Der dritte Tempel – Gottes wahres Heiligtum verstehen

Ein dritter Tempel in Jerusalem ist nach dem Neuen Testament keine notwendige Voraussetzung für Gottes Endzeitplan. Der irdische Tempeldienst wies auf Christus und das himmlische Heiligtum voraus; mit Jesu vollkommenem Opfer und seinem hohepriesterlichen Dienst liegt der Mittelpunkt des neuen Bundes nicht in einem zukünftigen Heiligtum aus Stein. Ein Tempel könnte von Menschen gebaut werden, doch die Bibel gibt ihm keine erneuerte heilsgeschichtliche Funktion.

Einführung

Ein neuer Tempel in Jerusalem würde die Aufmerksamkeit der Welt auf sich ziehen. Für viele wäre er weit mehr als ein religiöses Bauwerk: Sie würden darin ein prophetisches Zeichen sehen und erwarten, dass damit entscheidende Ereignisse der Endzeit beginnen. Gerade deshalb ist die Frage so bedeutsam. Nicht ob Menschen einen Tempel errichten können, sondern ob Gottes Wort einen solchen Tempel für seinen weiteren Heilsplan überhaupt voraussetzt, muss geklärt werden.

Der Tempel besitzt in der Bibel tatsächlich eine außergewöhnliche Bedeutung. Dort begegnen sich Gottes Gegenwart und menschliche Sünde, Heiligkeit und Versöhnung, Opfer und Priesterdienst. Doch dieselbe Bibel, die dem irdischen Heiligtum diesen hohen Stellenwert gibt, führt seine Geschichte weiter. Jesus spricht von seinem eigenen Leib als Tempel, die Apostel bezeichnen Gottes Volk als geistliches Haus, und der Hebräerbrief richtet den Blick auf ein Heiligtum, das nicht von Menschen errichtet wurde.

Dadurch entsteht eine entscheidende Spannung: Darf man prophetische Aussagen über Tempel, Opfer und Heiligtum einfach wieder auf ein zukünftiges Gebäude in Jerusalem zurückführen, nachdem Christus gekommen ist? Oder verändert sein Tod, seine Auferstehung und sein Dienst vor Gott die gesamte Ausgangslage?

Eine zuverlässige Antwort entsteht nur, wenn die Tempelfrage von ihrem biblischen Anfang bis zu ihrem Ziel verfolgt wird. Der erste notwendige Schritt liegt deshalb weit vor jeder Endzeitprophetie: bei der Frage, weshalb Gott überhaupt ein Heiligtum unter seinem Volk errichten ließ und welche Aufgabe es in seinem Erlösungsplan erfüllen sollte.

Warum Gott ein Heiligtum errichten ließ

2. Mose 25,8-9 – „8 Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, daß ich mitten unter ihnen wohne! 9 Durchaus, wie ich dir ein Vorbild der Wohnung und aller ihrer Geräte zeigen werde, also sollt ihr es machen."
2. Mose 25,8-9 – „8 Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, daß ich mitten unter ihnen wohne! 9 Durchaus, wie ich dir ein Vorbild der Wohnung und aller ihrer Geräte zeigen werde, also sollt ihr es machen."
2. Mose 29,42-46 – „42 Das soll das beständige Brandopfer eurer Geschlechter sein vor dem HERRN, vor der Tür der Stiftshütte, wo ich mit euch zusammenkommen will, um mit dir zu reden; 43 ja, ich will mich daselbst bei den Kindern Israel einstellen, und sie soll geheiligt werden durch meine Herrlichkeit. 44 Und ich will die Stiftshütte heiligen samt dem Altar und mir Aaron samt seinen Söhnen heiligen zum Priesterdien…"
1. Könige 8,27-30 – „27 Aber wohnt Gott wirklich auf Erden? Siehe, die Himmel und aller Himmel Himmel mögen dich nicht fassen; wie sollte es denn dieses Haus tun, das ich gebaut habe? 28 Wende dich aber zum Gebet deines Knechtes und zu seinem Flehen, o HERR, mein Gott, daß du hörest das Flehen und das Gebet, welches dein Knecht heute vor dir tut, 29 daß deine Augen Tag und Nacht offen stehen über diesem Haus, über de…"

Die Tempelfrage beginnt nicht mit Jerusalem und auch nicht mit Endzeitprophetie, sondern in der Wüste. Nachdem Gott Israel aus Ägypten befreit hatte, gab er Mose den Auftrag: „Sie sollen mir ein Heiligtum machen, damit ich mitten unter ihnen wohne“ (2. Mose 25,8). Damit nennt Gott selbst den grundlegenden Zweck des Heiligtums. Es sollte der sichtbare Mittelpunkt seiner Gegenwart unter dem Volk sein, das er erlöst und in seinen Bund aufgenommen hatte.

Diese Reihenfolge ist entscheidend. Israel erhielt das Heiligtum nicht, um sich durch Opfer, Priesterdienst oder religiöse Leistungen erst Gottes Annahme zu verdienen. Gott hatte das Volk bereits aus der Knechtschaft geführt. Erst danach offenbarte er, wie ein heiliger Gott inmitten sündiger Menschen wohnen konnte. Das Heiligtum gehört deshalb von Anfang an zur Geschichte der Erlösung: Gott kommt dem Menschen entgegen und schafft selbst den Weg zur Gemeinschaft mit ihm.

Dabei durfte Israel weder Form noch Dienst des Heiligtums frei bestimmen. Mose sollte alles nach dem Muster errichten, das Gott ihm zeigte (2. Mose 25,9). Räume, Priester, Opfer und heilige Ordnungen waren deshalb nicht bloß Ausdruck menschlicher Religiosität. Sie gehörten zu einer von Gott gegebenen Offenbarung und vermittelten Wahrheiten über Sünde, Heiligkeit, Vergebung und den Zugang zu Gott.

Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang im Opferdienst. Sünde konnte nicht so behandelt werden, als hätte sie keine Folgen. Gleichzeitig ließ Gott den Sünder nicht ohne Hoffnung. Durch die von ihm eingesetzten Opfer zeigte er, dass Versöhnung nur auf dem Weg stellvertretenden Lebens und vergossenen Blutes möglich war. Das Tieropfer war jedoch niemals aus sich selbst die endgültige Lösung für Sünde. Seine Bedeutung lag darin, innerhalb der von Gott gegebenen Ordnung auf eine tiefere Erlösungswirklichkeit hinzuweisen.

Gott verbindet diesen ganzen Dienst ausdrücklich mit seiner Gegenwart. Am Ende der Anweisungen über das tägliche Opfer erklärt er, dass er den Israeliten dort begegnen, unter ihnen wohnen und ihr Gott sein werde (2. Mose 29,42-46). Das Heiligtum stand deshalb nicht hauptsächlich für ein Gebäude, sondern für eine Beziehung: Der Erlöser wohnte unter seinem erlösten Volk. Opfer, Priesterdienst und Heiligkeit dienten diesem größeren Ziel.

Auch als später der Tempel Salomos errichtet wurde, blieb klar, dass Gott nicht in einem Gebäude eingeschlossen werden konnte. Salomo selbst bekannte bei der Tempelweihe, dass selbst die Himmel Gott nicht fassen können (1. Könige 8,27). Der Tempel war also nicht Gottes Wohnung in dem Sinn, dass seine Gegenwart auf einen bestimmten Raum begrenzt gewesen wäre. Er war der von Gott bestimmte Ort, an dem seine Bundesgegenwart und der von ihm eingesetzte Gottesdienst in besonderer Weise sichtbar wurden.

Damit ist bereits ein Maßstab für jede spätere Tempelfrage gesetzt. Die Bedeutung eines Heiligtums entsteht nicht allein dadurch, dass Menschen ein heiliges Gebäude errichten. Entscheidend ist, ob Gott selbst diesem Ort und seinem Dienst eine Aufgabe in seinem Erlösungsplan gegeben hat. Gerade deshalb muss als Nächstes geklärt werden, ob das irdische Heiligtum von Anfang an als endgültige Wirklichkeit gedacht war oder auf etwas Größeres vorauswies.

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Das irdische Heiligtum war Abbild einer himmlischen Wirklichkeit

Hebräer 8,1-5 – „1 Die Hauptsache aber bei dem, was wir sagten, ist: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel sitzt, 2 einen Diener des Heiligtums und der wahrhaftigen Stiftshütte, welche der Herr errichtet hat, und nicht ein Mensch. 3 Denn jeder Hoherpriester wird eingesetzt, um Gaben und Opfer darzubringen; daher muß auch dieser etwas haben, was er darbringen kan…"
Hebräer 8,1-5 – „1 Die Hauptsache aber bei dem, was wir sagten, ist: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel sitzt, 2 einen Diener des Heiligtums und der wahrhaftigen Stiftshütte, welche der Herr errichtet hat, und nicht ein Mensch. 3 Denn jeder Hoherpriester wird eingesetzt, um Gaben und Opfer darzubringen; daher muß auch dieser etwas haben, was er darbringen kan…"
Hebräer 9,23-24 – „23 So ist es also notwendig, daß die Abbilder der im Himmel befindlichen Dinge durch solches gereinigt werden, die himmlischen Dinge selbst aber durch bessere Opfer als diese. 24 Denn nicht in ein mit Händen gemachtes Heiligtum, in ein Nachbild des wahrhaften, ist Christus eingegangen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt zu erscheinen vor dem Angesichte Gottes für uns;"
2. Mose 25,40 – „40 Und siehe zu, daß du es machest nach dem Vorbilde, das dir auf dem Berge gezeigt worden ist!"

Das Heiligtum Israels war von Gott eingesetzt und besaß für seine Zeit eine wirkliche Aufgabe. Dennoch war es nicht das endgültige Heiligtum, auf das Gottes Erlösungsplan zulief. Der Hebräerbrief erklärt ausdrücklich, dass die irdischen Priester „einem Abbild und Schatten des Himmlischen“ dienten (Hebräer 8,5). Damit erhält die Anweisung an Mose, die Stiftshütte genau nach dem auf dem Berg gezeigten Vorbild zu errichten, eine weitreichende Bedeutung.

Hebräer 8 richtet den Blick zunächst auf Christus. Die „Hauptsache“ der bisherigen Ausführungen besteht darin, dass die Gläubigen einen Hohenpriester haben, der zur Rechten Gottes im Himmel sitzt. Jesus dient dort im Heiligtum und in der „wahrhaftigen Stiftshütte, welche der Herr errichtet hat und nicht ein Mensch“ (Hebräer 8,1-2). Der Text stellt damit ein von Menschen errichtetes irdisches Heiligtum einer Wirklichkeit gegenüber, deren Urheber Gott selbst ist.

Diese Unterscheidung ist für die Frage nach einem dritten Tempel grundlegend. Das irdische Heiligtum war nicht deshalb unbedeutend, weil es ein Abbild war. Gerade weil Gott es gegeben hatte, konnte es zuverlässig auf größere Wirklichkeiten hinweisen. Doch ein Abbild erhält seine Bedeutung von dem, was es abbildet. Der Schatten ist nicht das Ziel; er weist über sich hinaus.

Hebräer 9 führt denselben Gedanken noch deutlicher weiter. Christus ging nach seinem Opfer nicht in ein „mit Händen gemachtes Heiligtum“ ein, das als Nachbild des wahren bezeichnet wird. Er ging „in den Himmel selbst“, um vor Gottes Angesicht für sein Volk zu erscheinen (Hebräer 9,24). Damit nennt das Neue Testament ausdrücklich die Richtung, in die das alte Heiligtum führte: nicht zu einem späteren, vollkommeneren Bauwerk auf der Erde, sondern zur himmlischen Wirklichkeit und zum Dienst Christi vor Gott.

