Titus 3

Erinnere sie, daß sie den Fürsten und der Obrigkeit untertan und gehorsam seien, zu allem guten Werk bereit seien,

15 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Erinnere sie, daß sie den Fürsten und der Obrigkeit untertan und gehorsam seien, zu allem guten Werk bereit seien,
  2. 2 niemand lästern, nicht hadern, gelinde seien, alle Sanftmütigkeit beweisen gegen alle Menschen.
  3. 3 Denn wir waren weiland auch unweise, ungehorsam, verirrt, dienend den Begierden und mancherlei Wollüsten, und wandelten in Bosheit und Neid, waren verhaßt und haßten uns untereinander.
  4. 4 Da aber erschien die Freundlichkeit und Leutseligkeit Gottes, unsers Heilandes,
  5. 5 nicht um der Werke willen der Gerechtigkeit, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit machte er uns selig durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des heiligen Geistes,
  6. 6 welchen er ausgegossen hat über uns reichlich durch Jesum Christum, unsern Heiland,
  7. 7 auf daß wir durch desselben Gnade gerecht und Erben seien des ewigen Lebens nach der Hoffnung.
  8. 8 Das ist gewißlich wahr; solches will ich, daß du fest lehrest, auf daß die, so an Gott gläubig geworden sind, in einem Stand guter Werke gefunden werden. Solches ist gut und nütze den Menschen.
  9. 9 Der törichten Fragen aber, der Geschlechtsregister, des Zankes und Streites über das Gesetz entschlage dich; denn sie sind unnütz und eitel.
  10. 10 Einen ketzerischen Menschen meide, wenn er einmal und abermals ermahnt ist,
  11. 11 und wisse, daß ein solcher verkehrt ist und sündigt, als der sich selbst verurteilt hat.
  12. 12 Wenn ich zu dir senden werde Artemas oder Tychikus, so komm eilend zu mir gen Nikopolis; denn daselbst habe ich beschlossen den Winter zu bleiben.
  13. 13 Zenas, den Schriftgelehrten, und Apollos fertige ab mit Fleiß, auf daß ihnen nichts gebreche.
  14. 14 Laß aber auch die Unsern lernen, daß sie im Stand guter Werke sich finden lassen, wo man ihrer bedarf, auf daß sie nicht unfruchtbar seien.
  15. 15 Es grüßen dich alle, die mit mir sind. Grüße alle, die uns lieben im Glauben. Die Gnade sei mit euch allen! Amen.

Kapitelüberblick

Christen sollen durch ihr Verhalten zeigen, dass ihr Leben von Gottes Güte geprägt ist. Dazu gehören Respekt gegenüber staatlichen Autoritäten, Friedfertigkeit, Hilfsbereitschaft und ein freundlicher Umgang mit allen Menschen. Paulus erinnert daran, dass auch die Gläubigen einst von falschen Begierden, Neid und Hass bestimmt waren. Deshalb gibt es keinen Grund, auf andere herabzusehen.

Den Mittelpunkt des Kapitels bildet Gottes rettendes Handeln. Nicht menschliche Leistungen, sondern seine Barmherzigkeit schenkt Erlösung. Durch den Heiligen Geist erneuert Gott den Menschen und eröffnet ihm durch Jesus Christus die Hoffnung auf das ewige Leben. Aus diesem Geschenk soll ein Leben entstehen, das sich in guten Werken und tätiger Liebe bewährt.

Zugleich warnt Paulus vor nutzlosen Streitigkeiten und Menschen, die bewusst Spaltungen verursachen. Zum Schluss gibt er persönliche Anweisungen und erinnert daran, dass die Gläubigen lernen sollen, anderen in ihren wirklichen Bedürfnissen beizustehen. So verbindet das Kapitel Gottes unverdiente Gnade mit einer Lebensführung, die für andere zum Segen wird.

Einführung

Auf der Mittelmeerinsel Kreta hatte Titus eine anspruchsvolle Aufgabe übernommen. Nach Titus 1,5 sollte er dort noch ungeordnete Angelegenheiten regeln und in den einzelnen Städten geeignete Älteste einsetzen, die Verantwortung für die Gemeinden tragen konnten. Der Brief nennt Paulus als Absender und richtet sich an Titus, einen seiner bewährten Mitarbeiter, der auch in anderen neutestamentlichen Schriften begegnet (Galater 2,1–3; 2. Korinther 8,16–23). Die genaue Entstehungszeit und die direkte paulinische Verfasserschaft werden in der Forschung allerdings unterschiedlich beurteilt.

Die vorausgehenden Kapitel helfen, die Situation zu verstehen. Bereits im ersten Kapitel wird deutlich, dass die jungen Gemeinden mit Lehrern konfrontiert waren, deren Aussagen und Verhalten Schwierigkeiten verursachten. Deshalb mussten Gemeindeleiter nicht nur die gesunde Lehre kennen, sondern auch durch ihren eigenen Charakter vertrauenswürdig sein.

Im zweiten Kapitel wendet sich die Unterweisung dem täglichen Zusammenleben zu. Ältere und jüngere Männer, Frauen und Sklaven werden innerhalb ihrer jeweiligen Lebensumstände angesprochen. Dabei berücksichtigt der Brief die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit, ohne dass jede damals bestehende Ordnung dadurch grundsätzlich bestätigt wird.

Mit dem dritten Kapitel weitet sich der Blick über das unmittelbare Gemeindeleben hinaus auf die Beziehungen zur gesamten Gesellschaft. Die Gläubigen lebten unter römischer Herrschaft und begegneten täglich Menschen, die ihren Glauben nicht teilten. Gerade in diesem Umfeld stellte sich die Frage, wie sie ihren Mitmenschen und den bestehenden Autoritäten begegnen sollten.

Vor diesem Hintergrund beginnt die abschließende Unterweisung mit einer Erinnerung an grundlegende Pflichten im öffentlichen und persönlichen Leben. Sie richtet sich an Menschen, deren Glaube nicht auf den Gottesdienst beschränkt bleiben sollte, sondern auch außerhalb der Gemeinde erkennbar werden musste.

Titus 3,1–2

Ein Leben, das allen Menschen mit Respekt begegnet

Mit der Aufforderung „Erinnere sie“ macht Paulus deutlich, dass Titus den Gläubigen etwas ins Gedächtnis rufen soll, das für ihr tägliches Leben von grundlegender Bedeutung ist. Christliche Unterweisung besteht nicht allein darin, neue Wahrheiten kennenzulernen. Manche Wahrheiten müssen immer wieder bewusst gemacht werden, damit sie das Denken und Handeln prägen. Besonders im Umgang mit anderen Menschen zeigt sich, ob der Glaube auch außerhalb der Gemeinde das Leben bestimmt.

Zunächst spricht Paulus über das Verhältnis zu den Regierungen und staatlichen Autoritäten. Die Gläubigen sollen sich ihnen unterordnen und gehorsam sein. Für Christen auf Kreta bedeutete dies, dass ihre Zugehörigkeit zu Jesus Christus sie nicht von ihren gesellschaftlichen Pflichten befreite. Sie lebten innerhalb des Römischen Reiches und sollten sich nicht durch Unordnung, bewusste Gesetzesmissachtung oder eine grundsätzlich auflehnende Haltung auszeichnen. Eine vergleichbare Unterweisung findet sich in Römer 13,1–7, wo die staatliche Ordnung als grundsätzlich notwendiger Bestandteil des menschlichen Zusammenlebens beschrieben wird. Auch 1. Petrus 2,13–17 verbindet den Respekt gegenüber menschlichen Autoritäten mit einem Leben, das Gott ehrt.

Diese Unterordnung bedeutet allerdings nicht, dass jeder staatliche Befehl unabhängig von seinem Inhalt befolgt werden muss. Die Bibel kennt Situationen, in denen menschliche Anordnungen dem ausdrücklichen Willen Gottes widersprechen. Als den Aposteln verboten wurde, weiterhin von Jesus zu sprechen, erklärten sie: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Apostelgeschichte 5,29; Schlachter 1951). Der Gehorsam gegenüber Gott bleibt deshalb die höchste Verpflichtung. Dennoch darf dieser Ausnahmefall nicht dazu benutzt werden, die grundsätzliche Aufforderung zur Achtung staatlicher Ordnung bedeutungslos zu machen. Christen sollen nicht aus Stolz oder persönlicher Abneigung gegen Autoritäten handeln. Wo ein Konflikt mit Gottes Willen entsteht, verlangt die Treue zu ihm Standhaftigkeit; wo kein solcher Konflikt besteht, gehören Respekt und verantwortliches Verhalten zum christlichen Leben.

Bemerkenswert ist, dass Paulus die Unterordnung unmittelbar mit der Bereitschaft zu guten Werken verbindet. Die Gläubigen sollen nicht lediglich darauf achten, keine Schwierigkeiten zu verursachen. Sie sollen bereit sein, selbst etwas Gutes beizutragen. Darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen passivem Gehorsam und aktiver Nächstenliebe. Wer anderen hilft, Verantwortung übernimmt oder sich für das Wohl seiner Mitmenschen einsetzt, zeigt, dass christlicher Glaube dem gesellschaftlichen Zusammenleben zugutekommt. Bereits in Titus 2,14 wurde beschrieben, dass Christus sich ein Volk reinigen möchte, das sich durch Eifer für gute Werke auszeichnet. Diese Berufung soll nun im gewöhnlichen Alltag sichtbar werden.

Im zweiten Vers richtet sich der Blick besonders auf den persönlichen Umgang miteinander. Paulus fordert, niemanden zu lästern. Gemeint ist eine Redeweise, die andere Menschen herabsetzt, beschimpft oder ihren Ruf beschädigt. Das bedeutet nicht, dass Christen Unrecht verschweigen oder falsche Lehren unwidersprochen lassen müssen. Auch Jesus sprach offen über Heuchelei und Ungerechtigkeit (Matthäus 23). Entscheidend ist jedoch, auf welche Weise Wahrheit ausgesprochen wird. Zwischen einer sachlichen, notwendigen Zurechtweisung und einer verletzenden Herabwürdigung besteht ein wesentlicher Unterschied. Wer die Wahrheit vertritt, erhält dadurch nicht das Recht, andere Menschen zu verachten.

Anschließend fordert Paulus, nicht zu hadern und gelinde zu sein. Hinter diesen Ausdrücken stehen zwei Haltungen, die sich gegenseitig ergänzen. Die erste beschreibt einen Menschen, der nicht streitsüchtig ist und nicht jede Meinungsverschiedenheit zu einem persönlichen Kampf werden lässt. Die zweite betont Güte, Rücksichtnahme und die Bereitschaft, anderen mit Verständnis zu begegnen. Eine solche Haltung ist keineswegs mit Schwäche gleichzusetzen. Gerade wenn Menschen ungerecht, provozierend oder verletzend auftreten, kann es große innere Stärke erfordern, besonnen zu bleiben. Ein Christ muss nicht jeden Angriff erwidern und nicht jede Auseinandersetzung gewinnen. Er darf standhaft in seinen Überzeugungen sein, ohne dabei hart oder rücksichtslos zu werden.

Den Abschluss bildet eine besonders weitreichende Aufforderung: Die Gläubigen sollen „alle Sanftmut beweisen gegen alle Menschen“. Sanftmut bedeutet nicht, dass jemand keine feste Überzeugung besitzt. Sie beschreibt vielmehr eine Haltung, in der sich Selbstbeherrschung, Demut und Freundlichkeit miteinander verbinden. Ein sanftmütiger Mensch verzichtet darauf, andere durch Härte oder Überlegenheit zu beherrschen. Er kann widersprechen, ohne zu demütigen, und Grenzen setzen, ohne seinen Mitmenschen die Würde abzusprechen. Jesus selbst bezeichnet sich als sanftmütig und von Herzen demütig (Matthäus 11,29). Seine Sanftmut hinderte ihn nicht daran, entschieden gegen Unrecht aufzutreten.

