Markus 15

Und bald am Morgen hielten die Hohenpriester einen Rat mit den Ältesten und Schriftgelehrten, dazu der ganze Rat, und banden Jesum und führten ihn hin und überantworteten ihn dem Pilatus.

47 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Und bald am Morgen hielten die Hohenpriester einen Rat mit den Ältesten und Schriftgelehrten, dazu der ganze Rat, und banden Jesum und führten ihn hin und überantworteten ihn dem Pilatus.
  2. 2 Und Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete aber und sprach zu ihm: Du sagst es.
  3. 3 Und die Hohenpriester beschuldigten ihn hart.
  4. 4 Pilatus aber fragte ihn abermals und sprach: Antwortest du nichts? Siehe, wie hart sie dich verklagen!
  5. 5 Jesus aber antwortete nichts mehr, also daß sich auch Pilatus verwunderte.
  6. 6 Er pflegte aber ihnen auf das Osterfest einen Gefangenen loszugeben, welchen sie begehrten.
  7. 7 Es war aber einer, genannt Barabbas, gefangen mit den Aufrührern, die im Aufruhr einen Mord begangen hatten.
  8. 8 Und das Volk ging hinauf und bat, daß er täte, wie er pflegte.
  9. 9 Pilatus aber antwortete ihnen: Wollt ihr, daß ich euch den König der Juden losgebe?
  10. 10 Denn er wußte, daß ihn die Hohenpriester aus Neid überantwortet hatten.
  11. 11 Aber die Hohenpriester reizten das Volk, das er ihnen viel lieber den Barabbas losgäbe.
  12. 12 Pilatus aber antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Was wollt ihr denn, daß ich tue dem, den ihr beschuldigt, er sei der König der Juden?
  13. 13 Sie schrieen abermals: Kreuzige ihn!
  14. 14 Pilatus aber sprach zu ihnen: Was hat er Übles getan? Aber sie schrieen noch viel mehr: Kreuzige ihn!
  15. 15 Pilatus aber gedachte, dem Volk genugzutun, und gab ihnen Barabbas los, und geißelte Jesum und überantwortete ihn, daß er gekreuzigt würde.
  16. 16 Die Kriegsknechte aber führten ihn hinein in das Richthaus und riefen zusammen die ganze Schar
  17. 17 und zogen ihm einen Purpur an und flochten eine dornene Krone und setzten sie ihm auf,
  18. 18 und fingen an, ihn zu grüßen: Gegrüßet seist du, der Juden König!
  19. 19 Und schlugen ihm das Haupt mit dem Rohr und verspeiten ihn und fielen auf die Kniee und beteten ihn an.
  20. 20 Und da sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Purpur aus und zogen seine eigenen Kleider an und führten ihn aus, daß sie ihn kreuzigten.
  21. 21 Und zwangen einen, mit Namen Simon von Kyrene, der vom Felde kam (der ein Vater war des Alexander und Rufus), daß er sein Kreuz trüge.
  22. 22 Und sie brachten ihn an die Stätte Golgatha, das ist verdolmetscht: Schädelstätte.
  23. 23 Und sie gaben ihm Myrrhe im Wein zu trinken; und er nahm's nicht zu sich.
  24. 24 Und da sie ihn gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider und warfen das Los darum, wer etwas bekäme.
  25. 25 Und es war um die dritte Stunde, da sie ihn kreuzigten.
  26. 26 Und es war oben über ihm geschrieben was man ihm schuld gab, nämlich: Der König der Juden.
  27. 27 Und sie kreuzigten mit ihm zwei Mörder, einen zu seiner Rechten und einen zur Linken.
  28. 28 Da ward die Schrift erfüllet, die da sagt: “Er ist unter die Übeltäter gerechnet.”
  29. 29 Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Häupter und sprachen: Pfui dich, wie fein zerbrichst du den Tempel und baust ihn in drei Tagen!
  30. 30 Hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz!
  31. 31 Desgleichen die Hohenpriester verspotteten ihn untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat anderen geholfen, und kann sich selber nicht helfen.
  32. 32 Ist er Christus und König in Israel, so steige er nun vom Kreuz, daß wir sehen und glauben. Und die mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch.
  33. 33 Und nach der sechsten Stunde ward eine Finsternis über das ganze Land bis um die neunte Stunde.
  34. 34 Und um die neunte Stunde rief Jesus laut und sprach: “Eli, Eli lama asabthani? das ist verdolmetscht: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
  35. 35 Und etliche, die dabeistanden, da sie es hörten, sprachen sie: Siehe er ruft den Elia.
  36. 36 Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und tränkte ihn und sprach: Halt, laßt sehen, ob Elia komme und ihn herabnehme.
  37. 37 Aber Jesus schrie laut und verschied.
  38. 38 Und der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke von obenan bis untenaus.
  39. 39 Der Hauptmann aber, der dabeistand ihm gegenüber und sah, daß er mit solchem Geschrei verschied, sprach: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!
  40. 40 Und es waren auch Weiber da, die von ferne solches sahen; unter welchen war Maria Magdalena und Maria, Jakobus des Kleinen und des Joses Mutter, und Salome,
  41. 41 die ihm auch nachgefolgt waren, da er in Galiläa war, und gedient hatten, und viele andere, die mit ihm hinauf gen Jerusalem gegangen waren.
  42. 42 Und am Abend, dieweil es der Rüsttag war, welcher ist der Vorsabbat,
  43. 43 kam Joseph von Arimathia, ein ehrbarer Ratsherr, welcher auch auf das Reich Gottes wartete. Der wagte es und ging hinein zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu.
  44. 44 Pilatus aber verwunderte sich, daß er schon tot war, und rief den Hauptmann und fragte ihn, ob er schon lange gestorben wäre.
  45. 45 Und als er's erkundet von dem Hauptmann, gab er Joseph den Leichnam.
  46. 46 Und er kaufte eine Leinwand und nahm ihn ab und wickelte ihn in die Leinwand und legte ihn in ein Grab, das war in einen Felsen gehauen, und wälzte einen Stein vor des Grabes Tür.
  47. 47 Aber Maria Magdalena und Maria, des Joses Mutter, schauten zu, wo er hingelegt ward.

Kapitelüberblick

Vor dem römischen Statthalter Pilatus steht Jesus, der sich gegen die Anschuldigungen seiner Gegner kaum verteidigt. Obwohl Pilatus die Beweggründe der religiösen Führer durchschaut, gibt er dem Druck der aufgewiegelten Volksmenge nach. Er lässt den Gefangenen Barabbas frei und übergibt Jesus zur Kreuzigung. Die Soldaten verspotten ihn als König, misshandeln ihn und führen ihn nach Golgatha. Dort wird er zwischen zwei Verbrechern gekreuzigt, während die Umstehenden seine Macht und seine Beziehung zu Gott infrage stellen.

Mitten am Tag breitet sich Finsternis über das Land aus. Jesus ruft in seiner tiefsten Not zu Gott und stirbt. Im selben Augenblick zerreißt der Vorhang des Tempels, und ein römischer Hauptmann spricht ein bemerkenswertes Bekenntnis über Jesus aus. Frauen, die ihm seit Galiläa nachgefolgt sind, beobachten das Geschehen. Schließlich sorgt Josef von Arimathäa für seine Bestattung.

Durch das gesamte Kapitel zieht sich die Frage nach Jesu wahrer Identität. Ausgerechnet in seiner scheinbaren Niederlage erfüllt sich der Weg, den er seinen Jüngern zuvor angekündigt hatte: Er gibt sein Leben hin, um Menschen zu erlösen.

Einführung

Die Ereignisse der vorausgegangenen Nacht bilden den unmittelbaren Hintergrund dieser letzten Stunden im Leben Jesu. Nach seiner Gefangennahme in Gethsemane ist Jesus vor den Hohen Rat geführt worden, das oberste jüdische Ratsgremium in Jerusalem. Dort hat ihn der Hohepriester gefragt, ob er der Christus, der Sohn des Hochgelobten, sei. Jesus hat seine messianische Würde bekräftigt und dabei auf den Menschensohn hingewiesen, der zur Rechten Gottes sitzt und mit den Wolken des Himmels kommt (Markus 14,61–62). Die Ratsmitglieder haben seine Antwort als Gotteslästerung gewertet und ihn des Todes schuldig gesprochen. Doch zwischen diesem religiösen Urteil und einer Hinrichtung unter römischer Herrschaft liegt ein entscheidender weiterer Schritt.

Judäa stand damals unter der Verwaltung Roms. Pontius Pilatus war der römische Statthalter und verfügte über die politische und militärische Macht, die für das weitere Verfahren ausschlaggebend wurde. Vor ihm musste die Anklage eine andere Bedeutung gewinnen. Während der Hohe Rat vor allem Jesu religiösen Anspruch verurteilt hatte, konnte die Bezeichnung „König der Juden“ aus römischer Sicht als politischer Herrschaftsanspruch verstanden werden. Ein solcher Anspruch berührte unmittelbar die Autorität des Kaisers. Dieser Unterschied erklärt, weshalb die erste Frage des Pilatus eine andere ist als die entscheidende Frage des Hohenpriesters.

Hinzu kommt der besondere Zeitpunkt. Jerusalem befand sich in der Passahzeit, in der Israel seiner Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft gedachte. Zahlreiche Menschen kamen dafür in die Stadt, und die Erinnerung an Gottes einstiges Befreiungshandeln prägte das religiöse Leben. Unter der römischen Besatzung hatte das Thema von Herrschaft und Befreiung zugleich eine politische Bedeutung.

Markus erzählt die folgenden Ereignisse mit auffallender Zurückhaltung. Er beschreibt nur selten ausführlich, was die beteiligten Personen innerlich empfinden. Stattdessen lässt er ihre Fragen, Entscheidungen und Reaktionen sprechen. Gerade deshalb verdienen auch scheinbar nebensächliche Einzelheiten Aufmerksamkeit: das Schweigen eines Angeklagten, die Entscheidung eines Statthalters, der Spott über einen König und die Worte eines römischen Soldaten. Sie erhalten ihre Bedeutung aus dem Zusammenhang der gesamten Erzählung.

Markus 15,1–5

Jesus vor Pilatus: Die Anklage und sein Schweigen

Noch am frühen Morgen kommen die Hohenpriester mit den Ältesten, den Schriftgelehrten und dem gesamten Hohen Rat zu einer Beratung zusammen. Anschließend lassen sie Jesus fesseln, führen ihn ab und übergeben ihn dem römischen Statthalter Pilatus. Markus berichtet diesen Vorgang in wenigen Worten, doch der Übergang ist von großer Bedeutung. In der Nacht zuvor hatte der Hohe Rat Jesus bereits des Todes schuldig gesprochen, weil er seinen Anspruch als Christus und Sohn Gottes als Gotteslästerung verstanden hatte (Markus 14,61–64). Nun muss aus diesem religiösen Urteil eine Entscheidung werden, die unter der römischen Herrschaft tatsächlich vollstreckt werden kann. Die morgendliche Beratung dient deshalb erkennbar der Vorbereitung des weiteren Vorgehens. Ob sie zugleich eine förmliche Wiederholung des nächtlichen Verfahrens darstellte, erklärt Markus nicht. Entscheidend ist für seine Darstellung, dass die jüdischen Führungspersonen Jesus nun der römischen Staatsgewalt ausliefern.

Die Fesseln, mit denen Jesus vor Pilatus erscheint, machen seine äußere Lage sichtbar. Er wird wie ein gefährlicher Gefangener vorgeführt, obwohl Markus bis zu diesem Zeitpunkt weder einen gewaltsamen Aufstand noch einen Angriff Jesu auf die römische Ordnung berichtet hat. Während seiner öffentlichen Wirksamkeit hatte Jesus vielmehr gelehrt, Gott zu geben, was Gott gehört, und dem Kaiser, was dem Kaiser gehört (Markus 12,13–17). Damit hatte er die politische Frage nicht einfach für bedeutungslos erklärt, aber auch keinen Aufruf zur gewaltsamen Beseitigung der römischen Herrschaft ausgesprochen. Gerade dieser Hintergrund ist wichtig, wenn Pilatus nun nach seiner Königswürde fragt. Die Ankläger benötigen eine Beschuldigung, die für einen römischen Statthalter von Bedeutung ist. Der Anspruch, König der Juden zu sein, konnte aus römischer Sicht als mögliche Herausforderung der kaiserlichen Macht verstanden werden. Dass die Anklage in diese politische Richtung gelenkt wurde, ergibt sich aus der Frage des Pilatus; die genauen Worte der Ankläger überliefert Markus an dieser Stelle jedoch nicht.

Pilatus richtet sich unmittelbar an Jesus: „Bist du der König der Juden?“ (Markus 15,2). Diese Frage unterscheidet sich auffallend von der Frage des Hohenpriesters im vorhergehenden Kapitel. Dort ging es darum, ob Jesus der Christus, der Sohn des Hochgelobten, sei. Jetzt steht seine mögliche Stellung als König im Mittelpunkt. Beide Fragen berühren dieselbe Person und ihren messianischen Anspruch, betrachten ihn jedoch aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Der Hohepriester sah darin eine religiöse Anmaßung, während Pilatus prüfen musste, ob Jesus einen Herrschaftsanspruch erhob, der Rom gefährlich werden konnte. Damit treffen zwei Vorstellungen von Macht aufeinander. Die römische Herrschaft beruhte auf politischer Autorität, militärischer Gewalt und der Fähigkeit, Widerstand zu unterdrücken. Jesu Sendung hatte dagegen schon zuvor eine andere Form von Herrschaft erkennen lassen. Er hatte seinen Jüngern erklärt, dass die Großen unter den Völkern ihre Macht über andere ausüben, während Größe unter seinen Nachfolgern im Dienen bestehen soll (Markus 10,42–45).

Auf die Frage des Pilatus antwortet Jesus knapp: „Du sagst es!“ Diese Antwort ist weder ein gewöhnliches ausführliches Ja noch eine ausdrückliche Verneinung. Im griechischen Wortlaut liegt der Nachdruck darauf, dass Pilatus selbst die Bezeichnung ausgesprochen hat. Jesus weist seine Königswürde nicht zurück, übernimmt aber auch nicht die politische Vorstellung, die mit der Frage verbunden sein konnte. Bereits vor dem Hohen Rat hatte er seinen messianischen Anspruch deutlich bekräftigt und auf den Menschensohn verwiesen, der zur Rechten Gottes sitzt und mit den Wolken des Himmels kommt (Markus 14,62; Daniel 7,13–14). Seine Autorität wird dort mit Gottes Herrschaft verbunden, nicht mit einem durch Waffengewalt errichteten Königtum. Deshalb wäre es ebenso falsch, seine Antwort vor Pilatus als Verzicht auf jede Königswürde zu verstehen, wie sie als Eingeständnis eines geplanten politischen Aufstands zu lesen. Jesus ist König, aber seine Königsherrschaft entspricht nicht den Erwartungen, die seine Gegner mit dieser Anklage gegen ihn verwenden.

Daraufhin bringen die Hohenpriester zahlreiche weitere Beschuldigungen vor. Markus zählt sie nicht einzeln auf. Stattdessen richtet er die Aufmerksamkeit auf Jesu Verhalten gegenüber der Fülle der Anklagen. Pilatus fragt ihn erneut, warum er nichts antworte, und weist ihn ausdrücklich darauf hin, wie vieles gegen ihn vorgebracht werde. In einem Gerichtsverfahren konnte das Schweigen eines Angeklagten schwerwiegende Folgen haben. Wer sich nicht verteidigte, ließ die Vorwürfe zunächst unwidersprochen stehen. Gerade deshalb ist das Verhalten Jesu bemerkenswert. Er scheint nicht darum bemüht zu sein, durch eine geschickte Verteidigung die Entscheidung des Statthalters zu beeinflussen. Dabei darf sein Schweigen nicht als grundsätzliche Weigerung verstanden werden, über seine Identität Auskunft zu geben. Jesus hat auf die entscheidenden Fragen nach seiner Person bereits geantwortet. Was er nicht tut, ist, sich auf jede weitere Beschuldigung einzulassen, als müsste seine Sendung erst durch die Zustimmung seiner Ankläger gerechtfertigt werden.

Dieses Verhalten erinnert an die Beschreibung des leidenden Gottesknechtes in Jesaja 53,7. Dort wird ein Unschuldiger geschildert, der bedrängt und misshandelt wird, seinen Mund aber nicht zur Gegenwehr öffnet. Der Vergleich bedeutet nicht, dass Jesus während seines gesamten Leidens kein einziges Wort sprach. Die Evangelien berichten ausdrücklich von seinen Antworten, Gebeten und letzten Worten. Entscheidend ist vielmehr die Haltung, die in seinem Schweigen sichtbar wird. Er begegnet der ungerechten Behandlung nicht mit Drohungen, Gewalt oder dem Versuch, seine Gegner durch dieselben Mittel zu überwältigen. Auch 1. Petrus 2,22–23 greift diesen Gedanken auf: Christus beging keine Sünde, und als er geschmäht wurde, antwortete er nicht mit Schmähungen, sondern vertraute sich dem an, der gerecht richtet. Seine Zurückhaltung ist deshalb nicht mit innerer Gleichgültigkeit gleichzusetzen. Sie steht im Zusammenhang mit seinem bewussten Gehorsam gegenüber Gott und seiner Bereitschaft, den angekündigten Leidensweg zu gehen.

Schon auf dem Weg nach Jerusalem hatte Jesus seinen Jüngern gesagt, dass er den Hohenpriestern und Schriftgelehrten ausgeliefert, zum Tod verurteilt und anschließend den Heiden übergeben werden würde (Markus 10,33–34). Was damals wie eine schwer verständliche Ankündigung klang, nimmt nun konkrete Gestalt an. Seine Gegner handeln aus eigener Verantwortung, und Pilatus wird ebenfalls eine verantwortliche Entscheidung treffen müssen. Dennoch geschieht das alles nicht außerhalb dessen, was Jesus über seinen bevorstehenden Weg bereits wusste. Die Voraussage seines Leidens hebt die Schuld menschlicher Entscheidungen nicht auf. Sie macht vielmehr deutlich, dass Jesus dem Geschehen nicht unwissend oder völlig unvorbereitet gegenübersteht.

Am Ende dieser kurzen Verhörszene hält Markus fest, dass Pilatus sich über Jesus wundert. Der Statthalter begegnet einem Angeklagten, der angesichts schwerer Beschuldigungen nicht auf die übliche Weise um seine Freilassung kämpft. Markus erklärt nicht, welche Gedanken Pilatus dabei genau durch den Kopf gingen. Das Erstaunen ist jedoch verständlich: Jesu Verhalten passt nicht ohne Weiteres zu dem Bild eines Mannes, der um jeden Preis politische Macht gewinnen oder sein eigenes Leben retten will. Damit entsteht eine Spannung, die den weiteren Verlauf des Kapitels bestimmt. Derjenige, der äußerlich gefesselt und den Entscheidungen anderer ausgeliefert ist, bewahrt eine ungewöhnliche innere Entschlossenheit. Derjenige dagegen, der als Statthalter über die rechtliche Macht verfügt, wird sich bald unter dem Druck der Menschen zu einer Entscheidung bewegen lassen, deren Unrecht er nicht einfach übersehen kann.

Markus 15,6–15

Barabbas wird freigelassen: Jesus wird verurteilt

Während Jesus vor Pilatus steht, eröffnet sich eine Möglichkeit, die zunächst wie ein Ausweg aus dem Gerichtsverfahren erscheint. Markus berichtet, dass der Statthalter anlässlich des Festes gewöhnlich einen Gefangenen freiließ, den die Menschen verlangten. Diese Praxis war offenbar bekannt, denn die versammelte Volksmenge beginnt von sich aus, die übliche Freilassung einzufordern (Markus 15,6–8). Über den Ursprung dieser Gewohnheit und ihre rechtlichen Voraussetzungen macht Markus keine Angaben. Sie darf deshalb nicht ohne Weiteres als allgemein geltendes römisches Gesetz verstanden werden. Für die Erzählung ist entscheidend, dass Pilatus über einen gewissen Entscheidungsspielraum verfügt und die Freilassung eines Gefangenen als Möglichkeit vor ihm steht. Damit wird die Frage nach Jesu Schicksal auf eine neue Weise zugespitzt: Der Statthalter kann einen Gefangenen freigeben, muss aber entscheiden, wen er dafür auswählt.

Unter den Gefangenen befindet sich ein Mann namens Barabbas. Markus verbindet ihn ausdrücklich mit Aufrührern, die während eines Aufstandes einen Mord begangen hatten. Damit gehört Barabbas zu einem Umfeld tatsächlicher politischer Gewalt. Während Jesus vorgeworfen wird, durch seinen Anspruch als König eine Gefahr für die römische Herrschaft darzustellen, steht Barabbas im Zusammenhang mit einem gewaltsamen Aufruhr. Der Gegensatz ist bemerkenswert. Jesus hat seine Jünger zum Dienen angehalten und ihnen erklärt, dass seine Herrschaft nicht den Machtvorstellungen der weltlichen Herrscher entspricht (Markus 10,42–45). Barabbas dagegen ist mit einer Bewegung verbunden, in der Menschen ihre Ziele unter Anwendung von Gewalt verfolgten. Lukas 23,19 bestätigt ausdrücklich, dass Barabbas wegen eines Aufruhrs in der Stadt und wegen eines Mordes ins Gefängnis geworfen worden war. Markus selbst konzentriert sich auf seine Zugehörigkeit zu den Aufrührern und auf die Gewalttat, mit der ihre Gefangenschaft zusammenhängt.

Auch der Name Barabbas besitzt eine sprachliche Besonderheit. Er lässt sich aus dem Aramäischen sinngemäß als „Sohn des Vaters“ verstehen. Gerade im Markusevangelium, das Jesus wiederholt als Sohn Gottes bezeichnet, entsteht dadurch ein auffälliger Gegensatz. Der Mann, dessen Name auf einen Vater verweist, wird freigelassen, während Jesus, den der himmlische Vater bei der Taufe ausdrücklich als seinen geliebten Sohn bezeichnet hat (Markus 1,11), der Hinrichtung entgegengeht. Markus erklärt den Namen jedoch nicht selbst und entwickelt daraus keine ausdrückliche Symbollehre. Deshalb sollte diese Beobachtung nicht zum alleinigen Schlüssel der Geschichte gemacht werden. Der tiefere Gegensatz liegt bereits in den berichteten Tatsachen: Ein mit tödlicher Gewalt verbundener Gefangener erhält die Freiheit, während derjenige, dem keine entsprechende Gewalttat nachgewiesen wird, dem Tod übergeben werden soll.

Pilatus greift die Forderung nach einer Freilassung auf und stellt den Menschen eine Frage: „Wollt ihr, daß ich euch den König der Juden freigebe?“ (Markus 15,9). Auffällig ist, dass er Jesus nicht einfach beim Namen nennt, sondern erneut die Bezeichnung verwendet, die bereits beim Verhör im Mittelpunkt stand. Damit verbindet er die Entscheidung über die Freilassung unmittelbar mit dem politischen Vorwurf gegen Jesus. Für Pilatus könnte diese Möglichkeit zunächst geeignet erscheinen, den Fall ohne eine Hinrichtung abzuschließen. Er müsste Jesus nicht gegen den ausdrücklich geäußerten Willen der Menge freilassen, sondern könnte die Menschen selbst dazu bringen, seine Freigabe zu verlangen. Ob dies seine genaue Überlegung war, sagt Markus nicht. Seine Frage zeigt jedoch, dass er Jesus als möglichen Empfänger der Festfreilassung ins Spiel bringt, obwohl die Hohenpriester dessen Verurteilung betreiben.

Der Evangelist fügt einen wichtigen Hinweis hinzu: Pilatus wusste, dass die Hohenpriester Jesus aus Neid übergeben hatten (Markus 15,10). Damit richtet Markus den Blick hinter die äußere Anklage auf die Beweggründe der religiösen Führungspersonen. Neid entsteht dort, wo der Einfluss, die Anerkennung oder die Stellung eines anderen als Bedrohung des eigenen Anspruchs empfunden wird. Schon früher hatte Markus berichtet, wie die Hohenpriester und Schriftgelehrten nach einer Möglichkeit suchten, Jesus umzubringen, weil sie ihn fürchteten und das Volk über seine Lehre erstaunt war (Markus 11,18). Jesu Auftreten im Tempel, seine Vollmacht in der Lehre und sein wachsender Einfluss hatten die Auseinandersetzung verschärft. Der Hinweis auf Neid verbindet diese früheren Spannungen mit dem gegenwärtigen Verfahren. Es geht nicht nur um eine sachliche Prüfung seiner Aussagen, sondern auch um den Widerstand gegen einen Menschen, dessen Autorität die bisherige religiöse Ordnung herausfordert. Pilatus erkennt dieses Motiv zumindest teilweise. Dadurch wird seine spätere Entscheidung umso schwerwiegender, denn er handelt nicht einfach in Unkenntnis der Interessen, die hinter der Anklage stehen.

Die Hohenpriester überlassen die Entscheidung jedoch nicht dem freien Urteil der versammelten Menschen. Markus berichtet ausdrücklich, dass sie die Volksmenge aufwiegeln, damit diese lieber die Freilassung des Barabbas verlangt (Markus 15,11). Der Wunsch der Menge entsteht in der Erzählung also nicht unabhängig vom Einfluss ihrer religiösen Führer. Menschen, die innerhalb ihres Volkes Ansehen und Autorität besitzen, nutzen ihre Stellung, um eine bestimmte Entscheidung herbeizuführen. Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Markus spricht von der an diesem Ort versammelten und aufgewiegelten Volksmenge, nicht von einer Abstimmung des gesamten jüdischen Volkes. Ebenso wenig dürfen die handelnden Hohenpriester mit allen jüdischen Menschen gleichgesetzt werden. Jesus selbst, seine Jünger und zahlreiche seiner Anhänger waren Juden. Die Erzählung beschreibt die Verantwortung bestimmter Führungspersonen, einer beeinflussten Menschenmenge und des römischen Statthalters. Sie begründet keine Schuldzuweisung an ein ganzes Volk oder an spätere Generationen.

Nachdem die Menge Barabbas bevorzugt hat, stellt Pilatus eine weitere Frage: „Was wollt ihr nun, daß ich mit dem tue, welchen ihr König der Juden nennet?“ (Markus 15,12). Die Frage zeigt, dass die Entscheidung über Barabbas die Angelegenheit Jesu noch nicht beendet. Die Freilassung des einen Gefangenen verlangt für sich genommen nicht, dass der andere hingerichtet werden muss. Pilatus hätte weiterhin über die gegen Jesus erhobenen Anschuldigungen entscheiden müssen. Doch anstatt die Schuldfrage selbst zu klären, überträgt er die Verantwortung für das weitere Vorgehen zunehmend auf die versammelten Menschen. Seine Formulierung ist dabei bezeichnend. Er nennt Jesus erneut den König der Juden, spricht nun aber von dem, den die Menschen so nennen. Damit bleibt die umstrittene Königswürde im Mittelpunkt, ohne dass Pilatus selbst zu einer eindeutigen Beurteilung gelangt.

Die Antwort erfolgt als lauter Ruf: „Kreuzige ihn!“ (Markus 15,13). Damit geht die Forderung weit über die bloße Ablehnung einer Freilassung hinaus. Die Menge verlangt ausdrücklich Jesu Hinrichtung. Kreuzigung war eine besonders erniedrigende und qualvolle Form der römischen Todesstrafe. Sie sollte nicht nur das Leben des Verurteilten beenden, sondern seine völlige Machtlosigkeit öffentlich sichtbar machen. Gerade bei Menschen, die als Aufrührer oder Bedrohung der staatlichen Ordnung galten, konnte sie zugleich abschreckend wirken. Dass ausgerechnet diese Strafe für Jesus gefordert wird, verschärft den Gegensatz zwischen dem Vorwurf und seinem tatsächlichen Verhalten. Der Mann, der seine Jünger von gewaltsamer Machtausübung weggeführt und sie zum Dienst an anderen aufgerufen hatte, soll nun wie ein gefährlicher Gegner der Staatsgewalt beseitigt werden.

Pilatus fragt noch einmal nach dem Grund: „Was hat er denn Böses getan?“ (Markus 15,14). Diese Frage gehört zu den entscheidenden Aussagen des gesamten Verfahrens. Sie lenkt den Blick von der Lautstärke der Forderung zurück auf die eigentliche Voraussetzung eines gerechten Urteils: Eine Bestrafung muss sich auf nachgewiesenes Unrecht gründen. Wer den Tod eines Menschen fordert, müsste erklären können, welches Verbrechen die Hinrichtung rechtfertigt. Doch Markus berichtet keine neue Begründung. Stattdessen schreien die Menschen nur noch heftiger, Jesus solle gekreuzigt werden. Die Wiederholung ersetzt die fehlende Antwort. Aus einer Behauptung wird durch ihre Lautstärke kein Beweis, und aus einer gemeinsamen Forderung entsteht noch kein gerechtes Urteil. Der Evangelist lässt diesen Gegensatz für sich sprechen. Pilatus stellt die richtige Frage, verfolgt sie aber nicht bis zu einer gerechten Entscheidung.

Besonders tragisch ist, dass Pilatus die rechtliche Macht besitzt, dem Druck zu widerstehen. Er ist nicht lediglich ein Zuschauer, der hilflos beobachtet, was andere beschließen. Als römischer Statthalter trägt er die Verantwortung für die Entscheidung, ob Jesus der Kreuzigung übergeben wird. Markus nennt schließlich ausdrücklich das Motiv, das für sein Handeln ausschlaggebend wird: Pilatus will die Volksmenge zufriedenstellen (Markus 15,15). Damit tritt an die Stelle einer auf Recht und Schuld gegründeten Entscheidung das politische Interesse, die aufgebrachten Menschen zu beschwichtigen. Es ist nicht notwendig, Pilatus dafür vollständige Kenntnis von Jesu göttlicher Identität zuzuschreiben. Schon die von ihm selbst gestellte Frage nach Jesu angeblichem Verbrechen hätte Anlass gegeben, eine unbegründete Hinrichtung zurückzuweisen. Seine Verantwortung besteht gerade darin, dass er die notwendige Prüfung nicht konsequent zum Maßstab seines Handelns macht.

Hier offenbart sich eine Form menschlicher Schwäche, die nicht mit mangelnder äußerer Macht verwechselt werden darf. Pilatus besitzt Autorität über Soldaten und Gefangene, aber seine Entscheidung wird von der Sorge um die Reaktion anderer bestimmt. Jesus dagegen hat keine sichtbare politische Macht und befindet sich in den Händen seiner Gegner, bleibt jedoch dem Weg treu, den er zuvor angekündigt hat. Der Gegensatz besteht deshalb nicht einfach zwischen einem starken und einem schwachen Menschen. Vielmehr zeigt sich, dass äußere Macht und innere Unabhängigkeit keineswegs dasselbe sind. Ein Mensch kann über weitreichende Befugnisse verfügen und dennoch das als richtig Erkannte preisgeben, wenn dessen Durchsetzung unbequem oder gefährlich erscheint.