Dabei sollte die Aussage nicht über das hinaus ausgedehnt werden, was der Text offenbart. Der Hebräerbrief liefert keinen Bauplan des Himmels und erlaubt nicht, jede Einzelheit des irdischen Heiligtums ohne weitere biblische Grundlage einer bestimmten himmlischen Architektur zuzuordnen. Seine zentrale Aussage ist jedoch eindeutig: Es gibt eine himmlische Heiligtumswirklichkeit, und das von Menschen errichtete Heiligtum war ihr Abbild.

Damit verschiebt sich auch die entscheidende Frage nach einem zukünftigen Tempel. Menschen könnten erneut ein prächtiges Heiligtum in Jerusalem errichten. Doch allein seine Existenz könnte es nicht zum Mittelpunkt von Gottes Erlösungswerk machen. Das Neue Testament führt den Glaubenden nach Christus nicht zurück zum irdischen Abbild, sondern hin zu der Wirklichkeit, auf die dieses Abbild vorauswies.

Diese Linie schützt zugleich vor zwei Fehlern. Das alttestamentliche Heiligtum darf weder geringgeschätzt noch nach seiner Erfüllung künstlich zum endgültigen Ziel gemacht werden. Gott selbst hatte es eingesetzt, aber gerade seine von Gott bestimmte Aufgabe bestand darin, den Weg zu einer größeren Wirklichkeit sichtbar zu machen. Deshalb muss der nächste Schritt bei demjenigen liegen, der heute in diesem wahren Heiligtum dient: Jesus Christus, dem großen Hohenpriester.

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Christus ist der Hohepriester des wahren Heiligtums

Hebräer 8,1-2 – „1 Die Hauptsache aber bei dem, was wir sagten, ist: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel sitzt, 2 einen Diener des Heiligtums und der wahrhaftigen Stiftshütte, welche der Herr errichtet hat, und nicht ein Mensch."
Hebräer 8,1-2 – „1 Die Hauptsache aber bei dem, was wir sagten, ist: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel sitzt, 2 einen Diener des Heiligtums und der wahrhaftigen Stiftshütte, welche der Herr errichtet hat, und nicht ein Mensch."
Hebräer 7,23-25 – „23 Und jene sind in großer Anzahl Priester geworden, weil der Tod sie am Bleiben verhinderte; 24 er aber hat, weil er in Ewigkeit bleibt, ein unübertragbares Priestertum. 25 Daher kann er auch bis aufs äußerste die retten, welche durch ihn zu Gott kommen, da er immerdar lebt, um für sie einzutreten!"
Hebräer 9,24 – „24 Denn nicht in ein mit Händen gemachtes Heiligtum, in ein Nachbild des wahrhaften, ist Christus eingegangen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt zu erscheinen vor dem Angesichte Gottes für uns;"
Hebräer 4,14-16 – „14 Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, so lasset uns festhalten an dem Bekenntnis! 15 Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der kein Mitleid haben könnte mit unsren Schwachheiten, sondern der in allem gleich [wie wir] versucht worden ist, doch ohne Sünde. 16 So lasset uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade,…"

Nachdem der Hebräerbrief das irdische Heiligtum als Abbild bezeichnet hat, richtet er die Aufmerksamkeit nicht zuerst auf dessen Räume, sondern auf denjenigen, der im wahren Heiligtum dient. Seine Zusammenfassung ist eindeutig: „Wir haben einen solchen Hohenpriester“, der zur Rechten Gottes sitzt und ein Diener des Heiligtums und der wahren Stiftshütte ist, die der Herr errichtet hat und nicht ein Mensch (Hebräer 8,1-2). Das Zentrum der neutestamentlichen Heiligtumsbotschaft ist damit eine Person. Jesus Christus ist nicht nur das Opfer für die Sünde; er ist zugleich der lebendige Hohepriester seines Volkes.

Das unterscheidet seinen Dienst grundlegend vom levitischen Priestertum. Die Priester Israels konnten ihren Dienst nicht dauerhaft ausüben, weil sie sterbliche Menschen waren. Christus dagegen besitzt nach Hebräer 7 ein bleibendes Priestertum, weil er in Ewigkeit lebt. Darum kann er diejenigen vollkommen retten, die durch ihn zu Gott kommen, „da er immerdar lebt, um für sie einzutreten“ (Hebräer 7,25). Das Heiligtum des neuen Bundes ist deshalb untrennbar mit einem Hohepriester verbunden, dessen Dienst weder durch Tod noch durch einen menschlichen Nachfolger beendet wird.

Sein Priesterdienst steht dabei nicht in Konkurrenz zu seinem Opfer am Kreuz. Christus muss nicht immer wieder sterben, um Menschen zu retten. Sein Opfer ist einmalig und vollkommen. Doch der auferstandene Christus lebt und tritt auf der Grundlage dieses vollbrachten Opfers für sein Volk ein. Kreuz und himmlischer Priesterdienst gehören deshalb zusammen: Auf Golgatha wurde das Opfer gebracht, und im Himmel dient derjenige, der dieses Opfer selbst gebracht hat.

Hebräer 9,24 beschreibt diesen Ort seines Wirkens besonders klar. Christus ging nicht in ein von Menschenhand errichtetes Heiligtum ein, sondern „in den Himmel selbst“, um jetzt vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen. Diese Aussage ist für die Erwartung eines dritten Tempels von großer Bedeutung. Der neue Bund besitzt bereits ein Heiligtum und bereits einen amtierenden Hohenpriester. Gottes Volk wartet nicht darauf, dass in Jerusalem wieder eine Priesterschaft eingesetzt wird, damit der eigentliche Heiligtumsdienst erneut beginnen kann.

Das zeigt auch, weshalb das Neue Testament den Gläubigen nicht auffordert, ihre Hoffnung auf einen erneuerten levitischen Priesterdienst zu richten. Hebräer 4 weist sie stattdessen unmittelbar auf Christus hin: Weil sie einen großen Hohenpriester haben, sollen sie an ihrem Bekenntnis festhalten und mit Freimütigkeit zum Thron der Gnade kommen. Dort finden sie Barmherzigkeit und Gnade zur rechten Zeit. Der Zugang zu Gott ist bereits eröffnet und hängt nicht von einem zukünftigen irdischen Heiligtum ab.

Ein von Menschen erbauter Tempel könnte daher niemals einen besseren Zugang zu Gott schaffen. Ebenso könnte ein zukünftiger menschlicher Hohepriester den Dienst Christi weder ergänzen noch vervollständigen. Gerade die Vollkommenheit Jesu macht eine Rückkehr zu einem priesterlichen System notwendig unmöglich als von Gott eingesetzte Fortsetzung des Erlösungsweges. Was einst vorausweisend durch menschliche Priester dargestellt wurde, besitzt seine eigentliche Wirklichkeit bereits in dem auferstandenen Sohn Gottes.

Damit wird die Tempelfrage noch präziser. Nicht die bloße Möglichkeit eines zukünftigen Gebäudes steht zur Entscheidung, sondern seine behauptete heilsgeschichtliche Bedeutung. Ein Tempel könnte gebaut werden; daraus folgt noch nicht, dass Gott den alten Heiligtumsdienst wieder einsetzt. Ob eine solche Rückkehr überhaupt mit dem vollbrachten Werk Christi vereinbar wäre, entscheidet sich besonders an der nächsten Frage: Was geschah mit dem alttestamentlichen Opferdienst, als Jesus sich selbst als vollkommenes Opfer darbrachte?

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Das Opfer Christi beendet die Notwendigkeit weiterer Tieropfer

Hebräer 10,1-14 – „1 Denn weil das Gesetz nur einen Schatten der zukünftigen Güter hat, nicht das Ebenbild der Dinge selbst, so kann es auch mit den gleichen alljährlichen Opfern, welche man immer wieder darbringt, die Hinzutretenden niemals vollkommen machen! 2 Hätte man sonst nicht aufgehört, Opfer darzubringen, wenn die, welche den Gottesdienst verrichten, einmal gereinigt, kein Bewußtsein von Sünden mehr gehabt…"
Hebräer 10,1-14 – „1 Denn weil das Gesetz nur einen Schatten der zukünftigen Güter hat, nicht das Ebenbild der Dinge selbst, so kann es auch mit den gleichen alljährlichen Opfern, welche man immer wieder darbringt, die Hinzutretenden niemals vollkommen machen! 2 Hätte man sonst nicht aufgehört, Opfer darzubringen, wenn die, welche den Gottesdienst verrichten, einmal gereinigt, kein Bewußtsein von Sünden mehr gehabt…"
Hebräer 9,11-14 – „11 Als aber Christus kam als ein Hoherpriester der zukünftigen Güter, ist er durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht mit Händen gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist, 12 auch nicht durch das Blut von Böcken und Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für allemal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erfunden. 13 Denn wenn das Blut von Böcken und Sti…"
Matthäus 27,50-51 – „50 Jesus aber schrie abermals mit lauter Stimme und gab den Geist auf. 51 Und siehe, der Vorhang im Tempel riß entzwei von oben bis unten, und die Erde erbebte, und die Felsen spalteten sich."

Die Frage nach einem zukünftigen Tempel wird besonders deutlich, sobald der Opferdienst betrachtet wird. Ein Tempel nach alttestamentlichem Vorbild war nicht einfach ein Versammlungsgebäude. Zu seiner von Gott gegebenen Ordnung gehörten Altar, Priesterschaft und Opfer. Deshalb genügt es nicht zu fragen, ob irgendwann wieder ein Gebäude in Jerusalem stehen könnte. Entscheidend ist, ob Gott nach dem Opfer Christi einem erneuten Opferdienst noch dieselbe heilsgeschichtliche Bedeutung geben könnte.

Hebräer 10 beantwortet zunächst, was die früheren Opfer leisten konnten und was nicht. Das Gesetz besaß in diesem Zusammenhang einen „Schatten der zukünftigen Güter“, und die immer wieder dargebrachten Opfer konnten die Anbetenden nicht endgültig vollkommen machen. Besonders eindeutig ist die Aussage: „Denn unmöglich kann Blut von Ochsen und Böcken Sünden wegnehmen“ (Hebräer 10,4). Damit erklärt die Schrift selbst die Grenze des alten Opferdienstes.

Das bedeutet nicht, dass die von Gott angeordneten Opfer bedeutungslos gewesen wären. Sie gehörten zu seinem Bund mit Israel und vermittelten wirkliche Wahrheiten über Schuld, Stellvertretung, Reinigung und Versöhnung. Ihre Wirksamkeit lag jedoch nicht in einer eigenen erlösenden Kraft des Tierblutes. Sie wiesen auf das Opfer voraus, durch das Sünde tatsächlich überwunden werden sollte.

Mit Christus tritt diese Wirklichkeit ein. Hebräer 9 stellt ihn als Hohenpriester vor, der nicht mit dem Blut von Böcken und Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut in das Heiligtum einging und eine ewige Erlösung erwarb. Hebräer 10 stellt anschließend die fortwährende Wiederholung der alten Opfer dem einmaligen Opfer Jesu gegenüber. Die Priester brachten täglich immer wieder Opfer dar; Christus dagegen brachte „ein einziges Opfer für die Sünden“ und hat dadurch das entscheidende Sühnwerk vollbracht.

Gerade deshalb sagt Hebräer 10,9-10, dass Christus das Erste wegnimmt, um das Zweite aufzurichten, und dass die Gläubigen durch die Opferung seines Leibes „ein für allemal“ geheiligt sind. Diese Aussage lässt keinen Raum für die Vorstellung, Tieropfer müssten in Gottes Erlösungsplan später erneut eingesetzt werden, um eine noch fehlende prophetische Aufgabe zu erfüllen. Sie könnten dem Opfer Christi nichts hinzufügen und keine Sünde beseitigen, die sein Blut nicht bereits vollkommen zu tragen vermag.