Besonderes Gewicht liegt auf den Worten „alle Menschen“. Paulus beschränkt diese Aufforderung weder auf Glaubensgeschwister noch auf Menschen, die freundlich, gerecht oder derselben Meinung sind. Auch Andersdenkende und schwierige Mitmenschen sind eingeschlossen. Damit wird die christliche Liebe vor einer wichtigen Einschränkung bewahrt: Sie darf nicht davon abhängig gemacht werden, ob jemand zur eigenen Gemeinschaft gehört oder die eigenen Überzeugungen teilt. Schon Jesus hatte seine Jünger gelehrt, nicht nur diejenigen zu lieben, die ihnen Liebe entgegenbringen, sondern auch ihren Feinden mit Liebe zu begegnen (Matthäus 5,43–48).

Eine solche Lebensführung stellt hohe Anforderungen an den menschlichen Charakter. Besonders dort, wo unterschiedliche Überzeugungen, persönliche Verletzungen oder gesellschaftliche Spannungen aufeinandertreffen, wird deutlich, wie schwer echte Sanftmut fallen kann. Paulus verlangt deshalb mehr als äußerlich höfliches Verhalten. Seine Worte betreffen die innere Haltung, aus der unsere Entscheidungen, Reaktionen und Gespräche hervorgehen. Warum Christen anderen nicht mit Überheblichkeit, sondern mit Demut begegnen sollen, erklärt er unmittelbar anschließend durch einen Blick auf ihre eigene Vergangenheit und auf Gottes Barmherzigkeit.

Titus 3,3–4

Die Vergangenheit des Menschen und Gottes überraschende Barmherzigkeit

Warum sollen Christen selbst Menschen mit Geduld und Freundlichkeit begegnen, deren Verhalten sie ablehnen? Paulus beantwortet diese Frage mit einer Erinnerung, die jede Überheblichkeit ausschließt. Er schreibt: „Denn auch wir waren einst unverständig, ungehorsam, gingen irre“ (Titus 3,3; Schlachter 1951). Auffällig ist, dass er nicht von den Fehlern anderer spricht, sondern sich selbst und die Gläubigen ausdrücklich einschließt. Er stellt sich nicht über diejenigen, die Gott noch nicht kennen. Stattdessen erinnert er daran, dass auch die Christen aus eigener Kraft keinen Grund hätten, sich für besser zu halten.

Mit „unverständig“ beschreibt Paulus keinen Mangel an menschlicher Intelligenz. Ein Mensch kann gebildet, erfolgreich und klug sein und dennoch die entscheidenden Fragen seines Lebens falsch beurteilen. Gemeint ist ein fehlendes geistliches Verständnis, das dazu führt, Gottes Wahrheit und seinen Willen nicht richtig zu erkennen. Der anschließende Ausdruck „ungehorsam“ zeigt, dass es nicht allein um Unwissenheit geht. Menschen können sich auch gegen das stellen, was sie als richtig erkennen. Beides gehört zur biblischen Beschreibung der Sünde: Sie verdunkelt das Verständnis und beeinflusst zugleich den menschlichen Willen (Epheser 4,17–19).

Paulus fügt hinzu, dass die Menschen in die Irre gingen. Damit beschreibt er einen Zustand, in dem jemand die richtige Lebensrichtung verloren hat. Wer sich verirrt, muss nicht unbedingt erkennen, dass er auf einem falschen Weg ist. Gerade darin liegt eine Gefahr der Täuschung: Ein Mensch kann von seinen Entscheidungen überzeugt sein und dennoch einem Ziel folgen, das ihm letztlich schadet. Bereits Jesus hatte vor der Möglichkeit gewarnt, geistlich in die Irre geführt zu werden (Matthäus 24,4–5). Die Formulierung erinnert deshalb daran, dass aufrichtige Überzeugung allein noch keine Gewähr für Wahrheit ist. Entscheidend ist, ob das Denken und Handeln tatsächlich mit Gottes Wort übereinstimmt.

Anschließend beschreibt Paulus eine weitere Folge dieser Entfremdung von Gott. Die Menschen dienten den Lüsten und mancherlei Begierden. Das zugrunde liegende griechische Wort für „dienen“ kann auch das Dasein eines Sklaven bezeichnen. Paulus spricht damit von einer Abhängigkeit, bei der Wünsche und Leidenschaften zunehmend die Herrschaft über das eigene Handeln gewinnen. Nicht jeder Wunsch ist an sich sündhaft. Hunger, Freude, Erholung und menschliche Nähe gehören zum Leben. Problematisch wird es dort, wo Begierden Gottes Willen verdrängen und der Mensch ihnen folgt, obwohl sie ihn oder andere schädigen. Eine ähnliche Verbindung stellt Paulus in Römer 6,16 her: Wem ein Mensch sich zum Gehorsam hingibt, dem dient er auch.

Diese Abhängigkeit kann unterschiedliche Formen annehmen. Manche Menschen werden von dem Wunsch nach Anerkennung bestimmt, andere von Besitz, Vergnügen, Macht oder dem Verlangen, sich gegen andere durchzusetzen. Gemeinsam ist diesen Begierden, dass sie den Menschen innerlich binden können. Was zunächst Freiheit und Erfüllung verspricht, kann schließlich Entscheidungen beherrschen und Unzufriedenheit verstärken. Deshalb beschreibt die Bibel wahre Freiheit nicht einfach als die Möglichkeit, jedem Wunsch nachzugeben. Jesus erklärt vielmehr, dass Sünde den Menschen versklaven kann und wirkliche Freiheit durch ihn geschenkt wird (Johannes 8,34–36).

Besonders deutlich werden die Folgen eines solchen Lebens in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Paulus spricht davon, dass die Menschen in Bosheit und Neid lebten. Bosheit beschreibt eine innere Haltung, die anderen Schaden zufügen oder ihnen bewusst etwas Schlechtes wünschen kann. Neid entsteht dagegen, wenn jemand das Gute, das ein anderer besitzt oder erlebt, nicht ertragen kann. Beides zerstört die Fähigkeit, sich aufrichtig über das Wohlergehen anderer zu freuen. Aus dem ständigen Vergleichen können Missgunst, Rivalität und schließlich offene Feindschaft entstehen. Jakobus beschreibt einen ähnlichen Zusammenhang, wenn er erklärt, dass Neid und Selbstsucht Unordnung und böse Handlungen hervorbringen können (Jakobus 3,14–16).

Die Aufzählung endet mit einer erschütternden Beschreibung: Menschen sind verhasst und hassen einander. Damit erreicht die Darstellung ihren Höhepunkt. Wo Liebe, Vertrauen und gegenseitige Rücksicht fehlen, können Beziehungen von Ablehnung und Verletzungen bestimmt werden. Allerdings bedeutet die Aufzählung nicht, dass jeder Mensch ohne christlichen Glauben sämtliche genannten Eigenschaften jederzeit in gleicher Weise zeigt. Paulus beschreibt verschiedene Erscheinungsformen eines Lebens, das noch nicht von Gottes rettender Gnade erneuert wurde. Seine Worte sollen vor allem den Gläubigen bewusst machen, wovon sie selbst abhängig waren und weshalb sie anderen nicht mit Verachtung begegnen dürfen.

Nach dieser ernsten Beschreibung verändert sich die Richtung des Gedankens mit wenigen Worten: „Als aber die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unsres Retters, erschien“ (Titus 3,4; Schlachter 1951). Das kleine Wort „aber“ bildet einen entscheidenden Gegensatz. Bis hierhin stand das Verhalten des Menschen im Mittelpunkt. Nun richtet sich der Blick auf Gottes eigenes Handeln. Die Veränderung beginnt nicht damit, dass die Menschen sich aus eigener Kraft aus ihrer Verlorenheit befreien. Gott selbst tritt ihnen mit Freundlichkeit und Liebe entgegen.

Die beiden Begriffe „Freundlichkeit“ und „Menschenliebe“ verdienen besondere Aufmerksamkeit. Freundlichkeit meint hier mehr als eine angenehme oder höfliche Haltung. Sie beschreibt Gottes gütiges Wesen, das sich in seinem hilfreichen und rettenden Handeln zeigt. Das griechische Wort für Menschenliebe lautet philanthrōpia. Es bezeichnet die wohlwollende Liebe zu Menschen. Paulus verwendet diesen Ausdruck für Gott und stellt damit einen bemerkenswerten Gegensatz zur menschlichen Lieblosigkeit her. Während Menschen einander ablehnen und hassen können, begegnet Gott ihnen mit einer Liebe, die sie nicht verdient haben.

Gerade diese Gegenüberstellung macht die Aussage so tiefgreifend. Gott wartet nicht darauf, dass der Mensch vollkommen liebenswert geworden ist, bevor er ihm seine Güte erweist. Seine Liebe ist nicht die Belohnung für eine bereits gelungene Veränderung. Einen ähnlichen Gedanken finden wir in Römer 5,8: Gott beweist seine Liebe dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Gottes Zuwendung entspringt seinem eigenen Wesen und nicht einer besonderen Würdigkeit des Menschen. Deshalb kann niemand seine Erlösung als persönliche Leistung betrachten.

Paulus schreibt außerdem, dass Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe „erschien“. Damit ist nicht gemeint, dass Gott erst zu diesem Zeitpunkt begonnen hätte, die Menschen zu lieben. Schon das Alte Testament bezeugt seine Barmherzigkeit und Geduld, etwa in 2. Mose 34,6–7 und Psalm 103,8–13. Vielmehr ist seine bereits bestehende Liebe auf besondere Weise sichtbar geworden. Innerhalb des Titusbriefes begegnet derselbe Gedanke bereits in Kapitel 2,11, wo vom Erscheinen der heilbringenden Gnade Gottes gesprochen wird. Durch das Kommen und das Erlösungswerk Jesu Christi ist Gottes rettende Zuwendung in der Geschichte offenbar geworden.

Auch die Bezeichnung „Gott, unser Retter“ ist bedeutsam. Sie macht deutlich, dass die Erlösung ihren Ursprung in Gott selbst hat. Im weiteren Verlauf nennt Paulus auch Jesus Christus unseren Retter (Titus 3,6). Damit stehen Gottes Handeln und das Werk Jesu nicht in Konkurrenz zueinander. Die Verse führen vielmehr zu der Erkenntnis, dass Gott seine rettende Barmherzigkeit durch Jesus Christus verwirklicht.

So entsteht eine wichtige Verbindung zu den vorausgehenden Aufforderungen. Wer selbst erfahren hat, dass Gott ihm trotz seiner Schuld mit Liebe begegnet, soll anderen nicht aus einer Haltung vermeintlicher Überlegenheit entgegentreten. Die Erinnerung an die eigene Vergangenheit bewahrt vor Selbstgerechtigkeit. Zugleich schenkt Gottes Freundlichkeit Hoffnung, dass Menschen nicht für immer in ihren bisherigen Verhaltensweisen gefangen bleiben müssen.

Mit Vers 4 ist die Erklärung allerdings noch nicht abgeschlossen. Der Satz setzt sich unmittelbar in den folgenden Versen fort. Dort entfaltet Paulus, wie Gottes Barmherzigkeit den Menschen tatsächlich rettet, welche Rolle dabei der Heilige Geist spielt und warum gute Werke niemals die Grundlage dieser Erlösung sein können.

Titus 3,5–7

Gerettet aus Gnade: Wiedergeburt, Erneuerung und ewiges Leben

Mit wenigen Worten beschreibt Paulus nun, worauf die gesamte Hoffnung des Christen gegründet ist. Nachdem er von Gottes erschienener Freundlichkeit und Menschenliebe gesprochen hat, erklärt er, wie diese Liebe den Menschen erreicht und verändert. Dabei beginnt er mit einer deutlichen Abgrenzung: Gott hat uns „nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hätten“ gerettet (Titus 3,5; Schlachter 1951). Die Erlösung hat ihren Ursprung also nicht in den Leistungen des Menschen, sondern allein in Gottes Barmherzigkeit.

