der gegenwärtige Augenblick, in dem Gott Menschen anspricht und sie zum Glauben ruft. Niemand soll seine Einladung auf später verschieben oder den Fehler der Wüstengeneration wiederholen. Solange Gott diese Einladung ausspricht, bleibt der Weg in seine Ruhe geöffnet.
Doch weshalb führt der Verfasser seine Gedanken nun bis zur Schöpfung zurück? In Hebräer 4,4 erinnert er ausdrücklich daran, dass Gott am siebten Tag von allen seinen Werken ruhte. Dadurch erhält die verheißene Ruhe eine noch tiefere Grundlage. Sie beginnt nicht erst mit Israels Befreiung aus Ägypten oder dem Einzug in Kanaan. Schon am Anfang der Weltgeschichte hatte Gott sein Schöpfungswerk vollendet und war in seine Ruhe eingegangen.
Dabei bedeutet Gottes Ruhe nicht, dass er erschöpft gewesen wäre und sich erholen musste. Sein Werk war vollendet. Alles, was er schaffen wollte, hatte er ins Dasein gerufen. Der siebte Tag kennzeichnete deshalb den Abschluss seines Schöpfungswerkes. Gerade diese vollendete Ruhe Gottes wird im Hebräerbrief zum Ausgangspunkt einer Verheißung, an der auch Menschen teilhaben dürfen. Der Verfasser verbindet damit den Anfang der Weltgeschichte mit dem Ziel, zu dem Gott sein Volk führen möchte.
Nun wird verständlicher, weshalb die Ruhe in Kanaan nicht die letzte Erfüllung sein konnte. Eine irdische Heimat vermochte weder den Unglauben der Menschen endgültig zu überwinden noch ihre Gemeinschaft mit Gott vollkommen wiederherzustellen. Selbst Menschen, die bereits im verheißenen Land lebten, mussten weiterhin auf Gottes Stimme hören und ihm vertrauen. Die eigentliche Ruhe ist deshalb mehr als ein bestimmter Ort. Sie besteht darin, an dem teilzuhaben, was Gott schenkt, und in einer Beziehung zu ihm zu leben, die nicht mehr vom Unglauben bestimmt wird.
Dabei spricht der Hebräerbrief sowohl von einer gegenwärtigen als auch von einer zukünftigen Wirklichkeit. In Hebräer 4,3 erklärt der Verfasser, dass die Glaubenden in Gottes Ruhe eingehen. Wer Gottes Verheißung annimmt, darf also bereits jetzt im Glauben an dieser Ruhe teilhaben. Zugleich fordert der Brief die Gläubigen weiterhin auf, ernsthaft danach zu streben, in sie einzugehen. Die Verheißung ist demnach noch nicht in jeder Hinsicht erfüllt. Schon heute dürfen Christen Gott vertrauen und seine Nähe erfahren. Ihre endgültige Ruhe bei ihm steht jedoch noch aus.
Damit ist auch die geistliche Bedeutung dieser Ruhe besser zu verstehen. Es geht nicht lediglich darum, für einige Stunden alle Sorgen zu vergessen oder sich innerlich entspannt zu fühlen. Gottes Ruhe ist tiefer als ein angenehmes Gefühl. Sie hat mit dem Vertrauen auf seine Verheißungen, mit dem Ende des Unglaubens und mit der Hoffnung auf die endgültige Gemeinschaft mit ihm zu tun. Ein Mensch kann äußerlich ausruhen und dennoch voller Unruhe und Misstrauen sein. Umgekehrt kann er selbst in schwierigen Lebensumständen an Gottes Zusage festhalten und in Christus wirklichen Frieden finden.
Vor diesem Hintergrund verwendet der Verfasser in Vers 9 einen bemerkenswerten Ausdruck. Während er zuvor überwiegend das griechische Wort katapausis für Ruhe gebraucht, spricht er hier von sabbatismos. Dieses Wort ist erkennbar mit dem Sabbat verbunden und kann eine Sabbatruhe oder Sabbatfeier bezeichnen. Der Verfasser wählt also nicht einfach irgendeinen Ausdruck für Erholung. Er verwendet bewusst eine Sprache, die an den Sabbat erinnert.
Das ist für unsere Untersuchung wichtig. Die verheißene Ruhe darf nicht so erklärt werden, als hätte sie mit dem siebten Tag überhaupt nichts zu tun. Schließlich hat der Verfasser ausdrücklich auf Gottes Ruhe am siebten Schöpfungstag verwiesen. Nun verwendet er einen Begriff, der diese Verbindung erneut erkennen lässt. Die Sabbatruhe gehört damit zum Bild, durch das er die Verheißung Gottes verständlich macht.
Allerdings entscheidet dieses einzelne griechische Wort noch nicht sämtliche Fragen über die wöchentliche Sabbatbeachtung. Manche Ausleger verstehen sabbatismos als Hinweis darauf, dass dem Volk Gottes auch die tatsächliche Sabbatfeier erhalten bleibt. Andere sehen darin vor allem eine Beschreibung der umfassenden Ruhe, die Gott den Gläubigen verheißt. Beide Auslegungen nehmen die Verbindung zum Sabbat auf, unterscheiden sich jedoch darin, welche praktische Verpflichtung sie aus ihr ableiten.
Deshalb müssen wir auf den weiteren Gedankengang achten. Der Hebräerbrief erklärt an dieser Stelle nicht ausdrücklich, an welchem Wochentag die christliche Gemeinde zusammenkommen soll. Er wiederholt auch nicht die einzelnen Bestimmungen des vierten Gebots. Sein besonderes Anliegen ist vielmehr, dass die Gläubigen Gottes Verheißung nicht durch Unglauben verlieren. Die Verwendung des Wortes „Sabbatruhe“ besitzt deshalb großes Gewicht, reicht aber für sich allein nicht aus, um jede Einzelheit einer bleibenden wöchentlichen Sabbatpflicht zu beweisen.
Vers 10 führt diesen Gedanken weiter. Wer in Gottes Ruhe eingeht, ruht von seinen Werken, so wie Gott von seinen Werken ruhte. Wieder wird das Leben der Gläubigen mit dem vollendeten Schöpfungswerk verglichen. Gott ruhte, weil sein Werk vollbracht war. Der Mensch soll nun ebenfalls an Gottes Ruhe teilhaben. Dabei geht es nicht darum, jede Tätigkeit für immer einzustellen. Schon der unmittelbar folgende Vers fordert die Gläubigen auf, sich ernsthaft um den Eingang in diese Ruhe zu bemühen. Die Ruhe Gottes ist also keineswegs mit Untätigkeit gleichzusetzen.
Manche verstehen das Ruhen von den eigenen Werken ausschließlich als das Ende menschlicher Bemühungen, sich durch gute Taten die Erlösung zu verdienen. Dieser Gedanke passt zur biblischen Lehre, dass der Mensch allein durch Gottes Gnade gerettet wird. Dennoch wäre es zu eng, Hebräer 4 darauf zu beschränken. Der Verfasser spricht nicht nur über menschliche Leistungen, sondern über Gottes vollendetes Werk, über Israels Unglauben und über die weiterhin bestehende Verheißung. Im Mittelpunkt steht das Vertrauen auf Gott und die Teilhabe an seiner Ruhe, nicht lediglich das Aufgeben eigener religiöser Anstrengungen.
Gerade dadurch wird auch verständlich, weshalb die äußere Sabbatbeachtung und die tiefere Ruhe Gottes nicht einfach dasselbe sind. Die Israeliten kannten den wöchentlichen Sabbat bereits während ihrer Wüstenwanderung. Dennoch verfehlten viele von ihnen die verheißene Ruhe, weil sie Gott nicht vertrauten. Die Beachtung eines Ruhetages konnte ihren Unglauben nicht ersetzen. Wer am siebten Tag seine Arbeit unterbricht, hat damit noch nicht automatisch gelernt, sein Leben Gott anzuvertrauen.
Aus diesem Unterschied folgt jedoch nicht, dass der wöchentliche Sabbat deshalb bedeutungslos geworden wäre. Eine äußere Handlung kann ihren eigentlichen Sinn verfehlen, ohne dass sie dadurch ihre göttliche Bestimmung verliert. Der Sabbat kann an Gottes vollendetes Schöpfungswerk erinnern und zugleich den Blick auf jene tiefere Ruhe richten, die nur er schenken kann. Die Erinnerung an die Schöpfung und die Hoffnung auf die endgültige Gemeinschaft mit Gott müssen einander deshalb nicht ausschließen.
Eine wichtige Verbindung finden wir auch in der Einladung Jesu: „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken“ (Matthäus 11,28). Christus ruft Menschen zu sich, die unter der Last ihres Lebens stehen und wirkliche Ruhe suchen. Diese Ruhe können sie nicht durch eine religiöse Leistung erzwingen. Sie wird ihnen durch die Gemeinschaft mit ihm geschenkt. Zwar erklärt Matthäus an dieser Stelle nicht unmittelbar Hebräer 4. Beide Texte zeigen jedoch, dass die tiefste Ruhe des Menschen untrennbar mit dem Vertrauen auf Gott und mit Jesus Christus verbunden ist.
Damit müssen wir auch die Vorstellung prüfen, Christus habe den wöchentlichen Sabbat durch eine ausschließlich geistliche Ruhe ersetzt. Eine solche Schlussfolgerung wird in Hebräer 4 nicht ausdrücklich gezogen. Der Verfasser sagt nicht, dass früher der siebte Tag galt und nun an seiner Stelle nur noch eine innere Glaubenserfahrung bestehen soll. Gerade bei seiner Erklärung der christlichen Hoffnung greift er vielmehr auf Gottes Ruhe am siebten Schöpfungstag zurück. Er behandelt dieses Geschehen weiterhin als grundlegenden Bestandteil seiner Argumentation.
Ebenso wenig wäre es richtig, aus Hebräer 4,9 allein bereits die vollständige Antwort auf alle Fragen nach der Verbindlichkeit des Sabbats abzuleiten. Dass dem Volk Gottes eine Sabbatruhe bleibt, ist eine bedeutende Aussage. Welche Rolle dabei die regelmäßige Beachtung des siebten Tages besitzt, muss jedoch im Zusammenhang mit den übrigen Aussagen über den Sabbat und den Neuen Bund beurteilt werden. Der Hebräerbrief selbst konzentriert sich hier auf das größere Ziel: Gottes Volk soll im Glauben zu der Ruhe gelangen, die der Herr ihm verheißen hat.
Die besondere Stärke dieses Abschnitts liegt gerade darin, dass er Schöpfung, Glauben und Hoffnung miteinander verbindet. Gottes Ruhe beginnt am siebten Schöpfungstag. Israel erhielt eine Verheißung, verfehlte jedoch durch Unglauben deren tiefere Bedeutung. Später erneuerte Gott seine Einladung, auf seine Stimme zu hören. Nun richtet der Hebräerbrief diesen Ruf an die Gläubigen, die durch Christus Zugang zu Gott haben. Schon heute dürfen sie ihm vertrauen; zugleich erwarten sie die vollständige Erfüllung seiner Verheißung.
Hebräer 4 ist deshalb weder ein eindeutiger Beweis für die Abschaffung des Sabbats noch eine vollständige Anleitung zur wöchentlichen Sabbatheiligung. Der Abschnitt zeigt vielmehr, dass Gottes Ruhe am siebten Schöpfungstag auch im Neuen Testament eine wichtige Bedeutung besitzt und dass die verheißene Ruhe weit über eine bloße Unterbrechung der Arbeit hinausgeht. Ein Mensch kann den Sabbat äußerlich beachten und dennoch Gottes Ruhe durch Unglauben verfehlen. Doch ebenso wenig beweist diese tiefere geistliche Bedeutung, dass Gott die ursprüngliche Heiligung des siebten Tages zurückgenommen hätte.
Die entscheidende Botschaft bleibt deshalb die Einladung, Gottes Stimme heute zu hören, seiner Verheißung zu vertrauen und durch Christus an seiner Ruhe teilzuhaben. Von diesem Mittelpunkt aus müssen wir auch die Frage nach dem Gehorsam betrachten. Denn Paulus erklärt, dass Christen nicht mehr unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade stehen. Was bedeutet diese Freiheit, und welche Stellung haben Gottes Gebote darin noch? Dieser Frage wenden wir uns als Nächstes zu.
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Nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade
Römer 6,14-15 – „14 Denn die Sünde wird nicht herrschen über euch, weil ihr nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade seid. 15 Wie nun, sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne!"
Römer 6,14-15 – „14 Denn die Sünde wird nicht herrschen über euch, weil ihr nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade seid. 15 Wie nun, sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne!"
Römer 7,4-6 – „4 Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetze getötet worden durch den Leib Christi, auf daß ihr einem andern angehöret, nämlich dem, der von den Toten auferstanden ist, damit wir Gott Frucht bringen. 5 Denn als wir im Fleische waren, da wirkten die sündlichen Leidenschaften, durch das Gesetz erregt, in unsren Gliedern, um dem Tode Frucht zu bringen. 6 Nun aber sind wir vom Gesetz frei geworden…"
Römer 7,12 – „12 So ist nun das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut!"
Römer 6,16-18 – „16 Wisset ihr nicht: wem ihr euch als Knechte hingebet, ihm zu gehorchen, dessen Knechte seid ihr und müßt ihm gehorchen, es sei der Sünde zum Tode, oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit? 17 Gott aber sei Dank, daß ihr Knechte der Sünde gewesen, nun aber von Herzen gehorsam geworden seid dem Vorbild der Lehre, dem ihr euch übergeben habt. 18 Nachdem ihr aber von der Sünde befreit wurdet, seid ihr d…"
Römer 3,28-31 – „28 So kommen wir zu dem Schluß, daß der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt werde, ohne Gesetzeswerke. 29 Oder ist Gott nur der Juden Gott, nicht auch der Heiden? Ja freilich, auch der Heiden! 30 Denn es ist ja ein und derselbe Gott, welcher die Beschnittenen aus Glauben und die Unbeschnittenen durch den Glauben rechtfertigt. 31 Heben wir nun das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! V…"
Römer 8,1-4 – „1 So gibt es nun keine Verdammnis mehr für die, welche in Christus Jesus sind. 2 Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. 3 Denn was dem Gesetz unmöglich war (weil es durch das Fleisch geschwächt wurde), das hat Gott getan, nämlich die Sünde im Fleische verdammt, indem er seinen Sohn sandte in der Ähnlichkeit des sündli…"
Römer 10,1-5 – „1 Brüder, meines Herzens Wunsch und mein Flehen zu Gott für Israel ist auf ihr Heil gerichtet. 2 Denn ich gebe ihnen das Zeugnis, daß sie eifern um Gott, aber mit Unverstand. 3 Denn weil sie die Gerechtigkeit Gottes nicht erkennen und ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten trachten, sind sie der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan. 4 Denn Christus ist des Gesetzes Ende zur Gerechtigkeit für einen…"
Diese Aussage des Paulus wird häufig als Argument dafür angeführt, dass Christen nicht mehr verpflichtet seien, die Gebote des Alten Testaments zu halten. Wenn sie nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade stehen, scheint die bisherige Verbindlichkeit des Gesetzes aufgehoben zu sein. Auch das vierte Gebot über den Sabbat würde dann nicht mehr für sie gelten. Doch ist das tatsächlich die Schlussfolgerung, die Paulus selbst zieht? Um seine Worte richtig zu verstehen, müssen wir zunächst klären, was es bedeutet, unter dem Gesetz oder unter der Gnade zu stehen.
Der unmittelbare Zusammenhang führt uns zur grundlegenden Frage, welche Macht die Sünde über das Leben eines Menschen besitzt. In Römer 6 erklärt Paulus, dass Gläubige durch ihre Verbindung mit Jesus Christus nicht länger in der Sünde leben sollen. Er erinnert sie an ihre Taufe, durch die sie mit dem Tod und der Auferstehung Jesu verbunden sind. So wie Christus von den Toten auferstanden ist, sollen auch sie in einem neuen Leben wandeln. Die Taufe macht damit sichtbar, dass das frühere Leben unter der Herrschaft der Sünde nicht einfach fortgesetzt werden soll. Wer zu Christus gehört, hat einen neuen Herrn und eine neue Lebensrichtung.
Deshalb fordert Paulus die Gläubigen auf, die Sünde nicht länger über sich herrschen zu lassen. Sie sollen ihren Körper und ihre Fähigkeiten nicht mehr für das Böse einsetzen, sondern sich Gott zur Verfügung stellen (Römer 6,12–13). Unmittelbar danach erklärt er, dass die Sünde nicht über sie herrschen werde, weil sie unter der Gnade stehen. Diese Zusage ist entscheidend. Paulus beschreibt die Gnade nicht als eine Erlaubnis, weiterhin zu sündigen. Er stellt sie vielmehr als die Grundlage einer neuen Freiheit vor: Durch Christus muss die Sünde nicht länger die beherrschende Macht im Leben eines Menschen sein.
Was bedeutet in diesem Zusammenhang das Gesetz? Es offenbart Gottes Willen und macht deutlich, was Sünde ist. Wer beispielsweise das Gebot gegen das Begehren kennt, erkennt dadurch, dass nicht nur äußere Handlungen, sondern auch die Wünsche des Herzens vor Gott Bedeutung besitzen. Das Gesetz kann dem Menschen zeigen, wo er schuldig geworden ist. Es kann seine Schuld jedoch nicht rückgängig machen. Ebenso wenig besitzt ein Gebot aus sich selbst die Kraft, einen Menschen innerlich zu verändern. Wer bereits gegen Gottes Willen gehandelt hat, wird nicht dadurch gerecht, dass er sich vornimmt, künftig alles richtig zu machen.
Genau hier wird die Bedeutung der Gnade sichtbar. Gott überlässt den Menschen nicht seiner Schuld und seiner eigenen Schwäche. Durch Jesus Christus schenkt er Vergebung und eröffnet ihm einen neuen Anfang. Die Rettung ist nicht die Belohnung für ein Leben, in dem genügend Gebote eingehalten wurden. Sie ist Gottes Geschenk an einen Menschen, der sich selbst nicht erlösen kann. Zugleich bleibt die Gnade nicht bei der Vergebung stehen. Sie führt den Menschen in eine neue Beziehung zu Gott, in der er lernen soll, nicht mehr der Sünde zu dienen.
Paulus lässt keinen Zweifel daran, dass diese Freiheit nicht mit Gesetzlosigkeit verwechselt werden darf. Unmittelbar nach seiner Aussage stellt er selbst die Frage, ob Christen nun sündigen dürften, weil sie nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade stehen. Seine Antwort ist entschieden: Das sei ferne! Wer aus der Gnade die Erlaubnis ableitet, bewusst gegen Gottes Willen zu handeln, hat ihren Sinn verfehlt. Christus befreit nicht von der Sünde, damit der Mensch anschließend ungehindert zu ihr zurückkehren kann. Er befreit ihn, damit sein Leben eine neue Richtung erhält.
Um diesen Gedanken verständlich zu machen, verwendet Paulus das Bild eines Dieners, der unter der Herrschaft seines Herrn steht. Wer sich der Sünde zum Gehorsam hingibt, gerät unter ihre Macht. Wer dagegen Gott gehorcht, stellt sich in den Dienst der Gerechtigkeit (Römer 6,16–18). Gerechtigkeit meint hier ein Leben, das dem Willen Gottes entspricht. Paulus dankt Gott ausdrücklich dafür, dass die Gläubigen nun von Herzen der Lehre gehorsam geworden sind, die sie empfangen haben. Das zeigt, dass ihre neue Freiheit nicht darin besteht, niemandem mehr verantwortlich zu sein. Sie besteht darin, nicht länger von der Sünde beherrscht zu werden, sondern Gott gehören und ihm dienen zu dürfen.
Besonders wichtig ist dabei die Formulierung „von Herzen“. Gehorsam soll nicht lediglich aus Angst vor Strafe entstehen. Gott möchte Menschen, die ihm vertrauen, seine Liebe erkennen und deshalb seinen Willen tun möchten. Das bedeutet nicht, dass Christen keine Fehler mehr machen oder nie wieder gegen Versuchungen kämpfen müssten. Doch die Sünde soll nicht mehr ihr Herr sein. Die Gnade verändert ihre Stellung vor Gott und wirkt zugleich in ihrem Leben. Sie schenkt nicht nur Vergebung für das Vergangene, sondern auch Hilfe für den Weg, der vor ihnen liegt.
Allerdings wäre es zu einfach, die Worte „nicht unter dem Gesetz“ ausschließlich als Befreiung von der Strafe für Gesetzesübertretungen zu erklären. Paulus spricht an anderer Stelle noch umfassender über das Verhältnis des Gläubigen zum Gesetz. In Römer 7,4–6 beschreibt er, dass Christen durch ihre Verbindung mit dem Tod Christi dem Gesetz gestorben und von ihrer bisherigen Bindung an das Gesetz frei geworden sind. Sie gehören nun dem auferstandenen Christus und sollen Gott Frucht bringen. Gemeint ist also nicht nur, dass ihre früheren Übertretungen vergeben wurden. Ihre gesamte Beziehung zu Gott hat sich durch Christus verändert.
Paulus verdeutlicht diesen Gedanken mit dem Beispiel einer Ehe. Solange eine Ehe besteht, bindet sie die Ehepartner aneinander. Mit dem Tod endet diese besondere rechtliche Bindung. Entsprechend erklärt Paulus, dass die Gläubigen durch den Tod Christi nicht mehr in ihrer früheren Beziehung zum Gesetz stehen. Sie gehören jetzt Christus. Dabei sagt er nicht, Gottes Gesetz sei böse geworden oder müsse selbst vernichtet werden. Vielmehr beschreibt er, dass der Mensch durch Christus aus seiner bisherigen Stellung herausgeführt wurde und nun in einer neuen Beziehung zu Gott lebt.
Deshalb erklärt Paulus, dass Christen Gott in der Neuheit des Geistes dienen und nicht mehr in der alten Weise des Buchstabens. Mit dem Buchstaben ist hier das geschriebene Gesetz in seiner bisherigen Stellung gemeint. Es konnte Gottes Forderungen bekannt machen, aber nicht aus eigener Kraft das Herz des sündigen Menschen erneuern. Durch Christus und den Heiligen Geist soll der Mensch nun von innen heraus verändert werden. Gottes Wille soll nicht lediglich eine äußere Forderung bleiben, die er kennt und dennoch immer wieder übertritt. Er soll lernen, Gott aus einem erneuerten Herzen zu gehorchen.
Bedeutet das, dass Paulus das Gesetz selbst für schlecht oder bedeutungslos hält? Seine anschließenden Worte schließen diese Vorstellung aus. In Römer 7,7–12 fragt er ausdrücklich, ob das Gesetz Sünde sei. Er verneint dies und erklärt, dass er die Sünde gerade durch das Gesetz erkannt habe. Als Beispiel nennt er das Gebot gegen das Begehren. Er kommt zu dem Schluss, dass das Gesetz heilig und das Gebot heilig, gerecht und gut ist. Das Problem liegt also nicht in Gottes Gebot, sondern im sündigen Menschen, der gegen dieses Gebot handelt. Das Gesetz macht die Sünde sichtbar, kann den Menschen jedoch nicht aus ihrer Macht befreien.
Bereits in Römer 3 führt Paulus denselben Gedanken aus einer anderen Richtung vor Augen. Nachdem er erklärt hat, dass der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird und nicht durch eigene Gesetzeswerke, stellt er die Frage, ob der Glaube das Gesetz deshalb außer Kraft setze. Wieder antwortet er entschieden: Das sei ferne! Vielmehr erklärt er, dass der Glaube das Gesetz aufrichtet (Römer 3,31). Der Mensch wird also nicht durch seine eigene Gesetzeserfüllung gerettet. Doch die Erlösung macht Gottes Willen nicht bedeutungslos. Gerade weil Christus für die Sünde gestorben ist, dürfen wir sie nicht als etwas Harmloses betrachten.
An anderer Stelle formuliert Paulus jedoch eine Aussage, die zunächst in die entgegengesetzte Richtung zu weisen scheint. In Römer 10,4 bezeichnet er Christus als „des Gesetzes Ende zur Gerechtigkeit für einen jeden, der da glaubt“. Bedeutet das, dass mit Christus sämtliche Gebote ihre Verbindlichkeit verloren haben? Im griechischen Text steht für „Ende“ das Wort telos. Es kann sowohl das Ende einer bisherigen Ordnung als auch deren Ziel oder Vollendung bezeichnen. Deshalb wird der Vers unterschiedlich ausgelegt. Entscheidend ist jedoch, worüber Paulus im Zusammenhang spricht: In Römer 9,30 bis 10,5 geht es um Menschen, die Gerechtigkeit durch das Gesetz zu erreichen suchten, und um die Gerechtigkeit, die Gott durch den Glauben an Christus schenkt. Jesus ist das Ziel, auf das die Schrift hinweist, und durch ihn endet das Gesetz als bisheriger Weg, auf dessen Grundlage Menschen ihre Gerechtigkeit vor Gott zu erlangen suchen. Paulus beschreibt damit eine wirkliche Veränderung. Seine Worte erklären jedoch nicht ausdrücklich, dass jede göttliche Weisung aufgehoben wäre oder gerade das vierte Gebot nicht mehr gelten könne. Welche einzelnen Gebote im Neuen Bund verbindlich bleiben, muss deshalb anhand der übrigen Aussagen der Schrift geklärt werden.
Diese Aussagen müssen jedoch sorgfältig zusammengehalten werden. Dass Paulus die Heiligkeit des Gesetzes bestätigt, bedeutet nicht automatisch, dass sämtliche Vorschriften des früheren Bundes in unveränderter Form für Christen gelten. Ebenso wenig folgt aus der Befreiung vom bisherigen Gesetzesverhältnis, dass jeder göttliche Maßstab für das menschliche Leben aufgehoben wäre. Paulus erklärt beides: Der Gläubige steht durch Christus in einer neuen Beziehung zu Gott, und Gottes Wille behält für sein Leben Bedeutung. Wie diese beiden Aussagen zusammengehören, wird besonders im achten Kapitel des Römerbriefes deutlich.
Dort beschreibt Paulus zunächst die Freiheit von der Verurteilung für diejenigen, die in Christus Jesus sind. Anschließend erklärt er, dass Gott durch seinen Sohn getan hat, was das Gesetz wegen der menschlichen Schwachheit nicht vollbringen konnte. Christus hat die Sünde verurteilt und den Weg zu einem neuen Leben eröffnet. Doch bemerkenswert ist das Ziel, das Paulus nennt: Die gerechte Forderung des Gesetzes soll in denen erfüllt werden, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist leben (Römer 8,3–4).
Mit dem Leben nach dem Fleisch meint Paulus ein Leben, das von der sündigen Natur und ihren eigensüchtigen Wünschen bestimmt wird. Das Leben nach dem Geist bezeichnet dagegen ein Leben unter der Führung des Heiligen Geistes. Der Mensch richtet sich nicht mehr allein nach seinen bisherigen Begierden, sondern lässt sich durch Gottes Wirken verändern. So wird deutlich, weshalb Gnade und Gehorsam keine Gegensätze sein müssen. Die Gnade ermöglicht eine neue Beziehung zu Gott, und der Heilige Geist führt den Menschen dazu, seinen Willen von Herzen zu tun.
Dieser Gehorsam ist jedoch niemals die Grundlage der Erlösung. Kein Christ kann vor Gott treten und behaupten, seine guten Werke hätten ihm das ewige Leben verdient. Auch das ernsthafte Bemühen um ein geheiligtes Leben kann die Schuld vergangener Sünden nicht auslöschen. Die Vergebung bleibt allein Gottes Geschenk durch Jesus Christus. Doch wer dieses Geschenk im Glauben annimmt, soll nicht unverändert unter der Macht der Sünde bleiben. Der Gehorsam erwächst aus der Beziehung zu Christus. Er ist eine Frucht seiner Gnade, nicht der Preis, den der Mensch für seine Annahme bezahlen müsste.
Was bedeutet das nun für den Sabbat? Zunächst steht fest, dass niemand durch seine Sabbatbeachtung vor Gott gerecht wird. Auch eine noch so gewissenhafte Einhaltung des siebten Tages kann den Menschen nicht von seinen Sünden erlösen. Wer den Sabbat zu einer Leistung macht, durch die Gottes Annahme verdient oder vervollständigt werden soll, verkennt die Botschaft des Paulus. Unsere Hoffnung ruht ausschließlich auf Jesus Christus und seinem vollbrachten Erlösungswerk.
Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass das vierte Gebot seine Bedeutung verloren hat. Wenn Gottes Wille auch für Menschen unter der Gnade wichtig bleibt, muss weiterhin gefragt werden, welche Stellung der siebte Tag darin besitzt. Zugleich dürfen wir nicht übergehen, dass Paulus eine wirkliche Veränderung im Verhältnis zum Gesetz beschreibt. Christen leben nicht einfach unter sämtlichen Bestimmungen des früheren Bundes weiter, als hätte sich durch Christus nichts verändert. Auch die Frage nach dem Sabbat muss deshalb berücksichtigen, was zum bleibenden Willen Gottes gehört und welche Anordnungen ihre besondere Aufgabe innerhalb der früheren Bundesordnung hatten.