Auch das Zerreißen des Tempelvorhangs beim Tod Jesu fügt sich in diesen heilsgeschichtlichen Wendepunkt ein. Matthäus berichtet, dass der Vorhang im Tempel unmittelbar nach Jesu Tod von oben bis unten zerriss (Matthäus 27,50-51). Der Vorhang gehörte zu einer Ordnung, in der der Zugang zur unmittelbaren Gegenwart Gottes begrenzt war. Der Hebräerbrief erklärt anschließend, dass durch das Blut Jesu ein neuer und lebendiger Zugang eröffnet worden ist. Das Zeichen im Tempel und die Erklärung des Hebräerbriefs weisen somit in dieselbe Richtung.

Damit wird auch eine entscheidende Unterscheidung notwendig. Sollten Menschen künftig tatsächlich Tieropfer in Jerusalem darbringen, wären diese Opfer reale religiöse Handlungen. Aber ihre bloße Existenz würde ihnen nicht erneut die frühere von Gott eingesetzte Bedeutung verleihen. Ein Opfer nach Golgatha könnte nicht mehr auf einen kommenden Erlöser vorausweisen, denn der Erlöser ist gekommen. Es könnte auch sein vollkommenes Opfer nicht ergänzen, ohne gerade dessen Einmaligkeit zu verkennen.

Ein möglicher dritter Tempel und ein von Gott wieder eingesetzter Tempeldienst sind deshalb zwei völlig verschiedene Behauptungen. Die erste betrifft ein denkbares menschliches Bauprojekt. Die zweite betrifft Gottes Erlösungsordnung – und genau dafür gibt das Neue Testament keine Rückkehr zum Tieropfer her. Um die Tempelfrage vollständig zu verstehen, muss nun betrachtet werden, wie Jesus selbst den Begriff „Tempel“ aufgriff und worauf er ihn in entscheidender Weise bezog.

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Jesus selbst ist der wahre Tempel

Johannes 2,18-22 – „18 Da antworteten die Juden und sprachen zu ihm: Was für ein Zeichen zeigst du uns, weil du solches tun darfst? 19 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten! 20 Da sprachen die Juden: In sechsundvierzig Jahren ist dieser Tempel erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? 21 Er aber redete von dem Tempel seines Leibes. …"
Johannes 2,18-22 – „18 Da antworteten die Juden und sprachen zu ihm: Was für ein Zeichen zeigst du uns, weil du solches tun darfst? 19 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten! 20 Da sprachen die Juden: In sechsundvierzig Jahren ist dieser Tempel erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? 21 Er aber redete von dem Tempel seines Leibes. …"
Johannes 1,14 – „14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit."
Kolosser 2,9 – „9 Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig;"

Mit Jesus erreicht die Tempelgeschichte einen neuen Mittelpunkt. Als die jüdischen Führer von ihm ein Zeichen für sein Handeln im Tempel verlangten, antwortete er: „Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten“ (Johannes 2,19). Seine Zuhörer verstanden diese Worte auf das sichtbare Gebäude in Jerusalem und verwiesen darauf, dass an diesem Tempel sechsundvierzig Jahre gebaut worden war. Johannes erklärt jedoch ausdrücklich: „Er aber redete von dem Tempel seines Leibes“ (Johannes 2,21).

Diese Aussage ist weit mehr als ein bildhafter Vergleich. Der Tempel war der von Gott bestimmte Ort seiner besonderen Gegenwart unter Israel. Nun verwendet Jesus genau diese Sprache für seinen eigenen Leib. Das passt zu der Aussage am Anfang des Johannesevangeliums, dass das Wort Fleisch wurde und unter den Menschen „wohnte“ (Johannes 1,14). In Christus begegnet Gottes Gegenwart dem Menschen nicht mehr nur durch einen heiligen Ort; Gott kommt in der Person seines Sohnes zu ihnen.

Dabei sagt Jesus nicht einfach, der Jerusalemer Tempel sei bedeutungslos. Während seines irdischen Lebens bezeichnet er ihn als das Haus seines Vaters und achtet seine damalige heilsgeschichtliche Stellung. Doch gerade im Tempel selbst kündigt er eine Wirklichkeit an, die das Gebäude überragt. Sein eigener Tod und seine Auferstehung werden zum entscheidenden Zeichen. Johannes berichtet, dass die Jünger Jesu Worte erst nach seiner Auferstehung in ihrer Bedeutung verstanden.

Damit verbindet Jesus den Tempelbegriff unmittelbar mit dem Zentrum des Evangeliums. Sein Leib wird getötet und am dritten Tag auferweckt. Was im Heiligtum durch Opfer, Priesterdienst und den Zugang zu Gottes Gegenwart dargestellt wurde, läuft auf sein Erlösungswerk zu. Christus ist deshalb nicht lediglich jemand, der einen besseren Tempel ankündigt. In ihm begegnet die Wirklichkeit, auf die der Tempeldienst hinwies.

Kolossians 2,9 beschreibt denselben christologischen Mittelpunkt mit anderen Worten: In Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig. Gottes Gegenwart ist damit nicht an ein Gebäude gebunden, zu dem Christus nur den Zugang vermittelt. Im Sohn selbst ist Gott den Menschen nahe gekommen. Wer Jesus sieht, begegnet nicht einem weiteren religiösen Symbol neben dem Tempel, sondern demjenigen, in dem Gottes Offenbarung und Erlösung ihren Mittelpunkt besitzen.

Jesu Aussage hat deshalb erhebliche Folgen für die Erwartung eines dritten Tempels. Wer nach seinem Tod und seiner Auferstehung erneut einen irdischen Tempel zum notwendigen Zentrum von Gottes Gegenwart machen möchte, muss erklären, weshalb das Neue Testament den entscheidenden Tempelbegriff stattdessen auf Christus richtet. Die heilsgeschichtliche Bewegung geht nicht von Jesus zurück zum Gebäude, sondern vom Gebäude zu Jesus.

Das bedeutet nicht, dass jedes Vorkommen des Wortes „Tempel“ im Neuen Testament automatisch Christus bezeichnet. Der jeweilige Zusammenhang muss entscheiden. Doch Johannes 2 legt einen grundlegenden Maßstab fest: Der Tempelgedanke wird durch das Kommen Jesu nicht einfach fortgeführt, als wäre nichts geschehen. Gottes Gegenwart, Opfer und Erlösung werden nun untrennbar von Christus her verstanden.

Von diesem Mittelpunkt aus erweitert das Neue Testament die Tempelsprache noch einmal. Weil Menschen mit Christus verbunden und vom Heiligen Geist erfüllt werden, bezeichnet die Schrift schließlich auch Gottes Volk selbst als seinen Tempel. Damit verschiebt sich die Frage erneut weg von einem zukünftigen Gebäude und hin zu der Gemeinschaft, in der Gott durch seinen Geist wohnen will.

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Gottes Volk ist sein geistlicher Tempel

1. Korinther 3,16-17 – „16 Wisset ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? 17 Wenn jemand den Tempel Gottes verderbt, den wird Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr."
1. Korinther 3,16-17 – „16 Wisset ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? 17 Wenn jemand den Tempel Gottes verderbt, den wird Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr."
Epheser 2,19-22 – „19 So seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge und Gäste, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, 20 auferbaut auf die Grundlage der Apostel und Propheten, während Jesus Christus selber der Eckstein ist, 21 in welchem der ganze Bau, zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn, 22 in welchem auch ihr miterbaut werdet zu einer Behausung Gottes im Geist."
1. Petrus 2,4-5 – „4 Da ihr zu ihm gekommen seid, als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt und köstlich ist, 5 so lasset auch ihr euch nun aufbauen als lebendige Steine zum geistlichen Hause, zum heiligen Priestertum, um geistliche Opfer zu opfern, die Gott angenehm sind durch Jesus Christus."

Nachdem Jesus den Tempelbegriff auf seinen eigenen Leib bezogen hat, verwendet das Neue Testament dieselbe Sprache auch für die Menschen, die mit ihm verbunden sind. Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth: „Wisset ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1. Korinther 3,16). Der Tempelgedanke wird damit nicht aufgegeben, sondern in einer neuen heilsgeschichtlichen Form weitergeführt: Gott wohnt durch seinen Geist in seinem Volk.

Im Zusammenhang von 1. Korinther 3 spricht Paulus nicht zuerst über den einzelnen Körper eines Christen, sondern über die Gemeinde als Ganzes. Er beschreibt zuvor Gottes Bau und warnt diejenigen, die darauf bauen. Dann erklärt er der versammelten Gemeinde: Ihr seid Gottes Tempel. Die Heiligkeit, die einst mit dem Heiligtum verbunden war, wird nun auf die Gemeinschaft übertragen, in der Gottes Geist wohnt.

Epheser 2 entfaltet dasselbe Bild noch ausführlicher. Menschen aus den Völkern, die einst fern waren, sind durch Christus nicht länger Fremde, sondern gehören zu Gottes Haus. Christus selbst ist der Eckstein. Apostel und Propheten bilden die Grundlage, und der ganze Bau wächst „zu einem heiligen Tempel im Herrn“ (Epheser 2,21). Die einzelnen Glaubenden werden gemeinsam zu einer „Behausung Gottes im Geist“ aufgebaut.

Gerade diese Formulierung zeigt, dass die Gemeinde nicht an die Stelle Christi tritt. Sie wird nur deshalb zum Tempel, weil sie auf Christus gegründet, mit ihm verbunden und von Gottes Geist erfüllt ist. Der Eckstein trägt den Bau. Ohne Christus gäbe es keinen geistlichen Tempel des neuen Bundes. Deshalb stehen der Tempel Christi und der Tempel seiner Gemeinde nicht gegeneinander, sondern gehören zusammen.

Petrus greift dasselbe Motiv auf und verbindet es mit dem Bild lebendiger Steine. Christus ist der lebendige Stein, von Menschen verworfen, bei Gott aber auserwählt und kostbar. Wer zu ihm kommt, wird selbst „als lebendiger Stein“ zu einem geistlichen Haus aufgebaut (1. Petrus 2,4-5). An die Stelle eines Bauwerks aus behauenen Steinen tritt eine Gemeinschaft von Menschen, deren Leben auf Christus gegründet ist.

Damit verändert sich auch die Bedeutung von Priestertum und Opfer. Petrus nennt die Gläubigen eine heilige Priesterschaft, die geistliche Opfer darbringt, die Gott durch Jesus Christus wohlgefällig sind. Das ist keine Wiederherstellung des levitischen Opferdienstes unter anderer Bezeichnung. Gerade der Zusatz „durch Jesus Christus“ zeigt, dass alles vom bereits vollbrachten Erlösungswerk des Sohnes her verstanden wird.

Diese neutestamentliche Tempelsprache ist besonders wichtig für prophetische Texte. Wenn Paulus nach Golgatha von „Gottes Tempel“ spricht, muss dieser Ausdruck nicht automatisch ein steinernes Heiligtum in Jerusalem bezeichnen. Sein eigener Sprachgebrauch zeigt, dass er die Gemeinde ausdrücklich Tempel Gottes nennt. Deshalb darf bei späteren Aussagen nicht schon vor der Auslegung vorausgesetzt werden, dass das Wort „Tempel“ zwingend einen künftig wiedererrichteten jüdischen Tempel meint.

