Hohelied 5
Ich bin gekommen, meine Schwester, liebe Braut, in meinen Garten. Ich habe meine Myrrhe samt meinen Würzen abgebrochen; ich habe meinen Seim samt meinem Honig gegessen; ich habe meinen Wein samt meiner Milch getrunken. …
16 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Ich bin gekommen, meine Schwester, liebe Braut, in meinen Garten. Ich habe meine Myrrhe samt meinen Würzen abgebrochen; ich habe meinen Seim samt meinem Honig gegessen; ich habe meinen Wein samt meiner Milch getrunken. Eßt, meine Lieben, und trinkt, meine Freunde, und werdet trunken!
- 2 Ich schlafe, aber mein Herz wacht. Da ist die Stimme meines Freundes, der anklopft: Tue mir auf, liebe Freundin, meine Schwester, meine Taube, meine Fromme! denn mein Haupt ist voll Tau und meine Locken voll Nachttropfen.
- 3 Ich habe meinen Rock ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Füße gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?
- 4 Aber mein Freund steckte seine Hand durchs Riegelloch, und mein Innerstes erzitterte davor.
- 5 Da stand ich auf, daß ich meinem Freund auftäte; meine Hände troffen von Myrrhe und meine Finger von fließender Myrrhe an dem Riegel am Schloß.
- 6 Und da ich meinem Freund aufgetan hatte, war er weg und hingegangen. Meine Seele war außer sich, als er redete. Ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht; ich rief, aber er antwortete mir nicht.
- 7 Es fanden mich die Hüter, die in der Stadt umgehen; die schlugen mich wund; die Hüter auf der Mauer nahmen mir meinen Schleier.
- 8 Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, findet ihr meinen Freund, so sagt ihm, daß ich vor Liebe krank liege.
- 9 Was ist dein Freund vor andern Freunden, o du schönste unter den Weibern? Was ist dein Freund vor andern Freunden, daß du uns so beschworen hast?
- 10 Mein Freund ist weiß und rot, auserkoren unter vielen Tausenden.
- 11 Sein Haupt ist das feinste Gold. Seine Locken sind kraus, schwarz wie ein Rabe.
- 12 Seine Augen sind wie Augen der Tauben an den Wasserbächen, mit Milch gewaschen und stehen in Fülle.
- 13 Seine Backen sind wie Würzgärtlein, da Balsamkräuter wachsen. Seine Lippen sind wie Rosen, die von fließender Myrrhe triefen.
- 14 Seine Hände sind wie goldene Ringe, voll Türkise. Sein Leib ist wie reines Elfenbein, mit Saphiren geschmückt.
- 15 Seine Beine sind wie Marmelsäulen, gegründet auf goldenen Füßen. Seine Gestalt ist wie Libanon, auserwählt wie Zedern.
- 16 Seine Kehle ist süß, und er ist ganz lieblich. Ein solcher ist mein Freund; mein Freund ist ein solcher, ihr Töchter Jerusalems!
Kapitel-Erklärung
Kurze Zusammenfassung
Hohenlied Kapitel 5 gehört zu den tiefsten und bewegendsten Abschnitten des ganzen Buches. Es beginnt mit Freude und Gemeinschaft, wechselt dann jedoch zu einer schmerzhaften Szene der Trennung. Die Braut zögert, ihrem Geliebten sofort zu öffnen, und als sie schließlich öffnet, ist er bereits gegangen. Daraufhin sucht sie ihn verzweifelt und wird von den Wächtern der Stadt misshandelt. Am Ende beschreibt sie den Geliebten in den schönsten Worten und erklärt, warum ihre Liebe zu ihm so groß ist.
Das Kapitel lehrt, dass Liebe gepflegt werden muss und Gleichgültigkeit oder Verzögerung Folgen haben können. Gleichzeitig zeigt es, dass wahre Liebe auch in Zeiten der Entfernung und Prüfung nicht aufgibt.
Historischer und kultureller Hintergrund
Im Alten Orient wurden Stadttore nachts geschlossen und Wächter patrouillierten durch die Straßen. Nachts allein unterwegs zu sein, war gefährlich. Deshalb ist die Suche der Braut keine gewöhnliche Begebenheit, sondern zeigt ihre tiefe Entschlossenheit.
Die poetischen Beschreibungen des Geliebten folgen der damaligen orientalischen Dichtung. Ziel ist nicht eine anatomische Beschreibung, sondern die Darstellung seiner Würde, seines Charakters und seiner Einzigartigkeit.
Vers 1
Der Geliebte sagt:
„Ich bin in meinen Garten gekommen“
Der Garten, der im vorherigen Kapitel als verschlossen beschrieben wurde, ist nun geöffnet. Gemeinschaft und Freude stehen im Mittelpunkt.
Dann folgt die Einladung:
„Esst, Freunde, trinkt und berauscht euch an der Liebe“
Damit wird die Freude über eine reine und von Gott geordnete Liebe ausgedrückt. Die Bibel stellt die Ehe nicht als Last dar, sondern als Segen Gottes.
Verse 2–3
Die Braut sagt:
„Ich schlief, aber mein Herz wachte“
Sie hört das Klopfen ihres Geliebten:
„Tu mir auf, meine Schwester, meine Freundin“
Doch sie zögert.
Sie antwortet sinngemäß:
Ich habe mein Kleid ausgezogen.
Ich habe meine Füße gewaschen.
Warum sollte ich wieder aufstehen?
Diese scheinbar kleinen Gründe zeigen eine große geistliche Wahrheit:
Bequemlichkeit kann dazu führen, dass wertvolle Gelegenheiten versäumt werden.
