Markus 16

Und da der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, des Jakobus Mutter, und Salome Spezerei, auf daß sie kämen und salbten ihn.

20 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Und da der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, des Jakobus Mutter, und Salome Spezerei, auf daß sie kämen und salbten ihn.
  2. 2 Und sie kamen zum Grabe am ersten Tag der Woche sehr früh, da die Sonne aufging.
  3. 3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?
  4. 4 Und sie sahen dahin und wurden gewahr, daß der Stein abgewälzt war; denn er war sehr groß.
  5. 5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Kleid an; und sie entsetzten sich.
  6. 6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten; er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, da sie ihn hinlegten!
  7. 7 Gehet aber hin und sagt's seinen Jüngern und Petrus, daß er vor euch hingehen wird nach Galiläa, da werdet ihr ihn sehen, wie er gesagt hat.
  8. 8 Und sie gingen schnell heraus und flohen von dem Grabe; denn es war sie Zittern und Entsetzen angekommen. Und sie sagten niemand etwas, denn sie fürchteten sich.
  9. 9 Jesus aber, da er auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er am ersten der Maria Magdalena, von welcher er sieben Teufel ausgetrieben hatte.
  10. 10 Und sie ging hin und verkündigte es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten.
  11. 11 Und diese, da sie es hörten, daß er lebte und wäre ihr erschienen, glaubten sie nicht.
  12. 12 Darnach, da zwei aus ihnen wandelten, offenbarte er sich unter einer anderen Gestalt, da sie aufs Feld gingen.
  13. 13 Und die gingen auch hin und verkündigten das den anderen; denen glaubten sie auch nicht.
  14. 14 Zuletzt, da die Elf zu Tische saßen, offenbarte er sich und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härtigkeit, daß sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten auferstanden.
  15. 15 Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur.
  16. 16 Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.
  17. 17 Die Zeichen aber, die da folgen werden denen, die da glauben, sind die: in meinem Namen werden sie Teufel austreiben, mit neuen Zungen reden.
  18. 18 Schlangen vertreiben; und so sie etwas Tödliches trinken, wird's ihnen nicht schaden; auf die Kranken werden sie die Hände legen, so wird es besser mit ihnen werden.
  19. 19 Und der HERR, nachdem er mit ihnen geredet hatte, ward er aufgehoben gen Himmel und sitzt zur rechten Hand Gottes.
  20. 20 Sie aber gingen aus und predigten an allen Orten; und der HERR wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch mitfolgende Zeichen.

Kapitelüberblick

Am ersten Tag der Woche kommen drei Frauen zum Grab Jesu und finden es geöffnet. Ein junger Mann in einem weißen Gewand verkündet ihnen, dass Jesus, der Gekreuzigte, auferstanden ist. Sie sollen diese Nachricht den Jüngern und ausdrücklich auch Petrus überbringen und an Jesu Verheißung erinnern, ihnen in Galiläa zu begegnen. Doch Furcht und Bestürzung ergreifen die Frauen, sodass sie zunächst schweigen. Mit dieser überraschenden Reaktion endet der früheste erreichbare Text des Markusevangeliums.

Der überlieferte längere Schluss berichtet anschließend von Erscheinungen des Auferstandenen vor Maria Magdalena und weiteren Jüngern. Jesus begegnet ihrem Unglauben, beauftragt sie mit der weltweiten Verkündigung des Evangeliums und kündigt Zeichen an, die ihre Botschaft begleiten werden. Nach seiner Aufnahme in den Himmel ziehen die Jünger aus und verkündigen das Evangelium, während der Herr ihr Wirken bestätigt.

So führt das Kapitel von der Bestürzung am leeren Grab zur Verkündigung in aller Welt. Menschen, die zunächst von Furcht und Unglauben geprägt sind, werden zu Zeugen der Auferstehung. Ihre Botschaft gründet nicht auf eigener Stärke, sondern auf dem lebendigen Christus, der seinen Auftrag erfüllt und seine Boten begleitet.

Einführung

Noch am Rüsttag, dem Tag vor dem Sabbat, hatte Joseph von Arimathia den Leichnam Jesu von Pilatus erbeten, ihn in Leinentücher gewickelt und in ein Felsengrab gelegt. Ein Stein wurde vor den Eingang gewälzt. Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Joses, beobachteten, wo Jesus bestattet wurde (Markus 15,42–47). Diese Einzelheit verbindet die Grablegung unmittelbar mit dem folgenden Geschehen. Die Frauen wussten, wo sich das Grab befand. Ihre spätere Rückkehr führte sie an den Ort, an dem sie Jesu Bestattung selbst beobachtet hatten.

Der Sabbat bildete die zeitliche Grenze zwischen der Grablegung und dem erneuten Besuch. Nach jüdischer Zeitrechnung begann er am Freitagabend und endete am Samstagabend. Die damals übliche Verwendung wohlriechender Öle und Gewürze bei einer Bestattung diente unter anderem dazu, dem Verstorbenen Ehre zu erweisen und den Leichnam für die Beisetzung zu versorgen. Anders als bei einer aufwendigen ägyptischen Einbalsamierung ging es dabei nicht um eine dauerhafte Erhaltung des Körpers. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb die Frauen nach dem Sabbat noch etwas für Jesus tun wollten.

Eine weitere Besonderheit betrifft die Textüberlieferung. Bedeutende frühe griechische Handschriften, darunter der Codex Sinaiticus und der Codex Vaticanus aus dem vierten Jahrhundert, beenden das Evangelium mit Markus 16,8. Die Verse 9–20 sind allerdings ebenfalls sehr alt und bereits im zweiten Jahrhundert bezeugt. Die heutige Textforschung beurteilt sie überwiegend als spätere Ergänzung, während andere Ausleger ihre Ursprünglichkeit verteidigen. Deshalb müssen beide Textteile sorgfältig ausgelegt werden, ohne ihre unterschiedliche Überlieferungsgeschichte zu verschweigen.

Für den Beginn der Erzählung ist besonders wichtig, dass Markus seine Leser unmittelbar an den zuvor beschriebenen Bestattungsort zurückführt. Von dort aus entfaltet sich die Geschichte, ohne dass zunächst einer der Jünger im Mittelpunkt steht.

Markus 16,1–4

Die Frauen auf dem Weg zum Grab: Liebe und menschliche Grenzen

Nachdem der Sabbat vergangen ist, kaufen Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Gewürze, um den Leichnam Jesu zu salben. Markus nennt die drei Frauen ausdrücklich beim Namen. Sie gehörten zu denen, die Jesus schon während seines Wirkens begleitet und ihm gedient hatten (Markus 15,40–41). Auch bei seiner Kreuzigung waren Frauen aus diesem Kreis anwesend gewesen, während die meisten seiner männlichen Jünger nicht mehr an seiner Seite standen. Nun setzt sich ihre Verbundenheit mit Jesus über seinen Tod hinaus fort. Sie können das Geschehene nicht rückgängig machen, möchten ihm aber wenigstens die letzte Ehre erweisen.

Dass Markus den Kauf der Gewürze ausdrücklich nach dem Sabbat erwähnt, ist für den zeitlichen Ablauf bedeutsam. Jesus war am Rüsttag, also am Tag vor dem Sabbat, bestattet worden (Markus 15,42). Nach dem Ende des Sabbats konnten die Frauen ihre Vorbereitungen fortsetzen. Lukas berichtet ergänzend, dass Frauen bereits vor dem Sabbat wohlriechende Gewürze und Salben vorbereitet hatten und anschließend am Sabbat nach dem Gebot ruhten (Lukas 23,55–56). Beide Berichte müssen nicht denselben einzelnen Vorbereitungsschritt beschreiben. Die genaue Verteilung sämtlicher Einkäufe und Vorbereitungen lässt sich nicht mehr vollständig rekonstruieren. Übereinstimmend ist jedoch die zeitliche Abfolge: Auf die Bestattung folgt der Sabbat, und am ersten Tag der Woche suchen die Frauen das Grab auf.

Markus betont, dass sie sehr früh kommen, als die Sonne aufgeht. Der erste Wochentag beginnt nach jüdischer Zeitrechnung bereits mit dem Sonnenuntergang des vorhergehenden Abends. Die Frauen machen sich jedoch erst am frühen Morgen auf den Weg zum Grab. Johannes beschreibt den frühen Zeitpunkt mit der Angabe, dass es noch dunkel gewesen sei (Johannes 20,1). Diese unterschiedlichen Zeitangaben können verschiedene Momente des morgendlichen Geschehens bezeichnen. Eine minutengenaue Abfolge aller Evangelienberichte lässt sich daraus allerdings nicht sicher gewinnen. Entscheidend ist, dass der Besuch in den ersten Stunden des Tages stattfindet, nachdem der Sabbat vergangen ist.

Besonders aufschlussreich ist der Zweck ihres Besuchs. Die Frauen bringen Gewürze mit, weil sie damit rechnen, den Leichnam Jesu im Grab zu finden. Sie erwarten offenbar nicht, einem lebendigen Jesus zu begegnen. Dabei hatte Jesus seinen Jüngern wiederholt angekündigt, dass er getötet und nach drei Tagen auferstehen werde (Markus 8,31; 9,31; 10,33–34). Die bevorstehende Auferstehung war deshalb keine nachträglich eingeführte Hoffnung, sondern gehörte bereits zu seinen eigenen Worten. Dennoch zeigt das Verhalten der Frauen, wie schwer es seinen Nachfolgern fiel, diese Ankündigungen angesichts seines tatsächlichen Todes zu begreifen. Ihre Liebe zu Jesus ist unverkennbar, doch ihre Vorbereitungen richten sich noch auf einen Verstorbenen.

Auf dem Weg beschäftigt sie eine ganz praktische Schwierigkeit. Sie fragen einander, wer ihnen den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen werde. Markus hatte bereits bei der Grablegung berichtet, dass Joseph von Arimathia einen Stein vor den Grabeingang gewälzt hatte (Markus 15,46). Nun ergänzt er, dass dieser Stein sehr groß war. Die Frauen kennen also den Ort und wissen um das Hindernis, das sie dort erwartet. Ihre Frage lässt erkennen, dass sie nicht davon ausgehen, den Eingang ohne fremde Hilfe öffnen zu können. Trotzdem machen sie sich auf den Weg. Markus beschreibt keine ausgearbeitete Lösung, sondern Menschen, die eine konkrete Aufgabe erfüllen möchten, obwohl sie noch nicht wissen, wie sie alle Schwierigkeiten bewältigen können.

Als sie schließlich aufblicken, sehen sie, dass der Stein bereits weggewälzt worden ist. Damit erhält ihre zuvor gestellte Frage eine überraschende Antwort. Das Hindernis, über das sie sich Gedanken gemacht hatten, besteht nicht mehr. Markus erklärt an dieser Stelle noch nicht, wer den Stein bewegt hat. Matthäus berichtet ergänzend von einem Engel des Herrn, der den Stein wegwälzte (Matthäus 28,2). Im Markusevangelium steht zunächst die Wahrnehmung der Frauen im Vordergrund: Der schwere Stein, mit dem sie gerechnet hatten, befindet sich nicht mehr vor dem Eingang.

Dabei wäre es zu kurz gegriffen, den weggewälzten Stein lediglich als Sinnbild für die Hindernisse des menschlichen Lebens zu verstehen. Seine unmittelbare Bedeutung ist konkreter. Die Frauen können nun in das Grab hineinsehen beziehungsweise hineingehen und erfahren, was dort geschehen ist. Der Stein wird nicht entfernt, um Jesus aus dem Tod befreien zu müssen. Die Auferstehung ist ein Handeln Gottes, das nicht von menschlicher Hilfe beim Öffnen eines Grabes abhängt. Vielmehr ermöglicht der geöffnete Eingang den Frauen, mit der Wirklichkeit des leeren Grabes konfrontiert zu werden.

So entsteht bereits in diesen ersten vier Versen ein bemerkenswerter Gegensatz. Die Frauen kommen mit allem, was zur Versorgung eines Toten gehört. Ihre Gedanken kreisen um die Frage, wie sie den Zugang zu seinem Leichnam ermöglichen können. Doch als sie ankommen, ist die Situation grundlegend anders, als sie erwartet hatten. Noch wissen sie nicht, was der geöffnete Eingang bedeutet. Ihre eigentliche Entdeckung liegt erst vor ihnen. Was sie zunächst als praktische Schwierigkeit betrachtet hatten, führt nun zu einer viel größeren Frage: Was ist mit Jesus geschehen?

Markus 16,5–7

Der Gekreuzigte lebt: Die Auferstehungsbotschaft und die Verheißung für Petrus

Als die Frauen das geöffnete Grab betreten, erwartet sie eine weitere Überraschung. Anstelle des Leichnams Jesu sehen sie einen jungen Mann, der auf der rechten Seite sitzt und ein langes weißes Gewand trägt. Markus beschreibt ihn zunächst nach seinem äußeren Erscheinungsbild. Erst durch seine Worte wird deutlich, dass er nicht einfach ein gewöhnlicher Besucher des Grabes ist, sondern eine Botschaft Gottes überbringt. Matthäus bezeichnet den himmlischen Boten ausdrücklich als Engel des Herrn (Matthäus 28,2–7). Dass Markus von einem jungen Mann spricht, steht dazu nicht notwendig im Widerspruch. Engel erscheinen in biblischen Berichten wiederholt in menschlicher Gestalt. Auch das weiße Gewand passt zur Darstellung himmlischer Boten, wie sie beispielsweise bei der Himmelfahrt Jesu begegnen (Apostelgeschichte 1,10). Die Angabe, dass er auf der rechten Seite sitzt, beschreibt zunächst seine Position innerhalb des Grabes. Eine besondere symbolische Bedeutung dieser Sitzposition wird im Text nicht erklärt und sollte deshalb nicht vorausgesetzt werden.

Die Frauen erschrecken. Ihre Reaktion ist verständlich, denn sie hatten sich auf die Begegnung mit einem Toten vorbereitet und finden stattdessen eine lebendige Gestalt an einem Ort, an dem sie niemanden erwartet hatten. Der griechische Ausdruck für ihr Erschrecken beschreibt eine starke innere Bestürzung. Markus verwendet dasselbe Verb auch bei der Schilderung von Jesu innerer Erschütterung in Gethsemane (Markus 14,33). Die Situationen unterscheiden sich, doch in beiden Fällen geht es um eine tiefgreifende Erregung und nicht um eine bloß leichte Überraschung. Die Frauen stehen vor etwas, das ihre bisherigen Erwartungen vollständig übersteigt. Deshalb beginnt der Bote nicht mit einer Erklärung des leeren Grabes, sondern mit der Aufforderung, sich nicht zu entsetzen.

Anschließend spricht er aus, weshalb die Frauen gekommen sind: Sie suchen Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Diese genaue Bezeichnung ist von großer Bedeutung. Der Bote spricht nicht allgemein von einem Menschen, der aus dem Tod zurückgekehrt sei, sondern nennt gerade den Jesus, dessen Leiden und Sterben Markus zuvor ausführlich geschildert hat. Der Mann, der von Pilatus verurteilt, verspottet, gekreuzigt und schließlich begraben wurde, ist derselbe, von dem nun die Auferstehungsbotschaft handelt. Sein Tod wird nicht nachträglich als bloßer Anschein dargestellt. Die Bezeichnung „der Gekreuzigte“ hält vielmehr fest, dass die Auferstehung auf einen wirklichen Tod folgt. Dadurch entsteht eine Verbindung zwischen Kreuz und Auferstehung, die für das gesamte Evangelium entscheidend ist. Der Auferstandene ist kein anderer als der zuvor verworfene und getötete Jesus.

Dann folgt die eigentliche Botschaft: „Er ist auferstanden, er ist nicht hier“ (Markus 16,6). Im griechischen Grundtext steht eine Verbform, die auch mit „er ist auferweckt worden“ wiedergegeben werden kann. Sie lenkt den Blick auf Gottes Handeln. Was kein Mensch rückgängig machen konnte, hat Gott überwunden. Auch Petrus beschreibt später die Auferstehung als Gottes machtvolle Antwort auf die Kreuzigung: Menschen hatten Jesus getötet, aber Gott hat ihn auferweckt (Apostelgeschichte 2,23–24). Damit bestätigt die Auferstehung nicht nur, dass Jesus lebt. Sie ist zugleich Gottes Bestätigung desjenigen, den Menschen verurteilt hatten. Das Urteil der religiösen und politischen Machthaber war nicht das letzte Wort über Jesus.

Der Bote fordert die Frauen auf, sich die Stelle anzusehen, an der Jesu Leichnam gelegen hatte. Damit verbindet er die Verkündigung der Auferstehung mit einem konkreten, wahrnehmbaren Befund. Die Frauen hatten beobachtet, wo Jesus bestattet worden war (Markus 15,47). Nun können sie feststellen, dass sein Leichnam nicht mehr dort liegt. Das leere Grab allein würde allerdings noch nicht erklären, was geschehen ist. Auch andere Ursachen für das Verschwinden eines Leichnams wären zunächst denkbar. Erst die Botschaft des himmlischen Boten deutet das leere Grab als Folge der Auferstehung. Diese Unterscheidung ist wichtig: Der sichtbare Befund und seine Erklärung gehören in der Erzählung zusammen. Die Frauen sollen nicht aus eigener Vermutung entscheiden, was der leere Ort bedeutet, sondern erhalten eine ausdrückliche Botschaft darüber.

Mit Vers 7 verändert sich die Richtung des Geschehens. Die Frauen sollen nicht länger beim Grab bleiben, sondern zu den Jüngern gehen und ihnen die Nachricht überbringen. Bemerkenswert ist dabei, dass der Bote ausdrücklich hinzufügt: „und dem Petrus“. Gerade Petrus hatte noch wenige Stunden vor Jesu Verhaftung mit großer Entschlossenheit versichert, dass er seinen Herrn niemals verleugnen werde. Jesus hatte ihm jedoch vorausgesagt, dass er ihn in derselben Nacht dreimal verleugnen würde (Markus 14,29–30). Als dies tatsächlich geschah, erinnerte sich Petrus an Jesu Worte und begann zu weinen (Markus 14,66–72). Seine letzte im Markusevangelium geschilderte persönliche Reaktion vor dem Auferstehungsbericht war damit von bitterem Versagen und tiefer Reue geprägt.

Vor diesem Hintergrund erhält die ausdrückliche Erwähnung des Petrus besonderes Gewicht. Obwohl er Jesus verleugnet hatte, wird er nicht aus der Botschaft an die Jünger ausgeschlossen. Sein Name wird vielmehr eigens genannt. Das bedeutet noch nicht, dass Markus hier bereits eine ausführliche Vergebungsszene beschreibt. Eine solche Begegnung wird erst an anderer Stelle näher entfaltet, insbesondere in Johannes 21,15–19, wo Jesus Petrus dreimal nach seiner Liebe fragt und ihn erneut mit einer Aufgabe betraut. Dennoch liegt schon in Markus 16,7 ein deutlicher Hinweis darauf, dass Petrus' Versagen nicht das Ende seiner Beziehung zu Jesus sein soll. Der Auferstandene lässt die Nachricht gerade auch dem Mann zukommen, der unter dem Bewusstsein seiner eigenen Untreue leiden musste.

Diese Einzelheit offenbart eine wesentliche Seite des Handelns Jesu. Petrus hatte seine Treue zu Jesus überschätzt und war an seiner eigenen Schwäche gescheitert. Die Verheißung Jesu beruhte jedoch nicht auf der ungebrochenen Standhaftigkeit des Jüngers. Bereits vor der Verleugnung hatte Jesus angekündigt, dass er nach seiner Auferstehung den Jüngern nach Galiläa vorausgehen werde (Markus 14,28). Genau diese Zusage wird nun am leeren Grab wiederholt. Zwischen ihrer ersten Aussprache und ihrer Bestätigung liegen die Flucht der Jünger, die Verleugnung des Petrus, die Kreuzigung Jesu und seine Grablegung. Keine dieser Ereignisse hat Jesu Verheißung aufgehoben. Seine Worte bleiben bestehen, obwohl die Menschen, an die sie gerichtet waren, in ihrer Treue versagt haben.