Daraufhin fällt die Entscheidung. Pilatus lässt Barabbas frei und übergibt Jesus zur Kreuzigung, nachdem er ihn hatte geißeln lassen. Die Geißelung war eine schwere körperliche Misshandlung und gehörte im römischen Hinrichtungsgeschehen häufig zur Vorbereitung der Kreuzigung. Markus beschreibt die einzelnen Verletzungen nicht. Diese Zurückhaltung sollte respektiert werden, anstatt den Bericht durch ungesicherte Einzelheiten auszuschmücken. Dennoch darf die knappe Formulierung nicht darüber hinwegtäuschen, welches Leiden damit verbunden war. Jesus wird nicht lediglich symbolisch gedemütigt, sondern tatsächlich körperlich misshandelt und anschließend zur Hinrichtung ausgeliefert. Damit erfüllt sich ein weiterer Teil seiner früheren Ankündigung, dass er den Heiden übergeben, verspottet, gegeißelt und getötet werden würde (Markus 10,33–34). Die Verantwortung der Handelnden bleibt bestehen, auch wenn Jesus diesen Weg im Voraus angekündigt hatte.

In der Freilassung des Barabbas wird zugleich ein bedeutender Zusammenhang sichtbar, der über das unmittelbare Gerichtsverfahren hinausweist. Ein Schuldiger erhält die Freiheit, während Jesus den Weg zur Kreuzigung geht. Markus sagt nicht ausdrücklich, dass Barabbas die geistliche Bedeutung dieses Vorgangs verstanden hätte oder dass er selbst zum Glauben an Jesus gekommen wäre. Über sein späteres Leben erfahren wir nichts. Ebenso wenig wird hier behauptet, Barabbas sei im rechtlichen Sinn durch Jesu Tod freigesprochen worden; seine Freilassung geschieht durch die Entscheidung des Pilatus. Dennoch entsteht im Zusammenhang des gesamten Evangeliums eine eindrucksvolle Veranschaulichung dessen, was Jesus zuvor über seine Sendung gesagt hatte: Der Menschensohn ist gekommen, um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben (Markus 10,45). Was bei Barabbas zunächst als Gegensatz zwischen der Freiheit eines Gefangenen und dem Todesurteil über Jesus erscheint, weist damit auf eine tiefere Wirklichkeit hin: Der Unschuldige nimmt den Leidensweg auf sich, durch den schuldigen Menschen die Möglichkeit der Erlösung eröffnet wird.

Dieser Zusammenhang wird durch Jesaja 53 noch vertieft. Dort wird der leidende Gottesknecht als jemand beschrieben, der selbst kein Unrecht getan hat und dennoch die Schuld anderer trägt. Sein Leiden ist nicht einfach die Folge eigener Verfehlungen, sondern steht in einem heilbringenden Verhältnis zu Menschen, die der Versöhnung mit Gott bedürfen. Markus erklärt diese Bedeutung nicht vollständig innerhalb der Barabbas-Szene. Er hat sie jedoch durch Jesu eigene Leidensankündigungen vorbereitet und führt seine Leser nun Schritt für Schritt an die Kreuzigung heran. Die Freilassung des Barabbas macht anschaulich, wie weit menschliche Vorstellungen von Gerechtigkeit und Gottes Erlösungsweg auseinanderliegen können. Während die beteiligten Menschen ihre Entscheidungen nach Neid, Beeinflussung, politischer Zweckmäßigkeit oder persönlichem Vorteil treffen, geht Jesus seinem Tod entgegen, ohne seine Sendung aufzugeben.

Mit der Übergabe an die Soldaten ist das Gerichtsverfahren abgeschlossen. Jesus, der keine Gewalttat begangen hat, wird wie ein Aufrührer behandelt. Barabbas dagegen verlässt die Gefangenschaft. Der Statthalter hat die Menge zufriedengestellt, aber kein gerechtes Urteil gefällt. Nun wird die Frage nach Jesu Königswürde auf eine noch erniedrigendere Weise fortgeführt. Die Soldaten werden den vermeintlichen König mit den äußeren Zeichen königlicher Macht ausstatten, um ihn zu verspotten. Ohne es zu erkennen, rücken auch sie damit die Frage in den Mittelpunkt, die Markus von Anfang an beschäftigt: Wer ist dieser Jesus wirklich, und worin besteht seine Herrschaft?

Markus 15,16–20

Der verspottete König

Nachdem Pilatus Jesus zur Kreuzigung übergeben hat, übernehmen die römischen Soldaten die weitere Behandlung des Verurteilten. Sie führen ihn in den Hof des Prätoriums, also in den Bereich des römischen Amtssitzes, der dem Statthalter während seines Aufenthalts in Jerusalem zur Verfügung stand. Markus bezeichnet diesen Ort auch als das Innere des Palastes. Welches Gebäude damit genau gemeint ist, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit bestimmen. Entscheidend ist, dass Jesus nun vollständig der militärischen Gewalt ausgeliefert ist. Die Soldaten rufen die ganze Abteilung zusammen, die Markus mit einem griechischen Begriff bezeichnet, der gewöhnlich für eine römische Kohorte verwendet wurde. Eine solche Einheit konnte mehrere Hundert Soldaten umfassen. Der Text verlangt jedoch nicht, dass tatsächlich jeder Mann einer vollständigen Kohorte anwesend gewesen sein muss. Er macht vor allem deutlich, dass die Erniedrigung Jesu nicht auf eine kurze Begegnung mit einem einzelnen Soldaten beschränkt bleibt. Eine größere Gruppe versammelt sich, um den Verurteilten gemeinsam zu verspotten.

Die Soldaten richten ihre Aufmerksamkeit dabei auf den Vorwurf, der das Verfahren vor Pilatus bestimmt hat: Jesus soll der König der Juden sein. Aus dieser Bezeichnung machen sie nun ein grausames Schauspiel. Sie legen ihm einen Purpurmantel um und setzen ihm eine Krone auf, die sie aus Dornen geflochten haben (Markus 15,17). Beides gehört zu einer bewusst nachgeahmten königlichen Erscheinung. Purpur war in der antiken Welt wegen seiner aufwendigen Herstellung und seines hohen Wertes besonders mit Würde, Reichtum und Herrschaft verbunden. Nicht jeder purpurfarbene Stoff war deshalb ein tatsächliches königliches Gewand, doch die Farbe eignete sich dazu, den Anspruch auf königliche Macht sichtbar darzustellen. Matthäus 27,28 beschreibt das Spottgewand als scharlachrot. Die unterschiedlichen Farbbezeichnungen müssen keinen Gegensatz bedeuten, weil antike Bezeichnungen für rötliche und purpurne Farbtöne nicht immer den heutigen Farbgrenzen entsprechen. Die Soldaten wollen Jesus jedenfalls nicht ehren. Sie geben ihm das äußere Erscheinungsbild eines Königs, um den Gegensatz zwischen seiner behaupteten Würde und seiner gegenwärtigen Hilflosigkeit lächerlich zu machen.

Besonders erniedrigend ist die Dornenkrone. Eine gewöhnliche Königskrone sollte Macht, Ansehen und Herrschaftsrecht ausdrücken. Die Soldaten ersetzen diese Zeichen durch Zweige, deren Dornen Schmerzen verursachen können. Markus beschreibt weder die genaue Pflanzenart noch die Verletzungen, die beim Aufsetzen der Krone entstanden. Solche Einzelheiten müssen deshalb nicht nachträglich erfunden werden, um die Grausamkeit des Geschehens verständlich zu machen. Bereits die Verbindung von einer Krone mit Dornen zeigt, wie vollständig die Würde Jesu ins Gegenteil verkehrt werden soll. Was für einen Herrscher eine Auszeichnung wäre, wird für ihn zum Werkzeug der Demütigung. Dabei entsteht eine bemerkenswerte Verbindung zur Geschichte des Sündenfalls. Nach 1. Mose 3,17–18 gehören Dornen und Disteln zu den Folgen der gefallenen Schöpfung. Dass Jesus nun eine Krone aus Dornen trägt, kann deshalb als eindrucksvolles Bild für sein Eintreten in eine von der Sünde gezeichnete Welt verstanden werden. Markus selbst erklärt die Dornenkrone jedoch nicht ausdrücklich als Symbol des Fluches aus 1. Mose 3. Ihre unmittelbare Bedeutung innerhalb seiner Erzählung bleibt die grausame Verspottung der Königswürde Jesu.

Zu dieser äußeren Verkleidung kommt die gespielte Begrüßung. Die Soldaten rufen: „Gegrüßt seist du, König der Juden!“ (Markus 15,18). Sie verwenden damit eine Anrede, die ihrer Form nach wie eine ehrerbietige Begrüßung klingt, in dieser Situation aber das Gegenteil ausdrücken soll. Vor ihnen steht kein Herrscher, der von einer Leibwache geschützt wird, sondern ein geschlagener Gefangener, über dessen Leben andere entschieden haben. Gerade deshalb halten sie seinen Königstitel für verspottenswert. Doch für den Leser des Markusevangeliums besitzt die Szene eine zweite Bedeutung. Schon zu Beginn des Evangeliums hat Markus Jesus als Christus und Sohn Gottes vorgestellt (Markus 1,1). Später hat Jesus von seiner künftigen Herrlichkeit gesprochen und erklärt, dass der Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen werde (Markus 14,62). Die Soldaten wissen offenbar nicht, welche Tragweite der Anspruch Jesu besitzt. Während sie glauben, einen lächerlichen König vorzuführen, richten sie ihre Verachtung gegen denjenigen, dessen wahre Würde sie nicht erkennen.

Die Szene zeigt deshalb eine besonders scharfe Form erzählerischer Ironie. Damit ist gemeint, dass die handelnden Personen etwas aussprechen oder darstellen, dessen tiefere Wahrheit ihnen selbst verborgen bleibt. Die Soldaten nennen Jesus einen König, weil sie ihn gerade nicht für einen König halten. Markus dagegen hat seine Leser bereits darauf vorbereitet, in Jesus mehr zu erkennen als einen gewöhnlichen Menschen mit politischen Ansprüchen. Die äußeren Zeichen seiner vermeintlichen Herrschaft werden missbraucht, aber seine tatsächliche königliche Würde hängt nicht davon ab, ob Menschen sie anerkennen. Schon während seines öffentlichen Wirkens hat Jesus deutlich gemacht, dass die Herrschaft Gottes anders verstanden werden muss als die Herrschaft der Mächtigen dieser Welt. Als seine Jünger darüber stritten, wer unter ihnen der Größte sein sollte, erklärte er ihnen, dass wahre Größe im Dienen besteht (Markus 10,42–44). Nun wird dieser Gegensatz besonders sichtbar. Die Soldaten besitzen militärische Gewalt und können ihren Gefangenen nach Belieben erniedrigen. Jesus dagegen verzichtet darauf, seine Würde durch gewaltsame Gegenwehr zu behaupten. Die Szene beschreibt keine gewöhnliche königliche Machtdemonstration, sondern einen König, der den Weg des Leidens nicht verlässt.

Der Spott bleibt nicht bei der Verkleidung und den Worten stehen. Markus berichtet, dass die Soldaten Jesus mit einem Rohr auf den Kopf schlagen, ihn anspucken und vor ihm auf die Knie fallen, als wollten sie ihn anbeten (Markus 15,19). Die einzelnen Handlungen ergänzen einander. Das Schlagen richtet sich gegen seinen bereits durch die Dornenkrone gedemütigten Kopf. Das Anspucken bringt offene Verachtung zum Ausdruck. Das Niederknien ahmt eine Geste der Unterwerfung und Ehrfurcht nach, wird hier jedoch zur bewussten Verhöhnung. Was normalerweise Achtung gegenüber einem Herrscher bezeugen könnte, dient nun dazu, Jesus seine angebliche Bedeutungslosigkeit vor Augen zu führen. Die Soldaten verwandeln die Sprache und die Gesten der Verehrung in Werkzeuge der Misshandlung.

Damit wiederholt sich auf erschütternde Weise, was Jesus bereits während des Verhörs vor dem Hohen Rat erlebt hatte. Dort hatten einige begonnen, ihn anzuspucken, sein Gesicht zu verhüllen und ihn zu schlagen, während sie ihn aufforderten, prophetisch zu erkennen, wer ihn getroffen habe (Markus 14,65). Damals galt der Spott seiner prophetischen und messianischen Vollmacht; jetzt richtet er sich gegen seine königliche Würde. In beiden Situationen wird eine Wahrheit über seine Person zum Anlass genommen, ihn zu erniedrigen. Seine Gegner benutzen gerade jene Ansprüche, die sie nicht anerkennen wollen, als Grundlage ihrer Verachtung. Dadurch verbindet Markus die beiden Verhör- und Misshandlungsszenen miteinander. Sowohl die religiösen Gegner als auch die römischen Soldaten missverstehen Jesu Sendung und behandeln ihn entsprechend ihrer eigenen Vorstellungen von Macht und Autorität.

In diesem Zusammenhang erhält auch Jesaja 50,6 besonderes Gewicht. Dort spricht der leidende Gottesknecht davon, dass er seinen Rücken den Schlagenden und sein Gesicht der Schmach und dem Bespucken nicht entzogen hat. Die Verbindung zu den Ereignissen im Markusevangelium ist auffallend. Jesus begegnet körperlicher Misshandlung und öffentlicher Entehrung, ohne den angekündigten Weg seines Gehorsams aufzugeben. Dabei sollte die Übereinstimmung nicht weiter ausgedehnt werden, als die Evangelien es erlauben. Jesaja erwähnt auch das Ausreißen von Barthaaren, während Markus eine solche Handlung an Jesus nicht ausdrücklich berichtet. Die tragende Verbindung liegt in der Bereitschaft des leidenden Gottesknechtes, Beschimpfung und Misshandlung zu ertragen, ohne seine Treue aufzugeben. Sein Leiden ist nicht Ausdruck mangelnder göttlicher Aufmerksamkeit, sondern steht innerhalb einer Sendung, deren Bedeutung erst durch Gottes weiteres Handeln vollständig sichtbar werden wird.

Die Zurückhaltung Jesu darf dabei nicht so verstanden werden, als sei körperliche Gewalt bedeutungslos oder als müssten Menschen ungerechte Behandlung grundsätzlich widerspruchslos hinnehmen. Markus erzählt eine einzigartige Situation innerhalb des Erlösungswerkes Christi. Jesus hat seinen bevorstehenden Tod mehrfach angekündigt und erklärt, dass er sein Leben als Lösegeld für viele geben werde (Markus 10,45). Seine Bereitschaft, den Leidensweg zu gehen, gehört deshalb zu seiner besonderen Sendung. Daraus entsteht kein allgemeines Gebot, Misshandlung zu dulden oder auf rechtmäßigen Schutz zu verzichten. Wohl aber macht sein Verhalten sichtbar, dass Treue zu Gott nicht davon abhängt, ob ein Mensch von anderen respektiert wird. Jesu Würde wird durch die Erniedrigung nicht aufgehoben, auch wenn seine Peiniger alles daransetzen, ihm diese Würde abzusprechen.

Nach dieser grausamen Inszenierung entfernen die Soldaten den Purpurmantel wieder und ziehen Jesus seine eigenen Kleider an. Dann führen sie ihn hinaus, um ihn zu kreuzigen (Markus 15,20). Der Wechsel der Kleidung beendet das Spottspiel, nicht aber das Leiden. Jesus soll nicht länger als lächerlich verkleideter König vorgeführt werden, sondern als Verurteilter den Weg zu seiner Hinrichtung antreten. Die Dornenkrone wird in diesem Vers nicht nochmals erwähnt; ob sie zu diesem Zeitpunkt ebenfalls entfernt wurde, sagt Markus nicht. Solche offenen Einzelheiten sollten offenbleiben, statt durch spätere bildliche Darstellungen als gesicherte Tatsachen ergänzt zu werden.

Mit dem Hinausführen Jesu verändert sich der Schauplatz. Die Misshandlung im Bereich des Prätoriums liegt hinter ihm, die öffentliche Kreuzigung steht unmittelbar bevor. Doch die Frage nach seiner Königswürde begleitet ihn weiter. Sie wird auf der Aufschrift über seinem Kreuz erscheinen und in den Worten seiner Gegner erneut aufgegriffen werden. Was die Soldaten als abgeschlossenen Spott betrachten, gehört damit zu einer größeren Bewegung innerhalb des Evangeliums. Markus führt seine Leser immer näher an den Punkt, an dem Jesus äußerlich jede Macht verliert und gerade dadurch der tiefere Sinn seiner Sendung sichtbar wird. Seine Königswürde besteht nicht in der Fähigkeit, andere seinem Willen zu unterwerfen, sondern in seiner Bereitschaft, sich selbst hinzugeben. Der verspottete König geht nun nach Golgatha, wo die Frage, wer er wirklich ist, ihre entscheidende Zuspitzung erfahren wird.

Markus 15,21–26

Der Weg nach Golgatha und die Kreuzigung

Auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte geschieht etwas Unerwartetes. Die Soldaten halten einen Mann an, der gerade vorbeikommt, und zwingen ihn, das Kreuz Jesu zu tragen. Markus nennt ihn ausdrücklich beim Namen: Simon von Kyrene, der Vater von Alexander und Rufus (Markus 15,21). Kyrene war eine bedeutende Stadt an der nordafrikanischen Mittelmeerküste im Gebiet des heutigen Libyen. Dort lebte auch eine jüdische Bevölkerung, und die Apostelgeschichte erwähnt später Menschen aus Kyrene im Zusammenhang mit jüdischen Gemeinden und der Ausbreitung des Evangeliums (Apostelgeschichte 2,10; 6,9; 11,20). Ob Simon als Pilger zum Passahfest nach Jerusalem gekommen war oder sich aus anderen Gründen in der Umgebung aufhielt, erfahren wir nicht. Markus berichtet lediglich, dass er vom Feld kam und gerade vorbeiging. Sein Weg kreuzt sich mit dem Weg Jesu, und plötzlich wird er in ein Geschehen hineingezogen, das er offenbar nicht selbst gesucht hatte.

Das verwendete griechische Verb beschreibt eine zwangsweise Heranziehung zum Dienst. Simon wird also nicht als freiwilliger Helfer vorgestellt, der Jesus seine Unterstützung anbietet. Die römischen Soldaten nehmen ihn vielmehr in Anspruch und verpflichten ihn, das Kreuz zu tragen. Das entspricht der Machtstellung, die Soldaten gegenüber Menschen unter römischer Herrschaft ausüben konnten. Über Simons Gedanken und Gefühle schweigt Markus vollständig. Er berichtet weder von einem Protest noch von einer bereitwilligen Zustimmung. Gerade deshalb sollte die Szene nicht durch erfundene Gespräche oder eine angeblich bekannte innere Bekehrung Simons ausgeschmückt werden. Was der Evangelist tatsächlich schildert, ist bereits bemerkenswert genug: Ein Mann, der zunächst nur als Vorübergehender erscheint, wird zum unmittelbaren Beteiligten am letzten Weg Jesu.

Warum die Soldaten Simon dazu zwingen, erklärt Markus nicht ausdrücklich. Der bisherige Verlauf lässt jedoch eine naheliegende Erklärung erkennen. Jesus hat eine schwere Geißelung erlitten, wurde verspottet und körperlich misshandelt. Es ist daher gut vorstellbar, dass er durch die erlittenen Schmerzen und den Blutverlust erheblich geschwächt war. Die Heranziehung Simons könnte darauf hindeuten, dass Jesus die Last auf dem weiteren Weg nicht mehr allein tragen konnte. Diese Erklärung ist plausibel, bleibt aber eine Schlussfolgerung aus dem Zusammenhang. Markus beschreibt weder einen ausdrücklichen Zusammenbruch Jesu noch die genaue Stelle, an der Simon das Kreuz übernimmt. Bei römischen Kreuzigungen wurde häufig der Querbalken vom Verurteilten zur Hinrichtungsstätte getragen, während der aufrechte Pfahl bereits dort stehen konnte. Ob der Gegenstand in dieser konkreten Situation genau so beschaffen war, wird nicht näher erklärt. Für Markus steht nicht die technische Konstruktion des Kreuzes im Vordergrund, sondern die Tatsache, dass Jesus auf dem Weg zu seiner Hinrichtung fremde Hilfe aufgezwungen wird.

Auffällig ist auch, dass Markus Simon nicht nur mit seiner Herkunft, sondern zusätzlich durch seine beiden Söhne kennzeichnet. Alexander und Rufus treten im weiteren Verlauf des Evangeliums nicht selbst auf. Ihre Erwähnung könnte darauf hinweisen, dass diese Männer zumindest einem Teil der ursprünglichen Leserschaft bekannt waren. Dann hätte die Namensnennung den Bericht mit Personen verbunden, die innerhalb der frühen christlichen Gemeinschaft wiedererkannt werden konnten. Sicher beweisen lässt sich das jedoch nicht. Paulus grüßt in Römer 16,13 ebenfalls einen Mann namens Rufus, aber der Name allein reicht nicht aus, um ihn eindeutig mit dem Sohn Simons gleichzusetzen. Wir wissen auch nicht, ob Simon später selbst zu einem Nachfolger Jesu wurde. Markus bewahrt seinen Namen und die Namen seiner Söhne, ohne ihre weitere Lebensgeschichte zu erzählen. Die Bedeutung seiner Handlung liegt zunächst in dem, was an diesem Tag geschieht.

Dennoch entsteht eine bemerkenswerte Verbindung zu einer früheren Aussage Jesu. In Markus 8,34 hatte er seine Jünger und die Volksmenge dazu aufgerufen, sich selbst zu verleugnen, ihr Kreuz auf sich zu nehmen und ihm nachzufolgen. Damals war das Kreuz ein erschreckendes Bild für die Bereitschaft, um Jesu willen sogar Verachtung, Leiden und Tod auf sich zu nehmen. Nun erscheint dieses Bild in seiner wirklichen Gestalt. Ein Mensch trägt tatsächlich das Kreuz Jesu auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte. Dabei muss der Unterschied zwischen beiden Situationen erhalten bleiben. Jesus spricht in Markus 8 von einer bewussten Entscheidung zur Nachfolge, während Simon in Markus 15 von Soldaten dazu gezwungen wird. Sein erzwungener Dienst ist deshalb nicht automatisch ein Beweis persönlichen Glaubens. Trotzdem lässt die Erzählung die frühere Aussage Jesu in einem neuen Licht erscheinen. Was seine Nachfolger als Bereitschaft zur Selbsthingabe verstehen sollten, zeigt sich nun an dem Weg, den Jesus selbst bis zum Äußersten geht.

Schließlich erreichen sie den Ort der Kreuzigung. Markus nennt ihn Golgatha und erklärt seinen Namen mit „Schädelstätte“ (Markus 15,22). Die Bezeichnung geht auf ein semitisches Wort für Schädel zurück. Warum dieser Ort so genannt wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Möglicherweise erinnerte seine äußere Gestalt an einen Schädel, oder der Name stand in einem anderen Zusammenhang mit der Örtlichkeit. Der Evangelist erklärt lediglich die Bedeutung des Namens, nicht dessen Entstehung. Ebenso bezeichnet er Golgatha nicht ausdrücklich als einen hohen Berg. Die verbreitete Vorstellung eines weithin sichtbaren Hügels mit drei Kreuzen gehört zur späteren bildlichen Darstellung der Kreuzigung und lässt sich in dieser genauen Form nicht aus Markus ableiten. Der tatsächliche Ort wird als Hinrichtungsstätte vorgestellt, an der Jesus unter römischer Gewalt sterben soll.

Dass Jesus nach Golgatha gebracht wird, besitzt im Zusammenhang seines bisherigen Weges eine besondere Bedeutung. Schon mehrfach hatte er seinen Jüngern erklärt, dass er leiden, verworfen und getötet werden müsse (Markus 8,31; 9,31; 10,33–34). Diese Ankündigungen waren für seine Nachfolger schwer zu begreifen. Petrus hatte der ersten Leidensankündigung sogar ausdrücklich widersprochen, weil sie nicht zu seiner Vorstellung vom Messias passte (Markus 8,32–33). Jetzt lässt sich der angekündigte Weg nicht mehr als eine entfernte Möglichkeit betrachten. Jesus steht unmittelbar vor dem Tod. Die Worte, die er früher über Leiden, Verwerfung und Hingabe gesprochen hatte, bekommen eine erschütternde Wirklichkeit. Markus stellt damit nicht einen Menschen dar, dessen Sendung plötzlich und unerwartet gescheitert wäre. Vielmehr führt seine Erzählung an den Punkt, auf den Jesu eigene Ankündigungen schon lange hingewiesen haben.

Bevor die Kreuzigung vollzogen wird, bieten die Soldaten Jesus Wein an, der mit Myrrhe vermischt ist (Markus 15,23). Myrrhe war ein aromatisches Pflanzenharz, das in der antiken Welt unter anderem als Duft- und Arzneistoff verwendet wurde. Ein solcher Wein konnte bitter und stark gewürzt sein. Häufig wird angenommen, dass das Getränk die Schmerzen des Verurteilten lindern oder ihn betäuben sollte. Das ist eine mögliche Erklärung für seine Darreichung, aber Markus beschreibt die Absicht der Soldaten nicht. Auch erfahren wir nicht, ob das Angebot aus Mitgefühl, aus Gewohnheit oder aus einem anderen Grund geschah. Matthäus 27,34 berichtet von Wein, der mit Galle vermischt war. Die beiden Darstellungen beschreiben ein bitteres beziehungsweise gewürztes Getränk, verwenden jedoch unterschiedliche Bezeichnungen für die Beimischung. Ohne weitere Angaben lässt sich nicht sicher bestimmen, ob beide Evangelisten dieselbe Mischung unterschiedlich beschreiben oder verschiedene Einzelheiten der Überlieferung bewahren.

Entscheidend ist die Reaktion Jesu: Er nimmt das Getränk nicht an. Markus fügt keine ausdrückliche Begründung hinzu. Deshalb sollte nicht behauptet werden, Jesus habe die angebotene Mischung nachweislich deshalb verweigert, weil er unter allen Umständen bei vollem Bewusstsein bleiben wollte. Dieser Gedanke kann im Zusammenhang seines bewussten Leidensweges erwogen werden, ist aber keine erklärte Aussage des Verses. Sicher ist, dass Jesus das angebotene Getränk zurückweist und der Kreuzigung ohne diese mögliche Erleichterung entgegengeht. Sein Verhalten steht innerhalb eines Weges, den er zuvor freiwillig angenommen hatte. Noch in Gethsemane hatte er den Vater gebeten, wenn es möglich sei, die Stunde des Leidens an ihm vorübergehen zu lassen, und zugleich seinen eigenen Willen dem Willen des Vaters untergeordnet (Markus 14,35–36). Diese Bereitschaft, Gottes Weg auch unter schwerstem Leiden treu zu bleiben, begleitet ihn nun bis nach Golgatha.

Dann berichtet Markus mit außerordentlicher Kürze von der Kreuzigung selbst: „Und nachdem sie ihn gekreuzigt hatten ...“ (Markus 15,24). Ein Ereignis von unvorstellbarer Grausamkeit wird in wenigen Worten beschrieben. Der Evangelist verweilt nicht bei den einzelnen körperlichen Vorgängen. Er schildert nicht, wie die Soldaten Jesus am Kreuz befestigten, welche Verletzungen dabei entstanden oder welche Schmerzen er in den ersten Augenblicken erlitt. Für die ursprünglichen Leser war die Kreuzigung als römische Hinrichtungsform bekannt. Sie gehörte zu den besonders erniedrigenden Strafen und war mit schwerem körperlichem Leiden, öffentlicher Bloßstellung und dem Verlust jeder gesellschaftlichen Würde verbunden. Markus muss diese Grausamkeit nicht ausführlich beschreiben, um ihre Bedeutung verständlich zu machen. Seine knappe Erzählweise lenkt den Blick vielmehr auf den Gekreuzigten selbst und auf die Frage, was sein Tod im Zusammenhang seiner Sendung bedeutet.

Die Kreuzigung war nicht nur eine Methode, einen Menschen zu töten. Sie stellte den Verurteilten öffentlich als machtlos und entehrt dar. Derjenige, der ans Kreuz geschlagen wurde, konnte über seine Bewegungsfreiheit, seinen Körper und schließlich sein eigenes Leben nicht mehr verfügen. Andere entschieden, was mit ihm geschah. Aus römischer Sicht sollte eine solche Hinrichtung die Überlegenheit der staatlichen Macht demonstrieren und mögliche Nachahmer abschrecken. Bei Jesus erhält dieser Vorgang jedoch eine Bedeutung, die den Vorstellungen seiner Henker widerspricht. Er hat nicht versucht, durch Gewalt eine neue politische Herrschaft aufzurichten. Vielmehr hatte er seine Sendung ausdrücklich mit dem Dienen und der Hingabe seines Lebens verbunden (Markus 10,45). Die Kreuzigung macht deshalb einen tiefen Gegensatz sichtbar: Menschen behandeln Jesus wie einen gefährlichen Aufrührer, während er gerade durch seine Selbsthingabe einen Weg zur Rettung anderer eröffnet.

Unmittelbar nach der Erwähnung der Kreuzigung berichtet Markus von der Verteilung der Kleider Jesu. Die Soldaten werfen das Los darüber, welchen Teil jeder von ihnen erhalten soll. Damit wird eine weitere Seite seiner Erniedrigung sichtbar. Selbst seine Kleidung befindet sich nicht mehr in seiner Verfügung. Während Jesus am Kreuz hängt, beschäftigen sich die Männer, die seine Hinrichtung ausführen, mit den wenigen persönlichen Gegenständen, die ihm noch geblieben sind. In ihrer Handlung erscheint sein Tod als etwas, das bereits feststeht und aus dem sich ein kleiner materieller Vorteil gewinnen lässt. Markus beschreibt keine Anteilnahme der Soldaten am Leiden Jesu. Vielmehr stehen die Verteilung der Kleider und das Loswerfen in einem erschütternden Gegensatz zum Geschehen am Kreuz. Während ein Mensch stirbt, entscheiden andere darüber, was sie von seinem Besitz erhalten werden.

Gerade diese Einzelheit stellt eine besonders enge Verbindung zu Psalm 22 her. Dort klagt ein leidender Gerechter über seine Feinde und beschreibt, wie seine Kleider unter ihnen verteilt werden und sie über sein Gewand das Los werfen (Psalm 22,19). Die Übereinstimmung mit Markus 15,24 ist auffallend, weil nicht lediglich allgemein von Leid oder Verachtung die Rede ist, sondern dieselben charakteristischen Handlungen erscheinen. Markus fügt an dieser Stelle keine ausdrückliche Erfüllungsformel hinzu, doch die Verbindung gewinnt durch den weiteren Verlauf des Kapitels zusätzliches Gewicht. Später wird Jesus selbst den Anfang von Psalm 22 ausrufen, wenn er in seiner tiefsten Not zu Gott spricht (Markus 15,34). Damit gehört die Verteilung der Kleider zu einem größeren Zusammenhang, in dem die Leidensgeschichte Jesu an die Klage des unschuldig bedrängten Gerechten erinnert. Der Psalm beschreibt jedoch nicht nur Bedrängnis und Verlassenheitsnot. Er führt schließlich auch zur Erhörung und zur Verkündigung von Gottes Handeln. Diese weitere Bewegung des Psalms wird besonders wichtig, wenn der Verlassenheitsruf Jesu später genauer betrachtet wird.

