Daniel

Daniel in der Bibel

Daniel ist ein Prophet des Alten Testaments, der als Angehöriger Judas nach Babylon verschleppt wurde und dort trotz fremder Herrschaft seinem Gott treu blieb. Gott schenkte ihm Weisheit, Einsicht und prophetische Offenbarungen, durch die weit über Daniels eigenes Leben hinaus Gottes Herrschaft über die Reiche dieser Welt und sein kommendes ewiges Reich sichtbar werden.

Einführung

Daniels Geschichte beginnt in einer Zeit, in der für Juda vieles zusammenbrach, was zuvor Sicherheit vermittelt hatte. Das Volk hatte Gottes Warnungen über lange Zeit missachtet, und schließlich erreichte die angekündigte Gerichtskrise Jerusalem. Gerade in diesem geschichtlichen Einschnitt begegnet uns Daniel erstmals. Die Bibel berichtet nichts über seine Kindheit und nennt auch seine Eltern nicht. Was wir über seine Herkunft wissen, beginnt dort, wo sein bisheriges Leben durch die Macht Babylons plötzlich eine völlig neue Richtung erhält.

Das Buch Daniel verbindet dabei zwei Ebenen, die eng zusammengehören. Einerseits begleitet es einen konkreten Menschen durch das Leben unter wechselnden Herrschern und politischen Mächten. Andererseits öffnet Gott diesem Menschen einen außergewöhnlich weiten Blick auf den Verlauf der Weltgeschichte und auf sein eigenes Handeln im Erlösungsplan. Deshalb darf Daniel weder nur als Vorbild persönlicher Standhaftigkeit noch lediglich als Träger großer Prophezeiungen betrachtet werden. Seine Botschaften gehören zu seinem Leben, und sein Leben bildet den geschichtlichen Rahmen, in dem Gott sie offenbarte.

Von Anfang an liegt die eigentliche Spannung nicht darin, ob Babylon mächtig genug ist, Juda zu besiegen. Die tiefere Frage lautet, ob der Gott Israels auch dann noch Herr der Geschichte ist, wenn sein Volk geschlagen, sein Heiligtum betroffen und Menschen aus Juda in ein heidnisches Weltreich gebracht werden.

Genau an diesem Punkt setzt der biblische Bericht ein. Im dritten Jahr der Regierung Jojakims zieht Nebukadnezar, der König von Babylon, gegen Jerusalem. Unter denen, die anschließend in den Machtbereich Babylons gelangen, befindet sich auch Daniel. Dort beginnt seine biblisch greifbare Lebensgeschichte.

Daniel wird nach Babylon gebracht

Daniel 1,1-7 – „1 Im dritten Jahre der Regierung Jojakims, des Königs von Juda, kam Nebukadnezar, der König von Babel, vor Jerusalem und belagerte es. 2 Und der Herr gab Jojakim, den König von Juda, in seine Gewalt, auch einen Teil der Geräte des Hauses Gottes; diese führte er hinweg in das Land Sinear, in das Haus seines Gottes, und brachte sie daselbst in die Schatzkammer seines Gottes. 3 Und der König befahl …"
Daniel 1,1-7 – „1 Im dritten Jahre der Regierung Jojakims, des Königs von Juda, kam Nebukadnezar, der König von Babel, vor Jerusalem und belagerte es. 2 Und der Herr gab Jojakim, den König von Juda, in seine Gewalt, auch einen Teil der Geräte des Hauses Gottes; diese führte er hinweg in das Land Sinear, in das Haus seines Gottes, und brachte sie daselbst in die Schatzkammer seines Gottes. 3 Und der König befahl …"
Jeremia 25,8-11 – „8 Darum spricht der HERR der Heerscharen also: 9 Weil ihr meinen Worten nicht gehorcht habt, siehe, so sende ich nach allen Geschlechtern des Nordens und hole sie herbei, auch nach meinem Knecht Nebukadnezar, dem König zu Babel, und lasse sie kommen über dieses Land und über alle seine Bewohner und über alle diese Völker ringsum, und ich will sie dem Bann preisgeben und sie zum Entsetzen und zum …"
Daniel 4,8 – „8 bis zuletzt Daniel vor mich kam, der Beltsazar heißt nach dem Namen meines Gottes, und in welchem der Geist der heiligen Götter ist; vor dem erzählte ich meinen Traum:"

Als Daniel erstmals in der Bibel erscheint, ist seine Heimat bereits von einer Entwicklung erfasst, die weit über sein persönliches Leben hinausgeht. Nebukadnezar zieht gegen Jerusalem, und die Stadt gerät unter den Druck Babylons. Daniel beschreibt dieses Geschehen jedoch nicht nur aus politischer Sicht. Gleich zu Beginn heißt es, dass der Herr Jojakim, den König von Juda, und einen Teil der Geräte des Hauses Gottes in Nebukadnezars Hand gab. Der Sieg Babylons bedeutet deshalb nicht, dass der Gott Israels einem fremden Gott unterlegen wäre. Hinter dem sichtbaren Machtwechsel steht Gottes Gericht über ein Volk, das seine wiederholten Warnungen missachtet hatte.

Diese Einordnung stimmt mit der prophetischen Botschaft Jeremias überein. Juda hatte sich über lange Zeit von Gott entfernt und seine Worte nicht gehört. Deshalb kündigte Gott an, Nebukadnezar und die Babylonier als Werkzeug seines Gerichts kommen zu lassen. Die politische Katastrophe geschieht damit nicht außerhalb von Gottes Herrschaft. Gerade das wird für Daniels gesamte Lebensgeschichte von grundlegender Bedeutung: Er wird in eine Welt verschleppt, in der fremde Könige scheinbar über sein Schicksal bestimmen, doch schon der erste Abschnitt seines Buches stellt klar, dass die letzte Herrschaft bei Gott liegt.

Neben den Tempelgeräten lässt Nebukadnezar auch Menschen aus Juda in seinen Machtbereich bringen. Der König befiehlt seinem Obersten, aus den Israeliten geeignete Jünglinge auszuwählen, darunter solche aus königlichem und vornehmem Umfeld. Sie sollen ohne körperlichen Makel, von guter Erscheinung, verständig, kenntnisreich und lernfähig sein, damit sie für den Dienst am babylonischen Königshof ausgebildet werden können. Unter den ausgewählten Judäern befinden sich Daniel, Hananja, Misael und Asarja. Ob Daniel selbst unmittelbar aus dem Königshaus stammte oder zu einer anderen vornehmen Familie gehörte, sagt der Text nicht ausdrücklich. Ebenso nennt die Bibel weder sein genaues Alter noch seine Eltern.

Mit der Verschleppung beginnt für Daniel nicht nur ein Ortswechsel. Babylon plant eine umfassende Ausbildung für den königlichen Dienst. Die ausgewählten Jünglinge sollen die Schrift und Sprache der Chaldäer lernen, täglich von der Speise des Königs und von seinem Wein erhalten und nach drei Jahren vor dem König dienen. Daniel wird damit in eine Umgebung gestellt, deren Sprache, Bildung, politische Ordnung und Religion sich grundlegend von der seines Volkes unterscheiden. Die Bibel verurteilt nicht, dass er diese Sprache und Bildung erlernt. Die eigentliche Frage wird vielmehr sein, ob Daniel innerhalb dieser neuen Welt seine Zugehörigkeit zu Gott bewahrt.

Auch die Namen der vier Judäer werden verändert. Daniel erhält den Namen Beltsazar, Hananja wird Sadrach genannt, Misael Mesach und Asarja Abednego. Später erklärt Nebukadnezar selbst, dass Daniels babylonischer Name Beltsazar nach dem Namen seines Gottes gegeben worden war. Die Umbenennung steht somit in einem religiös geprägten babylonischen Umfeld. Doch der Bericht macht zugleich eine wichtige Grenze sichtbar: Menschen können Daniel einen anderen Namen geben und seine äußeren Lebensbedingungen bestimmen, aber sie besitzen deshalb noch keine Herrschaft über seine Beziehung zu Gott.

Gerade darin liegt die Spannung seiner neuen Lebenssituation. Daniel hat Jerusalem nicht freiwillig verlassen. Er entscheidet weder darüber, welcher Herrscher über ihn verfügt, noch darüber, welche Ausbildung ihm vorgeschrieben oder welcher Name ihm gegeben wird. Die Bibel stellt ihn nicht als Menschen vor, der alle äußeren Umstände kontrollieren kann. Sie führt ihn vielmehr an einen Ort, an dem sich zeigen wird, wie Treue zu Gott unter Bedingungen aussieht, die er selbst nicht gewählt hat.

Gleichzeitig ist Daniel nicht allein. Mit Hananja, Misael und Asarja werden drei weitere Männer aus Juda genannt, die dieselbe Entwurzelung und Ausbildung erleben. Ihre Verbindung wird im weiteren Verlauf eine wichtige Rolle spielen. Schon ihre gemeinsame Einführung macht deutlich, dass Gottes Wirken im Exil nicht auf einen einzelnen außergewöhnlichen Menschen beschränkt bleibt. Mitten im Zentrum einer heidnischen Weltmacht befinden sich Männer aus dem besiegten Juda, deren Geschichte noch zeigen wird, dass politische Unterordnung nicht zwangsläufig geistliche Unterwerfung bedeutet.

So endet Daniels erste biblisch greifbare Lebensphase an einem bemerkenswerten Punkt. Äußerlich scheint Babylon nahezu alles bestimmen zu können: Aufenthaltsort, Ausbildung, Nahrung, Dienst und sogar die Namen der Verschleppten. Doch der Bericht hat bereits zuvor festgehalten, wer tatsächlich über den Verlauf der Geschichte steht. Nun wird Daniel zum ersten Mal vor eine konkrete Entscheidung gestellt, bei der nicht mehr nur über ihn verfügt wird. Bei der ihm zugewiesenen Nahrung muss er selbst entscheiden, wie weit seine Anpassung an Babylon gehen darf.

Weiter: Daniel nimmt sich vor, sich nicht zu verunreinigen

Daniel nimmt sich vor, sich nicht zu verunreinigen

Daniel 1,8-16 – „8 Daniel aber nahm sich vor, sich mit des Königs feiner Speise und mit dem Weine, den er trank, nicht zu verunreinigen; er erbat sich von dem obersten Kämmerer, daß er sich nicht verunreinigen müsse. 9 Und Gott gab Daniel Gnade und Barmherzigkeit vor dem obersten Kämmerer. 10 Und der oberste Kämmerer sprach zu Daniel: Ich fürchte nur meinen Herrn, den König, der euch eure Speise und euer Getränk …"
Daniel 1,8-16 – „8 Daniel aber nahm sich vor, sich mit des Königs feiner Speise und mit dem Weine, den er trank, nicht zu verunreinigen; er erbat sich von dem obersten Kämmerer, daß er sich nicht verunreinigen müsse. 9 Und Gott gab Daniel Gnade und Barmherzigkeit vor dem obersten Kämmerer. 10 Und der oberste Kämmerer sprach zu Daniel: Ich fürchte nur meinen Herrn, den König, der euch eure Speise und euer Getränk …"
Daniel 1,17-21 – „17 Und Gott gab diesen vier Jünglingen Kenntnis und Verständnis für allerlei Schriften und Weisheit; vorzüglich aber machte er Daniel verständig in allen Gesichten und Träumen. 18 Nachdem nun die Zeit, welche der König bestimmt hatte, verflossen war, führte sie der oberste Kämmerer vor Nebukadnezar. 19 Da redete der König mit ihnen; aber keiner unter ihnen allen ward gefunden, der Daniel, Hananja…"
3. Mose 11,1-8 – „1 Und der HERR redete zu Mose und Aaron und sprach zu ihnen: 2 Redet mit den Kindern Israel und sprechet: Das sind die Tiere, die ihr von allem Vieh auf Erden essen dürft: 3 Alle Vielhufer, die ganz gespaltene Klauen haben und wiederkäuen, dürft ihr essen. 4 Aber von den Wiederkäuern und Vielhufern sollt ihr die folgenden nicht essen: das Kamel; denn obschon es wiederkäut, hat es doch keine gespa…"

Mit der Ausbildung am babylonischen Hof beginnt für Daniel eine neue Art der Prüfung. Er kann weder seine Verschleppung rückgängig machen noch bestimmen, welche Sprache er lernen oder welchen Namen er tragen soll. Bei der täglichen Versorgung aus der königlichen Küche berührt die Anpassung jedoch einen Bereich, in dem Daniel eine Grenze erkennt. Der Bericht formuliert auffallend persönlich: Daniel nahm sich in seinem Herzen vor, sich nicht mit der Speise des Königs und mit dessen Wein zu verunreinigen. Seine Treue beginnt damit nicht bei einer spektakulären öffentlichen Tat, sondern bei einer innerlich gefassten Entscheidung.

Warum die königliche Nahrung für Daniel eine Verunreinigung bedeutet hätte, erläutert der Text nicht in allen Einzelheiten. Das Gesetz unterschied jedoch zwischen reinen und unreinen Tieren und regelte damit auch, was Israel essen durfte. Ob daneben weitere Probleme mit der Zubereitung oder der Verwendung der Speisen bestanden, wird in Daniel 1 nicht ausdrücklich erklärt. Deshalb sollte nicht mehr behauptet werden, als der Text trägt. Sicher ist: Daniel erkannte in der ihm angebotenen Versorgung einen Konflikt mit seiner Treue zu Gott und wollte diese Grenze nicht überschreiten.

Dabei handelt Daniel weder provozierend noch eigenmächtig. Er bittet den Obersten der Kämmerer darum, sich nicht verunreinigen zu müssen. Zugleich berichtet die Schrift, dass Gott Daniel bei diesem Mann Gunst und Barmherzigkeit finden ließ. Gottes Wirken hebt Daniels Verantwortung also nicht auf, sondern begleitet seinen gehorsamen Schritt. Dennoch ist die Angelegenheit damit nicht gelöst. Der Beamte fürchtet den König, weil ein schlechter körperlicher Zustand der jungen Männer für ihn selbst gefährliche Folgen haben könnte.

Daniel wendet sich deshalb an den Aufseher, der für ihn und seine drei Gefährten zuständig ist, und schlägt eine begrenzte Prüfung vor. Zehn Tage lang sollen ihnen pflanzliche Nahrung und Wasser gegeben werden. Danach könne der Aufseher ihr Aussehen mit dem der anderen jungen Männer vergleichen und entsprechend entscheiden. Daniel fordert kein Wunder und verlangt auch nicht, dass der Beamte ohne jede Absicherung sein Leben riskiert. Er verbindet seine klare Überzeugung mit einem besonnenen Vorgehen, das dem Verantwortlichen eine überprüfbare Entscheidung ermöglicht.

Nach zehn Tagen erscheinen Daniel und seine Gefährten besser und kräftiger als diejenigen, die von der Speise des Königs gegessen haben. Daraufhin nimmt der Aufseher die vorgesehene Speise und den Wein weg und gibt ihnen weiterhin die gewählte Nahrung. Der Schwerpunkt des Berichtes liegt jedoch nicht darauf, aus diesem einzelnen Ereignis eine allgemeine Garantie für körperliche Ergebnisse nach zehn Tagen abzuleiten. Daniel 1 erzählt von einer konkreten Glaubensprüfung im Exil und davon, dass Gott die Männer in ihrer Treue bewahrt.