Auch der Hinweis auf Galiläa besitzt eine tiefere Bedeutung innerhalb des Markusevangeliums. Dort hatte Jesus seinen öffentlichen Dienst begonnen und seine ersten Jünger berufen (Markus 1,14–20). Dort hatten sie seine Wunder erlebt, seine Gleichnisse gehört und gelernt, ihm nachzufolgen. Nun wird ausgerechnet diese Landschaft erneut zum angekündigten Ort der Begegnung. Der Ausdruck, dass Jesus ihnen „vorangeht“, erinnert außerdem an seine Rolle als derjenige, der seine Nachfolger führt. In Markus 14,27 hatte Jesus unmittelbar vor seiner Verheißung auf das prophetische Wort vom geschlagenen Hirten und den zerstreuten Schafen Bezug genommen (Sacharja 13,7). Die Jünger waren tatsächlich auseinandergegangen. Doch der auferstandene Jesus wird ihnen wieder vorangehen. Der Hirte, dessen Tod zur Zerstreuung seiner Nachfolger geführt hatte, lebt und ruft sie erneut in seine Gemeinschaft.

Die Ankündigung einer Begegnung in Galiläa bedeutet nicht, dass Jesus seinen Jüngern ausschließlich dort erschienen wäre. Lukas und Johannes berichten auch von Erscheinungen im Raum Jerusalem (Lukas 24,33–43; Johannes 20,19–29), während Matthäus eine Begegnung in Galiläa ausführlich schildert (Matthäus 28,16–20). Diese Berichte setzen unterschiedliche Schwerpunkte und lassen sich nicht in allen Einzelheiten zu einem lückenlosen zeitlichen Ablauf verbinden. Für Markus steht besonders die Erfüllung einer bereits gegebenen Verheißung im Vordergrund. Der Bote fügt ausdrücklich hinzu, dass die Jünger Jesus dort sehen werden, wie er es ihnen zuvor gesagt hatte. Seine frühere Ankündigung erweist sich somit als zuverlässig.

Am Ende dieser Begegnung besitzen die Frauen weit mehr als die Antwort auf die Frage, weshalb das Grab leer ist. Sie haben einen Auftrag erhalten. Aus Menschen, die gekommen waren, um einem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen, sollen Überbringerinnen der Nachricht werden, dass Jesus lebt. Dabei richtet sich die Botschaft nicht nur auf das bereits Geschehene, sondern ebenso auf eine bevorstehende Begegnung. Der Gekreuzigte ist auferstanden, seine früheren Worte gelten weiterhin, und selbst die Jünger, die ihn verlassen haben, werden wieder zu ihm gerufen. Doch wie die Frauen auf diesen Auftrag reagieren, zeigt der folgende Vers auf überraschende Weise.

Markus 16,8

Furcht vor dem Unbegreiflichen: Das überraschende Ende des frühesten Markustextes

Die Frauen haben eine Botschaft erhalten, die alles verändert: Jesus, den sie gekreuzigt und begraben wussten, ist auferstanden. Sie sollen diese Nachricht den Jüngern überbringen und ihnen mitteilen, dass Jesus ihnen nach Galiläa vorausgeht. Doch ihre unmittelbare Reaktion entspricht nicht dem, was man nach einer solchen Ankündigung erwarten könnte. Markus berichtet, dass sie das Grab verlassen und fliehen. Zittern und Entsetzen haben sie ergriffen, und sie sagen niemandem etwas, weil sie sich fürchten. Der Auftrag zur Verkündigung ist ausgesprochen, aber seine Ausführung wird zunächst nicht berichtet. Statt Freude und öffentlichem Jubel stehen am Ende dieser Szene Erschütterung, Schweigen und Furcht.

Die beiden Begriffe, mit denen Markus den Zustand der Frauen beschreibt, verdeutlichen die Stärke ihrer Reaktion. Das griechische Wort tromos bezeichnet ein Zittern, wie es bei großer Furcht oder innerer Erschütterung auftreten kann. Ekstasis beschreibt hier einen Zustand außergewöhnlicher Bestürzung, in dem ein Mensch von einem unerwarteten Ereignis überwältigt wird. Das Wort bedeutet in diesem Zusammenhang nicht jene religiöse Ekstase, die man heute möglicherweise damit verbindet. Vielmehr bringt es zum Ausdruck, dass die Frauen mit einer Wirklichkeit konfrontiert werden, die ihre bisherigen Vorstellungen übersteigt. Sie waren gekommen, um einen Leichnam zu salben, und erfahren nun, dass der Gekreuzigte lebt. Zwischen ihrer Erwartung und der empfangenen Botschaft liegt ein Gegensatz, den sie offenbar nicht sofort innerlich verarbeiten können.

Eine solche Reaktion ist im Markusevangelium nicht ungewöhnlich. Als Jesus den Sturm auf dem See stillte, wurden die Jünger von großer Furcht ergriffen und fragten einander, wer dieser sei, dem sogar Wind und Meer gehorchen (Markus 4,39–41). Ihre Angst vor dem Sturm war einer anderen Art von Furcht gewichen: dem Erschrecken angesichts einer Macht, deren Größe sie noch nicht vollständig verstanden. Auch die Frau, die durch die Berührung des Gewandes Jesu geheilt worden war, trat mit Furcht und Zittern vor ihn, nachdem sie erkannt hatte, was an ihr geschehen war (Markus 5,25–34). Bei der Verklärung Jesu wiederum wussten die Jünger vor großer Furcht nicht, was sie sagen sollten (Markus 9,5–6). In diesen Erzählungen erscheint Furcht nicht ausschließlich als Ausdruck fehlenden Glaubens. Sie kann auch die unmittelbare menschliche Reaktion auf eine überwältigende Offenbarung göttlicher Macht sein.

Gerade deshalb sollte das Verhalten der Frauen nicht vorschnell als endgültiger Ungehorsam verstanden werden. Der Auftrag des himmlischen Boten ist eindeutig, und ihr Schweigen steht zunächst in Spannung zu diesem Auftrag. Markus erklärt jedoch nicht, dass die Frauen die Botschaft grundsätzlich zurückweisen oder bewusst beschließen, sie niemals weiterzugeben. Er beschreibt ihre augenblickliche Reaktion nach dem Verlassen des Grabes. Ob sie später gesprochen haben, wird in diesem Vers nicht mehr berichtet. Matthäus schildert ergänzend, dass die Frauen mit Furcht und großer Freude vom Grab wegliefen, um den Jüngern die Nachricht zu überbringen (Matthäus 28,8). Lukas berichtet ebenfalls, dass die Frauen den Aposteln von ihren Erlebnissen erzählten (Lukas 24,9–10). Diese Berichte zeigen, dass das anfängliche Erschrecken und eine spätere Weitergabe der Botschaft einander nicht ausschließen müssen. Dennoch sollte man Markus nicht stillschweigend eine Fortsetzung zuschreiben, die er selbst an dieser Stelle nicht erzählt.

Bemerkenswert ist außerdem, wie sich das Schweigen der Frauen zu einem wiederkehrenden Motiv des Markusevangeliums verhält. Während seines irdischen Wirkens hatte Jesus mehrfach Menschen angewiesen, über bestimmte Wunder oder Erkenntnisse zunächst nicht zu sprechen. Nach der Heilung eines Aussätzigen verbot er dem Geheilten ausdrücklich, die Sache bekannt zu machen. Dieser verbreitete die Nachricht dennoch so weit, dass Jesus nicht mehr ungehindert öffentlich in eine Stadt kommen konnte (Markus 1,40–45). Nach seiner Verklärung untersagte Jesus den drei anwesenden Jüngern, von dem Gesehenen zu erzählen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei (Markus 9,9). Gerade diese zeitliche Begrenzung ist für Markus 16 bedeutsam. Was zuvor noch nicht öffentlich verkündigt werden sollte, hat durch Jesu Auferstehung seinen entscheidenden Wendepunkt erreicht. Nun fordert der himmlische Bote ausdrücklich dazu auf, die Nachricht weiterzugeben. Dennoch begegnet der Leser zunächst erneut dem Schweigen. Der Gegensatz zwischen früheren Schweigegeboten und dem jetzigen Verkündigungsauftrag verleiht dem Schluss eine besondere Spannung.

Hinzu kommt eine auffällige sprachliche Eigenheit. Im griechischen Text endet Markus 16,8 mit den Worten ephobounto gar, sinngemäß: „denn sie fürchteten sich“. Das erklärende Wort gar, das hier mit „denn“ wiedergegeben wird, steht am Ende des Satzes. Ein solcher Abschluss wirkt ungewöhnlich, ist aber nicht grundsätzlich grammatisch unmöglich. Gerade diese Schlussformulierung hat zu einer lang anhaltenden Diskussion darüber geführt, ob Markus sein Evangelium bewusst an dieser Stelle beendete oder ob eine ursprünglich vorhandene Fortsetzung verloren ging. Die ältesten erhaltenen vollständigen griechischen Markushandschriften schließen mit Vers 8. Der heute verbreitete längere Schluss in den Versen 9–20 ist ebenfalls früh bezeugt, wird aber von der Mehrheit der gegenwärtigen Textforscher nicht dem ursprünglichen Markustext zugerechnet. Ob Markus selbst ein längeres Ende verfasst hatte, lässt sich damit nicht abschließend entscheiden.

Wenn Vers 8 tatsächlich das beabsichtigte Ende des Evangeliums war, entsteht daraus eine bemerkenswerte literarische Wirkung. Die Erzählung schließt nicht mit einer ausführlichen Erscheinung des auferstandenen Jesus und auch nicht mit einer Schilderung der erfolgreichen Verkündigung durch seine Nachfolger. Stattdessen bleibt der Leser unmittelbar vor einer noch ausstehenden Antwort auf Gottes Botschaft stehen. Die Frauen haben gehört, dass Jesus lebt, doch ihr Erschrecken hindert sie zunächst daran, diese Nachricht weiterzusagen. Zugleich weiß der Leser aus dem bisherigen Evangelium, dass Jesus seine Auferstehung mehrfach angekündigt hatte (Markus 8,31; 9,31; 10,34). Die Botschaft am Grab bestätigt also nicht etwas völlig Unvorbereitetes, sondern die zuvor ausgesprochenen Worte Jesu. Gerade darin liegt eine mögliche Absicht des offenen Schlusses: Nicht die Unsicherheit menschlicher Reaktionen entscheidet über die Zuverlässigkeit göttlicher Verheißungen, sondern das Handeln Gottes bestätigt, was Jesus angekündigt hat. Ob Markus diese Wirkung bewusst als endgültigen Abschluss plante, bleibt allerdings eine literarische Deutung und keine gesicherte historische Tatsache.

Ein weiterer Gegensatz ergibt sich aus dem Anfang des Evangeliums. Markus beginnt sein Buch mit der Ankündigung des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes (Markus 1,1). Danach entfaltet er Schritt für Schritt, wer Jesus ist, welche Vollmacht er besitzt, weshalb er leiden muss und wie seine Nachfolger auf ihn reagieren. Immer wieder zeigt sich dabei, dass Menschen seine Worte hören und seine Wunder erleben, ohne seine Person und seinen Auftrag vollständig zu begreifen. Selbst die engsten Jünger verstehen seine Leidensankündigungen zunächst nicht. In Markus 16 erreicht diese Spannung ihren Höhepunkt. Der Tod Jesu, der seinen Nachfolgern wie das Scheitern aller Hoffnungen erscheinen musste, ist nicht das Ende seines Weges. Seine Auferstehung bestätigt die Verheißung, die sie zuvor nicht verstanden hatten. Doch auch diese Bestätigung wird zunächst von menschlicher Bestürzung begleitet. So bleibt das Thema des Glaubens angesichts einer zunächst unbegreiflichen göttlichen Wirklichkeit bis zum letzten Satz gegenwärtig.

Dabei darf die Furcht der Frauen nicht mit einer Widerlegung ihrer bisherigen Treue verwechselt werden. Markus hatte gerade ihnen eine besondere Rolle in der Passionsgeschichte gegeben. Sie waren bei der Kreuzigung anwesend gewesen, hatten die Grablegung beobachtet und waren nach dem Sabbat zum Grab zurückgekehrt (Markus 15,40–47; 16,1–2). Ihre Erschütterung am leeren Grab nimmt diesen Tatsachen nichts von ihrer Bedeutung. Auch ein Mensch, der Jesus aufrichtig liebt und ihm nachfolgt, kann von Gottes Handeln überrascht und überwältigt werden. Glaube bedeutet nicht, jedes Ereignis sofort verstehen und jede innere Erschütterung ohne Zögern überwinden zu können. Die Evangelien beschreiben keine Menschen, die von Anfang an vollkommen vorbereitet auf die Auferstehung gewesen wären. Vielmehr begegnen sie der Nachricht von Jesu Sieg über den Tod mit unterschiedlichen Formen von Verwunderung, Zweifel, Furcht und schließlich wachsendem Verständnis.

Die entscheidende Gewissheit dieses Abschnitts liegt deshalb nicht in der Reaktion der Frauen, sondern in der zuvor ausgesprochenen Botschaft des himmlischen Boten. Jesus ist auferstanden. Sein Grab ist leer, und seine Verheißung an die Jünger bleibt gültig. Ihre menschliche Unsicherheit kann diese Wirklichkeit weder begründen noch aufheben. Gerade weil Markus ihre Furcht nicht beschönigt, tritt der Unterschied zwischen menschlicher Begrenztheit und göttlicher Treue umso deutlicher hervor. Was Jesus angekündigt hatte, ist geschehen, auch wenn seine Nachfolger noch darum ringen müssen, die Bedeutung zu erfassen.

Mit dieser offenen Spannung endet der früheste erreichbare Text des Markusevangeliums. Die längere, ebenfalls sehr alte Überlieferung setzt die Erzählung anschließend mit Berichten über Erscheinungen des Auferstandenen fort. Dort tritt eine weitere menschliche Schwierigkeit hervor, die bereits während des Wirkens Jesu wiederholt sichtbar geworden war: Selbst Menschen, die ihm nahegestanden hatten, fanden es schwer, der Nachricht von seiner Auferstehung Glauben zu schenken.

Markus 16,9–11

Maria Magdalena: Die erste Erscheinung und der Unglaube der Jünger

Mit Vers 9 beginnt der sogenannte längere Markusschluss, dessen besondere Überlieferungsgeschichte bereits berücksichtigt wurde. Während die vorhergehenden Verse von den Frauen am leeren Grab und ihrer Furcht berichten, richtet sich der Blick nun auf eine persönliche Begegnung mit dem auferstandenen Jesus. Nicht einer der zwölf Apostel steht zunächst im Mittelpunkt, sondern Maria Magdalena. Sie gehört zu den Frauen, die Jesus während seines öffentlichen Wirkens begleitet hatten und auch in den Stunden seiner Kreuzigung in seiner Nähe geblieben waren. Nun berichtet der Text, dass Jesus ihr als Erster erscheint. Damit erhält eine Frau, deren Leben durch seine befreiende Macht grundlegend verändert worden war, eine herausragende Stellung innerhalb dieser Auferstehungsüberlieferung.

Markus 16,9 nennt ausdrücklich den frühen Morgen des ersten Wochentages. Der zeitliche Hinweis verbindet die Erscheinung Jesu mit dem Tag, an dem die Frauen das leere Grab entdeckt hatten. Die Auferstehung selbst wird nicht ausführlich als beobachteter Vorgang beschrieben. Wie auch in den übrigen Evangelien erfahren die Leser davon durch das leere Grab, die göttliche Botschaft und die anschließenden Begegnungen mit dem Auferstandenen. Der Text nennt weder die genaue Stunde der Auferstehung noch schildert er, wie Jesus das Grab verlassen hat. Deshalb sollte man nicht mehr aus der Zeitangabe ableiten, als tatsächlich berichtet wird. Sicher ist innerhalb der Evangelienüberlieferung, dass Jesus am ersten Tag der Woche bereits auferstanden war, als seine Nachfolger das Grab aufsuchten. Eine Anordnung, diesen Wochentag künftig anstelle des Sabbats als wöchentlichen Ruhetag zu halten, enthält der Vers nicht. Seine Aussage richtet sich auf die Auferstehung und die Erscheinung Jesu, nicht auf die Einführung einer neuen Ordnung der Wochenruhe.

Die besondere Erwähnung Maria Magdalenas ist mit einem Rückblick auf ihre frühere Lebensgeschichte verbunden. Markus bezeichnet sie als die Frau, aus der Jesus sieben Dämonen ausgetrieben hatte. Lukas bestätigt diese Einzelheit und nennt Maria unter den Frauen, die Jesus begleiteten und ihn mit ihren Mitteln unterstützten (Lukas 8,1–3). Die Zahl sieben beschreibt in diesen Berichten die tatsächliche Schwere ihrer früheren dämonischen Belastung. Ob darüber hinaus eine besondere symbolische Bedeutung beabsichtigt ist, wird nicht erklärt. Ebenso wenig berichten die Evangelien, unter welchen Umständen ihre Befreiung im Einzelnen stattgefunden hatte. Was jedoch feststeht, ist die grundlegende Veränderung ihres Lebens. Eine Frau, die zuvor unter der Macht böser Geister gestanden hatte, war durch Jesus befreit worden und gehörte anschließend zu seinem Kreis treuer Nachfolgerinnen.

Dabei ist eine verbreitete Verwechslung zu vermeiden. Maria Magdalena wird in den Evangelien weder ausdrücklich als Prostituierte noch als die namenlose Sünderin aus Lukas 7,36–50 bezeichnet. Auch die Gleichsetzung mit Maria von Bethanien, der Schwester von Martha und Lazarus, ist durch die biblischen Berichte nicht belegt. Solche Identifizierungen entstanden in späteren Auslegungstraditionen und dürfen nicht als gesicherte Tatsachen in ihre Lebensgeschichte übernommen werden. Die Evangelien geben bereits genügend Auskunft, um ihre besondere Beziehung zu Jesus zu verstehen: Sie hatte seine befreiende Macht erfahren, war ihm nachgefolgt und hatte ihre Verbundenheit auch angesichts seines Todes nicht aufgegeben. Ihre Geschichte braucht keine zusätzlichen, unbelegten Einzelheiten, um die Tiefe ihrer Dankbarkeit und Treue verständlich zu machen.

Dass der auferstandene Jesus gerade Maria Magdalena erscheint, wird im Johannesevangelium besonders anschaulich entfaltet. Johannes 20,11–18 berichtet, dass Maria weinend außerhalb des Grabes stand. Sie hatte bereits festgestellt, dass Jesu Leichnam nicht mehr dort lag, verstand aber zunächst nicht, was geschehen war. Als Jesus vor ihr stand, erkannte sie ihn nicht und hielt ihn für den Gärtner. Erst als er sie mit ihrem Namen ansprach, erkannte sie, wer vor ihr stand. Diese Begegnung macht deutlich, dass das leere Grab für Maria zunächst noch keine ausreichende Erklärung gewesen war. Sie suchte weiterhin nach dem Leichnam Jesu. Erst die persönliche Begegnung mit dem Auferstandenen verwandelte ihre Trauer in die Gewissheit, dass er lebte.

Gerade an dieser Stelle wird der Unterschied zwischen einer Nachricht über Jesus und der Begegnung mit Jesus selbst erkennbar. Maria konnte sehen, dass das Grab leer war, doch daraus allein hatte sie noch nicht geschlossen, dass Jesus auferstanden war. Ihr Denken war weiterhin von der Wirklichkeit seines Todes bestimmt. Als Jesus sie ansprach, erhielt sie die Gewissheit, dass derjenige, den sie verloren glaubte, tatsächlich lebte. Johannes beschreibt diese Erkenntnis nicht als Ergebnis einer längeren Beweisführung, sondern als unmittelbare Wiedererkennung. Zugleich ist diese persönliche Erfahrung nicht von der bereits gegebenen Offenbarung getrennt. Jesus hatte seine Auferstehung vorher angekündigt, und am Grab war ihre Wirklichkeit bereits verkündet worden. Die Begegnung bestätigte somit, was die Jünger aufgrund seiner Worte hätten erwarten dürfen.