Die Soldaten handeln dabei nicht notwendig in dem Bewusstsein, eine alttestamentliche Schriftstelle zu erfüllen. Markus berichtet keine solche Absicht. Sie tun, was innerhalb der römischen Hinrichtungspraxis für sie naheliegend war. Die Verbindung zur Schrift entsteht durch die auffallende Übereinstimmung zwischen dem geschilderten Geschehen und den Worten des Psalms. Darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen der bewussten Motivation menschlicher Handlungen und ihrer Bedeutung innerhalb der biblischen Heilsgeschichte. Menschen können aus Gleichgültigkeit, Eigennutz oder Feindschaft handeln, während die Schrift den tieferen Zusammenhang eines Ereignisses erkennen lässt. Das bedeutet nicht, dass ihre Entscheidungen dadurch gerechtfertigt würden. Die Soldaten bleiben für ihre Handlungen verantwortlich, auch wenn der Evangelist das Leiden Jesu im Licht der Schrift verständlich macht.

Markus nennt anschließend eine genaue Zeitangabe: Es war die dritte Stunde, als Jesus gekreuzigt wurde (Markus 15,25). Nach der damals gebräuchlichen Zählung der Tagesstunden vom Sonnenaufgang an entspricht dies ungefähr neun Uhr morgens. Damit beginnt die Kreuzigung nach der Darstellung des Markus bereits am Vormittag. Die Angabe wird im weiteren Verlauf bedeutsam, denn von der sechsten bis zur neunten Stunde, also ungefähr von Mittag bis drei Uhr nachmittags, berichtet Markus von einer außergewöhnlichen Finsternis (Markus 15,33). Seine Erzählung verbindet damit den zeitlichen Verlauf des Leidens mit bestimmten Ereignissen, die den Tod Jesu begleiten. Es handelt sich nicht um eine moderne Zeitmessung mit minutengenauer Uhrzeit, sondern um die antike Einteilung des Tages in Stundenabschnitte.

Allerdings ergibt sich beim Vergleich mit Johannes 19,14 eine Schwierigkeit. Dort ist im Zusammenhang mit der Verurteilung Jesu ungefähr von der sechsten Stunde die Rede. Verschiedene Erklärungen versuchen, diese Zeitangaben miteinander zu vereinbaren. So wird beispielsweise vorgeschlagen, Johannes habe nach einer anderen Stundenrechnung gezählt oder die Evangelisten hätten ungefähre Zeitabschnitte unterschiedlich angegeben. Auch textgeschichtliche Fragen werden diskutiert. Keine dieser Erklärungen lässt sich jedoch allein aus den vorliegenden Versen mit völliger Sicherheit beweisen. Deshalb ist es angemessen, die Spannung offen zu benennen. Markus legt mit seiner Angabe den Zeitpunkt der Kreuzigung innerhalb seiner eigenen Erzählung fest. Eine genaue Rekonstruktion sämtlicher Stunden des römischen Verfahrens und der Hinrichtung ist damit noch nicht gesichert. Für das Verständnis der folgenden Verse ist vor allem wichtig, dass Markus den Beginn der Kreuzigung und die später eintretende Finsternis bewusst zeitlich voneinander unterscheidet.

Über dem Gekreuzigten befindet sich eine Aufschrift, die den Grund seiner Verurteilung angibt. Markus überliefert ihren Wortlaut: „Der König der Juden“ (Markus 15,26). Solche Schuldaufschriften dienten dazu, den Zuschauern erkennen zu lassen, weshalb ein Mensch hingerichtet wurde. In Jesu Fall wird damit genau jene Bezeichnung öffentlich sichtbar, die bereits vor Pilatus die entscheidende Rolle gespielt hatte. Die Frage nach seiner Königswürde begleitet ihn also vom Verhör über die Verspottung durch die Soldaten bis zum Kreuz. Was die römische Obrigkeit als Grund seiner Verurteilung ausstellt, verweist für den Leser des Evangeliums zugleich auf seine wahre Identität. Darin liegt erneut eine tiefe Ironie. Jesus wird als König bezeichnet, während er unter den Augen der Menschen die größtmögliche Erniedrigung erleidet. Die Aufschrift soll seine angebliche Gefährlichkeit erklären, bezeugt aber zugleich einen Anspruch, dessen Bedeutung die Beteiligten nicht erfassen.

Die verschiedenen Evangelien überliefern die Kreuzesaufschrift in etwas unterschiedlichen Formulierungen. Matthäus nennt Jesus ausdrücklich beim Namen, Lukas spricht ebenfalls vom König der Juden, und Johannes berichtet eine ausführlichere Fassung, in der Jesus als Nazarener bezeichnet wird (Matthäus 27,37; Lukas 23,38; Johannes 19,19). Johannes erwähnt außerdem, dass die Aufschrift in mehreren Sprachen abgefasst war. Markus selbst konzentriert sich auf den entscheidenden Titel. Daraus folgt weder, dass seine kürzere Wiedergabe sämtliche Einzelheiten der ursprünglichen Aufschrift enthält, noch, dass die anderen Evangelisten notwendig ein anderes Ereignis beschreiben. Die Berichte geben denselben zentralen Vorwurf in unterschiedlichem Umfang wieder. Für Markus genügt die Bezeichnung „König der Juden“, weil sie die gesamte bisherige Auseinandersetzung zusammenfasst und zugleich den anschließenden Spott vorbereitet.

Die Bedeutung dieser Aufschrift lässt sich erst vollständig erfassen, wenn man sie mit dem Selbstverständnis Jesu verbindet. Schon zu Beginn seines öffentlichen Wirkens hatte er verkündigt, dass die Zeit erfüllt und das Reich Gottes nahe gekommen sei (Markus 1,15). Später hatte er erklärt, dass der Menschensohn nicht gekommen sei, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben (Markus 10,45). Vor dem Hohen Rat hatte er schließlich von seiner künftigen Stellung zur Rechten der göttlichen Macht gesprochen (Markus 14,62). Diese Aussagen zeigen, dass seine Königswürde nicht durch die politischen Maßstäbe seiner Ankläger und Henker erschöpfend beschrieben werden kann. Die Macht Jesu erscheint nicht zuerst darin, dass er andere zwingt, seinen Willen zu tun, sondern darin, dass er den Willen seines Vaters erfüllt und sich für Menschen hingibt. Die Kreuzesaufschrift macht diesen Gegensatz öffentlich sichtbar: Der von Rom verurteilte König ist nach dem Zeugnis des Evangeliums gerade derjenige, durch dessen Leiden Gottes rettender Wille zur Ausführung kommt.

Damit steht Jesus nun am Kreuz, seiner Kleidung beraubt und unter einer Aufschrift, die seinen königlichen Anspruch bekannt macht. Die Soldaten haben ihre Aufgabe erfüllt, doch die öffentliche Erniedrigung ist noch nicht zu Ende. In den folgenden Versen wird Markus berichten, dass Jesus zwischen zwei Verbrechern gekreuzigt wird und dass verschiedene Menschen seinen Anspruch erneut verspotten. Sie werden von ihm verlangen, seine Macht dadurch zu beweisen, dass er sich selbst rettet und vom Kreuz herabsteigt. Gerade darin liegt die entscheidende Zuspitzung: Die Umstehenden halten seine Bereitschaft, am Kreuz zu bleiben, für einen Beweis seiner Machtlosigkeit. Doch Jesus hatte seinen Weg nicht als Selbstrettung angekündigt, sondern als Hingabe seines Lebens für andere. Was am Kreuz wie das endgültige Scheitern eines Königs aussieht, wird so zum Mittelpunkt seines Erlösungswerkes.

Markus 15,27–32

Der Gekreuzigte zwischen Verbrechern und der Spott seiner Gegner

Jesus wird nicht allein gekreuzigt. Markus berichtet, dass die römischen Soldaten zwei weitere Männer mit ihm hinrichten, einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken (Markus 15,27). Er bezeichnet sie als Räuber. Das griechische Wort kann jedoch mehr umfassen als einen Menschen, der heimlich etwas gestohlen hat. Es wurde auch für gewalttätige Räuber und Menschen verwendet, die durch bewaffnete Überfälle oder andere Formen von Gewalt die öffentliche Ordnung bedrohten. Welche konkreten Taten diese beiden Männer begangen hatten, erklärt Markus nicht. Sie erscheinen als Verurteilte, die unter derselben römischen Hinrichtungsgewalt sterben sollen wie Jesus. Damit wird derjenige, den seine Jünger als Christus erkannt haben, öffentlich in die Reihe von Menschen gestellt, denen schwere Verbrechen zugeschrieben werden. Für die Zuschauer gibt es äußerlich zunächst kaum einen Unterschied: Drei Männer hängen an Kreuzen und sind der Macht des römischen Staates ausgeliefert.

Die Anordnung der Kreuze erhält im Zusammenhang des Markusevangeliums eine besondere Bedeutung. Jesus befindet sich zwischen den beiden anderen Verurteilten. Gerade die Bezeichnungen seiner rechten und linken Seite erinnern an eine frühere Begegnung mit Jakobus und Johannes. Diese beiden Jünger hatten Jesus gebeten, in seiner Herrlichkeit einer zu seiner Rechten und der andere zu seiner Linken sitzen zu dürfen (Markus 10,35–37). Sie verbanden die kommende Herrschaft des Messias offenbar mit besonderen Ehrenplätzen. Jesus antwortete ihnen damals, dass sie nicht verstünden, worum sie baten. Er sprach von einem Kelch, den er trinken müsse, und von einer Taufe, mit der er getauft werde. Damit deutete er auf seinen bevorstehenden Leidensweg hin. Nun erscheinen rechts und links von Jesus tatsächlich zwei Menschen, allerdings nicht auf Ehrensitzen in einem königlichen Palast, sondern an Kreuzen. Markus erklärt diese räumliche Übereinstimmung nicht ausdrücklich als Erfüllung jener Jüngerbitte. Dennoch entsteht ein eindrucksvoller erzählerischer Gegensatz. Während die Jünger an eine sichtbare Teilhabe an Jesu Herrlichkeit dachten, führt der Weg ihres Meisters zunächst durch tiefste Erniedrigung. Seine Königswürde lässt sich nicht nach den üblichen Vorstellungen menschlicher Macht verstehen.

Dass Jesus zwischen Verbrechern gekreuzigt wird, erinnert zugleich an Jesaja 53,12. Dort heißt es über den leidenden Gottesknecht, dass er unter die Übeltäter gerechnet wurde. Der Zusammenhang dieses prophetischen Abschnitts beschreibt einen Gerechten, der die Sünden vieler trägt und sich bis zum Tod hingibt. Besonders bemerkenswert ist, dass Jesus diese Stelle bereits vor seiner Gefangennahme ausdrücklich auf sich selbst bezogen hatte. Nach Lukas 22,37 erklärte er seinen Jüngern, dass an ihm das Schriftwort erfüllt werden müsse, wonach er unter die Gesetzlosen gerechnet werde. Die Kreuzigung zwischen zwei Verurteilten entspricht diesem Gedanken in auffallender Weise. Jesus wird von der menschlichen Rechtsprechung behandelt, als gehöre er zu den Verbrechern, obwohl die Evangelien seine Unschuld und die Ungerechtigkeit des Verfahrens hervorheben. Die äußere Gleichstellung mit Schuldigen bedeutet daher nicht, dass Jesus selbst schuldig geworden wäre. Vielmehr gehört gerade der Gegensatz zwischen seiner Unschuld und seiner Behandlung als Verbrecher zum Verständnis seines Leidens.

Die Schlachter 1951 enthält in Markus 15,28 eine ausdrückliche Erfüllungsaussage, die auf Jesaja 53,12 verweist. Allerdings fehlt dieser Vers in mehreren gewichtigen frühen griechischen Handschriften. Viele heutige textkritische Bibelausgaben betrachten ihn deshalb als wahrscheinlich später hinzugefügte Erklärung, möglicherweise unter dem Einfluss von Lukas 22,37. Diese Überlieferungsfrage ist wichtig, weil nicht mit Sicherheit behauptet werden sollte, Markus selbst habe an dieser Stelle Jesaja ausdrücklich zitiert. Der geschilderte Vorgang in Markus 15,27 bleibt davon unberührt. Ebenso ist Jesu eigene Bezugnahme auf Jesaja 53,12 im Lukasevangelium unabhängig davon überliefert. Die Verbindung zwischen dem leidenden Gottesknecht und Jesu Tod hängt daher nicht von der umstrittenen Echtheit des zusätzlichen Verses ab. Bereits die tatsächliche Stellung Jesu zwischen den Verurteilten sowie seine früheren Aussagen über die Hingabe seines Lebens tragen diesen Zusammenhang.

Während Jesus am Kreuz hängt, gehen Menschen an der Hinrichtungsstätte vorüber. Markus berichtet, dass sie ihn beschimpfen, ihre Köpfe schütteln und seine Worte über den Tempel gegen ihn verwenden (Markus 15,29–30). Die Geste des Kopfschüttelns ist mehr als eine beiläufige Bewegung. Im biblischen Sprachgebrauch kann sie Verachtung, Hohn und die Überzeugung ausdrücken, dass ein Mensch endgültig gescheitert sei. Besonders deutlich erscheint dieses Bild in Psalm 22, wo der leidende Gerechte darüber klagt, dass seine Zuschauer ihn verspotten, ihre Lippen verziehen und die Köpfe schütteln (Psalm 22,8). Damit entsteht nach der Verteilung der Kleider eine weitere auffallende Verbindung zwischen der Kreuzigung Jesu und diesem Psalm. Die Umstehenden betrachten das Leiden nicht als Anlass zum Mitgefühl, sondern als Gelegenheit, den Gekreuzigten zu verhöhnen. Was für Jesus äußerste körperliche und seelische Not bedeutet, wird für andere zum Gegenstand öffentlicher Verachtung.

Der Inhalt ihres Spottes führt zurück zum Gerichtsverfahren vor dem Hohen Rat. Dort hatten einige Zeugen behauptet, Jesus habe angekündigt, den von Menschenhänden errichteten Tempel abzubrechen und innerhalb von drei Tagen einen anderen, nicht von Menschenhänden errichteten Tempel aufzubauen (Markus 14,58). Markus hatte jedoch ausdrücklich erklärt, dass die Zeugenaussagen nicht übereinstimmten. Die Worte über den Tempel werden nun erneut aufgegriffen, als wären sie ein gesicherter Anspruch Jesu. Die Vorübergehenden stellen den vermeintlichen Tempelzerstörer dem hilflosen Mann am Kreuz gegenüber. Wer angeblich ein so gewaltiges Bauwerk niederreißen und innerhalb von drei Tagen wieder aufrichten könne, müsse doch wenigstens die Macht besitzen, sich selbst zu retten. Der Spott lebt damit von einem Gegensatz, der für die Zuschauer offensichtlich erscheint: Ein Mensch, der von außergewöhnlicher Macht gesprochen haben soll, scheint nun nicht einmal sein eigenes Leben bewahren zu können.

Dabei muss sorgfältig zwischen den tatsächlichen Worten Jesu und den Vorwürfen seiner Gegner unterschieden werden. Markus berichtet an anderer Stelle, dass Jesus die Zerstörung des Tempels vorausgesagt hatte (Markus 13,1–2). Er erklärte seinen Jüngern, dass von den gewaltigen Tempelgebäuden kein Stein auf dem anderen bleiben werde. Das ist jedoch nicht dasselbe wie die Behauptung, er werde persönlich den Tempel niederreißen und anschließend innerhalb von drei Tagen wieder aufbauen. Die entsprechende Aussage erscheint in Markus 14 ausdrücklich im Zusammenhang widersprüchlicher Zeugenaussagen. Im Johannesevangelium findet sich eine verwandte, aber eigenständige Tempelaussage. Dort spricht Jesus davon, dass ein Tempel abgebrochen und in drei Tagen wieder aufgerichtet werde. Johannes erklärt anschließend ausdrücklich, dass Jesus vom Tempel seines Leibes gesprochen habe und die Jünger seine Worte nach der Auferstehung verstanden (Johannes 2,19–22). Diese Erklärung hilft, die Möglichkeit einer tieferen christologischen Bedeutung der Tempelsprache zu erkennen. Sie berechtigt jedoch nicht dazu, die unterschiedlichen Formulierungen der Evangelien unbemerkt zu einem einzigen wörtlichen Ausspruch zusammenzuziehen.

Gerade in der Tempelfrage zeigt sich, wie weit die Erwartungen der Spötter von Jesu tatsächlicher Sendung entfernt sind. Sie denken an ein mächtiges Heiligtumsgebäude und an die Fähigkeit, es auf übernatürliche Weise zu zerstören oder wiederherzustellen. Jesus hatte dagegen im Verlauf seiner Verkündigung immer wieder deutlich gemacht, dass Gottes Herrschaft nicht einfach mit den äußeren Vorstellungen religiöser oder politischer Macht gleichgesetzt werden darf. Wenn Johannes später Jesu Leib als Tempel bezeichnet, führt diese Erklärung in eine tiefere Richtung: Gottes Gegenwart und sein rettendes Handeln werden in der Person Christi offenbar. Ausgerechnet der Tod, den die Spötter als endgültige Widerlegung Jesu betrachten, steht damit im Zusammenhang mit jener Wirklichkeit, die sie nicht verstehen. Der zerstörte und wieder aufgerichtete Tempel seines Leibes weist bei Johannes auf Tod und Auferstehung. Markus selbst entfaltet diese Verbindung nicht in derselben ausdrücklichen Weise, bereitet seine Leser aber durch die Leidens- und Auferstehungsankündigungen Jesu darauf vor, dass sein Tod nicht das letzte Wort sein wird.

Die Vorübergehenden fordern Jesus deshalb auf, sich selbst zu helfen und vom Kreuz herabzusteigen (Markus 15,30). In dieser Aufforderung liegt der entscheidende Irrtum ihrer Beurteilung. Sie setzen wirkliche Macht mit der Fähigkeit gleich, dem eigenen Leiden zu entkommen. Wenn Jesus tatsächlich über göttliche Vollmacht verfüge, müsse er diese nach ihrer Vorstellung zunächst zu seiner eigenen Rettung einsetzen. Doch gerade diese Erwartung widerspricht dem Weg, den Jesus seinen Jüngern angekündigt hat. Schon in Markus 8,35 hatte er erklärt, dass derjenige, der sein Leben retten wolle, es verlieren werde, während derjenige, der sein Leben um seinetwillen und um des Evangeliums willen verliere, es retten werde. Später sprach er davon, sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben (Markus 10,45). Seine Sendung ist also nicht darauf ausgerichtet, jede persönliche Gefährdung durch übernatürliche Machtausübung zu vermeiden. Sie führt vielmehr zur bewussten Selbsthingabe für andere. Darum liegt zwischen dem Wunsch der Spötter und Jesu tatsächlichem Auftrag ein grundlegender Gegensatz.

Die Forderung, vom Kreuz herabzusteigen, erscheint aus menschlicher Sicht wie eine Gelegenheit, seine Macht endgültig zu beweisen. Würde Jesus sich vor aller Augen befreien, könnte niemand seine außergewöhnlichen Fähigkeiten übersehen. Doch eine solche Machtdemonstration wäre nicht dasselbe wie die Vollendung des Erlösungswerkes, das Jesus angekündigt hatte. Der tiefere Sinn seiner Sendung besteht nicht darin, seine eigene Unverletzlichkeit vorzuführen, sondern darin, den Weg des Gehorsams bis zum Tod zu gehen. Die Entscheidung, am Kreuz zu bleiben, darf deshalb nicht als bloße Unfähigkeit zur Selbstrettung verstanden werden. Im Zusammenhang seiner früheren Ankündigungen erscheint sie als Konsequenz seiner bewussten Hingabe. Damit wird eine verbreitete Vorstellung von Stärke auf den Kopf gestellt. Wahre Treue kann sich gerade dort bewähren, wo jemand auf eine scheinbar naheliegende Möglichkeit verzichtet, sich durch einen Bruch mit seinem Auftrag aus einer schwierigen Lage zu befreien.

Nun beteiligen sich auch die Hohenpriester und Schriftgelehrten ausdrücklich am Spott. Markus berichtet, dass sie untereinander über Jesus reden und erklären: „Andern hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen“ (Markus 15,31). Ihre Worte sind besonders bemerkenswert, weil sie ungewollt an einen wesentlichen Teil seines bisherigen Wirkens erinnern. Jesus hatte Kranke geheilt, Menschen von dämonischer Bedrängnis befreit, Aussätzige gereinigt, Blinden das Augenlicht gegeben und sogar Tote auferweckt. Markus hat zahlreiche dieser Ereignisse beschrieben. Schon zu Beginn seines öffentlichen Dienstes kamen Menschen mit unterschiedlichsten Leiden zu ihm, und er nahm sich ihrer Not an (Markus 1,32–34). Später wurde die Tochter des Jairus vom Tod auferweckt, und der blinde Bartimäus erhielt sein Augenlicht zurück (Markus 5,35–43; 10,46–52). Die Aussage, dass Jesus anderen geholfen habe, berührt deshalb eine tatsächliche Wirklichkeit seines Dienstes, selbst wenn die religiösen Führer sie in diesem Augenblick nur als Grundlage ihres Hohnes verwenden.

Daraus folgt allerdings nicht, dass die Hohenpriester mit ihren Worten jedes Wunder Jesu ausdrücklich als göttliche Tat anerkennen. Markus berichtet bereits früher, dass Gegner Jesu seine Befreiungstaten sogar dämonischen Kräften zuschrieben (Markus 3,22). Sie konnten also bestimmte außergewöhnliche Handlungen wahrnehmen und dennoch ihre Bedeutung bestreiten. Der Spott am Kreuz muss vor diesem Hintergrund verstanden werden. Die religiösen Führer nehmen den Gegensatz zwischen Jesu früherem Wirken und seiner gegenwärtigen Hilflosigkeit zum Anlass, seine messianische Würde zurückzuweisen. Sie betrachten seine Unfähigkeit, sich selbst zu retten, als überzeugenden Gegenbeweis gegen seine Sendung. Doch aus der Tatsache, dass Jesus seine Macht nicht zur eigenen Befreiung einsetzt, folgt nicht, dass seine früheren Taten bedeutungslos gewesen wären. Ebenso wenig wird dadurch bewiesen, dass er tatsächlich keine andere Möglichkeit gehabt hätte. Die Gegner verwechseln seine Bereitschaft zum Leiden mit dem Fehlen göttlicher Vollmacht.

Gerade in dieser Aussage der Hohenpriester wird der Gegensatz zwischen menschlicher und göttlicher Vorstellung von Rettung besonders deutlich. Sie erwarten von einem Retter, dass er zunächst sich selbst rettet. Jesus hatte seine Aufgabe dagegen so beschrieben, dass er gerade durch die Hingabe seines eigenen Lebens anderen Menschen dienen werde. Die Worte „Andern hat er geholfen“ enthalten somit eine Wahrheit, deren tiefste Bedeutung die Sprecher verkennen. Sie beziehen sie auf Jesu vergangene Heilungen und Befreiungstaten, während das Evangelium seine rettende Sendung auf den bevorstehenden Tod hin entfaltet. Die Selbsthingabe Jesu steht nicht im Gegensatz zu seiner Fähigkeit, andere zu retten, sondern gehört zum Höhepunkt dieses rettenden Handelns. Derjenige, der am Kreuz äußerlich nichts mehr für sich selbst tun kann, geht den Weg, durch den Gott Menschen von Schuld und Tod befreien will. Diese tiefere Bedeutung lässt sich nicht allein aus dem Spott der Hohenpriester ableiten, sondern ergibt sich aus Jesu eigenen Worten über sein Leben als Lösegeld für viele und aus der späteren apostolischen Verkündigung seines Todes und seiner Auferstehung.

Die Hohenpriester und Schriftgelehrten steigern ihren Spott noch, indem sie Jesus ausdrücklich als Christus und König Israels bezeichnen. Sie fordern ihn auf, jetzt vom Kreuz herabzusteigen, damit sie sehen und glauben können (Markus 15,32). Mit dem Titel „Christus“ greifen sie die messianische Frage auf, die bereits beim Verhör vor dem Hohen Rat im Mittelpunkt stand. Das griechische Wort Christus entspricht dem hebräischen Messias und bedeutet „Gesalbter“. Im Alten Testament wurden besonders Könige und Priester durch Salbung für ihren Dienst eingesetzt. Die Erwartung eines kommenden gesalbten Herrschers war deshalb mit Gottes Verheißungen an Israel verbunden. Wenn die religiösen Führer Jesus als König Israels bezeichnen, tun sie das hier jedoch nicht als Glaubensbekenntnis. Sie verwenden diesen Titel, um einen angeblichen Widerspruch zwischen seiner messianischen Würde und seinem Tod am Kreuz herauszustellen. Nach ihrer Vorstellung müsste der verheißene König in der Lage sein, sich gegen seine Feinde durchzusetzen. Ein gekreuzigter Messias erscheint ihnen deshalb als widerlegt.

Besonders aufschlussreich ist die Bedingung, die sie an ihren Glauben knüpfen: Jesus soll zuerst vom Kreuz herabsteigen, dann wollen sie sehen und glauben. Damit erklären sie selbst, welche Art von Beweis sie akzeptieren würden. Sie verlangen ein Zeichen, das ihren Erwartungen entspricht und ihnen die Entscheidung über Jesu Identität scheinbar leicht macht. Schon früher hatten die Pharisäer ein Zeichen vom Himmel gefordert, um Jesus auf die Probe zu stellen (Markus 8,11–12). Jesus hatte diese Forderung zurückgewiesen. Nicht weil Gottes Macht grundsätzlich keine Zeichen hervorbringen könnte, sondern weil eine solche Forderung nicht notwendig aus der Bereitschaft entsteht, Gottes Offenbarung anzunehmen. Wer selbst festlegt, unter welchen Bedingungen Gott seine Wahrheit beweisen muss, kann auch angesichts wirklicher göttlicher Taten ungläubig bleiben. Der bisherige Verlauf des Evangeliums zeigt, dass Jesus bereits viele außergewöhnliche Werke getan hatte, ohne dass seine Gegner dadurch zu einer einheitlichen Anerkennung seiner Sendung gelangt wären. Deshalb gibt es keinen Grund, ihre jetzige Behauptung, sie würden nach einem Herabsteigen vom Kreuz glauben, als sichere Zusage aufrichtiger Umkehr zu behandeln.

Die Forderung der religiösen Führer offenbart zugleich ein grundlegendes Missverständnis der messianischen Verheißungen. Sie erwarten einen Christus, dessen Würde sich vor allem durch sichtbare Überlegenheit gegenüber seinen Feinden bestätigt. Der Weg des leidenden Gottesknechtes aus Jesaja 53 passt dagegen nicht ohne Weiteres zu dieser Vorstellung. Dort wird ein Mensch beschrieben, der verachtet, verwundet und von anderen für geschlagen und von Gott gedemütigt gehalten wird. Gerade sein Leiden steht jedoch in einem rettenden Zusammenhang mit der Schuld anderer. Der Text sagt nicht, dass seine Gegner die Bedeutung seines Leidens bereits erkennen. Im Gegenteil: Die Sprecher des Gottesknechtsliedes müssen ihre frühere Fehleinschätzung ausdrücklich korrigieren. Auch am Kreuz beurteilen die Gegner Jesu sein Leiden zunächst als Beweis gegen seine göttliche Sendung. Erst im Licht der Auferstehung und der weiteren neutestamentlichen Verkündigung wird die Bedeutung seines Todes vollständig entfaltet. Damit ist die Verbindung zu Jesaja 53 nicht lediglich eine Übereinstimmung einzelner äußerer Einzelheiten, sondern betrifft den grundlegenden Gegensatz zwischen menschlicher Bewertung und Gottes rettendem Handeln.

Markus fügt schließlich hinzu, dass auch die Männer, die mit Jesus gekreuzigt worden waren, ihn beschimpften (Markus 15,32). Damit reicht die Verachtung bis zu denen, die äußerlich dasselbe Schicksal erleiden wie er. Die beiden Verurteilten besitzen keine Macht, sich selbst zu befreien. Dennoch beteiligen sie sich nach der Darstellung des Markus am Spott über den Mann zwischen ihnen. Die Erzählung zeichnet damit ein Bild nahezu vollständiger menschlicher Verlassenheit. Vorübergehende Zuschauer verhöhnen Jesus, die religiösen Führer verspotten ihn, und selbst diejenigen, die neben ihm sterben, behandeln ihn verächtlich. Markus berichtet an dieser Stelle von keiner Stimme, die öffentlich zu seiner Verteidigung auftritt. Die Jünger, die früher ihre Bereitschaft erklärt hatten, mit ihm zu sterben, sind nicht an seiner Seite zu sehen. Bereits bei seiner Gefangennahme hatte Markus berichtet, dass sie ihn alle verließen und flohen (Markus 14,50). Nun steht Jesus im Mittelpunkt einer Szene, in der menschliche Ablehnung von nahezu allen Seiten auf ihn einwirkt.

Der Vergleich mit Lukas 23,39–43 verlangt an dieser Stelle Aufmerksamkeit. Lukas berichtet ausführlicher von den beiden mit Jesus gekreuzigten Verbrechern. Während einer von ihnen Jesus verhöhnt, widerspricht ihm der andere, erkennt seine eigene Schuld an und bittet Jesus, seiner zu gedenken, wenn er in sein Reich kommt. Jesus antwortet ihm mit einer Zusage der Hoffnung. Markus erzählt dieses Gespräch nicht, sondern beschreibt die Beschimpfung durch die Mitgekreuzigten zusammenfassend. Eine mögliche Erklärung besteht darin, dass einer der beiden Männer seine Haltung während der Kreuzigung veränderte. Der genaue zeitliche Ablauf wird jedoch nicht ausdrücklich überliefert und darf daher nicht als gesicherte Rekonstruktion dargestellt werden. Für die Auslegung des Markus ist zunächst festzuhalten, dass er den Spott der beiden Verurteilten in seine Darstellung der umfassenden Erniedrigung Jesu einbezieht. Lukas richtet den Blick zusätzlich auf die Möglichkeit, selbst in den letzten Stunden des Lebens noch im Vertrauen zu Jesus Zuflucht zu suchen. Beide Evangelisten setzen unterschiedliche erzählerische Schwerpunkte.

Durch den gesamten Abschnitt zieht sich eine auffallende Wiederholung. Die Menschen verlangen von Jesus, sich selbst zu retten. Die Vorübergehenden fordern ihn auf, vom Kreuz herabzusteigen. Die Hohenpriester erklären, dass er anderen geholfen habe, sich selbst aber nicht helfen könne. Schließlich verlangen sie eine sichtbare Machtdemonstration als Voraussetzung ihres Glaubens. Alle diese Aussagen beruhen auf derselben Vorstellung: Wer wirklich von Gott gesandt ist, müsse seine göttliche Vollmacht vor allem dadurch bestätigen, dass er dem Leiden entkommt. Diese Vorstellung wird jedoch durch den bisherigen Weg Jesu grundlegend infrage gestellt. Er hatte seinen Jüngern nicht versprochen, dass Gottes Wille immer zur Vermeidung von Leiden führen werde. Vielmehr hatte er ihnen wiederholt angekündigt, dass der Menschensohn leiden, verworfen und getötet werden müsse, bevor er auferstehen werde (Markus 8,31; 9,31; 10,33–34). Sein Weg war deshalb von Anfang an nicht auf die Vermeidung des Kreuzes, sondern auf die Erfüllung seiner Sendung ausgerichtet.

