Dina
Dina in der Bibel: Geschichte, Kontext und Bedeutung
Dina ist die Tochter Jakobs und Leas und die einzige namentlich genannte Tochter Jakobs. Ihre Lebensgeschichte wird vor allem durch das schwere Geschehen in Sichem geprägt, bei dem sie von Sichem, dem Sohn Hamors, gedemütigt wurde und anschließend zum Mittelpunkt eines gewaltsamen Konflikts zwischen ihrer Familie und den Männern der Stadt wurde. Die Bibel berichtet nur wenig über Dina selbst und legt den Schwerpunkt stark auf das Handeln der Menschen um sie herum.
Einführung
Dina wächst in einer außergewöhnlich großen und von Spannungen geprägten Familie auf. Ihr Vater Jakob hatte zwei Frauen, Lea und Rahel, sowie deren Mägde Silpa und Bilha. Zwischen den Frauen bestanden Rivalität und schmerzhafte Konkurrenz um Liebe und Kinder. In diese Familiengeschichte hinein wurde Dina als Tochter Leas geboren, nachdem ihre Mutter bereits mehrere Söhne zur Welt gebracht hatte.
Über Dinas Kindheit erzählt die Bibel nichts. Sie berichtet weder von ihrem Charakter noch von ihrer Beziehung zu ihren Eltern und Brüdern oder von besonderen Ereignissen aus ihren frühen Jahren. Gerade deshalb muss ihre Geschichte mit besonderer Zurückhaltung erzählt werden. Vieles, was moderne Darstellungen über ihre Gedanken, Gefühle oder Motive behaupten, geht über den biblischen Text hinaus.
Als Dina später wieder in den Mittelpunkt tritt, lebt Jakobs Familie nach der Rückkehr aus Paddan-Aram im Gebiet von Sichem. Jakob hatte nach seiner Begegnung mit Esau das Land Kanaan erreicht, dort ein Grundstück erworben und einen Altar errichtet. Seine Familie befand sich nun mitten unter einer Bevölkerung, mit der sie zuvor keine gemeinsame Geschichte gehabt hatte.
In diesem Umfeld beginnt der ausführlichste und zugleich schwerste Abschnitt von Dinas Leben. Die Bibel erzählt, dass sie hinausging, um die Töchter des Landes zu sehen. Was zunächst wie eine knappe Orts- und Situationsangabe erscheint, führt unmittelbar in ein Ereignis hinein, dessen Folgen weit über Dina selbst hinausreichen und ihre gesamte Familie erschüttern sollten.
Dina gerät in Sichems Gewalt
1. Mose 34,1-5 – „1 Dina aber, Leas Tochter, welche sie dem Jakob geboren hatte, ging aus, um die Töchter des Landes zu sehen. 2 Als nun Sichem, der Sohn Hemors, des hevitischen Landesfürsten, sie sah, nahm er sie und tat ihr Gewalt an. 3 Und er wurde anhänglich an Dina, die Tochter Jakobs, und gewann das Mädchen lieb und redete ihr zu. 4 Und Sichem sprach zu seinem Vater Hemor: Nimm mir dieses Mägdlein zum Weibe!…"
1. Mose 34,1-5 – „1 Dina aber, Leas Tochter, welche sie dem Jakob geboren hatte, ging aus, um die Töchter des Landes zu sehen. 2 Als nun Sichem, der Sohn Hemors, des hevitischen Landesfürsten, sie sah, nahm er sie und tat ihr Gewalt an. 3 Und er wurde anhänglich an Dina, die Tochter Jakobs, und gewann das Mädchen lieb und redete ihr zu. 4 Und Sichem sprach zu seinem Vater Hemor: Nimm mir dieses Mägdlein zum Weibe!…"
1. Mose 30,21 – „21 Darnach gebar sie eine Tochter, welche sie Dina hieß."
1. Mose 33,18-20 – „18 Und Jakob kam wohlbehalten bis zur Stadt Sichem, die im Lande Kanaan liegt, nachdem er aus Mesopotamien gekommen war; und er lagerte sich der Stadt gegenüber. 19 Und er kaufte das Grundstück, auf welchem er sein Zelt aufschlug, von der Hand der Kinder Hemors, des Vaters Sichems, um hundert Kesitha 20 und errichtete daselbst einen Altar; den nannte er «Der starke Gott Israels»."
