Römer 6

Was wollen wir hierzu sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, auf daß die Gnade desto mächtiger werde?

23 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Was wollen wir hierzu sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, auf daß die Gnade desto mächtiger werde?
  2. 2 Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde wollen leben, der wir abgestorben sind?
  3. 3 Wisset ihr nicht, daß alle, die wir in Jesus Christus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?
  4. 4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf daß, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln.
  5. 5 So wir aber samt ihm gepflanzt werden zu gleichem Tode, so werden wir auch seiner Auferstehung gleich sein,
  6. 6 dieweil wir wissen, daß unser alter Mensch samt ihm gekreuzigt ist, auf daß der sündliche Leib aufhöre, daß wir hinfort der Sünde nicht mehr dienen.
  7. 7 Denn wer gestorben ist, der ist gerechtfertigt von der Sünde.
  8. 8 Sind wir aber mit Christo gestorben, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden,
  9. 9 und wissen, daß Christus, von den Toten auferweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod wird hinfort nicht mehr über ihn herrschen.
  10. 10 Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben zu einem Mal; was er aber lebt, das lebt er Gott.
  11. 11 Also auch ihr, haltet euch dafür, daß ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christo Jesus, unserm HERRN.
  12. 12 So lasset nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, ihr Gehorsam zu leisten in seinen Lüsten.
  13. 13 Auch begebet nicht der Sünde eure Glieder zu Waffen der Ungerechtigkeit, sondern begebet euch selbst Gott, als die da aus den Toten lebendig sind, und eure Glieder Gott zu Waffen der Gerechtigkeit.
  14. 14 Denn die Sünde wird nicht herrschen können über euch, sintemal ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.
  15. 15 Wie nun? Sollen wir sündigen, dieweil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne!
  16. 16 Wisset ihr nicht: welchem ihr euch begebet zu Knechten in Gehorsam, des Knechte seid ihr, dem ihr gehorsam seid, es sei der Sünde zum Tode oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit?
  17. 17 Gott sei aber gedankt, daß ihr Knechte der Sünde gewesen seid, aber nun gehorsam geworden von Herzen dem Vorbilde der Lehre, welchem ihr ergeben seid.
  18. 18 Denn nun ihr frei geworden seid von der Sünde, seid ihr Knechte der Gerechtigkeit geworden.
  19. 19 Ich muß menschlich davon reden um der Schwachheit willen eures Fleisches. Gleichwie ihr eure Glieder begeben habet zum Dienst der Unreinigkeit und von einer Ungerechtigkeit zur andern, also begebet auch nun eure Glieder zum Dienst der Gerechtigkeit, daß sie heilig werden.
  20. 20 Denn da ihr der Sünde Knechte wart, da wart ihr frei von der Gerechtigkeit.
  21. 21 Was hattet ihr nun zu der Zeit für Frucht? Welcher ihr euch jetzt schämet; denn ihr Ende ist der Tod.
  22. 22 Nun ihr aber seid von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden, habt ihr eure Frucht, daß ihr heilig werdet, das Ende aber ist das ewige Leben.
  23. 23 Denn der Tod ist der Sünde Sold; aber die Gabe Gottes ist das ewige Leben in Christo Jesu, unserm HERRN.

Kapitelüberblick

Wer durch Jesus Christus zu Gott gehört, kann sein bisheriges Verhältnis zur Sünde nicht einfach unverändert fortsetzen. Paulus beginnt mit der Frage, ob die überreiche Gnade Gottes dazu berechtigen könnte, weiterhin zu sündigen, und weist diesen Gedanken entschieden zurück. Durch die Taufe sind die Gläubigen mit dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi verbunden. Ihr früheres Leben unter der Herrschaft der Sünde soll der Vergangenheit angehören, während ein neues Leben in der Gemeinschaft mit Christus beginnt.

Diese Veränderung betrifft nicht nur die innere Einstellung, sondern die gesamte Lebensführung. Der Mensch soll seinen Körper und seine Fähigkeiten nicht länger der Ungerechtigkeit zur Verfügung stellen, sondern Gott dienen. Die Freiheit unter der Gnade bedeutet deshalb keine Beliebigkeit, sondern führt zu einem Gehorsam, der aus dem Herzen kommt, und zu einem Leben in Heiligung.

Am Ende stellt Paulus zwei grundverschiedene Ergebnisse gegenüber: Die Sünde führt zum Tod, während das ewige Leben kein menschlicher Verdienst, sondern ein Geschenk Gottes durch Jesus Christus ist.

Einführung

Am Ende des vorhergehenden Kapitels hat Paulus eine bemerkenswerte Aussage gemacht: Wo die Sünde zunahm, wurde Gottes Gnade noch überreicher (Römer 5,20). Diese Feststellung steht innerhalb seiner Gegenüberstellung von Adam und Jesus Christus. Durch Adam kamen Sünde und Tod in die menschliche Geschichte, während Christus den Weg zu Gerechtigkeit und Leben eröffnet hat (Römer 5,12–21). Doch gerade die Betonung der überreichen Gnade wirft eine schwierige Frage auf: Wenn Gottes Vergebung größer ist als die menschliche Schuld, welchen Stellenwert hat dann noch die Abkehr von der Sünde? Diese mögliche Schlussfolgerung greift Paulus unmittelbar zu Beginn von Römer 6 auf.

Um seine Antwort richtig zu verstehen, hilft ein Blick auf den bisherigen Aufbau des Briefes. Paulus schreibt an die Gläubigen in Rom, unter denen sich sowohl Christen jüdischer als auch nichtjüdischer Herkunft befinden. In den ersten Kapiteln hat er gezeigt, dass alle Menschen vor Gott schuldig geworden sind und niemand durch eigene Leistungen oder das Halten des Gesetzes einen Anspruch auf Rechtfertigung erwerben kann (Römer 3,9–28). Am Beispiel Abrahams erklärt er anschließend, dass Gottes Verheißung im Glauben angenommen wird (Römer 4). Darauf aufbauend entfaltet er in Römer 5 die Bedeutung des Erlösungswerkes Jesu Christi für die gesamte Menschheit.

Für den weiteren Gedankengang verwendet Paulus zwei besonders anschauliche Vergleiche. Zunächst spricht er vom Sterben, Begrabenwerden und Auferstehen mit Christus. Anschließend greift er auf die damals vertraute Wirklichkeit von Herrschaft und Sklavendienst zurück. Während der erste Vergleich die grundlegende Verbindung des Gläubigen mit Christus beschreibt, macht der zweite verständlich, wie sich eine veränderte Zugehörigkeit im tatsächlichen Leben auswirkt. Beide Bilder gehören zusammen und helfen dabei, die Aussagen über Sünde, Gesetz, Gnade und Gehorsam in ihrem jeweiligen Zusammenhang zu verstehen.

Römer 6,1–2

Warum Gottes Gnade keine Erlaubnis zur Sünde ist

Paulus beginnt mit einer Frage, die sich unmittelbar aus seiner bisherigen Erklärung über Gottes Gnade ergibt: Sollen die Gläubigen weiterhin in der Sünde leben, damit Gottes Gnade umso größer wird? Diese Frage knüpft an Römer 5,20 an, wo Paulus erklärt hat, dass die Gnade Gottes dort überreich geworden ist, wo die Sünde zugenommen hat. Für jemanden, der diese Aussage missversteht, könnte daraus eine scheinbar logische Schlussfolgerung entstehen: Wenn die Gnade mit zunehmender Sünde noch deutlicher sichtbar wird, wäre es dann nicht sogar vorteilhaft, weiterhin zu sündigen? Paulus greift diesen möglichen Einwand auf, um zu zeigen, weshalb eine solche Vorstellung dem Wesen der Erlösung widerspricht.

Dabei ist wichtig, dass Paulus nicht die Größe der göttlichen Gnade infrage stellt. Er nimmt nichts von seiner vorherigen Aussage zurück. Gottes Barmherzigkeit ist tatsächlich größer als die Schuld, die der Mensch auf sich geladen hat. Selbst ein Leben, das von schweren Verfehlungen geprägt war, liegt nicht außerhalb der vergebenden Macht Gottes. Doch aus der Tatsache, dass Gott Sünden vergeben kann, folgt keineswegs, dass der Mensch sie deshalb bewusst vermehren sollte. Die Gnade offenbart Gottes Bereitschaft, den Sünder zu retten. Sie ist keine Einladung, an dem festzuhalten, wovon Gott ihn befreien möchte.

Eine bedeutsame Einzelheit liegt in der Formulierung der ersten Frage. Paulus spricht davon, in der Sünde zu verharren. Damit ist mehr gemeint als die Tatsache, dass ein gläubiger Mensch noch Fehler machen oder einer Versuchung erliegen kann. Es geht um das bewusste Fortsetzen eines Lebens, in dem die Sünde weiterhin bestimmend sein darf. Die Frage lautet also nicht, ob ein Christ jemals wieder sündigen kann, sondern ob er seine bisherige Lebensweise unter der Herrschaft der Sünde beibehalten darf, weil Gottes Gnade ohnehin zur Verfügung steht. Diese Unterscheidung ist entscheidend, denn andernfalls könnte man Paulus so verstehen, als müsse ein Mensch nach seiner Bekehrung bereits vollkommen frei von jeder Möglichkeit des Versagens sein. Eine solche Behauptung macht Paulus hier nicht.

Seine Antwort in Vers 2 fällt außerordentlich entschieden aus: „Das sei ferne!“ Mit dieser Wendung weist er den Gedanken nicht nur als unpassend zurück, sondern als grundsätzlich unvereinbar mit dem christlichen Glauben. Anschließend begründet er seine Ablehnung mit einer überraschenden Aussage: Die Gläubigen sind der Sünde gestorben. Paulus argumentiert also nicht zuerst damit, dass eine bestimmte Vorschrift das Sündigen verbietet. Er führt seine Leser vielmehr zu einer tieferen Frage zurück: Was ist eigentlich mit einem Menschen geschehen, der zu Jesus Christus gehört?

Das Bild des Sterbens beschreibt einen grundlegenden Bruch mit dem bisherigen Leben. Solange die Sünde über einen Menschen herrscht, bestimmt sie seine Lebensrichtung. Seine Wünsche, Entscheidungen und Handlungen stehen unter ihrem Einfluss. Wenn Paulus jedoch erklärt, dass die Gläubigen der Sünde gestorben sind, beschreibt er eine veränderte Beziehung zu dieser Macht. Der Mensch soll nicht länger unter ihrer Herrschaft leben, weil seine Zugehörigkeit durch Christus eine andere geworden ist. Der Tod gegenüber der Sünde bedeutet dabei nicht, dass die Sünde aufgehört hätte zu existieren oder dass der Gläubige keinerlei Versuchungen mehr empfinden könnte. Dass weiterhin ein ernsthafter Kampf gegen sündige Begierden notwendig ist, wird Paulus später ausdrücklich erklären, wenn er die Gläubigen auffordert, die Sünde nicht über ihren sterblichen Körper herrschen zu lassen (Römer 6,12).

Damit wird auch verständlich, weshalb Paulus seine Antwort als Frage formuliert: Wie könnten Menschen, die der Sünde gestorben sind, weiterhin in ihr leben? Die Spannung liegt zwischen einer neuen Zugehörigkeit und einer Lebensweise, die dieser Zugehörigkeit widerspricht. Wer von einer alten Herrschaft befreit worden ist, sollte nicht so weiterleben, als wäre diese Herrschaft unverändert bestehen geblieben. Paulus stellt deshalb nicht bloß eine moralische Forderung auf, sondern erinnert die Gläubigen an die Wirklichkeit, die ihrem neuen Leben zugrunde liegt.

Diese Aussage schützt vor zwei entgegengesetzten Missverständnissen. Einerseits darf die Gnade Gottes nicht als Rechtfertigung für absichtlichen Ungehorsam missbraucht werden. Andererseits bedeutet die Forderung nach einem veränderten Leben nicht, dass sich der Mensch Gottes Annahme erst durch eigene Fehlerlosigkeit verdienen müsste. Bereits in Römer 3,23–24 hat Paulus erklärt, dass Menschen aus Gottes Gnade gerechtfertigt werden. Die Grundlage ihrer Rettung bleibt somit Gottes Handeln durch Jesus Christus. Was Paulus jetzt entfaltet, ist die Frage, welche Veränderung diese Rettung im Leben des Menschen hervorbringt.

So führt der Gedankengang von einer möglichen Verdrehung der Gnade zu ihrem eigentlichen Ziel. Gottes Gnade ist nicht dazu da, die alte Sündenherrschaft erträglicher zu machen, sondern den Menschen aus ihr herauszuführen. Doch wodurch ist dieser entscheidende Bruch mit dem bisherigen Leben geschehen? Und weshalb kann Paulus überhaupt sagen, dass Gläubige der Sünde gestorben sind? Die Antwort darauf entwickelt er in den folgenden Versen anhand der Taufe und der Verbindung des Gläubigen mit dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi.

Römer 6,3–5

Mit Christus begraben und zu einem neuen Leben auferweckt

Nachdem Paulus erklärt hat, dass die Gläubigen der Sünde gestorben sind, erinnert er sie an ein Ereignis, das ihnen allen vertraut ist: ihre Taufe. In Vers 3 fragt er, ob sie denn nicht wissen, dass alle, die auf Jesus Christus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind. Mit dieser Frage setzt er voraus, dass die Christen in Rom bereits über die grundlegende Bedeutung ihrer Taufe unterrichtet wurden. Dennoch führt er ihnen diese Wahrheit erneut vor Augen, weil sie für das Verständnis ihres neuen Lebens entscheidend ist. Die Taufe ist für Paulus nicht einfach ein religiöser Brauch, mit dem jemand seine Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft bekannt gibt. Sie steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Tod Jesu Christi und der persönlichen Verbindung des Glaubenden mit ihm.

Die Formulierung, auf Christus beziehungsweise in Christus hinein getauft zu sein, beschreibt eine neue Zugehörigkeit. Der Glaubende gehört nicht länger nur sich selbst, sondern ist mit dem verbunden, der für ihn gestorben und auferstanden ist. Paulus vertieft diesen Gedanken, indem er ausdrücklich sagt, dass die Gläubigen auf den Tod Christi getauft wurden. Damit erinnert er daran, dass Jesu Tod nicht lediglich ein Ereignis der Vergangenheit ist, das Christen dankbar betrachten. Sein Tod hat eine grundlegende Bedeutung für diejenigen, die durch den Glauben mit ihm verbunden sind. Christus starb für die Sünde der Menschen, obwohl er selbst ohne Sünde war (2. Korinther 5,21). Wer zu ihm gehört, nimmt deshalb Anteil an den Folgen seines Erlösungswerkes. Der Bruch mit dem bisherigen Leben unter der Sündenherrschaft gründet nicht in einer außergewöhnlichen menschlichen Willensanstrengung, sondern in dem, was Christus durch seinen Tod ermöglicht hat.

In Vers 4 erweitert Paulus das Bild. Die Gläubigen sind durch die Taufe mit Christus in den Tod begraben worden. Das Begräbnis unterstreicht, dass der Tod tatsächlich eingetreten ist. Wenn ein Mensch begraben wird, ist sein bisheriges irdisches Leben zu Ende gegangen. Paulus verwendet diesen Gedanken, um die grundlegende Trennung zwischen dem früheren Leben unter der Sünde und dem neuen Leben mit Christus verständlich zu machen. Das Untertauchen bei der Taufe bringt diese Wahrheit besonders anschaulich zum Ausdruck: Wie ein Mensch unter dem Wasser verschwindet und anschließend wieder daraus hervorkommt, so veranschaulicht die Taufe das Sterben und Begrabenwerden mit Christus sowie den Beginn eines neuen Lebens. Der Schwerpunkt des Paulus liegt jedoch nicht auf einer ausführlichen Beschreibung des äußeren Taufvorgangs, sondern auf dessen geistlicher Bedeutung.

Dabei wäre es zu wenig, die Taufe ausschließlich als eine äußerliche Darstellung ohne wirklichen Bezug zur Christusgemeinschaft zu verstehen. Paulus spricht von Menschen, die durch die Taufe mit Christus begraben wurden. Er verbindet die Taufe also eng mit dem Eintritt in die neue Lebenswirklichkeit, die Christus eröffnet hat. Ebenso wenig lehrt er jedoch, dass das Wasser unabhängig von Glauben und innerer Umkehr eine automatische Veränderung bewirken würde. In Kolosser 2,12 beschreibt Paulus denselben Zusammenhang und erklärt ausdrücklich, dass die Gläubigen durch den Glauben an die wirksame Kraft Gottes mit Christus auferweckt wurden. Die Taufe gehört somit zum Glaubensweg eines Menschen, der sich Christus anvertraut und dessen bisheriges Leben nicht länger seine Zukunft bestimmen soll. Ohne diese persönliche Beziehung zu Christus würde die äußere Handlung ihren eigentlichen geistlichen Sinn verfehlen.

Besonders wichtig ist nun das Ziel, das Paulus in Vers 4 nennt. Die Gläubigen wurden mit Christus begraben, damit sie, ebenso wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in einem neuen Leben wandeln. Der Gedankengang endet also nicht beim Sterben und Begrabenwerden. Ebenso wenig wie Jesus im Grab geblieben ist, soll der Glaubende bei der Trennung von seinem bisherigen Leben stehen bleiben. Gottes Erlösungswerk führt nicht lediglich dazu, dass etwas Altes beendet wird, sondern eröffnet eine neue Lebenswirklichkeit. Wenn Paulus von der Herrlichkeit des Vaters spricht, richtet er den Blick auf Gottes machtvolles Handeln bei der Auferweckung Jesu. Dieselbe göttliche Macht, die Christus aus dem Tod hervorgebracht hat, ist die Grundlage der Hoffnung auf ein verwandeltes Leben.