Gerade darin liegt die eigentliche Spannung dieser Verse. Die Gegner beurteilen Jesus nach dem, was sie gegenwärtig sehen: einen geschlagenen, verspotteten und gekreuzigten Menschen, der sich nicht aus seiner Lage befreit. Sie halten diese äußere Ohnmacht für den endgültigen Beweis, dass sein Anspruch falsch sein müsse. Markus hat seine Leser jedoch auf eine andere Sicht vorbereitet. Sie wissen bereits von Jesu Vollmacht über Krankheiten, dämonische Mächte, Naturgewalten und den Tod. Sie kennen seine Worte über die kommende Auferstehung und über die Hingabe seines Lebens. Der Leser soll deshalb nicht einfach die Frage übernehmen, warum Jesus seine Macht nicht benutzt, um sich selbst zu retten. Er soll vielmehr verstehen, weshalb derjenige, der anderen Menschen so umfassend geholfen hat, bereit ist, seinen eigenen Leidensweg bis zum Ende zu gehen.

Das bedeutet nicht, dass die körperliche Qual und die innere Not Jesu bedeutungslos wären. Seine Bereitschaft, den Weg zum Kreuz zu gehen, macht das Leiden nicht unwirklich. Ebenso wenig darf die Tatsache, dass sein Tod innerhalb des göttlichen Erlösungsplans steht, die Verantwortung der Menschen abschwächen, die ihn verurteilen, misshandeln und verspotten. Markus hält beide Wirklichkeiten nebeneinander: menschliche Schuld und den bewussten Weg Jesu. Die Menschen handeln aus ihren jeweiligen Motiven, während Jesus trotz ihrer Feindschaft seiner Sendung treu bleibt. Die Tiefe dieses Geschehens besteht gerade darin, dass Gottes rettendes Handeln nicht durch die Bosheit der Beteiligten aufgehoben wird.

Damit führt Markus die Kreuzigungserzählung an einen entscheidenden Punkt. Jesus hängt zwischen Verbrechern, seine Königswürde wird verspottet, seine früheren Werke werden gegen ihn verwendet, und selbst sein Schweigen erscheint seinen Gegnern als Beweis seiner Niederlage. Doch die Frage, ob er tatsächlich von Gott verlassen und endgültig verworfen ist, kann durch den Spott der Umstehenden nicht beantwortet werden. Während sie ihre Urteile über ihn aussprechen, wird sich das Geschehen auf Golgatha noch einmal grundlegend verändern. Eine außergewöhnliche Finsternis wird über das Land hereinbrechen, und Jesus selbst wird mit den Worten eines alttestamentlichen Psalms die Tiefe seiner Not vor Gott bringen. Damit tritt die Kreuzigung aus der öffentlichen Verhöhnung in jenen ernsten Zusammenhang, in dem die Beziehung Jesu zu seinem Vater und die Bedeutung seines Leidens besonders eindringlich hervortreten.

Markus 15,33–36

Die Finsternis und Jesu Verlassenheitsruf

Während Jesus am Kreuz hängt und die Menschen ihn verspotten, verändert sich plötzlich die Umgebung. Markus berichtet, dass von der sechsten bis zur neunten Stunde eine Finsternis über das ganze Land kommt (Markus 15,33). Nach der damals gebräuchlichen Zählung der Tagesstunden entspricht dies ungefähr der Zeit von zwölf Uhr mittags bis drei Uhr nachmittags. Es ist also gerade die Tageszeit, in der die Sonne normalerweise besonders hoch am Himmel steht. Markus schildert keine gewöhnliche Abenddämmerung und auch keinen allmählichen Übergang zur Nacht. Die Dunkelheit tritt mitten am Tag ein und hält nach seiner Darstellung mehrere Stunden an. Damit erhält das Geschehen eine neue Dimension. Bisher standen die Handlungen der Menschen im Vordergrund: ihre Anklagen, ihr Spott, ihre Gewalt und ihre Entscheidungen. Nun berichtet der Evangelist von einem außergewöhnlichen Ereignis, das die gesamte Umgebung der Kreuzigung betrifft. Die Finsternis steht nicht einfach als nebensächliche Beobachtung neben dem Leiden Jesu, sondern gehört zu den auffälligen Zeichen, mit denen Markus die Bedeutung dieser Stunden hervorhebt.

Wie weit sich die Dunkelheit tatsächlich ausbreitete, lässt sich aus dem Wortlaut allein nicht eindeutig bestimmen. Das griechische Wort, das Markus verwendet, kann sowohl „Land“ als auch „Erde“ bedeuten. Deshalb geben manche Übersetzungen die Stelle mit einer Finsternis über dem ganzen Land wieder, andere sprechen von der ganzen Erde. Der Zusammenhang nennt jedoch keine geografischen Grenzen und beschreibt auch keine Beobachtungen aus entfernten Ländern. Es wäre deshalb zu weitgehend, aus dieser Formulierung allein eine weltweit nachweisbare vollständige Verdunkelung abzuleiten. Ebenso wenig erklärt Markus die unmittelbare physikalische Ursache des Ereignisses. Eine gewöhnliche Sonnenfinsternis passt allerdings nicht ohne Weiteres zur überlieferten Passahzeit, weil das Passahfest mit der Vollmondphase des jüdischen Kalenders verbunden war, während eine Sonnenfinsternis nur bei Neumond stattfinden kann. Hinzu kommt die ungewöhnlich lange Dauer der berichteten Finsternis. Der Evangelist möchte seinen Lesern jedoch keine astronomische Untersuchung liefern. Sein Interesse gilt dem Geschehen auf Golgatha und der Bedeutung, die diese Dunkelheit im Zusammenhang mit Jesu Tod erhält.

Um diese Bedeutung zu verstehen, lohnt sich der Blick auf die alttestamentliche Bildsprache. Dort erscheint Finsternis wiederholt im Zusammenhang mit Gottes Gericht und mit Ereignissen, die die gewohnte Ordnung menschlichen Lebens erschüttern. Als Gott Ägypten richtete, gehörte eine außergewöhnliche Dunkelheit zu den Plagen, die über das Land kamen (2. Mose 10,21–23). Auch die Propheten verwenden das Bild einer verdunkelten Sonne, wenn sie vom kommenden Tag des Herrn sprechen. Joel beschreibt beispielsweise eine Erschütterung der Schöpfungsordnung, bei der Sonne und Mond ihren Glanz verlieren (Joel 2,10). Zephanja verbindet den Tag des göttlichen Gerichts ausdrücklich mit Finsternis und Dunkelheit (Zephanja 1,14–15). Solche Bilder machen deutlich, dass Gottes Gericht nicht als eine gewöhnliche menschliche Auseinandersetzung verstanden werden darf. Es betrifft das Verhältnis der Menschen zu ihrem Schöpfer und stellt ihre vermeintliche Sicherheit infrage. Wenn nun während der Kreuzigung Jesu mitten am Tag Finsternis eintritt, entsteht eine starke Verbindung zu dieser prophetischen Gerichtssprache.

Besonders auffällig ist dabei Amos 8,9–10. Dort kündigt Gott an, die Sonne am Mittag untergehen zu lassen und das Land am hellen Tag zu verfinstern. Unmittelbar anschließend beschreibt der Prophet eine tiefe Trauer, die dem Schmerz über den Verlust eines einzigen Sohnes gleicht. Die Verbindung von Mittagsfinsternis, Gericht und bitterer Trauer besitzt eine bemerkenswerte Nähe zum Kreuzigungsgeschehen. Allerdings steht die Ankündigung bei Amos ursprünglich innerhalb einer Gerichtsrede gegen die Ungerechtigkeit und den religiösen Selbstbetrug Israels. Markus erklärt nicht ausdrücklich, dass jedes Einzelmerkmal dieser Prophetie nun unmittelbar und ausschließlich auf Golgatha erfüllt werde. Es ist deshalb sorgfältiger, von einer starken prophetischen Verbindung zu sprechen, statt Amos 8 ohne weitere Prüfung als eine ausschließlich auf die Kreuzigung bezogene Einzelvorhersage zu behandeln. Die Nähe der Bilder hilft dennoch, den Ernst der markinischen Darstellung zu erkennen. Die Finsternis weist über die Grausamkeit einer römischen Hinrichtung hinaus auf die Frage nach Gottes Gericht und dem Heil der Menschen.

Damit stellt sich eine besonders wichtige Frage: Gegen wen richtet sich dieses Gericht, und was bedeutet es für Jesus selbst? Die Evangelien haben zuvor wiederholt seine Unschuld hervorgehoben. Pilatus hatte nach dem Verbrechen gefragt, das seine Hinrichtung rechtfertigen könnte, ohne von der Volksmenge eine entsprechende Antwort zu erhalten (Markus 15,14). Jesus stirbt also nicht, weil er selbst einen gewaltsamen Aufstand angeführt oder ein Verbrechen begangen hätte. Zugleich hatte er seinen Tod als bewusste Hingabe seines Lebens für viele angekündigt (Markus 10,45). Jesaja 53 beschreibt einen leidenden Gottesknecht, der die Schuld anderer trägt und durch dessen Leiden vielen Heil zuteilwird. Diese Aussagen bilden einen tragfähigen Hintergrund dafür, die Kreuzigung nicht nur als menschliches Unrecht, sondern auch als ein Ereignis von grundlegender Bedeutung für Gottes Erlösungsplan zu verstehen. Die Finsternis passt in diesen ernsten Zusammenhang von Sünde, Gericht und stellvertretendem Leiden. Sie erklärt jedoch für sich allein noch nicht jede Einzelheit der Frage, auf welche Weise Christus die Schuld der Menschen trägt. Diese Bedeutung muss aus den Aussagen der Schrift insgesamt entwickelt werden und darf nicht vollständig aus einem einzigen Zeichen abgeleitet werden.

Die Dunkelheit verändert zugleich die Wirkung der gesamten Kreuzigungsszene. Zuvor hatten die Vorübergehenden und die religiösen Führer Jesus aufgefordert, seine Macht durch eine sichtbare Befreiung vom Kreuz zu beweisen. Sie hatten ihn verspottet, weil er anderen geholfen hatte, sich selbst aber scheinbar nicht helfen konnte. Nun wird die Umgebung von einer Finsternis erfasst, die keiner der Beteiligten durch seine menschliche Macht beherrschen kann. Markus berichtet nicht, wie die einzelnen Zuschauer darauf reagierten oder welche Gefühle die Dunkelheit bei ihnen auslöste. Es wäre deshalb unbegründet, ihnen bestimmte Ängste, Gespräche oder Einsichten zuzuschreiben. Für den Leser verändert sich jedoch die Perspektive. Die Frage nach Jesu Identität wird nicht mehr allein durch die Stimmen seiner Gegner bestimmt. Das Geschehen erhält einen Ernst, der über ihre Urteile und ihren Spott hinausweist. Die Menschen mögen glauben, über Jesus das letzte Wort gesprochen zu haben. Die Erzählung macht jedoch deutlich, dass seine Kreuzigung in einem weit größeren Zusammenhang steht.

Gegen Ende dieser drei Stunden durchbricht die Stimme Jesu die Finsternis. Markus berichtet, dass er um die neunte Stunde laut ruft: „Eloi, Eloi, lama sabachthani?“ Der Evangelist gibt anschließend selbst die Bedeutung dieser Worte an: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34). Damit bewahrt er nicht nur den Inhalt des Rufes, sondern auch seine ursprüngliche semitische Sprachgestalt. Die überlieferte Form ist aramäisch geprägt, während der zugrunde liegende Psalm ursprünglich auf Hebräisch geschrieben wurde. Markus hat bereits an anderen wichtigen Stellen einzelne Worte Jesu in der damaligen Sprache überliefert und für seine Leser erklärt. Dazu gehören beispielsweise die Worte an die Tochter des Jairus (Markus 5,41), die Heilung eines tauben Mannes (Markus 7,34) und die Anrede „Abba“ im Gebet von Gethsemane (Markus 14,36). Auch hier möchte er offenbar, dass seine Leser den besonderen Klang und zugleich den genauen Sinn der Worte wahrnehmen.

Der Ruf Jesu ist ein unmittelbares Zitat aus Psalm 22,2. Dieser Psalm beginnt mit der verzweifelten Klage eines Gerechten, der Gottes Hilfe sucht und zugleich die schmerzhafte Erfahrung macht, dass die ersehnte Rettung ausbleibt. Er fragt, warum Gott ihn verlassen habe und warum seine Hilfe so fern sei. Die Klage richtet sich dabei nicht an irgendeine unbekannte Macht, sondern an den Gott, zu dem der Betende bereits in einer persönlichen Beziehung steht. Gerade deshalb ist die Not so tief. Der Psalmist kennt Gott, vertraut auf seine Wirklichkeit und erinnert sich an sein früheres rettendes Handeln. Doch in seiner gegenwärtigen Bedrängnis erlebt er einen erschütternden Gegensatz zwischen diesem Wissen und seiner Erfahrung. Er weiß, zu wem er betet, aber die erwartete Hilfe ist noch nicht sichtbar. Wenn Jesus nun genau diese Worte am Kreuz ausspricht, greift er eine der eindringlichsten Klagen des Alten Testaments auf.

Diese Worte dürfen nicht so abgeschwächt werden, als würde Jesus lediglich einen Psalmvers aufsagen, ohne die darin ausgesprochene Not tatsächlich zu empfinden. Markus berichtet ausdrücklich von einem lauten Ruf. Die Frage ist ernst, und sie gehört zu den erschütterndsten Aussagen der gesamten Passionsgeschichte. Schon in Gethsemane war Jesus zutiefst erschüttert gewesen. Dort hatte er seinen Jüngern gesagt, dass seine Seele bis zum Tod betrübt sei, und den Vater gebeten, wenn es möglich wäre, den bevorstehenden Leidenskelch von ihm zu nehmen (Markus 14,33–36). Seine Bereitschaft, dennoch den Willen des Vaters zu erfüllen, bedeutete nicht, dass der Weg für ihn leicht geworden wäre. Nun erreicht die Erfahrung des Leidens eine Tiefe, die Markus durch den Verlassenheitsruf besonders hervorhebt. Jesus, der während seines gesamten Dienstes in enger Gemeinschaft mit dem Vater gelebt und dessen Willen getan hat, bringt in diesem Augenblick eine Not zum Ausdruck, die über körperliche Schmerzen hinausgeht.

Gerade die Beziehung zwischen Jesus und seinem Vater macht diesen Ruf so bedeutsam. Bei seiner Taufe hatte die Stimme aus dem Himmel ihn als den geliebten Sohn bezeichnet, an dem Gott Wohlgefallen hat (Markus 1,11). Auf dem Berg der Verklärung war dieselbe göttliche Anerkennung erneut ausgesprochen worden (Markus 9,7). Jesus hatte seine Sendung im Vertrauen auf den Vater erfüllt und selbst angesichts des bevorstehenden Todes an dessen Willen festgehalten. Nun hören wir nicht die vertraute Anrede „Abba“ aus Gethsemane, sondern die Worte des Psalms: „Mein Gott, mein Gott.“ Das ist ein auffälliger Unterschied innerhalb der Erzählung, aber kein Beweis dafür, dass Jesus seine Sohnschaft verloren hätte. Auch in dieser tiefsten Klage wendet er sich weiterhin an Gott. Er spricht nicht über Gott als einen Fremden, sondern ruft ihn persönlich an. Das zweimalige „mein Gott“ bewahrt die Beziehung gerade dort in der Sprache, wo ihre tröstende Gegenwart nicht mehr erfahren wird.

Die Frage nach der Verlassenheit muss deshalb sehr sorgfältig verstanden werden. Die Bibel beschreibt einerseits, dass Christus die Sünden der Menschen trägt und sein Leben für sie hingibt (Jesaja 53,5–6; 1. Petrus 2,24). Sünde trennt den Menschen von Gott, zerstört die Gemeinschaft mit ihm und bringt ihn unter die Wirklichkeit des Gerichts (Jesaja 59,2; Römer 6,23). Wenn Jesus stellvertretend für Sünder leidet, gehört die Tiefe dieser von der Sünde verursachten Not zum Ernst seines Erlösungswerkes. Sein Ruf lässt erkennen, dass er nicht nur äußerlich die Strafe einer menschlichen Hinrichtung erduldet, sondern in einer außergewöhnlichen inneren Bedrängnis steht. Andererseits erklärt Markus nicht, dass die göttliche Wesenseinheit zwischen Vater und Sohn in diesem Augenblick aufgehoben worden sei. Der Evangelist beschreibt Jesu wirkliches Leiden und seine Verlassenheitsklage, gibt aber keine vollständige Erklärung der innergöttlichen Vorgänge. Eine Auslegung, die aus dem Ruf eine Auflösung der göttlichen Einheit ableiten wollte, ginge deshalb über die ausdrückliche Aussage des Textes hinaus.

Ebenso wenig wäre es angemessen, die Klage Jesu dadurch zu entschärfen, dass man sie ausschließlich als verborgenes Siegesbekenntnis versteht. Psalm 22 führt zwar schließlich zur Erhörung und zum Lob Gottes, doch sein Anfang enthält wirkliche Angst und Not. Beides gehört zusammen. Der leidende Gerechte hält an Gott fest, obwohl er seine Hilfe nicht erkennen kann. Er bringt seine Verzweiflung gerade vor den Gott, dessen rettendes Handeln er erwartet. Darin besteht kein Widerspruch zwischen Klage und Glauben. Die Klage kann vielmehr selbst Ausdruck einer Beziehung sein, die auch unter schwerster Bedrängnis nicht aufgegeben wird. Wenn Jesus diese Worte am Kreuz spricht, wird deshalb weder seine Not unwirklich noch sein Vertrauen bedeutungslos. Sein Gebet steht an dem Punkt, an dem menschliche Erfahrung und göttliche Verheißung am schmerzlichsten auseinanderzutreten scheinen.

Um die Tragweite des Psalmzitats zu verstehen, muss auch der weitere Verlauf von Psalm 22 berücksichtigt werden. Der Psalm beschreibt zunächst die Verachtung durch die Menschen, den Spott der Umstehenden und das Bild eines Leidenden, dessen Kleider verteilt werden. Gerade diese Einzelheiten waren bereits in der Kreuzigungserzählung des Markus begegnet (Markus 15,24.29–32). Der Zusammenhang geht also weit über die bloße Übereinstimmung eines einzigen Satzes hinaus. Später verändert sich jedoch der Ton des Psalms. Der leidende Gerechte bekennt, dass Gott sein Elend nicht verachtet und sein Rufen gehört hat (Psalm 22,25). Aus der Klage wird schließlich Lobpreis, und die Botschaft von Gottes Handeln reicht bis zu den Völkern der Erde. Diese Entwicklung erlaubt es, den Verlassenheitsruf Jesu im Horizont der kommenden göttlichen Bestätigung zu lesen. Sie bedeutet jedoch nicht, dass Jesus am Kreuz bereits die ganze spätere Erhörung sichtbar vor Augen gehabt hätte. Markus führt seine Leser vielmehr durch die wirkliche Tiefe des Leidens hindurch und wird erst im folgenden Kapitel von der Auferstehungsbotschaft berichten.

Der größere Zusammenhang des Psalms bewahrt die Auslegung vor zwei entgegengesetzten Missverständnissen. Einerseits darf die Verlassenheit nicht zu einem bloß scheinbaren Gefühl erklärt werden, das Jesus ohne wirkliche innere Not ausgesprochen habe. Andererseits darf die Klage nicht mit einer endgültigen Verstoßung durch Gott gleichgesetzt werden. Psalm 22 selbst zeigt, dass ein Mensch in tiefster Bedrängnis nach Gottes Nähe fragen und dennoch auf dessen Erhörung hoffen kann. Für die Kreuzigung erhält dieser Zusammenhang eine einzigartige Bedeutung, weil Jesus nicht nur als leidender Gerechter erscheint, sondern nach seinem eigenen Zeugnis sein Leben für viele hingibt. Die spätere Auferstehung wird bestätigen, dass sein Tod nicht Gottes endgültige Verwerfung des Sohnes bedeutet. Doch an dieser Stelle der Erzählung bleibt der Leser zunächst bei der erschütternden Wirklichkeit seines Rufes stehen. Das Erlösungswerk wird nicht dadurch groß, dass Jesu Leiden gering gewesen wäre, sondern dadurch, dass er den Weg der Selbsthingabe auch in dieser äußersten Not nicht verlässt.

Die Menschen in seiner Nähe verstehen den Ruf offenbar anders. Markus berichtet, dass einige der Umstehenden die Worte Jesu hören und sagen: „Siehe, er ruft den Elia!“ (Markus 15,35). Der Zusammenhang lässt erkennen, wie es zu dieser Deutung kommen konnte. Die semitische Anrede Gottes, die Markus mit „Eloi“ wiedergibt, besitzt eine gewisse klangliche Nähe zum Namen Elia. Besonders unter den schwierigen akustischen Bedingungen einer öffentlichen Hinrichtung konnte ein solcher Ruf missverstanden werden. Allerdings lässt sich nicht mit Sicherheit entscheiden, ob die Umstehenden Jesus tatsächlich falsch verstanden oder ob sie seine Worte bewusst verdrehten, um ihre Verspottung fortzusetzen. Markus berichtet lediglich, was sie aus seinem Ruf machten. Ihre Reaktion steht jedenfalls in auffälligem Gegensatz zur Bedeutung der Worte. Jesus richtet eine tief ernste Klage an Gott, während einige Zuschauer darüber sprechen, ob er den Propheten Elia zu Hilfe rufe.

Dass ausgerechnet Elia erwähnt wird, ist nicht zufällig bedeutungslos. Der alttestamentliche Prophet war nach 2. Könige 2,11 nicht auf gewöhnliche Weise gestorben, sondern im Sturmwind zum Himmel aufgenommen worden. Außerdem kündigte Maleachi an, dass Gott Elia vor dem großen und furchtbaren Tag des Herrn senden werde (Maleachi 3,23–24). Daraus entwickelte sich innerhalb des Judentums eine besondere Erwartung seiner Wiederkunft. Auch im Markusevangelium war Elia bereits mehrfach zur Sprache gekommen. Manche Menschen hielten Jesus selbst für den wiedergekommenen Elia (Markus 6,15; 8,28). Nach der Verklärung hatten die Jünger gefragt, weshalb die Schriftgelehrten lehrten, Elia müsse zuerst kommen. Jesus antwortete ihnen, dass Elia bereits gekommen sei und die Menschen mit ihm nach ihrem Willen verfahren hätten (Markus 9,11–13). Im Zusammenhang der Evangelien wird damit auf Johannes den Täufer und dessen vorbereitenden Dienst hingewiesen. Elia war für die Menschen also eine bedeutende prophetische Gestalt, die mit Gottes kommendem Handeln verbunden wurde.

Dennoch enthält die alttestamentliche Verheißung keine ausdrückliche Zusage, Elia werde vom Himmel herabkommen, um einen gekreuzigten Messias unmittelbar vor dem Tod zu retten. Die Worte der Umstehenden entspringen daher keiner klaren göttlichen Verheißung, auf die Jesus sich in dieser Situation berufen hätte. Sie spiegeln vielmehr eine Erwartung oder Vorstellung wider, die die Zuschauer mit dem Namen Elia verbinden. Im Kontext der vorhergehenden Verspottung liegt es nahe, dass auch diese Bemerkung nicht aus aufrichtigem Mitgefühl entsteht. Die Menschen hatten Jesus wiederholt aufgefordert, vom Kreuz herabzusteigen. Nun wird die Möglichkeit angesprochen, ob Elia kommen könnte, um ihn herabzunehmen. Die Vorstellung einer außergewöhnlichen Rettung steht damit erneut im Mittelpunkt, während die eigentliche Bedeutung des Gebets Jesu unbeachtet bleibt.

Daraufhin läuft einer der Anwesenden los, füllt einen Schwamm mit Essig, befestigt ihn an einem Rohr und hält ihn Jesus zum Trinken hin (Markus 15,36). Mit dem erwähnten Essig ist wahrscheinlich ein saurer Wein beziehungsweise ein mit Wasser verdünntes Weingetränk gemeint, wie es in der römischen Welt verbreitet war. Es handelt sich nicht notwendigerweise um unverdünnten Essig im heutigen küchensprachlichen Sinn. Ein solches Getränk konnte einem erschöpften und durstigen Menschen kurzfristig Erleichterung verschaffen. Markus erklärt jedoch nicht ausdrücklich, ob der Handelnde Jesus helfen, ihn weiter verspotten oder lediglich das Geschehen hinauszögern wollte. Seine anschließenden Worte zeigen jedenfalls, dass die Frage nach Elia weiterhin den Blick bestimmt. Er fordert die anderen auf abzuwarten, ob Elia kommen werde, um Jesus vom Kreuz herabzunehmen.

Dabei ist zu beachten, dass Markus bereits vor der Kreuzigung von einem anderen Getränk berichtet hatte. Damals war Jesus Wein angeboten worden, der mit Myrrhe vermischt war, und er hatte ihn nicht angenommen (Markus 15,23). Jetzt erscheint ein saurer Wein, der mit einem Schwamm gereicht wird. Die beiden Vorgänge unterscheiden sich sowohl in ihrer zeitlichen Stellung als auch in der beschriebenen Darreichung. Markus erklärt nicht, dass es sich um dieselbe Mischung oder dieselbe Absicht gehandelt habe. Ebenso berichtet er in Vers 36 nicht ausdrücklich, wie viel Jesus tatsächlich davon trank. Deshalb sollten diese Einzelheiten nicht durch Vermutungen ergänzt werden. Entscheidend ist, dass der Evangelist den Vorgang unmittelbar mit der Reaktion auf Jesu Verlassenheitsruf verbindet. Während Jesus in tiefster Not zu Gott spricht, beschäftigen sich die Umstehenden mit der Frage, ob ein außergewöhnlicher Retter erscheinen werde.

Auch die Darreichung des sauren Weins besitzt eine bemerkenswerte Verbindung zu den Psalmen. In Psalm 69,22 klagt ein leidender Gerechter darüber, dass ihm in seinem Durst Essig zu trinken gegeben wird. Dieser Psalm beschreibt ebenfalls das Leiden eines Menschen, der um seiner Treue willen Beschimpfung und Feindschaft erfährt. Die Parallele zur Kreuzigung liegt besonders in der Verbindung von Durst, Erniedrigung und saurem Getränk. Johannes 19,28–30 greift den Zusammenhang von Jesu Durst, dem gereichten Essig und der Erfüllung der Schrift ausdrücklich auf. Markus selbst nennt Psalm 69 an dieser Stelle nicht und erklärt die Handlung nicht näher als Erfüllung einer bestimmten Weissagung. Dennoch kann der Psalm helfen, die Szene innerhalb der alttestamentlichen Klagen leidender Gerechter einzuordnen. Wie bei Psalm 22 wird dadurch erkennbar, dass Jesu Passion in einem breiten biblischen Zusammenhang steht, ohne dass jede Einzelheit der Ereignisse zu einer unabhängig formulierten Einzelvorhersage gemacht werden muss.

Besonders erschütternd bleibt der Gegensatz zwischen dem Gebet Jesu und der Reaktion der Umstehenden. Jesus fragt nicht, wann Elia kommen werde. Er ruft zu seinem Gott und bringt die Tiefe seiner Verlassenheit zum Ausdruck. Die Zuschauer dagegen beschäftigen sich weiterhin mit der Möglichkeit einer sichtbaren Rettung vom Kreuz. Damit setzt sich das Missverständnis fort, das bereits die vorhergehenden Verse bestimmt hatte. Die Gegner Jesu hatten seine messianische Würde daran messen wollen, ob er seine Macht zu seiner eigenen Befreiung einsetzt. Nun hören einige von ihnen seinen letzten überlieferten Gebetsruf im Markusevangelium und verwandeln ihn in die Frage, ob ein Prophet erscheinen werde, um ihn herabzunehmen. Sie beurteilen die Situation weiterhin nach der Erwartung einer unmittelbar sichtbaren Machtdemonstration. Die tiefere Bedeutung seiner freiwilligen Hingabe bleibt ihnen verborgen.

Für den Leser des Evangeliums entsteht dadurch ein besonders ernster Gegensatz. Jesus hatte seinen Weg nach Jerusalem im Wissen um das bevorstehende Leiden angetreten. Er hatte sich in Gethsemane dem Willen seines Vaters untergeordnet und den Leidenskelch angenommen. Nun ist die äußere Not mit einer Verlassenheitserfahrung verbunden, die er selbst in den Worten des Psalms ausspricht. Dennoch bleibt sein Ruf ein Gebet. Er wendet sich gerade in der Finsternis an Gott, statt sich von ihm abzuwenden. Darin liegt eine bedeutende Wahrheit über das Verhältnis von Glauben und Leiden. Tiefe Not und ernstes Vertrauen schließen einander nicht grundsätzlich aus. Ein Mensch kann Gottes Nähe schmerzlich vermissen und gerade dadurch zeigen, wie sehr er auf diese Nähe angewiesen ist. Die einzigartige Tiefe des Leidens Christi lässt sich dabei nicht einfach mit gewöhnlichen menschlichen Erfahrungen gleichsetzen. Doch sein Gebet bewahrt die Wahrheit, dass selbst die bitterste Klage vor Gott ausgesprochen werden darf.

Mit diesen Versen erreicht die Kreuzigungserzählung eine außergewöhnliche innere Spannung. Die Finsternis hat das Land erfasst, Jesus hat seine Verlassenheit vor Gott ausgesprochen, und die Umstehenden warten auf eine Rettung, die ihren eigenen Vorstellungen entspricht. Markus berichtet noch nicht von einer sichtbaren Befreiung Jesu aus seiner Lage. Der Gekreuzigte bleibt am Kreuz, und die Menschen können weiterhin nicht erkennen, weshalb seine Sendung gerade durch diesen Weg vollendet werden soll. Doch die Erzählung steht unmittelbar vor ihrem entscheidenden Höhepunkt. Der Tod Jesu wird eintreten, der Tempelvorhang wird zerreißen, und ausgerechnet ein römischer Hauptmann wird Worte über die Identität des Gekreuzigten sprechen, die einen bemerkenswerten Gegensatz zum bisherigen Spott bilden. Damit wird sich die Frage nach Jesu wahrer Würde erneut stellen – nicht mehr als Forderung, er müsse vom Kreuz herabsteigen, sondern angesichts dessen, wie er am Kreuz stirbt.

Markus 15,37–39

Jesu Tod, der zerrissene Vorhang und das Bekenntnis des Hauptmanns

Nachdem Jesus in der Finsternis seine tiefe Verlassenheit vor Gott ausgesprochen hat, berichtet Markus von seinem Tod. Er beschreibt diesen entscheidenden Augenblick mit wenigen Worten: „Jesus aber stieß einen lauten Schrei aus und verschied“ (Markus 15,37). Die ungewöhnliche Kürze der Darstellung steht in einem bemerkenswerten Gegensatz zur Bedeutung des Geschehens. Der Evangelist schildert nicht die letzten körperlichen Vorgänge eines sterbenden Menschen und gibt auch keine ausführliche Beschreibung seiner Schmerzen. Stattdessen richtet er die Aufmerksamkeit auf den lauten Schrei und den unmittelbar folgenden Tod. Damit erreicht der Leidensweg, den Jesus seinen Jüngern mehrfach angekündigt hatte, seinen irdischen Höhepunkt. Der Menschensohn, der gekommen war, um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben, hat diesen Weg nun tatsächlich bis zum Ende durchschritten (Markus 10,45).