Diese Aussage ist umfassender, als es zunächst erscheinen mag. Paulus spricht nicht nur davon, dass schlechte Taten niemanden retten können. Er schließt ausdrücklich auch Werke der Gerechtigkeit als Grundlage der Erlösung aus. Damit sind Handlungen gemeint, die dem entsprechen, was als gut und richtig gilt. Selbst ein Mensch, der anderen hilft, ehrlich lebt und sich ernsthaft bemüht, Gottes Gebote zu beachten, kann sich dadurch keinen Anspruch auf das ewige Leben erwerben. Gute Taten besitzen einen wirklichen Wert, doch sie können vergangene Schuld nicht ungeschehen machen und den Menschen nicht aus eigener Kraft mit Gott versöhnen. In Römer 3,23–24 erklärt Paulus entsprechend, dass alle Menschen gesündigt haben und die Rechtfertigung aus Gottes Gnade geschieht. Die Erlösung ist deshalb kein Lohn, den Gott für ausreichende Leistungen auszahlen müsste. Sie ist ein Geschenk, das aus seinem Erbarmen hervorgeht.

Anschließend beschreibt Paulus dieses rettende Handeln mit einem außergewöhnlichen Ausdruck: dem „Bad der Wiedergeburt“. Das griechische Wort loutron bezeichnet ein Bad oder eine Waschung, während palingenesia für Wiedergeburt beziehungsweise einen neuen Anfang steht. Gemeinsam vermitteln die Begriffe das Bild einer tiefgreifenden Reinigung und eines neuen Lebens. Der Mensch braucht nach biblischem Verständnis nicht lediglich eine Verbesserung einzelner Gewohnheiten. Sein Verhältnis zu Gott und die innere Ausrichtung seines Lebens müssen erneuert werden. Bereits Jesus hatte Nikodemus erklärt, dass ein Mensch von Neuem geboren werden muss, um das Reich Gottes zu sehen (Johannes 3,3–8). Wie ein Kind sein natürliches Leben nicht selbst hervorbringt, kann auch der Mensch seine geistliche Wiedergeburt nicht aus eigener Kraft erschaffen. Ihr Ursprung liegt in Gottes Wirken.

Das Bild der Waschung erinnert zugleich an eine bedeutende alttestamentliche Verheißung. Durch den Propheten Hesekiel kündigte Gott an, sein Volk von seiner Unreinheit zu reinigen, ihm ein neues Herz zu geben und seinen Geist in sein Inneres zu legen (Hesekiel 36,25–27). Reinigung und Veränderung gehören dort untrennbar zusammen. Es geht nicht nur darum, dass Schuld beseitigt wird, sondern auch darum, dass Menschen ein neues Verlangen erhalten, nach Gottes Willen zu leben. Dieser Zusammenhang hilft, die Worte des Titusbriefes zu verstehen. Gott möchte den Menschen nicht lediglich äußerlich von seiner Schuld befreien, während sein Inneres unverändert bleibt. Seine rettende Barmherzigkeit umfasst auch eine Erneuerung des Herzens.

Dabei stellt sich eine wichtige Frage: Welche Bedeutung hat die christliche Taufe für das „Bad der Wiedergeburt“? Die Verbindung zur Taufe liegt nahe, denn sie gehört bereits im Neuen Testament zum sichtbaren Ausdruck der Hinwendung zu Christus. Paulus beschreibt in Römer 6,3–4, dass die Getauften mit dem Tod und der Auferstehung Jesu verbunden werden und zu einem neuen Leben berufen sind. Die Taufe ist dort mehr als ein beliebiges religiöses Bild. Sie steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zu Christus. Auch Titus 3,5 wurde deshalb schon früh in der christlichen Geschichte auf die Taufe bezogen.

Allerdings erklärt der Vers nicht im Einzelnen, wie das äußere Taufgeschehen und die innere Erneuerung durch den Heiligen Geist zueinander stehen. Manche Ausleger verstehen die Waschung unmittelbar als Hinweis auf die Wassertaufe, andere betonen stärker die geistliche Reinigung, die durch den Geist geschieht. Beide Beobachtungen besitzen einen nachvollziehbaren Anhaltspunkt im biblischen Zusammenhang. Entscheidend ist, dass Paulus die Rettung ausdrücklich Gottes Barmherzigkeit zuschreibt. Das Wasser besitzt keine eigenständige Macht, einen Menschen unabhängig von Gott zu retten. Ebenso wenig sollte der mögliche Taufbezug einfach übergangen werden. Eine hilfreiche Ergänzung bietet 1. Petrus 3,21: Dort wird die Taufe mit der Rettung verbunden, zugleich aber von einer bloß äußerlichen Reinigung des Körpers unterschieden und auf das Verhältnis des Menschen zu Gott bezogen. Die äußere Handlung darf deshalb nicht von der geistlichen Wirklichkeit getrennt werden, auf die sie ausgerichtet ist.

Neben der Wiedergeburt nennt Paulus ausdrücklich die „Erneuerung des heiligen Geistes“. Damit wird deutlich, wer die innere Veränderung bewirkt. Der Heilige Geist selbst muss nicht erneuert werden; vielmehr ist er es, der den Menschen erneuert. Die Wiedergeburt bezeichnet den grundlegenden Beginn eines neuen geistlichen Lebens. Der Gedanke der Erneuerung macht verständlich, dass dieses neue Leben auch das Denken, die Wünsche und die Entscheidungen des Menschen betrifft. In Römer 12,2 spricht Paulus davon, dass die Gläubigen durch die Erneuerung ihres Sinnes verändert werden sollen. Gottes Wirken bleibt also nicht auf ein äußerliches Bekenntnis beschränkt, sondern soll den Menschen von innen heraus prägen.

Dabei darf Wiedergeburt nicht mit sofortiger sündloser Vollkommenheit verwechselt werden. Das Neue Testament beschreibt auch bei Gläubigen einen fortdauernden Kampf gegen sündige Neigungen (Galater 5,16–17). Die Erneuerung durch den Geist bedeutet deshalb nicht, dass jeder innere Konflikt augenblicklich verschwindet. Sie eröffnet vielmehr ein Leben, in dem der Mensch nicht länger unter der unangefochtenen Herrschaft seiner bisherigen Begierden stehen muss. Gottes Geist wirkt darauf hin, dass neue Überzeugungen entstehen, sündige Verhaltensweisen überwunden werden und die Liebe zu Gott und den Mitmenschen wächst. Titus 3 legt allerdings keine genaue zeitliche Reihenfolge fest, nach der sich Wiedergeburt, Rechtfertigung und die weitere Veränderung des Lebens in voneinander getrennten Schritten vollziehen müssten. Paulus betrachtet sie als zusammengehörige Wirkungen von Gottes rettendem Handeln.

In Vers 6 fügt er eine besonders ermutigende Aussage hinzu: Gott hat den Heiligen Geist reichlich über die Gläubigen ausgegossen, und zwar durch Jesus Christus, unseren Retter. Die Formulierung erinnert an die alttestamentliche Verheißung, dass Gott seinen Geist ausgießen werde (Joel 3,1–2). An Pfingsten erklärte Petrus, dass der auferstandene und erhöhte Jesus den verheißenen Heiligen Geist empfangen und ausgegossen hatte (Apostelgeschichte 2,33). Was die Propheten angekündigt hatten, wurde durch das Erlösungswerk und die Erhöhung Jesu auf besondere Weise Wirklichkeit. Seitdem gehört die Gabe des Heiligen Geistes untrennbar zur Botschaft des neuen Lebens in Christus.

Bemerkenswert ist dabei das Wort „reichlich“. Paulus beschreibt Gottes Gabe nicht als eine sparsame oder widerwillige Zuwendung. Der Heilige Geist wird als Ausdruck seiner überströmenden Güte vorgestellt. Diese Fülle darf allerdings nicht allein an außergewöhnlichen Gefühlen oder sichtbaren Wundern gemessen werden. Das Neue Testament verbindet das Wirken des Geistes ebenso mit Liebe, Geduld, Selbstbeherrschung und anderen Eigenschaften eines erneuerten Charakters (Galater 5,22–23). Seine Gegenwart zeigt sich deshalb nicht ausschließlich in besonderen Erfahrungen, sondern auch darin, dass Menschen lernen, nach Gottes Willen zu leben.

In diesen wenigen Versen begegnen uns Gott, unser Retter, der Heilige Geist und Jesus Christus, unser Retter, in einem gemeinsamen Zusammenhang. Gott ist der Ursprung der Erlösung, der Heilige Geist bewirkt die Erneuerung, und durch Jesus Christus wird der Geist reichlich geschenkt. Paulus beschreibt damit kein voneinander unabhängiges Handeln, sondern Gottes zusammenhängendes Rettungswerk. Besonders auffällig ist, dass sowohl Gott in Vers 4 als auch Jesus Christus in Vers 6 ausdrücklich als Retter bezeichnet werden. Die Erlösung kann deshalb nicht von Jesus getrennt werden. Durch ihn wird Gottes rettende Barmherzigkeit für den Menschen zugänglich.

Vers 7 führt den Gedanken zu einem weiteren entscheidenden Begriff: der Rechtfertigung. Wenn Paulus davon spricht, dass Menschen durch Gottes Gnade gerechtfertigt werden, beschreibt er ihre neue Stellung vor Gott. Ein Sünder kann seine Schuld nicht durch spätere gute Taten ausgleichen. Er ist auf Gottes Vergebung angewiesen. Rechtfertigung bedeutet, dass Gott den Glaubenden aufgrund seiner Gnade als gerecht annimmt. Die Grundlage dafür liegt im Erlösungswerk Jesu Christi. In Römer 3,24–26 erklärt Paulus, wie Gottes Gerechtigkeit und seine barmherzige Annahme des Sünders durch Jesus Christus zusammenkommen. Gott erklärt Schuld nicht einfach für bedeutungslos. Vielmehr eröffnet er durch Christus einen Weg, auf dem schuldige Menschen Vergebung und Frieden mit ihm finden können.

Hier lässt sich ein wichtiger Unterschied zwischen Rechtfertigung und Wiedergeburt erkennen. Die Rechtfertigung betrifft besonders die Frage, wie ein schuldiger Mensch vor Gott angenommen werden kann. Die Wiedergeburt beschreibt das neue Leben, das Gott in ihm hervorbringt. Beide gehören zusammen, ohne dass sie dasselbe bedeuten. Ein Mensch braucht nicht nur Vergebung für seine Vergangenheit, sondern auch eine Veränderung seiner Gegenwart. Ebenso darf diese Veränderung niemals zur Voraussetzung gemacht werden, durch die er sich Gottes Annahme erst verdienen müsste. Beide Gaben entspringen derselben Gnade. Die Bibel stellt damit weder Gottes Vergebung gegen die Erneuerung des Herzens noch seine Gnade gegen ein gehorsames Leben.

Mit dem letzten Teil von Vers 7 öffnet Paulus schließlich den Blick auf die Zukunft. Die Gläubigen sollen der Hoffnung gemäß Erben des ewigen Lebens werden. Das Bild des Erben ist bedeutsam. Ein Erbe erhält etwas aufgrund seiner Zugehörigkeit und der ihm gegebenen Verheißung, nicht weil er es sich wie einen gewöhnlichen Arbeitslohn verdient hat. Paulus verwendet einen ähnlichen Gedanken in Galater 4,4–7. Dort erklärt er, dass Gott seinen Sohn sandte, damit Menschen die Sohnschaft empfangen können. Durch Christus erhalten sie eine neue Beziehung zu Gott und werden als seine Kinder auch Erben seiner Verheißungen. Das ewige Leben erscheint damit als Geschenk, das aus der Gemeinschaft mit Gott hervorgeht.

