Nikodemus
Nikodemus in der Bibel
Nikodemus war ein Pharisäer und ein führender Mann unter den Juden, der im Johannesevangelium dreimal in Verbindung mit Jesus erscheint. Besonders sein nächtliches Gespräch mit Christus macht ihn bedeutsam, weil Jesus ihm die Notwendigkeit der Wiedergeburt durch den Geist erklärt. Seine Geschichte zeigt einen Menschen, der mit Fragen zu Jesus kommt und zunehmend öffentlich mit ihm in Verbindung tritt.
Einführung
Nikodemus gehört zu jenen Menschen im Johannesevangelium, über deren Leben nur wenige Szenen berichtet werden und die dennoch einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Bibel erzählt weder von seiner Herkunft noch von seiner Familie, seiner Kindheit oder seinem späteren Tod. Was sie berichtet, konzentriert sich ganz auf seine Begegnung mit Jesus. Gerade deshalb muss seine Geschichte sorgfältig an diesen wenigen, aber gehaltvollen Aussagen entlang verfolgt werden, ohne Lücken durch Vermutungen oder spätere Überlieferungen zu füllen.
Als Nikodemus zum ersten Mal erscheint, steht Jesus bereits im Mittelpunkt wachsender Aufmerksamkeit. In Jerusalem hatte er Zeichen getan, und viele Menschen waren dadurch auf ihn aufmerksam geworden. Doch Johannes warnt unmittelbar davor, einen solchen Eindruck bereits mit echtem Glauben gleichzusetzen: Jesus kannte das Innere des Menschen und wusste, was im Menschen war. In genau diesem Zusammenhang tritt Nikodemus auf.
Johannes stellt ihn zunächst als einen Mann aus den Pharisäern und als einen „Obersten der Juden“ vor. Damit gehörte er nicht einfach zur Menge der neugierigen Zuhörer. Er war ein religiös geprägter Mann mit Verantwortung und Ansehen, vertraut mit den Schriften und den theologischen Fragen seiner Zeit. Jesus bezeichnet ihn später sogar als „Lehrer Israels“. Dennoch besitzt religiöses Wissen allein nicht die Antwort auf die entscheidende Frage des Lebens.
So beginnt die biblisch greifbare Geschichte des Nikodemus nicht mit seiner Vergangenheit, sondern mit einem Weg durch die Nacht. Er sucht Jesus persönlich auf und eröffnet ein Gespräch, in dem sich sehr schnell zeigt, dass Christus tiefer ansetzt als bei Zeichen, religiöser Stellung oder menschlicher Erkenntnis.
Nikodemus kommt bei Nacht zu Jesus
Johannes 3,1-2 – „1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern, namens Nikodemus, ein Oberster der Juden. 2 Dieser kam des Nachts zu Jesus und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, daß du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm!"
Johannes 3,1-2 – „1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern, namens Nikodemus, ein Oberster der Juden. 2 Dieser kam des Nachts zu Jesus und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, daß du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm!"
Johannes 2,23-25 – „23 Als er aber am Passahfeste in Jerusalem war, glaubten viele an seinen Namen, da sie seine Zeichen sahen, die er tat; 24 Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, weil er alle kannte, 25 und weil er nicht bedurfte, daß jemand über einen Menschen Zeugnis gäbe; denn er wußte selbst, was im Menschen war."
Johannes 3,3-4 – „3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen! 4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Er kann doch nicht zum zweitenmal in seiner Mutter Schoß gehen und geboren werden?"
Die Lebensgeschichte des Nikodemus beginnt in Jerusalem. Johannes hat unmittelbar zuvor berichtet, dass viele Menschen an Jesus glaubten, als sie die Zeichen sahen, die er während des Passahfestes tat. Jesus selbst vertraute sich diesem äußeren Glauben jedoch nicht einfach an, denn er kannte die Menschen und wusste, was in ihnen war. Genau an dieser Stelle führt das Evangelium Nikodemus ein. Seine Begegnung mit Jesus wird damit von Anfang an in die Frage hineingestellt, was echter Glaube ist und ob die Anerkennung außergewöhnlicher Zeichen bereits genügt, um einen Menschen in das Reich Gottes zu führen.
Nikodemus war ein Pharisäer und wird zugleich als ein „Oberster der Juden“ bezeichnet. Später nennt Jesus ihn „den Lehrer Israels“ (Johannes 3,10). Der Text zeichnet damit das Bild eines Mannes, der innerhalb des religiösen Lebens Israels eine bedeutende Stellung besaß und mit den heiligen Schriften vertraut war. Mehr über seinen bisherigen Lebensweg erfahren wir nicht. Die Bibel nennt weder sein Alter noch seine Familie oder den Weg, auf dem er zu seiner Stellung gelangt war. Entscheidend ist vielmehr, dass gerade ein solcher Mann beginnt, Jesus persönlich aufzusuchen.
