Ruth 2

Es war auch ein Mann, ein Verwandter des Mannes der Naemi, von dem Geschlecht Elimelechs, mit Namen Boas; der war ein wohlhabender Mann.

23 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Es war auch ein Mann, ein Verwandter des Mannes der Naemi, von dem Geschlecht Elimelechs, mit Namen Boas; der war ein wohlhabender Mann.
  2. 2 Und Ruth, die Moabitin, sprach zu Naemi: Laß mich aufs Feld gehen und Ähren auflesen dem nach, vor dem ich Gnade finde. Sie aber sprach zu ihr: Gehe hin, meine Tochter.
  3. 3 Sie ging hin, kam und las auf, den Schnittern nach, auf dem Felde. Und es begab sich eben, daß dasselbe Feld war des Boas, der von dem Geschlecht Elimelechs war.
  4. 4 Und siehe, Boas kam eben von Bethlehem und sprach zu den Schnittern: Der HERR mit euch! Sie antworteten: Der HERR segne dich!
  5. 5 Und Boas sprach zu seinem Knechte, der über die Schnitter gestellt war: Wes ist die Dirne?
  6. 6 Der Knecht, der über die Schnitter gestellt war, antwortete und sprach: Es ist die Dirne, die Moabitin, die mit Naemi wiedergekommen ist von der Moabiter Lande.
  7. 7 Denn sie sprach: Laßt mich doch auflesen und sammeln unter den Garben, den Schnittern nach; und ist also gekommen und dagestanden vom Morgen an bis her und bleibt wenig daheim.
  8. 8 Da sprach Boas zu Ruth: Hörst du es, meine Tochter? Du sollst nicht gehen auf einen andern Acker, aufzulesen, und gehe auch nicht von hinnen, sondern halte dich zu meinen Dirnen.
  9. 9 Und siehe, wo sie schneiden im Felde, da gehe ihnen nach. Ich habe meinen Knechten geboten, daß dich niemand antaste. Und so dich dürstet, so gehe hin zu dem Gefäß und trinke von dem, was meine Knechte schöpfen.
  10. 10 Da fiel sie auf ihr Angesicht und beugte sich nieder zur Erde und sprach zu ihm: Womit habe ich die Gnade gefunden vor deinen Augen, daß du mich ansiehst, die ich doch fremd bin?
  11. 11 Boas antwortete und sprach zu ihr: Es ist mir angesagt alles, was du hast getan an deiner Schwiegermutter nach deines Mannes Tod: daß du verlassen hast deinen Vater und deine Mutter und dein Vaterland und bist zu meinem Volk gezogen, das du zuvor nicht kanntest.
  12. 12 Der HERR vergelte dir deine Tat, und dein Lohn müsse vollkommen sein bei dem HERRN, dem Gott Israels, zu welchem du gekommen bist, daß du unter seinen Flügeln Zuversicht hättest.
  13. 13 Sie sprach: Laß mich Gnade vor deinen Augen finden, mein Herr; denn du hast mich getröstet und deine Magd freundlich angesprochen, so ich doch nicht bin wie deiner Mägde eine.
  14. 14 Boas sprach zu ihr, da Essenszeit war: Mache dich hier herzu und iß vom Brot und tauche deinen Bissen in den Essig. Und sie setzte sich zur Seite der Schnitter. Er aber legte ihr geröstete Körner vor, und sie aß und ward satt und ließ übrig.
  15. 15 Und da sie sich aufmachte, zu lesen, gebot Boas seinen Knechten und sprach: Laßt sie auch zwischen den Garben lesen und beschämt sie nicht;
  16. 16 Auch von den Haufen laßt übrigbleiben und laßt liegen, daß sie es auflese, und niemand schelte sie darum.
  17. 17 Also las sie auf dem Felde bis zum Abend und schlug's aus, was sie aufgelesen hatte; und es war bei einem Epha Gerste.
  18. 18 Und sie hob's auf und kam in die Stadt; und ihre Schwiegermutter sah es, was sie gelesen hatte. Da zog sie hervor und gab ihr, was übriggeblieben war, davon sie satt war geworden.
  19. 19 Da sprach ihre Schwiegermutter zu ihr: Wo hast du heute gelesen, und wo hast du gearbeitet? Gesegnet sei, der dich angesehen hat! Sie aber sagte es ihrer Schwiegermutter, bei wem sie gearbeitet hätte, und sprach: Der Mann, bei dem ich heute gearbeitet habe, heißt Boas.
  20. 20 Naemi aber sprach zu ihrer Schwiegertochter: Gesegnet sei er dem HERRN! denn er hat seine Barmherzigkeit nicht gelassen an den Lebendigen und an den Toten. Und Naemi sprach zu ihr: Der Mann gehört zu uns und ist unser Erbe.
  21. 21 Ruth, die Moabitin, sprach: Er sprach auch das zu mir: Du sollst dich zu meinen Leuten halten, bis sie mir alles eingeerntet haben.
  22. 22 Naemi sprach zu Ruth, ihrer Schwiegertochter: Es ist gut, meine Tochter, daß du mit seinen Dirnen ausgehst, auf daß nicht jemand dir dreinrede auf einem andern Acker.
  23. 23 Also hielt sie sich zu den Dirnen des Boas, daß sie las, bis daß die Gerstenernte und Weizenernte aus war; und kam wieder zu ihrer Schwiegermutter.

Kapitelüberblick

Um für sich und ihre Schwiegermutter Naemi Nahrung zu beschaffen, geht Ruth auf die Felder Bethlehems, um zurückgebliebene Ähren zu sammeln. Dabei gelangt sie auf das Feld des wohlhabenden Boas, eines Verwandten von Naemis verstorbenem Mann. Als Boas erfährt, wer Ruth ist und wie treu sie ihrer Schwiegermutter beigestanden hat, begegnet er ihr mit besonderer Freundlichkeit. Er sorgt für ihren Schutz, versorgt sie mit Essen und ermöglicht ihr, mehr Getreide zu sammeln, als sie gewöhnlich erwarten könnte.

Am Abend bringt Ruth ihre reiche Ausbeute nach Hause und erzählt Naemi von ihrer Begegnung. Als Naemi den Namen des Feldbesitzers hört, erkennt sie, dass Boas zu den Verwandten gehört, die nach israelitischem Recht besondere Verantwortung für die Familie übernehmen konnten.

Auf Naemis Rat bleibt Ruth während der Gersten- und Weizenernte bei den Arbeiterinnen des Boas. So beginnt sich für die beiden Witwen eine neue Möglichkeit der Versorgung und Sicherheit abzuzeichnen.

Einführung

Mit dem Beginn der Gerstenernte hat Ruth 1 bereits den zeitlichen Rahmen für die folgenden Ereignisse geschaffen. In der Landwirtschaft des alten Israel begann gewöhnlich im Frühjahr die Erntezeit. Zuerst wurde die Gerste eingebracht, anschließend der Weizen. Für die Bevölkerung war diese Zeit von großer Bedeutung, denn die Getreideernte bildete eine wesentliche Grundlage der täglichen Ernährung.

Das Gesetz Gottes enthielt besondere Bestimmungen für Menschen, die selbst keine ausreichenden Mittel zum Leben besaßen. Nach 3. Mose 19,9–10 sollten die Israeliten ihre Felder nicht vollständig bis zum äußersten Rand abernten und zurückgebliebene Ähren nicht nachträglich einsammeln. Sie waren für Arme und Fremde bestimmt. In 5. Mose 24,19–22 wird dieser Schutz ausdrücklich auch auf Witwen und Waisen bezogen. Gott erinnerte Israel dabei an die eigene Vergangenheit als unterdrücktes Volk in Ägypten. Die erfahrene Befreiung sollte sich im gerechten Umgang mit Bedürftigen widerspiegeln.

Diese Regelungen waren für Ruth von unmittelbarer Bedeutung. Als verwitwete Frau aus Moab besaß sie keine erkennbare eigene wirtschaftliche Absicherung in Bethlehem. Das Recht zum Ährenlesen eröffnete ihr eine Möglichkeit, durch eigene Arbeit Nahrung zu gewinnen. Allerdings garantierte dieses Recht allein noch keinen ausreichenden Ertrag und schützte sie nicht automatisch vor jeder Gefahr auf fremden Feldern.

Eine weitere Besonderheit der damaligen Gesellschaft war die Verantwortung innerhalb der größeren Verwandtschaft. Nach dem Gesetz konnten nahe Angehörige unter bestimmten Voraussetzungen helfen, Familienbesitz zu bewahren oder Verwandte aus wirtschaftlicher Not zu lösen (3. Mose 25,25.47–49). Eine solche Person wurde im Hebräischen goel genannt, was sich sinngemäß mit „Löser“ wiedergeben lässt. Welche Bedeutung diese Einrichtung für Naemis Familie gewinnen könnte, wird erst im weiteren Verlauf der Erzählung deutlich.

Vor diesem Hintergrund erschließt sich, weshalb ein gewöhnlicher Arbeitstag auf einem Getreidefeld für das Verständnis des gesamten Buches so wichtig wird.

Ruth 2,1–3

Ruth sucht Nahrung und gelangt auf das Feld des Boas

Das zweite Kapitel beginnt mit einer Information, deren Bedeutung Ruth zu diesem Zeitpunkt noch nicht kennt. Naemi hat über ihren verstorbenen Mann Elimelech einen Verwandten namens Boas. Er gehört zu derselben Großfamilie und wird als sehr vermöglicher Mann vorgestellt. Damit erfährt der Leser bereits vor Ruths Aufbruch von einer Person, die im weiteren Verlauf der Geschichte wichtig werden wird. Noch ist jedoch nicht erkennbar, ob und in welcher Weise dieser Mann den beiden Witwen helfen könnte.

Die hebräische Beschreibung des Boas verdient besondere Aufmerksamkeit. Er wird als isch gibbor chajil bezeichnet. Diese Wortverbindung kann je nach Zusammenhang einen tapferen, angesehenen, einflussreichen oder wohlhabenden Mann beschreiben. Im Buch der Richter wird eine ähnliche Formulierung beispielsweise für Gideon verwendet, der als tapferer Held angesprochen wird (Richter 6,12). Bei Boas steht dagegen seine gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellung im Vordergrund. Schlachter 1951 übersetzt deshalb mit „sehr vermöglicher Mann“. Die Bezeichnung muss nicht bedeuten, dass Boas ein berühmter Krieger war. Sie weist vielmehr darauf hin, dass er über Mittel und Ansehen verfügte, die ihn von der wirtschaftlich unsicheren Lage Naemis und Ruths unterschieden.

Bemerkenswert ist, dass der Erzähler Boas nicht zuerst durch seine Eigenschaften als Helfer beschreibt. Er nennt zunächst seine Herkunft, seine Stellung und seinen Namen. Ob Boas tatsächlich bereit ist, seine Möglichkeiten zum Wohl anderer einzusetzen, wird sich erst durch sein Verhalten zeigen. Darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen gesellschaftlichem Ansehen und persönlichem Charakter. Ein Mensch kann reich und einflussreich sein, ohne seine Verantwortung gegenüber anderen wahrzunehmen. Bei Boas wird die Erzählung erst nach und nach erkennen lassen, welche Haltung hinter seiner Stellung steht.

Seine Zugehörigkeit zur Familie Elimelechs ist dabei von besonderer Bedeutung. In Israel beschränkte sich familiäre Verantwortung nicht ausschließlich auf Eltern, Kinder und Ehepartner. Auch innerhalb einer größeren Verwandtschaft bestanden bestimmte Verpflichtungen, insbesondere wenn es darum ging, Familienbesitz zu erhalten oder Angehörige aus wirtschaftlicher Not zu befreien. Die rechtlichen Grundlagen dafür begegnen beispielsweise in 3. Mose 25,25. Allerdings bedeutet die bloße Verwandtschaft noch nicht, dass Boas automatisch zur Übernahme jeder denkbaren Verantwortung verpflichtet wäre. Welche Rolle ihm tatsächlich zukommen kann, wird erst später geklärt.

In Vers 2 richtet sich der Blick von diesem wohlhabenden Verwandten wieder auf Ruth. Sie spricht mit Naemi über ihren Wunsch, auf die Felder hinauszugehen und Ähren zu sammeln. Ihre Worte zeigen, dass sie nicht darauf wartet, bis sich ihre Lebensumstände von selbst verbessern. Sie erkennt eine Möglichkeit, durch eigene Arbeit zur Versorgung des gemeinsamen Haushalts beizutragen, und möchte diese nutzen.

Das Ährenlesen war keine ungewöhnliche Tätigkeit, die Ruth erst erfinden musste. Das Gesetz Gottes bestimmte, dass bei der Getreideernte etwas für arme Menschen und Fremde übrig bleiben sollte (3. Mose 19,9–10). Die Schnitter arbeiteten das Getreide mit ihren Sicheln ab, während andere die Halme zu Garben zusammenfassten. Hinter ihnen konnten Bedürftige die liegen gebliebenen oder nicht vollständig abgeschnittenen Ähren aufnehmen. Auf diese Weise erhielten Menschen ohne eigenes Land die Möglichkeit, Nahrung zu beschaffen.

Für Ruth bedeutete diese Regelung eine konkrete Chance. Sie gehörte durch ihre Lage gleich mehrfach zu den besonders schutzbedürftigen Menschen: Sie war verwitwet, besaß in Bethlehem offenbar kein eigenes Feld und stammte aus einem anderen Volk. Dass Gott für solche Menschen besondere Schutzbestimmungen gegeben hatte, zeigt, wie eng im Gesetz Israels die Verantwortung gegenüber Bedürftigen mit dem täglichen Wirtschaftsleben verbunden war. Der Ertrag eines Feldes sollte nicht ausschließlich demjenigen zugutekommen, der es besaß. Auch Menschen ohne Eigentum sollten eine Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Ruth formuliert ihren Wunsch allerdings nicht so, als könne sie auf jedem Feld selbstverständlich mit einer freundlichen Aufnahme rechnen. Sie möchte dort sammeln, wo sie in den Augen des Besitzers Gnade findet. Das hebräische Wort chen, das hier mit „Gnade“ wiedergegeben wird, beschreibt in diesem Zusammenhang die Gunst oder freundliche Zuwendung eines anderen Menschen. Ruth hofft also, auf jemanden zu treffen, der ihr wohlwollend begegnet und sie ihre Arbeit verrichten lässt.

Diese Formulierung macht einen wichtigen Unterschied zwischen einem gesetzlichen Anspruch und seiner tatsächlichen Umsetzung deutlich. Zwar war die Nachlese zugunsten Bedürftiger vorgesehen. Doch ob ein einzelner Feldbesitzer und seine Arbeiter diese Bestimmungen respektierten und wie sie mit einer fremden Frau umgingen, war damit noch nicht entschieden. Ruths Herkunft konnte ihre Lage zusätzlich erschweren. Sie musste damit rechnen, dass nicht jeder Mensch ihr freundlich begegnen würde. Ihre Hoffnung auf Gunst ist deshalb kein Beweis dafür, dass sie überhaupt kein Recht zum Ährenlesen hatte. Sie zeigt vielmehr, dass die praktische Wahrnehmung dieses Rechts auch vom Verhalten anderer Menschen abhing.