Die Hoffnung auf dieses Erbe richtet sich auf mehr als eine bloße Verlängerung des gegenwärtigen Lebens. Jesus beschreibt das ewige Leben als eine Wirklichkeit, die untrennbar mit der Erkenntnis des wahren Gottes und seines Sohnes verbunden ist (Johannes 17,3). Diese Gemeinschaft beginnt bereits im Leben des Glaubenden. Ihre endgültige Vollendung steht jedoch noch aus. Paulus erklärt in Römer 8,23–25, dass die Gläubigen auf die Erlösung ihres Leibes warten. Die Hoffnung des Christen reicht deshalb über Krankheit, Vergänglichkeit und Tod hinaus. Sie richtet sich auf die verheißene Auferstehung und das vollendete Leben in Gottes Gegenwart. Dass diese Zukunft noch erwartet wird, macht die Hoffnung nicht zu einem bloßen Wunsch. Ihr Vertrauen gründet sich auf Gottes Verheißung und auf Jesus Christus, durch dessen Auferstehung die Hoffnung auf das ewige Leben eine feste Grundlage erhalten hat (1. Korinther 15,20–23).

So führt Paulus seine Leser von der Barmherzigkeit Gottes bis zur Hoffnung auf die kommende Vollendung. Die Erlösung umfasst die Vergebung der Schuld, die Erneuerung des Herzens und die Verheißung eines Lebens, das der Tod nicht endgültig zerstören kann. Nichts davon wird als menschlicher Verdienst beschrieben. Dennoch bleibt Gottes Gnade nicht ohne Auswirkungen auf die Gegenwart. Sie schenkt eine neue Lebensrichtung, die sich im Umgang mit anderen Menschen zeigen soll. Genau diesen Zusammenhang greift Paulus im folgenden Vers auf, wenn er erklärt, warum diejenigen, die an Gott glauben, sich bewusst guten Werken widmen sollen.

Titus 3,8

Warum echter Glaube gute Werke hervorbringt

Mit den Worten „Glaubwürdig ist das Wort“ bestätigt Paulus die Zuverlässigkeit dessen, was er unmittelbar zuvor über Gottes rettende Barmherzigkeit erklärt hat. Es handelt sich nicht um eine unverbindliche religiöse Vorstellung, sondern um eine Botschaft, auf die Menschen ihr Leben und ihre Hoffnung gründen können. Die Wendung begegnet auch an anderen Stellen der Briefe an Timotheus und Titus, wenn eine besonders wichtige Aussage hervorgehoben wird (1. Timotheus 1,15; 4,9). Hier unterstreicht sie die Gewissheit der Erlösung, die Gott durch Jesus Christus schenkt.

Doch Paulus möchte nicht, dass diese Wahrheit lediglich verstanden und als richtig anerkannt wird. Er fordert Titus ausdrücklich auf, sich darüber „mit allem Nachdruck“ zu äußern. Die Gläubigen sollen immer wieder daran erinnert werden, welche Bedeutung Gottes Gnade für ihr Leben besitzt. Dabei geht es nicht darum, durch eindringliche Worte Angst zu erzeugen oder Menschen zu religiösen Leistungen anzutreiben. Vielmehr soll Titus die Botschaft so klar und verbindlich vermitteln, dass ihre Auswirkungen auf das tägliche Leben nicht übersehen werden können. Christliche Verkündigung hat deshalb nicht nur die Aufgabe, Wissen weiterzugeben. Sie soll Menschen helfen, das Erkannte auch in ihren Entscheidungen und ihrem Verhalten ernst zu nehmen.

Anschließend nennt Paulus das Ziel dieser Unterweisung: Diejenigen, die an Gott gläubig geworden sind, sollen darauf bedacht sein, sich guter Werke zu befleißigen. Das Wort „bedacht“ ist hier besonders aufschlussreich. Es beschreibt eine bewusste Aufmerksamkeit. Gutes soll nicht ausschließlich dann geschehen, wenn sich zufällig eine passende Gelegenheit ergibt oder jemand ausdrücklich darum bittet. Christen sollen lernen, wahrzunehmen, wo ihr Handeln gebraucht wird und wie sie anderen Menschen dienen können. Dazu gehört die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, eigene Bequemlichkeit zurückzustellen und nicht allein um die persönlichen Bedürfnisse zu kreisen.

Auch die Aufforderung, sich guter Werke zu „befleißigen“, verdient Beachtung. In diesem Zusammenhang beschreibt sie eine ernsthafte, anhaltende Beschäftigung mit dem Guten. Paulus fordert nicht bloß gelegentliche Freundlichkeit, sondern eine Lebensführung, in der gute Taten einen festen Platz erhalten. Der griechische Ausdruck kann auch den Gedanken enthalten, sich einer Aufgabe anzunehmen und für ihre Durchführung Sorge zu tragen. Damit geht es um mehr als eine gute Absicht. Wer eine Notlage erkennt, soll nach Möglichkeit nicht bei freundlichen Worten stehen bleiben, sondern überlegen, welche konkrete Hilfe er leisten kann. Ebenso genügt es nicht, Gerechtigkeit und Nächstenliebe grundsätzlich zu befürworten, wenn das eigene Verhalten diesen Überzeugungen dauerhaft widerspricht.

Dabei beschränkt Paulus gute Werke nicht auf außergewöhnliche religiöse Leistungen. Schon die alltäglichen Beziehungen bieten zahlreiche Möglichkeiten, das Gute zu tun. Ein Mensch kann zuverlässig sein, obwohl niemand seine Arbeit kontrolliert. Er kann aufrichtig sprechen, obwohl eine Unwahrheit ihm einen Vorteil verschaffen würde. Er kann einem anderen vergeben, auf eine verletzende Antwort verzichten oder sich für jemanden einsetzen, der selbst wenig Einfluss besitzt. Auch ein geduldiger Umgang mit Familienangehörigen, ehrliches Geschäftsverhalten und verantwortungsbewusstes Handeln gehören zu den Bereichen, in denen sich christliche Überzeugungen bewähren. Gute Werke müssen nicht öffentlich sichtbar oder besonders eindrucksvoll sein, um vor Gott Bedeutung zu besitzen.

Eine wichtige Parallele findet sich in Epheser 2,8–10. Dort erklärt Paulus zunächst, dass Menschen aus Gnade durch den Glauben gerettet werden und dass diese Rettung nicht aus Werken hervorgeht. Unmittelbar danach bezeichnet er die Gläubigen als Gottes Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken. Besonders bemerkenswert ist die Verbindung dieser Aussagen. Gott rettet den Menschen nicht aufgrund seiner bereits erbrachten Leistungen. Zugleich hat das neue Leben in Christus eine konkrete Bestimmung. Es soll sich in Handlungen entfalten, die Gottes Willen entsprechen. Die guten Werke sind somit nicht der Ursprung der Erlösung, sondern gehören zu dem Leben, für das Gott den Menschen durch seine Gnade erneuert.

Diese Verbindung schützt vor zwei entgegengesetzten Missverständnissen. Auf der einen Seite darf niemand seine guten Taten als Beweis dafür betrachten, dass Gott ihm die Erlösung schuldet. Auch ein langjähriger Christ bleibt vollständig auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen. Auf der anderen Seite wäre es ebenso falsch, aus der unverdienten Erlösung zu schließen, das persönliche Verhalten spiele keine Rolle mehr. Wer Gottes Liebe erfahren hat, wird dadurch nicht zur Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen eingeladen. Jesus selbst erklärte, dass seine Jünger durch ihre Frucht erkannt werden können (Matthäus 7,16–20). Dabei geht es nicht um eine fehlerlose Selbstdarstellung, sondern um die erkennbare Ausrichtung eines Lebens. Ein guter Baum bringt Frucht hervor, weil er lebt. Ebenso soll die Gemeinschaft mit Christus im Handeln des Glaubenden sichtbar werden.

Paulus sagt am Ende des Verses, dass diese Dinge gut und den Menschen nützlich sind. Darin liegt ein weiterer bedeutender Gedanke. Christlicher Glaube soll nicht nur für den einzelnen Menschen eine persönliche Bedeutung besitzen, sondern auch seinem Umfeld zugutekommen. Wo Menschen ihre Verantwortung ernst nehmen, Hilfe leisten, ehrlich handeln und einander mit Rücksicht begegnen, entstehen konkrete Verbesserungen im Zusammenleben. Andere erfahren Unterstützung, Vertrauen kann wachsen, und unnötiges Leid lässt sich manchmal verhindern. Das Gute besitzt deshalb nicht nur einen geistlichen Wert im Verhältnis zu Gott. Es hat auch eine unmittelbare Bedeutung für das Leben der Mitmenschen.

Gleichzeitig hilft diese Aussage dabei, die Wirkung eines guten Werkes richtig zu beurteilen. Nicht jede Handlung, die nach außen religiös erscheint, dient tatsächlich dem Wohl anderer. Ein Mensch kann vieles tun, um Anerkennung zu erhalten, sich moralisch überlegen zu fühlen oder andere von sich abhängig zu machen. Jesus warnte davor, gute Werke nur deshalb zu vollbringen, um von Menschen gesehen und bewundert zu werden (Matthäus 6,1–4). Entscheidend ist nicht allein, wie eine Handlung äußerlich aussieht, sondern auch, aus welcher Haltung sie geschieht und ob sie dem Nächsten wirklich dient. Aufrichtige Hilfsbereitschaft sucht nicht zuerst den eigenen Vorteil, sondern nimmt den anderen Menschen mit seinen Bedürfnissen ernst.

Damit verbindet Paulus die Wahrheit des Evangeliums mit einer klaren Verantwortung. Die Lehre von Gottes Gnade soll weder zu religiösem Stolz noch zu einem passiven Glauben führen. Sie soll Menschen hervorbringen, die das Gute bewusst suchen und zuverlässig danach handeln. Gerade deshalb ist die abschließende Bemerkung über den Nutzen guter Werke wichtig: Der Glaube bewährt sich nicht darin, dass jemand möglichst viel über Gott diskutieren kann, sondern auch darin, dass sein Leben anderen tatsächlich zum Segen wird.

Dieser Gedanke bereitet zugleich den Gegensatz vor, den Paulus in den folgenden Versen entfaltet. Während gute Werke einen wirklichen Nutzen haben, können manche religiösen Auseinandersetzungen viel Aufmerksamkeit beanspruchen, ohne geistliche Frucht hervorzubringen. Deshalb muss eine Gemeinde nicht nur wissen, welche Wahrheiten sie verkündigen soll, sondern auch erkennen, welche Streitigkeiten sie besser meidet.

Titus 3,9–11

Fruchtlose Streitigkeiten meiden und die Gemeinde schützen

Nicht jede religiöse Auseinandersetzung führt zu einem besseren Verständnis der Wahrheit. Manche Gespräche helfen Menschen, Gottes Wort gründlicher zu erforschen, während andere immer neue Streitfragen hervorbringen, ohne zu einer hilfreichen Erkenntnis zu gelangen. Paulus fordert Titus deshalb auf, bestimmte Diskussionen bewusst zu meiden. Er nennt törichte Streitfragen, Geschlechtsregister, Zänkereien und Streitigkeiten über das Gesetz. Seine Begründung ist deutlich: „denn sie sind unnütz und eitel“ (Titus 3,9; Schlachter 1951).