Unmittelbar danach weitet sich der Blick von der Nahrung auf ihre gesamte Ausbildung. Gott gibt den vier jungen Männern Erkenntnis und Verständnis in aller Schrift und Weisheit. Daniel erhält darüber hinaus Verständnis für Gesichte und Träume aller Art. Damit wird bereits eine besondere Aufgabe vorbereitet, deren Tragweite Daniel selbst zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig kennen kann. Die Fähigkeiten, durch die er später am babylonischen Hof hervortritt, werden ausdrücklich als Gabe Gottes beschrieben und nicht als Ergebnis außergewöhnlicher menschlicher Begabung allein.

Nach Ablauf der vorgesehenen Ausbildungszeit werden die jungen Männer vor Nebukadnezar gebracht. Der König redet mit ihnen und findet unter allen niemanden wie Daniel, Hananja, Misael und Asarja. In Fragen, die Weisheit und Verständnis verlangen, beurteilt er sie sogar als weit überlegen gegenüber den Gelehrten seines Reiches. Die Männer, die als Gefangene nach Babylon gekommen waren, treten nun in den Dienst des mächtigsten Herrschers ihrer Umgebung. Doch auch hier bleibt die Blickrichtung des Textes dieselbe: Was Babylon auszubilden versucht hat, hat Gott mit Erkenntnis und Weisheit beschenkt.

Daniel 1 endet mit der Bemerkung, dass Daniel bis zum ersten Jahr des Königs Kyrus blieb. Dieser Satz greift weit über die bisher erzählten Ereignisse hinaus und dient zunächst als Ausblick auf die bemerkenswerte Dauer seines Wirkens. Die ausführliche Lebensgeschichte ist an diesem Punkt noch nicht dort angekommen. Zunächst steht Daniel weiterhin am Hof Nebukadnezars. Dort wird seine von Gott geschenkte Einsicht bald nicht mehr nur in einer Prüfungssituation sichtbar werden, sondern angesichts einer königlichen Forderung, an der die Weisheit Babylons selbst scheitert.

Zurück: Daniel wird nach Babylon gebracht Weiter: Daniel sucht Gott wegen Nebukadnezars Traum

Daniel sucht Gott wegen Nebukadnezars Traum

Daniel 2,17-23 – „17 Darauf zog sich Daniel in sein Haus zurück und teilte seinen Mitverbundenen Hananja, Misael und Asarja die Sache mit; 18 damit sie von dem Gott des Himmels Erbarmen erflehen möchten wegen dieses Geheimnisses, damit nicht Daniel und seine Mitverbundenen samt den übrigen Weisen von Babel umkämen. 19 Hierauf wurde dem Daniel in einem Gesicht des Nachts das Geheimnis geoffenbart. Da pries Daniel d…"
Daniel 2,17-23 – „17 Darauf zog sich Daniel in sein Haus zurück und teilte seinen Mitverbundenen Hananja, Misael und Asarja die Sache mit; 18 damit sie von dem Gott des Himmels Erbarmen erflehen möchten wegen dieses Geheimnisses, damit nicht Daniel und seine Mitverbundenen samt den übrigen Weisen von Babel umkämen. 19 Hierauf wurde dem Daniel in einem Gesicht des Nachts das Geheimnis geoffenbart. Da pries Daniel d…"
Daniel 2,1-16 – „1 Und im zweiten Jahre der Regierung Nebukadnezars hatte Nebukadnezar Träume, also daß sein Geist sich beunruhigte und der Schlaf ihn floh. 2 Da befahl der König, man solle die Schriftkundigen und die Wahrsager, die Zauberer und die Chaldäer zusammenrufen, damit sie dem Könige seine Träume kundtäten. Also kamen sie und traten vor den König. 3 Da sprach der König zu ihnen: Ich habe einen Traum geh…"
Daniel 2,24 – „24 Daraufhin ging Daniel zu Arioch, welchen der König bestellt hatte, die Weisen von Babel umzubringen; er nahm ihn beiseite und sprach zu ihm: Bringe die babylonischen Weisen nicht um! Führe mich vor den König, so will ich ihm die Deutung verkündigen."

Nicht lange nach Daniels Eintritt in den königlichen Dienst entsteht eine Krise, die weit über seine erste persönliche Prüfung hinausgeht. Nebukadnezar hat Träume, die ihn so beunruhigen, dass sein Schlaf von ihm weicht. Er ruft die Wahrsager, Beschwörer, Zauberer und Chaldäer zusammen und verlangt von ihnen nicht nur eine Deutung. Sie sollen ihm auch den Traum selbst nennen. Damit fordert der König etwas, das die Gelehrten Babylons aus eigener Kraft nicht leisten können.

Die Chaldäer bitten Nebukadnezar wiederholt, ihnen den Traum mitzuteilen, damit sie ihn auslegen können. Der König bleibt jedoch bei seiner Forderung und droht ihnen mit schwerer Bestrafung, falls sie weder Traum noch Deutung nennen. Schließlich müssen sie offen eingestehen, dass kein Mensch auf Erden eine solche Sache offenbaren könne und dass niemand außer den Göttern, deren Wohnung nicht bei den Menschen sei, dazu fähig wäre. Gerade diese Aussage bereitet den entscheidenden Gegensatz des Kapitels vor. Wo Babylons religiöse und gelehrte Elite an ihre Grenze gelangt, wird sichtbar werden, dass der Gott Daniels Geheimnisse offenbaren kann.

Nebukadnezars Zorn richtet sich daraufhin gegen die Weisen Babylons insgesamt. Der Befehl ergeht, sie zu töten, und davon sind auch Daniel und seine Gefährten betroffen. Daniel scheint bei der ursprünglichen Zusammenkunft mit dem König nicht anwesend gewesen zu sein, denn erst als Arioch, der Oberste der königlichen Leibwache, auszieht, um die Weisen zu töten, erfährt er von der Angelegenheit. Statt in Panik zu handeln, spricht Daniel mit Klugheit und Verstand zu Arioch und erkundigt sich nach dem Grund für den dringenden Befehl.

Nachdem Daniel die Situation erfahren hat, geht er zum König und bittet um Zeit, damit er die Deutung mitteilen könne. Der Bericht sagt nicht, dass Daniel zu diesem Zeitpunkt den Traum bereits kennt. Seine Zuversicht besteht also nicht darin, dass er selbst über verborgenes Wissen verfügt. Er kehrt vielmehr zu Hananja, Misael und Asarja zurück und teilt ihnen die Angelegenheit mit. Gemeinsam sollen sie den Gott des Himmels um Barmherzigkeit wegen dieses Geheimnisses bitten, damit sie nicht zusammen mit den übrigen Weisen Babylons umkommen.

Damit begegnen wir Daniel erstmals ausdrücklich in einer gemeinsamen Gebetssituation. Die vier Männer stehen unter einer Todesdrohung, die sie nicht verursacht haben und die sie aus eigener Weisheit nicht beseitigen können. Daniel sucht deshalb nicht zuerst nach einer menschlichen Methode, um das Unmögliche doch noch zu leisten. Er wendet sich mit seinen Gefährten an den Gott, der das Verborgene kennt. Ihre Bitte zeigt zugleich, dass Daniel die erwartete Offenbarung nicht als Anspruch behandelt, sondern als Barmherzigkeit Gottes erbittet.

In der Nacht wird Daniel das Geheimnis in einem Gesicht offenbart. Die Antwort kommt damit nicht aus der babylonischen Ausbildung, die Daniel erhalten hat, und auch nicht aus einer besonderen menschlichen Fähigkeit. Gott selbst macht ihm bekannt, was der König gesehen hat. Bevor Daniel jedoch zum König geht, richtet er seinen Blick auf den Geber der Offenbarung. Sein erster Schritt nach der erhörten Bitte ist Lobpreis.

Daniel preist den Namen Gottes und bekennt, dass Weisheit und Stärke ihm gehören. Gott verändert Zeiten und Zeitpunkte, setzt Könige ab und setzt Könige ein, gibt den Weisen Weisheit und offenbart das Tiefe und Verborgene. Diese Worte sind für Daniels weitere Lebensgeschichte von großer Bedeutung. Er lebt unter einem Herrscher, dessen Macht gewaltig erscheint, bekennt aber gerade in dessen Reich, dass Könige ihre letztgültige Stellung nicht aus sich selbst besitzen. Der Gott des Himmels steht über den politischen Veränderungen, die für Menschen wie unkontrollierbare Weltgeschichte aussehen.

Daniel dankt Gott ausdrücklich dafür, dass er ihm Weisheit und Kraft gegeben und ihm das Anliegen des Königs bekannt gemacht hat. Er schreibt die Offenbarung weder seiner Frömmigkeit noch seiner Klugheit zu. Ebenso vergisst er seine Gefährten nicht, denn er spricht davon, dass Gott ihnen das Erbetene kundgetan habe. Aus einer lebensbedrohlichen Krise wird so ein neuer Schritt in Daniels prophetischem Dienst: Der Gott, zu dem er im Verborgenen gebetet hat, hat ihm ein Geheimnis eröffnet, das nun vor dem König von Babylon ausgesprochen werden muss.

Zurück: Daniel nimmt sich vor, sich nicht zu verunreinigen Weiter: Daniel offenbart dem König Traum und Deutung

Daniel offenbart dem König Traum und Deutung

Daniel 2,27-30 – „27 Daniel antwortete vor dem König und sprach: Das Geheimnis, nach welchem der König fragt, vermag kein Weiser, Wahrsager, Schriftkundiger oder Sterndeuter dem Könige kundzutun; 28 aber es gibt einen Gott im Himmel, der Geheimnisse offenbart; der hat dem König Nebukadnezar kundgetan, was in spätern Tagen geschehen soll. 29 Mit deinem Traum und den Gesichten deines Hauptes auf deinem Lager verhiel…"
Daniel 2,27-30 – „27 Daniel antwortete vor dem König und sprach: Das Geheimnis, nach welchem der König fragt, vermag kein Weiser, Wahrsager, Schriftkundiger oder Sterndeuter dem Könige kundzutun; 28 aber es gibt einen Gott im Himmel, der Geheimnisse offenbart; der hat dem König Nebukadnezar kundgetan, was in spätern Tagen geschehen soll. 29 Mit deinem Traum und den Gesichten deines Hauptes auf deinem Lager verhiel…"
Daniel 2,31-45 – „31 Du, o König, schautest, und siehe, ein erhabenes Standbild. Dieses große und außerordentlich glänzende Bild stand vor dir und war furchtbar anzusehen. 32 Das Haupt dieses Bildes war von gediegenem Gold, seine Brust und seine Arme von Silber, sein Bauch und seine Lenden von Erz, 33 seine Schenkel von Eisen, seine Füße teils von Eisen und teils von Ton. 34 Du sahest zu, bis ein Stein losgerissen…"
Daniel 2,46-49 – „46 Da fiel der König Nebukadnezar auf sein Angesicht und betete Daniel an und befahl, ihm Speisopfer und Weihrauch darzubringen. 47 Der König hob an und sprach zu Daniel: Wahrhaftig, euer Gott ist ein Gott der Götter und ein Herr der Könige und ein Offenbarer der Geheimnisse, daß du dieses Geheimnis offenbaren konntest! 48 Darauf machte der König den Daniel groß und gab ihm sehr viele Geschenke u…"

Nachdem Gott Daniel das Geheimnis offenbart hat, geht er zu Arioch und bittet ihn, die Weisen Babylons nicht umzubringen. Schon dieser Schritt zeigt, dass Daniel die empfangene Offenbarung nicht nur zur eigenen Rettung benutzt. Auch diejenigen, deren religiöse Vorstellungen und Methoden sich grundlegend von seinem Glauben unterscheiden, sollen von dem Todesurteil verschont bleiben. Arioch führt Daniel daraufhin vor Nebukadnezar und erklärt, einen Mann unter den Weggeführten Judas gefunden zu haben, der dem König die Deutung mitteilen könne.

Nebukadnezar fragt Daniel unmittelbar, ob er tatsächlich imstande sei, den Traum und seine Bedeutung zu nennen. Daniel nutzt diesen Augenblick nicht, um seine eigene Stellung am Hof zu erhöhen. Er erklärt vielmehr, dass weder Weise noch Beschwörer, Wahrsager oder Sterndeuter das Geheimnis enthüllen können, das der König verlangt. Dann richtet er die Aufmerksamkeit auf den entscheidenden Unterschied: Es gibt einen Gott im Himmel, der Geheimnisse offenbart. Was nun folgt, soll deshalb nicht Daniels außergewöhnliche Fähigkeit beweisen, sondern Gottes Offenbarung sichtbar machen.

Daniel betont diesen Punkt noch stärker, indem er ausdrücklich sagt, dass ihm das Geheimnis nicht deshalb offenbart worden sei, weil er mehr Weisheit besitze als andere Menschen. Damit bleibt seine Haltung mit seinem vorherigen Gebet und Lobpreis verbunden. Er hat die Antwort empfangen, aber er beansprucht ihre Quelle nicht für sich. Gerade an einem Hof, an dem außergewöhnliches Wissen Ansehen und Einfluss verschaffen kann, trennt Daniel klar zwischen dem menschlichen Überbringer und dem göttlichen Ursprung der Botschaft.

Dann beschreibt Daniel den Traum, den Nebukadnezar gesehen hatte. Vor dem König stand ein großes und außergewöhnlich glänzendes Bild von furchterregender Erscheinung. Sein Haupt bestand aus feinem Gold, Brust und Arme aus Silber, Bauch und Hüften aus Erz, die Schenkel aus Eisen und die Füße teilweise aus Eisen und teilweise aus Ton. Während Nebukadnezar das Bild betrachtete, löste sich ein Stein ohne menschliches Zutun, traf die Füße des Bildes und zerschmetterte die gesamte Statue. Eisen, Ton, Erz, Silber und Gold wurden wie Spreu vom Wind fortgetragen, während der Stein zu einem großen Berg wurde und die ganze Erde erfüllte.

Nachdem Daniel den Traum genannt hat, beginnt er mit dessen Deutung. Nebukadnezar erhält dabei eine bemerkenswerte Einordnung seiner eigenen Macht. Daniel spricht ihn als König der Könige an, erklärt aber zugleich, dass der Gott des Himmels ihm Königtum, Macht, Stärke und Ehre gegeben habe. Das goldene Haupt bezeichnet Daniel ausdrücklich als Nebukadnezar beziehungsweise als das von ihm verkörperte babylonische Reich. Damit wird die Größe Babylons nicht geleugnet, aber auch nicht als unabhängig von Gott dargestellt.

Auf Babylon soll nach Daniels Erklärung ein anderes, geringeres Reich folgen, danach ein drittes und schließlich ein viertes Reich, das durch die Stärke des Eisens gekennzeichnet ist. Die Füße und Zehen aus Eisen und Ton zeigen anschließend einen geteilten Zustand, in dem Stärke und Zerbrechlichkeit nebeneinander bestehen. Daniel erklärt nicht jedes denkbare geschichtliche Detail dieser Abfolge. Der sichere Schwerpunkt des Traumes liegt zunächst darin, dass kein menschliches Weltreich endgültig bestehen bleibt. Politische Mächte entstehen, verändern sich, lösen einander ab und tragen ihre Vergänglichkeit bereits in sich.

