Römer 9
Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir Zeugnis gibt mein Gewissen in dem Heiligen Geist,
33 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir Zeugnis gibt mein Gewissen in dem Heiligen Geist,
- 2 daß ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlaß in meinem Herzen habe.
- 3 Ich habe gewünscht, verbannt zu sein von Christo für meine Brüder, die meine Gefreundeten sind nach dem Fleisch;
- 4 die da sind von Israel, welchen gehört die Kindschaft und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen;
- 5 welcher auch sind die Väter, und aus welchen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen.
- 6 Aber nicht sage ich solches, als ob Gottes Wort darum aus sei. Denn es sind nicht alle Israeliter, die von Israel sind;
- 7 auch nicht alle, die Abrahams Same sind, sind darum auch Kinder. Sondern “in Isaak soll dir der Same genannt sein”.
- 8 Das ist: nicht sind das Gottes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind; sondern die Kinder der Verheißung werden für Samen gerechnet.
- 9 Denn dies ist ein Wort der Verheißung, da er spricht: “Um diese Zeit will ich kommen, und Sara soll einen Sohn haben.”
- 10 Nicht allein aber ist's mit dem also, sondern auch, da Rebekka von dem einen, unserm Vater Isaak, schwanger ward:
- 11 ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, auf daß der Vorsatz Gottes bestünde nach der Wahl,
- 12 nicht aus Verdienst der Werke, sondern aus Gnade des Berufers, ward zu ihr gesagt: “Der Ältere soll dienstbar werden dem Jüngeren”,
- 13 wie denn geschrieben steht: “Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehaßt.”
- 14 Was wollen wir denn hier sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne!
- 15 Denn er spricht zu Mose: “Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und welches ich mich erbarme, des erbarme ich mich.”
- 16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.
- 17 Denn die Schrift sagt zum Pharao: “Ebendarum habe ich dich erweckt, daß ich an dir meine Macht erzeige, auf daß mein Name verkündigt werde in allen Landen.”
- 18 So erbarmt er sich nun, welches er will, und verstockt, welchen er will.
- 19 So sagst du zu mir: Was beschuldigt er uns denn? Wer kann seinem Willen widerstehen?
- 20 Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, daß du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich also?
- 21 Hat nicht ein Töpfer Macht, aus einem Klumpen zu machen ein Gefäß zu Ehren und das andere zu Unehren?
- 22 Derhalben, da Gott wollte Zorn erzeigen und kundtun seine Macht, hat er mit großer Geduld getragen die Gefäße des Zorns, die da zugerichtet sind zur Verdammnis;
- 23 auf daß er kundtäte den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er bereitet hat zur Herrlichkeit,
- 24 welche er berufen hat, nämlich uns, nicht allein aus den Juden sondern auch aus den Heiden.
- 25 Wie er denn auch durch Hosea spricht: “Ich will das mein Volk heißen, daß nicht mein Volk war, und meine Liebe, die nicht meine Liebe war.”
- 26 “Und soll geschehen: An dem Ort, da zu ihnen gesagt ward: ‘Ihr seid nicht mein Volk’, sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden.”
- 27 Jesaja aber schreit für Israel: “Wenn die Zahl der Kinder Israel würde sein wie der Sand am Meer, so wird doch nur der Überrest selig werden;
- 28 denn es wird ein Verderben und Steuern geschehen zur Gerechtigkeit, und der HERR wird das Steuern tun auf Erden.”
- 29 Und wie Jesaja zuvorsagte: “Wenn uns nicht der HERR Zebaoth hätte lassen Samen übrig bleiben, so wären wir wie Sodom und Gomorra.”
- 30 Was wollen wir nun hier sagen? Das wollen wir sagen: Die Heiden, die nicht haben nach der Gerechtigkeit getrachtet, haben Gerechtigkeit erlangt; ich sage aber von der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt.
- 31 Israel aber hat dem Gesetz der Gerechtigkeit nachgetrachtet, und hat das Gesetz der Gerechtigkeit nicht erreicht.
- 32 Warum das? Darum daß sie es nicht aus dem Glauben, sondern aus den Werken des Gesetzes suchen. Denn sie haben sich gestoßen an den Stein des Anlaufens,
- 33 wie geschrieben steht: “Siehe da, ich lege in Zion einen Stein des Anlaufens und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zu Schanden werden.”
Kapitelüberblick
Die tiefe Trauer des Paulus über seine jüdischen Volksgenossen führt zu einer ernsten Frage: Ist Gottes Verheißung an Israel gescheitert, weil viele Jesus nicht als den verheißenen Messias angenommen haben? Paulus erklärt, dass die Zugehörigkeit zu Gottes Volk nicht allein durch die natürliche Abstammung bestimmt wird. An den Beispielen von Isaak und Jakob zeigt er, dass Gottes Erwählung auf seiner Gnade und seinem eigenen Vorsatz beruht, nicht auf menschlichen Leistungen oder Ansprüchen.
Anschließend spricht Paulus über Gottes Barmherzigkeit, seine Gerechtigkeit und die Verhärtung des Pharaos. Mit dem Bild vom Töpfer und dem Ton verdeutlicht er Gottes Autorität über seine Schöpfung und erinnert zugleich an seine große Geduld. Durch die Propheten Hosea und Jesaja erklärt er, dass Gott auch Menschen aus den Heiden beruft und einen Überrest Israels bewahrt.
Am Ende zeigt Paulus, weshalb der Glaube entscheidend ist: Während Menschen aus den Heiden durch Glauben Gerechtigkeit erlangen, verfehlen viele Israeliten dieses Ziel, weil sie Gerechtigkeit durch Werke erreichen wollen. Jesus Christus wird damit zum entscheidenden Prüfstein.
Einführung
Am Ende des achten Kapitels hat Paulus mit großer Gewissheit erklärt, dass nichts die Gläubigen von der Liebe Gottes in Jesus Christus trennen kann (Römer 8,31–39). Diese Zusicherung bildet den Hintergrund für den folgenden größeren Abschnitt des Briefes. In Römer 9 bis 11 betrachtet Paulus die Geschichte Israels und erklärt, wie Gottes bisheriges Handeln mit seinen unveränderlichen Zusagen zusammenhängt.
Dabei schreibt Paulus nicht als unbeteiligter Beobachter. Er selbst stammt aus dem Volk Israel, ist ein Nachkomme Abrahams und gehört zum Stamm Benjamin (Römer 11,1; Philipper 3,5). Er kennt die heiligen Schriften seines Volkes und weiß, welche Bedeutung die Bündnisse, das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen für Israel besitzen. Deshalb argumentiert er ausführlich mit den fünf Büchern Mose und den Propheten. Seine Leser sollen verstehen, dass das Evangelium keine von Israels Geschichte losgelöste Botschaft ist, sondern mit Gottes früheren Zusagen in Verbindung steht.
Für das Verständnis dieses Kapitels ist außerdem wichtig, dass Paulus verschiedene Fragen miteinander verbindet. Er spricht über die Erwählung bestimmter Menschen und Völker innerhalb der Heilsgeschichte, über Gottes freie Barmherzigkeit und über die persönliche Verantwortung des Menschen. Diese Themen gehören zusammen, sind aber nicht in jeder Aussage gleichzusetzen.
Seine Argumentation entwickelt Paulus teilweise wie ein Gespräch. Er stellt mögliche Einwände selbst, beantwortet sie und führt seine Leser Schritt für Schritt weiter. Deshalb sollten besonders seine Aussagen über Erwählung, Verhärtung und Gottes Gerechtigkeit nicht aus ihrem Zusammenhang gelöst werden. Erst im weiteren Verlauf, insbesondere in Römer 10 und 11, wird vollständig sichtbar, wie Paulus Gottes souveränes Handeln mit dem Ruf zum Glauben, der Warnung vor Unglauben und der Hoffnung auf Wiederherstellung verbindet.
Römer 9,1–5
Die tiefe Trauer des Paulus und Israels besondere Vorrechte
Mit einer ungewöhnlich persönlichen Erklärung beginnt Paulus seine Gedanken über das Volk Israel. Er versichert seinen Lesern, dass er die Wahrheit in Christus sagt, nicht lügt und sein Gewissen ihm im Heiligen Geist Zeugnis gibt (Römer 9,1). Diese dreifache Bekräftigung zeigt, wie ernst ihm seine folgenden Worte sind. Er möchte keinen Zweifel daran lassen, dass seine Gefühle gegenüber Israel aufrichtig sind. Obwohl er als Apostel zu den Heiden berufen wurde und das Evangelium auch unter Menschen verkündigte, die nicht zum jüdischen Volk gehörten, hat er seine eigenen Volksgenossen keineswegs vergessen oder verachtet.
Wenn Paulus sein Gewissen als Zeugen nennt, meint er damit sein inneres Bewusstsein darüber, ob er aufrichtig und wahrhaftig handelt. Durch den ausdrücklichen Hinweis auf den Heiligen Geist stellt er dieses Zeugnis in den Zusammenhang seines Lebens mit Gott. Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes persönliche Gewissensgefühl automatisch unfehlbar wäre. Paulus erklärt an anderer Stelle, dass selbst ein unbelastetes Gewissen noch nicht Gottes endgültiges Urteil ersetzt (1. Korinther 4,4). Hier geht es ihm darum, die Aufrichtigkeit seiner Liebe zu bezeugen und deutlich zu machen, dass seine folgende Klage kein rhetorischer Vorwand ist.
In Vers 2 beschreibt Paulus seinen inneren Zustand als große Traurigkeit und unablässigen Schmerz. Der Grund dafür wird aus dem weiteren Zusammenhang ersichtlich: Viele seiner israelitischen Volksgenossen haben Jesus nicht als den verheißenen Messias angenommen. Gerade Paulus weiß, welche Bedeutung diese Entscheidung besitzt. Er selbst hatte Jesus einst abgelehnt und seine Nachfolger verfolgt, bis ihm der auferstandene Christus auf dem Weg nach Damaskus begegnete (Apostelgeschichte 9,1–6). Deshalb kennt er den religiösen Eifer, mit dem Menschen für Gott einzutreten glauben, obwohl sie sich gegen Gottes Offenbarung stellen. Später wird er ausdrücklich bezeugen, dass Israel Eifer für Gott besitzt, dieser aber nicht von der rechten Erkenntnis begleitet ist (Römer 10,1–3).
Wie tief seine Liebe reicht, zeigt die erschütternde Aussage in Vers 3. Paulus geht so weit zu sagen, dass er wünschen könnte, selbst von Christus getrennt zu sein, wenn dadurch seinen Brüdern geholfen wäre. Das griechische Wort, das die Schlachter 1951 mit „verbannt“ wiedergibt, bezeichnet hier einen Zustand des Fluches oder der Verwerfung. Es geht also nicht lediglich um gesellschaftliche Ausgrenzung oder den Ausschluss aus einer menschlichen Gemeinschaft. Paulus spricht von einer Trennung von Christus, die seinem eigenen größten Lebensgut widersprechen würde. Gerade deshalb ist diese Formulierung so eindringlich. Denn wenige Verse zuvor hatte er noch voller Gewissheit erklärt, dass nichts die Gläubigen von der Liebe Gottes in Jesus Christus trennen kann (Römer 8,38–39).
Diese Worte sind jedoch nicht so zu verstehen, als könnte Paulus tatsächlich seine eigene Erlösung gegen die Erlösung anderer Menschen eintauschen. Er beschreibt einen äußersten Wunsch seiner Liebe, keinen ausführbaren Heilsweg. Eine bemerkenswerte Parallele findet sich bei Mose nach der Sünde Israels mit dem goldenen Kalb. Auch Mose war bereit, für sein Volk einzutreten, und sprach davon, lieber selbst aus Gottes Buch ausgelöscht zu werden, falls Gott Israel nicht vergeben würde (2. Mose 32,30–33). Gott beantwortete diese Bitte mit dem Hinweis auf die persönliche Verantwortung des Sünders. Sowohl Mose als auch Paulus zeigen damit eine außergewöhnliche Bereitschaft, sich mit dem Schicksal ihres Volkes zu verbinden. Doch die eigentliche Rettung kann kein sündiger Mensch stellvertretend bewirken. Sie geschieht durch Jesus Christus, der sein Leben für die Sünder gegeben hat (Römer 5,6–8).
In Vers 4 zählt Paulus anschließend die besonderen Vorrechte Israels auf. Dabei verwendet er ausdrücklich die Bezeichnung „Israeliten“ und erinnert damit an die Geschichte des Volkes, das Gott aus Ägypten befreit und in einen Bund mit sich aufgenommen hatte. Die zuerst genannte Kindschaft geht auf Gottes eigene Erklärung zurück, Israel sei sein erstgeborener Sohn (2. Mose 4,22–23). Damit war das Volk in eine besondere Beziehung zu Gott gerufen worden. Diese gemeinschaftliche Berufung bedeutete jedoch nicht, dass jeder einzelne Israelit unabhängig von seinem Glauben bereits persönlich gerettet war. Genau diese Unterscheidung wird Paulus in den folgenden Versen näher erläutern.
Mit der Herrlichkeit erinnert Paulus an Gottes offenbarte Gegenwart unter seinem Volk. Nach der Errichtung der Stiftshütte erfüllte die Herrlichkeit des Herrn das Heiligtum so mächtig, dass Mose zunächst nicht hineingehen konnte (2. Mose 40,34–35). Auch bei der Einweihung des Tempels unter Salomo wurde Gottes Gegenwart auf besondere Weise sichtbar (1. Könige 8,10–11). Die Erwähnung der Bündnisse umfasst Gottes verbindliche Zusagen und Bundesbeziehungen in Israels Geschichte, insbesondere seine Verheißungen an Abraham und den Bundesschluss am Sinai. Durch die Gesetzgebung erhielt Israel Gottes offenbarte Gebote und Weisungen, die zeigen sollten, wie ein Leben in der Gemeinschaft mit dem heiligen Gott gestaltet werden sollte (2. Mose 19–20; 5. Mose 4,5–8).
Auch der Gottesdienst war ein außergewöhnliches Vorrecht. Paulus meint damit besonders den von Gott geordneten Heiligtumsdienst mit seinen Opfern, Priestern und heiligen Handlungen. Dieser Dienst machte die Wirklichkeit der Sünde, die Notwendigkeit der Versöhnung und die Bedeutung der Annäherung an Gott anschaulich. Die Verheißungen wiederum richteten den Blick über die jeweilige Gegenwart hinaus auf Gottes zukünftiges Heilshandeln. Schon Abraham hatte die Zusage erhalten, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3). Israel war somit nicht nur Empfänger göttlicher Segnungen, sondern zugleich Träger einer Verheißung, deren Bedeutung schließlich alle Völker erreichen sollte.
In Vers 5 erwähnt Paulus die Väter, womit besonders die Stammväter Abraham, Isaak und Jakob gemeint sind. Ihre Geschichte bildete die Grundlage der besonderen Beziehung zwischen Gott und Israel. Doch Paulus führt seine Aufzählung zu einem noch größeren Höhepunkt: Aus diesem Volk stammt Jesus Christus seiner menschlichen Herkunft nach. Die Formulierung „dem Fleische nach“ weist darauf hin, dass Jesus tatsächlich als Mensch in die Geschichte Israels hineingeboren wurde. Sie bedeutet nicht, dass seine menschliche Natur sündig gewesen wäre. Vielmehr unterscheidet Paulus seine wirkliche menschliche Abstammung von seiner darüber hinausgehenden Stellung. Bereits am Anfang des Römerbriefes hatte er Christus als Nachkommen Davids dem Fleisch nach und zugleich als Sohn Gottes vorgestellt (Römer 1,3–4).
Der abschließende Satz von Vers 5 besitzt eine besondere Bedeutung für das Verständnis Jesu. In der Schlachter 1951 wird Christus als der über allen stehende, ewig hochgelobte Gott bezeichnet. Diese Deutung entspricht einer sehr naheliegenden Lesart des griechischen Satzes, weil sich die anschließende Beschreibung sprachlich gut auf den unmittelbar zuvor genannten Christus beziehen lässt. Da die ältesten griechischen Handschriften jedoch keine mit heutigen Ausgaben vergleichbare verbindliche Zeichensetzung besitzen, ist auch eine andere Satzgliederung möglich. Nach dieser würde Paulus nach der Erwähnung Christi einen eigenständigen Lobpreis an Gott richten. Die erste Deutung ist grammatisch und im Zusammenhang besonders überzeugend, doch die zweite darf nicht als völlig unmöglich ausgeschlossen werden. Unabhängig von dieser Frage bezeugen andere neutestamentliche Stellen die außergewöhnliche göttliche Stellung Christi, etwa Johannes 1,1–3 und Kolosser 2,9.
Damit erreicht die Aufzählung der Vorrechte Israels ihren Höhepunkt. Gott hatte dieses Volk nicht nur durch Propheten, Gebote, Bündnisse und Verheißungen auf sein Heilshandeln vorbereitet. Der verheißene Messias selbst war aus Israel hervorgegangen. Gerade darin liegt der tiefe Schmerz des Paulus: Das Volk, dem so viele göttliche Offenbarungen anvertraut worden waren, hatte den gekommenen Messias zu großen Teilen nicht erkannt. Aus dieser schmerzlichen Spannung entsteht nun die entscheidende Frage, die Paulus ab Vers 6 beantwortet: Wenn viele Nachkommen Israels den Messias nicht angenommen haben, bedeutet das etwa, dass Gottes Wort und seine Verheißungen hinfällig geworden sind?
Römer 9,6–9
Gottes Verheißung und die wahren Kinder Abrahams
Nachdem Paulus die besonderen Vorrechte Israels beschrieben hat, wendet er sich einer Frage zu, die sich aus seiner bisherigen Darstellung beinahe zwangsläufig ergibt: Wenn Gott diesem Volk so viele Verheißungen gegeben hatte, weshalb haben dann so viele Israeliten den verheißenen Messias nicht angenommen? Bedeutet ihre Ablehnung Jesu, dass Gottes Zusagen nicht in Erfüllung gegangen sind? Paulus beantwortet diese Frage in Vers 6 mit einer entschiedenen Zurückweisung. Das Wort Gottes ist keineswegs hinfällig geworden. Die Schwierigkeit liegt nicht darin, dass Gott seine Verheißungen vergessen oder gebrochen hätte, sondern darin, wie die Zugehörigkeit zu seinem Volk und die Erfüllung seiner Zusagen verstanden werden müssen.
Um diesen Gedanken zu erklären, schreibt Paulus, dass nicht alle, die von Israel abstammen, auch Israel sind (Römer 9,6). Auf den ersten Blick erscheint diese Aussage widersprüchlich. Wie kann jemand von Israel abstammen und dennoch nicht zu Israel gehören? Paulus unterscheidet hier zwischen der natürlichen Abstammung von Jakob, der von Gott den Namen Israel erhielt, und der Zugehörigkeit zu dem Volk, an dem sich Gottes rettende Verheißung erfüllt. Ein Mensch konnte aufgrund seiner Geburt tatsächlich Israelit sein und damit zur geschichtlichen Bundesgemeinschaft gehören. Diese Herkunft bedeutete jedoch nicht automatisch, dass er auch persönlich im Glauben mit Gott verbunden war. Schon das Alte Testament zeigt, dass innerhalb Israels immer wieder zwischen äußerlicher Zugehörigkeit und wirklicher Treue zu Gott unterschieden werden musste. Mose forderte das Volk auf, sein Herz beschneiden zu lassen und nicht länger halsstarrig zu sein (5. Mose 10,16). Später kündigte Gott an, selbst das Herz seines Volkes zu verändern, damit es ihn lieben und leben könne (5. Mose 30,6). Die äußerliche Zugehörigkeit und die innere Beziehung zu Gott waren also niemals einfach dasselbe.
Diese Unterscheidung hatte Paulus bereits in Römer 2,28–29 vorbereitet. Dort erklärt er, dass das wahre Judentum nicht allein an äußerlichen Kennzeichen festgemacht werden kann und dass die entscheidende Beschneidung eine Angelegenheit des Herzens und des Geistes ist. Damit bestreitet er weder die geschichtliche Bedeutung Israels noch die Wirklichkeit seiner göttlichen Berufung. Vielmehr widerspricht er der Vorstellung, die natürliche Abstammung könne für sich genommen den rechten Stand eines Menschen vor Gott garantieren. In Römer 11,1–2 wird Paulus ausdrücklich betonen, dass Gott sein Volk nicht verstoßen hat. Seine Aussage in Römer 9,6 darf deshalb nicht so verstanden werden, als hätte Gott Israel vollständig verworfen und sämtliche Verheißungen ohne weitere Unterscheidung auf ein anderes Volk übertragen. Paulus erklärt zunächst, dass innerhalb der Nachkommenschaft Israels eine entscheidende Unterscheidung besteht.
In Vers 7 führt Paulus diesen Gedanken weiter zurück bis zu Abraham. Selbst unter dessen leiblichen Nachkommen waren nicht alle in gleicher Weise Träger der besonderen Verheißung, aus der das spätere Bundesvolk hervorgehen sollte. Deshalb erinnert er an Gottes Wort aus 1. Mose 21,12, wonach Abraham die ihm verheißene Nachkommenschaft durch Isaak erhalten sollte. Dieser Hinweis ist bedeutsam, weil Abraham bereits vor Isaaks Geburt einen Sohn hatte: Ismael, den Hagar zur Welt gebracht hatte (1. Mose 16,15–16). Ismael war tatsächlich Abrahams leiblicher Sohn. Seine Abstammung stand außer Frage. Dennoch hatte Gott bestimmt, dass die besondere Bundesverheißung durch Isaak weitergeführt werden sollte (1. Mose 17,19–21).
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung erforderlich. Gottes Entscheidung zugunsten Isaaks bedeutete nicht, dass Ismael als Mensch wertlos gewesen wäre oder dass Gott ihn grundsätzlich von jeder Möglichkeit der Rettung ausgeschlossen hätte. Im Gegenteil: Gott hörte auch auf die Not Hagars und Ismaels, versprach ihm eine zahlreiche Nachkommenschaft und sorgte für sein Überleben (1. Mose 17,20; 21,17–20). Die besondere Erwählung Isaaks betraf zunächst die Linie, durch die Gottes Bundesverheißung geschichtlich weitergeführt werden sollte. Paulus verwendet diese Begebenheit, um zu zeigen, dass die Erfüllung der Verheißung von Gottes eigener Entscheidung ausging und sich nicht automatisch auf sämtliche leiblichen Nachkommen Abrahams erstreckte. Da Paulus diese Beispiele innerhalb der Frage nach Israels Heil verwendet, besitzt seine Argumentation zugleich eine Bedeutung, die über die bloße Weitergabe einer Familienlinie hinausreicht.
In Vers 8 erklärt Paulus ausdrücklich, was seine Leser aus diesem Beispiel lernen sollen: Nicht die Kinder des Fleisches sind schon deshalb Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Nachkommenschaft gerechnet. Der Ausdruck „Kinder des Fleisches“ bezeichnet hier zunächst Menschen, die ihre Herkunft einer natürlichen Abstammung verdanken. Er bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass körperliche Geburt an sich etwas Sündiges wäre. Ebenso wenig stellt Paulus die Menschlichkeit Ismaels oder anderer Nachkommen Abrahams infrage. Entscheidend ist vielmehr der Gegensatz zwischen einer Zugehörigkeit, die man allein aus der Geburt ableitet, und einer Zugehörigkeit, die ihren Ursprung in Gottes Verheißung hat.
Das Wort „gerechnet“ ist dabei bemerkenswert. Paulus spricht nicht nur darüber, von wem ein Mensch biologisch abstammt, sondern darüber, wen Gott als Träger seiner Verheißung anerkennt. Die Zugehörigkeit zu dieser Verheißung kann deshalb nicht allein aus natürlichen Familienverhältnissen abgeleitet werden. Schon in Römer 4 hatte Paulus erklärt, dass Abraham durch Glauben gerechtfertigt wurde, bevor er die Beschneidung empfangen hatte. Dadurch wurde Abraham nicht nur zum Vater der beschnittenen Israeliten, sondern auch zum Glaubensvater derer, die Gott vertrauen, obwohl sie nicht aus dem jüdischen Volk stammen (Römer 4,9–12). Die Verheißung an Abraham besitzt somit von Anfang an eine Bedeutung, die über die Grenzen seiner natürlichen Nachkommenschaft hinausreicht.