Der letzte Schrei Jesu ist von dem zuvor berichteten Verlassenheitsruf zu unterscheiden. In Vers 34 hatte Markus die Worte Jesu ausdrücklich überliefert und übersetzt. In Vers 37 erwähnt er dagegen nur noch einen lauten Schrei, ohne seinen Wortlaut mitzuteilen. Deshalb lässt sich aus dem Markusevangelium allein nicht bestimmen, welche Worte Jesus in diesem letzten Augenblick ausgesprochen hat oder ob es sich überhaupt um einen sprachlich formulierten Ruf handelte. Lukas berichtet, dass Jesus sein Leben mit den Worten in die Hände des Vaters befahl (Lukas 23,46). Johannes überliefert als letztes Wort die Aussage, dass es vollbracht sei (Johannes 19,30). Diese Berichte ergänzen das neutestamentliche Zeugnis über Jesu Tod, dürfen aber nicht unbemerkt als wörtliche Erklärung des von Markus erwähnten Schreis ausgegeben werden. Jeder Evangelist setzt einen eigenen erzählerischen Schwerpunkt. Markus lässt den letzten Schrei zunächst für sich stehen und verbindet ihn unmittelbar mit dem Tod Jesu.

Besonders bedeutsam ist, dass Jesus tatsächlich stirbt. Markus beschreibt keinen Zustand tiefer Bewusstlosigkeit und auch keine lediglich scheinbare Hinrichtung. Der Tod ist das wirkliche Ende seines irdischen Lebens. Damit unterscheidet sich die Kreuzigung grundlegend von den vielen Situationen, in denen Jesus zuvor Menschen aus Krankheit, Gefahr oder Todesnähe befreit hatte. Er hatte den Sturm gestillt, einen Gelähmten geheilt und die Tochter des Jairus vom Tod auferweckt (Markus 4,35–41; 2,1–12; 5,35–43). Nun entzieht er sich selbst nicht dem Sterben. Die Gegner hatten dies als Beweis seiner Machtlosigkeit verstanden. Der Zusammenhang seiner eigenen Worte eröffnet jedoch eine andere Sicht: Jesus hatte wiederholt angekündigt, dass er getötet und nach drei Tagen auferstehen werde (Markus 8,31; 9,31; 10,33–34). Sein Tod bedeutet deshalb nicht, dass die göttliche Sendung überraschend gescheitert wäre. Vielmehr geschieht nun das, worauf er seine Jünger vorbereitet hatte, auch wenn sie dessen Bedeutung noch nicht vollständig verstanden.

Gerade hier muss zwischen der Grausamkeit der menschlichen Tat und der freiwilligen Hingabe Jesu unterschieden werden. Die römischen Soldaten führen eine Hinrichtung aus, und die verantwortlichen Entscheidungsträger tragen Schuld an einem ungerechten Verfahren. Jesus wird nicht deshalb gekreuzigt, weil die Gewalt seiner Gegner gerechtfertigt gewesen wäre. Zugleich hatte er den Weg des Leidens bewusst angenommen. Nach Johannes 10,17–18 erklärt Jesus ausdrücklich, dass er sein Leben von sich aus hingibt und Vollmacht besitzt, es wieder zu nehmen. Damit wird der Tod nicht als ein Geschehen beschrieben, bei dem der Vater einen widerstrebenden Sohn zu einem Opfer zwingt. Der Sohn handelt vielmehr in Übereinstimmung mit dem Willen seines Vaters. Schon in Gethsemane hatte er sich diesem Willen untergeordnet, obwohl er die bevorstehende Not in ihrer ganzen Schwere empfand (Markus 14,35–36). Die Freiwilligkeit seiner Hingabe macht das Leiden nicht geringer, sondern verleiht ihm eine tiefere Bedeutung: Jesus bleibt seiner Sendung treu, obwohl dieser Weg ihn tatsächlich das Leben kostet.

Die Bedeutung dieses Todes erschließt sich besonders durch die Verbindung mit Jesaja 53. Dort wird der leidende Gottesknecht als jemand beschrieben, der nicht wegen eigener Schuld leidet, sondern die Verfehlungen anderer trägt. Er wird verachtet, misshandelt und schließlich aus dem Leben genommen. Zugleich verbindet der prophetische Text sein Leiden mit der Rechtfertigung vieler und mit Gottes weiterem rettenden Handeln (Jesaja 53,4–12). Markus entfaltet diese Zusammenhänge nicht in Form einer ausführlichen theologischen Abhandlung. Er hatte jedoch bereits durch Jesu Worte über das Lösegeld für viele und durch die Ankündigung seines für viele vergossenen Bundesblutes die Bedeutung seines Todes vorbereitet (Markus 10,45; 14,24). Der laute Schrei und das anschließende Sterben bilden deshalb nicht lediglich den tragischen Abschluss eines menschlichen Lebens. Sie gehören zu jenem Erlösungswerk, durch das Christus den Menschen die Versöhnung mit Gott eröffnet.

Unmittelbar nach dem Tod Jesu berichtet Markus von einem außergewöhnlichen Ereignis im Tempel: „Und der Vorhang im Tempel riß entzwei, von obenan bis untenaus“ (Markus 15,38). Der Schauplatz wechselt damit plötzlich von Golgatha zum Heiligtum in Jerusalem. Markus erklärt nicht, wie die Nachricht über das Geschehen im Tempel bekannt wurde oder wer den Riss unmittelbar beobachtete. Auch erwähnt er keine anwesenden Priester, deren Reaktionen er beschreiben würde. Für seine Erzählung ist vielmehr entscheidend, dass der Tod Jesu und das Zerreißen des Vorhangs unmittelbar miteinander verbunden werden. Während am Kreuz das Leben Jesu endet, wird im Heiligtum eine Grenze aufgerissen, die zuvor zur Ordnung des Gottesdienstes gehörte. Damit stellt der Evangelist ein Ereignis in den Mittelpunkt, dessen Bedeutung sich erst vor dem Hintergrund des alttestamentlichen Heiligtums richtig verstehen lässt.

Das Heiligtum Israels war nach der biblischen Überlieferung ein besonderer Ort der Begegnung zwischen Gott und seinem Volk. Bereits die Stiftshütte zur Zeit Moses war so eingerichtet, dass unterschiedliche heilige Bereiche voneinander getrennt wurden. Im Inneren befand sich das Heilige, in dem die Priester ihren regelmäßigen Dienst verrichteten. Dahinter lag das Allerheiligste, das in besonderer Weise mit Gottes Gegenwart verbunden war. Zwischen diesen beiden Bereichen hing ein kunstvoll gestalteter Vorhang. Nach 2. Mose 26,31–33 bestand er aus kostbaren Stoffen und trug Darstellungen von Cherubim. Seine Aufgabe war nicht bloß dekorativ. Er kennzeichnete die Grenze zwischen dem Heiligen und dem Allerheiligsten und machte sichtbar, dass der Zugang zur unmittelbaren Gegenwart Gottes nicht nach menschlichem Belieben erfolgen konnte.

Besonders deutlich wurde diese Ordnung am großen Versöhnungstag. Nach 3. Mose 16 durfte der Hohepriester nur unter genau festgelegten Bedingungen in das Allerheiligste eintreten, um den besonderen Versöhnungsdienst für das Volk auszuführen. Dabei standen das Opferblut, die Reinigung und die Wiederherstellung der Gemeinschaft mit Gott im Mittelpunkt. Die begrenzte Zugänglichkeit dieses Bereichs brachte eine grundlegende Wahrheit zum Ausdruck: Der heilige Gott kann nicht einfach nach den Vorstellungen sündiger Menschen behandelt werden. Die Sünde hat das Verhältnis zwischen Gott und Mensch beschädigt, und Versöhnung bedarf eines von Gott selbst eröffneten Weges. Der Vorhang war deshalb Teil einer größeren symbolischen Ordnung, die Gottes Heiligkeit, die Wirklichkeit der Sünde und die Notwendigkeit der Versöhnung vor Augen führte.

Welcher konkrete Tempelvorhang bei Jesu Tod zerriss, sagt Markus allerdings nicht ausdrücklich. Im Jerusalemer Tempel gab es sowohl einen Vorhang im Bereich des Eingangs zum eigentlichen Heiligtumsgebäude als auch eine Abtrennung zum innersten heiligen Bereich. Viele Ausleger denken bei Markus 15,38 an den inneren Vorhang, der das Allerheiligste abgrenzte. Dafür sprechen seine besondere Bedeutung innerhalb der alttestamentlichen Heiligtumsordnung und die spätere neutestamentliche Verbindung zwischen dem Vorhang und dem Zugang zu Gottes Gegenwart. Andere Ausleger halten den äußeren Vorhang für möglich, weil er als öffentlich wahrnehmbares Zeichen besser zum erzählerischen Zusammenhang passen könnte. Der griechische Ausdruck allein entscheidet die Frage nicht vollständig. Daher sollte nicht mit größerer Sicherheit von einem bestimmten Vorhang gesprochen werden, als der Text erlaubt. Die grundlegende Bedeutung des Ereignisses bleibt dennoch bestehen: Eine bisher bestehende heilige Abgrenzung wird beim Tod Jesu auf außergewöhnliche Weise durchbrochen.

Markus betont ausdrücklich, dass der Vorhang von oben nach unten zerreißt. Diese Richtung verdient Aufmerksamkeit. Ein gewöhnlicher menschlicher Eingriff würde sich nicht notwendigerweise auf diese Weise vollziehen, und die Erzählung nennt auch keinen Menschen, der den Vorhang beschädigt hätte. Die Formulierung legt deshalb nahe, das Geschehen als Zeichen göttlichen Handelns zu verstehen. Der Riss beginnt oben und reicht bis nach unten, sodass die Trennung nicht nur geringfügig beschädigt, sondern vollständig aufgerissen wird. Damit erhält das Ereignis eine besondere Ausdruckskraft. Während Menschen Jesus durch ihr Urteil und ihre Gewalt aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, geschieht im Tempel etwas, das auf eine grundlegende Veränderung des Zugangs zu Gott hinweist. Der Vorhang, der zuvor eine Grenze sichtbar gemacht hatte, bleibt nicht unversehrt. Sein Zerreißen steht im Zusammenhang mit dem Tod dessen, der nach dem Zeugnis des Neuen Testaments selbst die entscheidende Versöhnung zwischen Gott und Mensch bewirkt.

Diese Verbindung wird im Hebräerbrief besonders deutlich entfaltet. Dort wird erklärt, dass die Opfer und Dienste des irdischen Heiligtums eine vorausweisende Bedeutung besaßen. Sie machten Gottes Heiligkeit und die Notwendigkeit der Sühnung sichtbar, konnten aber durch die wiederholte Darbringung von Tieropfern die Sünde nicht endgültig beseitigen (Hebräer 9,6–10; 10,1–4). Christus dagegen erscheint als der wahre Hohepriester, der nicht mit fremdem Opferblut, sondern aufgrund seiner eigenen Selbsthingabe den entscheidenden Zugang zu Gott eröffnet. Hebräer 9,24 beschreibt, dass Christus in den Himmel selbst eingegangen ist, um vor Gottes Angesicht für uns zu erscheinen. Hebräer 10,19–22 erklärt anschließend, dass Gläubige durch Jesu Blut Freimütigkeit besitzen, sich Gott zu nähern. Dabei verwendet der Verfasser ausdrücklich das Bild eines neuen und lebendigen Weges durch den Vorhang. Die Verbindung zum Geschehen in Markus 15 ist deshalb theologisch besonders stark, auch wenn der Hebräerbrief nicht ausdrücklich behauptet, an dieser Stelle eine unmittelbare Erklärung des markinischen Vorhangrisses zu geben.

Der entscheidende Gedanke lautet, dass der Zugang zu Gott durch Christi Opfer nicht länger von der wiederholten Darbringung der vorausweisenden Tieropfer abhängig ist. Was diese Opfer in Zeichen und Handlungen vor Augen stellten, hat in Jesu Selbsthingabe seine entscheidende Erfüllung gefunden. Dabei bedeutet das Zerreißen des Vorhangs nicht, dass Gottes Heiligkeit aufgehoben worden wäre oder dass Sünde nun keine Bedeutung mehr hätte. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Der Tod Jesu zeigt, wie ernst die Trennung zwischen Gott und Mensch ist und welchen Preis die Versöhnung kostet. Der neue Zugang beruht nicht darauf, dass Gott seine Gerechtigkeit einfach beiseitesetzt, sondern darauf, dass Christus den Weg der Versöhnung eröffnet hat. Deshalb spricht der Hebräerbrief nicht von einem beliebigen oder voraussetzungslosen Zutritt, sondern von einem Zugang durch Jesu Blut und unter seinem bleibenden hohenpriesterlichen Dienst.

Ebenso wenig darf aus dem zerrissenen Vorhang geschlossen werden, jede Bedeutung des Heiligtums und jedes Priestertum seien damit verschwunden. Der Hebräerbrief erklärt ausdrücklich, dass Christus als Hohepriester im wahren, himmlischen Heiligtum dient (Hebräer 8,1–2). Seine Opferhingabe geschieht einmalig und wird nicht durch weitere Tieropfer ergänzt oder wiederholt. Sein priesterlicher Dienst besteht jedoch fort, weil er als auferstandener und erhöhter Herr für die Menschen vor Gott eintritt (Hebräer 7,24–25; 9,24). Die irdische Opferordnung findet damit ihre Erfüllung in Christus, während die Wirklichkeit des himmlischen Heiligtums und seiner Fürsprache gerade durch das Neue Testament bezeugt wird. Der Vorhangriss steht deshalb für einen tiefgreifenden heilsgeschichtlichen Übergang, nicht für die Abschaffung jeder Beziehung zwischen Heiligkeit, Priestertum und Versöhnung.

Neben dieser Bedeutung des eröffneten Zugangs besitzt das Zerreißen des Vorhangs auch eine ernste Gerichtsdimension. Jesus hatte bereits angekündigt, dass der Jerusalemer Tempel zerstört werden würde (Markus 13,1–2). Die religiösen Führer hatten seine Autorität infrage gestellt und ihm im Gerichtsverfahren Aussagen über die Zerstörung und Wiedererrichtung des Tempels vorgeworfen. Noch am Kreuz war dieser Vorwurf gegen ihn verwendet worden (Markus 14,58; 15,29). Nun wird gerade beim Tod Jesu der Tempelvorhang zerrissen. Dadurch entsteht ein auffälliger Zusammenhang zwischen der Ablehnung Jesu, seiner Ankündigung über den Tempel und der Veränderung der bisherigen Heiligtumsordnung. Das Ereignis kann deshalb auch als Hinweis verstanden werden, dass die bisherige Gestalt des Tempeldienstes ihre entscheidende Bedeutung nicht unabhängig von Christus bewahren kann. Dabei darf der Vorhangriss nicht zu einer pauschalen Verwerfung des jüdischen Volkes umgedeutet werden. Die Heilsgeschichte Israels bildet vielmehr den Rahmen, innerhalb dessen Christus handelt und die Verheißungen Gottes zur Erfüllung bringt.

Eine weitere bemerkenswerte Verbindung führt zurück zum Beginn des Markusevangeliums. Bei der Taufe Jesu hatte Markus berichtet, dass Jesus den Himmel zerrissen sah und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam (Markus 1,10). Für dieses Zerreißen des Himmels verwendet der griechische Text dasselbe Verb, das nun beim Zerreißen des Tempelvorhangs erscheint. Diese sprachliche Übereinstimmung ist besonders auffällig, weil beide Ereignisse an entscheidenden Wendepunkten der Erzählung stehen. Bei der Taufe beginnt Jesu öffentliches Wirken, und der Himmel öffnet sich auf außergewöhnliche Weise. Bei seinem Tod wird der Vorhang des Heiligtums zerrissen. In beiden Fällen beschreibt Markus ein Aufbrechen einer bisher bestehenden Grenze. Am Anfang wird die göttliche Herkunft und Sendung Jesu durch die Stimme aus dem Himmel bestätigt; am Ende wird sein Tod mit einem Zeichen verbunden, das auf eine neue Beziehung zwischen Gottes Gegenwart und den Menschen hinweist.

Diese Verbindung wird noch deutlicher, wenn man die Aussagen über Jesu Sohnschaft berücksichtigt. Bei seiner Taufe hatte die Stimme aus dem Himmel erklärt, dass Jesus der geliebte Sohn sei, an dem Gott Wohlgefallen habe (Markus 1,11). Auf dem Berg der Verklärung war eine entsprechende göttliche Aussage erneut ausgesprochen worden, verbunden mit der Aufforderung, auf Jesus zu hören (Markus 9,7). Nun folgt nach dem Zerreißen des Tempelvorhangs eine weitere Aussage über Jesu Sohnschaft. Diesmal spricht jedoch keine Stimme aus dem Himmel. Markus lenkt den Blick auf einen römischen Hauptmann, der dem sterbenden Jesus gegenübergestanden hat. Damit erhält die Erzählung einen bemerkenswerten Rahmen. Was zu Beginn durch Gottes eigene Stimme über Jesus ausgesprochen wurde, erklingt am Ende der Kreuzigung aus dem Mund eines Menschen, der zur Macht des römischen Staates gehört. Die Verbindung zwischen dem zerrissenen Himmel, dem zerrissenen Vorhang und den Aussagen über Jesu Sohnschaft gehört zu den eindrucksvollsten literarischen Zusammenhängen des gesamten Evangeliums.

Markus beschreibt den Hauptmann ausdrücklich als einen Mann, der Jesus gegenüberstand und beobachtete, auf welche Weise er starb (Markus 15,39). Ein römischer Hauptmann war ein militärischer Offizier, der die Verantwortung für eine Gruppe von Soldaten tragen konnte. In der Kreuzigungsszene gehört er zu der Seite, die die Hinrichtung durchführt oder überwacht. Damit unterscheidet er sich grundlegend von den Jüngern Jesu. Er hat Jesus nicht während seiner Wanderungen durch Galiläa begleitet, wird nicht als Schüler seiner Lehre vorgestellt und gehört nicht zu den Menschen, die zuvor sein messianisches Wirken bezeugt hatten. Seine Stellung ist vielmehr unmittelbar mit der römischen Hinrichtungsgewalt verbunden. Gerade deshalb ist seine Äußerung so auffällig. Ausgerechnet ein Angehöriger der Macht, die Jesus kreuzigt, spricht nun Worte aus, die in eine völlig andere Richtung weisen als die vorausgehende Verspottung.

Dabei ist ein wichtiges Textdetail zu beachten. Die Schlachter 1951 sagt, der Hauptmann habe gesehen, dass Jesus „auf solche Weise verschied“. Einige andere Bibelübersetzungen formulieren ausdrücklich, dass er gesehen habe, wie Jesus mit einem lauten Schrei starb. Diese Unterschiede hängen teilweise mit Varianten der griechischen Textüberlieferung zusammen. Der gemeinsame Kern bleibt, dass der Hauptmann durch die Art und Weise des Todes Jesu zu seiner Aussage veranlasst wird. Markus berichtet nicht, dass der Hauptmann das Zerreißen des Tempelvorhangs mit eigenen Augen beobachtet hätte. Er stand Jesus gegenüber, nicht notwendigerweise an einer Stelle, von der aus der innere Bereich des Tempels sichtbar gewesen wäre. Deshalb wäre es unbegründet zu behaupten, er habe das Wunder des zerrissenen Vorhangs gesehen und daraufhin sein Bekenntnis ausgesprochen. Für den Leser stehen die beiden Ereignisse unmittelbar nebeneinander; die ausdrückliche Wahrnehmung des Hauptmanns betrifft jedoch Jesu Sterben.

Was der Hauptmann in diesem Augenblick erkennt, drückt er mit den Worten aus: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“ (Markus 15,39). Der Satz besitzt innerhalb des Evangeliums ein außerordentliches Gewicht. Schon am Anfang hatte Markus Jesus als Christus und Sohn Gottes vorgestellt. Im Verlauf der Erzählung war Jesu Identität immer wieder Gegenstand von Fragen, Missverständnissen und unvollständigen Erkenntnissen gewesen. Nach der Stillung des Sturmes hatten die Jünger gefragt, wer dieser Jesus sei, dem sogar Wind und Meer gehorchten (Markus 4,41). Petrus hatte später erkannt, dass Jesus der Christus sei, musste aber noch lernen, dass die Sendung des Messias untrennbar mit Leiden und Selbsthingabe verbunden war (Markus 8,29–33). Vor dem Hohen Rat hatte Jesus seinen Anspruch schließlich ausdrücklich bekräftigt und war deswegen verurteilt worden. Nun wird die Frage nach seiner Identität unmittelbar nach seinem Tod erneut beantwortet.

Allerdings muss unterschieden werden zwischen der Bedeutung dieser Worte für den Leser und dem, was der Hauptmann selbst darunter verstand. Im griechisch-römischen Umfeld konnten Bezeichnungen wie „Sohn Gottes“ oder „Sohn einer Gottheit“ auch für außergewöhnliche Herrscher oder Menschen verwendet werden, denen eine besondere Nähe zum Göttlichen zugeschrieben wurde. Der Ausdruck allein beweist deshalb noch nicht, dass der römische Offizier bereits eine vollständig entwickelte christliche Lehre von der göttlichen Sohnschaft Jesu besaß. Markus berichtet weder von einer anschließenden Unterweisung noch von einer Taufe oder einem späteren Leben als Jünger Jesu. Wir erfahren auch nicht, ob der Hauptmann sämtliche früheren Aussagen Jesu kannte. Eine solche persönliche Glaubensgeschichte darf nicht nachträglich erfunden werden.

In der Auslegung wird sogar diskutiert, ob der Hauptmann seine Worte als aufrichtiges Bekenntnis oder möglicherweise noch als spöttische Bemerkung ausgesprochen haben könnte. Für eine solche vorsichtige Gegenposition spricht, dass der Kreuzigungsbericht zuvor wiederholt von Menschen erzählt, die Jesu wahre Würde durch vermeintlich ironische Aussagen verhöhnen. Auch der Hauptmann gehört zunächst zur römischen Seite der Hinrichtung. Markus bezeichnet seine Worte nicht ausdrücklich als Glaubensbekenntnis und beschreibt keine innere Bekehrung. Andererseits hebt der Evangelist gerade die Wahrnehmung des Todes Jesu hervor und stellt die Aussage an eine erzählerisch entscheidende Stelle. Die Formulierung „Wahrhaftig“ verleiht ihr besonderes Gewicht, und der Inhalt stimmt mit der Identität überein, die Markus seinen Lesern von Anfang an vor Augen geführt hat. Deshalb liegt es nahe, in der Aussage einen bedeutenden Augenblick des Erkennens zu sehen, auch wenn Umfang und Tiefe dieses Erkennens offenbleiben. Selbst wenn die Worte von ihrem Sprecher weniger vollständig verstanden worden sein sollten, erschließt sich dem Leser ihre Wahrheit aus dem gesamten Evangelium.

Bemerkenswert ist vor allem, wodurch die Aussage ausgelöst wird. Der Hauptmann sieht Jesus nicht von einem Berg herabsteigen, nicht über das Meer gehen und auch nicht einen Toten auferwecken. Er sieht ihn sterben. Gerade zuvor hatten die religiösen Führer verlangt, Jesus solle vom Kreuz herabsteigen, damit sie sehen und glauben könnten (Markus 15,32). Für sie musste die Wahrheit seines Anspruchs durch eine sichtbare Befreiung bewiesen werden. Der Hauptmann spricht dagegen angesichts des Todes Jesu Worte aus, die seine besondere Beziehung zu Gott anerkennen. Damit entsteht ein eindrucksvoller Gegensatz. Die einen verlangen die Vermeidung des Leidens als Voraussetzung des Glaubens; die Aussage des anderen steht gerade am Ende dieses Leidens. Für den Leser wird dadurch deutlich, dass Jesu wahre Identität nicht gegen das Kreuz ausgespielt werden darf. Sein Sterben ist nicht bloß ein Hindernis, das zuerst überwunden werden müsste, um seine Würde zu erkennen. Es gehört vielmehr zu jener Sendung, in der seine Liebe, sein Gehorsam und seine rettende Selbsthingabe sichtbar werden.

Diese Verbindung zwischen Sohnschaft und Leiden ist bereits im bisherigen Verlauf des Markusevangeliums vorbereitet worden. Nach dem Bekenntnis des Petrus hatte Jesus erstmals ausdrücklich angekündigt, dass der Menschensohn leiden, verworfen, getötet und nach drei Tagen auferstehen müsse (Markus 8,31). Als Petrus ihn davon abbringen wollte, wies Jesus ihn scharf zurecht, weil sein Denken von menschlichen Vorstellungen und nicht von Gottes Willen bestimmt war. Wenig später erklärte Jesus seinen Jüngern, dass wahre Nachfolge mit Selbstverleugnung und der Bereitschaft verbunden sei, um seinetwillen das eigene Leben zu verlieren (Markus 8,34–35). Schließlich stellte er seinen Dienst ausdrücklich unter das Ziel, sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben (Markus 10,45). Die Kreuzigung ist deshalb nicht eine spätere Korrektur seiner eigentlichen Sendung, sondern deren angekündigter Höhepunkt. Der Hauptmann spricht seine bemerkenswerte Aussage genau an jener Stelle aus, an der diese Sendung durch den Tod hindurchgeht.

Zugleich besitzt es eine besondere Bedeutung, dass die Worte von einem Nichtjuden stammen. Während der größte Teil des bisherigen Evangeliums innerhalb des jüdischen Lebens und seiner religiösen Erwartungen spielt, tritt nun ein römischer Soldat als Sprecher einer Aussage über Jesu Sohnschaft hervor. Dadurch wird die Bedeutung Jesu über die Grenzen seines unmittelbaren Volkes hinaus sichtbar. Schon früher hatte Jesus erklärt, dass das Evangelium allen Völkern verkündigt werden müsse (Markus 13,10). Auch seine Begegnungen mit nichtjüdischen Menschen hatten gezeigt, dass Gottes rettendes Handeln nicht auf ethnische Grenzen beschränkt bleibt (Markus 7,24–30). Die Aussage des Hauptmanns ist noch kein vollständiger Bericht über die spätere weltweite Mission. Sie bildet jedoch einen bemerkenswerten erzählerischen Hinweis darauf, dass die Erkenntnis Jesu auch dort aufbrechen kann, wo man sie nach menschlichen Erwartungen kaum vermuten würde.

Dabei darf der Gegensatz nicht in eine pauschale Gegenüberstellung eines ungläubigen jüdischen Volkes und eines gläubigen römischen Volkes verwandelt werden. Die Evangelien berichten von jüdischen Jüngern, jüdischen Frauen, jüdischen Unterstützern und weiteren Menschen aus Israel, die Jesus nachfolgten oder ihm verbunden blieben. Ebenso hatten römische Soldaten Jesus verspottet, misshandelt und gekreuzigt. Die Aussage eines einzelnen Hauptmanns hebt die Verantwortung der beteiligten römischen Staatsgewalt nicht auf. Markus zeigt vielmehr, dass Erkenntnis und Verblendung nicht einfach entlang ethnischer Grenzen verlaufen. Menschen können trotz religiöser Kenntnis Jesu Sendung missverstehen, während ein Außenstehender eine Wahrheit aussprechen kann, die für die gesamte Erzählung entscheidend ist. Die Frage nach dem Glauben wird damit zur Frage, ob ein Mensch Gottes Handeln auch dann erkennt, wenn es seinen eigenen Erwartungen widerspricht.

In diesen drei Versen verdichtet Markus somit die Bedeutung der Kreuzigung auf außergewöhnliche Weise. Jesus stirbt wirklich. Der Vorhang im Heiligtum zerreißt. Ein römischer Hauptmann spricht über den Gekreuzigten Worte aus, die dessen wahre Identität berühren. Diese Ereignisse stehen nicht zufällig nebeneinander, sondern bilden innerhalb des Evangeliums einen zusammenhängenden Höhepunkt. Der Tod Jesu erscheint nicht bloß als Abschluss einer ungerechten Hinrichtung, sondern als entscheidender Wendepunkt im Verhältnis zwischen Gott und den Menschen. Die bisherige Opferordnung findet in seiner Selbsthingabe ihre Erfüllung, der Zugang zu Gottes Gegenwart wird durch Christus eröffnet, und die Wahrheit seiner Sohnschaft tritt gerade dort hervor, wo menschliche Macht ihn endgültig zum Schweigen bringen wollte.

Die Erzählung endet jedoch nicht mit dem Bekenntnis des Hauptmanns. Jesus ist gestorben, und seine Jünger sind im unmittelbaren Geschehen weiterhin nicht als handelnde Gruppe zu sehen. Dennoch hat Markus noch nicht alle Menschen genannt, die den Weg Jesu bis zu seinem Tod begleitet haben. Während die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Soldaten, die religiösen Führer und die spottende Menge gerichtet war, befanden sich auch Frauen in der Nähe, die Jesus bereits seit seiner Wirksamkeit in Galiläa nachgefolgt waren. Ihre Anwesenheit wird nun ausdrücklich hervorgehoben. Damit führt Markus von den außergewöhnlichen Zeichen beim Tod Jesu zu den Menschen, die Zeugen seiner letzten Stunden und später auch der Ereignisse um sein Grab werden.

Markus 15,40–41

Die Frauen als treue Zeuginnen

Nach dem Tod Jesu und dem bemerkenswerten Bekenntnis des römischen Hauptmanns richtet Markus den Blick auf eine Gruppe von Menschen, die bisher in der Kreuzigungserzählung kaum hervorgetreten ist. Er berichtet: „Es sahen aber auch Frauen von ferne zu“ (Markus 15,40). Dieser kurze Satz verändert die Perspektive. Während zuvor vor allem die religiösen Führer, die römischen Soldaten und die spottenden Zuschauer im Mittelpunkt standen, werden nun Menschen sichtbar, die nicht gekommen waren, um Jesus zu verurteilen oder zu verspotten. Sie gehörten zu denen, die ihn während seines öffentlichen Wirkens begleitet hatten. Ihre Anwesenheit zeigt, dass Jesus selbst in den letzten Stunden seines Lebens nicht von allen verlassen war, die ihm nachgefolgt waren. Zwar konnten diese Frauen seine Hinrichtung nicht verhindern, doch sie blieben in der Nähe des Geschehens und beobachteten, was mit ihm geschah.

Markus erwähnt ausdrücklich, dass die Frauen aus der Ferne zusahen. Damit unterscheidet sich ihre Stellung von der des Hauptmanns, der Jesus unmittelbar gegenübergestanden hatte. Wie groß der Abstand tatsächlich war, erfahren wir nicht. Ebenso wenig erklärt der Evangelist, weshalb sie sich nicht näher am Kreuz befanden. Möglicherweise bestimmten die anwesenden Soldaten, die Menschenmenge oder die Bedingungen der Hinrichtung, wie weit sich die Zuschauer nähern durften. Solche Überlegungen sind denkbar, bleiben aber Vermutungen. Die Entfernung allein beweist weder mangelnden Mut noch geringere Liebe zu Jesus. Entscheidend ist, dass Markus ihre Anwesenheit ausdrücklich festhält. Sie hatten den Ort nicht einfach verlassen und besaßen einen Blick auf das Geschehen. In einer Erzählung, die zuvor die Flucht der Jünger und die Verachtung der Umstehenden beschrieben hatte, erhält diese Beobachtung besonderes Gewicht.