Die Aussage, Jesus sei Maria Magdalena zuerst erschienen, sollte mit der gebotenen Genauigkeit verstanden werden. Der längere Markusschluss stellt sie ausdrücklich an den Anfang seiner Erscheinungsberichte. Johannes schildert ebenfalls eine frühe persönliche Begegnung mit ihr. Matthäus berichtet dagegen von einer Erscheinung Jesu vor den Frauen, die vom Grab zurückkehrten (Matthäus 28,9–10), ohne sämtliche Begegnungen in eine vollständige zeitliche Reihenfolge einzuordnen. Auch Paulus nennt in seiner Zusammenfassung der Auferstehungszeugen in 1. Korinther 15,3–8 nicht Maria Magdalena, sondern beginnt mit Kephas und den Zwölf. Daraus folgt jedoch nicht, dass er ihre Begegnung bestreiten wollte. Seine Aufzählung verfolgt einen eigenen argumentativen Zweck und erhebt keinen ausdrücklichen Anspruch, jede Erscheinung vollständig zu erfassen. Die Evangelien bewahren unterschiedliche Einzelheiten, deren genaue chronologische Verbindung nicht in allen Punkten sicher rekonstruiert werden kann.

Nach der Begegnung mit Jesus geht Maria zu denen, die zuvor mit ihm gewesen waren. Markus beschreibt sie als Menschen, die trauern und weinen. Diese kurze Bemerkung gewährt einen aufschlussreichen Einblick in die Situation der Jünger nach Jesu Tod. Für sie war die Kreuzigung nicht nur der Verlust eines geliebten Lehrers. Sie hatten ihre bisherigen Lebenswege verlassen, um Jesus nachzufolgen, seine Worte gehört und seine außergewöhnlichen Taten erlebt. Viele ihrer Erwartungen waren mit seiner Person verbunden gewesen. Nun schien sein Tod diesen Hoffnungen ein endgültiges Ende gesetzt zu haben. Lukas berichtet von zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, die rückblickend erklärten, sie hätten gehofft, Jesus werde Israel erlösen (Lukas 24,21). Diese Worte veranschaulichen, wie tief die Enttäuschung reichen konnte. Die Trauer der Jünger war deshalb nicht nur eine Reaktion auf den Tod eines nahestehenden Menschen, sondern stand auch mit ihrem noch unvollständigen Verständnis von Jesu Auftrag in Verbindung.

Bemerkenswert ist, dass Maria ihnen die Botschaft bringt, während sie noch in diesem Zustand der Trauer sind. Sie verkündet nicht lediglich, das Grab sei leer. Der Inhalt ihrer Nachricht geht darüber hinaus: Jesus lebt, und sie hat ihn gesehen. Markus verbindet damit zwei Aussagen, die sich gegenseitig ergänzen. Die Auferstehung ist die Wirklichkeit, von der Maria berichtet, und ihre persönliche Begegnung ist das Zeugnis, durch das sie diese Nachricht weitergibt. Johannes fasst ihre Verkündigung entsprechend in den Worten zusammen, dass sie den Herrn gesehen habe (Johannes 20,18). Maria überbringt also nicht eine Vermutung über das Schicksal Jesu, sondern bezeugt ein Ereignis, von dessen Wirklichkeit sie aufgrund ihrer Begegnung überzeugt ist.

Die Reaktion der Jünger fällt jedoch ernüchternd aus. Als sie hören, dass Jesus lebt und Maria ihn gesehen hat, glauben sie ihr nicht. Markus beschreibt hier einen deutlichen Gegensatz zwischen der Gewissheit der Zeugin und dem Unglauben der Empfänger. Die Nachricht erreicht Menschen, die Jesus persönlich gekannt und seine wiederholten Auferstehungsankündigungen gehört hatten. Dennoch erscheint ihnen die Botschaft zunächst nicht glaubwürdig. Lukas berichtet in ähnlicher Weise, dass die Aussagen der Frauen den Aposteln wie unglaubwürdiges Gerede vorkamen und sie ihnen nicht glaubten (Lukas 24,10–11). Der Widerstand gegen die Auferstehungsbotschaft wird damit nicht auf Menschen außerhalb des Jüngerkreises beschränkt. Er begegnet gerade unter denen, die Jesus besonders nahegestanden hatten.

Diese Beobachtung ist für das Verständnis des Glaubens von Bedeutung. Die Jünger waren nicht gleichgültig gegenüber Jesus. Ihre Trauer und ihre Tränen belegen vielmehr, wie tief sie sein Tod getroffen hatte. Dennoch bedeutete ihre persönliche Verbundenheit mit ihm nicht automatisch, dass sie seine Auferstehung bereits verstanden oder erwartet hätten. Sie konnten Jesus lieben, über seinen Tod weinen und zugleich Schwierigkeiten haben, der Nachricht von seinem neuen Leben zu glauben. Ihre Gefühle waren aufrichtig, doch ihre Erwartungen blieben hinter dem zurück, was Jesus ihnen zuvor angekündigt hatte. Gerade diese Spannung macht den Bericht so menschlich. Der Unglaube entsteht hier nicht notwendig aus bewusster Feindschaft gegenüber Jesus, sondern zeigt, wie schwer es seinen Nachfolgern fiel, eine Wirklichkeit anzunehmen, die ihr bisheriges Verständnis von Tod und Hoffnung überstieg.

Dabei wäre es eine Verkürzung, die Ablehnung von Marias Zeugnis ausschließlich mit ihrer Stellung als Frau zu erklären. Frauen besaßen in verschiedenen Bereichen der antiken Gesellschaft zwar nicht dieselben rechtlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten wie Männer, und ihre Aussagen wurden nicht überall gleich gewichtet. Der Text selbst nennt das Geschlecht Marias jedoch nicht ausdrücklich als Grund für den Unglauben der Jünger. Zudem zeigt der folgende Abschnitt, dass auch das Zeugnis zweier weiterer Jünger zunächst nicht angenommen wird (Markus 16,12–13). Das eigentliche Thema des längeren Markusschlusses ist deshalb umfassender: Mehrere Zeugen berichten von der Auferstehung, doch diejenigen, die ihre Nachricht empfangen, reagieren wiederholt mit Unglauben. Diese Entwicklung bereitet den späteren Tadel Jesu in Vers 14 vor.

Gleichzeitig wird Maria Magdalena durch den Unglauben der anderen nicht als unglaubwürdige Zeugin dargestellt. Die Erzählung legt vielmehr einen Gegensatz zwischen ihrer Erfahrung und der Reaktion der Jünger offen. Die Frau, deren Leben Jesus einst von dämonischer Macht befreit hatte, ist nun diejenige, die ihnen seine Auferstehung verkündet. Ihre frühere Hilfsbedürftigkeit disqualifiziert sie nicht für diesen Dienst. Entscheidend ist, dass sie dem auferstandenen Herrn begegnet ist und weitergibt, was sie erfahren hat. Darin liegt eine bemerkenswerte Verbindung zwischen Jesu früherem Wirken und dem Beginn der Auferstehungsverkündigung. Derselbe Jesus, der Menschen während seines irdischen Dienstes befreit und wiederhergestellt hatte, lebt und macht eine dieser befreiten Personen zur Überbringerin der Nachricht von seinem Sieg über den Tod.

Der Abschnitt zeigt außerdem, dass die Auferstehungsbotschaft in den Evangelien nicht als eine Nachricht erscheint, die von allen Beteiligten sofort begeistert aufgenommen wurde. Die ersten Reaktionen sind vielmehr von Verwunderung, Furcht, Zweifel und Unglauben geprägt. Das bedeutet nicht, dass jeder spätere Zweifel dadurch gerechtfertigt wäre. Es verhindert jedoch die Vorstellung, die Jünger hätten die Auferstehung von Anfang an selbstverständlich vorausgesetzt und deshalb jede entsprechende Nachricht bereitwillig angenommen. Nach dem Zeugnis der Evangelien mussten auch sie lernen, das Geschehen im Licht der Worte Jesu und der tatsächlichen Begegnungen mit dem Auferstandenen zu verstehen.

So endet diese erste Erscheinungserzählung mit einer noch ungelösten Spannung. Maria hat Jesus gesehen und seine Auferstehung bezeugt, doch die trauernden Jünger glauben ihr nicht. Die Nachricht ist ausgesprochen, aber sie hat die Empfänger noch nicht überzeugt. Der lebendige Christus ist bereits erschienen, während diejenigen, die ihm besonders nahegestanden hatten, innerlich noch unter dem Eindruck seines Todes stehen. Damit bereitet der Bericht die folgenden Begegnungen vor. Denn der Unglaube der Jünger wird nicht durch eine einzige weitere Nachricht überwunden. Der auferstandene Jesus wird ihnen selbst begegnen und sie mit ihrer bisherigen Weigerung konfrontieren, den Zeugen seiner Auferstehung zu glauben.

Markus 16,12–14

Weitere Erscheinungen: Zeugnis, Unglaube und Jesu Tadel

Die Nachricht von der Auferstehung Jesu ist bereits ausgesprochen worden, doch sie hat die trauernden Jünger noch nicht überzeugt. Maria Magdalena hat den Herrn gesehen und davon berichtet, aber ihre Worte wurden nicht geglaubt. Nun beschreibt der längere Markusschluss eine weitere Erscheinung, durch die sich das Zeugnis von der Auferstehung erweitert. Jesus begegnet zwei seiner Nachfolger, die sich auf dem Weg aufs Land befinden. Anschließend berichten auch sie den übrigen Jüngern von ihrer Erfahrung. Doch erneut begegnet ihre Nachricht dem Unglauben. Erst als Jesus den elf Aposteln selbst erscheint, wird ihre bisherige Haltung ausdrücklich angesprochen. Damit führt der Abschnitt von wiederholten Zeugnissen zu einer persönlichen Begegnung, in der der Auferstandene nicht nur seine Lebendigkeit offenbart, sondern auch das Verhältnis seiner Nachfolger zu seinen früheren Worten und zu den Berichten anderer Zeugen prüft.

Markus berichtet zunächst, dass Jesus sich zwei von ihnen „in einer andern Gestalt“ offenbart (Markus 16,12). Der Ausdruck ist bemerkenswert, weil er die Art seiner Erscheinung ausdrücklich hervorhebt. Im griechischen Text steht en hetera morphē, was sich sinngemäß als „in einer anderen Gestalt“ oder „in einer anderen Erscheinungsform“ wiedergeben lässt. Der Text erklärt jedoch nicht genauer, worin dieser Unterschied bestand. Er sagt weder, dass Jesus einen anderen Körper angenommen habe, noch beschreibt er eine bestimmte Veränderung seines Gesichts oder seiner Kleidung. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, der auferstandene Christus sei nur eine geistige Erscheinung ohne wirkliche Leiblichkeit gewesen. Der Ausdruck beschreibt zunächst, dass Jesus sich den beiden auf eine Weise offenbarte, die sich von seiner ihnen vertrauten Erscheinung unterschied. Die genaue Beschaffenheit dieser Veränderung bleibt offen.

Ein ausführlicher Bericht über eine Begegnung Jesu mit zwei Jüngern auf einem Weg findet sich in Lukas 24,13–35. Dort sind zwei Nachfolger Jesu unterwegs nach Emmaus, einem Dorf in der Umgebung Jerusalems. Einer von ihnen heißt Kleopas; der Name des anderen wird nicht genannt. Sie unterhalten sich über die Ereignisse der vergangenen Tage, als Jesus selbst zu ihnen tritt und sie begleitet. Obwohl sie mit ihm sprechen, erkennen sie ihn zunächst nicht. Lukas erklärt ausdrücklich, dass ihre Augen daran gehindert waren, ihn zu erkennen (Lukas 24,16). Die Ähnlichkeit zwischen diesem Bericht und Markus 16,12 ist so deutlich, dass beide Stellen gewöhnlich auf dieselbe Begegnung bezogen werden. Dennoch enthält Markus selbst weder den Namen Emmaus noch die Identität der beiden Reisenden. Die Verbindung ergibt sich aus dem Vergleich der Berichte und sollte nicht so behandelt werden, als stünden sämtliche Einzelheiten bereits in Markus.

Besonders aufschlussreich ist, worüber die beiden Jünger nach Lukas auf ihrem Weg sprechen. Sie berichten Jesus von seiner Verurteilung und Kreuzigung und erklären, dass sie gehofft hätten, er werde Israel erlösen. Diese Formulierung lässt erkennen, wie sehr Jesu Tod ihre bisherigen Erwartungen erschüttert hatte. Sie hatten auf seine Sendung vertraut, aber offenbar noch nicht verstanden, weshalb sein Leiden und Sterben zum göttlichen Erlösungsplan gehörten. Zwar haben sie bereits von den Frauen gehört, die das leere Grab fanden und von Engeln erfuhren, dass Jesus lebe. Doch diese Nachricht hat ihre Trauer noch nicht in Gewissheit verwandelt. Sie kennen den Bericht, aber seine Bedeutung ist ihnen noch nicht aufgegangen. Gerade darin wird verständlich, weshalb die Begegnung mit dem Auferstandenen nicht sofort zur Wiedererkennung führt.

Jesus beantwortet ihre Verwirrung auf eine bemerkenswerte Weise. Nach Lukas 24,25–27 beginnt er nicht damit, ihnen augenblicklich seine Identität zu offenbaren. Stattdessen erklärt er ihnen aus den Schriften, weshalb der Christus leiden und anschließend in seine Herrlichkeit eingehen musste. Er führt sie von ihren enttäuschten Erwartungen zurück zum Zeugnis der Heiligen Schrift. Der entscheidende Irrtum der beiden bestand nicht darin, dass sie überhaupt auf Israels Erlösung gehofft hatten. Vielmehr hatten sie den Weg, auf dem Gottes Verheißungen erfüllt werden sollten, noch nicht richtig verstanden. Sie rechneten mit dem Handeln des Messias, ohne die Notwendigkeit seines Leidens vollständig zu begreifen. Jesus zeigt ihnen deshalb, dass sein Tod nicht außerhalb des göttlichen Plans lag, sondern im Zusammenhang mit dem verstanden werden musste, was Gott zuvor durch die Propheten offenbart hatte.

Diese Einzelheit ergänzt die knappe Aussage des längeren Markusschlusses um einen wichtigen Gesichtspunkt. Die Erscheinung des Auferstandenen dient nicht ausschließlich dazu, seine persönliche Gegenwart zu beweisen. Sie führt die Jünger zugleich zu einem tieferen Verständnis seiner Sendung. Ihr früheres Bild vom Messias muss anhand der Schrift berichtigt werden. Jesus stellt damit keine neue Botschaft neben die bisherigen Offenbarungen Gottes, sondern erschließt deren Bedeutung im Licht seines vollbrachten Werkes. Das entspricht auch seinem Vorgehen während seines irdischen Dienstes. Schon in Markus 8,31 hatte er angekündigt, dass der Menschensohn vieles leiden, verworfen, getötet und nach drei Tagen auferstehen müsse. Die Jünger hatten diese Ankündigung gehört, aber noch nicht in ihrer Tragweite verstanden. Nach der Auferstehung werden sie erneut mit dem konfrontiert, was Jesus ihnen zuvor gesagt hatte.

Erst als die beiden Reisenden Jesus zum Bleiben eingeladen haben und mit ihm zu Tisch sitzen, erkennen sie ihn. Lukas berichtet, dass Jesus Brot nimmt, es segnet, bricht und ihnen gibt. Daraufhin werden ihre Augen geöffnet, und sie erkennen ihn. Unmittelbar danach entzieht er sich ihrem Blick (Lukas 24,30–31). Die Erzählung verbindet die Wiedererkennung mit einer konkreten Handlung Jesu. Ob die beiden gerade dadurch an frühere gemeinsame Mahlzeiten erinnert wurden, wird nicht ausdrücklich erklärt. Ebenso wenig ist die Szene ohne Weiteres als eine erneute Einsetzung des Abendmahls zu verstehen. Im unmittelbaren Zusammenhang steht die Erkenntnis im Vordergrund, dass ihr bisher unbekannter Begleiter tatsächlich der auferstandene Jesus war.

Nach dieser Begegnung erinnern sich die beiden daran, wie ihre Herzen bereits während des Weges bewegt worden waren, als Jesus ihnen die Schriften erklärte. Damit wird eine wichtige Reihenfolge sichtbar. Noch bevor sie seine Identität erkannten, hatte die Erklärung des göttlichen Wortes begonnen, ihr Verständnis zu verändern. Ihre spätere Wiedererkennung bestätigte die Wirklichkeit dessen, der mit ihnen gesprochen hatte. Das geistliche Verständnis erwuchs somit nicht allein aus dem außergewöhnlichen Erlebnis einer Erscheinung. Es wurde durch das Wort Gottes vorbereitet. Gerade diese Verbindung von Schriftverständnis und persönlicher Begegnung gehört zu den wichtigsten Aussagen des ausführlicheren Emmausberichts.

Markus konzentriert sich dagegen auf das Ergebnis der Begegnung: Die beiden gehen zu den übrigen Jüngern und verkündigen ihnen, dass sie Jesus gesehen haben. Damit wiederholt sich das Geschehen, das bereits bei Maria Magdalena beschrieben wurde. Menschen begegnen dem Auferstandenen und geben die Nachricht anschließend weiter. Die Evangeliumsverkündigung beginnt hier nicht mit einer ausgedachten religiösen Lehre, sondern mit dem Zeugnis von einem Ereignis, das die Betreffenden nach den biblischen Berichten selbst erfahren haben. Die beiden Reisenden bleiben nicht bei ihrer persönlichen Freude stehen. Ihre Erfahrung drängt sie dazu, andere darüber zu informieren. Lukas berichtet ergänzend, dass sie noch in derselben Stunde nach Jerusalem zurückkehrten, obwohl es bereits Abend geworden war (Lukas 24,33). Was sie zuvor mit Trauer beschäftigt hatte, erscheint nun in einem völlig neuen Licht.

Doch Markus fügt eine ernüchternde Bemerkung hinzu: Auch diesen beiden Zeugen glauben die übrigen nicht. Damit entsteht eine deutliche Wiederholung. Zuerst wurde das Zeugnis Maria Magdalenas nicht angenommen; anschließend findet auch der Bericht zweier weiterer Jünger keinen Glauben. Die Zahl der Zeugen nimmt zu, aber die Bereitschaft, ihre Aussagen anzunehmen, bleibt nach dieser Darstellung zunächst aus. Markus macht damit deutlich, dass der Unglaube der Jünger nicht lediglich daran lag, dass ihnen noch niemand von der Auferstehung berichtet hätte. Sie haben bereits Zeugnisse gehört, können oder wollen diese jedoch noch nicht als wahr annehmen.

Beim Vergleich mit Lukas muss allerdings eine Besonderheit beachtet werden. Als die beiden Emmausjünger nach Jerusalem zurückkehren, finden sie dort nach Lukas 24,33–34 eine versammelte Gemeinschaft vor, in der bereits verkündet wird, der Herr sei wirklich auferstanden und Simon erschienen. Lukas beschreibt also innerhalb des Jüngerkreises bereits eine positive Auferstehungsüberzeugung, während Markus 16,13 erneut den Unglauben der übrigen hervorhebt. Möglicherweise beziehen sich die Aussagen auf unterschiedliche Personen oder unterschiedliche Phasen der Überzeugungsbildung. Auch können die knappen Erscheinungszusammenfassungen jeweils andere Schwerpunkte setzen. Der genaue Ablauf lässt sich jedoch nicht mit Sicherheit rekonstruieren. Es wäre deshalb unangebracht, diese Unterschiede durch eine frei erfundene Reihenfolge einzelner Gespräche aufzulösen. Beide Berichte stimmen darin überein, dass die Auferstehungsbotschaft die Jünger erreichte und dass ihre Überzeugung nicht bei allen sofort vorhanden war.

In Vers 14 erreicht die Darstellung ihren Höhepunkt. Nun erscheint Jesus den elf Aposteln selbst, während sie zu Tisch sitzen. Die Bezeichnung „die Elf“ erinnert daran, dass Judas Iskariot nicht mehr zu diesem Kreis gehört. Aus den ursprünglich zwölf berufenen Aposteln ist nach seinem Verrat und Tod eine Gemeinschaft von elf geworden. Markus nennt hier weder den genauen Ort der Begegnung noch ihren Zeitpunkt. Lukas 24,36–43 und Johannes 20,19–23 berichten ebenfalls von einer Erscheinung Jesu vor einer versammelten Jüngergruppe. Beide Texte können zum Verständnis beitragen, doch eine vollständige Gleichsetzung aller Einzelheiten ist nicht zwingend. Entscheidend ist, dass Jesus jetzt nicht mehr nur einzelnen Nachfolgern begegnet, sondern dem engeren Kreis seiner Apostel.