Dina wird erstmals bei der Aufzählung von Leas Kindern ausdrücklich genannt. Nachdem Lea Jakob sechs Söhne geboren hatte, brachte sie eine Tochter zur Welt und gab ihr den Namen Dina. Weitere Angaben über ihre Geburt oder ihre frühen Lebensjahre enthält der Text nicht. Auch ihr Alter bei den späteren Ereignissen in Sichem wird nicht genannt. Was sich über diese Lebensphase sagen lässt, muss deshalb auf den wenigen sicheren Angaben der Schrift beruhen.
Nach vielen Jahren bei Laban kehrte Jakob mit seiner Familie nach Kanaan zurück. Nach der Versöhnung mit Esau gelangte er schließlich wohlbehalten zur Stadt Sichem und schlug sein Lager vor der Stadt auf. Dort kaufte er ein Stück Land und errichtete einen Altar. In diesem Umfeld lebte nun auch Dina mit ihren Eltern und zahlreichen Brüdern.
1. Mose 34 beginnt damit, dass Dina hinausging, „die Töchter des Landes zu sehen“. Der Text erklärt nicht genauer, weshalb sie hinausging, wen sie besuchen wollte oder wie häufig solche Begegnungen stattfanden. Vor allem gibt er keinen Grund, Dina für das verantwortlich zu machen, was anschließend mit ihr geschah. Ihre Entscheidung, die Frauen des Landes kennenzulernen oder zu besuchen, darf nicht nachträglich zur Ursache oder Rechtfertigung für das Handeln Sichems gemacht werden.
Sichem, der Sohn Hamors, des Fürsten dieses Landes, sah Dina. Der Bericht sagt anschließend in dichter Folge, dass er sie nahm, bei ihr lag und sie demütigte. Die verwendete Sprache zeichnet das Geschehen nicht als gewöhnliche Werbung um eine Frau und auch nicht als geordnete Eheschließung. Dina wird genommen und entehrt; später sprechen ihre Brüder ausdrücklich davon, dass an ihr eine schändliche Tat verübt worden sei. Wie genau sich jedes Element des Geschehens vollzog, erklärt die Bibel nicht, doch sie behandelt Dinas Demütigung eindeutig als schweres Unrecht.
Unmittelbar danach berichtet der Text, dass Sichem sich zu Dina hingezogen fühlte, sie liebte und freundlich zu ihr redete. Diese später beschriebenen Gefühle verändern die Bewertung seines vorausgegangenen Handelns nicht. Liebe, Zuneigung oder der Wunsch nach einer Ehe machen eine zuvor begangene Gewalttat nicht rechtmäßig. Gerade die Reihenfolge des Textes ist wichtig: Zuerst geschieht die Demütigung Dinas, danach begehrt Sichem sie zur Frau.
Sichem wandte sich deshalb an seinen Vater Hamor und verlangte, dass dieser ihm Dina zur Frau verschaffe. Damit wurde aus dem Unrecht an Dina eine Angelegenheit zwischen zwei Familien. Auffällig ist jedoch, dass Dina selbst im folgenden Verhandlungsprozess nicht mit einer eigenen Aussage zitiert wird. Die Bibel teilt weder mit, ob sie Sichem heiraten wollte, noch beschreibt sie ihre Gefühle gegenüber ihm. Diese Stille des Textes darf nicht mit Zustimmung gefüllt werden.
Jakob erfuhr unterdessen, dass Sichem seine Tochter entehrt hatte. Seine Söhne befanden sich mit dem Vieh auf dem Feld, und Jakob schwieg zunächst, bis sie zurückkehrten. Warum er in diesem Augenblick schwieg, erklärt der Bericht nicht. Deshalb wäre es unbegründet, daraus Gleichgültigkeit, Zustimmung oder eine bestimmte Strategie abzuleiten. Sicher ist nur, dass die Nachricht nun die Familie erreicht hatte und dass die Reaktion von Dinas Brüdern unmittelbar bevorstand.