Das Wort „wandeln“ bezeichnet in der Bibel häufig die gesamte Lebensführung eines Menschen. Paulus meint deshalb nicht nur ein neues religiöses Empfinden oder eine einmalige Entscheidung bei der Bekehrung. Das neue Leben soll im Alltag sichtbar werden: in den Entscheidungen, im Umgang mit anderen Menschen, im Verhältnis zu Versuchungen und in der Bereitschaft, Gottes Willen zu folgen. Dabei ist die Reihenfolge seiner Aussage von großer Bedeutung. Paulus fordert die Gläubigen nicht auf, zuerst durch eigene Anstrengung ein vollkommen neues Leben hervorzubringen, um anschließend mit Christus verbunden werden zu können. Vielmehr erwächst die neue Lebensführung aus der bereits beschriebenen Verbindung mit seinem Tod und seiner Auferstehung. Gottes Handeln bildet die Grundlage, auf der sich das Leben des Glaubenden verändern soll. Darin liegt der Unterschied zwischen einer bloßen äußerlichen Verbesserung des Verhaltens und der geistlichen Erneuerung, von der Paulus spricht.

In Vers 5 führt Paulus diesen Zusammenhang noch einen Schritt weiter. Wenn die Gläubigen mit Christus in der Gleichheit seines Todes verbunden worden sind, werden sie es auch in der Gleichheit seiner Auferstehung sein. Das griechische Wort, das hier die Verbindung beschreibt, vermittelt den Gedanken eines engen Zusammengewachsenseins. Paulus spricht also nicht von zwei Lebenswegen, die nur zufällig ähnliche Merkmale besitzen, sondern von einer tiefen Zusammengehörigkeit. Das Schicksal des Glaubenden ist durch Christus neu bestimmt. Wer mit ihm im Tod verbunden ist, darf auch an seinem Auferstehungsleben Anteil haben. Der Tod Christi und seine Auferstehung gehören untrennbar zusammen, weshalb Paulus die Hoffnung des Christen nicht auf das Ende des alten Lebens beschränkt.

Die Auferstehung besitzt dabei eine gegenwärtige und eine zukünftige Bedeutung. Schon jetzt beginnt für den Glaubenden ein neues Leben, wie Paulus ausdrücklich in Vers 4 erklärt. Er darf in einer veränderten Beziehung zu Gott leben und muss nicht länger so handeln, als sei die Sünde sein unausweichlicher Herr. Gleichzeitig weist die Zukunftsform in Vers 5 über die Gegenwart hinaus. Die endgültige Auferstehung des Menschen steht noch aus. Paulus erklärt später, dass Gott durch seinen Geist auch die sterblichen Körper der Gläubigen lebendig machen wird (Römer 8,11). Das gegenwärtige geistliche Leben ersetzt deshalb nicht die Hoffnung auf eine wirkliche zukünftige Auferstehung. Vielmehr gehören beide zusammen: Was durch die Gemeinschaft mit Christus bereits jetzt beginnt, wird durch Gottes Macht eines Tages vollendet werden.

Damit beantwortet Paulus die Frage, weshalb ein Christ nicht einfach in seinem früheren Leben verharren kann. Seine Verbindung mit Jesus Christus betrifft nicht allein die Vergebung vergangener Schuld, sondern ebenso seine gegenwärtige Lebensrichtung und seine zukünftige Hoffnung. Die Taufe macht diesen Zusammenhang auf besondere Weise sichtbar: Der Glaubende bekennt seine Zugehörigkeit zu dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn, dessen Erlösungswerk sein Leben von Grund auf verändert. Doch was bedeutet dieses Sterben mit Christus für den Menschen selbst? Welche Macht verliert dabei ihre bisherige Herrschaft, und weshalb kann Paulus anschließend davon sprechen, dass der „alte Mensch“ mit Christus gekreuzigt wurde? Genau diese Fragen entfaltet er in den folgenden Versen.

Römer 6,6–7

Der alte Mensch und die Befreiung von der Sündenherrschaft

Nachdem Paulus die Taufe als Verbindung mit dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi beschrieben hat, erklärt er nun genauer, was dieses Sterben mit Christus für den Menschen bedeutet. In Vers 6 schreibt er, dass unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde außer Wirksamkeit gesetzt wird und wir der Sünde nicht länger dienen müssen. Diese Aussage gehört zu den grundlegenden Erklärungen des Neuen Testaments über die Veränderung, die Gott im Leben eines Menschen bewirken möchte. Paulus spricht nicht nur davon, dass bestimmte schlechte Gewohnheiten aufgegeben werden sollen. Er beschreibt eine tiefgreifende Veränderung der bisherigen Stellung des Menschen gegenüber der Sünde. Um seine Worte richtig zu verstehen, müssen wir jedoch zunächst klären, was er mit dem „alten Menschen“ meint und weshalb dieser mit Christus gekreuzigt wurde.

Der Ausdruck „alter Mensch“ bezeichnet den Menschen in seinem bisherigen Zustand unter der Herrschaft der Sünde. Es geht nicht lediglich um einzelne schlechte Eigenschaften oder bestimmte Fehler, die jemand in der Vergangenheit begangen hat. Paulus betrachtet den Menschen vielmehr in seiner gesamten bisherigen Lebensausrichtung, bevor seine Zugehörigkeit durch Christus neu bestimmt wurde. Diese Bedeutung wird verständlicher, wenn wir uns an Römer 5 erinnern. Dort hat Paulus Adam und Christus gegenübergestellt. Durch Adam kamen Sünde und Tod in die menschliche Geschichte, während Christus den Weg zu Gerechtigkeit und Leben eröffnet hat (Römer 5,12–21). Vor diesem Hintergrund beschreibt der „alte Mensch“ die bisherige Existenz des Menschen unter der Macht der Sünde. Durch die Verbindung mit Christus beginnt dagegen eine neue Wirklichkeit, in der nicht mehr die Sünde, sondern Christus die bestimmende Autorität sein soll.

Bemerkenswert ist, dass Paulus ausdrücklich sagt, der alte Mensch sei mit Christus „mitgekreuzigt worden“. Er beschreibt damit ein Geschehen, das bereits stattgefunden hat. Das bedeutet nicht, dass der Glaubende körperlich am Kreuz Jesu gestorben wäre. Vielmehr ist das Sterben Christi die Grundlage dafür, dass seine bisherige Bindung an die Sündenherrschaft überwunden werden kann. Eine ähnliche Aussage findet sich in Galater 2,20, wo Paulus erklärt, dass er mit Christus gekreuzigt wurde und nun Christus in ihm lebt. Damit beschreibt er nicht das Ende seiner persönlichen Existenz, sondern eine neue Lebensgrundlage. Seine eigene Person, seine Fähigkeiten und seine Verantwortung bleiben bestehen, doch sein Leben soll nicht länger von seinem früheren Verhältnis zur Sünde bestimmt werden. Die Kreuzigung des alten Menschen bedeutet deshalb auch nicht, dass die persönliche Geschichte, sämtliche Erinnerungen oder die individuellen Eigenschaften eines Menschen ausgelöscht würden. Entscheidend ist vielmehr, dass die bisherige Herrschaft der Sünde durch die Gemeinschaft mit Christus gebrochen wird.

Paulus nennt anschließend das Ziel dieser Kreuzigung: Der „Leib der Sünde“ soll außer Wirksamkeit gesetzt werden. Diese Formulierung könnte zunächst den Eindruck erwecken, als betrachte Paulus den menschlichen Körper selbst als etwas Böses, das beseitigt werden müsste. Eine solche Deutung würde jedoch dem weiteren Zusammenhang widersprechen. Bereits in Vers 12 spricht Paulus davon, dass die Sünde nicht länger über den sterblichen Körper herrschen soll, und in Vers 13 fordert er die Gläubigen auf, ihre Glieder Gott als Werkzeuge der Gerechtigkeit zur Verfügung zu stellen. Derselbe Körper, der zuvor sündigen Handlungen gedient haben kann, soll nun für Gottes Willen eingesetzt werden. Es geht folglich nicht um die Vernichtung des Körpers, sondern um seine Befreiung aus der bisherigen Abhängigkeit von der Sünde.

Auch das griechische Wort, das die Schlachter-Bibel mit „außer Wirksamkeit gesetzt“ wiedergibt, hilft dabei, diese Aussage genauer zu verstehen. Paulus verwendet hier eine Form des Verbs katargeō, das unter anderem bedeuten kann, etwas unwirksam zu machen, zu entmachten oder seiner bisherigen Wirksamkeit zu berauben. Im Zusammenhang von Römer 6 steht deshalb die Entmachtung der Sünde im Vordergrund. Der menschliche Körper wird nicht als wertlos oder grundsätzlich böse dargestellt. Vielmehr soll die Sünde ihre beherrschende Wirkung über das Leben des Menschen verlieren. Dazu gehören auch die Handlungen, die durch körperliche Begierden, Gewohnheiten und bewusste Entscheidungen entstehen. Paulus führt diese Veränderung nicht auf eine natürliche Unfähigkeit des Menschen zum Sündigen zurück, sondern auf seine neue Verbindung mit Christus.

Den eigentlichen Zweck dieser Veränderung nennt Paulus am Ende von Vers 6: „so daß wir der Sünde nicht mehr dienen“. Das hier verwendete griechische Verb gehört zur Sprache des Sklavendienstes. Paulus beschreibt die Sünde damit nicht bloß als eine Sammlung einzelner falscher Handlungen, sondern als eine Macht, unter deren Einfluss der Mensch geraten kann. Wer von der Sünde beherrscht wird, lebt nicht in der Freiheit, die Gott für ihn vorgesehen hat. Seine Entscheidungen können zunehmend von Begierden, Selbstsucht und Gewohnheiten bestimmt werden, die ihn von Gott entfernen. Besonders ernst ist dabei, dass der Mensch solche Bindungen nicht immer als Unfreiheit erkennt. Er kann glauben, völlig unabhängig zu handeln, obwohl bestimmte Wünsche und Verhaltensweisen seine Entscheidungen beherrschen. Paulus erklärt nun, dass Christus den Weg aus dieser Knechtschaft eröffnet hat. Die Sünde muss nicht länger der bestimmende Herr im Leben des Glaubenden sein.

Dabei darf die Aussage nicht mit einer sofortigen und vollständigen Unfähigkeit zu sündigen verwechselt werden. Die Kreuzigung des alten Menschen bedeutet nicht, dass ein Christ nach seiner Bekehrung keinerlei Versuchungen mehr erlebt oder niemals wieder einer falschen Entscheidung nachgeben könnte. Paulus wird die Gläubigen wenige Verse später ausdrücklich dazu auffordern, die Sünde nicht mehr über sich herrschen zu lassen (Römer 6,12). Eine solche Aufforderung wäre kaum verständlich, wenn jede Möglichkeit des Sündigens bereits endgültig verschwunden wäre. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Sünde nicht mehr als unausweichliche Herrschaftsmacht hingenommen werden muss. Der Glaubende ist aufgerufen, die durch Christus eröffnete Freiheit in seinen täglichen Entscheidungen tatsächlich zu leben. Der Kampf gegen die Sünde bleibt ernst, aber er wird nicht mehr aus derselben Stellung der Abhängigkeit heraus geführt.

In Vers 7 begründet Paulus seine bisherige Aussage mit den Worten: „denn wer gestorben ist, der ist von der Sünde losgesprochen.“ Die Formulierung ist bemerkenswert, weil das griechische Wort dedikaiōtai aus demselben Wortfeld stammt, das Paulus an anderen Stellen für Rechtfertigung und Freispruch verwendet. Während in Römer 3 und 4 besonders die Rechtfertigung des Sünders vor Gott im Mittelpunkt steht, behandelt Paulus hier die Befreiung von der Herrschaft der Sünde. Deshalb geben manche Bibelübersetzungen den Gedanken sinngemäß damit wieder, dass der Gestorbene von der Sünde befreit worden ist. Die Freispruchssprache bleibt wichtig, doch ihr unmittelbarer Zusammenhang ist die Beendigung des bisherigen Sklavendienstes. Paulus erklärt damit nicht, dass die Sünde jemals ein moralisch rechtmäßiger Eigentümer des Menschen gewesen wäre. Er beschreibt vielmehr, dass der mit Christus Gestorbene nicht länger in seiner früheren Abhängigkeit von der Sünde bleiben soll.

Das Bild des Todes macht diese Trennung besonders eindringlich. Mit dem Tod endet die bisherige Lebensstellung eines Menschen. Paulus überträgt diesen Gedanken auf die Gemeinschaft mit Christus: Wer an seinem Tod Anteil hat, ist nicht dazu bestimmt, unter der alten Herrschaft weiterzuleben. Dabei spricht Vers 7 nicht davon, dass ein Mensch durch seinen gewöhnlichen körperlichen Tod automatisch von aller Schuld gerechtfertigt würde. Im Zusammenhang geht es ausdrücklich um diejenigen, die mit Christus gestorben sind. Ihre Befreiung hat ihren Grund nicht im Sterben an sich, sondern in der Verbindung mit dem gekreuzigten Erlöser.

Eine wichtige Ergänzung findet sich in Kolosser 3,9–10. Dort beschreibt Paulus, dass die Gläubigen den alten Menschen mit seinen Handlungen abgelegt und den neuen Menschen angezogen haben, der zur Erkenntnis nach dem Bild seines Schöpfers erneuert wird. Diese Worte helfen, den Gedanken aus Römer 6 genauer einzuordnen. Der alte Mensch steht für die bisherige Existenz unter der Sünde, während der neue Mensch eine durch Gott erneuerte Lebenswirklichkeit bezeichnet. Der Wechsel betrifft deshalb sowohl die Zugehörigkeit des Menschen als auch seine tatsächliche Lebensführung. Erneuerung ist nicht bloß ein äußerer Austausch bestimmter Verhaltensweisen, sondern eine Veränderung, aus der ein anderer Umgang mit dem eigenen Leben hervorgehen soll.

Damit gewinnen die Aussagen der Verse 6 und 7 eine besondere Tiefe. Paulus beschreibt die Erlösung nicht als bloße Entlastung von vergangener Schuld, nach der der Mensch unverändert in seinen bisherigen Bindungen bleiben müsste. Christus eröffnet eine wirkliche Befreiung aus der Sündenherrschaft. Diese Befreiung bedeutet weder die Vernichtung des menschlichen Körpers noch die sofortige Beseitigung jeder Versuchung. Sie bedeutet, dass der Mensch durch die Verbindung mit Christus eine neue Zugehörigkeit erhält und nicht länger gezwungen ist, der Sünde als seinem bisherigen Herrn zu dienen. Doch die Kreuzigung des alten Menschen ist nicht das Ende von Gottes Erlösungswerk. Nachdem Paulus erklärt hat, wovon der Glaubende befreit wird, richtet er in den folgenden Versen den Blick darauf, mit wem und wofür er nun leben darf: mit dem auferstandenen Christus und für Gott.

Römer 6,8–11

Christi Sieg über den Tod und unser neues Leben

Nachdem Paulus erklärt hat, dass der alte Mensch mit Christus gekreuzigt wurde und die Sünde ihre bisherige Herrschaft verlieren soll, richtet er den Blick nun auf die Auferstehung Jesu. In Vers 8 schreibt er sinngemäß, dass wir, wenn wir mit Christus gestorben sind, auch mit ihm leben werden. Damit führt er seine bisherige Erklärung zu einem entscheidenden Punkt. Die Verbindung mit Christus bedeutet nicht nur, dass etwas Altes zu Ende geht. Sie eröffnet zugleich die Gewissheit eines Lebens, das seinen Ursprung in dem auferstandenen Herrn hat. Der Tod mit Christus und das Leben mit ihm gehören untrennbar zusammen. Wer an seinem Tod Anteil hat, darf auch an seinem Sieg über den Tod Anteil haben.

Bemerkenswert ist, dass Paulus diese Aussage mit dem Glauben verbindet. Er schreibt nicht einfach, dass die Gläubigen mit Christus leben werden, sondern dass sie dies glauben. Damit macht er deutlich, dass die Hoffnung auf das neue Leben auf dem Vertrauen in Gottes Handeln beruht. Der Mensch kann die endgültige Auferstehung noch nicht an sich selbst erfahren oder durch eigene Kraft herbeiführen. Dennoch darf er schon jetzt darauf vertrauen, weil Gott Jesus Christus tatsächlich von den Toten auferweckt hat. Die Auferstehung Jesu ist deshalb nicht nur ein außergewöhnliches Ereignis, das Christen bewundern, sondern die Grundlage ihrer persönlichen Hoffnung. Paulus wird diesen Zusammenhang später besonders ausführlich erklären, wenn er schreibt, dass Christus als Erstling der Entschlafenen auferstanden ist und auch diejenigen, die zu ihm gehören, bei seiner Wiederkunft auferweckt werden sollen (1. Korinther 15,20–23).

Dabei besitzt die Aussage von Vers 8 erneut zwei miteinander verbundene Bedeutungen. Einerseits beginnt das Leben mit Christus bereits in der Gegenwart. Paulus hat in Vers 4 ausdrücklich erklärt, dass die Gläubigen in einem neuen Leben wandeln sollen. Dieses Leben zeigt sich darin, dass ihre Beziehung zu Gott erneuert wird und sie nicht mehr unter der bisherigen Sündenherrschaft stehen müssen. Andererseits weist die Zukunftsform „wir werden mit ihm leben“ auf die noch ausstehende Vollendung hin. Der Christ besitzt bereits jetzt die Hoffnung und die Wirklichkeit eines neuen geistlichen Lebens, lebt jedoch weiterhin in einem sterblichen Körper. Die endgültige Überwindung des körperlichen Todes steht noch bevor. Paulus verbindet somit eine gegenwärtige Veränderung mit einer zukünftigen Verheißung. Das neue Leben beginnt durch Christus schon jetzt, doch seine vollständige Entfaltung wird erst bei der Auferstehung sichtbar werden.