Die Erwähnung der gemeinsamen Mahlzeit ist auch deshalb bemerkenswert, weil die folgenden Evangelienberichte die wirkliche Leiblichkeit des Auferstandenen besonders hervorheben. Lukas erzählt, dass Jesus den erschrockenen Jüngern seine Hände und Füße zeigt und sie auffordert, ihn anzurühren. Anschließend isst er vor ihren Augen ein Stück gebratenen Fisch (Lukas 24,39–43). Johannes berichtet ebenfalls, dass Jesus den Jüngern seine Hände und seine Seite zeigte (Johannes 20,20). Diese Aussagen verhindern eine Deutung der Auferstehung als bloßes Weiterleben seiner Gedanken oder als ausschließlich inneres Erlebnis seiner Nachfolger. Die Evangelien bezeugen den auferstandenen Jesus als wirklich lebendig und persönlich gegenwärtig. Zugleich zeigen die Berichte, dass sein Auferstehungsleben nicht einfach in allen Eigenschaften mit dem gewöhnlichen menschlichen Leben vor seinem Tod gleichgesetzt werden kann. Wie sich die besondere Wirklichkeit des Auferstehungsleibes im Einzelnen erklären lässt, wird hier nicht vollständig entfaltet.

Die Begegnung selbst beginnt im längeren Markusschluss mit einem Tadel. Jesus weist die Apostel wegen ihres Unglaubens und der Härte ihres Herzens zurecht. Diese beiden Begriffe beschreiben verwandte, aber nicht völlig identische Probleme. Der Unglaube betrifft ihre Weigerung, den Berichten über seine Auferstehung Glauben zu schenken. Die Herzenshärtigkeit geht tiefer. Sie bezeichnet eine innere Haltung, die sich gegenüber einer notwendigen Einsicht verschließt oder ihr widersteht. Im biblischen Sprachgebrauch umfasst das Herz nicht nur das Gefühl, sondern auch das Denken, Wollen und Entscheiden. Die Härte des Herzens betrifft somit den Menschen in seiner inneren Ausrichtung.

Dieser Vorwurf ist im Markusevangelium bereits früher begegnet. Nach der Speisung der Fünftausend und der anschließenden Begegnung Jesu mit seinen Jüngern auf dem See bemerkt Markus, dass sie das Wunder mit den Broten nicht verstanden hatten, weil ihr Herz verhärtet war (Markus 6,52). Später fragt Jesus sie ausdrücklich, ob sie noch immer ein verhärtetes Herz hätten, obwohl sie seine Wunder erlebt und sich an die gesammelten Brotreste erinnern konnten (Markus 8,17–21). In beiden Zusammenhängen richtet sich die Kritik nicht gegen Menschen, denen jede Grundlage zum Vertrauen fehlte. Vielmehr hatten sie bereits Erfahrungen mit Jesu Vollmacht gemacht und waren dennoch nicht zu dem Verständnis gelangt, das daraus hätte erwachsen können. Diese frühere Problematik findet im längeren Markusschluss eine zugespitzte Fortsetzung. Selbst nach Jesu Tod, seinen wiederholten Auferstehungsankündigungen und den Berichten mehrerer Zeugen tun sich seine engsten Nachfolger schwer, die Wirklichkeit seiner Auferstehung anzunehmen.

Dabei ist sorgfältig zwischen berechtigter Prüfung und verhärtetem Unglauben zu unterscheiden. Die Bibel verlangt nicht, jede außergewöhnliche Behauptung ungeprüft für wahr zu halten. Sie fordert vielmehr dazu auf, geistliche Aussagen zu prüfen und Wahrheit von Irrtum zu unterscheiden (1. Thessalonicher 5,21; 1. Johannes 4,1). Jesu Vorwurf bedeutet deshalb nicht, dass seine Jünger grundsätzlich keine Fragen hätten stellen oder nach Verständnis suchen dürfen. Im Zusammenhang von Markus 16 richtet er sich auf ihre Weigerung, den Menschen Glauben zu schenken, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten. Hinzu kommen die Ankündigungen, die Jesus ihnen bereits vor seinem Tod gegeben hatte. Ihre Schwierigkeit bestand daher nicht einfach in vorsichtigem Nachfragen, sondern darin, dass sie die verfügbaren Zeugnisse und Jesu eigene Worte noch nicht in angemessener Weise zusammenführten.

Gerade hier zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen bloßer Kenntnis religiöser Aussagen und einem Vertrauen, das sich durch diese Aussagen tatsächlich leiten lässt. Die Jünger kannten Jesu Worte über seinen bevorstehenden Tod und seine Auferstehung. Sie hatten mehrfach erlebt, dass seine Ankündigungen zuverlässig waren. Trotzdem bestimmten zunächst ihre Trauer und ihre bisherigen Erwartungen, was sie für möglich hielten. Das ist nicht gleichbedeutend damit, dass ihre Gefühle falsch gewesen wären. Der Tod Jesu war ein wirkliches, erschütterndes Ereignis. Doch die Wirklichkeit seiner Auferstehung durfte nicht allein daran gemessen werden, ob sie zu ihrem bisherigen Verständnis passte. Jesu Tadel fordert sie deshalb heraus, ihre Erwartungen durch Gottes bereits gegebenes Wort korrigieren zu lassen.

Auffallend ist außerdem, dass Jesus seine Jünger trotz dieses Unglaubens nicht verwirft. Er spricht ihr Versagen offen an, aber die Begegnung endet nicht mit ihrer Zurückweisung. Unmittelbar im folgenden Vers vertraut er ihnen den Auftrag an, das Evangelium in aller Welt zu verkündigen (Markus 16,15). Diese Reihenfolge besitzt eine besondere Bedeutung. Der Auferstandene lässt den Unglauben seiner Nachfolger nicht unbeachtet, doch er macht ihr früheres Versagen auch nicht zum endgültigen Urteil über ihre Zukunft. Er begegnet ihnen, führt sie zur Auseinandersetzung mit ihrer Haltung und gibt ihnen anschließend eine Aufgabe. Seine Zurechtweisung steht damit im Zusammenhang seiner fortdauernden Beziehung zu ihnen.

Diese Verbindung erinnert an den Umgang Jesu mit Petrus. Dessen Verleugnung war schwerwiegend gewesen, und dennoch hatte der himmlische Bote am leeren Grab ausdrücklich angeordnet, auch ihm die Auferstehungsbotschaft zu überbringen (Markus 16,7). Johannes 21 schildert später, wie Jesus Petrus erneut mit einem besonderen Dienst beauftragt. Auch dort wird sein vorausgegangenes Versagen nicht dadurch überwunden, dass es einfach für bedeutungslos erklärt wird. Vielmehr führt Jesus ihn zu einer erneuerten Beziehung und Verantwortung. In ähnlicher Weise richtet sich sein Tadel in Markus 16,14 an Jünger, die gerade erst zeigen mussten, wie begrenzt ihr bisheriges Verständnis war. Dass Jesus ihnen dennoch die Verkündigung des Evangeliums anvertraut, macht deutlich, dass ihre künftige Aufgabe nicht auf einer Geschichte ununterbrochener persönlicher Treue beruht.

Damit gewinnt auch die zukünftige Glaubwürdigkeit ihres Zeugnisses eine wichtige Dimension. Die Jünger werden später nicht als Menschen auftreten, die von Anfang an jede Auferstehungsbotschaft ohne Schwierigkeiten angenommen hätten. Nach den Evangelien mussten sie selbst durch Zweifel, Furcht und Unverständnis hindurchgeführt werden. Sie werden die Auferstehung nicht deshalb verkündigen, weil sie ihre früheren Erwartungen bestätigt sehen wollten, sondern weil sie nach dem biblischen Zeugnis dem lebendigen Jesus begegnet sind und ihre bisherigen Vorstellungen dadurch verändert wurden. Ihre Erfahrung wird nicht als vollkommen geradlinige Entwicklung beschrieben. Gerade diese Offenheit über ihre Schwächen gehört zur Eigenart der Evangelienberichte.

So verbindet Markus 16,12–14 drei wesentliche Gedanken: die wiederholten Erscheinungen des Auferstandenen, den zunächst anhaltenden Unglauben seiner Nachfolger und Jesu persönliche Zurechtweisung. Die beiden Reisenden bezeugen seine Auferstehung, doch ihre Nachricht wird zunächst nicht angenommen. Daraufhin begegnet Jesus selbst den elf Aposteln und macht ihnen deutlich, dass ihre Haltung gegenüber den bisherigen Zeugen nicht angemessen gewesen war. Trotzdem bleibt es nicht bei der Feststellung ihres Versagens. Dieselben Jünger, die den Berichten anderer zunächst keinen Glauben schenkten, sollen nun selbst zu Boten der Auferstehung werden. Der Übergang zum folgenden Missionsauftrag ist deshalb besonders bedeutsam: Bevor Jesus sie in die Welt sendet, begegnet er ihrem Unglauben. Die Botschaft, die sie künftig verkündigen sollen, muss zunächst ihr eigenes Denken und ihr Verständnis von ihm verändern.

Markus 16,15–16

Das Evangelium für die ganze Welt: Glaube, Taufe und Rettung

Unmittelbar nachdem Jesus seinen Jüngern ihren Unglauben und die Härte ihres Herzens vorgehalten hat, vertraut er ihnen eine Aufgabe an, deren Bedeutung weit über ihren bisherigen Lebenskreis hinausreicht. Sie sollen in die ganze Welt gehen und das Evangelium aller Kreatur verkündigen. Dieser Übergang ist bemerkenswert. Die Männer, die den Berichten über seine Auferstehung zunächst keinen Glauben schenken wollten, werden nun selbst beauftragt, anderen Menschen die Botschaft von seinem Tod und seiner Auferstehung zu bringen. Jesus wartet nicht darauf, dass seine Nachfolger eine Geschichte vollkommenen Glaubens vorweisen können. Er begegnet ihrem Versagen, korrigiert ihre Haltung und beruft sie anschließend zum Dienst. Ihre künftige Vollmacht erwächst dabei nicht aus eigener geistlicher Überlegenheit. Sie beruht auf dem auferstandenen Herrn, dessen Botschaft sie weitergeben sollen.

Der Auftrag beginnt mit einer Aufforderung zur Bewegung: Die Jünger sollen hinausgehen. Bisher hatte sich das öffentliche Wirken Jesu vor allem in Galiläa und Judäa abgespielt, auch wenn seine Begegnungen mit Menschen aus anderen Gebieten bereits erkennen ließen, dass seine Sendung über die Grenzen Israels hinaus Bedeutung besaß. Nun soll die Verkündigung ausdrücklich die ganze Welt erreichen. Im griechischen Text von Markus 16,15 steht der Ausdruck eis ton kosmon hapanta, der die umfassende räumliche Ausrichtung des Auftrags unterstreicht. Die Jünger sollen ihre Botschaft nicht auf Jerusalem, Galiläa oder das jüdische Volk beschränken. Was Gott durch Jesus getan hat, soll Menschen aus allen Völkern bekannt werden. Damit wird eine Verheißung aufgegriffen, die bereits im Alten Testament angelegt war. Gott hatte Abraham zugesagt, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3). Auch Jesaja beschreibt Gottes Heil als ein Licht, das bis an die Enden der Erde reichen soll (Jesaja 49,6). Der weltweite Missionsauftrag steht somit im Zusammenhang mit Gottes umfassendem Erlösungsplan.

Diese Ausrichtung ist nicht allein im längeren Markusschluss bezeugt. Bereits in Markus 13,10 hatte Jesus angekündigt, dass das Evangelium zuvor unter allen Völkern verkündigt werden müsse. Matthäus 28,19–20 berichtet von dem Auftrag, Menschen aus allen Nationen zu Jüngern zu machen, sie zu taufen und sie zu lehren, Jesu Gebote zu halten. Lukas 24,46–47 verbindet die Verkündigung unter allen Völkern ausdrücklich mit dem Leiden und der Auferstehung Christi sowie mit dem Ruf zur Umkehr und der Vergebung der Sünden. In Apostelgeschichte 1,8 kündigt Jesus schließlich an, dass seine Nachfolger durch den Heiligen Geist Kraft empfangen und seine Zeugen bis an das Ende der Erde sein werden. Die weltweite Mission gehört deshalb zu den breit bezeugten Aussagen des Neuen Testaments und hängt nicht allein von der textkritisch umstrittenen längeren Schlussfassung des Markusevangeliums ab.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Formulierung, das Evangelium solle „aller Kreatur“ verkündigt werden. Das zugrunde liegende griechische Wort ktisis kann die Schöpfung oder das Geschaffene bezeichnen. In diesem Zusammenhang richtet sich die Verkündigung jedoch an Menschen, die die Botschaft hören, darauf antworten und zum Glauben kommen können. Der folgende Vers spricht ausdrücklich von Glauben und Taufe und erklärt dadurch, welche Art von Antwort gemeint ist. Die Wendung erweitert den Horizont des Auftrags auf die gesamte Menschheit. Herkunft, Volkszugehörigkeit, gesellschaftliche Stellung und bisherige religiöse Prägung sollen keine grundsätzlichen Ausschlussgründe sein. Die Botschaft von Jesus Christus gehört nicht einer bestimmten Nation oder gesellschaftlichen Gruppe. Sie soll überall dort bekannt werden, wo Menschen leben. Dass Gottes Erlösungswerk darüber hinaus auch eine zukünftige Erneuerung der Schöpfung umfasst, zeigt Römer 8,19–23. Diese weiterreichende Hoffnung darf jedoch nicht mit dem unmittelbaren Verkündigungsauftrag in Markus 16,15 verwechselt werden.

Ebenso wichtig ist die Frage, was die Jünger überhaupt verkündigen sollen. Jesus spricht vom Evangelium, also von der guten Nachricht. Schon am Beginn des Markusevangeliums hatte Jesus das Evangelium Gottes gepredigt und die Menschen aufgefordert, umzukehren und daran zu glauben (Markus 1,14–15). Im Verlauf seines Wirkens wurde immer deutlicher, dass die Verwirklichung des göttlichen Heils untrennbar mit seiner eigenen Person verbunden ist. Er kam nicht, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben (Markus 10,45). Nach seiner Kreuzigung und Auferstehung konnte diese Botschaft in ihrer erfüllten Bedeutung verkündigt werden. Paulus fasst ihren wesentlichen Inhalt später damit zusammen, dass Christus für unsere Sünden gestorben, begraben worden und am dritten Tag auferstanden ist, wie es die Schriften bezeugen (1. Korinther 15,3–4). Das Evangelium ist daher mehr als eine allgemeine Aufforderung zu einem besseren Leben. Es verkündet, was Gott durch Jesus Christus zur Rettung des Menschen getan hat, und ruft dazu auf, sich ihm im Glauben zuzuwenden.

Gerade weil diese Botschaft allen Menschen gilt, muss sie verkündigt werden. Der Auftrag setzt voraus, dass Menschen von Jesus hören und verstehen können, worauf sich der christliche Glaube gründet. Paulus stellt im Römerbrief die Frage, wie Menschen an den glauben sollen, von dem sie nicht gehört haben, und wie sie ohne Verkündigung hören können (Römer 10,14–17). Damit beschreibt er eine grundlegende Verbindung zwischen der Weitergabe des Evangeliums und der Entstehung des Glaubens. Die Jünger sollen nicht bloß religiöse Gewohnheiten verbreiten oder Menschen durch äußeren Druck zu einem bestimmten Verhalten bewegen. Sie sollen eine Botschaft weitergeben, auf die Menschen antworten können. Der Missionsauftrag begründet deshalb keine Berechtigung, Glauben durch Zwang herzustellen. Wahrer Glaube kann nicht durch gesellschaftlichen Druck, staatliche Macht oder eine äußerlich erzwungene Handlung ersetzt werden. Die Verkündigung soll Menschen mit Christus bekannt machen und sie zu einer verantwortlichen Antwort auf seine Botschaft führen.

In Vers 16 beschreibt Jesus diese Antwort mit zwei eng verbundenen Begriffen: Glauben und Taufe. Die positive Aussage lautet sinngemäß, dass derjenige gerettet wird, der glaubt und getauft wird. Beide Elemente stehen nebeneinander und gehören zur beschriebenen Antwort auf das Evangelium. Der Glaube ist dabei nicht bloß die Zustimmung zu der Aussage, dass Jesus gelebt hat. Im neutestamentlichen Zusammenhang bedeutet er, der Botschaft über Jesus zu vertrauen und sich ihm als Retter und Herrn zuzuwenden. Dazu gehört die Anerkennung, dass der Mensch Gottes Gnade benötigt und sich nicht selbst von seiner Schuld befreien kann. Die Taufe ist die von Christus eingesetzte Handlung, durch die diese Hinwendung öffentlich und sichtbar zum Ausdruck kommt. Sie verbindet den Menschen mit der Gemeinschaft derer, die Jesus nachfolgen, und verweist zugleich auf die grundlegende Veränderung, die mit der Zugehörigkeit zu Christus verbunden ist.

Die enge Verbindung zwischen Glauben und Taufe zeigt sich besonders in der Apostelgeschichte. Als Petrus am Pfingsttag die Kreuzigung und Auferstehung Jesu verkündet, werden seine Zuhörer innerlich getroffen und fragen, was sie tun sollen. Petrus ruft sie zur Umkehr und zur Taufe im Namen Jesu Christi auf (Apostelgeschichte 2,37–41). In Samaria glauben Menschen der Verkündigung des Philippus und lassen sich taufen (Apostelgeschichte 8,12). Als der äthiopische Hofbeamte durch Philippus die Botschaft von Jesus verstanden hat, äußert er den Wunsch, getauft zu werden (Apostelgeschichte 8,35–38). Auch der Bericht über den Kerkermeister von Philippi verbindet das Hören des göttlichen Wortes, den Glauben und die anschließende Taufe (Apostelgeschichte 16,30–34). In diesen ausdrücklich geschilderten Missionssituationen ist die Taufe somit keine vom Glauben unabhängige Handlung, sondern steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Annahme des Evangeliums. Das Neue Testament beschreibt hier das grundlegende Muster der christlichen Bekehrung: Die Botschaft wird verkündigt, Menschen reagieren darauf mit Glauben und Umkehr, und sie werden getauft.

Welche Bedeutung die Taufe besitzt, erklärt Paulus besonders ausführlich in Römer 6,3–4. Dort verbindet er sie mit dem Tod, der Grablegung und der Auferstehung Jesu Christi. Der getaufte Mensch wird im Bild der Taufe mit Christus begraben, damit er in einem neuen Leben wandeln soll. Diese Verbindung zeigt, weshalb die Taufe weit mehr ist als eine äußere Kennzeichnung religiöser Zugehörigkeit. Sie verweist auf die Abkehr vom bisherigen Leben unter der Herrschaft der Sünde und auf den Beginn eines Lebens in Gemeinschaft mit Christus. Der Gedanke wird in Kolosser 2,12 aufgenommen, wo Paulus ebenfalls von dem Begrabensein mit Christus in der Taufe und von der Auferweckung durch den Glauben an Gottes Wirken spricht. Die Taufe bezeugt damit nicht die eigene moralische Vollkommenheit des Menschen, sondern seine Zugehörigkeit zu dem Erlöser, der für ihn gestorben und auferstanden ist. Sie ist auf Christi vollbrachtes Werk ausgerichtet und erhält ihre Bedeutung aus dieser Verbindung.