Ruth spricht vor ihrem Aufbruch mit Naemi. Im hebräischen Grundtext antwortet ihre Schwiegermutter zustimmend und nennt sie liebevoll ihre Tochter. Diese kurze Erwiderung ist in der Schlachter-Ausgabe von 1951 ausgelassen, findet sich jedoch in anderen Übersetzungen. Sie bestätigt, dass Ruth nicht heimlich aufbricht, sondern ihre Absicht mit Naemi bespricht. Die beiden Frauen handeln weiterhin in enger Verbundenheit. Ruth übernimmt die Arbeit außerhalb des Hauses, während Naemi ihren Entschluss unterstützt.

In Vers 3 wird Ruths Vorhaben unmittelbar zur Tat. Der Erzähler beschreibt knapp, wie sie hinausgeht, auf ein Feld kommt und hinter den Schnittern Ähren sammelt. Über ihre genaue Wegstrecke, die Auswahl des Feldes oder mögliche Gespräche mit anderen Menschen wird nichts berichtet. Ruth hat einen einfachen, praktischen Entschluss gefasst und beginnt, ihn umzusetzen. Ihr Handeln zeigt Verantwortungsbewusstsein, ohne dass der Erzähler daraus eine außergewöhnliche Heldentat machen müsste.

Dann folgt eine Formulierung, die für das Verständnis des gesamten Ruthbuches besonders wichtig ist. Schlachter 1951 schreibt: „Es traf sich aber, daß jenes Stück Feld dem Boas gehörte.“ Im Hebräischen wird diese scheinbare Zufälligkeit noch auffälliger ausgedrückt. Die Wortverbindung vajjiqer miqreha lässt sich sinngemäß mit „zufällig ergab es sich für sie“ wiedergeben. Der Erzähler betont damit, dass Ruth gerade auf den Feldabschnitt gelangt, der dem zuvor erwähnten Boas gehört.

Die Besonderheit liegt darin, dass der Leser bereits weiß, wer Boas ist. Ruth dagegen wird nicht als jemand beschrieben, der gezielt nach diesem Verwandten gesucht hätte. Sie sucht zunächst lediglich eine Möglichkeit, Nahrung zu sammeln. Dass sie ausgerechnet auf das Feld eines Angehörigen von Elimelechs Familie kommt, erscheint aus ihrer Sicht als zufälliges Zusammentreffen.

Hier entsteht eine Spannung zwischen menschlicher Wahrnehmung und der größeren Bedeutung eines Ereignisses. Ruth kennt die Folgen ihres Aufenthalts auf diesem Feld noch nicht. Der Leser erhält durch die einleitende Vorstellung des Boas jedoch bereits einen Hinweis darauf, dass diese Begegnung wichtig werden könnte. Der Erzähler erreicht das mit einer auffallend zurückhaltenden Formulierung. Er beschreibt weder eine göttliche Stimme, die Ruth den Weg weist, noch ein Wunder, das sie auf ein bestimmtes Grundstück führt. Er lässt die Ereignisse zunächst wie einen gewöhnlichen Bestandteil des täglichen Lebens erscheinen.

Gerade deshalb muss die Frage nach Gottes Führung sorgfältig behandelt werden. Die Bibel bezeugt an anderen Stellen, dass Gott auch die Wege und Entscheidungen von Menschen in seiner Weisheit überblickt. So erklärt Sprüche 16,9, dass der Mensch seinen Weg plant, der HERR aber seine Schritte lenkt. Dieser Gedanke hilft, die größere geistliche Perspektive auf Ruths Geschichte zu verstehen. Dennoch sagt Ruth 2,3 nicht ausdrücklich, auf welche Weise Gott ihre Ankunft auf dem Feld des Boas bewirkt hat. Es wäre deshalb zu weitgehend, eine besondere göttliche Anweisung oder ein unsichtbares Eingreifen im Einzelnen zu behaupten.

Die Erzählung lädt vielmehr dazu ein, die Bedeutung zunächst gewöhnlich erscheinender Ereignisse im weiteren Verlauf zu entdecken. Ruths verantwortliches Handeln, das bestehende Gesetz zum Schutz Bedürftiger und die Begegnung mit einem bestimmten Feldbesitzer kommen hier zusammen. Keiner dieser Umstände wird als Wunder beschrieben. Dennoch entsteht aus ihrem Zusammentreffen eine Möglichkeit, die für die Zukunft der beiden Frauen von großer Bedeutung werden kann.

Damit zeigt sich bereits eine wichtige Eigenart des Ruthbuches. Es erzählt von Gottes Fürsorge nicht ausschließlich durch außergewöhnliche Ereignisse, sondern lässt den Leser beobachten, was durch menschliche Entscheidungen, rechtliche Schutzbestimmungen und konkrete Begegnungen geschieht. Dabei wird Gottes Wirken nicht gegen die Verantwortung des Menschen ausgespielt. Ruth geht selbst hinaus, sucht Arbeit und sammelt Nahrung. Dass sich daraus mehr entwickeln kann, als sie ursprünglich erwartet hatte, wird erst nach und nach sichtbar.

Am Ende dieser drei Verse befindet sich Ruth auf dem Feld eines Mannes, dessen Bedeutung sie noch nicht überblickt. Für sie ist es zunächst ein Ort, an dem sie Ähren sammeln und damit zum Lebensunterhalt beitragen kann. Der Leser weiß jedoch bereits, dass Boas zur Familie Elimelechs gehört. Damit ist die Voraussetzung für eine Begegnung geschaffen, in der nicht nur Ruths unmittelbare Versorgung, sondern auch die zukünftige Entwicklung ihrer Familie eine neue Richtung erhalten könnte.

Ruth 2,4–7

Boas begegnet seinen Arbeitern und erfährt von Ruth

Während Ruth auf dem Feld Ähren sammelt, trifft Boas aus Bethlehem ein. Der Erzähler leitet sein Erscheinen mit den Worten „Und siehe“ ein. Damit richtet er die Aufmerksamkeit auf einen neuen Moment der Geschichte. Der Mann, über dessen Besitz und Verwandtschaft der Leser bereits informiert wurde, betritt nun selbst das Geschehen. Für Ruth ist Boas zunächst nur der Eigentümer des Feldes, auf dem sie arbeitet. Welche Bedeutung ihre Begegnung später gewinnen wird, ist ihr noch unbekannt.

Das Erste, was wir von Boas hören, ist ein Segensgruß an seine Arbeiter: „Der HERR sei mit euch!“ Die Schnitter antworten: „Der HERR segne dich!“ (Ruth 2,4). Damit beginnt die Begegnung nicht mit einer geschäftlichen Anweisung oder der Frage nach dem Ernteertrag, sondern mit einer gegenseitigen Bitte um Gottes Gegenwart und Segen. Boas spricht den Gottesnamen aus, den Israel als den Namen seines Bundesgottes kennt. Die Antwort der Arbeiter zeigt, dass auch sie diesen Gruß erwidern und Gottes Segen für ihren Arbeitgeber erbitten.

Diese kurze Szene ist für das Verständnis des Boas bedeutsam. Sie zeigt zumindest, dass die Anrufung Gottes einen selbstverständlichen Platz in seinem Umgang mit den Arbeitern besitzt. Der HERR wird nicht nur im Zusammenhang mit Opfer, Gebet oder besonderen religiösen Versammlungen genannt. Auch mitten in der täglichen Arbeit auf einem Getreidefeld begegnen uns Worte, die auf seine Gegenwart und seinen Segen verweisen. Darin spiegelt sich ein Grundgedanke des Glaubens Israels: Das Leben vor Gott sollte nicht auf einzelne religiöse Handlungen beschränkt bleiben, sondern den gewöhnlichen Alltag einschließen.

Allerdings dürfen wir aus diesem Gruß allein noch nicht auf den gesamten Charakter des Boas schließen. Religiöse Worte können aufrichtigen Glauben ausdrücken, müssen aber nicht zwangsläufig mit entsprechendem Handeln verbunden sein. Auch in der Bibel wird davor gewarnt, Gott mit den Lippen zu ehren, während das Verhalten seinen Geboten widerspricht (Jesaja 29,13). Deshalb ist es bedeutsam, dass der Erzähler Boas nicht nur durch seine Worte, sondern anschließend durch seinen Umgang mit Ruth vorstellt. Ob sein Segensgruß Ausdruck einer gelebten Haltung ist, wird sich daran zeigen, wie er seine Möglichkeiten gegenüber einer schutzbedürftigen Frau einsetzt.

Nach der Begrüßung bemerkt Boas die fremde junge Frau auf seinem Feld. Er wendet sich an den Aufseher, der für die Schnitter verantwortlich ist, und fragt: „Wem gehört diese Jungfrau?“ (Ruth 2,5). Die Formulierung kann heutigen Lesern zunächst befremdlich erscheinen, weil sie so klingt, als werde Ruth als Besitz eines anderen Menschen betrachtet. Im damaligen Zusammenhang fragt Boas jedoch nach ihrer familiären oder gesellschaftlichen Zugehörigkeit. Er möchte wissen, zu welchem Haushalt sie gehört und in welcher Verbindung sie zu den Menschen der Umgebung steht.

Auch das Wort „Jungfrau“ muss hier richtig verstanden werden. Der hebräische Ausdruck na'arah kann ein Mädchen oder eine junge Frau bezeichnen. Er beweist für sich genommen nicht, dass die betreffende Person unverheiratet ist oder noch nie eine geschlechtliche Beziehung hatte. Ruth war bereits mit Machlon verheiratet gewesen und ist nun Witwe (Ruth 4,10). Boas verwendet also eine gewöhnliche Bezeichnung für eine jüngere Frau, deren Herkunft er noch nicht kennt. Aus seiner Frage dürfen weder eine Aussage über Ruths körperliche Unberührtheit noch besondere persönliche Absichten des Boas abgeleitet werden.

Dass Boas seine Frage an den Aufseher richtet, gibt zugleich einen Einblick in die Organisation der Ernte. Die Schnitter arbeiteten nicht alle unabhängig voneinander. Ein verantwortlicher Diener beaufsichtigte die Arbeit und wusste offenbar auch, welche zusätzlichen Personen sich auf dem Feld aufhielten. Die Anwesenheit eines Aufsehers lässt erkennen, dass Boas einen Betrieb unterhielt, in dem mehrere Menschen gemeinsam arbeiteten. Der Besitzer musste deshalb nicht jede einzelne Tätigkeit selbst leiten. Dennoch interessierte er sich für das, was auf seinem Feld geschah.

Der Aufseher antwortet, es handle sich um die moabitische junge Frau, die mit Naemi aus dem Land Moab gekommen sei. Bemerkenswert ist, dass er Ruth zunächst nicht bei ihrem Namen nennt. Stattdessen bezeichnet er sie durch ihre Herkunft und ihre Verbindung zu Naemi. Offenbar genügt diese Beschreibung, um sie einzuordnen. Die Rückkehr Naemis war in Bethlehem bereits aufgefallen, wie das Ende des ersten Kapitels berichtet (Ruth 1,19). Dass ihre moabitische Schwiegertochter sie begleitet hatte, scheint ebenfalls bekannt geworden zu sein.

Die Erwähnung ihrer Herkunft verdient Aufmerksamkeit. Ruth wird erneut ausdrücklich als Moabiterin bezeichnet. Damit erinnert der Erzähler daran, dass sie in Bethlehem nicht einfach eine gewöhnliche israelitische Witwe ist. Sie stammt aus einem Volk, dessen Geschichte mit Israel teilweise von Spannungen und Feindschaft geprägt war. Gleichzeitig lebt sie nun unter Israeliten und hat sich zum HERRN bekannt. Ihre persönliche Glaubensentscheidung hebt ihre Herkunft nicht auf, doch ihre Herkunft allein beschreibt auch nicht mehr ihre gesamte Identität.

Aus den Worten des Aufsehers lässt sich allerdings keine eindeutig ablehnende Haltung gegenüber Ruth ableiten. Er nennt ihre Herkunft, ohne sie ausdrücklich zu verurteilen. Ebenso wenig lobt er sie an dieser Stelle bereits für ihren Glauben. Seine Antwort dient zunächst dazu, Boas die Frau zuzuordnen. Der Erzähler überlässt es den folgenden Ereignissen, zu zeigen, wie Boas auf diese Information reagiert. Für die Auslegung ist diese Zurückhaltung wichtig, damit aus einer sachlichen Beschreibung nicht vorschnell ein Beweis für Vorurteile oder besondere Sympathie gemacht wird.

In Vers 7 berichtet der Aufseher anschließend, wie Ruth sich auf dem Feld verhalten hat. Sie hatte darum gebeten, hinter den Schnittern Ähren auflesen und zwischen den Garben sammeln zu dürfen. Damit erfahren wir eine Einzelheit, die im dritten Vers noch nicht ausdrücklich beschrieben wurde: Ruth hatte sich nicht einfach ungefragt zwischen die Erntearbeiter begeben, sondern ihren Wunsch vorgetragen. Sie suchte eine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu sichern, und berücksichtigte zugleich die Arbeitsordnung auf dem fremden Feld.

Die genaue Formulierung ihrer Bitte ist bedeutsam. Der Text spricht nicht nur vom Auflesen zurückgebliebener Ähren, sondern auch vom Sammeln zwischen den Garben. Garben waren Bündel abgeschnittener Getreidehalme, die bei der Ernte zusammengelegt oder gebunden wurden. Das gewöhnliche Ährenlesen bestand vor allem darin, hinter den Schnittern liegen gebliebenes Getreide aufzunehmen. Das Sammeln im Bereich der Garben konnte dagegen näher an das bereits geerntete und für den Besitzer bestimmte Getreide heranführen.

Deshalb ist es wichtig, Ruths Bitte nicht mit einer uneingeschränkten Erlaubnis gleichzusetzen, beliebig Getreide aus den Garben zu nehmen. Die hebräische Formulierung lässt unterschiedliche Deutungen zu, insbesondere hinsichtlich der Frage, wie eng das Sammeln zwischen den Garben mit der gewöhnlichen Nachlese verbunden war. Sicher ist, dass Ruth um die Möglichkeit bittet, hinter den Erntearbeitern Nahrung zu sammeln. Ob sie damit bereits eine weitergehende Erlaubnis erbittet, lässt sich nicht abschließend entscheiden. Erst später weist Boas seine Arbeiter ausdrücklich an, Ruth auch zwischen den Garben sammeln zu lassen und ihr zusätzlich Getreide aus den Bündeln bereitzulegen (Ruth 2,15–16). Dort wird seine besondere Großzügigkeit eindeutig sichtbar.

Der Aufseher erklärt schließlich, dass Ruth seit dem Morgen auf dem Feld geblieben ist. Sie hat ihre Aufgabe offenbar mit Ausdauer verfolgt. Der letzte Teil seiner Aussage gehört jedoch zu den sprachlich schwierigsten Stellen des Kapitels. Schlachter 1951 formuliert, Ruth bleibe nicht lange zu Hause sitzen. Der hebräische Grundtext ist an dieser Stelle so ungewöhnlich gebaut, dass unterschiedliche Übersetzungen entstanden sind.