Das griechische Wort, das Markus für ihr Zuschauen verwendet, beschreibt ein bewusstes Betrachten oder Beobachten. Es handelt sich nicht nur um eine beiläufige Erwähnung von Menschen, die zufällig in der Umgebung standen. Markus stellt die Frauen als Personen vor, die das Geschehen wahrnehmen. Damit erfüllen sie eine wichtige Aufgabe innerhalb seiner Erzählung. Der Tod Jesu wird nicht nur durch die Aussagen seiner Gegner und durch die Handlungen der Soldaten geschildert. Auch Menschen aus seinem bisherigen Umfeld sind als Beobachterinnen anwesend. Ihre Perspektive wird für den weiteren Verlauf entscheidend werden, weil Markus sie erneut nennen wird, wenn Jesus begraben wird und später die Ereignisse am Grab beginnen.

Unter den anwesenden Frauen nennt Markus drei ausdrücklich beim Namen: Maria Magdalena, Maria, die Mutter des jüngeren Jakobus und des Joses, sowie Salome. Diese genaue Namensnennung ist bemerkenswert. Die Frauen erscheinen nicht lediglich als eine anonyme Gruppe, sondern als erkennbare Personen mit einer eigenen Geschichte in der Nachfolge Jesu. Markus hatte zuvor ausführlich von den zwölf Aposteln berichtet und einzelne von ihnen bei Namen genannt. Jetzt erfahren seine Leser, dass auch Frauen Jesus seit längerer Zeit begleitet hatten. Die drei genannten Frauen stehen dabei stellvertretend für einen größeren Kreis. Vers 41 wird ausdrücklich hinzufügen, dass viele weitere Frauen mit Jesus nach Jerusalem gekommen waren. Seine Nachfolgegemeinschaft war also umfassender, als eine ausschließliche Betrachtung der zwölf Apostel vermuten lassen könnte.

An erster Stelle steht Maria Magdalena. Die Bezeichnung „Magdalena“ verbindet sie mit Magdala, einem Ort am See Genezareth in Galiläa. Sie unterscheidet Maria zugleich von den zahlreichen anderen Frauen, die im Neuen Testament denselben Namen tragen. Markus erzählt an dieser Stelle nichts über ihre Herkunftsfamilie oder ihre frühere Lebensgeschichte. Das Lukasevangelium berichtet jedoch, dass Jesus Maria Magdalena von sieben Dämonen befreit hatte und dass sie anschließend zu den Frauen gehörte, die ihn begleiteten (Lukas 8,2). Diese Befreiung lässt erkennen, dass Jesu Wirken ihr Leben tiefgreifend verändert hatte. Der Evangelienbericht gibt allerdings keinen Anlass, daraus eine bestimmte frühere sexuelle Lebensweise abzuleiten. Die verbreitete Gleichsetzung Maria Magdalenas mit der namentlich nicht genannten sündigen Frau aus Lukas 7,36–50 wird von den Evangelien selbst nicht ausdrücklich vorgenommen. Für das Verständnis ihrer Person ist es deshalb wichtiger, bei dem zu bleiben, was tatsächlich überliefert wird: Jesus hatte sie befreit, sie war ihm nachgefolgt, und nun gehörte sie zu den Frauen, die seine Kreuzigung beobachteten.

Gerade bei Maria Magdalena verbindet sich damit eine bemerkenswerte persönliche Entwicklung. Wer von Jesus aus schwerer Bedrängnis befreit worden war, hatte seine rettende Macht unmittelbar erfahren. Jetzt erlebt Maria, dass derselbe Jesus, der Menschen aus der Macht des Bösen befreite, selbst unter der Gewalt anderer Menschen leidet und stirbt. Markus beschreibt nicht, welche Gedanken sie dabei bewegten. Er sagt nicht, ob sie Jesu Leidensankündigungen in diesem Augenblick verstand oder ob sie noch mit einer unerwarteten Rettung rechnete. Ihre Anwesenheit erlaubt deshalb keine genaue Rekonstruktion ihres inneren Erlebens. Doch sie macht sichtbar, dass ihre Verbindung zu Jesus nicht mit den Tagen seiner öffentlichen Erfolge endete. Sie ist auch dort zu finden, wo von den früheren Machterweisen Jesu äußerlich nichts mehr zu sehen ist.

Die zweite Frau bezeichnet Markus als Maria, die Mutter des jüngeren Jakobus und des Joses. Diese ausführliche Kennzeichnung hilft, sie von Maria Magdalena und anderen Frauen gleichen Namens zu unterscheiden. Bei dem Ausdruck „jüngerer Jakobus“ verdient das zugrunde liegende griechische Wort besondere Aufmerksamkeit. Markus verwendet das Adjektiv mikros, das zunächst „klein“ oder „gering“ bedeuten kann. Je nach Zusammenhang kann es auf Körpergröße, Alter oder eine unterscheidende Bezeichnung hinweisen. Die Übersetzung „der Jüngere“ ist möglich, aber nicht die einzig denkbare Erklärung. Der Evangelist sagt nicht ausdrücklich, worin Jakobus gegenüber einem anderen Jakobus kleiner oder jünger gewesen sein soll. Deshalb lässt sich aus dieser Bezeichnung allein weder seine genaue Altersstellung noch seine Identität unter den anderen Männern namens Jakobus sicher bestimmen.

Diese Vorsicht ist besonders wichtig, weil das Neue Testament mehrere Personen mit dem Namen Jakobus erwähnt. Zu ihnen gehören Jakobus, der Sohn des Zebedäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Jakobus, der als Bruder des Herrn bezeichnet wird. Auch Jesus selbst hatte nach Markus 6,3 Familienangehörige namens Jakobus und Joses. Die Übereinstimmung dieser beiden Namen mit den Söhnen der in Markus 15,40 genannten Maria hat zu unterschiedlichen Identifizierungen geführt. Manche Ausleger haben diese Frau mit Maria, der Mutter Jesu, oder mit anderen Frauen aus seinem Familienkreis gleichgesetzt. Der Text bietet dafür jedoch keinen eindeutigen Nachweis. Gerade weil Markus Maria, die Mutter Jesu, an früherer Stelle bereits kennt, sollte die zweite Maria unter dem Kreuz nicht ohne weitere Begründung mit ihr identifiziert werden. Der Evangelist stellt sie hier durch ihre Söhne vor, ohne ihre Verwandtschaft zu Jesus zu erläutern. Ihre eigene Bedeutung innerhalb des Kreuzigungsberichts hängt auch nicht davon ab, ob sich ihre weiteren Familienbeziehungen vollständig rekonstruieren lassen.

Als dritte Frau nennt Markus Salome. Über sie berichtet er zunächst keine zusätzlichen persönlichen Einzelheiten. Ihr Name erscheint jedoch später erneut unter den Frauen, die nach dem Sabbat zum Grab Jesu gehen (Markus 16,1). Dadurch erhält auch ihre Anwesenheit bei der Kreuzigung eine erkennbare Verbindung zum weiteren Verlauf. Im Matthäusevangelium wird unter den Frauen am Kreuz außerdem die Mutter der Söhne des Zebedäus erwähnt (Matthäus 27,56). Weil die beiden Evangelisten an dieser Stelle jeweils drei Frauen hervorheben und zwei Bezeichnungen deutlich übereinstimmen, wird Salome häufig mit der Mutter von Jakobus und Johannes identifiziert. Diese Gleichsetzung ist möglich und durchaus naheliegend. Markus selbst nennt Salome jedoch nicht ausdrücklich als deren Mutter, und Matthäus nennt an der entsprechenden Stelle ihren Namen nicht. Deshalb sollte eine solche Identifizierung als begründete Möglichkeit und nicht als ausdrücklich überlieferte Tatsache behandelt werden.

Für die Bedeutung der Szene ist diese Unsicherheit nicht entscheidend. Markus nennt Salome als eine Frau, die Jesus bereits seit Galiläa begleitet hatte und nun bei seiner Kreuzigung anwesend ist. Darin liegt ihre eigentliche Rolle. Sie gehört zu den Menschen, deren Verbindung zu Jesus nicht auf einzelne Begegnungen oder kurze Augenblicke beschränkt war. Ihr Name steht neben den Namen der beiden Marias und zeigt, dass mehrere Frauen über einen längeren Zeitraum zum Umfeld Jesu gehörten. Gerade weil Markus ihre früheren Wege nicht ausführlich erzählt hat, fügt er nun eine rückblickende Erklärung hinzu. Damit beantwortet er zugleich eine Frage, die beim Lesen entstehen könnte: Wer waren diese Frauen, und weshalb befanden sie sich bei Jesu Kreuzigung?

Vers 41 erklärt, dass sie Jesus bereits nachgefolgt waren, als er sich in Galiläa aufhielt, und dass sie ihm gedient hatten. Diese Aussage führt zurück in die Zeit, in der Jesus öffentlich lehrte, Kranke heilte und das Reich Gottes verkündigte. Galiläa war nicht nur der Ausgangspunkt seines Wirkens, sondern auch der Ort, an dem sich die ersten Jünger um ihn sammelten. Dort hatte er Simon, Andreas, Jakobus und Johannes zur Nachfolge gerufen (Markus 1,16–20). Von dieser Zeit an waren Menschen mit ihm unterwegs, hörten seine Verkündigung und erlebten sein Handeln. Die Frauen, die jetzt unter dem Kreuz stehen, gehörten ebenfalls zu diesem Kreis. Sie erscheinen deshalb nicht erst am Ende der Geschichte als zufällige Begleiterinnen. Markus eröffnet seinen Lesern rückblickend einen weiteren Einblick in die Gemeinschaft, die Jesu öffentliches Wirken getragen und begleitet hatte.

Besonders bedeutend ist das Wort „nachfolgen“. Im Markusevangelium bezeichnet es häufig mehr als ein bloßes Hinterhergehen. Jesus hatte Menschen ausdrücklich in seine Nachfolge gerufen und damit eine neue Ausrichtung ihres Lebens verlangt. Wer ihm nachfolgte, sollte auf seine Worte hören, seine Sendung ernst nehmen und lernen, das eigene Leben unter Gottes Willen zu stellen (Markus 8,34–35). Die in Vers 41 verwendete Verbform beschreibt die Nachfolge der Frauen als eine wiederholte oder andauernde Tätigkeit während Jesu Wirken in Galiläa. Damit verbindet Markus ihre Anwesenheit am Kreuz mit einer bereits bestehenden Beziehung zu ihm. Es handelt sich nicht um Menschen, die ihn nur aus der Ferne bewundert hatten, solange er allgemein angesehen war. Sie hatten sich tatsächlich seiner Bewegung angeschlossen und waren mit ihm unterwegs gewesen.

Allerdings erläutert Markus nicht, ob alle diese Frauen in jeder Phase dieselben Wege zurückgelegt oder ununterbrochen an sämtlichen Ereignissen teilgenommen hatten. Eine solche vollständige Rekonstruktion ihres gemeinsamen Lebens mit Jesus wäre aus dem knappen Vers nicht möglich. Der Evangelist bezeugt vielmehr die grundsätzliche Tatsache ihrer Nachfolge. Das ist bereits eine wichtige Information, denn es zeigt, dass die Gemeinschaft Jesu nicht ausschließlich aus den zwölf besonders berufenen Aposteln bestand. Die Zwölf hatten innerhalb seiner Sendung eine besondere Aufgabe erhalten, doch sie waren nicht die einzigen Menschen, die seine Lehre hörten, ihm vertrauten und seinen Weg begleiteten. Die Frauen aus Galiläa gehören ebenfalls zur Geschichte seiner öffentlichen Wirksamkeit.

Markus ergänzt, dass diese Frauen Jesus gedient hatten. Das hierfür verwendete griechische Verb diakoneō bezeichnet einen Dienst, der sich in konkreter Hilfe und Unterstützung ausdrücken kann. Der Begriff ist nicht auf eine bestimmte einzelne Tätigkeit beschränkt. Er kann praktische Versorgung, persönliche Unterstützung oder andere Formen hilfreichen Handelns umfassen. Lukas 8,2–3 berichtet ergänzend, dass mehrere Frauen Jesus und seine Begleiter mit ihren eigenen Mitteln unterstützten. Das macht deutlich, dass ihr Beitrag auch eine materielle und organisatorische Seite besitzen konnte. Markus selbst erklärt jedoch nicht, welche der genannten Frauen bestimmte Aufgaben übernahm oder welche Mittel sie zur Verfügung stellte. Deshalb sollte ihre Tätigkeit nicht ohne Grundlage auf das Zubereiten von Mahlzeiten oder andere einzelne Arbeiten reduziert werden. Der Text betont ihren wirklichen Beitrag zum Dienst Jesu, ohne dessen genaue Form vollständig zu beschreiben.

Gerade dieser Dienst besitzt im Markusevangelium eine tiefere Bedeutung. Jesus hatte seinen Jüngern ausdrücklich erklärt, dass Größe im Reich Gottes nicht durch die Beherrschung anderer Menschen entsteht, sondern durch die Bereitschaft zu dienen. Wer unter ihnen groß sein wollte, sollte ihr Diener sein (Markus 10,42–44). Unmittelbar anschließend begründete Jesus diese neue Ordnung mit seiner eigenen Sendung: Auch der Menschensohn sei nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben (Markus 10,45). Wenn Markus nun die Frauen als Menschen beschreibt, die Jesus nachfolgten und ihm dienten, verwendet er damit eine Sprache, die zu diesem grundlegenden Verständnis von Nachfolge passt. Ihr Dienst ist kein nebensächlicher Zusatz zu den angeblich wichtigeren Aufgaben anderer Jünger. Er gehört zu jener Haltung, die Jesus selbst als Kennzeichen wahrer Größe bezeichnet hatte.

Dabei darf der Unterschied zwischen Jesu einzigartiger Selbsthingabe und dem Dienst seiner Nachfolger nicht verwischt werden. Nur Jesus gibt sein Leben als Lösegeld für viele. Die Frauen erfüllen diese Erlösungsaufgabe nicht an seiner Stelle. Doch ihre Bereitschaft, ihm mit ihren Möglichkeiten zu dienen, entspricht dem von ihm gelehrten Grundsatz, dass Liebe sich in konkretem Handeln zeigt. Während die Jünger zuvor darüber gestritten hatten, wer unter ihnen die höchste Stellung erhalten sollte, beschreibt Markus hier Menschen, die bereits über längere Zeit hinweg im Dienst Jesu standen. Der Evangelist verbindet ihre Nachfolge mit praktischer Unterstützung, ohne dabei ihre Tätigkeit durch Titel, Rangordnungen oder besondere Ehrenstellungen aufzuwerten. Ihre Bedeutung erwächst aus ihrer tatsächlichen Treue zu Jesus und der Bereitschaft, an seiner Sendung Anteil zu nehmen.

Besonders auffällig wird dies im Vergleich zum Verhalten der Jünger während der Gefangennahme. Markus hatte berichtet, dass sie Jesus alle verließen und flohen (Markus 14,50). Die Männer, die zuvor ihre besondere Treue beteuert hatten, waren der unmittelbaren Gefahr nicht gewachsen gewesen. Petrus hatte sogar dreimal geleugnet, Jesus zu kennen, bevor er sich an dessen Worte erinnerte und bitterlich weinte (Markus 14,66–72). Vor diesem Hintergrund erhält die Anwesenheit der Frauen unter dem Kreuz besonderes Gewicht. Sie stehen nicht im Mittelpunkt einer öffentlichen Machtdemonstration, und Markus überliefert kein mutiges Wort, mit dem sie die Soldaten herausgefordert hätten. Dennoch sind sie dort. Ihre Treue zeigt sich zunächst nicht in großen Erklärungen oder außergewöhnlichen Taten, sondern darin, dass ihre Verbindung zu Jesus auch in der Stunde seiner äußersten Erniedrigung bestehen bleibt.

Dieser Gegensatz sollte allerdings nicht dazu benutzt werden, sämtliche männlichen Jünger pauschal als endgültig untreu oder sämtliche Frauen als ausnahmslos vorbildlich zu bezeichnen. Markus erzählt die Geschichte konkreter Menschen in unterschiedlichen Situationen. Die Flucht der Jünger ist ausdrücklich berichtet, doch der Evangelist wird später auch ihre weitere Beziehung zum auferstandenen Jesus in den Blick nehmen. Ebenso bedeutet die Anwesenheit der Frauen nicht, dass sie alle Zusammenhänge von Jesu Leiden bereits verstanden hätten. Markus schreibt ihnen an dieser Stelle kein vollständiges theologisches Verständnis seines Todes zu. Ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, dass sie trotz der furchtbaren Ereignisse am Ort des Geschehens bleiben und beobachten. Treue muss nicht immer von umfassender Erkenntnis begleitet sein. Ein Mensch kann Jesus verbunden bleiben, obwohl er noch nicht versteht, wie Gottes Verheißungen durch einen scheinbar gescheiterten Weg erfüllt werden sollen.

Gerade darin unterscheidet sich die Haltung der Frauen von derjenigen der Menschen, die zuvor ein Zeichen gefordert hatten. Die religiösen Führer hatten verlangt, Jesus solle vom Kreuz herabsteigen, damit sie sehen und glauben könnten (Markus 15,32). Sie wollten ihre Anerkennung von einer außergewöhnlichen Befreiung abhängig machen. Die Frauen dagegen stehen in einer bereits bestehenden Beziehung zu Jesus, die nicht erst durch ein neues Wunder begründet werden muss. Markus sagt zwar nicht, welche Hoffnung sie in diesem Augenblick besaßen. Doch ihre Anwesenheit macht deutlich, dass ihre Nachfolge nicht unmittelbar mit dem Ende seiner öffentlichen Machterweise abbricht. Derjenige, dem sie in Galiläa gedient hatten, ist nun ein Gekreuzigter. Gerade diese erniedrigende Wirklichkeit wird zum Prüfstein ihrer Verbundenheit.

Neben den drei namentlich genannten Frauen erwähnt Markus ausdrücklich „viele andere, die mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren“ (Markus 15,41). Diese Formulierung erweitert den Blick noch einmal. Der Kreis der weiblichen Nachfolger war offenbar größer, als die drei Namen zunächst vermuten lassen. Die Reise nach Jerusalem verband sie mit dem letzten Weg Jesu aus Galiläa in die Stadt, in der er leiden und sterben sollte. Markus macht keine Angaben darüber, wie viele Frauen es waren, ob sie gemeinsam unterwegs gewesen waren oder welche persönlichen Gründe jede einzelne zur Teilnahme an dieser Reise bewegt hatten. Dennoch ist ihre Anwesenheit von Bedeutung. Jesus war nicht nur von einigen wenigen vertrauten Männern begleitet worden. Auch Frauen hatten sich auf den Weg gemacht und waren bis nach Jerusalem gekommen.

Das Hinaufziehen nach Jerusalem besitzt im biblischen Sprachgebrauch zugleich einen geografischen und einen religiösen Hintergrund. Jerusalem lag auf einer Anhöhe, sodass Reisende tatsächlich zur Stadt hinaufzogen. Zugleich war Jerusalem der Ort des Tempels und das Ziel der großen Wallfahrtsfeste Israels. In der Passahzeit kamen viele Menschen dorthin, um Gottes frühere Befreiungstaten zu gedenken. Die Frauen begleiteten Jesus also in eine Stadt, die für ihr Volk eine herausragende Bedeutung besaß. Doch die Ereignisse entwickelten sich anders, als viele Menschen es von einem messianischen Auftreten erwarten mochten. Aus dem Weg nach Jerusalem wurde für Jesus der Weg zur Verurteilung und Kreuzigung. Dass die Frauen nun am Ende dieser Reise noch immer in seiner Nähe sind, verbindet die Anfänge seines Wirkens in Galiläa mit seinem Tod in Jerusalem.

Auch innerhalb der früheren Erzählungen des Markus haben Frauen bereits eine wichtige Rolle gespielt. Die Schwiegermutter des Petrus begann nach ihrer Heilung zu dienen (Markus 1,29–31). Eine Frau, die seit vielen Jahren an einer Blutung gelitten hatte, kam im Vertrauen auf Jesu heilende Macht zu ihm und wurde von ihm ausdrücklich in ihrem Glauben bestätigt (Markus 5,25–34). Eine nichtjüdische Mutter trat beharrlich für ihre leidende Tochter ein und erhielt Jesu Hilfe (Markus 7,24–30). Eine arme Witwe wurde von Jesus als Beispiel aufrichtiger Hingabe hervorgehoben, obwohl ihre Gabe nach menschlichen Maßstäben gering erschien (Markus 12,41–44). Schließlich hatte eine Frau Jesus kurz vor seinem Leiden gesalbt, und er hatte ihre Handlung gegen die Kritik anderer verteidigt (Markus 14,3–9). Diese Begegnungen zeigen, dass Frauen innerhalb des Evangeliums keineswegs nur im Hintergrund erscheinen. Sie werden als Menschen mit eigenem Glauben, eigener Not, eigener Entschlossenheit und eigener Bereitschaft zum Dienst beschrieben.

Die Frauen unter dem Kreuz gehören jedoch zu einer anderen erzählerischen Kategorie als viele dieser zuvor genannten Personen. Bei den früheren Begegnungen schildert Markus meist ein einzelnes Ereignis, in dem eine Frau Jesus begegnet oder von ihm Hilfe erhält. In Markus 15,40–41 erfahren wir dagegen ausdrücklich von einer längeren Nachfolgegeschichte. Die Frauen hatten Jesus bereits in Galiläa begleitet, ihm gedient und waren mit ihm bis nach Jerusalem gekommen. Damit treten sie nicht nur als Empfängerinnen göttlicher Hilfe hervor, sondern als Menschen, die an der Ausbreitung seiner Sendung durch ihre Gegenwart und Unterstützung beteiligt waren. Ihre Geschichte war während der bisherigen Erzählung weitgehend im Hintergrund geblieben, wird aber an einem entscheidenden Punkt ausdrücklich sichtbar.

In diesem Zusammenhang erhält auch eine frühere Aussage Jesu neue Bedeutung. Als Menschen ihm mitteilten, dass seine Mutter und seine Brüder nach ihm suchten, erklärte er, dass diejenigen, die den Willen Gottes tun, für ihn wie Bruder, Schwester und Mutter seien (Markus 3,31–35). Damit lehnte Jesus seine Familie nicht einfach ab, sondern machte deutlich, dass die Zugehörigkeit zu seiner Gemeinschaft durch die Beziehung zu Gottes Willen bestimmt wird und nicht allein durch Abstammung. Die Frauen, die ihm nachgefolgt waren und ihm gedient hatten, gehören zu jenem weiteren Kreis von Menschen, deren Leben durch die Verbindung zu Jesus eine neue Ausrichtung erhalten hatte. Ihre Anwesenheit unter dem Kreuz zeigt, dass diese Gemeinschaft auch Menschen umfasst, die in den bisherigen Erzählungen nicht zu den besonders hervorgehobenen Führungsgestalten gehörten.

Die namentliche Erwähnung der Frauen ist zudem für die Glaubwürdigkeit und den inneren Zusammenhang der folgenden Ereignisse wichtig. Markus schildert die Kreuzigung nicht als ein abgeschlossenes Geschehen, nach dem die Geschichte Jesu ohne erkennbare Verbindung plötzlich am Grab weitergeht. Vielmehr führt er bestimmte Personen durch die entscheidenden Stationen hindurch. Maria Magdalena und die andere Maria werden später beobachten, wo Josef von Arimathäa den Leib Jesu niederlegt (Markus 15,47). Nach dem Sabbat werden Maria Magdalena, Maria und Salome erneut im Zusammenhang mit dem Grab erscheinen (Markus 16,1). Damit verbindet der Evangelist den Tod Jesu, seine Grablegung und die folgenden Ereignisse durch wiederkehrende Namen und Beobachtungen. Diese Kontinuität besitzt eine besondere Bedeutung, weil das Grab nicht als ein unbekannter oder zufällig aufgesuchter Ort vorgestellt wird. Die Frauen, die Jesu Tod miterlebt haben, bleiben auch mit dem Wissen um seine Bestattung verbunden.

Dabei ist zwischen der erzählerischen Zeugenschaft und einer über den Text hinausgehenden historischen Behauptung zu unterscheiden. Markus stellt die Frauen ausdrücklich als Beobachterinnen der Kreuzigung vor. Später berichtet er, dass bestimmte Frauen den Ort der Grablegung wahrnehmen. Das sind konkrete Angaben seines Evangeliums. Er schildert aber an dieser Stelle weder ein förmliches Gerichtszeugnis noch eine ausführliche spätere Befragung der Frauen. Ebenso wenig erfahren wir, welche Einzelheiten jede von ihnen aus ihrer Entfernung tatsächlich sehen oder hören konnte. Die Bedeutung ihres Zeugnisses wird dadurch nicht aufgehoben. Sie liegt zunächst darin, dass Markus die Geschehnisse um Jesu Tod nicht losgelöst von identifizierbaren Personen erzählt. Seine Darstellung verbindet den Weg Jesu mit Menschen, die über längere Zeit hinweg zu seinem Umfeld gehörten.

Dass ausgerechnet Frauen diese wichtige Stellung innerhalb des Berichts erhalten, verdient besondere Aufmerksamkeit. In vielen gesellschaftlichen Bereichen der antiken Welt besaßen Männer größere rechtliche, politische und öffentliche Handlungsmöglichkeiten als Frauen. Das galt allerdings nicht in jeder Situation und in jeder Gemeinschaft auf genau dieselbe Weise. Eine pauschale Aussage, Frauen hätten in der Antike grundsätzlich keinerlei Zeugnis ablegen dürfen, wäre historisch zu undifferenziert. Markus macht aus ihrer gesellschaftlichen Stellung auch keine ausdrückliche rechtliche Beweisführung. Dennoch ist es bemerkenswert, dass er die Namen dieser Frauen bewahrt und ihre Anwesenheit an den entscheidenden Stationen der Leidensgeschichte hervorhebt. Ihre Bedeutung hängt nicht von einer öffentlich anerkannten Amtsstellung ab, sondern von ihrer tatsächlichen Verbindung zu Jesus und ihrer Wahrnehmung der Ereignisse.

Die Szene macht damit eine grundlegende Wahrheit über Nachfolge sichtbar, ohne sie in ein abstraktes Lehrstück zu verwandeln. Der Dienst für Jesus besteht nicht ausschließlich aus öffentlicher Verkündigung, außergewöhnlichen Taten oder einer hervorgehobenen Stellung innerhalb der Gemeinschaft. Er kann sich ebenso in beständiger Unterstützung, gemeinsamer Weggemeinschaft und treuer Gegenwart ausdrücken. Die Frauen hatten Jesus während seines Wirkens gedient, als zahlreiche Menschen zu ihm kamen und seine Wunder bewunderten. Nun bleiben sie in der Nähe, obwohl sein Weg zum Kreuz geführt hat. Gerade der Wechsel zwischen diesen beiden Situationen verleiht ihrer Geschichte Gewicht. Ihre Verbundenheit mit ihm ist nicht nur an die Stunden seines sichtbaren Erfolgs gebunden.

Das bedeutet nicht, dass ihre Treue die Erlösung bewirkt oder dass ihre Anwesenheit das Leiden Jesu verringern konnte. Sie konnten den Tod Jesu nicht verhindern und auch nicht an seiner Stelle den Weg des Kreuzes gehen. Doch Markus zeigt, dass menschliche Ohnmacht nicht mit Bedeutungslosigkeit gleichgesetzt werden darf. Ein Mensch kann in einer Situation stehen, in der ihm kaum eine Handlungsmöglichkeit bleibt, und dennoch durch seine Gegenwart und seine Treue etwas Wesentliches zum Ausdruck bringen. Die Frauen konnten die Entscheidungen des Pilatus nicht rückgängig machen, die Soldaten nicht aufhalten und den Gekreuzigten nicht befreien. Aber sie waren da und sahen, was geschah. Gerade diese Beobachtung wird im weiteren Verlauf der Erzählung eine Bedeutung erhalten, die in diesem Augenblick noch nicht vollständig erkennbar ist.

So endet der Bericht über Jesu Kreuzigung nicht mit den Stimmen seiner Gegner. Nach der Verurteilung, der Verspottung, der Finsternis und dem Tod treten Menschen hervor, deren Namen mit dem weiteren Weg der Geschichte verbunden bleiben. Markus erinnert daran, dass Jesus in Galiläa nicht nur Menschen gerufen hatte, die später als Apostel bekannt wurden, sondern dass auch viele Frauen seinem Ruf gefolgt waren und ihm gedient hatten. Nun stehen einige von ihnen als Beobachterinnen seines Todes am Beginn einer neuen, zunächst noch verborgenen Entwicklung. Der Gekreuzigte ist gestorben, doch die Verbindung zwischen seiner bisherigen Nachfolgegemeinschaft und den folgenden Ereignissen ist nicht abgerissen.

Damit bereitet Markus zugleich den Übergang zur Grablegung vor. Nachdem der Tod Jesu eingetreten ist, muss entschieden werden, was mit seinem Leib geschieht. Die Zeit bis zum Beginn des Sabbats ist begrenzt, und ein Mann aus dem Hohen Rat wird den Mut aufbringen, Pilatus um den Leichnam Jesu zu bitten. Während Josef von Arimathäa die notwendigen Schritte für die Bestattung unternimmt, werden zwei der Frauen aufmerksam verfolgen, wo Jesus hingelegt wird. Die Frauen unter dem Kreuz sind deshalb nicht nur ein abschließender Hinweis auf vergangene Treue. Sie verbinden die Kreuzigung mit dem Begräbnis und bereiten den Leser darauf vor, weshalb die Ereignisse am Grab in der folgenden Erzählung von so großer Bedeutung sein werden.

Markus 15,42–47

Josef von Arimathäa und die Grablegung vor dem Sabbat

Nachdem Jesus am Kreuz gestorben ist, richtet Markus den Blick auf die Frage, was mit seinem Leichnam geschehen wird. Die Hinrichtung ist abgeschlossen, doch der Tag neigt sich bereits seinem Ende zu. Der Evangelist hebt diesen Zeitpunkt ausdrücklich hervor: „Und da es schon Abend geworden (es war nämlich Rüsttag, das ist der Tag vor dem Sabbat)“ (Markus 15,42). Diese Zeitangabe ist für das Verständnis der folgenden Ereignisse entscheidend. Jesus war nach der Darstellung des Markus um die neunte Stunde, also ungefähr gegen drei Uhr nachmittags, gestorben. Nun bleibt nur noch ein begrenzter Zeitraum, um seine Bestattung vorzubereiten und durchzuführen. Denn mit dem Sonnenuntergang würde der Sabbat beginnen. Markus erzählt die Grablegung deshalb nicht als eine Handlung, für die beliebig viel Zeit zur Verfügung steht. Sie geschieht unter dem unmittelbaren Druck des herannahenden heiligen Tages.