In Vers 9 nennt Paulus den Grund für diese Gewissheit: Christus ist von den Toten auferweckt worden und stirbt nicht mehr. Der Tod hat keine Herrschaft mehr über ihn. Diese Aussage geht über die bloße Feststellung hinaus, dass Jesus nach seiner Kreuzigung wieder lebendig wurde. Paulus betont vielmehr die endgültige und unumkehrbare Bedeutung seiner Auferstehung. Jesus ist nicht lediglich für eine begrenzte Zeit in das irdische Leben zurückgekehrt, um später erneut zu sterben. Seine Auferstehung bedeutet den endgültigen Sieg über den Tod. Was durch die Sünde in die menschliche Geschichte gekommen ist und seit Adam über die Menschen herrschte, hat über den auferstandenen Christus keine Macht mehr. Damit beantwortet Paulus zugleich einen wesentlichen Teil der Frage, weshalb die Gläubigen auf ein dauerhaftes Leben mit Christus hoffen können: Ihr Herr lebt nicht nur wieder, sondern er lebt für immer.

Die Formulierung, dass der Tod nicht mehr über Christus herrscht, muss dabei im Zusammenhang seines Erlösungswerkes verstanden werden. Paulus behauptet nicht, Jesus sei jemals ein Sünder gewesen oder habe dem Tod aufgrund eigener Schuld unterstehen müssen. Die Evangelien und die übrigen neutestamentlichen Schriften bezeugen vielmehr, dass Jesus ohne Sünde war (Hebräer 4,15; 1. Petrus 2,22). Dennoch nahm er freiwillig die menschliche Sterblichkeit auf sich und erlitt am Kreuz den Tod. Gerade darin zeigt sich die Größe seines Erlösungswerkes: Obwohl er selbst ohne Sünde war, trat er in die von Sünde und Tod gezeichnete menschliche Geschichte ein und gab sein Leben für die Menschen. Seine Auferstehung bezeugt, dass der Tod ihn nicht festhalten konnte. Bereits Petrus erklärt in seiner Pfingstpredigt, dass Gott Jesus auferweckt hat, weil es unmöglich war, dass er vom Tod festgehalten würde (Apostelgeschichte 2,24). Der Tod war somit eine Wirklichkeit, die Christus tatsächlich erlitt, aber keine Macht, die ihn dauerhaft überwinden konnte.

Noch deutlicher wird die Einmaligkeit dieses Sieges in Vers 10. Paulus erklärt, dass Christus der Sünde ein für alle Mal gestorben ist, während sein gegenwärtiges Leben ganz Gott gehört. Der Ausdruck „ein für alle Mal“ ist besonders bedeutsam. Jesu Tod ist kein Vorgang, der immer wieder wiederholt werden müsste, um die Erlösung der Menschen sicherzustellen. Sein Opfer besitzt eine bleibende Wirksamkeit. Diese Wahrheit wird im Hebräerbrief ausführlicher entfaltet, wo erklärt wird, dass Christus sich ein einziges Mal geopfert hat, um die Sünde zu tragen und durch sein Opfer die Grundlage der Erlösung zu schaffen (Hebräer 9,26–28; 10,10–14). Paulus selbst betont hier vor allem den Gegensatz zwischen dem einmaligen Tod Christi und seinem bleibenden Leben. Die entscheidende Auseinandersetzung mit der Sünde, die ihn ans Kreuz führte, muss nicht erneut durchlitten werden. Christus hat den Tod überwunden und lebt nun in einer Herrlichkeit, über die der Tod keine Macht mehr besitzt.

Allerdings könnte die Aussage, Christus sei „der Sünde gestorben“, leicht missverstanden werden. Bei den Gläubigen beschreibt das Sterben gegenüber der Sünde den Bruch mit ihrer früheren Herrschaft. Auf Jesus lässt sich diese Bedeutung nicht unverändert übertragen, denn er stand niemals als Sünder unter der moralischen Herrschaft der Sünde. Wenn Paulus von Christi Tod gegenüber der Sünde spricht, bezieht er sich auf seine einzigartige Stellung im Erlösungswerk. Christus begegnete der Sünde und ihren tödlichen Folgen, indem er sein Leben hingab. Durch seinen einmaligen Tod und seine Auferstehung wurde die Macht des Todes entscheidend überwunden. Der Unterschied zwischen Christus und den Gläubigen bleibt deshalb bestehen: Christus starb als der Sündlose für die Sünde, während die Gläubigen durch die Verbindung mit ihm aus ihrer bisherigen Abhängigkeit von der Sünde befreit werden. Gerade weil sein Sieg einzigartig ist, kann er zur Grundlage ihrer Befreiung werden.

Auch die zweite Hälfte von Vers 10 verdient Aufmerksamkeit. Paulus sagt, dass Christus, was er lebt, für Gott lebt. Damit beschreibt er das unvergängliche Leben des Auferstandenen in seiner vollkommenen Beziehung zum Vater. Der Gegensatz bedeutet nicht, dass Jesus vor seinem Tod nicht für Gott gelebt hätte. Während seines gesamten irdischen Lebens war sein Wille auf den Vater ausgerichtet, wie beispielsweise Johannes 6,38 zeigt. Vielmehr stellt Paulus zwei unterschiedliche Verhältnisse gegenüber: Christus hat den Tod im Zusammenhang mit der Sünde ein für alle Mal erlitten, während sein auferstandenes Leben nicht mehr von dieser Auseinandersetzung mit dem Tod bestimmt wird. Er lebt dauerhaft in Gemeinschaft mit dem Vater. Seine Auferstehung ist deshalb nicht nur die Rückkehr ins Leben, sondern der Eintritt in ein Leben, das der Herrschaft des Todes endgültig entzogen ist.

Aus dieser Wahrheit zieht Paulus in Vers 11 eine unmittelbare Schlussfolgerung für die Gläubigen. Sie sollen sich selbst als solche betrachten, die der Sünde gestorben sind und für Gott leben, und zwar in Christus Jesus. Das griechische Verb logizomai, das hier verwendet wird, bedeutet unter anderem rechnen, berücksichtigen oder etwas als zutreffend ansehen. Paulus fordert die Christen also dazu auf, ihre eigene Stellung bewusst im Licht dessen zu verstehen, was Christus getan hat. Sie sollen sich nicht weiterhin ausschließlich von ihrer Vergangenheit, ihren früheren Gewohnheiten oder ihren gegenwärtigen Schwächen her beurteilen. Entscheidend ist, dass sie nun zu Christus gehören. Seine Erlösung hat ihre Stellung gegenüber der Sünde grundlegend verändert, und diese Wirklichkeit sollen sie im Glauben anerkennen und zur Grundlage ihres Handelns machen.

Dabei bedeutet dieses bewusste Sich-Betrachten keineswegs, die Wirklichkeit bestehender Versuchungen zu leugnen. Ein Mensch kann nicht allein dadurch sündige Begierden zum Verschwinden bringen, dass er sich selbst wiederholt für frei erklärt. Paulus spricht hier auch nicht von einer gedanklichen Übung, mit der der Mensch aus eigener Kraft eine geistliche Veränderung erzeugt. Vielmehr soll der Glaubende mit dem rechnen, was Gott durch Christus bereits ermöglicht hat. Wer sich weiterhin so betrachtet, als müsse er zwangsläufig jeder Versuchung nachgeben, übersieht die Bedeutung seiner neuen Zugehörigkeit. Umgekehrt darf niemand aus dieser neuen Stellung schließen, dass Wachsamkeit, Gebet und bewusster Gehorsam überflüssig geworden wären. Gerade weil die Gläubigen in Christus eine neue Lebensgrundlage besitzen, sollen sie entsprechend dieser Wirklichkeit handeln.

Von besonderer Bedeutung ist schließlich die Formulierung „in Christus Jesus“. Paulus sagt nicht, dass die Gläubigen aus sich selbst heraus gegenüber der Sünde tot und für Gott lebendig wären. Ihre neue Stellung besteht in der Gemeinschaft mit Christus. Von ihm getrennt besitzt der Mensch weder die Macht, den Tod zu überwinden, noch die Fähigkeit, sich dauerhaft aus eigener Anstrengung von der Sündenherrschaft zu befreien. Jesus selbst erklärt seinen Jüngern, dass sie nur dann Frucht bringen können, wenn sie in ihm bleiben, denn ohne ihn können sie nichts tun (Johannes 15,4–5). Diese Aussage ergänzt den Gedanken des Paulus: Das neue Leben entsteht nicht aus menschlicher Selbstständigkeit, sondern aus der bleibenden Verbindung mit dem Erlöser. Die Christen sollen deshalb nicht auf ihre eigene Stärke vertrauen, sondern auf den, der den Tod überwunden hat und ihnen neues Leben schenkt.

Damit erreicht Paulus einen wichtigen Übergang in seiner Argumentation. In den bisherigen Versen hat er erklärt, was durch die Verbindung mit Christus geschehen ist und welche neue Hoffnung daraus erwächst. Nun fordert er die Gläubigen auf, diese Wirklichkeit auch in ihrem täglichen Leben zu berücksichtigen. Die Erlösung bleibt nicht bei einer Veränderung der Stellung vor Gott stehen, sondern soll Einfluss darauf gewinnen, wie ein Mensch mit seinem Körper, seinen Wünschen und seinen Entscheidungen umgeht. Deshalb wird Paulus unmittelbar anschließend erklären, dass die Sünde nicht länger über den sterblichen Körper herrschen soll. Das neue Leben in Christus ist nicht nur eine Hoffnung für die Zukunft, sondern eine Wirklichkeit, die bereits in der Gegenwart konkrete Entscheidungen verlangt.

Römer 6,12–14

Den eigenen Leib Gott zur Verfügung stellen

Nachdem Paulus erklärt hat, dass die Gläubigen durch ihre Verbindung mit Christus der Sünde gestorben sind und nun für Gott leben sollen, wendet er sich den praktischen Folgen dieser neuen Wirklichkeit zu. In Vers 12 fordert er die Christen auf, die Sünde nicht länger über ihren sterblichen Körper herrschen zu lassen, sodass sie seinen Begierden gehorchen. Damit geht Paulus von der grundlegenden Veränderung der Christuszugehörigkeit zu den täglichen Entscheidungen des Menschen über. Das neue Leben soll nicht nur eine geistliche Überzeugung bleiben, sondern sich darin zeigen, wem der Mensch tatsächlich gehorcht und welchen Einfluss er der Sünde auf sein Handeln einräumt. Die Befreiung durch Christus und die Verantwortung des Glaubenden stehen deshalb nicht im Widerspruch zueinander. Gerade weil die Sünde nicht mehr sein unausweichlicher Herr sein muss, wird der Christ aufgefordert, sich ihrer Herrschaft nicht erneut zu unterwerfen.

Besonders aufschlussreich ist die Formulierung „sterblicher Leib“. Paulus erinnert damit daran, dass die Gläubigen zwar bereits zu einem neuen Leben mit Christus gehören, aber weiterhin in einem Körper leben, der der Vergänglichkeit unterworfen ist. Die endgültige Überwindung der Sterblichkeit steht noch aus. Auch ein Mensch, der zu Christus gehört, kennt körperliche Bedürfnisse, erlebt Versuchungen und kann mit Wünschen konfrontiert werden, die ihn zum Ungehorsam verleiten. Die geistliche Erneuerung hebt diese menschliche Wirklichkeit nicht einfach auf. Paulus verlangt deshalb nicht, dass die Christen ihre Sterblichkeit überwinden oder ihren Körper als etwas grundsätzlich Böses betrachten sollen. Vielmehr sollen sie verhindern, dass die Sünde ihre vorhandenen Wünsche und körperlichen Möglichkeiten dazu benutzt, erneut die bestimmende Macht über ihr Leben zu gewinnen.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Nicht jedes körperliche Bedürfnis und nicht jedes menschliche Verlangen ist bereits sündig. Hunger, Ruhebedürfnis, Freude oder der Wunsch nach menschlicher Nähe gehören grundsätzlich zum geschaffenen menschlichen Leben. Entscheidend ist, welche Richtung diese Wünsche erhalten und ob der Mensch sich durch sie zu Handlungen führen lässt, die Gottes Willen widersprechen. Die Sünde kann natürliche Bedürfnisse verdrehen, sodass etwa aus dem Bedürfnis nach Nahrung Maßlosigkeit, aus dem Wunsch nach Anerkennung Stolz oder aus berechtigtem Ärger zerstörerischer Hass wird. Paulus spricht deshalb nicht davon, dass der Körper oder sämtliche seiner Empfindungen beseitigt werden müssten. Seine Warnung richtet sich gegen die Herrschaft der Sünde, die menschliche Wünsche für ihre Zwecke in Anspruch nehmen kann. Diese Unterscheidung schützt vor der Vorstellung, ein geistliches Leben bestehe darin, den eigenen Körper zu verachten oder jede Freude am menschlichen Leben zu unterdrücken.

Das Wort „herrschen“ führt zugleich einen Gedanken weiter, der bereits in Römer 5 eine zentrale Rolle gespielt hat. Dort beschreibt Paulus, wie Sünde und Tod durch Adam in die menschliche Geschichte gekommen sind und eine weitreichende Herrschaft über die Menschen ausgeübt haben (Römer 5,12–14). Dem stellt er die überreiche Gnade Gottes gegenüber, die durch Jesus Christus zum ewigen Leben führt (Römer 5,20–21). Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb Paulus die Sünde in Römer 6 wie einen Herrscher behandelt, dem Menschen gehorchen können. Die Sünde erscheint nicht lediglich als eine einzelne falsche Tat, sondern als eine Macht, die Einfluss auf Entscheidungen und Lebensgewohnheiten gewinnen kann. Diese Bildsprache bedeutet jedoch nicht, dass die Sünde ein eigenständiges Wesen oder einen rechtmäßigen Eigentumsanspruch auf den Menschen besitzt. Paulus veranschaulicht vielmehr, wie ernst ihre tatsächliche Herrschaft sein kann und weshalb die Befreiung durch Christus eine so grundlegende Veränderung bedeutet.

In Vers 13 konkretisiert Paulus seine Aufforderung. Die Gläubigen sollen ihre Glieder nicht der Sünde als Werkzeuge der Ungerechtigkeit zur Verfügung stellen, sondern sich selbst Gott hingeben und ihre Glieder als Werkzeuge der Gerechtigkeit gebrauchen lassen. Mit den „Gliedern“ meint Paulus die körperlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten, durch die sich menschliche Entscheidungen im Alltag verwirklichen. Der Mund kann Worte aussprechen, die andere verletzen oder ihnen helfen. Die Hände können zum Schaden eines Menschen eingesetzt werden oder ihm dienen. Auch der Umgang mit den eigenen Sinnen, den körperlichen Begierden und den alltäglichen Handlungen kann entweder von sündigen Absichten oder von Gottes Willen geprägt sein. Paulus möchte damit verdeutlichen, dass die Frage nach der Herrschaft über das eigene Leben nicht auf unsichtbare Gedanken oder religiöse Überzeugungen beschränkt bleibt. Sie zeigt sich darin, was der Mensch tatsächlich tut.

Das griechische Wort hopla, das hier mit „Werkzeuge“ wiedergegeben werden kann, wird auch für Waffen oder Ausrüstungsgegenstände verwendet. Diese Wortwahl unterstreicht, dass der Mensch seine Fähigkeiten nicht neutral außerhalb jeder Verantwortung einsetzen kann. Was er der Sünde zur Verfügung stellt, kann zum Mittel der Ungerechtigkeit werden; was er Gott zur Verfügung stellt, kann der Gerechtigkeit dienen. Dabei ist nicht notwendig, jede einzelne Körperfunktion als eine bestimmte Waffe in einem geistlichen Kampf zu deuten. Entscheidend ist der Gegensatz zwischen zwei unterschiedlichen Verwendungsweisen derselben menschlichen Fähigkeiten. Paulus fordert nicht die Abschaffung oder Unterdrückung der körperlichen Möglichkeiten, sondern ihre bewusste Ausrichtung auf Gott. Der Mensch soll mit dem, was ihm anvertraut wurde, nicht länger der Sünde dienen.

Bemerkenswert ist außerdem die Reihenfolge seiner Aufforderung. Paulus spricht nicht nur davon, die einzelnen Glieder Gott zur Verfügung zu stellen, sondern fordert die Gläubigen zunächst auf, sich selbst Gott hinzugeben. Damit geht seine Aussage weit über das Vermeiden einzelner schlechter Handlungen hinaus. Ein Mensch könnte versuchen, bestimmte Verhaltensweisen äußerlich zu verbessern, ohne seine grundlegende Lebensrichtung zu verändern. Paulus beschreibt dagegen eine Hingabe, die den ganzen Menschen umfasst. Gedanken, Wünsche, Entscheidungen und körperliche Handlungen sollen nicht voneinander getrennt werden. Die äußeren Taten erhalten ihre geistliche Bedeutung im Zusammenhang mit der Frage, wem der Mensch sein Leben anvertraut hat. Deshalb beginnt die Veränderung nicht lediglich bei einzelnen Vorschriften für richtiges Verhalten, sondern bei der Zugehörigkeit zu Gott, aus der ein entsprechendes Handeln hervorgehen soll.

Diese Hingabe begründet Paulus mit einer weiteren Formulierung: Die Gläubigen sollen sich Gott zur Verfügung stellen als Menschen, die aus den Toten lebendig geworden sind. Damit greift er auf die Bedeutung der Taufe und der Gemeinschaft mit Christus zurück, die er bereits in den Versen 3–11 erklärt hat. Gemeint ist hier nicht, dass die Christen in Rom bereits körperlich gestorben und anschließend auferstanden wären. Paulus beschreibt ihre gegenwärtige geistliche Lebenswirklichkeit. Durch Christus ist ein grundlegender Übergang geschehen: Das frühere Leben unter der Sündenherrschaft soll beendet sein, und die Gläubigen dürfen nun als Menschen leben, denen Gott neues Leben eröffnet hat. Gerade diese neue Stellung bildet den Grund für ihre Hingabe. Sie sollen Gott nicht erst dazu bewegen, sie anzunehmen, indem sie ihm ihre Fähigkeiten zur Verfügung stellen. Vielmehr sollen sie als Menschen handeln, die durch Christus bereits in eine neue Beziehung zu ihm geführt worden sind.

Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen christlichem Gehorsam und dem Versuch, sich Gottes Annahme durch eigene Leistungen zu verdienen. Paulus hat in Römer 3,24 erklärt, dass die Rechtfertigung aus Gottes Gnade geschieht. Nun zeigt er, dass dieselbe Gnade eine neue Lebensführung ermöglicht und verlangt. Der Gehorsam ist nicht der Preis, mit dem die Erlösung erkauft wird, sondern die angemessene Antwort eines Menschen, dessen Leben durch Christus eine neue Grundlage erhalten hat. Das bedeutet keineswegs, dass die Entscheidungen des Menschen unwichtig wären. Paulus fordert ausdrücklich zum Handeln auf. Doch diese Verantwortung erwächst aus Gottes vorausgehendem Erlösungswerk und soll in der Abhängigkeit von Christus wahrgenommen werden. Auch Philipper 2,12–13 verbindet das verantwortliche Handeln der Gläubigen mit der Wirksamkeit Gottes, der sowohl das Wollen als auch das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen in ihnen wirkt.

In Vers 14 folgt nun eine Aussage, die für das Verständnis des gesamten Kapitels von besonderer Bedeutung ist. Paulus erklärt, dass die Sünde nicht über die Gläubigen herrschen wird, weil sie nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade stehen. Auffällig ist zunächst der Wechsel in seiner Ausdrucksweise. In den Versen 12 und 13 hat Paulus die Gläubigen aufgefordert, der Sünde keine Herrschaft einzuräumen und ihre Fähigkeiten Gott zur Verfügung zu stellen. Jetzt folgt keine weitere Aufforderung, sondern eine begründende Zusage: Die Sünde soll nicht mehr ihre bestimmende Herrschaftsmacht sein. Paulus verbindet die Verantwortung der Gläubigen damit ausdrücklich mit der neuen Stellung, die ihnen durch Gottes Gnade eröffnet wurde. Sie werden nicht auf ihre eigene Willenskraft verwiesen, als müssten sie die Befreiung von der Sünde unabhängig von Christus selbst hervorbringen.

Die anschließende Begründung wirft allerdings eine wichtige Frage auf: Was bedeutet es, nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade zu stehen? Um diese Worte richtig einzuordnen, müssen wir beachten, dass Paulus mit dem Gesetz im Römerbrief vor allem das Gesetz meint, das Gott Israel durch Mose gegeben hat. Dieses Gesetz offenbart Gottes Willen und macht die Sünde erkennbar. Bereits in Römer 3,20 erklärt Paulus, dass durch das Gesetz Erkenntnis der Sünde kommt. Später bezeichnet er das Gesetz ausdrücklich als heilig und das Gebot als heilig, gerecht und gut (Römer 7,12). Das Problem liegt also nicht darin, dass Gottes Gesetz böse wäre. Vielmehr besteht die Schwierigkeit darin, dass das Gesetz dem sündigen Menschen zwar Gottes Willen vor Augen stellt, ihn aber nicht aus eigener Kraft von der Macht der Sünde befreien kann.

Wenn Paulus erklärt, die Gläubigen stünden nicht unter dem Gesetz, beschreibt er deshalb mehr als lediglich die Befreiung von dessen verurteilendem Urteil. Diese Befreiung gehört zum Erlösungswerk Christi, erschöpft jedoch nicht die gesamte Bedeutung seiner Aussage. Der Römerbrief stellt die bisherige Stellung des Menschen unter Gesetz und Sündenmacht der neuen Wirklichkeit gegenüber, die durch Christus eröffnet wird. Das Gesetz konnte die Sünde aufdecken, ihre Übertretung benennen und den Menschen mit seiner Schuld konfrontieren. Es konnte jedoch nicht selbst das neue Leben hervorbringen, das Paulus in diesem Kapitel beschreibt. Unter der Gnade zu stehen bedeutet dagegen, in einer durch Christus bestimmten Beziehung zu Gott zu leben, in der Vergebung, Befreiung und geistliche Erneuerung ihren Ursprung haben. Die Gnade ist deshalb nicht bloß eine mildere Beurteilung des unverändert sündigen Menschen, sondern gehört zu Gottes rettendem Handeln, das seine Lebensrichtung verändern soll.

Diese Erklärung darf allerdings nicht so verstanden werden, als würde Paulus in Römer 6,14 sämtliche Fragen nach dem Gesetz bereits abschließend beantworten. Die genaue Beziehung zwischen dem mosaischen Gesetz, seiner Funktion im alten Bund und dem Leben der Gläubigen in Christus wird er in den folgenden Kapiteln weiter entfalten. Besonders in Römer 7 untersucht er das Verhältnis zwischen Gesetz und Sünde, während Römer 8 zeigt, wie das neue Leben durch den Geist Gottes ermöglicht wird. Deshalb wäre es zu einfach, „nicht unter dem Gesetz“ ausschließlich mit „nicht mehr unter Verurteilung“ oder ausschließlich mit „nicht mehr auf eigene Gesetzeserfüllung vertrauen“ gleichzusetzen. Ebenso wenig lässt sich aus diesem einzelnen Vers ableiten, dass nun jede moralische Verpflichtung gegenüber Gottes Willen aufgehoben wäre. Paulus spricht von einer grundlegenden Veränderung der Stellung des Menschen vor Gott, deren Auswirkungen auf Gesetz und Gehorsam im weiteren Zusammenhang erklärt werden müssen.

Dass die Gnade keine Aufhebung des gehorsamen Lebens bedeutet, ergibt sich bereits aus der unmittelbaren Argumentation. Paulus hat gerade dazu aufgefordert, die eigenen Fähigkeiten nicht länger für Ungerechtigkeit, sondern für Gerechtigkeit einzusetzen. Würde er mit der Freiheit vom Gesetz behaupten, dass es unter der Gnade keine Bedeutung mehr habe, ob ein Mensch sündigt oder nicht, würde er seiner eigenen Erklärung widersprechen. Noch deutlicher wird dieser Zusammenhang in Vers 15, wo Paulus ausdrücklich die Frage aufgreift, ob die Gläubigen nun sündigen dürften, weil sie nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade stehen. Seine entschieden ablehnende Antwort macht deutlich, dass christliche Freiheit niemals als Erlaubnis zum bewussten Ungehorsam verstanden werden darf.

Eine besonders hilfreiche Ergänzung findet sich in Titus 2,11–12. Dort wird Gottes Gnade nicht nur als rettende Gabe beschrieben, sondern zugleich als eine Kraft, die Menschen dazu erzieht, Gottlosigkeit und weltliche Begierden abzulegen und besonnen, gerecht und gottesfürchtig zu leben. Diese Aussage hilft, den Zusammenhang von Römer 6,14 zu verstehen. Die Gnade befreit nicht nur von Schuld, sondern wirkt auf eine Veränderung des Lebens hin. Sie steht deshalb nicht im Gegensatz zur Heiligung, sondern bildet deren Grundlage. Der Mensch wird nicht dadurch gerettet, dass er aus eigener Kraft vollkommenen Gehorsam hervorbringt. Doch Gottes rettende Gnade lässt ihn auch nicht gleichgültig gegenüber der Sünde bleiben. Sie eröffnet ihm die Möglichkeit, Gottes Willen zunehmend in seinem Leben Raum zu geben.

Damit schließen die Verse 12–14 den ersten großen Gedankengang von Römer 6 ab. Paulus hat zunächst erklärt, dass die Gläubigen durch ihre Verbindung mit Christus der Sünde gestorben sind und nun für Gott leben. Anschließend hat er gezeigt, dass diese neue Zugehörigkeit Auswirkungen auf den Umgang mit dem eigenen Körper und den täglichen Entscheidungen haben muss. Die Sünde soll nicht länger herrschen, und die menschlichen Fähigkeiten sollen der Gerechtigkeit dienen. Die Grundlage dafür ist nicht die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu erlösen, sondern die Gnade Gottes, die durch Jesus Christus eine neue Lebenswirklichkeit eröffnet hat.

Doch gerade die Aussage, nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade zu stehen, könnte erneut missverstanden werden. Wenn der Mensch nicht mehr unter dem Gesetz steht, könnte man daraus schließen, dass einzelne sündige Handlungen nun keine ernsthafte Bedeutung mehr hätten. Paulus lässt diese mögliche Schlussfolgerung nicht unbeantwortet. In den folgenden Versen greift er sie ausdrücklich auf und erklärt anhand des Bildes von Herrschaft und Sklavendienst, weshalb die Freiheit durch Christus nicht zur Rückkehr in die Sünde führen darf, sondern zu einem Gehorsam, der aus dem Herzen kommt.

Römer 6,15–18

Von der Sklaverei der Sünde zum Gehorsam von Herzen

Nachdem Paulus erklärt hat, dass die Gläubigen nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade stehen, greift er in Vers 15 eine weitere mögliche Schlussfolgerung auf. Er fragt, ob die Christen deshalb sündigen dürfen, weil sie nicht mehr unter dem Gesetz stehen. Erneut weist er diesen Gedanken mit den entschiedenen Worten zurück: „Das sei ferne!“ Damit macht Paulus deutlich, dass die Freiheit, die Christus schenkt, nicht als Erlaubnis verstanden werden darf, Gottes Willen bewusst zu missachten. Doch statt lediglich ein Verbot auszusprechen, erklärt er nun anhand eines neuen Vergleichs, weshalb sündiges Verhalten und christliche Freiheit grundsätzlich nicht zusammenpassen. Er führt seine Leser zu der Frage, wem ein Mensch tatsächlich dient und welche Folgen diese Zugehörigkeit für sein Leben hat.

Die Frage in Vers 15 ähnelt zunächst derjenigen, mit der Paulus das Kapitel begonnen hat. In Vers 1 wollte er wissen, ob die Gläubigen in der Sünde verharren sollten, damit die Gnade umso größer werde. Jetzt fragt er, ob sie sündigen dürften, weil sie unter der Gnade stehen. Beide Fragen hängen eng zusammen, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. Zunächst ging es um den Gedanken, die Sünde bewusst fortzusetzen, damit Gottes Gnade umso deutlicher sichtbar werde. Nun steht die Gefahr im Vordergrund, aus der veränderten Stellung gegenüber dem Gesetz eine Freiheit zum Sündigen abzuleiten. Paulus beantwortet beide Fragen entschieden ablehnend, weil die Gnade nicht dazu dient, die Sünde zu rechtfertigen, sondern den Menschen aus ihrer Herrschaft zu befreien. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viel Sünde sich ein Christ erlauben darf, sondern welche Macht sein Leben bestimmen soll.

Um diesen Zusammenhang verständlich zu machen, verwendet Paulus in Vers 16 das Bild der Knechtschaft. Er erinnert seine Leser daran, dass ein Mensch demjenigen dient, dem er sich zum Gehorsam zur Verfügung stellt. Wer sich der Sünde hingibt, gerät unter ihren Einfluss und folgt einem Weg, dessen Ende der Tod ist. Wer dagegen dem Gehorsam gegenüber Gott folgt, bewegt sich auf dem Weg der Gerechtigkeit. Paulus stellt damit zwei grundverschiedene Lebensrichtungen gegenüber. Die eine ist durch die Herrschaft der Sünde geprägt, die andere durch die Ausrichtung auf Gottes Willen. Der Vergleich macht deutlich, dass menschliche Entscheidungen nicht bedeutungslos sind. Was ein Mensch wiederholt tut und wem er sich dabei unterordnet, beeinflusst seine Lebensrichtung.

Das Bild war für die ursprünglichen Leser besonders verständlich, weil Sklaverei zum gesellschaftlichen Alltag des Römischen Reiches gehörte. Ein Sklave stand unter der Autorität seines Herrn und war in seiner persönlichen Freiheit erheblich eingeschränkt. Paulus greift diese bekannte Wirklichkeit auf, um die Abhängigkeit des Menschen von der Sünde zu veranschaulichen. Dabei darf sein Vergleich nicht als grundsätzliche Billigung menschlicher Sklaverei verstanden werden. Er verwendet ein vorhandenes gesellschaftliches Verhältnis, um eine geistliche Wahrheit anschaulich zu erklären. Im Mittelpunkt steht die Frage, unter wessen Herrschaft ein Mensch lebt und wem sein Gehorsam gilt. Dass dieses Bild nicht in jeder Einzelheit auf das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen übertragen werden darf, wird Paulus in Vers 19 selbst andeuten, wenn er auf die menschliche Ausdrucksweise seines Vergleichs hinweist.

Besonders ernst ist die Vorstellung, dass ein Mensch der Sünde dienen kann, obwohl er sich möglicherweise für frei hält. Sünde verspricht häufig Unabhängigkeit, persönliche Befriedigung oder die Möglichkeit, ohne Einschränkungen nach den eigenen Wünschen zu leben. Doch Paulus betrachtet Freiheit nicht allein als die Möglichkeit, zu tun, was man gerade möchte. Ein Mensch kann seinen unmittelbaren Wünschen folgen und dennoch von ihnen beherrscht werden. Wenn beispielsweise Neid, Habgier, Unwahrhaftigkeit oder ungeordnete Begierden zunehmend die Entscheidungen bestimmen, entsteht eine Abhängigkeit, die der Betroffene nicht immer sofort erkennt. Der Mensch handelt zwar aus eigenem Willen, doch dieser Wille kann so stark von sündigen Neigungen beeinflusst werden, dass er immer wieder denselben zerstörerischen Wegen folgt. Gerade darin zeigt sich die Knechtschaft, von der Paulus spricht.

Allerdings darf dieser Vergleich nicht so verstanden werden, als könnte jede einzelne sündige Handlung bereits beweisen, dass ein Mensch endgültig zur Herrschaft der Sünde zurückgekehrt wäre. Paulus beschreibt hier die grundsätzliche Richtung menschlicher Hingabe und deren Folgen. Seine Worte nehmen bewusstes sündiges Verhalten ernst, ohne damit jede Möglichkeit von Reue, Vergebung und Wiederherstellung auszuschließen. Der erste Johannesbrief hält beide Wahrheiten zusammen: Die Gläubigen sollen nicht sündigen; wenn aber jemand sündigt, haben sie in Jesus Christus einen Fürsprecher beim Vater (1. Johannes 2,1). Diese Aussage schwächt die Warnung des Paulus nicht ab, sondern hilft, zwischen einem Leben unter der Herrschaft der Sünde und dem Versagen eines Menschen zu unterscheiden, der sich weiterhin Christus anvertrauen und zur Umkehr führen lassen möchte.

In der zweiten Hälfte von Vers 16 stellt Paulus dem Dienst der Sünde den Gehorsam gegenüber, der zur Gerechtigkeit führt. Dieser Gegensatz ist bemerkenswert, denn man könnte erwarten, dass Paulus einfach zwei Herren gegenüberstellt: die Sünde und Gott. Stattdessen spricht er zunächst von der Sünde und vom Gehorsam. Dadurch richtet er die Aufmerksamkeit darauf, wie die jeweilige Herrschaft im Leben des Menschen sichtbar wird. Die Sünde äußert sich in einem Verhalten, das Gottes Willen widerspricht, während die neue Zugehörigkeit zu Gott in einem gehorsamen Leben zum Ausdruck kommt. Die Gerechtigkeit, von der Paulus hier spricht, steht deshalb in engem Zusammenhang mit einer Lebensführung, die Gottes Willen entspricht. Sie darf jedoch nicht mit der Vorstellung verwechselt werden, dass sich ein Mensch durch eigene Gehorsamsleistungen seine Rechtfertigung verdienen könnte. Bereits in Römer 3 hat Paulus unmissverständlich erklärt, dass die Rechtfertigung aus Gottes Gnade durch Jesus Christus geschieht. Hier behandelt er die praktische Lebensrichtung, die aus dieser neuen Beziehung hervorgeht.

An diesem Punkt wird deutlich, dass Paulus unter christlicher Freiheit etwas wesentlich Tieferes versteht als die bloße Abwesenheit äußerer Vorschriften. Freiheit bedeutet nicht, dass der Mensch niemandem mehr verantwortlich wäre. Vielmehr besteht die entscheidende Veränderung darin, dass er nicht länger der Sünde als einer zerstörerischen Macht dienen muss. Stattdessen darf sein Leben von Gottes Gerechtigkeit geprägt werden. Jesus selbst beschreibt einen ähnlichen Zusammenhang, als er erklärt, dass jeder, der die Sünde tut, ein Knecht der Sünde ist und nur der Sohn wirklich frei machen kann (Johannes 8,34–36). Diese Worte ergänzen die Aussage des Paulus: Wahre Freiheit besteht nicht darin, Gottes Willen zurückzuweisen, sondern durch Christus aus einer Herrschaft befreit zu werden, die den Menschen von Gott trennt und schließlich zum Tod führt.

In Vers 17 verändert sich der Ton der Erklärung. Nachdem Paulus die ernsten Folgen der beiden Lebensrichtungen beschrieben hat, beginnt er mit einem Dank an Gott. Er erinnert die Gläubigen daran, dass sie früher Knechte der Sünde waren, nun aber von Herzen dem Vorbild der Lehre gehorsam geworden sind. Der Dank gilt selbstverständlich nicht ihrer früheren Knechtschaft, sondern der Veränderung, die in ihrem Leben geschehen ist. Paulus betrachtet ihre Vergangenheit als einen Zustand, der durch Gottes Wirken überwunden wurde. Besonders wichtig ist dabei, dass er die neue Lebensrichtung nicht allein der menschlichen Entschlossenheit zuschreibt. Er dankt Gott, weil die Befreiung von der Sünde letztlich in dessen rettendem Handeln ihren Ursprung hat.

Die Formulierung „von Herzen gehorsam“ verdient besondere Aufmerksamkeit. Im biblischen Sprachgebrauch bezeichnet das Herz nicht lediglich die Gefühle eines Menschen. Es steht ebenso für sein Denken, seinen Willen, seine Entscheidungen und seine innersten Überzeugungen. Wenn Paulus deshalb vom Gehorsam aus dem Herzen spricht, meint er mehr als eine äußerliche Anpassung an religiöse Regeln. Ein Mensch kann bestimmte Vorschriften beachten, weil er die Ablehnung anderer fürchtet, sich gesellschaftliche Vorteile erhofft oder einen guten Eindruck hinterlassen möchte. Solcher Gehorsam muss noch nicht Ausdruck einer wirklichen inneren Veränderung sein. Paulus beschreibt dagegen eine Antwort, die aus der inneren Überzeugung und der bewussten Hinwendung zu Gott hervorgeht. Die Gläubigen haben die Botschaft des Evangeliums nicht nur gehört, sondern sie angenommen und sich ihr geöffnet, sodass sie ihre Lebensrichtung bestimmen konnte.