Einige Übersetzungen verstehen den Satz so, dass Ruth seit dem Morgen gearbeitet und nur kurz in einer Unterkunft oder Schutzhütte geruht habe. Das hebräische Wort bajit, gewöhnlich mit „Haus“ übersetzt, könnte in diesem Zusammenhang ein einfaches Gebäude oder einen geschützten Aufenthaltsort auf dem Feld bezeichnen. Auch die Aussage, Ruth sei seit dem Morgen geblieben, kann sprachlich unterschiedlich verstanden werden. Sie könnte ihre anhaltende Arbeit beschreiben, allgemein ihren Aufenthalt auf dem Feld oder möglicherweise sogar eine Zeit, in der sie auf eine Erlaubnis wartete.

Die überwiegend vertretene Erklärung lautet, dass Ruth seit dem Morgen mit dem Ährenlesen beschäftigt war und höchstens eine kurze Ruhepause eingelegt hatte. Diese Deutung passt gut zum unmittelbaren Zusammenhang und zu dem weiteren Bericht über ihre Arbeit. Dennoch sollte die sprachliche Unsicherheit nicht übergangen werden. Der Text berechtigt uns insbesondere nicht zu der Behauptung, Ruth habe überhaupt keine Pause gemacht oder sei niemals müde geworden. Auch ein besonders fleißiger Mensch benötigt Ruhe. Der Erzähler beschreibt ihre Ausdauer, ohne dass daraus eine Pflicht zur ununterbrochenen Arbeit abgeleitet werden müsste.

Bemerkenswert ist außerdem, dass Ruths Verhalten bereits beobachtet wurde, bevor Boas sie persönlich anspricht. Der Aufseher kann ihre Herkunft nennen, ihre Bitte wiedergeben und über ihren Aufenthalt auf dem Feld berichten. Ruth tritt Boas also nicht durch eine selbst verfasste Vorstellung oder durch eine Bitte um persönliche Bevorzugung gegenüber. Was er zunächst über sie erfährt, stammt aus der Wahrnehmung eines anderen Menschen. Erst im nächsten Abschnitt wird er selbst mit ihr sprechen und ihr zeigen, welche Haltung er gegenüber ihrer Situation einnimmt.

Damit entwickelt die Erzählung einen wichtigen Gedanken: Ruths Lebensumstände verändern sich nicht deshalb, weil sie versucht, die Aufmerksamkeit eines wohlhabenden Mannes auf sich zu ziehen. Sie ist auf das Feld gegangen, um für sich und Naemi Nahrung zu beschaffen. Ihr Ziel bleibt zunächst bescheiden und unmittelbar. Doch gerade während sie diese notwendige Arbeit verrichtet, begegnet sie einem Menschen, dessen Möglichkeiten weit über ihre eigenen hinausreichen.

Der bisherige Bericht lässt offen, was aus dieser Begegnung entstehen wird. Boas weiß nun, dass Ruth eine moabitische Frau ist, die mit Naemi nach Bethlehem gekommen ist und auf seinem Feld Ähren sammelt. Er kennt damit ihre äußere Situation, aber noch nicht alle Gründe ihrer Entscheidung, die Heimat zu verlassen. Was er darüber bereits gehört hat und wie er ihre Treue beurteilt, wird er erst im folgenden Gespräch offenbaren.

So bereiten die Verse 4–7 den Übergang von Ruths eigener Initiative zur Verantwortung des Boas vor. Auf der einen Seite steht eine Frau, die fleißig arbeitet, aber für ihre Versorgung auf die Einhaltung der Schutzbestimmungen angewiesen ist. Auf der anderen Seite steht ein wohlhabender Feldbesitzer, dessen Wort darüber hinaus zusätzlichen Schutz und konkrete Hilfe ermöglichen kann. Die entscheidende Frage ist nun, ob der Segensgruß, mit dem Boas seine Arbeiter begrüßt hat, auch in seinem Verhalten gegenüber dieser fremden Witwe sichtbar werden wird.

Ruth 2,8–13

Schutz, Anerkennung und Zuflucht unter Gottes Flügeln

Nachdem Boas erfahren hat, wer die fremde junge Frau auf seinem Feld ist, spricht er sie persönlich an. Seine ersten Worte sind bemerkenswert: „Hörst du wohl, meine Tochter?“ (Ruth 2,8). Mit dieser Anrede begegnet er Ruth nicht als einer unbekannten Ausländerin, die sich auf seinem Besitz aufhält, sondern in einem freundlichen und fürsorglichen Ton. Die Bezeichnung „meine Tochter“ konnte von älteren Menschen gegenüber jüngeren Frauen verwendet werden und drückte eine gewisse persönliche Nähe oder wohlwollende Haltung aus. Sie bedeutet nicht, dass zwischen Boas und Ruth bereits eine besondere familiäre Beziehung besteht. Ebenso wenig lässt sich daraus allein eine romantische Absicht ableiten.

Boas fordert Ruth auf, nicht auf einem anderen Feld Ähren zu sammeln, sondern bei seinen Arbeiterinnen zu bleiben. Damit bietet er ihr etwas an, das über die allgemeine Erlaubnis zum Ährenlesen hinausgeht. Ruth muss nicht jeden Tag aufs Neue einen Feldbesitzer suchen, der bereit ist, sie arbeiten zu lassen. Sie erhält einen festen Ort, an dem sie sich aufhalten und ihre Tätigkeit fortsetzen kann. Für eine Frau, die erst vor kurzer Zeit nach Bethlehem gekommen ist und dort noch keine gesicherte Stellung besitzt, bedeutet das eine erhebliche Erleichterung.

Die ausdrückliche Aufforderung, sich an seine Arbeiterinnen zu halten, ist dabei besonders wichtig. Auf einem Getreidefeld arbeiteten verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Aufgaben. Während die Schnitter das Getreide abschnitten, waren weitere Arbeitskräfte damit beschäftigt, die Halme zu sammeln und zu Bündeln zusammenzufassen. Ruth soll sich an den Frauen orientieren, die dort beschäftigt sind, und in ihrer Nähe bleiben. Boas gibt ihr damit nicht nur eine Möglichkeit zur Arbeit, sondern weist ihr zugleich einen Platz innerhalb der bestehenden Arbeitsgemeinschaft zu.

In Vers 9 erklärt er genauer, wie Ruth vorgehen soll. Sie soll darauf achten, wo gerade geerntet wird, und den Arbeitern folgen. So kann sie dort Ähren auflesen, wo das Getreide bereits abgeschnitten wurde. Sie muss nicht auf einem abgeernteten Feld bleiben, auf dem kaum noch etwas zu finden ist. Stattdessen darf sie sich mit den Arbeiten weiterbewegen und dadurch ihre Aussichten verbessern, genügend Nahrung zu sammeln.

Noch bedeutsamer ist jedoch die anschließende Zusicherung. Boas erklärt, dass er seinen jungen Männern bereits geboten hat, Ruth nicht anzurühren. Diese Anordnung zeigt, dass er ihre Sicherheit ernst nimmt. Das verwendete hebräische Verb kann je nach Zusammenhang körperliches Berühren, Zugreifen oder einen feindseligen Übergriff bezeichnen. In dieser Situation liegt der Gedanke nahe, dass Boas unerwünschte Annäherungen, Belästigungen oder Übergriffe verhindern möchte. Der Text berichtet allerdings nicht, dass Ruth zuvor tatsächlich angegriffen oder bedrängt worden wäre. Die Anweisung beschreibt zunächst eine vorbeugende Schutzmaßnahme.

Dass Boas eine solche Regelung ausdrücklich trifft, ist aufschlussreich. Ein Recht auf das Sammeln von Ähren hätte Ruth wenig geholfen, wenn sie dabei Beleidigungen, Einschüchterungen oder körperlichen Gefahren schutzlos ausgesetzt gewesen wäre. Besonders als alleinstehende fremde Frau befand sie sich in einer verletzlichen Lage. Boas beschränkt seine Verantwortung deshalb nicht auf die Frage, ob sie Nahrung erhalten darf. Er berücksichtigt auch die Bedingungen, unter denen sie diese Nahrung beschaffen muss.

Damit gewinnt seine Fürsorge eine Bedeutung, die über persönliche Freundlichkeit hinausgeht. Als Besitzer des Feldes besitzt Boas Autorität über seine Arbeiter. Er nutzt diese Stellung, um das Verhalten der Männer gegenüber Ruth verbindlich zu regeln. Seine Güte bleibt also nicht bei einer freundlichen Absicht stehen, sondern zeigt sich in einer konkreten Entscheidung, die andere Menschen beachten müssen. Gerade darin wird sichtbar, wie Verantwortung praktisch wahrgenommen werden kann: Wer über Einfluss verfügt, kann ihn entweder nur für die eigenen Interessen einsetzen oder damit auch Menschen schützen, die weniger Möglichkeiten haben.

Anschließend erlaubt Boas Ruth, aus den Wassergefäßen zu trinken, die seine Knechte gefüllt haben. Auch diese Zusage ist keineswegs nebensächlich. Die Erntearbeit war körperlich anstrengend und fand gewöhnlich während der warmen Jahreszeit statt. Wer über längere Zeit auf einem Feld arbeitete, brauchte ausreichend Trinkwasser. Für die regulären Arbeitskräfte war die Versorgung offenbar organisiert. Ruth darf nun an dieser Versorgung teilhaben, obwohl sie nicht zu den angestellten Arbeiterinnen gehört.

Besonders auffällig ist, dass sie das Wasser nicht selbst beschaffen muss. Boas erlaubt ihr ausdrücklich, von dem zu trinken, was seine Knechte geschöpft haben. Damit wird ihr eine zusätzliche Belastung abgenommen. Sie kann ihre Arbeit fortsetzen, ohne den Ort verlassen zu müssen, um Wasser zu holen. Auch hier geht seine Fürsorge über die bloße Duldung ihrer Anwesenheit hinaus. Er öffnet ihr den Zugang zu etwas, das innerhalb seines Betriebes bereits vorhanden ist.

Diese verschiedenen Anordnungen ergeben zusammen ein bemerkenswertes Bild. Boas gestattet Ruth nicht nur, auf seinem Feld Nahrung zu sammeln. Er ermöglicht ihr, sich an einem verlässlichen Ort aufzuhalten, sich mit der Ernte weiterzubewegen, vor Übergriffen geschützt zu sein und Trinkwasser zu erhalten. Die einzelnen Maßnahmen greifen ineinander. Sie betreffen ihre Versorgung, ihre körperliche Sicherheit und ihre Stellung gegenüber den anderen Menschen auf dem Feld.

Ruths Reaktion in Vers 10 zeigt, wie wenig selbstverständlich sie diese Behandlung empfindet. Sie fällt auf ihr Angesicht und verneigt sich bis zur Erde. Eine solche Geste konnte im Alten Orient tiefen Respekt, Dankbarkeit und die Anerkennung einer höheren gesellschaftlichen Stellung ausdrücken. Sie bedeutet nicht, dass Ruth Boas als göttliches Wesen verehrt. Vielmehr begegnet sie einem Mann, von dessen Entscheidung ihre unmittelbare Versorgung abhängt, mit großer Ehrerbietung.

Dann stellt sie eine Frage, die den Kern ihrer Verwunderung offenlegt: Warum hat sie in seinen Augen Gnade gefunden, obwohl sie eine Fremde ist? Ruth weiß, dass sie in Bethlehem nicht dieselbe gesellschaftliche Verwurzelung besitzt wie die Frauen, die dort aufgewachsen sind. Sie stammt aus Moab und hat ihre bisherige Heimat erst vor kurzer Zeit verlassen. Deshalb überrascht es sie, dass ein angesehener israelitischer Feldbesitzer ihr so viel Aufmerksamkeit und Schutz gewährt.

Das hebräische Wort für „fremd“ bezeichnet hier eine Ausländerin, die nicht selbstverständlich zur eigenen Volksgemeinschaft gehört. Ruth fragt also nicht nur, weshalb Boas freundlich zu einer armen Frau ist. Sie macht ausdrücklich darauf aufmerksam, dass sie aus einem anderen Volk stammt. Gerade darin liegt die besondere Bedeutung seiner Zuwendung. Boas lässt ihre Herkunft nicht zum Hindernis werden, ihr mit Respekt zu begegnen.

Seine Antwort in Vers 11 zeigt, dass er Ruth nicht allein nach ihrer Abstammung beurteilt. Er erklärt, bereits von ihrem Verhalten gegenüber Naemi erfahren zu haben. Ihm wurde berichtet, was sie nach dem Tod ihres Mannes für ihre Schwiegermutter getan hat. Außerdem weiß er, dass sie Vater, Mutter und Heimatland verlassen hat, um zu einem Volk zu gehen, das sie zuvor nicht kannte.

Damit verändert sich der Blick auf Ruth. Der Aufseher hatte sie zunächst durch ihre moabitische Herkunft und ihre Begleitung Naemis vorgestellt. Boas spricht nun von ihren Entscheidungen und ihrem Verhalten. Er kennt ihre Geschichte nicht nur als Nachricht über eine fremde Witwe, sondern als Bericht über einen Menschen, der einer anderen Person in schwerer Not treu geblieben ist. Für ihn ist Ruths Vergangenheit nicht nur durch den Verlust ihres Mannes geprägt, sondern auch durch die Liebe und Verantwortung, die sie anschließend gezeigt hat.

Die Erwähnung von Vater und Mutter macht deutlich, was Ruth mit ihrem Aufbruch aufgegeben hat. In der damaligen Gesellschaft bildete die Herkunftsfamilie einen wichtigen Mittelpunkt des Lebens. Dort lagen vertraute Beziehungen, gesellschaftliche Zugehörigkeit und häufig auch wirtschaftliche Sicherheiten. Ruth hat diese Umgebung verlassen, ohne zu wissen, welche Zukunft sie in Israel erwartet. Boas erkennt, dass ihre Entscheidung deshalb nicht leichtfertig getroffen wurde.

Bemerkenswert ist außerdem seine Formulierung, Ruth sei zu einem Volk gekommen, das sie zuvor nicht gekannt habe. Damit beschreibt er ihren Aufbruch als einen Schritt in eine unbekannte Lebenswelt. Sie hat sich nicht nur räumlich von ihrer Heimat entfernt, sondern ist in eine Gemeinschaft eingetreten, deren Alltag, Beziehungen und gesellschaftliche Ordnungen ihr zunächst fremd sein mussten. Boas würdigt, dass sie diese Unsicherheit auf sich genommen hat, um an Naemis Seite zu bleiben.

In Vers 12 geht seine Antwort in einen Segenswunsch über. Er bittet den HERRN, Ruth ihre Tat zu vergelten und ihr einen vollen Lohn zu schenken. Das bedeutet nicht, dass Ruth sich durch ihre Güte die Annahme Gottes verdienen könnte. Boas spricht vielmehr den Wunsch aus, dass Gott ihr Gutes erweisen möge, weil sie selbst in bemerkenswerter Weise treu und verantwortungsvoll gehandelt hat. Der Ausdruck „Lohn“ beschreibt hier Gottes erwünschte Antwort auf ihr Verhalten, nicht einen Anspruch, mit dem ein Mensch seine Rettung erwerben könnte.