Der Höhepunkt der Offenbarung liegt deshalb nicht bei der Statue, sondern bei dem Stein. Daniel erklärt, dass der Gott des Himmels in den Tagen dieser Könige ein Reich aufrichten wird, das niemals zerstört und keinem anderen Volk überlassen werden wird. Es wird alle vorausgehenden Reiche beenden und selbst ewig bestehen. Während die menschlichen Reiche durch verschiedene Materialien dargestellt werden und schließlich zerfallen, entsteht dieses Reich nicht durch menschliche Macht. Der Stein wird ohne Hände losgelöst. Die Geschichte läuft damit nicht auf die dauerhafte Herrschaft Babylons oder irgendeiner späteren Weltmacht hinaus, sondern auf Gottes unvergängliches Reich.

Daniel schließt seine Deutung mit der Gewissheit, dass der große Gott dem König gezeigt hat, was künftig geschehen wird: Der Traum ist gewiss und seine Deutung zuverlässig. Für Daniels Lebensgeschichte ist das ein entscheidender Schritt. Der Verschleppte aus Juda steht vor dem Herrscher Babylons und verkündet eine Botschaft, die sowohl die gegenwärtige Größe des Königs anerkennt als auch ihre Grenze offenlegt. Daniel kann dies aussprechen, weil die Botschaft nicht aus politischer Berechnung stammt, sondern aus der Offenbarung Gottes.

Nebukadnezar reagiert tief beeindruckt. Er fällt vor Daniel nieder, lässt ihm Gaben bringen und bekennt, dass Daniels Gott ein Gott über den Göttern, ein Herr über die Könige und ein Offenbarer von Geheimnissen sei. Der König erhöht Daniel daraufhin und setzt ihn über die Provinz Babylon sowie über die Weisen Babylons. Daniel vergisst auch in diesem Aufstieg seine Gefährten nicht: Auf seine Bitte erhalten Sadrach, Mesach und Abednego Aufgaben in der Verwaltung der Provinz, während Daniel am Hof des Königs bleibt. Der Mann, der als Weggeführter nach Babylon gekommen war, trägt nun politische Verantwortung im Reich – doch seine eigentliche Bedeutung liegt darin, dass Gott ihn an diesem Ort als Zeugen seiner Herrschaft und seines kommenden ewigen Reiches gebraucht.

Zurück: Daniel sucht Gott wegen Nebukadnezars Traum Weiter: Daniel deutet Nebukadnezars zweiten Traum

Daniel deutet Nebukadnezars zweiten Traum

Daniel 4,16-24 – „16 Sein Herz soll verändert werden, daß es kein menschliches mehr sei, und es soll ihm ein tierisches Herz gegeben werden, und sieben Zeiten sollen darüber vergehen. 17 Im Rat der Wächter wurde das beschlossen und von den Heiligen besprochen und verlangt, damit die Lebendigen erkennen, daß der Höchste Gewalt hat über das Königtum der Menschen und es gibt, wem er will, und den Niedrigsten der Mens…"
Daniel 4,16-24 – „16 Sein Herz soll verändert werden, daß es kein menschliches mehr sei, und es soll ihm ein tierisches Herz gegeben werden, und sieben Zeiten sollen darüber vergehen. 17 Im Rat der Wächter wurde das beschlossen und von den Heiligen besprochen und verlangt, damit die Lebendigen erkennen, daß der Höchste Gewalt hat über das Königtum der Menschen und es gibt, wem er will, und den Niedrigsten der Mens…"
Daniel 4,25-30 – „25 Man wird dich von den Menschen ausstoßen, daß du bei den Tieren des Feldes wohnest; und man wird dich mit Gras füttern wie die Ochsen und dich vom Tau des Himmels benetzen lassen; und es werden sieben Zeiten über dir vergehen, bis daß du erkennst, daß der Höchste Gewalt hat über das Königtum der Menschen und es gibt, wem er will. 26 Weil aber vom Verbleiben des Wurzelstockes des Baumes die Red…"
Daniel 4,31-34 – „31 Noch war dieses Wort im Munde des Königs, da erscholl eine Stimme vom Himmel herab: «Dir wird gesagt, König Nebukadnezar: Das Königreich ist von dir genommen! 32 Und man wird dich von den Menschen verstoßen, und du sollst bei den Tieren des Feldes wohnen; mit Gras wird man dich füttern wie die Ochsen, und sieben Zeiten sollen über dir vergehen, bis du erkennst, daß der Höchste Gewalt hat über …"

Später begegnet Daniel Nebukadnezar erneut als Ausleger eines Traumes. Der König befindet sich zu dieser Zeit in einer völlig anderen Lage als bei seiner ersten Begegnung mit Daniels prophetischer Gabe. Er beschreibt sich als ruhig in seinem Haus und glücklich in seinem Palast. Gerade in dieser scheinbar gesicherten Stellung empfängt er einen Traum, der ihn erschreckt. Wieder können die Weisen Babylons die Bedeutung nicht erklären, und schließlich tritt Daniel vor den König.

Nebukadnezar nennt ihn weiterhin Beltsazar und verbindet diesen Namen ausdrücklich mit dem Namen seines Gottes. Zugleich ist der König überzeugt, dass in Daniel ein besonderer Geist und die Fähigkeit zur Deutung verborgener Dinge vorhanden seien. Der Bericht selbst hatte jedoch bereits gezeigt, woher Daniels Erkenntnis tatsächlich stammt. Daniel ist kein babylonischer Wahrsager, dessen besondere Macht in ihm selbst liegt. Was er weiß, hat Gott ihm gegeben. Diese Unterscheidung bleibt wichtig, auch wenn Nebukadnezar Daniels Begabung aus seiner eigenen religiösen Vorstellungswelt beschreibt.

Der König erzählt Daniel von einem gewaltigen Baum, der immer größer und stärker geworden war. Seine Höhe reichte bis an den Himmel, er war bis an die Enden der Erde sichtbar, trug reichlich Frucht und bot Menschen und Tieren Nahrung und Schutz. Dann erschien ein heiliger Wächter vom Himmel und befahl, den Baum zu fällen. Nur der Wurzelstock sollte in der Erde zurückbleiben. Der Traum wechselte dabei von der Darstellung des Baumes zu einer Person, deren menschliches Herz verändert und der ein tierisches Herz gegeben werden sollte, bis sieben Zeiten über sie hingegangen wären.

Als Daniel die Bedeutung erkennt, ist er für eine Zeit erschrocken. Nebukadnezar bemerkt seine Reaktion und fordert ihn auf, sich weder vom Traum noch von seiner Deutung erschrecken zu lassen. Daniel antwortet zunächst mit dem Wunsch, der Traum möge vielmehr den Feinden des Königs gelten. Diese Reaktion zeigt keine Freude über das bevorstehende Gericht. Obwohl Daniel selbst als Weggeführter unter der Herrschaft Babylons lebt, behandelt er die ernste Botschaft nicht als Gelegenheit zur Schadenfreude über den mächtigen König.

Dann spricht Daniel die Deutung offen aus. Der große Baum stellt Nebukadnezar selbst dar. Seine Macht ist gewachsen und seine Herrschaft weit ausgedehnt worden. Doch weil der himmlische Wächter das Fällen des Baumes angeordnet hat, wird der König aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestoßen werden und mit den Tieren des Feldes leben. Dieser Zustand soll andauern, bis Nebukadnezar erkennt, dass der Höchste über das Königtum der Menschen herrscht und es gibt, wem er will.

Der stehen gelassene Wurzelstock zeigt jedoch, dass das angekündigte Gericht nicht auf die endgültige Vernichtung des Königtums zielt. Nebukadnezars Herrschaft soll ihm wiedergegeben werden, nachdem er erkannt hat, dass der Himmel herrscht. Damit kehrt dieselbe Wahrheit wieder, die Daniel bereits im ersten großen Traum verkündet hatte: Weltliche Herrschaft besitzt keine unabhängige letzte Autorität. Der Gott, der Könige einsetzt und absetzt, kann auch einen Herrscher demütigen und wiederherstellen.

Daniel beschränkt sich nicht auf die Erklärung dessen, was geschehen wird. Er wendet sich persönlich an Nebukadnezar und gibt ihm einen eindringlichen Rat. Der König soll seine Sünden durch Gerechtigkeit und seine Ungerechtigkeiten durch Barmherzigkeit gegen die Elenden abbrechen. Daniel behandelt die Prophetie damit nicht als unabwendbares Schicksal, bei dem menschliche Verantwortung bedeutungslos wäre. Die Warnung Gottes ruft den König zur Umkehr. Das kommende Gericht steht in einem moralischen Zusammenhang mit seinem Verhalten.

Zwölf Monate vergehen. Nebukadnezar geht auf dem königlichen Palast in Babylon umher und spricht über das große Babylon, das er nach seinen Worten durch seine gewaltige Macht und zu Ehren seiner Herrlichkeit erbaut habe. Noch während diese Worte in seinem Mund sind, ergeht eine Stimme vom Himmel. Das angekündigte Gericht trifft ihn, und die Deutung Daniels erfüllt sich. Gerade dort, wo der König seine eigene Macht verherrlicht, wird ihm vor Augen geführt, wie abhängig seine Herrschaft tatsächlich von Gott ist.

Nach Ablauf der bestimmten Zeit erhebt Nebukadnezar seine Augen zum Himmel, und sein Verstand kehrt zu ihm zurück. Er lobt den Höchsten, dessen Herrschaft ewig und dessen Reich von Geschlecht zu Geschlecht besteht. Schließlich bekennt er, dass Gott diejenigen erniedrigen kann, die in Hochmut wandeln. Daniel tritt am Ende dieses Geschehens nicht mehr in den Vordergrund. Seine Aufgabe bestand darin, Gottes Warnung wahrheitsgemäß zu erklären und den mächtigen Herrscher zur Umkehr zu rufen. Das Ergebnis liegt nicht in Daniels Hand – doch die Botschaft, die er ausgesprochen hat, bestätigt erneut die Herrschaft des Gottes, dem er im Exil dient.

Zurück: Daniel offenbart dem König Traum und Deutung Weiter: Daniel sieht vier Weltreiche und Gottes Gericht

Daniel sieht vier Weltreiche und Gottes Gericht

Daniel 7,1-14 – „1 Im ersten Jahre Belsazars, des Königs von Babel, hatte Daniel einen Traum und Gesichte seines Hauptes auf seinem Lager. Er schrieb den Traum alsbald auf, und dies ist der vollständige Bericht. 2 Daniel hob an und sprach: Ich schaute des Nachts in meinem Gesichte und siehe, die vier Winde brachen los auf das große Meer; 3 und vier große Tiere stiegen aus dem Meer empor, ein jedes verschieden vom…"
Daniel 7,1-14 – „1 Im ersten Jahre Belsazars, des Königs von Babel, hatte Daniel einen Traum und Gesichte seines Hauptes auf seinem Lager. Er schrieb den Traum alsbald auf, und dies ist der vollständige Bericht. 2 Daniel hob an und sprach: Ich schaute des Nachts in meinem Gesichte und siehe, die vier Winde brachen los auf das große Meer; 3 und vier große Tiere stiegen aus dem Meer empor, ein jedes verschieden vom…"
Daniel 7,15-18 – „15 Da ich, Daniel, deshalb in meinem Geist beunruhigt ward und die Gesichte meines Hauptes mich ängstigten, 16 näherte ich mich einem der Umstehenden und erbat von ihm sichere Auskunft über das alles. Der redete mit mir und tat mir die Bedeutung der Dinge kund: 17 Jene großen Tiere, vier an der Zahl, bedeuten, daß vier Könige auf Erden erstehen werden; 18 aber die Heiligen des Höchsten werden die…"
Daniel 7,23-28 – „23 Er sprach: Das vierte Tier bedeutet ein viertes Reich, das auf Erden entstehen wird; das wird sich von allen andern Königreichen unterscheiden und wird alle Länder fressen, zerstampfen und zermalmen. 24 Und die zehn Hörner bedeuten, daß aus diesem Reich zehn Könige aufstehen werden; und ein anderer wird nach ihnen aufkommen, der wird verschieden sein von seinen Vorgängern und wird drei Könige …"

Im ersten Jahr Belsazars, des Königs von Babylon, erhält Daniel selbst einen Traum und Gesichte auf seinem Lager. Damit liegt dieses Ereignis zeitlich vor dem später berichteten Untergang Belsazars. Daniel schreibt den Traum anschließend nieder und hält dessen wesentlichen Inhalt fest. Nachdem er zuvor Träume anderer gedeutet hatte, wird er nun selbst zum unmittelbaren Empfänger einer umfassenden prophetischen Offenbarung.

Daniel sieht, wie die vier Winde des Himmels das große Meer aufwühlen. Aus dem Meer steigen nacheinander vier große Tiere empor, die sich deutlich voneinander unterscheiden: zunächst eines wie ein Löwe mit Adlerflügeln, danach eines wie ein Bär, anschließend ein leopardengleiches Tier mit vier Flügeln und vier Köpfen und schließlich ein viertes Tier, das Daniel als schrecklich, furchtbar und außerordentlich stark beschreibt. Es besitzt eiserne Zähne und zehn Hörner. Während Daniel die Hörner betrachtet, wächst zwischen ihnen ein weiteres, kleineres Horn hervor, vor dem drei der bisherigen Hörner ausgerissen werden.

Die Vision erklärt ihre Grundstruktur selbst. Die vier großen Tiere stehen für vier Könige beziehungsweise aufeinanderfolgende Herrschaftsmächte, und beim vierten Tier wird ausdrücklich von einem vierten Königreich auf Erden gesprochen. Die Abfolge entspricht in ihrer Grundlinie dem vorherigen Traum Nebukadnezars in Daniel 2: Auf Babylon folgen weitere Reiche, bis die Geschichte schließlich in Gottes endgültige Herrschaft mündet. In der historisch-prophetischen Einordnung führen diese vier Reiche von Babylon über Medo-Persien und Griechenland bis zum Römischen Reich. Die Bildsprache ist anders als bei der Statue, doch der Verlauf der Weltreiche folgt derselben großen Linie.

Daniels Aufmerksamkeit richtet sich besonders auf das vierte Tier und das kleine Horn. Dieses Horn besitzt Augen wie Menschenaugen und einen Mund, der große Worte redet. Die spätere Erklärung beschreibt eine Macht, die nach den zehn Hörnern aufkommt, sich von ihnen unterscheidet, drei Könige erniedrigt, Worte gegen den Höchsten redet, die Heiligen bedrängt und darauf ausgeht, Zeiten und Gesetz zu verändern. Für eine bestimmte prophetische Zeit wird ihr Macht eingeräumt. Die Vision zeigt damit nicht nur politische Aufeinanderfolge, sondern auch einen Konflikt, der Gottes Herrschaft, sein Gesetz und sein Volk berührt.

Doch gerade an diesem Punkt wechselt das Bild grundlegend. Daniel sieht Throne aufgestellt und den Alten an Tagen sich setzen. Das Gericht beginnt, und Bücher werden geöffnet. Die Macht des prahlerischen Hornes ist deshalb nicht unbegrenzt. Was auf Erden groß, einschüchternd und dauerhaft erscheinen kann, steht selbst unter dem Gericht des Himmels. Die Vision führt Daniel damit hinter die sichtbaren Machtkämpfe der Geschichte und zeigt ihm eine himmlische Gerichtsszene, in der Gott das letzte Urteil spricht.

Anschließend sieht Daniel in den Wolken des Himmels einen kommen, der einem Menschensohn gleicht. Er gelangt zu dem Alten an Tagen und empfängt Herrschaft, Ehre und Königtum. Alle Völker, Nationen und Sprachen sollen ihm dienen; seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergeht, und sein Reich wird nicht zerstört. Jesus greift die Bezeichnung „Menschensohn“ später wiederholt für sich selbst auf und verbindet sie ausdrücklich mit Daniel 7. Die prophetische Linie führt deshalb über die vergänglichen Reiche dieser Welt hinaus zu Christus und seiner unvergänglichen Königsherrschaft.