Damit wird Dina zum Mittelpunkt eines Konflikts, über dessen weiteren Verlauf andere Männer verhandeln und entscheiden. An ihr wurde Unrecht verübt, doch statt dass der Bericht nun ihre eigene Stimme in den Vordergrund stellt, treten ihr Vater, ihre Brüder, Sichem und Hamor hervor. Gerade deshalb muss bei allem, was nun folgt, sorgfältig unterschieden werden: Das Verbrechen an Dina war wirklich – aber nicht jede Reaktion ihrer Familie darauf war deshalb automatisch gerecht.
Dinas Brüder verhandeln mit Hamor und Sichem
1. Mose 34,6-17 – „6 Inzwischen kam Hemor, Sichems Vater, zu Jakob, um mit ihm zu reden. 7 Als aber die Söhne Jakobs solches hörten, kamen sie vom Felde; und die Männer waren schwer beleidigt und sehr entrüstet, daß man eine solche Schandtat an Israel begangen und Jakobs Tochter beschlafen hatte; denn so pflegte man nicht zu tun. 8 Hemor aber redete mit ihnen und sprach: Mein Sohn Sichem hängt an eurer Tochter; geb…"
1. Mose 34,6-17 – „6 Inzwischen kam Hemor, Sichems Vater, zu Jakob, um mit ihm zu reden. 7 Als aber die Söhne Jakobs solches hörten, kamen sie vom Felde; und die Männer waren schwer beleidigt und sehr entrüstet, daß man eine solche Schandtat an Israel begangen und Jakobs Tochter beschlafen hatte; denn so pflegte man nicht zu tun. 8 Hemor aber redete mit ihnen und sprach: Mein Sohn Sichem hängt an eurer Tochter; geb…"
1. Mose 34,5 – „5 Jakob aber hatte vernommen, daß man seine Tochter Dina entehrt hatte; weil aber seine Söhne beim Vieh auf dem Felde waren, so schwieg er, bis sie kamen."
1. Mose 34,18-24 – „18 Ihre Rede gefiel Hemor und seinem Sohne Sichem wohl; 19 und der Jüngling zögerte nicht, solches zu tun; denn er hatte Lust zu der Tochter Jakobs und war der Angesehenste von seines Vaters Hause. 20 Als nun Hemor und sein Sohn Sichem zum Tor ihrer Stadt kamen, redeten sie mit den Bürgern ihrer Stadt und sprachen: 21 Diese Leute meinen es gut mit uns; sie sollen im Lande wohnen und verkehren! Ha…"
Hamor, Sichems Vater, kam zu Jakob, um über Dina zu sprechen. Währenddessen kehrten Jakobs Söhne vom Feld zurück und erfuhren, was geschehen war. Der Bericht beschreibt ihre Reaktion ausdrücklich: Sie waren betrübt und wurden sehr zornig, weil Sichem an Dina eine Schandtat begangen hatte. Damit erhält das Geschehen eine klare Bewertung. Dinas Brüder reagierten nicht lediglich auf eine verletzte Familienehre, sondern auf ein tatsächliches Unrecht an ihrer Schwester.
Hamor versuchte dennoch, eine Ehe zwischen Sichem und Dina zustande zu bringen. Er erklärte, sein Sohn hänge mit seinem Herzen an Dina, und bat darum, sie ihm zur Frau zu geben. Zugleich weitete er das Angebot aus: Jakobs Familie könne sich mit den Bewohnern des Landes verschwägern, dort wohnen, Handel treiben und Besitz erwerben. Aus der persönlichen Forderung Sichems entwickelte Hamor damit den Vorschlag einer umfassenden Verbindung zwischen beiden Gruppen.
Auch Sichem selbst trat vor Jakob und Dinas Brüder. Er erklärte, er wolle alles geben, was sie als Brautpreis und Geschenk verlangen würden, wenn er Dina zur Frau bekommen könne. Seine Bereitschaft, einen hohen Preis zu zahlen, änderte jedoch nicht die Vorgeschichte. Die Bibel stellt seine späteren Bemühungen nicht so dar, als würden sie das an Dina begangene Unrecht nachträglich ungeschehen machen. Eine Ehe konnte nicht einfach auslöschen, was bereits geschehen war.