Damit stellt sich eine wichtige Frage: Rettet die Taufe den Menschen, oder wird er durch den Glauben an Jesus Christus gerettet? Die neutestamentlichen Aussagen dürfen hier nicht gegeneinander ausgespielt werden. Paulus erklärt in Epheser 2,8–10, dass die Rettung aus Gnade und durch Glauben geschieht, nicht aufgrund eigener Verdienste. Der Mensch kann sich die Erlösung nicht durch religiöse Leistungen erarbeiten. Zugleich spricht Petrus in 1. Petrus 3,21 ausdrücklich davon, dass die Taufe rettet. Er erklärt jedoch im selben Zusammenhang, dass es dabei nicht um die bloße Entfernung körperlicher Unreinheit geht, sondern um die Beziehung des Menschen zu Gott und um die Auferstehung Jesu Christi. Die genaue Bedeutung der griechischen Formulierung über das gute Gewissen wird unterschiedlich übersetzt, etwa als Bitte an Gott oder als Verpflichtung vor Gott. Der entscheidende Zusammenhang ist dennoch eindeutig: Die rettende Bedeutung der Taufe wird nicht aus der rein äußerlichen Wirkung des Wassers erklärt, sondern mit Christus und seiner Auferstehung verbunden.

Daraus ergibt sich eine notwendige Unterscheidung. Der Grund der Erlösung liegt in Gottes Gnade und im Werk Jesu Christi. Der Mensch empfängt dieses Heil nicht als Verdienst für eine selbst erbrachte Leistung, sondern durch den Glauben. Die Taufe ist dabei eine von Christus angeordnete und mit der christlichen Bekehrung eng verbundene Handlung, in der die Zugehörigkeit zu ihm sichtbar wird. Deshalb wäre es ebenso einseitig, sie zu einer automatisch rettenden Zeremonie zu machen, wie ihr jede geistliche Bedeutung abzusprechen. Ein Mensch wird nicht dadurch innerlich erneuert, dass Wasser mit seinem Körper in Berührung kommt, während er Christus weiterhin bewusst ablehnt. Umgekehrt sollte die Taufe auch nicht als bedeutungslose Formalität behandelt werden, die mit der Nachfolge Jesu nur lose verbunden ist. Wer Christus vertraut und seinen Willen erkannt hat, besitzt einen guten Grund, auch seinem ausdrücklichen Taufauftrag zu folgen.

Die Formulierung in Markus 16,16 verdient darüber hinaus eine genaue sprachliche Betrachtung. Der erste Satzteil verbindet Glauben und Taufe positiv mit der Verheißung der Rettung. Der zweite Satzteil lautet dagegen nicht, dass derjenige verurteilt werde, der nicht getauft ist, sondern dass derjenige verurteilt wird, der nicht glaubt. Dieser Unterschied ist tatsächlich vorhanden und darf nicht übergangen werden. Zugleich lässt er sich nicht einfach in die Behauptung umkehren, die Taufe sei für das christliche Leben deshalb unerheblich. Der positive Satz nennt ausdrücklich beide Elemente. Der negative Satz bezeichnet den Unglauben als den entscheidenden Grund der Verurteilung. Ob ein Mensch, der tatsächlich glaubt, aber aus bestimmten Gründen noch nicht getauft wurde, deshalb vom Heil ausgeschlossen wäre, wird durch diese unterschiedliche Formulierung allein nicht abschließend entschieden. Die Aussage ist präziser, wenn man festhält: Glaube und Taufe gehören in der beschriebenen positiven Antwort auf das Evangelium zusammen, während der zweite Halbsatz den Unglauben als ausreichenden Grund für das Gericht benennt.

Auch der Bericht über Kornelius und sein Haus hilft, eine rein mechanische Vorstellung von der Taufe zu vermeiden. Während Petrus noch das Evangelium verkündet, fällt der Heilige Geist auf diejenigen, die seine Worte hören. Erst danach ordnet Petrus ihre Taufe an (Apostelgeschichte 10,44–48). Gott hatte also bereits sichtbar an diesen Menschen gehandelt, bevor die Taufhandlung vollzogen wurde. Gleichzeitig betrachtet Petrus ihre Erfahrung mit dem Heiligen Geist nicht als Grund, auf die Taufe zu verzichten. Vielmehr folgt sie als angemessene Antwort auf Gottes Handeln. Der Bericht zeigt dadurch, dass die Wirkung des Heiligen Geistes nicht an eine ausnahmslos starre zeitliche Abfolge gebunden ist, während die Taufe dennoch ihren festen Platz im Leben der christlichen Gemeinde behält.

Der zweite Halbsatz von Markus 16,16 führt den Blick auf die ernste Bedeutung des Unglaubens. Die Rettung durch Christus ist nach dem Neuen Testament keine nebensächliche Möglichkeit unter vielen gleichbedeutenden religiösen Angeboten. Sie betrifft die grundlegende Beziehung des Menschen zu Gott. Deshalb beschreibt Jesus die Ablehnung des Glaubens als eine Angelegenheit mit Folgen für das göttliche Gericht. Auch Johannes 3,16–18 verbindet den Glauben an den Sohn Gottes mit dem ewigen Leben und den Unglauben mit dem Gericht. Damit ist nicht gesagt, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer mangelnden Bildung oder einer unverschuldeten Unkenntnis des Evangeliums von anderen Menschen endgültig beurteilt werden dürften. Gott allein kennt die Lebensgeschichte, das tatsächliche Wissen und die inneren Beweggründe jedes Menschen. Paulus erklärt in Römer 2,14–16, dass Gottes Gericht auch die verborgenen Dinge des Menschen umfasst. Markus 16,16 richtet den Ernst der Entscheidung jedoch auf den Glauben an Christus: Seine Botschaft kann nicht beliebig zurückgewiesen werden, als hätte ihre Annahme oder Ablehnung keinerlei Bedeutung.

Die Verbindung von Rettung und Gericht macht zugleich verständlich, weshalb die weltweite Verkündigung so dringlich ist. Wenn das Evangelium tatsächlich von Gottes Handeln zur Rettung der Menschen berichtet, darf es nicht zu einem Vorrecht einiger weniger werden. Die Jünger sollen Menschen nicht von sich selbst abhängig machen, sondern ihnen den Weg zu Christus zeigen. Dabei gehört zur christlichen Verkündigung sowohl die Zusage der Gnade als auch der Ruf zur Umkehr. Eine Botschaft, die ausschließlich Verurteilung verkündet und Gottes Bereitschaft zur Vergebung verschweigt, würde den Charakter des Evangeliums entstellen. Ebenso unvollständig wäre eine Verkündigung, die zwar von göttlicher Liebe spricht, aber die Wirklichkeit der Sünde, die Notwendigkeit der Umkehr und die Bedeutung des Glaubens ausspart. Jesus verbindet beides: Die gute Nachricht soll allen Menschen zugänglich werden, und jeder Hörer wird dazu aufgerufen, ihr im Glauben zu begegnen.

Diese umfassende Zielrichtung hat auch Konsequenzen für das Verständnis christlicher Nachfolge. Wer durch das Evangelium zu Christus gefunden hat, soll nicht nur eine religiöse Überzeugung für sich behalten. Matthäus 28,19–20 verbindet das Taufen ausdrücklich mit dem Lehren. Die Menschen sollen zu Jüngern werden, die lernen, alles zu halten, was Jesus geboten hat. Die Taufe markiert deshalb nicht das Ende des geistlichen Wachstums, sondern steht am Anfang eines Lebens bewusster Nachfolge. Der Mensch wird nicht durch einen einmaligen äußeren Akt von der weiteren Beziehung zu Christus unabhängig. Er ist vielmehr berufen, im Glauben zu wachsen, Gottes Wort kennenzulernen und sein Leben nach dem Willen Jesu auszurichten. Gerade hierin wird die Rettung aus Gnade von einer bloß oberflächlichen religiösen Zugehörigkeit unterschieden. Gottes Gnade befreit den Menschen nicht nur von der Schuld der Sünde, sondern ruft ihn auch in ein erneuertes Leben.

Schließlich erhält der Missionsauftrag durch die unmittelbare Vorgeschichte eine besonders eindrückliche Bedeutung. Jesus spricht zu Männern, deren Unglaube er gerade erst zurechtgewiesen hat. Sie müssen nicht nur lernen, die Auferstehungsbotschaft selbst zu glauben, sondern werden nun dazu berufen, anderen Menschen diese Botschaft nahezubringen. Das stellt sie vor eine Aufgabe, die ihre eigenen Fähigkeiten weit übersteigt. Sie können Glauben nicht durch menschliche Überredungskunst erzeugen und Herzen nicht aus eigener Macht verändern. Sie können jedoch bezeugen, was Gott durch Christus getan hat, seine Worte zuverlässig weitergeben und Menschen zur Antwort auf das Evangelium einladen. Der eigentliche Mittelpunkt ihrer Verkündigung ist deshalb niemals die Größe ihrer eigenen Erfahrungen, sondern die Person Jesu Christi.

So entfalten Markus 16,15–16 zwei untrennbar miteinander verbundene Gedanken. Das Evangelium besitzt eine weltweite Bestimmung, weil Gottes Heilsangebot nicht auf eine einzelne Menschengruppe beschränkt ist. Zugleich fordert diese Botschaft eine persönliche Antwort, in der Glaube, Umkehr und die von Christus gebotene Taufe ihren Platz haben. Die Rettung gründet auf Gottes Gnade und dem Erlösungswerk Jesu; sie lässt sich weder durch menschliche Leistungen verdienen noch durch eine bloß äußerliche Handlung erzwingen. Doch die Jünger sollen die Botschaft nicht nur mit Worten weitergeben. Der folgende Abschnitt beschreibt, dass die Verkündigung des Evangeliums nach dieser überlieferten Schlussfassung auch von Zeichen begleitet werden soll, durch die das Wirken des auferstandenen Christus sichtbar werden kann.

Markus 16,17–18

Zeichen im Namen Jesu: Göttliche Vollmacht und ihre Grenzen

Nachdem Jesus seinen Jüngern den Auftrag gegeben hat, das Evangelium in aller Welt zu verkündigen, spricht der längere Markusschluss von außergewöhnlichen Zeichen, die den Glaubenden folgen werden. Dämonen sollen in seinem Namen ausgetrieben werden, Menschen werden in neuen Sprachen reden, Schlangen aufnehmen, vor tödlichem Gift bewahrt bleiben und Kranken die Hände auflegen, sodass diese gesund werden. Diese Aussagen gehören zu den bemerkenswertesten und zugleich am häufigsten missverstandenen Worten des überlieferten Markusendes. Sie werfen die Frage auf, welche Bedeutung solche Zeichen für die Verkündigung des Evangeliums haben, ob sie jedem Christen verheißen sind und wie sie sich von einem eigenmächtigen Versuch unterscheiden lassen, Gottes Macht herauszufordern. Um diese Fragen zu beantworten, muss der Zusammenhang mit dem Missionsauftrag ebenso berücksichtigt werden wie die übrigen Aussagen des Neuen Testaments über das Wirken des Heiligen Geistes.

Zunächst fällt auf, dass Jesus von Zeichen spricht, die den Glaubenden folgen werden. Die Reihenfolge ist bedeutsam. Nicht die Jünger sollen außergewöhnlichen Erscheinungen nachlaufen, um dadurch erst ihre Beziehung zu Gott begründen zu können. Vielmehr werden die Zeichen als Begleiterscheinungen des Glaubens und der Verkündigung beschrieben. Das griechische Wort sēmeion bezeichnet ein Zeichen, das über das sichtbare Geschehen hinaus auf eine größere Bedeutung hinweist. Ein Wunder ist deshalb im biblischen Sinn nicht allein wegen seiner Außergewöhnlichkeit wichtig. Seine eigentliche Bedeutung liegt darin, dass es auf Gottes Handeln aufmerksam machen und die verkündigte Botschaft bestätigen kann. Bereits während seines irdischen Dienstes hatte Jesus nicht nur gepredigt, sondern Menschen geheilt und von dämonischer Macht befreit. Diese Taten waren Ausdruck seiner Vollmacht und seines Erbarmens. Nun beschreibt der längere Markusschluss, dass auch die Verkündigung seiner Nachfolger von göttlichem Wirken begleitet werden kann.

Die entscheidende Formulierung lautet dabei „in meinem Namen“. Im biblischen Sprachgebrauch bedeutet Handeln im Namen einer Person weit mehr als das bloße Aussprechen ihres Namens. Es setzt eine Beziehung zu ihr voraus und verweist auf die Vollmacht, in der gehandelt wird. Die Jünger besitzen keine von Christus unabhängige übernatürliche Macht, über die sie nach eigenem Belieben verfügen könnten. Wenn sie in seinem Namen wirken, soll gerade dadurch erkennbar werden, dass der auferstandene Jesus weiterhin handelt. Diese Unterscheidung wird in Apostelgeschichte 3 besonders deutlich. Nachdem Petrus und Johannes einem gelähmten Mann begegnet sind und dieser geheilt worden ist, erklärt Petrus ausdrücklich, dass die Heilung nicht durch ihre eigene Kraft oder Frömmigkeit geschehen sei (Apostelgeschichte 3,12–16). Er richtet die Aufmerksamkeit der erstaunten Menschen auf Jesus Christus. Das Wunder wird damit nicht zum Anlass, die menschlichen Boten zu verherrlichen, sondern zu einem Zeugnis für den auferstandenen Herrn.

Als erstes Zeichen nennt Markus 16,17 die Austreibung von Dämonen. Dieser Dienst knüpft unmittelbar an das irdische Wirken Jesu an. Bereits in Markus 1,23–27 hatte Jesus einen Menschen von einem unreinen Geist befreit. Die Anwesenden waren darüber erstaunt, dass selbst die unreinen Geister seinem Befehl gehorchten. Später gab Jesus seinen zwölf Aposteln Vollmacht über unreine Geister und sandte sie zur Verkündigung aus (Markus 3,14–15; 6,7–13). Die Befreiung von dämonischer Macht war somit nicht erst nach seiner Auferstehung Bestandteil ihres Dienstes. Sie gehörte bereits zu der von Jesus übertragenen Aufgabe. Der längere Markusschluss stellt diese Vollmacht nun in den weiteren Zusammenhang der weltweiten Evangeliumsverkündigung.

Die Apostelgeschichte berichtet von entsprechenden Ereignissen. Philippus verkündigte Christus in Samaria, und viele Menschen erlebten, dass unreine Geister aus Besessenen ausfuhren und Kranke geheilt wurden (Apostelgeschichte 8,5–8). In Philippi begegnete Paulus einer jungen Frau, die von einem Wahrsagegeist beherrscht wurde. Schließlich befahl er diesem Geist im Namen Jesu Christi, sie zu verlassen, und die Befreiung geschah (Apostelgeschichte 16,16–18). Diese Berichte zeigen, dass die angekündigte Vollmacht in der frühen christlichen Mission tatsächlich eine Entsprechung findet. Zugleich steht die Befreiung der betroffenen Menschen im Vordergrund. Die Austreibung böser Geister wird nicht als öffentliche Vorführung besonderer religiöser Fähigkeiten geschildert, sondern als Eingreifen Christi gegen eine Macht, unter der Menschen leiden.

Gerade bei diesem Zeichen ist jedoch Vorsicht vor falschen Vorstellungen notwendig. Nicht jede Krankheit, jede psychische Belastung oder jedes ungewöhnliche menschliche Verhalten darf als dämonische Besessenheit bezeichnet werden. Die Evangelien unterscheiden an verschiedenen Stellen ausdrücklich zwischen Krankheiten und dämonischen Belastungen (Matthäus 4,24; Markus 1,32–34). Ebenso wenig berechtigt der Name Jesu dazu, eine geistliche Vollmacht lediglich nachzuahmen. In Apostelgeschichte 19,13–16 versuchen einige Männer, den Namen Jesu zur Austreibung böser Geister zu verwenden, ohne in der beschriebenen Weise zu seinem Dienst zu gehören. Ihr Versuch scheitert. Diese Begebenheit zeigt, dass der Name Jesu keine magische Formel ist, deren bloße Aussprache automatisch ein übernatürliches Ergebnis hervorbringt. Die Vollmacht liegt bei Christus selbst und kann nicht durch menschliche Technik oder religiöse Selbstdarstellung erzwungen werden.

Als zweites Zeichen nennt Jesus das Reden in neuen Sprachen. Im griechischen Text ist von glōssais kainais, also „neuen Zungen“ oder „neuen Sprachen“, die Rede. Das Wort glōssa kann sowohl die menschliche Zunge als auch eine Sprache bezeichnen. Welche Erscheinungsformen dieses Redens umfasst sind, muss deshalb anhand der übrigen neutestamentlichen Berichte untersucht werden. Eine besonders deutliche Entsprechung findet sich in Apostelgeschichte 2. Am Pfingsttag werden die Jünger mit dem Heiligen Geist erfüllt und beginnen in anderen Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen gibt. Menschen aus verschiedenen Ländern hören daraufhin die großen Taten Gottes in ihren eigenen Sprachen (Apostelgeschichte 2,4–11). Das außergewöhnliche Ereignis steht dort unmittelbar im Dienst der Verständigung. Menschen unterschiedlicher sprachlicher Herkunft können die Botschaft hören und verstehen.

Damit besitzt dieses Zeichen eine besondere Bedeutung für den weltweiten Missionsauftrag. Die Verkündigung des Evangeliums soll nicht an den Sprachgrenzen seiner ersten Boten enden. Während die Jünger aus einem begrenzten kulturellen und sprachlichen Umfeld stammen, richtet sich ihre Botschaft an Menschen aus allen Völkern. Das Pfingstgeschehen zeigt, dass der Heilige Geist die Verständigung über solche Grenzen hinweg ermöglichen kann. Die neuen Sprachen dienen dort nicht der Erhöhung der Sprecher, sondern der Bekanntmachung von Gottes Taten. Gleichzeitig wäre es zu eng, sämtliche neutestamentlichen Aussagen über das Sprachenreden ausschließlich auf das Pfingstereignis zu reduzieren. In 1. Korinther 12–14 behandelt Paulus das Reden in Sprachen innerhalb der Gemeinde und beschreibt Situationen, in denen eine Auslegung erforderlich ist, damit die Versammelten verstehen, was gesagt wird. Die verschiedenen Berichte stehen miteinander in Verbindung, sind aber nicht in allen Einzelheiten gleich. Markus 16,17 selbst erklärt nicht, welche sprachliche Form jeweils auftreten wird. Sein Schwerpunkt liegt darauf, dass die Verkündigung durch das Wirken Gottes auf außergewöhnliche Weise begleitet werden kann.

Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die Frage, ob jeder gläubige Mensch solche Zeichen besitzen muss. Die Formulierung in Markus 16,17 spricht von Zeichen, die den Glaubenden folgen werden. Daraus lässt sich jedoch nicht zwingend ableiten, dass jeder einzelne Christ alle genannten Fähigkeiten persönlich erhalten muss. Paulus erklärt in 1. Korinther 12, dass der Heilige Geist unterschiedliche Gaben verteilt, wie er will. Er nennt unter anderem Heilungen, Wunderwirkungen, prophetische Rede, Unterscheidung der Geister und verschiedene Arten von Sprachen. Anschließend fragt er ausdrücklich, ob etwa alle Wunderkräfte besitzen, alle Heilungsgaben haben oder alle in Sprachen reden (1. Korinther 12,28–30). Die Form seiner Fragen setzt eine verneinende Antwort voraus. Nicht jeder erhält dieselben Gaben. Deshalb darf das Fehlen einer bestimmten außergewöhnlichen Gabe nicht als Beweis dafür gelten, dass ein Mensch keinen echten Glauben besitzt oder den Heiligen Geist nicht empfangen hat.

Diese Einsicht schützt zugleich vor einer anderen Übertreibung. Aus der unterschiedlichen Verteilung geistlicher Gaben folgt nicht automatisch, dass Gott solche Zeichen nach der apostolischen Zeit grundsätzlich nicht mehr wirken könne. Das Neue Testament beschreibt die Gaben als Wirken des Heiligen Geistes und bindet ihre Verteilung an dessen Entscheidung. Christen haben unterschiedlich beurteilt, ob bestimmte außergewöhnliche Gaben ausschließlich der Gründungszeit der Gemeinde dienten oder auch später auftreten können. Markus 16,17–18 legt weder eine genaue zeitliche Befristung noch eine lückenlose Fortdauer jedes einzelnen Zeichens ausdrücklich fest. Für die Beurteilung ist deshalb die breitere neutestamentliche Lehre heranzuziehen. Paulus fordert die Gemeinde auf, nach den Gaben zu streben, die ihrer Erbauung dienen, und stellt zugleich die Liebe über jede außergewöhnliche geistliche Fähigkeit (1. Korinther 12,31–13,13). Die entscheidende Frage ist nicht, wie beeindruckend eine Gabe erscheint, sondern ob sie tatsächlich dem Willen Gottes und dem Wohl anderer Menschen dient.