Auch Gottes Volk erscheint in dieser Offenbarung. Daniel erfährt, dass die Heiligen des Höchsten das Reich empfangen und schließlich besitzen werden. Gleichzeitig verschweigt die Vision nicht, dass sie zuvor bedrängt werden. Das Reich Gottes setzt sich also nicht deshalb durch, weil seine Gläubigen jeder Verfolgung entgehen. Ihre Hoffnung liegt darin, dass das Gericht zugunsten der Heiligen entscheidet und Gottes Reich am Ende Bestand hat, während die Mächte, die sich gegen ihn erheben, ihre Herrschaft verlieren.

Für Daniel ist diese Offenbarung keineswegs nur faszinierendes prophetisches Wissen. Er berichtet ausdrücklich, dass sein Geist in ihm beunruhigt wird und die Gesichte ihn erschrecken. Deshalb nähert er sich einem der dort Stehenden und bittet um Erklärung. Auch nachdem er die Deutung erhalten hat, beschäftigen ihn seine Gedanken so sehr, dass sich seine Gesichtsfarbe verändert. Daniel begegnet Prophetie damit nicht als distanzierter Beobachter, der lediglich historische Informationen sammelt. Was ihm über Konflikt, Verfolgung und Gericht gezeigt wird, bewegt ihn persönlich.

Am Ende behält Daniel die Sache in seinem Herzen. Er hat eine weit größere Sicht auf den Verlauf der Geschichte erhalten, aber diese Erkenntnis macht ihn nicht zum Herrn über die Zukunft. Sie zeigt ihm vielmehr erneut, wer über ihr steht. Reiche steigen auf und fallen, Mächte bedrängen Gottes Volk, und menschliche Herrschaft kann sich gegen den Höchsten erheben. Doch das Gericht gehört Gott, und das letzte Reich wird dem Menschensohn und seinem Volk gegeben. Diese Offenbarung bildet den prophetischen Hintergrund für weitere Gesichte, die Daniel noch während der Herrschaft Belsazars empfangen wird.

Zurück: Daniel deutet Nebukadnezars zweiten Traum Weiter: Daniel sieht den Widder, den Ziegenbock und das Heiligtum

Daniel sieht den Widder, den Ziegenbock und das Heiligtum

Daniel 8,1-14 – „1 Im dritten Jahre der Regierung des Königs Belsazar erschien mir, Daniel, ein Gesicht, nach jenem, welches mir im Anfang erschienen war. 2 Und ich schaute im Gesichte, und es war, während ich schaute, als ob ich mich in der Burg Susa, die in der Landschaft Elam liegt, befände, und ich sah mich im Gesicht am Flusse Ulai. 3 Und ich hob meine Augen auf und schaute und siehe, da stand vor dem Flusse…"
Daniel 8,1-14 – „1 Im dritten Jahre der Regierung des Königs Belsazar erschien mir, Daniel, ein Gesicht, nach jenem, welches mir im Anfang erschienen war. 2 Und ich schaute im Gesichte, und es war, während ich schaute, als ob ich mich in der Burg Susa, die in der Landschaft Elam liegt, befände, und ich sah mich im Gesicht am Flusse Ulai. 3 Und ich hob meine Augen auf und schaute und siehe, da stand vor dem Flusse…"
Daniel 8,15-26 – „15 Es begab sich aber, als ich, Daniel, das Gesicht sah und es zu verstehen suchte, siehe, da stand es vor mir wie die Gestalt eines Mannes. 16 Und ich hörte vom Ulai her eine Menschenstimme, welche rief und sprach: Gabriel, erkläre diesem das Gesicht! 17 Da kam er neben mich zu stehen; als er aber kam, erschrak ich so sehr, daß ich auf mein Angesicht fiel. Und er sprach zu mir: Wisse, Menschenso…"
Daniel 8,27 – „27 Aber ich, Daniel, lag mehrere Tage krank, ehe ich wieder aufstehen und die Geschäfte des Königs besorgen konnte. Ich war aber ganz erstaunt über das Gesicht und verstand es nicht."

Im dritten Jahr der Regierung Belsazars empfängt Daniel eine weitere Vision. Sie folgt zeitlich auf das Gesicht aus dem ersten Jahr dieses Königs und führt die prophetische Entwicklung genauer weiter. Daniel sieht sich in der Vision in der Burg Susa in der Landschaft Elam am Fluss Ulai. Anders als bei den vier Tieren des vorherigen Gesichtes werden einige der jetzt erscheinenden Mächte durch den Engel Gabriel ausdrücklich mit Namen erklärt. Dadurch bietet Daniel 8 selbst wesentliche Schlüssel für seine Auslegung.

Zunächst sieht Daniel einen Widder mit zwei Hörnern. Beide sind hoch, doch eines ist höher als das andere und wächst später hervor. Der Widder stößt nach Westen, Norden und Süden, und kein Tier kann ihm widerstehen. Gabriel erklärt Daniel eindeutig, dass dieser Widder die Könige von Medien und Persien darstellt. Die Prophetie führt damit dieselbe Abfolge der Weltreiche weiter, die Daniel bereits zuvor gesehen hatte, setzt ihren Schwerpunkt jetzt jedoch bei der Macht an, die Babylon ablösen wird.

Danach erscheint ein Ziegenbock, der mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit von Westen her über die ganze Erde kommt. Zwischen seinen Augen befindet sich ein auffallend großes Horn. Er greift den Widder mit überwältigender Kraft an, zerbricht dessen Hörner und wirft ihn zu Boden. Auch hier lässt die Vision die entscheidende Identifikation nicht offen: Der Ziegenbock bezeichnet Griechenland, und das große Horn zwischen seinen Augen steht für dessen ersten bedeutenden König. Auf dem Höhepunkt seiner Macht zerbricht dieses Horn; an seiner Stelle entstehen vier Hörner nach den vier Winden des Himmels. Gabriel erklärt entsprechend, dass aus diesem Reich vier Königreiche hervorgehen werden, jedoch nicht mit derselben Macht wie zuvor.

Aus diesem geschichtlichen Umfeld tritt anschließend ein kleines Horn hervor, das außerordentlich groß wird. Seine Ausdehnung richtet sich nach Süden, nach Osten und gegen das herrliche Land. Doch die Beschreibung geht bald über gewöhnliche politische Expansion hinaus. Diese Macht erhebt sich bis gegen das Heer des Himmels, wirft von dem Heer und den Sternen einige zur Erde und erhebt sich sogar gegen den Fürsten des Heeres. Das beständige Wirken wird angegriffen, die Stätte des Heiligtums betroffen und die Wahrheit zu Boden geworfen. In der historisch-prophetischen Linie weist diese Macht auf Rom hin, dessen Wirken sowohl eine politische als auch eine religiöse Dimension erhält. Die Vision richtet den Blick damit zunehmend auf einen Konflikt, der Gottes Wahrheit, sein Volk und seinen Heiligtumsdienst berührt.

Daniel hört daraufhin ein Gespräch zwischen himmlischen Wesen. Die Frage lautet, wie lange das Gesicht über das Beständige, die Verwüstung und die Zertretung von Heiligtum und Heer dauern werde. Die Antwort lautet: „Bis zu zweitausenddreihundert Abenden und Morgen; dann wird das Heiligtum gerechtfertigt werden.“ Diese Zeitangabe gehört zum prophetischen Gesamtbild und reicht weit über die unmittelbaren Ereignisse von Medo-Persien und Griechenland hinaus. Ihre genauere zeitliche Einordnung erhält Daniel in dieser Vision noch nicht vollständig erklärt. Gerade deshalb wird ein späteres Gesicht an dem Punkt weiterführen, an dem Daniel hier mit offenen Fragen zurückbleibt.

Während Daniel versucht, das Gesehene zu verstehen, steht plötzlich jemand vor ihm, der wie ein Mann erscheint, und eine Stimme befiehlt Gabriel, ihm das Gesicht zu erklären. Daniel erschrickt und fällt auf sein Angesicht. Gabriel macht ihm deutlich, dass die Vision auf die Zeit des Endes zielt. Damit wird ausdrücklich ausgeschlossen, ihre gesamte Bedeutung auf wenige Ereignisse der unmittelbaren Zukunft Daniels zu beschränken. Sie beginnt zwar mit Mächten, die der Engel historisch benennt, reicht aber in ihrer prophetischen Tragweite wesentlich weiter.

Die letzte beschriebene Macht wird als hart und zerstörerisch dargestellt. Sie richtet Verwüstung an, geht gegen das Volk der Heiligen vor und erhebt sich schließlich gegen den Fürsten der Fürsten. Dennoch wird auch ihr eine Grenze gesetzt: Sie wird zerbrochen werden, und zwar ohne Menschenhand. Wie schon in Daniels früheren Visionen endet die Geschichte deshalb nicht mit dem Triumph der Macht, die sich gegen Gott erhebt. Menschliche und religiös-politische Herrschaft kann Wahrheit unterdrücken und Gottes Volk bedrängen, aber sie kann Gottes endgültiges Handeln nicht verhindern.

Gabriel bestätigt Daniel schließlich, dass das Gesicht von den Abenden und Morgen wahr ist, und weist ihn an, es zu bewahren, weil es sich auf eine ferne Zeit bezieht. Daniel reagiert körperlich stark auf das Erlebte. Er wird krank und bleibt einige Tage erschöpft liegen. Danach steht er wieder auf und verrichtet die Geschäfte des Königs. Diese kurze Bemerkung verbindet seinen prophetischen Auftrag bemerkenswert mit seinem gewöhnlichen Dienst: Daniel empfängt Offenbarungen von großer heilsgeschichtlicher Tragweite und kehrt dennoch zu seinen bestehenden Verantwortungen zurück.

Zugleich sagt Daniel offen, dass ihn das Gesicht entsetzte und niemand es verstand. Er stellt sich damit nicht als Propheten dar, dem jede Einzelheit sofort durchsichtig war. Gott hatte ihm vieles erklärt, doch ein wesentlicher Teil blieb zunächst ungelöst. Gerade diese offene Frage wird für Daniels weiteren Weg wichtig werden. Noch bevor er die zusätzliche Erklärung empfängt, wird jedoch das babylonische Reich, in dessen Dienst er so lange gestanden hat, in einer einzigen Nacht seinem Ende entgegengehen.

Zurück: Daniel sieht vier Weltreiche und Gottes Gericht Weiter: Daniel verkündet Belsazar das Ende Babylons

Daniel verkündet Belsazar das Ende Babylons

Daniel 5,13-17 – „13 Sobald nun Daniel vor den König hineingeführt worden war, hob der König an und sprach zu ihm: Bist du Daniel, von den gefangenen Juden, welche mein königlicher Vater aus Juda weggeführt hat? 14 Ich habe von dir gehört, daß der Geist Gottes in dir sei und daß Erleuchtung und Verstand und außerordentliche Weisheit bei dir gefunden werde. 15 Nun sind die Weisen und Wahrsager vor mich geführt word…"
Daniel 5,13-17 – „13 Sobald nun Daniel vor den König hineingeführt worden war, hob der König an und sprach zu ihm: Bist du Daniel, von den gefangenen Juden, welche mein königlicher Vater aus Juda weggeführt hat? 14 Ich habe von dir gehört, daß der Geist Gottes in dir sei und daß Erleuchtung und Verstand und außerordentliche Weisheit bei dir gefunden werde. 15 Nun sind die Weisen und Wahrsager vor mich geführt word…"
Daniel 5,22-28 – „22 Du aber, sein Sohn Belsazar, hast dein Herz nicht gedemütigt, trotzdem du das alles wußtest, 23 sondern du hast dich über den Herrn des Himmels erhoben; und man hat die Gefäße seines Hauses vor dich gebracht, und du und deine Gewaltigen, deine Frauen und Nebenfrauen haben Wein daraus getrunken, und du hast die silbernen und goldenen, ehernen, eisernen, hölzernen und steinernen Götzen gepriesen…"
Daniel 5,29-31 – „29 Alsbald befahl Belsazar, daß man den Daniel mit Purpur bekleide und ihm eine goldene Kette um den Hals lege und von ihm ausrufe, daß er als Dritter im Reiche herrschen solle. 30 Aber in derselben Nacht ward Belsazar, der König der Chaldäer, umgebracht. 31 Und Darius, der Meder, empfing die Königswürde, als er zweiundsechzig Jahre alt war."

Während Daniel noch unter Belsazars Herrschaft lebt, erreicht das babylonische Reich die letzte Nacht seiner in Daniels Buch berichteten Geschichte. König Belsazar veranstaltet ein großes Festmahl für tausend seiner Gewaltigen und trinkt vor ihnen Wein. Im Verlauf des Festes lässt er die goldenen und silbernen Gefäße herbeibringen, die Nebukadnezar aus dem Tempel in Jerusalem weggenommen hatte. Der König, seine Großen, seine Frauen und Nebenfrauen trinken daraus und preisen dabei Götter aus Gold, Silber, Erz, Eisen, Holz und Stein. Was dem Dienst des Gottes Israels gehört hatte, wird bewusst in eine heidnische Festfeier hineingezogen.

Mitten in dieser Szene erscheinen die Finger einer Menschenhand und schreiben gegenüber dem Leuchter auf die Wand des königlichen Palastes. Belsazar sieht die Hand und wird von Furcht ergriffen. Er ruft seine Beschwörer, Chaldäer und Wahrsager und verspricht demjenigen große Ehre, der die Schrift lesen und auslegen kann. Doch wiederum scheitert die Weisheit Babylons an einer Botschaft, deren Bedeutung nur Gott offenbaren kann. Die Ratlosigkeit des Königs und seiner Großen wächst.

Durch die Worte der Königin wird Daniel erneut ins Blickfeld des Hofes gerückt. Sie erinnert an einen Mann im Königreich, bei dem schon zur Zeit Nebukadnezars außergewöhnliche Erkenntnis und die Fähigkeit gefunden worden waren, Träume und schwierige Fragen zu erklären. Daniel wird daraufhin vor Belsazar gebracht. Der König spricht ihn als einen der Weggeführten aus Juda an und bietet ihm Purpur, eine goldene Kette und die Stellung als dritter Herrscher im Reich an, wenn er die Schrift deuten könne.

Daniel antwortet ohne Schmeichelei und ohne seine Botschaft von der angebotenen Belohnung abhängig zu machen. Belsazar könne seine Gaben behalten oder einem anderen geben; Daniel werde die Schrift dennoch lesen und ihre Bedeutung erklären. Damit unterscheidet sich seine Haltung deutlich von einem Dienst, der prophetische Erkenntnis gegen Einfluss oder Reichtum eintauscht. Daniel steht vor dem König nicht als Bewerber um eine höhere Stellung, sondern als Überbringer einer Botschaft Gottes.

Bevor er die rätselhaften Worte auslegt, erinnert Daniel Belsazar an Nebukadnezar. Der höchste Gott hatte diesem Königtum, Größe, Ehre und Herrlichkeit gegeben. Als sich jedoch sein Herz erhob und sein Geist stolz wurde, wurde er von seinem königlichen Thron gestoßen und gedemütigt, bis er erkannte, dass der höchste Gott über das Königtum der Menschen herrscht und darüber setzt, wen er will. Damit greift Daniel eine Wahrheit auf, die sein eigener Dienst bereits über viele Jahre begleitet hatte.