Der Begriff „Rüsttag“ bezeichnet den Tag, an dem die notwendigen Vorbereitungen für den Sabbat getroffen wurden. Im Zusammenhang der gewöhnlichen jüdischen Wochenordnung handelt es sich um den Freitag, den sechsten Wochentag. Der folgende Sabbat begann nach der damals üblichen jüdischen Zeitrechnung mit dem Sonnenuntergang und dauerte bis zum nächsten Abend. Markus erklärt ausdrücklich, dass der Rüsttag der Tag vor dem Sabbat ist, damit auch Leser, die mit dieser jüdischen Bezeichnung nicht vertraut waren, den zeitlichen Zusammenhang verstehen können. Wenn er schreibt, dass es bereits Abend geworden sei, ist damit im unmittelbaren Zusammenhang die späte Tageszeit vor dem eigentlichen Sabbatbeginn gemeint. Die Bestattung muss noch möglich gewesen sein, bevor der neue Tag begann. Es wäre deshalb falsch, die Formulierung einfach nach unserer heutigen Mitternachtsrechnung zu verstehen und anzunehmen, der Sabbat habe erst viele Stunden später begonnen.

Die Dringlichkeit der Bestattung hatte jedoch nicht nur mit dem herannahenden Sabbat zu tun. Nach 5. Mose 21,22–23 sollte der Leichnam eines Hingerichteten, der an einem Holz aufgehängt worden war, nicht über Nacht hängen bleiben, sondern noch am selben Tag begraben werden. Hinter dieser Vorschrift stand die Sorge, dass das Land durch den Umgang mit einem unter dem Gericht stehenden Toten nicht verunreinigt werden sollte. Die römische Kreuzigung war zwar nicht mit jeder Einzelheit der alttestamentlichen Hinrichtungsordnung identisch, doch die Anweisung zur rechtzeitigen Bestattung bildete für jüdische Menschen einen wichtigen religiösen Hintergrund. Zugleich war die tatsächliche Behandlung gekreuzigter Menschen unter römischer Herrschaft nicht überall gleich. Manche Leichname blieben öffentlich hängen, während in anderen Fällen eine Bestattung gestattet wurde. Ob ein Verurteilter seinen Angehörigen oder anderen Personen übergeben wurde, konnte von den örtlichen Umständen und der Entscheidung der zuständigen Obrigkeit abhängen. Deshalb konnte niemand einfach voraussetzen, dass Jesu Leichnam ohne Weiteres zur Bestattung freigegeben würde.

In dieser Situation tritt Josef von Arimathäa hervor. Markus bezeichnet ihn als einen angesehenen Ratsherrn, der selbst auf das Reich Gottes wartete (Markus 15,43). Mit dieser Beschreibung stellt er einen Mann vor, der innerhalb der jüdischen Gesellschaft eine hervorgehobene Stellung besaß. Als Mitglied des Hohen Rates gehörte Josef zu jener Führungsschicht, deren Vertreter im Verlauf der Passion Jesu eine entscheidende Rolle gespielt hatten. Der Hohe Rat hatte Jesus verhört, ihn des Todes schuldig gesprochen und anschließend Pilatus übergeben. Gerade deshalb ist es bemerkenswert, dass nun ein Mann aus diesem Umfeld dafür sorgt, dass der Gekreuzigte begraben werden kann. Markus zeigt damit, dass die Haltung gegenüber Jesus selbst innerhalb der religiösen Führung nicht vollständig einheitlich war.

Dabei muss sorgfältig zwischen den Angaben der Evangelien unterschieden werden. Markus erzählt nicht ausdrücklich, wie Josef sich während des nächtlichen Verhörs verhalten hatte oder ob er an jeder einzelnen Beratung beteiligt gewesen war. Lukas ergänzt jedoch, dass Josef ein guter und gerechter Mann gewesen sei, der dem Beschluss und dem Vorgehen der anderen nicht zugestimmt hatte (Lukas 23,50–51). Diese zusätzliche Information macht verständlich, weshalb Josef trotz seiner Zugehörigkeit zum Hohen Rat nicht einfach mit den Gegnern Jesu gleichgesetzt werden darf. Seine Stellung als Ratsmitglied beschreibt seine gesellschaftliche Verantwortung, entscheidet aber noch nicht über seine persönliche Haltung. Gerade in einer Erzählung, in der mehrere religiöse Führer ihre Macht gegen Jesus eingesetzt haben, wird nun sichtbar, dass ein anderer Mann aus demselben gesellschaftlichen Bereich einen entgegengesetzten Weg einschlägt.

Markus hebt außerdem hervor, dass Josef auf das Reich Gottes wartete. Diese Bemerkung verbindet ihn mit einem Grundgedanken der Verkündigung Jesu. Schon zu Beginn seines öffentlichen Wirkens hatte Jesus erklärt: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Tut Buße und glaubet an das Evangelium!“ (Markus 1,15). Im Verlauf seines Dienstes hatte er immer wieder beschrieben, wie Gottes Herrschaft in das Leben der Menschen hineinwirkt und wie sie sich von menschlichen Vorstellungen politischer oder religiöser Macht unterscheidet. Wenn Markus nun ausdrücklich erwähnt, dass Josef auf dieses Reich wartete, erscheint seine Handlung nicht als bloße Erfüllung einer gesellschaftlichen Pflicht. Sie steht im Zusammenhang einer ernsthaften Hoffnung auf Gottes kommendes Handeln. Josef erwartete die Verwirklichung jener göttlichen Herrschaft, die für Israel mit den Verheißungen der Schrift verbunden war.

Gerade der Zeitpunkt macht diese Hoffnung besonders bemerkenswert. Jesus, der das nahe Reich Gottes verkündigt hatte, ist gestorben. Die religiösen Führer haben ihn verworfen, und die römische Staatsgewalt hat ihn als vermeintlichen König gekreuzigt. Äußerlich scheint damit alles gegen die Hoffnung auf Gottes kommendes Reich zu sprechen. Trotzdem tritt Josef hervor und bemüht sich um eine würdige Bestattung Jesu. Markus erklärt nicht, ob Josef in diesem Augenblick bereits mit dessen Auferstehung rechnete. Es wäre deshalb zu weitgehend, ihm ein vollständig entwickeltes Verständnis von Jesu Tod und Auferstehung zuzuschreiben. Ebenso wenig beschreibt der Evangelist seine inneren Gefühle oder mögliche Zweifel. Was wir erfahren, ist seine Erwartung des Gottesreiches und seine konkrete Entscheidung, für den Leichnam Jesu Verantwortung zu übernehmen. Gerade diese Verbindung von Hoffnung und Handeln gibt seinem Auftreten Bedeutung.

Der Evangelist betont ausdrücklich, dass Josef es wagte, zu Pilatus hineinzugehen und um den Leib Jesu zu bitten. Das Wort „wagte“ zeigt, dass seine Handlung nicht als belanglose Formalität verstanden werden soll. Josef tritt vor denselben römischen Statthalter, der die Kreuzigung Jesu angeordnet hat, und bittet um den Leichnam eines Mannes, der als politisch verdächtiger König hingerichtet worden ist. Damit macht er seine Verbindung zu Jesus zumindest in dieser Angelegenheit öffentlich sichtbar. Er kann nicht sicher wissen, wie Pilatus auf sein Gesuch reagieren wird. Auch innerhalb seines eigenen gesellschaftlichen Umfeldes könnte die Fürsorge für den Verurteilten Fragen auslösen. Markus beschreibt keine konkreten Drohungen gegen Josef; solche Einzelheiten sollten deshalb nicht erfunden werden. Dass seine Entscheidung Mut erforderte, sagt der Evangelist jedoch ausdrücklich.

Darin zeigt sich ein wichtiger Unterschied zwischen gesellschaftlicher Stellung und persönlicher Treue. Josef besitzt Ansehen, aber dieses Ansehen garantiert nicht, dass er in einer schwierigen Situation das Richtige tun wird. Seine Stellung könnte ihn ebenso dazu verleiten, jede Verbindung zu einem öffentlich Verurteilten zu vermeiden. Stattdessen nutzt er seinen Zugang zum Statthalter, um für den Leichnam Jesu einzutreten. Gerade dadurch bekommt seine gesellschaftliche Stellung eine neue Bedeutung. Sie dient nicht dazu, einen bereits Verurteilten noch weiter zu erniedrigen, sondern ermöglicht ihm, einem Menschen Würde zu erweisen, den andere öffentlich verachtet haben. Josef kann Jesu Tod nicht verhindern und das vorausgegangene Unrecht nicht rückgängig machen. Doch er tut das, was ihm in der gegenwärtigen Situation noch möglich ist.

Auch hier bieten die anderen Evangelien ergänzende Informationen. Matthäus bezeichnet Josef als einen reichen Mann, der ein Jünger Jesu geworden war (Matthäus 27,57). Johannes berichtet, dass Josef aus Furcht vor den religiösen Führern nur heimlich zu den Jüngern gehört hatte (Johannes 19,38). Markus nennt diese Einzelheiten nicht. Er stellt Josef vielmehr als angesehenes Ratsmitglied vor, das auf Gottes Reich wartet und nun mutig handelt. Dadurch liegt der Schwerpunkt seiner Darstellung auf dem gegenwärtigen Entschluss. Was bisher im Verborgenen geblieben sein mag, wird durch die Bitte um den Leichnam zu einer sichtbaren Handlung. Der Mann, dessen gesellschaftliche Stellung ihn zur Zurückhaltung hätte bewegen können, setzt sich nun für Jesus ein, als dieser äußerlich keine Macht und keinen Einfluss mehr besitzt.

Pilatus reagiert auf das Gesuch zunächst mit Erstaunen. Markus berichtet, dass der Statthalter sich wundert, weil Jesus bereits gestorben sein soll (Markus 15,44). Diese Reaktion ist verständlich, denn eine Kreuzigung konnte sich über einen längeren Zeitraum hinziehen. Der Tod trat nicht notwendigerweise schon nach wenigen Stunden ein. Deshalb war die Nachricht für Pilatus offenbar unerwartet. Er gibt den Leichnam auch nicht sofort frei, sondern lässt zunächst den zuständigen Hauptmann rufen und fragt ihn, ob Jesus schon längere Zeit tot sei. Damit überprüft er die Meldung, bevor er die Erlaubnis zur Bestattung erteilt.

Diese Einzelheit ist für das Verständnis des Kreuzigungsberichts besonders wichtig. Markus hatte bereits ausdrücklich berichtet, dass Jesus mit einem lauten Schrei starb (Markus 15,37). Nun wird sein Tod zusätzlich durch den römischen Hauptmann bestätigt. Der Evangelist beschreibt also nicht nur die Wahrnehmung einer trauernden Person aus Jesu Umfeld, sondern berichtet von einer Überprüfung durch die mit der Hinrichtung betraute militärische Seite. Der Hauptmann hatte dem Sterben Jesu unmittelbar gegenübergestanden und anschließend seine bemerkenswerte Aussage über dessen Sohnschaft ausgesprochen (Markus 15,39). Jetzt wird er erneut erwähnt, diesmal im Zusammenhang mit der Feststellung des tatsächlichen Todes. Seine Beobachtung erhält damit eine zweite Funktion innerhalb der Erzählung. Er ist nicht nur Zeuge der Art und Weise, wie Jesus stirbt, sondern liefert dem Statthalter auch die notwendige Bestätigung, dass die Hinrichtung beendet ist.

Das bedeutet nicht, dass Markus einen modernen medizinischen Untersuchungsbericht vorlegt. Er nennt keine einzelnen körperlichen Merkmale, anhand deren der Hauptmann den Tod feststellte, und schildert auch keine besondere Untersuchung des Leichnams. Dennoch ist die Aussage des Evangelisten eindeutig. Pilatus erkundigt sich, erhält die Bestätigung und gibt daraufhin den Leichnam frei. Eine Deutung, nach der Jesus lediglich bewusstlos gewesen sei und später aus eigener körperlicher Kraft das Grab verlassen habe, widerspricht damit dem dargestellten Geschehen. Markus erzählt ausdrücklich von Jesu Tod, von dessen Bestätigung durch den zuständigen Offizier und von der anschließenden Bestattung. Dass Johannes zusätzlich von einem Soldaten berichtet, der Jesu Seite mit einem Speer durchstach (Johannes 19,34), gehört zu dessen ausführlicherer Darstellung. Markus selbst erwähnt diese Handlung nicht, sodass sie nicht als Bestandteil seines eigenen Berichts ausgegeben werden sollte.

Nachdem Pilatus die Auskunft des Hauptmanns erhalten hat, überlässt er Josef den Leichnam. Die Schlachter 1951 formuliert: „schenkte er dem Joseph den Leichnam“ (Markus 15,45). Das zugrunde liegende griechische Wort kann eine Gewährung oder ein Zugeständnis ausdrücken. Entscheidend ist, dass Pilatus Josefs Bitte stattgibt und ihm die Verfügung über den Leichnam zur Bestattung ermöglicht. Daraus folgt nicht, dass der Statthalter seine frühere Entscheidung bereute oder nun zu einem Anhänger Jesu geworden wäre. Markus berichtet keinerlei solche innere Umkehr. Pilatus hatte zuvor den Forderungen der aufgewiegelten Volksmenge nachgegeben und Jesus zur Kreuzigung überliefert. Jetzt stimmt er einer Bestattung zu. Beides sind unterschiedliche Entscheidungen desselben Mannes, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen.

Mit der Freigabe des Leichnams beginnt Josef unverzüglich zu handeln. Markus berichtet, dass er Leinwand kauft, Jesus vom Kreuz herabnimmt und ihn in das Tuch wickelt (Markus 15,46). Die Schilderung bleibt schlicht und konzentriert sich auf die notwendigen Schritte. Zunächst muss Josef ein geeignetes Leinentuch beschaffen. Dann wird der Leichnam vom Kreuz genommen und für die Bestattung vorbereitet. Markus erwähnt keine aufwendige Trauerzeremonie und auch keine größeren öffentlichen Ehrenbekundungen. Gerade die Einfachheit der Handlung ist jedoch bedeutsam. Demjenigen, der zuvor gegeißelt, verspottet und öffentlich hingerichtet worden war, wird nun eine würdige Behandlung zuteil. Sein Leib bleibt nicht schutzlos an der Hinrichtungsstätte zurück, sondern wird von einem Menschen übernommen, der bereit ist, sich um seine Bestattung zu kümmern.

Dabei erhält die körperliche Wirklichkeit des Todes Jesu noch einmal besonderes Gewicht. Es wird nicht lediglich eine Erinnerung an ihn bewahrt oder ein symbolischer Abschied vollzogen. Josef nimmt den wirklichen Leichnam Jesu vom Kreuz. Derselbe Jesus, der durch Galiläa gewandert war, die Menschen gelehrt, Kranke berührt und mit seinen Jüngern das Passahmahl gefeiert hatte, liegt nun leblos in den Händen dessen, der ihn bestattet. Die Menschwerdung des Sohnes Gottes war keine nur äußerliche Erscheinung. Nach Johannes 1,14 wurde das Wort wirklich Fleisch. Hebräer 2,14 erklärt, dass Christus an Fleisch und Blut Anteil nahm, um durch seinen Tod die Macht des Todes zu überwinden. Die Grablegung macht diese Wirklichkeit besonders anschaulich. Jesus hat nicht nur menschliche Gefühle und Schmerzen erfahren, sondern ist tatsächlich gestorben und wird nun wie ein verstorbener Mensch begraben.

Wie umfangreich die Bestattungsvorbereitungen in der verbleibenden Zeit waren, lässt sich aus Markus nicht vollständig rekonstruieren. Er berichtet ausdrücklich von dem gekauften Leinentuch und dem Einwickeln des Leichnams. Johannes erwähnt zusätzlich Nikodemus und eine größere Menge wohlriechender Stoffe, die bei der Bestattung verwendet wurden (Johannes 19,39–40). Lukas berichtet, dass die Frauen nach ihrer Rückkehr wohlriechende Gewürze und Salben vorbereiteten und anschließend am Sabbat nach dem Gebot ruhten (Lukas 23,55–56). Markus selbst wird erst im folgenden Kapitel davon berichten, dass die Frauen nach dem Sabbat Spezereien kauften, um Jesus zu salben (Markus 16,1). Diese Angaben zeigen, dass die Evangelisten unterschiedliche Einzelheiten überliefern. Für Markus 15 bleibt festzuhalten, dass Josef den Leichnam zunächst in Leinwand wickelt und begräbt. Eine vollständige spätere Behandlung des Leichnams wird in diesem Abschnitt nicht beschrieben.

Josef legt Jesus in eine Gruft, die in einen Felsen gehauen ist. Solche Felsengräber waren in der Umgebung Jerusalems bekannt. Sie konnten als in den natürlichen Felsen eingearbeitete Grabkammern gestaltet sein und dienten dazu, Verstorbene geschützt beizusetzen. Anders als bei einem einfachen Erdgrab musste der Grabbereich nicht erst durch das Ausheben einer Grube geschaffen werden. Markus nennt jedoch keine genauen Maße, keine innere Aufteilung und keine Zahl weiterer Grabplätze. Er erklärt auch nicht ausdrücklich, wem das Grab gehörte oder ob zuvor schon andere Menschen darin bestattet worden waren. Matthäus berichtet ergänzend, dass es sich um Josefs eigenes neues Grab handelte (Matthäus 27,60). Lukas bezeichnet es als eine Gruft, in der noch niemand gelegen hatte (Lukas 23,53). Diese Informationen können zum Vergleich herangezogen werden, sollten aber als zusätzliche Aussagen der anderen Evangelien erkennbar bleiben.

Dass Jesus in einem Felsengrab beigesetzt wird, besitzt auch im Blick auf Jesaja 53,9 eine bemerkenswerte Bedeutung. Dort wird der Tod des leidenden Gottesknechtes mit seiner Behandlung unter Gottlosen und mit einem Reichen in Verbindung gebracht. Die genaue Formulierung des hebräischen Textes ist sprachlich anspruchsvoll, doch die Verbindung zwischen der erniedrigenden Behandlung eines Unschuldigen und seiner Bestattung ist auffallend. Jesus wurde unter Verbrechern gekreuzigt und erhält anschließend durch Josef eine ehrenvolle Grablegung. Besonders Matthäus stellt den Zusammenhang deutlicher heraus, indem er Josef ausdrücklich als reich bezeichnet und das Grab als dessen Eigentum beschreibt. Markus selbst betont dagegen Josefs Ansehen, seine Hoffnung auf Gottes Reich und seinen Mut. Deshalb sollte Jesaja 53,9 nicht so behandelt werden, als beschreibe Markus ausdrücklich jede Einzelheit dieser prophetischen Verbindung. Im biblischen Gesamtzusammenhang lässt sich jedoch erkennen, wie die Erniedrigung des leidenden Gerechten und die ihm erwiesene Würde bei seiner Bestattung ineinandergreifen.

Nach der Beisetzung wälzt Josef einen Stein vor den Eingang der Gruft. Damit wird das Grab geschlossen. Der Stein dient als Verschluss des Zugangs und schützt den Bestattungsort vor ungehindertem Eindringen. Markus beschreibt seine genaue Form nicht. Die Formulierung des Wälzens lässt an einen beweglichen schweren Stein denken, aber sie erlaubt nicht, jede Einzelheit späterer bildlicher Darstellungen als historische Tatsache festzulegen. Ebenso wenig berichtet Markus an dieser Stelle von einer Versiegelung durch römische Behörden oder von Soldaten, die zur Bewachung des Grabes aufgestellt worden wären. Diese Angaben begegnen im Matthäusevangelium in einem eigenen Zusammenhang (Matthäus 27,62–66). Für Markus ist zunächst entscheidend, dass der Leichnam Jesu in einer bestimmten Gruft liegt und deren Eingang durch einen Stein verschlossen wird.

Dieser Abschluss der Bestattung unterstreicht die Endgültigkeit, mit der der Tod Jesu den anwesenden Menschen vor Augen steht. Der Gekreuzigte ist vom Kreuz genommen, in ein Leinentuch gewickelt und in ein Grab gelegt worden. Ein Stein trennt nun den Bereich der Lebenden vom Ort seiner Bestattung. Alle äußeren Umstände entsprechen dem, was Menschen nach einem tatsächlichen Todesfall zu tun haben. Gerade darin liegt die Bedeutung des Begräbnisses für die spätere Verkündigung von Tod und Auferstehung. Paulus wird in 1. Korinther 15,3–4 die frühe christliche Botschaft mit den Aussagen zusammenfassen, dass Christus für unsere Sünden gestorben, begraben und am dritten Tag auferweckt worden ist. Das Begräbnis steht dort nicht zufällig zwischen Tod und Auferstehung. Es bekräftigt die Wirklichkeit des Todes und stellt zugleich die Verbindung zu Gottes folgendem Handeln her. Die Auferweckung bedeutet nicht einfach, dass ein scheinbar Verstorbener sich erholte. Sie betrifft denjenigen, der wirklich gestorben und begraben worden war.

Mit dem Begräbnis tritt nun auch der angekündigte Sabbat in den Mittelpunkt. Josef hat die notwendigen Schritte noch am Rüsttag unternommen. Der folgende heilige Tag setzt der gewöhnlichen Tätigkeit eine Grenze. Lukas berichtet ausdrücklich, dass die Frauen am Sabbat nach dem Gebot ruhten (Lukas 23,56). Markus führt im folgenden Kapitel weiter aus, dass die Frauen erst nach dem Sabbat Gewürze kauften und am ersten Tag der Woche früh zum Grab kamen (Markus 16,1–2). Damit ist die zeitliche Reihenfolge der Ereignisse klar: Auf den Tag der Kreuzigung und Bestattung folgt der Sabbat, und erst danach beginnt der erste Wochentag. Die Evangelisten unterscheiden diese Tage ausdrücklich voneinander. Markus verwendet den Begriff Sabbat nicht als beliebige Bezeichnung für irgendeinen Ruhetag, sondern ordnet ihn innerhalb der jüdischen Wochenfolge als den Tag nach dem Rüsttag ein.

Diese Reihenfolge besitzt über die bloße Datierung hinaus eine besondere geistliche Ausdruckskraft. Derjenige, durch den Gott nach dem Zeugnis des Neuen Testaments die Schöpfung ins Dasein gerufen hat, ruht nun nach vollendeter Selbsthingabe im Grab. Schon 1. Mose 2,2–3 berichtet davon, dass Gott nach der Vollendung seiner Schöpfungswerke am siebenten Tag ruhte und diesen Tag segnete und heiligte. Im Licht der gesamten Schrift kann deshalb eine Verbindung zwischen der ursprünglichen Schöpfungsruhe und der Grabesruhe Christi gesehen werden. Dabei muss jedoch zwischen dem ausdrücklichen Bericht und einer weiterführenden theologischen Betrachtung unterschieden werden. Markus sagt nicht ausdrücklich, dass die Grablegung Jesu als vollständige neue Erfüllung von 1. Mose 2 verstanden werden müsse. Er berichtet die zeitliche Folge der Ereignisse. Die Verbindung zur Schöpfungsruhe ist eine mögliche und sinnvolle heilsgeschichtliche Betrachtung, die aus dem größeren Zusammenhang der Schrift entwickelt werden kann, ohne dem einzelnen Vers mehr zuzuschreiben, als er selbst aussagt.

Gerade diese Zurückhaltung bewahrt die eigentliche Bedeutung des Sabbats innerhalb der Erzählung. Die Zeit des Leidens und Sterbens ist vorüber, die Bestattung abgeschlossen, und der folgende heilige Tag wird nicht durch eine weitere menschliche Handlung am Leichnam Jesu bestimmt. Der Ablauf zeigt zugleich, dass die Menschen um Jesus seine Bestattung nicht losgelöst von der ihnen vertrauten Ordnung des Gottesdienstes und des Sabbats verstehen. Die Frauen, die in Galiläa mit Jesus unterwegs gewesen waren, bleiben auch nach seinem Tod innerhalb dieser religiösen Lebensordnung. Ob aus diesem einzelnen Vorgang sämtliche späteren Fragen nach der Sabbatpraxis der christlichen Gemeinde beantwortet werden können, ist eine andere Frage. Der Text selbst macht jedenfalls keinen Wechsel vom siebenten auf den ersten Wochentag bekannt. Er unterscheidet vielmehr die Grabesruhe während des Sabbats von den Ereignissen, die Markus anschließend für den ersten Tag der Woche erzählen wird.

Bevor das Kapitel endet, erwähnt Markus noch einmal zwei der Frauen, die bereits bei der Kreuzigung anwesend gewesen waren: Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Joses (Markus 15,47). Er berichtet, dass sie beobachteten, wo Jesus hingelegt wurde. Diese Aussage ist kurz, aber außerordentlich wichtig. Die beiden Frauen stehen damit nicht nur in Verbindung mit dem Tod Jesu, sondern auch mit dem konkreten Ort seiner Bestattung. Markus knüpft ausdrücklich an die Namen aus den Versen 40 und 41 an. Dort hatte er Maria Magdalena, Maria, die Mutter des jüngeren Jakobus und des Joses, sowie Salome unter den Beobachterinnen der Kreuzigung genannt. Jetzt erscheinen zwei dieser Frauen erneut. Salome wird in Vers 47 nicht erwähnt; daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, sie habe sich endgültig entfernt oder ihre Verbindung zu Jesus aufgegeben. Der Evangelist konzentriert sich hier auf die beiden Frauen, deren Beobachtung des Grabes er ausdrücklich bezeugen will.

Besonders bedeutsam ist die Formulierung, dass sie sahen, wo Jesus hingelegt wurde. Markus berichtet nicht lediglich, dass sie von seiner Bestattung hörten. Er stellt sie als Beobachterinnen des Begräbnisortes vor. Das schafft eine wichtige Verbindung zu den Ereignissen, die nach dem Sabbat folgen werden. Die Frauen kennen den Ort, an dem Josef den Leichnam Jesu niedergelegt hat. Ihre spätere Rückkehr zum Grab wird deshalb nicht als zufälliges Auffinden einer unbekannten Stätte erzählt. Die Verbindung zwischen Kreuzigung, Grablegung und dem folgenden Grabbesuch bleibt durch konkrete Personen erhalten. Gerade diese erzählerische Kontinuität trägt wesentlich dazu bei, dass die Ereignisse nicht wie voneinander unabhängige Einzelgeschichten erscheinen.

Dabei darf auch diese Beobachtung nicht durch unbelegte Zusatzannahmen ausgeschmückt werden. Markus sagt nicht, wie lange die beiden Frauen am Grab blieben oder ob sie bis zum Beginn des Sabbats dort verweilten. Ebenso wenig beschreibt er ihre Gespräche, ihre Trauer oder ihre Hoffnungen. Dass sie über den Tod Jesu betrübt waren, liegt menschlich nahe, doch der Evangelist stellt an dieser Stelle ihr Beobachten in den Vordergrund. Sie wissen, wo der Leichnam hingelegt worden ist. Diese Kenntnis wird für die Fortsetzung des Evangeliums entscheidend sein.

So verbindet Markus am Ende seines Kreuzigungskapitels drei unterschiedliche Formen menschlichen Handelns. Pilatus bestätigt nach Rücksprache mit dem Hauptmann die Freigabe des Leichnams. Josef übernimmt mutig die Verantwortung für eine würdige Bestattung. Die beiden Frauen beobachten aufmerksam, an welchem Ort Jesus begraben wird. Keine dieser Handlungen kann den Tod Jesu rückgängig machen. Dennoch besitzen sie innerhalb der Erzählung eine klare Bedeutung. Die Freigabe bestätigt, dass die Hinrichtung tatsächlich beendet ist. Die Bestattung bewahrt den Leib Jesu vor weiterer öffentlicher Entehrung. Die Beobachtung der Frauen verbindet die letzten Stunden seines irdischen Lebens mit dem, was nach dem Sabbat geschehen wird.

Gerade Josef von Arimathäa zeigt dabei, dass Treue zu Gott sich nicht immer in großen öffentlichen Worten ausdrücken muss. Er hält keine überlieferte Rede über Jesu Königswürde und vollbringt kein außergewöhnliches Wunder. Er nutzt die Möglichkeiten, die ihm in seiner konkreten Situation zur Verfügung stehen, und handelt trotz des damit verbundenen persönlichen Risikos. Seine Hoffnung auf das Reich Gottes bleibt nicht auf eine innerliche Erwartung beschränkt, sondern gewinnt in einer entschlossenen Tat Gestalt. Er kann den Gekreuzigten nicht retten, aber er kann dafür sorgen, dass dessen Leib mit Würde behandelt wird. In einer Umgebung, die zuvor von Neid, Feigheit, Gewalt und Spott geprägt war, tritt damit eine Handlung hervor, die von Achtung und Verantwortungsbereitschaft bestimmt ist.

Das Kapitel endet schließlich in einer bemerkenswerten Stille. Jesus ist gestorben und begraben. Die Kreuzigung, deren Ablauf Markus so eindringlich geschildert hat, ist abgeschlossen. Der Stein liegt vor dem Eingang des Grabes. Die Frauen wissen, wo Jesus bestattet wurde, doch sie können nun nicht mehr tun, als den folgenden Sabbat verstreichen zu lassen. Von einer Auferstehung ist an dieser Stelle noch nichts zu sehen. Alle äußeren Zeichen sprechen zunächst von der Endgültigkeit des Todes.

Doch der Leser des Markusevangeliums kennt eine Verheißung, die über dieses Ende hinausweist. Jesus hatte seinen Jüngern nicht nur angekündigt, dass er leiden und getötet werden würde. Er hatte ebenso wiederholt erklärt, dass er nach drei Tagen auferstehen werde (Markus 8,31; 9,31; 10,34). Die Wirklichkeit seines Todes und die Sorgfalt seiner Bestattung stehen dieser Verheißung nicht entgegen. Vielmehr bildet gerade die tatsächliche Grablegung den Ausgangspunkt für die Frage, wie Gott seine Zusage erfüllen wird. Markus 15 schließt deshalb nicht mit einer sichtbaren triumphalen Wendung, sondern mit einem verschlossenen Grab. Die menschlichen Möglichkeiten sind erschöpft. Was nun folgt, kann nicht mehr aus der Kraft der Jünger, dem Mut Josefs oder der Treue der Frauen hervorgehen. Die weitere Hoffnung ruht allein auf dem Gott, dessen rettendes Handeln Jesus angekündigt hat.

Geistliche Kernbotschaft

Im Mittelpunkt von Markus 15 steht eine Wahrheit, die menschlichen Vorstellungen von Macht und Größe grundlegend widerspricht: Jesus offenbart seine königliche Würde nicht dadurch, dass er dem Kreuz entkommt, sondern dadurch, dass er den Weg der Selbsthingabe bis zum Ende geht. Seine Gegner erwarten, ein wirklicher Messias müsse sich sichtbar gegen seine Feinde durchsetzen. Doch Jesus hatte seine Sendung von Anfang an anders verstanden. Er war gekommen, um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben (Markus 10,45). Was wie das Scheitern seiner Mission aussieht, wird zum entscheidenden Ausdruck seiner Liebe und seines Gehorsams gegenüber dem Vater.

Der Weg zum Kreuz macht zugleich sichtbar, wie tief die Sünde das menschliche Denken und Handeln prägen kann. Neid bewegt Menschen dazu, einen Unschuldigen zu beseitigen. Die Angst vor einer aufgebrachten Menge verleitet einen Machthaber dazu, seine Verantwortung preiszugeben. Soldaten missbrauchen ihre Gewalt, um einen wehrlosen Menschen zu erniedrigen. Zuschauer verwandeln fremdes Leiden in einen Anlass zum Spott. Dabei handelt es sich nicht lediglich um die Verfehlungen einer einzigen gesellschaftlichen oder religiösen Gruppe. Unterschiedliche Menschen tragen auf unterschiedliche Weise zum Unrecht bei. Markus zeigt damit eine Wirklichkeit, die weit über die damaligen Ereignisse hinausreicht: Der Mensch kann sich so sehr von Eigeninteresse, Machtstreben und falschen Erwartungen bestimmen lassen, dass er selbst dort gegen Gottes Wahrheit handelt, wo sie ihm unmittelbar begegnet.