Römer 6,14–15 lässt sich somit weder als allgemeine Abschaffung göttlicher Gebote noch als Aufforderung verstehen, die frühere Gesetzesordnung unverändert fortzuführen. Paulus verkündet die Befreiung von der Herrschaft der Sünde und ein neues Leben unter der Gnade Gottes. Diese Gnade schenkt Vergebung, verbindet den Menschen mit Christus und führt ihn durch den Heiligen Geist zu einem Leben des Gehorsams. Das Gesetz kann die Sünde aufzeigen, doch nur Christus kann den Sünder retten und erneuern.
Für die Sabbatfrage bleibt damit eine entscheidende Unterscheidung bestehen: Der Mensch wird nicht durch das Halten eines Tages erlöst. Ob der siebte Tag weiterhin zu den Geboten gehört, nach denen ein erlöster Mensch leben soll, ist jedoch eine andere Frage. Die Aussage, dass Christen unter der Gnade stehen, beantwortet sie nicht allein.
Um diese Frage weiter zu klären, müssen wir nun den Neuen Bund selbst betrachten. Denn der Hebräerbrief erklärt ausdrücklich, dass Christus Mittler eines besseren Bundes ist und der frühere Bund veraltet ist. Welche Bedeutung hat dieser grundlegende Wandel für Gottes Gebote und insbesondere für den Sabbat?
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Bedeutet der neue Bund das Ende des Sabbatgebots?
Hebräer 8,6.13 – „6 Nun aber hat er einen um so bedeutenderen Dienst erlangt, als er auch eines besseren Bundes Mittler ist, der auf besseren Verheißungen ruht. 13 Indem er sagt: «Einen neuen», hat er den ersten für veraltet erklärt; was aber veraltet ist und sich überlebt hat, das wird bald verschwinden."
Hebräer 8,6-13 – „6 Nun aber hat er einen um so bedeutenderen Dienst erlangt, als er auch eines besseren Bundes Mittler ist, der auf besseren Verheißungen ruht. 7 Denn wenn jener erste [Bund] tadellos gewesen wäre, so würde nicht Raum für einen zweiten gesucht. 8 Denn er tadelt sie doch, indem er spricht: «Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, da ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund …"
Jeremia 31,31-34 – „31 Siehe, es kommen Tage, spricht der HERR, da ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen werde; 32 nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern schloß an dem Tage, da ich sie bei der Hand ergriff, um sie aus dem Lande Ägypten auszuführen; denn sie haben meinen Bund gebrochen, und ich hatte sie mir doch angetraut, spricht der HERR. 33 Sondern das ist der Bund, den …"
2. Korinther 3,3-11 – „3 Es ist offenbar, daß ihr ein Brief Christi seid, durch unsern Dienst geworden, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geiste des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln des Herzens. 4 Solche Zuversicht haben wir durch Christus zu Gott; 5 denn wir sind nicht aus uns selber tüchtig, so daß wir uns etwas anrechnen dürften, als käme es aus uns selbst, son…"
Hebräer 10,15-18 – „15 Das bezeugt uns aber auch der heilige Geist; 16 denn, nachdem gesagt worden ist: «Das ist der Bund, den ich mit ihnen schließen will nach diesen Tagen», spricht der Herr: «Ich will meine Gesetze in ihre Herzen geben und sie in ihre Sinne schreiben, 17 und ihrer Sünden und ihrer Ungerechtigkeiten will ich nicht mehr gedenken.» 18 Wo aber Vergebung für diese ist, da ist kein Opfer mehr für Sünde."
5. Mose 4,13 – „13 Und er verkündigte euch seinen Bund, den er euch zu halten gebot, nämlich die zehn Worte, die er auf zwei steinerne Tafeln schrieb."
Hebräer 7,11-14 – „11 Wenn nun das Vollkommenheit wäre, was durch das levitische Priestertum kam (denn unter diesem hat das Volk das Gesetz empfangen), wozu wäre es noch nötig, daß ein anderer Priester «nach der Ordnung Melchisedeks» auftrete und nicht einer «nach der Ordnung Aarons» bezeichnet werde? 12 Denn wenn das Priestertum verändert wird, so muß notwendigerweise auch eine Änderung des Gesetzes erfolgen. 13 D…"
Epheser 2,11-19 – „11 Darum gedenket daran, daß ihr, die ihr einst Heiden im Fleische waret und Unbeschnittene genannt wurdet von der sogenannten Beschneidung, die am Fleisch mit der Hand geschieht, 12 daß ihr zu jener Zeit außerhalb Christus waret, entfremdet von der Bürgerschaft Israels und fremd den Bündnissen der Verheißung und keine Hoffnung hattet und ohne Gott waret in der Welt. 13 Nun aber, in Christus Jesu…"
Hesekiel 36,26-27 – „26 Und ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euch legen; ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben; 27 ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Satzungen wandeln und meine Rechte beobachten und tun."
Lukas 22,20 – „20 ebenso auch den Kelch nach dem Mahle und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blute, das für euch vergossen wird."
Diese Aussage gehört zu den stärksten Argumenten gegen die bleibende Verbindlichkeit des Sabbats. Der Hebräerbrief erklärt ausdrücklich, dass durch Jesus Christus ein neuer und besserer Bund gekommen ist und der frühere Bund damit veraltet ist. Da der Sabbat ein wichtiger Bestandteil des Bundes zwischen Gott und Israel war, scheint die Schlussfolgerung nahezuliegen: Wenn dieser Bund nicht länger gilt, müsse auch das Sabbatgebot seine Verbindlichkeit verloren haben. Doch lässt sich diese Schlussfolgerung tatsächlich aus der Bibel ableiten? Um das zu verstehen, müssen wir klären, was der Alte Bund umfasste, weshalb ein Neuer Bund notwendig wurde und welche Bedeutung Gottes Gesetz darin besitzt.
Zunächst ist wichtig, dass der Bund am Sinai mehr war als eine Sammlung religiöser Vorschriften. Nachdem Gott die Israeliten aus Ägypten befreit hatte, führte er sie an den Berg Sinai. Dort wollte er sie als sein besonderes Volk annehmen. Sie sollten ihn als ihren Gott erkennen und nach seinem Willen leben. Der Bund umfasste deshalb Gottes Zusagen ebenso wie die Verpflichtung des Volkes, ihm gehorsam zu sein. Die Zehn Gebote nahmen darin eine zentrale Stellung ein. In 5. Mose 4,13 erklärt Mose ausdrücklich, dass Gott seinen Bund verkündete und die zehn Worte auf zwei steinerne Tafeln schrieb.
Das ist für unsere Untersuchung entscheidend. Es wäre zu einfach, den Alten Bund ausschließlich mit den späteren Opfer- und Festvorschriften gleichzusetzen und die Zehn Gebote vollständig davon zu trennen. Die Bibel verbindet den Bund am Sinai ausdrücklich mit den Worten, die Gott selbst auf Stein schrieb. Auch das vierte Gebot gehörte zu dieser Ordnung. Deshalb müssen wir die Frage ernst nehmen, welche Bedeutung das Ende dieses Bundes für die Zehn Gebote besitzt.
Besonders deutlich wird der Einwand in 2. Korinther 3. Paulus spricht dort von einem früheren Dienst, dessen Buchstaben in Stein eingraviert waren. Er erinnert an die Herrlichkeit, die auf dem Angesicht Moses sichtbar wurde, nachdem dieser mit Gott gesprochen hatte. Obwohl dieser frühere Dienst von Gott kam und wirkliche Herrlichkeit besaß, stellt Paulus ihm den weit größeren Dienst des Heiligen Geistes gegenüber. Er bezeichnet den früheren Dienst als vergänglich, während der neue Dienst bleibt.
Damit bezieht sich Paulus nicht lediglich auf die Tieropfer oder einzelne Festvorschriften. Seine ausdrückliche Erwähnung der steinernen Tafeln führt uns zu den Zehn Geboten. Dieser Zusammenhang darf nicht abgeschwächt werden. Der Apostel erklärt tatsächlich, dass die frühere Bundesordnung in ihrer bisherigen Form durch Christus übertroffen wurde. Christen leben deshalb nicht einfach unter denselben Bundesbedingungen weiter, die Gott einst mit Israel am Sinai festgelegt hatte.
Doch Paulus spricht in diesem Kapitel vor allem über zwei unterschiedliche Arten, in denen Gott an Menschen handelt. Der frühere Dienst machte Gottes Forderungen bekannt und deckte die Schuld des Menschen auf. Er konnte jedoch nicht aus eigener Kraft das Herz verändern oder den Sünder von seiner Schuld befreien. Der neue Dienst ist dagegen durch den Heiligen Geist geprägt. Er führt den Menschen zu Christus, schenkt ihm neues Leben und verändert ihn von innen heraus. Paulus stellt damit nicht einen bösen Gott des Alten Testaments einem gnädigen Gott des Neuen Testaments gegenüber. Es ist derselbe Gott, der nun durch Jesus Christus die verheißene Erlösung zur Erfüllung bringt.
Schon zu Beginn von 2. Korinther 3 verwendet Paulus dafür ein schönes Bild. Er bezeichnet die Gläubigen als einen Brief Christi, der nicht mit Tinte geschrieben wurde und auch nicht auf steinernen Tafeln steht. Vielmehr ist dieser Brief durch den Geist des lebendigen Gottes in menschliche Herzen geschrieben (2. Korinther 3,3). Damit beschreibt Paulus, wie sich das Wirken Gottes im Leben seiner Kinder zeigen soll. Sein Wille soll nicht lediglich von außen an sie herangetragen werden. Er soll ihr Denken, ihre Wünsche und ihr Handeln prägen.
Diese Verheißung war bereits lange zuvor durch den Propheten Jeremia angekündigt worden. In Jeremia 31,31–34 spricht Gott von einem Neuen Bund, den er mit dem Haus Israel und dem Haus Juda schließen werde. Er sollte nicht dem Bund gleichen, den ihre Vorfahren nach der Befreiung aus Ägypten gebrochen hatten. Gott verheißt vielmehr: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und es in ihren Sinn schreiben und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.“ Zugleich verspricht er, ihre Schuld zu vergeben und ihrer Sünden nicht mehr zu gedenken.
Damit erkennen wir, was den Neuen Bund besonders kennzeichnet. Gott verheißt nicht einfach eine weitere Gesetzessammlung oder strengere religiöse Anforderungen. Er verspricht Vergebung und eine erneuerte Beziehung zu seinem Volk. Seine Kinder sollen ihn persönlich kennen und seinen Willen nicht nur als äußere Forderung wahrnehmen. Gott selbst möchte ihre Herzen verändern, damit sie aus Liebe und Vertrauen nach seinem Willen leben.
Gerade darin zeigt sich, dass der Neue Bund keineswegs ein Leben ohne Gottes Gebote beschreibt. Gott kündigt ausdrücklich an, sein Gesetz in das Innere der Menschen zu schreiben. Das wäre schwer zu erklären, wenn mit dem Ende des Alten Bundes jeder göttliche Maßstab für das menschliche Leben bedeutungslos geworden wäre. Die Verheißung spricht vielmehr von einer tieferen Verbindung zwischen Gott und seinem Volk. Was der Mensch aus eigener Kraft nicht erreichen konnte, soll durch Gottes rettendes und erneuerndes Handeln möglich werden.
Noch deutlicher beschreibt Hesekiel, wie diese Veränderung geschehen soll. In Hesekiel 36,26–27 verheißt Gott seinem Volk ein neues Herz. Das bisherige steinerne Herz, das für die innere Härte und den Widerstand gegen Gottes Willen steht, soll durch ein empfängliches Herz ersetzt werden. Gott verspricht außerdem, seinen eigenen Geist in die Menschen zu geben und sie dadurch zu einem Leben nach seinen Weisungen zu führen. Damit wird deutlich: Im Mittelpunkt steht nicht nur die Erkenntnis dessen, was Gott gebietet, sondern seine erneuernde Kraft, die den Menschen befähigt, seinen Willen zu tun. Die Verheißung verbindet den Gehorsam ausdrücklich mit dem Wirken des Heiligen Geistes und zeigt, weshalb das neue Leben nicht aus menschlicher Selbstgerechtigkeit hervorgehen kann.
Allerdings müssen wir auch hier sorgfältig unterscheiden. Jeremia zählt nicht einzeln auf, welche Bestimmungen des Sinai-Bundes im Neuen Bund in welcher Form weiterhin gelten. Seine Aussage über das Gesetz im Herzen ist deshalb nicht automatisch ein Beweis dafür, dass sämtliche Vorschriften des Alten Testaments unverändert übernommen werden müssen. Ebenso wenig erklärt Jeremia an dieser Stelle ausdrücklich, wie das vierte Gebot nach dem Kommen Christi zu beachten ist. Die Verheißung zeigt jedoch eindeutig, dass Gottes Wille durch den Neuen Bund nicht bedeutungslos wird.
Der Hebräerbrief greift genau diese Verheißung auf. In Hebräer 8,8–12 werden Jeremias Worte ausführlich wiedergegeben. Der Verfasser erklärt damit, weshalb der Neue Bund auf besseren Verheißungen beruht. Entscheidend ist nicht nur, dass Gott den Menschen seinen Willen bekannt macht, sondern dass er ihre Sünden vergibt und sie in eine neue Beziehung zu sich führt. Diese Vergebung ist durch Jesus Christus möglich geworden. Er ist der Mittler des Neuen Bundes, weil sein eigenes Opfer das vollbringt, was die früheren Opfer nur ankündigen konnten.
Auch Jesus selbst verbindet seinen Tod ausdrücklich mit dem Neuen Bund. Beim letzten Mahl mit seinen Jüngern spricht er über den Kelch als den Neuen Bund in seinem Blut (Lukas 22,20). Damit wird deutlich, dass die neue Bundesbeziehung nicht durch menschliche Versprechen oder eine besonders sorgfältige Gesetzesbeachtung zustande kommt. Ihre Grundlage ist das Opfer Jesu. Er hat durch seinen Tod den Weg zur Vergebung eröffnet. Wer zu ihm gehört, lebt deshalb nicht aus dem Vertrauen auf die eigene religiöse Leistung, sondern aus der Gnade Gottes.
Doch wenn Christus tatsächlich einen Neuen Bund eingesetzt hat, müssen auch die Veränderungen ernst genommen werden, die damit verbunden sind. Der Hebräerbrief erklärt besonders ausführlich, dass der frühere Priesterdienst seine bisherige Aufgabe verloren hat. Unter dem Gesetz Israels durften die Priester am Heiligtum aus dem Stamm Levi stammen. Jesus gehört jedoch zum Stamm Juda. Trotzdem ist er unser Hohepriester, weil Gott ihn zu einem Priesterdienst von weit größerer Bedeutung berufen hat.
In Hebräer 7,12 zieht der Verfasser daraus eine bemerkenswerte Schlussfolgerung: Wenn sich das Priestertum verändert, muss damit auch eine Änderung des Gesetzes verbunden sein. Damit sagt die Bibel ausdrücklich, dass bestimmte gesetzliche Anordnungen nicht unverändert fortbestehen können. Die Bestimmungen über das frühere Priestertum erfüllten eine Aufgabe innerhalb des Alten Bundes. Da Christus nun unser vollkommener Hohepriester ist, wurde diese Ordnung durch eine bessere ersetzt.
Dasselbe gilt für die wiederholten Tieropfer. Im früheren Gottesdienst mussten sie regelmäßig dargebracht werden. Doch sie konnten die Schuld der Menschen nicht endgültig wegnehmen. Jesus hat dagegen durch seine einmalige Hingabe ein vollkommenes Opfer gebracht. Deshalb müssen die Tieropfer nicht länger fortgesetzt werden. Der Hebräerbrief erklärt diese Veränderung ausdrücklich und zeigt, weshalb die frühere Ordnung durch Christus ihre Erfüllung gefunden hat.
Hier wird ein wichtiger Grundsatz deutlich: Dass Gott eine Anordnung gegeben hat, bedeutet nicht automatisch, dass sie nach dem Kommen Christi in derselben Form bestehen bleiben muss. Entscheidend ist, welche Aufgabe sie hatte und was das Neue Testament über ihre Erfüllung sagt. Wo die Schrift ausdrücklich erklärt, dass eine frühere Einrichtung durch Christus ersetzt oder erfüllt wurde, dürfen wir diese Veränderung nicht übergehen.
Doch dieser Grundsatz lässt sich nicht ohne weitere Prüfung auf jedes einzelne Gebot übertragen. Das Neue Testament erklärt weiterhin, dass Götzendienst, Ehebruch, Mord, Diebstahl und andere Sünden dem Willen Gottes widersprechen. Diese Gebote gehörten ebenfalls zum Bund am Sinai. Dennoch werden die entsprechenden Handlungen durch den Bundeswechsel nicht plötzlich richtig. Daraus erkennen wir, dass der Wechsel des Bundes nicht automatisch bedeutet, jeder moralische Inhalt seiner früheren Ordnung sei aufgehoben worden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob eine Weisung Bestandteil des Alten Bundes war. Wir müssen auch fragen, welche Bedeutung sie unabhängig davon besitzt und wie Jesus und seine Apostel sie im Neuen Bund behandeln. Genau diese Unterscheidung ist für das vierte Gebot besonders wichtig.
Einerseits erhielt der Sabbat innerhalb des Sinai-Bundes besondere Aufgaben. Er war ein Zeichen der Beziehung zwischen Gott und Israel. Er erinnerte das Volk an seine Befreiung aus Ägypten und war mit bestimmten Vorschriften, Opferhandlungen und Strafbestimmungen verbunden. Diese besondere Bundesordnung kann nach dem Kommen Christi nicht einfach unverändert auf die christliche Gemeinde übertragen werden. Auch Christen aus anderen Völkern müssen nicht zunächst Teil des alten israelitischen Staats- und Gottesdienstsystems werden, um zu Christus zu gehören.
Andererseits beginnt die biblische Geschichte des Sabbats nicht erst am Sinai. Bereits bei der Schöpfung segnete und heiligte Gott den siebten Tag. Als er später das vierte Gebot verkündete, begründete er die Sabbatruhe ausdrücklich mit seinem eigenen Schöpfungswerk. Der Bund mit Israel gab dem Sabbat somit zusätzliche Bedeutungen, war aber nicht der Ursprung seiner besonderen Stellung. Deshalb lässt sich aus dem Ende dieser Bundesordnung nicht ohne weitere Begründung ableiten, dass auch Gottes ursprüngliche Heiligung des siebten Tages aufgehoben wurde.
Damit stehen wir vor zwei Fragen, die miteinander verbunden sind, aber nicht dasselbe bedeuten. Die erste lautet: Hat der Sabbat seine frühere Aufgabe als besonderes Zeichen des Sinai-Bundes verloren? Da dieser Bund durch Christus abgelöst wurde, kann seine damalige Funktion nicht einfach unverändert weitergeführt werden. Die zweite Frage lautet jedoch: Hat Gott damit auch die besondere Stellung des siebten Tages beendet, die er ihm bereits bei der Schöpfung gegeben hatte? Eine solche Schlussfolgerung ergibt sich aus dem Bundeswechsel allein nicht.
Umgekehrt genügt auch der Hinweis auf die Schöpfung nicht, um damit bereits jede Einzelheit einer allgemeinen Sabbatpflicht für Christen zu beweisen. Dazu müssen die Aussagen Jesu und der Apostel über den siebten Tag berücksichtigt werden. Besonders wichtig ist dabei, dass der Sabbat niemals als Voraussetzung dargestellt werden darf, durch die sich ein Mensch die Annahme bei Gott verdient. Die Erlösung beruht allein auf Jesus Christus. Wenn der Sabbat im Neuen Bund weiterhin eine Bedeutung besitzt, muss diese im Einklang mit seiner Gnade und dem Wirken des Heiligen Geistes verstanden werden.
Hier hilft uns auch die Frage, wem die Verheißung des Neuen Bundes gilt. Jeremia spricht ausdrücklich vom Haus Israel und vom Haus Juda. Dennoch verkündet das Neue Testament, dass durch Jesus Christus auch Menschen aus anderen Völkern Zugang zu Gott erhalten. In Epheser 2,11–19 erklärt Paulus, dass sie einst den Bündnissen der Verheißung fernstanden, nun aber durch Christus nahegebracht wurden. Sie sind nicht länger Fremde, sondern Mitbürger der Heiligen und gehören zu Gottes Haus. Der Zugang zu Gott beruht somit nicht auf israelitischer Abstammung oder der Übernahme der früheren Bundesordnung, sondern auf Christus.
Allerdings enthält gerade dieser Abschnitt eine Aussage, die bei der Sabbatfrage als Gegenargument angeführt wird. In Epheser 2,14–16 erklärt Paulus, dass Christus die trennende Wand zwischen Juden und Menschen anderer Völker niedergerissen und das „Gesetz der Gebote in Satzungen“ beseitigt hat. Gemeint ist damit zumindest, dass die frühere Gesetzesordnung nicht länger als trennende Verpflichtung zwischen beiden Gruppen bestehen soll. Wie weit die Aussage über diese Trennung hinausreicht, wird unterschiedlich verstanden. Manche Ausleger beziehen sie besonders auf die Vorschriften und religiösen Unterschiede, die Juden und Nichtjuden voneinander abgrenzten. Andere verstehen darunter die mosaische Gesetzesordnung in ihrer bisherigen verbindlichen Bundesfunktion. Die Aussage darf deshalb weder einfach auf menschlich erfundene Regeln beschränkt noch ohne weitere Begründung als Abschaffung jedes göttlichen Gebots verstanden werden. Paulus erklärt hier tatsächlich eine grundlegende Veränderung durch Christus, nennt aber weder die Aufhebung der Schöpfungsheiligung des siebten Tages noch seine Ersetzung durch den Sonntag. Die besondere Stellung des Sabbats muss deshalb weiterhin anhand des gesamten biblischen Zeugnisses beurteilt werden.
Das zeigt, wie grundlegend die Veränderung durch den Neuen Bund tatsächlich ist. Menschen aus allen Völkern dürfen durch Jesus zu Gottes Volk gehören. Sie brauchen keinen irdischen Opferdienst mehr, weil Christus ihr vollkommenes Opfer ist. Sie benötigen keinen menschlichen Hohenpriester, der stellvertretend für sie Tieropfer darbringt, weil Jesus selbst ihr Hohepriester ist. Und sie sollen Gottes Willen nicht bloß als äußere Vorschrift kennen, sondern durch seinen Geist zu einem erneuerten Leben geführt werden.
Der Neue Bund ist deshalb weder eine einfache Fortsetzung des Sinai-Bundes noch die Abschaffung jedes göttlichen Gebots. Er bringt die Verheißungen Gottes durch Jesus Christus zur Erfüllung, schenkt endgültige Vergebung und eröffnet ein Leben unter der Führung des Heiligen Geistes. Zugleich bezeugt er, dass Gottes Wille seinen Platz im Leben seiner Kinder behält. Vergebung und Gehorsam stehen dabei nicht gegeneinander: Der Mensch wird durch Christus gerettet und lernt aus der Gemeinschaft mit ihm, Gottes Willen von Herzen zu tun.
Für die Sabbatfrage bedeutet das: Seine frühere Aufgabe als Bundeszeichen Israels, die zusätzlichen Opfer und die staatlichen Strafbestimmungen dürfen nicht mit der Heiligung des siebten Tages bei der Schöpfung gleichgesetzt werden. Der Bundeswechsel betrifft tatsächlich die bisherige Ordnung des Gottesdienstes und die Stellung des Menschen zum Gesetz. Er beweist jedoch nicht allein, dass Gott den Sabbat als Schöpfungseinrichtung aufgehoben hat. Ebenso wenig entscheidet die Verheißung vom Gesetz im Herzen für sich genommen jede Frage seiner heutigen Beachtung.
Hebräer 8 führt uns deshalb zu einer wichtigen Erkenntnis: Der Mittelpunkt des Neuen Bundes ist Jesus Christus. Er schenkt Vergebung, bringt die früheren Opfer zu ihrer Erfüllung und erneuert Menschen durch seinen Geist. Von ihm her muss auch die Bedeutung des Sabbats verstanden werden. Ob der siebte Tag weiterhin zu den Geboten gehört, nach denen Gottes Kinder leben sollen, muss aus dem gesamten biblischen Zeugnis erschlossen werden. Das Ende des Sinai-Bundes allein reicht weder als Beweis für seine Abschaffung noch als vollständige Begründung seiner Fortgeltung aus.
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Apostelgeschichte 15: Warum nennt das Apostelkonzil den Sabbat nicht?
Apostelgeschichte 15,28-29 – „28 Es hat nämlich dem heiligen Geist und uns gefallen, euch keine weitere Last aufzulegen, außer diesen notwendigen Stücken: 29 daß ihr euch enthaltet von Götzenopfern und von Blut und vom Erstickten und von Unzucht; wenn ihr euch davor in acht nehmet, so tut ihr recht. Lebet wohl!»"
Apostelgeschichte 15,1-25 – „1 Und etliche kamen aus Judäa herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht nach dem Gebrauche Moses beschneiden lasset, so könnt ihr nicht gerettet werden! 2 Da sich nun Zwiespalt erhob und Paulus und Barnabas nicht geringen Streit mit ihnen hatten, ordneten sie an, daß Paulus und Barnabas und einige andere von ihnen dieser Streitfrage wegen zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem hinauf…"
Apostelgeschichte 21,25 – „25 Was aber die gläubig gewordenen Heiden betrifft, so haben wir hingesandt und angeordnet, daß sie von alledem nichts zu beobachten haben, sondern sich nur hüten sollen vor dem Götzenopfer und dem Blut und dem Erstickten und der Unzucht."
Diese Entscheidung gehört zu den wichtigsten Einwänden gegen eine allgemeine Sabbatpflicht für Christen. Die Apostel legten ausdrücklich fest, welche Anforderungen sie den Gläubigen aus anderen Völkern auferlegen wollten. Dabei nannten sie vier Dinge, von denen diese sich enthalten sollten. Der Sabbat wird jedoch nicht erwähnt. Wenn Gott die Heiligung des siebten Tages von allen Christen erwartete, weshalb fehlt dann gerade hier eine entsprechende Anweisung? Diese Frage verdient besondere Aufmerksamkeit, denn die Entscheidung wurde nicht von einer einzelnen Gemeinde getroffen. Die Apostel und Ältesten berieten gemeinsam und erklärten ausdrücklich, dass sie unter der Führung des Heiligen Geistes handelten.
Um ihre Entscheidung zu verstehen, müssen wir zunächst betrachten, weshalb die Versammlung in Jerusalem überhaupt notwendig wurde. Nach der Auferstehung Jesu breitete sich das Evangelium zunehmend unter Menschen aus, die nicht zum Volk Israel gehörten. Auch sie glaubten an Christus und empfingen den Heiligen Geist. Damit entstand eine wichtige Frage: Mussten diese Menschen zuerst die religiöse Lebensordnung Israels übernehmen, um vollständig zu Gottes Volk gehören zu können?
Einige Männer aus Judäa vertraten genau diese Auffassung. Sie lehrten, dass die Gläubigen aus den Völkern sich nach der Weise Moses beschneiden lassen müssten, um gerettet zu werden (Apostelgeschichte 15,1). Die Beschneidung war das körperliche Bundeszeichen, das Gott einst Abraham gegeben hatte. Sie gehörte später zur verbindlichen Ordnung Israels. Die Forderung dieser Männer ging deshalb weit über einen einzelnen religiösen Brauch hinaus. Sie stellten die Zugehörigkeit zum Volk Gottes und sogar die Rettung der Menschen mit der Übernahme einer bestimmten Bundesordnung in Verbindung.
Paulus und Barnabas widersprachen dieser Lehre entschieden. Schließlich wurden sie nach Jerusalem gesandt, um die Streitfrage mit den Aposteln und Ältesten zu klären. Dort erklärten einige gläubig gewordene Pharisäer ausdrücklich, man müsse die Menschen aus den Völkern beschneiden und ihnen gebieten, das Gesetz Moses zu halten (Apostelgeschichte 15,5). Mit dem Gesetz Moses waren die Weisungen gemeint, die Israel durch Mose empfangen hatte. Die Frage beschränkte sich somit nicht allein auf die Beschneidung. Es ging darum, in welchem Umfang die frühere Bundesordnung für nicht jüdische Christen verbindlich gemacht werden sollte.