Gerade die Verbindung zwischen menschlicher Treue und göttlichem Segen ist für diese Szene wichtig. Boas erkennt Ruths Handeln an, doch er sieht sich nicht selbst als die letzte Quelle alles Guten. Er richtet seinen Segenswunsch an den HERRN, den Gott Israels. Ruth soll nicht nur von der Freundlichkeit eines Feldbesitzers abhängig sein. Boas wünscht ihr eine Zukunft unter der Fürsorge des Gottes, zu dem sie sich bekannt hat.

Dann verwendet er ein besonders ausdrucksstarkes Bild. Er spricht von dem HERRN, unter dessen Flügeln Ruth Zuflucht gesucht hat. Damit greift er ihre Glaubensentscheidung auf, ohne ihr Bekenntnis aus Ruth 1,16–17 lediglich zu wiederholen. Ruth hat sich dem Gott Israels zugewandt. Boas beschreibt diese Hinwendung nun als das Suchen eines sicheren Ortes unter Gottes Schutz.

Das Bild der Flügel ist aus anderen alttestamentlichen Texten bekannt. In Psalm 57,2 bittet David darum, im Schatten der Flügel Gottes Zuflucht finden zu dürfen, bis das Unglück vorübergegangen ist. Psalm 91,4 beschreibt Gottes Schutz ebenfalls mit dem Bild seiner Flügel. Solche Aussagen stellen Gott nicht als ein körperliches Vogelwesen dar. Sie verwenden ein verständliches Bild aus der Natur: Ein Vogel kann seine Jungen mit den Flügeln bedecken und sie vor Gefahr schützen. Auf ähnliche Weise wird Gottes Fürsorge als ein Ort der Geborgenheit beschrieben.

Diese Bildsprache darf allerdings nicht mit dem Versprechen verwechselt werden, dass Menschen, die auf Gott vertrauen, niemals Schwierigkeiten erleben werden. Ruth hat ihren Ehemann verloren, ihre Heimat verlassen und muss nun auf einem fremden Feld Nahrung sammeln. Ihr Glaube hat sie nicht vor all diesen Erfahrungen bewahrt. Dennoch hat sie sich entschieden, ihre Zukunft dem HERRN anzuvertrauen. Die Zuflucht unter Gottes Flügeln bedeutet deshalb mehr als die Erwartung eines problemlosen Lebens. Sie beschreibt eine bleibende Beziehung zu Gott, auch wenn die äußeren Umstände noch unsicher sind.

Besonders schön ist, wie sich Boas' Segenswunsch mit seinem bisherigen Verhalten verbindet. Er bittet Gott um Schutz und Versorgung für Ruth, während er selbst bereits Maßnahmen getroffen hat, um sie zu schützen und zu versorgen. Zwischen Gebet und Handeln entsteht dadurch kein Gegensatz. Boas erwartet nicht, dass göttliche Fürsorge menschliche Verantwortung überflüssig macht. Vielmehr handelt er selbst so, dass Ruth konkrete Hilfe erfährt.

Diese Verbindung sollte allerdings nicht zu der Behauptung überdehnt werden, Boas sei bereits in jeder Einzelheit ein bewusstes Abbild des zukünftigen Erlösers. Der Text beschreibt hier zunächst einen israelitischen Mann, der einer fremden Witwe Güte erweist und Gottes Segen für sie erbittet. Die spätere Rolle des Boas als familiärer Löser wird erst in den folgenden Kapiteln entfaltet. Für diesen Abschnitt genügt die wichtige Beobachtung, dass sein Handeln mit dem Segenswunsch übereinstimmt, den er über Ruth ausspricht.

In Ruth 3,9 wird das Bild des Flügels noch einmal aufgegriffen. Dort bittet Ruth Boas, seinen Flügel beziehungsweise den Saum seines Gewandes über sie auszubreiten. Die Verbindung der beiden Stellen ist sprachlich besonders bemerkenswert. In Kapitel 2 wünscht Boas Ruth Zuflucht unter Gottes Flügeln. In Kapitel 3 richtet Ruth an ihn selbst eine Bitte, die mit Schutz und familiärer Verantwortung verbunden ist. Die genaue Bedeutung dieser späteren Begegnung gehört in die Auslegung von Ruth 3. Schon jetzt lässt sich aber erkennen, dass das Bild der schützenden Flügel innerhalb des Buches bewusst weitergeführt wird.

Vers 13 beendet das Gespräch mit Ruths dankbarer Antwort. Sie bittet Boas darum, weiterhin Gnade in seinen Augen zu finden. Dann erklärt sie, dass seine Worte sie getröstet und ihr freundlich zugesprochen haben. Damit erfahren wir etwas, das über die bisher genannten materiellen Hilfen hinausgeht. Ruth hat nicht nur einen sicheren Arbeitsplatz und Zugang zu Wasser erhalten. Sie fühlt sich durch die Art, wie Boas mit ihr gesprochen hat, ermutigt.

Der hebräische Ausdruck für das freundliche Zusprechen bedeutet wörtlich, zum Herzen eines Menschen zu reden. Diese Formulierung begegnet an verschiedenen Stellen des Alten Testaments, wenn Worte jemanden erreichen, beruhigen oder ihm neue Zuversicht geben sollen. So spricht Joseph nach dem Tod Jakobs seinen verunsicherten Brüdern freundlich zu und tröstet sie (1. Mose 50,21). Bei Ruth bezeichnet der Ausdruck eine persönliche Zuwendung, die ihr in ihrer unsicheren Lage guttut.

Das ist deshalb bedeutsam, weil Ruths bisherige Erfahrungen von Verlust und Veränderung geprägt waren. Sie lebt in einer neuen Umgebung, in der sie noch nicht selbstverständlich dazugehört. Boas begegnet ihr jedoch nicht mit Misstrauen oder Geringschätzung. Er würdigt ihre Vergangenheit und erkennt ihre Entscheidung an. Seine Worte geben ihr damit etwas, das sich nicht in einer bestimmten Menge Getreide ausdrücken lässt: das Gefühl, als Mensch gesehen und ernst genommen zu werden.

Ruth fügt hinzu, dass sie nicht einmal einer seiner Mägde gleichkomme. Damit beschreibt sie ihre eigene niedrige Stellung innerhalb dieser Arbeitsgemeinschaft. Die fest angestellten Arbeiterinnen gehören zum Haushalt oder Betrieb des Boas und besitzen dort einen anerkannten Platz. Ruth dagegen ist lediglich eine fremde Frau, die auf seinem Feld Ähren sammelt. Sie steht außerhalb dieses vertrauten Kreises und kann deshalb nicht selbstverständlich dieselbe Behandlung erwarten.

Auch sprachlich verdient ihre Aussage Aufmerksamkeit. Ruth bezeichnet sich mit einem hebräischen Ausdruck für eine Dienerin, der ihre bescheidene Stellung betont. Der Satz muss nicht bedeuten, dass sie sich persönlich für wertlos hält. Vielmehr bringt sie zum Ausdruck, wie überraschend es für sie ist, von Boas mit einer Freundlichkeit behandelt zu werden, die über ihre gesellschaftliche Stellung hinausgeht. Gerade weil sie sich nicht einmal zu seinen regulären Dienerinnen zählt, empfindet sie seine Anerkennung als besondere Gunst.

Damit schließt die erste persönliche Begegnung zwischen Boas und Ruth. Sie hat ihm keine Forderung nach einer außergewöhnlichen Behandlung gestellt. Boas wiederum hat seine Stellung genutzt, um ihr Schutz, Ermutigung und bessere Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. Ruth antwortet mit aufrichtiger Dankbarkeit, ohne dass die Erzählung ihre wirtschaftliche Abhängigkeit oder ihre fremde Herkunft ausblendet.

Die Verse 8–13 zeigen somit eine Fürsorge, die mehrere Seiten des menschlichen Lebens berücksichtigt. Ruth benötigt Nahrung, aber ebenso Sicherheit, Anerkennung und einen verlässlichen Umgang mit den Menschen ihrer neuen Umgebung. Boas nimmt diese Bedürfnisse ernst. Seine Worte über Gottes schützende Flügel stehen nicht losgelöst von seiner Verantwortung als Feldbesitzer, sondern werden von einem Verhalten begleitet, das Ruth tatsächlich zugutekommt.

Bis hierher ist ihre unmittelbare Lage bereits deutlich verbessert. Doch Boas hat noch nicht alles getan, was er für Ruth tun möchte. Als die gemeinsame Essenszeit beginnt, wird seine Gastfreundschaft auf eine weitere Weise sichtbar. Dann zeigt sich, wie weit seine Bereitschaft reicht, Ruth nicht nur das gesetzlich Vorgesehene zu ermöglichen, sondern ihr darüber hinaus großzügig zu helfen.

Ruth 2,14–16

Boas hilft Ruth weit über das vorgeschriebene Maß hinaus

Nachdem Boas Ruth seinen Schutz zugesichert und ihr Gottes Segen gewünscht hat, folgt eine weitere Begegnung, die seine Fürsorge noch deutlicher erkennen lässt. Zur Essenszeit fordert er sie auf, näherzukommen und gemeinsam mit den Erntearbeitern zu essen. Ruth soll sich nicht abseits halten und ihre Mahlzeit allein einnehmen. Sie darf an der Verpflegung teilnehmen, die für die Menschen auf dem Feld bereitsteht. Für eine fremde Witwe, die ursprünglich nur gekommen war, um zurückgebliebene Ähren zu sammeln, ist das eine besondere Einladung.

Boas bietet Ruth Brot an und fordert sie auf, ihren Bissen in Essig zu tauchen. Dabei dürfen wir uns nicht einfach den heutigen Haushaltsessig vorstellen, der vor allem zum Würzen und Konservieren verwendet wird. Das hebräische Wort chomez bezeichnet eine saure Flüssigkeit, die in diesem Zusammenhang gewöhnlich als Weinessig oder saurer Wein verstanden wird. Eine solche Flüssigkeit konnte zu Brot gereicht werden und gehörte offenbar zu den einfachen Speisen, die man während der Feldarbeit zu sich nahm. Der Text beschreibt somit keine außergewöhnliche Festmahlzeit, sondern ein gewöhnliches Essen zur Zeit der Getreideernte.

Gerade diese Einfachheit macht die Einladung bedeutsam. Boas muss Ruth keine kostbaren Speisen anbieten, um ihr seine Wertschätzung zu zeigen. Er lässt sie an dem teilhaben, was seine Arbeiter während ihrer Pause essen. Dadurch wird die Entfernung zwischen dem wohlhabenden Besitzer des Feldes und der bedürftigen Frau für einen Augenblick kleiner. Sie begegnen sich nicht nur in ihrer unterschiedlichen wirtschaftlichen Stellung, sondern teilen eine alltägliche Erfahrung: Nach getaner Arbeit brauchen Menschen Nahrung und Erholung.

Ruth setzt sich neben die Schnitter. Der Erzähler beschreibt damit ihre Teilnahme an der gemeinsamen Mahlzeit, ohne ihre gesellschaftliche Situation zu beschönigen. Sie ist weiterhin keine reguläre Arbeitskraft des Boas und besitzt auf seinem Feld keine eigene Stellung. Dennoch wird sie nicht ausgeschlossen. Sie erhält einen Platz in der Nähe der Menschen, die dort beschäftigt sind. Die Einladung vermittelt ihr somit mehr als eine Portion Nahrung. Sie darf an einer Gemeinschaft teilnehmen, zu der sie ursprünglich nicht gehörte.

Anschließend reicht Boas ihr geröstetes Getreide. Das hebräische Wort qali bezeichnet Körner, die durch Rösten zum Verzehr vorbereitet wurden. Frisch geerntetes Getreide konnte auf diese Weise ohne vorheriges Mahlen und Backen gegessen werden. Solche gerösteten Körner begegnen auch an anderen Stellen des Alten Testaments als gewöhnliches Nahrungsmittel (1. Samuel 17,17; 2. Samuel 17,28). Ruth erhält also eine einfache, aber nahrhafte Speise, die gut zu einer Mahlzeit während der Ernte passt.

Auffällig ist, dass Boas Ruth die gerösteten Körner persönlich reicht. Der Erzähler hatte bereits berichtet, dass er ihr den Zugang zum Trinkwasser seiner Arbeiter ermöglicht hatte. Nun belässt er es nicht bei einer allgemeinen Erlaubnis, sich etwas zu nehmen. Er beteiligt sich selbst an ihrer Versorgung. Für den Leser entsteht dadurch ein genaueres Bild seines Verhaltens: Seine Freundlichkeit besteht nicht nur aus Anweisungen, die andere ausführen sollen. Er ist auch persönlich bereit, Ruth etwas zu geben.

Der letzte Teil von Vers 14 hält das Ergebnis dieser Mahlzeit mit drei kurzen Aussagen fest: Ruth isst, sie wird satt, und sie lässt etwas übrig. Jede dieser Beobachtungen trägt zum Verständnis bei. Ruth hat tatsächlich ausreichend Nahrung erhalten. Sie muss nicht hungrig zu ihrer Arbeit zurückkehren. Zugleich ist die Menge so großzügig, dass sie nicht alles aufessen muss. Das ist für eine Frau, deren tägliche Versorgung bislang keineswegs gesichert war, eine erhebliche Veränderung.

Der übrig gebliebene Teil erhält später eine zusätzliche Bedeutung. In Ruth 2,18 berichtet der Erzähler, dass Ruth Naemi von dem Essen gibt, das sie nach ihrer eigenen Sättigung zurückbehalten hatte. Dadurch wird deutlich, dass die Hilfe des Boas nicht auf Ruth allein beschränkt bleibt. Was er ihr zur Verfügung stellt, kommt schließlich auch ihrer Schwiegermutter zugute. Ruth behält ihre gemeinsame Lebenssituation im Blick und denkt bei der erhaltenen Versorgung weiterhin an Naemi. Die ausführlichere Bedeutung dieser Heimkehr gehört jedoch erst zum folgenden Erzählabschnitt.

Nach der Mahlzeit steht Ruth auf und setzt ihre Arbeit fort. Dieser Übergang in Vers 15 ist wichtig, weil er zeigt, dass die Einladung des Boas nicht das Ende ihres Ährenlesens bedeutet. Ruth erhält eine stärkende Mahlzeit und kehrt anschließend zu ihrer ursprünglichen Aufgabe zurück. Sie bleibt eine Frau, die durch eigene Arbeit Nahrung beschafft. Die Großzügigkeit des Feldbesitzers und ihre persönliche Anstrengung stehen dabei nicht im Widerspruch zueinander. Beides trägt zur Verbesserung ihrer Lage bei.

Während Ruth wieder Ähren sammelt, erteilt Boas seinen jungen Männern neue Anweisungen. Sie sollen Ruth ausdrücklich erlauben, auch zwischen den Garben aufzulesen. Damit erweitert er die Möglichkeiten, die ihr auf seinem Feld offenstehen. Nach den allgemeinen Bestimmungen des Gesetzes sollten für Arme und Fremde bei der Ernte Ähren zurückbleiben. Das Sammeln zwischen den bereits zusammengetragenen Garben war jedoch nicht ohne Weiteres mit dieser gewöhnlichen Nachlese gleichzusetzen.