Dinas Brüder antworteten Sichem und Hamor jedoch „mit List“. Diese ausdrückliche Bemerkung des Erzählers ist entscheidend für die Bewertung ihres weiteren Vorgehens. Sie erklärten, es sei für sie unmöglich, ihre Schwester einem unbeschnittenen Mann zu geben, weil dies für sie eine Schande sei. Sie würden einer Verbindung nur zustimmen, wenn sämtliche männlichen Bewohner der Stadt sich beschneiden ließen.
Die Beschneidung war innerhalb der Familie Abrahams das von Gott gegebene Bundeszeichen. Sie war Abraham als Zeichen des Bundes gegeben worden und gehörte damit zu einer heiligen Ordnung. Dinas Brüder benutzten dieses Zeichen nun jedoch nicht als Ausdruck echten Glaubens oder einer ernst gemeinten Aufnahme in die Bundesgemeinschaft. Der Erzähler hat bereits erklärt, dass sie täuschend sprachen. Ihre Forderung besaß deshalb eine verborgene Absicht, die Hamor und Sichem nicht kannten.
Nach außen stellten die Brüder eine weitreichende Gemeinschaft in Aussicht. Wenn die Männer der Stadt sich beschneiden ließen, wollten sie ihre Töchter geben, deren Töchter nehmen und gemeinsam mit ihnen wohnen. Sollten die Männer dagegen nicht zustimmen, würden sie Dina nehmen und fortziehen. Damit erschien die Bedingung für Hamor und Sichem als Voraussetzung einer dauerhaften Verbindung der beiden Gemeinschaften.
Hamor und Sichem fanden diesen Vorschlag gut. Von Sichem heißt es sogar, dass er nicht zögerte, die Forderung zu erfüllen, weil er Gefallen an Dina hatte. Er war im Haus seines Vaters angesehen und machte sich gemeinsam mit Hamor daran, die Männer ihrer Stadt von der Beschneidung zu überzeugen. Dabei argumentierten sie nicht nur mit der geplanten Eheschließung, sondern auch mit wirtschaftlichen Vorteilen: Jakobs Familie könne bei ihnen wohnen, und durch gegenseitige Ehen würden schließlich auch Besitz und Vieh miteinander verbunden.
Die Männer der Stadt hörten auf Hamor und Sichem, und alle männlichen Bewohner ließen sich beschneiden. Damit schien die Vereinbarung äußerlich erfüllt zu sein. Doch Dinas Brüder hatten die Beschneidung nicht als ehrliche Bedingung gestellt. Während die Männer der Stadt glaubten, den Weg zu einer friedlichen Verbindung geöffnet zu haben, bereiteten Simeon und Levi einen gewaltsamen Schritt vor, der das Unrecht an Dina nicht einfach bestrafen, sondern die gesamte Stadt treffen sollte.
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Simeon und Levi rächen Dina
1. Mose 34,25-31 – „25 Es begab sich aber am dritten Tag, da sie wundkrank waren, daß die beiden Söhne Jakobs, Simeon und Levi, Dinas Brüder, ein jeder sein Schwert nahmen und unversehens in die Stadt eindrangen und alles Männliche umbrachten. 26 Auch Hemor und dessen Sohn Sichem töteten sie mit des Schwertes Schärfe und holten Dina aus dem Hause Sichems und verließen die Stadt. 27 Die Söhne Jakobs aber fielen über …"
1. Mose 34,25-31 – „25 Es begab sich aber am dritten Tag, da sie wundkrank waren, daß die beiden Söhne Jakobs, Simeon und Levi, Dinas Brüder, ein jeder sein Schwert nahmen und unversehens in die Stadt eindrangen und alles Männliche umbrachten. 26 Auch Hemor und dessen Sohn Sichem töteten sie mit des Schwertes Schärfe und holten Dina aus dem Hause Sichems und verließen die Stadt. 27 Die Söhne Jakobs aber fielen über …"
1. Mose 49,5-7 – „5 Die Brüder Simeon und Levi Mordwerkzeuge sind ihre Messer! 6 Meine Seele komme nicht in ihren Kreis und meine Ehre vereine sich nicht mit ihrer Versammlung! Denn in ihrem Zorn haben sie Männer gemordet und in ihrer Willkür Ochsen verstümmelt. 7 Verflucht sei ihr Zorn, weil er so heftig, und ihr Grimm, weil er so hartnäckig ist! Ich will sie verteilen unter Jakob und zerstreuen unter Israel."