Petrus erinnerte die Versammlung daraufhin an eine entscheidende Erfahrung. Gott hatte bereits Menschen aus den Völkern zum Glauben geführt und ihnen den Heiligen Geist geschenkt, ohne zuvor ihre Beschneidung zu verlangen. Er hatte ihre Herzen durch den Glauben gereinigt und keinen Unterschied zwischen ihnen und den jüdischen Gläubigen gemacht. Damit hatte Gott selbst gezeigt, dass ihre Annahme nicht von der Übernahme des jüdischen Bundeszeichens abhing. Sie waren durch Christus zu ihm gekommen und hatten seinen Geist empfangen.
Deshalb stellte Petrus eine eindringliche Frage: Warum sollte man diesen Jüngern nun ein Joch auferlegen, das schon die früheren Generationen Israels nicht hatten tragen können? Mit einem Joch bezeichnet er hier eine Last, die den Menschen verbindlich auferlegt werden sollte. Entscheidend ist der Zusammenhang: Die Gläubigen aus den Völkern sollten nicht unter die gesamte mosaische Bundesordnung gestellt werden müssen, um als vollwertige Angehörige des Volkes Gottes anerkannt zu werden. Petrus führt die Versammlung deshalb zur eigentlichen Grundlage der Rettung zurück. Juden und Nichtjuden werden auf dieselbe Weise gerettet: durch die Gnade des Herrn Jesus Christus.
Auch Jakobus erinnert anschließend daran, dass Gott die Menschen aus den Völkern in sein Heilshandeln aufnehmen wollte. Er verweist dazu auf die Worte der Propheten und zeigt, dass ihre Hinwendung zu Gott kein unerwartetes Ereignis war. Schon die Schrift hatte angekündigt, dass Menschen aus den Völkern den Herrn suchen würden (Apostelgeschichte 15,13–18). Ihre Aufnahme in Gottes Volk entsprach somit seinem zuvor offenbarten Willen. Sie mussten nicht erst ihre Herkunft aufgeben und vollständig in die bisherige Lebensordnung Israels eintreten, bevor sie zu Christus gehören konnten.
Vor diesem Hintergrund wird die Entscheidung des Konzils verständlich. Die Apostel lehnten die Forderung ab, den Gläubigen aus den Völkern die Beschneidung und die Übernahme des gesamten Gesetzes Moses aufzuerlegen. Ihre Annahme bei Gott sollte nicht von solchen Voraussetzungen abhängig gemacht werden. Zugleich wollten die Apostel aber nicht, dass diese Freiheit zu einem Leben führte, das von den früheren religiösen Gewohnheiten ihrer Umgebung bestimmt blieb oder die Gemeinschaft mit jüdischen Glaubensgeschwistern unnötig belastete.
Deshalb nannten sie vier notwendige Anforderungen. Die Gläubigen sollten sich von Götzenopfern, Blut, dem Fleisch erstickter Tiere und Unzucht enthalten. Götzenopfer waren Speisen, die im Zusammenhang mit der Verehrung fremder Götter dargebracht worden waren. Das Verbot des Blutes bezog sich auf dessen Verzehr. Bei erstickten Tieren blieb das Blut im Fleisch, weil es nicht wie bei einer gewöhnlichen Schlachtung abfließen konnte. Mit Unzucht waren sexuelle Handlungen gemeint, die Gottes Willen widersprachen. Die vier Anordnungen betrafen somit Bereiche, in denen sich das frühere religiöse und gesellschaftliche Leben vieler Nichtjuden deutlich von den Überzeugungen jüdischer Gläubiger unterschied.
Für diese Auswahl gibt es eine mögliche alttestamentliche Grundlage. In 3. Mose 17 und 18 finden wir ebenfalls Vorschriften über Opfer, Blut und sexuelle Verfehlungen. Bemerkenswert ist, dass mehrere dieser Anordnungen nicht nur für gebürtige Israeliten galten, sondern ausdrücklich auch für Fremde, die unter ihnen lebten. Deshalb sehen manche Ausleger darin einen wichtigen Hintergrund der Jerusalemer Entscheidung. Die Apostel hätten demnach bestimmte grundlegende Anforderungen übernommen, ohne die Menschen aus den Völkern zur vollständigen Einhaltung des Gesetzes Moses zu verpflichten.
Diese Verbindung ist nachvollziehbar, wird in Apostelgeschichte 15 jedoch nicht ausdrücklich erklärt. Auch die Frage, weshalb genau diese vier Dinge ausgewählt wurden, lässt sich nicht in jeder Einzelheit sicher beantworten. Deutlich ist aber, dass die Apostel sowohl die Hinwendung zu Gott als auch das Zusammenleben der unterschiedlichen Gläubigen im Blick hatten. Menschen aus jüdischer und nicht jüdischer Herkunft sollten als Brüder und Schwestern Gemeinschaft haben können, ohne dass eine Gruppe ihre frühere Lebensweise zur Voraussetzung der Rettung für die andere machte.
Nun müssen wir die vier Anforderungen richtig einordnen. Sie sind ausdrücklich genannt und dürfen deshalb nicht als belanglose Empfehlungen behandelt werden. Die Apostel sprechen von notwendigen Dingen und erklären, dass ihre Entscheidung dem Heiligen Geist und ihnen gut erschien. Zugleich kann diese kurze Aufzählung nicht sämtliche Weisungen für ein christliches Leben enthalten. Weder Mord noch Diebstahl oder falsches Zeugnis werden ausdrücklich genannt. Dennoch lehrt das Neue Testament an anderen Stellen eindeutig, dass solche Handlungen dem Willen Gottes widersprechen. Das Schreiben war also keine vollständige Zusammenfassung aller christlichen Gebote, sondern eine verbindliche Entscheidung zu den Fragen, die das damalige Zusammenleben und die Stellung der Gläubigen aus den Völkern betrafen.
Gerade hier dürfen wir jedoch das eigentliche Gegenargument nicht abschwächen. Die Apostel schrieben ausdrücklich, dass sie keine weitere Last auferlegen wollten als die genannten notwendigen Dinge. Das bedeutet mehr, als dass sie lediglich vergessen hätten, weitere Vorschriften aufzuzählen. Die Entscheidung sollte die Gläubigen tatsächlich davor schützen, zur Übernahme der mosaischen Bundesordnung verpflichtet zu werden. Wer behauptet, nicht jüdische Christen müssten sämtliche Anforderungen dieses Bundes erfüllen, müsste deshalb erklären, wie sich eine solche Forderung mit dem Beschluss von Jerusalem vereinbaren lässt.
Besonders wichtig wird nun die Frage nach dem Sabbat. Da er zum Gesetz Moses und zu den Zehn Geboten gehörte, hätte er im Zusammenhang der damaligen Auseinandersetzung durchaus erwähnt werden können. Dass dies nicht geschieht, ist deshalb ein ernst zu nehmender Einwand gegen die Auffassung, die Apostel hätten den Menschen aus den Völkern ausdrücklich die gesamte israelitische Sabbatordnung auferlegt. Das Schweigen des Konzils darf nicht einfach mit der Behauptung erklärt werden, jeder habe die Sabbatpflicht ohnehin bereits gekannt. Eine solche Voraussetzung wird im Bericht nicht genannt.
Allerdings bedeutet das Fehlen des Sabbats in dieser Aufzählung noch nicht, dass Gott seine Heiligung des siebten Tages ausdrücklich aufgehoben hätte. Wie bereits gezeigt wurde, beginnt die biblische Geschichte dieses Tages vor dem Bund am Sinai. Die Apostel mussten deshalb nicht nur entscheiden, welche Vorschriften Israels übernommen werden sollten. Für eine vollständige Beurteilung der Sabbatfrage müsste ebenso geklärt werden, welche Bedeutung die ursprüngliche Heiligung des siebten Tages unabhängig von seiner späteren Aufgabe als Bundeszeichen besitzt. Diese Frage wird in Apostelgeschichte 15 nicht ausdrücklich behandelt.
Besondere Aufmerksamkeit verdient deshalb auch die Begründung des Jakobus in Vers 21. Er erinnert daran, dass Mose seit vielen Generationen in den Städten verkündigt und an jedem Sabbat in den Synagogen gelesen wird. Diese Bemerkung zeigt zunächst, wie weit die Lehre Moses verbreitet war. Auch außerhalb Israels lebten jüdische Gemeinschaften, in denen die Heiligen Schriften regelmäßig vorgelesen wurden. Die dort überlieferten Gebote und Lebensweisen waren deshalb vielen Menschen bekannt und prägten die Begegnung zwischen Juden und Nichtjuden.
Manche verstehen die Worte des Jakobus so, dass die vier Anforderungen lediglich den Anfang des christlichen Unterrichts bildeten. Die Menschen aus den Völkern sollten anschließend durch den Besuch der Synagogen Schritt für Schritt das gesamte Gesetz Moses kennenlernen und übernehmen. Der Text sagt das jedoch nicht ausdrücklich. Vor allem würde eine solche Verpflichtung dem zuvor gefassten Beschluss widersprechen, ihnen gerade nicht die gesamte mosaische Bundesordnung aufzuerlegen.
Andere verstehen den Hinweis auf die Sabbatlesungen als Begründung dafür, weshalb die genannten Rücksichten im Zusammenleben besonders wichtig waren. Da die Schriften Moses überall bekannt waren und jüdische Gläubige weiterhin nach ihnen lebten, konnten bestimmte Praktiken nicht jüdischer Christen leicht zu schweren Konflikten führen. Die vier Anforderungen sollten deshalb helfen, unnötige Hindernisse für die Gemeinschaft zu vermeiden. Diese Erklärung passt gut zum damaligen Streit. Dennoch legt Jakobus seine Begründung nicht so ausführlich dar, dass jede andere Deutung ausgeschlossen wäre.
Sicher ist jedenfalls, dass Apostelgeschichte 15,21 keine ausdrückliche Anordnung enthält, nach der alle nicht jüdischen Christen künftig den wöchentlichen Sabbat halten müssten. Ebenso wenig erklärt Jakobus, dass die Sabbatlesungen bedeutungslos geworden seien. Er verweist auf eine bestehende religiöse Praxis, deren Bedeutung für seine Entscheidung berücksichtigt werden soll. Mehr sollten wir aus diesem einzelnen Satz nicht ableiten.
Dass der Beschluss ernst gemeint war, zeigt auch sein weiterer Verlauf. In Apostelgeschichte 16,4 berichtet Lukas, dass Paulus und seine Begleiter die Entscheidungen der Apostel und Ältesten an die Gemeinden weitergaben, damit diese sie beachteten. Es handelte sich also nicht nur um eine unverbindliche Empfehlung für eine einzelne Versammlung. Auch Jahre später erinnert Jakobus in Apostelgeschichte 21,25 erneut an die Vereinbarung für die Gläubigen aus den Völkern. Die Unterscheidung zwischen ihrer Stellung in Christus und den weiterhin gelebten jüdischen Bräuchen blieb damit ein wichtiges Thema der frühen Gemeinde.
Wie wichtig diese Unterscheidung war, zeigt der unmittelbare Zusammenhang in Apostelgeschichte 21,20–24. Als Paulus nach Jerusalem zurückkehrte, berichteten Jakobus und die Ältesten von vielen Tausend Juden, die an Jesus gläubig geworden waren und weiterhin mit großem Eifer am Gesetz festhielten. Zugleich waren Gerüchte entstanden, Paulus lehre jüdische Gläubige, ihre überlieferten Gebräuche aufzugeben. Um solchen Vorwürfen zu begegnen, sollte er sich an einer jüdischen Reinigungshandlung beteiligen, was er anschließend auch tat. Dieser Bericht zeigt, dass der Glaube an den auferstandenen Christus bei zahlreichen jüdischen Gläubigen nicht zur sofortigen Aufgabe ihrer bisherigen Gesetzespraxis geführt hatte. Zugleich erinnert Jakobus ausdrücklich an die anderslautende Entscheidung für die Gläubigen aus den Völkern. Damit wird deutlich, dass die frühe Gemeinde zwischen der weiterhin gelebten jüdischen Tradition und den Verpflichtungen nicht jüdischer Christen unterschied. Der Text nennt an dieser Stelle den Sabbat nicht ausdrücklich und beweist deshalb keine allgemeine Sabbatpflicht. Er widerspricht jedoch der vereinfachten Vorstellung, nach Jesu Auferstehung hätten sämtliche Gläubigen die jüdische Gesetzespraxis unmittelbar aufgegeben.
Für die Sabbatfrage müssen deshalb zwei Aussagen auseinandergehalten werden. Einerseits dürfen Christen aus anderen Völkern nach dem Beschluss von Jerusalem nicht verpflichtet werden, die gesamte mosaische Bundesordnung zu übernehmen, um gerettet oder als vollwertige Gläubige anerkannt zu werden. Das betrifft auch den Versuch, ihnen die besonderen Bundesvorschriften Israels einfach unverändert aufzuerlegen. Andererseits erklärt das Konzil nicht ausdrücklich, dass der wöchentliche Sabbat seine ursprüngliche Heiligung verloren habe. Es behandelt diese Frage nicht in derselben Weise wie die Beschneidung und die Verpflichtung auf das Gesetz Moses.
Das bedeutet jedoch nicht, dass beide Aussagen für unsere Untersuchung dasselbe Gewicht besitzen. Die Ablehnung einer verpflichtenden Übernahme der gesamten mosaischen Ordnung wird ausdrücklich beschlossen. Die mögliche Fortgeltung des Sabbats aufgrund seiner Schöpfungsgrundlage muss dagegen aus anderen biblischen Aussagen erschlossen werden. Wer eine allgemeine christliche Sabbatpflicht vertritt, darf diesen Unterschied nicht übergehen. Er muss zeigen, weshalb der siebte Tag weiterhin zu Gottes Willen gehört, ohne die Entscheidung der Apostel durch eine neue Verpflichtung auf den Sinai-Bund zu unterlaufen.
Apostelgeschichte 15 ist somit kein ausdrücklicher Beweis dafür, dass Gott den Sabbat abgeschafft hat. Ebenso wenig bestätigt das Kapitel ausdrücklich, dass alle Christen den siebten Tag halten müssen. Es zeigt vor allem, dass die Rettung und die Zugehörigkeit zu Gottes Volk allein auf der Gnade Jesu Christi beruhen. Menschen aus den Völkern müssen nicht erst die gesamte Bundesordnung Israels übernehmen, um seine Kinder zu werden. Zugleich wird deutlich, dass der Glaube an Christus ein Leben hervorbringen soll, das Gottes Willen achtet und die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen schützt.
Das Schweigen des Apostelkonzils über den Sabbat bleibt deshalb ein ernstes Argument, das bei jeder Begründung seiner bleibenden Verbindlichkeit berücksichtigt werden muss. Es entscheidet die Frage jedoch nicht allein. Auch die übrigen Aussagen des Neuen Testaments müssen beachtet werden. Dazu gehört eine weitere Stelle, die häufig für den Sonntag angeführt wird: In Offenbarung 1,10 spricht Johannes vom „Tag des Herrn“. Welchen Tag meint er damit, und lässt sich daraus eine Änderung des Sabbats ableiten?
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Offenbarung 1,10: Ist der „Tag des Herrn“ der Sonntag?
Offenbarung 1,10 – „10 Ich war im Geist am Tage des Herrn und hörte hinter mir eine gewaltige Stimme, wie von einer Posaune, die sprach:"
Offenbarung 1,9-10 – „9 Ich, Johannes, euer Mitgenosse an der Trübsal und am Reich und an der Geduld Jesu Christi, war auf der Insel namens Patmos, um des Wortes Gottes und um des Zeugnisses Jesu willen. 10 Ich war im Geist am Tage des Herrn und hörte hinter mir eine gewaltige Stimme, wie von einer Posaune, die sprach:"
Markus 2,27-28 – „27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 Also ist des Menschen Sohn auch Herr des Sabbats."
Jesaja 58,13-14 – „13 Wenn du am Sabbat deinen Fuß zurückhältst, daß du nicht tust, was dich gelüstet an meinem heiligen Tage; wenn du den Sabbat deine Lust nennst und den heiligen [Tag] des HERRN ehrenwert; wenn du ihn ehrst, also daß du nicht deine Wege gehst und nicht dein Vergnügen suchst, noch eitle Worte redest; 14 alsdann wirst du an dem HERRN deine Lust haben; und ich will dich über die Höhen des Landes füh…"
2. Mose 20,8-11 – „8 Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest! 9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke verrichten; 10 aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes; da sollst du kein Werk tun; weder du, noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Vieh, noch dein Fremdling, der in deinen Toren ist. 11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und E…"
1. Korinther 11,20 – „20 Wenn ihr nun auch am selben Orte zusammenkommt, so ist das doch nicht, um des Herrn Mahl zu essen;"
1. Thessalonicher 5,2 – „2 Denn ihr wisset ja genau, daß der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht."
Diese Aussage wird häufig als Beleg dafür angeführt, dass der Sonntag bereits zur Zeit der Apostel als „Tag des Herrn“ bekannt war. Johannes berichtet, dass er an diesem Tag eine Offenbarung von Jesus Christus empfing. Manche sehen darin einen Hinweis darauf, dass der erste Wochentag schon damals eine besondere christliche Heiligung erfahren hatte und an die Stelle des Sabbats getreten war. Doch welchen Tag bezeichnet Johannes tatsächlich? Und selbst wenn damit der Sonntag gemeint sein sollte, würde das bereits beweisen, dass Gott ihn zum neuen Sabbat bestimmt hatte?
Zunächst müssen wir den Zusammenhang betrachten. Johannes befand sich auf der Insel Patmos, weil er Gottes Wort verkündigt und von Jesus Christus Zeugnis abgelegt hatte. Von seinen Glaubensgeschwistern getrennt, bezeichnet er sich dennoch als ihren Bruder und Mitgenossen in der Bedrängnis, im Reich Gottes und im geduldigen Ausharren mit Jesus (Offenbarung 1,9). Gerade in dieser Situation begegnet ihm der auferstandene Herr. Johannes hört eine mächtige Stimme und erhält den Auftrag, das Gesehene aufzuschreiben und an sieben Gemeinden weiterzugeben. Der Mittelpunkt des Berichts ist damit nicht die Einführung eines besonderen Wochentages, sondern die Offenbarung Jesu Christi, der seine Gemeinde auch in Zeiten der Bedrängnis nicht verlassen hat.
Dennoch erwähnt Johannes ausdrücklich, dass er „am Tage des Herrn“ im Geist war. Diese Zeitangabe ist deshalb wichtig, weil wir verstehen möchten, welchen Tag er damit bezeichnete. Im griechischen Text verwendet Johannes eine Wortverbindung, die sich sinngemäß als „dem Herrn gehörender Tag“ verstehen lässt. Das dabei verwendete Eigenschaftswort begegnet im Neuen Testament auch in 1. Korinther 11,20. Dort bezeichnet Paulus damit das Mahl des Herrn. In beiden Fällen wird also eine besondere Zugehörigkeit zum Herrn ausgedrückt. Welcher Wochentag in Offenbarung 1,10 gemeint ist, lässt sich aus dieser Wortwahl allein jedoch nicht erkennen.
Wenn wir zunächst die Bibel selbst betrachten, finden wir eine deutliche Verbindung zwischen dem Herrn und dem siebten Tag. Im vierten Gebot bezeichnet Gott diesen Tag ausdrücklich als den Sabbat des Herrn (2. Mose 20,10). In Jesaja 58,13 spricht er vom Sabbat als seinem heiligen Tag. Auch Jesus erklärt, dass der Menschensohn Herr des Sabbats ist (Markus 2,28). Diese Aussagen zeigen, dass der siebte Tag nach dem Zeugnis der Schrift in besonderer Weise Gott gehört. Seine Stellung beruht nicht lediglich auf einer menschlichen Gewohnheit, sondern auf Gottes eigener Anordnung.
Daraus ergibt sich eine nachvollziehbare Erklärung für die Worte des Johannes. Wenn er von einem Tag spricht, der dem Herrn gehört, kann damit der wöchentliche Sabbat gemeint sein. Schließlich bezeichnet die Bibel gerade diesen Tag ausdrücklich als Gottes heiligen Tag. Auch die Aussage Jesu, dass er Herr des Sabbats ist, passt zu dieser Deutung. Johannes hätte seine Vision dann an einem Tag empfangen, der bereits seit der Schöpfung eine besondere Bedeutung besitzt und den Jesus selbst mit seiner Herrschaft verbunden hat.
Allerdings dürfen wir dabei eine wichtige Unterscheidung nicht übersehen. Dass die Bibel den Sabbat als Gottes heiligen Tag bezeichnet, beweist noch nicht, dass Johannes in Offenbarung 1,10 zwingend denselben Tag meint. Die griechische Formulierung entspricht nicht einfach wörtlich den alttestamentlichen Bezeichnungen. Es handelt sich um einen eigenen Ausdruck, dessen genaue Bedeutung aus seinem damaligen Gebrauch erschlossen werden muss. Die Sabbatdeutung besitzt somit eine deutliche biblische Grundlage, bleibt aber eine Auslegung der Worte des Johannes.
Auch die Deutung auf den Sonntag darf nicht vorschnell verworfen werden. Wir haben bereits gesehen, dass Jesus am ersten Tag der Woche auferstand und dass das Neue Testament christliche Zusammenkünfte an diesem Tag erwähnt. Dadurch konnte der erste Wochentag für die Gläubigen eine besondere Bedeutung gewinnen. Wenn Johannes bereits eine entsprechende Bezeichnung kannte, wäre es möglich, dass er mit dem „Tag des Herrn“ den Sonntag meinte. Der Ausdruck müsste dann nicht erst Jahrhunderte später entstanden sein.
Tatsächlich finden wir in frühen christlichen Schriften Hinweise auf eine solche Entwicklung. Die sogenannte Didache, eine frühe Schrift über das Leben und den Gottesdienst christlicher Gemeinden, verwendet eine besondere Formulierung, die häufig als Hinweis auf eine Versammlung am Tag des Herrn verstanden wird. Allerdings ist ihre genaue sprachliche Bedeutung umstritten. Auch Ignatius von Antiochia, ein christlicher Leiter aus dem frühen zweiten Jahrhundert, verwendet in einem seiner Briefe eine Formulierung, die vielfach auf den Auferstehungstag bezogen wird. Da die genaue Ergänzung und Übersetzung des Ausdrucks Fragen aufwerfen, sind diese Zeugnisse wichtig, aber nicht in jeder Hinsicht eindeutig.
Einen ausdrücklichen Beleg für christliche Sonntagsversammlungen finden wir bei Justin dem Märtyrer, der um die Mitte des zweiten Jahrhunderts lebte. Er beschreibt, dass Christen am Sonntag zusammenkamen, gemeinsam beteten und Gottes Wort hörten. Dabei verweist er auch auf die Auferstehung Jesu. Seine ausführliche Darstellung werden wir später bei der geschichtlichen Entwicklung der Sonntagsfeier betrachten. Für unsere gegenwärtige Frage ist jedoch wichtig, dass Justin damit die Sonntagsversammlung bezeugt, nicht ausdrücklich die Bezeichnung „Tag des Herrn“.
Einen deutlicheren sprachlichen Hinweis liefert das sogenannte Petrusevangelium. Diese frühchristliche Schrift gehört nicht zum Neuen Testament und kann nicht als apostolisches Zeugnis gelten. In den Abschnitten 35 und 50 verwendet sie eine griechische Bezeichnung für den Tag des Herrn, während sie das Geschehen am Auferstehungsmorgen beschreibt. Im unmittelbaren Erzählzusammenhang bezeichnet dieser Ausdruck damit den ersten Wochentag. Das ist ein wichtiger sprachgeschichtlicher Beleg: Bereits im zweiten Jahrhundert wurde der Sonntag in christlichen Kreisen tatsächlich als Tag des Herrn bezeichnet.
Ein weiteres Zeugnis stammt von Dionysius von Korinth, einem christlichen Gemeindeleiter aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts. Seine Aussage ist durch den späteren Kirchenhistoriker Eusebius überliefert. In dessen Kirchengeschichte, Buch IV, Kapitel 23, berichtet Dionysius von einem heiligen Tag des Herrn, an dem seine Gemeinde gemeinsam einen Brief aus Rom gelesen hatte. Der erhaltene Satz nennt allerdings nicht ausdrücklich, welcher Wochentag gemeint war. Er zeigt zunächst, dass eine entsprechende Tagesbezeichnung im christlichen Gemeindeleben verwendet wurde. Zusammen mit den übrigen frühchristlichen Zeugnissen spricht dies dafür, dass sich der Ausdruck „Tag des Herrn“ bereits lange vor den späteren staatlichen Sonntagsgesetzen mit dem ersten Wochentag verband.
Diese Quellen stärken die Sonntagsdeutung von Offenbarung 1,10. Es wäre deshalb zu wenig, lediglich darauf hinzuweisen, dass Jesus Herr des Sabbats ist, und daraus zu schließen, Johannes müsse den siebten Tag gemeint haben. Die frühchristliche Sprachgeschichte bietet einen ernsthaften Grund, den Sonntag für die wahrscheinlichere Erklärung zu halten. Allerdings müssen wir den zeitlichen Abstand beachten. Die eindeutigeren außerbiblischen Zeugnisse stammen aus der Zeit nach der Offenbarung. Sie zeigen, wie Christen den Ausdruck damals verwendeten, beweisen jedoch nicht zweifelsfrei, dass Johannes ihn bereits in genau derselben Bedeutung gebrauchte.
Neben der Sabbat- und Sonntagsdeutung gibt es noch eine dritte Erklärung. Manche Ausleger verbinden Offenbarung 1,10 mit dem prophetischen „Tag des Herrn“. Dieser Ausdruck begegnet im Alten Testament besonders dort, wo von Gottes zukünftigem Eingreifen, seinem Gericht und der Wiederherstellung seines Volkes gesprochen wird. Auch das Neue Testament verwendet ihn im Zusammenhang mit der Wiederkunft Christi. In 1. Thessalonicher 5,2 erklärt Paulus beispielsweise, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht.
Eine Verbindung zur Offenbarung ist durchaus verständlich. Johannes erhält Visionen über kommende Ereignisse, Gottes Gericht und die Wiederkunft Jesu. Deshalb wird die Möglichkeit erwogen, dass er durch den Heiligen Geist einen Blick auf diesen zukünftigen Tag erhielt. Seine Aussage würde dann weniger den Wochentag beschreiben, an dem die Offenbarung begann, sondern die prophetische Wirklichkeit, die ihm gezeigt wurde.
Allerdings spricht ein sprachlicher Unterschied gegen eine vorschnelle Gleichsetzung. Für den zukünftigen „Tag des Herrn“ verwendet das Neue Testament gewöhnlich eine Verbindung der Wörter für „Tag“ und „Herr“. In Offenbarung 1,10 steht dagegen ein besonderes Eigenschaftswort, das etwas als dem Herrn zugehörig bezeichnet. Beide Formulierungen sind inhaltlich verwandt, aber nicht identisch. Daraus folgt nicht, dass die prophetische Deutung unmöglich wäre. Es bedeutet jedoch, dass sie nicht allein mit dem Hinweis auf den bekannten Ausdruck „Tag des Herrn“ bewiesen werden kann.
Hinzu kommt die Art, wie Johannes seine Offenbarung einleitet. Er berichtet zunächst, wo er sich befand, weshalb er dort war und unter welchen Umständen er die Stimme hörte. In diesem Zusammenhang liegt es nahe, die Angabe über den Tag zunächst als Beschreibung des Zeitpunktes zu verstehen. Erst danach entfaltet sich die prophetische Vision. Deshalb besitzt die Deutung auf einen bestimmten Wochentag im unmittelbaren Erzählzusammenhang ein beachtliches Gewicht. Welcher Wochentag gemeint ist, muss durch zusätzliche sprachliche und geschichtliche Hinweise erschlossen werden.
Was bedeutet das alles für die ursprüngliche Streitfrage? Wir müssen hier zwei Dinge auseinanderhalten. Die erste Frage lautet, welchen Tag Johannes als „Tag des Herrn“ bezeichnet. Die Sabbatdeutung stützt sich auf die biblischen Aussagen über den siebten Tag als Gottes heiligen Tag. Die Sonntagsdeutung wird durch den frühen christlichen Sprachgebrauch und die Bedeutung der Auferstehung gestützt. Die prophetische Deutung berücksichtigt den Zusammenhang der Offenbarung mit Gottes zukünftigem Gericht. Insgesamt besitzt die Sonntagsdeutung aufgrund der später ausdrücklich belegten Tagesbezeichnung ein besonderes historisches Gewicht. Doch Offenbarung 1,10 selbst erklärt nicht, welchen Wochentag Johannes meint.
Die zweite Frage ist jedoch noch grundlegender: Würde die Bezeichnung „Tag des Herrn“ beweisen, dass Gott einen neuen Sabbat eingesetzt hat? Selbst wenn Johannes tatsächlich den Sonntag meinte, wäre damit zunächst belegt, dass dieser Tag für ihn oder die damaligen Christen eine besondere Beziehung zum Herrn besaß. Daraus würde noch nicht folgen, dass Gott den ersten Tag gesegnet, geheiligt und mit der Arbeitsruhe des vierten Gebots verbunden hatte. Johannes ordnet an dieser Stelle keine Sabbatruhe an und erklärt auch nicht, dass der siebte Tag seine bisherige Heiligkeit verloren habe.