Besonders sorgfältig muss die Aussage über Schlangen verstanden werden. Markus 16,18 kündigt an, dass die Glaubenden Schlangen aufnehmen werden. Der Text beschreibt damit eine außergewöhnliche Bewahrung, erklärt aber nicht, unter welchen Umständen jedes entsprechende Ereignis eintreten soll. Eine wichtige biblische Vergleichsstelle findet sich in Apostelgeschichte 28,3–6. Nachdem Paulus auf der Insel Malta Schiffbruch erlitten hat, sammelt er Reisig für ein Feuer. Dabei kommt eine Schlange hervor und beißt sich an seiner Hand fest. Die Umstehenden erwarten, dass er anschwellen oder plötzlich tot umfallen werde. Doch Paulus schüttelt das Tier ins Feuer und erleidet keinen Schaden. Die Erzählung berichtet also tatsächlich von einem Fall, in dem ein Diener Christi durch eine Begegnung mit einer Schlange nicht verletzt wird, obwohl die Anwesenden schwere Folgen erwarten.

Entscheidend ist jedoch, unter welchen Umständen dies geschieht. Paulus sucht die Begegnung mit der Schlange nicht absichtlich herbei. Er führt keine religiöse Handlung durch, bei der er seine Glaubensstärke beweisen möchte. Das Tier begegnet ihm während einer gewöhnlichen Tätigkeit, und die Bewahrung geschieht in einer unvorhergesehenen Gefahrensituation. Dieser Unterschied verhindert, dass Markus 16,18 als Aufforderung verstanden wird, gefährliche Schlangen absichtlich anzufassen oder sie im Gottesdienst als Mittel einer Glaubensprüfung zu verwenden. Der Vers enthält keinen solchen Befehl. Er gehört zu einer Beschreibung von Zeichen, die die Verkündigung begleiten können. Wer daraus die Pflicht ableitet, bewusst lebensgefährliche Situationen herzustellen, fügt dem Text eine Forderung hinzu, die dort nicht steht.

Eine noch deutlichere Grenze ergibt sich aus der Versuchung Jesu in der Wüste. Als der Teufel ihn auffordert, sich von der Zinne des Tempels hinabzustürzen, beruft er sich auf eine biblische Verheißung göttlichen Schutzes. Jesus antwortet jedoch mit dem Gebot, Gott nicht zu versuchen (Matthäus 4,5–7; 5. Mose 6,16). Er weigert sich, eine gefährliche Handlung absichtlich herbeizuführen, um die Zuverlässigkeit einer göttlichen Verheißung zu testen. Diese Haltung ist für die Auslegung von Markus 16,18 grundlegend. Vertrauen auf Gottes Bewahrung bedeutet nicht, dass ein Mensch seine eigene Verantwortung aufgeben oder sich ohne Not einer Gefahr aussetzen darf. Gerade der Versuch, Gott zu einem bestimmten Wunder zu verpflichten, widerspricht dem Vertrauen, das sich seinem Willen unterordnet.

Dasselbe gilt für die anschließende Aussage über tödliches Gift. Der Text erklärt, dass es den Glaubenden nicht schaden werde, wenn sie etwas Tödliches trinken. Die griechische Formulierung enthält hier eine Bedingung: Falls sie etwas Tödliches trinken, soll ihnen daraus kein Schaden entstehen. Damit wird eine mögliche außergewöhnliche Bewahrung beschrieben, aber kein Befehl ausgesprochen, Gift zu sich zu nehmen. Im Neuen Testament findet sich keine eindeutig entsprechende Erzählung, in der ein Apostel ein tödliches Gift trinkt und auf diese Weise bewahrt bleibt. Deshalb wäre es unzulässig, eine solche Begebenheit als biblisch dokumentiertes Ereignis auszugeben. Ebenso wenig darf aus dieser Aussage eine ausnahmslose Garantie abgeleitet werden, dass jedem Christen bei jeder Vergiftung unter allen Umständen nichts geschehen könne. Der Zusammenhang spricht von Gottes möglicher machtvoller Begleitung seiner Boten, nicht von einer allgemeinen Aufhebung der körperlichen Gefährdung durch Giftstoffe. Ein absichtliches Trinken von Gift wäre daher keine von Jesus gebotene Glaubenshandlung, sondern eine gefährliche und unbegründete Herausforderung.

Das letzte Zeichen betrifft die Heilung kranker Menschen. Die Glaubenden sollen Kranken die Hände auflegen, und diese sollen gesund werden. Die Handauflegung war im biblischen Umfeld eine Handlung, durch die unter anderem Segen, Beauftragung oder eine persönliche Zuwendung zum Ausdruck gebracht werden konnte. Jesus selbst berührte Kranke und legte ihnen die Hände auf (Markus 6,5; Lukas 4,40). Auch die Apostelgeschichte berichtet von Heilungen, bei denen Menschen im Zusammenhang mit Gebet und Handauflegung gesund wurden. Ananias legt dem erblindeten Saulus die Hände auf, worauf dieser wieder sehen kann (Apostelgeschichte 9,17–18). Auf Malta betet Paulus für den kranken Vater des Publius, legt ihm die Hände auf und heilt ihn (Apostelgeschichte 28,8). Damit findet auch dieses Zeichen erkennbare Entsprechungen im apostolischen Dienst.

Dennoch liegt die heilende Macht nicht in einer besonderen körperlichen Eigenschaft der Hände. Die Handlung verweist auf die Zuwendung und den Dienst des Glaubenden, während die Heilung selbst Gottes Wirken zugeschrieben wird. Das wird besonders wichtig, wenn Menschen aus Markus 16,18 die Erwartung ableiten, jede Krankheit müsse auf menschlichen Befehl hin verschwinden. Paulus nennt zwar Heilungsgaben unter den Wirkungen des Heiligen Geistes, betont aber zugleich ihre unterschiedliche Verteilung (1. Korinther 12,9.28–30). Auch berichtet das Neue Testament nicht, dass jeder gläubige Mensch stets von jeder Krankheit geheilt wurde. Paulus ließ Trophimus krank in Milet zurück (2. Timotheus 4,20), und Timotheus hatte wiederkehrende gesundheitliche Beschwerden, für die Paulus ihm einen praktischen Rat gab (1. Timotheus 5,23). Diese Berichte zeigen, dass selbst im Umfeld der Apostel Krankheit weiterhin zur menschlichen Lebenswirklichkeit gehörte.

Besonders eindrücklich ist außerdem die Erfahrung des Paulus, der Gott wiederholt darum bat, von einer schweren persönlichen Belastung befreit zu werden. Der Herr antwortete ihm, dass seine Gnade genüge und seine Kraft in der Schwachheit wirksam werde (2. Korinther 12,7–10). Welche körperlichen oder anderen Beschwerden mit diesem sogenannten Pfahl im Fleisch genau verbunden waren, bleibt umstritten. Für die vorliegende Frage ist jedoch entscheidend, dass Paulus trotz seines Glaubens und seines apostolischen Dienstes nicht einfach die von ihm erbetene Befreiung erhielt. Gottes Macht zeigte sich in seinem Leben nicht ausschließlich durch die Beseitigung jeder Schwachheit, sondern auch durch die Kraft, in einer fortbestehenden Belastung treu zu bleiben. Deshalb darf einem kranken Menschen nicht unterstellt werden, sein Glaube sei unzureichend, nur weil er nicht gesund wird. Eine solche Behauptung geht über die biblischen Aussagen hinaus und kann Menschen zusätzlich belasten, die ohnehin unter ihrer Erkrankung leiden.

Wie Christen mit Krankheit umgehen sollen, beschreibt Jakobus 5,14–16. Kranke werden dort aufgefordert, die Ältesten der Gemeinde zu rufen, damit diese über ihnen beten und sie im Namen des Herrn mit Öl salben. Der Abschnitt verbindet die Fürbitte mit dem Vertrauen auf Gottes Wirken und spricht zugleich von Vergebung, wo Sünde eine Rolle spielt. Daraus darf aber nicht abgeleitet werden, jede Krankheit sei die unmittelbare Folge einer persönlichen Sünde. Jesus widerspricht in Johannes 9,1–3 ausdrücklich dem Versuch, das Leiden eines Blindgeborenen ohne ausreichende Grundlage auf die Sünde bestimmter Menschen zurückzuführen. Die christliche Fürsorge für Kranke sollte deshalb von Gebet, Mitgefühl und verantwortlichem Handeln geprägt sein. Medizinische Behandlung und das Gebet um Heilung müssen dabei nicht als Gegensätze verstanden werden. Die Hoffnung auf Gottes Eingreifen entbindet niemanden von der Pflicht, verfügbare und notwendige Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Bei allen genannten Zeichen bleibt eine weitere Unterscheidung unverzichtbar: Ein außergewöhnliches Ereignis ist für sich genommen noch kein ausreichender Beweis dafür, dass eine religiöse Botschaft von Gott stammt. Jesus warnt in Matthäus 24,24 davor, dass falsche Christusse und falsche Propheten große Zeichen und Wunder tun werden, um Menschen zu verführen. Auch Paulus beschreibt in 2. Thessalonicher 2,9–10 eine Verbindung zwischen verführerischen Zeichen und dem Wirken der Gesetzlosigkeit. Deshalb müssen außergewöhnliche Erscheinungen an der Wahrheit der biblischen Botschaft geprüft werden. Ein Wunder darf nicht zur Grundlage werden, auf der anschließend beliebige Lehren als göttlich anerkannt werden. Vielmehr muss die Verkündigung mit dem Evangelium Jesu Christi übereinstimmen. Paulus warnt ausdrücklich davor, selbst eine eindrucksvolle übernatürliche Erscheinung als Rechtfertigung für ein anderes Evangelium anzunehmen (Galater 1,6–9).

Damit wird verständlich, weshalb der längere Markusschluss die Zeichen unmittelbar mit der weltweiten Verkündigung verbindet. Ihr Zweck besteht nicht darin, einzelnen Menschen einen außergewöhnlichen religiösen Rang zu verleihen. Sie sollen auf das Wirken des auferstandenen Christus aufmerksam machen und können die Botschaft seiner Boten bestätigen. Das gilt für die Befreiung von dämonischer Macht ebenso wie für die Überwindung sprachlicher Grenzen, die Bewahrung in Gefahren und die Heilung kranker Menschen. Jede dieser Erscheinungen wird jedoch missverstanden, sobald sie vom Charakter und Auftrag Jesu getrennt wird. Wer Wunder zum Selbstzweck macht, Menschen durch ihre angebliche Abwesenheit verurteilt oder durch gefährliche Handlungen ein Eingreifen Gottes erzwingen will, verliert den Zusammenhang aus dem Blick, in dem diese Verheißungen stehen.

Gerade deshalb liegt die bleibende Bedeutung dieser Verse nicht in der Vorstellung, jeder Christ müsse jederzeit außergewöhnliche Zeichen hervorbringen können. Die neutestamentliche Lehre über die Gaben des Heiligen Geistes zeigt, dass Gott auf unterschiedliche Weise durch seine Nachfolger wirkt und die einzelnen Gaben nach seinem Willen verteilt. Die Bewahrung in Gefahr ist keine Aufforderung zur Leichtfertigkeit, die Gabe der Heilung keine menschlich verfügbare Garantie, und das Reden in Sprachen kein allgemeingültiger Maßstab zur Beurteilung des persönlichen Glaubens. Entscheidend ist die Beziehung zu Christus, in dessen Namen die Zeichen geschehen sollen. Sein Wirken bleibt der Mittelpunkt, während seine Nachfolger die Aufgabe haben, das Evangelium zuverlässig und in Liebe weiterzugeben.

So bereiten Markus 16,17–18 den Abschluss des Evangeliums vor. Die Jünger erhalten nicht nur einen Auftrag, der ihre bisherigen Möglichkeiten weit übersteigt, sondern auch die Zusage, dass die Verkündigung nicht allein auf menschliche Kräfte angewiesen sein wird. Ihre Hoffnung gründet nicht auf der Fähigkeit, Wunder selbst herbeizuführen, sondern auf der Macht und Gegenwart des auferstandenen Herrn. Wie diese Verbindung zwischen dem Wirken Jesu und dem Dienst seiner Boten im längeren Markusschluss zusammengefasst wird, zeigen die beiden letzten Verse. Dort richtet sich der Blick zunächst auf Jesu Aufnahme in den Himmel und anschließend auf die Jünger, die hinausziehen und das Evangelium verkündigen, während der Herr mit ihnen wirkt.

Markus 16,19–20

Der erhöhte Christus: Himmelfahrt, Herrschaft und fortdauernde Gegenwart

Mit den letzten beiden Versen des längeren Markusschlusses verändert sich der Blick auf Jesus grundlegend. Bis dahin war der auferstandene Herr seinen Nachfolgern persönlich erschienen, hatte ihren Unglauben zurechtgewiesen und ihnen den Auftrag gegeben, das Evangelium in der ganzen Welt zu verkündigen. Nun wird berichtet, dass er in den Himmel aufgenommen wird und sich zur Rechten Gottes setzt. Gleichzeitig beginnt die weltweite Verkündigung durch seine Jünger. Diese beiden Ereignisse stehen in einem engen Zusammenhang. Die Aufnahme Jesu in den Himmel bedeutet nicht, dass sein Wirken auf der Erde beendet wäre. Vielmehr beschreibt der letzte Vers ausdrücklich, dass der Herr weiterhin mit seinen Boten wirkt und ihre Verkündigung bestätigt. Die sichtbare Gegenwart Jesu unter seinen Jüngern geht zu Ende, doch seine Herrschaft und sein Wirken bestehen fort. Damit wird die Himmelfahrt nicht als bloßer Abschied, sondern als Übergang zu einer neuen Phase seines Erlösungswerkes dargestellt.

Markus 16,19 beginnt mit der Feststellung, dass der Herr in den Himmel aufgenommen wurde, nachdem er mit seinen Jüngern gesprochen hatte. Die Erzählung verbindet damit den zuvor ausgesprochenen Missionsauftrag unmittelbar mit seiner Himmelfahrt. Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, dass zwischen Jesu Auferstehung und seiner Aufnahme in den Himmel nur wenige Stunden vergangen wären. Der längere Markusschluss fasst die Ereignisse stark zusammen und nennt keine genaue Zeitspanne. Die Apostelgeschichte berichtet dagegen ausdrücklich, dass Jesus seinen Jüngern nach seinem Leiden während vierzig Tagen erschien und mit ihnen über das Reich Gottes sprach (Apostelgeschichte 1,3). Diese zeitliche Angabe ergänzt die knappe Darstellung des Markusendes. Die beiden Berichte verfolgen unterschiedliche erzählerische Schwerpunkte: Während Markus den Übergang vom Auftrag Jesu zur Verkündigung seiner Nachfolger hervorhebt, beschreibt Lukas ausführlicher die Zeit zwischen Auferstehung und Himmelfahrt.

Besonders anschaulich wird das Geschehen in Apostelgeschichte 1,9–11 dargestellt. Während die Jünger Jesus sehen, wird er emporgehoben, und eine Wolke nimmt ihn vor ihren Augen auf. Anschließend stehen zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und kündigen an, dass Jesus ebenso wiederkommen werde, wie sie ihn zum Himmel haben auffahren sehen. Der Bericht betont damit, dass die Himmelfahrt nach dem Zeugnis der Apostel kein bloß innerliches Erlebnis war. Sie wird als ein tatsächliches Geschehen beschrieben, das die Jünger wahrnahmen. Zugleich markiert die Wolke die Grenze ihrer sichtbaren Wahrnehmung. Jesus entzieht sich ihren Blicken, aber daraus folgt nicht, dass seine Existenz oder sein Wirken aufhört. Der Himmel, in den er aufgenommen wird, ist der Bereich seiner nun offenbarten himmlischen Herrlichkeit und Herrschaft. Der Text gibt keine Grundlage dafür, diesen Vorgang auf eine gewöhnliche Reise innerhalb des sichtbaren Weltalls zu reduzieren oder den Aufenthaltsort Gottes mit einem bestimmten astronomischen Ort gleichzusetzen.

Die Aussage, dass Jesus in den Himmel aufgenommen wurde, erhält ihre besondere Bedeutung erst durch das, was unmittelbar darauf folgt: Er setzt sich zur Rechten Gottes. Diese Formulierung greift eine der wichtigsten messianischen Aussagen des Alten Testaments auf. In Psalm 110,1 spricht Gott zu dem Herrn Davids und fordert ihn auf, sich zu seiner Rechten zu setzen, bis seine Feinde zum Schemel seiner Füße gemacht werden. Bereits Jesus selbst hatte diesen Psalm verwendet, um die besondere Stellung des Messias zu erklären (Markus 12,35–37). Während seines Verhörs vor dem Hohen Rat hatte er außerdem angekündigt, dass seine Ankläger den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen würden (Markus 14,62). Die Aussage am Ende des längeren Markusschlusses steht deshalb in einem engen Zusammenhang mit Jesu früherem Zeugnis über seine eigene messianische Würde. Was er vor seinen Richtern angekündigt hatte, wird nun als Wirklichkeit seiner Erhöhung beschrieben.

Dabei darf die Wendung „zur Rechten Gottes“ nicht lediglich als räumliche Positionsangabe verstanden werden. Im Sprachgebrauch der Bibel ist die rechte Seite häufig mit Ehre, Macht und besonderer Bevollmächtigung verbunden. Die Aussage bedeutet deshalb vor allem, dass Jesus an der göttlichen Herrschaft teilhat und die ihm zukommende messianische Königswürde besitzt. Sie beschreibt nicht einfach einen ausgezeichneten Platz neben Gott, sondern eine Stellung höchster Autorität. Paulus erklärt in Epheser 1,20–23, dass Gott Christus von den Toten auferweckt und zu seiner Rechten in den himmlischen Bereichen gesetzt hat, hoch über alle Herrschaft, Gewalt, Macht und Hoheit. Alles ist ihm unterworfen, und er ist der Gemeinde als Haupt über alles gegeben. Damit wird die Erhöhung Jesu als eine Wirklichkeit beschrieben, die seine Stellung gegenüber der gesamten Schöpfung betrifft. Derjenige, der auf der Erde verachtet, verspottet und gekreuzigt wurde, besitzt nun die ihm von Gott verliehene Herrschaft.

Dieser Gegensatz zwischen Erniedrigung und Erhöhung gehört zu den grundlegenden Aussagen des Neuen Testaments. Paulus beschreibt ihn besonders eindrucksvoll in Philipper 2,5–11. Christus, der in göttlicher Gestalt war, erniedrigte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an und wurde gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Daraufhin erhöhte Gott ihn und verlieh ihm den Namen, der über allen Namen steht. Die Erhöhung ist damit nicht von seinem Leiden getrennt, sondern folgt auf seinen freiwilligen Gehorsam. Der Weg Jesu führt nicht an der menschlichen Not vorbei, sondern durch Leiden und Tod hindurch zum Sieg. Gerade deshalb ist seine himmlische Herrschaft nicht mit der selbstsüchtigen Machtausübung menschlicher Herrscher gleichzusetzen. Der erhöhte Christus ist derselbe Herr, der während seines irdischen Wirkens den Menschen diente, Kranke heilte, Sünder zur Umkehr rief und schließlich sein Leben als Lösegeld für viele gab (Markus 10,42–45). Seine Herrlichkeit hebt seinen Charakter nicht auf, sondern bestätigt die Bedeutung seines Erlösungswerkes.