Damit berührt Paulus einen Gedanken, der bereits im Alten Testament eine wichtige Rolle spielt. Gott hatte durch die Propheten angekündigt, dass sein Volk nicht nur äußerlich mit seinen Geboten vertraut sein sollte, sondern dass sein Wille im Inneren des Menschen verankert werden würde. In Jeremia 31,33 spricht Gott davon, sein Gesetz in das Innere seines Volkes zu legen und es auf dessen Herz zu schreiben. Hesekiel 36,26–27 verbindet die Verheißung eines neuen Herzens mit dem Wirken des Geistes Gottes, der sein Volk dazu befähigen soll, nach seinen Ordnungen zu leben. Paulus zitiert diese Stellen in Römer 6 nicht ausdrücklich, doch die Verbindung ist inhaltlich bedeutsam: Gottes Ziel ist nicht nur ein äußerlich angepasstes Verhalten, sondern eine Erneuerung des Menschen, aus der aufrichtiger Gehorsam hervorgeht.

Neben dem Gehorsam aus dem Herzen erwähnt Paulus in Vers 17 auch das „Vorbild der Lehre“. Damit bezeichnet er die verbindliche Unterweisung, die die Gläubigen durch die Verkündigung des Evangeliums empfangen haben. Das griechische Wort typos kann unter anderem ein Muster, eine Form oder ein prägendes Vorbild bezeichnen. Gemeint ist hier nicht bloß eine Sammlung religiöser Informationen, die man auswendig lernen könnte, sondern eine Botschaft, die dem Glauben und der Lebensführung eine bestimmte Richtung gibt. Diese Lehre hat Jesus Christus und sein Erlösungswerk zum Mittelpunkt. Sie erklärt, was Gott durch Christus getan hat, und zeigt zugleich, welche Lebensweise der neuen Zugehörigkeit zu ihm entspricht. Christlicher Gehorsam ist deshalb nicht von der Wahrheit des Evangeliums getrennt. Er erwächst aus einer Botschaft, die der Mensch verstanden, angenommen und zu seiner Lebensgrundlage gemacht hat.

Eine bemerkenswerte sprachliche Einzelheit liegt in der griechischen Formulierung, die hinter diesem Ausdruck steht. Während manche Übersetzungen davon sprechen, dass den Gläubigen die Lehre übergeben wurde oder dass sie sich ihr übergeben haben, ist der griechische Satz wörtlich so formuliert, dass die Gläubigen selbst diesem Muster der Lehre übergeben wurden. Die ungewöhnliche Ausdrucksweise hebt hervor, dass die Lehre nicht lediglich als äußere Information an sie herangetragen wurde. Sie sind in den Wirkungsbereich einer Botschaft gekommen, die ihr Denken und Handeln prägen soll. Der Vergleich mit einem Muster macht verständlich, dass das Evangelium nicht nach den wechselnden Wünschen des Menschen umgestaltet werden soll. Vielmehr soll sich der Mensch durch die Wahrheit Gottes verändern lassen. Dabei ist nicht eine bestimmte spätere kirchliche Tradition oder ein menschliches Lehrsystem gemeint, sondern die grundlegende apostolische Verkündigung, die die Gläubigen angenommen haben.

Die Verbindung von Lehre und Gehorsam zeigt zugleich, weshalb die Wahrheit für das geistliche Leben so wichtig ist. Paulus stellt Glauben und Gehorsam nicht als zwei voneinander unabhängige Bereiche dar. Wer dem Evangelium glaubt, nimmt damit eine Botschaft an, die auch einen Anspruch an sein Leben richtet. Schon zu Beginn des Römerbriefes spricht Paulus vom Glaubensgehorsam, zu dem Menschen aus allen Völkern geführt werden sollen (Römer 1,5). Damit macht er deutlich, dass echter Glaube nicht bloß darin besteht, bestimmte Aussagen für richtig zu halten. Er schließt Vertrauen zu Christus und die Bereitschaft ein, sich von ihm führen zu lassen. Dieser Gehorsam ist keine selbst erarbeitete Voraussetzung, durch die ein Mensch Gottes Gnade verdienen würde. Er gehört vielmehr zur Antwort auf das Evangelium, das ihn mit Christus verbindet und sein Leben erneuern soll.

In Vers 18 fasst Paulus die eingetretene Veränderung schließlich mit einer besonders klaren Gegenüberstellung zusammen: Die Gläubigen sind von der Sünde befreit worden und der Gerechtigkeit dienstbar geworden. Damit erscheint die christliche Freiheit zunächst in einer ungewöhnlichen Verbindung. Einerseits spricht Paulus ausdrücklich von Befreiung, andererseits beschreibt er die neue Lebensstellung erneut als Dienstbarkeit. Für das moderne Verständnis von Freiheit mag dies widersprüchlich klingen. Wenn jemand wirklich frei geworden ist, müsste er dann nicht völlig unabhängig von jeder Autorität leben können? Paulus verwendet jedoch einen anderen Maßstab. Nicht jede Bindung ist mit derselben Art von Herrschaft verbunden, und nicht jeder Dienst führt zur Unfreiheit. Entscheidend ist, ob das Leben des Menschen einer zerstörerischen Macht unterworfen ist oder dem Gott gehört, der ihn geschaffen und erlöst hat.

Der Unterschied zwischen beiden Herrschaftsverhältnissen darf dabei nicht übersehen werden. Die Sünde führt den Menschen von Gott weg und endet im Tod. Die Gerechtigkeit dagegen entspricht Gottes Wesen und seinem guten Willen. Wenn Paulus deshalb von einer Dienstbarkeit gegenüber der Gerechtigkeit spricht, meint er keine neue Knechtschaft, die den Menschen auf dieselbe Weise unterdrückt wie die Sünde. Er beschreibt vielmehr eine Lebensrichtung, in der der Mensch nicht mehr von sündigen Begierden beherrscht werden soll, sondern sich Gottes Willen zur Verfügung stellt. Diese neue Bindung ist gerade die Folge seiner Befreiung. Der Mensch wird nicht von Christus erlöst, damit er anschließend ohne jede Beziehung und Verantwortung leben müsste, sondern damit er wieder in der Gemeinschaft mit Gott leben kann, für die er geschaffen wurde.

Bemerkenswert ist außerdem, dass Paulus die Befreiung in Vers 18 als bereits geschehenes Ereignis beschreibt. Die Christen sollen nicht erst durch eine lange Reihe eigener Leistungen versuchen, sich irgendwann aus der Sündenherrschaft zu lösen. Paulus erinnert sie daran, dass Gott durch Christus bereits die Grundlage ihrer neuen Zugehörigkeit geschaffen hat. Gleichzeitig bedeutet dieser vollzogene Herrschaftswechsel nicht, dass sie nun automatisch in jeder Situation richtig handeln werden. Gerade die wiederholten Aufforderungen des Kapitels zeigen, dass die Gläubigen weiterhin vor Entscheidungen stehen, in denen sie ihre neue Lebensrichtung bewahren und praktisch verwirklichen müssen. Ihre Befreiung ist deshalb sowohl ein Grund zur Dankbarkeit als auch eine Verpflichtung, nicht wieder den alten Wegen zu folgen.

So erklärt Paulus in diesen vier Versen, weshalb die Freiheit unter der Gnade niemals eine Freiheit zur Sünde sein kann. Wer sich der Sünde hingibt, stellt sich erneut unter eine Herrschaft, aus der Christus ihn gerade befreien möchte. Wer dagegen dem Evangelium von Herzen gehorcht, lässt sein Leben durch Gottes Wahrheit prägen und richtet sich auf seine Gerechtigkeit aus. Die entscheidende Veränderung besteht nicht lediglich darin, dass der Mensch nun bestimmte religiöse Regeln kennt oder äußerlich ein anderes Verhalten zeigt. Seine Zugehörigkeit, seine innere Ausrichtung und der Zweck seines Lebens werden durch die Gemeinschaft mit Christus neu bestimmt.

Damit ist zugleich der Übergang zum nächsten Gedankengang vorbereitet. Paulus hat erklärt, dass die Gläubigen nicht länger Knechte der Sünde, sondern Diener der Gerechtigkeit sein sollen. Nun wird er genauer zeigen, welche Folgen die beiden unterschiedlichen Lebensrichtungen hervorbringen. Die Frage lautet nicht mehr nur, wem der Mensch dient, sondern auch, welche Frucht aus diesem Dienst erwächst und wohin der eingeschlagene Weg schließlich führt.

Römer 6,19–22

Der Weg der Heiligung und seine Frucht

Nachdem Paulus die Befreiung von der Sünde und den neuen Gehorsam gegenüber Gott beschrieben hat, führt er seinen Vergleich mit dem Sklavendienst weiter. In Vers 19 erklärt er zunächst, dass er wegen der Schwachheit des menschlichen Fleisches auf eine menschliche Ausdrucksweise zurückgreift. Damit macht er seine Leser darauf aufmerksam, dass das Bild von Herrschaft und Knechtschaft ein Hilfsmittel ist, um eine geistliche Wirklichkeit verständlich zu erklären. Die Beziehung zwischen Gott und einem erlösten Menschen lässt sich nicht in jeder Hinsicht mit dem Verhältnis zwischen einem Sklaven und seinem menschlichen Herrn gleichsetzen. Während die menschliche Sklaverei häufig von Zwang, Unterdrückung und fehlender persönlicher Freiheit geprägt war, führt Gottes Erlösung gerade aus der zerstörerischen Knechtschaft der Sünde heraus. Paulus verwendet den Vergleich deshalb nicht, um Gott als einen unterdrückenden Herrscher darzustellen, sondern um zu verdeutlichen, dass die neue Zugehörigkeit zu ihm das gesamte Leben des Menschen betrifft.

Die erwähnte „Schwachheit des Fleisches“ verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Mit dem Begriff „Fleisch“ meint Paulus hier nicht einfach den menschlichen Körper, als wäre dieser an sich böse. Im Römerbrief kann das Wort je nach Zusammenhang die menschliche Natur in ihrer Schwachheit und Begrenztheit oder den Menschen in seiner von der Sünde geprägten Lebensweise bezeichnen. An dieser Stelle erklärt Paulus, weshalb er eine anschauliche, menschlich verständliche Ausdrucksweise wählt. Ausleger unterscheiden sich darin, ob er besonders die begrenzte geistliche Auffassungsgabe seiner Leser oder ihre moralische Schwachheit im Blick hat. Beides passt grundsätzlich zu seiner Argumentation. Entscheidend bleibt, dass Paulus eine schwierige geistliche Wahrheit anhand einer vertrauten menschlichen Beziehung erklärt, ohne zu behaupten, dass jeder Einzelzug des Vergleichs auf das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen übertragen werden müsste.

Anschließend erinnert Paulus die Gläubigen daran, wie sie ihre körperlichen Fähigkeiten früher eingesetzt haben. Sie hatten ihre Glieder der Unreinheit und der Gesetzlosigkeit zur Verfügung gestellt. Mit „Unreinheit“ bezeichnet Paulus hier eine Lebensweise, die durch sündige Wünsche und Handlungen verunreinigt wird. Der Ausdruck kann insbesondere sexuelle Unreinheit einschließen, ist aber nicht notwendig auf diesen Bereich beschränkt. Daneben nennt er die „Gesetzlosigkeit“. Das zugrunde liegende griechische Wort anomia beschreibt eine Haltung oder Lebensweise, die Gottes Willen und seinen gerechten Maßstäben widerspricht. Es geht somit nicht ausschließlich um die Missachtung eines bestimmten einzelnen Gebots, sondern umfassender um ein Handeln, das sich der göttlichen Ordnung entzieht.

Auffällig ist, dass Paulus die Gesetzlosigkeit zweimal erwähnt. Die Gläubigen hatten ihre Glieder der Unreinheit und Gesetzlosigkeit hingegeben, sodass daraus wiederum Gesetzlosigkeit hervorging. Diese Wiederholung zeigt, dass sündiges Verhalten nicht unbedingt auf eine einzelne Handlung begrenzt bleibt. Wer der Sünde wiederholt Raum gibt, kann zunehmend von ihr geprägt werden. Eine falsche Entscheidung erleichtert unter Umständen die nächste, und aus einzelnen Verfehlungen können sich Gewohnheiten entwickeln, die schließlich die gesamte Lebensrichtung beeinflussen. Paulus beschreibt damit einen Zusammenhang zwischen der Hingabe an die Sünde und ihren weiteren Folgen. Allerdings sollte daraus kein unveränderliches Gesetz abgeleitet werden, nach dem jeder einzelne Fehltritt zwangsläufig in immer schwerere Sünde führen müsste. Seine Aussage macht vielmehr deutlich, welche Richtung ein Leben einschlägt, wenn der Mensch seine Fähigkeiten dauerhaft der Gesetzlosigkeit zur Verfügung stellt.

Diesem früheren Verhalten stellt Paulus nun eine neue Aufforderung gegenüber. So wie die Gläubigen ihre Glieder zuvor der Sünde zur Verfügung gestellt hatten, sollen sie diese jetzt der Gerechtigkeit hingeben, damit Heiligung daraus hervorgeht. Der Gedanke knüpft an Vers 13 an, erhält hier jedoch eine zusätzliche Zielbestimmung. Dort hatte Paulus erklärt, dass die Gläubigen ihre Fähigkeiten Gott als Werkzeuge der Gerechtigkeit zur Verfügung stellen sollen. Jetzt zeigt er, wohin diese Hingabe führt: zu einem Leben, das zunehmend von Gottes Heiligkeit geprägt wird.

Damit kommen wir zu einem der wichtigsten Begriffe dieses Abschnitts: der Heiligung. Das griechische Wort hagiasmos bezeichnet die Heiligung beziehungsweise das Geheiligtwerden. Im biblischen Zusammenhang bedeutet Heiligung, dass ein Mensch Gott gehört und sein Leben entsprechend dieser Zugehörigkeit gestaltet wird. Heiligkeit ist deshalb mehr als ein äußerlich anständiges Verhalten. Sie betrifft das Verhältnis zu Gott, die innere Ausrichtung und die tatsächliche Lebensführung. Der Mensch soll nicht nur bestimmte Sünden vermeiden, sondern in seinem Denken, Wollen und Handeln immer deutlicher Gottes gutem Willen entsprechen. Der Gegensatz zwischen Gesetzlosigkeit und Heiligung ist damit besonders aussagekräftig: Während die eine Lebensrichtung den Menschen von Gottes Willen entfernt, führt die andere zu einem Leben in wachsender Übereinstimmung mit ihm.

Dabei ist wichtig, dass Paulus Heiligung nicht als eine Leistung beschreibt, mit der der Mensch sich erst einen Platz bei Gott verdienen müsste. Die Grundlage wurde bereits in den vorhergehenden Versen gelegt: Der Glaubende ist durch Christus aus der Herrschaft der Sünde befreit worden. Nun soll er seine neue Zugehörigkeit auch praktisch leben. Heiligung ist deshalb sowohl mit Gottes vorausgehendem Handeln als auch mit der Verantwortung des Menschen verbunden. Sie geschieht nicht unabhängig von Gottes Gnade, aber auch nicht ohne die bewusste Bereitschaft, dem Willen Gottes zu folgen. Paulus beschreibt diesen Zusammenhang an anderer Stelle, wenn er erklärt, dass Gott selbst in den Gläubigen das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen wirkt (Philipper 2,13). Die göttliche Wirksamkeit hebt die menschliche Verantwortung nicht auf, sondern bildet ihre entscheidende Grundlage.

Heiligung darf außerdem nicht mit der Vorstellung verwechselt werden, ein Christ erreiche bereits durch seine Bekehrung eine vollkommene Fehlerlosigkeit. Der Mensch ist zwar dazu berufen, der Sünde nicht länger zu dienen, doch die Aufforderungen des Paulus zeigen, dass er weiterhin vor Entscheidungen steht und geistlich wachsen muss. In 1. Thessalonicher 4,3 bezeichnet Paulus die Heiligung ausdrücklich als Gottes Willen und verbindet sie mit konkreten Anforderungen an ein reines Leben. Auch Hebräer 12,14 betont die Bedeutung der Heiligung. Diese Aussagen zeigen, dass Heiligung keine nebensächliche Ergänzung des Glaubens ist. Sie gehört wesentlich zu einem Leben mit Gott. Gleichzeitig bleibt der Christ auf Gottes vergebende und erneuernde Gnade angewiesen. Geistliches Wachstum bedeutet daher nicht, sich immer unabhängiger von Christus zu machen, sondern in immer größerer Treue mit ihm zu leben.

In Vers 20 blickt Paulus noch einmal auf den früheren Zustand seiner Leser zurück. Als sie Knechte der Sünde waren, seien sie gegenüber der Gerechtigkeit frei gewesen. Diese Formulierung wirkt zunächst überraschend, denn gewöhnlich verbinden wir Freiheit mit etwas Gutem. Paulus verwendet das Wort hier jedoch in einem bewusst zugespitzten Gegensatz. Die Gläubigen standen früher nicht im Dienst der Gerechtigkeit, sondern unter der Herrschaft der Sünde. Ihre damalige „Freiheit“ bedeutete also keineswegs, dass sie bereits die wahre Freiheit besessen hätten, die Christus schenkt. Vielmehr waren sie von der Verpflichtung und Lebensausrichtung, die aus dem Dienst der Gerechtigkeit erwächst, praktisch gelöst. Sie lebten so, als müsste Gottes Wille ihr Handeln nicht bestimmen.