Ebenso sollten wir aus der möglichen Sabbatdeutung nicht mehr ableiten, als sie tragen kann. Wenn Johannes seine Offenbarung am siebten Tag empfing und diesen als „Tag des Herrn“ bezeichnete, wäre das ein bemerkenswerter Hinweis auf die besondere Bedeutung des Sabbats für ihn. Doch eine ausdrückliche Verpflichtung aller Christen zur wöchentlichen Sabbatheiligung würde sich daraus allein noch nicht ergeben. Dafür müssen auch die übrigen Aussagen der Schrift über den siebten Tag berücksichtigt werden.
Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen einer religiösen Bezeichnung und einem göttlichen Gebot zu unterscheiden. Ein Tag kann im Leben christlicher Gemeinden eine besondere Stellung erhalten und regelmäßig für den Gottesdienst genutzt werden. Die Heiligung eines Tages durch Gott ist jedoch eine weitergehende Aussage. Beim siebten Tag beschreibt die Bibel eine solche Heiligung ausdrücklich. In Offenbarung 1,10 finden wir dagegen keine Anordnung, die eine entsprechende Veränderung des vierten Gebots begründen würde.
Die genaue Bedeutung des „Tages des Herrn“ lässt sich deshalb nicht allein aus diesem Vers zweifelsfrei feststellen. Der frühchristliche Sprachgebrauch spricht deutlich dafür, dass der Sonntag gemeint sein kann und wahrscheinlich gemeint ist. Die biblischen Aussagen über den Sabbat als Gottes heiligen Tag erklären zugleich, weshalb auch die Sabbatdeutung vertreten wird. Entscheidend ist, die späteren Zeugnisse weder zu übergehen noch ihnen rückwirkend eine Gewissheit zuzuschreiben, die sie für die Zeit des Johannes nicht vollständig liefern können.
Für die Frage nach einer Abschaffung oder Verlegung des Sabbats ist jedoch entscheidend, dass Johannes keine solche Änderung beschreibt. Er berichtet, wie ihm der auferstandene Christus begegnete und ihn mit einer Botschaft für seine Gemeinde beauftragte. Welche Bezeichnung er für den Tag verwendete, ist eine wichtige Auslegungsfrage. Ein neues Sabbatgebot lässt sich daraus aber nicht ableiten.
Damit richtet sich unser Blick wieder auf das Leben der ersten christlichen Gemeinden. In der Apostelgeschichte begegnet uns der Sabbat auch Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung immer wieder als Tag der Verkündigung. Besonders Paulus nutzte ihn regelmäßig, um Menschen das Evangelium zu bringen. Doch tat er das lediglich, weil er an diesem Tag besonders viele jüdische Zuhörer erreichen konnte? Oder lässt seine Praxis eine darüber hinausgehende Bedeutung des Sabbats erkennen?
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Paulus am Sabbat: Nur Missionsstrategie oder mehr?
Apostelgeschichte 13,42-44 – „42 Als sie aber aus der Versammlung gingen, bat man sie, daß ihnen diese Worte [auch] am nächsten Sabbat gepredigt werden möchten. 43 Nachdem aber die [Versammlung in der] Synagoge sich aufgelöst hatte, folgten viele Juden und gottesfürchtige Proselyten dem Paulus und Barnabas nach, welche zu ihnen redeten und sie ermahnten, bei der Gnade Gottes zu beharren. 44 Und am folgenden Sabbat versammelte…"
Apostelgeschichte 13,42-44 – „42 Als sie aber aus der Versammlung gingen, bat man sie, daß ihnen diese Worte [auch] am nächsten Sabbat gepredigt werden möchten. 43 Nachdem aber die [Versammlung in der] Synagoge sich aufgelöst hatte, folgten viele Juden und gottesfürchtige Proselyten dem Paulus und Barnabas nach, welche zu ihnen redeten und sie ermahnten, bei der Gnade Gottes zu beharren. 44 Und am folgenden Sabbat versammelte…"
Apostelgeschichte 16,13 – „13 Und am Sabbattage gingen wir zum Tor hinaus an den Fluß, wo wir eine Gebetsstätte vermuteten; und wir setzten uns und redeten zu den Frauen, die da zusammengekommen waren."
Apostelgeschichte 17,1-3 – „1 Sie reisten aber durch Amphipolis und Apollonia und kamen nach Thessalonich, wo eine Synagoge der Juden war. 2 Paulus aber ging nach seiner Gewohnheit zu ihnen hinein und redete an drei Sabbaten mit ihnen auf Grund der Schrift, 3 indem er erläuterte und darlegte, daß Christus leiden und von den Toten auferstehen mußte, und daß dieser Jesus, welchen ich euch verkündige (so sprach er), der Christ…"
Apostelgeschichte 18,4 – „4 Er hatte aber in der Synagoge jeden Sabbat Unterredungen und überzeugte Juden und Griechen."
1. Korinther 9,19-23 – „19 Denn wiewohl ich frei bin von allen, habe ich mich doch allen zum Knecht gemacht, um ihrer desto mehr zu gewinnen. 20 Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, auf daß ich die Juden gewinne; denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich geworden, als wäre ich unter dem Gesetz (obschon ich nicht unter dem Gesetz bin), damit ich die unter dem Gesetz gewinne; 21 denen, die ohne Gesetz sind, bin ich ge…"
Apostelgeschichte 18,5-11 – „5 Als aber Silas und Timotheus aus Mazedonien ankamen, war Paulus eifrig mit dem Wort beschäftigt, indem er den Juden bezeugte, daß Jesus der Christus sei. 6 Als sie aber widerstrebten und lästerten, schüttelte er seine Kleider aus und sprach zu ihnen: Euer Blut komme über euer Haupt! Ich bin rein davon; von nun an gehe ich zu den Heiden! 7 Und er ging von dannen und begab sich in das Haus eines …"
Apostelgeschichte 17,17 – „17 Er hatte nun in der Synagoge Unterredungen mit den Juden und den Gottesfürchtigen, auch täglich auf dem Markte mit denen, welche zugegen waren."
Apostelgeschichte 19,8-10 – „8 Und er ging in die Synagoge und trat öffentlich auf, drei Monate lang, indem er Gespräche hielt und sie betreffs des Reiches Gottes zu überzeugen versuchte. 9 Da aber etliche verstockt blieben und sich nicht überzeugen ließen, sondern den Weg vor der Menge lästerten, trennte er sich von ihnen und sonderte die Jünger ab und hielt täglich Gespräche in der Schule des Tyrannus. 10 Das geschah zwei …"
Die Apostelgeschichte berichtet mehrfach, dass Paulus am Sabbat das Evangelium verkündigte. Für manche Christen ist das ein Hinweis darauf, dass der siebte Tag auch nach Jesu Tod und Auferstehung weiterhin beachtet wurde. Andere erklären diese Berichte damit, dass Paulus den Sabbat lediglich für seine Missionsarbeit nutzte. Schließlich versammelten sich die Juden an diesem Tag in ihren Synagogen, sodass er dort besonders viele Menschen erreichen konnte. Diese Erklärung besitzt eine nachvollziehbare Grundlage. Doch beweist sie zugleich, dass Paulus den Sabbat selbst nicht mehr für verbindlich hielt? Und was lässt sich aus seiner tatsächlichen Praxis über die Stellung des siebten Tages in der frühen Gemeinde erkennen?
Zunächst müssen wir verstehen, wie Paulus seine Missionsarbeit gestaltete. Er wollte Menschen aus unterschiedlichen Völkern und Lebensverhältnissen für Jesus Christus gewinnen. Deshalb suchte er sie dort auf, wo sie lebten und für die Botschaft Gottes erreichbar waren. In jüdischen Synagogen begegnete er Menschen, die bereits die Schriften des Alten Testaments kannten. Sie wussten von Gottes Verheißungen an Israel und erwarteten das Kommen des Messias. Paulus konnte deshalb unmittelbar an ihre bisherigen Kenntnisse anknüpfen und ihnen anhand der Schrift erklären, weshalb Jesus der verheißene Erlöser ist.
Dass dieses Vorgehen bewusst zu seiner Missionsstrategie gehörte, bestätigt Paulus selbst. In 1. Korinther 9,19–23 beschreibt er, wie er sich den Menschen anpasste, um möglichst viele für das Evangelium zu gewinnen. Den Juden wurde er wie ein Jude, um Juden zu gewinnen. Menschen, die unter dem Gesetz lebten, begegnete er so, dass er sie erreichen konnte. Auch gegenüber Menschen aus anderen Völkern berücksichtigte er deren Lebensumstände. Seine persönliche Freiheit stellte er dabei hinter die Aufgabe zurück, anderen den Weg zu Christus zu zeigen.
Damit ist das Gegenargument zunächst berechtigt: Wenn Paulus regelmäßig am Sabbat eine Synagoge besuchte, hatte das einen klaren missionarischen Zweck. Es wäre deshalb zu weitgehend, aus jedem dieser Besuche unmittelbar eine ausdrückliche Bestätigung der bleibenden Sabbatpflicht abzuleiten. Die Apostelgeschichte berichtet an diesen Stellen vor allem darüber, wie Menschen das Evangelium hörten und zum Glauben kamen. Paulus nutzte die Gelegenheiten, die sich ihm boten, um Gottes Wort zu verkündigen.
Allerdings darf seine Anpassungsbereitschaft nicht falsch verstanden werden. Paulus erklärt in 1. Korinther 9 auch, dass er keineswegs ohne Gottes Gesetz lebt, sondern Christus verpflichtet ist. Seine Freiheit bedeutete somit nicht, dass Gottes Wille für ihn bedeutungslos geworden wäre. Er wollte den Menschen entgegenkommen, ohne dadurch seine Zugehörigkeit zu Christus aufzugeben. Für unsere Frage ist deshalb wichtig: Ein missionarisches Motiv und eine persönliche Überzeugung über den Sabbat schließen einander nicht aus. Paulus konnte den Sabbat zur Verkündigung nutzen und zugleich selbst von seiner Bedeutung überzeugt sein. Umgekehrt könnte er bestimmte jüdische Gewohnheiten beibehalten haben, ohne sie allen Christen verbindlich vorzuschreiben.
Dabei sollten wir nicht übersehen, dass Paulus das Evangelium auch an anderen Tagen verkündigte. In Apostelgeschichte 17,17 berichtet Lukas, dass er in Athen nicht nur in der Synagoge sprach, sondern täglich mit den Menschen auf dem Marktplatz Gespräche führte. Noch deutlicher wird dies in Ephesus. Nachdem Paulus die Synagoge wegen des Widerstands gegen seine Botschaft verlassen hatte, unterrichtete er die Jünger täglich im Lehrsaal eines Mannes namens Tyrannus. Diese Arbeit setzte er zwei Jahre lang fort (Apostelgeschichte 19,8–10). Seine Verkündigung war also keineswegs auf den Sabbat beschränkt. Doch daraus folgt ebenso wenig, dass er den Sabbat aufgegeben hätte. Die Berichte zeigen vielmehr, dass Paulus jede geeignete Gelegenheit nutzte, um Menschen mit dem Evangelium zu erreichen. Der Tag, an dem er predigte, lässt deshalb für sich allein noch nicht erkennen, welchen Wochentag er persönlich heilig hielt oder welche Verpflichtung er anderen Christen darüber lehrte.
Ein deutliches Beispiel seiner Missionsweise finden wir in Thessalonich. Nach Apostelgeschichte 17,1–3 ging Paulus dort nach seiner Gewohnheit in die Synagoge und sprach an drei Sabbaten mit den Anwesenden über die Heiligen Schriften. Er erklärte, dass der verheißene Christus leiden und von den Toten auferstehen musste. Anschließend verkündigte er ihnen Jesus als diesen Christus. Sein Ziel war also nicht in erster Linie, eine bestimmte Wochenordnung zu erläutern. Er wollte den Menschen zeigen, dass sich Gottes Verheißungen in Jesus erfüllt hatten.
Die Formulierung „nach seiner Gewohnheit“ ist dabei bemerkenswert. Sie zeigt, dass der Besuch der Synagoge für Paulus kein außergewöhnliches Einzelereignis war. Er ging wiederholt dorthin, wo die Schriften Israels gelesen und erklärt wurden. Dass dies am Sabbat geschah, war Teil der bestehenden jüdischen Gottesdienstordnung. Die Gewohnheit des Paulus belegt somit eine regelmäßige Missionspraxis. Ob er damit zugleich bewusst die allgemeine Verbindlichkeit des vierten Gebots bezeugen wollte, wird in diesem Bericht nicht ausdrücklich erklärt.
Eine ähnliche Situation begegnet uns in Korinth. Dort arbeitete Paulus zunächst mit Aquila und Priscilla zusammen, die wie er das Handwerk der Zeltmacherei ausübten. Gleichzeitig nutzte er den Sabbat, um in der Synagoge mit den Anwesenden über Gottes Wort zu sprechen. Lukas erwähnt ausdrücklich, dass Paulus dabei sowohl Juden als auch Griechen zu überzeugen suchte (Apostelgeschichte 18,1–4). Seine Zuhörer gehörten also nicht ausschließlich dem Volk Israel an. Auch Menschen griechischer Herkunft interessierten sich für den Gott Israels und hörten die Verkündigung des Evangeliums.
Der weitere Verlauf dieses Berichtes ist besonders wichtig. Als Paulus in der Synagoge auf heftigen Widerstand stieß, verlegte er seine Arbeit in das benachbarte Haus eines Mannes namens Titius Justus. Dort setzte sich die Verkündigung fort, und viele Menschen kamen zum Glauben. Insgesamt blieb Paulus achtzehn Monate in Korinth und lehrte Gottes Wort (Apostelgeschichte 18,7–11). Aus dieser langen Aufenthaltsdauer wird manchmal gefolgert, er habe während der gesamten Zeit nachweislich an jedem Sabbat Gottesdienst gehalten. Das geht jedoch über den Bericht hinaus. Lukas erwähnt die regelmäßigen Sabbatgespräche ausdrücklich für die Zeit in der Synagoge, beschreibt aber nicht vollständig, an welchen Tagen Paulus später im Haus des Justus lehrte.
Gerade diese Einzelheit hilft uns, die Beweise richtig einzuordnen. Dass Paulus regelmäßig am Sabbat in der Synagoge sprach, steht ausdrücklich geschrieben. Dass er nach dem Verlassen der Synagoge weiterhin den Sabbat beachtete, ist möglich, wird in diesem Abschnitt jedoch nicht unmittelbar berichtet. Ebenso wenig finden wir eine Aussage, dass er nach dem Wechsel des Versammlungsortes nun stattdessen den Sonntag als heiligen Ruhetag eingeführt hätte. Lukas konzentriert sich auf die Ausbreitung des Evangeliums und die Menschen, die dadurch zum Glauben kamen.
Besonders interessant ist auch die Begebenheit in Philippi. Dort berichtet Lukas nicht von einem Synagogenbesuch, sondern von einer Versammlung außerhalb der Stadt. Paulus und seine Begleiter gingen am Sabbat zu einem Fluss, weil sie dort einen Ort des Gebets vermuteten. Sie trafen einige Frauen, setzten sich zu ihnen und sprachen mit ihnen über Gottes Wort (Apostelgeschichte 16,13). Unter den Zuhörerinnen befand sich Lydia, eine Händlerin aus Thyatira, die bereits den Gott Israels verehrte. Während sie Paulus zuhörte, öffnete der Herr ihr Herz für die Botschaft. Später ließ sie sich zusammen mit ihrem Haus taufen.
Dieser Bericht erweitert unser Bild von der frühen Missionsarbeit. Paulus war am Sabbat nicht ausschließlich innerhalb eines Synagogengebäudes tätig. Er suchte auch einen Gebetsort am Fluss auf, an dem Menschen zusammenkamen. Das ist bemerkenswert, weil die Verkündigung hier in einer anderen Umgebung stattfand und mit der Bekehrung einer Frau verbunden war, die zu einer wichtigen Unterstützerin der jungen Gemeinde wurde.
Allerdings dürfen wir auch diesen Bericht nicht stärker auslegen, als sein Zusammenhang erlaubt. Die Frauen trafen sich an einem Ort, den Paulus und seine Begleiter bereits als Gebetsstätte vermuteten. Lydia wird ausdrücklich als eine Frau beschrieben, die Gott verehrte. Es ist deshalb gut möglich, dass diese Versammlung zu einer jüdischen oder vom jüdischen Glauben geprägten Gemeinschaft gehörte. Dass Paulus sie gerade am Sabbat aufsuchte, passt somit weiterhin zu seiner bekannten Missionsweise. Die Abwesenheit eines Synagogengebäudes beweist für sich genommen noch nicht, dass hier bereits eine eigenständige christliche Sabbatgemeinde bestand.
Dennoch zeigt die Begebenheit, dass der Sabbat auch außerhalb der Synagoge ein bedeutsamer Zeitpunkt für Gebet und religiöse Unterweisung sein konnte. Paulus und seine Begleiter nutzten diese Gelegenheit, um Christus zu verkündigen. Für Lydia wurde diese Begegnung zum Beginn ihres neuen Lebens im Glauben. Der Mittelpunkt des Berichtes ist deshalb nicht nur ein bestimmter Wochentag, sondern Gottes Wirken an einem Menschen, der bereit war, sein Wort anzunehmen.
Besonders ausführlich beschreibt Lukas die Sabbatverkündigung in Antiochia in Pisidien. Dort sprach Paulus zunächst in der Synagoge und erklärte anhand der Geschichte Israels, dass Gott seine Verheißungen durch Jesus Christus erfüllt hatte. Er verkündigte die Vergebung der Sünden und machte deutlich, dass Menschen durch den Glauben an Christus gerechtfertigt werden können. Damit stellte er von Anfang an nicht eine besondere religiöse Leistung, sondern Jesus selbst in den Mittelpunkt seiner Botschaft.
Nach dieser Predigt baten Zuhörer darum, dieselben Worte auch am folgenden Sabbat zu hören. Welche Personengruppe diese Bitte genau aussprach, wird in den überlieferten Textfassungen unterschiedlich wiedergegeben. Der weitere Bericht ist jedoch eindeutig: Am nächsten Sabbat kam beinahe die ganze Stadt zusammen, um Gottes Wort zu hören. Die Botschaft erreichte damit weit mehr Menschen als die ursprünglichen Besucher der Synagoge. Auch zahlreiche Menschen aus anderen Völkern interessierten sich für das Evangelium.
Diese Entwicklung verdient Aufmerksamkeit. Die Verkündigung wurde nicht auf Menschen israelitischer Abstammung beschränkt. Der Sabbat war in dieser Stadt vielmehr der Zeitpunkt, an dem eine große und zunehmend gemischte Zuhörerschaft Gottes Wort hörte. Lukas erwähnt keinen Wechsel zu einem anderen Versammlungstag, nachdem auch zahlreiche Nichtjuden hinzugekommen waren.
Das ist eine wichtige Beobachtung, aber noch kein vollständiger Beweis für die Sabbatpflicht. Die erneute Zusammenkunft am folgenden Sabbat kann dadurch erklärt werden, dass dieser Tag bereits als regelmäßiger Versammlungszeitpunkt bekannt war. Auch Menschen aus anderen Völkern konnten sich deshalb gerade dann einfinden, weil sie wussten, wann und wo Paulus wieder sprechen würde. Aus dem Bericht lässt sich nicht erkennen, welche Unterweisung über den Sabbat diejenigen erhielten, die anschließend zum Glauben kamen.
Andererseits darf auch nicht behauptet werden, die Ausbreitung des Evangeliums unter den Menschen aus den Völkern habe notwendig einen Wechsel vom Sabbat zum Sonntag mit sich gebracht. Eine solche Entwicklung beschreibt Lukas in Antiochia gerade nicht. Selbst als die Verkündigung weit über die ursprüngliche Synagogengemeinschaft hinausreichte, blieb der folgende Sabbat der ausdrücklich genannte Zeitpunkt der Zusammenkunft.
Was lernen wir daraus über das Argument, Paulus habe den Sabbat nur wegen der Juden genutzt? Seine Missionsstrategie erklärt tatsächlich, weshalb er häufig gerade an diesem Tag predigte. Doch die Formulierung „nur wegen der Juden“ greift zu kurz, wenn sie den Eindruck erweckt, Paulus habe sich ausschließlich an Juden gewandt. Die Apostelgeschichte nennt ausdrücklich griechische Zuhörer, gottesfürchtige Menschen anderer Herkunft und große Menschenmengen außerhalb der ursprünglichen Synagogengemeinschaft. Paulus wollte das Evangelium allen Menschen verkündigen. Dafür nutzte er die Orte und Zeiten, an denen er sie erreichen konnte.
Daraus folgt allerdings auch nicht, dass jeder nichtjüdische Zuhörer den Sabbat bereits als göttliches Gebot für sich betrachtete. Zwischen dem Besuch einer religiösen Versammlung und der persönlichen Überzeugung, einen Tag heilig halten zu müssen, besteht ein Unterschied. Wer am Sabbat eine Predigt hörte, musste damit noch nicht alle Sabbatvorschriften übernommen haben. Ebenso wenig wäre es gerechtfertigt, aus der späteren Zugehörigkeit dieser Menschen zur christlichen Gemeinde automatisch auf ihre gesamte wöchentliche Gottesdienstpraxis zu schließen.
Gerade deshalb müssen wir zwischen drei Aussagen unterscheiden. Ausdrücklich berichtet wird, dass Paulus wiederholt am Sabbat verkündigte und dabei Juden ebenso wie Menschen aus anderen Völkern erreichte. Gut begründet ist, dass seine Wahl dieses Tages wesentlich mit seiner Missionsstrategie zusammenhing. Nicht ausdrücklich beantwortet wird dagegen, ob Paulus selbst den Sabbat aufgrund des vierten Gebots weiterhin als verbindlich ansah und ob er diese Verpflichtung allen Gläubigen aus den Völkern lehrte.
Dabei darf jedoch aus einer offenen Frage kein Gegenbeweis gemacht werden. Dass wir aus den Synagogenbesuchen allein keine allgemeine Sabbatpflicht ableiten können, bedeutet nicht, dass diese Berichte für die Sabbatfrage bedeutungslos wären. Sie zeigen, dass der siebte Tag auch Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung weiterhin ein fester Bestandteil des religiösen Lebens war, in dem die christliche Botschaft verkündigt wurde. Der Sabbat erscheint dabei nicht als eine verschwundene Einrichtung, die in der apostolischen Zeit keinerlei Rolle mehr spielte.
Genauso wenig beweist das missionarische Motiv des Paulus, dass er persönlich die Heiligung des siebten Tages für aufgehoben hielt. Dazu müsste die Schrift eine entsprechende Aussage über seine Überzeugung oder seine Lehre enthalten. Dass er sich unterschiedlichen Menschen anpasste, erklärt sein Vorgehen bei der Verkündigung. Es entscheidet aber nicht allein darüber, welche Gebote er selbst für weiterhin verbindlich hielt. Diese Frage muss anhand seiner ausdrücklichen Lehre und des übrigen biblischen Zeugnisses beantwortet werden.
Die Sabbatpraxis des Paulus bestätigt somit, dass der siebte Tag in der frühen Verkündigung des Evangeliums weiterhin eine bedeutende Rolle spielte. Seine wiederholten Besuche in Synagogen und Gebetsstätten lassen sich gut aus seiner Missionsstrategie verstehen. Sie liefern für sich allein weder einen vollständigen Beweis für die allgemeine Sabbatpflicht aller Christen noch für deren Abschaffung. Vor allem aber kann die Missionsstrategie nicht als Beweis dafür dienen, dass Paulus den Sabbat selbst für bedeutungslos hielt.
Entscheidend bleibt deshalb nicht nur, an welchen Tagen Paulus Menschen das Evangelium verkündigte, sondern wie Gottes Gebote durch Jesus Christus zu verstehen sind. Genau hier begegnet uns eine weitere wichtige Aussage Jesu. In der Bergpredigt erklärt er ausdrücklich, dass er nicht gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen. Was bedeutet dieses Erfüllen, und welche Folgen hat es für das vierte Gebot?
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„Christus hat das Gesetz erfüllt“: Bedeutet erfüllen abschaffen?
Matthäus 5,17-19 – „17 Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen! Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. 18 Denn wahrlich, ich sage euch, bis daß Himmel und Erde vergangen sind, wird nicht ein Jota noch ein einziges Strichlein vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist. 19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und die Leute also lehrt, der …"
Matthäus 22,37-40 – „37 Jesus sprach zu ihm: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Gemüt.» 38 Das ist das erste und größte Gebot. 39 Ein anderes aber ist ihm gleich: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» 40 An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten."
Matthäus 3,15 – „15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Laß es jetzt zu; denn also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen! Da ließ er es ihm zu."
Lukas 24,44 – „44 Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war, daß alles erfüllt werden müsse, was im Gesetz Moses und in den Propheten und den Psalmen von mir geschrieben steht."
Lukas 16,16-18 – „16 Das Gesetz und die Propheten gehen bis auf Johannes; von da an wird das Reich Gottes durch das Evangelium verkündigt, und jedermann vergreift sich daran. 17 Es ist aber leichter, daß Himmel und Erde vergehen, als daß ein einziges Strichlein des Gesetzes falle. 18 Jeder, der sich von seinem Weibe scheidet und eine andere heiratet, der bricht die Ehe, und jeder, der eine von ihrem Manne Geschied…"
Matthäus 5,20-22 – „20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft, so werdet ihr gar nicht in das Himmelreich eingehen! 21 Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: «Du sollst nicht töten»; wer aber tötet, der wird dem Gericht verfallen sein. 22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, wird dem Gericht verfallen sein. Wer aber zu seinem Bru…"
Matthäus 5,27-28 – „27 Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: «Du sollst nicht ehebrechen!» 28 Ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen."
Johannes 15,10 – „10 Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibet ihr in meiner Liebe, gleichwie ich meines Vaters Gebote gehalten habe und in seiner Liebe geblieben bin."
Ein häufiges Argument gegen die bleibende Gültigkeit des Sabbats lautet, Jesus habe das Gesetz bereits für uns erfüllt. Weil Christus vollkommen gehorsam war und durch seinen Tod das Erlösungswerk vollbracht hat, seien die früheren Gebote für Christen nicht mehr in derselben Weise verbindlich. Auch das vierte Gebot müsse deshalb nicht länger beachtet werden. Diese Erklärung berührt eine wichtige biblische Wahrheit: Niemand wird durch seine eigene Gesetzeserfüllung erlöst. Doch folgt daraus tatsächlich, dass Jesus durch seinen Gehorsam Gottes Gebote abgeschafft hat? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir genau betrachten, was er in der Bergpredigt selbst erklärt.
Zunächst fällt auf, dass Jesus zwei Begriffe ausdrücklich einander gegenüberstellt. Er spricht davon, das Gesetz aufzulösen oder es zu erfüllen. Seine Zuhörer sollen gerade nicht meinen, er sei gekommen, Gottes bisherige Offenbarung zu beseitigen. Damit widerspricht Jesus der Vorstellung, seine Sendung mache das Alte Testament bedeutungslos. Doch das Wort „erfüllen“ bedeutet mehr, als lediglich etwas unverändert bestehen zu lassen. Deshalb müssen wir untersuchen, was Christus zur Erfüllung brachte und welche Folgen sich daraus ergeben.
Eine wichtige Hilfe bietet die Formulierung „das Gesetz oder die Propheten“. Damit ist nicht allein die Sammlung der Zehn Gebote gemeint. Die Bezeichnung umfasst die Heiligen Schriften Israels, in denen Gott seinen Willen, seine Verheißungen und sein Handeln mit den Menschen offenbart hatte. Zu ihnen gehören die Gebote, aber auch die Geschichte des Volkes Gottes, die Opferordnungen und die prophetischen Ankündigungen des kommenden Erlösers. Jesus spricht somit von einer Offenbarung, die weit über einzelne Vorschriften hinausreicht. Wenn er erklärt, sie zu erfüllen, muss diese umfassende Bedeutung berücksichtigt werden.
Die Evangelien zeigen, wie vielfältig eine solche Erfüllung sein kann. Bereits die Propheten hatten angekündigt, dass Gott einen Erlöser senden werde. Durch Jesu Geburt, sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung finden zahlreiche dieser Verheißungen ihre Erfüllung. Was Gott zuvor angekündigt hatte, wird durch Christus Wirklichkeit. In Lukas 24,44 erklärt Jesus selbst nach seiner Auferstehung, dass alles erfüllt werden musste, was im Gesetz Moses, in den Propheten und in den Psalmen über ihn geschrieben stand. Er stellt damit sein gesamtes Erlösungswerk in den Zusammenhang der früheren Offenbarung Gottes.