Genau diese Frage wird in 2. Thessalonicher 2 entscheidend. Dort erscheint ein Widersacher, der sich „in den Tempel Gottes“ setzt. Dieser Text gehört zu den stärksten Begründungen für die verbreitete Erwartung eines dritten Tempels. Deshalb muss nun sorgfältig geprüft werden, welchen Tempel Paulus dort tatsächlich meint und ob der Abschnitt einen zukünftigen Tempelbau in Jerusalem voraussetzt.

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Welcher Tempel ist in 2. Thessalonicher 2 gemeint?

2. Thessalonicher 2,3-8 – „3 Niemand soll euch irreführen in irgendeiner Weise, denn es muß unbedingt zuerst der Abfall kommen und der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, 4 geoffenbart werden, der Widersacher, der sich über alles erhebt, was Gott oder Gegenstand der Verehrung heißt, so daß er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst als Gott erklärt. 5 Denket ihr nicht mehr daran, daß ich euch solches sagte, …"
2. Thessalonicher 2,3-8 – „3 Niemand soll euch irreführen in irgendeiner Weise, denn es muß unbedingt zuerst der Abfall kommen und der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, 4 geoffenbart werden, der Widersacher, der sich über alles erhebt, was Gott oder Gegenstand der Verehrung heißt, so daß er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst als Gott erklärt. 5 Denket ihr nicht mehr daran, daß ich euch solches sagte, …"
1. Korinther 3,16-17 – „16 Wisset ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? 17 Wenn jemand den Tempel Gottes verderbt, den wird Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr."
Epheser 2,19-22 – „19 So seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge und Gäste, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, 20 auferbaut auf die Grundlage der Apostel und Propheten, während Jesus Christus selber der Eckstein ist, 21 in welchem der ganze Bau, zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn, 22 in welchem auch ihr miterbaut werdet zu einer Behausung Gottes im Geist."

Eine der wichtigsten Begründungen für einen zukünftigen dritten Tempel stammt aus 2. Thessalonicher 2. Paulus beschreibt dort den „Menschen der Sünde“, der sich über alles erhebt, was Gott oder Gegenstand der Verehrung heißt, und sich „in den Tempel Gottes setzt“ (2. Thessalonicher 2,4). Wenn Paulus damit zwingend einen zukünftigen jüdischen Tempel in Jerusalem meinte, müsste vor der Erfüllung dieser Prophetie tatsächlich ein solches Gebäude existieren. Genau diese Voraussetzung muss deshalb am Text geprüft werden.

Paulus sagt jedoch weder, dass der damalige Tempel zerstört werden wird, noch dass anschließend ein neuer errichtet werden müsse. Er erwähnt Jerusalem nicht und beschreibt keine Wiederaufnahme des levitischen Opferdienstes. Die Behauptung, Vers 4 setze einen dritten Tempel voraus, entsteht somit erst dann, wenn die Bedeutung von „Tempel Gottes“ bereits im Voraus auf ein zukünftiges Gebäude festgelegt wird. Der Text selbst verlangt diese Festlegung nicht.

Der Zusammenhang weist vielmehr auf eine Entwicklung hin, die bereits zur Zeit der Apostel begonnen hatte. Paulus erinnert die Thessalonicher daran, dass das „Geheimnis der Gesetzlosigkeit“ schon wirksam war, während die vollständige Offenbarung des Gesetzlosen noch ausstand (2. Thessalonicher 2,7). Seine Beschreibung reicht also von einer bereits vorhandenen Wirksamkeit über eine spätere Entfaltung bis zu ihrer Vernichtung bei der Erscheinung Christi (Vers 8). Die Prophetie umfasst damit eine geschichtliche Entwicklung und nicht lediglich einen einzelnen Vorgang wenige Jahre oder Monate vor der Wiederkunft.

Entscheidend ist außerdem, wie Paulus selbst den Ausdruck „Tempel Gottes“ verwendet. An die Korinther schreibt er ausdrücklich: „Ihr seid Gottes Tempel und der Geist Gottes wohnt in euch“ (1. Korinther 3,16). In Epheser 2 beschreibt er die Gläubigen als einen Bau, dessen Eckstein Christus ist und der zu einem „heiligen Tempel im Herrn“ wächst. Für Paulus kann Gottes Tempel im neuen Bund also eindeutig die Gemeinde bezeichnen. Deshalb darf in 2. Thessalonicher 2 nicht ohne weitere Begründung vorausgesetzt werden, dass derselbe Ausdruck plötzlich einen noch nicht existierenden dritten Tempel aus Stein meinen müsse.

Auch die Art der beschriebenen Rebellion passt zu diesem Zusammenhang. Der Widersacher stellt sich nicht einfach außerhalb aller Religion gegen Gott. Er erhebt sich innerhalb des Bereichs, der Gottes Autorität beansprucht, und nimmt eine Stellung ein, die Gott allein zukommt. Das Bild des Sich-in-den-Tempel-Setzens beschreibt damit treffend religiöse Selbstüberhöhung innerhalb des bekennenden Gottesvolkes: menschliche Autorität erhebt sich an einem Ort, der Christus und seinem Wort gehören sollte.

Gerade das macht den Ausdruck „Tempel Gottes“ bedeutsam. Paulus bezeichnet nicht irgendeinen heidnischen Machtbereich als Gottes Tempel. Die Gesetzlosigkeit wirkt im religiösen Raum und verbindet ihren Anspruch mit dem, was Gott gehört. Dadurch erscheint der Abfall nicht zuerst als offene Ablehnung jeder Gottesverehrung, sondern als Verfälschung und Selbstüberhöhung innerhalb eines Bereichs, der sich zu Gott bekennt.

Die historisch-prophetische Struktur des Abschnitts verstärkt diese Einordnung. Das Prinzip der Gesetzlosigkeit war bereits im apostolischen Zeitalter wirksam, sollte sich später offenbaren und bleibt Gegenstand des göttlichen Gerichts bis zur Wiederkunft Christi. Ein erst kurz vor dem Ende auftretender einzelner Mensch in einem neu errichteten Jerusalemer Tempel erklärt diese lange Entwicklung weniger vollständig als eine religiöse Macht, die sich innerhalb des christlichen Bereichs erhebt und göttliche Autorität beansprucht.

Damit liefert 2. Thessalonicher 2 keinen biblischen Beweis dafür, dass vor Jesu Wiederkunft ein dritter Tempel in Jerusalem stehen muss. Im Zusammenhang von Paulus’ eigenem Tempelverständnis und der geschichtlichen Entfaltung des Abfalls ist die Gemeinde beziehungsweise der Bereich des bekennenden Christentums die schlüssigere Einordnung des „Tempels Gottes“. Die Prophetie richtet den Blick deshalb nicht auf die Wiederherstellung eines jüdischen Heiligtums, sondern auf den Kampf um Gottes Autorität innerhalb des religiösen Bereichs selbst.

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Daniel 9 verlangt keinen zukünftigen Tempel

Daniel 9,24-27 – „24 Siebzig Wochen sind über dein Volk und über deine heilige Stadt verordnet, um der Übertretung ein Ende und das Maß der Sünde voll zu machen, um die Missetat zu sühnen und die ewige Gerechtigkeit zu bringen, um Gesicht und Prophezeiung zu versiegeln und das Hochheilige zu salben. 25 So wisse und verstehe: Vom Erlaß des Befehls zum Wiederaufbau Jerusalems bis auf den Gesalbten, einen Fürsten, ve…"
Daniel 9,24-27 – „24 Siebzig Wochen sind über dein Volk und über deine heilige Stadt verordnet, um der Übertretung ein Ende und das Maß der Sünde voll zu machen, um die Missetat zu sühnen und die ewige Gerechtigkeit zu bringen, um Gesicht und Prophezeiung zu versiegeln und das Hochheilige zu salben. 25 So wisse und verstehe: Vom Erlaß des Befehls zum Wiederaufbau Jerusalems bis auf den Gesalbten, einen Fürsten, ve…"
Matthäus 24,15-20 – „15 Wenn ihr nun den Greuel der Verwüstung, von welchem durch den Propheten Daniel geredet worden ist, stehen sehet an heiliger Stätte (wer es liest, der merke darauf!), 16 alsdann fliehe, wer in Judäa ist, auf die Berge; 17 wer auf dem Dache ist, der steige nicht hinab, etwas aus seinem Hause zu holen; 18 und wer auf dem Felde ist, der kehre nicht zurück, um sein Kleid zu holen. 19 Wehe aber den …"
Lukas 21,20-24 – „20 Wenn ihr aber Jerusalem von Kriegsheeren belagert sehet, alsdann erkennet, daß ihre Verwüstung nahe ist. 21 Alsdann fliehe, wer in Judäa ist, auf die Berge; und wer in [der Stadt] ist, der entweiche daraus; und wer auf dem Lande ist, gehe nicht hinein. 22 Denn das sind Tage der Rache, damit alles erfüllt werde, was geschrieben steht. 23 Wehe aber den Schwangern und den Säugenden in jenen Tagen…"

Daniel 9 gehört zu den Texten, die häufig mit einem zukünftigen dritten Tempel verbunden werden. Besonders die Aussagen über die Verwüstung des Heiligtums, das Aufhören von Schlacht- und Speisopfer und den „Greuel der Verwüstung“ werden manchmal in eine noch zukünftige Endzeit verschoben. Doch bevor daraus ein neuer Tempel abgeleitet wird, muss Daniels Prophezeiung in ihrer eigenen Zeitfolge gelesen werden.

Die siebzig Wochen beginnen mit einem bestimmten Ziel: Sie sind über Daniels Volk und die heilige Stadt bestimmt und führen bis zum Messias (Daniel 9,24-25). In Vers 26 wird anschließend ausdrücklich gesagt, dass der Messias „ausgerottet“ werden wird. Danach werden Stadt und Heiligtum durch das Volk eines kommenden Fürsten zerstört. Die Prophezeiung setzt an dieser Stelle also nicht den Bau eines weiteren Tempels voraus, sondern kündigt die Zerstörung des damals bestehenden Heiligtums an.

Besonders wichtig ist Vers 27. Dort wird ein Bund mit vielen bestätigt, und in der Mitte der Woche hören Schlacht- und Speisopfer auf. Im Zusammenhang der gesamten Messiasprophetie liegt es nahe, diese Aussage nicht von Christus zu trennen. Sein Tod bringt die vorausweisende Bedeutung der Tieropfer zu ihrem Ziel. Was Daniel prophetisch ankündigt, stimmt damit mit dem späteren Zeugnis des Hebräerbriefs überein: Das vollkommene Opfer Christi macht weitere Sühnopfer heilsgeschichtlich überflüssig.

Diese Einordnung unterscheidet sich grundlegend von der Vorstellung, die letzte Woche der Prophezeiung müsse von den vorhergehenden neunundsechzig Wochen abgetrennt und Tausende Jahre in die Zukunft verschoben werden. Daniel selbst nennt innerhalb der siebzig Wochen keinen solchen zeitlichen Zwischenraum. Die natürliche Abfolge führt vom Erlass über das Auftreten des Messias zu seinem Tod und anschließend zur Zerstörung Jerusalems und des Heiligtums. Ein zukünftiger dritter Tempel entsteht aus dem Text nur, wenn eine zusätzliche zeitliche Konstruktion vorausgesetzt wird, die Daniel nicht ausdrücklich nennt.

Jesus selbst greift Daniels Sprache von der Verwüstung später auf. In Matthäus 24 warnt er seine Jünger vor dem „Greuel der Verwüstung, von welchem durch den Propheten Daniel geredet ist“, und fordert die Menschen in Judäa zur Flucht auf. Der Parallelbericht bei Lukas macht den geschichtlichen Zusammenhang besonders deutlich: „Wenn ihr aber Jerusalem von Kriegsheeren umlagert sehet, so erkennet, daß seine Verwüstung nahegekommen ist“ (Lukas 21,20). Die Warnung Jesu richtet sich damit unmittelbar auf die kommende Zerstörung Jerusalems.