Allerdings sollte das Beispiel Isaaks nicht vorschnell so umgedeutet werden, als würde Paulus bereits in jedem Einzelzug seiner Geburt die persönliche Bekehrung eines späteren Gläubigen beschreiben. Zunächst geht es um Gottes wirksame Verheißung und die von ihm bestimmte Nachkommenschaft. Die Bedeutung des persönlichen Glaubens wird im weiteren Verlauf des Römerbriefes ausdrücklich entfaltet. Beide Gedanken gehören zusammen: Gott ergreift in seiner Gnade die Initiative, und Menschen werden nicht durch ihre Abstammung oder ihre eigenen Verdienste gerecht, sondern durch Glauben (Römer 3,28–30; 9,30–33).
Um zu verdeutlichen, weshalb gerade Isaak als Kind der Verheißung bezeichnet wird, führt Paulus in Vers 9 Gottes Ankündigung an Sara an. Gott hatte Abraham zugesagt, dass Sara zu einer bestimmten Zeit einen Sohn bekommen würde (1. Mose 18,10.14). Menschlich betrachtet schien diese Verheißung kaum noch erfüllbar zu sein. Abraham und Sara waren bereits alt, und Sara hatte das Alter überschritten, in dem Frauen gewöhnlich Kinder bekommen (1. Mose 18,11). Sara selbst reagierte zunächst mit einem inneren Lachen, weil sie sich die Erfüllung dieser Zusage nicht vorstellen konnte. Gott begegnete diesem Zweifel jedoch mit der entscheidenden Frage, ob ihm irgendetwas zu wunderbar sein könne (1. Mose 18,12–14).
Gerade diese Umstände machen den Unterschied zwischen einer gewöhnlichen Erwartung aufgrund menschlicher Möglichkeiten und einer göttlichen Verheißung verständlich. Isaaks Geburt geschah nicht unabhängig von natürlichen menschlichen Vorgängen, aber sie wurde erst durch Gottes Zusage und sein machtvolles Handeln möglich. Der Bericht in 1. Mose 21,1–3 hebt deshalb ausdrücklich hervor, dass Gott an Sara handelte, wie er es zuvor angekündigt hatte. Die Erfüllung beruhte auf seiner Treue. Auch die anfängliche Unsicherheit Abrahams und Saras konnte Gottes Verheißung nicht zunichtemachen. Damit wird nicht gesagt, dass Glaube bedeutungslos sei, sondern dass die Zuverlässigkeit der göttlichen Zusage tiefer gegründet ist als die Stärke menschlicher Erwartungen.
Für die Frage nach Israel besitzt dieses Beispiel eine weitreichende Bedeutung. Wenn Gott schon bei Abraham zwischen der natürlichen Nachkommenschaft und der besonderen Linie seiner Verheißung unterschieden hatte, dann konnte auch die bloße Zugehörigkeit zum späteren Volk Israel niemals eine automatische Garantie persönlicher Erlösung sein. Gottes Zusagen sind zuverlässig, aber sie dürfen nicht von ihrem eigentlichen Inhalt getrennt werden. Die Verheißung zielte letztlich darauf, dass durch Abrahams Nachkommenschaft Menschen aus allen Völkern gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3; Galater 3,8.16). In Jesus Christus erreicht diese Segensverheißung ihren entscheidenden Höhepunkt. Wer zu Christus gehört, wird durch den Glauben Anteilhaber an der Abraham gegebenen Verheißung (Galater 3,26–29).
Damit hat Paulus einen ersten wichtigen Schritt zur Beantwortung seiner Ausgangsfrage getan. Gottes Wort ist nicht gescheitert, nur weil die natürliche Abstammung von Abraham oder Israel nicht automatisch zur persönlichen Rettung führt. Schon die Geschichte der Stammväter zeigt, dass Gottes Verheißung auf seiner eigenen Initiative beruht. Doch damit entsteht eine weitere Frage: Weshalb erwählte Gott gerade Isaak und nicht Ismael als Träger dieser besonderen Bundeslinie? Und wie lässt sich seine Entscheidung erklären, als später Rebekka die Zwillinge Esau und Jakob erwartete? An diesem zweiten Beispiel wird Paulus noch deutlicher zeigen, dass Gottes Erwählung nicht auf einen Anspruch gegründet ist, den Menschen durch ihre Herkunft oder ihre Leistungen erwerben könnten.
Römer 9,10–13
Jakob und Esau: Gottes Erwählung vor menschlichen Leistungen
Nachdem Paulus am Beispiel von Isaak und Ismael gezeigt hat, dass Gottes Verheißung nicht automatisch auf jeden leiblichen Nachkommen Abrahams überging, führt er in Vers 10 ein zweites Beispiel an. Dieses ist für seine Argumentation besonders bedeutsam, weil hier eine mögliche Erklärung für die unterschiedliche Erwählung der beiden Söhne entfällt. Isaak und Ismael hatten zwar denselben Vater, aber unterschiedliche Mütter. Bei Jakob und Esau war die Situation anders: Beide waren Söhne Isaaks und Rebekkas, stammten also von denselben Eltern ab und waren sogar Zwillinge. Dennoch hatte Gott bereits vor ihrer Geburt angekündigt, dass der Ältere dem Jüngeren dienen würde (Römer 9,10–12).
Diese Einzelheit verstärkt den Gedanken des Paulus erheblich. Niemand konnte behaupten, Jakob sei aufgrund einer besseren Abstammung erwählt worden. Auch die gewöhnlichen Vorrechte des Erstgeborenen konnten die Entscheidung nicht erklären. Nach menschlichen Erwartungen hätte Esau als der zuerst geborene Sohn eine besondere Stellung innerhalb der Familie eingenommen. Gott kündigte jedoch an, dass die Verheißungslinie nicht nach dieser natürlichen Rangordnung verlaufen würde. Damit machte er deutlich, dass sein Handeln nicht an menschliche Traditionen, gesellschaftliche Ansprüche oder familiäre Vorrangstellungen gebunden war.
Die ursprüngliche Geschichte findet sich in 1. Mose 25,19–26. Rebekka war zunächst unfruchtbar, weshalb Isaak für sie zu Gott betete. Als sie schließlich schwanger wurde, bemerkte sie ungewöhnlich heftige Bewegungen der Kinder in ihrem Leib und suchte deshalb den Herrn. Gottes Antwort lautete, dass sich zwei Völker in ihrem Schoß befänden und zwei Volksgemeinschaften aus ihr hervorgehen würden. Dabei kündigte er an, dass der Ältere dem Jüngeren dienen werde (1. Mose 25,21–23). Die Offenbarung bezog sich somit nicht ausschließlich auf das spätere persönliche Verhältnis der beiden Brüder. Bereits der ursprüngliche Wortlaut richtete den Blick auf die Völker, die aus ihnen hervorgehen sollten.
Jakob wurde zum Stammvater Israels, während Esau zum Stammvater der Edomiter wurde (1. Mose 32,29; 36,1). Die angekündigte Umkehrung der gewöhnlichen Rangordnung zeigte sich deshalb besonders in der späteren Geschichte ihrer Nachkommen. Während Israel zum Träger der besonderen Bundesverheißung wurde, nahm Edom eine andere Stellung ein. Unter König David gerieten die Edomiter zeitweise unter israelitische Herrschaft (2. Samuel 8,13–14). Die Weissagung hatte damit eine geschichtliche und auf Völker bezogene Bedeutung. Sie muss nicht so verstanden werden, als hätte Esau persönlich sein ganzes Leben lang Jakob dienen müssen. Die Genesisgeschichte berichtet sogar, dass Jakob bei der späteren Begegnung seinem Bruder entgegenkam und sich mehrfach vor ihm niederwarf (1. Mose 33,3).
In Vers 11 hebt Paulus nun den entscheidenden Zeitpunkt der göttlichen Ankündigung hervor. Die Kinder waren noch nicht geboren und hatten weder Gutes noch Böses getan, als Gottes Entscheidung bereits feststand. Paulus erklärt ausdrücklich, weshalb diese Reihenfolge bedeutsam ist: Gottes nach der Erwählung gefasster Vorsatz sollte bestehen bleiben, nicht aufgrund menschlicher Werke, sondern aufgrund dessen, der beruft. Das bedeutet, dass Jakob seine besondere Stellung nicht durch vorherige Leistungen verdient hatte. Ebenso wenig war Esau zum Zeitpunkt der Ankündigung wegen einer bereits begangenen persönlichen Verfehlung von der besonderen Verheißungslinie ausgeschlossen worden.
Dieser Gedanke ist besonders wichtig, wenn man die spätere Lebensgeschichte der beiden Brüder betrachtet. Jakob handelte keineswegs immer vorbildlich. Er nutzte zunächst die Erschöpfung seines Bruders aus, um das Erstgeburtsrecht zu erwerben, und erschlich später mit Unterstützung seiner Mutter den väterlichen Segen durch Täuschung (1. Mose 25,29–34; 27,1–29). Diese Handlungen werden durch Gottes frühere Erwählung nicht nachträglich gerechtfertigt. Jakob musste die Folgen seines Verhaltens tragen, seine Heimat verlassen und in seinem weiteren Leben selbst schwierige Erfahrungen durchmachen. Dass Gott ihn erwählt hatte, bedeutete also nicht, dass seine Fehler unwichtig gewesen wären oder dass jede seiner Entscheidungen Gottes Zustimmung gefunden hätte.
Auch Esau wird in der Schrift nicht allein aufgrund seiner Geburt beurteilt. Der Genesisbericht zeigt, dass er sein Erstgeburtsrecht geringachtete und es für eine Mahlzeit verkaufte (1. Mose 25,29–34). Hebräer 12,16–17 greift dieses Verhalten später ausdrücklich als ernste Warnung auf. Dennoch darf diese spätere Handlung nicht einfach zur Ursache der ursprünglichen Erwählungsentscheidung erklärt werden. Gerade das schließt Paulus mit seinem Hinweis auf den Zeitpunkt vor der Geburt aus. Gottes Entscheidung ging den Werken beider Brüder voraus.
Wenn Paulus erklärt, Gottes Vorsatz bestehe nicht aufgrund der Werke, sondern aufgrund des Berufenden, spricht er über mehr als die Ablehnung menschlicher Selbstgerechtigkeit. Er betont, dass Gottes Initiative den entscheidenden Anfang bildet. Die besondere Geschichte seines Bundesvolkes entstand nicht dadurch, dass Menschen durch eigene Leistungen einen Anspruch auf Gottes Verheißung erworben hätten. Gott selbst hatte die Verheißung gegeben, ihren Weg bestimmt und die Menschen berufen, durch die er sie weiterführen wollte. Diese Wahrheit wird Paulus in Vers 16 noch deutlicher aussprechen, wenn er Gottes Erbarmen gegenüber menschlichem Wollen und Laufen hervorhebt.
In Vers 13 fügt Paulus eine weitere alttestamentliche Aussage hinzu, die besonders leicht missverstanden werden kann: „Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehaßt.“ Diese Worte stammen aus Maleachi 1,2–3. Um ihren Sinn richtig zu verstehen, muss zunächst beachtet werden, wann und in welchem Zusammenhang sie ursprünglich gesprochen wurden. Maleachi schrieb viele Jahrhunderte nach dem Leben Jakobs und Esaus. Zu diesem Zeitpunkt waren aus den beiden Brüdern längst zwei unterschiedliche Völker hervorgegangen. Gott richtete seine Worte an Israel und erinnerte das Volk daran, dass er ihm trotz seiner Untreue seine besondere Bundesliebe erwiesen hatte.
Der Zusammenhang bei Maleachi macht deutlich, dass Jakob und Esau hier zugleich für Israel und Edom stehen. Unmittelbar nach der Aussage über Liebe und Hass spricht Gott von der Verwüstung des edomitischen Berglandes und von seinem Gericht über dieses Volk (Maleachi 1,3–5). Der Gegensatz beschreibt deshalb nicht lediglich zwei unterschiedliche persönliche Gefühle Gottes gegenüber zwei ungeborenen Kindern. Es geht um Gottes erwählende Liebe zu Israel und um die Zurückweisung beziehungsweise das Gericht über Edom. Die Worte besitzen eine geschichtliche und bundesbezogene Bedeutung, die bei ihrer Auslegung nicht übergangen werden darf.
Dabei ist jedoch Vorsicht geboten, wenn das Wort „hassen“ einfach mit „weniger lieben“ gleichgesetzt wird. Im biblischen Sprachgebrauch kann der Gegensatz zwischen Lieben und Hassen tatsächlich eine Bevorzugung gegenüber einer Zurückstellung ausdrücken. Ein Beispiel findet sich in 1. Mose 29,30–33, wo Jakobs größere Liebe zu Rahel dem geringeren Ansehen Leas gegenübergestellt wird. Auch Jesus verwendet eine vergleichbar zugespitzte Sprache, wenn er erklärt, dass die Liebe zu ihm Vorrang vor allen familiären Bindungen haben muss (Lukas 14,26; Matthäus 10,37). Bei Maleachi kommt jedoch zusätzlich die ernste Dimension göttlichen Gerichts hinzu. Der Ausdruck darf deshalb weder auf eine unkontrollierte menschliche Feindseligkeit Gottes reduziert noch seines tatsächlichen Ernstes beraubt werden.
Die entscheidende Frage lautet nun, weshalb Paulus gerade diese Worte anführt. Er möchte zeigen, dass Gottes Verheißung und Erwählung nicht von natürlichen Rangordnungen oder erworbenen menschlichen Ansprüchen abhängig sind. Jakob wurde nicht deshalb zum Träger der besonderen Verheißung, weil er als Mensch von Anfang an besser gewesen wäre als sein Bruder. Gottes Entscheidung ging seinem späteren Verhalten voraus. Gleichzeitig erinnert das Zitat aus Maleachi daran, dass die Geschichte der beiden Brüder zu einer unterschiedlichen Stellung ihrer Nachkommen innerhalb der göttlichen Heilsgeschichte führte.
Damit ist allerdings noch nicht jede Frage über die persönliche Erlösung Jakobs und Esaus beantwortet. Die Aussage aus 1. Mose 25 handelt ausdrücklich von zwei Völkern, und Maleachi spricht im Zusammenhang von Israel und Edom. Keiner dieser alttestamentlichen Texte erklärt ausdrücklich, Gott habe vor der Geburt der beiden Brüder den einen unwiderruflich für das ewige Leben und den anderen unwiderruflich für die ewige Verdammnis bestimmt. Eine solche Schlussfolgerung würde über die unmittelbaren Aussagen dieser Stellen hinausgehen.
Andererseits wäre es ebenfalls zu kurz gegriffen, die Worte des Paulus ausschließlich auf die Verteilung geschichtlicher Aufgaben zu beschränken. Schließlich behandelt er in Römer 9 eine wirkliche Heilsfrage: Weshalb haben viele Israeliten den Messias abgelehnt, obwohl sie zu Gottes erwähltem Volk gehören? Seine Beispiele dienen deshalb nicht nur dazu, die Entstehung Israels zu erklären. Sie begründen auch, weshalb menschliche Abstammung und eigene Leistungen keinen Anspruch auf die rettende Gnade Gottes schaffen können. Die geschichtliche Erwählung Israels und die Frage nach der persönlichen Teilhabe an Gottes Heil sind miteinander verbunden, dürfen aber nicht einfach gleichgesetzt werden.
Auch die Bedeutung des menschlichen Glaubens wird durch diese Verse nicht aufgehoben. Paulus wird am Ende des Kapitels ausdrücklich erklären, dass Menschen aus den Heiden Gerechtigkeit durch Glauben erlangten, während Israel daran scheiterte, weil es die Gerechtigkeit nicht auf dem Weg des Glaubens suchte (Römer 9,30–33). Ebenso wird er später warnen, dass Menschen durch Unglauben ausgebrochen wurden und durch Glauben bestehen, während eine erneute Aufnahme möglich bleibt (Römer 11,20–23). Diese Aussagen müssen ebenso ernst genommen werden wie Gottes freie Erwählung. Dabei wäre es allerdings falsch, den Glauben als eine vom Menschen unabhängig hervorgebrachte Leistung zu behandeln, durch die er Gottes Gnade erst verdient. Auch im Glauben bleibt der Mensch auf Gottes vorausgehendes Handeln angewiesen.
So führt das Beispiel von Jakob und Esau zu einer grundlegenden Erkenntnis: Gottes Verheißung beruht nicht auf menschlichem Verdienst, sondern auf seiner eigenen gnädigen Initiative. Er ist nicht verpflichtet, seine Berufung nach den Erwartungen oder Rangordnungen der Menschen auszurichten. Gleichzeitig macht die Schrift deutlich, dass seine Erwählung kein Freibrief für Ungehorsam und keine Entschuldigung für persönliche Schuld ist. Jakob musste lernen, Gott zu vertrauen, statt dessen Verheißung durch Täuschung und eigene Berechnung sichern zu wollen. Esau wiederum trug Verantwortung dafür, wie er mit dem ihm anvertrauten Erstgeburtsrecht umging.
Mit diesen Beispielen hat Paulus den Vorrang von Gottes Entscheidung besonders nachdrücklich hervorgehoben. Doch gerade dadurch entsteht eine schwierige Frage: Wenn Gott bereits vor der Geburt der beiden Kinder eine solche Unterscheidung traf und seine Erwählung nicht von ihren Werken abhängig machte, ist sein Handeln dann überhaupt gerecht? Könnte man darin eine ungerechte Bevorzugung erkennen? Paulus weicht diesem Einwand nicht aus. In den folgenden Versen stellt er ihn selbst und führt seine Leser damit noch tiefer in das Verständnis von Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.
Römer 9,14–16
Ist Gott ungerecht? Die Freiheit seines Erbarmens
Die Aussage, dass Gott Jakob bereits vor seiner Geburt erwählte und seine Entscheidung nicht von den Werken der beiden Brüder abhängig machte, führt zu einer schwierigen Frage. Wenn Gott Menschen unterschiedlich beruft, bevor sie überhaupt etwas Gutes oder Böses getan haben, könnte man darin nicht eine ungerechte Bevorzugung erkennen? Genau diesen Einwand greift Paulus in Vers 14 auf. Er fragt, ob bei Gott etwa Ungerechtigkeit sei, und antwortet mit einem entschiedenen „Das sei ferne!“ Für Paulus steht außer Frage, dass Gottes Handeln gerecht ist. Doch er möchte diese Überzeugung nicht einfach behaupten, sondern anhand der Heiligen Schrift begründen.
Dabei ist bemerkenswert, dass Paulus die Frage nicht mit einem Hinweis auf spätere gute oder schlechte Taten Jakobs und Esaus beantwortet. Er erklärt also nicht, Jakob sei erwählt worden, weil Gott seine zukünftigen Verdienste gesehen habe, während Esau wegen seiner späteren Fehler zurückgesetzt worden sei. Eine solche Begründung würde gerade den Gedanken abschwächen, den Paulus zuvor ausdrücklich hervorgehoben hatte: Gottes Erwählung ging den Werken der beiden Brüder voraus. Stattdessen lenkt er den Blick auf Gottes eigene Barmherzigkeit und führt dazu eine Aussage an, die Gott einst gegenüber Mose gemacht hatte.
In Vers 15 zitiert Paulus 2. Mose 33,19. Dort erklärt Gott, dass er demjenigen gnädig sein werde, dem er gnädig ist, und sich dessen erbarmen werde, dessen er sich erbarmt. Diese Worte können zunächst so klingen, als wolle Gott seine Entscheidungen grundsätzlich nicht begründen und könne seine Gnade nach bloßer Willkür verteilen. Doch eine solche Deutung würde den geschichtlichen Zusammenhang übersehen, in dem Gott diese Worte ursprünglich gesprochen hat.
Als Mose diese Offenbarung empfing, hatte Israel eine schwere Bundesverletzung begangen. Während Mose auf dem Sinai war, hatte das Volk ein goldenes Kalb hergestellt und angebetet (2. Mose 32,1–6). Damit verstieß Israel gegen Gottes ausdrückliche Gebote, obwohl es sich erst kurz zuvor verpflichtet hatte, seinen Worten zu gehorchen (2. Mose 24,3–8). Die besondere Erwählung Israels hatte das Volk also nicht davor bewahrt, schwer schuldig zu werden. Aufgrund dieser Untreue stand seine weitere Zukunft als Bundesvolk ernsthaft infrage. Gott kündigte Gericht an, während Mose für das Volk eintrat und um Vergebung bat (2. Mose 32,30–34).
In dieser Situation bat Mose Gott darum, weiterhin mit seinem Volk zu gehen. Für Mose war Gottes Gegenwart wichtiger als jeder äußere Erfolg. Er wusste, dass Israel ohne die Gemeinschaft mit dem Herrn seine besondere Bestimmung nicht erfüllen konnte (2. Mose 33,12–16). Anschließend bat er darum, Gottes Herrlichkeit sehen zu dürfen. Auf diese Bitte antwortete Gott, indem er versprach, seine Güte vor Mose vorübergehen zu lassen und seinen Namen auszurufen. In diesem Zusammenhang sprach er die Worte, die Paulus in Römer 9,15 aufgreift.
Gerade diese Verbindung ist entscheidend. Gott offenbart seine Freiheit, Gnade zu erweisen, in einer Situation, in der Israel sich durch sein eigenes Verhalten keineswegs als würdig erwiesen hatte. Das Volk konnte aufgrund seiner Abstammung, seiner Erwählung oder seiner bisherigen Erfahrungen keinen Anspruch auf Vergebung erheben. Wenn Gott es weiterhin führte, geschah dies aus seinem eigenen Erbarmen. Selbst Moses Fürbitte verwandelte die Barmherzigkeit nicht in eine geschuldete Gegenleistung. Sie war der Weg, auf dem Mose Gottes Gnade für das schuldige Volk erflehte, aber nicht die eigentliche Quelle dieser Gnade.
Noch deutlicher wird der Charakter dieses Erbarmens in der Fortsetzung des Berichts. Als Gott Mose seinen Namen offenbarte, beschrieb er sich selbst als barmherzig, gnädig, geduldig und reich an Güte und Treue. Gleichzeitig erklärte er, dass er Schuld keineswegs gleichgültig behandelt und den Schuldigen nicht einfach für unschuldig erklärt (2. Mose 34,6–7). Gottes Barmherzigkeit und seine Gerechtigkeit stehen somit nicht als zwei widersprüchliche Eigenschaften nebeneinander. Beide gehören zu seinem unveränderlichen Wesen. Seine Gnade ist nicht die Aufhebung seiner Heiligkeit, und seine Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass er auf Erbarmen verzichten müsste.
Wenn Paulus nun diese Offenbarung aufgreift, beantwortet er die Frage nach Gottes Ungerechtigkeit aus einer anderen Perspektive. Er macht deutlich, dass Barmherzigkeit ihrem Wesen nach nicht verdient werden kann. Sobald ein Mensch behauptet, Gott müsse ihm aufgrund seiner Herkunft, seiner Stellung oder seiner Leistungen Gnade gewähren, behandelt er die Gnade wie einen geschuldeten Lohn. Doch Gott ist niemandem eine rettende Gunst schuldig, die sich der Mensch zuvor erworben hätte. Gerade deshalb kann sein Erbarmen nicht nach menschlichen Anspruchsregeln beurteilt werden.
Diese Wahrheit ist besonders für Israels Geschichte bedeutsam. Schon die Erwählung Abrahams beruhte auf Gottes Verheißung. Auch die Befreiung Israels aus Ägypten geschah nicht, weil dieses Volk durch eigene Größe oder besondere Leistungen einen Anspruch darauf besessen hätte. Mose erinnerte Israel später ausdrücklich daran, dass Gott es nicht wegen seiner zahlenmäßigen Bedeutung erwählt hatte, sondern aus Liebe und aufgrund seiner Treue zu dem Eid, den er den Vätern geschworen hatte (5. Mose 7,6–8). Ebenso machte Gott deutlich, dass Israel das verheißene Land nicht wegen seiner eigenen Gerechtigkeit erhielt (5. Mose 9,4–6). Gottes gnädige Initiative war somit von Anfang an die Grundlage seiner Beziehung zu diesem Volk.