Auch die Opfer des Alten Testaments werden durch Christus erfüllt. Sie sollten den Menschen die Ernsthaftigkeit der Sünde vor Augen führen und auf die kommende Erlösung hinweisen. Doch das Blut der Tiere konnte die Schuld nicht endgültig beseitigen. Erst Jesus brachte durch seinen Tod das vollkommene Opfer. Dadurch hatten die früheren Opferhandlungen ihr Ziel erreicht und mussten nicht weitergeführt werden. Diese Veränderung haben wir bereits bei der Untersuchung der vorausweisenden Ordnungen kennengelernt. Sie zeigt, weshalb „erfüllen“ nicht einfach bedeuten kann, dass jede frühere Vorschrift nach Christi Kommen unverändert praktiziert werden muss.
Doch Christus erfüllte Gottes Willen nicht nur durch sein Opfer. Auch sein Leben war von vollkommenem Gehorsam geprägt. Er tat, was seinem Vater gefiel, und blieb ohne Sünde. In Johannes 15,10 erklärt er ausdrücklich, dass er die Gebote seines Vaters gehalten hat. Als Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens zu Johannes dem Täufer kam, sprach er davon, alle Gerechtigkeit erfüllen zu wollen (Matthäus 3,15). Damit zeigte er seine Bereitschaft, Gottes Willen vollständig zu tun. Das Erfüllen besitzt also auch die Bedeutung, dem göttlichen Willen in vollkommener Weise zu entsprechen.
Gerade hier müssen wir sorgfältig unterscheiden. Dass Jesus vollkommen gehorsam war, bedeutet nicht automatisch, dass Gehorsam für seine Nachfolger bedeutungslos geworden wäre. Christus hat beispielsweise niemals gemordet, gestohlen oder Ehebruch begangen. Dennoch lehrt das Neue Testament nicht, dass solche Handlungen nun erlaubt seien, weil Jesus diese Gebote bereits erfüllt hat. Sein vollkommener Gehorsam ist vielmehr Teil seines Erlösungswerkes und zugleich ein Vorbild für diejenigen, die ihm nachfolgen. Der Mensch wird nicht durch eigene Fehlerlosigkeit gerechtfertigt, aber die Gnade Gottes führt ihn zu einem Leben, das seinem Willen entspricht.
Wie Jesus diesen Willen versteht, zeigt der weitere Verlauf der Bergpredigt. Dort greift er bekannte Gebote auf und erklärt ihre tiefere Bedeutung. Beim Verbot des Mordes spricht er nicht nur über die äußere Tat, sondern auch über Zorn und eine Haltung, die den Mitmenschen verachtet. Beim Ehebruch richtet er den Blick auf das begehrliche Verlangen im Herzen. Jesus zeigt damit, dass Gottes Gebote nicht erst dort beginnen, wo eine sichtbare Handlung geschieht. Sie betreffen auch unsere Gedanken, Wünsche und Beweggründe.
Das ist eine wichtige Erkenntnis. Ein Mensch kann sich äußerlich an eine Vorschrift halten und dennoch ihren eigentlichen Sinn verfehlen. Wer niemanden tötet, seinen Mitmenschen aber voller Hass behandelt, hat die Liebe noch nicht verstanden, die Gott von ihm erwartet. Wer äußerlich treu erscheint, innerlich jedoch bewusst unreine Begierden pflegt, erfüllt Gottes Willen ebenfalls nicht in seiner ganzen Tiefe. Jesus verschärft die Gebote dabei nicht einfach, um den Menschen zusätzliche Lasten aufzulegen. Er offenbart vielmehr, wie umfassend Gottes guter Wille für unser Leben ist.
Unmittelbar vor diesen Erklärungen spricht Jesus von einer Gerechtigkeit, die über die der Schriftgelehrten und Pharisäer hinausgehen muss (Matthäus 5,20). Damit fordert er nicht lediglich, noch mehr religiöse Regeln einzuhalten. Sein weiterer Unterricht macht deutlich, worauf er hinauswill: Wahrer Gehorsam darf nicht bei der äußeren Handlung stehen bleiben. Gott sieht das Herz des Menschen. Die Gerechtigkeit, die Jesus beschreibt, ist deshalb untrennbar mit einer aufrichtigen Liebe zu Gott und zum Nächsten verbunden. Sie ist mehr als die sichtbare Erfüllung religiöser Pflichten.
Allerdings dürfen wir die Bergpredigt nicht auf eine bloße Bestätigung bereits bekannter Gebote beschränken. Jesus spricht auch über Scheidung, Schwören, Vergeltung und Feindesliebe. Dabei geht er über manche bisherigen Anwendungen des mosaischen Gesetzes hinaus und erklärt mit eigener Autorität, wie seine Nachfolger leben sollen. Er wiederholt also nicht einfach jede frühere Regel in unveränderter Form. Vielmehr bringt er Gottes Offenbarung zu ihrem eigentlichen Ziel und zeigt, wie sie im Licht seiner Sendung verstanden werden muss.
Gerade deshalb wäre es ebenso falsch, aus Matthäus 5 eine unveränderte Verpflichtung auf sämtliche alttestamentlichen Vorschriften abzuleiten. Der Tempeldienst, die Opfer, das levitische Priestertum und verschiedene Bestimmungen der Bundesordnung Israels hatten besondere Aufgaben, deren Erfüllung das Neue Testament ausdrücklich beschreibt. Dass Jesus das Gesetz und die Propheten nicht auflöst, bedeutet nicht, dass Christen weiterhin Tieropfer darbringen oder sämtliche früheren Rechtsbestimmungen Israels übernehmen müssen. Welche Weisungen in welcher Form weiterhin gelten, muss im Zusammenhang mit dem gesamten Wirken Christi beurteilt werden.
Doch ebenso wenig erlaubt diese Unterscheidung, die Gebote Gottes nach Belieben für aufgehoben zu erklären. Gerade deshalb ist Jesu ausdrückliche Warnung in Vers 18 so bedeutend. Er erklärt, dass nicht einmal ein Jota oder ein Strichlein vom Gesetz vergehen werde, bis alles geschehen sei. Mit dem Jota ist ein besonders kleiner Buchstabe gemeint, mit dem Strichlein sogar ein winziger Bestandteil eines Schriftzeichens. Jesus verwendet diese Bilder, um deutlich zu machen, dass Gottes Offenbarung bis in ihre kleinsten Einzelheiten ernst genommen werden muss. Nichts davon darf leichtfertig beseitigt werden.
Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei die Formulierung „bis alles geschehen ist“. Manche verstehen darunter ausschließlich die Vollendung des Erlösungswerkes am Kreuz. Da Jesus das Gesetz erfüllt habe, seien dessen frühere Verpflichtungen anschließend insgesamt beendet worden. Doch diese Erklärung greift zu kurz, wenn sie den gesamten Zusammenhang nicht berücksichtigt. Jesus spricht im selben Vers auch davon, dass Himmel und Erde vergehen müssten. Seine Worte betonen damit die außergewöhnliche Beständigkeit und Zuverlässigkeit dessen, was Gott offenbart hat.
Zugleich muss berücksichtigt werden, dass Christus tatsächlich vieles bereits durch seinen Tod und seine Auferstehung erfüllt hat, während andere göttliche Verheißungen noch auf ihre endgültige Verwirklichung warten. Das Neue Testament blickt weiterhin auf seine Wiederkunft, das endgültige Gericht und die Erneuerung der Schöpfung. Deshalb darf „bis alles geschehen ist“ nicht ohne nähere Begründung ausschließlich auf den Zeitpunkt der Kreuzigung beschränkt werden. Jesu Aussage verlangt eine Auslegung, die sowohl das bereits vollbrachte Erlösungswerk als auch die noch ausstehende Vollendung von Gottes Plan berücksichtigt.
Eine vergleichbare Aussage Jesu finden wir in Lukas 16,16–17. Dort erklärt er zunächst, dass das Gesetz und die Propheten bis zu Johannes dem Täufer reichten und seitdem das Reich Gottes verkündigt wird. Daraus wird manchmal geschlossen, mit Johannes habe die Gültigkeit des gesamten Gesetzes geendet. Doch unmittelbar danach fügt Jesus hinzu, dass eher Himmel und Erde vergehen würden, als dass auch nur der kleinste Teil des Gesetzes hinfällig werde. Diese beiden Aussagen müssen zusammen verstanden werden. Mit Johannes beginnt eine neue Phase in Gottes Heilshandeln: Der angekündigte Messias tritt hervor, und die Botschaft vom Reich Gottes wird verkündigt. Damit verändert sich die Stellung der früheren Offenbarung im Blick auf ihre Erfüllung durch Christus. Jesus erklärt jedoch gerade nicht, dass Gottes Wort deshalb wertlos geworden wäre. Seine anschließende Aussage über die Beständigkeit des Gesetzes verhindert eine solche vereinfachte Schlussfolgerung.
Auch der unmittelbar folgende Vers ist aufschlussreich. In Lukas 16,18 spricht Jesus über Scheidung und Ehebruch. Nachdem er den Beginn der Verkündigung des Reiches Gottes beschrieben und die Beständigkeit des Gesetzes betont hat, behandelt er also weiterhin eine konkrete Frage des göttlichen Willens. Das zeigt, dass der neue Abschnitt der Heilsgeschichte nicht einfach jede frühere sittliche Verpflichtung beseitigt. Allerdings wäre es ebenso falsch, daraus die unveränderte Fortgeltung aller Vorschriften des mosaischen Bundes abzuleiten. Lukas 16 erklärt weder die spätere Stellung des Opferdienstes noch ausdrücklich die Verbindlichkeit des Sabbats für Christen. Die Stelle bestätigt vielmehr den Grundgedanken der Bergpredigt: Christus bringt Gottes frühere Offenbarung zur Erfüllung, ohne dass sie dadurch beliebig aufgehoben oder für bedeutungslos erklärt werden dürfte.
Kehren wir nun zu den Worten Jesu in der Bergpredigt zurück. Direkt nach seiner Erklärung über das Gesetz warnt er davor, auch nur eines der kleinsten Gebote aufzulösen und andere entsprechend zu lehren. Der Zusammenhang zeigt, wie ernst ihm Gottes Weisungen sind. Seine Warnung richtet sich nicht nur gegen Menschen, die selbst ungehorsam handeln, sondern auch gegen diejenigen, die andere dazu verleiten, Gottes Gebote geringzuschätzen. Jesus verbindet das Tun und das Lehren ausdrücklich miteinander. Wer seinen Willen verkündigt, trägt deshalb Verantwortung dafür, dass er ihn nicht durch menschliche Vorstellungen abschwächt oder verändert.
Dabei ist es wichtig, die Worte „diese Gebote“ im Zusammenhang zu lesen. Sie stehen unmittelbar nach Jesu Erklärung über das Gesetz. Deshalb liegt es nahe, sie zunächst auf die Gebote dieser göttlichen Offenbarung zu beziehen. Zugleich zeigt die anschließende Bergpredigt, dass Jesus selbst ihre wahre Bedeutung erschließt. Seine Nachfolger sollen Gottes Willen also weder beiseiteschieben noch losgelöst von der Lehre Christi auslegen. Gerade weil Jesus das Gesetz erfüllt, ist seine eigene Unterweisung entscheidend dafür, wie es verstanden und gelebt werden soll.
Auch die beiden größten Gebote gehören zu diesem Gesamtbild. Als Jesus später nach dem wichtigsten Gebot gefragt wird, nennt er die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten (Matthäus 22,37–40). An diesen beiden Geboten hängen nach seinen Worten das ganze Gesetz und die Propheten. Damit ersetzt er Gottes konkrete Weisungen nicht durch ein unbestimmtes Gefühl. Er zeigt vielmehr, worauf sie ausgerichtet sind. Wer Gott liebt, möchte seinen Willen achten. Wer seinen Nächsten liebt, wird ihn nicht bewusst schädigen. Die Liebe ist deshalb keine Ausrede, Gottes Gebote zu übergehen, sondern die Grundlage eines Gehorsams, der aus dem Herzen kommt.
Was bedeutet das nun für den Sabbat? Zunächst steht fest, dass Jesu Aussage über das Erfüllen keine ausdrückliche Aufhebung des vierten Gebots enthält. Der Sabbat besitzt innerhalb der Zehn Gebote eine besondere Stellung und wird bereits mit Gottes Handeln bei der Schöpfung begründet. Er kann deshalb nicht einfach mit den Tieropfern gleichgesetzt werden, deren vorausweisende Aufgabe durch Jesu Tod erfüllt wurde. Wer behauptet, der wöchentliche Sabbat habe durch Christi Erfüllung seine gesamte Bedeutung verloren, muss diese Schlussfolgerung anhand weiterer biblischer Aussagen begründen.
Andererseits wäre es ebenso voreilig, aus Matthäus 5,17–19 allein bereits jede Einzelheit einer verpflichtenden Sabbatbeachtung für Christen abzuleiten. Jesus spricht hier über seine Beziehung zur gesamten alttestamentlichen Offenbarung. Er behandelt nicht ausdrücklich die spätere Stellung des Sabbats im Neuen Bund. Deshalb müssen wir auch seine übrige Sabbatlehre und die Aussagen der Apostel berücksichtigen. Die Frage darf weder allein durch das Wort „erfüllen“ noch durch den bloßen Hinweis auf die frühere Stellung des Sabbats entschieden werden.
Die entscheidende Erkenntnis dieses Abschnitts ist deshalb klar: Jesus kam nicht, um Gottes Offenbarung bedeutungslos zu machen. Er erfüllte die prophetischen Verheißungen, brachte die vorausweisenden Opfer zu ihrem Ziel und offenbarte durch sein Leben und seine Lehre die Tiefe des göttlichen Willens. Seine vollkommene Gerechtigkeit ist die Grundlage unserer Hoffnung, weil wir uns unsere Erlösung niemals selbst verdienen können. Doch gerade der Erlöser, der uns durch seine Gnade annimmt, ruft uns dazu auf, Gottes Willen ernst zu nehmen und ihm aus Liebe nachzufolgen.
Matthäus 5 ist somit kein Beweis dafür, dass Jesus den Sabbat abgeschafft hat. Die ausdrückliche Gegenüberstellung von Erfüllen und Auflösen spricht vielmehr gegen die Vorstellung, Christus habe Gottes Gebote einfach beseitigt. Gleichzeitig macht seine Lehre deutlich, dass der Umgang mit den Weisungen des Alten Testaments von seinem gesamten Erlösungswerk her verstanden werden muss. Welche Bedeutung der siebte Tag nach seinem Tod und seiner Auferstehung weiterhin besitzen sollte, muss deshalb durch weitere Schriftstellen geklärt werden.
Eine dieser Aussagen ist besonders bemerkenswert. Als Jesus seine Jünger auf zukünftige Ereignisse in Jerusalem vorbereitete, forderte er sie ausdrücklich auf, dafür zu beten, dass ihre Flucht nicht am Sabbat stattfinden müsse. Diese Warnung richtete den Blick auf eine Zeit, die noch vor ihnen lag. Warum erwähnte Jesus den Sabbat in diesem Zusammenhang, wenn dessen besondere Bedeutung unmittelbar nach seinem Tod enden sollte? Dieser Frage wenden wir uns als Nächstes zu.
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Matthäus 24,20: Rechnet Jesus nach dem Kreuz weiter mit dem Sabbat?
Matthäus 24,20 – „20 Bittet aber, daß eure Flucht nicht im Winter, noch am Sabbat geschehe."
Matthäus 24,15-20 – „15 Wenn ihr nun den Greuel der Verwüstung, von welchem durch den Propheten Daniel geredet worden ist, stehen sehet an heiliger Stätte (wer es liest, der merke darauf!), 16 alsdann fliehe, wer in Judäa ist, auf die Berge; 17 wer auf dem Dache ist, der steige nicht hinab, etwas aus seinem Hause zu holen; 18 und wer auf dem Felde ist, der kehre nicht zurück, um sein Kleid zu holen. 19 Wehe aber den …"
Lukas 21,20-21 – „20 Wenn ihr aber Jerusalem von Kriegsheeren belagert sehet, alsdann erkennet, daß ihre Verwüstung nahe ist. 21 Alsdann fliehe, wer in Judäa ist, auf die Berge; und wer in [der Stadt] ist, der entweiche daraus; und wer auf dem Lande ist, gehe nicht hinein."
Markus 13,14-18 – „14 Wenn ihr aber den Greuel der Verwüstung da stehen sehet, wo er nicht soll (wer es liest, der merke darauf!), alsdann fliehe, wer im jüdischen Lande ist, auf die Berge. 15 Wer aber auf dem Dache ist, der steige nicht hinab und gehe nicht hinein, um etwas aus seinem Hause zu holen; 16 und wer auf dem Felde ist, der kehre nicht zurück, um sein Kleid zu holen. 17 Wehe aber den Schwangern und den S…"
Matthäus 24,20 – „20 Bittet aber, daß eure Flucht nicht im Winter, noch am Sabbat geschehe."
Apostelgeschichte 1,12 – „12 Da kehrten sie nach Jerusalem zurück von dem Berge, welcher Ölberg heißt, der nahe bei Jerusalem liegt, einen Sabbatweg entfernt."
Nehemia 13,19 – „19 Und sobald es dunkel wurde in den Toren Jerusalems vor dem Sabbat, ließ ich die Tore schließen; und ich befahl, man solle sie nicht öffnen bis nach dem Sabbat; und ich bestellte einige meiner Knappen an die Tore, damit man am Sabbattag keine Last hereinbringe."
Diese Worte Jesu sind für die Sabbatfrage besonders bemerkenswert. Er fordert seine Jünger auf, dafür zu beten, dass ihre Flucht nicht am Sabbat stattfinden müsse. Dabei spricht er nicht über eine unmittelbar bevorstehende Reise, sondern über eine zukünftige Krise, die seine Nachfolger erleben würden. Daraus ergibt sich eine wichtige Frage: Wenn der Sabbat durch Jesu Tod und Auferstehung seine besondere Bedeutung verlieren sollte, weshalb erwähnt er ihn dann ausdrücklich in einer Anweisung für die Zukunft? Um diese Aussage richtig zu verstehen, müssen wir zunächst untersuchen, welche Ereignisse Jesus beschreibt und weshalb eine Flucht gerade am Sabbat schwierig sein konnte.
Der Zusammenhang beginnt mit einer ernsten Ankündigung. Als Jesus mit seinen Jüngern den Tempel verließ, bewunderten sie die gewaltigen Gebäude. Doch Jesus erklärte ihnen, dass von diesen Bauwerken eines Tages kein Stein auf dem anderen bleiben würde. Für die Jünger muss diese Aussage erschütternd gewesen sein. Der Tempel war das Zentrum des jüdischen Gottesdienstes und ein sichtbares Zeichen der besonderen Geschichte Israels mit Gott. Dass dieses beeindruckende Heiligtum zerstört werden sollte, war für sie kaum vorstellbar.
Später fragten sie Jesus nach diesen Ereignissen und nach den Zeichen seiner Wiederkunft. In seiner Antwort sprach er über kommende Kriege, Verfolgungen, Verführungen und große Bedrängnisse. Dabei verband er die Warnung vor der Zerstörung Jerusalems mit Aussagen, die weit über dieses geschichtliche Ereignis hinausreichen und bis zu seiner Wiederkunft führen. Deshalb müssen wir sorgfältig beachten, welche Anweisungen sich unmittelbar auf Jerusalem und Judäa beziehen und wo Jesus den Blick auf die letzten Ereignisse der Weltgeschichte richtet.
In Matthäus 24,15–20 beschreibt Jesus zunächst eine ganz konkrete Gefahr. Wenn seine Nachfolger das angekündigte Zeichen der Verwüstung erkennen würden, sollten diejenigen, die sich in Judäa befanden, unverzüglich in die Berge fliehen. Wer auf dem Dach seines Hauses war, sollte nicht erst hinabsteigen, um seinen Besitz zusammenzupacken. Wer auf dem Feld arbeitete, sollte nicht zurückkehren, um zusätzliche Kleidung zu holen. Mit diesen eindringlichen Worten macht Jesus deutlich, wie dringend die Flucht sein würde. Sobald die Gefahr erkennbar war, durfte keine Zeit verloren werden.
Lukas überliefert eine entsprechende Warnung und verbindet sie ausdrücklich mit Jerusalem, das von feindlichen Heeren eingeschlossen werden sollte (Lukas 21,20–21). Diese Aussagen werden deshalb mit dem jüdisch-römischen Krieg und der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus in Verbindung gebracht. Die Ereignisse lagen Jahrzehnte nach Jesu Tod und Auferstehung. Seine Worte richteten den Blick seiner Jünger somit auf eine Zeit, in der die erste christliche Gemeinde bereits bestand und das Evangelium weit über die Grenzen Judäas hinaus verkündigt wurde.
Die geschichtlichen Ereignisse helfen uns zu verstehen, wie eine solche Flucht möglich gewesen sein könnte. Der jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet, dass der römische Feldherr Cestius Gallus im Jahr 66 nach Christus mit seinem Heer gegen Jerusalem vorrückte, den Angriff aber unerwartet abbrach und seine Truppen zurückzog (Der Jüdische Krieg 2,19). Dadurch entstand vor der späteren Zerstörung der Stadt tatsächlich eine Gelegenheit, das gefährdete Gebiet zu verlassen. Der frühchristliche Geschichtsschreiber Eusebius berichtet außerdem, dass Gläubige Jerusalem vor dessen Untergang verließen und in Pella, einer Stadt jenseits des Jordan, Zuflucht fanden (Kirchengeschichte 3,5). Diese Überlieferung stammt allerdings aus einer späteren Zeit. Ob die Flucht der Christen unmittelbar mit dem Rückzug des Cestius zusammenhing und wie sie im Einzelnen verlief, lässt sich nicht sicher feststellen. Die Berichte helfen jedoch, den geschichtlichen Hintergrund von Jesu Warnung besser zu verstehen: Seine Nachfolger mussten eine herannahende Gefahr erkennen und eine Gelegenheit zur Flucht nutzen, bevor Jerusalem endgültig eingeschlossen wurde.
Gerade diese zeitliche Perspektive ist für unsere Untersuchung wichtig. Jesus spricht nicht lediglich über die Sabbatbeachtung während seines eigenen irdischen Wirkens. Er berücksichtigt den Sabbat innerhalb einer zukünftigen Situation, die seine Nachfolger betreffen würde. Die Frage ist deshalb nicht, ob der Sabbat zur Zeit Jesu allgemein bekannt war. Das steht außer Zweifel. Entscheidend ist, weshalb er auch für die spätere Flucht seiner Jünger eine solche Bedeutung besitzen sollte, dass Jesus sie ausdrücklich zum Gebet aufforderte.
Zunächst müssen wir jedoch den unmittelbaren Zusammenhang ernst nehmen. Jesus nennt zwei Umstände, unter denen die Flucht besonders schwierig sein konnte: den Winter und den Sabbat. Beim Winter liegt die Erklärung nahe. In Judäa konnten Regen, Kälte und schwierige Wege eine Flucht erheblich erschweren. Besonders für Familien mit kleinen Kindern, für Schwangere und für ältere oder geschwächte Menschen konnten solche Bedingungen gefährlich werden. Jesus hatte unmittelbar zuvor ausdrücklich auf die besondere Not schwangerer Frauen und stillender Mütter hingewiesen. Seine Warnung zeigt deshalb auch seine Fürsorge für Menschen, die in einer solchen Krise besonders verletzlich wären.
Beim Sabbat ist der Grund nicht ebenso unmittelbar erkennbar. Anders als schlechtes Wetter stellt dieser Tag nicht von sich aus ein Hindernis für eine Reise dar. Seine besondere Bedeutung ergibt sich aus der religiösen und gesellschaftlichen Ordnung, die damals in Judäa bestand. Der Sabbat war im Leben des jüdischen Volkes fest verankert. An ihm ruhte die gewöhnliche Arbeit, und viele Menschen kamen zum Gottesdienst zusammen. Eine überstürzte Flucht an diesem Tag konnte deshalb Schwierigkeiten verursachen, die an einem gewöhnlichen Wochentag nicht in gleicher Weise bestanden.
Eine mögliche Erklärung betrifft die damaligen Reisegewohnheiten. In jüdischen Auslegungen gab es Begrenzungen für die Strecke, die Menschen am Sabbat gewöhnlich zurücklegen sollten. Auch das Neue Testament kennt den Ausdruck einer „Sabbat-Tagesreise“ (Apostelgeschichte 1,12). Damit war eine begrenzte Entfernung gemeint, die nach jüdischer Gewohnheit an diesem Tag zurückgelegt werden durfte. Bei einer Flucht vor heranrückenden Soldaten hätte eine solche Beschränkung jedoch erhebliche Schwierigkeiten verursachen können. Wer sein Leben retten wollte, musste möglicherweise eine weit größere Strecke zurücklegen.
Auch weitere Hindernisse sind denkbar. Das öffentliche Leben war durch die Sabbatruhe geprägt. Bestimmte Tätigkeiten fanden nicht statt, und die Versorgung mit notwendigen Dingen konnte schwieriger sein. Bereits das Alte Testament berichtet beispielsweise davon, dass die Tore Jerusalems am Sabbat geschlossen wurden, um den Handel an diesem Tag zu unterbinden (Nehemia 13,19). Daraus lässt sich allerdings nicht sicher ableiten, dass sämtliche Stadttore zur Zeit des jüdisch-römischen Krieges unter allen Umständen ebenso geschlossen waren. Der Bericht zeigt jedoch, wie weitreichend Sabbatvorschriften das öffentliche Leben beeinflussen konnten.
Diese praktischen Schwierigkeiten bilden eine ernst zu nehmende Erklärung für Jesu Worte. Selbst wenn jemand persönlich keine besondere religiöse Verpflichtung zur Sabbatheiligung mehr angenommen hätte, hätte er sich bei einer Flucht in Judäa weiterhin in einer Gesellschaft befunden, deren Lebensrhythmus vom Sabbat geprägt war. Eine solche Erklärung kann deshalb verständlich machen, weshalb Jesus seinen Jüngern empfahl, um einen günstigeren Zeitpunkt zu beten.
Doch damit ist noch nicht alles gesagt. Jesus richtet die Aufforderung ausdrücklich an seine eigenen Nachfolger. Sie sollen beten, dass ihre Flucht nicht am Sabbat geschieht. Er sagt nicht lediglich voraus, dass andere Menschen diesen Tag weiterhin beachten würden. Vielmehr bezieht er den Sabbat unmittelbar in die Zukunft seiner Jünger ein. Das ist bemerkenswert, weil dieselben Jünger nach seinem Tod und seiner Auferstehung die Grundlage der christlichen Gemeinde bilden sollten.
Daraus ergibt sich die Möglichkeit, dass Jesus nicht nur die äußeren Schwierigkeiten einer Sabbatflucht berücksichtigt, sondern auch die besondere Bedeutung des Tages für seine Nachfolger. Wenn sie den Sabbat weiterhin als heiligen Tag achteten, wäre eine überstürzte Flucht an diesem Tag auch aus diesem Grund etwas gewesen, das sie nach Möglichkeit vermeiden wollten. Ein Tag, der gewöhnlich der Ruhe und der Gemeinschaft mit Gott gewidmet war, wäre dann von Angst, Unsicherheit und der dringenden Sorge um das eigene Überleben bestimmt worden.
Diese Erklärung passt zu der Weise, wie Jesus den Sabbat während seines irdischen Wirkens behandelte. Er hatte gezeigt, dass dieser Tag nicht gegen das Wohl des Menschen gerichtet war. Seine Heilungen machten deutlich, dass Barmherzigkeit und notwendige Hilfe dem Willen Gottes entsprechen. Es wäre deshalb nachvollziehbar, wenn er auch für eine spätere Notlage wünschte, dass seine Nachfolger den Sabbat nicht unter solchen außergewöhnlichen Umständen erleben müssten.
Allerdings müssen wir eine Grenze beachten. Matthäus 24,20 erklärt nicht ausdrücklich, ob die persönliche Sabbatbeachtung der Jünger, die äußeren Schwierigkeiten einer Flucht oder beide Gründe zusammen im Vordergrund stehen. Es wäre deshalb zu weitgehend, allein aus dieser Aussage eine vollständige Anweisung über die zukünftige christliche Sabbatheiligung abzuleiten. Der Text lässt mehrere miteinander vereinbare Erklärungen zu. Keine davon sollte ohne ausreichende Begründung zur einzig möglichen erklärt werden.
Besonders wichtig ist außerdem, dass Jesus keineswegs verbietet, am Sabbat vor einer tödlichen Gefahr zu fliehen. Seine Anweisung lautet, für einen günstigeren Zeitpunkt zu beten. Sollte die Gefahr dennoch am Sabbat eintreten, bleibt die vorherige Aufforderung bestehen, unverzüglich in die Berge zu fliehen. Jesus hatte ausdrücklich davor gewarnt, durch unnötige Verzögerungen wertvolle Zeit zu verlieren. Seine Worte dürfen deshalb nicht so verstanden werden, als müssten die Jünger im Fall einer drohenden Katastrophe bis zum Ende des Sabbats warten und dadurch ihr Leben gefährden.