Damit erklärt Paulus auch, weshalb menschliche Unabhängigkeit nicht automatisch mit wirklicher Freiheit gleichgesetzt werden kann. Ein Mensch kann sich von Gottes Geboten und Ansprüchen lösen und diesen Zustand zunächst als Befreiung empfinden. Er muss scheinbar niemandem Rechenschaft geben und kann seine eigenen Wünsche zum Maßstab seiner Entscheidungen machen. Doch wenn diese Wünsche zunehmend von der Sünde bestimmt werden, führt die vermeintliche Freiheit in eine neue Abhängigkeit. Paulus beurteilt Freiheit deshalb nicht nur danach, ob äußere Einschränkungen fehlen. Er fragt vielmehr, welcher Macht ein Mensch tatsächlich dient und welche Folgen daraus entstehen. Die Freiheit von der Gerechtigkeit ist in diesem Zusammenhang keine erstrebenswerte Lebensform, sondern Ausdruck der früheren Bindung an die Sünde.

Allerdings bedeutet diese Beschreibung nicht, dass Menschen ohne bewussten Glauben an Christus grundsätzlich zu keiner freundlichen, hilfreichen oder äußerlich guten Handlung fähig wären. Paulus behandelt hier nicht die Frage, ob ein ungläubiger Mensch jemals etwas Gutes tun kann. Er beschreibt vielmehr zwei gegensätzliche Herrschaftsverhältnisse und die daraus hervorgehenden Lebensrichtungen. Schon in Römer 2,14–15 hat er anerkannt, dass auch Menschen außerhalb des schriftlich offenbarten Gesetzes ein sittliches Bewusstsein besitzen und Handlungen vollbringen können, die mit Forderungen des Gesetzes übereinstimmen. Die Aussage von Römer 6,20 darf deshalb nicht weiter ausgedehnt werden, als der Zusammenhang es erlaubt. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob das Leben eines Menschen von der Sünde beherrscht wird oder durch die Verbindung mit Christus auf Gottes Gerechtigkeit ausgerichtet ist.

In Vers 21 fordert Paulus seine Leser auf, über die Ergebnisse ihres früheren Lebens nachzudenken. Er fragt, welche Frucht sie damals aus den Dingen hatten, deren sie sich jetzt schämen. Damit verändert er den Blickwinkel. Bisher stand vor allem die Frage im Mittelpunkt, wem der Mensch dient. Nun fragt Paulus danach, welchen wirklichen Ertrag dieser Dienst hervorbringt. Das Bild der Frucht ist besonders anschaulich, weil es den Zusammenhang zwischen einer Lebensrichtung und ihren Ergebnissen verdeutlicht. Wie ein Baum Früchte hervorbringt, die seiner Art entsprechen, so entstehen auch aus menschlichen Entscheidungen Folgen, die mit ihrer inneren Ausrichtung verbunden sind. Paulus lädt seine Leser deshalb dazu ein, ihre Vergangenheit nicht allein danach zu beurteilen, was ihnen damals angenehm oder vorteilhaft erschien, sondern danach, was tatsächlich daraus hervorgegangen ist.

Die Frage nach der Frucht macht deutlich, dass sündiges Verhalten nicht immer sofort als zerstörerisch empfunden wird. Bestimmte Entscheidungen können kurzfristig Vergnügen, Anerkennung, Macht oder persönliche Vorteile versprechen. Doch Paulus fragt nach ihrem bleibenden Wert. Was hat eine Lebensweise dem Menschen letztlich gebracht, wenn sie ihn von Gott entfernt und seine Beziehung zum Schöpfer beschädigt hat? Die Frage ist bewusst so gestellt, dass die Leser ihre frühere Lebensführung aus der Perspektive ihrer neuen Erkenntnis beurteilen sollen. Was ihnen einst selbstverständlich oder erstrebenswert erschien, erkennen sie nun als etwas, das mit ihrer Zugehörigkeit zu Christus unvereinbar ist. Gerade dadurch wird verständlich, weshalb Paulus von Dingen spricht, deren sie sich inzwischen schämen.

Diese Scham ist nicht als Aufforderung zu verstehen, dauerhaft in Selbstverachtung oder Hoffnungslosigkeit zu leben. Paulus erinnert die Gläubigen nicht an ihre Vergangenheit, um ihnen einzureden, sie seien trotz ihrer Verbindung mit Christus weiterhin wertlos. Vielmehr zeigt ihre veränderte Beurteilung des früheren Lebens, dass sie inzwischen andere Maßstäbe gewonnen haben. Sie erkennen, dass bestimmte Handlungen nicht gut waren, auch wenn sie ihnen damals vielleicht als normal erschienen. Eine solche Einsicht kann zu aufrichtiger Reue führen und die Bereitschaft stärken, künftig anders zu handeln. Sie wird jedoch verfehlt, wenn ein Mensch seine vergangenen Sünden zum unveränderlichen Mittelpunkt seiner Identität macht. Die Botschaft des Kapitels besteht schließlich gerade darin, dass Christus aus der früheren Herrschaft der Sünde befreit. Die Vergangenheit soll ehrlich erkannt, aber nicht erneut zum bestimmenden Herrn des gegenwärtigen Lebens werden.

Am Ende von Vers 21 nennt Paulus die letzte Konsequenz der früheren Lebensrichtung: den Tod. Damit greift er den Gedanken auf, den er bereits in Vers 16 ausgesprochen hat. Die Herrschaft der Sünde führt nicht zu dauerhaftem Leben, sondern endet im Tod. Im größeren Zusammenhang des Römerbriefes reicht dieser Gedanke über die Vergänglichkeit des gegenwärtigen menschlichen Lebens hinaus. Paulus hat die Sünde bereits mit dem Tod verbunden, der durch Adam in die Menschheitsgeschichte gekommen ist (Römer 5,12). Gleichzeitig steht der Tod bei ihm im Zusammenhang mit Gottes gerechtem Gericht über die Sünde. Deshalb wäre es zu kurz gegriffen, die Aussage ausschließlich auf die natürlichen oder gesellschaftlichen Folgen schlechter Entscheidungen zu begrenzen. Solche Folgen können schwerwiegend sein, doch Paulus spricht von einer noch grundlegenderen Wirklichkeit: Ein Leben unter der Herrschaft der Sünde steht dem Leben entgegen, das Gott durch Jesus Christus schenkt.

In Vers 22 stellt Paulus diesem düsteren Ergebnis die neue Stellung der Gläubigen gegenüber. Sie sind von der Sünde befreit worden und gehören nun Gott. Bemerkenswert ist, dass er hier nicht mehr nur vom Dienst der Gerechtigkeit spricht, sondern ausdrücklich davon, Gott dienstbar geworden zu sein. Dadurch wird der eigentliche Mittelpunkt der neuen Lebensrichtung sichtbar. Christlicher Glaube besteht nicht lediglich darin, sich einer abstrakten moralischen Ordnung zu unterwerfen. Der Glaubende gehört dem lebendigen Gott, der ihn durch Jesus Christus erlöst hat. Seine neue Lebensführung erwächst aus dieser persönlichen Beziehung. Gehorsam und Gerechtigkeit sind deshalb nicht von Gott losgelöste Ziele, sondern Ausdruck der Zugehörigkeit zu ihm.

An dieser Stelle beantwortet Paulus auch die zuvor gestellte Frage nach der Frucht. Während die frühere Sündenherrschaft in Scham und Tod mündete, bringt die neue Zugehörigkeit zu Gott eine Frucht hervor, die in der Heiligung besteht. Damit beschreibt er nicht bloß eine äußerliche Veränderung des Verhaltens, sondern eine neue Richtung des gesamten Lebens. Wer Gott gehört, soll zunehmend lernen, so zu denken, zu entscheiden und zu handeln, wie es dieser Beziehung entspricht. Die Frucht der Heiligung zeigt sich deshalb nicht allein im Vermeiden bestimmter Sünden, sondern ebenso in wachsender Liebe, Wahrhaftigkeit, Geduld, Selbstbeherrschung und Treue. Paulus beschreibt solche Eigenschaften in Galater 5,22–23 als Frucht des Geistes. Dieser Zusammenhang hilft zu verstehen, dass ein geheiligtes Leben nicht durch eine bloße Sammlung äußerer Leistungen entsteht, sondern durch Gottes erneuerndes Wirken im Menschen.

Die Gegenüberstellung beider Lebensrichtungen wird dadurch besonders eindringlich. Der Mensch stellt in beiden Fällen seine Fähigkeiten, seine Entscheidungen und sein Leben einem bestimmten Dienst zur Verfügung. Doch die Ergebnisse könnten unterschiedlicher kaum sein. Die Sünde führt zu weiterer Gesetzlosigkeit und schließlich zum Tod. Der Dienst Gottes dagegen bringt Heiligung hervor und führt zum ewigen Leben. Die beiden Wege unterscheiden sich deshalb nicht nur durch einzelne erlaubte oder unerlaubte Handlungen, sondern durch ihre grundlegende Ausrichtung und ihr endgültiges Ziel. Paulus möchte, dass seine Leser diesen Unterschied erkennen, bevor sie erneut der Vorstellung verfallen, die Gnade Gottes könne bewusstes sündiges Verhalten bedeutungslos machen.

Besonders wichtig ist schließlich die Formulierung am Ende von Vers 22: Das Ziel der neuen Lebensrichtung ist das ewige Leben. Paulus spricht damit von der endgültigen Hoffnung, die Gott den Menschen durch Jesus Christus eröffnet. Heiligung und ewiges Leben stehen hier in einem engen Zusammenhang, dürfen jedoch nicht so verstanden werden, als könne der Mensch durch eine ausreichende Menge guter Werke das ewige Leben verdienen. Bereits die gesamte Argumentation des Römerbriefes schließt eine solche Vorstellung aus. Die Rechtfertigung geschieht aus Gnade, und die Befreiung von der Sünde gründet im Erlösungswerk Jesu Christi. Die Heiligung gehört zu dem Leben, das aus dieser Gnade hervorgeht. Sie ist nicht der Kaufpreis für Gottes endgültige Rettung, sondern die Frucht einer wirklichen Zugehörigkeit zu ihm.

So zeigt Paulus in diesen Versen, dass die Entscheidung für Christus weitreichende Folgen hat. Der Mensch wird nicht nur von einer früheren Herrschaft befreit, sondern erhält eine neue Lebensrichtung und eine neue Hoffnung. Seine Fähigkeiten sollen nicht länger der Gesetzlosigkeit dienen, sondern Gottes Gerechtigkeit. Seine Vergangenheit muss nicht länger seine Zukunft bestimmen, und sein Leben soll eine Frucht hervorbringen, die seiner neuen Zugehörigkeit entspricht. Dabei bleibt der Unterschied zwischen menschlichem Verdienst und göttlicher Gnade entscheidend. Gerade weil Paulus Heiligung und ewiges Leben so eng miteinander verbindet, führt er seine Erklärung nun zu einem abschließenden Gegensatz: Die Sünde zahlt einen Lohn, den der Mensch nicht wünschen kann, während Gott etwas schenkt, das durch keine menschliche Leistung erworben werden könnte. Diesen Gedanken fasst er im letzten Vers des Kapitels mit besonderer Klarheit zusammen.

Römer 6,23

Der Tod als Sold der Sünde und das ewige Leben als Gottes Geschenk

Mit einem einzigen Satz führt Paulus seine gesamte Argumentation zu einem eindringlichen Abschluss. In Vers 23 schreibt er: „Denn der Tod ist der Sünde Sold; aber die Gnadengabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unsrem Herrn.“ Diese Worte fassen nicht nur die beiden Lebensrichtungen zusammen, die Paulus zuvor beschrieben hat. Sie zeigen zugleich den entscheidenden Unterschied zwischen dem, was die Sünde hervorbringt, und dem, was Gott dem Menschen aus Gnade schenken möchte. Auf der einen Seite steht der Tod als Ergebnis der Sünde. Auf der anderen Seite steht das ewige Leben, das seinen Ursprung nicht in menschlichen Leistungen, sondern allein in Gottes rettendem Handeln durch Jesus Christus hat.

Die Formulierung „der Sünde Sold“ ist besonders aussagekräftig. Das zugrunde liegende griechische Wort opsōnia bezeichnete ursprünglich die Versorgung beziehungsweise Besoldung von Soldaten und wurde später allgemein für Lohn oder Vergütung verwendet. Damit führt Paulus das Bild des Dienstes unter einer Herrschaft zu seinem abschließenden Ergebnis. Wer einem Herrn dient, erwartet gewöhnlich eine entsprechende Entlohnung. Doch der Dienst unter der Sünde führt nicht zu dem Leben, das der Mensch sich erhofft. Sein endgültiger Ertrag ist der Tod. Das Bild enthält damit eine ernste Warnung: Die Sünde kann dem Menschen Freiheit, Erfüllung oder persönliche Vorteile versprechen, doch sie besitzt nicht die Fähigkeit, ihm dauerhaftes Leben zu geben. Was sie hervorbringt, steht letztlich im Gegensatz zu dem, wofür Gott den Menschen geschaffen hat.

Bemerkenswert ist dabei, dass Paulus die Sünde erneut wie einen persönlichen Herrscher behandelt, obwohl sie kein eigenständiges Wesen ist. Diese bildhafte Darstellung macht verständlich, weshalb sündiges Verhalten mehr als eine Reihe voneinander unabhängiger Fehlentscheidungen sein kann. Die Sünde kann zur bestimmenden Macht einer Lebensrichtung werden. Wer sich ihr unterordnet, folgt einem Weg, dessen Folgen weit über den Augenblick der einzelnen Handlung hinausreichen. Der Begriff „Sold“ verdeutlicht deshalb nicht, dass ein Mensch bei jeder einzelnen Verfehlung sofort mit dem Tod bestraft würde. Paulus betrachtet vielmehr die grundlegende Verbindung zwischen Sünde und Tod, die er bereits in Römer 5,12 beschrieben hat. Dort erklärt er, dass durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod. Das menschliche Leben ist seitdem von Vergänglichkeit geprägt, und niemand kann sich aus eigener Kraft von dieser Wirklichkeit befreien.

Der Tod, von dem Paulus spricht, darf jedoch nicht ausschließlich auf das natürliche Lebensende begrenzt werden. Zwar gehört die körperliche Sterblichkeit zu den Folgen der gefallenen menschlichen Existenz, doch der Gegensatz zum ewigen Leben zeigt, dass Paulus zugleich den endgültigen Ausgang eines Lebens unter der Herrschaft der Sünde im Blick hat. In Römer 2,5–8 hat er bereits von Gottes gerechtem Gericht gesprochen, während er in Römer 5,21 die Herrschaft der Sünde im Tod der Herrschaft der Gnade gegenüberstellt, die durch Jesus Christus zum ewigen Leben führt. Vor diesem Hintergrund umfasst die Aussage von Römer 6,23 sowohl die ernste Wirklichkeit des Todes als auch dessen endgültige Bedeutung im Zusammenhang mit Gottes Gericht. Allerdings erklärt Paulus an dieser Stelle noch nicht im Einzelnen, wie das endgültige Gericht ablaufen wird oder wie der Zustand der Toten beschaffen ist. Sein Schwerpunkt liegt auf dem grundlegenden Gegensatz zwischen dem Tod als Folge der Sünde und dem Leben, das Gott durch Christus schenkt.

Ebenso wenig darf aus diesem Vers geschlossen werden, dass jeder Mensch, der früh stirbt, besonders schwer gesündigt haben müsse. Paulus beschreibt eine allgemeine Wirklichkeit der gefallenen Menschheit und nicht die unmittelbare Ursache jedes einzelnen Todesfalls. Bereits in Römer 5,14 hat er erklärt, dass der Tod auch über Menschen herrschte, die nicht auf dieselbe Weise wie Adam gesündigt hatten. Jesus selbst widerspricht der Vorstellung, dass außergewöhnliches Leid oder ein tragischer Tod zwangsläufig auf eine besonders große persönliche Schuld schließen lasse (Lukas 13,1–5). Die Aussage von Römer 6,23 ist deshalb keine Grundlage dafür, das Schicksal einzelner Menschen vorschnell als besondere Strafe Gottes zu beurteilen. Vielmehr macht Paulus deutlich, wie tiefgreifend die Sünde die menschliche Existenz betroffen hat und weshalb die Menschheit auf Gottes rettendes Eingreifen angewiesen ist.

Umso bedeutsamer ist der Gegensatz, den Paulus mit der zweiten Hälfte des Verses eröffnet. Er schreibt nicht, dass der Lohn der Gerechtigkeit das ewige Leben sei, obwohl eine solche Formulierung nach seinem bisherigen Vergleich zunächst naheliegend erscheinen könnte. Stattdessen verwendet er bewusst einen anderen Begriff: die „Gnadengabe Gottes“. Das griechische Wort charisma bezeichnet ein Geschenk, das aus Gnade gewährt wird. Es gehört sprachlich zu dem Wortfeld, aus dem auch der Begriff für Gnade stammt. Paulus stellt damit zwei grundsätzlich unterschiedliche Verhältnisse gegenüber. Der Tod ist der Sold der Sünde, während das ewige Leben eine Gabe Gottes ist. Der eine Begriff beschreibt einen Lohn, der andere ein Geschenk. Gerade dieser Wechsel macht deutlich, dass die Beziehung zwischen Sünde und Tod nicht einfach spiegelbildlich auf den Zusammenhang zwischen menschlichem Gehorsam und ewigem Leben übertragen werden darf.

Hier liegt eine der wichtigsten Aussagen des gesamten Kapitels. Paulus hat die Gläubigen nachdrücklich dazu aufgefordert, der Sünde nicht länger zu dienen, ihre Fähigkeiten Gott zur Verfügung zu stellen und ein Leben in Heiligung zu führen. Dennoch erklärt er am Ende nicht, dass sie sich durch ausreichend großen Gehorsam das ewige Leben verdienen könnten. Die Rettung bleibt eine Gabe Gottes. Diese Wahrheit stimmt mit Römer 4,4–5 überein, wo Paulus zwischen einem Lohn, den jemand aufgrund seiner Leistung beanspruchen kann, und der Rechtfertigung aus Glauben unterscheidet. Kein Mensch kann sich vor Gott auf ein vollkommenes Leben berufen und deshalb das ewige Leben als eine ihm zustehende Vergütung verlangen. Selbst der Gehorsam eines erlösten Menschen bleibt auf Gottes Gnade und erneuerndes Wirken angewiesen. Die Heiligung gehört notwendig zu einem Leben mit Christus, ist aber nicht dessen selbst erarbeiteter Erlösungspreis.