Viele Menschen verschieben Gehorsam gegenüber Gott mit kleinen Ausreden:
„Später werde ich beten“
„Später werde ich die Bibel lesen“
„Später werde ich mein Leben ändern“
Doch die Bibel betont immer wieder die Bedeutung des heutigen Tages.
Vers 4
Der Geliebte streckt seine Hand durch die Öffnung der Tür.
Die Braut wird innerlich bewegt.
Hier wird deutlich, dass Liebe geduldig ist und den anderen nicht mit Gewalt zwingt.
Auch Gott zwingt keinen Menschen. Er ruft, lädt ein und klopft an die Tür des Herzens, doch der Mensch muss selbst antworten.
Dies erinnert an die Worte Jesu in Offenbarung 3,20:
„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an“
Verse 5–6
Die Braut steht endlich auf und öffnet die Tür.
Doch:
„Mein Freund war weggegangen“
Diese Worte gehören zu den traurigsten Momenten des Buches.
Nicht weil der Geliebte aufgehört hätte zu lieben, sondern weil die Gelegenheit verpasst wurde.
Das bedeutet nicht, dass Gott Menschen leichtfertig verlässt. Vielmehr zeigt das Bild, dass geistliche Trägheit Folgen haben kann. Wer Gottes Ruf ständig hinausschiebt, darf sich nicht wundern, wenn die Freude der Gemeinschaft verloren geht.
Verse 7–8
Die Braut sucht den Geliebten in der Stadt.
Die Wächter finden sie, schlagen sie und nehmen ihr den Schleier.
Der Schleier war damals ein Zeichen von Würde und Schutz.
Die Szene zeigt:
Die Suche nach Wahrheit und Liebe kann Prüfungen und Leid mit sich bringen.
Schon viele Gläubige in der Bibel und in der Geschichte mussten Ablehnung oder Verfolgung ertragen, weil sie Gott treu bleiben wollten.
Trotzdem gibt die Braut ihre Suche nicht auf.
Verse 9–16
Die Töchter Jerusalems fragen:
„Was ist dein Freund vor anderen Freunden?“
Nun folgt eine der schönsten Beschreibungen des Geliebten.
Sein Haupt aus feinem Gold
Gold steht häufig für Wert und Reinheit.
Seine Locken wie Palmzweige oder Raben
Dies beschreibt Kraft und Schönheit.
Seine Augen wie Tauben an Wasserbächen
Ein Bild von Reinheit, Frieden und Klarheit.
Seine Wangen wie Balsambeete
Balsam war kostbar und heilend.
Seine Lippen wie Lilien
Seine Worte sind wertvoll und angenehm.
Seine Hände wie goldene Rollen
Sie stehen für Kraft und kostbares Handeln.
Sein Leib wie Elfenbein
Elfenbein galt als äußerst wertvoll.
Seine Beine wie Marmorsäulen
Sie symbolisieren Standfestigkeit und Stärke.
Sein Aussehen wie der Libanon
Der Libanon war berühmt für seine majestätischen Zedern und seine Schönheit.
Am Ende sagt die Braut:
„Alles an ihm ist lieblich. Das ist mein Freund“
Sie zählt nicht nur einzelne Eigenschaften auf, sondern erkennt seine ganze Person als wertvoll an.
Geistliche Kernbotschaft
Hohenlied Kapitel 5 lehrt, dass Liebe gepflegt werden muss. Geistliche Bequemlichkeit kann dazu führen, dass die Nähe Gottes weniger bewusst erlebt wird. Deshalb ruft die Bibel immer wieder dazu auf, Gottes Stimme nicht zu verhärten oder aufzuschieben.
Das Kapitel zeigt außerdem, dass wahre Liebe auch durch Prüfungen nicht zerstört wird. Gerade in Zeiten scheinbarer Entfernung wird ihre Echtheit sichtbar.
Schließlich richtet sich der Blick nicht auf äußeren Besitz oder Erfolg, sondern auf den Charakter des Geliebten. Das erinnert daran, dass Christus für den Gläubigen über allem anderen stehen soll.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Psalm 27: „Dein Angesicht, HERR, will ich suchen“
Jesaja 55: „Suchet den HERRN, solange er zu finden ist“
Matthäus 25: Das Gleichnis der zehn Jungfrauen zeigt die Gefahr mangelnder Vorbereitung.
Johannes 10: Christus als der gute Hirte, dessen Stimme seine Schafe kennen.
Offenbarung 3: Christus steht vor der Tür und klopft an.
Praktische Anwendung für heute
Dieses Kapitel fordert jeden Gläubigen zur Wachsamkeit auf. Kleine Ausreden und geistliche Bequemlichkeit können die Gemeinschaft mit Gott schwächen. Deshalb sollte sein Ruf nicht aufgeschoben werden.
Es erinnert außerdem daran, dass der Glaube auch in Zeiten der Prüfung standhaft bleiben soll. Die Braut gibt ihre Suche trotz Ablehnung nicht auf. Ebenso sollen Christen Gott weiter suchen, auch wenn sie Zeiten geistlicher Trockenheit oder Schwierigkeiten erleben.
Schließlich stellt Hohenlied 5 die entscheidende Frage: Warum liebe ich Gott? Die Antwort der Braut lautet nicht wegen einzelner Vorteile, sondern wegen der Schönheit seines Wesens. Ein reifer Glaube liebt Gott um seines Charakters willen und hält auch dann an ihm fest, wenn der Weg schwer wird.