Um den Unterschied zu verstehen, muss man sich den Ablauf der Ernte vor Augen halten. Die Schnitter schnitten das Getreide ab. Anschließend wurden die Halme gesammelt und zu Bündeln oder Garben zusammengelegt. Was bereits gebündelt war, gehörte zur eingebrachten Ernte des Feldbesitzers. Die gewöhnlichen Ährenleser sammelten dagegen vor allem Getreide, das beim Schneiden und Zusammenlegen zurückgeblieben war. Wenn Boas Ruth erlaubt, auch zwischen den Garben zu sammeln, gewährt er ihr daher einen besonders günstigen Zugang zum Erntegut.

Zugleich befiehlt er seinen Männern, Ruth deswegen nicht zu beschämen. Diese Anweisung ist ebenso wichtig wie die erweiterte Erlaubnis selbst. Ruth soll nicht nur mehr Nahrung sammeln dürfen, sondern dabei auch vor herabsetzender Behandlung geschützt werden. Das hebräische Verb, das hier verwendet wird, kann bedeuten, jemanden zu beschämen oder in Verlegenheit zu bringen. In diesem Zusammenhang liegt besonders der Gedanke nahe, dass die Arbeiter Ruth nicht durch Vorwürfe, abweisende Worte oder eine öffentliche Zurechtweisung demütigen sollen.

Die besondere Erlaubnis könnte sonst leicht zu Schwierigkeiten führen. Ein Arbeiter, der nicht darüber informiert wäre, weshalb Ruth zwischen den Garben sammelt, könnte sie für unberechtigt halten oder ihr vorwerfen, zu viel zu nehmen. Selbst wenn sie dadurch nichts verlieren würde, könnte eine solche Behandlung für sie beschämend sein. Boas verhindert deshalb nicht nur mögliche Missverständnisse. Er stellt ausdrücklich sicher, dass seine Großzügigkeit nicht durch das Verhalten seiner eigenen Leute zunichtegemacht wird.

Darin zeigt sich ein feiner, aber wichtiger Unterschied zwischen dem Gewähren einer Hilfe und der Art, wie diese Hilfe gegeben wird. Ein Mensch kann etwas erhalten und dennoch dabei erniedrigt werden. Er kann auf Unterstützung angewiesen sein und gleichzeitig das Gefühl bekommen, eine unerwünschte Last darzustellen. Boas achtet darauf, dass Ruth nicht in eine solche Situation gerät. Ihre wirtschaftliche Bedürftigkeit soll nicht zum Anlass werden, ihre Würde infrage zu stellen.

Vers 16 geht noch einen Schritt weiter. Boas weist die Arbeiter an, absichtlich Getreide für Ruth zurückzulassen. Sie sollen sogar Halme aus den bereits gesammelten Bündeln herausziehen und liegen lassen, damit Ruth sie auflesen kann. Der hebräische Text betont dabei das bewusste Herausziehen. Es geht also nicht lediglich darum, dass bei der Arbeit zufällig etwas zu Boden fällt. Boas ordnet ausdrücklich an, zusätzliches Getreide für Ruth bereitzustellen.

Hier erreicht seine Fürsorge eine neue Stufe. Zunächst hat er ihr erlaubt, auf seinem Feld zu bleiben. Dann hat er sie geschützt und zur gemeinsamen Mahlzeit eingeladen. Anschließend durfte sie an einer besonders günstigen Stelle der Ernte sammeln. Nun sorgt Boas sogar dafür, dass zusätzliches Getreide für sie vorhanden ist. Er begnügt sich nicht damit, die bestehenden Schutzbestimmungen einzuhalten, sondern setzt einen Teil seines eigenen Ernteertrags ein, um ihre Versorgung zu verbessern.

Dieser Unterschied ist für das Verständnis der biblischen Sozialgesetze bedeutsam. Das Gesetz verpflichtete die Israeliten dazu, Bedürftige an der Ernte teilhaben zu lassen. Boas zeigt jedoch, dass die Einhaltung eines Gebotes nicht die Grenze jeder möglichen Güte darstellen muss. Wer über zusätzliche Mittel verfügt, kann mehr tun, als nur das ausdrücklich Vorgeschriebene zu erfüllen. Gerade durch diese freiwillige Großzügigkeit gewinnt das Handeln des Boas seine besondere Bedeutung.

Dabei übernimmt Ruth weiterhin eine aktive Rolle. Die Männer sollen das zusätzliche Getreide liegen lassen, damit sie es selbst auflesen kann. Der Text berichtet nicht, dass Boas ihr einfach eine fertige große Getreidemenge überreicht oder sie von weiterer Arbeit befreit. Stattdessen erleichtert er ihr die Tätigkeit und erhöht ihren möglichen Ertrag. So bleibt ihre eigene Anstrengung Bestandteil der Versorgung, während die Hilfe des Boas ihr bessere Voraussetzungen verschafft.

Manche Ausleger vermuten, dass Boas die zusätzliche Bereitstellung des Getreides möglichst unauffällig geschehen lassen wollte, damit Ruth nicht das Gefühl bekam, ausschließlich von Almosen zu leben. Dieser Gedanke passt zu seiner bisherigen Rücksichtnahme. Der Bibeltext sagt allerdings nicht ausdrücklich, dass Ruth von den Anweisungen nichts erfahren durfte oder dass die Arbeiter das Getreide heimlich fallen lassen sollten. Sicher ist lediglich, dass die Halme bewusst für sie zurückgelassen werden sollten und dass niemand sie wegen des Auflesens zurechtweisen durfte.

Gerade die abschließende Anweisung verdient Beachtung. Boas sagt ausdrücklich, dass niemand Ruth schelten soll. Bereits in Vers 15 hatte er verboten, sie zu beschämen. Die beiden Formulierungen besitzen eine ähnliche Richtung, setzen aber unterschiedliche Akzente. Während die erste besonders den Schutz vor Demütigung hervorhebt, richtet sich die zweite gegen tadelnde oder abweisende Worte. Boas möchte verhindern, dass Ruth durch das Verhalten seiner Arbeiter davon abgehalten wird, die zusätzliche Hilfe tatsächlich anzunehmen.

Das ist besonders wichtig, weil seine Anordnung auch die Arbeit der Männer betrifft. Sie sollen bewusst etwas von dem Getreide abgeben, das sie bereits gesammelt haben. Einzelne Arbeiter könnten darin eine unnötige Mehrarbeit oder eine Verschwendung des Ertrags sehen. Boas macht deshalb deutlich, dass Ruths zusätzliche Versorgung seinem ausdrücklichen Willen entspricht. Niemand soll sie für das verantwortlich machen, was er selbst angeordnet hat.

Die Verse 14–16 zeigen somit eine Form der Barmherzigkeit, die aufmerksam und durchdacht ist. Boas erkennt nicht nur, dass Ruth Nahrung benötigt. Er berücksichtigt auch ihre Erschöpfung, ihre gesellschaftliche Stellung und die Schwierigkeiten, die aus ihrer Abhängigkeit von anderen entstehen können. Seine Hilfe umfasst deshalb eine Mahlzeit, bessere Arbeitsmöglichkeiten, zusätzliche Lebensmittel und den Schutz vor Beschämung.

Besonders bemerkenswert ist, dass Boas bei all diesen Entscheidungen keine Gegenleistung von Ruth verlangt. Er erinnert sie nicht daran, wie viel sie ihm verdankt, und stellt seine Unterstützung nicht als Mittel dar, um sie zu einer bestimmten persönlichen Entscheidung zu bewegen. Zumindest in diesen Versen berichtet der Erzähler nichts davon. Boas hilft einer Frau, deren Treue er bereits kennengelernt hat und deren gegenwärtige Lage er ernst nimmt.

Sein Handeln lässt sich zugleich mit einem grundlegenden Gedanken des mosaischen Gesetzes verbinden. In 5. Mose 15,7–11 wird Israel aufgefordert, gegenüber bedürftigen Menschen das Herz nicht zu verhärten und die Hand nicht zu verschließen. Hilfe soll nicht widerwillig oder mit einem bösen Herzen gegeben werden. Boas' Verhalten zeigt, wie eine solche Haltung im Alltag Gestalt gewinnen kann. Er besitzt Mittel, die Ruth fehlen, und nutzt sie, um ihre Not zu lindern. Die biblische Forderung zur Barmherzigkeit bleibt damit keine allgemeine Vorstellung, sondern wird in konkreten Entscheidungen sichtbar.

Dabei sollte die Erzählung nicht zu einer bloßen Gegenüberstellung von reichen Wohltätern und armen Empfängern vereinfacht werden. Ruth hat bereits vor der Begegnung mit Boas Verantwortung übernommen. Ihre Treue gegenüber Naemi und ihre Bereitschaft zu arbeiten sind wesentliche Bestandteile ihrer Geschichte. Boas wiederum verfügt über Möglichkeiten, die er freiwillig für sie einsetzt. Der Erzähler führt beide Seiten zusammen: die Entschlossenheit einer bedürftigen Frau und die Großzügigkeit eines Mannes, der seine gesellschaftliche Stellung verantwortungsvoll gebraucht.

So bereiten diese drei Verse eine Entwicklung vor, deren Ausmaß Ruth selbst noch nicht überblicken kann. Sie ist am Morgen aufgebrochen, um einige Ähren für den Lebensunterhalt zu sammeln. Nun hat sie Nahrung erhalten und darf unter besonders günstigen Bedingungen weiterarbeiten. Was das am Ende des Tages tatsächlich bedeutet, zeigt sich erst, als sie ihre gesammelten Ähren ausklopft und mit dem Ertrag nach Bethlehem zurückkehrt. Dort wird ihre ungewöhnlich reiche Ausbeute Naemis Aufmerksamkeit wecken und zu einer Entdeckung führen, die weit über die Versorgung dieses einen Tages hinausreicht.

Ruth 2,17–20

Ruths Ernte und Naemis neue Hoffnung

Ruth bleibt bis zum Abend auf dem Feld und setzt ihre Arbeit fort. Der Erzähler berichtet nicht, wie viele Stunden sie insgesamt mit dem Ährenlesen verbracht hat. Doch die Zeitangabe macht deutlich, dass sie die Möglichkeit, die Boas ihr eröffnet hat, ausgiebig nutzt. Nachdem sie zunächst nur gehofft hatte, genügend Nahrung für den gemeinsamen Lebensunterhalt zu finden, kann sie nun unter besonders günstigen Bedingungen sammeln. Die Anweisungen des Boas haben dafür gesorgt, dass ihr mehr Getreide zur Verfügung steht, als bei einer gewöhnlichen Nachlese zu erwarten gewesen wäre.

Am Ende des Arbeitstages beginnt Ruth, die gesammelten Ähren auszuklopfen. Dieser Vorgang war notwendig, um die Getreidekörner von den Ähren und ihren Hüllen zu lösen. Beim Dreschen größerer Mengen verwendete man unter anderem Tiere und Dreschgeräte. Kleine Mengen konnten dagegen mit einem Stock ausgeschlagen werden, wie es auch in Richter 6,11 bei Gideon beschrieben wird. Ruth musste das gesammelte Getreide also zunächst bearbeiten, bevor sie die Körner nach Hause bringen konnte.

Diese Einzelheit hilft, die Menge ihres Ertrags richtig zu verstehen. Der Erzähler zählt nicht einfach alle Halme, die Ruth aufgelesen hat. Er beschreibt die Gerste, die nach dem Ausklopfen übrig bleibt. Damit wird der tatsächliche Ertrag ihres Arbeitstages sichtbar. Die gesammelten Ähren enthalten nicht nur Stroh und Hülsen, sondern eine beachtliche Menge Getreide, die sich anschließend weiterverarbeiten und als Nahrung verwenden lässt.

In Vers 17 wird diese Menge mit etwa einem Epha Gerste angegeben. Ein Epha war ein altes Hohlmaß für trockene Güter wie Getreide. Die genaue Umrechnung in heutige Maße ist nicht vollständig gesichert. Die Schlachter-Ausgabe von 1951 nennt in ihrer Maßanmerkung ungefähr 36 Liter, während andere Untersuchungen von einem kleineren Volumen ausgehen. Häufig wird für die hier beschriebene Menge ein Gewicht von etwas mehr als zehn Kilogramm Gerste angenommen. Entscheidend ist deshalb weniger eine auf den Liter genaue Umrechnung als die Größenordnung: Ruth hat an einem einzigen Tag eine ungewöhnlich große Menge Getreide gesammelt.

Dieser Ertrag lässt sich nicht allein mit ihrem Fleiß erklären. Gewiss hat Ruth bis zum Abend gearbeitet und die vorhandenen Möglichkeiten genutzt. Doch ohne die besondere Erlaubnis des Boas und seine Anweisung, zusätzliches Getreide für sie liegen zu lassen, wäre eine solche Menge erheblich schwerer zu erreichen gewesen. Das Ergebnis ihres Arbeitstages ist daher von zwei Seiten geprägt: ihrer eigenen Anstrengung und der großzügigen Unterstützung eines anderen Menschen.

Gerade diese Verbindung ist für die Erzählung bedeutsam. Ruth erhält nicht einfach eine fertige Versorgung, während sie selbst untätig bleibt. Ebenso wenig muss sie ihre Not vollständig aus eigener Kraft überwinden. Sie arbeitet innerhalb der Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung stehen, und Boas schafft Bedingungen, unter denen ihre Arbeit einen größeren Ertrag bringt. Der Text stellt menschliche Eigenverantwortung und hilfreiche Unterstützung nicht gegeneinander. Er zeigt, wie beides zusammenwirken kann.

Nachdem Ruth das Getreide ausgedroschen hat, hebt sie ihre Ausbeute auf und trägt sie zurück nach Bethlehem. Auch das ist angesichts der Menge keine Kleinigkeit. Sie muss den Ertrag ihres Arbeitstages selbst transportieren. Der Erzähler beschreibt diese Anstrengung jedoch nicht ausführlich. Ihm geht es vor allem darum, dass Ruth mit einer Versorgung nach Hause kommt, die weit über das hinausgeht, was Naemi vermutlich erwartet hatte.

Vers 18 richtet den Blick deshalb wieder auf die beiden Frauen und ihre gemeinsame Lebenssituation. Naemi sieht, wie viel Gerste ihre Schwiegertochter mitgebracht hat. Die ungewöhnliche Ausbeute kann ihr kaum verborgen bleiben. In der Schlachter-Übersetzung heißt es, Ruth habe ihr gezeigt, was sie gesammelt hatte. Der überwiegend überlieferte hebräische Wortlaut lässt sich dagegen so verstehen, dass Naemi die Menge selbst sah. Für den Verlauf der Erzählung entsteht daraus kein wesentlicher Unterschied: Naemi erkennt, dass Ruth an diesem Tag außerordentlich erfolgreich gewesen ist.

Ruth hat jedoch nicht nur Getreide mitgebracht. Sie holt auch die Speise hervor, die sie von ihrer Mahlzeit auf dem Feld übrig behalten hat, und gibt sie Naemi. Damit erhält eine kleine Einzelheit aus Vers 14 ihre eigentliche Fortsetzung. Dort hatte der Erzähler ausdrücklich berichtet, dass Ruth satt geworden war und dennoch etwas übrig ließ. Jetzt erfahren wir, was sie mit dem Rest getan hat. Sie hat ihn aufgehoben und mit nach Hause genommen.