Dieser Unterschied hilft auch, zwei gegensätzliche Missverständnisse zu vermeiden. Einerseits darf niemand meinen, ein Leben in bewusstem Ungehorsam sei mit Gottes rettender Gnade ohne Weiteres vereinbar. Genau gegen diese Vorstellung richtet sich die Argumentation von Römer 6. Andererseits soll der Gläubige nicht in der Angst leben, er müsse sich durch seine eigene geistliche Leistung erst genügend Verdienste ansammeln, um am Ende von Gott angenommen zu werden. Die Gewissheit der Erlösung gründet nicht in menschlicher Vollkommenheit, sondern in Jesus Christus. Wer ihm vertraut, ist zur Umkehr, zum Gehorsam und zur Heiligung berufen, aber er empfängt das ewige Leben nicht als Bezahlung für seine Anstrengungen. Gerade darin liegt die Größe der Gnade: Gott schenkt dem Menschen durch Christus etwas, das dieser aus eigener Kraft niemals hervorbringen oder erwerben könnte.

Besonders wichtig ist schließlich, wie Paulus das Geschenk des ewigen Lebens beschreibt. Er spricht nicht lediglich davon, dass Gott irgendwann in der Zukunft ein unbegrenzt langes Dasein ermöglichen werde. Vielmehr erklärt er, dass dieses Leben „in Christus Jesus“ gegeben wird. Damit nennt er nicht nur den Vermittler der Rettung, sondern beschreibt zugleich die entscheidende Verbindung, in der das ewige Leben seinen Grund hat. Jesus Christus ist selbst von den Toten auferstanden und lebt für immer. Wer durch den Glauben zu ihm gehört, darf deshalb auf ein Leben hoffen, das über die gegenwärtige menschliche Sterblichkeit hinausreicht. Der Ursprung dieser Hoffnung liegt nicht in einer angeblich unzerstörbaren Lebenskraft des Menschen, sondern in dem auferstandenen Christus, der den Tod überwunden hat.

Jesus selbst verbindet diese Hoffnung ausdrücklich mit seiner Person. In Johannes 11,25–26 bezeichnet er sich als die Auferstehung und das Leben. Wer an ihn glaubt, darf selbst angesichts des Todes auf die Erfüllung seiner Verheißung vertrauen. Ebenso erklärt Johannes 3,16, dass Gott seinen Sohn gegeben hat, damit diejenigen, die an ihn glauben, nicht verlorengehen, sondern ewiges Leben haben. Beide Aussagen helfen, die Worte des Paulus zu verstehen. Ewiges Leben bedeutet mehr als die bloße zeitliche Verlängerung des bisherigen menschlichen Daseins. Es ist Leben in der Gemeinschaft mit Gott, das bereits durch den Glauben an Christus beginnt und bei der Auferstehung seine endgültige Vollendung erfahren wird. Wie Paulus in 1. Korinther 15,52–54 erläutert, werden die Gläubigen bei der Auferstehung Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit empfangen. Das ewige Leben ist somit nicht eine natürliche Eigenschaft, die sich der Mensch selbst sichern könnte, sondern die Erfüllung von Gottes Verheißung durch die Macht des auferstandenen Christus.

Dass Paulus am Ende ausdrücklich von „Christus Jesus, unsrem Herrn“ spricht, verleiht seiner Aussage eine besondere Bedeutung. Jesus ist nicht nur derjenige, durch den Gott Vergebung und ewiges Leben schenkt. Er ist zugleich der Herr, dem das Leben des Erlösten gehört. Damit verbindet der letzte Vers die Hoffnung auf das ewige Leben noch einmal mit dem Gedanken der neuen Zugehörigkeit. Die Gemeinschaft mit Christus kann nicht auf den Wunsch beschränkt werden, seine rettenden Gaben zu empfangen, während seine Herrschaft über das eigene Leben abgelehnt wird. Wer Jesus als Herrn anerkennt, vertraut ihm auch die Richtung seines Lebens an. Dabei ist diese Hingabe keine zusätzliche Leistung, mit der das Geschenk des ewigen Lebens bezahlt werden müsste. Sie entspricht vielmehr der persönlichen Beziehung zu dem, in dem dieses Geschenk überhaupt zu finden ist.

Auf diese Weise führt der abschließende Vers den Leser an den Ausgangspunkt des Kapitels zurück, ohne die anfängliche Frage lediglich zu wiederholen. Paulus hatte mit dem möglichen Missverständnis begonnen, die überreiche Gnade Gottes könne dazu berechtigen, weiterhin in der Sünde zu leben. Nun hat er gezeigt, weshalb eine solche Vorstellung die eigentliche Bedeutung der Gnade verkennt. Die Sünde führt zum Tod, während Gott durch Jesus Christus ewiges Leben schenkt. Wer das Geschenk Gottes annimmt, wird nicht dazu eingeladen, sich weiterhin der Macht anzuvertrauen, die zum Tod führt. Vielmehr darf er in der Gemeinschaft mit Christus ein neues Leben beginnen, dessen endgültige Hoffnung weit über die gegenwärtige Sterblichkeit hinausreicht.

So endet Römer 6 mit einer Botschaft, die zugleich ernst und voller Hoffnung ist. Die Sünde wird nicht verharmlost, denn ihre Folgen reichen bis zum Tod. Doch Gottes Gnade eröffnet einen Weg, den der Mensch aus eigener Kraft niemals hätte schaffen können. Das ewige Leben muss nicht verdient werden; es wird durch Jesus Christus geschenkt. Deshalb liegt die entscheidende Hoffnung des Menschen weder in seiner vergangenen Lebensführung noch in seiner gegenwärtigen Fähigkeit, vollkommen zu handeln, sondern in dem Erlöser, der für ihn gestorben und auferstanden ist. In Christus findet der Mensch die Befreiung von der Sündenherrschaft, die Grundlage eines erneuerten Lebens und die Verheißung einer Zukunft, über die der Tod nicht mehr herrschen wird.

Geistliche Kernbotschaft

Die Erlösung durch Jesus Christus bedeutet weit mehr als die Vergebung vergangener Schuld. Gott möchte den Menschen nicht nur von seiner Schuld befreien, sondern auch die Macht der Sünde in seinem Leben überwinden. Darin liegt die zentrale Botschaft von Römer 6. Gottes Gnade ist nicht lediglich eine Antwort auf das, was der Mensch falsch gemacht hat. Sie eröffnet ihm eine neue Beziehung zu seinem Schöpfer, verändert seine Zugehörigkeit und schenkt ihm die Möglichkeit, ein Leben zu führen, das nicht länger von der Sünde beherrscht wird. Die Rettung durch Christus umfasst deshalb sowohl die Vergebung als auch die Erneuerung des Menschen.

Besonders deutlich wird dabei, dass Gott die Sünde und den Sünder nicht auf dieselbe Weise behandelt. Die Sünde führt zur Zerstörung und schließlich zum Tod. Gott aber möchte den Menschen gerade vor diesen Folgen retten. Seine Gnade bedeutet deshalb nicht, dass ihm die Sünde gleichgültig geworden wäre. Vielmehr offenbart sich seine Liebe darin, dass er den Menschen aus einer Herrschaft befreien möchte, die seinem ursprünglichen Schöpfungswillen widerspricht. Gott vergibt nicht, damit die Sünde ungehindert weiterregieren kann, sondern damit der Mensch wieder in Gemeinschaft mit ihm leben darf. Die Heiligkeit Gottes und seine Barmherzigkeit stehen somit nicht im Gegensatz zueinander. Gerade weil Gott liebt, möchte er den Menschen nicht unter der Macht dessen belassen, was ihn von seinem Schöpfer trennt.

Römer 6 offenbart zugleich eine wichtige Wahrheit über die Natur des Menschen. Der Mensch ist nicht lediglich ein unabhängiges Wesen, das gelegentlich richtige oder falsche Entscheidungen trifft. Seine Lebensrichtung wird durch das geprägt, worauf er vertraut, wonach er verlangt und wem er sich unterordnet. Sündiges Verhalten kann eine Herrschaft über ihn gewinnen, die seine Freiheit zunehmend einschränkt. Dabei besteht die Täuschung der Sünde häufig darin, dass sie Unabhängigkeit verspricht, während sie tatsächlich neue Bindungen hervorbringt. Die Freiheit, die Christus schenkt, geht deshalb tiefer als die bloße Möglichkeit, ohne Einschränkungen den eigenen Wünschen zu folgen. Sie besteht darin, aus der Macht der Sünde befreit zu werden und wieder so leben zu können, wie es Gottes gutem Willen entspricht.

Eine weitere grundlegende Erkenntnis betrifft die Bedeutung der Gemeinschaft mit Christus. Paulus beschreibt die Veränderung des Menschen nicht als eine religiöse Selbstverbesserung, die dieser unabhängig von Gott erreichen könnte. Das neue Leben beginnt durch die Verbindung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Erlöser. Seine Auferstehung ist nicht nur ein vergangenes Ereignis und die Grundlage zukünftiger Hoffnung, sondern steht auch mit dem neuen Leben in Verbindung, das bereits jetzt beginnen darf. Der Christ lebt deshalb nicht aus einer selbst erworbenen geistlichen Überlegenheit. Er bleibt auf Christus angewiesen, dessen Erlösungswerk die Grundlage seiner Freiheit bildet.

Diese Abhängigkeit von Christus nimmt dem Menschen jedoch nicht seine Verantwortung. Im Gegenteil: Weil Gott ihm durch Christus eine neue Lebensmöglichkeit eröffnet hat, wird er aufgefordert, bewusst danach zu handeln. Die Gnade ersetzt nicht die Entscheidung für das Gute, sondern macht ein neues Verhältnis zu Gottes Willen möglich. Wahrer Gehorsam besteht dabei nicht allein im äußerlichen Befolgen religiöser Regeln. Er erwächst aus einem Herzen, das Gottes Wahrheit angenommen hat und sich von ihr bestimmen lassen möchte. Ein solches Leben ist nicht von dem Versuch geprägt, Gottes Liebe erst verdienen zu müssen, sondern von der Bereitschaft, auf seine bereits erwiesene Liebe zu antworten.

Darin liegt auch die Bedeutung der Heiligung. Gott möchte nicht nur einzelne Handlungen des Menschen verändern, sondern dessen gesamte Lebensausrichtung erneuern. Seine Gedanken, Wünsche, Entscheidungen und Fähigkeiten sollen zunehmend mit Gottes Willen übereinstimmen. Dieser Weg schließt geistliches Wachstum, bewusste Entscheidungen und die ernsthafte Auseinandersetzung mit Versuchungen ein. Er bedeutet jedoch nicht, dass jeder Gläubige bereits vollkommen frei von menschlicher Schwachheit wäre. Die Hoffnung des Christen liegt nicht in der Behauptung eigener Fehlerlosigkeit, sondern in der Treue Gottes und in der bleibenden Gemeinschaft mit Jesus Christus.

Schließlich offenbart Römer 6 einen grundlegenden Unterschied zwischen Sünde und Gnade, der über das gegenwärtige Leben hinausreicht. Die Sünde führt zum Tod, während Gott das ewige Leben schenkt. Damit zeigt Paulus, dass das endgültige Heil niemals als menschlicher Verdienst verstanden werden darf. Selbst ein geheiligtes Leben macht den Menschen nicht zum Eigentümer eines Anspruchs auf Unsterblichkeit. Das ewige Leben bleibt Gottes Geschenk durch Jesus Christus. Gerade darin liegt die besondere Größe seiner Liebe: Gott fordert den Menschen nicht auf, sich selbst aus der Macht des Todes zu befreien, sondern eröffnet ihm durch seinen Sohn eine Zukunft, die er aus eigener Kraft niemals erreichen könnte.

Die geistliche Mitte des Kapitels besteht somit in einer Freiheit, die ihren Ursprung in Gottes Gnade hat, sich in einer erneuerten Lebensführung zeigt und ihre Vollendung im ewigen Leben findet. Christus befreit den Menschen nicht von der Verantwortung gegenüber Gott, sondern von der Herrschaft, die ihn daran hindert, in einer lebendigen Beziehung zu seinem Schöpfer zu leben. Wer Gottes Gnade annimmt, darf deshalb nicht nur auf Vergebung zurückblicken und auf die Auferstehung vorausblicken. Er darf bereits heute in einer neuen Beziehung zu Gott leben, die von Vertrauen, Gehorsam und der Hoffnung auf die endgültige Überwindung von Sünde und Tod getragen wird.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Die Aussagen von Römer 6 gewinnen zusätzliche Tiefe, wenn wir sie im Zusammenhang mit anderen biblischen Texten betrachten. Besonders aufschlussreich ist dabei, dass die Bibel Erlösung nicht nur unter einem einzigen Gesichtspunkt beschreibt. Vergebung, Rechtfertigung, Befreiung, Wiedergeburt, Heiligung und Auferstehung sind miteinander verbundene Aspekte des göttlichen Erlösungswerkes. Andere Bibelstellen helfen zu verstehen, wie diese verschiedenen Aussagen zusammengehören, ohne dass ihre jeweiligen Schwerpunkte miteinander verwechselt werden.

Römer 5,12–21 – Adam und Christus als Ausgangspunkt zweier unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten

Unmittelbar vor Römer 6 stellt Paulus Adam und Jesus Christus einander gegenüber. Durch Adam kamen Sünde und Tod in die menschliche Geschichte, während durch Christus Gnade, Rechtfertigung und die Hoffnung auf Leben eröffnet werden. Dieser Zusammenhang ist wichtig, weil er erklärt, weshalb Paulus in Römer 6 nicht nur von einzelnen Verfehlungen spricht, sondern von einer grundlegend veränderten Zugehörigkeit. Der Mensch gehört nicht mehr ausschließlich zu der von Adam geprägten Wirklichkeit der Sünde und des Todes. Durch Christus wird ihm der Zugang zu einer neuen Lebenswirklichkeit eröffnet.

Damit wird die Erlösung als mehr verstanden als die nachträgliche Vergebung einzelner falscher Handlungen. Christus begegnet der grundsätzlichen Not des Menschen und eröffnet ihm eine neue Zukunft. Diese Verbindung zwischen Römer 5 und Römer 6 macht zugleich verständlich, weshalb Paulus so entschieden gegen den Missbrauch der Gnade argumentiert. Die Gnade soll nicht die Herrschaft der Sünde verlängern, sondern den Menschen durch Christus aus ihr herausführen.

Johannes 8,31–36 – Warum wahre Freiheit mehr ist als menschliche Unabhängigkeit

Jesus erklärt seinen Zuhörern, dass jeder, der die Sünde tut, ein Knecht der Sünde ist. Zugleich verheißt er, dass der Sohn wirklich frei machen kann. Diese Aussage besitzt eine enge inhaltliche Verbindung zu Römer 6. Beide Texte zeigen, dass ein Mensch äußerlich unabhängig erscheinen und dennoch unter einer geistlichen Herrschaft stehen kann, die ihn von Gott entfernt.

Im Johannesevangelium wird diese Freiheit ausdrücklich mit dem Sohn Gottes und dem Bleiben in seinem Wort verbunden. Dadurch erhält die Aussage des Paulus eine wichtige Ergänzung: Freiheit entsteht nicht dadurch, dass der Mensch jede göttliche Autorität zurückweist, sondern indem er durch Christus von der Sünde befreit wird. Sie ist mit der Wahrheit verbunden, die Jesus offenbart, und mit einer Beziehung zu ihm, die das Leben des Menschen dauerhaft prägen soll.

Galater 2,19–20 und 2. Korinther 5,17 – Das alte Leben und die neue Identität in Christus

In Galater 2,20 beschreibt Paulus seine persönliche Beziehung zu Christus mit dem Gedanken, dass er mit ihm gekreuzigt worden ist und Christus nun in ihm lebt. Diese Aussage ergänzt Römer 6,6, wo vom alten Menschen die Rede ist, der mit Christus gekreuzigt wurde. Beide Texte zeigen, dass die Verbindung mit Christus die bisherige Lebensgrundlage verändert. Das eigene Leben wird nicht ausgelöscht, sondern erhält durch die Zugehörigkeit zum Erlöser eine neue Ausrichtung.

In 2. Korinther 5,17 beschreibt Paulus diese Wirklichkeit mit der Sprache der neuen Schöpfung. Wer in Christus ist, gehört zu einer neuen Schöpfungswirklichkeit. Diese Formulierung erweitert den Blick über einzelne moralische Verbesserungen hinaus. Gottes Erlösung zielt auf eine grundlegende Wiederherstellung des Menschen. Die neue Schöpfung beginnt bereits in der Gemeinschaft mit Christus und weist zugleich auf die zukünftige Vollendung hin, wenn Gott die Folgen der Sünde endgültig überwinden wird.

Kolosser 2,11–13 – Taufe, Glaube und Gottes Auferweckungsmacht

Eine besonders enge sprachliche Verbindung besteht zwischen Römer 6,3–5 und Kolosser 2,12. Beide Stellen sprechen davon, dass die Gläubigen mit Christus begraben wurden, und verbinden dies mit seiner Auferstehung. Im Kolosserbrief wird zusätzlich ausdrücklich hervorgehoben, dass die Auferweckung mit Christus durch den Glauben an die wirksame Kraft Gottes geschieht.

Dadurch wird ein wichtiger Zusammenhang verständlich: Die Taufe steht in Verbindung mit Gottes rettendem Handeln und dem persönlichen Glauben. Sie darf weder auf ein bedeutungsloses äußeres Zeichen reduziert noch als eine Handlung verstanden werden, deren Wasser unabhängig vom Glauben automatisch neues Leben hervorbringt. Entscheidend ist die Beziehung zu Christus, dessen Tod und Auferstehung die Grundlage dieser neuen Lebenswirklichkeit bilden.