Das Sitzen zur Rechten Gottes darf allerdings auch nicht so verstanden werden, als hätte Jesus nach seiner Himmelfahrt jede weitere Tätigkeit eingestellt. Im Hebräerbrief wird seine erhöhte Stellung ausdrücklich mit seinem fortdauernden himmlischen Dienst verbunden. Hebräer 8,1–2 beschreibt Christus als Hohenpriester, der sich zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel gesetzt hat und als Diener des Heiligtums und der wahrhaftigen Stiftshütte wirkt. Damit stehen seine königliche Stellung und sein priesterlicher Dienst nicht im Gegensatz zueinander. Gerade der zur Rechten Gottes Erhöhte ist zugleich derjenige, der für sein Volk eintritt. In Hebräer 7,25 wird erklärt, dass Christus die Menschen vollkommen retten kann, die durch ihn zu Gott kommen, weil er immer lebt, um für sie einzutreten. Seine Himmelfahrt bedeutet deshalb nicht den Abschluss jeder Tätigkeit zugunsten der Menschen. Sie eröffnet den Blick auf eine fortdauernde Wirksamkeit seines vollbrachten Erlösungswerkes.

Dabei ist auch die Unterscheidung zwischen dem einmaligen Opfer Jesu und seinem gegenwärtigen Dienst wichtig. Hebräer 10,11–14 stellt die wiederholten Opferhandlungen der alttestamentlichen Priester dem einen Opfer Christi gegenüber. Jesus hat sein Leben ein für alle Mal hingegeben. Sein Opfer muss nicht immer wiederholt werden, weil seine Wirksamkeit nicht unvollständig ist. Das Sitzen zur Rechten Gottes unterstreicht in diesem Zusammenhang die Vollgültigkeit seines Opfers. Zugleich zeigt der Hebräerbrief, dass Christus als lebendiger Hoherpriester weiterhin für die Menschen eintritt. Sein gegenwärtiger Dienst ist daher keine Fortsetzung des Kreuzestodes durch erneute Opferhandlungen, sondern die himmlische Wirksamkeit des bereits vollbrachten Erlösungswerkes. Für die Gläubigen bedeutet das, dass sie sich nicht allein auf ein vergangenes Ereignis verlassen, dessen Bedeutung inzwischen erloschen wäre. Sie haben einen lebendigen Erlöser, dessen vollbrachtes Werk und gegenwärtiger Dienst ihre Hoffnung tragen.

Diese himmlische Stellung Jesu verändert auch seine Beziehung zur menschlichen Wirklichkeit nicht in dem Sinn, dass er seine Menschwerdung einfach wieder rückgängig gemacht hätte. Der auferstandene Christus wird in den Evangelien als derselbe Jesus beschrieben, der gelitten und den Tod überwunden hat. Er zeigt seinen Jüngern seine Hände und Füße und erklärt, dass er kein bloßer Geist sei (Lukas 24,39–40). Der Hebräerbrief betont darüber hinaus, dass Jesus als Hoherpriester mit den menschlichen Schwachheiten mitfühlen kann, weil er selbst versucht wurde, jedoch ohne Sünde blieb (Hebräer 4,14–16). Seine Erhöhung entfernt ihn also nicht von der Erfahrung der Menschen, denen er dienen will. Gerade weil er das menschliche Leben mit seinen Leiden und Versuchungen wirklich kennengelernt hat, beschreibt die Schrift ihn als einen mitfühlenden und vollkommen geeigneten Mittler. Paulus hält in 1. Timotheus 2,5 fest, dass es einen Mittler zwischen Gott und den Menschen gibt, den Menschen Christus Jesus. Seine Mittlerschaft gründet in seiner einzigartigen Person und seinem Erlösungswerk, nicht in einer menschlichen Fähigkeit, ohne seine Hilfe zu Gott gelangen zu können.

Eine weitere Bedeutung der Himmelfahrt wird in Johannes 16,7 und Apostelgeschichte 2,32–33 sichtbar. Jesus hatte seinen Jüngern angekündigt, dass sein Weggehen für sie von Bedeutung sei, weil er ihnen den Beistand senden werde. Am Pfingsttag erklärt Petrus schließlich, dass der auferstandene und zur Rechten Gottes erhöhte Christus den verheißenen Heiligen Geist empfangen und ausgegossen hat. Das Pfingstgeschehen steht somit in einem unmittelbaren Zusammenhang mit seiner Erhöhung. Die Jünger werden nicht einfach mit einem Auftrag zurückgelassen, den sie nun ohne göttliche Hilfe ausführen müssten. Sie empfangen die Kraft des Heiligen Geistes, durch den sie zu Zeugen Jesu werden können (Apostelgeschichte 1,8). Seine sichtbare Abwesenheit bedeutet also nicht den Verlust jeder Gegenwart Gottes unter ihnen. Vielmehr beginnt eine Phase, in der der erhöhte Christus durch das Wirken des Heiligen Geistes seine Gemeinde leitet und befähigt.

Vor diesem Hintergrund gewinnt der letzte Vers des Markusevangeliums seine besondere Aussagekraft. Die Jünger gehen hinaus und predigen überall. Die zuvor ausgesprochene Anweisung wird nun als ausgeführter Auftrag beschrieben. Das griechische Wort pantachou, das hier mit „überall“ wiedergegeben werden kann, unterstreicht die weitreichende Bewegung der Verkündigung. Damit wird jedoch nicht behauptet, dass bereits unmittelbar nach Jesu Himmelfahrt jeder einzelne Mensch auf der Erde das Evangelium gehört hätte. Der Vers fasst die missionarische Tätigkeit der Jünger in einer umfassenden Formulierung zusammen. Die Apostelgeschichte entfaltet diese Entwicklung ausführlicher. Zunächst wird das Evangelium in Jerusalem verkündigt, anschließend erreicht es Judäa, Samaria und weitere Gebiete. Durch die Reisen und Dienste verschiedener Verkündiger breitet es sich schließlich über bedeutende Teile der damaligen römischen Welt aus. Der Auftrag zur weltweiten Verkündigung bleibt dabei größer als das, was eine einzelne Generation vollständig verwirklichen kann.

Bemerkenswert ist, dass Markus 16,20 das Handeln der Jünger nicht von dem Wirken Jesu trennt. Während sie hinausgehen und predigen, wirkt der Herr mit ihnen. Im griechischen Text steht hierfür eine Form des Verbs synergeō, das ein Zusammenwirken oder Mitwirken bezeichnet. Der Satz macht damit eine bemerkenswerte Aussage über die Beziehung zwischen menschlichem Dienst und göttlicher Wirksamkeit. Die Jünger müssen tatsächlich hinausgehen, sprechen und ihren Auftrag erfüllen. Jesus nimmt ihnen diese Verantwortung nicht ab. Gleichzeitig hängt die eigentliche Kraft ihrer Verkündigung nicht allein von ihren menschlichen Fähigkeiten ab. Der erhöhte Christus wirkt mit ihnen, obwohl er nicht mehr in derselben Weise sichtbar unter ihnen lebt wie vor seiner Himmelfahrt. Seine himmlische Erhöhung und seine wirksame Gegenwart bei seinen Boten gehören in der Darstellung des längeren Markusschlusses unmittelbar zusammen.

Diese Verbindung entspricht der Zusage Jesu am Ende des Matthäusevangeliums. Dort erklärt er zunächst, dass ihm alle Vollmacht im Himmel und auf Erden gegeben ist. Auf dieser Grundlage sendet er seine Jünger aus, Menschen aller Nationen zu Jüngern zu machen. Der Auftrag endet mit der Verheißung seiner Gegenwart bis an das Ende der Weltzeit (Matthäus 28,18–20). Die Reihenfolge ist bedeutsam: Die weltweite Mission gründet auf der Vollmacht des auferstandenen Christus, und seine Gegenwart begleitet diejenigen, die in seinem Auftrag handeln. Das bedeutet nicht, dass jeder einzelne missionarische Versuch zwangsläufig sofort erfolgreich sein muss. Auch die Apostel begegneten Ablehnung, Verfolgung und schweren Schwierigkeiten. Dennoch konnten sie darauf vertrauen, dass ihr Dienst nicht von einer bloß menschlichen Idee getragen wurde, sondern im Zusammenhang mit dem Auftrag und der Herrschaft Jesu stand.

Der letzte Teil von Markus 16,20 erklärt, dass der Herr das verkündigte Wort durch begleitende Zeichen bekräftigte. Damit wird die Verheißung aus den Versen 17 und 18 wieder aufgenommen und in die Darstellung des tatsächlichen missionarischen Wirkens eingefügt. Besonders wichtig ist die Reihenfolge: Im Mittelpunkt steht das Wort, das verkündigt wird. Die Zeichen begleiten dieses Wort und dienen seiner Bestätigung. Sie ersetzen die Botschaft nicht und bilden auch keinen eigenständigen Inhalt des Evangeliums. Eine ähnliche Verbindung beschreibt Apostelgeschichte 14,3. Dort verkündigen Paulus und Barnabas freimütig die Botschaft von der Gnade Gottes, während der Herr ihrem Zeugnis durch Zeichen und Wunder Bestätigung gibt. Auch Hebräer 2,3–4 spricht davon, dass Gott die Verkündigung des Heils durch Zeichen, Wunder, verschiedene machtvolle Taten und die Austeilungen des Heiligen Geistes bezeugt hat. Die besonderen Ereignisse erhalten ihre Bedeutung somit aus ihrer Beziehung zum göttlichen Wort und zu Gottes Handeln.

Gerade deshalb darf man die Aussage über die Zeichen nicht in die Vorstellung verwandeln, die christliche Botschaft sei nur dort wahr, wo jederzeit außergewöhnliche Wunder geschehen. Schon die übrigen neutestamentlichen Berichte zeigen, dass der Heilige Geist unterschiedliche Gaben verteilt und dass nicht jeder Gläubige dieselben Fähigkeiten besitzt (1. Korinther 12,4–11.28–30). Auch die Verkündigung selbst hat eine geistliche Wirksamkeit, die nicht auf sichtbare Wunder reduziert werden kann. Paulus erklärt, dass der Glaube aus dem Hören kommt und das Hören durch das Wort Christi (Römer 10,17). Der Mensch wird durch das Evangelium mit Gottes Heilsangebot konfrontiert und zur Antwort gerufen. Außergewöhnliche Zeichen können diese Botschaft begleiten, aber ihr Wahrheitsgehalt hängt nicht davon ab, dass jeder Verkündiger solche Erscheinungen hervorbringen kann. Ebenso wenig dürfen Zeichen dazu benutzt werden, Lehren zu rechtfertigen, die dem Evangelium widersprechen.

Damit entsteht im überlieferten längeren Markusschluss eine eindrückliche Verbindung zwischen dem Anfang und dem Ende der Auferstehungserzählung. In Markus 16,8 verlassen die Frauen das Grab zunächst voller Furcht und schweigen. In Markus 16,11 und 13 wird berichtet, dass die Jünger wiederholten Zeugnissen über die Auferstehung keinen Glauben schenken. Am Schluss dagegen ziehen die Jünger hinaus und verkündigen das Evangelium. Die längere Schlussfassung führt die Erzählung somit zu einer öffentlichen Verkündigung, die auf die anfängliche Furcht und den Unglauben folgt. Wegen der unterschiedlichen Textüberlieferung kann diese Gegenüberstellung nicht ohne Weiteres als bewusst gestalteter Abschluss des ursprünglichen Markusverfassers ausgegeben werden. Innerhalb der überlieferten längeren Fassung bildet sie jedoch einen nachvollziehbaren erzählerischen Gegensatz. Die Menschen, die sich zunächst schwer damit taten, die Auferstehungsbotschaft anzunehmen, werden schließlich selbst zu ihren Verkündigern.

Der letzte Vers enthält außerdem einen wichtigen Hinweis darauf, wie die christliche Gemeinde ihren eigenen Auftrag verstehen soll. Ihre Existenz gründet nicht auf der Vorstellung, Jesus habe auf der Erde eine Bewegung begonnen, die nach seinem Weggang unabhängig von ihm weiterbestehen müsse. Der erhöhte Christus bleibt vielmehr der lebendige Herr seiner Gemeinde. Die Apostel verkündigen nicht lediglich die Erinnerung an einen verstorbenen Lehrer, dessen Gedanken sie bewahren wollen. Sie bezeugen den auferstandenen Jesus, der nach ihrem Verständnis gegenwärtig handelt und dessen Herrschaft nicht durch seinen Weggang aufgehoben wurde. Deshalb kann Paulus später erklären, dass Christus das Haupt der Gemeinde ist (Kolosser 1,18). Die Gemeinde besitzt keine eigenständige Autorität, die den Willen Jesu ersetzen dürfte. Ihre Aufgabe besteht darin, seinem Wort treu zu bleiben und den Auftrag auszuführen, den er ihr gegeben hat.

Mit der Himmelfahrt verbindet sich schließlich eine Hoffnung, die über den gegenwärtigen Dienst der Gemeinde hinausweist. Die beiden himmlischen Boten in Apostelgeschichte 1,10–11 erklären den Jüngern, dass derselbe Jesus wiederkommen werde. Auch Hebräer 9,28 spricht davon, dass Christus ein zweites Mal erscheinen wird, um denen, die auf ihn warten, das Heil zu bringen. Die gegenwärtige Erhöhung Jesu und seine zukünftige Wiederkunft dürfen deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden. Er ist bereits zur Rechten Gottes erhöht und wirkt für sein Volk, doch die endgültige Vollendung seiner Herrschaft steht noch bevor. Psalm 110, auf den die neutestamentliche Aussage von seinem Sitzen zur Rechten Gottes zurückgeht, verbindet die gegenwärtige Inthronisation ebenfalls mit der zukünftigen Unterwerfung seiner Feinde. Die Himmelfahrt bedeutet daher weder, dass Christus seine Herrschaft erst irgendwann in der Zukunft beginnen wird, noch, dass mit seiner Erhöhung bereits alle Folgen der Sünde aus der Schöpfung verschwunden wären. Seine gegenwärtige Herrschaft und die noch ausstehende endgültige Vollendung gehören zum umfassenden biblischen Zeugnis über ihn.

So schließen die beiden letzten Verse des längeren Markusschlusses mit einer Aussage, die den Blick zugleich auf den Himmel und auf die Erde richtet. Im Himmel ist Jesus zur Rechten Gottes erhöht. Auf der Erde gehen seine Nachfolger hinaus und verkündigen das Evangelium. Zwischen beiden Wirklichkeiten besteht keine Trennung, denn der Herr wirkt mit ihnen und bestätigt seine Botschaft. Damit endet die Erzählung nicht bei den menschlichen Boten, ihren Erfahrungen oder ihren Erfolgen. Ihr Mittelpunkt bleibt Jesus Christus. Der Gekreuzigte ist auferstanden, der Auferstandene ist erhöht, und der erhöhte Herr ist weiterhin für seine Gemeinde tätig. Seine Jünger haben die Aufgabe, das Evangelium weiterzugeben; die Macht, Menschen zu retten, gehört ihm.

Geistliche Kernbotschaft

Die entscheidende Botschaft von Markus 16 liegt in der Gewissheit, dass Gottes Erlösungsplan nicht am Tod Jesu gescheitert ist. Was aus menschlicher Sicht wie das endgültige Ende seiner Sendung erschien, wurde durch seine Auferstehung zum Ausgangspunkt einer neuen Hoffnung. Das Kreuz war nicht die Widerlegung seiner messianischen Berufung, sondern gehörte zu dem Weg, auf dem er die Erlösung der Menschen verwirklichte. Die Auferstehung bestätigt, dass der Tod nicht das letzte Wort über Jesus behalten konnte. Damit steht im Mittelpunkt dieses Kapitels nicht die Leistung seiner Nachfolger, sondern die Treue und Macht Gottes, der seine Verheißungen erfüllt.

Besonders eindrücklich ist der Gegensatz zwischen Gottes Handeln und den Reaktionen der Menschen. Die Frauen kommen zum Grab, weil sie Jesus weiterhin als Verstorbenen vor Augen haben. Die Jünger sind von Trauer und Unglauben geprägt. Niemand wird als Mensch dargestellt, der die Auferstehung von Anfang an vollständig verstanden und mit unerschütterlicher Gewissheit erwartet hätte. Dennoch geschieht das, was Jesus zuvor angekündigt hat. Die Erfüllung seiner Verheißung hängt nicht davon ab, ob seine Nachfolger sie bereits begreifen. Diese Beobachtung berührt eine grundlegende Wahrheit des Glaubens: Gottes Zuverlässigkeit wird nicht durch die wechselnden Empfindungen, Erwartungen oder Erkenntnisse des Menschen bestimmt. Seine Worte bleiben wahr, auch wenn Menschen zunächst Schwierigkeiten haben, ihre Bedeutung zu erfassen.

Damit wird menschlicher Unglaube allerdings nicht bedeutungslos. Gerade der längere Markusschluss berichtet, dass Jesus seine Jünger wegen ihres Unglaubens und ihrer Herzenshärte zurechtweist. Gottes Treue hebt die Verantwortung des Menschen nicht auf. Sie eröffnet vielmehr die Möglichkeit, bisherige Vorstellungen korrigieren zu lassen und zu einem tieferen Vertrauen zu gelangen. Die Jünger sollen lernen, dass ihr Verständnis von Jesus nicht ausschließlich durch das bestimmt werden darf, was sie für möglich halten. Seine eigenen Worte und Gottes tatsächliches Handeln besitzen eine größere Autorität als ihre Erwartungen. Der Glaube wird deshalb nicht als bloße innere Überzeugung beschrieben, die unabhängig von Gottes Offenbarung besteht. Er richtet sich auf den lebendigen Christus und lernt, seinem Wort auch dort zu vertrauen, wo menschliche Erfahrungen zunächst dagegensprechen.

Eine weitere zentrale Botschaft betrifft den Umgang Jesu mit Menschen, die versagt haben. Die ausdrückliche Erwähnung des Petrus in Markus 16,7 zeigt, dass dessen Verleugnung nicht das endgültige Ende seiner Nachfolge bedeutet. Jesus kennt die Schwäche seiner Jünger, ohne ihre Untreue zu verharmlosen. Er lässt sie nicht einfach in ihrem Versagen zurück, sondern eröffnet ihnen einen Weg der Wiederherstellung. Darin wird die Gnade Gottes auf besondere Weise erkennbar. Sie bedeutet nicht, dass Treue und Gehorsam unwichtig wären. Vielmehr macht sie deutlich, dass ein Mensch nach einem wirklichen Versagen nicht hoffnungslos bleiben muss. Wo Reue und die erneute Hinwendung zu Christus Raum gewinnen, kann eine zerstörte Beziehung wiederhergestellt und ein neuer Weg des Dienstes eröffnet werden.

Der längere Markusschluss verbindet diese Gnade unmittelbar mit Verantwortung. Die Jünger, die selbst auf Vergebung, Geduld und Korrektur angewiesen sind, werden beauftragt, anderen Menschen das Evangelium zu verkündigen. Die Botschaft von Gottes Rettung soll nicht im kleinen Kreis derjenigen verbleiben, die Jesus während seines irdischen Wirkens begleitet haben. Sie richtet sich an Menschen aus allen Völkern. Damit wird deutlich, dass Gottes Heilsangebot größer ist als menschliche Grenzen und gesellschaftliche Unterschiede. Niemand soll allein aufgrund seiner Herkunft oder bisherigen Lebensgeschichte grundsätzlich vom Hören der guten Nachricht ausgeschlossen werden. Die Gnade, die Menschen zu Christus führt, ruft sie zugleich dazu auf, diese Hoffnung nicht für sich zu behalten.

Dabei bleibt Jesus selbst der Mittelpunkt. Die Verkündigung soll Menschen nicht an die Persönlichkeit einzelner Apostel oder an außergewöhnliche religiöse Erscheinungen binden. Ihr Inhalt ist der gekreuzigte und auferstandene Herr. Die Zeichen, die nach dem längeren Markusschluss die Verkündigung begleiten können, stehen im Dienst dieser Botschaft. Ihre Bedeutung entsteht nicht aus dem Staunen, das sie hervorrufen, sondern aus ihrem Zusammenhang mit Gottes Wahrheit und seinem rettenden Handeln. Ein Glaube, der vor allem nach immer neuen außergewöhnlichen Erlebnissen sucht, kann den eigentlichen Mittelpunkt des Evangeliums aus dem Blick verlieren. Die entscheidende Frage ist nicht, wie beeindruckend ein religiöses Ereignis erscheint, sondern ob es Menschen zu einem wahrhaftigen Vertrauen auf Christus führt.