Nikodemus kommt bei Nacht zu Jesus. Johannes nennt diese Zeitangabe ausdrücklich, erklärt aber nicht, warum er die Nacht wählte. Deshalb lässt sich nicht sicher behaupten, er habe ausschließlich aus Angst oder aus Feigheit gehandelt. Möglich ist, dass die nächtliche Stunde größere Ungestörtheit bot oder dass seine Stellung sein Vorgehen beeinflusste; der Bibeltext legt sich darauf jedoch nicht fest. Sicher ist nur: Nikodemus bleibt nicht bei dem stehen, was andere über Jesus sagen. Er sucht selbst die Begegnung.
Seine ersten Worte zeigen, dass er Jesus bereits ernst nimmt. Er spricht ihn respektvoll als Rabbi an und erklärt: „Wir wissen, daß du ein Lehrer bist, von Gott gekommen.“ Als Begründung verweist er auf die Zeichen Jesu, denn niemand könne solche Zeichen tun, wenn Gott nicht mit ihm sei. Damit erkennt Nikodemus etwas Bedeutendes: Jesu Wirken lässt sich für ihn nicht einfach als gewöhnliche menschliche Tätigkeit erklären. Zugleich reicht seine Aussage noch nicht zu dem vollen Verständnis dessen, wer Jesus ist. Er bezeichnet ihn als einen von Gott gekommenen Lehrer, während das Johannesevangelium Jesus von Anfang an als das fleischgewordene Wort und den einzigartigen Sohn Gottes offenbart.
Auffällig ist außerdem, dass Nikodemus im Plural spricht: „Wir wissen.“ Wer genau mit diesem „wir“ gemeint ist, erklärt Johannes nicht. Es wäre daher zu weitgehend, daraus eine bestimmte Gruppe von heimlichen Anhängern Jesu abzuleiten. Sicher erkennen lässt sich jedoch, dass die Zeichen Jesu auch in Kreisen wahrgenommen wurden, zu denen Nikodemus gehörte. Doch gerade der vorausgehende Abschnitt hat gezeigt, dass Jesus sich nicht mit einer durch Zeichen ausgelösten Zustimmung zufriedengibt. Er kennt den Menschen tiefer, als dieser sich selbst kennt.
Darum beantwortet Jesus die einleitenden Worte des Nikodemus nicht mit einer Diskussion über seine Zeichen und auch nicht mit einer Bestätigung seiner religiösen Einschätzung. Stattdessen führt er das Gespräch unmittelbar zu einer grundsätzlichen Wahrheit: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen“ (Johannes 3,3). Der angesehene Lehrer Israels wird damit nicht zuerst nach seinem Wissen, seiner Stellung oder seiner religiösen Leistung beurteilt. Jesus stellt ihn vor dieselbe Notwendigkeit wie jeden anderen Menschen: Er braucht ein neues Leben, das nicht aus menschlicher Herkunft oder religiöser Zugehörigkeit hervorgeht.
Nikodemus versteht diese Aussage zunächst auf der Ebene der natürlichen Geburt. Er fragt, wie ein Mensch geboren werden könne, wenn er alt sei, und ob er ein zweites Mal in den Leib seiner Mutter eingehen könne. Seine Antwort zeigt, dass er die Bedeutung der Worte Jesu noch nicht erfasst hat. Doch Jesus weist ihn deshalb nicht ab. Aus der ersten vorsichtigen Begegnung entsteht vielmehr ein ausführlicheres Gespräch, in dem Christus erklärt, welche Geburt nötig ist, um in Gottes Reich einzugehen.
Jesus erklärt Nikodemus die neue Geburt
Johannes 3,5-8 – „5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen! 6 Was aus dem Fleische geboren ist, das ist Fleisch, und was aus dem Geiste geboren ist, das ist Geist. 7 Laß dich's nicht wundern, daß ich dir gesagt habe: Ihr müßt von neuem geboren werden! 8 Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen…"
Johannes 3,5-8 – „5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen! 6 Was aus dem Fleische geboren ist, das ist Fleisch, und was aus dem Geiste geboren ist, das ist Geist. 7 Laß dich's nicht wundern, daß ich dir gesagt habe: Ihr müßt von neuem geboren werden! 8 Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen…"
Johannes 3,9-10 – „9 Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie kann das geschehen? 10 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist der Lehrer Israels und verstehst das nicht?"