Aus diesem Schriftwort zieht Paulus in Vers 16 eine weitreichende Schlussfolgerung. Nach der Schlachter 1951 liegt es nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Das Bild des Laufens erinnert an zielgerichtete Anstrengung, wie sie etwa ein Wettläufer aufbringt. Paulus verwendet die Vorstellung des Laufens auch an anderen Stellen für ernsthaftes Bemühen und ausdauernden Einsatz (1. Korinther 9,24–27; Philipper 3,14). In Römer 9,16 stehen menschliches Wollen und menschliche Anstrengung gemeinsam der göttlichen Barmherzigkeit gegenüber. Weder ein noch so entschlossener Wille noch ein noch so großer Einsatz können den Ursprung von Gottes rettendem Erbarmen bilden.
Dabei geht die Aussage über die bloße Feststellung hinaus, dass gute Werke die Erlösung nicht verdienen können. Paulus nennt ausdrücklich auch das menschliche Wollen. Deshalb wäre es zu schwach, seine Worte lediglich so zu erklären, dass Gott zwar keine guten Werke verlange, die entscheidende Ursache seiner Gnade aber letztlich in einer völlig unabhängigen menschlichen Entscheidung liege. Nach Paulus geht Gottes Erbarmen jeder menschlichen Leistung und jedem menschlichen Anspruch voraus. Der Mensch kann Gottes Gnade nicht durch seine eigene Willenskraft hervorbringen oder über sie verfügen.
Bedeutet das nun, dass menschliches Wollen, Entscheiden und Handeln überhaupt keine Bedeutung besitzen? Eine solche Schlussfolgerung würde über den unmittelbaren Gedanken des Paulus hinausgehen. Er erklärt hier, worauf Gottes Erbarmen letztlich beruht, nicht, dass Menschen weder glauben noch gehorchen noch auf Gottes Ruf antworten müssten. An anderen Stellen fordert Paulus ausdrücklich zum Glauben und zu einem veränderten Leben auf. In Römer 10,9–13 beschreibt er das Bekenntnis zu Christus und den Glauben an seine Auferstehung als wirkliche Antwort auf die Heilsbotschaft. In Römer 11,20–23 warnt er vor Unglauben und hebt das Bleiben im Glauben hervor. Diese Aussagen verlieren durch Römer 9,16 nicht ihre Gültigkeit.
Eine besonders hilfreiche Verbindung findet sich in Philipper 2,12–13. Dort fordert Paulus die Gläubigen auf, ihre Erlösung mit Furcht und Zittern zu verwirklichen, und erklärt unmittelbar anschließend, dass Gott selbst in ihnen sowohl das Wollen als auch das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen wirkt. Gottes Handeln und menschliche Verantwortung werden hier nicht gegeneinander ausgespielt. Vielmehr wird das menschliche Wollen und Handeln in die vorausgehende und gegenwärtige Wirksamkeit Gottes eingeordnet. Der Gläubige soll sich ernsthaft bemühen, doch er darf die Kraft und den Ursprung seines geistlichen Lebens nicht sich selbst zuschreiben.
Das gleiche Verständnis zeigt sich in der persönlichen Erfahrung des Paulus. In 1. Korinther 15,10 erklärt er, dass er durch Gottes Gnade geworden ist, was er ist. Zugleich berichtet er, dass er mehr gearbeitet habe als die anderen Apostel. Doch sofort fügt er hinzu, dass dies nicht aus ihm selbst, sondern durch Gottes Gnade geschehen sei, die mit ihm wirkte. Paulus betrachtet seine Anstrengungen also keineswegs als bedeutungslos. Er weigert sich jedoch, sie zur eigentlichen Quelle seines geistlichen Erfolges zu machen. Seine Arbeit ist eine Antwort auf die empfangene Gnade und geschieht durch ihre Kraft.
Damit eröffnet sich ein tieferes Verständnis von Römer 9,16. Gottes Erbarmen ist nicht die Belohnung eines besonders entschlossenen Menschen. Es ist die Voraussetzung dafür, dass ein Mensch überhaupt Hoffnung auf Rettung haben kann. Glaube und Gehorsam sind deshalb keine Leistungen, mit denen sich der Mensch die göttliche Gunst erkauft. Sie gehören vielmehr zu der von Gottes Gnade getragenen Antwort auf sein Handeln. Diese Unterscheidung bewahrt sowohl vor einer selbstgerechten Haltung als auch vor der Vorstellung, der Mensch könne sich ohne Gottes Wirken aus eigener Kraft erlösen.
Dennoch beantwortet Paulus in diesen drei Versen nicht jede Frage über das Verhältnis zwischen Gottes Erwählung und der menschlichen Entscheidungsfreiheit. Besonders die Frage, weshalb Gott sich bestimmter Menschen erbarmt und andere verhärtet, wird erst in den folgenden Versen ausdrücklich aufgegriffen. Römer 9,14–16 allein darf deshalb weder zu einer vollständigen Lehre über die unveränderliche Vorherbestimmung jedes einzelnen Menschen ausgebaut noch so abgeschwächt werden, als bestünde Gottes Rolle lediglich darin, eine Möglichkeit zur Rettung bereitzustellen. Paulus betont hier mit aller Deutlichkeit, dass Gott selbst der Ursprung seines Erbarmens ist und dass seine Gnade nicht vom Menschen erzwungen oder verdient werden kann.
Für den Leser liegt darin zugleich eine ernste Warnung und eine große Hoffnung. Die Warnung richtet sich gegen jeden Versuch, vor Gott auf die eigene Herkunft, religiöse Stellung oder persönliche Leistung zu vertrauen. Niemand kann sich darauf berufen, mehr Anspruch auf Gottes Gnade zu besitzen als ein anderer Mensch. Die Hoffnung besteht darin, dass Rettung gerade deshalb auch denen offensteht, die nichts vorweisen können, womit sie sich vor Gott rechtfertigen könnten. Der Sünder muss Gottes Barmherzigkeit nicht erst verdienen, bevor er sich an ihn wenden darf. Er ist vollständig auf Gottes gnädiges Handeln angewiesen.
Doch Paulus belässt es nicht bei dem Beispiel, wie Gott gegenüber Mose seine Barmherzigkeit offenbarte. Im nächsten Abschnitt führt er einen Mann an, der Gottes Macht auf ganz andere Weise erfahren musste: den ägyptischen Pharao, der sich der Befreiung Israels widersetzte. Damit tritt neben die Frage nach Gottes Erbarmen nun die ebenso schwierige Frage nach seinem Verhärten. Gerade an dieser Gegenüberstellung wird Paulus seine Erklärung über Gottes souveränes Handeln weiter vertiefen.
Römer 9,17–18
Der Pharao und das Geheimnis göttlicher Verhärtung
Nachdem Paulus erklärt hat, dass Gottes Erbarmen nicht auf menschlichem Wollen oder eigenen Leistungen beruht, führt er ein weiteres Beispiel aus der Geschichte Israels an. Während Mose im vorhergehenden Abschnitt die Freiheit Gottes bezeugte, einem schuldigen Volk Barmherzigkeit zu erweisen, steht nun der ägyptische Pharao im Mittelpunkt. An ihm zeigt Paulus eine andere Seite des göttlichen Handelns: Gott kann selbst den Widerstand eines mächtigen Herrschers in die Durchführung seines eigenen Vorhabens einbeziehen. Die Geschichte des Pharaos ist deshalb nicht nur ein Bericht über menschlichen Ungehorsam, sondern auch eine Offenbarung von Gottes Macht, seiner Geduld und seinem gerechten Gericht.
In Vers 17 erinnert Paulus an ein Wort, das Gott durch Mose an den Pharao richten ließ. Nach der Schlachter 1951 erklärte Gott, er habe den Pharao gerade dazu erweckt, seine Macht an ihm zu erweisen und seinen Namen auf der ganzen Erde bekannt werden zu lassen. Diese Aussage stammt aus 2. Mose 9,16 und wurde während der Auseinandersetzung zwischen Mose und dem ägyptischen König gesprochen. Um ihren Sinn richtig zu verstehen, muss zunächst berücksichtigt werden, in welcher Lage sich Israel damals befand und weshalb Gott überhaupt gegen den Pharao eingriff.
Die Israeliten lebten seit langer Zeit in Ägypten und waren unter schwere Zwangsarbeit geraten. Ihre Unterdrücker machten ihnen das Leben bitter und versuchten, ihre wachsende Zahl durch grausame Maßnahmen zu begrenzen (2. Mose 1,8–14). Als Mose und Aaron schließlich im Auftrag Gottes vor den Pharao traten, forderten sie ihn auf, Israel ziehen zu lassen, damit das Volk seinem Gott dienen könne. Doch der Pharao antwortete mit einer grundsätzlichen Ablehnung. Er fragte, wer der Herr sei, dass er auf seine Stimme hören müsse, und erklärte, Israel nicht ziehen lassen zu wollen (2. Mose 5,1–2). Sein Widerstand richtete sich damit nicht nur gegen Mose und Aaron, sondern gegen den Anspruch Gottes selbst.
Daraufhin offenbarte Gott seine Macht durch eine Reihe außergewöhnlicher Zeichen und Gerichte. Die ägyptischen Zauberer konnten einige der ersten Zeichen zunächst nachahmen, doch schon bald mussten sie ihre Grenzen erkennen. Als sie das Auftreten der Mücken nicht erklären oder nachahmen konnten, bezeichneten sie das Geschehen als Gottes Wirken (2. Mose 8,16–19). Trotzdem blieb der Pharao unnachgiebig. Immer wieder verweigerte er den Israeliten die Freiheit, selbst wenn die Plagen seinem Land und seinem eigenen Herrschaftsbereich schwere Schäden zufügten. Dadurch entwickelte sich der Konflikt zunehmend zu einer Auseinandersetzung darüber, ob der König Ägyptens bereit war, die Autorität des Gottes Israels anzuerkennen.
In diesem Zusammenhang erhält die Aussage aus 2. Mose 9,16 ihre besondere Bedeutung. Unmittelbar zuvor erklärte Gott dem Pharao, dass er ihn und sein Volk längst durch ein vernichtendes Gericht hätte beseitigen können (2. Mose 9,15). Stattdessen ließ er ihn weiterhin bestehen. Die Schlachter 1951 bringt diesen Gedanken im ursprünglichen Exodusbericht ausdrücklich zum Ausdruck. Wenn Paulus in Römer 9,17 davon spricht, dass Gott den Pharao „erweckt“ habe, verwendet er eine griechische Formulierung, die das Hervortreten oder Aufstehenlassen hervorhebt. Der hebräische Ausgangstext in 2. Mose 9,16 lässt sich dagegen besonders gut im Sinne eines Bestehenlassens oder Aufrechterhaltens verstehen. Die alte griechische Übersetzung des Exodusbuches betont ebenfalls den Gedanken der Bewahrung.
Diese sprachlichen Unterschiede verändern nicht die grundlegende Aussage, verlangen aber eine sorgfältige Einordnung. Gott hatte den Pharao nicht sofort beseitigt, obwohl dieser sich wiederholt seinem Willen widersetzte. Vielmehr ließ er ihn in seiner geschichtlichen Stellung bestehen und gebrauchte die weitere Auseinandersetzung dazu, seine Macht sichtbar zu machen. Daraus darf jedoch nicht ohne zusätzliche Begründung gefolgert werden, Gott habe diesen Menschen überhaupt nur erschaffen, um ihm Bosheit einzupflanzen und ihn anschließend für ein erzwungenes Verhalten zu bestrafen. Weder der ursprüngliche Exodusvers noch das Zitat des Paulus enthalten eine solche ausdrückliche Erklärung.
Der Zweck von Gottes Handeln wird in beiden Texten klar benannt: Seine Macht sollte offenbar und sein Name bekannt werden. Dabei geht es um mehr als die Demonstration einer überlegenen Kraft. Der Gott Israels zeigte, dass selbst die politische Macht Ägyptens seiner Herrschaft nicht entzogen war. Der Pharao konnte Israel unterdrücken und sich Gottes Forderung widersetzen, aber er konnte Gottes Vorhaben nicht endgültig verhindern. Gerade durch die Befreiung eines versklavten Volkes wurde sichtbar, dass der Herr nicht nur Versprechen macht, sondern auch die Macht besitzt, sie zu erfüllen.
Dass Gottes Name auf der ganzen Erde bekannt werden sollte, bedeutete außerdem, dass die Ereignisse nicht auf Ägypten und Israel beschränkt bleiben würden. Viele Jahre später berichtete Rahab in Jericho, dass die Bewohner des Landes von Gottes mächtigen Taten am Schilfmeer gehört hatten und dadurch von Furcht ergriffen worden waren (Josua 2,9–11). Die Kunde von Israels Befreiung war also tatsächlich über Ägyptens Grenzen hinausgedrungen. Gottes Name stand dabei für seine offenbarte Macht, seine Treue und seine einzigartige Stellung als Herr über die Völker. Der Pharao hatte gefragt, wer dieser Gott sei, dem er gehorchen sollte. Die folgenden Ereignisse gaben auf diese Frage eine Antwort, die weit über seinen eigenen Palast hinaus bekannt wurde.
Besonders bemerkenswert ist jedoch, dass Gott selbst während der Gerichte weiterhin Warnungen aussprechen ließ. Vor der schweren Hagelplage forderte er ausdrücklich dazu auf, Menschen und Tiere auf den Feldern in Sicherheit zu bringen (2. Mose 9,18–19). Der Bericht unterscheidet anschließend zwischen den ägyptischen Dienern, die Gottes Wort ernst nahmen und ihre Knechte und ihr Vieh schützten, und denen, die diese Warnung missachteten (2. Mose 9,20–21). Damit zeigt die Erzählung, dass Gottes Gericht nicht jede Möglichkeit zu einer verantwortlichen Reaktion ausschloss. Selbst innerhalb Ägyptens gab es Menschen, die angesichts seiner Worte unterschiedlich handelten.
Auch der Pharao selbst zeigte zeitweise Einsicht in seine Schuld. Während der Hagelplage ließ er Mose und Aaron rufen und bekannte, dass er gesündigt habe und der Herr gerecht sei (2. Mose 9,27). Zugleich versprach er erneut, die Israeliten ziehen zu lassen. Doch als Mose für das Ende des Unwetters gebetet hatte und die Gefahr vorüber war, verhärtete der Pharao sein Herz wieder und hielt das Volk weiterhin zurück (2. Mose 9,33–35). Seine Worte waren deshalb noch kein Beweis für eine dauerhafte Umkehr. Der Bericht macht einen ernsten Unterschied zwischen einem Schuldbekenntnis unter dem Druck unmittelbarer Folgen und einer wirklichen Veränderung der inneren Haltung sichtbar.
Damit gelangen wir zur schwierigsten Frage dieser beiden Verse. Paulus erklärt in Römer 9,18 nicht nur, dass Gott sich erbarmt, wessen er will, sondern auch, dass er verstockt, wen er will. Diese Aussage darf nicht abgeschwächt werden. Paulus schreibt die Verstockung ausdrücklich Gott zu. Es wäre daher unzureichend zu behaupten, Gott habe mit der Verhärtung des Pharaos überhaupt nichts zu tun gehabt und lediglich passiv beobachtet, was dieser selbst tat. Die Bibel spricht an mehreren Stellen davon, dass Gott das Herz des Pharaos verhärtete (2. Mose 9,12; 10,20.27; 11,10).
Gleichzeitig berichtet das zweite Buch Mose ebenso ausdrücklich, dass der Pharao selbst sein Herz verhärtete. Nachdem die Froschplage aufgehört hatte, nutzte er die Erleichterung nicht zur Umkehr, sondern verschloss sich erneut gegen Gottes Forderung (2. Mose 8,15). Dasselbe geschah nach der Plage der Hundsfliegen (2. Mose 8,32). Auch nach dem Hagelgericht wird seine eigene Verhärtung ausdrücklich erwähnt (2. Mose 9,34). Der biblische Bericht stellt somit zwei Aussagen nebeneinander, die beide ernst genommen werden müssen: Der Pharao widersetzte sich Gott aus eigener Schuld, und Gott handelte tatsächlich an seinem verhärteten Herzen.
Dabei wäre es allerdings zu einfach, die gesamte Abfolge mit dem Satz zu erklären, der Pharao habe sich zunächst mehrfach völlig unabhängig von Gott selbst verhärtet, und erst danach habe Gott begonnen, sein Herz zu verstocken. Bereits bevor die eigentliche Plagenfolge begann, hatte Gott gegenüber Mose angekündigt, dass er das Herz des Pharaos verhärten werde (2. Mose 4,21; 7,3). Innerhalb der erzählten Durchführung erscheint die erste ausdrückliche Aussage, dass der Herr selbst das Herz des Pharaos verhärtete, in 2. Mose 9,12. Die Ankündigung Gottes und die geschilderte Entwicklung des menschlichen Widerstandes greifen also ineinander. Die Bibel bietet hier keine einfache zeitliche Formel, mit der sich jede Frage nach Gottes Wirken und menschlicher Verantwortung vollständig auflösen ließe.
Die hebräische Sprache des Exodusberichtes unterstreicht diese Vielschichtigkeit. Für die Verhärtung werden verschiedene Ausdrücke verwendet, die unter anderem das Festwerden, Schwerwerden oder Hartmachen des Herzens beschreiben. Im biblischen Sprachgebrauch ist das Herz nicht nur der Sitz menschlicher Gefühle, sondern umfasst auch Denken, Wollen und Entscheiden. Ein verhärtetes Herz bezeichnet deshalb eine innere Haltung, die sich gegenüber Gottes Wort verschließt und unbeugsam an ihrem eigenen Weg festhält. Der Pharao empfing wiederholt Offenbarungen von Gottes Macht, doch diese führten bei ihm nicht zu beständigem Gehorsam.
Eine naheliegende Erklärung besteht darin, Gottes Verhärtung auch als gerichtliches Handeln an einem Menschen zu verstehen, der sich seinem Wort hartnäckig widersetzt. Gott kann einen solchen Widerstand in seinem Gericht fest werden lassen und einen Menschen den Folgen seiner selbstgewählten Haltung überlassen. Ein verwandter Gedanke erscheint bereits in Römer 1, wo Paulus mehrfach beschreibt, dass Gott Menschen wegen ihrer beharrlichen Abkehr von der Wahrheit ihren verkehrten Begierden und Gedanken preisgibt (Römer 1,24.26.28). Dabei bedeutet Gottes Gericht nicht, dass menschliche Verantwortung verschwindet. Vielmehr wird gerade der schuldhafte Widerstand zum Gegenstand seines Handelns.
Diese Erklärung besitzt im Verhalten des Pharaos eine starke Grundlage, darf jedoch nicht als vollständige Beschreibung aller Vorgänge ausgegeben werden. Gott kündigte seine Verhärtung bereits im Voraus an, und Paulus betont ausdrücklich seine souveräne Entscheidung. Deshalb wäre es ebenso einseitig, Gottes Verhärtung ausschließlich auf eine passive Zulassung zu reduzieren. Der Text bezeugt Gottes wirkliches Handeln, erklärt aber nicht in allen Einzelheiten, auf welche Weise dieses Handeln mit den inneren Entscheidungen des Pharaos zusammenwirkte. Gottes Herrschaft und die Verantwortung des Menschen stehen hier nebeneinander, ohne dass Paulus ihre Beziehung in eine umfassende philosophische Theorie auflöst.
Auch muss zwischen der Verhärtung eines Menschen und seiner endgültigen ewigen Verwerfung unterschieden werden. Die Geschichte des Pharaos endet in einem schweren Gericht über die ägyptische Macht. Römer 9,17–18 erklärt jedoch nicht ausdrücklich, Gott habe ihn bereits vor seiner Geburt unwiderruflich zur ewigen Verdammnis bestimmt. Der Schwerpunkt liegt auf Gottes Umgang mit einem geschichtlichen Gegner seines Befreiungshandelns. Dass göttliche Verhärtung nicht in jedem Zusammenhang automatisch endgültige Verdammnis bedeutet, wird Paulus später selbst zeigen. In Römer 11 spricht er von einer teilweisen Verhärtung Israels und erklärt zugleich, dass zuvor ausgebrochene Zweige wieder eingepfropft werden können, wenn sie nicht im Unglauben bleiben (Römer 11,7.23–25). Das bedeutet nicht, dass die Geschichte des Pharaos dasselbe Ende nimmt wie die dort beschriebene Hoffnung für Israel. Es zeigt aber, dass die Bedeutung und Dauer einer Verhärtung jeweils aus ihrem eigenen Zusammenhang bestimmt werden müssen.
Für die übergeordnete Argumentation des Paulus ist noch ein weiterer Zusammenhang wichtig. In der Geschichte des Auszugs aus Ägypten erweist Gott Israel Barmherzigkeit, indem er das unterdrückte Volk befreit. Zugleich begegnet er dem widerspenstigen Pharao mit Gericht. Doch gerade Israel, das damals Gottes rettendes Handeln erlebte, wird später selbst wiederholt vor einem verhärteten Herzen gewarnt (Psalm 95,7–11). Die damalige Stellung als befreites Bundesvolk war also keine Garantie dafür, dass spätere Generationen nicht ebenfalls in Unglauben und Widerstand geraten konnten. Dieser Gedanke ist für den Römerbrief besonders wichtig, weil Paulus gerade erklären möchte, weshalb viele Israeliten den Messias abgelehnt haben, obwohl ihre Vorfahren Gottes besondere Führung erlebt hatten.
Römer 9,18 hält somit zwei wesentliche Wahrheiten fest. Gottes Barmherzigkeit beruht auf seinem eigenen gnädigen Willen, nicht auf menschlichen Ansprüchen. Ebenso untersteht auch sein Handeln im Gericht seiner souveränen Herrschaft. Er kann einem Menschen Erbarmen erweisen und einen anderen verhärten, ohne dadurch die Kontrolle über seinen Heilsplan zu verlieren. Dennoch dürfen diese Worte nicht von der übrigen Schrift getrennt werden, in der Menschen ausdrücklich zur Umkehr gerufen, vor Unglauben gewarnt und für ihren Widerstand verantwortlich gemacht werden. Gottes Freiheit ist kein Beweis für Willkür, und menschliche Verantwortung bedeutet nicht, dass Gottes Wirken von unabhängigen menschlichen Entscheidungen beherrscht würde.
Die Geschichte des Pharaos enthält deshalb eine ernste Warnung. Wer Gottes Wahrheit wiederholt zurückweist, kann sich immer stärker an seinen Widerstand gewöhnen. Selbst eindrucksvolle Erfahrungen oder zeitweilige Schuldbekenntnisse führen nicht zwangsläufig zu einer veränderten Haltung. Ein Mensch kann Gottes Macht erkennen und sich dennoch weigern, seinem Willen zu folgen. Umgekehrt zeigt die Geschichte der ägyptischen Diener, die Gottes Warnung vor dem Hagel ernst nahmen, dass Menschen selbst innerhalb eines göttlichen Gerichtsgeschehens unterschiedlich auf seine Worte reagieren können. Entscheidend ist nicht nur, wie viel ein Mensch von Gottes Macht erlebt, sondern auch, wie er auf die empfangene Wahrheit antwortet.
Damit verschärft Paulus seine bisherige Argumentation erheblich. Gott ist nicht lediglich derjenige, der Gnade anbietet und anschließend dem Lauf menschlicher Ereignisse zusieht. Er handelt selbst, erbarmt sich, richtet und führt seinen Vorsatz auch angesichts mächtigen Widerstandes aus. Doch daraus entsteht unmittelbar eine weitere schwierige Frage: Wenn Gott selbst Menschen verhärtet und sein Wille letztlich nicht vereitelt werden kann, weshalb macht er sie dann noch für ihren Widerstand verantwortlich? Genau diesen Einwand wird Paulus im nächsten Abschnitt aufgreifen. Mit dem Bild vom Töpfer und dem Ton führt er seine Leser noch tiefer in die Frage nach Gottes Autorität, seiner Gerechtigkeit und seiner Geduld.
Römer 9,19–21
Der Mensch vor seinem Schöpfer: Der Töpfer und der Ton
Nachdem Paulus erklärt hat, dass Gott sich erbarmt, wessen er will, und verhärtet, wen er will, greift er in Vers 19 einen weiteren Einwand auf. Dieser geht noch tiefer als die vorherige Frage nach Gottes Gerechtigkeit. Wenn Gott selbst darüber entscheidet, wem er Barmherzigkeit erweist und wen er verhärtet, weshalb macht er dann Menschen überhaupt noch für ihr Verhalten verantwortlich? Wenn sein Wille letztlich nicht verhindert werden kann, wie kann er diejenigen tadeln, die seinem Vorhaben scheinbar ohnehin nicht widerstehen können? Paulus formuliert diese Schwierigkeit bewusst so, wie sie ein kritischer Gesprächspartner vorbringen könnte. Er möchte damit zeigen, welche Fragen seine bisherigen Aussagen über Gottes souveränes Handeln hervorrufen.