Dann richtet sich die Botschaft unmittelbar an Belsazar. Daniel sagt ihm, dass er sein Herz nicht gedemütigt habe, obwohl er dies alles gewusst habe. Stattdessen habe er sich gegen den Herrn des Himmels erhoben, die Gefäße seines Hauses zum Trinken verwenden lassen und Götter gepriesen, die weder sehen noch hören noch erkennen können. Den Gott aber, in dessen Hand sein Lebensodem und alle seine Wege sind, habe er nicht geehrt. Das angekündigte Gericht erscheint somit nicht als willkürliche Reaktion auf ein einzelnes Fest, sondern als Antwort auf bewussten Hochmut gegenüber Gott.

Daniel liest anschließend die Worte an der Wand: „Mene, Mene, Tekel, U-Parsin.“ Ihre Bedeutung verkündet das Ende der babylonischen Herrschaft. Gott hat Belsazars Königtum gezählt und ihm ein Ende gesetzt. Der König ist auf der Waage gewogen und zu leicht befunden worden. Sein Reich wird geteilt und den Medern und Persern gegeben. Damit erfüllt sich vor Daniels Augen ein weiterer Teil jener prophetischen Abfolge, die Gott bereits Jahre zuvor offenbart hatte: Das goldene Babylon besitzt keine ewige Herrschaft.

Belsazar hält trotz der Gerichtsbotschaft sein zuvor gegebenes Versprechen. Daniel wird mit Purpur bekleidet, erhält die goldene Kette und wird als dritter Herrscher im Königreich ausgerufen. Doch die Ehrung verliert noch in derselben Nacht jede politische Dauerhaftigkeit. Belsazar wird getötet, und Darius der Meder empfängt das Königreich im Alter von ungefähr zweiundsechzig Jahren. Die Macht, in deren Zentrum Daniel einen großen Teil seines Lebens verbracht hat, ist gefallen.

Daniel überlebt damit erneut einen gewaltigen politischen Umbruch. Nicht seine Stellung unter Babylon trägt ihn durch diesen Wechsel, sondern der Gott, dessen Herrschaft er gegenüber mehreren Königen bezeugt hat. Mit dem Ende Babylons endet auch Daniels Dienst nicht. Unter der neuen Herrschaft wird ihm erneut große Verantwortung übertragen werden – und gerade seine Treue im Staatsdienst wird einen Konflikt auslösen, der schließlich sein eigenes Leben bedroht.

Zurück: Daniel sieht den Widder, den Ziegenbock und das Heiligtum Weiter: Daniel wird wegen seines Gebets in die Löwengrube geworfen

Daniel wird wegen seines Gebets in die Löwengrube geworfen

Daniel 6,4-11 – „4 Da suchten alsbald die Fürsten und Satrapen eine Anklage gegen Daniel zu finden auf Grund seiner Regierung; aber sie konnten keine Schuld noch irgend etwas Nachteiliges finden, weil er ganz treu und keine Vernachlässigung noch irgend ein Vergehen bei ihm zu finden war. 5 Da sprachen jene Männer: Wir werden gegen diesen Daniel keinen Anklagegrund finden, es sei denn in seinem Gottesdienst! 6 Dar…"
Daniel 6,4-11 – „4 Da suchten alsbald die Fürsten und Satrapen eine Anklage gegen Daniel zu finden auf Grund seiner Regierung; aber sie konnten keine Schuld noch irgend etwas Nachteiliges finden, weil er ganz treu und keine Vernachlässigung noch irgend ein Vergehen bei ihm zu finden war. 5 Da sprachen jene Männer: Wir werden gegen diesen Daniel keinen Anklagegrund finden, es sei denn in seinem Gottesdienst! 6 Dar…"
Daniel 6,16-24 – „16 Da befahl der König, daß man Daniel herbringe und in den Löwenzwinger werfe. Der König hob an und sprach zu Daniel: Dein Gott, dem du ohne Unterlaß dienst, der rette dich! 17 Und man brachte einen Stein und legte ihn auf die Öffnung des Zwingers, und der König versah ihn mit seinem Siegel und mit dem Siegel seiner Gewaltigen, damit in der Sache Daniels nichts geändert werde. 18 Dann zog sich d…"
Daniel 6,25-28 – „25 Darauf schrieb der König Darius an alle Völker, Stämme und Zungen, welche im ganzen Lande wohnten: «Euer Friede nehme zu! 26 Es ist von mir ein Befehl erlassen worden, daß man im ganzen Bereich meiner Herrschaft sich vor dem Gott Daniels fürchten und scheuen soll; denn er ist der lebendige Gott, welcher ewig bleibt; und sein Königreich ist unvergänglich, und seine Herrschaft hat kein Ende. 27 …"

Unter der neuen Herrschaft erhält Daniel erneut eine außergewöhnlich verantwortungsvolle Stellung. Darius setzt über das Reich 120 Satrapen und über sie drei Vorsteher, zu denen Daniel gehört. Schon bald zeichnet er sich gegenüber den anderen Vorstehern und Satrapen so deutlich aus, dass der König beabsichtigt, ihn über das ganze Reich zu setzen. Daniels jahrzehntelanger Dienst unter wechselnden Herrschern zeigt damit eine bemerkenswerte Beständigkeit: Politische Systeme verändern sich, doch seine Zuverlässigkeit bleibt auch unter einer neuen Regierung erkennbar.

Gerade diese Stellung ruft Widerstand hervor. Die anderen Verantwortlichen suchen nach einem Anlass, Daniel wegen seiner Amtsführung anzuklagen. Doch sie finden weder Verfehlung noch Nachlässigkeit, weil Daniel treu ist. Der Text behauptet damit nicht, Daniel sei als Mensch vollkommen oder sündlos gewesen. Er stellt jedoch ausdrücklich fest, dass seine Gegner in seiner Verwaltung keinen berechtigten Anklagepunkt finden können. Deshalb erkennen sie, dass sie nur dann gegen ihn vorgehen können, wenn sie einen Konflikt zwischen seiner Treue zu Gott und einem königlichen Erlass erzeugen.

Die Männer treten gemeinsam vor Darius und schlagen ein Gesetz vor: Dreißig Tage lang soll niemand eine Bitte an irgendeinen Gott oder Menschen richten außer an den König. Wer dagegen verstößt, soll in die Löwengrube geworfen werden. Sie verbinden ihren Vorschlag mit dem Hinweis auf die Unveränderlichkeit eines Gesetzes der Meder und Perser und bringen Darius dazu, den Erlass zu unterzeichnen. Der Angriff auf Daniel wird dadurch als politische Loyalitätsfrage getarnt, zielt tatsächlich aber auf seine Gottesbeziehung.

Daniel erfährt, dass das Gesetz unterzeichnet worden ist. Dennoch geht er in sein Haus, wo die Fenster seines Obergemachs nach Jerusalem geöffnet sind, kniet dreimal täglich nieder und betet und dankt seinem Gott – ausdrücklich so, wie er es zuvor getan hatte. Er beginnt also nicht erst aus Protest gegen das Gesetz öffentlich zu beten. Ebenso versucht er nicht, seine Gebetspraxis für dreißig Tage zu verbergen oder auszusetzen. Die Krise verändert nicht seine Beziehung zu Gott; sie macht vielmehr sichtbar, wie fest diese Beziehung bereits zuvor zu seinem Leben gehört hatte.

Seine Gegner finden ihn wie erwartet im Gebet und bringen den Fall vor den König. Darius erkennt nun, dass er durch den Erlass in eine Falle geraten ist. Er ist über sich selbst sehr betrübt und bemüht sich bis zum Sonnenuntergang, Daniel zu retten. Doch die Männer erinnern ihn daran, dass ein königliches Gesetz nach der von ihnen angeführten Ordnung nicht geändert werden dürfe. Der Herrscher, dem der Erlass außerordentliche religiöse Vorrangstellung verschaffen sollte, wird dadurch selbst zum Gefangenen seiner eigenen Entscheidung.

Schließlich wird Daniel in die Löwengrube geworfen. Darius sagt ihm: Der Gott, dem Daniel ohne Unterlass dient, möge ihn retten. Ein Stein wird auf die Öffnung gelegt und mit dem Siegel des Königs und seiner Großen versiegelt. Danach kehrt Darius in seinen Palast zurück, fastet die Nacht über und kann nicht schlafen. Früh am Morgen eilt er zur Grube und ruft Daniel mit trauriger Stimme zu. Seine Frage trifft den Mittelpunkt des ganzen Ereignisses: Hat Daniels Gott, dem er beständig dient, ihn von den Löwen retten können?

Aus der Grube antwortet Daniel. Gott hat seinen Engel gesandt und den Löwen den Rachen verschlossen, sodass sie ihm keinen Schaden zugefügt haben. Daniel erklärt, dass er vor Gott als unschuldig befunden worden sei und auch gegen den König nichts Böses getan habe. Seine Rettung wird damit ausdrücklich Gottes Eingreifen zugeschrieben. Daniels Treue hatte die Gefahr nicht verhindert; sie führte ihn vielmehr mitten hinein. Gottes Bewahrung bedeutete in diesem Fall nicht, dass Daniel der Grube entging, sondern dass Gott ihn in ihr erhielt.

Der König freut sich außerordentlich und lässt Daniel herausziehen. An ihm wird keine Verletzung gefunden, „weil er seinem Gott vertraut hatte“. Anschließend trifft die Männer, die Daniel verleumdet hatten, ein schweres Gericht, das nach der damaligen königlichen Anordnung auch ihre Familien erfasst. Der Bericht erzählt dieses Geschehen, ohne daraus einen allgemeinen Maßstab menschlicher Rechtsprechung zu machen. Der Schwerpunkt liegt auf dem vollständigen Scheitern der Verschwörung gegen Daniel und auf Gottes Rettung seines Dieners.

Darius richtet danach ein Schreiben an die Völker seines Reiches und erklärt, dass man sich vor Daniels Gott fürchten solle. Er bezeichnet ihn als den lebendigen Gott, dessen Reich nicht vergeht, und als denjenigen, der rettet, befreit und Zeichen und Wunder tut. Daniel aber gedeiht unter der Herrschaft des Darius und später unter Kyrus von Persien. Seine Geschichte hat damit einen weiteren politischen Machtwechsel überdauert. Doch während Daniel im öffentlichen Dienst steht, beschäftigt ihn zugleich eine ganz andere Frage: die angekündigte Dauer der Verwüstung Jerusalems und das Schicksal seines Volkes.

Zurück: Daniel verkündet Belsazar das Ende Babylons Weiter: Daniel bekennt die Schuld seines Volkes vor Gott

Daniel bekennt die Schuld seines Volkes vor Gott

Daniel 9,1-5 – „1 Im ersten Jahre des Darius, des Sohnes Ahasveros, von medischer Abstammung, welcher zum König über das Reich der Chaldäer gemacht worden war, 2 im ersten Jahre seiner Regierung, merkte ich, Daniel, in den Schriften auf die Zahl der Jahre, während welcher nach dem Worte des HERRN an den Propheten Jeremia Jerusalem in Trümmern liegen sollte, nämlich siebzig Jahre. 3 Und ich wandte mein Angesicht …"
Daniel 9,1-5 – „1 Im ersten Jahre des Darius, des Sohnes Ahasveros, von medischer Abstammung, welcher zum König über das Reich der Chaldäer gemacht worden war, 2 im ersten Jahre seiner Regierung, merkte ich, Daniel, in den Schriften auf die Zahl der Jahre, während welcher nach dem Worte des HERRN an den Propheten Jeremia Jerusalem in Trümmern liegen sollte, nämlich siebzig Jahre. 3 Und ich wandte mein Angesicht …"
Daniel 9,16-19 – „16 O Herr, laß doch um all deiner Gerechtigkeit willen deinen Zorn und Grimm sich abwenden von der Stadt Jerusalem, von deinem heiligen Berge! Denn um unserer Sünden und um unserer Väter Missetat willen wird Jerusalem und dein Volk von allen seinen Nachbarn beschimpft. 17 So höre nun, unser Gott, auf das Gebet deines Knechtes und auf sein Flehen und laß dein Antlitz leuchten über dein verwüstetes…"
Jeremia 25,11-12 – „11 und dieses ganze Land soll zur Wüste und zum Entsetzen werden, und diese Völker sollen dem babylonischen König dienen, siebzig Jahre lang. 12 Wenn dann die siebzig Jahre vollendet sind, so will ich am babylonischen König und an jenem Volk ihre Schuld heimsuchen, spricht der HERR, auch am Lande der Chaldäer, und will es zur ewigen Wüste machen."
Jeremia 29,10 – „10 Denn also spricht der HERR: Wenn die siebzig Jahre für Babel gänzlich erfüllt sind, so will ich euch heimsuchen und mein gutes Wort, euch an diesen Ort zurückzubringen, ausführen."

Im ersten Jahr des Darius richtet sich Daniels Aufmerksamkeit besonders auf die Schriften der Propheten. Wie dieses Ereignis zeitlich genau zur Löwengrube steht, lässt sich aus dem Buch Daniel nicht sicher bestimmen. Daniel nennt jedoch ausdrücklich das erste Regierungsjahr des Darius und berichtet, dass er in den Schriften auf die von Gott durch Jeremia angekündigte Dauer der Verwüstung Jerusalems achtete. Obwohl Daniel selbst prophetische Gesichte empfangen hat, stellt er die bereits gegebene schriftliche Offenbarung Gottes nicht beiseite. Er liest, prüft und versucht zu verstehen, was Gott zuvor durch einen anderen Propheten gesagt hat.

Jeremia hatte angekündigt, dass Juda und die umliegenden Völker dem König von Babylon siebzig Jahre dienen würden und dass Gott nach deren Ablauf Babylon zur Rechenschaft ziehen werde. An anderer Stelle hatte Gott seinem Volk verheißen, sich ihm nach siebzig Jahren wieder zuzuwenden und es zurückzuführen. Für Daniel besitzt diese Prophetie nun unmittelbare Bedeutung. Babylon ist gefallen, die Herrschaft hat gewechselt, und der angekündigte Zeitraum nähert sich seinem Abschluss. Daniel erkennt deshalb, dass Gottes Wort über Jerusalem an einem entscheidenden Punkt seiner Erfüllung steht.

Seine Reaktion ist bemerkenswert. Daniel behandelt die Verheißung nicht so, als mache Gottes angekündigtes Handeln Gebet überflüssig. Er wendet sein Angesicht zu Gott, um ihn mit Gebet und Flehen zu suchen, verbunden mit Fasten, Sacktuch und Asche. Je sicherer ihm Gottes Verheißung erscheint, desto stärker treibt sie ihn zum Gebet. Prophetisches Wissen führt bei Daniel nicht zu passiver Berechnung, sondern zu einer ernsten Hinwendung zu Gott.

Daniel beginnt mit einem Bekenntnis der Größe und Bundestreue Gottes. Dann sagt er nicht distanziert, die früheren Generationen hätten gesündigt. Er betet: „Wir haben gesündigt.“ Er zählt Verfehlungen auf, die das Verhältnis Judas zu Gott geprägt hatten: Unrecht, Gottlosigkeit, Auflehnung und die Abkehr von seinen Geboten und Rechtsordnungen. Ebenso bekennt er, dass das Volk nicht auf Gottes Knechte, die Propheten, gehört hatte. Obwohl das Buch Daniel selbst keine entsprechende persönliche Beteiligung Daniels an diesen Verfehlungen berichtet, stellt er sich im Gebet solidarisch zu seinem Volk und trägt dessen Schuld vor Gott.