Hesekiel 36,25-27 – „25 Ich will reines Wasser über euch sprengen, daß ihr rein werdet; von aller eurer Unreinigkeit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen. 26 Und ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euch legen; ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben; 27 ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, d…"
Nikodemus hat Jesu Aussage von der neuen Geburt zunächst im Sinn einer zweiten leiblichen Geburt verstanden. Jesus führt ihn deshalb tiefer. Er erklärt nicht eine Wiederholung des natürlichen Lebens, sondern einen neuen Anfang, den Gott selbst bewirkt: „Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen“ (Johannes 3,5). Damit wird deutlich, dass die Zugehörigkeit zum Reich Gottes nicht durch Abstammung, religiöse Stellung oder menschliche Anstrengung hervorgebracht werden kann. Was Nikodemus braucht, kann er sich nicht selbst geben.
Jesus unterscheidet ausdrücklich zwischen dem, was aus dem Fleisch geboren ist, und dem, was aus dem Geist geboren ist. Menschliches Leben bringt menschliches Leben hervor; die geistliche Erneuerung dagegen stammt vom Geist Gottes. Darum fordert Jesus Nikodemus nicht lediglich auf, seine bisherigen religiösen Bemühungen zu verstärken. Er spricht von einer Geburt, weil ein wirklich neues Leben notwendig ist. Der Mensch kann Gottes Reich nicht dadurch erreichen, dass er sein altes Leben nur verbessert. Er muss von Gott erneuert werden.
Die Verbindung von Wasser und Geist steht dabei nicht ohne alttestamentlichen Hintergrund. Gott hatte durch Hesekiel verheißen, sein Volk mit reinem Wasser zu reinigen, ihm ein neues Herz und einen neuen Geist zu geben und seinen Geist in sein Inneres zu legen (Hesekiel 36,25-27). Reinigung und innere Erneuerung gehören dort zusammen. Jesu Worte an Nikodemus führen somit nicht von den Schriften Israels weg, sondern zu einer Verheißung, die Nikodemus als Lehrer Israels kennen konnte. Der verheißene Neuanfang kommt von Gott und verändert den Menschen von innen her.
Jesus veranschaulicht dieses Wirken anschließend mit dem Wind. Der Wind weht, wo er will; man hört sein Sausen, ohne seinen Ursprung und sein Ziel vollständig erfassen zu können. So ist es, sagt Jesus, mit jedem, der aus dem Geist geboren ist. Der Vergleich bedeutet nicht, dass das Wirken Gottes ohne erkennbare Folgen bliebe. Der Wind selbst ist nicht sichtbar, seine Wirkung aber sehr wohl. Ebenso kann der Heilige Geist nicht durch menschliche Kontrolle oder äußere Formen hervorgebracht werden, doch sein erneuerndes Wirken wird im veränderten Leben sichtbar.
Für Nikodemus bleibt diese Erklärung zunächst schwer verständlich. Seine Frage „Wie kann das geschehen?“ zeigt, dass er den Gedanken noch nicht erfassen kann. Jesus antwortet mit einer ernsten Gegenfrage: „Du bist der Lehrer Israels und verstehst das nicht?“ Seine religiöse Bildung wird damit nicht verspottet, aber sie schützt ihn auch nicht davor, eine grundlegende Wahrheit über Gottes Erneuerung zu übersehen. Wissen über die Schrift und geistliches Verstehen sind nicht automatisch dasselbe.
Gerade darin liegt ein entscheidender Wendepunkt des Gesprächs. Nikodemus war zu Jesus gekommen, weil die Zeichen ihn überzeugt hatten, dass Gott mit diesem Lehrer sein müsse. Nun wird er selbst zum Lernenden. Derjenige, der in Israel lehrt, muss sich von Jesus erklären lassen, dass der Eintritt in Gottes Reich nicht zuerst eine Frage äußerer Zugehörigkeit ist, sondern eines von Gott geschaffenen neuen Lebens.
Damit berührt Jesus das Zentrum dessen, was Nikodemus persönlich braucht. Die neue Geburt ist kein besonderer Zusatz für besonders sündige oder religiös ungebildete Menschen. Jesus spricht allgemein davon, dass jemand von neuem geboren werden muss. Auch der angesehene Pharisäer steht vor Gott nicht aufgrund seines Amtes, seines Wissens oder seiner Herkunft sicher. Sein Leben muss ebenso durch den Geist erneuert werden wie das jedes anderen Menschen.
Doch Jesus belässt Nikodemus nicht bei der Feststellung dessen, was ihm fehlt. Das Gespräch führt weiter zur Frage, warum Jesus selbst mit göttlicher Vollmacht über diese Dinge sprechen kann und wie Gott den Menschen das Leben schenkt, das sie aus eigener Kraft nicht hervorbringen können. Damit richtet sich der Blick zunehmend weg von Nikodemus und hin auf die Person und das Werk Christi.