Gerade hier erkennen wir, wie wichtig es ist, den gesamten Zusammenhang zu berücksichtigen. Jesus verbindet seine Sorge um den Sabbat mit der Sorge um das Leben seiner Nachfolger. Die beiden Anliegen stehen nicht gegeneinander. Er möchte, dass sie rechtzeitig entkommen, und fordert sie zugleich auf, um Bedingungen zu beten, unter denen diese Flucht nicht zusätzlich erschwert wird. Dass er den Sabbat ausdrücklich nennt, darf deshalb weder übergangen noch zu einem Verbot notwendiger Rettungsmaßnahmen umgedeutet werden.
Ein weiterer Einwand ergibt sich aus dem Vergleich mit dem Markusevangelium. In Markus 13,18 fordert Jesus seine Jünger ebenfalls auf, dafür zu beten, dass die Flucht nicht im Winter geschehe. Den Sabbat erwähnt Markus an dieser Stelle jedoch nicht. Manche sehen darin einen Hinweis, dass die zusätzliche Sabbatangabe bei Matthäus besonders auf die jüdische Lebenswelt seiner Leser zugeschnitten ist.
Diese Beobachtung verdient Aufmerksamkeit. Matthäus hebt an mehreren Stellen die Verbindung zwischen Jesu Lehre und den Schriften Israels besonders hervor. Deshalb ist es gut nachvollziehbar, dass der Sabbat im Zusammenhang einer Flucht aus Judäa gerade in seinem Bericht ausdrücklich genannt wird. Doch das Fehlen des Sabbathinweises bei Markus bedeutet nicht, dass die Aussage des Matthäus bedeutungslos wäre. Unterschiedliche Evangelien können verschiedene Einzelheiten derselben Unterweisung überliefern, ohne dass die jeweils zusätzlich genannten Angaben deshalb zurückgewiesen werden müssen.
Zugleich sollten wir auch aus dieser Besonderheit keine weitergehende Schlussfolgerung erzwingen. Dass Matthäus den Sabbat erwähnt, kann gut zur jüdischen Lebenswelt der angesprochenen Menschen passen. Es zeigt aber nicht automatisch, dass sämtliche Christen in allen Teilen der damaligen Welt bereits dieselbe Sabbatpraxis besaßen. Jesus spricht hier ausdrücklich von Menschen, die sich in Judäa befinden und wegen einer bevorstehenden Gefahr fliehen müssen. Die örtliche Begrenzung dieser Anweisung muss daher ernst genommen werden.
Daraus folgt ein wichtiger Unterschied für die Sabbatfrage. Matthäus 24,20 zeigt, dass Jesus den Sabbat in einer zukünftigen Anweisung an seine Nachfolger berücksichtigt. Er behandelt ihn nicht als einen Zeitpunkt, dessen Bedeutung für die kommende Krise völlig verschwunden wäre. Das ist eine positive Beobachtung, die über das bloße Fehlen eines ausdrücklichen Abschaffungsgebots hinausgeht.
Dennoch erklärt Jesus nicht, dass alle Menschen aus allen Völkern deshalb verpflichtet seien, den Sabbat in derselben Weise wie die jüdischen Bewohner Judäas zu halten. Diese allgemeine Frage steht nicht im Mittelpunkt seiner Rede. Ebenso wenig erläutert er hier die Stellung des vierten Gebots im Neuen Bund. Der Vers besitzt deshalb eine erkennbare Bedeutung für die Untersuchung, kann aber nicht sämtliche Fragen über die spätere christliche Sabbatbeachtung allein entscheiden.
Auch die weiterreichende prophetische Bedeutung von Matthäus 24 sollten wir nicht übergehen. Die Rede Jesu behandelt nicht ausschließlich die Zerstörung Jerusalems, sondern führt den Blick schließlich bis zu seiner Wiederkunft. Deshalb sehen manche Ausleger in einzelnen Warnungen eine Bedeutung, die über das geschichtliche Ereignis des Jahres 70 hinausreicht. Andere ordnen die konkreten Fluchtanweisungen in erster Linie der damaligen Krise in Judäa zu. Für die Auslegung des Sabbathinweises ist entscheidend, dass der unmittelbare Zusammenhang eine Flucht in einer bestimmten gefährdeten Region beschreibt. Eine darüber hinausgehende Anwendung muss eigens begründet werden.
Damit können wir die Beweiskraft dieser Stelle genauer bestimmen. Matthäus 24,20 ist stärker als ein Argument, das lediglich aus dem Schweigen des Neuen Testaments gewonnen wird. Jesus spricht ausdrücklich über den Sabbat und verbindet ihn mit der Zukunft seiner Jünger. Die Aussage zeigt, dass dieser Tag in einer späteren Situation weiterhin eine reale Bedeutung besitzen würde. Zugleich bleibt sie schwächer als ein ausdrückliches Gebot, das allen Christen eine bestimmte wöchentliche Sabbatbeachtung vorschreibt.
Die entscheidende Frage lautet deshalb, welche Erklärung dem Gesamtzeugnis der Schrift am besten entspricht. Wer den Sabbat für eine bleibende Schöpfungseinrichtung hält, findet in Jesu Worten einen nachvollziehbaren Hinweis darauf, dass der Tag nach seinem Tod nicht einfach bedeutungslos werden sollte. Wer dagegen die besondere Erwähnung allein aus den gesellschaftlichen Verhältnissen Judäas erklärt, kann sich ebenfalls auf einen möglichen Zusammenhang berufen. Der Vers nennt keinen dieser Gründe ausdrücklich als alleinige Erklärung.
Allerdings sollte auch die zweite Auffassung nicht mehr behaupten, als sie tatsächlich beweisen kann. Selbst wenn äußere Einschränkungen der Hauptgrund für Jesu Warnung waren, folgt daraus noch nicht, dass Christus den Sabbat selbst für aufgehoben hielt. Eine Erklärung der möglichen Schwierigkeiten einer Flucht ist keine Aussage über die Abschaffung eines göttlichen Gebots. Dafür wären andere biblische Belege erforderlich.
Matthäus 24,20 lässt sich daher nicht als eindeutiger Einzelbeweis für eine allgemeine christliche Sabbatpflicht verwenden. Der Text spricht jedoch ebenso wenig für die Vorstellung, Jesus habe seine Nachfolger bereits auf einen vollständig bedeutungslosen Sabbat vorbereitet. Im Gegenteil: Er erwähnt diesen Tag ausdrücklich innerhalb einer Zukunftswarnung, die über seinen Tod und seine Auferstehung hinausweist. Seine Jünger sollten im Blick auf eine spätere Krise sogar darum beten, nicht gerade am Sabbat fliehen zu müssen.
Gerade diese Aussage fügt sich in das bisherige Bild ein. Jesus hat den Sabbat während seines Wirkens nicht als Hindernis für Barmherzigkeit behandelt. Er hat erklärt, dass der Menschensohn Herr des Sabbats ist. Und als er seine Nachfolger auf eine kommende Gefahr vorbereitete, bezog er den siebten Tag weiterhin in seine Unterweisung ein. Eine ausdrückliche Ankündigung, dass dessen Heiligkeit mit seinem Kreuzestod enden oder auf den ersten Wochentag übertragen werden würde, finden wir auch hier nicht.
Damit führt uns Matthäus 24 zu einer weiterreichenden Frage. Wenn die Bibel die Heiligung des siebten Tages ausdrücklich beschreibt, jedoch keine ebenso ausdrückliche Einsetzung des Sonntags als neuen Sabbat enthält, welche Bedeutung dürfen dann spätere christliche Gewohnheiten besitzen? Die frühe Kirche entwickelte tatsächlich eigene Formen des Gottesdienstes und der wöchentlichen Versammlung. Doch kann eine solche Überlieferung die Heiligung eines Tages durch Gott verändern? Dieser Frage wenden wir uns als Nächstes zu.
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Kann spätere christliche Tradition den Sabbat verändern?
Markus 7,6-9 – „6 Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Trefflich hat Jesaja von euch Heuchlern geweissagt, wie geschrieben steht: «Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, doch ihr Herz ist ferne von mir; 7 aber vergeblich verehren sie mich, weil sie Lehren vortragen, welche Gebote der Menschen sind.» 8 Ihr verlasset das Gebot Gottes und haltet die Überlieferung der Menschen fest, das Untertauchen von Krügen und…"
Apostelgeschichte 5,29 – „29 Petrus aber und die Apostel antworteten und sprachen: Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen!"
Galater 1,8-9 – „8 Aber wenn auch wir oder ein Engel vom Himmel euch etwas anderes als Evangelium predigen würde außer dem, was wir euch verkündigt haben, der sei verflucht! 9 Wie wir zuvor gesagt haben, so sage ich auch jetzt wiederum: Wenn jemand euch etwas anderes als Evangelium predigt außer dem, das ihr empfangen habt, der sei verflucht!"
2. Timotheus 3,14-17 – „14 Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist, da du weißt, von wem du es gelernt hast, 15 weil du von Kindheit an die heiligen Schriften kennst, welche dich weise machen können zum Heil durch den Glauben in Christus Jesus. 16 Jede Schrift ist von Gottes Geist eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit,…"
Markus 7,6-13 – „6 Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Trefflich hat Jesaja von euch Heuchlern geweissagt, wie geschrieben steht: «Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, doch ihr Herz ist ferne von mir; 7 aber vergeblich verehren sie mich, weil sie Lehren vortragen, welche Gebote der Menschen sind.» 8 Ihr verlasset das Gebot Gottes und haltet die Überlieferung der Menschen fest, das Untertauchen von Krügen und…"
2. Thessalonicher 2,15 – „15 So stehet denn nun fest, ihr Brüder, und haltet fest an den Überlieferungen, die ihr gelehrt worden seid, sei es durch ein Wort oder durch einen Brief von uns."
1. Korinther 11,2 – „2 Ich lobe euch, Brüder, daß ihr in allen Dingen meiner eingedenk seid und an den Überlieferungen festhaltet, so wie ich sie euch übergeben habe."
Die christliche Geschichte zeigt, dass der Sonntag schon sehr früh eine besondere Bedeutung für viele Gemeinden erhielt. Christen versammelten sich am ersten Wochentag, um gemeinsam Gottes Wort zu hören, zu beten und an die Auferstehung Jesu zu erinnern. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich daraus in weiten Teilen der Christenheit die regelmäßige Sonntagsruhe. Deshalb wird häufig argumentiert, dass diese lange Tradition die besondere Stellung des Sonntags bestätige. Manche verstehen sie sogar als Beweis dafür, dass die frühe Kirche unter der Leitung der Apostel den siebten Tag durch den ersten Wochentag ersetzt habe. Doch kann eine christliche Gewohnheit tatsächlich die Heiligkeit eines Tages verändern, den Gott selbst eingesetzt hat? Um das zu beurteilen, müssen wir zwischen biblischen Geboten, apostolischer Überlieferung und späteren kirchlichen Entscheidungen unterscheiden.
Zunächst ist wichtig, was Jesus unter einer menschlichen Überlieferung versteht. In Markus 7 begegnet er religiösen Führern, die seine Jünger kritisierten, weil diese bestimmte überlieferte Reinigungsvorschriften nicht beachteten. Dabei ging es nicht einfach um gewöhnliche Sauberkeit, sondern um religiöse Regeln, die sich im Laufe der Zeit entwickelt hatten. Jesus antwortete mit einer ernsten Warnung: Menschen können Gott äußerlich verehren und zugleich seinen eigentlichen Willen aus den Augen verlieren. Besonders gefährlich wird eine Überlieferung dort, wo sie nicht mehr lediglich eine menschliche Gewohnheit ist, sondern an die Stelle eines göttlichen Gebots tritt.
Jesus macht diesen Vorwurf anschließend an einem konkreten Beispiel verständlich. Gott hatte geboten, Vater und Mutter zu ehren. Dazu gehörte auch, ihnen die notwendige Unterstützung nicht zu verweigern. Doch durch eine bestimmte religiöse Erklärung konnte jemand seinen Besitz als Gott gewidmet bezeichnen und sich darauf berufen, dass dieser deshalb nicht mehr zur Unterstützung der Eltern zur Verfügung stehe. Für eine solche Widmung verwendete man den Ausdruck „Korban“. Jesus kritisierte, dass eine religiöse Regel dazu benutzt wurde, eine Verantwortung zu umgehen, die Gott ausdrücklich geboten hatte. Damit zeigte er, worin das eigentliche Problem lag: Eine menschliche Überlieferung durfte nicht wichtiger werden als Gottes klar offenbarter Wille.
Diese Begebenheit bedeutet jedoch nicht, dass Jesus jede überlieferte Gewohnheit grundsätzlich verurteilte. Menschen leben immer auch nach gemeinsamen Regeln und Bräuchen. Nicht jede dieser Gewohnheiten muss ausdrücklich in der Bibel vorgeschrieben sein. Gemeinden brauchen beispielsweise Zeiten und Orte, an denen sie zusammenkommen. Auch die Reihenfolge eines Gottesdienstes kann durch gemeinsame Absprachen gestaltet werden. Solche Entscheidungen sind nicht automatisch falsch, nur weil sie von Menschen getroffen werden. Entscheidend ist, ob sie Gottes Willen dienen oder ihm widersprechen.
Das Neue Testament unterscheidet sogar ausdrücklich zwischen menschlichen Überlieferungen und Lehren, die von den Aposteln selbst weitergegeben wurden. In 2. Thessalonicher 2,15 fordert Paulus die Gläubigen dazu auf, an den Überlieferungen festzuhalten, die sie durch seine mündliche Unterweisung oder durch seinen Brief empfangen hatten. Auch in 1. Korinther 11,2 lobt er die Gemeinde dafür, dass sie an den von ihm weitergegebenen Überlieferungen festhält. Das zeigt, dass nicht jede Tradition schon deshalb abzulehnen ist, weil sie weitergegeben wurde. Entscheidend ist ihre Herkunft und ihr Inhalt.
Hier liegt eine wichtige Unterscheidung für unsere Untersuchung. Wenn eine Lehre tatsächlich von Christus oder seinen Aposteln stammt, besitzt sie eine andere Bedeutung als eine Gewohnheit, die erst später innerhalb der Kirchengeschichte entstand. Doch der bloße Umstand, dass eine Praxis sehr alt ist, beweist noch nicht, dass sie von den Aposteln als verbindliches Gebot eingesetzt wurde. Dafür müssen wir untersuchen, wie früh eine solche Gewohnheit nachweisbar ist, welche Begründung die damaligen Christen dafür gaben und ob sich ihre behauptete göttliche Verbindlichkeit aus dem apostolischen Zeugnis erkennen lässt.
Besonders deutlich wird das am Beispiel der Sonntagsversammlung. Bereits im zweiten Jahrhundert finden wir einen wichtigen christlichen Schriftsteller, der diese Praxis ausführlich beschreibt: Justin den Märtyrer. Er lebte nur wenige Generationen nach der apostolischen Zeit und verfasste eine Verteidigung des christlichen Glaubens gegenüber der römischen Öffentlichkeit. In seiner Ersten Apologie, Kapitel 67, erklärt er, dass Christen am Sonntag zusammenkamen, die Schriften der Apostel und Propheten lasen, eine Unterweisung hörten und gemeinsam beteten. Außerdem berichtet er von der Feier des Mahles und von freiwilligen Gaben, mit denen Bedürftige unterstützt wurden.
Justin nennt auch die Gründe für diese Versammlungen. Er verbindet den Sonntag mit dem ersten Tag der Schöpfung und mit der Auferstehung Jesu Christi. Für die von ihm beschriebenen Christen war der Sonntag also keineswegs bedeutungslos. Sie sahen in ihm einen geeigneten Tag, um an Gottes Schöpfung und an den Sieg Christi über den Tod zu erinnern. Dieser Bericht ist deshalb ein wichtiger historischer Beleg. Die Sonntagsversammlung entstand nicht erst viele Jahrhunderte nach der apostolischen Zeit, sondern war bereits in der frühen Christenheit nachweisbar.
Allerdings müssen wir genau beachten, was dieser Bericht beweist. Justin beschreibt die Gottesdienstpraxis christlicher Gemeinden seiner Zeit und erklärt ihre geistlichen Beweggründe. Damit bezeugt er eine bestehende christliche Gewohnheit. Sein Bericht ist jedoch nicht mit einer ausdrücklichen Anordnung Jesu oder eines Apostels gleichzusetzen, den siebten Tag aufzuheben und den ersten Wochentag an dessen Stelle zu heiligen. Die historische Existenz einer Sonntagsversammlung und die göttliche Einsetzung eines neuen Sabbats sind unterschiedliche Aussagen.
Für eine vollständige Einordnung ist außerdem wichtig, dass Justin selbst eine bestimmte Haltung zum Sabbat vertrat. In seinem Dialog mit dem Juden Tryphon, Kapitel 18–19, erklärt er, dass die Sabbatvorschriften seiner Auffassung nach besonders Israel wegen seines Ungehorsams gegeben worden seien. Er bestreitet deshalb, dass Christen aus anderen Völkern zur Sabbatbeachtung verpflichtet seien. Dabei beruft er sich auch auf die alttestamentlichen Glaubenszeugen vor Mose, die nach seiner Überzeugung Gott ohne Sabbatbeachtung gefallen hätten. In Kapitel 47 erkennt er jedoch an, dass Christen jüdischer Herkunft weiterhin den Sabbat halten können, solange sie diese Praxis nicht anderen Gläubigen als notwendige Bedingung auferlegen. Justins Aussagen zeigen somit, dass die Frage nach der Sabbatpflicht bereits im zweiten Jahrhundert unterschiedlich beurteilt wurde. Seine Schriften sind ein bedeutendes Zeugnis der frühen christlichen Auslegung, aber keine apostolische Entscheidung. Ob seine Begründung dem gesamten biblischen Zeugnis gerecht wird, muss deshalb ebenso geprüft werden wie jede andere Auslegung.
Auch der zeitliche Abstand verdient Beachtung. Ein christlicher Schriftsteller aus der Mitte des zweiten Jahrhunderts kann zuverlässig Auskunft darüber geben, welche Gewohnheiten zu seiner Zeit bestanden. Wenn er eine Praxis beschreibt, die bereits länger bekannt war, kann dies auch auf eine frühere Entstehung hinweisen. Doch wie weit eine solche Gewohnheit tatsächlich zurückreicht und ob sie überall dieselbe Bedeutung besaß, muss anhand weiterer Quellen geprüft werden. Aus der zeitlichen Nähe zu den Aposteln allein ergibt sich noch kein vollständiger Nachweis einer apostolischen Anordnung.
Dazu kommt, dass die Entwicklung des christlichen Gottesdienstes nicht in allen Regionen gleich verlief. Manche Gemeinden pflegten regelmäßige Versammlungen am Sonntag, während andernorts auch der Sabbat eine wichtige Rolle behielt. Darüber berichtet beispielsweise der Kirchenhistoriker Sokrates, der im fünften Jahrhundert lebte. In seiner Kirchengeschichte, Buch V, Kapitel 22, beschreibt er Unterschiede zwischen den Gemeinden und erwähnt, dass in vielen Regionen auch am Sabbat christliche Gottesdienste stattfanden. Für Rom und Alexandria nennt er dagegen andere Gewohnheiten.
Solche Berichte stammen aus einer späteren Zeit und dürfen nicht unbesehen auf die ersten Apostel zurück übertragen werden. Sie zeigen jedoch, dass sich die christliche Praxis nicht überall auf dieselbe Weise entwickelte. Die Vorstellung, sämtliche Christen hätten unmittelbar nach der Auferstehung Jesu den Sabbat aufgegeben und ausschließlich den Sonntag als neuen Ruhetag gehalten, lässt sich aus diesen Zeugnissen nicht begründen. Ebenso wenig dürfen wir behaupten, alle frühen Christen hätten ausnahmslos den siebten Tag weiter beachtet. Die erhaltenen Quellen zeigen vielmehr unterschiedliche Entwicklungen und regionale Unterschiede.
Mit der Zeit erhielt der Sonntag nicht nur als Gottesdiensttag, sondern auch im öffentlichen Leben eine stärkere Stellung. Ein wichtiger Schritt erfolgte unter Kaiser Konstantin. Im Jahr 321 nach Christus erließ er ein Gesetz, das für bestimmte städtische Tätigkeiten eine Ruhe am Sonntag vorsah. Richter, Stadtbewohner und Handwerker sollten an diesem Tag ihre gewöhnliche Tätigkeit unterbrechen. Für landwirtschaftliche Arbeiten machte das Gesetz jedoch eine ausdrückliche Ausnahme, weil Aussaat und Ernte von günstigen Zeitpunkten abhängig waren. Der Wortlaut dieses Gesetzes ist im Codex Justinianus, Buch 3, Titel 12, überliefert.
Diese Einzelheit ist wichtig. Konstantin führte keine uneingeschränkte Sonntagsruhe für jeden Menschen und jede Tätigkeit ein. Sein Gesetz betraf bestimmte Bereiche des öffentlichen Lebens und unterschied zwischen städtischen Arbeiten und der Landwirtschaft. Dennoch trug die staatliche Regelung dazu bei, dem Sonntag eine stärkere gesellschaftliche Bedeutung zu verleihen. Was bereits als christlicher Versammlungstag bekannt war, erhielt dadurch zusätzliche Unterstützung durch die staatliche Ordnung.
Deshalb wäre es historisch falsch zu behaupten, Konstantin habe die christliche Sonntagsfeier überhaupt erst erfunden. Dafür gibt es ältere Zeugnisse. Ebenso wenig sollte man jedoch übergehen, dass sein Gesetz die Stellung des Sonntags im öffentlichen Leben erheblich stärkte. Die Entwicklung bestand nicht in einem einzigen Ereignis, bei dem alle Christen plötzlich einen anderen Tag annahmen. Vielmehr lassen sich verschiedene Schritte erkennen, in denen sich religiöse Gewohnheiten, gesellschaftliche Veränderungen und staatliche Vorschriften gegenseitig beeinflussten.
In diesem Zusammenhang wird häufig auch das Konzil von Nicäa genannt, das Kaiser Konstantin im Jahr 325 einberufen ließ. Mitunter wird behauptet, diese Kirchenversammlung habe den Sabbat abgeschafft und den Sonntag an seine Stelle gesetzt. Die erhaltenen Konzilsbeschlüsse bestätigen das jedoch nicht. Nicäa befasste sich unter anderem mit der einheitlichen Festlegung der jährlichen Osterfeier. Außerdem bestimmte sein 20. Kanon, dass am sogenannten Tag des Herrn und während der Pfingstzeit stehend gebetet werden sollte. Das setzt eine bereits bestehende Bedeutung dieses Tages im christlichen Gottesdienst voraus, enthält aber keine Anordnung, den wöchentlichen Sabbat auf den Sonntag zu übertragen. Die Frage nach dem jährlichen Ostertermin und die Frage nach der Heiligung des siebten Wochentages dürfen deshalb nicht miteinander verwechselt werden.
Ein weiterer wichtiger Schritt erfolgte im vierten Jahrhundert durch eine kirchliche Versammlung in Laodicea. Diese regionale Synode beschloss in ihrem 29. Kanon, dass Christen nicht nach jüdischer Weise am Sabbat ruhen, sondern an diesem Tag arbeiten sollten. Stattdessen sollten sie den sogenannten Tag des Herrn besonders ehren und nach Möglichkeit an ihm ruhen. Menschen, die weiterhin nach jüdischer Weise am Sabbat ruhten, wurden dabei ausdrücklich verurteilt.
Bemerkenswert ist jedoch, dass dieselbe Synode den Sabbat nicht einfach aus dem christlichen Gottesdienst ausschloss. Ihr 16. Kanon schrieb ausdrücklich vor, dass an diesem Tag die Evangelien zusammen mit den übrigen Heiligen Schriften gelesen werden sollten. Im 49. Kanon wurden außerdem Sabbat und Sonntag als besondere Tage genannt, an denen während der Fastenzeit die Feier mit der Darbringung des Brotes stattfinden durfte. Diese Bestimmungen zeigen, dass die Synode zwischen der Sabbatruhe nach jüdischer Weise und christlichen Gottesdiensten am Sabbat unterschied. Sie lehnte die Sabbatruhe ab, während sie gottesdienstliche Handlungen an diesem Tag weiterhin vorsah.
Hier begegnet uns eine deutlich andere Art von Aussage als bei der früheren Beschreibung einer christlichen Sonntagsversammlung. Es wird nicht mehr nur berichtet, dass Gläubige an einem bestimmten Tag zusammenkommen. Vielmehr legt eine kirchliche Versammlung fest, wie Christen sich gegenüber Sabbat und Sonntag verhalten sollen. Die Sabbatruhe wird dabei ausdrücklich abgewertet, während der Sonntag eine bevorzugte Stellung als Ruhetag erhält. Gerade daran lässt sich erkennen, wie aus unterschiedlichen Gottesdienstgewohnheiten schließlich verbindliche kirchliche Vorschriften entstehen konnten.
Auch dieser Beschluss muss historisch richtig eingeordnet werden. Die Versammlung in Laodicea war keine Zusammenkunft sämtlicher christlicher Gemeinden der Welt. Ihre Entscheidung darf deshalb nicht so dargestellt werden, als hätten damals alle Christen überall denselben Beschluss gefasst. Dennoch ist sie ein wichtiger Beleg dafür, dass kirchliche Autoritäten im vierten Jahrhundert nicht nur die Sonntagsfeier förderten, sondern sich ausdrücklich gegen die Sabbatruhe nach jüdischer Weise wandten.
Die spätere Reformation zeigt, wie unterschiedlich Christen diese Entwicklung bewerteten. Im Augsburger Bekenntnis von 1530 wird in Artikel 28 ausdrücklich über die Veränderung des Sabbats zum sogenannten Tag des Herrn gesprochen. Die lutherischen Reformatoren wenden sich dort gegen die Behauptung, eine Kirche dürfe kraft eigener Autorität ein Gebot Gottes verändern und daraus eine verpflichtende religiöse Ordnung machen. Zugleich hielten sie selbst den Sabbat nicht mehr für eine verbindliche Vorschrift des Neuen Bundes. Sie betrachteten den Sonntag vielmehr als einen geeigneten Versammlungstag, den die Kirche aus Gründen gemeinsamer Ordnung beibehalten konnte, ohne dadurch eine neue Voraussetzung für die Erlösung festzulegen. Diese Erklärung ist deshalb bemerkenswert, weil der Sonntag ausdrücklich als kirchliche Ordnung behandelt wird. Die Reformatoren behaupteten nicht, Jesus habe den ersten Wochentag durch einen ausdrücklichen neuen Befehl geheiligt. Ihre Auffassung von der aufgehobenen Sabbatpflicht bleibt jedoch eine eigene theologische Auslegung, die ihrerseits anhand der Schrift geprüft werden muss.
Auch eine spätere Veränderung unserer Kalender liefert keinen Beweis dafür, dass die Identität des siebten Wochentages verloren gegangen wäre. Bei der gregorianischen Kalenderreform im Jahr 1582 wurden in den Ländern, die sie damals einführten, zehn Datumszahlen ausgelassen. Auf Donnerstag, den 4. Oktober, folgte unmittelbar Freitag, der 15. Oktober. Die Reihenfolge der Wochentage blieb dabei bestehen. Ebenso wenig verändert die heute in Deutschland übliche Kalenderdarstellung mit Montag als erstem und Sonntag als letztem Wochentag die frühere biblische Zuordnung. Die Evangelien unterscheiden den Sabbat ausdrücklich vom darauf folgenden ersten Wochentag, und die jüdische Überlieferung bezeichnet den heutigen Samstag weiterhin als Schabbat. Die Behauptung, bekannte Kalenderreformen hätten den ursprünglichen Sabbat unauffindbar gemacht, findet deshalb in diesen geschichtlichen Vorgängen keine Grundlage.
Damit stehen wir vor der entscheidenden Frage nach der Autorität solcher Beschlüsse. Eine staatliche Regelung kann festlegen, welche Arbeiten an einem bestimmten Tag erlaubt oder untersagt sind. Eine kirchliche Versammlung kann Regeln für die Gemeinden ihres Verantwortungsbereiches beschließen. Doch damit ist noch nicht gesagt, dass Gott selbst einen Tag geheiligt oder die Heiligkeit eines anderen Tages aufgehoben hat. Staatliche und kirchliche Anordnungen können das öffentliche und religiöse Leben verändern. Ob sie zugleich Gottes Willen wiedergeben, ist eine weitere Frage.