Gerade in dieser Umgebung wird das Wesen Jesu besonders deutlich. Er begegnet der Ungerechtigkeit nicht mit derselben Gewalt, die gegen ihn gerichtet wird. Er verliert seine Sendung nicht aus den Augen, obwohl die Menschen seine Würde bestreiten. Seine Bereitschaft zum Leiden ist jedoch keine Verherrlichung der Grausamkeit. Das Unrecht bleibt Unrecht, und diejenigen, die es verüben, bleiben verantwortlich. Der entscheidende Gedanke besteht vielmehr darin, dass menschliche Bosheit Gottes rettenden Willen nicht vereiteln kann. Jesus lässt sich durch die Feindschaft seiner Gegner nicht von dem Weg abbringen, auf dem er den Menschen das Heil eröffnet.

Darin liegt der Unterschied zwischen einem bloß tragischen Tod und dem Erlösungswerk Christi. Jesus stirbt nicht ausschließlich als Opfer ungerechter politischer und religiöser Verhältnisse. Sein Tod besitzt nach seinen eigenen Worten eine stellvertretende Bedeutung. Er gibt sein Leben für viele hin und verbindet sein vergossenes Blut mit dem Bund Gottes (Markus 10,45; 14,24). Die Schuld des Menschen wird dabei nicht verharmlost, als könne Gott das Böse einfach übersehen. Ebenso wenig muss Gottes Liebe durch das Leiden Jesu erst hervorgerufen werden. Vielmehr zeigt sich in der Hingabe des Sohnes, wie ernst Gott die Sünde nimmt und wie weit seine Liebe geht, um Menschen aus ihrer Macht zu befreien. Das Kreuz offenbart deshalb Gottes Gerechtigkeit und seine Barmherzigkeit nicht als Gegensätze, sondern als Wirklichkeiten, die in seinem Erlösungswerk zusammenkommen.

Die außergewöhnliche Finsternis und der Verlassenheitsruf Jesu lassen zugleich erkennen, dass diese Rettung nicht ohne tiefstes Leiden geschieht. Jesus erfährt eine Not, die über körperliche Schmerzen und menschliche Zurückweisung hinausgeht. Sein Ruf „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ darf nicht auf einen bloßen literarischen Hinweis reduziert werden. Es ist die wirkliche Klage des leidenden Sohnes. Doch bemerkenswert bleibt, dass er auch in dieser Finsternis Gott anruft. Die erfahrene Verlassenheit führt nicht dazu, dass er sich von Gott abwendet. Die Worte aus Psalm 22 tragen seine Not vor den Vater, selbst dort, wo dessen tröstende Gegenwart verborgen ist. Damit zeigt sich die Tiefe seines Gehorsams: Jesus bleibt seinem Auftrag treu, obwohl sein Weg durch eine Bedrängnis führt, deren ganze Schwere kein anderer Mensch ermessen kann.

Unmittelbar nach seinem Tod zerreißt der Vorhang des Tempels. Dieses Zeichen weist darauf hin, dass durch Christi Opfer eine entscheidende Veränderung im Verhältnis zwischen Gott und den Menschen eingetreten ist. Die bisherige Opferordnung hatte die Wirklichkeit der Sünde und die Notwendigkeit der Versöhnung in vorausweisenden Handlungen dargestellt. Nun ist derjenige gestorben, auf dessen Opfer diese Ordnung letztlich hinwies. Der Zugang zu Gott beruht nicht mehr auf der fortgesetzten Darbringung von Tieropfern, sondern auf der vollbrachten Selbsthingabe Christi und seinem bleibenden hohenpriesterlichen Dienst. Gottes Heiligkeit wird dadurch nicht geringer. Aber Menschen dürfen sich ihm im Vertrauen auf Jesus nähern, weil dieser den Weg zur Versöhnung eröffnet hat.

Besonders eindrucksvoll ist, dass Markus die Wahrheit über Jesus ausgerechnet nach dessen Tod durch die Worte eines römischen Hauptmanns hervortreten lässt. Während die religiösen Führer seine Sohnschaft bestreiten und die Soldaten seine Königswürde verspotten, spricht ein Mann aus dem Umfeld der Hinrichtung eine Aussage aus, die den Kern seiner Identität berührt: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“ Der genaue Umfang seines persönlichen Glaubensverständnisses bleibt offen. Für den Leser ist jedoch die Bedeutung seiner Worte unübersehbar. Jesu Sohnschaft wird nicht durch das Kreuz widerlegt. Gerade der Weg, den seine Gegner als endgültigen Beweis seiner Schwäche betrachten, gehört zur Offenbarung dessen, wer er wirklich ist.

Damit stellt Markus 15 jeden Leser vor eine Entscheidung. Wird Jesus nach den Maßstäben äußerer Macht, gesellschaftlicher Anerkennung und unmittelbaren Erfolgs beurteilt? Oder darf sein eigener Weg bestimmen, was wahre Größe, göttliche Liebe und rettende Herrschaft bedeuten? Der gekreuzigte Christus lässt sich nicht auf das Bild eines politischen Siegers reduzieren. Seine Herrschaft gründet nicht auf der Erniedrigung anderer, sondern auf seiner Hingabe für sie. Deshalb kann seine scheinbare Niederlage zum Grund der Hoffnung für Menschen werden, die selbst schuldig, schwach oder verloren sind.

Am Ende des Kapitels steht dennoch ein verschlossenes Grab. Die Auferstehung ist noch nicht sichtbar geworden. Diese Stille gehört zur geistlichen Aussage des Kapitels. Gottes Verheißung wird nicht dadurch unwahr, dass ihre Erfüllung für einen Augenblick verborgen bleibt. Was Jesus über sein Leiden angekündigt hatte, ist geschehen; was er über seine Auferstehung gesagt hatte, steht noch aus. Der Leser wird so eingeladen, Gottes Treue nicht allein nach dem zu beurteilen, was er im gegenwärtigen Augenblick sehen kann. Der Tod Jesu ist wirklich, sein Leiden ist ernst, und gerade deshalb wird die folgende Auferstehung nicht zur bloßen Fortsetzung einer unvollendeten Geschichte, sondern zur Offenbarung von Gottes Sieg über den Tod.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Eine der wichtigsten Verbindungen zu Markus 15 führt zu Jesaja 52,13–53,12. Dort wird ein Gottesknecht beschrieben, der verachtet und misshandelt wird, obwohl er selbst kein Unrecht getan hat. Die Menschen beurteilen sein Leiden zunächst falsch und halten ihn für einen, den Gott geschlagen und verworfen hat. Erst später erkennen sie, dass er ihre Krankheiten, Schmerzen und Verfehlungen getragen hat. Besonders Jesaja 53,5–6 verbindet das Leiden des Gerechten mit der Schuld anderer Menschen: Er wird um ihrer Übertretungen willen verwundet, und der Herr legt die Schuld aller auf ihn. Diese Aussagen helfen, das Kreuz als mehr zu verstehen als eine ungerechte Hinrichtung. Sie zeigen einen Zusammenhang zwischen dem Leiden des Unschuldigen und der Rettung schuldiger Menschen.

Die Verbindung wird durch Jesu eigene Worte noch stärker. In Markus 10,45 erklärt er, dass er sein Leben als Lösegeld für viele hingeben werde. Beim letzten Mahl spricht er vom Blut des Bundes, das für viele vergossen wird (Markus 14,24). Die Formulierung „für viele“ erinnert an Jesaja 53, wo der Knecht die Sünden vieler trägt und viele gerecht macht. Jesus selbst verbindet seine bevorstehende Hingabe also mit der Rettung anderer. Lukas 22,37 berichtet zudem ausdrücklich, dass Jesus die Worte aus Jesaja 53,12 über das Gezähltwerden unter die Gesetzlosen auf sich bezieht. Damit erhält die Kreuzigung zwischen zwei Verurteilten einen besonderen schriftgemäßen Hintergrund. Nicht jede Einzelheit der Passionsgeschichte ist im Jesajatext ausdrücklich vorausgesagt, doch die grundlegende Verbindung zwischen Unschuld, stellvertretendem Leiden und göttlicher Rettung ist außerordentlich stark.

Eine zweite zentrale Verbindung besteht zu Psalm 22. Dieser Psalm beginnt mit dem Ruf „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ und beschreibt anschließend die Bedrängnis eines Gerechten, der von seinen Feinden verspottet wird. Besonders auffällig sind das Kopfschütteln der Zuschauer und die Verteilung seiner Kleider. Beide Motive begegnen in Markus 15. Der Psalm lässt damit erkennen, dass Jesus in den Worten eines alttestamentlichen Beters seine eigene Not zum Ausdruck bringt. Die Verbindung endet jedoch nicht beim Leiden. Psalm 22 führt von der Klage zu der Gewissheit, dass Gott den Bedrängten gehört hat, und mündet schließlich in ein Lob, das bis zu den Völkern reicht. Dieser Gesamtzusammenhang verhindert, dass Jesu Verlassenheitsruf entweder als bloßer Ausdruck endgültiger Hoffnungslosigkeit oder als unechte Klage verstanden wird. Der Psalm hält wirkliche Not und die Hoffnung auf Gottes rettende Antwort zusammen. Im Licht der Auferstehung Christi gewinnt diese Bewegung ihre tiefste Bedeutung.

Auch Psalm 69 gehört zu den alttestamentlichen Texten, die das Leiden Jesu erhellen. Dort spricht ein Gerechter von unverdienter Feindschaft und davon, dass man ihm in seinem Durst Essig zu trinken gibt (Psalm 69,5.22). Markus 15,36 berichtet von dem sauren Wein, den ein Umstehender Jesus am Kreuz reicht. Die Ähnlichkeit liegt nicht allein in einem einzelnen Getränk, sondern in der gesamten Situation eines Menschen, der in seiner Not von Feindseligkeit umgeben ist. Das Johannesevangelium stellt die Verbindung zwischen Jesu Durst, dem gereichten Getränk und der Schrift besonders ausdrücklich her (Johannes 19,28–30). Dadurch wird verständlich, warum die frühen Christen die Passion Jesu im Licht der Psalmen lasen. Sie erkannten in den Gebeten und Klagen der leidenden Gerechten eine Sprache, die dem Weg ihres Herrn in besonderer Weise entsprach.

Eine weitere bedeutende Verbindung führt zu den alttestamentlichen Opfern und zum Passahfest. Nach 2. Mose 12 wurde Israel beim Auszug aus Ägypten durch Gottes rettendes Handeln aus der Knechtschaft befreit. Das Passahlamm und sein Blut gehörten zu diesem Befreiungsgeschehen. Die Evangelien stellen Jesu letzte Tage ausdrücklich in den Zusammenhang des Passahfestes. Paulus greift die Verbindung später auf, wenn er Christus als das für uns geopferte Passahlamm bezeichnet (1. Korinther 5,7). Damit erhält Jesu Tod eine heilsgeschichtliche Bedeutung: Wie Gott sein Volk einst aus der ägyptischen Knechtschaft führte, so schafft er durch Christus die Grundlage einer tieferen Befreiung von Sünde und Tod. Dabei darf das Passah nicht in jeder Einzelheit mechanisch auf die Kreuzigung übertragen werden. Ebenso bleiben Fragen der genauen Chronologie zwischen den Evangelien zu unterscheiden. Der tragende Zusammenhang besteht in Gottes rettender Befreiung durch ein Opfer und in der Erfüllung dieser Hoffnung durch Christus.

Besonders eng mit dem zerrissenen Tempelvorhang sind die Aussagen des Hebräerbriefes verbunden. Nach 3. Mose 16 durfte der Hohepriester am großen Versöhnungstag unter besonderen Bedingungen in das Allerheiligste eintreten. Dieser Dienst machte deutlich, dass der Zugang zum heiligen Gott angesichts menschlicher Sünde nicht selbstverständlich ist. Hebräer 9,6–12 erklärt, dass die Dienste des irdischen Heiligtums auf eine größere Wirklichkeit hinwiesen. Christus ist der wahre Hohepriester, dessen eigenes Opfer eine endgültige Wirksamkeit besitzt, die durch wiederholte Tieropfer nicht erreicht werden konnte. Hebräer 10,19–22 entfaltet die Folge daraus: Durch Jesu Blut steht den Glaubenden ein neuer und lebendiger Weg offen, auf dem sie sich Gott mit einem aufrichtigen Herzen nähern dürfen. Der zerrissene Vorhang in Markus 15,38 steht in einem starken theologischen Zusammenhang mit dieser Wahrheit. Der Hebräerbrief erklärt jedoch nicht ausdrücklich den geschichtlichen Vorhangriss im Jerusalemer Tempel; er entfaltet die Bedeutung von Christi Opfer und Priestertum in seiner eigenen Argumentation.

Dabei ist wichtig, dass Christi Tod und sein fortdauernder Dienst zusammengehören. Hebräer 7,24–25 beschreibt ihn als den bleibenden Hohenpriester, der immer lebt, um für die Seinen einzutreten. Hebräer 9,24 erklärt, dass er in den Himmel selbst eingegangen ist, um vor Gottes Angesicht für uns zu erscheinen. Sein Opfer wird nicht wiederholt, aber seine Fürsprache bleibt bestehen. Dadurch erhält das Zeichen des zerrissenen Vorhangs seine eigentliche Tiefe. Der Zugang zu Gott wird nicht eröffnet, weil menschliche Sünde plötzlich gleichgültig geworden wäre, sondern weil Christus die Grundlage der Versöhnung geschaffen hat und als lebendiger Mittler für die Menschen eintritt. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einer bloßen Aufhebung alter Grenzen und ihrer Erfüllung durch einen neuen, von Gott selbst geschaffenen Zugang.

Das Königtum Jesu lässt sich außerdem im Licht von Daniel 7,13–14 verstehen. Dort erscheint einer wie ein Menschensohn, dem Herrschaft, Ehre und ein ewiges Königreich verliehen werden. Vor dem Hohen Rat hatte Jesus ausdrücklich auf diese Gestalt Bezug genommen (Markus 14,62). Seine Antwort zeigt, dass sein messianischer Anspruch weit über die Vorstellung eines gewöhnlichen politischen Herrschers hinausgeht. Im Kreuzigungsbericht wird dieser Anspruch verspottet, weil Jesus keinerlei sichtbare Macht zur eigenen Verteidigung einsetzt. Philipper 2,5–11 zeigt jedoch, dass Erniedrigung und göttliche Erhöhung im Weg Christi zusammengehören. Paulus beschreibt den Gehorsam Jesu bis zum Tod am Kreuz und die anschließende Erhöhung durch Gott. Damit wird nicht behauptet, dass das Kreuz für sich genommen bereits die gesamte sichtbare Vollendung seiner Herrschaft darstellt. Vielmehr führt sein Weg der Selbsterniedrigung zu jener Erhöhung, die Gott selbst bewirkt. Die Herrschaft Christi gründet nicht in der gewaltsamen Durchsetzung menschlicher Ansprüche, sondern in seiner einzigartigen Treue zum Willen des Vaters.

Die Bedeutung der Versöhnung wird besonders in Römer 5,6–11 und 2. Korinther 5,18–21 entfaltet. Paulus erklärt, dass Christus für Menschen starb, die aus eigener Kraft nicht in der Lage waren, sich von ihrer Schuld zu befreien. Gottes Liebe wird dabei nicht als eine erst nach dem Kreuz entstandene Haltung dargestellt. Vielmehr erweist Gott seine bereits bestehende Liebe gerade darin, dass Christus für Sünder gestorben ist (Römer 5,8). Zugleich ist Versöhnung mehr als ein gutes Gefühl oder die bloße Erinnerung an Jesu Vorbild. Sie betrifft das wirklich beschädigte Verhältnis zwischen Gott und den Menschen. Durch Christus wird die Grundlage geschaffen, auf der Menschen Vergebung empfangen und in eine erneuerte Gemeinschaft mit Gott eintreten können. Der Aufruf des Paulus, sich mit Gott versöhnen zu lassen (2. Korinther 5,20), zeigt zugleich, dass dieses Heil persönlich angenommen werden soll. Die Selbsthingabe Jesu nimmt dem Menschen nicht die Verantwortung, auf Gottes Gnade mit Glauben und Umkehr zu antworten.

Schließlich verbindet 1. Korinther 15,3–4 den Tod Jesu ausdrücklich mit seiner Bestattung und Auferweckung. Paulus erklärt dort, dass Christus für unsere Sünden gestorben sei, begraben wurde und am dritten Tag auferweckt worden sei. Diese Abfolge entspricht dem grundlegenden Verlauf der Evangelien. Markus 15 berichtet vom wirklichen Tod Jesu und von seiner konkreten Grablegung. Damit ist die Auferstehungsbotschaft nicht von der körperlichen Wirklichkeit des Sterbens losgelöst. Sie betrifft denselben Jesus, dessen Leichnam Josef von Arimathäa in das Grab legte. Gerade diese Verbindung bewahrt die christliche Hoffnung davor, den Sieg über den Tod auf ein bloßes Weiterleben der Erinnerung an Jesus zu reduzieren. Die Hoffnung ruht auf Gottes wirklichem Handeln an dem Gekreuzigten. Seine Auferstehung wird im folgenden Kapitel zum entscheidenden Zeugnis dafür, dass der Tod nicht das letzte Wort über den Sohn Gottes behält.

Wichtige Lektionen

Eine der wichtigsten praktischen Lektionen aus Markus 15 betrifft den Umgang mit Wahrheit und Verantwortung unter äußerem Druck. Pilatus erkennt, dass die Anklage gegen Jesus von problematischen Beweggründen bestimmt ist. Dennoch lässt er zu, dass die Forderungen einer aufgebrachten Menge seine Entscheidung beeinflussen. Sein Beispiel zeigt, wie gefährlich es ist, das als richtig Erkannte einem vermeintlichen Vorteil oder dem Wunsch nach Anerkennung unterzuordnen. Auch heute können Menschen versucht sein, gegen ihre Überzeugung zu handeln, weil sie Konflikte vermeiden, ihre Stellung sichern oder den Erwartungen anderer entsprechen wollen. Der Bericht fordert dazu auf, Verantwortung nicht auf die Mehrheit abzuschieben. Eine Entscheidung wird nicht dadurch gerecht, dass viele Menschen sie unterstützen. Wer Macht über andere besitzt, trägt vielmehr die besondere Verpflichtung, Recht und Wahrheit auch dann ernst zu nehmen, wenn dies unbequem ist.

Eng damit verbunden ist die Warnung vor Neid und religiösem Stolz. Die Hohenpriester betrachten Jesus nicht unvoreingenommen, sondern begegnen seinem Einfluss mit Widerstand. Das zeigt, wie leicht sogar religiöse Überzeugungen von persönlichen Interessen überlagert werden können. Wer sich selbst als Hüter der Wahrheit versteht, ist deshalb nicht automatisch davor geschützt, aus Eifersucht, Angst vor Bedeutungsverlust oder dem Wunsch nach Kontrolle zu handeln. Gerade Menschen mit geistlicher Verantwortung müssen ihre Beweggründe prüfen. Entscheidend ist nicht nur, ob eine Aussage nach außen fromm erscheint, sondern auch, ob sie von Liebe zur Wahrheit, Gerechtigkeit und Achtung vor dem Mitmenschen getragen wird. Eine echte Beziehung zu Gott darf nicht dazu benutzt werden, andere Menschen zu erniedrigen oder die eigene Stellung gegen berechtigte Fragen abzusichern.

Die Verspottung Jesu führt außerdem vor Augen, wie zerstörerisch der Missbrauch von Macht sein kann. Die Soldaten nutzen die Wehrlosigkeit eines Gefangenen, um ihn zu schlagen, anzuspucken und öffentlich lächerlich zu machen. Sie behandeln seine Würde, als könne sie durch ihre Überlegenheit aufgehoben werden. Daraus ergibt sich eine unmittelbare Verantwortung für den Umgang mit Menschen, die sich nicht wirksam verteidigen können. Wer über Autorität verfügt, sei es in einer Familie, einer Gemeinde, am Arbeitsplatz oder in einer gesellschaftlichen Einrichtung, darf diese Stellung nicht zur Einschüchterung oder Erniedrigung anderer verwenden. Die Würde eines Menschen hängt nicht davon ab, ob er gerade stark, angesehen oder beliebt ist. Eine christliche Haltung zeigt sich auch daran, wie jemand mit denen umgeht, die ihm ausgeliefert oder von seiner Entscheidung abhängig sind.

Das Schweigen Jesu gegenüber seinen Anklägern lehrt zugleich, dass nicht jede ungerechte Beschuldigung mit gleicher Schärfe beantwortet werden muss. Jesus lässt sich nicht zu einer Haltung treiben, in der er seine Gegner nur noch mit deren eigenen Mitteln bekämpfen könnte. Dennoch darf daraus kein allgemeines Gebot abgeleitet werden, erlittenes Unrecht stillschweigend hinzunehmen. Wer bedroht, misshandelt oder zu Unrecht beschuldigt wird, darf Schutz suchen, die Wahrheit aussprechen und rechtliche Hilfe in Anspruch nehmen. Jesus selbst hat während seines Wirkens Fragen beantwortet, falsche Anschuldigungen zurückgewiesen und ungerechte religiöse Forderungen offen kritisiert. Sein Verhalten vor Pilatus gehört zu seiner einzigartigen Sendung. Die praktische Lektion besteht deshalb nicht darin, auf jede Verteidigung zu verzichten, sondern darin, sich auch unter Druck nicht von Hass, Vergeltungssucht oder dem Wunsch nach Erniedrigung anderer beherrschen zu lassen.

Die Freilassung des Barabbas erinnert an die grundlegende Bedeutung der Gnade. Ein Mann, der mit schwerer Gewalt in Verbindung steht, erhält die Freiheit, während Jesus zur Kreuzigung geführt wird. Daraus darf keine vollständige rechtliche Gleichsetzung zwischen Barabbas und allen späteren Gläubigen konstruiert werden. Dennoch lässt der Gegensatz eine wichtige Wahrheit des Evangeliums anschaulich werden: Der Mensch kann seine Erlösung nicht durch den Nachweis eigener Schuldlosigkeit verdienen. Vor Gott bedürfen alle Menschen der Gnade. Der Aufruf zum Glauben bedeutet deshalb, die eigene Schuld nicht länger zu beschönigen und zugleich darauf zu vertrauen, dass Christus die Grundlage der Vergebung geschaffen hat. Wer diese Gnade annimmt, soll allerdings nicht in der Sünde verharren. Gerade weil das Kreuz den Ernst des Bösen sichtbar macht, gehört zur Antwort auf Gottes Liebe eine wirkliche Abkehr von dem, was Menschen und ihre Beziehung zu Gott zerstört.

Eine weitere Lektion betrifft unsere Erwartungen an Gottes Hilfe. Die Menschen unter dem Kreuz verlangen, Jesus solle herabsteigen, damit sie glauben könnten. Sie setzen Gottes Wahrheit mit einem sichtbaren Eingreifen gleich, das ihren Vorstellungen entspricht. Auch heute kann der Glaube in eine solche Bedingung geraten: Gott soll zuerst eine bestimmte Schwierigkeit beseitigen, eine gewünschte Veränderung herbeiführen oder seine Macht auf eine genau festgelegte Weise zeigen. Markus 15 erinnert daran, dass Gottes Handeln nicht immer nach menschlichen Erwartungen verläuft. Das bedeutet nicht, dass jede Not unmittelbar von Gott verursacht oder jede gescheiterte Hoffnung automatisch Teil eines besonderen Heilsplans wäre. Es bedeutet vielmehr, dass Gottes Treue nicht allein daran gemessen werden darf, ob er die von uns erwartete Lösung zu dem von uns gewünschten Zeitpunkt schenkt. Der Weg Jesu zeigt, dass Gottes rettendes Handeln sogar dort wirksam sein kann, wo Menschen zunächst nur Niederlage erkennen.

Besonders wichtig ist der Umgang mit der eigenen Not im Gebet. Jesu Verlassenheitsruf zeigt, dass tiefer Schmerz und aufrichtiger Glaube einander nicht ausschließen. Ein Mensch muss vor Gott nicht so sprechen, als sei alles in Ordnung, wenn er tatsächlich von Angst, Trauer oder innerer Dunkelheit erfüllt ist. Psalm 22 gibt solchen Erfahrungen Worte. Er erlaubt, die Frage nach Gottes Nähe offen auszusprechen, ohne die Beziehung zu ihm aufzugeben. Daraus entsteht keine einfache Erklärung für jede persönliche Leidensgeschichte, und die einzigartige stellvertretende Not Jesu darf nicht mit gewöhnlichem menschlichem Leiden gleichgesetzt werden. Doch sein Gebet ermutigt dazu, auch die schwersten Fragen nicht von Gott fernzuhalten. Wer keine Antwort erkennt, darf dennoch beten. Wer Trost vermisst, darf diesen Mangel aussprechen. Glaube muss nicht jede Träne verbergen, um wirkliches Vertrauen zu sein.

Der zerrissene Tempelvorhang lädt dazu ein, den von Christus eröffneten Zugang zu Gott tatsächlich zu nutzen. Das Neue Testament spricht nicht lediglich davon, dass eine neue religiöse Ordnung entstanden ist. Es fordert Menschen ausdrücklich auf, sich durch Christus dem Thron der Gnade zu nähern (Hebräer 4,14–16; 10,19–22). Darin liegt eine sehr konkrete Einladung. Ein Mensch muss seine Vergebung nicht durch religiöse Leistungen verdienen, seine Schuld nicht durch eigene Anstrengung ausgleichen und auch nicht darauf warten, bis er sich aus eigener Kraft für Gottes Gegenwart würdig gemacht hat. Er darf seine Sünden bekennen, um Vergebung bitten und auf Christi Fürsprache vertrauen. Diese Freiheit ist jedoch kein Freibrief für Gleichgültigkeit gegenüber Gottes Willen. Wer sich dem heiligen Gott nähert, wird zugleich eingeladen, sein Leben von ihm verändern zu lassen. Gnade eröffnet nicht nur einen neuen Zugang, sondern auch einen neuen Weg des Gehorsams.

Die Frauen unter dem Kreuz zeigen, welchen Wert beständige Treue besitzt. Sie hatten Jesus in Galiläa begleitet und ihm gedient, lange bevor ihre Namen in der Kreuzigungserzählung ausdrücklich genannt werden. Ihr Beispiel erinnert daran, dass geistlicher Dienst nicht erst dort beginnt, wo jemand öffentlich sichtbar wird oder eine besondere Stellung erhält. Praktische Unterstützung, die Bereitschaft zum Mitgehen und das Dasein in schweren Stunden können für andere Menschen von großer Bedeutung sein. Gerade wenn eine Krise nicht mehr durch eigenes Handeln gelöst werden kann, bleibt die Gegenwart eines treuen Menschen wertvoll. Dabei geht es nicht darum, die Frauen zu einem unerreichbaren Ideal zu erheben oder ihnen ein vollständiges Verständnis aller Ereignisse zuzuschreiben. Ihre Geschichte macht vielmehr deutlich, dass Nachfolge auch dann eine wirkliche Bedeutung behält, wenn die eigenen Möglichkeiten begrenzt sind.

Josef von Arimathäa ergänzt diese Lektion durch eine andere Form des Handelns. Er verfügt über gesellschaftliches Ansehen und offenbar über die Möglichkeit, persönlich vor Pilatus zu treten. Diese Stellung hätte ihn dazu verleiten können, Abstand von dem öffentlich verurteilten Jesus zu halten. Stattdessen nutzt er seinen Einfluss, um eine würdige Bestattung zu ermöglichen. Sein Beispiel fordert dazu auf, die eigenen Möglichkeiten nicht nur für persönliche Sicherheit oder Anerkennung einzusetzen. Wer über Mittel, Beziehungen, Fähigkeiten oder Verantwortung verfügt, kann sie zum Schutz und zur Unterstützung anderer verwenden. Dabei muss nicht jede Handlung öffentlich bewundert werden, um wertvoll zu sein. Josef hält keine große Rede. Er erkennt eine konkrete Aufgabe und übernimmt sie. Gerade darin zeigt sich eine Glaubenshaltung, die nicht bei guten Absichten stehen bleibt.

Die Zeit vor dem Sabbat erinnert zudem daran, dass menschliches Handeln seine Grenzen hat. Josef tut, was für die Bestattung Jesu erforderlich ist, während die Frauen aufmerksam verfolgen, wo der Leichnam niedergelegt wird. Anschließend folgt der Sabbat, an dem nach dem Bericht des Lukas die Frauen gemäß dem Gebot ruhen (Lukas 23,56). Diese Abfolge stellt notwendiges Handeln und die Beachtung der heiligen Zeit nicht als Gegensätze dar. Sie zeigt Menschen, die ihre Verantwortung ernst nehmen und zugleich in einer von Gottes Gebot geprägten Lebensordnung stehen. Eine mögliche geistliche Vertiefung liegt darin, dass der Mensch nicht alles durch fortgesetzte Tätigkeit bewirken kann. Es gibt Situationen, in denen er handeln muss, und andere, in denen er seine Grenzen anerkennen und Gott vertrauen darf. Die biblische Sabbatruhe erinnert daran, dass das Leben nicht ausschließlich von menschlicher Leistung abhängt, sondern letztlich in Gottes Hand steht.

Schließlich lehrt das verschlossene Grab, zwischen dem Ende menschlicher Möglichkeiten und dem Ende göttlicher Verheißungen zu unterscheiden. Für die Menschen, die Jesus begraben, ist sein Tod eine unwiderrufliche Wirklichkeit. Sie können das Geschehene nicht rückgängig machen. Markus beendet das Kapitel, ohne ihnen bereits die Freude der Auferstehung vor Augen zu stellen. Gerade deshalb besitzt das Ende eine besondere geistliche Tiefe. Es gibt Erfahrungen, in denen Gottes Zusagen und die sichtbaren Umstände in schmerzlichem Gegensatz zueinanderzustehen scheinen. Die Bibel fordert in solchen Situationen keinen künstlichen Optimismus und keine Verleugnung des tatsächlichen Leids. Sie richtet den Blick vielmehr auf den Gott, dessen Treue nicht durch die Grenzen menschlicher Wahrnehmung aufgehoben wird.

Die entscheidende Antwort auf Markus 15 besteht deshalb nicht allein darin, die geschilderten Ereignisse zu bewundern oder ihren Ernst zu beklagen. Der Leser wird eingeladen, sich dem gekreuzigten Christus persönlich anzuvertrauen, seine eigene Schuld vor Gott anzuerkennen und die durch Jesus eröffnete Versöhnung anzunehmen. Zugleich soll diese Beziehung zu einer veränderten Lebenshaltung führen: zu Wahrhaftigkeit statt Menschenfurcht, zu Gerechtigkeit statt Eigennutz, zu Mitgefühl statt Verachtung und zu treuem Dienst statt dem Streben nach äußerer Größe.

Am Kreuz wird sichtbar, dass Gottes Liebe nicht vor der tiefsten menschlichen Not zurückweicht. Wer diese Liebe erkennt und annimmt, findet darin nicht nur Trost, sondern auch einen neuen Maßstab für das eigene Leben.