1. Mose 35,1-5 – „1 Und Gott sprach zu Jakob: Mache dich auf, ziehe hinauf nach Bethel und wohne daselbst und baue dort einen Altar dem Gott, der dir erschienen ist, da du vor deinem Bruder Esau flohest! 2 Da sprach Jakob zu seinem Haus und zu allen, die bei ihm waren: Tut von euch weg die fremden Götter, die unter euch sind, und reinigt euch und wechselt eure Kleider! 3 So wollen wir uns aufmachen und nach Bethel…"
Am dritten Tag nach der Beschneidung, als die Männer der Stadt Schmerzen hatten, griffen Simeon und Levi zu den Waffen. Beide waren leibliche Brüder Dinas, denn auch sie waren Kinder Leas. Sie drangen in die nichtsahnende Stadt ein und töteten alle männlichen Bewohner. Hamor und seinen Sohn Sichem erschlugen sie ebenfalls. Danach holten sie Dina aus Sichems Haus und gingen fort.
Diese kurze Bemerkung ist für Dinas Geschichte wichtig. Zum Zeitpunkt des Angriffs befand sie sich offenbar noch im Haus Sichems. Wie sie dorthin gelangt war, unter welchen Bedingungen sie dort blieb und was während der Verhandlungen mit ihr geschah, berichtet die Bibel nicht. Ebenso wird nicht gesagt, ob sie Sichem freiwillig heiraten wollte oder ob sie ihrer Familie irgendwelche Wünsche mitgeteilt hatte. Sicher ist nur, dass Simeon und Levi sie aus seinem Haus herausführten.
Die Gewalt endete jedoch nicht mit dem Tod Sichems. Die übrigen Söhne Jakobs kamen über die Erschlagenen und plünderten die Stadt, weil ihre Schwester entehrt worden war. Sie nahmen Schafe, Rinder, Esel und alles, was sich in Stadt und Feld befand. Auch Besitz, Kinder und Frauen wurden weggeführt. Damit weitete sich die Vergeltung für das an Dina begangene Unrecht auf Menschen aus, von denen der Text nicht sagt, dass sie persönlich an Sichems Tat beteiligt gewesen waren.
Jakob reagierte darauf mit scharfer Kritik an Simeon und Levi. Er warf ihnen vor, ihn bei den Bewohnern des Landes verhasst gemacht zu haben, und fürchtete, dass die umliegenden Völker sich zusammentun und seine Familie vernichten könnten. Seine Worte konzentrieren sich an dieser Stelle besonders auf die gefährlichen Folgen ihres Handelns für den gesamten Haushalt. Eine umfassende moralische Bewertung spricht Jakob erst viel später aus.
Simeon und Levi antworteten mit einer Gegenfrage: „Sollte man unsere Schwester wie eine Hure behandeln?“ Ihre Empörung über die Entehrung Dinas war nicht grundlos. Der Erzähler selbst hatte Sichems Tat bereits als schändliches Unrecht bezeichnet. Doch die Berechtigung ihres Zorns bedeutete nicht, dass jede Form der Vergeltung gerecht war. Die Bibel hält beides nebeneinander: Dina war schweres Unrecht geschehen, und ihre Brüder beantworteten dieses Unrecht mit Täuschung und maßloser Gewalt.
Jahrzehnte später griff Jakob genau diese Tat noch einmal auf. Kurz vor seinem Tod sprach er über Simeon und Levi und erinnerte daran, dass ihre Schwerter Werkzeuge der Gewalttat gewesen waren. Er distanzierte sich ausdrücklich von ihrem Rat und verurteilte ihren Zorn, weil er heftig, und ihren Grimm, weil er grausam gewesen war. Damit liefert die Schrift selbst eine spätere Bewertung, die keinen Raum dafür lässt, das Massaker von Sichem als vorbildliche Verteidigung familiärer Ehre zu rechtfertigen.