Der Einwand besitzt eine nachvollziehbare innere Logik. Am Beispiel des Pharaos hatte Paulus gerade erklärt, dass Gott selbst an dessen Verhärtung beteiligt war. Daraus könnte jemand schließen, dass der Pharao letztlich gar nicht anders handeln konnte und deshalb auch keine Schuld an seinem Widerstand trug. Wenn Gottes Wille ohnehin zur Ausführung kommt, scheint menschliche Verantwortung auf den ersten Blick bedeutungslos zu werden. Genau hier liegt die Schwierigkeit, mit der Paulus seine Leser konfrontiert. Es geht nicht nur darum, ob Gott mächtiger ist als der Mensch. Vielmehr steht die Frage im Raum, wie Gottes uneingeschränkte Herrschaft mit seiner gerechten Beurteilung menschlichen Handelns zusammenpasst.
Um diesen Gedanken richtig zu verstehen, muss zwischen verschiedenen Bedeutungen des göttlichen Willens unterschieden werden. Gott kann etwas ausdrücklich gebieten, dem sich ein Mensch dennoch widersetzt. So verlangte er vom Pharao, Israel freizulassen, doch der König verweigerte wiederholt den Gehorsam (2. Mose 5,1–2). Gleichzeitig konnte dieser Widerstand Gottes übergeordnetes Vorhaben, Israel zu befreien und seine Macht bekannt zu machen, nicht verhindern. Der Pharao widersetzte sich also tatsächlich Gottes ausgesprochenem Gebot, ohne dadurch Gottes endgültige Absicht zunichtemachen zu können. Dieser Unterschied hilft, die Spannung zu verstehen, löst aber noch nicht vollständig die Frage, wie Gottes Wirken an der Verhärtung und die persönliche Verantwortung des Pharaos zusammenhängen.
In Vers 20 antwortet Paulus mit einer ungewöhnlich scharfen Gegenfrage. Er erinnert seinen Gesprächspartner daran, dass er selbst ein Mensch ist, der mit Gott rechten will. Das Wort, das hier mit dem Widersprechen gegenüber Gott verbunden ist, beschreibt nicht einfach eine ehrliche Nachfrage. Es bezeichnet im Zusammenhang eine Haltung, die Gottes Handeln anklagt und sich selbst in die Stellung dessen erhebt, der über den Schöpfer urteilen möchte. Paulus richtet den Blick damit auf ein grundlegendes Missverhältnis: Der Mensch, dessen Leben und Erkenntnis begrenzt sind, stellt sich seinem Schöpfer gegenüber, als besäße er einen umfassenderen Maßstab für Gerechtigkeit als Gott selbst.
Dabei wäre es falsch, aus dieser Antwort abzuleiten, dass Menschen Gott grundsätzlich keine schwierigen Fragen stellen dürften. Die Bibel enthält zahlreiche Beispiele aufrichtiger Menschen, die Gottes Handeln nicht verstanden und deshalb zu ihm riefen. Abraham fragte, ob der Richter der ganzen Erde nicht gerecht handeln werde, als er von dem bevorstehenden Gericht über Sodom erfuhr (1. Mose 18,23–25). Hiob klagte über sein Leiden und suchte nach einer Erklärung für Gottes Umgang mit ihm. Auch viele Psalmen enthalten dringende Fragen nach Gottes Gerechtigkeit, seinem scheinbaren Schweigen und dem Leid der Unschuldigen. Solche Gebete werden in der Schrift nicht einfach als verbotene Auflehnung behandelt. Entscheidend ist vielmehr, ob ein Mensch in seiner Not Gottes Wahrheit sucht oder ob er sich selbst zum obersten Richter über Gott erhebt.
Paulus beantwortet den Einwand deshalb zunächst nicht durch eine vollständige Erklärung sämtlicher Ursachen göttlichen Handelns. Stattdessen stellt er die grundlegende Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf wieder her. Der Mensch kann Gottes Wege prüfen, soweit Gott sie offenbart hat, und darf nach Verständnis suchen. Er besitzt jedoch nicht die Stellung, Gott aufgrund seiner eigenen begrenzten Einsicht grundsätzlich zur Rechenschaft zu ziehen. Seine Erkenntnis umfasst weder die gesamte Geschichte noch alle Folgen menschlicher Entscheidungen. Gott dagegen sieht die Zusammenhänge, die dem Menschen verborgen bleiben. Diese Unterscheidung bedeutet nicht, dass Gottes Handeln deshalb willkürlich wäre. Vielmehr erinnert sie daran, dass Gottes Weisheit und Gerechtigkeit nicht von der Vollständigkeit menschlichen Verstehens abhängig sind.
Um diesen Gedanken anschaulich zu machen, greift Paulus auf ein Bild zurück, das bereits im Alten Testament mehrfach verwendet wird. Er fragt, ob das geformte Werk seinem Bildner vorwerfen könne, weshalb dieser es gerade so gemacht habe. Das Bild vom Töpfer und dem Ton verdeutlicht den grundlegenden Unterschied zwischen demjenigen, der etwas schafft und gestaltet, und dem Werk, das aus seiner Hand hervorgeht. Ein Gefäß kann seine eigene Entstehung nicht erklären und besitzt keine unabhängige Autorität über den Töpfer, der ihm seine Form und Bestimmung gibt. Paulus verwendet diese alltägliche Vorstellung, um die besondere Stellung Gottes als Schöpfer und Herr seiner Geschichte zu verdeutlichen.
Ein wichtiger alttestamentlicher Hintergrund findet sich in Jesaja 29,15–16. Dort spricht der Prophet Menschen an, die ihre Absichten vor Gott zu verbergen versuchen und so handeln, als könne der Schöpfer ihre Pläne nicht durchschauen. Ihre Haltung wird mit einem Werk verglichen, das sich über seinen Hersteller erhebt und dessen Wissen infrage stellt. Das Bild richtet sich ursprünglich gegen die Selbstüberschätzung von Menschen, die glauben, ihre eigenen Pläne unabhängig von Gottes Erkenntnis und Herrschaft verwirklichen zu können. Die Umkehrung der natürlichen Ordnung besteht darin, dass das Geschaffene seinen Schöpfer so behandelt, als sei dieser selbst nur ein unwissendes Werk.
Eine weitere Parallele steht in Jesaja 45,9–11. Dort wird vor dem Menschen gewarnt, der mit seinem Schöpfer hadert, so wie ein Tongefäß mit demjenigen streiten würde, der es formt. Im Zusammenhang dieser Worte geht es um Gottes unerwartetes geschichtliches Handeln. Gott hatte angekündigt, den persischen Herrscher Kyrus für die Befreiung seines Volkes und die Wiederherstellung Jerusalems zu gebrauchen (Jesaja 44,28–45,4). Dass Gott einen fremden König in seinen Plan einbezog, konnte bei den Israeliten Fragen hervorrufen. Doch der Prophet erinnert sie daran, dass Gott nicht verpflichtet ist, seine geschichtlichen Entscheidungen nach menschlichen Erwartungen auszurichten. Er kann selbst einen Herrscher außerhalb Israels für die Erfüllung seiner Zusagen verwenden.
Diese Verbindung ist für Römer 9 besonders aufschlussreich. Auch Paulus beschäftigt sich mit einer unerwarteten Entwicklung innerhalb der Heilsgeschichte. Viele Israeliten haben den Messias nicht angenommen, während Menschen aus den Heiden zum Glauben kommen und Anteil an Gottes Verheißungen erhalten. Wie schon bei Kyrus handelt Gott auf eine Weise, die bisherige menschliche Vorstellungen über seine Erwählung und sein Volk infrage stellen kann. Der entscheidende Punkt lautet jedoch nicht, dass Gott seine früheren Zusagen aufgibt. Vielmehr besitzt er als Herr der Geschichte die Freiheit und die Macht, seine Verheißungen auch auf Wegen zu erfüllen, die Menschen zunächst nicht erwarten.
In Vers 21 entwickelt Paulus das Töpferbild weiter. Er fragt, ob der Töpfer nicht die Macht habe, aus derselben Tonmasse unterschiedliche Gefäße herzustellen: eines zur Ehre und ein anderes zur Unehre. Die gemeinsame Tonmasse unterstreicht, dass die verschiedenen Gefäße nicht aufgrund eines grundsätzlich unterschiedlichen Ursprungs besondere Ansprüche erheben können. Sie erhalten ihre Gestalt und Bestimmung durch die Entscheidung des Töpfers. Ein Gefäß kann nicht verlangen, für einen bestimmten Zweck geschaffen zu werden, nur weil es aus demselben Material besteht wie ein anderes. Damit knüpft Paulus an seine vorherige Erklärung an, dass Gottes Erwählung nicht auf menschlichen Ansprüchen, Abstammungsvorrechten oder Verdiensten beruht.
Die Gegenüberstellung von Ehre und Unehre muss dabei sorgfältig verstanden werden. Im antiken Haushalt konnten Tongefäße sehr unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Manche dienten besonderen Anlässen oder wurden für wertvolle Inhalte verwendet, während andere für gewöhnliche, unscheinbare oder weniger angesehene Zwecke bestimmt waren. Der Gegensatz beschreibt zunächst die unterschiedliche Bestimmung und Wertschätzung solcher Gefäße. Paulus verwendet an anderer Stelle ein verwandtes Bild, wenn er in 2. Timotheus 2,20–21 von Gefäßen zu ehrenvollem und weniger ehrenvollem Gebrauch spricht. Dort verbindet er die Vorstellung ausdrücklich mit der Reinigung eines Menschen, der zu einem brauchbaren Gefäß für den Herrn werden soll. Das zeigt, dass die biblische Gefäßsprache nicht in jedem Zusammenhang automatisch eine unveränderliche Einteilung in ewig Gerettete und ewig Verdammte bezeichnet.
Dennoch wäre es zu kurz gegriffen, die Worte in Römer 9,21 lediglich als Beschreibung verschiedener gesellschaftlicher Aufgaben zu verstehen. Paulus spricht hier im Zusammenhang von Gottes Erbarmen, seiner Verhärtung und der Frage nach menschlicher Schuld. In den unmittelbar folgenden Versen wird er außerdem die Gefäße des Zorns und der Barmherzigkeit erwähnen. Das Bild besitzt deshalb eine ernste Bedeutung für Gottes rettendes und richtendes Handeln. Es zeigt, dass Menschen Gott nicht vorschreiben können, auf welche Weise er sie in seinen Heilsplan einbezieht. Ob Paulus damit zugleich eine unabänderliche Vorherbestimmung bestimmter Einzelpersonen zur ewigen Verdammnis beschreibt, kann jedoch nicht allein aus der Gegenüberstellung der beiden Gefäße entschieden werden. Dafür müssen die folgenden Verse und der weitere Zusammenhang des Römerbriefes berücksichtigt werden.
Eine besonders wichtige Ergänzung liefert Jeremia 18,1–12. Gott beauftragte den Propheten, in das Haus eines Töpfers zu gehen und dessen Arbeit zu beobachten. Dort sah Jeremia, wie ein Gefäß während seiner Herstellung missriet. Der Töpfer warf den Ton jedoch nicht einfach weg, sondern formte daraus ein anderes Gefäß, wie es ihm gut erschien. Anschließend erklärte Gott, dass das Haus Israel ebenso in seiner Hand sei wie der Ton in der Hand des Töpfers. Zunächst bestätigt dieses Bild dieselbe grundlegende Wahrheit wie Römer 9: Gott besitzt als Schöpfer und Herr die Autorität, mit seinem Volk nach seinem Willen zu handeln.
Doch Jeremia erhält anschließend eine Erklärung, die für das Verständnis göttlicher Herrschaft von großer Bedeutung ist. Gott beschreibt, dass er einem Volk Gericht ankündigen kann und dieses Gericht dennoch zurücknimmt, wenn das betreffende Volk von seiner Bosheit umkehrt. Ebenso kann er einem Volk Gutes zusagen und seine angekündigte Wohltat zurücknehmen, wenn es sich dem Bösen zuwendet und nicht auf seine Stimme hört (Jeremia 18,7–10). Der Töpfer besitzt also die entscheidende Gestaltungsautorität, doch sein Handeln wird in diesem prophetischen Zusammenhang ausdrücklich mit dem Verhalten der Menschen verbunden. Gottes Souveränität und menschliche Verantwortung werden nicht als Gegensätze behandelt. Gerade der souveräne Gott erklärt selbst, dass Umkehr und Ungehorsam für seinen Umgang mit den Völkern bedeutsam sind.
Dabei muss allerdings beachtet werden, dass Paulus nicht einfach sämtliche Einzelheiten aus Jeremia 18 in Römer 9 übernimmt. Seine Formulierung über das geformte Werk, das seinen Bildner zur Rede stellt, erinnert besonders deutlich an Jesaja 29 und 45. Das Bild von der Autorität des Töpfers über unterschiedliche Gefäße begegnet außerdem in der weiteren jüdischen Schrifttradition. Jeremia 18 ist deshalb ein wichtiger Hintergrund, aber nicht der einzige Schlüssel, mit dem sich jede Aussage des Paulus vollständig erklären ließe. Während Jeremia besonders die Möglichkeit einer veränderten göttlichen Gerichtsankündigung bei menschlicher Umkehr hervorhebt, betont Paulus in Römer 9,19–21 zunächst die Autorität Gottes gegenüber einem Menschen, der seine Entscheidungen grundsätzlich infrage stellt.
Gerade diese Unterscheidung bewahrt vor zwei gegensätzlichen Missverständnissen. Einerseits wäre es falsch, aus Jeremia 18 abzuleiten, dass Gott seine Entscheidungen lediglich nach dem Verhalten des Menschen richtet und keine eigene, vorausgehende Absicht besitzt. Auch bei Jeremia bleibt der Töpfer derjenige, der die Gestalt des Gefäßes bestimmt. Andererseits wäre es ebenso problematisch, aus Römer 9,21 allein zu folgern, Gott forme Menschen ohne Rücksicht auf ihren Glauben oder ihre Entscheidungen unwiderruflich für das ewige Verderben. Die alttestamentlichen Texte zeigen, dass das Töpferbild unterschiedliche Seiten von Gottes Herrschaft beleuchten kann. Seine Autorität ist umfassend, doch sie wird in der Schrift nicht grundsätzlich von seiner Gerechtigkeit, Geduld und Bereitschaft zur Barmherzigkeit getrennt.
Ein besonders ernstes Beispiel für die Verbindung von Gottes Herrschaft und menschlicher Verantwortung liefert die Geschichte Israels selbst. Gott hatte sein Volk erwählt und ihm seine Gebote offenbart. Dennoch widersetzten sich viele Israeliten wiederholt seinem Willen. Durch die Propheten warnte er vor den Folgen dieser Untreue und rief zur Umkehr auf. Als das Volk seine Warnungen beharrlich zurückwies, führte dies schließlich zu schwerem Gericht und zur Zerstörung Jerusalems. Doch selbst innerhalb dieser Gerichtsankündigungen blieb Gottes Ruf zur Umkehr bestehen (Jeremia 18,11–12; Hesekiel 18,30–32). Die göttliche Autorität bestand also nicht darin, dass menschliche Entscheidungen bedeutungslos gewesen wären. Vielmehr nahm Gott den Menschen als verantwortliches Gegenüber ernst und behandelte seinen Widerstand entsprechend.
Auch im weiteren Römerbrief wird diese Verbindung deutlich. Paulus erklärt später, dass Israel wegen seines Unglaubens zum Teil aus dem Bild des Ölbaums ausgebrochen wurde, während Menschen aus den Heiden durch Glauben eingepfropft wurden (Römer 11,17–20). Den gläubigen Heiden gibt er jedoch keine Grundlage für Überheblichkeit. Sie sollen Gottes Güte und Strenge beachten und nicht meinen, dass ihre gegenwärtige Stellung sie unabhängig vom Bleiben im Glauben unangreifbar mache. Gleichzeitig betont Paulus, dass die ausgebrochenen natürlichen Zweige wieder eingepfropft werden können, wenn sie nicht im Unglauben bleiben (Römer 11,21–23). Diese späteren Aussagen dürfen den scharfen Akzent von Römer 9,19–21 nicht abschwächen, gehören aber zum vollständigen Gedankengang des Apostels.
Damit erhält das Töpferbild eine tiefere Bedeutung. Gott besitzt nicht nur die Macht, unterschiedliche Gefäße zu formen. Er ist auch derjenige, der über den gesamten Verlauf seiner Heilsgeschichte herrscht, Gericht ankündigt, zur Umkehr ruft und Barmherzigkeit erweist. Seine Entscheidungen sind weder durch menschliche Herkunft noch durch religiöse Ansprüche erzwungen. Zugleich offenbart er sich in der Schrift als Gott, der Menschen geduldig begegnet und ihnen seine Wahrheit mitteilt. Deshalb kann seine souveräne Autorität nicht einfach mit menschlicher Willkür gleichgesetzt werden. Was ein irdischer Herrscher aus Selbstsucht oder Ungerechtigkeit tun könnte, darf nicht ohne Weiteres auf Gottes heiliges Wesen übertragen werden.
Eine wichtige Grenze bleibt dennoch bestehen. Das Bild eines Töpfers und seines Tons ist ein Vergleich, keine vollständige Beschreibung des Verhältnisses zwischen Gott und Mensch. Wirklicher Ton besitzt weder Bewusstsein noch einen eigenen Willen. Menschen dagegen werden in der Bibel als verantwortliche Geschöpfe angesprochen, die Gottes Wort hören, ihm vertrauen oder sich ihm widersetzen können. Der Vergleich soll deshalb nicht jede menschliche Eigenschaft auf die unbelebte Tonmasse übertragen. Seine besondere Aussage besteht darin, Gottes schöpferische Autorität und das Fehlen eines menschlichen Anspruchs auf eine selbstgewählte Stellung hervorzuheben. Wie Gott diese Autorität im Einzelnen ausübt, muss aus seinen weiteren Offenbarungen erschlossen werden.
Für das persönliche Glaubensleben liegt darin eine ernste Herausforderung. Menschen möchten Gottes Führung häufig nur dann annehmen, wenn sie ihren eigenen Vorstellungen entspricht. Sie vergleichen ihre Lebensumstände mit denen anderer, fragen nach den Gründen unterschiedlicher Berufungen oder empfinden Gottes Wege als schwer verständlich. Solche Fragen sind nicht grundsätzlich falsch. Doch sie können zu einer Haltung führen, in der der Mensch Gottes Weisheit nur noch gelten lassen möchte, solange sie seinen Erwartungen entspricht. Paulus erinnert daran, dass wahres Vertrauen auch die Bereitschaft einschließt, Gottes Autorität anzuerkennen, wenn seine Entscheidungen nicht vollständig durchschaubar sind.
Dieses Vertrauen bedeutet allerdings keine gedankenlose Unterwerfung unter ein unberechenbares Wesen. Der Gott, dessen Autorität Paulus beschreibt, ist derselbe, der in Jesus Christus seine Liebe zu den Sündern offenbart hat. Bereits in Römer 5,8 erklärte Paulus, dass Gott seine Liebe dadurch beweist, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren. Und in Römer 8,32 erinnerte er daran, dass Gott seinen eigenen Sohn nicht verschonte, sondern ihn für uns alle dahingab. Diese Aussagen bilden einen wichtigen Hintergrund für das Verständnis seiner Gerechtigkeit. Wenn Paulus nun Gottes uneingeschränkte Herrschaft hervorhebt, spricht er nicht von einem unbekannten Gott, dessen Wesen völlig im Dunkeln liegt, sondern von dem Gott, dessen rettende Liebe bereits im Evangelium offenbar geworden ist.
So fordert Römer 9,19–21 den Menschen auf, seine eigene Stellung vor Gott richtig zu erkennen. Niemand kann dem Schöpfer vorschreiben, wie er seine Verheißungen zu erfüllen, wen er zu berufen oder auf welche Weise er mit Widerstand umzugehen hat. Gottes Autorität ist nicht von menschlicher Zustimmung abhängig. Dennoch wird diese Autorität innerhalb der gesamten Schrift als Handeln eines gerechten, geduldigen und barmherzigen Gottes offenbar. Der Mensch kann nicht jede Einzelheit seines Wirkens erklären, darf aber darauf vertrauen, dass Gottes Entscheidungen seinem eigenen heiligen Wesen entsprechen.
Paulus hat damit die Frage seines Gesprächspartners noch nicht in allen Einzelheiten beantwortet. Er hat zunächst die Voraussetzung zurückgewiesen, dass der Mensch über Gott urteilen könne, als stünde dieser unter derselben begrenzten Erkenntnis und Autorität wie seine Geschöpfe. Doch der Apostel wird seine Erklärung nicht mit diesem Hinweis beenden. In den folgenden Versen zeigt er, wie Gott mit den Gefäßen des Zorns umgeht und weshalb gerade seine große Langmut und der Reichtum seiner Herrlichkeit für das Verständnis seines Handelns entscheidend sind. Damit wird das Bild des Töpfers weitergeführt und zugleich eine wichtige Frage vertieft: Wie verbinden sich Gottes gerechtes Gericht und seine Barmherzigkeit innerhalb seines großen Erlösungsplans?
Römer 9,22–24
Gottes Langmut, Gericht und Berufung zur Herrlichkeit
Nachdem Paulus das Bild vom Töpfer und dem Ton eingeführt hat, entwickelt er seinen Gedanken in den Versen 22 bis 24 weiter. Dabei tritt eine Eigenschaft Gottes hervor, die bei einer oberflächlichen Betrachtung leicht übersehen werden kann: seine große Geduld. Obwohl Gott die Macht besitzt, Gericht zu üben und seinen Willen durchzusetzen, handelt er nicht einfach mit ungeduldiger Härte. Paulus spricht von Gefäßen des Zorns, die Gott mit großer Langmut getragen hat, und stellt ihnen Gefäße der Barmherzigkeit gegenüber, die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat. Anschließend erklärt er, dass Gott Menschen nicht nur aus den Juden, sondern auch aus den Heiden zu sich berufen hat. Damit verbindet er das Bild des Töpfers unmittelbar mit seiner ursprünglichen Frage nach Israels Erwählung und der Erfüllung von Gottes Verheißungen.
In Vers 22 beginnt Paulus mit einer bemerkenswerten Formulierung. Er fragt sinngemäß, was denn dagegen einzuwenden wäre, wenn Gott, obwohl er seinen Zorn und seine Macht offenbaren wollte, die zum Verderben zugerichteten Gefäße des Zorns mit großer Geduld getragen hat. Die Satzkonstruktion ist im Griechischen ungewöhnlich, weil Paulus seinen Gedanken nicht in der Form eines gewöhnlichen, vollständig ausgeführten Bedingungssatzes abschließt. Er lädt seinen Gesprächspartner vielmehr dazu ein, Gottes tatsächliches Handeln zu betrachten. Der zuvor erhobene Vorwurf, Gott handle möglicherweise ungerecht, soll angesichts seiner Geduld und seines größeren Heilsvorsatzes neu beurteilt werden.
Zunächst muss geklärt werden, was Paulus unter Gottes Zorn versteht. Im alltäglichen Sprachgebrauch verbinden Menschen Zorn häufig mit unkontrollierter Wut, verletztem Stolz oder dem Wunsch nach Vergeltung. Eine solche Vorstellung darf jedoch nicht einfach auf Gott übertragen werden. Bereits zu Beginn des Römerbriefes erklärt Paulus, dass Gottes Zorn über die Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen offenbar wird, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten (Römer 1,18). Der göttliche Zorn richtet sich demnach gegen das Böse und dessen zerstörerische Wirklichkeit. Er gehört zu Gottes gerechtem Widerstand gegen Sünde, Unterdrückung und Auflehnung. Würde Gott das Böse dauerhaft gleichgültig hinnehmen, wäre seine Gerechtigkeit nicht mehr ernst zu nehmen.