Diese Warnung muss sorgfältig verstanden werden. Paulus spricht sich keineswegs gegen ernsthaftes Nachdenken oder gründliche Bibelforschung aus. An anderer Stelle fordert er Timotheus ausdrücklich auf, das Wort der Wahrheit richtig auszulegen (2. Timotheus 2,15). Auch Titus selbst soll an der zuverlässigen Lehre festhalten, damit er andere ermutigen und falschen Aussagen widersprechen kann (Titus 1,9). Es gibt also Fragen, die beantwortet werden müssen, Irrtümer, die einer Korrektur bedürfen, und biblische Zusammenhänge, die eine sorgfältige Untersuchung verlangen. Paulus unterscheidet jedoch zwischen einer Suche nach Wahrheit und einer Streitlust, die sich immer weiter von diesem Ziel entfernt.

Der Ausdruck „törichte Streitfragen“ bezeichnet Auseinandersetzungen, denen es an wirklichem Erkenntniswert fehlt. Dabei muss eine Frage nicht schon deshalb töricht sein, weil sie schwierig erscheint oder unterschiedliche Antworten hervorbringt. Manche biblischen Themen verlangen viel Geduld, und selbst aufrichtige Christen können nach gründlicher Beschäftigung zu verschiedenen Schlussfolgerungen gelangen. Problematisch wird eine Diskussion dort, wo unbegründete Behauptungen, persönliche Eitelkeit oder der Wunsch, unbedingt recht zu behalten, wichtiger werden als das Verständnis der Heiligen Schrift. Dann kann eine Auseinandersetzung immer umfangreicher werden, obwohl sie den Beteiligten geistlich kaum weiterhilft.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Erwähnung der Geschlechtsregister. Abstammungsverzeichnisse hatten im Alten Testament eine wichtige Bedeutung. Sie dokumentierten beispielsweise die Zugehörigkeit zu bestimmten Familien, Stämmen und priesterlichen Linien. Auch das Neue Testament enthält solche Verzeichnisse. Matthäus beginnt sein Evangelium mit der Abstammung Jesu und stellt damit seine Verbindung zu Abraham und David heraus (Matthäus 1,1–17). Lukas überliefert ebenfalls eine Abstammungslinie Jesu (Lukas 3,23–38). Paulus kann folglich nicht gemeint haben, dass die Beschäftigung mit biblischen Geschlechtsregistern grundsätzlich wertlos sei.

Wahrscheinlicher ist, dass er vor spekulativen Auseinandersetzungen über Abstammungslinien warnt, die über den zuverlässigen biblischen Befund hinausgingen. Einen ähnlichen Hinweis gibt er in 1. Timotheus 1,3–4. Dort verbindet er die Warnung vor Geschlechtsregistern mit Fabeln und endlosen Streitfragen. Welche konkreten Behauptungen auf Kreta verbreitet wurden, lässt sich heute nicht vollständig rekonstruieren. Der Zusammenhang legt jedoch nahe, dass bestimmte Personen religiöse Bedeutung aus Fragen ableiteten, die den Gemeinden keine verlässliche geistliche Orientierung boten. Anstatt den Glauben zu stärken, konnten solche Spekulationen Menschen von den wesentlichen Aussagen des Evangeliums ablenken.

Ebenso sorgfältig muss die Warnung vor Streitigkeiten über das Gesetz eingeordnet werden. Mit dem Gesetz ist in diesem Zusammenhang wahrscheinlich besonders die jüdische Gesetzesüberlieferung beziehungsweise die Auslegung des mosaischen Gesetzes gemeint. Bereits in Titus 1,10–14 werden Personen erwähnt, die insbesondere mit dem Umfeld der Beschneidung verbunden waren und durch ihre Lehren Unruhe verursachten. In diesem Zusammenhang spricht der Brief auch von jüdischen Fabeln und menschlichen Geboten. Es liegt deshalb nahe, dass die Streitigkeiten in Kapitel 3 mit ähnlichen Auseinandersetzungen zusammenhingen. Welche einzelnen Vorschriften oder Auslegungsfragen dabei diskutiert wurden, nennt Paulus allerdings nicht.

Seine Warnung darf deshalb nicht als pauschale Ablehnung des göttlichen Gesetzes verstanden werden. In Römer 7,12 bezeichnet Paulus das Gesetz als heilig und das Gebot als heilig, gerecht und gut. Ebenso erklärt er in 1. Timotheus 1,8, dass das Gesetz gut ist, wenn es richtig gebraucht wird. Der entscheidende Unterschied liegt somit nicht einfach zwischen der Beschäftigung mit dem Gesetz und dem Verzicht darauf, sondern zwischen einem verantwortlichen Verständnis und einem missbräuchlichen Umgang damit. Gottes Wort soll den Menschen zur Erkenntnis seines Willens führen. Wird es dagegen zum Gegenstand endloser Wortgefechte, bei denen menschliche Überlieferungen, unbelegte Behauptungen oder persönliche Rechthaberei im Mittelpunkt stehen, wird dieser Zweck verfehlt.

Gerade für das Verständnis des christlichen Glaubens ist diese Unterscheidung bedeutsam. Wer über Gottes Gebote spricht, muss nicht nur fragen, was eine einzelne Vorschrift aussagt, sondern auch, an wen sie gerichtet ist, in welchem Zusammenhang sie steht und wie sie sich in die gesamte biblische Offenbarung einfügt. Eine gründliche Untersuchung solcher Fragen ist keine unnütze Streitigkeit. Sie wird erst dann problematisch, wenn Menschen sich einer ehrlichen Prüfung verschließen oder die Auseinandersetzung selbst zum eigentlichen Ziel machen. Paulus fordert deshalb nicht dazu auf, schwierigen Wahrheiten auszuweichen. Er warnt davor, kostbare Zeit und Aufmerksamkeit in Diskussionen zu verlieren, die weder zu einem besseren Verständnis noch zu einem verantwortlicheren Leben führen.

Ab Vers 10 richtet sich die Warnung nicht mehr nur auf bestimmte Gesprächsthemen, sondern auf Menschen, die durch ihr Verhalten die Gemeinschaft gefährden. Paulus schreibt: „Einen sektiererischen Menschen weise ab, nach ein- und zweimaliger Zurechtweisung“ (Titus 3,10; Schlachter 1951). Hinter dem Wort „sektiererisch“ steht der griechische Ausdruck hairetikos. Er bezeichnet in diesem Zusammenhang einen Menschen, der Parteiungen oder Spaltungen verursacht. Daraus entwickelte sich später auch der Begriff „Häretiker“ für einen Irrlehrer. Es wäre jedoch ungenau, dem Wort an dieser Stelle bereits sämtliche Bedeutungen zuzuschreiben, die es in späteren kirchlichen Auseinandersetzungen erhielt.

Der unmittelbare Zusammenhang hilft, die Aussage zu verstehen. Paulus spricht von einer Person, die nicht lediglich eine andere Überzeugung vertritt, sondern durch ihr Auftreten die Gemeinschaft belastet und Spaltungen fördert. Dabei können falsche Lehren eine wichtige Rolle spielen, wie bereits die Warnungen des ersten Kapitels zeigen. Dennoch ist nicht jeder Mensch, der eine schwierige Frage stellt, eine abweichende Auslegung vertritt oder eine berechtigte Kritik äußert, deshalb ein Spalter. Auch die sachliche Auseinandersetzung mit einem tatsächlichen Irrtum ist nicht mit zerstörerischer Streitlust gleichzusetzen. Entscheidend ist, ob jemand aufrichtig nach Wahrheit sucht oder durch hartnäckiges, uneinsichtiges Verhalten die Gemeinschaft immer weiter auseinanderführt.

Bemerkenswert ist die Vorgehensweise, die Paulus gegenüber einem solchen Menschen anordnet. Titus soll ihn nicht beim ersten Konflikt sofort abweisen, sondern zunächst zurechtweisen und diese Ermahnung wiederholen. Eine Zurechtweisung soll den Betroffenen auf sein Fehlverhalten aufmerksam machen und ihm Gelegenheit geben, seinen Weg zu überdenken. Sie ist deshalb mehr als ein Ausdruck persönlicher Unzufriedenheit. Ihr Ziel besteht darin, einen Menschen zur Einsicht zu führen und weiteren Schaden zu verhindern.

Darin begegnet uns ein Grundgedanke, der auch in Jesu Unterweisung über den Umgang mit einem sündigenden Bruder zu finden ist (Matthäus 18,15–17). Jesus beschreibt dort ein geordnetes Vorgehen, bei dem zunächst das persönliche Gespräch gesucht wird. Erst wenn weitere Bemühungen erfolglos bleiben, folgen ernstere Konsequenzen für die Gemeinschaft. Die beiden Texte behandeln nicht in jeder Einzelheit dieselbe Situation. Dennoch stimmen sie darin überein, dass eine Trennung nicht leichtfertig erfolgen soll. Geduld und die Möglichkeit zur Umkehr gehören ebenso zum verantwortlichen Umgang mit Schuld wie die Bereitschaft, Grenzen zu setzen.

Bleibt ein Mensch trotz wiederholter Zurechtweisung bei seinem spaltenden Verhalten, soll Titus sich von ihm distanzieren. Diese Aufforderung schützt die Gemeinde vor der Vorstellung, sie müsse jede Form von zerstörerischem Verhalten unbegrenzt hinnehmen. Christliche Liebe bedeutet nicht, dass andere Menschen dauerhaft geschädigt werden dürfen, weil man keinen Konflikt riskieren möchte. Besonders dort, wo jemand durch falsche Behauptungen, persönliche Angriffe oder bewusste Spaltungsversuche das Vertrauen innerhalb der Gemeinschaft zerstört, kann es notwendig werden, seine Einflussmöglichkeiten zu begrenzen.

Solche Maßnahmen dürfen allerdings nicht mit persönlicher Vergeltung verwechselt werden. Paulus erteilt Titus keine Erlaubnis, Menschen aus verletztem Stolz auszuschließen oder abweichende Meinungen durch Druck zu unterdrücken. Gemeindeleiter tragen vielmehr die Verantwortung, gerecht zu urteilen und zwischen berechtigter Kritik, ehrlichem Irrtum und tatsächlich zerstörerischem Verhalten zu unterscheiden. Wer einen anderen zurechtweist, muss deshalb auch selbst bereit sein, sein Urteil am Wort Gottes prüfen zu lassen. Gerade weil ein Ausschluss oder eine Distanzierung schwerwiegende Folgen haben kann, dürfen solche Entscheidungen nicht auf bloßen Verdächtigungen oder persönlichen Abneigungen beruhen.

Vers 11 erklärt schließlich, weshalb ein fortgesetztes spaltendes Verhalten nach wiederholter Ermahnung so ernst zu nehmen ist. Paulus beschreibt den betreffenden Menschen als verkehrt und sündigend, indem er sich selbst verurteilt. Die Formulierung bedeutet nicht, dass Titus in das Herz eines Menschen sehen oder dessen endgültiges Schicksal bestimmen könnte. Vielmehr macht das beharrliche Verhalten die Schuld des Betroffenen erkennbar. Wer auf sein zerstörerisches Handeln aufmerksam gemacht wird und dennoch bewusst daran festhält, zeigt durch seine eigene Entscheidung, dass er die notwendige Korrektur zurückweist.

Damit liegt die Verantwortung nicht ausschließlich bei denjenigen, die sich schließlich von einem solchen Menschen distanzieren müssen. Auch der Betroffene trägt Verantwortung dafür, wie er auf berechtigte Ermahnungen reagiert. Die Möglichkeit zur Einsicht wurde ihm eröffnet. Wenn er sie wiederholt ablehnt und sein Verhalten fortsetzt, bestätigt er durch sein Handeln die Gründe, die eine weitere Zusammenarbeit unmöglich machen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Gottes Barmherzigkeit für ihn grundsätzlich unerreichbar geworden wäre. Der Text beschreibt die notwendige Reaktion auf ein gegenwärtiges, hartnäckiges Fehlverhalten, nicht ein endgültiges Urteil über die gesamte Zukunft dieses Menschen.