Auch Gottes anschließendes Handeln ist bemerkenswert. Nach dem Blutbad befahl er Jakob, nach Bethel zu ziehen und dort einen Altar zu errichten. Jakob forderte daraufhin seine Familie auf, fremde Götter zu beseitigen und sich zu reinigen. Als sie aufbrachen, fiel ein Schrecken Gottes auf die umliegenden Städte, sodass niemand Jakobs Söhne verfolgte. Gottes Schutz bewahrte die Familie vor der befürchteten Vernichtung; er machte die zuvor begangene Gewalt jedoch nicht nachträglich richtig.
Dina selbst spricht während dieses gesamten Abschnitts kein einziges überliefertes Wort. Andere verletzen sie, verhandeln über sie, handeln in ihrem Namen und üben schließlich Rache für das an ihr begangene Unrecht. Gerade deshalb darf ihre Geschichte nicht auf die Taten der Männer um sie herum reduziert werden. Die Schrift gibt ihr keine Schuld an Sichems Gewalt und auch keine Verantwortung für das Blutbad ihrer Brüder. Nachdem sie aus Sichems Haus zurückgeholt worden war, zieht die Familie weiter nach Bethel – und Dinas eigenes weiteres Leben tritt fast vollständig aus dem biblischen Bericht zurück.
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Dina zieht mit Jakobs Familie nach Ägypten
1. Mose 46,6-7 – „6 Sie nahmen auch ihr Vieh und ihre Habe, die sie im Lande Kanaan erworben hatten, und kamen nach Ägypten, Jakob und all sein Same mit ihm: 7 seine Söhne und Enkel, seine Töchter und Enkelinnen, kurz allen seinen Samen brachte er mit sich nach Ägypten."
1. Mose 46,6-7 – „6 Sie nahmen auch ihr Vieh und ihre Habe, die sie im Lande Kanaan erworben hatten, und kamen nach Ägypten, Jakob und all sein Same mit ihm: 7 seine Söhne und Enkel, seine Töchter und Enkelinnen, kurz allen seinen Samen brachte er mit sich nach Ägypten."
1. Mose 46,15 – „15 Das sind die Kinder von Lea, die sie dem Jakob in Mesopotamien gebar, samt seiner Tochter Dina. Diese machen zusammen, mit Söhnen und Töchtern, dreiunddreißig Seelen aus."
1. Mose 46,26-27 – „26 Alle Seelen, die mit Jakob nach Ägypten kamen, welche von seinen Lenden ausgegangen waren, ausgenommen die Weiber der Söhne Jakobs, sind zusammen sechsundsechzig Seelen. 27 Und die Kinder Josephs, die ihm in Ägypten geboren sind, waren zwei Seelen, also daß alle Seelen des Hauses Jakobs, die nach Ägypten kamen, siebzig waren."
Nach den Ereignissen von Sichem verschwindet Dina für lange Zeit aus der erzählenden Darstellung. Die Bibel berichtet nicht, wie sie die Gewalttat gegen sich und die anschließende Rache ihrer Brüder weiter erlebte. Auch über eine mögliche Ehe, eigene Kinder oder ihre Stellung innerhalb von Jakobs Haushalt erfahren wir nichts. Ihre Lebensgeschichte darf an dieser Stelle deshalb nicht mit Vermutungen ergänzt werden.
Jakobs Familie zog nach Sichem zunächst weiter nach Bethel und durchlief danach weitere einschneidende Ereignisse. Rahel starb bei der Geburt Benjamins, Isaak starb später, und schließlich führte die Geschichte Josefs dazu, dass die gesamte Familie nach Ägypten übersiedelte. Dina wird während dieser langen Entwicklung nicht erneut handelnd erwähnt. Dennoch zeigt eine spätere genealogische Angabe, dass sie weiterhin zur Familie gehörte.