Dabei versucht Daniel nicht, das Gericht über Jerusalem als ungerecht darzustellen. Er bekennt ausdrücklich, dass Gott gerecht ist und dass Scham dem Volk zukommt, weil es treulos gegen ihn gehandelt hat. Die Katastrophe des Exils wird damit nicht als Beweis verstanden, dass Gottes Bund gescheitert wäre. Daniel erkennt vielmehr, dass das Gericht in Übereinstimmung mit den Warnungen gekommen war, die Gottes Gesetz und seine Propheten ausgesprochen hatten. Gottes Treue zeigt sich nicht nur in seinen Verheißungen der Wiederherstellung, sondern auch darin, dass seine Warnungen ernst zu nehmen sind.

Dennoch bleibt Daniel nicht beim Schuldbekenntnis stehen. Er beruft sich auf Gottes Barmherzigkeit und Vergebung. Er erinnert daran, dass Gott sein Volk einst mit starker Hand aus Ägypten geführt und sich dadurch einen Namen gemacht hatte. Nun bittet er darum, dass Gottes Zorn sich von Jerusalem und seinem heiligen Berg abwenden möge. Daniels Hoffnung ruht nicht darauf, dass Israel inzwischen genügend Verdienste gesammelt hätte, um die Wiederherstellung beanspruchen zu können. Er sagt ausdrücklich, dass sie ihre Bitten nicht aufgrund ihrer eigenen Gerechtigkeit vor Gott bringen, sondern aufgrund seiner großen Barmherzigkeit.

Sein Gebet wird am Ende immer dringlicher: „Herr, höre! Herr, vergib! Herr, merke auf und handle!“ Daniel bittet um Wiederherstellung nicht zuerst um der nationalen Ehre Judas willen. Jerusalem und Gottes Volk tragen seinen Namen, und deshalb verbindet Daniel seine Bitte mit Gottes eigener Ehre. Der Prophet, dem große Abläufe der Weltgeschichte gezeigt worden waren, begegnet Gott hier nicht als jemand, der über die Zukunft verfügt. Er steht vielmehr als Bittender vor ihm und hängt vollständig von seiner Gnade ab.

Daniel 9 verbindet damit Schriftstudium, Prophetie, Schuldbekenntnis und Fürbitte in bemerkenswerter Weise. Daniel liest Jeremias Weissagung, erkennt den geschichtlichen Augenblick und antwortet darauf mit Gebet. Er versucht nicht, Gottes Verheißung durch eigene politische Mittel herbeizuführen, und er benutzt die Fehler seines Volkes nicht, um sich selbst davon abzugrenzen. Sein Blick richtet sich auf den Gott, der gerecht richtet und zugleich barmherzig vergibt.

Noch während Daniel betet, erhält er eine Antwort. Gabriel, den Daniel bereits aus der früheren Vision kennt, kommt zu ihm und erklärt, dass er ausgegangen sei, um ihm Verständnis zu geben. Damit wird Daniels Frage nach Jerusalem in einen noch größeren heilsgeschichtlichen Zusammenhang gestellt. Die angekündigte Wiederherstellung nach dem babylonischen Exil ist wichtig, aber Gottes Antwort reicht weit darüber hinaus: Sie führt zu einer prophetischen Zeitspanne, zum kommenden Messias und zu Ereignissen, die für den Erlösungsplan von zentraler Bedeutung sind.

Zurück: Daniel wird wegen seines Gebets in die Löwengrube geworfen Weiter: Gabriel erklärt Daniel die siebzig Wochen und den Messias

Gabriel erklärt Daniel die siebzig Wochen und den Messias

Daniel 9,20-27 – „20 Während ich noch redete und betete und meine Sünde und die Sünde meines Volkes bekannte und meine Bitte für den heiligen Berg meines Gottes vor dem HERRN, meinem Gott, geltend machte, 21 ja, während ich noch mein Gebet sprach, flog eilends daher der Mann Gabriel, den ich anfangs im Gesichte gesehen hatte, und berührte mich um die Zeit des Abendopfers. 22 Und er unterwies mich und redete mit mi…"
Daniel 9,20-27 – „20 Während ich noch redete und betete und meine Sünde und die Sünde meines Volkes bekannte und meine Bitte für den heiligen Berg meines Gottes vor dem HERRN, meinem Gott, geltend machte, 21 ja, während ich noch mein Gebet sprach, flog eilends daher der Mann Gabriel, den ich anfangs im Gesichte gesehen hatte, und berührte mich um die Zeit des Abendopfers. 22 Und er unterwies mich und redete mit mi…"
Daniel 8,14 – „14 Er sprach zu mir: Bis daß es zweitausend und dreihundertmal Abend und Morgen geworden ist; dann wird das Heiligtum in Ordnung gebracht werden!"
Esra 7,11-26 – „11 Und dies ist die Abschrift des Briefes, den der König Artasasta dem Priester Esra, dem Schriftgelehrten, gab, der gelehrt war in den Worten der Gebote des HERRN und seiner Satzungen für Israel: 12 «Artasasta, der König der Könige, an Esra, den Priester, den Schriftgelehrten im Gesetze des Gottes des Himmels, ausgefertigt und so weiter. 13 Es ist von mir befohlen worden, daß, wer in meinem Reic…"

Noch während Daniel seine Schuld und die seines Volkes bekennt und für Jerusalem bittet, erhält er eine Antwort. Gabriel, den Daniel bereits aus dem Gesicht in Daniel 8 kennt, kommt zu ihm und erklärt, dass er ausgegangen sei, um ihm Einsicht und Verständnis zu geben. Die Verbindung zu der vorherigen Vision ist bedeutsam, denn dort war besonders die Zeitangabe von 2300 Abenden und Morgen stehen geblieben, ohne dass Daniel ihren zeitlichen Ausgangspunkt verstanden hatte. Nun wird ihm eine weitere prophetische Zeitspanne eröffnet, die unmittelbar Jerusalem, sein Volk und den kommenden Messias betrifft.

Gabriel erklärt, dass siebzig Wochen über Daniels Volk und die heilige Stadt bestimmt seien. Innerhalb dieser Zeit sollen Übertretung zum Abschluss gebracht, Sünde gesühnt, ewige Gerechtigkeit herbeigeführt sowie Gesicht und Prophetie bestätigt werden. Der Schwerpunkt reicht damit von der Wiederherstellung Jerusalems weit über die bloße Rückkehr aus dem Exil hinaus. Daniels Bitte galt einer verwüsteten Stadt; Gottes Antwort führt ihn bis zum Zentrum des Erlösungsplans.

Bei dieser prophetischen Zeit handelt es sich um symbolische Zeit. Nach dem in der Schrift bei entsprechenden prophetischen Zeitangaben erkennbaren Jahr-Tag-Grundsatz entsprechen die siebzig Wochen 490 Jahren. Gabriel nennt zugleich ihren Ausgangspunkt: Vom Erlass zur Wiederherstellung und zum Aufbau Jerusalems bis zum Messias, dem Fürsten, sollen sieben Wochen und zweiundsechzig Wochen vergehen. Zusammen ergeben diese Abschnitte neunundsechzig Wochen beziehungsweise 483 prophetische Jahre.

Die biblische Geschichte berichtet mehrere königliche Anordnungen im Zusammenhang mit der Rückkehr und dem Wiederaufbau. Für die umfassende Wiederherstellung Jerusalems ist besonders der Erlass im siebten Jahr des persischen Königs Artasasta von Bedeutung, der Esra weitreichende Vollmachten für die Ordnung Judas und Jerusalems gibt. Von diesem Ausgangspunkt führt die prophetische Zeitlinie zur Zeit des Auftretens des Messias. Die Prophetie richtet Daniels Hoffnung damit nicht nur auf eine wiedererrichtete Stadt, sondern auf den von Gott gesandten Gesalbten.

Gabriel sagt anschließend, dass nach den zweiundsechzig Wochen der Messias ausgerottet werden wird. Die Formulierung macht deutlich, dass die messianische Hoffnung nicht zuerst in einem politischen Triumph besteht. Der Gesalbte wird verworfen und getötet werden. Damit wird in Daniels prophetischem Buch eine Linie sichtbar, die später im Leben Jesu ihre Erfüllung findet: Der Christus kommt nicht nur, um Herrschaft zu empfangen, sondern geht den Weg des Leidens und gibt sein Leben für die Erlösung der Menschen.

Besonders genau richtet sich der Blick auf die letzte, siebzigste Woche. Gabriel erklärt, dass der Bund für eine Woche bestätigt wird und dass in der Mitte dieser Woche Schlacht- und Speisopfer aufhören werden. Die Mitte einer prophetischen Woche liegt dreieinhalb Jahre nach deren Beginn. In der heilsgeschichtlichen Erfüllung führt diese Linie zum Tod Christi. Durch sein vollkommenes Opfer verliert der alttestamentliche Opferdienst seine vorausweisende Funktion. Nicht menschliche Gewalt gegen den Tempeldienst schafft dessen eigentliche Erfüllung, sondern das Opfer dessen, auf den die Opfer vorausgewiesen hatten.

Damit erhält Daniels Gebet um Vergebung eine Antwort, deren Tiefe er zunächst kaum vollständig erfassen konnte. Daniel hatte sich auf Gottes große Barmherzigkeit berufen und um Vergebung für sein Volk gebeten. Gabriel führt ihn prophetisch zu dem Gesalbten, durch dessen Werk Sünde und Schuld ihre eigentliche heilsgeschichtliche Antwort erhalten. Die Wiederherstellung Jerusalems ist Teil der Antwort Gottes, aber sie ist nicht deren Höhepunkt. Der Erlösungsplan läuft auf Christus zu.

Zugleich enthält die Prophetie ernste Aussagen über Jerusalem. Die Stadt und das Heiligtum werden nach dem Auftreten und der Ausrottung des Messias erneut von Zerstörung betroffen sein. Damit verhindert die Vision, dass die Wiederherstellung Jerusalems nach dem Exil mit Gottes endgültigem Reich verwechselt wird. Die Stadt besitzt weiterhin eine wichtige heilsgeschichtliche Rolle, doch ihre irdische Wiederherstellung ist nicht das Ende der Geschichte. Gottes endgültige Hoffnung hängt am Messias und an seinem Werk.

Die siebzig Wochen stehen außerdem in enger Verbindung mit Daniels noch offener Frage aus Kapitel 8. Gabriel war dort beauftragt worden, Daniel das Gesicht verständlich zu machen, doch Daniel hatte am Ende erklärt, dass er darüber erschrocken sei und es nicht verstehe. Jetzt kommt derselbe Engel ausdrücklich, um ihm Verständnis zu geben. Die 490 Jahre bilden deshalb einen Schlüssel innerhalb des größeren prophetischen Zeitrahmens der 2300 Abende und Morgen. Sie setzen einen geschichtlich bestimmbaren Anfangspunkt und führen zunächst zum Wirken und Opfer des Messias, während die größere Zeitlinie darüber hinausreicht.

Daniel erhält damit inmitten seiner Sorge um Jerusalem einen Blick auf etwas Größeres als die Rückkehr aus Babylon. Gott wird seine Verheißungen erfüllen, aber der Mittelpunkt seiner Antwort ist nicht eine Stadt, ein irdischer Tempel oder ein politisches Reich. Im Zentrum steht der Messias. Daniels prophetischer Dienst führt ihn dadurch immer deutlicher zu dem Erlösungswerk, das Gott selbst in der Geschichte vollbringen wird.

Zurück: Daniel bekennt die Schuld seines Volkes vor Gott Weiter: Daniel wird für seine letzte große Vision gestärkt

Daniel wird für seine letzte große Vision gestärkt

Daniel 10,1-14 – „1 Im dritten Jahre Kores`, des Perserkönigs, ward dem Daniel, welcher Beltsazar genannt wird, ein Wort geoffenbart; und dieses Wort ist wahr und handelt von großer Trübsal; und er verstand das Wort und bekam Einsicht in das Gesicht. 2 In jenen Tagen trauerte ich, Daniel, drei Wochen lang. 3 Ich aß keine leckere Speise, und Fleisch und Wein kamen nicht über meine Lippen, auch salbte ich mich nicht…"
Daniel 10,1-14 – „1 Im dritten Jahre Kores`, des Perserkönigs, ward dem Daniel, welcher Beltsazar genannt wird, ein Wort geoffenbart; und dieses Wort ist wahr und handelt von großer Trübsal; und er verstand das Wort und bekam Einsicht in das Gesicht. 2 In jenen Tagen trauerte ich, Daniel, drei Wochen lang. 3 Ich aß keine leckere Speise, und Fleisch und Wein kamen nicht über meine Lippen, auch salbte ich mich nicht…"
Daniel 10,15-21 – „15 Da er nun also zu mir redete, schlug ich meine Augen zur Erde nieder und blieb stumm. 16 Und siehe, da rührte einer, der den Menschenkindern ähnlich sah, meine Lippen an; und ich öffnete meinen Mund, redete und sprach zu dem, der vor mir stand: Mein Herr, wegen dieser Erscheinung haben mich Wehen überfallen, und ich habe keine Kraft mehr! 17 Und wie könnte ein Knecht dieses meines Herrn mit di…"
Daniel 12,1 – „1 Zu jener Zeit wird sich der große Fürst Michael erheben, der für die Kinder deines Volkes einsteht; denn es wird eine Zeit der Not sein, wie noch keine war, seitdem es Völker gibt, bis zu dieser Zeit. Aber zu jener Zeit soll dein Volk gerettet werden, ein jeder, der sich im Buche eingeschrieben findet."

Im dritten Jahr des Kyrus, des Königs von Persien, empfängt Daniel eine weitere Offenbarung. Das babylonische Reich gehört inzwischen der Vergangenheit an, und Daniel befindet sich in einer späten Phase seines biblisch berichteten Lebens. Er bezeichnet die Offenbarung als wahr und spricht von einer großen Auseinandersetzung. Zugleich erklärt er, dass er das Wort verstand und Einsicht in das Gesicht erhielt. Die Kapitel 10 bis 12 bilden dabei einen zusammenhängenden letzten großen Offenbarungsabschnitt seines Buches.

Daniel berichtet, dass er zuvor drei volle Wochen getrauert hatte. Während dieser Zeit aß er keine köstliche Speise, Fleisch und Wein kamen nicht in seinen Mund, und er salbte sich nicht. Der Text nennt an dieser Stelle nicht ausdrücklich den vollständigen Grund seiner Trauer. Deshalb sollte nicht behauptet werden, Daniel habe wegen eines bestimmten einzelnen Ereignisses gefastet. Sicher ist jedoch, dass er sich erneut in einer Haltung ernster geistlicher Suche befindet, bevor ihm die kommende Offenbarung gegeben wird.

Am vierundzwanzigsten Tag des ersten Monats befindet sich Daniel am Ufer des großen Stromes, des Tigris. Dort sieht er einen Mann in leinenen Kleidern, dessen Erscheinung von überwältigender Herrlichkeit geprägt ist. Sein Leib gleicht einem Edelstein, sein Angesicht erscheint wie ein Blitz, seine Augen wie Feuerfackeln und seine Stimme wie das Brausen einer großen Menge. Die Männer, die bei Daniel sind, sehen die Erscheinung nicht, werden jedoch von großem Schrecken erfasst und fliehen. Daniel bleibt allein zurück, verliert seine Kraft und fällt schließlich wie betäubt zu Boden.