Dabei kann Gottes Zorn bereits innerhalb der Geschichte sichtbar werden, etwa wenn Menschen den Folgen ihrer schuldhaften Entscheidungen preisgegeben werden (Römer 1,24–28). Paulus spricht aber auch von einem zukünftigen Tag des Zorns, an dem Gottes gerechtes Gericht offenbar werden wird (Römer 2,5–6). Der Begriff umfasst somit mehr als ein einzelnes geschichtliches Ereignis. Wenn Paulus in Römer 9,22 von Gefäßen des Zorns spricht, bezeichnet er Menschen, die im Zusammenhang mit Gottes richtendem Handeln stehen. Das Bild besitzt eine ernste Bedeutung, weil es ausdrücklich mit dem Verderben verbunden wird. Es darf deshalb nicht auf die harmlose Vorstellung reduziert werden, einige Menschen hätten lediglich weniger angesehene Aufgaben als andere.
Gerade vor diesem Hintergrund fällt die Erwähnung von Gottes Langmut besonders auf. Paulus erklärt nicht, dass Gott die Gefäße des Zorns sofort vernichtet habe, sobald ihr Widerstand offenbar wurde. Vielmehr beschreibt er, dass Gott sie mit großer Geduld getragen hat. Das griechische Wort für Langmut bezeichnet geduldiges Ausharren und die Bereitschaft, nicht unmittelbar mit der möglichen Strenge zu reagieren. Gott besitzt die Macht zum Gericht, übt diese Macht aber nicht in jedem Fall sofort aus. Zwischen dem schuldhaften Verhalten des Menschen und dem endgültigen Gericht kann eine Zeit liegen, in der Gottes Geduld sichtbar wird.
Diesen Gedanken hatte Paulus bereits in Römer 2,4 angesprochen. Dort fragt er, ob der Mensch den Reichtum von Gottes Güte, Geduld und Langmut verachte, ohne zu erkennen, dass Gottes Güte ihn zur Buße führen will. Damit erhält die göttliche Geduld eine besondere Bedeutung. Sie ist nicht einfach ein Zeichen dafür, dass Gott das Böse übersieht oder es letztlich für unwichtig hält. Vielmehr kann sie dem Menschen Raum geben, seine Schuld zu erkennen und umzukehren. Dass Gott ein Urteil nicht sofort vollstreckt, bedeutet deshalb weder, dass er seine Gerechtigkeit aufgegeben hätte, noch, dass sein bisheriges Schweigen als Zustimmung zum menschlichen Verhalten verstanden werden dürfte.
Die Geschichte des Pharaos liefert dafür ein eindrückliches Beispiel. Gott hätte seine Macht über Ägypten unmittelbar durch ein vernichtendes Gericht offenbaren können. Stattdessen entwickelte sich die Auseinandersetzung über eine Reihe von Warnungen und Gerichten hinweg. Der Pharao erhielt wiederholt Gelegenheit, Gottes Forderung zu hören, und erlebte die Folgen seiner Weigerung. Selbst während der Plagen blieb Gottes Handeln nicht ohne Warnung, wie die Aufforderung zeigt, vor dem angekündigten Hagel Menschen und Tiere in Sicherheit zu bringen (2. Mose 9,18–21). Das bedeutete keineswegs, dass der Pharao seine Verantwortung verlor. Vielmehr machte sein wiederholter Widerstand die Ernsthaftigkeit seiner Schuld deutlich.
Dennoch sollte die Langmut in Römer 9,22 nicht ausschließlich mit dem Pharao gleichgesetzt werden. Paulus hat das Beispiel des ägyptischen Königs benutzt, um eine allgemeinere Aussage über Gottes souveränes Handeln zu entwickeln. Im größeren Zusammenhang geht es besonders um Israel, seine Geschichte des Widerstandes und die Frage, weshalb viele Israeliten den Messias nicht angenommen haben. Auch gegenüber seinem eigenen Bundesvolk zeigte Gott immer wieder Geduld. Er sandte Propheten, ließ Warnungen verkündigen und rief zur Umkehr, obwohl das Volk sich häufig seinen Weisungen widersetzte (2. Könige 17,13–15; Jeremia 7,23–26). Die Erwähnung der Langmut erinnert damit an ein wiederkehrendes Merkmal von Gottes Handeln in der gesamten Heilsgeschichte.
Eine weitere Schwierigkeit liegt in der Aussage, dass die Gefäße des Zorns zum Verderben zugerichtet seien. Dieser Ausdruck wird häufig in der Diskussion über die göttliche Vorherbestimmung verwendet. Manche Ausleger verstehen ihn so, dass Gott bereits im Voraus bestimmte Menschen unwiderruflich für das ewige Verderben vorgesehen habe. Andere erklären, dass diese Menschen sich durch ihren eigenen Widerstand für das Gericht bereitgemacht hätten. Um beurteilen zu können, was Paulus tatsächlich sagt, muss die unterschiedliche sprachliche Gestaltung der Verse 22 und 23 berücksichtigt werden.
In Vers 22 verwendet Paulus das griechische Wort katērtismena. Es gehört zu einem Verb, das unter anderem das Zurechtbringen, Ausrüsten, Fertigmachen oder Herstellen eines geeigneten Zustandes bezeichnen kann. Die verwendete Form beschreibt die Gefäße als solche, die zum Verderben zugerichtet sind. Grammatisch handelt es sich um eine Form, die sowohl mittelsprachlich als auch passiv verstanden werden kann. Bei einer passiven Deutung wird ausgedrückt, dass die Gefäße zugerichtet worden sind, ohne ausdrücklich zu sagen, wer diese Zurichtung bewirkt hat. Die mittelsprachliche Form ermöglicht zwar die Diskussion einer Beteiligung der Betroffenen, beweist aber nicht, dass sie sich ausschließlich selbst in diesen Zustand gebracht hätten.
Gerade dieser Punkt ist wichtig, weil sich aus der grammatischen Form allein keine vollständige Erklärung der göttlichen Vorherbestimmung gewinnen lässt. Paulus sagt an dieser Stelle nicht ausdrücklich, Gott habe die Gefäße des Zorns bereits vor Grundlegung der Welt für das ewige Verderben vorbereitet. Ebenso wenig sagt er ausdrücklich, die Gefäße hätten sich vollständig unabhängig von Gottes Handeln selbst für dieses Ziel zugerichtet. Beide Deutungen versuchen, eine Frage zu beantworten, die der Wortlaut nicht unmittelbar entscheidet. Der Zusammenhang mit dem Töpferbild spricht zwar stark für Gottes wirkliche Autorität und sein Handeln an den Gefäßen, doch die genaue Ursache ihres Zustandes bleibt in Vers 22 sprachlich offen.
Die Bedeutung des verwendeten Verbs legt außerdem nicht von sich aus eine ewige Vorherbestimmung fest. Es kann das Herstellen oder Wiederherstellen eines geeigneten Zustandes beschreiben und muss deshalb aus seinem konkreten Zusammenhang verstanden werden. In Verbindung mit dem Töpferbild aus Jeremia 18 ist es durchaus möglich, an einen Prozess zu denken, in dem Gottes Handeln und menschlicher Widerstand miteinander in Beziehung stehen. Dort bearbeitet der Töpfer den Ton, und Gott erklärt ausdrücklich, dass das Verhalten eines Volkes für sein weiteres Handeln bedeutsam ist (Jeremia 18,1–10). Diese Verbindung eröffnet eine wichtige Auslegungsmöglichkeit. Sie darf jedoch nicht als einzig denkbare Bedeutung von Römer 9,22 ausgegeben werden.
Eine andere ernst zu nehmende Auslegung betont stärker die unmittelbare Verbindung zu Vers 21. Wenn der Töpfer Macht über den Ton besitzt und aus derselben Masse unterschiedliche Gefäße herstellen kann, dann liegt es nahe, Gott auch bei der Zurichtung der Gefäße des Zorns als den entscheidenden Handelnden zu verstehen. Diese Sicht nimmt die Schärfe des paulinischen Bildes ernst und erinnert daran, dass Gott nach Vers 18 tatsächlich verhärtet, wen er will. Allerdings erklärt auch sie noch nicht allein, wie sich Gottes richtendes Handeln zu der ausdrücklich bezeugten Schuld und Widersetzlichkeit des Menschen verhält. Eine vollständige Lehre über die ewige Bestimmung jedes einzelnen Menschen lässt sich deshalb nicht aus dieser einen Formulierung ableiten.
Der Vergleich mit Vers 23 bringt nun einen entscheidenden Unterschied ans Licht. Hier spricht Paulus von den Gefäßen der Barmherzigkeit und erklärt ausdrücklich, dass Gott sie zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat. Anders als in Vers 22 nennt der Satz den Handelnden unmittelbar: Gott selbst ist derjenige, der diese Vorbereitung bewirkt. Außerdem verwendet Paulus ein anderes griechisches Verb, proētoimasen, das den Gedanken des vorherigen Bereitens ausdrücklich enthält. Die beiden Aussagen sind also nicht vollkommen gleich aufgebaut. Bei den Gefäßen der Barmherzigkeit wird Gottes vorausgehendes Handeln klar und unmittelbar hervorgehoben. Bei den Gefäßen des Zorns wird dagegen ihr Zustand beschrieben, ohne den Urheber in derselben Weise ausdrücklich zu benennen.
Diese sprachliche Ungleichheit sollte weder übergangen noch überdehnt werden. Sie verhindert, dass man behauptet, Paulus habe in beiden Versen mit exakt derselben Formulierung eine gleichartige Vorherbestimmung zur Herrlichkeit und zum Verderben ausgesprochen. Andererseits beweist der Unterschied nicht automatisch, dass Gott bei den Gefäßen des Zorns keinerlei vorbereitende oder richtende Handlung ausübt. Gerade der vorausgehende Abschnitt spricht deutlich von seiner Autorität als Töpfer. Die sorgfältigste Erklärung besteht deshalb darin, den Unterschied festzuhalten und die verbleibende Frage nach dem Verhältnis von Gottes Handeln und menschlicher Schuld nicht künstlich zu vereinfachen.
Bei aller Schwierigkeit dieser Formulierungen darf der positive Schwerpunkt von Vers 23 nicht übersehen werden. Paulus spricht vom Reichtum der göttlichen Herrlichkeit, den Gott an den Gefäßen der Barmherzigkeit kundtun will. Das Ziel seines gnädigen Handelns besteht also nicht bloß darin, Menschen vor einem Gericht zu bewahren. Gott möchte sie an seiner Herrlichkeit teilhaben lassen. Dieser Gedanke knüpft unmittelbar an Römer 8 an, wo Paulus erklärt, dass die Kinder Gottes mit Christus verherrlicht werden sollen und dass die gegenwärtigen Leiden gegenüber der kommenden Herrlichkeit nicht ins Gewicht fallen (Römer 8,17–18). Gottes Erlösungsplan zielt auf eine endgültige Wiederherstellung, die weit über die bloße Befreiung von Schuld hinausreicht.
Der Ausdruck „Gefäße der Barmherzigkeit“ macht zugleich deutlich, worauf diese Hoffnung beruht. Die Menschen, die Gott zur Herrlichkeit beruft, erreichen ihr Ziel nicht aufgrund eines natürlichen Anspruchs oder einer angeborenen moralischen Überlegenheit. Sie sind Empfänger göttlichen Erbarmens. Schon früher hatte Paulus erklärt, dass alle Menschen gesündigt haben und der Herrlichkeit Gottes ermangeln, während die Rechtfertigung aus seiner Gnade durch die Erlösung in Jesus Christus geschieht (Römer 3,23–24). Auch die zukünftige Herrlichkeit ist deshalb kein menschlicher Verdienst, sondern die Vollendung dessen, was Gott in seiner Gnade begonnen hat.
Dass Gott die Gefäße der Barmherzigkeit zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat, unterstreicht zudem die Zuverlässigkeit seines Heilsvorsatzes. Die Erlösung ist keine nachträgliche Notlösung, die Gott erst angesichts des menschlichen Versagens entwickeln musste. Bereits in Römer 8,29–30 hatte Paulus Gottes vorausgehendes Erkennen, Vorherbestimmen, Berufen, Rechtfertigen und Verherrlichen beschrieben. Dort liegt der Schwerpunkt auf Gottes wirksamer Initiative und dem Ziel, Menschen dem Bild seines Sohnes gleichzugestalten. Römer 9,23 greift diese Hoffnung erneut auf und stellt sie in den Zusammenhang von Gottes Barmherzigkeit. Dabei nennt der Vers selbst keinen genauen Zeitpunkt dieser Vorbereitung; entscheidend ist, dass Gott als ihr Urheber bezeichnet wird und die Herrlichkeit das von ihm bestimmte Ziel ist.
In Vers 24 verlässt Paulus schließlich die allgemeine Bildsprache und macht deutlich, wen er mit den Gefäßen der Barmherzigkeit meint. Er spricht von den Menschen, die Gott berufen hat, und schließt sich selbst sowie seine gläubigen Leser ausdrücklich ein. Besonders bemerkenswert ist die anschließende Erklärung, dass diese Berufenen nicht nur aus den Juden, sondern auch aus den Heiden stammen. Damit wird der bisherige Gedankengang auf seine eigentliche heilsgeschichtliche Frage zurückgeführt: Gottes rettendes Erbarmen ist nicht auf die natürliche Abstammung von Abraham beschränkt.
Das Wort „berufen“ besitzt hier mehr Gewicht als die Vorstellung einer bloßen gesellschaftlichen Einladung. Paulus beschreibt Gott als denjenigen, der Menschen durch sein Heilshandeln zu sich ruft und sie in die Gemeinschaft der Erlösten aufnimmt. Bereits in Römer 8,28–30 hatte er von den nach Gottes Vorsatz Berufenen gesprochen. Die Berufung in Römer 9,24 steht deshalb in engem Zusammenhang mit Gottes Gnade und seinem rettenden Wirken. Zugleich wird der Ruf im weiteren Römerbrief mit der Verkündigung des Evangeliums und dem Glauben verbunden. Paulus erklärt später ausdrücklich, dass Menschen nur dann den Herrn anrufen können, wenn sie von ihm gehört haben, und dass der Glaube durch die Verkündigung entsteht (Römer 10,13–17). Gottes vorausgehende Berufung und die menschliche Antwort des Glaubens gehören innerhalb seiner Darstellung zusammen.
Der entscheidende Gedanke von Vers 24 liegt jedoch in der Zusammensetzung der Berufenen. Gott ruft Menschen sowohl aus Israel als auch aus den Völkern. Für die ersten Leser des Römerbriefes war dies eine bedeutende Aussage, denn die Unterscheidung zwischen Juden und Heiden gehörte zu den grundlegenden Fragen der frühen christlichen Gemeinschaften. Die Juden besaßen die Geschichte des Bundes, das Gesetz und die Verheißungen. Menschen aus den Heiden hatten an diesen besonderen geschichtlichen Vorrechten zunächst keinen entsprechenden Anteil. Dennoch wurden sie durch das Evangelium in dieselbe Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit hineingerufen.
Damit erfüllt sich ein wichtiger Bestandteil der Verheißung an Abraham. Gott hatte ihm zugesagt, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3). Diese Verheißung war also von Anfang an nicht auf das dauerhafte Heil einer einzigen Abstammungsgemeinschaft begrenzt. Paulus hatte bereits erklärt, dass Abraham zum Vater aller Glaubenden werden sollte, sowohl der Beschnittenen als auch der Unbeschnittenen (Römer 4,9–12.16–17). Nun zeigt er, dass sich dieser Gedanke auch in Gottes Berufung der Gefäße der Barmherzigkeit widerspiegelt. Die Berufenen stammen aus verschiedenen Völkern, werden aber durch dasselbe göttliche Erbarmen zur Herrlichkeit geführt.
Die Formulierung „nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden“ verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Paulus sagt nicht, Gott habe Israel vollständig aufgegeben und berufe nun ausschließlich Menschen aus anderen Völkern. Er schließt die Juden ausdrücklich ein. Die Berufung der Heiden geschieht somit nicht dadurch, dass Gottes frühere Beziehung zu Israel bedeutungslos geworden wäre. Vielmehr erweitert sich der Blick auf die gemeinsame Teilhabe am Heil, das Gott in Jesus Christus offenbart. Diese Verbindung wird im folgenden elften Kapitel mit dem Bild des Ölbaums weiter entfaltet, in den Menschen aus den Heiden eingepfropft werden, ohne dass dadurch die Geschichte der natürlichen Zweige ausgelöscht wird (Römer 11,16–24).
Damit erhält auch die Frage nach Gottes Gerechtigkeit eine neue Perspektive. Der Mensch kann Gott nicht vorschreiben, dass seine Barmherzigkeit ausschließlich denjenigen gelten müsse, die zu einer bestimmten Abstammungsgemeinschaft gehören. Gerade Israel selbst verdankte seine Erwählung Gottes gnädigem Vorsatz und nicht einer besonderen natürlichen Überlegenheit. Deshalb besitzt Gott auch die Freiheit, Menschen aus den Heiden zu seinem Volk zu berufen. Diese Berufung bedeutet keine Untreue gegenüber seinen früheren Verheißungen. Vielmehr führt sie den Segen, den Gott Abraham zugesagt hatte, über die Grenzen Israels hinaus.
Die Gegenüberstellung von Zorn und Barmherzigkeit darf dennoch nicht so verstanden werden, als seien Gottes Geduld und sein Gericht lediglich äußere Mittel, um eine von Anfang an unveränderliche Aufteilung einzelner Menschen zu demonstrieren. Paulus beschreibt tatsächlich zwei ernste Möglichkeiten des göttlichen Handelns, doch sein größerer Zusammenhang zeigt, dass die Geschichte von Unglauben, Gericht und Erbarmen miteinander verbunden ist. Besonders in Römer 11 wird sichtbar, dass eine gegenwärtige Verhärtung nicht in jedem Fall Gottes endgültiges Urteil darstellen muss. Paulus spricht dort ausdrücklich von Menschen, die ausgebrochen wurden und dennoch wieder eingepfropft werden können, wenn sie nicht im Unglauben bleiben (Römer 11,23). Diese Hoffnung hebt die Ernsthaftigkeit des Gerichts nicht auf, verhindert aber, jede Form göttlicher Verhärtung ohne weitere Prüfung mit endgültiger Verdammnis gleichzusetzen.
Ebenso wenig bedeutet Gottes große Langmut, dass die Möglichkeit zur Umkehr unbegrenzt bestehen müsse oder dass am Ende jeder Mensch unabhängig von seinem Glauben gerettet werde. Die Schrift spricht sowohl von Gottes Geduld als auch von einem wirklichen kommenden Gericht (Römer 2,4–8). Wer Gottes Geduld missachtet, kann sie zu einer falschen Sicherheit missbrauchen. Ihr eigentliches Ziel besteht nicht darin, das Böse folgenlos zu machen, sondern den Menschen zur Umkehr zu führen. Gerade weil Gott geduldig ist, sollte seine Güte nicht verachtet werden.
So verbinden diese Verse Gottes uneingeschränkte Autorität mit einem erstaunlichen Einblick in sein Wesen. Er besitzt die Macht, Zorn und Gericht offenbar werden zu lassen, erträgt aber die Gefäße des Zorns mit großer Geduld. Er bereitet die Gefäße der Barmherzigkeit zur Herrlichkeit und ruft Menschen aus unterschiedlichen Völkern zu sich. Seine Macht dient nicht lediglich dazu, die Grenzen menschlicher Freiheit sichtbar zu machen. Sie steht innerhalb eines umfassenden Heilsvorhabens, in dem Gottes Gerechtigkeit, Geduld und Barmherzigkeit offenbar werden.
Für den Leser liegt darin eine wichtige geistliche Erkenntnis. Niemand darf Gottes Geduld als Schwäche betrachten oder daraus schließen, dass menschlicher Widerstand bedeutungslos wäre. Ebenso wenig darf jemand meinen, aufgrund seiner Herkunft, seiner religiösen Stellung oder seiner eigenen Leistungen ein größeres Recht auf Gottes Erbarmen zu besitzen. Die Hoffnung auf Rettung gründet allein in Gottes Gnade. Wer zu ihm gehört, darf seine zukünftige Herrlichkeit nicht als selbst erworbenen Besitz ansehen, sondern als die Vollendung einer Verheißung, deren Ursprung in Gottes Liebe und Barmherzigkeit liegt.
Damit hat Paulus seine bisherige Argumentation zu einem entscheidenden Punkt geführt. Gottes Wort ist nicht gescheitert, obwohl viele Israeliten den Messias nicht angenommen haben. Die Verheißung beruhte von Anfang an auf Gottes gnädigem Vorsatz, und seine rettende Berufung umfasst nun Menschen sowohl aus Israel als auch aus den Heiden. Doch ist diese Einbeziehung der Völker tatsächlich schon in den alten Schriften angekündigt worden? Um diese Frage zu beantworten, greift Paulus in den folgenden Versen auf die Propheten Hosea und Jesaja zurück. Ihre Worte sollen zeigen, dass Gottes Berufung der zuvor Ausgeschlossenen und die Bewahrung eines Überrestes Israels keine unerwartete Abkehr von seinem bisherigen Handeln darstellen, sondern tief in seiner eigenen Verheißungsgeschichte verwurzelt sind.
Römer 9,25–29
Gottes Berufung der Heiden und der gerettete Überrest Israels
Nachdem Paulus erklärt hat, dass Gott Menschen nicht nur aus den Juden, sondern auch aus den Heiden zu seiner Herrlichkeit beruft, wendet er sich in den Versen 25 bis 29 erneut den Schriften des Alten Testaments zu. Seine bisherigen Aussagen über Gottes Erwählung und Barmherzigkeit sollen nicht als eine neue Lehre erscheinen, die mit den früheren Offenbarungen Gottes im Widerspruch steht. Deshalb lässt Paulus nun die Propheten selbst sprechen. Mit Hosea zeigt er, dass Gott Menschen, die nicht als sein Volk gelten, in seine Gemeinschaft aufnehmen kann. Mit Jesaja erklärt er anschließend, dass selbst innerhalb Israels die Rettung eines Überrestes von entscheidender Bedeutung ist. Beide prophetischen Zeugnisse helfen zu verstehen, weshalb Gottes Verheißungen trotz des Unglaubens vieler Israeliten nicht gescheitert sind.
In Vers 25 greift Paulus zunächst auf den Propheten Hosea zurück. Er erinnert an Gottes Verheißung, diejenigen sein Volk zu nennen, die zuvor nicht sein Volk waren, und diejenigen als Geliebte anzuerkennen, die vorher nicht als Geliebte galten. Diese Worte stammen aus Hosea 2,25 nach der Verszählung der Schlachter 1951. In vielen anderen Bibelausgaben wird dieselbe Stelle als Hosea 2,23 angegeben. Um die Bedeutung dieses Zitats zu verstehen, muss zunächst betrachtet werden, weshalb Gott durch Hosea überhaupt von Menschen sprach, die nicht mehr sein Volk genannt werden sollten.
Hosea wirkte im achten Jahrhundert vor Christus, als das Nordreich Israel einer schweren geistlichen Krise entgegengegangen war. Obwohl Gott das Volk aus Ägypten befreit und in einen Bund mit sich aufgenommen hatte, wandten sich viele Israeliten fremden Göttern zu. Besonders die Verehrung des Baal spielte eine bedeutende Rolle. Die Menschen schrieben den Fruchtbarkeitsgöttern Segnungen zu, die sie tatsächlich dem Herrn verdankten (Hosea 2,10). Damit verletzten sie nicht nur einzelne religiöse Vorschriften, sondern die grundlegende Treue, zu der sie sich im Bund mit Gott verpflichtet hatten. Der Prophet beschrieb diesen Zustand mit dem Bild einer untreuen Ehe, in der sich das Volk von dem Gott abgewandt hatte, der es zuvor geliebt und versorgt hatte.
Die familiären Verhältnisse Hoseas wurden dabei zu einem prophetischen Zeichen. Gott gab seinen Kindern Namen, die das drohende Gericht über Israel zum Ausdruck brachten. Seine Tochter erhielt den Namen Lo-Ruchama, was sinngemäß „Nicht-Begnadigte“ oder „Keine Barmherzigkeit“ bedeutet. Ein Sohn sollte Lo-Ammi heißen, also „Nicht mein Volk“ (Hosea 1,6–9). Diese Namen waren weit mehr als persönliche Bezeichnungen. Sie machten sichtbar, welche schwerwiegenden Folgen Israels fortgesetzte Untreue haben würde. Die Gemeinschaft mit Gott konnte nicht einfach dadurch aufrechterhalten werden, dass sich das Volk weiterhin auf seine besondere Abstammung und seine frühere Erwählung berief, während es seinen Bundeswillen missachtete.