Das ist entscheidend, weil Jesus seine Jünger nicht auf einen Tempelbau am Ende der Welt vorbereitet. Er spricht zu Menschen, die noch den bestehenden Tempel vor Augen hatten, und warnt sie vor dessen kommender Verwüstung. Wenige Verse zuvor hatte er über den Jerusalemer Tempel gesagt, dass kein Stein auf dem anderen bleiben werde (Matthäus 24,1-2). Die anschließende Warnung vor der Verwüstung steht innerhalb genau dieses Zusammenhangs.

Daniel 9 und Jesu Auslegung führen daher nicht zu der Erwartung, dass das alttestamentliche Opfersystem am Ende der Geschichte erneut von Gott eingesetzt werden müsse. Die messianische Linie führt vielmehr zum Tod Christi, während die Jerusalemer Linie zur Zerstörung von Stadt und Heiligtum führt. Gerade das Opfer Jesu erklärt, weshalb das Ende der damaligen Tempelordnung den Erlösungsplan Gottes nicht unterbrechen konnte.

Damit entfällt eine weitere wichtige Begründung für einen prophetisch notwendigen dritten Tempel. Daniel 9 kündigt Christus und die Zerstörung des damaligen Heiligtums an; Jesus bestätigt die kommende Verwüstung Jerusalems. Weder Daniel noch Christus sagen anschließend, dass für die Vollendung der Prophetie ein neuer jüdischer Tempel errichtet und der alte Opferdienst wiederhergestellt werden müsse.

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Hesekiels Tempelvision ist kein Bauplan für einen dritten Tempel

Hesekiel 43,10-11 – „10 Du aber, Menschensohn, beschreibe dem Hause Israel dieses Haus, und wenn sie sich ihrer Missetaten schämen, so laß sie den Plan messen. 11 Wenn sie sich dann aller ihrer Taten schämen, so zeige ihnen die Form dieses Hauses und seine Einrichtung und seine Ausgänge und seine Eingänge und alle seine Formen und alle seine Maße, ja, alle seine Formen und alle seine Vorschriften, und zeichne es vor …"
Hesekiel 43,10-11 – „10 Du aber, Menschensohn, beschreibe dem Hause Israel dieses Haus, und wenn sie sich ihrer Missetaten schämen, so laß sie den Plan messen. 11 Wenn sie sich dann aller ihrer Taten schämen, so zeige ihnen die Form dieses Hauses und seine Einrichtung und seine Ausgänge und seine Eingänge und alle seine Formen und alle seine Maße, ja, alle seine Formen und alle seine Vorschriften, und zeichne es vor …"
Hesekiel 45,18-25 – „18 So spricht Gott, der HERR: Am ersten Tage des ersten Monats sollst du einen tadellosen jungen Farren nehmen und das Heiligtum entsündigen. 19 Und der Priester soll von dem Blute des Sündopfers nehmen und es an die Türpfosten des Hauses und auf die vier Ecken des Absatzes am Altar und an die Torpfosten des innern Vorhofs tun. 20 Also sollst du auch am siebenten des Monats tun, für den, welcher …"
Hesekiel 47,13-14 – „13 So spricht Gott, der HERR: Das ist die Grenze, innert welcher ihr den zwölf Stämmen Israels das Land zum Erbe austeilen sollt; dem Joseph gehören zwei Lose. 14 Und zwar sollt ihr es, einer wie der andere, zum Erbbesitz erhalten, wie ich denn geschworen habe, es euren Vätern zu geben; und dieses Land soll euch als Erbbesitz zufallen."
Hesekiel 48,35 – „35 Der ganze Umfang beträgt 18000. Und der Name der Stadt soll fortan lauten: «Der HERR ist hier!»"

Hesekiel 40–48 enthält die ausführlichste Tempelvision des Alten Testaments. Ein Heiligtum wird vermessen, Priester versehen ihren Dienst, Opfer werden dargebracht, das Land wird unter den Stämmen Israels verteilt und Gottes Herrlichkeit kehrt zurück. Gerade wegen dieser Genauigkeit wird die Vision manchmal als Bauplan für einen zukünftigen dritten Tempel verstanden. Doch der Text selbst setzt sie in einen anderen Zusammenhang.

Hesekiel empfing die Vision während des babylonischen Exils, nachdem Jerusalem und der erste Tempel zerstört worden waren. Für ein Volk, das Stadt, Land und Heiligtum verloren hatte, zeigte Gott eine erneuerte Ordnung seiner Gegenwart. Der entscheidende Zweck der Vision wird in Hesekiel 43 sichtbar: Der Prophet soll dem Haus Israel den Tempel zeigen, damit das Volk sich seiner Schuld schämt. Erst „wenn sie sich alles dessen schämen, was sie getan haben“, soll ihnen die Gestalt und Ordnung des Hauses vollständig gezeigt werden (Hesekiel 43,10-11). Die Tempelvision steht damit unmittelbar im Zusammenhang von Umkehr, Wiederherstellung und Israels damaliger Bundesgeschichte.

Auch die übrigen Einzelheiten passen in diesen alttestamentlichen Horizont. Hesekiel beschreibt levitische Priester, Brandopfer, Sündopfer, Speisopfer und festgesetzte Opferzeiten. In Kapitel 45 werden sogar Sündopfer zur Entsündigung des Heiligtums und Opfer während Passah und Laubhüttenfest angeordnet. Würde man diese Kapitel als wörtliche Beschreibung eines von Gott eingesetzten Tempeldienstes nach Golgatha lesen, müsste man folgerichtig auch die dort beschriebenen Tieropfer wieder als göttliche Heiligtumsordnung erwarten.

Genau hier entsteht jedoch ein unauflösbarer Konflikt mit der ausdrücklichen Erklärung des Hebräerbriefs. Christus hat sich ein für allemal geopfert; Tierblut kann Sünde nicht wegnehmen, und das wiederholte Opfersystem war Schatten der kommenden Wirklichkeit. Deshalb kann eine Auslegung, die Hesekiel 40–48 zu einer zukünftigen göttlichen Wiedereinsetzung des levitischen Opferdienstes macht, nicht mit der späteren Offenbarung über das vollbrachte Opfer Christi vereinbart werden. Die Schrift darf an dieser Stelle nicht gegen sich selbst ausgespielt werden.

Hinzu kommt, dass Hesekiels Vision weit mehr beschreibt als ein Tempelgebäude. Das gesamte Land wird neu geordnet und den zwölf Stämmen in auffallend regelmäßigen Gebieten zugeteilt (Hesekiel 47–48). Im Zentrum liegt ein heiliger Bezirk mit Heiligtum und Stadt. Aus dem Tempel fließt ein immer tiefer werdender Strom, der das tote Wasser heilt und an dessen Ufern Bäume wachsen, deren Früchte zur Nahrung und deren Blätter zur Heilung dienen (Hesekiel 47,1-12). Wer allein den Tempel buchstäblich in die Zukunft verlegt, müsste erklären, weshalb die übrige geographische und kultische Ordnung nicht mit derselben Konsequenz wörtlich wiederhergestellt werden soll.

Die Vision zeigt somit eine umfassende Wiederherstellung, in deren Mittelpunkt Gottes erneute Gegenwart bei seinem Volk steht. Ihr Schlusswort bringt dieses Ziel auf den Punkt. Die Stadt erhält den Namen: „Der HERR ist hier!“ (Hesekiel 48,35). Darauf läuft die gesamte Beschreibung hinaus. Nicht die Architektur ist das eigentliche Ziel, sondern dass Gottes Herrlichkeit nach Gericht, Sünde und Verbannung wieder unter einem gereinigten Volk wohnt.

Bemerkenswert ist, dass das Neue Testament gerade die großen Bilder dieser Vision aufnimmt, ohne einen erneuerten levitischen Tempeldienst einzusetzen. Die Offenbarung greift den Lebensstrom, die heilenden Bäume, die Stadt und Gottes unmittelbare Gegenwart wieder auf. Doch am Ziel der Heilsgeschichte erklärt Johannes ausdrücklich, dass er in der Stadt keinen Tempel sieht, „denn der Herr, Gott der Allmächtige, ist ihr Tempel, und das Lamm“ (Offenbarung 21,22). Hesekiels große Hoffnung wird damit nicht durch eine Rückkehr hinter Christus erfüllt, sondern erreicht in Gottes endgültiger Gegenwart bei den Erlösten ihre höchste Vollendung.

Hesekiel 40–48 liefert deshalb keinen biblischen Beweis dafür, dass vor der Wiederkunft Jesu ein dritter Tempel gebaut und von Gott mit Tieropfern wieder in Dienst gestellt werden muss. Die Vision gehört zunächst zur Wiederherstellungshoffnung des gefallenen Israel und trägt zugleich Bilder, die die spätere Offenbarung bis zur neuen Schöpfung weiterführt. Ihre entscheidende Botschaft ist nicht die zukünftige Rückkehr zum Schatten, sondern Gottes großes Ziel: wieder und schließlich für immer bei seinem Volk zu wohnen.

Zurück: Daniel 9 verlangt keinen zukünftigen Tempel Weiter: Offenbarung 11 fordert keinen Tempelneubau

Offenbarung 11 fordert keinen Tempelneubau

Offenbarung 11,1-2 – „1 Und mir wurde ein Rohr gegeben, gleich einem Stabe; und es wurde zu mir gesagt: Mache dich auf und miß den Tempel Gottes und den Altar und die, welche dort anbeten. 2 Aber den Vorhof, der außerhalb des Tempels ist, laß weg und miß ihn nicht; denn er ist den Heiden gegeben, und sie werden die heilige Stadt zertreten zweiundvierzig Monate lang."
Offenbarung 11,1-2 – „1 Und mir wurde ein Rohr gegeben, gleich einem Stabe; und es wurde zu mir gesagt: Mache dich auf und miß den Tempel Gottes und den Altar und die, welche dort anbeten. 2 Aber den Vorhof, der außerhalb des Tempels ist, laß weg und miß ihn nicht; denn er ist den Heiden gegeben, und sie werden die heilige Stadt zertreten zweiundvierzig Monate lang."
Offenbarung 11,19 – „19 Und der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet, und die Lade seines Bundes wurde sichtbar in seinem Tempel. Und es entstanden Blitze und Stimmen und Donner und Erdbeben und großer Hagel."
Offenbarung 15,5 – „5 Und darnach sah ich, und siehe, der Tempel der Hütte des Zeugnisses im Himmel wurde geöffnet,"

Auch Offenbarung 11 wird gelegentlich als Hinweis auf einen zukünftigen dritten Tempel verstanden. Johannes erhält dort ein Rohr wie einen Messstab und den Auftrag: „Stehe auf und miß den Tempel Gottes und den Altar und die, welche darin anbeten“ (Offenbarung 11,1). Der äußere Vorhof soll dagegen nicht gemessen werden, weil er den Nationen gegeben ist, die die heilige Stadt zweiundvierzig Monate zertreten werden. Auf den ersten Blick könnte diese Sprache an den Jerusalemer Tempel erinnern. Doch der Zusammenhang verlangt eine sorgfältigere Einordnung.

Zunächst sagt der Text nirgends, dass ein Tempel gebaut oder wiederaufgebaut werden soll. Johannes erhält keinen Bauauftrag und keine Anweisung zur Wiederherstellung des levitischen Gottesdienstes. Der Tempel erscheint innerhalb der Vision bereits als vorhandene prophetische Wirklichkeit. Allein aus seiner Erwähnung kann deshalb kein zukünftiger Tempelbau abgeleitet werden.