In diesem Abschnitt zeigt sich, wie wichtig sowohl Wahrheit als auch Frieden für das Leben der Gemeinde sind. Frieden kann nicht dadurch bewahrt werden, dass man falsche Lehren und zerstörerisches Verhalten grundsätzlich unbeachtet lässt. Ebenso wenig entsteht echte Einheit, wenn jede Meinungsverschiedenheit mit Härte beantwortet wird. Die Gläubigen brauchen die Bereitschaft, einander zuzuhören, Aussagen sorgfältig zu prüfen und berechtigte Korrektur anzunehmen. Wo jedoch jemand wiederholt Unruhe stiftet und jede ernsthafte Ermahnung zurückweist, darf die Gemeinschaft nicht schutzlos bleiben.

Paulus zeigt damit, dass christliche Verantwortung auch einen weisen Umgang mit Konflikten verlangt. Nicht jede Diskussion verdient die gleiche Aufmerksamkeit, nicht jede Auseinandersetzung muss weitergeführt werden, und nicht jedes Verhalten kann dauerhaft geduldet werden. Die Gemeinde soll ein Ort sein, an dem Gottes Wahrheit gewissenhaft erforscht, Menschen mit Geduld behandelt und notwendige Grenzen verantwortungsvoll gezogen werden. Wie sich diese Verantwortung im gewöhnlichen Gemeindeleben praktisch ausdrückt, wird in den abschließenden persönlichen Anweisungen des Briefes noch einmal auf besondere Weise sichtbar.

Titus 3,12–15

Glaube wird in gegenseitiger Hilfe sichtbar

Zum Abschluss seines Briefes wendet sich Paulus persönlichen Angelegenheiten zu. Er spricht über bevorstehende Reisen, nennt Mitarbeiter und gibt Titus konkrete Anweisungen für ihre Unterstützung. Auf den ersten Blick wirken diese Mitteilungen weniger bedeutend als die vorausgehenden Erklärungen über Gottes Gnade und das christliche Leben. Doch gerade in diesen alltäglichen Angelegenheiten wird erkennbar, wie die Zusammenarbeit innerhalb der ersten christlichen Gemeinden aussah. Die Verkündigung des Evangeliums war nicht nur eine Aufgabe einzelner Prediger. Sie erforderte Menschen, die Verantwortung übernahmen, einander unterstützten und bereit waren, ihre eigenen Möglichkeiten für das gemeinsame Werk einzusetzen.

In Vers 12 kündigt Paulus an, entweder Artemas oder Tychikus zu Titus zu senden. Sobald einer dieser Männer bei ihm eingetroffen ist, soll Titus sich beeilen, nach Nikopolis zu kommen. Die Anweisung legt nahe, dass einer der beiden Mitarbeiter Aufgaben übernehmen sollte, die bisher Titus auf Kreta wahrgenommen hatte. Ausdrücklich erklärt wird ihre künftige Tätigkeit jedoch nicht. Sicher ist, dass Paulus die Zusammenarbeit seiner Mitarbeiter bewusst plante und Titus nicht einfach ohne weitere Abstimmung von seinem bisherigen Einsatzort abrief. Die verschiedenen Aufgaben sollten so miteinander verbunden werden, dass die Arbeit der Gemeinden weitergehen konnte.

Über Artemas wissen wir nur sehr wenig. Sein Name erscheint im Neuen Testament ausschließlich an dieser Stelle. Weder seine Herkunft noch sein bisheriger Dienst werden näher beschrieben. Deshalb wäre es nicht gerechtfertigt, ihm eine bestimmte Lebensgeschichte oder besondere Stellung innerhalb der frühen Christenheit zuzuschreiben. Dennoch zeigt seine Erwähnung, dass Paulus neben den bekannteren Mitarbeitern auf weitere Menschen zurückgreifen konnte. Nicht jeder, der zum Aufbau der ersten Gemeinden beitrug, ist uns heute durch ausführliche Berichte bekannt. Manche begegnen uns lediglich durch einen Namen, obwohl ihre Mitarbeit für die damaligen Christen von Bedeutung gewesen sein kann.

Tychikus ist dagegen aus mehreren neutestamentlichen Schriften bekannt. In Apostelgeschichte 20,4 wird er als einer der Reisebegleiter des Paulus genannt und seiner Herkunft nach mit der römischen Provinz Asia verbunden. Im Epheserbrief beschreibt Paulus ihn als geliebten Bruder und treuen Diener im Herrn, der den Gläubigen Nachrichten über seine Situation überbringen sollte (Epheser 6,21–22). Auch im Kolosserbrief wird ihm eine vergleichbare Aufgabe anvertraut (Kolosser 4,7–9). Diese Hinweise lassen erkennen, dass Tychikus ein geschätzter Mitarbeiter war, dem Paulus verantwortungsvolle Aufträge übertrug. Seine mögliche Entsendung nach Kreta fügt sich gut in dieses Bild einer bewährten Zusammenarbeit ein.

Als Treffpunkt nennt Paulus Nikopolis, wo er den Winter verbringen möchte. Der Name bedeutet sinngemäß „Siegesstadt“ und wurde in der Antike für verschiedene Orte verwendet. Häufig wird die hier erwähnte Stadt mit Nikopolis in Epirus an der Westküste Griechenlands identifiziert. Diese Stadt war von Kaiser Augustus im Zusammenhang mit seinem Sieg bei Actium gegründet worden. Die Identifizierung ist gut möglich, lässt sich aus dem Brief allein jedoch nicht endgültig beweisen. Ebenso wenig kann aus diesem Reiseplan eine lückenlose Chronologie der letzten Lebensjahre des Paulus abgeleitet werden. Der Titusbrief selbst nennt weder ein genaues Jahr noch die gesamte vorausgehende Reiseroute.

Die Erwähnung des Winters besitzt einen praktischen Hintergrund. Reisen waren in der Antike oft beschwerlich, und besonders die Schifffahrt über das Mittelmeer konnte während der stürmischen Jahreszeit gefährlich werden. Auch die Apostelgeschichte berichtet von solchen Schwierigkeiten. In Apostelgeschichte 27,9–12 wird ausdrücklich darüber beraten, wo ein Schiff überwintern sollte, weil die Weiterfahrt erhebliche Risiken mit sich brachte. Paulus' Entscheidung, in Nikopolis zu bleiben, lässt sich deshalb gut vor dem Hintergrund der damaligen Reisebedingungen verstehen. Ob diese Umstände tatsächlich der ausschlaggebende Grund für seinen Entschluss waren, wird allerdings nicht gesagt. Entscheidend ist, dass er Titus an einem bestimmten Ort erwartet und die weitere Zusammenarbeit mit ihm vorbereitet.

In Vers 13 werden zwei weitere Männer erwähnt: Zenas und Apollos. Titus soll dafür sorgen, dass sie ihre Reise fortsetzen können und es ihnen an nichts fehlt. Zenas wird in der Schlachterübersetzung von 1951 als „Schriftgelehrter“ bezeichnet. Das griechische Wort nomikos kann einen Gesetzeskundigen oder Rechtsgelehrten bezeichnen. Es bleibt jedoch offen, ob Zenas besonders im jüdischen Gesetz unterrichtet war oder über Kenntnisse des damaligen römischen Rechts verfügte. Da er im Neuen Testament nur hier namentlich erscheint, sind weitere Aussagen über seine Herkunft und seinen beruflichen Hintergrund nicht sicher möglich.

Apollos ist wahrscheinlich mit dem gleichnamigen Mann identisch, der uns aus der Apostelgeschichte bekannt ist. Er stammte aus Alexandria in Ägypten und wird als redegewandt und in den Schriften bewandert beschrieben (Apostelgeschichte 18,24). In Ephesus begegnete er Aquila und Priscilla, die ihm den Weg Gottes genauer erklärten. Später wirkte er auch in Achaja und half den Gläubigen durch seine gründliche Kenntnis der Heiligen Schrift (Apostelgeschichte 18,26–28). Im ersten Korintherbrief wird deutlich, dass Apollos neben Paulus eine wichtige Rolle bei der Verkündigung des Evangeliums spielte (1. Korinther 3,5–6).

Gerade an Apollos lässt sich erkennen, dass die ersten christlichen Gemeinden auf unterschiedliche Gaben angewiesen waren. Menschen wie Paulus und Apollos besaßen besondere Fähigkeiten in der Verkündigung und Unterweisung. Andere übernahmen organisatorische Aufgaben, kümmerten sich um Reisende oder stellten notwendige Mittel bereit. Paulus beschreibt dieses Zusammenwirken an anderer Stelle mit dem Bild eines Leibes, dessen Glieder unterschiedliche Aufgaben besitzen und dennoch aufeinander angewiesen sind (1. Korinther 12,12–27). Nicht jeder Christ musste dieselbe Tätigkeit ausüben. Wichtig war, dass die verschiedenen Gaben dem gemeinsamen Aufbau dienten.

Die Anweisung an Titus geht dabei über einen freundlichen Abschied hinaus. Paulus fordert ausdrücklich, Zenas und Apollos so auszustatten, dass ihnen auf ihrer Reise nichts fehlt. Dazu konnten nach den damaligen Umständen Nahrung, Unterkunft, Reisebedarf oder finanzielle Unterstützung gehören. Welche einzelnen Dinge die beiden Männer tatsächlich benötigten, erfahren wir nicht. Die Formulierung lässt aber erkennen, dass ihre Weiterreise nicht allein ihrer persönlichen Vorsorge überlassen werden sollte. Titus sollte Verantwortung dafür übernehmen, dass sie die notwendige Hilfe erhielten.

Darin zeigt sich ein bemerkenswerter Aspekt der frühchristlichen Gemeinschaft. Die Weitergabe des Evangeliums erforderte nicht nur Bereitschaft zur Verkündigung, sondern auch die Bereitschaft anderer Menschen, diese Arbeit praktisch zu ermöglichen. Ein ähnlicher Gedanke begegnet in 3. Johannes 5–8. Dort wird Gajus für seine treue Unterstützung reisender Glaubensgeschwister gelobt. Johannes erklärt, dass die Gläubigen solche Menschen aufnehmen und unterstützen sollen, damit sie zu Mitarbeitern an der Wahrheit werden. Wer einen Verkündiger versorgte, war deshalb nicht bloß ein unbeteiligter Zuschauer. Durch seine Hilfe konnte er selbst zum Gelingen des gemeinsamen Auftrags beitragen.

Mit Vers 14 erweitert Paulus diese Verantwortung ausdrücklich auf die übrigen Gläubigen. Nicht nur Titus soll für notwendige Unterstützung sorgen. Auch „die Unsrigen“ sollen lernen, sich guter Werke zur Befriedigung notwendiger Bedürfnisse zu befleißigen. Die Formulierung macht deutlich, dass praktische Hilfsbereitschaft innerhalb der Gemeinde eingeübt werden soll. Sie entsteht nicht bei jedem Menschen von selbst in dem Maß, in dem sie gebraucht wird. Christen müssen lernen, die Lage anderer wahrzunehmen, zwischen wirklichen Bedürfnissen und bloßen Wünschen zu unterscheiden und ihre Möglichkeiten verantwortungsvoll einzusetzen.

Besonders wichtig ist die Erwähnung der „notwendigen Bedürfnisse“. Paulus spricht hier nicht von religiösen Leistungen, die vor allem Aufmerksamkeit erregen sollen. Im Mittelpunkt stehen konkrete Erfordernisse des Lebens. Ein Mensch benötigt möglicherweise Nahrung, Kleidung, eine Unterkunft oder Hilfe, um eine schwierige Situation zu bewältigen. Ein anderer braucht Unterstützung, damit er einer notwendigen Aufgabe nachkommen kann. Christliche Liebe erhält an solchen Stellen eine greifbare Gestalt. Sie bleibt nicht bei der allgemeinen Überzeugung stehen, dass man seinem Nächsten helfen sollte, sondern fragt danach, welche Hilfe tatsächlich gebraucht wird.