Das zeigt eine weitere Seite ihrer Fürsorge. Ruth denkt selbst dann an Naemi, wenn ihr persönlich etwas Gutes widerfährt. Sie hatte auf dem Feld eine Mahlzeit erhalten, für die sie nicht selbst aufkommen musste. Anstatt den verbliebenen Teil achtlos zurückzulassen, bewahrt sie ihn für ihre Schwiegermutter auf. Die Hilfe, die Boas Ruth gewährt hat, erreicht auf diese Weise auch Naemi.

Dabei müssen wir keine besonderen Gedanken oder Gespräche erfinden, die der Text nicht berichtet. Ruth erklärt an dieser Stelle nicht ausdrücklich, weshalb sie das Essen aufgehoben hat. Ihre Handlung spricht jedoch für sich. Sie bringt nicht nur den Ertrag ihrer Arbeit mit, sondern teilt auch die Nahrung, die sie selbst erhalten hat. Ihre bereits bekannte Verantwortung für Naemi bleibt damit im gewöhnlichen Alltag sichtbar.

Die mitgebrachte Gerste und das zurückbehaltene Essen erfüllen außerdem unterschiedliche Bedürfnisse. Die Speise von der Mahlzeit kann Naemi unmittelbar zugutekommen. Das Getreide muss dagegen erst weiterverarbeitet werden, bevor daraus Nahrung zubereitet werden kann. Ruth bringt somit sowohl etwas für den gegenwärtigen Bedarf als auch eine Grundlage für die kommenden Tage nach Hause. Ihre Arbeit hat die Versorgung der beiden Frauen spürbar verbessert.

Naemis Reaktion in Vers 19 zeigt, dass sie die außergewöhnliche Bedeutung dieser Ausbeute erkennt. Sie fragt Ruth, wo sie an diesem Tag Ähren gelesen und gearbeitet habe. Ihre beiden Fragen richten sich auf den Ort und auf die Menschen, mit denen Ruth dort in Berührung gekommen ist. Die Menge des Getreides lässt vermuten, dass Ruth nicht nur die gewöhnlich zurückgebliebenen Ähren sammeln durfte. Offenbar muss ihr jemand in besonderer Weise entgegengekommen sein.

Noch bevor Naemi den Namen dieses Menschen kennt, spricht sie einen Segen über ihn aus. Sie wünscht Gottes Segen demjenigen, der sich Ruth zugewandt hat. Das ist bemerkenswert, weil ihre Dankbarkeit zunächst nicht an eine bestimmte Person gebunden ist. Sie erkennt an dem sichtbaren Ergebnis, dass Ruth Hilfe erfahren haben muss. Wer immer diese Hilfe ermöglicht hat, soll dafür vom HERRN gesegnet werden.

Die Formulierung, die Schlachter 1951 mit „der sich um dich gekümmert hat“ wiedergibt, beschreibt das aufmerksame Wahrnehmen eines anderen Menschen. Gemeint ist nicht nur, dass jemand Ruth zufällig gesehen hat. Der Zusammenhang zeigt, dass sich jemand ihrer Situation angenommen und entsprechend gehandelt hat. Naemi erkennt somit, dass hinter der ungewöhnlich großen Ernte mehr steht als ein günstiger Zufall beim Sammeln von Ähren.

Ruth beantwortet die Frage ihrer Schwiegermutter, indem sie den Namen des Mannes nennt, auf dessen Feld sie gearbeitet hat: Boas. Sie beginnt nicht mit einer langen Erklärung seiner Hilfsbereitschaft. Der Name selbst erhält durch Naemis anschließende Reaktion eine besondere Bedeutung. Für Ruth ist Boas zunächst der Mann, der ihr Schutz, Nahrung und großzügige Arbeitsmöglichkeiten gewährt hat. Naemi verbindet mit diesem Namen jedoch noch eine weitere Information, die Ruth offenbar bisher nicht kannte.

In Vers 20 spricht Naemi erneut einen Segen aus. Diesmal kennt sie den Empfänger: Boas soll vom HERRN gesegnet werden. Doch die Begründung ihres Segens enthält eine sprachliche Schwierigkeit, die für das Verständnis der Geschichte besonders wichtig ist. Nach Schlachter 1951 spricht sie von einer Güte, die den Lebenden und den Toten nicht entzogen worden ist. Der hebräische Satz lässt allerdings offen, ob damit unmittelbar Gottes Güte oder die Güte des Boas gemeint ist.

Diese beiden Deutungen müssen sorgfältig unterschieden werden. Versteht man Gott als den Handelnden, dann erkennt Naemi in der unerwarteten Versorgung ein Zeichen dafür, dass der HERR ihre Familie nicht verlassen hat. Obwohl sie zuvor von Bitterkeit und Verlust gesprochen hatte, beginnt sie nun, Gottes fortdauernde Fürsorge wahrzunehmen. Diese Erklärung passt gut zur größeren Entwicklung des Buches und zu Naemis früheren Worten über Gottes Handeln.

Es gibt jedoch gewichtige Gründe dafür, Boas als den unmittelbar gemeinten Handelnden zu verstehen. Der Segen richtet sich ausdrücklich an ihn. Außerdem hat der Erzähler gerade ausführlich beschrieben, auf welche Weise Boas Ruth geholfen hat. Eine vergleichbare Segensformel findet sich in 2. Samuel 2,5. Dort werden Menschen vom HERRN gesegnet, weil sie einem Verstorbenen gegenüber treu gehandelt haben. Der unmittelbare Zusammenhang spricht deshalb stark dafür, dass Naemi die Güte des Boas würdigt.

Auch die sprachliche Untersuchung des Verses unterstützt diese Erklärung. Der Ausdruck, der mit „Gnade“ oder „Güte“ wiedergegeben werden kann, lautet im Hebräischen chesed. Dieses Wort begegnet bereits in Ruth 1,8, wo Naemi das treue Verhalten ihrer beiden Schwiegertöchter würdigt. Es bezeichnet eine Güte, die sich in verlässlicher Verbundenheit und verantwortlichem Handeln ausdrückt. In Ruth 2,20 kann der Begriff deshalb sehr gut auf Boas bezogen werden, der sich einer Familie zuwendet, mit der er verwandtschaftlich verbunden ist.

Die grammatische Frage lässt sich dennoch nicht mit letzter Sicherheit entscheiden. Bedeutende Ausleger verstehen weiterhin Gott als denjenigen, dessen Güte hier beschrieben wird. Beide Möglichkeiten besitzen nachvollziehbare Gründe. Der unmittelbare Bezug auf Boas erscheint im Zusammenhang der Erzählung besonders überzeugend. Zugleich steht seine Fürsorge nicht im Gegensatz zu Gottes Güte. Naemi erbittet gerade den Segen des HERRN für einen Menschen, dessen Verhalten ihr und Ruth zugutekommt.

Schwieriger ist zunächst die Formulierung, dass diese Güte nicht nur den Lebenden, sondern auch den Toten erwiesen werde. Die Toten können keine Gerste essen und benötigen keine Versorgung mehr. Deshalb muss die Aussage in einem größeren familiären Zusammenhang verstanden werden. Zu den Lebenden gehören Naemi und Ruth. Die Toten sind vor allem Elimelech und die verstorbenen Söhne, deren Familie durch ihren Tod ihre bisherige Grundlage verloren hat.

In Israel war die Verantwortung für verstorbene Angehörige nicht ausschließlich mit ihrer Beerdigung abgeschlossen. Auch das Bewahren des Familienbesitzes und das Fortbestehen einer Familienlinie konnten mit der Erinnerung an Verstorbene verbunden sein. Wenn ein Verwandter den Hinterbliebenen half, konnte er damit zugleich die Interessen und das Andenken der Verstorbenen achten. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb Naemi von einer Güte gegenüber den Lebenden und den Toten sprechen kann.

Allerdings wäre es verfrüht zu behaupten, Boas habe bereits sämtliche Verpflichtungen eines familiären Lösers erfüllt. Bis zu diesem Zeitpunkt hat er Ruth großzügig bei der Ernte unterstützt. Er hat weder einen Grundstückskauf vorgenommen noch eine rechtliche Entscheidung zur Sicherung der Familienlinie getroffen. Solche Fragen werden erst in den folgenden Kapiteln behandelt. Naemis Worte können daher auch eine neu erwachende Hoffnung ausdrücken, dass Boas aufgrund seiner verwandtschaftlichen Stellung noch weitergehende Hilfe leisten könnte.

Erst jetzt erklärt sie Ruth, weshalb der Name Boas für ihre Familie so bedeutsam ist. Er gehört zu ihren nahen Verwandten und ist einer ihrer Löser. Das hebräische Wort goel bezeichnet einen Angehörigen, der unter bestimmten Voraussetzungen für die Rechte und Interessen seiner Familie eintreten konnte. Besonders bei wirtschaftlicher Not und dem Verlust von Familienbesitz sah das Gesetz Möglichkeiten vor, durch die ein Verwandter helfen konnte, Eigentum innerhalb der Familie zu bewahren oder zurückzugewinnen (3. Mose 25,25).

Der Begriff besitzt somit zunächst eine rechtliche und gesellschaftliche Bedeutung. Ein Löser war nicht einfach ein wohlhabender Mensch, der gelegentlich wohltätig handelte. Seine besondere Stellung ergab sich aus der Verwandtschaft und den damit verbundenen Möglichkeiten oder Verpflichtungen. Welche Verantwortung im Einzelfall bestand, hing von den jeweiligen Umständen ab. Das alttestamentliche Recht unterschied außerdem verschiedene Fälle der Auslösung, die nicht alle nach denselben Regeln behandelt wurden.

Diese Einordnung ist besonders wichtig, weil der Begriff des Lösers später häufig unmittelbar auf Jesus Christus übertragen wird. Die Bibel bezeichnet Gott tatsächlich als Erlöser seines Volkes, etwa in Jesaja 41,14 und 43,14. Doch aus dieser sprachlichen Verbindung folgt nicht, dass jede Einzelheit des Handelns von Boas bereits eine ausdrückliche Vorhersage über Christus wäre. Im Buch Ruth muss zunächst verstanden werden, welche konkrete Verantwortung ein Verwandter gegenüber einer gefährdeten Familie übernehmen konnte. Erst danach lässt sich beurteilen, welche größeren biblischen Zusammenhänge sich daraus verantwortungsvoll ergeben.

Naemi sagt außerdem nicht, Boas sei der einzige Löser ihrer Familie. Sie bezeichnet ihn ausdrücklich als einen ihrer Löser. Damit bleibt offen, welche anderen Verwandten möglicherweise ebenfalls infrage kommen und welche Rechte sie besitzen. Diese Unterscheidung wird später entscheidend, denn Ruth 3 und 4 zeigen, dass es noch einen näheren Verwandten gibt. Der Hinweis in Ruth 2,20 bereitet diese Entwicklung vor, ohne sie bereits vorwegzunehmen.

Damit verändert sich für Naemi die Bedeutung dieses Tages. Anfangs hatte sie lediglich gesehen, dass Ruth ungewöhnlich viel Getreide nach Hause gebracht hatte. Nun erfährt sie, dass die Hilfe von einem Mann stammt, der zur Familie Elimelechs gehört. Aus einer wertvollen Unterstützung für den unmittelbaren Lebensunterhalt wird dadurch zugleich ein Hinweis auf mögliche weiterreichende Hilfe. Noch ist nichts entschieden, aber Naemi erkennt erstmals eine Verbindung zwischen Ruths Begegnung und den besonderen Schutzmöglichkeiten innerhalb ihrer Verwandtschaft.

Dieser Moment gewinnt zusätzliches Gewicht, wenn man an Naemis frühere Worte bei ihrer Heimkehr denkt. Damals hatte sie ihre Lage vor allem unter dem Eindruck ihrer Verluste beschrieben. Jetzt begegnet ihr eine Entwicklung, die sie nicht selbst herbeigeführt hat und deren Bedeutung sie zunächst nicht kannte. Ruth war aufgebrochen, um Ähren zu sammeln. Dass sie dabei auf das Feld eines Verwandten gelangen würde, war kein bewusst ausgearbeiteter Plan der beiden Frauen. Dennoch entsteht aus diesem Arbeitstag eine neue Möglichkeit für ihre gemeinsame Zukunft.

Der Erzähler beschreibt dabei keine plötzliche vollständige Veränderung von Naemis Gefühlen. Er sagt nicht, dass ihre Bitterkeit nun verschwunden sei oder dass sie bereits alle früheren Fragen an Gott beantwortet hätte. Ihr Segen und ihre Erklärung über Boas zeigen jedoch, dass sie die neue Situation aufmerksam wahrnimmt. Sie kann wieder etwas Gutes benennen und beginnt zu erkennen, welche Bedeutung ein hilfsbereiter Verwandter für ihre Familie haben könnte.

Damit bilden die Verse 17–20 einen wichtigen Übergang innerhalb des Buches. Zunächst geht es um den Ertrag eines gewöhnlichen Arbeitstages. Dann wird die Fürsorge Ruths gegenüber Naemi sichtbar. Schließlich führt die Nennung des Boas zu einer Entdeckung, die den Blick über die unmittelbare Nahrungssicherung hinaus öffnet.

Noch ist Boas lediglich als großzügiger Feldbesitzer und möglicher familiärer Löser bekannt. Was er bereit sein wird, künftig für Ruth und Naemi zu tun, steht nicht fest. Doch schon jetzt hat sich etwas verändert: Die beiden Witwen besitzen nicht nur Getreide für die kommenden Tage, sondern kennen nun auch einen Angehörigen ihrer Familie, dessen Güte und gesellschaftliche Stellung neue Möglichkeiten eröffnen könnten. Wie Ruth diese Unterstützung weiterhin nutzen kann, wird im abschließenden Gespräch des Kapitels deutlich.

Ruth 2,21–23

Sicherheit und Versorgung bis zum Ende der Erntezeit

Nachdem Naemi erfahren hat, dass Boas zu den möglichen Lösern ihrer Familie gehört, ergänzt Ruth ihren Bericht um eine weitere wichtige Einzelheit. Boas hat ihr nicht nur für diesen einen Tag erlaubt, auf seinem Feld Ähren zu sammeln. Er hat sie ausdrücklich aufgefordert, bei seinen Arbeitskräften zu bleiben, bis seine gesamte Ernte abgeschlossen ist. Damit eröffnet sich für Ruth eine Aussicht, die über die ungewöhnlich gute Versorgung des ersten Tages hinausreicht.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ihre wirtschaftliche Zukunft von großer Unsicherheit geprägt. Als sie am Morgen aufgebrochen war, wusste sie noch nicht einmal, auf welchem Feld sie arbeiten durfte. Nun besitzt sie die Zusage eines angesehenen Feldbesitzers, während der gesamten Erntezeit in seiner Arbeitsgemeinschaft bleiben zu können. Sie muss also nicht nach jedem erfolgreichen Tag erneut um eine Gelegenheit zum Ährenlesen bitten. Diese Verlässlichkeit ist für Ruth und Naemi besonders wertvoll, weil sie ihnen ermöglicht, ihre Versorgung zumindest für die kommenden Wochen besser einzuschätzen.