Hinzu kommt die Bildsprache der Offenbarung. Johannes soll nicht nur ein Gebäude vermessen, sondern ausdrücklich auch „die, welche darin anbeten“. Menschen werden damit Teil dessen, was gemessen wird. Das zeigt, dass der Vorgang über gewöhnliche Architektur hinausgeht. Das Messen besitzt eine geistliche und prophetische Bedeutung: Gott unterscheidet, was zu ihm gehört, und richtet den Blick auf seinen Tempel, seinen Altar und seine Anbeter.

Auch die Zeitangabe von zweiundvierzig Monaten weist auf den prophetischen Charakter des Abschnitts. Dieselbe Zeitspanne erscheint in der Offenbarung in unterschiedlichen Bildern als zweiundvierzig Monate, 1260 Tage beziehungsweise „eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit“ und steht innerhalb einer größeren prophetischen Konfliktgeschichte. Der Abschnitt beschreibt deshalb nicht einfach eine Momentaufnahme eines modernen Bauwerks in Jerusalem, sondern gehört zur symbolischen Darstellung des Kampfes um Gottes Volk, seine Wahrheit und wahre Anbetung.

Besonders wichtig ist, dass die Offenbarung selbst wenige Verse später erklärt, wo Gottes Tempel gesehen wird. In Offenbarung 11,19 heißt es: „Und der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet, und die Lade seines Bundes wurde sichtbar in seinem Tempel.“ Der Blick des Buches führt damit ausdrücklich zum himmlischen Heiligtum. Auch Offenbarung 15,5 spricht vom geöffneten „Tempel der Hütte des Zeugnisses im Himmel“. Innerhalb desselben Buches ist „Tempel Gottes“ also keineswegs auf einen zukünftigen Bau in Jerusalem festgelegt.

Das bedeutet nicht, dass jedes Detail von Offenbarung 11 ohne Weiteres mit einem einzigen Symbol gleichgesetzt werden darf. Tempel, Altar, Anbeter, Vorhof und heilige Stadt müssen innerhalb ihrer jeweiligen prophetischen Funktion verstanden werden. Doch gerade diese Vielschichtigkeit verbietet den umgekehrten Schluss, der Tempel müsse deshalb ein buchstäblicher dritter Tempel sein. Eine solche Behauptung geht über das hinaus, was der Text ausdrücklich sagt.

Der entscheidende Schwerpunkt liegt vielmehr auf Gottes Anspruch auf wahre Anbetung und auf der Unterscheidung zwischen dem, was ihm gehört, und dem Bereich, der der Zertretung preisgegeben wird. Das passt zur größeren Offenbarung, in der Gottes Volk, Gottes Heiligtum und die Frage der Anbetung immer wieder miteinander verbunden werden. Der große Konflikt dreht sich nicht um die Vollendung eines menschlichen Bauprojekts, sondern darum, wem Anbetung, Treue und Autorität zukommen.

Offenbarung 11 liefert deshalb keinen tragfähigen Beweis für einen prophetisch notwendigen dritten Tempel in Jerusalem. Der Text befiehlt keinen Wiederaufbau, erwähnt keinen erneuerten levitischen Opferdienst und wird innerhalb desselben Kapitels ausdrücklich mit Gottes Tempel im Himmel verbunden. Damit bleibt auch diese häufig angeführte Stelle mit der neutestamentlichen Grundlinie vereinbar: Der Mittelpunkt des endzeitlichen Heiligtumsgeschehens liegt nicht in einem neuen Gebäude aus Stein, sondern bei Gott und seinem himmlischen Heiligtum.

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Daniel 8 führt zum himmlischen Heiligtum

Daniel 8,9-14 – „9 Und aus einem derselben wuchs ein kleines Horn hervor, das tat außerordentlich groß gegen den Süden und gegen den Osten und gegen das herrliche Land. 10 Und es wagte sich bis an das Heer des Himmels heran und warf von dem Heer und von den Sternen etliche auf die Erde und zertrat sie. 11 Ja, bis zum Fürsten des Heeres erhob es sich, und von ihm ward das beständige [Opfer] aufgehoben und seine he…"
Daniel 8,9-14 – „9 Und aus einem derselben wuchs ein kleines Horn hervor, das tat außerordentlich groß gegen den Süden und gegen den Osten und gegen das herrliche Land. 10 Und es wagte sich bis an das Heer des Himmels heran und warf von dem Heer und von den Sternen etliche auf die Erde und zertrat sie. 11 Ja, bis zum Fürsten des Heeres erhob es sich, und von ihm ward das beständige [Opfer] aufgehoben und seine he…"
Daniel 8,17 – „17 Da kam er neben mich zu stehen; als er aber kam, erschrak ich so sehr, daß ich auf mein Angesicht fiel. Und er sprach zu mir: Wisse, Menschensohn, daß das Gesicht auf die Zeit des Endes geht!"
Hebräer 9,23-24 – „23 So ist es also notwendig, daß die Abbilder der im Himmel befindlichen Dinge durch solches gereinigt werden, die himmlischen Dinge selbst aber durch bessere Opfer als diese. 24 Denn nicht in ein mit Händen gemachtes Heiligtum, in ein Nachbild des wahrhaften, ist Christus eingegangen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt zu erscheinen vor dem Angesichte Gottes für uns;"
Daniel 7,9-10 – „9 Solches sah ich, bis Throne aufgestellt wurden und ein Hochbetagter sich setzte. Sein Kleid war schneeweiß und das Haar seines Hauptes wie reine Wolle; sein Thron waren Feuerflammen und seine Räder ein brennendes Feuer. 10 Ein Feuerstrom ergoß sich und ging von ihm aus. Tausendmal Tausende dienten ihm emsiglich, und zehntausendmal Zehntausende standen vor ihm; das Gericht setzte sich, und die B…"

Daniel 8 verbindet Heiligtum und Endzeit in besonders deutlicher Weise. Deshalb ist dieses Kapitel für die Frage nach einem dritten Tempel wichtiger als die bloße Diskussion darüber, ob irgendwann wieder ein Gebäude in Jerusalem entstehen könnte. Daniel sieht eine Macht, die Gottes Wahrheit und Heiligtum angreift, und hört schließlich die Frage: „Wie lange?“ Die Antwort führt zu den 2300 Abenden und Morgen und zu der Zusage, dass das Heiligtum wieder zu seinem Recht kommen wird (Daniel 8,13-14).

Der Zusammenhang beginnt jedoch lange vor dieser Aussage. Der Engel erklärt den Widder als Medo-Persien und den Ziegenbock als Griechenland (Daniel 8,20-21). Aus der weiteren geschichtlichen Entwicklung erscheint eine Macht, deren Wirken schließlich weit über gewöhnliche politische Eroberung hinausgeht. Sie erhebt sich bis gegen den „Fürsten des Heeres“, greift das Beständige an, wirft Wahrheit zu Boden und richtet sich gegen das Heiligtum. Die Vision beschreibt somit einen Konflikt, der eine ausdrücklich religiöse und heilsgeschichtliche Dimension besitzt.

Dabei darf die in manchen Übersetzungen vorkommende Ergänzung „Opfer“ beim „Beständigen“ nicht zur Grundlage der ganzen Auslegung gemacht werden. Das hebräische Wort für Opfer steht an dieser Stelle nicht ausdrücklich im Grundtext. Entscheidend für die Tempelfrage ist ohnehin ein anderer Punkt: Daniel 8 sagt nirgends, dass am Ende der Zeit ein neues Heiligtum in Jerusalem gebaut werden soll. Der Text beschreibt einen Angriff auf das, was Gott gehört, und anschließend Gottes Wiederherstellung beziehungsweise Rechtfertigung seines Heiligtums.

Dass die Vision über die unmittelbare Zeit Daniels hinausreicht, erklärt der Engel selbst. Daniel soll verstehen, dass das Gesicht „auf die Zeit des Endes“ geht (Daniel 8,17). Damit kann die endgültige Heiligtumsperspektive nicht einfach auf den damaligen Tempel beschränkt werden. Der zweite Tempel wurde Jahrhunderte später zerstört, während die von Daniel beschriebene prophetische Auseinandersetzung bis in die Endzeit reicht. Die Frage lautet deshalb, welches Heiligtum innerhalb dieser späteren heilsgeschichtlichen Phase Gottes wahres Heiligtum ist.

Hier gibt das Neue Testament eine ausdrückliche Antwort. Christus ist nicht in ein von Menschenhand geschaffenes Heiligtum eingegangen, sondern „in den Himmel selbst“, um vor Gottes Angesicht für uns zu erscheinen (Hebräer 9,24). Hebräer 8 bezeichnet ihn als Diener der wahren Stiftshütte, die der Herr errichtet hat. Wenn Daniel also eine Heiligtumsfrage beschreibt, die bis in die Endzeit reicht, und das Neue Testament für die Zeit nach Golgatha Gottes wahres Heiligtum im Himmel verortet, führt die biblische Linie nicht zu einem noch zu errichtenden dritten Tempel, sondern zum himmlischen Dienst Christi.

Auch die Verbindung mit Daniel 7 verstärkt diesen Zusammenhang. Dort folgt auf die Abfolge der Weltreiche und das Wirken einer gottesfeindlichen Macht eine Gerichtsszene im Himmel: Throne werden aufgestellt, der Alte an Tagen setzt sich, Bücher werden geöffnet und das Gericht beginnt (Daniel 7,9-10). Daniel 8 beschreibt denselben großen prophetischen Konflikt aus einer anderen Perspektive und rückt dabei das Heiligtum besonders in den Mittelpunkt. Beide Visionen führen nach langer widergöttlicher Herrschaft zu Gottes endzeitlichem Handeln.

Damit sollte Daniel 8 nicht auf die einfache Formel reduziert werden, ein irdischer Tempel werde verunreinigt und müsse anschließend wiederhergestellt werden. Die Vision reicht weiter. Sie behandelt Gottes Heiligtum, Wahrheit und Herrschaft innerhalb eines Konflikts, der bis zum Ende reicht. Die neutestamentliche Offenbarung zeigt, wo Christus während dieser Phase dient: im himmlischen Heiligtum. Diese Verbindung war bereits in der Altversion als wichtige Grundlinie erkannt.

Daniel 8 liefert daher keinen prophetischen Bauauftrag für einen dritten Tempel in Jerusalem. Die Prophetie lenkt die Aufmerksamkeit vielmehr auf Gottes eigenes Heiligtum und auf sein endzeitliches Handeln gegen die Macht, die seine Wahrheit und Autorität angreift. Damit wird die Tempelfrage noch stärker von irdischen Bauplänen gelöst und auf den Ort gerichtet, an dem Christus tatsächlich als Hoherpriester für sein Volk dient.