Eine enge Verbindung besteht zu Jakobus 2,15–17. Jakobus beschreibt dort einen Bruder oder eine Schwester, denen Kleidung und tägliche Nahrung fehlen. Wenn andere Gläubige ihnen lediglich gute Wünsche mitgeben, ohne ihren notwendigen Bedürfnissen abzuhelfen, bleibt ihre behauptete Hilfsbereitschaft ohne die entsprechende Tat. Die Aussage richtet sich nicht gegen freundliche Worte oder Gebete. Sie macht vielmehr deutlich, dass Worte allein eine mögliche praktische Hilfe nicht ersetzen dürfen. Paulus führt denselben Grundgedanken nun innerhalb der konkreten Verantwortung einer Gemeinde aus.

Dabei verlangt diese Unterweisung nicht, dass jeder Mensch unbegrenzte Mittel zur Verfügung haben müsste. Auch im Neuen Testament wird berücksichtigt, dass Menschen unterschiedliche Möglichkeiten besitzen. In 2. Korinther 8,12 erklärt Paulus, dass eine bereitwillige Gabe nach dem beurteilt wird, was jemand hat, und nicht nach dem, was er nicht besitzt. Verantwortliche Hilfsbereitschaft besteht deshalb nicht darin, andere durch unerfüllbare Forderungen zu überlasten. Sie bedeutet, mit den tatsächlich vorhandenen Kräften und Mitteln aufrichtig zum Wohl anderer beizutragen.

Am Ende von Vers 14 nennt Paulus den Grund für diese Aufforderung: Die Gläubigen sollen nicht unfruchtbar sein. Das Bild der Frucht begegnet im Neuen Testament immer wieder, wenn von den sichtbaren Auswirkungen eines Lebens mit Gott gesprochen wird. Jesus erklärt in Johannes 15,4–5, dass die Rebe nur dann Frucht bringen kann, wenn sie mit dem Weinstock verbunden bleibt. Ebenso sollen seine Jünger durch die Gemeinschaft mit ihm Frucht hervorbringen. Im Titusbrief wird diese geistliche Frucht nun besonders im Bereich der gegenseitigen Unterstützung sichtbar. Ein fruchtbares Leben ist nicht allein daran zu erkennen, wie viel jemand weiß oder über seinen Glauben sprechen kann, sondern auch daran, ob sein Handeln anderen Menschen zugutekommt.

Diese Aussage richtet sich gegen eine rein theoretische Frömmigkeit. Ein Mensch kann sich ausführlich mit religiösen Fragen beschäftigen und dennoch übersehen, dass jemand in seiner Nähe dringend Hilfe benötigt. Ebenso kann eine Gemeinde großen Wert auf richtige Lehre legen und dabei die praktische Verantwortung füreinander vernachlässigen. Paulus stellt Lehre und tätige Liebe jedoch nicht gegeneinander. Die Wahrheit Gottes soll vielmehr eine Lebensführung hervorbringen, in der Menschen füreinander Verantwortung übernehmen. Wo notwendige Hilfe ausbleibt, obwohl sie möglich wäre, bleibt ein wesentlicher Bereich christlicher Gemeinschaft unentwickelt.

Im letzten Vers richtet Paulus Grüße von allen aus, die bei ihm sind. Anschließend bittet er Titus, diejenigen zu grüßen, die ihnen im Glauben verbunden sind und sie lieben. Solche Grüße waren in antiken Briefen durchaus üblich. Dennoch erhalten sie im Zusammenhang der christlichen Gemeinden eine besondere Bedeutung. Die Gläubigen lebten an verschiedenen Orten, waren durch Reisen und große Entfernungen voneinander getrennt und bildeten doch eine Gemeinschaft, die über die einzelnen Städte hinausreichte. Persönliche Grüße konnten diese Verbindung stärken und den Empfängern zeigen, dass sie von ihren Glaubensgeschwistern nicht vergessen waren.

Die Formulierung „die uns lieben im Glauben“ weist dabei auf eine Verbundenheit hin, die über persönliche Bekanntschaft oder gemeinsame Interessen hinausgeht. Der gemeinsame Glaube an Jesus Christus schuf Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Lebensumstände. Diese Einheit bedeutete nicht, dass alle Christen dieselben Aufgaben, Begabungen oder Erfahrungen besaßen. Sie waren jedoch durch ihren Glauben miteinander verbunden und sollten diese Gemeinschaft durch gegenseitige Achtung und Liebe bewahren. Bereits Jesus hatte erklärt, dass seine Jünger an ihrer Liebe zueinander erkannt werden sollten (Johannes 13,34–35).

Den Abschluss bildet der Segenswunsch: „Die Gnade sei mit euch allen!“ (Titus 3,15; Schlachter 1951). Auffällig ist der Wechsel von der persönlichen Anrede an Titus zum Ausdruck „euch allen“. Damit reicht der abschließende Wunsch über den einzelnen Empfänger hinaus. Auch die übrigen Gläubigen werden eingeschlossen. Der Brief endet nicht mit einer letzten Forderung, sondern mit dem Wunsch nach Gottes Gnade, auf die alle angewiesen bleiben.

So erhalten selbst die persönlichen Schlussworte eine Bedeutung, die über die genannten Reisepläne hinausgeht. Sie lassen erkennen, wie christlicher Glaube in einer Gemeinschaft Gestalt annimmt: Menschen übernehmen unterschiedliche Aufgaben, bleiben miteinander verbunden und helfen dort, wo ihre Unterstützung gebraucht wird. Die großen Wahrheiten über Gottes Barmherzigkeit und das neue Leben in Christus stehen nicht losgelöst von diesen alltäglichen Verpflichtungen. Sie sollen gerade darin sichtbar werden. Und über allem steht Gottes Gnade, die den Menschen zum Glauben ruft, ihn erneuert und ihm die Kraft schenkt, in tätiger Liebe zu leben.

Geistliche Kernbotschaft

Die entscheidende Veränderung im Leben eines Menschen beginnt nicht mit seiner eigenen Leistung, sondern mit Gottes Barmherzigkeit. Darin liegt die geistliche Grundlage von Titus 3. Der Mensch kann vieles an seinem Verhalten verbessern, neue Gewohnheiten entwickeln und sich ernsthaft um ein gerechtes Leben bemühen. Doch die tiefste Veränderung, die er benötigt, kann er nicht selbst hervorbringen. Er braucht Gottes Vergebung, seine erneuernde Kraft und eine Hoffnung, die über das gegenwärtige Leben hinausreicht. Das Evangelium begegnet ihm deshalb zuerst als Geschenk und nicht als Forderung, mit der er sich Gottes Annahme verdienen müsste.

Diese Erkenntnis verändert auch das Verhältnis zu anderen Menschen. Wer verstanden hat, dass er selbst allein durch Gottes Barmherzigkeit gerettet wird, verliert jeden Grund, sich aufgrund seiner religiösen Erkenntnis oder Lebensführung über andere zu erheben. Geistliches Wachstum führt nicht dazu, dass ein Christ verächtlich auf Menschen blickt, die noch mit Sünde, Irrtum oder inneren Kämpfen ringen. Vielmehr wächst das Bewusstsein, wie viel Geduld und Vergebung Gott ihm selbst entgegengebracht hat. Aus dieser Erfahrung kann eine Haltung entstehen, die Wahrheit ernst nimmt, ohne lieblos zu werden, und Unrecht klar benennt, ohne den Menschen dahinter zu verachten.

Zugleich macht das Kapitel deutlich, dass Gottes Gnade nicht nur die Vergangenheit eines Menschen betrifft. Sie eröffnet ihm eine neue Gegenwart. Wer durch den Heiligen Geist erneuert wird, soll zunehmend lernen, anders zu denken, zu entscheiden und zu handeln. Christlicher Glaube ist deshalb weder eine bloße Zustimmung zu bestimmten Wahrheiten noch der Versuch, sich durch religiöse Leistungen Anerkennung zu verschaffen. Er bedeutet, sein Leben Jesus Christus anzuvertrauen und sich durch Gottes Wirken verändern zu lassen. Dieser Weg kann von Fehlern, Kämpfen und notwendiger Umkehr begleitet sein. Entscheidend ist nicht die Behauptung eigener Vollkommenheit, sondern die Bereitschaft, unter Gottes Führung zu wachsen.

Eine besondere geistliche Bedeutung besitzt dabei die Verbindung zwischen Wahrheit und Liebe. Die Gemeinde ist berufen, Gottes Wort treu zu bewahren und zugleich ein Ort zu sein, an dem seine Barmherzigkeit erfahrbar wird. Wird Wahrheit ohne Liebe vertreten, kann aus berechtigtem Eifer Härte und Überheblichkeit entstehen. Wird dagegen aus falsch verstandener Liebe auf jede notwendige Korrektur verzichtet, können Irrtum und zerstörerisches Verhalten ungehindert wachsen. Geistliche Reife zeigt sich darin, beides zusammenzuhalten: Treue zu Gottes Wort und eine Haltung, die auch bei schwierigen Entscheidungen von Geduld, Gerechtigkeit und dem Wunsch nach Wiederherstellung bestimmt bleibt.

Schließlich richtet das Kapitel den Blick auf den bleibenden Wert eines Lebens mit Gott. Menschliche Anerkennung, äußerer Erfolg und gesellschaftliche Stellung können verloren gehen. Die Hoffnung, die Gott durch Jesus Christus schenkt, reicht dagegen über den Tod hinaus. Wer auf das ewige Leben vertraut, erhält damit einen Maßstab, der seine gegenwärtigen Entscheidungen prägen kann. Er muss nicht jeden persönlichen Vorteil verfolgen oder jede Auseinandersetzung gewinnen. Er darf sein Leben dafür einsetzen, Gott treu zu bleiben und anderen Gutes zu tun, weil seine Zukunft letztlich in Gottes Händen liegt.

So entsteht aus Titus 3 ein zusammenhängendes Bild christlichen Lebens: Gottes Gnade ist sein Ursprung, die Erneuerung durch den Heiligen Geist seine innere Kraft, die Liebe zum Mitmenschen seine sichtbare Wirkung und das ewige Leben seine verheißene Zukunft. Alles beginnt bei Gott und führt den Menschen in ein Leben, das seine Barmherzigkeit widerspiegeln soll.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Die Aussagen von Titus 3 stehen in einem engen Zusammenhang mit der größeren biblischen Botschaft von Erlösung und einem erneuerten Leben. Besonders deutlich wird dies in Epheser 2,8–10. Paulus beschreibt dort die Rettung aus Gnade durch den Glauben als Gottes Geschenk. Gleichzeitig erklärt er, dass die Gläubigen in Christus zu guten Werken geschaffen wurden. Die beiden Texte ergänzen sich in einem entscheidenden Punkt: Epheser 2 betont, dass niemand sich seiner Erlösung rühmen kann, während Titus 3 zeigt, welche Haltung und Verantwortung aus dieser empfangenen Gnade erwachsen sollen. Zusammengenommen bewahren sie sowohl vor dem Versuch, das Heil zu verdienen, als auch vor einer Vorstellung von Glauben, die keine Auswirkungen auf das Leben haben müsste.

Eine weitere wichtige Verbindung besteht zu 2. Korinther 5,17–21. Paulus erklärt dort, dass ein Mensch, der in Christus ist, zu einer neuen Schöpfung gehört. Zugleich beschreibt er, dass Gott durch Christus Versöhnung ermöglicht und den Gläubigen den Dienst der Versöhnung anvertraut hat. Damit erweitert dieser Abschnitt unser Verständnis der Wiedergeburt. Gottes Handeln stellt nicht nur die Beziehung zwischen ihm und dem Menschen wieder her. Wer selbst Versöhnung empfangen hat, soll auch im Umgang mit anderen ein Werkzeug des Friedens werden. Die Bereitschaft, Streit zu überwinden, Vergebung zu suchen und verletzte Beziehungen nach Möglichkeit wiederherzustellen, erhält dadurch eine tiefere geistliche Grundlage. Sie ist eine Antwort auf das, was Gott bereits durch Christus getan hat.