Jeremia 31,31–34 und Hesekiel 36,25–27 – Gottes Wille im Herzen und das Wirken seines Geistes

Bereits durch die alttestamentlichen Propheten hatte Gott eine grundlegende Erneuerung seines Volkes angekündigt. In Jeremia 31 spricht er von einem neuen Bund, in dem sein Gesetz nicht nur äußerlich bekannt sein, sondern in das Innere des Menschen geschrieben werden soll. Hesekiel 36 verbindet die Verheißung eines neuen Herzens mit dem Wirken des Geistes Gottes, durch den sein Volk befähigt werden soll, nach seinem Willen zu leben.

Diese Verheißungen bilden eine wichtige thematische Verbindung zu Römer 6,17, wo Paulus den Gehorsam aus dem Herzen hervorhebt. Zwar zitiert Paulus diese Prophetenstellen dort nicht ausdrücklich, doch sie zeigen einen gemeinsamen Grundgedanken des biblischen Erlösungsplans. Gott möchte nicht lediglich ein Volk, das seine Anweisungen äußerlich kennt. Er möchte Menschen erneuern, sodass sie seinen Willen verstehen, lieben und ihm aufrichtig folgen. Der neue Gehorsam ist daher weder bloße Gesetzlichkeit noch die Aufhebung von Gottes moralischem Willen. Er gehört zu der inneren Erneuerung, die Gott verheißen hat.

Römer 7,7–25 und Römer 8,1–13 – Gesetz, Sünde und das neue Leben durch den Geist

Die unmittelbar folgenden Kapitel entfalten Fragen, die Römer 6 bereits vorbereitet. In Römer 7 erklärt Paulus, dass Gottes Gesetz heilig, gerecht und gut ist, während die Sünde das Gebot missbraucht und den Menschen unter ihre Macht bringt. Das Gesetz kann die Sünde erkennbar machen, besitzt jedoch nicht aus sich selbst die Kraft, den sündigen Menschen zu erneuern.

Römer 8 führt diesen Gedankengang weiter, indem Paulus das Leben durch den Geist Gottes entfaltet. Die Gläubigen sollen nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist leben. Dabei geht es um mehr als menschliche Selbstbeherrschung: Der Geist Gottes wirkt in ihnen und eröffnet eine Lebensführung, die nicht mehr von der bisherigen Sündenherrschaft bestimmt werden muss.

Die Verbindung dieser drei Kapitel ist für das Verständnis von Römer 6,14 besonders wichtig. Die Freiheit unter der Gnade darf weder als bloße Ablehnung des göttlichen Willens noch als Rückkehr zu einer Erlösung durch eigene Gesetzesleistungen verstanden werden. Paulus entwickelt vielmehr die Frage, wie der Mensch durch Christus und das Wirken des Geistes zu einem Leben befähigt wird, das Gottes Willen entspricht.

Titus 2,11–14 – Die Gnade Gottes als Grundlage eines veränderten Lebens

Im Titusbrief erklärt Paulus, dass die rettende Gnade Gottes die Menschen dazu erzieht, Gottlosigkeit und weltliche Begierden abzulegen und besonnen, gerecht und gottesfürchtig zu leben. Diese Aussage fasst einen wichtigen Gedanken von Römer 6 in besonderer Klarheit zusammen: Gottes Gnade schenkt nicht nur Vergebung, sondern richtet den Menschen auch auf ein neues Leben aus.

Zugleich verbindet Titus 2 dieses gegenwärtige Leben mit der Hoffnung auf die Erscheinung Jesu Christi. Die Gläubigen leben somit zwischen der bereits offenbarten rettenden Gnade und der noch ausstehenden Vollendung ihrer Hoffnung. Auch Römer 6 hält diese beiden Perspektiven zusammen. Das Leben mit Christus beginnt schon jetzt, während die endgültige Überwindung des Todes noch bevorsteht.

1. Johannes 1,8–2,2 – Heiligung, Sündenerkenntnis und bleibende Vergebung

Der erste Johannesbrief ergänzt die Warnungen von Römer 6 durch eine wichtige Unterscheidung. Johannes erklärt einerseits, dass Menschen sich selbst täuschen, wenn sie behaupten, keine Sünde zu haben. Andererseits schreibt er den Gläubigen ausdrücklich, damit sie nicht sündigen. Wenn jedoch jemand sündigt, verweist er auf Jesus Christus als Fürsprecher beim Vater.

Diese Aussagen helfen, Römer 6 weder gesetzlos noch perfektionistisch misszuverstehen. Gottes Gnade darf nicht als Vorwand für bewusstes sündiges Verhalten dienen. Gleichzeitig muss ein Christ aus der Erfahrung eigener Schwachheit nicht schließen, dass für ihn keine Vergebung und keine Hoffnung auf Wiederherstellung mehr bestehen. Der Weg der Heiligung ist von der ernsthaften Abkehr von der Sünde geprägt und bleibt zugleich auf Christi Fürsprache und Gottes Barmherzigkeit angewiesen.

1. Korinther 15,20–26.51–54 – Die Vollendung des neuen Lebens bei der Auferstehung

Während Römer 6 die gegenwärtige Verbindung des Glaubenden mit dem Tod und der Auferstehung Christi betont, entfaltet 1. Korinther 15 ausführlicher die zukünftige Auferstehung. Christus wird dort als der Erstling der Entschlafenen bezeichnet. Seine Auferstehung bildet die Grundlage dafür, dass auch diejenigen, die zu ihm gehören, bei seiner Wiederkunft auferweckt werden.

Paulus erklärt außerdem, dass die Sterblichen Unsterblichkeit und die Vergänglichen Unvergänglichkeit empfangen werden. Damit wird verständlich, worauf die Verheißung des ewigen Lebens in Römer 6,23 letztlich hinweist. Das ewige Leben ist keine unabhängig von Gott vorhandene Eigenschaft des Menschen, sondern gründet im Sieg Jesu Christi über den Tod. Seine vollständige Verwirklichung steht noch bevor. Die Befreiung von der Sünde, die bereits im gegenwärtigen Leben beginnt, wird in der Auferstehung und der endgültigen Überwindung des Todes vollendet.

Wichtige Lektionen

Die erste wichtige Lektion aus Römer 6 betrifft den Umgang mit der Gnade Gottes. Wer Vergebung erfahren hat, darf daraus nicht schließen, dass sein weiteres Verhalten bedeutungslos geworden wäre. Gerade weil Gott bereit ist, dem Sünder zu vergeben, sollte der Mensch die Sünde nicht verharmlosen. Eine bewusste Entscheidung zum Ungehorsam wird nicht dadurch gut, dass Gott grundsätzlich vergeben kann. Wer Gottes Gnade ernst nimmt, wird vielmehr danach fragen, von welchen Gedanken, Gewohnheiten und Entscheidungen er sich durch Christus verändern lassen sollte. Die Dankbarkeit für Gottes Barmherzigkeit zeigt sich nicht darin, möglichst viel Freiheit zum Sündigen zu beanspruchen, sondern darin, die geschenkte Freiheit verantwortungsvoll zu leben.

Eine zweite Lektion liegt in der Bedeutung der Taufe. Sie soll nicht lediglich als ein vergangenes religiöses Ereignis betrachtet werden, an das man gelegentlich zurückdenkt. Wer sich taufen lässt, bekennt damit seine Zugehörigkeit zu Jesus Christus und seine Abkehr von einem Leben unter der Herrschaft der Sünde. Dieses Bekenntnis hat eine bleibende Bedeutung. Wenn ein Mensch später vor einer wichtigen Entscheidung steht, kann er sich daran erinnern, wem er sein Leben anvertraut hat. Die entscheidende Frage lautet dann nicht nur, ob eine bestimmte Handlung angenehm, vorteilhaft oder gesellschaftlich akzeptiert ist, sondern ob sie der Zugehörigkeit zu Christus entspricht. Die Taufe erinnert den Gläubigen daran, dass sein Leben einen neuen Mittelpunkt erhalten hat.

Daraus folgt eine weitere praktische Erkenntnis: Ein Christ muss seine Vergangenheit nicht zum unveränderlichen Maßstab seiner Zukunft machen. Menschen können lange Zeit von bestimmten Gewohnheiten geprägt worden sein. Vielleicht haben sie sich daran gewöhnt, bei Schwierigkeiten unehrlich zu werden, andere zu verletzen, aus Stolz nachzugeben oder persönliche Wünsche über Gottes Willen zu stellen. Solche Verhaltensmuster können tief verwurzelt sein. Römer 6 macht jedoch deutlich, dass Christus eine neue Lebensrichtung eröffnet. Der Gläubige muss sich nicht mit der Überzeugung abfinden, er könne niemals anders handeln. Gleichzeitig sollte er die Veränderung nicht leichtfertig mit einem einzigen Entschluss gleichsetzen. Neue Gewohnheiten entstehen häufig durch wiederholte Entscheidungen, geistliche Wachsamkeit und das beständige Vertrauen auf Gottes Hilfe.

Eine besonders konkrete Lektion betrifft den Umgang mit dem eigenen Körper und den persönlichen Fähigkeiten. Paulus fordert die Gläubigen auf, ihre Glieder nicht der Sünde, sondern der Gerechtigkeit zur Verfügung zu stellen. Das betrifft nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens. Worte können benutzt werden, um die Wahrheit zu verdrehen, Gerüchte zu verbreiten oder andere Menschen herabzusetzen. Dieselbe Fähigkeit zu sprechen kann jedoch dazu dienen, ehrlich zu sein, Mut zu machen, zu trösten und Frieden zu fördern. Auch Zeit, körperliche Kraft, persönliche Begabungen und materielle Möglichkeiten können entweder selbstsüchtigen Zielen oder dem Wohl anderer dienen. Die Hingabe an Gott wird deshalb nicht allein an religiösen Zusammenkünften oder öffentlichen Glaubensbekenntnissen sichtbar. Sie zeigt sich ebenso in alltäglichen Entscheidungen, die zunächst unscheinbar erscheinen mögen.

Dabei sollte der Mensch lernen, sündige Gewohnheiten nicht erst dann ernst zu nehmen, wenn ihre Folgen offensichtlich geworden sind. Paulus beschreibt, wie die Hingabe an Gesetzlosigkeit weitere Gesetzlosigkeit hervorbringen kann. Daraus ergibt sich die praktische Notwendigkeit, den eigenen Lebensweg regelmäßig zu prüfen. Welche Entscheidungen wiederholen sich? Welche Wünsche gewinnen zunehmend Einfluss? Gibt es Gewohnheiten, die das Gewissen abstumpfen lassen oder die Bereitschaft zum Gehorsam schwächen? Solche Fragen sollen nicht zu ständiger Selbstbeobachtung aus Angst führen, sondern zu ehrlicher geistlicher Wachsamkeit. Wer erkennt, dass eine bestimmte Gewohnheit ihn von Gott entfernt, sollte sie nicht mit dem Hinweis entschuldigen, sie sei bisher immer Teil seines Lebens gewesen. Gottes Gnade eröffnet die Möglichkeit, einen anderen Weg einzuschlagen.

Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass wahrer Gehorsam im Herzen beginnt. Ein Mensch kann äußerlich vieles richtig machen und dennoch von Stolz, Menschenfurcht oder dem Wunsch nach Anerkennung bestimmt werden. Paulus spricht dagegen von einem Gehorsam, der aus innerer Überzeugung erwächst. Deshalb genügt es nicht, sich ausschließlich zu fragen, ob eine bestimmte Handlung äußerlich erlaubt oder verboten ist. Ebenso wichtig ist die Frage, aus welcher Haltung heraus sie geschieht. Wird die Wahrheit gesprochen, weil man Gott liebt und dem anderen Menschen gerecht werden möchte, oder nur deshalb, weil man negative Konsequenzen fürchtet? Wird einem Menschen geholfen, weil seine Not ernst genommen wird, oder weil man dafür bewundert werden möchte? Solche Fragen betreffen nicht nur das sichtbare Verhalten, sondern die Beweggründe des Herzens. Gottes Ziel ist ein Gehorsam, bei dem die innere Haltung und das äußere Handeln zunehmend übereinstimmen.

Eine weitere Lektion besteht darin, christliche Freiheit nicht mit Unabhängigkeit von Gottes Willen zu verwechseln. Der Mensch kann sich von göttlichen Maßstäben lösen und diesen Zustand zunächst als Befreiung empfinden. Doch wenn dadurch Egoismus, Unwahrhaftigkeit oder ungeordnete Begierden mehr Einfluss gewinnen, entsteht keine tiefere Freiheit. Paulus fordert seine Leser deshalb auf, nicht allein auf die unmittelbaren Vorteile einer Entscheidung zu achten, sondern ihre langfristigen Folgen zu bedenken. Eine Handlung sollte nicht nur danach beurteilt werden, was sie heute verspricht, sondern auch danach, welchen Menschen sie aus uns macht und wohin sie uns führt. Wahre Freiheit wird nicht daran gemessen, wie viele Wünsche ungeprüft ausgelebt werden können, sondern daran, ob der Mensch zunehmend fähig wird, das Gute zu erkennen und ihm zu folgen.

Auch die Heiligung erhält dadurch eine praktische Bedeutung. Geistliches Wachstum besteht nicht nur aus außergewöhnlichen religiösen Erfahrungen oder großen Entscheidungen. Häufig zeigt es sich darin, dass ein Mensch in alltäglichen Situationen geduldiger, wahrhaftiger, selbstbeherrschter und liebevoller handelt. Vielleicht lernt er, im Streit nicht sofort verletzend zu reagieren, eine eigene Schuld ohne Ausflüchte einzugestehen oder auf einen Vorteil zu verzichten, der nur durch Unehrlichkeit zu erreichen wäre. Solche Entscheidungen können Ausdruck eines Herzens sein, das sich von Gott verändern lässt. Die Heiligung ist deshalb keine vom gewöhnlichen Leben abgetrennte religiöse Tätigkeit. Sie betrifft gerade jene Situationen, in denen sichtbar wird, welche Überzeugungen das Denken und Handeln tatsächlich bestimmen.

Gleichzeitig sollte der Weg der Heiligung niemals mit dem Anspruch verwechselt werden, aus eigener Kraft sündlos werden zu müssen. Paulus stellt den Gehorsam in den Zusammenhang der Gnade Gottes. Daraus folgt, dass der Gläubige sowohl seine Verantwortung als auch seine Abhängigkeit von Christus ernst nehmen soll. Wer einer Versuchung widersteht, hat keinen Grund, sich selbst als geistlich überlegen zu betrachten. Wer dagegen versagt, sollte seine Schuld weder verharmlosen noch daraus schließen, dass jede Hoffnung verloren sei. Der angemessene Weg besteht darin, die Sünde ehrlich zu erkennen, vor Gott zu bekennen, seine Vergebung anzunehmen und sich erneut nach seinem Willen auszurichten. Geistliche Reife zeigt sich nicht darin, dass ein Mensch seine Schwächen nicht mehr wahrnimmt, sondern darin, dass er mit ihnen aufrichtig vor Gott tritt und bereit bleibt, sich verändern zu lassen.

Von besonderer Bedeutung ist außerdem die Frage nach der Frucht des eigenen Lebens. Paulus fordert die Gläubigen auf, über den tatsächlichen Ertrag ihrer früheren Lebensweise nachzudenken. Diese Frage kann auch heute helfen, scheinbar erstrebenswerte Ziele genauer zu beurteilen. Nicht alles, was kurzfristig Freude, Anerkennung oder Erfolg bringt, führt langfristig zu einem guten Leben. Manche Entscheidungen hinterlassen zerstörte Beziehungen, ein belastetes Gewissen oder eine wachsende Entfernung von Gott. Andere Entscheidungen können zunächst Verzicht, Geduld oder Selbstüberwindung erfordern und dennoch langfristig Frieden, Vertrauen und geistliche Reife fördern. Wer seine Lebensrichtung prüfen möchte, sollte deshalb nicht ausschließlich nach dem unmittelbaren Nutzen fragen, sondern auch danach, welche Frucht seine Entscheidungen mit der Zeit hervorbringen.

Schließlich lehrt Römer 6, dass das ewige Leben niemals zum Gegenstand menschlichen Stolzes werden darf. Selbst wenn ein Mensch in seinem Glauben wächst, treu bleibt und Gottes Gebote ernst nimmt, kann er daraus keinen Anspruch ableiten, Gott müsse ihn aufgrund seiner Leistungen retten. Paulus bezeichnet das ewige Leben ausdrücklich als Gottes Geschenk. Diese Wahrheit schützt sowohl vor Selbstgerechtigkeit als auch vor Hoffnungslosigkeit. Wer Fortschritte im Glauben erlebt, darf Gott dafür danken, statt sich über andere zu erheben. Wer dagegen seine eigene Unvollkommenheit erkennt, darf wissen, dass seine Hoffnung nicht auf der Menge seiner Verdienste beruht. Die Grundlage der Rettung bleibt Jesus Christus, der sein Leben für die Menschen gegeben hat und durch seine Auferstehung die Macht des Todes überwunden hat.

So lädt Römer 6 zu einer Lebenshaltung ein, die von Dankbarkeit, Wachsamkeit und Vertrauen geprägt ist. Der Mensch soll die Sünde weder entschuldigen noch sich einbilden, sie durch eigene Kraft vollständig beherrschen zu können. Er darf sich vielmehr Christus anvertrauen, dessen Gnade vergibt, befreit und erneuert. Jeder Tag bietet neue Gelegenheiten, diese Zugehörigkeit in konkreten Entscheidungen zum Ausdruck zu bringen. Das Ziel besteht nicht darin, sich durch ein vorbildliches Leben Gottes Liebe zu verdienen, sondern aus seiner Liebe heraus ein Leben zu führen, das ihm Ehre macht. Über allen gegenwärtigen Kämpfen steht dabei die Verheißung, mit der Paulus das Kapitel beendet: Das ewige Leben ist Gottes Geschenk durch Jesus Christus, unseren Herrn.