Die Bezeichnung „Nicht mein Volk“ erinnert an eine zentrale Bundesverheißung. Gott hatte Israel zugesagt, dass er sein Gott sein und sie sein Volk sein würden (2. Mose 6,7). Diese gegenseitige Zugehörigkeit bildete das Herzstück ihrer besonderen Beziehung. Wenn Gott nun durch Hosea erklärte, Israel sei nicht mehr sein Volk, handelte es sich um eine ernste Umkehrung dieser Zusage. Der äußere Besitz des Bundesnamens konnte die zerstörte Beziehung nicht verbergen. Das Volk hatte sich von Gott entfernt und musste erfahren, dass die Berufung zur Gemeinschaft mit ihm nicht bedeutete, ungehindert in Untreue weiterleben zu können.
Doch Hoseas Botschaft endet nicht mit der Ankündigung des Gerichts. Schon kurz nach den erschütternden Namen seiner Kinder spricht Gott erneut von einer zukünftigen Wiederherstellung. Er verheißt, dass diejenigen, die „Nicht mein Volk“ genannt wurden, eines Tages Kinder des lebendigen Gottes heißen würden (Hosea 2,1 nach Schlachter 1951). Später kündigt er an, sich der Unbegnadigten wieder zu erbarmen und zu dem Volk, das er zuvor verworfen hatte, erneut zu sagen, dass es sein Volk sei (Hosea 2,25). Die Geschichte der Untreue soll also nicht notwendigerweise mit einer endgültigen Trennung enden. Gott selbst eröffnet die Möglichkeit einer erneuerten Beziehung.
Dabei ist wichtig, dass diese Verheißung ursprünglich Israel galt, besonders dem untreuen Nordreich. Hosea sprach nicht unmittelbar über eine spätere christliche Gemeinde aus verschiedenen Völkern. Seine Botschaft kündigte zunächst an, dass Gott die durch Sünde und Gericht zerbrochene Bundesbeziehung wiederherstellen würde. Diese ursprüngliche Bedeutung darf nicht übergangen werden, denn gerade sie macht verständlich, weshalb Paulus die Stelle für seine Argumentation verwendet. Wenn Gott diejenigen wieder als sein Volk anerkennen kann, die aufgrund ihrer Untreue diesen Namen verloren hatten, zeigt sich darin eine grundlegende Eigenschaft seines rettenden Handelns: Seine Barmherzigkeit ist mächtig genug, eine verlorene Gemeinschaft neu zu begründen.
Paulus nimmt diese Verheißung nun in einen erweiterten Zusammenhang auf. Unmittelbar zuvor hatte er erklärt, dass Gott Menschen sowohl aus den Juden als auch aus den Heiden berufen hat (Römer 9,24). Die anschließenden Hoseazitate beziehen sich deshalb innerhalb seiner Argumentation besonders auf die Einbeziehung der Heiden. Menschen, die ursprünglich nicht zur besonderen Bundesgemeinschaft Israels gehörten, werden durch Gottes gnädige Berufung zu seinem Volk. Paulus verwendet die Worte Hoseas somit nicht einfach als unveränderte Wiederholung ihres ursprünglichen geschichtlichen Anlasses. Er erkennt in Gottes Verheißung der Wiederannahme ein Muster seines Heilshandelns, das nun auch die Berufung der Völker verständlich macht.
Damit entsteht eine bemerkenswerte Verbindung zwischen Israels Wiederherstellung und der Aufnahme der Heiden. In Hosea waren es Angehörige des Bundesvolkes, die durch ihre Untreue den Namen „Mein Volk“ verloren hatten und dennoch erneut Barmherzigkeit erfahren sollten. Bei Paulus werden Menschen aus den Völkern, die bisher außerhalb dieser besonderen Bundesgemeinschaft standen, durch Gottes Berufung in die Gemeinschaft der Erlösten aufgenommen. Die Ausgangssituationen sind nicht vollständig identisch, doch in beiden Fällen besitzt der Mensch keinen natürlichen Anspruch auf die geschenkte Zugehörigkeit. Gott selbst ist der Handelnde, der aus Menschen, die nicht sein Volk genannt wurden, sein Volk macht.
Eine sprachliche Einzelheit unterstreicht diesen Gedanken. Während Hosea in seiner ursprünglichen Formulierung davon spricht, dass Gott zu „Nicht-mein-Volk“ sagen werde, es sei sein Volk, verwendet Paulus ausdrücklich die Sprache des Berufens oder Nennens. Diese Wortwahl knüpft an Vers 24 an, wo bereits von den Menschen die Rede war, die Gott berufen hat. Auch die Aussage über die zuvor nicht Geliebte nimmt den Gedanken von Gottes erneuter Zuwendung auf, während Hoseas ursprüngliche Formulierung besonders das Erbarmen hervorhebt. Paulus verändert damit nicht den grundlegenden Gegensatz zwischen Gericht und Wiederannahme, sondern gestaltet die prophetischen Worte so, dass Gottes wirksame Berufung besonders hervortritt.
In Vers 26 führt Paulus eine zweite Aussage Hoseas an. An dem Ort, an dem Menschen zuvor gesagt worden war, dass sie nicht Gottes Volk seien, sollten sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden. Die besondere Betonung liegt auf der Umkehrung ihrer bisherigen Stellung. Der Ort der Verwerfung wird zum Ort einer neuen Zugehörigkeit. Die Formulierung muss nicht bedeuten, dass Paulus hier einen einzelnen geografischen Platz bestimmen möchte. Entscheidend ist, dass Menschen, denen bisher keine anerkannte Stellung als Gottes Volk zukam, nun eine neue Identität empfangen. Die Verheißung spricht nicht lediglich davon, dass sie geduldet werden, sondern bezeichnet sie ausdrücklich als Kinder des lebendigen Gottes.
Diese Bezeichnung besitzt eine tiefere Bedeutung. Im Alten Testament wurde Israel bereits als Gottes Sohn bezeichnet (2. Mose 4,22–23). Nun wird die Sprache der Gotteskindschaft auf Menschen angewendet, deren Zugehörigkeit nicht durch die natürliche Abstammung von Israel begründet ist. Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch durch seine bloße Existenz bereits in demselben Sinn ein erlöstes Kind Gottes wäre. Paulus spricht vielmehr von der neuen Stellung, die Menschen durch Gottes gnädige Berufung und den Glauben empfangen. An anderer Stelle erklärt er ausdrücklich, dass diejenigen, die durch den Geist Gottes geleitet werden, Kinder Gottes sind und den Geist der Sohnschaft empfangen haben (Römer 8,14–17).
Der Ausdruck „lebendiger Gott“ erinnert zugleich an den Gegensatz zwischen dem wahren Gott und den machtlosen Götzen. Gerade Hosea hatte die Hinwendung Israels zu Baal und anderen falschen Göttern angeprangert. Nun verheißt er eine erneuerte Beziehung zu dem Gott, der tatsächlich lebt, handelt und seine Zusagen erfüllt. Für Menschen aus den Heiden, die zuvor fremden Göttern gedient hatten, erhielt diese Bezeichnung eine besondere Bedeutung. Sie wurden nicht lediglich in eine neue religiöse Gemeinschaft aufgenommen, sondern zu dem Gott gerufen, der Himmel und Erde geschaffen hat und in Jesus Christus sein Heil offenbart.
Eine ähnliche Anwendung der Hoseaverheißung findet sich in 1. Petrus 2,9–10. Petrus beschreibt die Gläubigen dort als ein erwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum und ein heiliges Volk. Anschließend erinnert er daran, dass sie früher nicht Gottes Volk waren, nun aber Gottes Volk sind, und dass sie zuvor kein Erbarmen empfangen hatten, jetzt aber Erbarmen gefunden haben. Auch hier wird die alttestamentliche Sprache der Bundeszugehörigkeit auf die durch Christus entstandene Glaubensgemeinschaft angewendet. Die Verbindung bestätigt, dass die ersten christlichen Verkündiger Gottes Verheißungen an Israel im Licht des Evangeliums neu verstanden und ihre Bedeutung für Menschen aus den Völkern erkannten.
Dabei darf diese Erweiterung nicht als Beweis dafür missverstanden werden, dass Gott Israel vollständig verworfen hätte. Paulus hat gerade in Römer 9,1–5 die bleibende geschichtliche Bedeutung der israelitischen Berufung hervorgehoben. Später wird er ausdrücklich fragen, ob Gott sein Volk verstoßen habe, und diese Vorstellung entschieden zurückweisen (Römer 11,1–2). Die Einbeziehung der Heiden bedeutet somit nicht, dass Gottes frühere Geschichte mit Israel wertlos geworden wäre. Vielmehr erweist sich Gottes rettender Vorsatz als größer, als eine ausschließlich auf natürliche Abstammung begrenzte Vorstellung erwarten ließe. Juden und Heiden werden nicht durch zwei voneinander unabhängige Heilswege gerettet, sondern durch dasselbe göttliche Erbarmen, das in Jesus Christus offenbar geworden ist.
Nach den beiden Hoseazitaten richtet Paulus seinen Blick in Vers 27 ausdrücklich wieder auf Israel. Der Übergang ist bedeutsam: Hosea diente ihm dazu, die Berufung der zuvor nicht zu Gottes Volk Gehörenden zu erklären. Jesaja soll nun zeigen, weshalb die Verheißung an Israel nicht voraussetzt, dass jeder einzelne Israelit allein aufgrund seiner Geburt gerettet wird. Paulus erinnert an die prophetische Aussage, dass selbst dann, wenn die Zahl der Israeliten dem Sand am Meer gleiche, nur ein Überrest gerettet werde.
Der ursprüngliche Zusammenhang dieser Worte findet sich in Jesaja 10,20–23. Der Prophet sprach in einer Zeit, in der das assyrische Großreich eine gewaltige Bedrohung für Israel und Juda darstellte. Die militärische Stärke Assyriens wurde zu einem Werkzeug göttlichen Gerichts, während zugleich die Überheblichkeit dieser Großmacht selbst unter Gottes Urteil stand. Innerhalb dieser ernsten geschichtlichen Situation kündigte Jesaja an, dass ein Überrest Israels bestehen und sich wieder auf den Herrn verlassen würde. Menschen, die zuvor ihre Sicherheit in politischen Bündnissen und fremden Mächten gesucht hatten, sollten ihre Hoffnung erneut auf den Heiligen Israels richten (Jesaja 10,20–21).
Das Bild vom Überrest besitzt deshalb zunächst eine konkrete geschichtliche Bedeutung. Es beschreibt die Menschen, die aus einer großen Katastrophe übrig bleiben und eine Zukunft unter Gottes Führung erhalten. Gleichzeitig umfasst diese Hoffnung bei Jesaja mehr als das bloße körperliche Überleben. Der Prophet spricht ausdrücklich davon, dass sich der Überrest zu dem starken Gott bekehren wird. Gottes rettendes Handeln und die erneuerte Hinwendung des Volkes zu ihm gehören zusammen. Der Überrest ist nicht einfach eine zufällig verschonte Gruppe, sondern steht im Zusammenhang mit Gottes Verheißung und der Wiederherstellung einer treuen Beziehung zu ihm.
Besonders eindrücklich ist der Gegensatz zwischen der großen Zahl Israels und der vergleichsweise kleinen Zahl der Geretteten. Die Beschreibung der Nachkommen als Sand am Meer erinnert an Gottes Verheißung an Abraham, dessen Nachkommen unzählbar werden sollten (1. Mose 22,17). Eine große Nachkommenschaft war somit tatsächlich Bestandteil der göttlichen Zusage. Doch Jesaja macht deutlich, dass zahlenmäßige Größe und wirkliche Treue zu Gott nicht dasselbe sind. Selbst ein Volk, dessen Nachkommen zahlreich wie der Sand am Meer geworden sind, kann unter Gottes Gericht geraten, wenn es sich von ihm abwendet.
Hier liegt die unmittelbare Bedeutung für die Argumentation des Paulus. Die Tatsache, dass viele Israeliten Jesus nicht als Messias angenommen haben, widerlegt nicht automatisch Gottes Zusagen. Schon die Propheten hatten davon gesprochen, dass innerhalb des großen Bundesvolkes nur ein Überrest Gottes rettendes Handeln erfahren würde. Die Existenz eines gläubigen Überrestes ist deshalb nicht das Zeichen einer gescheiterten Verheißung, sondern steht in einer Linie, die bereits das Alte Testament kennt. Paulus wird diesen Gedanken in Römer 11,1–5 erneut aufgreifen und erklären, dass auch zu seiner eigenen Zeit ein Überrest nach der Gnadenwahl vorhanden ist.
Zwischen dem ursprünglichen Jesajatext und dem Zitat des Paulus besteht jedoch eine wichtige sprachliche Besonderheit. Die hebräische Formulierung in Jesaja 10,22 spricht davon, dass ein Überrest umkehren oder zurückkehren wird. Die Schlachter 1951 gibt diesen Gedanken entsprechend mit der Bekehrung des Überrestes wieder. Die alte griechische Übersetzung des Jesajabuches verwendet dagegen an dieser Stelle die Sprache des Gerettetwerdens. Paulus folgt in Römer 9,27 dieser griechischen Form und spricht ausdrücklich davon, dass der Überrest gerettet wird.
Diese unterschiedliche Formulierung ist für das Verständnis bedeutsam. Der ursprüngliche hebräische Ausdruck unterstreicht die Rückkehr zu Gott, während die griechische Wiedergabe das Ergebnis des göttlichen Rettungshandelns hervorhebt. Beide Gedanken stehen innerhalb des prophetischen Zusammenhangs in einer engen Beziehung, sind aber sprachlich nicht einfach gleichbedeutend. Paulus verwendet die Formulierung des Gerettetwerdens, weil sie unmittelbar zu seiner Frage nach der Teilhabe Israels am Heil passt. Er bezieht die prophetische Hoffnung damit auf die rettende Gemeinschaft mit Gott, die durch Jesus Christus zugänglich geworden ist.
In Vers 28 führt Paulus das Jesajazitat fort und erinnert daran, dass Gott sein angekündigtes Gericht gewiss und entschieden ausführen wird. Die Schlachter 1951 spricht von einer abschließenden und beschleunigten Abrechnung in Gerechtigkeit. Damit wird der ernste Charakter der prophetischen Ankündigung hervorgehoben. Gott ist nicht nur derjenige, der einen Überrest bewahrt, sondern auch der gerechte Richter, dessen Entscheidungen nicht dauerhaft vereitelt werden können. Die Bewahrung der einen darf deshalb nicht dazu führen, den Ernst des Gerichts über den fortgesetzten Ungehorsam anderer zu übersehen.
Bei diesem Vers besteht allerdings eine bemerkenswerte Frage der Textüberlieferung. Die Schlachter 1951 folgt einer längeren griechischen Fassung, in der die gerechte und beschleunigte Abrechnung ausführlicher beschrieben wird. Mehrere frühe und bedeutende Handschriften enthalten dagegen eine kürzere Formulierung. Diese kürzere Lesart wird in heutigen kritischen Ausgaben des griechischen Neuen Testaments überwiegend bevorzugt. Wahrscheinlich wurde die längere Fassung im Verlauf der Abschrift stärker an den Wortlaut der griechischen Übersetzung von Jesaja 10,22–23 angeglichen. Der Unterschied betrifft die genaue Gestalt des Zitats, nicht aber dessen grundlegende Aussage: Gott wird sein angekündigtes Gericht zuverlässig vollziehen. Aus der Formulierung darf jedoch kein genauer menschlich berechenbarer Zeitplan für ein bestimmtes zukünftiges Gerichtsereignis abgeleitet werden.
Damit bleibt auch die Hoffnung auf den Überrest fest mit Gottes Gerechtigkeit verbunden. Jesaja hatte nicht verkündigt, dass Israel durch seine Erwählung grundsätzlich vor jeder Rechenschaft bewahrt bleiben würde. Im Gegenteil: Die besondere Kenntnis Gottes und seiner Gebote machte die Untreue des Volkes umso ernster. Dennoch bedeutete das Gericht nicht, dass Gottes gesamter Heilsvorsatz zunichtegemacht wurde. Er bewahrte Menschen, durch die seine Verheißung weitergetragen werden konnte. Dieses Zusammenspiel von gerechtem Gericht und bewahrender Barmherzigkeit ist für die Gedankenführung des Paulus entscheidend.
In Vers 29 zitiert Paulus eine weitere Stelle aus Jesaja, diesmal aus dem ersten Kapitel. Dort erklärte der Prophet, dass Israel ohne Gottes bewahrendes Eingreifen wie Sodom und Gomorra geworden wäre (Jesaja 1,9). Diese beiden Städte standen seit ihrer Vernichtung für ein besonders schweres göttliches Gericht (1. Mose 19,24–29). Indem Jesaja diesen Vergleich auf sein eigenes Volk anwendete, machte er deutlich, wie ernst Israels Zustand geworden war. Die Zugehörigkeit zum Bundesvolk bedeutete keineswegs, dass Gott schwere Ungerechtigkeit und fortgesetzte Auflehnung übersehen würde.
Der Zusammenhang von Jesaja 1 unterstreicht diesen Gedanken. Der Prophet beschreibt das Volk als schwer von Sünde gezeichnet und spricht von einem verwüsteten Land. Anschließend wendet er sich gegen einen Gottesdienst, der zwar äußerlich Opfer und religiöse Handlungen aufrechterhält, aber nicht von Gerechtigkeit und Gehorsam begleitet wird. Gott fordert das Volk ausdrücklich auf, das Böse zu lassen, das Gute zu lernen, nach Recht zu trachten und den Unterdrückten zu helfen (Jesaja 1,10–17). Der Vergleich mit Sodom und Gomorra richtet sich deshalb nicht gegen eine fehlende religiöse Tradition, sondern gegen die Untreue eines Volkes, das Gottes Gebote kennt und sie dennoch in seinem Leben missachtet.
Gerade darin liegt eine ernste Verbindung zur Situation, die Paulus im Römerbrief behandelt. Israel konnte sich nicht darauf berufen, dass seine Geschichte, sein Gottesdienst oder der Besitz des Gesetzes automatisch eine gerechte Stellung vor Gott garantierten. Bereits die Propheten hatten deutlich gemacht, dass äußere Frömmigkeit ohne wirklichen Gehorsam keine verlässliche Grundlage für Gottes Anerkennung bildet. Paulus wird am Ende des Kapitels erklären, dass viele Israeliten die Gerechtigkeit verfehlten, weil sie diese nicht auf dem Weg des Glaubens suchten (Römer 9,30–33). Die prophetische Kritik an einem äußerlichen Vertrauen auf religiöse Vorrechte bereitet diesen Gedanken bereits vor.
Besonders wichtig ist jedoch die positive Aussage von Jesaja 1,9. Der Prophet erklärt nicht nur, dass Israel beinahe das Schicksal Sodoms und Gomorras erlitten hätte. Er betont vor allem, dass Gott selbst einen Rest übriggelassen hat. Paulus folgt im Zitat der griechischen Überlieferung, die von einer übriggelassenen Nachkommenschaft oder einem Samen spricht. Der Gedanke ist derselbe: Die Geschichte des Volkes wurde nicht durch menschliche Überlegenheit bewahrt, sondern durch Gottes gnädiges Eingreifen. Ohne diese Bewahrung wäre die Katastrophe umfassend gewesen.
Damit erhält der Überrestgedanke eine wichtige zusätzliche Bedeutung. Nicht nur die Entstehung Israels beruhte auf Gottes Verheißung, wie Paulus zuvor an Isaak und Jakob gezeigt hatte. Auch die Fortsetzung seiner Geschichte war immer wieder von Gottes Barmherzigkeit abhängig. Das Volk konnte weder seine ursprüngliche Erwählung verdienen noch seine weitere Existenz durch eigene Treue zuverlässig sichern. Dass ein Überrest erhalten blieb, war ein Zeugnis dafür, dass Gott seine Verheißung selbst durch Zeiten schwerer Schuld und des Gerichts hindurch weiterführte.
Diese Aussage darf jedoch nicht mit der Vorstellung verwechselt werden, jeder Mensch innerhalb eines geschichtlich bewahrten Überrestes sei allein aufgrund dieser Zugehörigkeit bereits persönlich erlöst. Die alttestamentlichen Berichte sprechen zunächst von Gottes Handeln an einer geschichtlichen Gemeinschaft. Paulus greift diese Geschichte auf und verbindet sie mit der Frage nach der Rettung durch Christus. Entscheidend ist deshalb nicht lediglich, zu einer äußerlich erkennbaren Minderheit zu gehören oder sich selbst als Teil eines besonderen Überrestes zu bezeichnen. Die Zugehörigkeit zu Gottes rettendem Volk wird im Römerbrief durch seine Gnade und den Glauben an Christus bestimmt.
Dabei entsteht eine bemerkenswerte Verbindung zwischen den beiden prophetischen Zeugnissen. Hosea zeigt, dass Gott Menschen, die nicht sein Volk genannt wurden, erneut beziehungsweise neu in seine Gemeinschaft aufnehmen kann. Jesaja zeigt, dass innerhalb des geschichtlich erwählten Volkes nicht die große Zahl oder die natürliche Abstammung, sondern Gottes bewahrende Barmherzigkeit die entscheidende Hoffnung bildet. Diese beiden Aussagen stehen nicht gegeneinander. Sie ergänzen sich und erklären gemeinsam, weshalb Gott Menschen aus den Heiden beruft, während zugleich ein gläubiger Überrest Israels besteht.
Für Paulus ist diese Verbindung von besonderer Bedeutung, weil sie den scheinbaren Widerspruch zwischen Gottes früheren Zusagen und der gegenwärtigen Ausbreitung des Evangeliums auflöst. Die Verheißung an Abraham war niemals ausschließlich auf eine große Zahl natürlicher Nachkommen begrenzt. Gott hatte zugleich angekündigt, dass durch ihn alle Völker der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3). Wenn nun Menschen aus den Heiden im Glauben zu Christus kommen, widerspricht dies nicht dem ursprünglichen Ziel der göttlichen Verheißung. Ebenso bedeutet der Unglaube eines großen Teils Israels nicht, dass Gottes Wort grundsätzlich unwirksam geworden wäre. Die prophetischen Schriften selbst hatten bereits die Rettung eines Überrestes angekündigt.
Dennoch darf die Hoffnung auf einen Überrest nicht so verstanden werden, als bestünde Gottes endgültiges Ziel lediglich darin, eine möglichst kleine Zahl von Menschen zu retten. Paulus verwendet die prophetischen Aussagen, um Gottes Treue inmitten des Unglaubens zu erklären, nicht um eine allgemeine zahlenmäßige Obergrenze für die Erlösten festzulegen. Derselbe Apostel wird später betonen, dass Gott seine Barmherzigkeit auch gegenüber den zuvor Ungehorsamen offenbaren will und dass seine Heilswege eine Tiefe besitzen, die menschliche Erwartungen übersteigt (Römer 11,30–36). Die ernsten Worte über das Gericht müssen deshalb ebenso stehen bleiben wie die große Hoffnung auf Gottes Erbarmen.
Für das persönliche Glaubensleben entsteht aus diesen Versen eine wichtige Warnung. Religiöse Herkunft, die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft oder die Kenntnis göttlicher Wahrheiten können wertvolle Vorrechte sein. Sie ersetzen jedoch nicht die wirkliche Beziehung zu Gott. Israel besaß die Bündnisse, das Gesetz und den Gottesdienst, und dennoch musste es immer wieder zur Umkehr gerufen werden. Ebenso kann sich ein Mensch heute auf seine religiöse Erziehung, seine Gemeindezugehörigkeit oder seine Kenntnis der Bibel verlassen, ohne Gottes Wort tatsächlich im Glauben anzunehmen. Die äußere Nähe zu den Dingen Gottes darf niemals mit der persönlichen Gemeinschaft mit ihm verwechselt werden.
Gleichzeitig enthalten diese Verse eine außerordentlich ermutigende Verheißung. Niemand muss seine Hoffnung deshalb aufgeben, weil seine Vergangenheit von Untreue geprägt ist oder weil er ursprünglich nicht zu einer bestimmten religiösen Gemeinschaft gehörte. Der Gott, der aus „Nicht mein Volk“ erneut sein Volk machen kann, ist nicht auf menschliche Herkunft oder frühere Stellung beschränkt. Seine Barmherzigkeit kann Menschen eine neue Zugehörigkeit schenken, die sie aus eigener Kraft niemals erwerben könnten. In Jesus Christus wird diese Hoffnung allen verkündigt, die ihm glauben.