Als Jakob wegen der Hungersnot nach Ägypten zog, nahm er seine Söhne, deren Familien und seinen gesamten Besitz mit. Der Bericht betont, dass seine Söhne und seine Töchter beziehungsweise die Angehörigen seines Hauses mit ihm kamen. In der anschließenden Aufzählung der Nachkommen Leas erscheint Dina erneut ausdrücklich mit Namen. Sie wird als Jakobs Tochter innerhalb derselben Familienlinie genannt, in der zuvor ihre Brüder Ruben, Simeon, Levi, Juda, Issaschar und Sebulon aufgeführt werden.
Diese Erwähnung ist knapp, aber biografisch bedeutsam. Sie zeigt, dass Dinas Geschichte nicht mit ihrer Befreiung aus Sichems Haus endete. Jahre später gehörte sie weiterhin zu Jakobs Familie und wird im Zusammenhang mit deren Übersiedlung nach Ägypten genannt. Damit führt ihr letzter sicher greifbarer Lebensabschnitt aus dem Land Kanaan in jenes Land, in dem die Nachkommen Jakobs zu einem großen Volk heranwachsen sollten.
Der Text berichtet jedoch nichts darüber, welche Rolle Dina nach der Ankunft in Ägypten spielte. Es wird weder ein Ehemann noch ein Kind von ihr genannt, und auch ihr Todeszeitpunkt oder ihre Grabstätte sind unbekannt. Daraus lässt sich weder schließen, dass sie unverheiratet blieb, noch dass sie keine Nachkommen hatte. Die Schrift gibt darüber schlicht keine Auskunft.
Auch spätere biblische Bücher greifen Dina nicht noch einmal als eigenständige Person auf. Anders als bei ihren Brüdern entstehen aus ihrem Namen keine Stämme Israels, und das Neue Testament nimmt auf ihre Geschichte nicht ausdrücklich Bezug. Ihre bleibende biblische Bedeutung liegt deshalb vor allem in dem Bericht selbst und in der Art, wie die Schrift darin Schuld und Verantwortung unterscheidet.
Dina wird von der Bibel nicht für das Unrecht verantwortlich gemacht, das Sichem ihr zufügte. Ebenso wird sie nicht für die Täuschung und die maßlose Vergeltung ihrer Brüder verantwortlich gemacht. Andere Menschen handelten an ihr und später vermeintlich für sie, doch ihre Schuld wird nicht auf Dina übertragen. Gerade diese klare Unterscheidung bewahrt ihre Geschichte davor, das Opfer einer Gewalttat zugleich mit der Verantwortung für deren Folgen zu belasten.
Mit ihrer Erwähnung unter den Angehörigen Jakobs, die nach Ägypten kamen, endet die sichere biblische Lebensspur Dinas. Über ihre späteren Jahre und ihren Tod berichtet die Bibel nichts. Was von ihr bleibt, ist eine kurze und ernste Lebensgeschichte innerhalb der Familie Jakobs – eine Geschichte, in der schweres Unrecht weder verschwiegen noch durch ebenso schweres Unrecht gerecht gemacht wird.
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Zusammenfassung und Gebet
Dinas Lebensgeschichte gehört zu den kürzeren, aber schwersten Familiengeschichten der Genesis. Die Bibel erzählt nur wenige Einzelheiten über sie selbst, doch gerade diese Zurückhaltung ist wichtig. Sie erlaubt nicht, Dina Motive, Entscheidungen oder Gefühle zuzuschreiben, die der Text nicht nennt. Sicher ist: Sie war die Tochter Jakobs und Leas, lebte innerhalb der Familie der Verheißung und wurde in Sichem Opfer eines schweren Unrechts.
Der Bericht weist Dina keine Schuld für das zu, was Sichem ihr antat. Dass sie hinausging, um die Töchter des Landes zu sehen, macht sie nicht verantwortlich für seine Entscheidung, sie zu nehmen und zu demütigen. Die Verantwortung bleibt bei demjenigen, der das Unrecht begeht. Auch Sichems spätere Zuneigung und sein Wunsch, Dina zu heiraten, konnten seine vorausgegangene Tat nicht rückwirkend rechtfertigen.