Auffällig ist, dass der Erzähler Ruth in Vers 21 erneut ausdrücklich als Moabiterin bezeichnet. Ihre Herkunft wurde bereits mehrfach genannt und bleibt auch jetzt Bestandteil ihrer Geschichte. Gerade während sich Ruth zunehmend in das Leben Bethlehems einfügt, erinnert der Text daran, dass sie ursprünglich aus einem anderen Volk stammt. Ihre Aufnahme auf dem Feld des Boas bedeutet nicht, dass ihre Vergangenheit ausgelöscht wird. Vielmehr zeigt die Erzählung, wie eine fremde Frau innerhalb Israels Unterstützung und einen Platz im gemeinsamen Arbeitsleben findet.

Ruth berichtet, dass Boas ihr geboten habe, sich an seine Knechte zu halten. Hier fällt beim Vergleich mit seiner ursprünglichen Anweisung eine sprachliche Besonderheit auf. In Ruth 2,8 hatte Boas ausdrücklich von seinen jungen Arbeiterinnen gesprochen. Ruth verwendet nun einen hebräischen Ausdruck in der männlichen Mehrzahl, der mit „Knechte“ wiedergegeben werden kann. Naemi wird unmittelbar darauf wieder von den jungen Frauen sprechen.

Diese unterschiedliche Wortwahl muss nicht bedeuten, dass Ruth die Anweisung des Boas falsch verstanden hat. Im Hebräischen kann die männliche Mehrzahl auch eine gemischte Gruppe bezeichnen. Ruth könnte daher allgemein die Menschen meinen, die auf seinem Feld arbeiten. Ebenso ist denkbar, dass ihre Wortwahl die Schnitter hervorhebt, denen sie während des Ährenlesens folgt. Der Text erklärt nicht ausdrücklich, weshalb Ruth hier eine andere Bezeichnung verwendet als Boas zuvor.

Für das Verständnis ist deshalb entscheidend, was alle drei Aussagen gemeinsam haben: Ruth soll bei den Menschen bleiben, die auf dem Feld des Boas arbeiten. Dadurch kann sie weiterhin von der gewährten Hilfe profitieren. Sie erhält keine Anstellung als reguläre Schnitterin, sondern darf die Nachlese unter den besonderen Bedingungen fortsetzen, die Boas für sie geschaffen hat.

In Vers 22 reagiert Naemi zustimmend auf diese Nachricht. Sie hält es für gut, dass Ruth mit den jungen Arbeiterinnen des Boas hinausgeht. Damit bestätigt sie den Wert der Zusage, weist jedoch zugleich auf einen weiteren Gesichtspunkt hin: Ruths persönliche Sicherheit. Naemi möchte verhindern, dass ihrer Schwiegertochter auf einem anderen Feld etwas zustößt.

Die Schlachter-Übersetzung von 1951 formuliert, dass man Ruth nicht auf einem anderen Acker antreffen solle. Diese Wiedergabe kann heute so verstanden werden, als gehe es lediglich darum, nicht an einem unerwünschten Ort gesehen zu werden. Der hebräische Ausdruck ist jedoch stärker. Das verwendete Verb paga kann ein Zusammentreffen bezeichnen, je nach Zusammenhang aber auch ein feindliches Entgegentreten oder einen Übergriff. Deshalb geben verschiedene neuere Übersetzungen die Aussage sinngemäß als Warnung vor Belästigung oder Misshandlung wieder.

Naemis Sorge ist vor diesem Hintergrund gut verständlich. Auf dem Feld des Boas besitzt Ruth inzwischen eine ausdrückliche Schutzzusage. Der Besitzer hat seine Arbeiter angewiesen, sie nicht zu bedrängen und ihr beim Ährenlesen keine Schwierigkeiten zu machen. Auf einem fremden Feld wäre ein solcher Schutz dagegen nicht selbstverständlich. Ruth könnte dort Menschen begegnen, die ihre Anwesenheit ablehnen oder ihre verletzliche Stellung ausnutzen.

Der Text berichtet allerdings nicht, dass auf anderen Feldern tatsächlich Übergriffe gegen Ruth stattgefunden haben oder dass alle übrigen Feldbesitzer Bethlehems fremdenfeindlich gewesen seien. Naemi spricht von einer möglichen Gefahr. Gerade weil Ruth eine alleinstehende Frau ohne eigene gesellschaftliche Absicherung ist, erscheint es ihr vernünftig, eine bereits vorhandene sichere Arbeitsmöglichkeit nicht leichtfertig aufzugeben.

Besonders bemerkenswert ist, dass Naemi ausdrücklich die Nähe zu den Arbeiterinnen empfiehlt. Im vorherigen Gespräch hatte Ruth allgemein von den Knechten gesprochen. Naemi lenkt ihre Aufmerksamkeit nun auf die jungen Frauen. Möglicherweise möchte sie damit bewusst hervorheben, dass Ruth sich in deren Gesellschaft sicherer bewegen kann. Diese Erklärung passt zu ihrer Sorge vor möglichen Übergriffen. Ob Naemi zugleich eine besondere Warnung vor dem Umgang mit den männlichen Arbeitern aussprechen will, bleibt jedoch offen. Der Erzähler berichtet nichts von einem entsprechenden Fehlverhalten Ruths.

Die Empfehlung Naemis zeigt zugleich, dass ihre Beziehung zu Ruth nicht nur aus einseitiger Fürsorge besteht. Ruth hat durch ihre Arbeit zur Versorgung beider Frauen beigetragen. Naemi wiederum bringt ihre Lebenserfahrung und ihre Kenntnis der gesellschaftlichen Verhältnisse ein. Sie erkennt, welche Bedeutung die Unterstützung des Boas besitzt, und hilft Ruth, die damit verbundenen Möglichkeiten und Risiken richtig einzuschätzen.

Darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen Abhängigkeit und gegenseitiger Verantwortung. Naemi kann Ruth nicht dieselbe wirtschaftliche Sicherheit bieten wie Boas. Dennoch ist sie nicht bedeutungslos für das gemeinsame Leben. Sie kann aufmerksam zuhören, Erfahrungen weitergeben und Entscheidungen mitbedenken. Ruth wiederum nimmt ihre Schwiegermutter ernst und setzt deren Rat in die Tat um. Beide Frauen unterstützen einander auf unterschiedliche Weise.

Vers 23 berichtet, dass Ruth tatsächlich bei den Arbeiterinnen des Boas bleibt. Der Erzähler verwendet dafür erneut das hebräische Verb dabaq, das bereits in Ruth 1,14 begegnet. Dort bezeichnete es Ruths entschlossenes Festhalten an Naemi. Hier beschreibt es ihre beständige Nähe zu den Frauen, mit denen sie auf dem Feld arbeitet.

Die beiden Zusammenhänge sind unterschiedlich. Ruths Bindung an Naemi ist eine persönliche und familiäre Verpflichtung, während es nun um das Festhalten an einer sicheren Arbeitsgemeinschaft geht. Dennoch verbindet die wiederholte Wortwahl beide Stellen. Ruth erscheint als ein Mensch, der eine getroffene Entscheidung nicht bei der ersten Gelegenheit wieder aufgibt. Sie bleibt ihrer Schwiegermutter verbunden und hält sich zugleich an die Vereinbarung, die ihre weitere Versorgung ermöglicht.

Der Erzähler fasst nun einen längeren Zeitraum zusammen. Ruth sammelt Ähren bis zum Ende der Gerstenernte und auch während der anschließenden Weizenernte. Damit umfasst Vers 23 nicht nur wenige weitere Tage, sondern mehrere Wochen landwirtschaftlicher Arbeit. In Israel begann die Gerstenernte gewöhnlich im Frühjahr. Die Weizenernte folgte etwas später und konnte bis in die Zeit des Wochenfestes reichen. Die genauen Termine hingen von der Region und den jeweiligen Witterungsbedingungen ab.

Diese Zeitangabe erfüllt eine wichtige Aufgabe im Aufbau des Buches. Ruth 1 endete mit der Ankunft der beiden Frauen zu Beginn der Gerstenernte. Ruth 2 schließt nun mit dem Ende der Gersten- und Weizenernte. Der Erzähler führt den Leser damit von einem einzelnen Arbeitstag durch eine längere Phase des Lebens in Bethlehem. Die Begegnung mit Boas bleibt nicht auf einen kurzen Augenblick beschränkt. Seine Zusage ermöglicht Ruth, über die folgende Erntezeit hinweg auf seinem Feld tätig zu sein.

Dabei erfahren wir nicht, ob Ruth jeden einzelnen Tag dieselbe Menge Getreide wie bei ihrer ersten Begegnung mit Boas sammeln konnte. Der außergewöhnliche Ertrag von etwa einem Epha Gerste wird nur für jenen ersten Tag ausdrücklich genannt. Es wäre deshalb unbegründet, diese Menge mit sämtlichen Erntetagen zu multiplizieren oder daraus einen sicheren Gesamtvorrat zu berechnen. Der Text bestätigt ihre fortgesetzte Möglichkeit zur Nachlese, gibt aber keine vollständige wirtschaftliche Bilanz dieser Wochen.

Ebenso wenig berichtet der Erzähler ausführlich von weiteren Begegnungen zwischen Ruth und Boas während dieser Zeit. Dass Ruth auf seinem Feld bleiben darf, zeigt, dass seine Zusage Bestand hat. Ob und wie oft die beiden persönlich miteinander sprechen, wird nicht gesagt. Die Geschichte lässt diese Einzelheiten aus und konzentriert sich auf das, was für ihren weiteren Verlauf wichtig ist: Ruth kann ihre Arbeit fortsetzen und bleibt in der Nähe eines Mannes, der ihrer Familie möglicherweise noch umfassender helfen könnte.

Der letzte Satz des Kapitels richtet den Blick wieder auf Naemi. Ruth wohnt weiterhin bei ihrer Schwiegermutter. Damit schließt der Erzähler den begonnenen Lebensabschnitt nicht auf dem Feld des Boas, sondern in der häuslichen Gemeinschaft der beiden Frauen ab.

Die Schlachter-Übersetzung von 1951 formuliert, dass Ruth nach der Ernte bei Naemi blieb. Der hebräische Text lässt jedoch auch die Erklärung zu, dass sie während der gesamten Erntezeit bei ihr wohnte. Einige alte Textzeugen und Übersetzungen besitzen eine abweichende Formulierung, die sinngemäß von Ruths Rückkehr zu Naemi spricht. Aus diesen Unterschieden ergibt sich aber kein sicherer Hinweis darauf, dass Ruth während der Erntezeit anderswo gelebt hätte. Bereits ihre Heimkehr in Vers 18 zeigt, dass sie nach ihrer Feldarbeit zu Naemi zurückkehrte.

Gerade deshalb darf die Erwähnung ihres gemeinsamen Wohnens nicht übergangen werden. Ruth ist während der vergangenen Wochen in eine neue Arbeitsgemeinschaft eingetreten. Sie hat die Großzügigkeit eines angesehenen Mannes erfahren und eine Möglichkeit gefunden, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Trotzdem bleibt ihre Verbindung zu Naemi bestehen. Die neue Bekanntschaft ersetzt nicht die Verantwortung, die sie ihrer Schwiegermutter gegenüber übernommen hat.

Zugleich endet die Erntezeit, von der ihre bisherige Versorgung wesentlich abhing. Diese Veränderung bereitet den nächsten Abschnitt der Geschichte vor. Solange Getreide geerntet wird, kann Ruth durch Nachlese Nahrung gewinnen. Doch wenn diese Arbeiten abgeschlossen sind, stellt sich die Frage, wie ihre längerfristige Zukunft aussehen soll. Besonders eine dauerhafte familiäre und wirtschaftliche Absicherung ist damit noch nicht geklärt.

Genau an diesem Punkt setzt das folgende Kapitel an. Dort wird Naemi selbst die Initiative ergreifen und darüber nachdenken, wie für Ruth eine gesicherte Zukunft entstehen könnte (Ruth 3,1–2). Die Erwähnung des gemeinsamen Wohnens schafft somit einen natürlichen Übergang. Die beiden Frauen sind weiterhin aufeinander angewiesen und tragen gemeinsam die Verantwortung für ihr Leben. Zugleich haben die Ereignisse auf dem Feld des Boas eine Möglichkeit eröffnet, deren vollständige Bedeutung noch vor ihnen liegt.

Ruth 2 endet daher ohne eine abschließende Lösung aller Schwierigkeiten. Naemi und Ruth haben Nahrung, eine verlässliche Arbeitsmöglichkeit während der Ernte und die Bekanntschaft mit einem hilfsbereiten Verwandten gewonnen. Doch es bleibt offen, welche Rolle Boas als Löser tatsächlich übernehmen kann und ob daraus eine dauerhafte Zukunft für die Familie entstehen wird.

Der Erzähler lässt diese Frage bewusst stehen. Was am Anfang des Kapitels mit dem einfachen Wunsch begann, einige Ähren zu sammeln, hat sich zu einer beständigen Verbindung mit dem Haushalt des Boas entwickelt. Die Voraussetzungen für den weiteren Verlauf sind geschaffen, doch die entscheidenden Schritte stehen noch aus.

Geistliche Kernbotschaft

Ruth 2 zeigt, wie Gottes Fürsorge im gewöhnlichen Leben sichtbar werden kann. Die Geschichte berichtet von keiner übernatürlichen Erscheinung und keinem spektakulären Wunder. Stattdessen begegnen uns Menschen, die arbeiten, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und einander helfen. Gerade durch diese alltäglichen Vorgänge entsteht eine neue Perspektive für zwei Frauen, deren Zukunft zuvor von großer Unsicherheit geprägt war. Das Kapitel eröffnet damit einen wichtigen Blick auf Gottes Handeln: Seine Fürsorge muss nicht immer durch außergewöhnliche Ereignisse erkennbar werden. Sie kann sich auch dort zeigen, wo Menschen die Möglichkeiten nutzen, die ihnen gegeben sind, und anderen mit Güte begegnen.

Dabei ist entscheidend, dass Gottes Hilfe und menschliche Verantwortung nicht gegeneinander ausgespielt werden. Ruth vertraut dem Gott Israels, doch sie bleibt nicht untätig. Boas bittet den HERRN um seinen Segen für Ruth, übernimmt aber gleichzeitig selbst Verantwortung für ihre Sicherheit und Versorgung. Sein Gebet ersetzt nicht sein Handeln, und Ruths Arbeit macht seine Unterstützung nicht überflüssig. Beide Seiten ergänzen einander. So entsteht ein Bild des Glaubens, bei dem das Vertrauen auf Gott nicht vom täglichen Leben getrennt wird, sondern darin Ausdruck findet.

Besonders deutlich wird Gottes Wesen in den Schutzbestimmungen, die den Hintergrund dieser Geschichte bilden. Der HERR hatte Israel nicht nur Gebote für Gottesdienst und Opfer gegeben. Er hatte auch festgelegt, dass Menschen ohne ausreichende wirtschaftliche Mittel an der Versorgung des Landes teilhaben sollten. Witwen, Fremde und Arme sollten nicht übersehen werden. Gottes Gerechtigkeit betrifft damit nicht allein die Bestrafung von Unrecht, sondern ebenso den Schutz derjenigen, die sich selbst nur schwer helfen können. Seine Güte soll im Zusammenleben seines Volkes erkennbar werden.