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Jesus weist Nikodemus auf den erhöhten Menschensohn
Johannes 3,11-15 – „11 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und wir bezeugen, was wir gesehen haben; und doch nehmt ihr unser Zeugnis nicht an. 12 Glaubet ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von den himmlischen Dingen sagen werde? 13 Und niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen, außer dem, der aus dem Himmel herabgestiegen ist, des Mensch…"
Johannes 3,11-15 – „11 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und wir bezeugen, was wir gesehen haben; und doch nehmt ihr unser Zeugnis nicht an. 12 Glaubet ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von den himmlischen Dingen sagen werde? 13 Und niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen, außer dem, der aus dem Himmel herabgestiegen ist, des Mensch…"
4. Mose 21,4-9 – „4 Da zogen sie vom Berge Hor weg auf dem Weg zum Schilfmeer, um der Edomiter Land zu umgehen. Aber das Volk ward ungeduldig auf dem Wege. 5 Und das Volk redete wider Gott und wider Mose: Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt, daß wir in der Wüste sterben? Denn hier ist weder Brot noch Wasser, und unsre Seele hat einen Ekel an dieser schlechten Speise! 6 Da sandte der HERR feurige Schlangen unter…"
Johannes 1,14-18 – „14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. 15 Johannes zeugte von ihm, rief und sprach: Dieser war es, von dem ich sagte: Der nach mir kommt, ist vor mir gewesen, denn er war eher als ich. 16 Und aus seiner Fülle haben wir alle empfangen Gnade um Gnade. 17 Denn das Gesetz wurde d…"
Nachdem Jesus Nikodemus die Notwendigkeit der neuen Geburt erklärt hat, führt er das Gespräch noch weiter. Nikodemus hatte gefragt, wie eine solche Erneuerung geschehen könne. Die Antwort liegt letztlich nicht in einer menschlichen Methode, sondern in dem, der vor ihm steht. Jesus beginnt deshalb, von seiner eigenen Herkunft und seinem zukünftigen Werk zu sprechen. Was Nikodemus über das Reich Gottes verstehen muss, ist untrennbar mit der Person Jesu verbunden.
Jesus erklärt, dass er von Dingen spricht, die er kennt und bezeugt. Zugleich weist er darauf hin, dass sein Zeugnis nicht angenommen wird. Nikodemus war mit der Überzeugung gekommen, Jesus müsse ein von Gott gesandter Lehrer sein. Nun wird diese Einschätzung erweitert: Jesus spricht nicht lediglich aufgrund besonderer religiöser Erkenntnis. Seine Vollmacht gründet in einer einzigartigen Beziehung zum Himmel, die kein gewöhnlicher Lehrer Israels für sich beanspruchen kann.
Darum sagt Jesus: „Niemand ist hinaufgestiegen in den Himmel als nur der, welcher aus dem Himmel herabgestiegen ist, des Menschen Sohn“ (Johannes 3,13). Der genaue Wortlaut dieses Verses weist in den Handschriften eine bekannte Variante auf; für den Hauptgedanken ist jedoch entscheidend, dass Jesus seine himmlische Herkunft hervorhebt. Das Johannesevangelium hatte bereits erklärt, dass das Wort bei Gott war und Fleisch wurde. Nikodemus begegnet also nicht lediglich einem Lehrer, den Gott unterstützt, sondern dem Sohn, der von Gott gekommen ist und ihn offenbart.
Dann greift Jesus eine Geschichte auf, die Nikodemus aus den Schriften Israels kannte. Während Israels Wanderung durch die Wüste hatte das Volk gegen Gott und Mose geredet. Als feurige Schlangen unter das Volk kamen und viele starben, bekannte Israel seine Schuld. Gott ließ Mose daraufhin eine eherne Schlange an einer Stange aufrichten. Wer gebissen worden war und im Vertrauen auf Gottes Wort zu ihr blickte, blieb am Leben (4. Mose 21,4-9).
Jesus erklärt diese Begebenheit nun in Beziehung zu sich selbst: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muß des Menschen Sohn erhöht werden“ (Johannes 3,14). Damit erhält die alte Geschichte eine heilsgeschichtliche Tiefe, die Nikodemus zuvor nicht erkennen konnte. Jesus selbst stellt die Verbindung her; sie ist deshalb keine nachträglich erfundene Symbolik. Wie Gott damals einen Weg zur Rettung für Menschen bereitstellte, die dem Tod ausgeliefert waren, so wird der Menschensohn erhöht werden, damit Menschen durch ihn Leben empfangen.
Die Parallele bedeutet dabei nicht, dass die eherne Schlange in jeder Einzelheit Christus darstellen würde. Der Schwerpunkt liegt auf Gottes bereitgestelltem Rettungsweg und dem glaubenden Blick. Israel konnte das Gift nicht aus eigener Kraft rückgängig machen. Gottes Heilmittel musste angenommen werden. Ebenso weist Jesus Nikodemus darauf hin, dass das ewige Leben nicht durch religiöse Stellung oder menschliche Leistung gewonnen wird, sondern durch Glauben an den von Gott gegebenen Menschensohn.