Doch Dinas Geschichte zeigt ebenso, dass berechtigter Zorn über Unrecht nicht jedes Mittel heiligt. Simeon und Levi hatten Grund, über die Entehrung ihrer Schwester empört zu sein. Der biblische Bericht bestätigt ausdrücklich die Schwere dessen, was geschehen war. Trotzdem reagierten sie mit Täuschung, missbrauchten das Zeichen der Beschneidung für ihren Plan und töteten schließlich sämtliche Männer der Stadt. Jahre später verurteilte Jakob ihren gewalttätigen Zorn ausdrücklich.
Damit weigert sich die Schrift, zwischen zwei falschen Extremen zu wählen. Sie verharmlost weder die Gewalt gegen Dina noch erklärt sie die maßlose Vergeltung ihrer Brüder für gerecht. Das erste Unrecht wird nicht dadurch kleiner, dass danach ein zweites geschieht; und das zweite wird nicht dadurch richtig, dass es im Namen eines wirklichen Opfers verübt wird. Schuld und Verantwortung werden jeweils dort belassen, wo sie hingehören.
Bemerkenswert ist auch, wie wenig Macht Dina innerhalb der geschilderten Vorgänge erhält. Männer handeln an ihr, sprechen über sie, verhandeln über ihre Zukunft und üben schließlich in ihrem Namen Gewalt aus. Ihre eigene Stimme wird nicht überliefert. Dieses Schweigen darf nicht dazu benutzt werden, ihr nachträglich Zustimmung oder Ablehnung zuzuschreiben. Es erinnert vielmehr daran, die Grenzen dessen ernst zu nehmen, was die Bibel tatsächlich offenbart.
Nach Sichem geht Dinas Leben weiter, auch wenn die Schrift kaum noch darüber berichtet. Sie blieb Teil von Jakobs Familie und zog später mit ihr nach Ägypten. Dort verliert sich ihre persönliche Lebensspur. Über Ehe, Kinder, spätere Jahre und Tod erfahren wir nichts. Die Bibel lässt diese Fragen offen, statt sie mit einer künstlich vollständigen Lebensgeschichte zu füllen.
Heilsgeschichtlich steht Dina innerhalb jener Familie, durch die Gott seine Abraham gegebene Verheißung weiterführte. Doch ihre Geschichte zeigt zugleich, wie weit diese Familie selbst von Vollkommenheit entfernt war. Gewalt, Täuschung und zerstörerischer Zorn bedrohten den Frieden des Hauses Jakobs, ohne Gottes größeren Erlösungsplan zum Scheitern zu bringen. Die Linie der Verheißung führte trotz menschlicher Schuld weiter und schließlich zu Christus – nicht weil die Menschen dieser Familie fehlerlos waren, sondern weil Gott seinem Wort treu blieb.
Dinas Geschichte hinterlässt deshalb keine einfache Heldenerzählung, sondern eine ernste biblische Wahrheit: Gott nennt Unrecht Unrecht. Das Opfer trägt nicht die Schuld des Täters, und berechtigter Schmerz gibt niemandem das Recht zu grenzenloser Vergeltung. Wo Menschen Gewalt mit neuer Gewalt beantworten, bleibt Gottes gerechtes Urteil der Maßstab. Gerade darin liegt Hoffnung: Das letzte Wort über erlittenes Unrecht gehört weder dem Täter noch dem Rächer, sondern dem Gott, der gerecht richtet und den Unterdrückten Recht schafft.
Herr, du siehst jedes Unrecht und kennst auch das Leid, über das Menschen kaum Worte finden. Gib uns einen klaren Blick für Schuld und Verantwortung und bewahre uns davor, Opfer für das verantwortlich zu machen, was andere ihnen antun. Lehre uns zugleich, berechtigten Zorn nicht in Hass und Vergeltung verwandeln zu lassen. Schenke uns Vertrauen darauf, dass deine Gerechtigkeit vollkommen ist und dass dein Erlösungsplan auch durch die Schuld und Zerbrochenheit menschlicher Familien hindurch Bestand hat. Amen.
„Der HERR übt Gerechtigkeit und schafft Recht allen Unterdrückten.“ Psalm 103,6