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Der verheißene Tempelbauer ist Christus

Sacharja 6,12-13 – „12 Und du sollst also zu ihm sagen: So spricht der HERR der Heerscharen: Siehe, es ist ein Mann, dessen Name «Sproß» ist, denn er wird aus seinem Orte hervorsprossen und den Tempel des HERRN bauen. 13 Ja, er wird den Tempel des HERRN bauen und königlichen Schmuck tragen und wird auf seinem Thron sitzen und herrschen und wird Priester sein auf seinem Thron, ein Friedensbund wird zwischen ihnen bei…"
Sacharja 6,12-13 – „12 Und du sollst also zu ihm sagen: So spricht der HERR der Heerscharen: Siehe, es ist ein Mann, dessen Name «Sproß» ist, denn er wird aus seinem Orte hervorsprossen und den Tempel des HERRN bauen. 13 Ja, er wird den Tempel des HERRN bauen und königlichen Schmuck tragen und wird auf seinem Thron sitzen und herrschen und wird Priester sein auf seinem Thron, ein Friedensbund wird zwischen ihnen bei…"
Johannes 2,19-21 – „19 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten! 20 Da sprachen die Juden: In sechsundvierzig Jahren ist dieser Tempel erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? 21 Er aber redete von dem Tempel seines Leibes."
Hebräer 8,1-2 – „1 Die Hauptsache aber bei dem, was wir sagten, ist: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel sitzt, 2 einen Diener des Heiligtums und der wahrhaftigen Stiftshütte, welche der Herr errichtet hat, und nicht ein Mensch."
Epheser 2,19-22 – „19 So seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge und Gäste, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, 20 auferbaut auf die Grundlage der Apostel und Propheten, während Jesus Christus selber der Eckstein ist, 21 in welchem der ganze Bau, zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn, 22 in welchem auch ihr miterbaut werdet zu einer Behausung Gottes im Geist."

Eine weitere Tempelverheißung findet sich beim Propheten Sacharja. Dort erhält der Hohepriester Josua eine symbolische Krönung, während von einem kommenden Mann gesprochen wird, dessen Name „Spross“ ist: „Er wird den Tempel des HERRN bauen“ (Sacharja 6,12). Auf den ersten Blick könnte auch diese Aussage als Erwartung eines späteren irdischen Tempels verstanden werden. Doch der Zusammenhang führt über Josua und den damaligen Tempel hinaus.

Der angekündigte Spross soll nicht nur den Tempel bauen. Sacharja erklärt, dass er Herrlichkeit tragen, auf seinem Thron sitzen und herrschen wird. Gleichzeitig wird er „Priester auf seinem Thron“ sein (Sacharja 6,13). Königliche und priesterliche Funktionen vereinigen sich damit in einer Person. Das konnte der damalige Hohepriester Josua nicht vollständig erfüllen. Er gehörte zum Priestertum, war aber nicht der verheißene davidische König.

Die Bezeichnung „Spross“ besitzt zudem eine messianische Linie. Die Propheten verbinden den kommenden Spross aus Davids Linie mit dem gerechten König, durch den Gott Rettung schafft. Sacharja selbst hatte bereits zuvor von „meinem Knecht, dem Spross“ gesprochen (Sacharja 3,8). Die Tempelverheißung in Kapitel 6 richtet den Blick deshalb auf den kommenden Messias, in dem Königtum, Priestertum und Gottes Heilshandeln zusammenfinden.

Gerade diese Merkmale werden im Neuen Testament in Christus erfüllt. Jesus ist der verheißene Sohn Davids und zugleich der Hohepriester, der zur Rechten Gottes sitzt. Hebräer 8 beschreibt ihn als Priester im wahren Heiligtum, während das Neue Testament zugleich verkündet, dass er als König herrscht. Die ungewöhnliche Verbindung von Priester und Herrscher auf einem Thron, die Sacharja ankündigt, findet damit in Jesus ihre eigentliche Erfüllung.

Auch die Aussage, dass der Spross den Tempel des HERRN bauen wird, erhält vom Neuen Testament her eine tiefere Bedeutung. Jesus bezeichnet seinen eigenen Leib als Tempel und kündigt dessen Auferstehung an. Zugleich wird die Gemeinde in Epheser 2 als heiliger Tempel beschrieben, der auf Christus als Eckstein aufgebaut wird. Der Messias baut somit tatsächlich Gottes Tempel – jedoch nicht dadurch, dass er am Ende der Zeit erneut einen levitischen Kultbau errichtet, sondern indem er durch sein Erlösungswerk Gottes geistliches Haus schafft und als Hoherpriester im himmlischen Heiligtum dient.

Dabei ist wichtig, die Ebenen nicht miteinander zu vermischen. Sacharja sprach in einer Zeit, in der der zweite Tempel tatsächlich wiederaufgebaut wurde. Seine Botschaft besaß deshalb einen unmittelbaren geschichtlichen Hintergrund. Doch die Beschreibung des Sprosses geht über diesen damaligen Bau hinaus: Der verheißene Tempelbauer trägt königliche Herrlichkeit und vereinigt Priestertum und Herrschaft in seiner Person. Gerade diese Merkmale machen deutlich, dass der prophetische Schwerpunkt auf dem Messias liegt.

Damit kehrt auch diese Verheißung die verbreitete Erwartung eines dritten Tempels nicht um. Sie sagt nicht, dass der Messias vor seiner Wiederkunft einen neuen Opfer­tempel in Jerusalem errichten müsse. Vielmehr zeigt sie, dass Gottes endgültiger Tempelbauer Christus selbst ist. Was er baut, steht im Zusammenhang mit seiner Herrschaft, seinem Priestertum und der von ihm geschaffenen Gemeinschaft mit Gott.

Sacharja 6 führt deshalb nicht zurück zu einer noch ausstehenden levitischen Ordnung, sondern vorwärts zu Christus. Der wahre Tempelbauer ist gekommen, sein Priestertum besteht, und sein geistliches Haus wird bereits aufgebaut. Damit stellt sich nun die größere Frage, worauf sich die Hoffnung des neuen Bundes überhaupt richtet: auf das irdische Jerusalem oder auf die himmlische Stadt und die Gegenwart Gottes bei seinem Volk?

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Das Jerusalem droben ist der Mittelpunkt des neuen Bundes

Galater 4,22-31 – „22 Es steht doch geschrieben, daß Abraham zwei Söhne hatte, einen von der Sklavin, den andern von der Freien. 23 Der von der Sklavin war nach dem Fleisch geboren, der von der Freien aber kraft der Verheißung. 24 Das hat einen bildlichen Sinn: Es sind zwei Bündnisse; das eine von dem Berge Sinai, das zur Knechtschaft gebiert, das ist Hagar. 25 Denn «Hagar» bedeutet in Arabien den Berg Sinai und en…"
Galater 4,22-31 – „22 Es steht doch geschrieben, daß Abraham zwei Söhne hatte, einen von der Sklavin, den andern von der Freien. 23 Der von der Sklavin war nach dem Fleisch geboren, der von der Freien aber kraft der Verheißung. 24 Das hat einen bildlichen Sinn: Es sind zwei Bündnisse; das eine von dem Berge Sinai, das zur Knechtschaft gebiert, das ist Hagar. 25 Denn «Hagar» bedeutet in Arabien den Berg Sinai und en…"
Hebräer 12,22-24 – „22 sondern ihr seid gekommen zu dem Berge Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu Zehntausenden von Engeln, 23 zur Festversammlung und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel angeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten 24 und zu Jesus, dem Mittler des neuen Bundes, und zu dem Blut der Besprengung, d…"
Johannes 18,36 – „36 Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wäre mein Reich von dieser Welt, so hätten meine Diener gekämpft, daß ich den Juden nicht ausgeliefert würde; nun aber ist mein Reich nicht von hier."

Die Erwartung eines dritten Tempels ist häufig mit einer weiteren Annahme verbunden: Das irdische Jerusalem müsse im neuen Bund erneut zum entscheidenden Mittelpunkt von Gottes Heilsplan werden. Gerade hier setzt das Neue Testament jedoch einen deutlich anderen Schwerpunkt. Es leugnet die einzigartige heilsgeschichtliche Bedeutung Jerusalems nicht, richtet die Hoffnung der Glaubenden aber über die irdische Stadt hinaus.

Paulus spricht in Galater 4 ausdrücklich von zwei Jerusalems. Das gegenwärtige Jerusalem ordnet er innerhalb seiner Argumentation der Knechtschaft zu; demgegenüber steht das „Jerusalem droben“, das frei ist und das er als „unser aller Mutter“ bezeichnet (Galater 4,26). Paulus erklärt damit nicht, die historische Stadt sei bedeutungslos geworden. Er beantwortet vielmehr die Frage, worauf die Zugehörigkeit zu Gottes Verheißung im neuen Bund gegründet ist.

Der unmittelbare Zusammenhang handelt von Hagar und Sara, Knechtschaft und Verheißung. Paulus wendet ihre Geschichte bildhaft auf zwei unterschiedliche Bundesstellungen an. Entscheidend ist dabei nicht die bloße Abstammung, die geografische Nähe zu Jerusalem oder die Rückkehr unter eine frühere Bundesordnung. Gottes Kinder sind Kinder der Verheißung. Der Mittelpunkt ihrer Identität liegt deshalb nicht in einem irdischen Kultzentrum, sondern in dem, was Gott durch Christus erfüllt hat. Diese Grundrichtung war bereits in der Altversion zutreffend erkannt.

Der Hebräerbrief führt denselben Gedanken noch deutlicher weiter. Den Gläubigen wird nicht gesagt, sie warteten darauf, eines Tages wieder zum irdischen Zion und seinem Tempel zu gelangen. Stattdessen heißt es: „Ihr seid gekommen zum Berge Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem“ (Hebräer 12,22). Auffällig ist die Gegenwartsform. Die Zugehörigkeit zum himmlischen Zion ist nicht bloß eine entfernte Hoffnung, sondern bereits Teil ihrer Stellung im neuen Bund.

Dieser Abschnitt verbindet das himmlische Jerusalem unmittelbar mit Gott, mit der himmlischen Versammlung und mit Jesus als dem Mittler des neuen Bundes. Damit steht auch hier Christus im Zentrum. Der neue Bund verlagert die Hoffnung nicht einfach von einem alten Gebäude zu einem neuen Gebäude, sondern von einer irdischen Ordnung zur Wirklichkeit, die in Christus eröffnet worden ist. Das himmlische Jerusalem gehört zu dieser Wirklichkeit.

Damit wird die besondere Rolle des historischen Jerusalem keineswegs ausgelöscht. Dort stand der Tempel, dort wirkten Propheten, dort starb und auferstand Jesus, und von dort aus begann die Verkündigung des Evangeliums ihren Weg zu den Völkern. Diese Geschichte kann nicht ersetzt werden. Doch aus ihrer einzigartigen Vergangenheit folgt nicht automatisch, dass Jerusalem im neuen Bund wieder zum notwendigen kultischen Mittelpunkt der Erlösung werden muss. Auch die Altversion unterschied an dieser Stelle zu Recht zwischen geschichtlicher Bedeutung und einer behaupteten zukünftigen Heilsnotwendigkeit.

Jesu eigenes Wort vor Pilatus passt zu dieser Ausrichtung. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, erklärt er in Johannes 18,36. Damit sagt Christus nicht, dass sein Reich niemals sichtbar auf dieser Erde vollendet wird. Er macht jedoch klar, dass Ursprung und Autorität seines Königtums nicht aus den politischen Ordnungen dieser Welt hervorgehen. Gottes Reich ist deshalb nicht davon abhängig, dass eine bestimmte Stadt erneut zum politischen oder kultischen Zentrum menschlicher Macht wird.

Das ist besonders wichtig, wenn gegenwärtige oder zukünftige Entwicklungen in Jerusalem prophetisch bewertet werden. Ein Tempel könnte aus religiösen, nationalen oder politischen Gründen gebaut werden. Ein solches Ereignis wäre zweifellos geschichtlich bedeutsam. Doch zwischen einem Ereignis, das Menschen verwirklichen können, und einem Ereignis, das Gott selbst als notwendige Stufe seines Erlösungsplans offenbart hat, besteht ein grundlegender Unterschied. Genau diese Unterscheidung betont auch die vorhandene Fassung.