Dann berührt ihn eine Hand und richtet ihn auf seine Knie und Hände. Daniel wird als „vielgeliebter Mann“ angesprochen und aufgefordert, auf die Worte zu achten, die ihm gebracht werden. Während er noch zitternd dasteht, erfährt er etwas Entscheidendes über sein vorheriges Gebet: Vom ersten Tag an, an dem Daniel sein Herz darauf gerichtet hatte, Verständnis zu erlangen und sich vor seinem Gott zu demütigen, waren seine Worte gehört worden. Die scheinbare Verzögerung bedeutete also nicht, dass Gott sein Gebet übersehen hätte.

Der himmlische Bote erklärt jedoch, dass ihm der „Fürst des Königreichs Persien“ einundzwanzig Tage widerstanden habe, bis Michael, einer der vornehmsten Fürsten, zu Hilfe gekommen sei. Die Beschreibung kann kaum auf gewöhnliche menschliche Politik allein reduziert werden, denn Daniel erhält hier einen Einblick in eine unsichtbare Auseinandersetzung hinter den sichtbaren Reichen. Sein Buch hatte immer wieder gezeigt, dass menschliche Herrscher nicht die letzte Ebene der Geschichte bilden. Nun wird erkennbar, dass hinter den politischen Entwicklungen auch ein geistlicher Konflikt besteht, während Gottes Handeln dennoch zum Ziel kommt.

Michael erscheint später erneut und wird in Daniel 12 als der große Fürst bezeichnet, der für Gottes Volk eintritt. Andere biblische Texte verbinden den Namen Michael ebenfalls mit einem besonderen Kampf gegen satanische Mächte. Wie alle Einzelheiten dieser himmlischen Auseinandersetzung genau ablaufen, wird Daniel jedoch nicht erklärt. Die Offenbarung lädt deshalb nicht zu Spekulationen über unsichtbare Hierarchien ein. Ihr sicherer Schwerpunkt liegt darin, dass Daniels Gebet vom ersten Tag an gehört wurde und der Widerstand gegen Gottes Wirken dessen Plan nicht verhindern konnte.

Die Größe der Offenbarung überfordert Daniel körperlich erneut. Er senkt sein Gesicht, kann zunächst nicht sprechen und bekennt schließlich, dass ihn die Schmerzen überwältigt haben und keine Kraft mehr in ihm geblieben ist. Daraufhin wird er nochmals berührt und gestärkt. Der Bote spricht ihm Frieden zu und fordert ihn auf, stark zu sein. Erst nachdem Daniel diese Stärkung empfangen hat, kann er darum bitten, dass sein Gegenüber weiterredet.

Damit zeigt sich noch einmal, wie Daniel selbst seine prophetische Gabe erlebt. Die großen Gesichte machen ihn nicht unberührbar oder selbstgenügsam. Er benötigt Verständnis, Hilfe und Kraft, die ihm gegeben werden müssen. Das Wissen um zukünftige Ereignisse ist für ihn kein Mittel persönlicher Größe, sondern eine schwere Verantwortung, die ihn immer wieder an seine menschlichen Grenzen führt.

Nun soll Daniel erfahren, was seinem Volk in späteren Zeiten begegnen wird. Die Offenbarung führt durch weitere Machtkämpfe und Verfolgungen hindurch bis zu einer letzten großen Bedrängnis. Doch sie endet nicht bei irdischen Konflikten. Gerade in diesem letzten Abschnitt seines prophetischen Dienstes wird Daniels Blick auf Gottes Eingreifen, die Auferstehung und die endgültige Rettung seines Volkes gelenkt.

Zurück: Gabriel erklärt Daniel die siebzig Wochen und den Messias Weiter: Daniel erfährt von kommenden Machtkämpfen

Daniel erfährt von kommenden Machtkämpfen

Daniel 11,2-4 – „2 Und nun will ich dir die Wahrheit verkündigen: Siehe, es werden noch drei Könige in Persien aufstehen, und der vierte wird größern Reichtum erwerben als alle andern, und weil er sich in seinem Reichtum stark fühlt, wird er alles gegen das griechische Reich aufbieten. 3 Es wird aber ein tapferer König auftreten und eine große Herrschaft gründen und tun, was ihm gefällt. 4 Aber wie sein Reich auf…"
Daniel 11,2-4 – „2 Und nun will ich dir die Wahrheit verkündigen: Siehe, es werden noch drei Könige in Persien aufstehen, und der vierte wird größern Reichtum erwerben als alle andern, und weil er sich in seinem Reichtum stark fühlt, wird er alles gegen das griechische Reich aufbieten. 3 Es wird aber ein tapferer König auftreten und eine große Herrschaft gründen und tun, was ihm gefällt. 4 Aber wie sein Reich auf…"
Daniel 11,20-22 – „20 Und an seiner Statt wird einer auftreten, der einen Erpresser durch die Zierde des Reiches ziehen läßt. Aber nach einigen Tagen wird er umgebracht werden, und zwar weder durch Zorn noch im Krieg. 21 An seiner Statt wird ein Verachteter aufkommen, dem die königliche Würde nicht zugedacht war; aber er wird unversehens kommen und sich der Herrschaft durch Schmeicheleien bemächtigen. 22 Und die St…"
Daniel 11,31-35 – „31 Es werden auch von seinen Truppen zurückbleiben und das Heiligtum, die Festung, entweihen und das beständige [Opfer] abtun und den Greuel der Verwüstung aufstellen. 32 Und er wird die, welche gegen den Bund freveln, durch Schmeicheleien zum Abfall verleiten; die Leute aber, die ihren Gott kennen, bleiben fest. 33 Und die Verständigen im Volke werden viele unterweisen; sie werden aber dem Schwe…"

Nachdem Daniel gestärkt worden ist, beginnt der himmlische Bote mit der ausführlichen Erklärung dessen, was seinem Volk in kommenden Zeiten begegnen wird. Die Offenbarung setzt unmittelbar in Daniels eigener geschichtlicher Welt ein. Noch weitere Könige sollen in Persien aufstehen, ehe ein besonders mächtiger Herrscher große Kräfte gegen Griechenland mobilisiert. Danach erscheint ein gewaltiger griechischer König, dessen Reich jedoch auf dem Höhepunkt seiner Macht zerbricht und nach den vier Himmelsrichtungen geteilt wird. Damit knüpft Daniel 11 an die bereits erklärte Linie aus Daniel 8 an: Auf Medo-Persien folgt Griechenland, und das griechische Reich zerfällt nach seiner ersten großen Herrschaft in mehrere Teile.

Von dort aus schildert die Vision über längere Abschnitte die Auseinandersetzungen zwischen dem „König des Südens“ und dem „König des Nordens“. Bündnisse werden geschlossen und gebrochen, Heere ziehen gegeneinander, Herrscher gewinnen Macht und verlieren sie wieder. Besonders auffällig ist, wie wenig Bestand menschliche Strategien besitzen. Ehen, Verträge, militärische Siege und politische Berechnungen können für eine Zeit erfolgreich erscheinen, doch kein Reich entzieht sich der Vergänglichkeit, die Daniel schon in seinen früheren Gesichten gesehen hatte.

Die ungewöhnliche Ausführlichkeit dieser Prophetie darf dabei nicht dazu führen, Daniels Lebensgeschichte in eine bloße Abfolge historischer Herrschernamen zu verwandeln. Für Daniel selbst liegt das Gewicht der Offenbarung darin, dass Gott die Entwicklungen kennt, lange bevor sie eintreten. Die Geschichte seines Volkes wird weiterhin von mächtigen Reichen berührt werden, doch diese Mächte bewegen sich nicht außerhalb von Gottes Wissen und Herrschaft. Was für spätere Generationen wie unübersichtliche politische Umbrüche erscheinen wird, liegt vor Gott bereits offen.

Im weiteren Verlauf verändert sich der Schwerpunkt. Die Vision führt über die griechische Welt hinaus und nimmt eine Macht in den Blick, deren Wirken zunehmend auch den Messias und Gottes Heiligtumsordnung berührt. Daniel hört von einem Herrscher, unter dessen Zeit ein „Fürst des Bundes“ zerbrochen wird. In der historisch-prophetischen Linie führt dieser Abschnitt in die Zeit römischer Herrschaft, unter der Christus verworfen und getötet wurde. Damit begegnet Daniel erneut jener messianischen Wirklichkeit, die ihm bereits in der Weissagung der siebzig Wochen eröffnet worden war.

Die Prophezeiung bleibt jedoch nicht bei politischer Herrschaft stehen. Sie beschreibt eine Macht, die gegen den heiligen Bund handelt, das Beständige angreift und einen verwüstenden Gräuel aufrichtet. Damit erhält der Konflikt eine ausdrücklich religiöse Dimension. Herrschaft richtet sich nicht nur gegen andere Reiche, sondern greift in Fragen der Anbetung, Wahrheit und Treue zu Gott ein. Diese Linie entspricht dem, was Daniel bereits im kleinen Horn der Kapitel 7 und 8 gesehen hatte: Eine Macht erhebt sich über ihren legitimen Bereich hinaus und richtet sich gegen Gottes Ordnung und sein Volk.

Gleichzeitig wird Gottes Volk nicht als einheitlich standhaft beschrieben. Manche lassen sich durch Schmeichelei zum Abfall bewegen. Andere dagegen, die ihren Gott kennen, bleiben fest und handeln entsprechend ihrer Überzeugung. Verständige unter dem Volk geben vielen Einsicht, werden aber selbst durch Schwert, Feuer, Gefangenschaft und Raub bedrängt. Die Offenbarung verschweigt damit weder Verführung noch Verfolgung. Treue schützt Gottes Volk nicht grundsätzlich vor Leiden.

Selbst diese Leiden stehen jedoch nicht außerhalb des großen Zusammenhangs. Daniel erfährt, dass Prüfungen auch dazu dienen, zu läutern, zu reinigen und zu prüfen bis zur bestimmten Zeit. Das bedeutet nicht, dass Verfolgung an sich gut wäre oder dass die Verantwortung der Verfolger geringer würde. Vielmehr zeigt die Vision, dass selbst Widerstand Gottes Ziel mit seinem Volk nicht vereiteln kann. Der gleiche Grundsatz hatte Daniels eigenes Leben bereits geprägt: Gott verhinderte nicht jede Prüfung, aber keine Prüfung konnte seine Herrschaft aufheben.

Daniel hört damit eine Geschichte, die von Machtwechseln, Intrigen, Krieg und religiösem Druck durchzogen ist. Doch die Offenbarung richtet seinen Blick beständig über diese sichtbaren Vorgänge hinaus. Könige kommen und gehen, Bündnisse zerbrechen, politische Systeme verändern sich, und sogar religiöse Mächte können Wahrheit verdunkeln. Trotzdem besitzt keine von ihnen die letzte Verfügung über den Verlauf der Geschichte.

Je näher die Vision ihrem Abschluss kommt, desto stärker richtet sie sich auf die „Zeit des Endes“. Damit erreicht Daniels letzte große Offenbarung einen Bereich, der weit über seine eigene Lebenszeit hinausführt. Die Auseinandersetzung zwischen menschlicher Macht und Gottes Herrschaft spitzt sich zu, bis schließlich nicht mehr ein irdischer König den entscheidenden Wendepunkt setzt. Michael tritt auf, Gottes Volk wird errettet, und Daniel erhält erstmals einen besonders deutlichen Blick auf die Auferstehung der Toten und die endgültige Vollendung.

Zurück: Daniel wird für seine letzte große Vision gestärkt Weiter: Daniel blickt auf Auferstehung und Vollendung

Daniel blickt auf Auferstehung und Vollendung

Daniel 12,1-4 – „1 Zu jener Zeit wird sich der große Fürst Michael erheben, der für die Kinder deines Volkes einsteht; denn es wird eine Zeit der Not sein, wie noch keine war, seitdem es Völker gibt, bis zu dieser Zeit. Aber zu jener Zeit soll dein Volk gerettet werden, ein jeder, der sich im Buche eingeschrieben findet. 2 Und viele von denen, die im Erdenstaube schlafen, werden aufwachen; die einen zu ewigem Leb…"
Daniel 12,1-4 – „1 Zu jener Zeit wird sich der große Fürst Michael erheben, der für die Kinder deines Volkes einsteht; denn es wird eine Zeit der Not sein, wie noch keine war, seitdem es Völker gibt, bis zu dieser Zeit. Aber zu jener Zeit soll dein Volk gerettet werden, ein jeder, der sich im Buche eingeschrieben findet. 2 Und viele von denen, die im Erdenstaube schlafen, werden aufwachen; die einen zu ewigem Leb…"
Daniel 12,8-13 – „8 Das hörte ich, verstand es aber nicht. Darum fragte ich: Mein Herr, was wird das Ende sein von diesen Dingen? 9 Er sprach: Gehe hin, Daniel! Denn diese Worte sind verborgen und versiegelt bis auf die letzte Zeit. 10 Viele sollen gesichtet, gereinigt und geläutert werden; und die Gottlosen werden gottlos bleiben, und kein Gottloser wird es merken; aber die Verständigen werden es merken. 11 Und v…"
Daniel 7,27 – „27 Aber die Herrschaft, die Gewalt und die Macht über die Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem heiligen Volk des Allerhöchsten gegeben werden; sein Reich ist ein ewiges Reich, und alle Mächte werden ihm dienen und gehorchen!"

Die letzte große Offenbarung führt Daniel über die wechselnden Reiche und Konflikte der Geschichte hinaus zu deren endgültigem Ausgang. An einem entscheidenden Punkt wird Michael auftreten, der große Fürst, der für Daniels Volk einsteht. Zugleich wird eine Zeit der Bedrängnis beschrieben, wie sie seit dem Bestehen von Völkern nicht gewesen ist. Die Prophetie endet also nicht mit einer immer ruhigeren Entwicklung der Weltgeschichte. Gerade vor Gottes endgültigem Eingreifen erreicht der große Konflikt noch einmal eine besondere Zuspitzung.

Doch die Bedrängnis erhält nicht das letzte Wort. Daniel hört, dass zu jener Zeit sein Volk errettet werden wird – alle, die im Buch geschrieben gefunden werden. Die Hoffnung liegt damit nicht darin, dass Gottes Gläubige jede Krise aus eigener Kraft überwinden könnten. Ihre endgültige Rettung kommt von Gott. Dieselbe Linie hatte Daniels eigenes Leben immer wieder geprägt: Herrscher konnten bedrohen, Gesetze konnten gegen ihn gerichtet und Reiche konnten erschüttert werden, doch Gottes Herrschaft blieb bestehen.

Dann erhält Daniel einen der deutlichsten alttestamentlichen Ausblicke auf die Auferstehung. Viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden erwachen: die einen zum ewigen Leben, die anderen zu Schmach und ewiger Abscheu. Der Tod wird damit als Schlaf beschrieben, aus dem Gott Menschen auferweckt. Daniels prophetischer Blick reicht über politische Befreiung und irdische Wiederherstellung hinaus bis zu Gottes endgültigem Gericht über das menschliche Leben.