Mit dem Wort „erhöht“ deutet Jesus bereits auf seinen bevorstehenden Tod hin. Später verwendet das Johannesevangelium denselben Gedanken ausdrücklich für die Art seines Sterbens (Johannes 12,32-33). Nikodemus konnte in jener Nacht noch nicht alles überblicken, was diese Worte bedeuteten. Der Leser des Evangeliums erkennt jedoch, wohin Jesus das Gespräch führt: Die neue Geburt ist möglich, weil Gott selbst in Christus den Weg zur Rettung eröffnet. Das Kreuz wird nicht zu einer Randnotiz des Glaubens, sondern zum Mittelpunkt des göttlichen Heilshandelns.
Damit hat sich die Ausgangsfrage des Nikodemus grundlegend verändert. Er kam zu Jesus, weil dessen Zeichen ihn beeindruckt hatten. Jesus führt ihn von den sichtbaren Zeichen zur Notwendigkeit innerer Erneuerung und von dort zu dem Menschensohn, der erhöht werden muss. Die entscheidende Frage lautet nun nicht mehr nur, ob Jesus ein Lehrer von Gott ist, sondern ob Nikodemus dem Sohn glaubt, durch den Gott ewiges Leben schenkt.
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Nikodemus widerspricht dem vorschnellen Urteil
Johannes 7,45-52 – „45 Nun kamen die Diener zu den Hohenpriestern und Pharisäern zurück, und diese sprachen zu ihnen: Warum habt ihr ihn nicht gebracht? 46 Die Diener antworteten: Nie hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch! 47 Da antworteten ihnen die Pharisäer: Seid auch ihr verführt worden? 48 Glaubt auch einer von den Obersten oder von den Pharisäern an ihn? 49 Aber dieser Pöbel, der das Gesetz nicht kennt, …"
Johannes 7,45-52 – „45 Nun kamen die Diener zu den Hohenpriestern und Pharisäern zurück, und diese sprachen zu ihnen: Warum habt ihr ihn nicht gebracht? 46 Die Diener antworteten: Nie hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch! 47 Da antworteten ihnen die Pharisäer: Seid auch ihr verführt worden? 48 Glaubt auch einer von den Obersten oder von den Pharisäern an ihn? 49 Aber dieser Pöbel, der das Gesetz nicht kennt, …"
5. Mose 1,16-17 – „16 Und ich gebot euren Richtern zu derselben Zeit und sprach: Verhöret eure Brüder und richtet recht zwischen den Brüdern und Fremdlingen; 17 keine Person sollt ihr im Gericht ansehen, sondern ihr sollt den Kleinen hören wie den Großen und euch vor niemand scheuen; denn das Gericht ist Gottes. Wird euch aber eine Sache zu schwer sein, so lasset sie an mich gelangen, daß ich sie höre!"
5. Mose 17,2-7 – „2 Wenn unter dir, in einem deiner Tore, die der HERR, dein Gott, dir geben wird, ein Mann oder ein Weib gefunden wird, welche tun, was vor den Augen des HERRN böse ist, so daß sie seinen Bund übertreten, 3 und hingehen und andern Göttern dienen und sie anbeten, es sei die Sonne oder den Mond oder das gesamte Heer des Himmels, was ich nicht geboten habe; 4 und es wird dir gesagt und du hörst es, s…"
Nach dem nächtlichen Gespräch schweigt das Johannesevangelium zunächst längere Zeit über Nikodemus. Wie er unmittelbar auf Jesu Worte reagierte, wird nicht berichtet. Die Bibel beschreibt weder ein ausdrückliches Glaubensbekenntnis noch eine sofortige Entscheidung. Erst später begegnet er wieder, diesmal nicht allein mit Jesus, sondern mitten in einer angespannten Auseinandersetzung um dessen Person.
Jesus hatte während des Laubhüttenfestes öffentlich in Jerusalem gelehrt. Seine Worte führten unter den Menschen zu unterschiedlichen Reaktionen. Einige hielten ihn für den Propheten, andere für den Christus, während wiederum andere widersprachen. Auch die führenden religiösen Kreise standen ihm ablehnend gegenüber. Die Hohenpriester und Pharisäer hatten Diener ausgesandt, um Jesus festzunehmen, doch diese kehrten ohne ihn zurück und erklärten: „Nie hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch!“
Die Antwort der Pharisäer zeigt, wie stark die Fronten inzwischen geworden waren. Sie warfen den Dienern vor, sich ebenfalls verführen zu lassen, und verwiesen darauf, dass von den Obersten oder Pharisäern angeblich niemand an Jesus glaube. Gerade in diesem Augenblick nennt Johannes erneut Nikodemus. Er erinnert ausdrücklich daran, dass es derselbe Mann ist, „der des Nachts zu ihm gekommen war“ (Johannes 7,50). Dadurch verbindet das Evangelium diese öffentliche Szene bewusst mit seiner früheren persönlichen Begegnung mit Jesus.