Die Hoffnung des neuen Bundes wird deshalb nicht auf einen zukünftigen irdischen Kultmittelpunkt zurückgeführt. Sie richtet sich auf Christus, auf das himmlische Jerusalem und auf die Gemeinschaft mit Gott, die durch den Mittler des neuen Bundes bereits eröffnet worden ist. Damit nähert sich die biblische Tempellinie ihrem Ziel: Nicht ein weiterer Tempel aus Stein steht am Ende, sondern eine Wirklichkeit, in der Gott selbst unmittelbar bei seinem erlösten Volk wohnt.

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Gottes Gegenwart ist die endgültige Erfüllung des Tempels

Offenbarung 21,1-3 – „1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, aus dem Himmel herabsteigen von Gott, zubereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut. 3 Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Himmel sagen: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird be…"
Offenbarung 21,1-3 – „1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, aus dem Himmel herabsteigen von Gott, zubereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut. 3 Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Himmel sagen: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird be…"
Offenbarung 21,22-23 – „22 Und einen Tempel sah ich nicht in ihr; denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, und das Lamm. 23 Und die Stadt bedarf nicht der Sonne noch des Mondes, daß sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm."
Offenbarung 22,3-4 – „3 Und nichts Gebanntes wird mehr sein. Und der Thron Gottes und des Lammes wird in ihr sein, und seine Knechte werden ihm dienen; 4 und sie werden sein Angesicht sehen, und sein Name wird auf ihren Stirnen sein."

Am Ende der Bibel erreicht die Tempelgeschichte ihr eigentliches Ziel. Johannes sieht das neue Jerusalem von Gott aus dem Himmel herabkommen und hört die Erklärung: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!“ Gott wird bei ihnen wohnen, sie werden sein Volk sein, und er selbst wird bei ihnen sein (Offenbarung 21,3). Damit kehrt die Offenbarung zu dem Grundgedanken zurück, der bereits am Anfang des Heiligtums stand: Gott will mitten unter seinem Volk wohnen.

Doch die endgültige Erfüllung übertrifft alles, was das irdische Heiligtum darstellen konnte. Johannes schreibt ausdrücklich: „Und einen Tempel sah ich nicht in ihr; denn der Herr, Gott der Allmächtige, ist ihr Tempel, und das Lamm“ (Offenbarung 21,22). Gerade dort, wo Gottes Heilsgeschichte vollendet ist, steht also nicht der vollkommenste Tempelbau aller Zeiten. Ein abgesondertes Heiligtumsgebäude wird nicht mehr benötigt, weil Gottes unmittelbare Gegenwart die ganze Stadt erfüllt.

Das zeigt, worauf die Heiligtumsgeschichte immer zugelaufen ist. In der Wüste stand das Heiligtum inmitten Israels, doch Vorhänge, Priesterdienst und festgelegte Zugänge erinnerten zugleich daran, dass die Sünde die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch beschädigt hatte. Der Mensch konnte Gottes Gegenwart nicht einfach ungeschützt betreten. Das Heiligtum verkündete deshalb gleichzeitig Nähe und Trennung, Gnade und Heiligkeit.

Durch Christus wird diese Trennung überwunden. Er bringt das vollkommene Opfer, dient als Hoherpriester und eröffnet den Zugang zu Gott. Am Ende ist sein Erlösungswerk vollständig zur Vollendung gekommen. Sünde und Tod sind beseitigt, und die Erlösten leben nicht mehr außerhalb eines besonders heiligen Bereichs, zu dem sie vermittelt Zugang erhalten müssen. Gottes Gegenwart erfüllt ihre gesamte Lebenswirklichkeit.

Auch Offenbarung 22 führt diese Nähe weiter. Der Thron Gottes und des Lammes steht in der Stadt, seine Knechte dienen ihm, und „sie werden sein Angesicht sehen“ (Offenbarung 22,3-4). Gerade dieser Satz macht deutlich, wie weit die Erlösung führt. Was im alten Heiligtum nur dem Hohenpriester unter strengsten Bedingungen möglich war, endet in einer erlösten Schöpfung, in der Gottes Volk dauerhaft vor seinem Angesicht lebt.

Das Lamm bleibt dabei im Mittelpunkt. Offenbarung 21 sagt nicht nur, dass Gott der Tempel der Stadt ist, sondern ausdrücklich „Gott der Allmächtige und das Lamm“. Derjenige, auf den die Opfer vorauswiesen, der seinen eigenen Leib Tempel nannte, am Kreuz starb und im himmlischen Heiligtum dient, bleibt auch in der Ewigkeit das Zentrum der Gemeinschaft mit Gott.

Damit beantwortet das Ende der Bibel zugleich die Frage, was ein zukünftiger dritter Tempel überhaupt leisten könnte. Selbst wenn auf der Erde erneut ein Heiligtum errichtet würde, könnte es nicht das Ziel der biblischen Tempelgeschichte sein. Die Offenbarung führt nicht zu einem letzten irdischen Tempel, sondern zu einer Welt, in der Gott selbst unmittelbar bei seinem Volk wohnt. Diese Grundlinie war auch in der Altversion bereits stark erkannt.

Der tiefste Sinn des Tempels liegt deshalb niemals in Steinen, Mauern oder heiligen Räumen. Gottes Ziel besteht darin, die durch Sünde verlorene Gemeinschaft vollständig wiederherzustellen. Das Heiligtum war Zeichen seiner Gegenwart, Christus ist der Weg in diese Gegenwart, und die neue Schöpfung ist ihre endgültige Wirklichkeit. Genau deshalb kann ein dritter Tempel niemals zum Mittelpunkt christlicher Hoffnung werden: Der Mittelpunkt ist Christus selbst und Gottes Verheißung, für immer bei seinem Volk zu wohnen.

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Zusammenfassung und Gebet

Die Frage nach einem dritten Tempel entscheidet sich nicht daran, ob Menschen in Jerusalem eines Tages tatsächlich ein neues Heiligtum errichten könnten. Entscheidend ist, ob Gott einem solchen Gebäude noch einmal die heilsgeschichtliche Stellung geben würde, die das Heiligtum Israels vor dem Kommen Christi besaß. Genau dafür findet sich im Neuen Testament keine tragende Grundlage.

Das irdische Heiligtum war von Gott eingesetzt. Es offenbarte seine Gegenwart, seine Heiligkeit, den Ernst der Sünde und den von ihm eröffneten Weg der Versöhnung. Zugleich erklärt der Hebräerbrief, dass diese Ordnung Abbild und Schatten einer größeren Wirklichkeit war. Das Heiligtum auf Erden war nicht das endgültige Ziel. Es wies auf das himmlische Heiligtum und auf Jesus Christus voraus.

Mit Christus ist diese vorausgewiesene Wirklichkeit gekommen. Er brachte nicht ein weiteres Tieropfer, sondern sich selbst. Sein Opfer geschah ein für allemal. Als auferstandener Herr dient er als Hoherpriester im wahren Heiligtum, das Gott und nicht ein Mensch errichtet hat. Deshalb wartet der neue Bund weder auf einen neuen Opferaltar noch auf eine erneuerte levitische Priesterschaft. Der Zugang zu Gott ist bereits durch Christus eröffnet.

Auch der Tempelbegriff selbst wird im Neuen Testament weitergeführt. Jesus bezeichnet seinen Leib als Tempel. Die Gemeinde wird als Gottes Tempel und als geistliches Haus beschrieben, dessen Eckstein Christus ist. Gottes Gegenwart ist damit nicht mehr an einen bestimmten irdischen Bau gebunden. Wo Christus sein Volk mit sich verbindet und der Heilige Geist wohnt, erscheint die Tempelwirklichkeit des neuen Bundes.

Gerade deshalb tragen die häufig angeführten prophetischen Texte keinen notwendigen dritten Tempel. Der „Tempel Gottes“ in 2. Thessalonicher 2 lässt sich im Zusammenhang von Paulus’ eigenem Sprachgebrauch und der geschichtlichen Entwicklung des Abfalls auf den religiösen Bereich des bekennenden Gottesvolkes beziehen. Daniel 9 führt zum Messias und zur Zerstörung des damaligen Heiligtums, nicht zu einem zukünftigen Wiederaufbau. Hesekiel 40–48 kann nicht als zukünftige Wiedereinsetzung von Tieropfern nach Golgatha gelesen werden, ohne mit der ausdrücklichen Lehre des Hebräerbriefs in Konflikt zu geraten. Offenbarung 11 verlangt keinen Tempelneubau und richtet den Blick innerhalb desselben Buches ausdrücklich auf Gottes Tempel im Himmel.

Auch Daniel 8 führt die Heiligtumsfrage bis in die Endzeit, doch das Neue Testament zeigt, wo Christus in dieser heilsgeschichtlichen Phase dient: im himmlischen Heiligtum. Sacharjas verheißener Tempelbauer ist der messianische König und Priester – Christus selbst. Und die Hoffnung des neuen Bundes richtet sich nicht zurück auf das irdische Jerusalem als notwendigen Kultmittelpunkt, sondern auf das Jerusalem droben und auf Jesus, den Mittler des neuen Bundes.

Damit muss sorgfältig zwischen zwei Fragen unterschieden werden. Ein dritter Tempel in Jerusalem kann als menschliches, religiöses oder politisches Projekt grundsätzlich entstehen. Die Bibel sagt jedoch nicht, dass Gottes Erlösungsplan diesen Tempel benötigt, dass dort wieder gültige Sühnopfer dargebracht werden müssen oder dass seine Errichtung Voraussetzung für Jesu Wiederkunft ist. Ein zukünftiges Bauwerk wäre deshalb nicht automatisch Gottes wahres Heiligtum.

Die Tempelgeschichte der Bibel endet ohnehin nicht mit einem weiteren Gebäude. In der neuen Schöpfung sieht Johannes keinen besonderen Tempel mehr, weil Gott selbst und das Lamm ihr Tempel sind. Das Ziel des Heiligtums war von Anfang an größer als Architektur: Gott will bei seinem Volk wohnen. Was in der Wüste in Zeichen begann, durch Christus seine entscheidende Erfüllung erhielt und heute im himmlischen Dienst Jesu weitergeführt wird, endet in ungetrübter Gemeinschaft mit Gott.

Darum richtet sich die christliche Hoffnung nicht auf Steine in Jerusalem, sondern auf Jesus Christus. Er ist das vollkommene Opfer, der lebendige Hohepriester, der Mittelpunkt des geistlichen Tempels und derjenige, durch den Gottes großes Ziel Wirklichkeit wird: dass die Erlösten für immer bei ihrem Gott wohnen.

Herr Jesus Christus, danke, dass du den Weg zu Gott nicht nur gezeigt, sondern selbst eröffnet hast. Danke für dein vollkommenes Opfer und dafür, dass kein anderes Opfer deine Erlösung ergänzen muss. Danke, dass du lebst und als unser Hoherpriester für uns eintrittst.

Bewahre uns davor, unsere Hoffnung an menschliche Bauwerke, religiöse Systeme oder Ereignisse zu binden, die du nicht zum Mittelpunkt deines Wortes gemacht hast. Lehre uns, die prophetischen Aussagen der Schrift in ihrem Zusammenhang zu verstehen und dort klar zu sein, wo dein Wort klar ist.

Baue auch uns als lebendige Steine in dein geistliches Haus. Wohne durch deinen Geist in uns, reinige unser Herz und richte unser Leben auf dich aus. Lass uns nicht nur über dein Heiligtum sprechen, sondern im Glauben zu dir kommen und die Gemeinschaft mit dir suchen, die du durch dein Blut möglich gemacht hast.

Und wenn du wiederkommst, führe uns zu dem Ziel, auf das dein ganzer Erlösungsplan hinführt: für immer bei dir zu sein, dein Angesicht zu sehen und in einer Welt zu leben, in der nichts mehr zwischen Gott und seinem Volk steht.

Amen.

„Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin.“ — Johannes 14,3

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