Hier gewinnt Jesu Warnung aus Markus 7 ihre besondere Bedeutung. Eine Überlieferung wird problematisch, wenn Menschen ihr eine Autorität zuschreiben, durch die ein ausdrückliches Gebot Gottes verdrängt wird. Dabei genügt es nicht, lediglich zu behaupten, eine bestimmte christliche Gewohnheit sei menschlich entstanden. Wir müssen zunächst prüfen, ob sie tatsächlich im Widerspruch zu Gottes Willen steht. Eine Gemeindeversammlung am Sonntag ist für sich genommen noch keine Missachtung des Sabbats. Erst wenn behauptet wird, der Sonntag habe durch göttliche Anordnung die Stelle des siebten Tages übernommen, entsteht die Frage nach der biblischen Grundlage dieser Verpflichtung.
Manche christlichen Kirchen verstehen ihre Überlieferung ausdrücklich als Fortsetzung einer von den Aposteln empfangenen Lehre. Deshalb messen sie nicht allein den niedergeschriebenen Aussagen des Neuen Testaments, sondern auch der überlieferten kirchlichen Lehre eine besondere Bedeutung bei. Andere Christen vertreten die Auffassung, dass jede verbindliche Glaubenslehre letztlich an der Heiligen Schrift geprüft werden muss. Diese unterschiedlichen Verständnisse kirchlicher Autorität beeinflussen auch die Beurteilung der Sonntagsheiligung.
Für unsere biblische Untersuchung ist entscheidend, dass wir eine behauptete göttliche Änderung nicht allein mit der späteren Verbreitung einer Gewohnheit begründen können. Wenn die Sonntagsheiligung tatsächlich auf eine verbindliche apostolische Anordnung zurückgeht, muss dafür ein ausreichender Nachweis erbracht werden. Die Tatsache, dass spätere Christen den Sonntag feierten oder kirchliche Versammlungen seine Beachtung vorschrieben, ersetzt einen solchen Nachweis nicht.
Dabei ist auch die Aussage der Apostel wichtig, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen (Apostelgeschichte 5,29). Im unmittelbaren Zusammenhang ging es um das Verbot, weiterhin von Jesus Christus zu sprechen. Die Apostel weigerten sich, einer menschlichen Anordnung zu folgen, die ihrem göttlichen Auftrag widersprach. Daraus ergibt sich ein grundlegendes Prinzip: Wo eine menschliche Forderung tatsächlich gegen Gottes ausdrücklich offenbarten Willen steht, darf sie nicht an dessen Stelle treten. Allerdings müssen wir sorgfältig nachweisen, dass ein solcher Widerspruch vorliegt, bevor wir dieses Prinzip auf eine bestimmte christliche Gewohnheit anwenden.
Auch Paulus warnt davor, die empfangene Botschaft des Evangeliums durch eine andere Lehre zu ersetzen. In Galater 1,8–9 erklärt er, dass selbst die Autorität eines Apostels oder eines Engels keine abweichende Heilsbotschaft rechtfertigen könnte. Diese Verse behandeln unmittelbar das Evangelium und nicht die Frage nach dem wöchentlichen Ruhetag. Dennoch zeigen sie, dass die Autorität einer Lehre nicht allein aus dem Ansehen ihres Verkündigers entsteht. Entscheidend ist ihre Übereinstimmung mit der von Christus und seinen Aposteln verkündeten Wahrheit.
Ebenso wichtig ist die besondere Stellung der Heiligen Schrift. In 2. Timotheus 3,14–17 erinnert Paulus daran, dass die heiligen Schriften Menschen durch den Glauben an Jesus Christus zur Rettung führen können. Sie sind von Gott eingegeben und dienen dazu, Gottes Kinder zu unterweisen, zu korrigieren und zu einem Leben nach seinem Willen anzuleiten. Deshalb dürfen frühere biblische Aussagen nicht einfach durch spätere menschliche Gewohnheiten bedeutungslos gemacht werden. Zugleich müssen diese Schriften im Licht Jesu Christi verstanden werden, in dem Gottes Verheißungen ihre Erfüllung finden.
Damit wird die Unterscheidung zwischen christlicher Freiheit und göttlicher Verpflichtung besonders wichtig. Christen dürfen sich zu unterschiedlichen Zeiten versammeln, gemeinsam beten und Gottes Wort hören. Ein regelmäßiger Sonntagsgottesdienst kann Ausdruck aufrichtiger Liebe zu Christus und dankbarer Erinnerung an seine Auferstehung sein. Doch wenn aus dieser Gewohnheit die Behauptung entsteht, Gott habe den Sonntag ausdrücklich zum neuen Sabbat eingesetzt, muss diese Aussage gesondert begründet werden.
Dabei sollten wir auch vorsichtig sein, wie wir über andere Christen urteilen. Viele Menschen besuchen seit ihrer Kindheit am Sonntag den Gottesdienst, weil sie dort Gottes Wort hören, Gemeinschaft erleben und Jesus Christus anbeten möchten. Sie haben diesen Tag als selbstverständlichen Bestandteil ihres Glaubenslebens kennengelernt. Daraus darf nicht vorschnell geschlossen werden, sie würden bewusst Gottes Gebote missachten. Die biblische Prüfung einer religiösen Lehre ist etwas anderes als ein Urteil über den Glauben oder das Herz einzelner Menschen. Gott kennt die Beweggründe seiner Kinder besser als wir.
Die historische Entwicklung des Sonntags lehrt uns deshalb vor allem, wie wichtig eine sorgfältige Unterscheidung ist. Frühe christliche Sonntagsversammlungen sind nachweisbar und dürfen nicht bestritten werden. Spätere staatliche und kirchliche Entscheidungen haben seine Stellung zusätzlich gestärkt. Gleichzeitig gab es unterschiedliche christliche Gewohnheiten im Umgang mit dem Sabbat. Aus dieser Geschichte entsteht kein einfacher Beweis dafür, dass Jesus selbst den siebten Tag aufgehoben und den ersten Wochentag geheiligt hätte.
Die entscheidende Frage bleibt somit, welche Autorität eine bestimmte Lehre besitzt. Eine christliche Tradition kann wertvoll sein, weil sie Menschen hilft, gemeinsam zu glauben und Gott anzubeten. Eine tatsächlich apostolische Überlieferung verdient besondere Beachtung. Doch eine spätere kirchliche Anordnung kann nicht allein durch ihr Alter oder ihre weite Verbreitung den Anspruch erheben, Gottes ausdrückliche Weisungen zu verändern.
Für die Sabbatfrage bedeutet das: Die Geschichte erklärt, wie der Sonntag in vielen christlichen Gemeinden zum bevorzugten Gottesdienst- und später zum Ruhetag wurde. Sie beweist jedoch nicht für sich allein, dass Gott die ursprüngliche Heiligung des siebten Tages zurückgenommen hat. Eine solche Veränderung müsste durch Christus und das apostolische Zeugnis ausreichend begründet sein. Die späteren Beschlüsse der Kirchengeschichte können diese biblische Grundlage nicht ersetzen.
Damit gelangen wir zu einer weiteren Frage, die bei der Diskussion über den Sabbat häufig gestellt wird. Im Neuen Testament werden viele der Zehn Gebote ausdrücklich wiederholt oder bestätigt. Das vierte Gebot erscheint jedoch nicht noch einmal als unmittelbare Anweisung an sämtliche christlichen Gemeinden. Ist dieses Fehlen ein Hinweis darauf, dass gerade die Sabbatpflicht beendet wurde? Oder müssen göttliche Gebote nicht in jedem Fall erneut ausgesprochen werden, damit ihre Bedeutung bestehen bleibt? Dieser Frage wenden wir uns im nächsten Abschnitt zu.
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Muss jedes Gebot im Neuen Testament ausdrücklich wiederholt werden?
Römer 13,8-10 – „8 Seid niemand etwas schuldig, als daß ihr einander liebet; denn wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn die [Forderung]: «Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, laß dich nicht gelüsten» (und welches andere Gebot noch sei), wird zusammengefaßt in diesem Wort: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!» 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts …"
Matthäus 19,16-19 – „16 Und siehe, einer trat herzu und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich Gutes tun, um das ewige Leben zu erlangen? 17 Er aber sprach zu ihm: Was fragst du mich nach dem Guten? Es ist nur Einer gut! Willst du aber in das Leben eingehen, so halte die Gebote! 18 Er spricht zu ihm: Welche? Jesus antwortet: Das: Du sollst nicht töten! Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht stehlen! Du sollst n…"
Römer 13,8-10 – „8 Seid niemand etwas schuldig, als daß ihr einander liebet; denn wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn die [Forderung]: «Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, laß dich nicht gelüsten» (und welches andere Gebot noch sei), wird zusammengefaßt in diesem Wort: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!» 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts …"
Jakobus 2,8-12 – „8 Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllet nach dem Schriftwort: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!» so tut ihr wohl; 9 wenn ihr aber die Person ansehet, so tut ihr Sünde und werdet vom Gesetz als Übertreter verurteilt. 10 Denn wer das ganze Gesetz hält, aber in einem [Gebote] fehlt, der ist in allem schuldig geworden; 11 denn der, welcher gesagt hat: «Du sollst nicht ehebrechen», der hat auc…"
2. Timotheus 3,14-17 – „14 Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist, da du weißt, von wem du es gelernt hast, 15 weil du von Kindheit an die heiligen Schriften kennst, welche dich weise machen können zum Heil durch den Glauben in Christus Jesus. 16 Jede Schrift ist von Gottes Geist eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit,…"
Epheser 6,1-3 – „1 Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn; denn das ist billig. 2 «Ehre deinen Vater und deine Mutter», das ist das erste Gebot mit Verheißung: 3 «auf daß es dir wohl gehe und du lange lebest auf Erden.»"
2. Mose 20,4-6 – „4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen, weder dessen, das oben im Himmel, noch dessen, das unten auf Erden, noch dessen, das in den Wassern, unterhalb der Erde ist. 5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht; denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der da heimsucht der Väter Missetat an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied derer, die mich hassen, 6 un…"
Apostelgeschichte 17,29 – „29 Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei dem Golde oder Silber oder Stein, einem Gebilde menschlicher Kunst und Erfindung gleich."
1. Johannes 5,21 – „21 Kindlein, hütet euch vor den Abgöttern!"
Ein häufiges Argument gegen die bleibende Gültigkeit des Sabbats lautet, dass neun der Zehn Gebote im Neuen Testament erneut bestätigt werden, während eine ausdrückliche Anweisung zur Heiligung des siebten Tages fehlt. Die Apostel verbieten weiterhin Götzendienst, Ehebruch, Mord, Diebstahl und andere Sünden. Doch nirgends findet sich in ihren Briefen eine ebenso unmittelbare Aufforderung an alle christlichen Gemeinden, den siebten Wochentag als Sabbat zu halten. Daraus wird geschlossen, dass gerade das vierte Gebot nicht mehr zur verbindlichen Lebensordnung der Christen gehöre. Dieser Einwand verdient eine sorgfältige Antwort, denn er beruht auf einer tatsächlichen Besonderheit des neutestamentlichen Zeugnisses.
Zunächst müssen wir zwischen zwei Aussagen unterscheiden. Die erste lautet, dass sich die moralischen Inhalte von neun der Zehn Gebote im Neuen Testament wiederfinden. Dafür lassen sich zahlreiche Beispiele nennen. Die zweite lautet, dass neun Gebote ausdrücklich und vollständig als neue christliche Vorschriften eingesetzt wurden, während das vierte bewusst ausgeschlossen blieb. Diese Behauptung geht erheblich weiter. Denn das Neue Testament enthält keine vollständige Neuverkündigung des Dekalogs, bei der ein Gebot ausdrücklich gestrichen oder ausgelassen worden wäre. Vielmehr greifen Jesus und die Apostel einzelne Gebote auf, wenn diese für ihre jeweilige Unterweisung wichtig sind.
Ein Beispiel macht diesen Unterschied verständlich. Das zweite Gebot verbietet, sich Götterbilder zu machen und sie anzubeten (2. Mose 20,4–6). Im Neuen Testament wird diese Anordnung nicht noch einmal vollständig in derselben Form ausgesprochen. Paulus warnt jedoch davor, Gott mit Bildern aus Gold, Silber oder Stein gleichzusetzen (Apostelgeschichte 17,29). Auch Johannes fordert die Gläubigen auf, sich vor Abgöttern zu hüten (1. Johannes 5,21). Der Inhalt des Gebots wird also aufgegriffen, ohne dass sein ursprünglicher Wortlaut vollständig wiederholt wird. Wenn wir davon sprechen, dass neun Gebote im Neuen Testament bestätigt werden, müssen wir deshalb unterscheiden, ob eine wörtliche Wiederholung oder eine inhaltliche Bestätigung gemeint ist.
Ein deutliches Beispiel dafür finden wir im Leitvers aus Römer 13. Paulus erinnert die Gläubigen an mehrere bekannte Gebote und verbindet sie mit der Liebe zum Nächsten. Wer einen anderen Menschen liebt, wird ihm weder das Leben nehmen noch seine Ehe zerstören, ihn bestehlen oder nach seinem Besitz verlangen. Paulus zeigt damit, dass die Liebe nicht im Gegensatz zum Willen Gottes steht. Sie führt den Menschen vielmehr dazu, den Mitmenschen nicht zu schädigen.
Doch weshalb erwähnt Paulus gerade diese Gebote? Der Zusammenhang gibt uns die Antwort. Er spricht darüber, wie Christen miteinander leben und einander behandeln sollen. Deshalb nennt er insbesondere solche Weisungen, die das Verhältnis zum Nächsten betreffen. Sein Anliegen ist nicht, sämtliche Gebote Gottes vollständig aufzuzählen. Das zeigt auch die Formulierung, mit der er weitere Gebote einschließt. Paulus beschränkt seine Aussage nicht auf vier einzelne Verbote, sondern erklärt, dass die entsprechenden Forderungen durch die Liebe zum Nächsten zusammengefasst werden.
Dabei dürfen wir allerdings nicht übersehen, dass diese Zusammenfassung einen bestimmten Schwerpunkt besitzt. Die genannten Beispiele betreffen das Verhalten gegenüber anderen Menschen. Die besondere Beziehung zwischen Gott und dem Menschen steht hier nicht im Mittelpunkt. Dass Paulus das Verbot des Götzendienstes oder des Missbrauchs des göttlichen Namens nicht ausdrücklich nennt, bedeutet deshalb nicht, dass diese Handlungen nun erlaubt wären. Seine Auswahl folgt dem Thema, das er gerade behandelt. Ebenso wenig lässt sich aus dieser Aufzählung allein schließen, dass der Sabbat aufgehoben wurde.
Ein weiteres Beispiel finden wir im Gespräch Jesu mit dem reichen jungen Mann. Dieser wollte wissen, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erlangen. Jesus verwies auf Gottes Gebote und nannte mehrere davon: nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, kein falsches Zeugnis geben sowie Vater und Mutter ehren. Außerdem erwähnte er das Gebot der Nächstenliebe (Matthäus 19,16–19). Auch hier fehlt der Sabbat. Doch ebenso wenig nennt Jesus ausdrücklich die Gebote gegen Götzendienst oder den Missbrauch des Namens Gottes.
Entscheidend ist, weshalb Jesus diese Auswahl traf. Der junge Mann war überzeugt, die genannten Gebote seit seiner Jugend gehalten zu haben. Dennoch spürte er, dass seinem Leben etwas fehlte. Jesus forderte ihn daraufhin auf, seinen Besitz zu verkaufen, den Erlös den Armen zu geben und ihm nachzufolgen. Damit machte er sichtbar, dass der Mann zwar von seinem äußeren Gehorsam überzeugt war, aber nicht bereit war, Christus über seinen Reichtum zu stellen. Die entscheidende Frage lag tiefer als die bloße Aufzählung einzelner Gebote: Wem gehörte sein Herz?
Gerade deshalb ist dieses Gespräch ein gutes Beispiel dafür, weshalb eine biblische Gebotsaufzählung nicht vollständig sein muss. Jesus wollte dem jungen Mann nicht einen neuen Katalog sämtlicher göttlicher Vorschriften übergeben. Er führte ihn vielmehr zu der Erkenntnis, dass wahrer Gehorsam die Liebe zu Gott und die Bereitschaft zur Nachfolge einschließt. Aus den nicht genannten Geboten lässt sich deshalb keine Aussage über ihre Abschaffung ableiten.
Allerdings müssen wir bei diesem Beispiel eine wichtige Grenze beachten. Das Gespräch fand vor Jesu Tod und der Einsetzung des Neuen Bundes statt. Es zeigt deutlich, dass Jesus Gebote je nach Zusammenhang auswählte. Es beantwortet jedoch nicht allein die Frage, welche früheren Bundesverpflichtungen nach seinem Erlösungswerk weiterhin gelten sollten. Für diese Frage müssen wir vor allem die Unterweisung der Apostel berücksichtigen.
Auch Jakobus verwendet eine unvollständige Aufzählung. In Jakobus 2,8–12 spricht er zunächst über das Gebot der Nächstenliebe. Er verurteilt die Bevorzugung reicher Menschen gegenüber armen Glaubensgeschwistern und erklärt, dass dadurch Gottes Wille verletzt wird. Anschließend erinnert er an das Verbot des Ehebruchs und des Mordes. Beide Gebote stammen von demselben Gott. Deshalb darf niemand seinen Gehorsam gegenüber einer Weisung als Rechtfertigung dafür verwenden, eine andere bewusst zu missachten.
Jakobus erklärt in diesem Zusammenhang, dass der Mensch nicht willkürlich zwischen Gottes Geboten auswählen darf. Zugleich bezeichnet er das Gesetz, nach dem die Gläubigen reden und handeln sollen, als ein „Gesetz der Freiheit“. Damit verbindet er den Gehorsam gegenüber Gottes Willen mit der Freiheit, die der Glaube schenkt. Er versteht diese Freiheit nicht als Erlaubnis zu einem lieblosen oder ungerechten Leben.
Doch auch hier müssen wir darauf achten, was Jakobus tatsächlich beweist. Er erwähnt weder ausdrücklich alle Zehn Gebote noch erklärt er an dieser Stelle, welche Bestimmungen des Sinai-Bundes unverändert für Christen gelten. Seine Aussage, dass derjenige, der gegen ein Gebot sündigt, zum Übertreter des Gesetzes wird, besitzt großes Gewicht. Daraus folgt jedoch nicht ohne weitere Begründung, dass jede Vorschrift des Alten Testaments in derselben Form fortbesteht. Zunächst muss geklärt werden, welche Gebote nach dem Neuen Bund weiterhin zu Gottes verbindlichem Willen gehören. Genau diese Frage steht beim Sabbat zur Untersuchung.
Eine weitere Beobachtung hilft uns, den Umgang der Apostel mit früheren Geboten zu verstehen. In Epheser 6,1–3 fordert Paulus Kinder auf, ihren Eltern zu gehorchen. Dabei greift er ausdrücklich das fünfte Gebot auf und erinnert an die damit verbundene Verheißung. Paulus behandelt die alttestamentliche Weisung also weiterhin als geeignet, Christen zu unterrichten. Er erklärt jedoch nicht, dass sie erst durch seinen Brief wieder zu einem Gebot geworden sei. Vielmehr setzt er ihre Bedeutung voraus und wendet sie auf das Leben der christlichen Familien an.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Wenn ein Apostel ein Gebot zitiert oder bestätigt, muss dies nicht bedeuten, dass es zuvor seine gesamte Verbindlichkeit verloren hatte und nun erneut eingesetzt werden musste. Eine solche Annahme würde voraussetzen, dass nach Christi Tod zunächst alle früheren Gebote ihre Bedeutung verloren und anschließend einzelne wieder eingeführt wurden. Das Neue Testament beschreibt jedoch keinen solchen Vorgang, bei dem neun der Zehn Gebote ausdrücklich neu verkündet werden.
Gleichzeitig folgt daraus nicht, dass jede frühere Weisung automatisch für immer in unveränderter Form bestehen bleibt. Das wurde bereits bei der Untersuchung des Neuen Bundes deutlich. Die Apostel mussten beispielsweise ausdrücklich klären, welche Bedeutung die Beschneidung für Menschen aus anderen Völkern besitzen sollte. Auch der Hebräerbrief erklärt, weshalb bestimmte frühere Einrichtungen durch Christus ihre bisherige Funktion verloren haben. Die Frage nach der Verbindlichkeit eines Gebots kann deshalb nicht allein dadurch beantwortet werden, ob es im Neuen Testament noch einmal erwähnt wird.
Hier erkennen wir das eigentliche Problem des Arguments von den neun wiederholten Geboten. Es verwendet die Wiederholung als entscheidenden Maßstab, ohne dass die Schrift selbst eine solche Regel aufstellt. Jesus und seine Apostel erklären nirgends, dass nach dem Beginn des Neuen Bundes nur diejenigen göttlichen Gebote weiterhin Bedeutung besitzen, die ausdrücklich noch einmal ausgesprochen werden. Ebenso wenig finden wir eine vollständige Liste der Gebote, die nun allein für Christen gelten sollen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die unterschiedliche Behandlung der Gebote bedeutungslos wäre. Die apostolischen Briefe enthalten zahlreiche ausdrückliche Ermahnungen gegen Mord, Ehebruch, Diebstahl, Götzendienst und andere Sünden. Dadurch wird deutlich, dass diese Handlungen mit dem christlichen Leben unvereinbar bleiben. Beim wöchentlichen Sabbat finden wir dagegen keine ebenso unmittelbare Anweisung an sämtliche Gemeinden aus den Völkern. Dieser Unterschied ist tatsächlich vorhanden und verdient Beachtung.
Gerade eine sorgfältige Verteidigung des Sabbats darf diesen Befund nicht verschweigen. Es genügt nicht, lediglich zu erklären, dass auch andere Gebote nicht vollständig wiederholt werden. Denn die moralischen Forderungen vieler dieser Gebote werden im Neuen Testament ausdrücklich aufgegriffen und auf das Leben der Gläubigen angewendet. Für den Sabbat stellt sich deshalb die weitergehende Frage, weshalb eine entsprechende allgemeine Anweisung fehlt und was daraus im Zusammenhang mit den übrigen Aussagen der Schrift folgt.
Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die Apostel bereits Menschen unterrichteten, die aus ganz unterschiedlichen religiösen Hintergründen kamen. Jüdische Gläubige kannten den Sabbat seit ihrer Kindheit. Viele Menschen aus anderen Völkern waren mit ihm dagegen nicht in gleicher Weise vertraut. Wenn sie nun zum Glauben an Christus kamen, musste geklärt werden, welche Bedeutung die frühere Ordnung Israels für sie besaß. Genau deshalb besitzt auch die Entscheidung des Apostelkonzils aus Apostelgeschichte 15 besonderes Gewicht. Die Apostel verpflichteten die Gläubigen aus den Völkern dort nicht ausdrücklich zur Übernahme der mosaischen Sabbatordnung.
Wer eine allgemeine christliche Sabbatpflicht vertritt, muss deshalb mehr begründen als die Tatsache, dass das vierte Gebot im Alten Testament steht. Er muss erklären können, weshalb der siebte Tag auch unabhängig von seiner besonderen Aufgabe als Bundeszeichen Israels weiterhin zu Gottes Willen gehört. Ebenso muss er die neutestamentlichen Aussagen ernst nehmen, die den Umgang mit religiösen Tagen und früheren Bundesvorschriften betreffen. Eine solche Begründung darf nicht auf einer willkürlich aufgestellten Regel beruhen, nach der das Schweigen der Apostel grundsätzlich keine Bedeutung besitzen könnte.
Andererseits darf aus diesem Schweigen auch nicht mehr gefolgert werden, als es tatsächlich beweist. Das Fehlen einer ausdrücklichen erneuten Sabbatanweisung ist noch keine ausdrückliche Erklärung, dass Gott seine frühere Heiligung des siebten Tages zurückgenommen hat. Zwischen beiden Aussagen besteht ein Unterschied. Wenn eine göttliche Einrichtung bereits zuvor begründet wurde, muss ihre spätere Bedeutung im Zusammenhang der gesamten biblischen Offenbarung beurteilt werden. Eine fehlende Wiederholung kann für diese Untersuchung wichtig sein, entscheidet sie jedoch nicht allein.
Hier gewinnt auch das Verständnis der Heiligen Schrift im Neuen Testament besonderes Gewicht. In 2. Timotheus 3,14–17 erinnert Paulus daran, dass Timotheus die heiligen Schriften seit seiner Kindheit kannte. Gemeint sind zunächst die Schriften des Alten Testaments, denn diese standen ihm bereits vor der Entstehung des vollständigen Neuen Testaments zur Verfügung. Paulus erklärt, dass diese Schriften ihn durch den Glauben an Jesus Christus zur Rettung führen können und weiterhin zur Unterweisung, Zurechtweisung und Erziehung in der Gerechtigkeit dienen.
Damit behandelt Paulus das Alte Testament keineswegs als eine bedeutungslos gewordene Offenbarung. Die früheren Schriften bleiben für Christen wichtig, weil sie Gottes Handeln bezeugen und auf Christus hinweisen. Zugleich müssen sie im Licht seines vollbrachten Erlösungswerkes verstanden werden. Die bleibende Bedeutung der Schrift ist also nicht mit der unveränderten Geltung sämtlicher früherer Bundesvorschriften gleichzusetzen. Doch sie widerspricht der Vorstellung, Gottes Wille müsse nach Jesu Auferstehung erst vollständig neu ausgesprochen werden, bevor die früheren Schriften noch etwas über das christliche Leben aussagen könnten.
Für den Sabbat bedeutet das, dass seine biblische Grundlage weiterhin sorgfältig berücksichtigt werden muss. Bereits im Schöpfungsbericht wird der siebte Tag gesegnet und geheiligt. Das vierte Gebot nimmt diese Grundlage ausdrücklich auf. Jesus bezeichnet sich als Herrn des Sabbats und erklärt dessen Bedeutung für den Menschen. Auch die spätere neutestamentliche Unterweisung greift die Ruhe Gottes am siebten Schöpfungstag wieder auf. Diese Aussagen enthalten keine neue vollständige Sabbatanordnung für alle Christen. Sie zeigen jedoch, dass der Sabbat nicht allein deshalb bedeutungslos geworden sein muss, weil eine solche Anordnung in den apostolischen Briefen fehlt.
Die entscheidende Prüfung lautet deshalb nicht, ob wir eine bestimmte Formulierung aus dem vierten Gebot im Neuen Testament ein zweites Mal finden. Wir müssen vielmehr fragen, welche Stellung der siebte Tag innerhalb von Gottes Schöpfungsordnung besitzt, welche besondere Aufgabe er im Bund mit Israel erhielt und wie Christus und seine Apostel mit dieser Einrichtung umgingen. Erst wenn diese Aussagen gemeinsam berücksichtigt werden, lässt sich beurteilen, ob die ursprüngliche Heiligung des Sabbats weiterhin verbindlich ist oder durch den Neuen Bund ihre bisherige Bedeutung verändert hat.
Damit wird auch deutlich, weshalb eine bloße Gegenüberstellung von neun bestätigten und einem nicht bestätigten Gebot zu kurz greift. Das Neue Testament überliefert keine vollständig neu zusammengestellte Liste der Zehn Gebote. Es bestätigt Gottes Willen vielmehr durch die Lehre Jesu, die Unterweisung der Apostel und die Erklärung dessen, was Christus durch sein Erlösungswerk verändert hat. Der Sabbat muss innerhalb dieses Gesamtzeugnisses beurteilt werden, nicht allein anhand der Frage, ob ein einzelner Satz erneut ausgesprochen wurde.
Die fehlende ausdrückliche Wiederholung des vierten Gebots bleibt somit ein ernst zu nehmender Einwand gegen die Behauptung, alle Christen seien im Neuen Testament unmittelbar zur gleichen Sabbatbeachtung wie Israel verpflichtet worden. Sie ist jedoch kein vollständiger Beweis dafür, dass Gott den siebten Tag aufgehoben oder seine Heiligkeit auf einen anderen Wochentag übertragen hat. Dazu müsste gezeigt werden, dass Christus oder seine Apostel tatsächlich eine entsprechende Veränderung lehrten.
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Der Sabbat steht nicht gegen Christus, sondern gehört zu Christus
Johannes 1,1-3 – „1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. 2 Dieses war im Anfang bei Gott. 3 Alles ist durch dasselbe entstanden; und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist."
Kolosser 1,15-17 – „15 welcher das Ebenbild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Kreatur. 16 Denn in ihm ist alles erschaffen worden, was im Himmel und was auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: alles ist durch ihn und für ihn geschaffen; 17 und er ist vor allem, und alles besteht in ihm."
Markus 2,27-28 – „27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 Also ist des Menschen Sohn auch Herr des Sabbats."
Hebräer 4,9-11 – „9 Also bleibt dem Volke Gottes noch eine Sabbatruhe vorbehalten; 10 denn wer in seine Ruhe eingegangen ist, der ruht auch selbst von seinen Werken, gleichwie Gott von den seinigen. 11 So wollen wir uns denn befleißigen, in jene Ruhe einzugehen, damit nicht jemand als gleiches Beispiel des Unglaubens zu Fall komme."