Nikodemus erhebt nun einen Einwand: „Richtet unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn gehört und erkannt hat, was er tut?“ (Johannes 7,51). Er erklärt damit noch nicht öffentlich, dass Jesus der Christus sei. Ebenso verteidigt er nicht jede Aussage Jesu im Einzelnen. Sein Argument richtet sich zunächst gegen das Verfahren seiner Kollegen: Ein Mensch soll nicht verurteilt werden, bevor seine Sache gehört und geprüft worden ist.
Diese Forderung entspricht einem Grundsatz, der bereits im Gesetz Israels verankert war. Richter sollten gerecht urteilen und weder Ansehen noch Furcht vor Menschen ihr Urteil bestimmen lassen (5. Mose 1,16-17). Bei schweren Anklagen verlangte das Gesetz außerdem sorgfältige Untersuchung und verlässliche Zeugenaussagen, bevor ein Urteil vollstreckt wurde (5. Mose 17,2-7). Nikodemus erinnert seine Mitstreiter damit an den Maßstab, dem sie sich selbst verpflichtet wussten. Gerade in einer Situation wachsender Ablehnung Jesu fordert er, dass nicht Vorurteil, sondern gerechte Prüfung entscheiden soll.
Die Reaktion auf seine Worte ist scharf. Die anderen antworten: „Bist du auch aus Galiläa? Forsche nach und siehe, aus Galiläa steht kein Prophet auf!“ (Johannes 7,52). Statt seine rechtliche Frage sachlich zu beantworten, richten sie ihren Spott gegen ihn und gegen die Herkunft Jesu. Ihre Antwort zeigt, wie wenig Bereitschaft vorhanden ist, den von Nikodemus angesprochenen Grundsatz tatsächlich anzuwenden. Dabei sagt Johannes nicht, dass Nikodemus darauf noch etwas erwidert hätte.
Diese Szene erlaubt einen vorsichtigen Blick auf seine Entwicklung. In der Nacht hatte Nikodemus Jesus persönlich aufgesucht und Fragen gestellt. Nun ist er bereit, innerhalb seines eigenen Kreises eine Stimme gegen ein vorschnelles Urteil zu erheben. Es wäre jedoch zu weitgehend, daraus bereits jedes Detail seines Glaubensweges abzuleiten. Der Text berichtet keine offene Erklärung seiner Zugehörigkeit zu Jesus. Sicher ist lediglich, dass Nikodemus nicht mehr schweigt, als seine Kollegen über Jesus urteilen wollen, ohne ihn angemessen gehört zu haben.
Damit tritt Nikodemus erstmals sichtbar zwischen Jesus und dessen Gegner. Noch handelt er nicht so öffentlich und eindeutig, wie es später geschehen wird, doch seine Haltung unterscheidet sich bereits von der pauschalen Ablehnung der anderen. Seine Geschichte bleibt damit offen. Das Johannesevangelium begegnet ihm ein letztes Mal unter ganz anderen Umständen: nachdem Jesus tatsächlich verurteilt und gekreuzigt worden ist.
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Nikodemus ehrt den gekreuzigten Jesus
Johannes 19,38-42 – „38 Darnach bat Joseph von Arimathia (der ein Jünger Jesu war, doch heimlich, aus Furcht vor den Juden), den Pilatus, daß er den Leib Jesu abnehmen dürfe. Und Pilatus erlaubte es. Da kam er und nahm den Leib Jesu herab. 39 Es kam aber auch Nikodemus, der vormals bei Nacht zu Jesus gekommen war, und brachte eine Mischung von Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund. 40 Also nahmen sie den Leib Jesu und …"
Johannes 19,38-42 – „38 Darnach bat Joseph von Arimathia (der ein Jünger Jesu war, doch heimlich, aus Furcht vor den Juden), den Pilatus, daß er den Leib Jesu abnehmen dürfe. Und Pilatus erlaubte es. Da kam er und nahm den Leib Jesu herab. 39 Es kam aber auch Nikodemus, der vormals bei Nacht zu Jesus gekommen war, und brachte eine Mischung von Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund. 40 Also nahmen sie den Leib Jesu und …"
Johannes 3,14-15 – „14 Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, also muß des Menschen Sohn erhöht werden, 15 auf daß jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe."
Johannes 12,32-33 – „32 und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. 33 Das sagte er aber, um anzudeuten, welches Todes er sterben würde."