Boas zeigt darüber hinaus, dass die Erfüllung eines Gebotes nicht die Grenze aller Barmherzigkeit sein muss. Er beschränkt sich nicht darauf, Ruth das gesetzlich vorgesehene Ährenlesen zu gestatten. Er berücksichtigt ihre Sicherheit, versorgt sie mit Nahrung und schafft Bedingungen, unter denen ihre Arbeit einen größeren Ertrag bringen kann. Seine Großzügigkeit geht über die bloße Einhaltung einer Vorschrift hinaus, ohne deren Bedeutung geringzuschätzen. Darin wird sichtbar, dass Gottes Gebote nicht nur äußerlich erfüllt, sondern aus einer Haltung der Liebe heraus gelebt werden sollen.

Eine weitere geistliche Botschaft liegt darin, wie Ruth wahrgenommen wird. Sie besitzt weder Wohlstand noch eine angesehene gesellschaftliche Stellung. Auch ihre Herkunft aus Moab könnte dazu führen, dass Menschen ihr mit Abstand begegnen. Boas beurteilt sie jedoch nicht allein nach diesen äußeren Umständen. Er erkennt ihre Treue, ihre Verantwortung und ihren Glauben an den HERRN. Damit erinnert die Geschichte daran, dass der Wert eines Menschen nicht von seiner Herkunft, seinem Besitz oder seiner gesellschaftlichen Bedeutung abhängt.

Gleichzeitig vermittelt das Kapitel eine behutsame Hoffnung. Der Leser kann erkennen, dass die Begegnung mit Boas für die weitere Geschichte wichtig werden könnte. Ruth und Naemi selbst besitzen jedoch noch keine Gewissheit über ihre langfristige Zukunft. Das Kapitel fordert deshalb nicht dazu auf, jede zufällige Begegnung sofort als eindeutig entschlüsselbaren Plan Gottes zu betrachten. Es zeigt vielmehr, dass menschliches Wissen begrenzt bleibt. Auch wenn ein Mensch die weiterreichende Bedeutung seiner gegenwärtigen Erfahrungen noch nicht erkennt, kann sein Leben neue Möglichkeiten enthalten.

Die geistliche Mitte von Ruth 2 liegt somit in der Verbindung von Vertrauen, Treue und gelebter Barmherzigkeit. Gott ist nicht nur Gegenstand der Segenswünsche, die in dieser Geschichte ausgesprochen werden. Seine Gebote und sein Wesen bilden zugleich den Maßstab für das Verhalten der Menschen. Wo Schutz gewährt, Not gelindert und die Würde eines anderen Menschen geachtet wird, gewinnt diese Beziehung zu Gott im Alltag konkrete Gestalt.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Eine besonders enge Verbindung besteht zu 5. Mose 10,17–19. Dort wird Gott als derjenige beschrieben, der Waisen und Witwen Recht verschafft und Fremde liebt, indem er ihnen Nahrung und Kleidung gibt. Anschließend fordert er Israel ausdrücklich auf, ebenfalls Fremde zu lieben. Die Begründung liegt in der eigenen Geschichte des Volkes, das selbst als Fremdling in Ägypten gelebt hatte. Ruth 2 zeigt, wie dieser Grundsatz praktisch verwirklicht werden kann. Boas behandelt Ruth nicht als unerwünschte Ausländerin, sondern berücksichtigt ihre Bedürfnisse und schützt ihre Rechte. Damit wird ein wesentlicher Gedanke des göttlichen Gesetzes im alltäglichen Zusammenleben sichtbar: Wer Gottes Güte kennt, soll anderen Menschen nicht gleichgültig begegnen.

Dazu gehört auch 5. Mose 15,7–11. Dort wird Israel davor gewarnt, gegenüber armen Menschen das Herz zu verhärten und ihnen die notwendige Hilfe zu verweigern. Die Aufforderung richtet sich nicht nur auf das äußere Geben, sondern ebenso auf die innere Haltung. Unterstützung soll nicht widerwillig erfolgen. Boas' Verhalten erhält durch diesen Zusammenhang seine besondere Bedeutung. Seine zusätzlichen Hilfen zeigen, dass er Ruths Not nicht lediglich als gesetzliche Verpflichtung betrachtet. Er ist bereit, seine eigenen Möglichkeiten einzusetzen, damit sie ausreichend Nahrung erhält und dabei ihre Würde bewahren kann.

Der Schutzgedanke wird in Psalm 146,9 noch einmal vertieft. Dort heißt es, dass der HERR die Fremdlinge behütet und Witwen und Waisen aufrichtet. Der Psalm beschreibt damit Menschen, die aufgrund ihrer Lebensumstände besonders auf Schutz und Hilfe angewiesen sein können. Ruth gehört gleich zwei dieser Gruppen an. Der Psalm spricht unmittelbar von Gottes Fürsorge, während Ruth 2 erzählt, wie eine solche Fürsorge durch menschliches Verhalten erfahrbar werden kann. Beide Texte gehören zu derselben biblischen Botschaft, dass Gott die Schwachen nicht übersieht und sein Volk zu einem gerechten Umgang mit ihnen verpflichtet.

Eine besonders schöne sprachliche Verbindung entsteht durch das Bild der schützenden Flügel. In Psalm 91,1–4 wird Gottes Fürsorge als ein sicherer Zufluchtsort beschrieben. Der Mensch darf unter seinen Flügeln Schutz suchen. Boas verwendet dieses Bild in Ruth 2,12, um Ruths Hinwendung zum Gott Israels zu beschreiben. Sie hat ihre bisherige Heimat verlassen und sucht nun Zuflucht bei dem HERRN. Die Bildsprache verbindet ihren persönlichen Glaubensschritt mit einer Verheißung, die auch in anderen biblischen Texten zum Ausdruck kommt: Gott ist eine Zuflucht für Menschen, die sich ihm anvertrauen.

Innerhalb des Ruthbuches wird dieses Bild in Ruth 3,9 weitergeführt. Dort bittet Ruth Boas, seinen Flügel beziehungsweise den Saum seines Gewandes über sie auszubreiten, weil er ein familiärer Löser ist. Die beiden Stellen stehen in einer bemerkenswerten Beziehung. Zunächst spricht Boas von Gottes schützenden Flügeln. Später bittet Ruth ihn selbst um Schutz im Rahmen seiner verwandtschaftlichen Verantwortung. Dadurch entsteht eine Verbindung zwischen göttlicher Fürsorge und menschlichem Handeln. Ihre genaue rechtliche und persönliche Bedeutung wird erst in Kapitel 3 entfaltet.

Auch der Begriff des Lösers verbindet Ruth 2 mit anderen Teilen der Schrift. Nach 3. Mose 25,25 konnte ein naher Verwandter unter bestimmten Voraussetzungen helfen, verlorenen Familienbesitz zurückzukaufen. Ein solcher Angehöriger wurde als goel bezeichnet. In Jesaja 41,14 und 43,14 verwendet Gott diese Bezeichnung für sich selbst als Erlöser seines Volkes. Die gemeinsame Sprache eröffnet einen bedeutsamen Zusammenhang: Erlösung wird in der Bibel mit Befreiung, Wiederherstellung und der Übernahme von Verantwortung für Menschen verbunden, die sich nicht selbst helfen können.

Dabei muss zwischen dem menschlichen Familienrecht und Gottes Erlösungswerk unterschieden werden. Boas handelt innerhalb der gesellschaftlichen und rechtlichen Möglichkeiten seiner Zeit. Gottes Erlösung reicht weit darüber hinaus. Deshalb wäre es zu einfach, Boas schon aufgrund seiner Bezeichnung als Löser in allen Einzelheiten mit Jesus Christus gleichzusetzen. Die Verbindung gewinnt ihre tiefere Bedeutung erst durch den größeren biblischen Zusammenhang und die weitere Entwicklung des Ruthbuches.

Im Neuen Testament begegnet die Verbindung von Glauben und tätiger Liebe besonders deutlich in Jakobus 2,15–17. Jakobus beschreibt eine Situation, in der Menschen Nahrung und Kleidung benötigen. Freundliche Worte allein genügen nicht, wenn jemand helfen könnte, aber die notwendige Unterstützung verweigert. Echter Glaube soll sich im Handeln zeigen. Boas' Verhalten bietet dazu eine anschauliche alttestamentliche Parallele. Er wünscht Ruth Gottes Segen und sorgt zugleich dafür, dass sie Essen, Wasser und Schutz erhält. Die beiden Texte zeigen auf unterschiedliche Weise, weshalb tätige Barmherzigkeit zum gelebten Glauben gehört.

Schließlich führt die weitere Familiengeschichte über Ruth 4,17–22 zu David und von dort zur Abstammungslinie Jesu Christi, in der Ruth ausdrücklich genannt wird (Matthäus 1,5). Damit wird ihre Geschichte später in einen heilsgeschichtlichen Zusammenhang gestellt, dessen Tragweite in Ruth 2 noch verborgen bleibt. Der Evangelist Matthäus nennt Ruth nicht als zufällige Randfigur, sondern als Bestandteil der Herkunftsgeschichte Jesu. Dadurch wird rückblickend sichtbar, dass die Geschichte einer moabitischen Witwe innerhalb der größeren biblischen Heilsgeschichte einen bleibenden Platz erhält.

Wichtige Lektionen

Ruth 2 erinnert zunächst daran, dass Verantwortung häufig mit den Möglichkeiten beginnt, die uns bereits zur Verfügung stehen. Ruth kann ihre schwierige Lage nicht auf einmal verändern. Sie besitzt kein eigenes Feld und kann ihre wirtschaftliche Zukunft nicht vollständig absichern. Dennoch erkennt sie eine konkrete Aufgabe, die sie übernehmen kann, und handelt entsprechend. Daraus ergibt sich eine praktische Ermutigung: Nicht jedes Problem lässt sich sofort lösen, aber oft gibt es einen nächsten sinnvollen Schritt. Glauben bedeutet nicht, alle Möglichkeiten bereits zu kennen, bevor man verantwortlich handelt.

Ebenso wichtig ist die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen. Ruth bemüht sich um ihren Lebensunterhalt, doch sie lehnt die Unterstützung des Boas nicht ab. Sie nimmt die Mahlzeit, das Wasser und die zusätzlichen Möglichkeiten zum Ährenlesen dankbar entgegen. Damit zeigt die Geschichte, dass persönliche Verantwortung nicht bedeutet, alles allein schaffen zu müssen. Menschen können zugleich eigenständig handeln und auf die Güte anderer angewiesen sein. Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen mangelnden Wertes, und wer Hilfe benötigt, verliert dadurch nicht seine Würde.

Für Menschen, die über Besitz, Einfluss oder Verantwortung für andere verfügen, stellt das Verhalten des Boas eine besondere Herausforderung dar. Er könnte Ruth lediglich gestatten, die gesetzlich vorgesehenen Ähren aufzusammeln. Stattdessen achtet er auch darauf, wie sie während ihrer Arbeit behandelt wird. Daraus lässt sich eine konkrete Frage ableiten: Genügt es uns, jemandem eine Möglichkeit einzuräumen, oder sorgen wir auch dafür, dass diese Möglichkeit ohne Angst und Demütigung genutzt werden kann? Besonders im Arbeitsleben, in Familien und in Gemeinschaften ist es entscheidend, dass Menschen nicht nur formal Rechte besitzen, sondern tatsächlich geschützt und respektiert werden.

Das Kapitel zeigt außerdem, dass wahre Großzügigkeit die Bedürfnisse des anderen aufmerksam wahrnimmt. Boas hilft Ruth nicht mit einer einzigen allgemeinen Geste. Er berücksichtigt verschiedene Seiten ihrer Situation und handelt entsprechend. Daraus folgt, dass Hilfe nicht immer darin bestehen muss, möglichst viel zu geben. Oft ist es wichtiger, genau zu verstehen, was ein Mensch benötigt. Manchmal geht es um Nahrung oder finanzielle Unterstützung, manchmal um einen sicheren Ort, eine faire Gelegenheit zur Arbeit oder einfach darum, ernst genommen zu werden.

Eine weitere Lektion betrifft unsere Haltung gegenüber Menschen, deren Herkunft oder Lebensgeschichte sich von unserer eigenen unterscheidet. Ruth ist für Boas zunächst eine fremde Frau. Doch ihre Herkunft hindert ihn nicht daran, ihr gerecht und freundlich zu begegnen. Für das eigene Leben bedeutet das, Menschen nicht vorschnell auf äußere Merkmale oder gesellschaftliche Unterschiede zu reduzieren. Wer einem anderen begegnet, sollte bereit sein, seine persönliche Geschichte kennenzulernen und ihn nach seinem tatsächlichen Verhalten zu beurteilen. Respekt darf nicht davon abhängen, ob jemand aus derselben Familie, Gesellschaft oder Kultur stammt.

Ruths Umgang mit ihrer erhaltenen Versorgung vermittelt darüber hinaus eine stille, aber bedeutende Lehre. Sie denkt nicht nur an den eigenen Bedarf, sondern bringt Naemi etwas von ihrer Mahlzeit und den Ertrag ihrer Arbeit mit. Damit wird deutlich, dass empfangene Hilfe weitergegeben werden kann. Wer selbst etwas Gutes erfahren hat, erhält möglicherweise die Gelegenheit, auch einem anderen Menschen beizustehen. Das muss nicht immer mit großen Mitteln geschehen. Auch eine kleine, aufmerksame Handlung kann für jemanden, der auf Unterstützung angewiesen ist, von großer Bedeutung sein.

Naemis Verhalten zeigt wiederum, wie wertvoll es ist, neue Entwicklungen aufmerksam wahrzunehmen. Sie erkennt an Ruths ungewöhnlicher Ernte, dass ihrer Schwiegertochter jemand geholfen haben muss. Durch ihre Nachfrage erfährt sie, dass dieser Mensch sogar zur eigenen Verwandtschaft gehört. Daraus lässt sich lernen, gute Möglichkeiten nicht aus Gleichgültigkeit oder Hoffnungslosigkeit zu übersehen. Auch nach schweren Verlusten kann es sinnvoll sein, aufmerksam zu bleiben, nachzufragen und neue Wege sorgfältig zu prüfen, ohne vorschnell zu behaupten, bereits Gottes gesamten Plan zu kennen.

Schließlich erinnert das Kapitel daran, dass menschliche Güte nicht immer sofort zu einer vollständigen Lösung führen muss, um wertvoll zu sein. Boas hat Ruth und Naemi noch keine dauerhaft gesicherte Zukunft verschafft. Er hat jedoch ihre gegenwärtige Not gelindert und ihnen für eine bestimmte Zeit verlässliche Hilfe ermöglicht. Das ist bereits von großer Bedeutung. Wer anderen hilft, muss nicht sämtliche Schwierigkeiten ihres Lebens beseitigen können. Oft ist es entscheidend, das zu tun, was innerhalb der eigenen Möglichkeiten tatsächlich hilfreich und verantwortbar ist.

Ruth 2 lädt damit zu einem Glauben ein, der sich nicht auf Worte oder gute Absichten beschränkt. Vertrauen auf Gott, verantwortliches Handeln, tätige Liebe und Achtung vor der Würde anderer Menschen gehören zusammen. Die Geschichte ermutigt dazu, die eigenen Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen, Bedürftige nicht zu übersehen und Hilfe so zu geben, dass sie dem anderen wirklich zugutekommt. Gerade in solchen gewöhnlichen Entscheidungen kann etwas von Gottes Güte sichtbar werden.