Johannes 1,1-4 – „1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. 2 Dieses war im Anfang bei Gott. 3 Alles ist durch dasselbe entstanden; und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist. 4 In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen."
Hesekiel 20,12 – „12 Ich gab ihnen auch meine Sabbate, welche ein Zeichen sein sollen zwischen mir und ihnen, damit man erkenne, daß ich, der HERR, es bin, der sie heiligt."
Matthäus 11,28 – „28 Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken!"
2. Korinther 5,17 – „17 Darum, ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!"
Offenbarung 14,6-7.12 – „6 Und ich sah einen andern Engel durch die Mitte des Himmels fliegen, der hatte ein ewiges Evangelium den Bewohnern der Erde zu verkündigen, allen Nationen und Stämmen und Zungen und Völkern. 7 Der sprach mit lauter Stimme: Fürchtet Gott und gebet ihm die Ehre, denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen; und betet den an, der den Himmel und die Erde und das Meer und die Wasserquellen gemacht ha…"
Jesaja 66,22-23 – „22 Denn gleichwie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor meinem Angesicht bleiben werden, spricht der HERR, so soll auch euer Same und euer Name bestehen bleiben. 23 Und es wird dahin kommen, daß an jedem Neumond und an jedem Sabbat alles Fleisch sich einfinden wird, um vor mir anzubeten, spricht der HERR."
Offenbarung 12,17 – „17 Und der Drache ergrimmte über das Weib und ging hin, Krieg zu führen mit den übrigen ihres Samens, welche die Gebote Gottes beobachten und das Zeugnis Jesu haben."
Psalmen 146,6 – „6 Dieser hat Himmel und Erde gemacht, das Meer und alles, was drinnen ist; er ist's auch, der ewiglich Treue bewahrt."
Nach der ausführlichen Prüfung der Gegenargumente bleibt eine Frage, die uns zum eigentlichen Mittelpunkt des Themas führt: Welche Bedeutung besitzt der Sabbat in unserer Beziehung zu Jesus Christus? In der Diskussion entsteht manchmal der Eindruck, als müsse sich ein Christ zwischen dem Sabbat und seinem Erlöser entscheiden. Auf der einen Seite stehe ein Gebot aus dem Alten Testament, auf der anderen die Freiheit und Gnade des Neuen Bundes. Doch diese Gegenüberstellung wird dem biblischen Gesamtbild nicht gerecht. Denn derselbe Jesus Christus, durch den wir Erlösung empfangen, steht nach dem Zeugnis der Schrift auch im Mittelpunkt der Schöpfung, mit der die Geschichte des Sabbats beginnt.
Das Johannesevangelium führt uns dafür an den Anfang aller Dinge zurück. Johannes erklärt, dass das Wort bereits im Anfang bei Gott war und selbst Gott war. Durch dieses Wort entstand alles, was geschaffen wurde. Wenige Verse später erfahren wir, wer damit gemeint ist: Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns (Johannes 1,14). Johannes spricht also von Jesus Christus, der Mensch wurde und unter den Menschen lebte. Damit eröffnet sich ein bemerkenswerter Zusammenhang. Unser Erlöser ist nicht erst seit seiner Geburt in Bethlehem mit der Menschheit verbunden. Durch ihn hat Gott bereits am Anfang die Welt ins Dasein gerufen.
Paulus bestätigt diese Wahrheit im Kolosserbrief. Er erklärt, dass in Christus alles geschaffen wurde, was im Himmel und auf der Erde ist, und dass alles durch ihn und für ihn besteht (Kolosser 1,16–17). Die Schöpfung ist damit nicht von Christus getrennt. Sie steht von Anfang an in Beziehung zu ihm. Wenn wir deshalb über den siebten Tag nachdenken, betrachten wir nicht eine Einrichtung, die außerhalb seiner Herrschaft entstanden wäre. Der Sabbat gehört zur Schöpfungsordnung Gottes, und diese Schöpfung steht nach dem Neuen Testament in unmittelbarer Verbindung mit Christus.
Im Schöpfungsbericht lesen wir, dass Gott sein Werk vollendete und am siebten Tag ruhte. Er segnete diesen Tag und heiligte ihn. Damit geschah etwas Besonderes. Gott erklärte nicht lediglich, dass seine Arbeit abgeschlossen war. Er gab dem siebten Tag eine eigene Stellung. Diese Heiligung ging nicht vom Menschen aus. Sie war weder das Ergebnis einer religiösen Gewohnheit noch eine Entscheidung einer späteren Glaubensgemeinschaft. Gott selbst sonderte den Tag aus.
Dabei dürfen wir Gottes Ruhe nicht mit menschlicher Erschöpfung verwechseln. Der Schöpfer benötigte keine Erholung, weil ihm seine Kraft ausgegangen wäre. Er ruhte, weil sein Werk vollendet war. Der siebte Tag erinnerte damit von Anfang an an das vollkommene Handeln Gottes. Die Menschen hatten die Welt nicht selbst geschaffen. Sie empfingen das Leben, die Schönheit der Schöpfung und alles, was sie zum Leben brauchten, aus seiner Hand. Auch die Ruhe des siebten Tages war deshalb zuerst mit Gottes Handeln verbunden, nicht mit einer Leistung, die der Mensch erbringen musste.
Vor diesem Hintergrund erhalten die Worte Jesu eine besondere Bedeutung: Er bezeichnet sich ausdrücklich als Herrn des Sabbats (Markus 2,28). Diese Aussage ist weit mehr als die Erklärung eines religiösen Lehrers, der eine bestimmte Vorschrift richtig auslegen möchte. Jesus beansprucht eine Autorität über den Sabbat, die unmittelbar mit seiner göttlichen Stellung verbunden ist. Er begegnet diesem Tag nicht als einer fremden Einrichtung, sondern als der Herr, durch den die Schöpfung ins Dasein kam.
Doch was bedeutet seine Herrschaft über den Sabbat? Der unmittelbare Zusammenhang gibt uns einen wichtigen Hinweis. Jesus erklärt, dass der Sabbat um des Menschen willen gemacht wurde und nicht der Mensch um des Sabbats willen. Mit diesen Worten rückt er den ursprünglichen Zweck des Tages in den Mittelpunkt. Der Mensch sollte nicht unter einer religiösen Last stehen, die sein Leben erschwert und ihn von Gottes Güte entfernt. Die Sabbatruhe sollte ihm vielmehr zum Guten dienen. Sie sollte Raum schaffen für die Gemeinschaft mit Gott, für Erholung und für das, was dem Leben dient.
Diesen Sinn machte Jesus während seines irdischen Wirkens sichtbar. Er heilte Kranke, richtete leidende Menschen auf und verteidigte seine Jünger gegen Vorwürfe, die aus einer verengten Sabbatauslegung entstanden. Dabei zeigte er, dass Barmherzigkeit und notwendige Hilfe nicht im Widerspruch zu Gottes Willen stehen. Er behandelte den Sabbat nicht als einen Tag, an dem menschliche Not unbeachtet bleiben müsste. Unter seiner Herrschaft wurde vielmehr deutlich, dass Gottes Gebote niemals von seiner Liebe und Fürsorge getrennt werden dürfen.
Gleichzeitig dürfen wir aus Jesu Herrschaft über den Sabbat nicht weniger ableiten, als seine Worte tatsächlich bedeuten. Christus besitzt die Vollmacht, den Willen Gottes für diesen Tag zu offenbaren. Deshalb müssen seine Lehre und das Zeugnis seiner Apostel darüber entscheiden, welche Stellung der Sabbat im Neuen Bund besitzt. Seine Autorität darf weder dazu benutzt werden, Gottes frühere Heiligung des siebten Tages ohne biblische Begründung für bedeutungslos zu erklären, noch dürfen wir sie übergehen, wenn wir aus der Schöpfung unmittelbare Verpflichtungen für alle Christen ableiten möchten.
Gerade hier wird deutlich, weshalb der Sabbat niemals gegen Christus ausgespielt werden sollte. Derjenige, durch den Gott die Welt schuf, ist zugleich derjenige, durch den er den gefallenen Menschen erlöst. Schöpfung und Erlösung haben ihren gemeinsamen Mittelpunkt in Jesus Christus. Was der Mensch durch seine Sünde verlor, kann er nicht durch eigene Anstrengung wiederherstellen. Er braucht den Erlöser, der ihm vergibt, ihn erneuert und ihm den Weg zurück in die Gemeinschaft mit Gott eröffnet.
Deshalb kann auch die sorgfältigste Sabbatbeachtung niemanden retten. Kein Mensch wird vor Gott gerecht, weil er an einem bestimmten Wochentag seine Arbeit unterbricht. Niemand kann durch religiöse Gewissenhaftigkeit seine Schuld auslöschen oder sich die Liebe Gottes verdienen. Unsere Erlösung beruht allein auf Jesus Christus und seinem vollkommenen Opfer. Der Sabbat darf niemals an seine Stelle treten. Sobald ein Mensch meint, durch die Einhaltung dieses Tages seine Annahme bei Gott sichern zu können, hat er den Mittelpunkt des Evangeliums aus den Augen verloren.
Doch daraus folgt nicht, dass Gottes Wille für den erlösten Menschen bedeutungslos wäre. Jesus rettet uns nicht, damit wir anschließend unabhängig von ihm leben. Er ruft uns in eine neue Beziehung zu sich, in der Vertrauen, Liebe und Gehorsam zusammengehören. Der Heilige Geist verändert unser Herz und führt uns dazu, Gottes Willen nicht lediglich aus Pflichtgefühl, sondern aus Liebe zu tun. Der Gehorsam ist damit nicht die Ursache unserer Erlösung. Er soll vielmehr aus der Gemeinschaft mit Christus erwachsen.
Auch der Sabbat kann nur innerhalb dieser Beziehung richtig verstanden werden. Wo er aus Angst, religiösem Stolz oder dem Wunsch nach eigener Gerechtigkeit gehalten wird, verliert sich leicht der Blick auf den Herrn, dem dieser Tag gehört. Wo Menschen ihn dagegen als Gabe Gottes achten, kann er sie immer wieder daran erinnern, dass ihr Leben nicht allein von ihrer eigenen Arbeit, ihren Leistungen und ihren Sorgen abhängt. Sie dürfen ihre Tätigkeit unterbrechen und sich bewusst dem Schöpfer zuwenden, von dem sie alles empfangen haben.
Eine weitere Verbindung eröffnet die biblische Aussage über die Heiligung. In Hesekiel 20,12 erklärt Gott gegenüber Israel, dass er ihnen seine Sabbate als Zeichen gegeben hatte, damit sie erkennen sollten, dass er der Herr ist, der sie heiligt. Diese Worte gehören ausdrücklich zum Bund Gottes mit Israel. Ihre damalige Bundesfunktion darf deshalb nicht einfach unverändert auf sämtliche Christen übertragen werden. Doch der darin offenbarte Grundgedanke reicht tief: Nicht der Mensch macht sich durch seine religiösen Werke heilig. Gott ist derjenige, der heiligt.
Im Neuen Testament wird diese Wahrheit durch Jesus Christus besonders deutlich. Durch ihn empfängt der Mensch Vergebung und wird zu einem neuen Leben berufen. Seine Heiligung ist nicht das Ergebnis menschlicher Selbstvervollkommnung, sondern des Wirkens Gottes. Deshalb kann der Sabbat auch auf diese geistliche Wahrheit hinweisen. Er erinnert an den Schöpfer, der sein Werk vollendete, und an den Erlöser, durch dessen Gnade ein sündiger Mensch erneuert werden kann.
Damit hängt auch die tiefere Ruhe zusammen, zu der Christus uns einlädt. Jesus ruft die Mühseligen und Beladenen zu sich und verheißt ihnen Ruhe (Matthäus 11,28). Diese Einladung betrifft mehr als die Erholung des Körpers. Menschen tragen Schuld, Sorgen und Lasten, von denen sie sich nicht aus eigener Kraft befreien können. Christus bietet ihnen Vergebung, Frieden mit Gott und eine neue Hoffnung. Wer ihm vertraut, darf aufhören, seine Rettung aus eigener Leistung erreichen zu wollen.
Diese Ruhe des Glaubens haben wir bereits im Hebräerbrief kennengelernt. Sie reicht weit über eine äußere Arbeitsunterbrechung hinaus und führt den Menschen in das Vertrauen auf Gottes Verheißung. Doch sie wird dort ausdrücklich mit Gottes vollendetem Schöpfungswerk verbunden. Deshalb müssen die Ruhe in Christus und der siebte Schöpfungstag nicht als Gegensätze betrachtet werden. Die eine kann an die Wirklichkeit erinnern, die der andere schenkt. Zugleich ist die geistliche Verbindung für sich allein noch keine vollständige Begründung sämtlicher praktischer Sabbatpflichten.
Ein ähnlicher Zusammenhang zeigt sich in der neuen Schöpfung. Paulus erklärt, dass der Mensch in Christus eine neue Schöpfung ist (2. Korinther 5,17). Der Herr, durch den die ursprüngliche Welt geschaffen wurde, kann auch das Leben eines Menschen erneuern. Er schenkt nicht nur Vergebung für das Vergangene, sondern beginnt etwas Neues im Herzen seiner Kinder. Schöpfung und Erlösung offenbaren damit dieselbe göttliche Macht. Der Mensch empfängt von Gott, was er selbst nicht hervorbringen könnte.
Gerade deshalb besitzt der Sabbatgedanke eine tiefe christliche Bedeutung. Er richtet den Blick weg von der Vorstellung, der Mensch müsse alles aus eigener Kraft leisten. Bei der Schöpfung empfing er das Leben aus Gottes Hand. Bei der Erlösung empfängt er Vergebung und Erneuerung durch Jesus Christus. Und in der Hoffnung auf die zukünftige Vollendung vertraut er darauf, dass derselbe Herr sein Werk zu Ende führen wird. Die Ruhe erinnert damit an Gottes Treue und an die Abhängigkeit des Menschen von seinem Schöpfer.
Auch die Offenbarung des Johannes verbindet die zukünftige Hoffnung der Gläubigen mit der Anbetung des Schöpfers. In Offenbarung 14,6–7 wird eine Botschaft beschrieben, die Menschen aus allen Nationen erreichen soll. Sie werden aufgefordert, Gott die Ehre zu geben und den anzubeten, der Himmel, Erde, Meer und Wasserquellen geschaffen hat. Diese Worte erinnern besonders an die Begründung des vierten Gebots in 2. Mose 20,11. Dort wird die Heiligung des Sabbats ebenfalls damit erklärt, dass Gott Himmel, Erde und Meer geschaffen hat. Eine ähnliche Formulierung findet sich auch in Psalm 146,6. Die sprachliche Verbindung zum vierten Gebot ist deshalb gut begründbar, auch wenn die Offenbarung es an dieser Stelle nicht ausdrücklich nennt.
Hinzu kommt, dass Offenbarung 14,12 die treuen Gläubigen als Menschen beschreibt, die Gottes Gebote und den Glauben an Jesus bewahren. Schöpferanbetung, Treue zu Gottes Geboten und Glaube an Christus stehen damit innerhalb derselben prophetischen Botschaft. Das unterstützt die bleibende Bedeutung von Gottes Schöpfungswerk für seine Nachfolger. Eine ausdrückliche Anweisung zur wöchentlichen Sabbatbeachtung enthält dieser Abschnitt jedoch nicht.
Diese Verbindung begegnet uns bereits in Offenbarung 12,17. Dort wird beschrieben, wie der Drache gegen die übrigen Nachkommen der Frau Krieg führt. Johannes kennzeichnet diese Menschen dadurch, dass sie Gottes Gebote halten und das Zeugnis Jesu haben. Im Zusammenhang der Offenbarung wird der Drache ausdrücklich als Satan bezeichnet. Sein Angriff richtet sich damit gegen Menschen, deren Treue zu Gott und deren Verbundenheit mit Jesus zusammengehören. Beide Stellen, Offenbarung 12,17 und 14,12, verbinden Gottes Gebote mit der Zugehörigkeit zu Christus. Wer behauptet, Gebotstreue habe im christlichen Glauben grundsätzlich keine Bedeutung mehr, muss deshalb auch diese Aussagen erklären. Allerdings nennen beide Stellen den Sabbat nicht ausdrücklich. Ebenso wenig definieren sie an dieser Stelle vollständig, welche Einzelgebote mit den „Geboten Gottes“ gemeint sind. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie den Gehorsam gegenüber Gott nicht als Gegensatz zum Glauben an Christus darstellen, sondern als Kennzeichen der Treue zu ihm. Welche besondere Stellung das vierte Gebot dabei besitzt, muss weiterhin aus der Schöpfung, der Lehre Jesu und dem gesamten neutestamentlichen Zeugnis begründet werden.
Noch weiter führt uns eine Verheißung des Propheten Jesaja. In Jesaja 66,22–23 spricht Gott über einen neuen Himmel und eine neue Erde, die vor ihm bestehen bleiben werden. Unmittelbar danach kündigt er an, dass Menschen an jedem Neumond und an jedem Sabbat vor ihm zur Anbetung zusammenkommen werden. Damit erscheint der Sabbat nicht nur im Zusammenhang mit der ursprünglichen Schöpfung, sondern auch innerhalb einer prophetischen Darstellung der zukünftigen Gottesverehrung. Auch das Neue Testament greift die Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde auf (2. Petrus 3,13; Offenbarung 21,1). Allerdings müssen wir beachten, dass Jesaja zugleich Neumonde erwähnt und die zukünftige Wiederherstellung in Bildern beschreibt, die seinen damaligen Zuhörern vertraut waren. Deshalb ist umstritten, ob sämtliche Einzelheiten als genaue Beschreibung der zukünftigen Zeitordnung zu verstehen sind. Der Abschnitt beweist für sich allein nicht, wie der Sabbat im Neuen Bund heute gehalten werden muss. Er zeigt jedoch ausdrücklich, dass der Sabbat in einer Verheißung vorkommt, die über die gegenwärtige Welt hinausblickt.
Dabei dürfen wir die schwierigen Aussagen des Neuen Testaments nicht beiseiteschieben. Die Briefe der Apostel zeigen deutlich, dass Christen nicht durch die Übernahme der gesamten mosaischen Bundesordnung gerettet werden. Sie warnen vor religiösen Kalenderpflichten, die zur Grundlage gegenseitiger Verurteilung oder zu einem Mittel vermeintlicher Selbstgerechtigkeit werden. Auch die Frage, welche Bedeutung einzelne Tage im Neuen Bund besitzen, muss unter Berücksichtigung dieser Aussagen beantwortet werden.
Doch diese Warnungen dürfen ebenso wenig dazu führen, den Ursprung des Sabbats zu übergehen. Der siebte Tag wurde nach dem Schöpfungsbericht von Gott gesegnet und geheiligt, bevor der Bund am Sinai geschlossen wurde. Das vierte Gebot führt seine besondere Stellung ausdrücklich auf dieses Schöpfungswerk zurück. Jesus bezeichnet sich als seinen Herrn und offenbart seinen menschenfreundlichen Sinn. Diese Aussagen bilden eine positive biblische Grundlage, die weit über das Argument hinausgeht, dass ein ausdrücklicher Abschaffungsvers fehlt.
Gleichzeitig bleibt die Unterscheidung wichtig, die uns durch die gesamte Untersuchung begleitet hat. Die Schöpfungsgrundlage des Sabbats, seine besondere Funktion als Bundeszeichen Israels und seine Bedeutung im christlichen Leben dürfen nicht einfach gleichgesetzt werden. Wer Gottes ursprüngliche Heiligung des siebten Tages bejaht, muss dennoch die Veränderungen des Neuen Bundes ernst nehmen. Wer eine allgemeine Sabbatpflicht bestreitet, muss ebenso erklären, welche Bedeutung die Heiligung bei der Schöpfung und Jesu eigene Sabbatlehre weiterhin besitzen.
Besonders wichtig ist dabei, was wir im Neuen Testament nicht finden: eine ausdrückliche Erklärung, dass Gott den siebten Tag entheiligt und die Heiligkeit des Sabbats auf den ersten Wochentag übertragen hätte. Die Auferstehung Jesu verleiht dem ersten Tag eine unvergleichliche geschichtliche Bedeutung. Christliche Versammlungen an diesem Tag sind ebenfalls bezeugt. Doch die Einsetzung eines neuen wöchentlichen Sabbats wird damit nicht ausdrücklich verbunden. Deshalb sollte zwischen der Feier der Auferstehung und der Behauptung einer göttlichen Änderung des vierten Gebots unterschieden werden.
Am Ende dieser Untersuchung steht somit keine Entscheidung zwischen Christus und dem Sabbat. Christus selbst ist der Mittelpunkt, von dem aus der Sabbat verstanden werden muss. Er ist der Herr der Schöpfung, durch den alles geworden ist. Er ist der Herr des Sabbats, der dessen guten Sinn offenbarte. Und er ist der Erlöser, der Menschen durch seine Gnade vergibt, erneuert und in die Gemeinschaft mit Gott führt.
Wer den Sabbat hält, sollte deshalb nicht zuerst auf seine eigene Gewissenhaftigkeit blicken, sondern auf Jesus Christus. Der Tag darf niemals wichtiger werden als der Herr, dem er gehört. Er soll nicht zur Quelle geistlichen Stolzes oder zum Anlass werden, andere Menschen zu verurteilen. Vielmehr kann er daran erinnern, wie gut Gott ist, wie sehr der Mensch seine Nähe braucht und wie vollständig wir auf seine Gnade angewiesen sind.
Der tiefste Sinn des Sabbats liegt deshalb nicht in einer äußerlichen religiösen Leistung. Er weist auf den Schöpfer hin, dessen Werk vollkommen ist, und auf den Erlöser, dessen Gnade unser Leben erneuert. In Christus gehören Gottes Liebe, sein Wille und seine rettende Macht zusammen.
Wer ihm nachfolgt, soll weder die Gnade geringachten noch Gottes offenbarte Weisungen leichtfertig beiseiteschieben.
Unser Vertrauen gehört allein Jesus Christus. Durch ihn haben wir das Leben empfangen. Durch ihn finden wir Vergebung und Frieden mit Gott. Und durch ihn dürfen wir hoffen, eines Tages vollkommen an jener Ruhe teilzuhaben, die Gott seinem Volk verheißen hat. Er bleibt der Mittelpunkt unseres Glaubens, unserer Hoffnung und unseres Gehorsams.
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Zusammenfassung und Gebet
Die Frage nach dem Sabbat reicht bis an den Anfang der Bibel zurück. Bereits bei der Schöpfung ruhte Gott am siebten Tag, segnete ihn und heiligte ihn. Erst später wurde der Sabbat Bestandteil des Bundes mit Israel und erhielt zusätzliche Bedeutungen als Zeichen der Zugehörigkeit, der Heiligung und der Erinnerung an Gottes Befreiung. Diese verschiedenen Zusammenhänge müssen sorgfältig unterschieden werden. Denn der Bund am Sinai ist nicht der Ursprung der Heiligung des siebten Tages.
Mit Jesus Christus ist tatsächlich eine neue Bundesordnung angebrochen. Die früheren Opfer und der irdische Priesterdienst haben durch ihn ihre Erfüllung gefunden. Auch die Stellung des Menschen zum Gesetz hat sich grundlegend verändert. Niemand wird durch das Halten religiöser Vorschriften gerettet. Unsere Erlösung beruht allein auf Jesu vollkommenem Opfer und der Gnade Gottes. Deshalb darf auch die Sabbatheiligung niemals zu einer Leistung werden, durch die ein Mensch sich Gottes Annahme verdienen möchte.
Doch die Gnade macht Gottes Willen nicht bedeutungslos. Jesus selbst erklärte, dass er nicht gekommen sei, das Gesetz und die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen. Seine Sabbatheilungen offenbarten, dass dieser Tag dem Menschen zum Guten dienen soll. Er verteidigte Barmherzigkeit und notwendige Hilfe gegen Auslegungen, bei denen äußere Vorschriften wichtiger geworden waren als das Wohl des Menschen. Dabei bezeichnete er sich ausdrücklich als Herrn des Sabbats.
Die schwierigeren Aussagen der Apostel dürfen dennoch nicht übergangen werden. Paulus warnt davor, religiöse Tage zum Maßstab der Rechtfertigung oder gegenseitigen Verurteilung zu machen. Das Apostelkonzil verpflichtete die Gläubigen aus den Völkern nicht zur Übernahme der gesamten mosaischen Bundesordnung. Und die apostolischen Briefe enthalten keine ausdrückliche allgemeine Anweisung an alle Christen, den siebten Tag nach den Vorschriften des Sinai-Bundes zu halten. Diese Beobachtungen müssen bei jeder Begründung seiner bleibenden Verbindlichkeit berücksichtigt werden.
Gleichzeitig erklärt das Neue Testament nirgends ausdrücklich, dass Gott die ursprüngliche Heiligung des siebten Tages zurückgenommen oder auf den ersten Wochentag übertragen hätte. Die Auferstehung Jesu am Sonntag besitzt eine unvergleichliche Bedeutung für unseren Glauben. Auch regelmäßige christliche Versammlungen an diesem Tag sind früh bezeugt. Doch weder die Auferstehungsberichte noch die späteren kirchlichen Gewohnheiten enthalten eine ausdrückliche göttliche Einsetzung des Sonntags als neuen Sabbat.
Die Gesamtschau der Schrift gibt deshalb gewichtige Gründe, die besondere Stellung des siebten Tages weiterhin ernst zu nehmen. Seine Grundlage reicht zur Schöpfung zurück, Jesus bezeichnet sich als seinen Herrn, und der Hebräerbrief verbindet Gottes Ruhe weiterhin mit dem siebten Schöpfungstag. Daraus ergibt sich eine positive biblische Begründung für die Bedeutung des Sabbats, die über das bloße Fehlen eines Abschaffungsgebots hinausgeht. Wie seine Verbindlichkeit im Neuen Bund im Einzelnen zu verstehen ist, muss jedoch unter Berücksichtigung des gesamten apostolischen Zeugnisses beurteilt werden.
Der Sabbat kann uns dabei an eine Wahrheit erinnern, die für unser ganzes Glaubensleben entscheidend ist: Wir leben von dem, was Gott für uns getan hat. Er ist unser Schöpfer, der uns das Leben schenkte. Er ist der Herr, der uns durch Jesus Christus von der Sünde erlöst. Und er ist derjenige, der uns durch seinen Heiligen Geist erneuert und heiligt. Keine äußere Handlung kann diese göttlichen Werke ersetzen. Doch wer Gottes Liebe erkennt, möchte auch seinen Willen verstehen und danach leben.
Deshalb sollte die Sabbatfrage niemals zu geistlichem Stolz oder zur Verurteilung anderer Menschen führen. Wir sind aufgerufen, die Schrift gewissenhaft zu prüfen, Gottes Gebote nicht leichtfertig beiseitezuschieben und zugleich die Gnade Christi niemals aus den Augen zu verlieren. Der wahre Wert unseres Glaubens liegt nicht darin, dass wir eine religiöse Auseinandersetzung gewinnen, sondern dass wir Jesus Christus erkennen, ihm vertrauen und ihm aus Liebe nachfolgen.
Im Mittelpunkt steht somit der Herr, dem der Sabbat gehört. Jesus Christus ist unser Schöpfer, unser Erlöser und unsere Hoffnung. Er allein kann unsere Schuld vergeben und uns jene vollkommene Ruhe schenken, auf die Gottes Verheißung hinweist. Ihm gilt unser Vertrauen, und aus der Liebe zu ihm erwächst unser Gehorsam.
Herr Jesus Christus, du bist unser Schöpfer, unser Erlöser und der Herr des Sabbats. Danke, dass du uns nicht nach unseren eigenen Leistungen annimmst, sondern uns durch deine Gnade Vergebung und neues Leben schenkst.
Hilf uns, dein Wort aufrichtig zu verstehen. Bewahre uns davor, menschliche Überlieferungen über deinen Willen zu stellen oder schwierige Aussagen der Schrift zu übergehen, nur weil sie unsere bisherigen Überzeugungen herausfordern.
Schenke uns ein Herz, das deine Gebote liebt, weil es dich liebt. Befreie uns von geistlichem Stolz, von Gesetzlichkeit und von dem Wunsch, über andere Menschen zu urteilen. Lehre uns, die Freiheit deiner Gnade richtig zu verstehen und dir aus Liebe gehorsam zu sein.
Lass uns in deinem Sabbat deine Güte erkennen und daran erinnert werden, dass du unser Leben erhältst und uns heiligst. Hilf uns, deine Ruhe im Glauben zu empfangen und auch anderen Menschen mit Barmherzigkeit und Liebe zu begegnen.
Führe uns durch deinen Heiligen Geist, damit unser ganzes Leben auf dich ausgerichtet bleibt. Amen.
„Also bleibt dem Volke Gottes noch eine Sabbatruhe vorbehalten.“ — Hebräer 4,9
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