Besonders hervorgehoben werden die Verständigen und diejenigen, die viele zur Gerechtigkeit weisen. Sie werden mit dem Glanz des Himmels verglichen. Ihre bleibende Bedeutung liegt nicht in politischer Macht oder menschlicher Größe, sondern darin, dass sie inmitten einer verwirrten und bedrängten Welt an Gottes Wahrheit festhalten und andere zu ihr führen. Damit erhält auch Daniels eigener Dienst einen passenden Rahmen: Sein Leben war von Verantwortung an mächtigen Königshöfen geprägt, doch sein eigentliches Vermächtnis besteht in dem Zeugnis für Gottes Wahrheit und Herrschaft.

Daniel erhält anschließend den Auftrag, die Worte zu verschließen und das Buch bis zur Zeit des Endes zu versiegeln. Das bedeutet nicht, dass seine Botschaft vollständig unverständlich bleiben sollte. Vielmehr weist der Text darauf hin, dass bestimmte Teile der prophetischen Offenbarung erst im Verlauf der Geschichte und besonders im Blick auf die Endzeit in ihrer vollen zeitlichen Bedeutung erkannt werden würden. Das Buch sollte bewahrt werden, bis die geschichtlichen Entwicklungen weiteres Verständnis ermöglichen.

Daniel selbst bleibt trotz allem, was ihm erklärt wurde, mit Fragen zurück. Er sagt offen: „Ich hörte es, aber ich verstand es nicht.“ Deshalb fragt er nach dem Ausgang dieser Dinge. Die Antwort gibt ihm jedoch nicht jede gewünschte Einzelheit. Er soll seines Weges gehen, denn die Worte seien bis zur Zeit des Endes verschlossen und versiegelt. Diese Aussage bewahrt Daniels Prophetie vor dem Eindruck, der Prophet selbst habe jede Tragweite seiner Visionen vollständig überblickt. Er empfängt zuverlässig Gottes Botschaft, ohne deshalb allwissend über ihre spätere Erfüllung zu sein.

Im weiteren Verlauf werden nochmals prophetische Zeitangaben genannt: 1290 und 1335 Tage. Sie stehen im Zusammenhang mit dem Wegnehmen des Beständigen, dem verwüstenden Gräuel und der Zeit des Endes. Wie bei den anderen symbolischen Zeitweissagungen Daniels müssen sie innerhalb des Gesamtzusammenhangs der prophetischen Linien verstanden werden und dürfen nicht für willkürliche neue Terminberechnungen aus ihrem Zusammenhang gelöst werden. Die Botschaft zielt nicht darauf, menschliche Neugier nach geheimen Daten zu befriedigen, sondern Gottes souveräne Führung durch die Geschichte zu bezeugen.

Am Ende richtet sich die Botschaft wieder ganz persönlich an Daniel. Er erhält keinen Auftrag mehr, ein Reich zu beraten, einen Traum zu deuten oder einem Herrscher Gottes Urteil mitzuteilen. Stattdessen heißt es: Er solle seines Weges gehen, bis das Ende komme. Er werde ruhen und am Ende der Tage zu seinem Erbteil auferstehen. Damit endet Daniels eigene biblische Lebensgeschichte mit einer Hoffnung, die weit über sein bemerkenswert langes Wirken unter verschiedenen Weltreichen hinausweist.

Die Bibel berichtet nicht, wann, wo oder unter welchen Umständen Daniel starb. Auch eine biblische Grabstätte wird nicht genannt. Seine Geschichte endet deshalb nicht mit einer späteren Legende, sondern mit Gottes eigener Zusage. Daniel wird ruhen – doch dieser Tod ist nicht sein endgültiges Ende. Derselbe Gott, der ihm die Auferstehung gezeigt hat, verheißt ihm persönlich, dass er am Ende der Tage wieder aufstehen und sein von Gott bestimmtes Erbteil empfangen wird.

Zurück: Daniel erfährt von kommenden Machtkämpfen Weiter: Die Bibel erinnert Daniel als Propheten und Glaubenszeugen

Die Bibel erinnert Daniel als Propheten und Glaubenszeugen

Matthäus 24,15 – „15 Wenn ihr nun den Greuel der Verwüstung, von welchem durch den Propheten Daniel geredet worden ist, stehen sehet an heiliger Stätte (wer es liest, der merke darauf!),"
Matthäus 24,15 – „15 Wenn ihr nun den Greuel der Verwüstung, von welchem durch den Propheten Daniel geredet worden ist, stehen sehet an heiliger Stätte (wer es liest, der merke darauf!),"
Hesekiel 14,14 – „14 und es wären die drei Männer Noah, Daniel und Hiob darin, so würden diese durch ihre Gerechtigkeit nur ihre eigene Seele erretten, spricht Gott, der HERR."
Hesekiel 28,3 – „3 siehe, du warst weiser als Daniel, nichts Heimliches war dir verborgen;"
Hebräer 11,33 – „33 welche durch Glauben Königreiche bezwangen, Gerechtigkeit wirkten, Verheißungen erlangten, der Löwen Rachen verstopften."

Mit Daniels letzter Offenbarung endet die eigentliche biblische Lebensgeschichte. Über seinen weiteren Weg und seinen Tod berichtet die Schrift nichts. Dennoch verschwindet Daniel nicht aus dem Gesamtzeugnis der Bibel. Andere biblische Bücher greifen seinen Namen beziehungsweise Ereignisse auf, die eng mit seinem Leben verbunden sind. Diese späteren Aussagen helfen dabei, seine bleibende Bedeutung einzuordnen, ohne seiner Biografie nachträglich Ereignisse hinzuzufügen, über die die Bibel schweigt.

Die eindeutigste spätere Einordnung stammt von Jesus selbst. In seiner Rede über kommende Bedrängnis verweist Christus auf den „Gräuel der Verwüstung“, von dem „durch den Propheten Daniel“ gesprochen worden war. Damit bezeichnet Jesus Daniel ausdrücklich als Propheten und behandelt seine Schrift als eine für spätere Ereignisse bedeutsame Offenbarung. Daniels Botschaften waren also nicht lediglich auf die politischen Entwicklungen seiner eigenen Zeit beschränkt. Jesus setzt voraus, dass seine Hörer Daniels Prophetie kennen und im Licht weiterer geschichtlicher Entwicklungen verstehen sollen.

Diese Aussage Jesu ist für die Stellung Daniels besonders wichtig. Daniel hatte selbst mehrfach eingestanden, nicht jede Einzelheit seiner Gesichte vollständig zu verstehen. Dennoch waren die empfangenen Offenbarungen zuverlässig und sollten bis in spätere Zeiten bewahrt werden. Jahrhunderte später bestätigt Jesus gerade diesen fortdauernden prophetischen Charakter. Damit verbindet sich Daniels persönliche Treue im Exil mit einem Dienst, dessen Bedeutung weit über seine eigene Lebenszeit hinausreicht.

Auch im Buch Hesekiel erscheint mehrfach ein Name, der gewöhnlich mit Daniel wiedergegeben wird. In Hesekiel 14 werden Noah, Daniel und Hiob als außergewöhnliche Beispiele persönlicher Gerechtigkeit genannt; selbst ihre Anwesenheit könnte ein unter Gottes Gericht stehendes Volk nicht stellvertretend retten. In Hesekiel 28 wird der König von Tyrus ironisch gefragt, ob er etwa weiser als Daniel sei. Falls hier tatsächlich der Daniel des gleichnamigen Buches gemeint ist, zeigen diese Stellen, dass seine Weisheit und Glaubenstreue bereits zu seiner eigenen Zeit weithin bekannt geworden waren.

Die Identifikation sollte jedoch nicht stärker formuliert werden, als der Text sicher erlaubt. Der hebräische Name erscheint bei Hesekiel in einer abweichenden Form, und die Zusammenstellung mit Noah und Hiob hat zu der Frage geführt, ob möglicherweise eine andere Gestalt gemeint sein könnte. Die Bibel erklärt diese Identitätsfrage nicht ausdrücklich. Deshalb lässt sich die Verbindung zu dem Propheten Daniel gut vertreten, aber nicht mit derselben Sicherheit behaupten wie Jesu eindeutige Nennung Daniels in Matthäus 24.

Eine weitere mögliche Rückverbindung findet sich im Hebräerbrief. Dort werden Glaubenszeugen beschrieben, die „der Löwen Rachen verstopften“. Daniel wird nicht beim Namen genannt, doch die Formulierung erinnert sehr deutlich an seine Rettung aus der Löwengrube. Wenn Daniel hier mitgemeint ist, steht sein Erlebnis innerhalb einer größeren Reihe von Menschen, die durch Glauben handelten und Gottes Bewahrung erfuhren. Weil der Hebräerbrief den Namen nicht nennt, bleibt diese Zuordnung eine naheliegende Verbindung und keine ausdrückliche Identifikation.

Gerade dieser mögliche Rückblick bewahrt Daniels Geschichte vor einer vereinfachten Botschaft. Hebräer 11 berichtet sowohl von Menschen, die durch Glauben außergewöhnliche Rettung erfuhren, als auch von Gläubigen, die trotz ihres Glaubens schwer litten und getötet wurden. Daniels Rettung aus der Löwengrube bedeutet deshalb nicht, dass Gott jeden Treuen aus jeder körperlichen Gefahr befreien müsse. Sein Leben zeigt vielmehr, dass Vertrauen auf Gott nicht vom Ausgang einer Prüfung abhängig gemacht wird. Daniel war bereit, Gott auch dann treu zu bleiben, als ihm keine vorherige Zusicherung gegeben worden war, dass die Löwen ihm nichts antun würden.

Im Gesamtzeugnis der Schrift bleibt Daniel damit nicht vor allem wegen seiner politischen Ämter in Erinnerung. Jesus nennt ihn einen Propheten; seine Offenbarungen führen durch Weltreiche, Gericht und Bedrängnis hindurch zum Menschensohn, zum Messias und zu Gottes endgültigem Reich. Zugleich steht sein eigenes Leben als Zeugnis dafür, dass Gottes Herrschaft nicht endet, wenn seine Gläubigen unter fremde Macht geraten. Daniel lebte unter Königen, deren Reiche verschwanden. Der Gott, dem er diente, blieb derselbe.

So führt die biblische Nachwirkung Daniels zurück zum Mittelpunkt seiner gesamten Geschichte. Babylon fiel, Persien trat an seine Stelle, und Daniel selbst ging schließlich dem verheißenen „Ruhen“ entgegen. Doch die Botschaft, die ihm gegeben wurde, weist über alle diese vergänglichen Ordnungen hinaus. Der Messias kommt, das himmlische Gericht findet statt, die Toten werden auferstehen und Gottes Reich bleibt ewig. Daniels bleibende Bedeutung liegt deshalb letztlich nicht darin, dass er die Zukunft kannte, sondern darin, dass Gott durch ihn auf den Herrn der Zukunft hinwies.

Zurück: Daniel blickt auf Auferstehung und Vollendung Weiter: Zusammenfassung und Gebet

Zusammenfassung und Gebet

Daniels Lebensgeschichte zeigt einen Menschen, dessen äußere Welt sich immer wieder veränderte, während der Gott, dem er vertraute, derselbe blieb. Daniel wurde aus Juda nach Babylon gebracht, erhielt einen fremden Namen, wurde für den Dienst heidnischer Könige ausgebildet und erlebte den Aufstieg und Fall mächtiger Reiche. Vieles in seinem Leben konnte er nicht bestimmen. Doch dort, wo seine Treue zu Gott gefordert war, blieb er standhaft.

Diese Treue zeigte sich nicht erst in der Löwengrube. Schon am babylonischen Hof wollte Daniel sich nicht verunreinigen. Als sein Leben durch Nebukadnezars Befehl bedroht wurde, suchte er gemeinsam mit seinen Gefährten Gott im Gebet. Als ihm Geheimnisse offenbart wurden, beanspruchte er die Weisheit nicht für sich, sondern gab Gott die Ehre. Und als königliche Gesetze schließlich unmittelbar gegen seine Gebetspraxis gerichtet wurden, setzte er seine bisherige Beziehung zu Gott unverändert fort.

Dabei war Daniel mehr als ein Glaubensvorbild. Gott berief ihn zu einem prophetischen Dienst, der weit über seine eigene Lebenszeit hinausreichte. Vor seinen Augen erhoben sich Weltreiche und verschwanden wieder. Er sah Mächte, die sich gegen Gottes Wahrheit und sein Volk stellten, hörte vom himmlischen Gericht und schaute den Menschensohn, der eine unvergängliche Herrschaft empfängt. Was auf Erden dauerhaft und unüberwindlich erscheint, besitzt nach Daniels Gesichten nur begrenzte Zeit. Gottes Reich dagegen wird niemals zerstört.

Im Mittelpunkt dieser prophetischen Hoffnung steht Christus. Daniel erhielt eine Zeitweissagung, die auf den kommenden Messias führte, und erfuhr, dass der Gesalbte ausgerottet werden würde. Damit führte Gott seinen Blick von der Wiederherstellung Jerusalems auf die tiefere Antwort für das Problem der Sünde. Daniels Gebet hatte sich auf Gottes Barmherzigkeit und Vergebung gestützt; die prophetische Antwort führte zum Messias, durch dessen Opfer der Erlösungsplan seine entscheidende Erfüllung findet.

Gleichzeitig verschweigt Daniels Geschichte die Ernsthaftigkeit des großen Konflikts nicht. Gottes Volk kann bedrängt, Wahrheit angegriffen und menschliche Macht gegen Gottes Ordnung eingesetzt werden. Daniel selbst wurde bedroht und in die Löwengrube geworfen. Doch Gottes Bewahrung bedeutete nicht, dass er jeder Prüfung entging. Sie zeigte sich darin, dass keine Macht ihn aus Gottes Hand reißen und kein Weltreich Gottes Plan zum Scheitern bringen konnte.

Am Ende erhält Daniel nicht die Erklärung jeder Einzelheit. Trotz seiner außergewöhnlichen Offenbarungen muss auch er sagen, dass er manches nicht versteht. Seine Hoffnung ruht deshalb nicht auf vollständigem Wissen über die Zukunft, sondern auf dem Gott, der die Zukunft kennt. Daniel soll seinen Weg gehen und schließlich ruhen. Jenseits seines Todes liegt jedoch die Verheißung der Auferstehung.

So endet das Leben dieses Propheten nicht bei Babylon, Persien oder irgendeiner anderen vergänglichen Weltmacht. Daniel blickt über sie alle hinaus auf Gottes Gericht, die Auferstehung und das ewige Reich. Könige kamen und gingen, doch der Gott des Himmels blieb. Daniel durfte ihm dienen, solange sein Weg dauerte; seine letzte Hoffnung aber lag nicht in seiner eigenen Treue, sondern in Gottes Treue und in dem Reich, das Christus empfängt und das niemals vergehen wird.

Herr, unser Gott, wir danken dir, dass deine Herrschaft nicht von den Veränderungen dieser Welt abhängt. Schenke uns ein Herz, das dir auch dann treu bleibt, wenn äußere Umstände schwierig werden und menschliche Macht groß erscheint. Gib uns Weisheit, dein Wort ernst zu nehmen, Demut im Gebet und Vertrauen auf deine Gnade. Bewahre uns davor, auf eigene Stärke oder eigenes Wissen zu bauen, und richte unseren Blick auf Christus und sein ewiges Reich. Lass uns in der Hoffnung leben, dass du dein Wort erfüllst und am Ende alles vollenden wirst. Amen.

„Du aber gehe hin, bis das Ende kommt! Du darfst nun ruhen und sollst dereinst auferstehen zu deinem Erbteil am Ende der Tage.“ Daniel 12,13

Zurück: Die Bibel erinnert Daniel als Propheten und Glaubenszeugen