Besonders aufschlussreich ist auch der Vergleich mit Galater 5,16–26. Dort beschreibt Paulus den Gegensatz zwischen einem Leben, das von sündigen Begierden bestimmt wird, und einem Leben unter der Führung des Heiligen Geistes. Als Frucht des Geistes nennt er unter anderem Liebe, Freude, Frieden, Langmut, Freundlichkeit und Selbstbeherrschung. Diese Eigenschaften helfen zu verstehen, woran eine fortschreitende innere Erneuerung erkennbar werden kann. Sie zeigen sich nicht ausschließlich in besonderen religiösen Momenten, sondern gerade dann, wenn ein Mensch provoziert wird, auf eigene Vorteile verzichten muss oder mit den Schwächen anderer konfrontiert ist. Die Erneuerung durch den Geist betrifft deshalb den Charakter und nicht nur das religiöse Wissen.

Eine bemerkenswerte Parallele zu den Aufforderungen über das Verhalten gegenüber anderen Menschen findet sich in Römer 12,17–21. Dort fordert Paulus, Böses nicht mit Bösem zu vergelten und, soweit es an den Gläubigen liegt, mit allen Menschen Frieden zu halten. Er geht sogar so weit, zur Hilfe gegenüber einem hungrigen oder durstigen Feind aufzurufen. Diese Worte vertiefen die Bedeutung christlicher Friedfertigkeit. Gottes Kinder sollen ihre Entscheidungen nicht davon abhängig machen, ob ihr Gegenüber freundlich oder gerecht handelt. Sie sind dazu berufen, das Böse nicht mit denselben Mitteln zu beantworten, sondern sich nach Möglichkeit durch das Gute von ihm zu unterscheiden. Das bedeutet nicht, Unrecht widerstandslos hinzunehmen. Es bedeutet, auch bei notwendiger Gegenwehr nicht selbst von Hass und Vergeltung beherrscht zu werden.

Mit 1. Petrus 2,12 und 3,15–16 tritt ein weiterer Zusammenhang hervor. Petrus fordert die Gläubigen auf, unter den Menschen ein ehrbares Leben zu führen und ihren Glauben mit Sanftmut und Respekt zu erklären. Dadurch verbindet er das sichtbare Verhalten mit dem Zeugnis für die Wahrheit. Menschen begegnen dem christlichen Glauben nicht ausschließlich durch Predigten oder das Lesen der Bibel. Häufig gewinnen sie ihren ersten Eindruck durch das Verhalten derjenigen, die sich zu Jesus bekennen. Ein respektvoller Umgang mit Kritik, ehrliche Entscheidungen und die Bereitschaft, Verantwortung für eigene Fehler zu übernehmen, können deshalb eine wichtige Bedeutung für die Glaubwürdigkeit des christlichen Zeugnisses erhalten. Dabei bleibt die Wahrheit des Evangeliums unabhängig davon bestehen, ob einzelne Christen ihr gerecht werden.

Auch Jakobus 3,13–18 bietet eine wertvolle Ergänzung. Jakobus unterscheidet zwischen einer Weisheit, die von Neid und Selbstsucht geprägt ist, und einer Weisheit, die von oben kommt. Diese beschreibt er als rein, friedfertig, gütig, nachgiebig und reich an Barmherzigkeit und guten Früchten. Bemerkenswert ist, dass geistliche Weisheit hier nicht allein an der Fähigkeit gemessen wird, schwierige Fragen zu beantworten. Sie zeigt sich ebenso in der Art, wie ein Mensch mit anderen umgeht. Damit wird ein Maßstab sichtbar, der gerade bei theologischen Meinungsverschiedenheiten hilfreich ist: Eine Auslegung mag noch so ausführlich vertreten werden; die Haltung, mit der jemand sie verteidigt, sollte nicht im Widerspruch zu Gottes Weisheit stehen.

Schließlich führt 1. Johannes 3,16–18 die praktische Verantwortung christlicher Liebe besonders deutlich aus. Johannes verweist zunächst auf Jesus Christus, der sein Leben für uns hingegeben hat. Anschließend fragt er, wie Gottes Liebe in einem Menschen bleiben kann, der die Not seines Bruders sieht, helfen könnte und dennoch sein Herz verschließt. Daraus folgt die Aufforderung, nicht nur mit Worten, sondern in Tat und Wahrheit zu lieben. Diese Verbindung ist wichtig, weil sie tätige Nächstenliebe unmittelbar im Opfer Jesu verankert. Christen helfen anderen nicht lediglich aufgrund einer allgemeinen moralischen Verpflichtung. Ihr Handeln soll von der Liebe geprägt werden, die Christus ihnen selbst erwiesen hat.

Zusammen eröffnen diese Bibelstellen einen größeren Zusammenhang: Die Erlösung durch Jesus Christus schenkt dem Menschen eine neue Beziehung zu Gott. Der Heilige Geist wirkt daran, seinen Charakter zu verändern. Diese Veränderung soll in einer Lebensführung sichtbar werden, die von Wahrhaftigkeit, Frieden, Verantwortungsbewusstsein und tätiger Liebe geprägt ist. Die verschiedenen neutestamentlichen Schriften setzen dabei unterschiedliche Schwerpunkte, stimmen jedoch in dieser grundlegenden Verbindung von Gottes Gnade und einem erneuerten Leben überein.

Wichtige Lektionen

Eine der wichtigsten Lektionen von Titus 3 betrifft die Frage, worauf ein Mensch sein Vertrauen gründet. Religiöse Erfahrung, langjähriger Gehorsam und gute Taten können leicht zu einem Maßstab werden, mit dem jemand seinen eigenen Wert vor Gott beurteilt. Das Kapitel lädt dazu ein, diese Grundlage bewusst zu überprüfen. Nicht die persönliche Erfolgsbilanz entscheidet darüber, ob Gottes Barmherzigkeit zugänglich ist. Wer seine Schuld erkennt, darf sich Jesus Christus im Glauben anvertrauen. Gleichzeitig sollte ein Christ seine guten Entscheidungen nicht geringachten, sondern sie als Antwort auf Gottes Gnade verstehen. Das bewahrt vor Verzweiflung über die eigene Unvollkommenheit ebenso wie vor Stolz auf die eigenen Leistungen.

Eine weitere Lektion liegt im Umgang mit Menschen, deren Überzeugungen oder Verhalten schwer zu verstehen sind. Bevor ein Christ jemanden verurteilt, sollte er sich fragen, ob seine Reaktion von Liebe und dem Wunsch nach dem Guten bestimmt wird oder von Ärger, Abneigung und dem Bedürfnis, überlegen zu erscheinen. Das bedeutet nicht, jede Meinung zu bestätigen oder auf notwendige Kritik zu verzichten. Es bedeutet, die Würde des anderen auch dann zu achten, wenn seine Entscheidungen falsch sind. Besonders in persönlichen Konflikten kann es hilfreich sein, eine Antwort nicht sofort auszusprechen, zunächst aufmerksam zuzuhören und zwischen dem Menschen selbst und seinem problematischen Verhalten zu unterscheiden.

Auch für die Beschäftigung mit der Bibel enthält das Kapitel eine wichtige Warnung. Gründliche Forschung ist wertvoll und notwendig. Dennoch sollte jeder, der sich intensiv mit Glaubensfragen auseinandersetzt, gelegentlich die eigene Haltung prüfen. Suche ich wirklich nach einem besseren Verständnis von Gottes Wort? Bin ich bereit, eine bisherige Überzeugung zu korrigieren, wenn der biblische Befund es verlangt? Oder geht es mir zunehmend darum, eine Diskussion zu gewinnen? Solche Fragen helfen, zwischen aufrichtigem Forschen und persönlicher Rechthaberei zu unterscheiden. Sie schützen davor, dass selbst die Beschäftigung mit heiligen Dingen zu einem Anlass für Stolz und Streit wird.

Für das Zusammenleben innerhalb einer christlichen Gemeinschaft ergibt sich daraus die Verantwortung, Probleme weder vorschnell zu verurteilen noch aus Bequemlichkeit zu übergehen. Missverständnisse sollten möglichst früh und offen angesprochen werden. Wo jemand Fehler macht, braucht er Gelegenheit zur Einsicht und Veränderung. Wo dagegen bewusstes Fehlverhalten trotz wiederholter Ermahnung fortgesetzt wird, können klare Grenzen notwendig sein. Solche Entscheidungen verlangen Gerechtigkeit, Geduld und die Bereitschaft, auch das eigene Urteil kritisch zu prüfen. Das Ziel sollte niemals sein, einen Menschen zu beschämen, sondern die Wahrheit zu bewahren, Schaden zu verhindern und nach Möglichkeit einen Weg zur Wiederherstellung offenzuhalten.

Eine besonders praktische Lektion betrifft den bewussten Umgang mit den eigenen Möglichkeiten. Nicht jeder Mensch kann große finanzielle Beiträge leisten oder umfangreiche Aufgaben übernehmen. Doch jeder kann prüfen, welche Verantwortung ihm in seiner gegenwärtigen Lebenssituation anvertraut ist. Vielleicht benötigt jemand Unterstützung bei einer schwierigen Aufgabe, ein einsamer Mensch regelmäßige Aufmerksamkeit oder eine Familie konkrete Entlastung. Entscheidend ist, nicht nur allgemein helfen zu wollen, sondern die vorhandenen Möglichkeiten tatsächlich einzusetzen. Dabei gehören Weisheit und Verantwortungsbewusstsein zur Liebe dazu. Hilfe sollte die wirkliche Not des anderen berücksichtigen und nicht allein dem eigenen Wunsch entsprechen, etwas Gutes getan zu haben.

Schließlich erinnert Titus 3 daran, dass geistliches Wachstum ein bewusst gelebter Weg ist. Gute Gewohnheiten entstehen häufig durch wiederholte Entscheidungen. Wer geduldiger werden möchte, muss Geduld gerade dann einüben, wenn sie schwerfällt. Wer ehrlicher leben möchte, muss auch dort bei der Wahrheit bleiben, wo Unaufrichtigkeit einen persönlichen Vorteil versprechen könnte. Wer Nächstenliebe ernst nimmt, darf die Bedürfnisse anderer nicht dauerhaft hinter den eigenen Interessen zurückstellen. Dabei soll der Mensch nicht allein auf seine Willenskraft vertrauen. Er darf Gott um die Hilfe seines Geistes bitten und nach einem Versagen erneut zu ihm kommen.

Über all diesen Lektionen steht die Hoffnung auf das ewige Leben. Sie gibt dem gegenwärtigen Handeln eine Richtung, ohne den Wert des heutigen Lebens zu mindern. Ein Christ muss sein Leben nicht darauf ausrichten, möglichst viel Anerkennung, Besitz oder Einfluss zu sammeln. Er darf fragen, was vor Gott wirklich Bestand hat und wie seine Entscheidungen anderen zum Segen werden können. Gerade kleine, unscheinbare Taten der Liebe können dabei eine Bedeutung besitzen, die von Menschen kaum wahrgenommen wird.

Titus 3 lädt somit zu einem Glauben ein, der Gottes Gnade mit Dankbarkeit annimmt, sich durch seinen Geist verändern lässt und diese Veränderung im gewöhnlichen Leben sichtbar macht. Nicht die Größe menschlicher Leistungen steht dabei im Mittelpunkt, sondern die Treue Gottes, aus der ein neues Leben erwächst. Wer ihm vertraut, darf wissen, dass seine Hoffnung nicht an der eigenen Kraft hängt, sondern an Jesus Christus, der den Weg zum ewigen Leben eröffnet hat.