Schließlich öffnet das Kapitel den Blick über die Auferstehung hinaus auf die gegenwärtige Herrschaft Jesu. Nach der überlieferten längeren Schlussfassung wird Christus in den Himmel aufgenommen und zur Rechten Gottes erhöht. Seine Nachfolger beginnen ihren Dienst auf der Erde, während er weiterhin mit ihnen wirkt. Die Himmelfahrt bedeutet deshalb keinen endgültigen Abschied von seiner Gemeinde. Derjenige, der den Tod überwunden hat, ist der lebendige Herr, dessen Erlösungswerk fortdauernde Bedeutung besitzt. Darin liegt die bleibende Hoffnung des Kapitels: Der christliche Glaube gründet nicht auf der Erinnerung an einen großen Menschen der Vergangenheit, sondern auf Jesus Christus, der gestorben und auferstanden ist und dessen Leben und Herrschaft nicht mehr vom Tod begrenzt werden.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Die Auferstehung Jesu wird bereits innerhalb des Markusevangeliums mehrfach vorbereitet. In Markus 8,31; 9,31 und 10,33–34 kündigt Jesus seinen Jüngern seinen bevorstehenden Tod und seine Auferstehung an. Diese drei Leidensankündigungen gewinnen durch Markus 16 ihre volle Bedeutung. Was zuvor wie eine schwer verständliche Aussage über eine ungewisse Zukunft erschien, wird am leeren Grab als erfüllt verkündet. Besonders wichtig ist die Verbindung zu Markus 14,28, wo Jesus bereits vor seiner Verhaftung ankündigt, dass er nach seiner Auferstehung den Jüngern nach Galiläa vorausgehen werde. Markus 16,7 greift diese Verheißung ausdrücklich auf. Dadurch wird deutlich, dass Jesu Worte auch während der Ereignisse seiner Passion ihre Gültigkeit behalten. Die Auferstehung ist nicht ein überraschender Wechsel innerhalb seines ursprünglichen Auftrags, sondern bestätigt, dass sein Weg durch Leiden und Tod hindurch von Anfang an zu Gottes Erlösungsplan gehörte.

Eine vertiefende Erklärung dieser Verbindung findet sich in Lukas 24,44–47. Dort zeigt der auferstandene Jesus seinen Jüngern, dass sein Leiden, seine Auferstehung und die anschließende Verkündigung im Zusammenhang mit den Schriften des Alten Testaments verstanden werden müssen. Lukas stellt damit einen Zusammenhang her, der über die Betrachtung einzelner Ereignisse hinausgeht. Die Geschichte Jesu ist die Erfüllung dessen, was Gott durch die Geschichte Israels und die prophetischen Verheißungen vorbereitet hatte. Sein Tod und seine Auferstehung bilden deshalb keine voneinander unabhängigen Ereignisse. Erst zusammen lassen sie erkennen, wie Gott die Erlösung verwirklicht und weshalb anschließend Umkehr und Vergebung der Sünden in seinem Namen verkündigt werden sollen.

Besonders bedeutsam ist auch die Verbindung zu 1. Korinther 15. Paulus erklärt dort, dass Christus tatsächlich von den Toten auferstanden ist, und beschreibt ihn als Erstling der Entschlafenen (1. Korinther 15,20–23). Das Bild des Erstlings stammt aus dem Zusammenhang der ersten Erntegabe. Sie steht am Anfang einer größeren Ernte, die noch folgen wird. Auf Christus angewandt bedeutet dies, dass seine Auferstehung nicht nur seine persönliche Überwindung des Todes betrifft. Sie begründet zugleich die Hoffnung auf die zukünftige Auferstehung der Menschen, die zu ihm gehören. Markus 16 berichtet zunächst von Jesu Auferstehung; Paulus entfaltet deren Bedeutung für das endgültige Schicksal der Erlösten. Weil Christus lebt, besitzt auch die Verheißung einer zukünftigen Auferstehung eine tragfähige Grundlage. Der Tod bleibt für Menschen eine schmerzhafte Wirklichkeit, wird aber nicht mehr als eine Macht verstanden, die Gottes Erlösungsplan endgültig vereiteln kann.

Die besondere Erwähnung des Petrus in Markus 16,7 findet eine wichtige Fortsetzung in Johannes 21,15–19. Dort begegnet Jesus Petrus nach der Auferstehung und fragt ihn dreimal nach seiner Liebe. Diese dreifache Frage steht in einem erkennbaren Zusammenhang mit der dreifachen Verleugnung, ohne dass Johannes sämtliche Einzelheiten dieser Beziehung ausdrücklich erklärt. Jesus führt Petrus nicht lediglich zurück in die persönliche Gemeinschaft, sondern betraut ihn erneut mit der Fürsorge für seine Nachfolger. Damit erhält die Hoffnung, die bereits in der ausdrücklichen Einladung an Petrus angelegt ist, eine konkrete Gestalt. Die Wiederherstellung eines gefallenen Jüngers führt nicht zur Verharmlosung seines Versagens, sondern zu einer erneuerten Verantwortung. Diese Verbindung hilft zu verstehen, weshalb Gottes Vergebung und der Ruf zum treuen Dienst im Neuen Testament zusammengehören.

Auch Johannes 20,24–29 ergänzt die Auferstehungsberichte um einen bedeutenden Gesichtspunkt. Thomas kann dem Zeugnis der anderen Jünger zunächst keinen Glauben schenken und verlangt eine persönliche Bestätigung. Jesus begegnet ihm später und führt ihn zur Erkenntnis seiner Auferstehung. Anschließend spricht er diejenigen selig, die nicht sehen und dennoch glauben. Diese Aussage richtet den Blick über die erste Generation der Augenzeugen hinaus. Spätere Christen werden Jesus nicht in derselben Weise begegnen wie die Apostel. Ihr Glaube gründet auf dem überlieferten Zeugnis und auf der Offenbarung Gottes. Johannes 20 ergänzt damit die Berichte über den anfänglichen Unglauben um die Frage, wie Menschen zum Glauben kommen können, die nicht selbst zu den ursprünglichen Auferstehungszeugen gehören. Johannes erklärt am Ende seines Kapitels ausdrücklich, dass sein Bericht geschrieben wurde, damit die Leser glauben, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes, ist, und durch diesen Glauben Leben in seinem Namen haben (Johannes 20,30–31).

Der weltweite Missionsauftrag des längeren Markusschlusses besitzt deutliche Parallelen zu Matthäus 28,18–20 und Apostelgeschichte 1,8. Matthäus verbindet die Aussendung der Jünger mit der umfassenden Vollmacht des auferstandenen Christus. Apostelgeschichte 1,8 betont dagegen besonders die Kraft des Heiligen Geistes und beschreibt die Ausbreitung des Zeugnisses von Jerusalem bis an das Ende der Erde. Diese Texte ergänzen einander. Die Mission beruht auf Christi Autorität, wird durch den Heiligen Geist ermöglicht und richtet sich an Menschen aller Völker. Sie umfasst dabei mehr als die Verbreitung religiöser Informationen. Menschen sollen zu Jüngern Jesu werden, seine Botschaft verstehen und lernen, nach seinem Willen zu leben. Der Missionsauftrag ist deshalb zugleich ein Auftrag zur Verkündigung, zur Taufe und zur geistlichen Unterweisung.

Eine weitere Verbindung ergibt sich zwischen Markus 16,16 und Römer 6,3–11. Während der längere Markusschluss Glauben, Taufe und Rettung miteinander verbindet, erklärt Paulus, weshalb die Taufe so eng mit Jesus Christus verbunden ist. Sie stellt die Zugehörigkeit zu seinem Tod und seiner Auferstehung dar und weist auf ein neues Leben hin. Galater 3,26–28 ergänzt diesen Gedanken durch die Aussage, dass die Glaubenden durch den Glauben an Christus Kinder Gottes sind und in der Taufe ihre Zugehörigkeit zu ihm zum Ausdruck kommt. Zugleich verliert die bisherige Unterscheidung nach Herkunft und gesellschaftlicher Stellung ihre trennende Bedeutung für den Zugang zum Heil. Damit wird die weltweite Ausrichtung des Evangeliums auch innerhalb der christlichen Gemeinschaft sichtbar: Menschen unterschiedlicher Herkunft werden durch Christus miteinander verbunden.

Die angekündigten Zeichen aus Markus 16,17–18 lassen sich besonders durch Apostelgeschichte 2 und 1. Korinther 12–14 einordnen. Während Apostelgeschichte 2 zeigt, wie der Heilige Geist die Verkündigung über Sprachgrenzen hinweg ermöglicht, erklärt Paulus, dass geistliche Gaben unterschiedlich verteilt werden. Die Gemeinde ist nach seinem Bild ein Leib mit verschiedenen Gliedern, die einander brauchen. Daraus folgt, dass geistliche Wirksamkeit nicht an eine einzige außergewöhnliche Fähigkeit gebunden ist. Gerade die Vielfalt der Gaben soll dem gemeinsamen Dienst dienen. In 1. Korinther 13 wird darüber hinaus die Liebe als unverzichtbarer Maßstab für ihren Gebrauch beschrieben. So ergänzen diese Texte die Zeichenverheißung durch eine wichtige Ordnung: Nicht die außergewöhnliche Fähigkeit selbst bildet das Ziel, sondern die Erbauung der Gemeinde, die Hilfe für Menschen und die Verherrlichung Gottes.

Schließlich führt die Himmelfahrt Jesu zu Psalm 110,1 und dessen Aufnahme im Neuen Testament. Petrus verwendet diesen Psalm in Apostelgeschichte 2,32–36, um die Erhöhung Jesu zu erklären. Der Gekreuzigte und Auferstandene ist zur Rechten Gottes erhöht und wird als Herr und Christus verkündigt. Der Hebräerbrief vertieft diese Aussage, indem er den erhöhten Jesus zugleich als Hohenpriester beschreibt, der für sein Volk eintritt (Hebräer 7,25; 8,1–2). Damit wird die gegenwärtige Bedeutung seiner Himmelfahrt sichtbar. Jesu Erlösungswerk ist nicht nur ein vergangenes Geschehen, sondern besitzt eine fortdauernde Wirksamkeit. Diese gegenwärtige Herrschaft steht zugleich in Beziehung zu seiner zukünftigen Wiederkunft, die in Apostelgeschichte 1,11 und Hebräer 9,28 angekündigt wird. Der erhöhte Christus bleibt der Mittelpunkt der gegenwärtigen Hoffnung und der zukünftigen Vollendung des göttlichen Erlösungsplans.

Wichtige Lektionen

Eine der wichtigsten praktischen Lektionen von Markus 16 betrifft den Umgang mit Situationen, in denen Gottes Handeln zunächst nicht verstanden wird. Die Frauen am Grab hatten eine konkrete Vorstellung davon, was sie erwartete. Als sie mit einer völlig anderen Wirklichkeit konfrontiert wurden, reagierten sie mit Bestürzung. Auch im Leben gläubiger Menschen können Ereignisse eintreten, die sich nicht mit bisherigen Erwartungen vereinbaren lassen. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede unerwartete Entwicklung automatisch als besonderes Zeichen Gottes gedeutet werden dürfte. Vielmehr ermutigt das Kapitel dazu, die eigene Sichtweise am Wort Gottes zu prüfen. Wer Gottes Verheißungen ernst nimmt, muss zugleich bereit sein, persönliche Vorstellungen korrigieren zu lassen, wenn sie dem widersprechen, was Gott tatsächlich offenbart hat.

Eine zweite Lektion liegt in der Unterscheidung zwischen Glauben und bloßer religiöser Vertrautheit. Die Jünger hatten Jesus über längere Zeit begleitet und seine Worte gehört. Dennoch fiel es ihnen schwer, den Berichten über seine Auferstehung zu vertrauen. Auch heute ist es möglich, mit biblischen Aussagen vertraut zu sein, ohne ihre Bedeutung für das eigene Denken und Handeln wirklich anzunehmen. Ein lebendiger Glaube erschöpft sich deshalb nicht darin, bestimmte Glaubenssätze wiedergeben zu können. Er fragt danach, welche Bedeutung Gottes Wort für persönliche Entscheidungen besitzt. Wenn beispielsweise die Vergebung als göttlicher Auftrag erkannt wird, muss diese Erkenntnis auch die Bereitschaft beeinflussen, anderen Menschen nicht dauerhaft mit Bitterkeit zu begegnen. Wo Jesus zum Vertrauen aufruft, darf Angst nicht unhinterfragt zur alleinigen Grundlage aller Entscheidungen werden. Glauben bedeutet, Gottes Wort nicht nur zu kennen, sondern sich von ihm leiten zu lassen.

Besonders ermutigend ist die Botschaft für Menschen, die unter dem Bewusstsein eigener Fehler leiden. Petrus hatte Jesus verleugnet, und doch wird er ausdrücklich in die Auferstehungsbotschaft eingeschlossen. Daraus lässt sich keine allgemeine Zusage ableiten, dass jedes menschliche Versagen ohne Umkehr oder Veränderung bedeutungslos wäre. Wohl aber zeigt die Geschichte, dass aufrichtige Reue nicht in Hoffnungslosigkeit enden muss. Wer einen anderen Menschen verletzt, seine Überzeugungen verleugnet oder in einer wichtigen Entscheidung versagt hat, ist aufgerufen, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Zugleich darf er Gottes Bereitschaft zur Vergebung ernst nehmen. Wahre Umkehr bedeutet nicht, die Vergangenheit ungeschehen machen zu können. Sie bedeutet, sich von ihr nicht länger bestimmen zu lassen, sondern im Vertrauen auf Gottes Gnade einen neuen Weg einzuschlagen.

Der Missionsauftrag lehrt darüber hinaus, dass der christliche Glaube nicht ausschließlich eine private Angelegenheit ist. Wer das Evangelium als gute Nachricht von Gottes Rettung erkannt hat, besitzt einen Grund, diese Hoffnung auch anderen Menschen zugänglich zu machen. Dabei beginnt christliches Zeugnis nicht zwangsläufig mit großen öffentlichen Aufgaben. Es kann in einem aufrichtigen Gespräch, einer verständlichen Erklärung der Bibel oder in einer Begegnung mit einem Menschen bestehen, der Fragen nach Gott stellt. Entscheidend ist, die Botschaft nicht durch Überheblichkeit, Druck oder die Abwertung anderer Menschen zu entstellen. Die Jünger sollen Christus verkündigen, nicht sich selbst. Deshalb gehört zur Weitergabe des Evangeliums die Bereitschaft, zuzuhören, Fragen ernst zu nehmen und die Entscheidung des anderen Menschen zu respektieren.

Auch die Verbindung zwischen Glauben und Taufe enthält eine konkrete Aufforderung. Wer die Botschaft Jesu verstanden hat und ihm nachfolgen möchte, sollte seine Entscheidung nicht auf eine unverbindliche innere Zustimmung beschränken. Die Taufe gehört nach dem neutestamentlichen Zeugnis zum bewussten Beginn des christlichen Lebens und bringt die Zugehörigkeit zu Christus sichtbar zum Ausdruck. Dabei ist eine gründliche Kenntnis der grundlegenden Botschaft wichtig, weil die Entscheidung nicht aus bloßer Gewohnheit oder unter äußerem Druck getroffen werden sollte. Gleichzeitig verlangt die Bibel nicht, dass ein Mensch bereits vor seiner Taufe moralisch vollkommen geworden sein müsste. Die Taufe ist kein öffentliches Zeugnis eigener Fehlerlosigkeit. Sie verweist vielmehr darauf, dass ein Mensch seine Hoffnung auf Christus setzt und bereit ist, unter seiner Führung ein neues Leben zu beginnen.

Die Aussagen über außergewöhnliche Zeichen enthalten eine wichtige Warnung vor religiöser Selbstüberschätzung. Nicht jedes beeindruckende Ereignis ist ein Beweis für die Wahrheit einer Botschaft, und nicht jeder Christ muss dieselben geistlichen Fähigkeiten besitzen. Daraus ergibt sich für den persönlichen Glauben die Aufgabe, Erfahrungen sorgfältig an der Heiligen Schrift zu prüfen. Wer eine außergewöhnliche Heilung, eine prophetische Aussage oder ein anderes religiöses Phänomen erlebt, sollte nicht allein aufgrund der Besonderheit des Geschehens jede damit verbundene Behauptung ungeprüft übernehmen. Die biblische Wahrheit und der Charakter Jesu bleiben der Maßstab. Ebenso wenig darf jemand aus dem Fehlen auffälliger Gaben schließen, Gott könne ihn nicht gebrauchen. Der Heilige Geist befähigt Menschen auf unterschiedliche Weise, und auch unscheinbare Dienste können für andere von großer Bedeutung sein.

Das gilt besonders für den Umgang mit Krankheit und Leid. Die Heilungsverheißungen des längeren Markusschlusses dürfen Menschen nicht dazu verleiten, medizinische Hilfe abzulehnen oder gefährliche Handlungen als Glaubensprüfung durchzuführen. Wer krank ist, darf um Gottes Heilung bitten und zugleich verantwortliche Behandlung in Anspruch nehmen. Wer einen Kranken begleitet, sollte mitfühlend für ihn beten, ohne ihm Vorwürfe zu machen, falls die erhoffte Genesung ausbleibt. Christliche Fürsorge zeigt sich nicht nur dort, wo eine außergewöhnliche Heilung geschieht. Sie kann ebenso darin bestehen, einem leidenden Menschen beizustehen, praktische Unterstützung zu leisten und seine Würde auch in einer lang anhaltenden Krankheit zu achten. Der Glaube an Gottes Macht verpflichtet nicht dazu, menschliche Grenzen zu leugnen.

Eine weitere Lektion erwächst aus der Himmelfahrt und Erhöhung Jesu. Christen müssen ihren Glauben nicht ausschließlich aus der Erinnerung an vergangene Ereignisse leben. Das Neue Testament beschreibt Christus als gegenwärtigen Herrn, der für sein Volk eintritt und durch den Heiligen Geist wirkt. Deshalb kann das Gebet von Vertrauen geprägt sein, auch wenn Gottes Antwort nicht immer der eigenen Erwartung entspricht. Wer vor einer schwierigen Entscheidung steht, um Weisheit bittet oder unter einer Belastung leidet, darf sich an einen Erlöser wenden, der menschliche Schwachheit kennt. Dieses Vertrauen ersetzt nicht das eigene Nachdenken und verantwortliche Handeln. Es gibt ihnen vielmehr eine Grundlage, weil der Mensch seine Aufgaben nicht in der Vorstellung erfüllen muss, vollkommen auf sich allein gestellt zu sein.

Schließlich ruft Markus 16 dazu auf, die Hoffnung der Auferstehung auch angesichts des Todes ernst zu nehmen. Der christliche Glaube verspricht nicht, dass Menschen in diesem Leben von Trauer und Verlust verschont bleiben. Der Tod eines geliebten Menschen bleibt schmerzhaft, und die Hoffnung auf die Auferstehung macht die Trauer nicht bedeutungslos. Sie verändert jedoch den Horizont, innerhalb dessen der Tod betrachtet wird. Weil Christus auferstanden ist, dürfen diejenigen, die ihm vertrauen, auf die von Gott verheißene zukünftige Auferstehung hoffen (1. Korinther 15,20–23; 1. Thessalonicher 4,13–18). Diese Hoffnung bewahrt nicht vor jeder Träne, aber sie verhindert, dass der Tod als endgültige Grenze von Gottes Macht verstanden werden muss.

So führt die praktische Bedeutung des Kapitels zu einem Glauben, der Gottes Verheißungen ernst nimmt, menschliches Versagen nicht verharmlost, aber auch nicht an ihm verzweifelt. Er sucht seine Gewissheit nicht in außergewöhnlichen Erlebnissen, sondern in Jesus Christus. Er nimmt die Verantwortung zur Nachfolge an und bleibt offen für das Wirken des Heiligen Geistes. Vor allem richtet er den Blick auf den auferstandenen Herrn, dessen Sieg über den Tod die Grundlage der christlichen Hoffnung bildet. Nicht die Stärke des Menschen trägt diese Hoffnung, sondern die Treue Jesu Christi, der lebt und dessen Erlösungswerk auch über den Tod hinaus Bestand hat.