Die letzte sichere biblische Erwähnung des Nikodemus führt unmittelbar zum Tod Jesu. Christus ist gekreuzigt worden, und nun tritt Josef von Arimathia an Pilatus heran und bittet um den Leichnam. Johannes berichtet ausdrücklich, dass Josef ein Jünger Jesu war, allerdings aus Furcht vor den Juden verborgen. Dann nennt er einen zweiten Mann: „Es kam aber auch Nikodemus, der zuerst bei Nacht zu Jesus gekommen war“ (Johannes 19,39). Zum dritten Mal verbindet das Evangelium seine Person mit jener ersten Begegnung.
Nikodemus kommt diesmal nicht zu einem Gespräch in der Nacht, sondern zu dem bereits gestorbenen Jesus. Er bringt eine Mischung aus Myrrhe und Aloe mit, deren Gewicht Johannes mit ungefähr hundert Pfund angibt. Damit handelt es sich um eine außerordentlich große Menge an wohlriechenden Stoffen für die Bestattung. Der Text erklärt nicht, was Nikodemus zu dieser Menge bewogen hat, doch seine Handlung ist alles andere als beiläufig. Gemeinsam mit Josef übernimmt er Verantwortung für eine ehrenvolle Beisetzung Jesu.
Josef und Nikodemus nehmen den Leib Jesu und wickeln ihn zusammen mit den wohlriechenden Stoffen in leinene Tücher, wie es der jüdischen Begräbnissitte entsprach. In der Nähe der Kreuzigungsstätte befand sich ein Garten mit einem neuen Grab, in das noch niemand gelegt worden war. Weil der jüdische Rüsttag angebrochen war und das Grab nahe lag, legten sie Jesus dort hinein. Nikodemus erscheint somit in einem Augenblick, in dem die öffentliche Hoffnung auf Jesus scheinbar vollständig zusammengebrochen ist.
Gerade diese Situation gibt seinem Handeln besonderes Gewicht. Als Jesus Zeichen tat und die Menschen über ihn diskutierten, hatte Nikodemus ihn zunächst nachts aufgesucht. Später hatte er innerhalb seines eigenen Kreises zumindest eine gerechte Anhörung eingefordert. Nun, nachdem Jesus von den führenden Autoritäten verworfen und unter römischer Vollstreckung gekreuzigt worden ist, verbindet sich Nikodemus durch seine Handlung sichtbar mit ihm. Johannes nennt ihn zwar an dieser Stelle nicht ausdrücklich einen Jünger, doch sein Verhalten steht deutlich näher bei Jesus als bei denen, die seinen Tod herbeigeführt hatten.
Dabei sollte nicht mehr behauptet werden, als der Text sagt. Johannes berichtet kein gesprochenes Glaubensbekenntnis des Nikodemus, keine Taufe und keine ausdrückliche Erklärung darüber, wann oder wie er zum Glauben kam. Auch seine inneren Beweggründe werden nicht beschrieben. Dennoch ergibt sich aus den drei Begegnungen eine erkennbare Bewegung: Er sucht Jesus persönlich auf, widerspricht später einem ungerechten Vorgehen gegen ihn und beteiligt sich schließlich an seiner Bestattung. Diese Entwicklung darf wahrgenommen werden, ohne die nicht berichteten inneren Schritte auszuschmücken.
Besonders eindrücklich ist, dass Nikodemus nun vor dem erhöhten Christus steht, nachdem Jesus ihm in jener ersten Nacht gerade davon gesprochen hatte. Damals hatte Christus auf die erhöhte Schlange in der Wüste verwiesen und erklärt, dass auch der Menschensohn erhöht werden müsse, damit jeder, der an ihn glaubt, ewiges Leben habe. Später erklärt Johannes ausdrücklich, dass Jesu „Erhöhung“ auf die Art seines Todes hinweist. Ob Nikodemus während der Bestattung bewusst an diese Worte zurückdachte, sagt die Bibel nicht. Für den Leser des Evangeliums liegt die Verbindung jedoch offen im Erzählverlauf.
Der Mann, der einst durch Jesu Zeichen zu ihm geführt worden war, begegnet nun einem Zeichen ganz anderer Art: dem gekreuzigten Messias. Das Heil, von dem Jesus gesprochen hatte, wird nicht durch menschliche Größe sichtbar, sondern durch seine Hingabe bis in den Tod. Nikodemus kann den Leichnam Jesu ehrenvoll bestatten, aber er kann den Tod nicht rückgängig machen. Das Leben, von dem Christus gesprochen hatte, muss von Gott kommen.