So führt Paulus seine Leser durch Hosea und Jesaja zu einem tieferen Verständnis von Gottes Treue. Sein Wort hat nicht versagt, obwohl sich die Geschichte Israels anders entwickelt hat, als viele Menschen erwartet hatten. Gott hat schon durch die Propheten angekündigt, dass Gericht und Bewahrung, Verwerfung und erneute Annahme sowie die Rettung eines Überrestes zu seinem Handeln gehören. Nun wird sichtbar, dass seine Berufung auch Menschen aus den Heiden umfasst, ohne dass dadurch die frühere Geschichte Israels ihre Bedeutung verliert.
Nachdem Paulus diese prophetischen Grundlagen gelegt hat, kehrt er am Ende des Kapitels zur entscheidenden Frage zurück: Weshalb haben Menschen aus den Heiden, die zuvor nicht nach der Gerechtigkeit Gottes strebten, Gerechtigkeit erlangt, während viele Israeliten trotz ihres ernsthaften Bemühens das Ziel verfehlten? Seine Antwort wird den bisherigen Gedankengang auf Jesus Christus zuspitzen. Nicht die natürliche Herkunft und nicht das Vertrauen auf eigene Werke entscheiden über die rettende Gerechtigkeit, sondern der Glaube an den Messias, den Gott selbst gegeben hat.
Römer 9,30–33
Warum der Glaube an Christus über die Gerechtigkeit entscheidet
Am Ende des neunten Kapitels führt Paulus seine bisherigen Gedanken zu einem entscheidenden Höhepunkt. Nachdem er ausführlich über Gottes Erwählung, seine Barmherzigkeit, die Verhärtung des Pharaos und die Berufung von Juden und Heiden gesprochen hat, stellt er eine Frage, die das überraschende Ergebnis dieser Heilsgeschichte zusammenfasst. Weshalb haben Menschen aus den Heiden, die ursprünglich nicht nach der Gerechtigkeit Gottes strebten, diese Gerechtigkeit erlangt, während viele Israeliten trotz ihrer ernsthaften Bemühungen das Ziel nicht erreichten? Die Antwort liegt nicht in einer größeren natürlichen Würdigkeit der Heiden und auch nicht darin, dass Gottes Gesetz schlecht oder bedeutungslos geworden wäre. Paulus führt den entscheidenden Unterschied vielmehr auf den Glauben an Jesus Christus zurück.
In Vers 30 erklärt Paulus, dass Menschen aus den Heiden Gerechtigkeit erlangt haben, obwohl sie zuvor nicht danach strebten. Diese Aussage muss im Zusammenhang mit der besonderen Geschichte Israels verstanden werden. Die Heiden besaßen nicht in derselben Weise die ihnen am Sinai gegebene Gesetzgebung, den Heiligtumsdienst und die besonderen Bundesverheißungen. Sie gehörten nicht durch ihre natürliche Abstammung zu dem Volk, dem Gott diese Offenbarungen anvertraut hatte. Paulus behauptet damit nicht, jeder Heide habe grundsätzlich ohne moralisches Bewusstsein gelebt oder niemals nach einem gerechten Leben gesucht. Bereits in Römer 2,14–15 hatte er erklärt, dass auch Menschen ohne die schriftliche Gesetzgebung Israels ein Gewissen besitzen und in ihrem Handeln erkennen lassen können, dass ihnen grundlegende moralische Anforderungen bekannt sind. In Römer 9,30 geht es jedoch um etwas Tieferes: um die Gerechtigkeit, durch die ein sündiger Mensch vor Gott bestehen kann.
Gerade diese Gerechtigkeit haben Menschen aus den Heiden nach den Worten des Paulus erlangt. Das griechische Verb, das hier mit dem Erlangen verbunden ist, beschreibt ein tatsächliches Erreichen oder Ergreifen. Paulus spricht also nicht lediglich davon, dass den Heiden eine Möglichkeit zur Gerechtigkeit angeboten worden wäre. Er erklärt, dass Menschen aus den Völkern bereits Anteil daran erhalten haben. Anschließend nennt er ausdrücklich die Grundlage: Es handelt sich um eine Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt.
Dieser Gedanke bildet einen wesentlichen Bestandteil des gesamten Römerbriefes. Schon in Römer 1,16–17 hatte Paulus das Evangelium als Gottes Kraft zur Rettung für jeden Glaubenden beschrieben und erklärt, dass darin Gottes Gerechtigkeit aus Glauben offenbart wird. In Römer 3,21–26 erläuterte er anschließend, dass die Gerechtigkeit Gottes unabhängig von der Gesetzesgerechtigkeit offenbar geworden ist, obwohl Gesetz und Propheten selbst von ihr Zeugnis geben. Der Mensch wird durch Gottes Gnade gerechtfertigt, aufgrund der Erlösung, die in Jesus Christus geschehen ist. Der Glaube schafft diese Erlösung nicht erst. Er nimmt vielmehr das Heil an, das Gott selbst in Christus bereitgestellt hat.
Damit lässt sich auch verstehen, weshalb Paulus ausdrücklich von einer Gerechtigkeit aus Glauben spricht. Der sündige Mensch kann seine Vergangenheit nicht ungeschehen machen, indem er künftig mehr gute Werke vollbringt. Ebenso wenig kann er sich durch religiöse Leistungen einen Anspruch auf Gottes Freispruch erwerben. Gottes Gerechtigkeit wird ihm nicht als Lohn für eine ausreichend große eigene Leistung zugesprochen. Sie gründet in Jesus Christus und seinem Erlösungswerk. Wenn ein Mensch Christus vertraut, verlässt er sich nicht mehr auf die Vorstellung, aus eigener Kraft vor Gott bestehen zu können. Er setzt seine Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit und seine rettende Zusage.
Das bedeutet allerdings nicht, dass der Glaube selbst zu einem neuen menschlichen Verdienst würde. Auch diese Unterscheidung hatte Paulus bereits am Beispiel Abrahams erklärt. Abraham glaubte Gott, und dieser Glaube wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet (Römer 4,1–5). Paulus stellt dabei den Lohn, den jemand aufgrund geleisteter Arbeit beanspruchen könnte, ausdrücklich der Gerechtigkeit gegenüber, die Gott dem Glaubenden aus Gnade zurechnet. Der Glaube ist somit kein Ersatz für die vermeintlich unzureichende Menge guter Werke, als könnte der Mensch nun durch eine besonders starke Glaubensleistung seine Erlösung verdienen. Er ist die vertrauensvolle Antwort auf Gottes vorausgehendes Handeln.
In Vers 31 stellt Paulus diesem erstaunlichen Ergebnis die Geschichte Israels gegenüber. Israel hatte dem Gesetz der Gerechtigkeit nachgejagt, war aber dem Gesetz nicht nachgekommen. Die Formulierung des Nachjagens beschreibt ernsthaftes und zielgerichtetes Bemühen. Paulus verwendet damit ein Bild, das an einen Läufer erinnert, der mit großer Anstrengung ein bestimmtes Ziel erreichen möchte. Der Gegensatz zu den Heiden wird dadurch besonders eindrücklich: Menschen, die nicht auf diesem Weg nach Gerechtigkeit suchten, erlangten sie; andere, die sich intensiv darum bemühten, erreichten das Ziel nicht.
Mit dem Ausdruck „Gesetz der Gerechtigkeit“ bezieht sich Paulus auf die besondere Beziehung Israels zur göttlichen Gesetzgebung und auf das Streben nach einem gerechten Stand vor Gott. Die genaue Verbindung der beiden Begriffe lässt unterschiedliche sprachliche Erklärungen zu. Gemeint ist jedenfalls das ernsthafte Bemühen Israels im Bereich des Gesetzes und der Gerechtigkeit. Dabei darf aus der Aussage, Israel habe das Ziel nicht erreicht, nicht gefolgert werden, dass das Gesetz Gottes selbst ungerecht oder mangelhaft gewesen wäre. Paulus hatte in Römer 7,12 ausdrücklich erklärt, dass das Gesetz heilig und das Gebot heilig, gerecht und gut ist. Das Problem liegt nicht in einem moralischen Fehler der göttlichen Gebote, sondern in der sündigen Stellung des Menschen und in einem falschen Verständnis davon, wie er vor Gott gerecht werden kann.
Gerade hier zeigt sich ein grundlegender Unterschied zwischen dem Gesetz als Offenbarung des Willens Gottes und dem Versuch, durch Gesetzeswerke die eigene Rechtfertigung zu begründen. Das Gesetz offenbart Gottes Maßstab für ein gerechtes Leben. Es macht deutlich, was Liebe, Treue, Heiligkeit und Gehorsam bedeuten. Zugleich deckt es die Sünde des Menschen auf. Paulus erklärt in Römer 3,20, dass durch das Gesetz Erkenntnis der Sünde kommt. Ein Gebot, das eine Verfehlung sichtbar macht, besitzt damit eine wichtige und gute Aufgabe. Es kann aber die bereits begangene Sünde nicht dadurch beseitigen, dass der Mensch versucht, sich durch neue Leistungen selbst zu rechtfertigen.
Diese Unterscheidung hatte schon der alttestamentliche Gottesdienst verdeutlicht. Israel empfing nicht nur Gottes Gebote, sondern auch den Opferdienst, in dem Schuld, Vergebung und Versöhnung eine zentrale Rolle spielten. Die Notwendigkeit der Opfer zeigte, dass der Mensch nicht einfach durch den Besitz des Gesetzes oder seine eigene moralische Anstrengung sündlos vor Gott stehen konnte. Der gesamte Heiligtumsdienst machte deutlich, dass der Sünder auf Gottes bereitgestellte Möglichkeit der Versöhnung angewiesen war. Im Neuen Testament wird sichtbar, dass Jesus Christus das entscheidende Opfer vollbracht hat, durch das die Erlösung Wirklichkeit wird (Hebräer 9,11–14; 10,10–14).
In Vers 32 stellt Paulus nun selbst die Frage, weshalb Israel sein Ziel nicht erreichte. Seine Antwort ist bemerkenswert eindeutig: Es geschah nicht aus Glauben, sondern aus Werken. Paulus erklärt Israels Scheitern hier also ausdrücklich durch die Weise, auf die Gerechtigkeit gesucht wurde. Damit rückt neben Gottes souveränes Handeln, das er zuvor so stark betont hatte, auch die menschliche Verantwortung ins Blickfeld. Viele seiner Volksgenossen hatten den von Gott eröffneten Weg des Glaubens nicht angenommen. Sie hielten an einem Verständnis von Gerechtigkeit fest, bei dem ihre religiösen Leistungen und die Bindung an das Gesetz die entscheidende Grundlage bildeten.
Die griechische Formulierung enthält dabei eine wichtige Nuance. Paulus sagt sinngemäß, dass sie die Gerechtigkeit so suchten, als ob sie aus Werken zu erreichen wäre. Diese Ausdrucksweise hebt den Irrtum in der Art ihres Strebens hervor. Das Bemühen selbst war nicht schon deshalb verwerflich, weil es ernsthaft war. Entscheidend war, worauf es sich gründete. Wer das Gesetz Gottes beachtet, weil er Gott liebt und seinem Willen vertraut, handelt nicht in derselben inneren Haltung wie jemand, der durch seine Leistungen einen Anspruch auf Gottes Anerkennung erwerben möchte. Dieselbe äußerliche Handlung kann deshalb Ausdruck des Glaubens oder Bestandteil eines selbstgerechten Vertrauens auf die eigene Leistung sein.
An dieser Stelle ist auch ein kleiner Unterschied zwischen Bibelübersetzungen zu beachten. Die Schlachter 1951 spricht in Römer 9,32 schlicht von „Werken“. Manche anderen Übersetzungen verwenden die Formulierung „Werke des Gesetzes“. Diese längere Lesart findet sich in zahlreichen griechischen Handschriften, während mehrere frühe und gewichtige Textzeugen die kürzere Form unterstützen. Die heutigen kritischen griechischen Ausgaben bevorzugen deshalb gewöhnlich die kürzere Fassung. Am grundlegenden Sinn ändert dieser Unterschied wenig, weil bereits Vers 31 ausdrücklich vom Gesetz spricht. Er erinnert jedoch daran, dass Paulus hier nicht jedes gute menschliche Handeln verurteilt, sondern den Versuch, Gerechtigkeit vor Gott auf der Grundlage menschlicher Werke zu erlangen.
Dabei wäre es eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung, sämtlichen jüdischen Menschen zur Zeit des Paulus eine einheitliche Haltung selbstgerechter Werksfrömmigkeit zuzuschreiben. Das jüdische Glaubensleben war keineswegs in jeder Hinsicht gleich, und bereits das Alte Testament betonte Vertrauen, Vergebung und Gottes Barmherzigkeit. Auch Paulus selbst war Jude, ebenso die ersten Jünger Jesu und viele der frühesten Gläubigen. Sein Vorwurf richtet sich gegen den Unglauben und die verfehlte Gerechtigkeitssuche vieler Israeliten, nicht gegen eine angeblich angeborene moralische Eigenschaft des jüdischen Volkes. Der Apostel spricht aus tiefer Trauer über seine eigenen Volksgenossen und wird ihre Hoffnung auf Gottes zukünftiges Erbarmen später ausdrücklich weiter entfalten.
Zugleich sollte der Gedanke nicht allein auf die Frage persönlicher Verdienste beschränkt werden. Der Besitz des Gesetzes, die Beschneidung und die Zugehörigkeit zum Bundesvolk konnten auch als Kennzeichen einer besonderen religiösen Stellung verstanden werden. Wer sich darauf verließ, aufgrund solcher Vorrechte den entscheidenden Zugang zu Gottes Gerechtigkeit zu besitzen, musste die Berufung der Heiden als Herausforderung empfinden. Paulus erklärt jedoch, dass Gott keinen Menschen allein aufgrund seiner Abstammung rechtfertigt. Die Rechtfertigung beruht für Juden und Heiden auf demselben göttlichen Handeln in Jesus Christus (Römer 3,28–30).
Die Frage nach der Gerechtigkeit wird dadurch nicht zu einem Gegensatz zwischen einem grundsätzlich schlechten jüdischen Glauben und einem grundsätzlich besseren Glauben der Heiden. Auch Menschen aus den Völkern können in dieselbe Haltung der Selbstgerechtigkeit geraten. Wer glaubt, durch seine guten Werke, seine religiösen Erfahrungen oder seine besonderen Erkenntnisse einen Anspruch auf Gottes Gunst erwerben zu können, wiederholt den grundlegenden Irrtum, den Paulus hier beschreibt. Umgekehrt gilt seine Zusage allen, die im Vertrauen auf Christus Gottes Gnade annehmen. Die entscheidende Grenze verläuft nicht zwischen zwei Abstammungsgruppen, sondern zwischen Glauben und Unglauben.
Wie eng dieser Gedanke mit der persönlichen Geschichte des Paulus verbunden ist, zeigt Philipper 3,4–9. Dort zählt er seine früheren religiösen Vorrechte auf: seine Abstammung aus Israel, seine Zugehörigkeit zum Stamm Benjamin, seine Stellung als Pharisäer und seinen Eifer für das Gesetz. Diese Dinge hatten einst seine Vorstellung von einem gerechten Stand vor Gott geprägt. Nachdem er jedoch Christus erkannt hatte, betrachtete er seine früheren Vorzüge nicht mehr als Grundlage seiner Gerechtigkeit. Sein Ziel bestand nun darin, in Christus erfunden zu werden und nicht eine eigene Gerechtigkeit aus dem Gesetz zu besitzen, sondern die Gerechtigkeit, die durch den Glauben an Christus kommt. Paulus verurteilt in Römer 9 also einen Irrtum, von dem er selbst durch die Begegnung mit Jesus befreit worden war.
Der weitere Zusammenhang des Römerbriefes verhindert zugleich das Missverständnis, der Glaube mache Gottes Gebote bedeutungslos. In Römer 3,31 erklärt Paulus ausdrücklich, dass der Glaube das Gesetz nicht aufhebt, sondern bestätigt. In Römer 8,3–4 zeigt er, dass Gott durch die Sendung seines Sohnes getan hat, was das Gesetz aufgrund der Schwachheit des sündigen Menschen nicht bewirken konnte. Dadurch soll die gerechte Forderung des Gesetzes in denen erfüllt werden, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist leben. Der Glaube steht deshalb nicht gegen den göttlichen Willen zu einem heiligen Leben. Er beendet vielmehr den Versuch, sich unabhängig von Christi Erlösung durch eigene Gesetzesleistungen zu rechtfertigen, und eröffnet ein Leben, das durch Gottes Geist erneuert wird.
Paulus beendet Vers 32 mit einer bildhaften Erklärung, die den eigentlichen Grund des Scheiterns sichtbar macht: Viele Israeliten stießen sich am Stein des Anstoßes. Mit diesem Bild lenkt er den Blick unmittelbar auf Jesus Christus. Die Schwierigkeit lag nicht darin, dass Gott keinen tragfähigen Weg zur Gerechtigkeit bereitgestellt hätte. Vielmehr wurde gerade der von Gott gegebene Retter für diejenigen zum Hindernis, die ihre Gerechtigkeit auf andere Weise suchten. Christus war nicht die Ursache ihres Unglaubens im Sinne eines willkürlich geschaffenen Hindernisses. Er wurde zum Stein des Anstoßes, weil sie ihn nicht im Glauben annahmen.
In Vers 33 begründet Paulus diese Aussage mit einem Schriftzitat, das aus zwei verschiedenen Abschnitten des Jesajabuches zusammengesetzt ist. Der erste Teil stammt aus Jesaja 8,14 und beschreibt einen Stein des Anstoßes und einen Felsen, über den Menschen zu Fall kommen. Der zweite Teil greift Jesaja 28,16 auf, wo Gott davon spricht, einen festen Stein in Zion zu legen, auf den Menschen vertrauen können. Paulus verbindet beide Bilder und wendet sie auf Jesus Christus an. Dadurch entsteht ein bewusst zugespitzter Gegensatz: Derselbe von Gott gegebene Stein wird für die einen zum Anlass des Stolperns und für die anderen zur Grundlage sicherer Hoffnung.
Um diese Verbindung richtig zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick auf Jesaja 8. Dort wird das Volk in einer Zeit politischer Bedrohung aufgefordert, nicht die Ängste und falschen Sicherheiten seiner Umgebung zu übernehmen. Der Herr selbst soll geheiligt und als derjenige anerkannt werden, dem Ehrfurcht gebührt (Jesaja 8,12–13). Im folgenden Vers erscheint Gott einerseits als Heiligtum und andererseits als Stein des Anstoßes für die Häuser Israels. Die gleiche göttliche Gegenwart, die für vertrauende Menschen Schutz bedeutet, wird denen zum Gericht, die sich Gottes Wort widersetzen. Der Gegensatz entsteht also nicht dadurch, dass Gott unbeständig wäre. Vielmehr offenbart sich seine heilige Herrschaft gegenüber Vertrauen und Unglauben auf unterschiedliche Weise.
Jesaja 28 behandelt ebenfalls das Problem einer falschen Sicherheit. Die Verantwortlichen Jerusalems verließen sich auf Schutzvorstellungen, die der Prophet als trügerisch entlarvte. Sie meinten, dem drohenden Gericht durch ihre eigenen Sicherungsmaßnahmen entgehen zu können. Gott stellte diesem unsicheren Vertrauen die Zusage gegenüber, selbst einen bewährten und kostbaren Grundstein in Zion zu legen (Jesaja 28,14–17). Wer auf diesen von Gott gegebenen Grund vertraut, muss sich nicht von Angst treiben lassen. Die ursprüngliche Aussage richtet sich damit gegen die menschliche Neigung, auf eigene Berechnungen und vermeintliche Sicherheiten zu bauen, statt dem Herrn zu vertrauen.
In dieser ursprünglichen prophetischen Situation wird der Stein noch nicht ausdrücklich mit dem Namen Jesus Christus bezeichnet. Das Bild kann zunächst als Ausdruck von Gottes verlässlicher Herrschaft und des von ihm gegründeten sicheren Bestandes Zions verstanden werden. Paulus erkennt darin jedoch eine Bedeutung, die in Jesus Christus ihre entscheidende Erfüllung erhält. Diese christologische Anwendung steht nicht nur in Römer 9. Auch Petrus verbindet Jesaja 28,16 mit Jesaja 8,14 und erklärt ausdrücklich, dass Jesus für die Glaubenden der kostbare Stein ist, während er für die Ungehorsamen zum Stein des Anstoßes wird (1. Petrus 2,6–8). Die neutestamentlichen Autoren verstehen Jesus somit als den von Gott gegebenen tragfähigen Grund, an dem sich die Haltung des Menschen offenbart.
Dabei fällt auf, dass Paulus nicht nur vom Stolpern spricht, sondern sein Zitat mit einer positiven Verheißung beendet. Wer an den von Gott gegebenen Stein glaubt, wird nicht zuschanden werden. Diese Aussage stammt aus der griechischen Überlieferung von Jesaja 28,16. Im hebräischen Text steht an dieser Stelle eine Formulierung, die sinngemäß besagt, dass der Glaubende nicht in Hast oder Panik geraten wird. Die alte griechische Übersetzung gibt den Gedanken dagegen mit der Zusage wieder, dass der Glaubende nicht beschämt werden wird. Paulus übernimmt diese griechische Formulierung. Beide Fassungen stehen im Zusammenhang des Vertrauens auf Gottes verlässliche Zusage, setzen sprachlich jedoch unterschiedliche Akzente.
Die Verheißung, nicht zuschanden zu werden, bedeutet nicht, dass ein gläubiger Mensch niemals Enttäuschungen, Verfolgung oder äußerliche Niederlagen erfahren könnte. Paulus selbst hatte zahlreiche Leiden ertragen und wusste, dass die Nachfolge Christi mit Widerstand verbunden sein kann (2. Korinther 11,23–28). Die Zusage betrifft vielmehr die endgültige Zuverlässigkeit des Glaubens an den von Gott gegebenen Retter. Wer seine Hoffnung auf Jesus Christus setzt, vertraut auf einen Grund, der im entscheidenden Urteil Gottes nicht versagen wird. Die gegenwärtigen Schwierigkeiten widerlegen deshalb nicht die Wahrheit der göttlichen Verheißung.
Gerade darin liegt der Unterschied zwischen einem Stein, über den jemand stolpert, und einem Fundament, auf dem jemand sicher stehen kann. Der Stein selbst muss sich nicht verändern, damit Menschen ihn unterschiedlich erfahren. Entscheidend ist, wie sie sich zu ihm verhalten. Wer Jesus als den verheißenen Messias zurückweist, stößt sich an der Weise, auf die Gott sein Heil offenbart hat. Wer ihm dagegen vertraut, erkennt in ihm den von Gott gegebenen Retter. Christus ist somit nicht nur eine zusätzliche religiöse Erkenntnis neben vielen anderen. Er ist der entscheidende Mittelpunkt, an dem sich die Frage nach der rettenden Gerechtigkeit beantwortet.
Das erklärt zugleich, weshalb die Botschaft vom gekreuzigten Messias für viele Menschen schwer anzunehmen war. Paulus schreibt in 1. Korinther 1,22–24, dass die Verkündigung des gekreuzigten Christus für Juden ein Ärgernis und für Heiden eine Torheit sein konnte, während sie für die Berufenen Gottes Kraft und Weisheit ist. Der Tod Jesu am Kreuz widersprach manchen Erwartungen an einen siegreichen Messias. Ein Retter, der gedemütigt und hingerichtet wurde, erschien nicht als die naheliegende Antwort auf die Hoffnung nach Befreiung und göttlicher Herrschaft. Doch gerade in diesem Kreuz offenbarte Gott den Weg zur Versöhnung. Wer die Erlösung ausschließlich nach menschlichen Erwartungen beurteilen wollte, konnte deshalb am eigentlichen Werk Gottes Anstoß nehmen.
Damit erhält auch das zuvor behandelte Thema der Erwählung eine entscheidende christologische Mitte. Paulus hatte ausführlich gezeigt, dass Gottes Verheißung auf seiner eigenen gnädigen Initiative beruht und nicht durch natürliche Abstammung oder menschliche Verdienste gesichert werden kann. Nun erklärt er, woran sich die rettende Gerechtigkeit konkret entscheidet: am Glauben an Jesus Christus. Gottes souveräne Barmherzigkeit und die notwendige menschliche Glaubensantwort werden nicht gegeneinander ausgespielt. Der Mensch verdient die Erlösung nicht durch seinen Glauben, doch er darf den von Gott gegebenen Retter auch nicht im Unglauben zurückweisen und gleichzeitig erwarten, unabhängig von ihm vor Gott gerecht zu werden.