Mit der Bestattung endet die eigentliche biblische Lebensgeschichte des Nikodemus. Johannes berichtet nicht, ob er später zu den Jüngern gehörte, wie lange er noch lebte oder unter welchen Umständen er starb. Auch spätere Überlieferungen können diese Lücke nicht mit biblischer Gewissheit füllen. Seine letzte sichere Spur in der Schrift bleibt deshalb diese Handlung am Grab Jesu: Nikodemus tritt hervor, als der gekreuzigte Christus beigesetzt wird, und erweist ihm in seinem Tod eine außergewöhnliche Ehre.
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Zusammenfassung und Gebet
Nikodemus begegnet uns in der Bibel nur an drei Stellen, doch gerade diese wenigen Szenen ergeben eine bemerkenswerte Lebenslinie. Als Pharisäer, führender Mann unter den Juden und Lehrer Israels besitzt er religiöses Wissen und gesellschaftliches Ansehen. Trotzdem sucht er Jesus persönlich auf. Seine erste Begegnung macht deutlich, dass auch große Schriftkenntnis und religiöse Stellung nicht ersetzen können, was jeder Mensch braucht: die neue Geburt durch den Geist Gottes.
Jesus führt Nikodemus dabei weit über seine anfängliche Einschätzung hinaus. Er ist nicht lediglich ein Lehrer, dessen Zeichen beweisen, dass Gott mit ihm ist. Er ist der vom Himmel gekommene Menschensohn, der erhöht werden muss, damit Menschen durch den Glauben ewiges Leben empfangen. Wie Israel in der Wüste auf Gottes bereitgestellten Rettungsweg angewiesen war, so weist Christus Nikodemus auf das Heil hin, das allein Gott schenkt. Die Erneuerung des Menschen und seine Rettung gehören deshalb zusammen: Neues Leben wird nicht verdient, sondern durch Gottes Geist gewirkt und durch den Glauben an Christus empfangen.
Das Johannesevangelium berichtet nicht ausdrücklich, wann Nikodemus zu einem klaren persönlichen Glaubensbekenntnis gelangte. Es zeigt jedoch eine erkennbare Entwicklung. Zuerst sucht er Jesus im Schutz der Nacht auf. Später erhebt er inmitten seiner Kollegen Einspruch gegen ein vorschnelles Urteil über ihn. Schließlich tritt er nach der Kreuzigung gemeinsam mit Josef von Arimathia hervor und beteiligt sich mit großer Sorgfalt an der Bestattung Jesu. Was in seinem Inneren zwischen diesen Begegnungen geschah, bleibt verborgen; seine Handlungen treten jedoch zunehmend deutlicher hervor.
Seine letzte biblische Erwähnung führt zurück zu einem Gedanken aus jener ersten Nacht. Jesus hatte ihm angekündigt, dass der Menschensohn erhöht werden müsse. Am Ende steht Nikodemus tatsächlich bei dem gekreuzigten Christus. Die Bibel erzählt nicht weiter, was aus ihm wurde, und gibt auch kein ausdrückliches abschließendes Urteil über sein weiteres Leben. Sie lässt ihn dort zurück, wo das Heil sichtbar geworden ist, von dem Jesus ihm gesprochen hatte: beim hingegebenen Sohn Gottes.
Nikodemus erinnert damit daran, dass Christus auch den religiös Wissenden nicht lediglich zu mehr Erkenntnis ruft, sondern zu einem neuen Leben. Fragen dürfen zu Jesus führen, doch sie sollen nicht bei bloßer Bewunderung stehen bleiben. Der Mittelpunkt seiner Geschichte ist letztlich nicht Nikodemus selbst, sondern Christus, der den Menschen offenbart, was er nicht aus eigener Kraft hervorbringen kann, und der sich hingibt, damit der Glaubende ewiges Leben empfängt.
Herr Jesus Christus, danke, dass du Menschen nicht nach ihrem Ansehen, ihrem Wissen oder ihrer religiösen Stellung beurteilst, sondern ihr Herz kennst und ihnen die Wahrheit zeigst, die sie wirklich brauchen. Schenke auch mir ein Leben, das nicht nur äußerlich von dir weiß, sondern durch deinen Geist erneuert wird.
Bewahre mich davor, mich auf eigenes Wissen, gute Werke oder menschliche Sicherheit zu verlassen. Lehre mich, auf dich zu sehen und dir zu vertrauen. Gib mir Mut, zu deiner Wahrheit zu stehen, auch wenn Widerstand entsteht, und lass meinen Glauben nicht nur in Worten, sondern auch in meinem Handeln sichtbar werden.
Danke, dass du dich für uns hingegeben hast und dass in dir Vergebung, neues Leben und ewige Hoffnung liegen. Führe mich immer tiefer in die Erkenntnis deiner Gnade und halte meinen Blick auf dich gerichtet. Amen.
„Denn Gott hat die Welt so geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“ — Johannes 3,16