Dieser Gedanke zeigt, weshalb Römer 9 nicht isoliert als eine abstrakte Abhandlung über die Vorherbestimmung einzelner Menschen gelesen werden sollte. Paulus behandelt eine konkrete Frage der Heilsgeschichte: Weshalb haben viele Angehörige Israels den Messias nicht angenommen, während Menschen aus den Heiden zum Glauben gekommen sind? Seine Antwort schließt Gottes freie Erwählung und sein wirksames Handeln ebenso ein wie die Verantwortung der Menschen gegenüber dem Evangelium. Besonders am Ende des Kapitels benennt er den Glauben beziehungsweise das verfehlte Vertrauen auf Werke ausdrücklich als entscheidenden Unterschied.
Gleichzeitig widerlegt der Schluss des Kapitels jede Vorstellung, die Heiden dürften sich nun wegen ihres Glaubens über Israel erheben. Auch ihre Gerechtigkeit stammt nicht aus einer eigenen moralischen Überlegenheit, sondern aus Gottes Gnade. Paulus wird die gläubigen Heiden später ausdrücklich davor warnen, sich gegenüber den natürlichen Zweigen des Ölbaums zu rühmen (Römer 11,17–22). Wer verstanden hat, dass seine Rettung auf Gottes Barmherzigkeit beruht, besitzt keinen Grund, andere Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer bisherigen religiösen Geschichte geringzuschätzen.
Für das persönliche Glaubensleben ergibt sich daraus eine wichtige Frage. Worauf gründet ein Mensch seine Zuversicht, vor Gott bestehen zu können? Auf die Kenntnis der Bibel, die Einhaltung religiöser Vorschriften, die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft oder auf die Erinnerung an gute Werke? Solche Dinge können im christlichen Leben ihren berechtigten Platz haben, doch sie sind nicht das Fundament der Rechtfertigung. Paulus richtet den Blick auf Christus selbst. Gottes Gebote sollen ernst genommen werden, aber der Gehorsam darf niemals zum Ersatz für das Vertrauen auf den Erlöser werden. Ein Leben aus Glauben sucht Gottes Willen gerade deshalb zu tun, weil es seine Hoffnung nicht mehr auf eigene Leistungen setzt, sondern auf den Herrn, der rettet und erneuert.
So endet Römer 9 mit einer erstaunlichen Wendung. Das Kapitel begann mit der tiefen Trauer des Paulus über den Unglauben vieler seiner Volksgenossen. Es führte über schwierige Fragen nach Gottes Erwählung, seinem Erbarmen, seiner Verhärtung und seiner Autorität. Nun steht am Schluss eine klare Verheißung, die alle diese Gedanken auf Jesus Christus hin ausrichtet: Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden. Nicht die Größe menschlicher Anstrengung, nicht die natürliche Abstammung und nicht ein selbst erworbener religiöser Anspruch bilden den sicheren Grund der Erlösung. Dieser Grund ist Christus, den Gott selbst gegeben hat.
Damit ist die Frage nach Israels Unglauben jedoch noch nicht vollständig beantwortet. Im folgenden zehnten Kapitel wird Paulus ausführlicher erklären, dass Israel zwar Eifer für Gott besaß, aber die Gerechtigkeit Gottes nicht richtig erkannte. Er wird zeigen, wie nahe die Botschaft des Glaubens ist, weshalb Jesus Christus für Juden und Heiden derselbe Herr ist und weshalb die Verkündigung des Evangeliums für alle Menschen notwendig bleibt. Römer 9 endet somit nicht mit einem verschlossenen Schicksalsspruch, sondern mit einer Verheißung, die den Blick auf den Glauben an Jesus Christus richtet und den weiteren Gedankengang vorbereitet.
Geistliche Kernbotschaft
Römer 9 offenbart einen Gott, dessen Treue nicht von menschlicher Unbeständigkeit abhängig ist. Menschen können seine Verheißungen missverstehen, seine Gebote übertreten und sogar den von ihm gesandten Messias zurückweisen. Dennoch verliert Gott weder die Kontrolle über seinen Erlösungsplan noch wird sein Wort dadurch hinfällig. Seine Absichten beruhen auf seiner Weisheit, seiner Gerechtigkeit und seiner Barmherzigkeit. Das schenkt dem Glaubenden eine tiefe Gewissheit: Gottes Zusagen sind zuverlässiger als die menschlichen Möglichkeiten, sie zu verstehen oder aus eigener Kraft zu verwirklichen.
Zugleich macht das Kapitel deutlich, dass niemand einen natürlichen Anspruch auf Gottes rettende Gnade besitzt. Weder die Abstammung von gläubigen Vorfahren noch die Zugehörigkeit zu einem von Gott besonders geführten Volk können den Menschen aus sich selbst gerecht machen. Auch religiöses Wissen, ernsthafte Anstrengungen und ein äußerlich vorbildliches Leben begründen keinen Anspruch auf Erlösung. Der Mensch bleibt vollständig auf Gottes Erbarmen angewiesen. Diese Erkenntnis soll ihn nicht entmutigen, sondern von der Last befreien, seine Annahme bei Gott durch eigene Leistungen verdienen zu müssen.
Gottes Gnade bedeutet jedoch nicht, dass menschliche Entscheidungen bedeutungslos wären. Paulus nimmt sowohl Gottes souveränes Handeln als auch die Verantwortung des Menschen ernst. Gott beruft, erbarmt sich und führt seinen Vorsatz aus. Gleichzeitig zeigt die Schrift, dass Menschen seiner Wahrheit widerstehen, ihre Herzen verhärten oder seinem Ruf im Glauben folgen können. Die genaue Beziehung zwischen Gottes wirksamem Handeln und der menschlichen Antwort lässt sich nicht in jeder Einzelheit erklären. Doch der biblische Befund erlaubt weder ein selbstständiges menschliches Erlösungsvermögen noch die Vorstellung, Glaube und Unglaube seien bedeutungslose Erscheinungen.
Besonders ernst ist deshalb die Warnung vor einem verhärteten Herzen. Der Mensch kann Gottes Wahrheit kennen und dennoch an seinem eigenen Willen festhalten. Er kann göttliche Warnungen erleben, ohne sich dauerhaft verändern zu lassen. Ein solches Verhalten ist nicht harmlos, denn fortgesetzter Widerstand kann in ein wirkliches Gericht Gottes führen. Dass Gott geduldig ist, bedeutet nicht, dass er das Böse gutheißt. Seine Langmut zeigt vielmehr, dass er nicht vorschnell richtet und dass seine Güte zur Umkehr führen soll.
Gleichzeitig steht die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit im Mittelpunkt. Der Herr ist nicht auf die Grenzen menschlicher Herkunft, Vergangenheit oder gesellschaftlicher Zugehörigkeit beschränkt. Er kann Menschen, die bisher nicht zu seinem Volk gehörten, in seine Gemeinschaft aufnehmen. Seine rettende Liebe überwindet menschliche Trennungen, ohne Schuld und Unglauben gleichgültig zu behandeln. Die Berufung von Juden und Heiden zeigt, dass Gottes Heilsvorsatz größer ist als die Erwartungen einer einzelnen Volksgemeinschaft.
Schließlich richtet Römer 9 den Blick auf Jesus Christus. In ihm wird sichtbar, dass Gottes Gnade nicht nur eine göttliche Entscheidung im Verborgenen bleibt, sondern den Menschen tatsächlich begegnet. Christus ist der von Gott gelegte Grundstein. Wer seine Gerechtigkeit auf eigene Leistungen bauen möchte, kann gerade an ihm Anstoß nehmen. Wer ihm vertraut, erkennt dagegen, dass Gott selbst den Weg zur Rettung eröffnet hat. Der Glaube ist kein Verdienst, das Christus überflüssig macht, sondern das Vertrauen, durch das der Mensch seine Erlösung von ihm empfängt.
Die geistliche Kernbotschaft des Kapitels besteht deshalb in einer untrennbaren Verbindung: Gottes Gnade geht dem Menschen voraus, seine Gerechtigkeit bleibt vollkommen, seine Geduld ist wirklich, und seine Verheißung findet in Jesus Christus ihren entscheidenden Mittelpunkt. Wer dies erkennt, wird weder stolz auf seine religiösen Vorrechte noch hoffnungslos angesichts seiner eigenen Schwachheit. Er lernt, Gottes Barmherzigkeit zu vertrauen, seine Warnungen ernst zu nehmen und seine Hoffnung nicht auf sich selbst, sondern auf Christus zu gründen.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Eine grundlegende Verbindung besteht zwischen Römer 9 und der Berufung Abrahams in 1. Mose 12,1–3. Gott erwählte Abraham nicht nur, um ihm persönlich eine besondere Zukunft zu schenken. Durch ihn sollten schließlich alle Geschlechter der Erde gesegnet werden. Bereits diese erste große Verheißung verbindet die besondere Geschichte eines Menschen und seiner Nachkommen mit Gottes umfassenderem Heilshandeln an den Völkern. Dadurch wird verständlich, weshalb Paulus die Berufung der Heiden nicht als Aufhebung der Abrahamverheißung betrachtet, sondern als Teil ihrer Erfüllung.
Galater 3,6–9.26–29 entfaltet diese Verbindung ausdrücklich. Paulus erklärt dort, dass Abraham Gott glaubte und ihm dieser Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet wurde. Anschließend bezeichnet er diejenigen, die aus Glauben leben, als Kinder Abrahams. In Jesus Christus verlieren ethnische Unterschiede ihre Bedeutung als Grundlage des Zugangs zur Erlösung. Menschen aus unterschiedlichen Völkern werden durch den Glauben zu Abrahams Nachkommenschaft und zu Erben der Verheißung. Damit erhält die Unterscheidung zwischen natürlicher Abstammung und Kindern der Verheißung aus Römer 9 eine klare christologische Weiterführung.
Ein weiterer wichtiger Zusammenhang besteht zwischen Römer 9,14–16 und 2. Mose 33,12–19 sowie 34,5–7. Gottes Erklärung über seine freie Barmherzigkeit wurde ursprünglich in einer Situation ausgesprochen, in der Israel durch den Götzendienst am goldenen Kalb schwer schuldig geworden war. Die anschließende Offenbarung des göttlichen Namens zeigt, dass Gottes Wesen zugleich von Barmherzigkeit, Geduld, Treue und Gerechtigkeit geprägt ist. Diese beiden Aussagen dürfen nicht voneinander getrennt werden. Wenn Gott frei ist, Erbarmen zu erweisen, bedeutet dies nicht, dass er launenhaft handelt. Seine Entscheidungen stehen im Einklang mit seinem heiligen Wesen.
Epheser 2,1–10 vertieft diesen Gedanken aus der Perspektive des persönlichen Heils. Paulus beschreibt dort den Menschen als jemanden, der durch Übertretungen und Sünden geistlich verloren ist und seine Rettung nicht aus eigenen Werken hervorbringen kann. Doch Gott handelt aus seiner großen Barmherzigkeit und macht Menschen mit Christus lebendig. Die Rettung geschieht aus Gnade durch den Glauben und ist Gottes Gabe. Zugleich erklärt Paulus, dass die Erlösten in Christus zu guten Werken geschaffen sind. Damit wird deutlich, dass göttliche Gnade und ein verändertes Leben zusammengehören, ohne dass gute Werke zur verdienstlichen Grundlage der Erlösung werden.
Auch Philipper 2,12–13 hilft, das Verhältnis zwischen göttlicher Initiative und menschlicher Verantwortung zu verstehen. Paulus fordert die Gläubigen zum ernsthaften Handeln auf und begründet dies damit, dass Gott selbst in ihnen das Wollen und das Vollbringen wirkt. Menschlicher Gehorsam erscheint hier nicht als eine Leistung, die unabhängig von Gottes Hilfe entsteht. Er ist vielmehr die Frucht seines Wirkens im Leben des Glaubenden. Diese Verbindung verhindert, Römer 9,16 so zu verstehen, als werde menschlicher Einsatz für bedeutungslos erklärt. Sie bewahrt zugleich davor, menschliches Wollen zum eigentlichen Ursprung der Erlösung zu machen.
Eine besonders aufschlussreiche Verbindung besteht zwischen dem Töpferbild in Römer 9,19–23 und Jeremia 18,1–12. Beide Stellen betonen Gottes Autorität über sein Volk und seine Schöpfung. Jeremia zeigt jedoch zusätzlich, dass Gott in seinem souveränen Handeln auf Umkehr und Ungehorsam reagiert. Ein angekündigtes Gericht kann bei wirklicher Umkehr zurückgenommen werden, während die Missachtung göttlicher Weisungen eine verheißene Wohltat gefährden kann. Dieser Zusammenhang verdeutlicht, dass Gottes Herrschaft nicht mit Willkür gleichgesetzt werden darf. Er selbst erklärt, dass menschliches Verhalten innerhalb seines gerechten Handelns von Bedeutung ist. Zugleich darf diese Verbindung die nachdrückliche Aussage von Römer 9 über Gottes eigene Entscheidungsfreiheit nicht abschwächen.
Römer 11,17–24 führt die Frage nach Israels Unglauben und Gottes Barmherzigkeit mit dem Bild des Ölbaums weiter. Paulus beschreibt dort natürliche Zweige, die wegen ihres Unglaubens ausgebrochen wurden, und Zweige aus einem wilden Ölbaum, die durch Glauben eingepfropft worden sind. Den gläubigen Heiden untersagt er jede Überheblichkeit. Sie tragen nicht die Wurzel, sondern werden von ihr getragen. Außerdem erklärt er, dass die natürlichen Zweige wieder eingepfropft werden können, wenn sie nicht im Unglauben bleiben. Gerade diese Fortsetzung zeigt, weshalb Römer 9 nicht so verstanden werden darf, als seien alle Angehörigen Israels endgültig verworfen oder als hätte ihre gegenwärtige Verhärtung in jedem Fall bereits das letzte Wort gesprochen.
Eine weitere bedeutende Verbindung findet sich in 1. Petrus 2,4–10. Petrus bezeichnet Jesus als den lebendigen Stein, der von Menschen verworfen, bei Gott aber auserwählt und kostbar ist. Anschließend verbindet er die prophetischen Aussagen aus Jesaja 28 und Jesaja 8 miteinander. Für Glaubende ist Christus der verlässliche Grund, während er für Ungehorsame zum Stein des Anstoßes wird. Danach beschreibt Petrus die Glaubenden mit Begriffen, die ursprünglich Israels Bundesberufung kennzeichneten, und nimmt ausdrücklich die Verheißung Hoseas über Gottes Volk und sein Erbarmen auf. Dadurch werden mehrere Gedanken aus Römer 9 miteinander verknüpft: Christus als Mittelpunkt der Erlösung, die Notwendigkeit des Glaubens und die neue Gemeinschaft der Menschen, die Gottes Barmherzigkeit empfangen haben.
Besonders wichtig ist schließlich die Verbindung zu Römer 3,21–31. Dort erklärt Paulus, dass Gottes Gerechtigkeit durch den Glauben an Jesus Christus für alle Glaubenden offenbar wird. Er betont ausdrücklich, dass Gott sowohl die Beschnittenen als auch die Unbeschnittenen auf der Grundlage des Glaubens rechtfertigt. Gleichzeitig stellt er klar, dass dadurch Gottes Gesetz nicht aufgehoben, sondern bestätigt wird. Diese Aussage schützt das Ende von Römer 9 vor einem grundlegenden Missverständnis. Nicht Gottes Gesetz steht im Gegensatz zum Glauben, sondern der Versuch, durch eigene Gesetzeswerke die Rechtfertigung vor Gott zu erlangen. Das Gesetz bleibt Ausdruck seines gerechten Willens; die Rettung des Sünders gründet jedoch allein auf Gottes Gnade in Christus.
So zeigen die verschiedenen Bibelstellen eine zusammenhängende Linie. Gottes Heilsvorsatz beginnt mit seiner eigenen Verheißung, wird durch seine Barmherzigkeit getragen und findet in Jesus Christus seine entscheidende Erfüllung. Juden und Heiden benötigen denselben Erlöser. Der Mensch wird nicht durch eigene Verdienste gerettet, aber durch Gottes Gnade zu einem Leben des Glaubens und Gehorsams gerufen. Gottes Gericht über Unglauben ist wirklich, ebenso seine Geduld und seine Bereitschaft, Menschen zur Umkehr zu führen.
Wichtige Lektionen
Die erste wichtige Lektion betrifft die eigene Haltung gegenüber Menschen, die Christus noch nicht erkannt haben. Paulus begegnete dem Unglauben seiner Volksgenossen nicht mit Verachtung, sondern mit tiefer Trauer. Er wusste, wie ernst ihre geistliche Lage war, und dennoch blieb seine Liebe zu ihnen bestehen. Daraus ergibt sich ein Maßstab für den Umgang mit Menschen, die andere religiöse Überzeugungen besitzen oder Gottes Wort ablehnen. Wer die Wahrheit erkannt hat, sollte deshalb nicht hochmütig werden. Er ist vielmehr aufgerufen, mit Geduld, Aufrichtigkeit und ernsthafter Liebe für andere Menschen einzutreten.
Eine zweite Lektion besteht darin, religiöse Vorrechte richtig einzuordnen. Es ist ein großer Segen, die Bibel zu kennen, Gottes Gebote verstehen zu dürfen und in einer Glaubensgemeinschaft geistliche Unterstützung zu erfahren. Doch diese Vorrechte ersetzen nicht die persönliche Beziehung zu Jesus Christus. Deshalb sollte jeder Mensch prüfen, ob sein Vertrauen tatsächlich auf dem Erlöser ruht oder ob er sich unbemerkt auf seine Herkunft, seine Kenntnisse und seine religiöse Stellung verlässt. Die entscheidende Frage lautet nicht nur, welche Wahrheit ein Mensch besitzt, sondern auch, ob er bereit ist, ihr im Glauben zu folgen.
Daraus ergibt sich eine weitere Lektion für den Umgang mit Gottes Geboten. Der Gläubige soll Gottes Willen nicht geringachten, denn seine Gebote sind heilig, gerecht und gut. Dennoch darf er seinen Gehorsam nicht zur Grundlage seiner Rechtfertigung machen. Wer versucht, durch eigene Leistungen Gottes Annahme zu verdienen, wird entweder stolz auf seine vermeintlichen Erfolge oder verzweifelt an seinen Mängeln. Beide Haltungen richten den Blick zu sehr auf den Menschen selbst. Der richtige Weg besteht darin, Christus zu vertrauen und aus der empfangenen Gnade heraus Gottes Willen zu tun.
Besonders ernst ist die Warnung vor der Verhärtung des Herzens. Der Pharao hörte Gottes Forderung wiederholt und erlebte eindrucksvolle Zeichen seiner Macht. Trotzdem hielt er an seinem Widerstand fest. Auch ein Mensch, der die Wahrheit kennt, kann sie so häufig zurückweisen, dass sein Gewissen zunehmend unempfindlich wird. Deshalb sollten erkannte Fehler nicht bewusst festgehalten und notwendige Entscheidungen nicht immer wieder hinausgeschoben werden. Wer durch Gottes Wort auf eine Schuld aufmerksam wird, sollte sie ehrlich bekennen und sich von ihr abwenden. Gottes Geduld ist eine Gelegenheit zur Umkehr, keine Zusicherung, dass fortgesetzter Ungehorsam folgenlos bleibt.
Zugleich lehrt das Kapitel, mit unbeantworteten Fragen über Gottes Führung richtig umzugehen. Nicht jede Erfahrung lässt sich sofort erklären. Menschen erleben unterschiedliche Lebenswege, Berufungen, Möglichkeiten und Schwierigkeiten. Daraus kann leicht der Wunsch entstehen, Gottes Entscheidungen nach den eigenen Vorstellungen beurteilen zu wollen. Römer 9 erinnert daran, dass Gott einen umfassenderen Blick besitzt als seine Geschöpfe. Wer ihm vertraut, darf aufrichtig nach Verständnis suchen, sollte aber bereit bleiben, seine eigene begrenzte Erkenntnis anzuerkennen. Gerade in schwierigen Situationen bedeutet Glaube auch, an Gottes offenbartem Wesen festzuhalten, wenn nicht alle Einzelheiten seines Handelns durchschaubar sind.
Eine weitere wichtige Lektion betrifft den Umgang mit Menschen unterschiedlicher Herkunft. Gottes Berufung umfasst Juden und Heiden. Deshalb darf die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk, einer Kultur oder einer gesellschaftlichen Gruppe nicht als Maßstab für den Wert eines Menschen vor Gott verwendet werden. Niemand steht aufgrund seiner Abstammung über einem anderen. Ebenso besitzt niemand das Recht, Menschen wegen ihrer Herkunft grundsätzlich von der Hoffnung auf Gottes Gnade auszuschließen. Wer selbst von der Barmherzigkeit Gottes lebt, sollte anderen mit derselben Achtung begegnen und das Evangelium nicht als Besitz einer bevorzugten Menschengruppe betrachten.
Die Lehre vom Überrest führt außerdem zu einer ernsten Prüfung des eigenen Glaubens. Die Geschichte Israels zeigt, dass eine große Zahl von Menschen, eine lange religiöse Tradition und äußere Anerkennung keine sichere Gewähr für geistliche Treue sind. Entscheidend ist nicht, wie viele Menschen sich zu einer bestimmten Überzeugung bekennen, sondern ob sie Gottes Wort tatsächlich ernst nehmen. Doch auch die Vorstellung, zu einer besonders treuen Minderheit zu gehören, kann zu geistlichem Hochmut führen. Der Überrest wird in der Schrift durch Gottes bewahrende Gnade und seine Treue gekennzeichnet, nicht durch einen menschlichen Anspruch auf Überlegenheit. Wer Gott treu sein möchte, sollte deshalb weniger auf die Besonderheit seiner eigenen Stellung als auf die Wirklichkeit seines Glaubens und Gehorsams achten.
Auch für die persönliche Hoffnung enthält Römer 9 eine wertvolle Ermutigung. Gottes Verheißungen hängen nicht davon ab, ob ein Mensch aus eigener Kraft alle Schwierigkeiten überwinden kann. Wer seine Schwachheit erkennt und sich auf Gottes Barmherzigkeit verlässt, darf wissen, dass die Grundlage seiner Rettung nicht in seiner eigenen Vollkommenheit liegt. Das bedeutet nicht, dass Sünde gleichgültig wäre oder dass ein Mensch ohne Umkehr in seinem bisherigen Leben verharren sollte. Es bedeutet vielmehr, dass er selbst mit seiner Schuld zu Christus kommen darf, anstatt erst aus eigener Kraft einen Zustand herstellen zu wollen, der ihn der göttlichen Gnade würdig machen könnte.
Schließlich steht über allen praktischen Folgerungen die Einladung, Jesus Christus zum sicheren Fundament des eigenen Lebens zu machen. Menschen können viel Zeit damit verbringen, ihre religiösen Leistungen zu beurteilen, sich mit anderen zu vergleichen oder ihre eigene Stellung vor Gott absichern zu wollen. Paulus weist jedoch auf den von Gott gelegten Grundstein hin. Wer auf Christus vertraut, muss seine Hoffnung nicht auf die Unsicherheit menschlicher Verdienste bauen. Er darf sich auf den Erlöser verlassen, dessen Opfer ausreichend ist und dessen Gnade zu einem neuen Leben befähigt.
Römer 9 fordert deshalb zu einer Haltung auf, die von Demut, Vertrauen und Bereitschaft zum Gehorsam geprägt ist. Der Mensch soll Gottes Gnade nicht für selbstverständlich halten, seine Geduld nicht missbrauchen und seine Wahrheit nicht zurückweisen. Zugleich braucht er sich nicht durch eigene Leistung einen Platz in Gottes Erlösungsplan zu erkämpfen. Seine Aufgabe besteht darin, Gottes Ruf im Glauben anzunehmen, bei Christus zu bleiben und aus Dankbarkeit gegenüber der empfangenen Barmherzigkeit nach Gottes Willen zu leben. Darin findet die große Verheißung des Kapitels ihre persönliche Bedeutung: Wer sein Vertrauen auf Jesus Christus setzt, gründet seine Hoffnung auf den Stein, den Gott selbst gelegt hat, und wird mit diesem Vertrauen nicht zuschanden werden.