Römer 5
Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern HERRN Jesus Christus,
21 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern HERRN Jesus Christus,
- 2 durch welchen wir auch den Zugang haben im Glauben zu dieser Gnade, darin wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben soll.
- 3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale, dieweil wir wissen, daß Trübsal Geduld bringt;
- 4 Geduld aber bringt Erfahrung; Erfahrung aber bringt Hoffnung;
- 5 Hoffnung aber läßt nicht zu Schanden werden. Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.
- 6 Denn auch Christus, da wir noch schwach waren nach der Zeit, ist für uns Gottlose gestorben.
- 7 Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen dürfte vielleicht jemand sterben.
- 8 Darum preiset Gott seine Liebe gegen uns, daß Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren.
- 9 So werden wir ja viel mehr durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir durch sein Blut gerecht geworden sind.
- 10 Denn so wir Gott versöhnt sind durch den Tod seines Sohnes, da wir noch Feinde waren, viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, so wir nun versöhnt sind.
- 11 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern HERRN Jesus Christus, durch welchen wir nun die Versöhnung empfangen haben.
- 12 Derhalben, wie durch einen Menschen die Sünde ist gekommen in die Welt und der Tod durch die Sünde, und ist also der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, dieweil sie alle gesündigt haben;
- 13 denn die Sünde war wohl in der Welt bis auf das Gesetz; aber wo kein Gesetz ist, da achtet man der Sünde nicht.
- 14 Doch herrschte der Tod von Adam an bis auf Moses auch über die, die nicht gesündigt haben mit gleicher Übertretung wie Adam, welcher ist ein Bild des, der zukünftig war.
- 15 Aber nicht verhält sich's mit der Gabe wie mit der Sünde. Denn so an eines Sünde viele gestorben sind, so ist viel mehr Gottes Gnade und Gabe vielen reichlich widerfahren durch die Gnade des einen Menschen Jesus Christus.
- 16 Und nicht ist die Gabe allein über eine Sünde, wie durch des einen Sünders eine Sünde alles Verderben. Denn das Urteil ist gekommen aus einer Sünde zur Verdammnis; die Gabe aber hilft auch aus vielen Sünden zur Gerechtigkeit.
- 17 Denn so um des einen Sünde willen der Tod geherrscht hat durch den einen, viel mehr werden die, so da empfangen die Fülle der Gnade und der Gabe zur Gerechtigkeit, herrschen im Leben durch einen, Jesum Christum.
- 18 Wie nun durch eines Sünde die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen.
- 19 Denn gleichwie durch eines Menschen Ungehorsam viele Sünder geworden sind, also auch durch eines Gehorsam werden viele Gerechte.
- 20 Das Gesetz aber ist neben eingekommen, auf daß die Sünde mächtiger würde. Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden,
- 21 auf daß, gleichwie die Sünde geherrscht hat zum Tode, also auch herrsche die Gnade durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesum Christum, unsern HERRN.
Kapitelüberblick
Wer durch den Glauben an Jesus Christus gerechtfertigt wird, darf in einer neuen Beziehung zu Gott leben. Paulus beschreibt, wie aus der Rechtfertigung Frieden mit Gott, Zugang zu seiner Gnade und eine Hoffnung erwachsen, die selbst durch Leiden nicht zerstört werden muss. Diese Hoffnung gründet in Gottes Liebe, die sich besonders darin offenbart, dass Christus für die Menschen starb, als sie noch Sünder und von Gott entfremdet waren. Durch seinen Tod ist Versöhnung möglich geworden, und durch sein auferstandenes Leben wird die zukünftige Rettung der Glaubenden zugesichert.
Anschließend stellt Paulus zwei Menschen gegenüber, deren Handeln weitreichende Folgen für die Menschheit hat: Adam und Jesus Christus. Durch Adams Ungehorsam kamen Sünde und Tod in die menschliche Geschichte. Durch Christi Gehorsam eröffnet Gott dagegen den Weg zu Gerechtigkeit und ewigem Leben. Obwohl das Gesetz die Übertretung hervortreten lässt, besitzt die Sünde nicht das letzte Wort. Gottes Gnade erweist sich als mächtiger und führt durch Jesus Christus zum ewigen Leben.
Einführung
In den vorhergehenden Kapiteln seines Briefes hat Paulus eine grundlegende Frage behandelt: Wie kann ein sündiger Mensch vor einem heiligen und gerechten Gott bestehen? Dabei wendet er sich sowohl an Juden als auch an Menschen aus den anderen Völkern. Die jüdischen Leser kannten Gottes Gesetz und die Verheißungen an Israel, während die nichtjüdischen Gläubigen ursprünglich außerhalb dieser Bundesgeschichte standen. Paulus zeigt jedoch, dass weder die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk noch die eigenen religiösen Leistungen einen Menschen vor Gott gerecht machen können. Alle Menschen haben gesündigt und sind auf seine Barmherzigkeit angewiesen (Römer 3,9–23).
Um zu erklären, wie Gott Menschen dennoch gerecht spricht, verweist Paulus im vierten Kapitel auf Abraham. Dieser wurde nicht aufgrund eigener Verdienste gerechtfertigt, sondern weil er Gott glaubte. Besonders bedeutsam ist dabei, dass Abraham bereits vor seiner Beschneidung als gerecht angesehen wurde (Römer 4,9–12). Damit macht Paulus deutlich, dass der Zugang zu Gottes Gerechtigkeit nicht von der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk abhängig ist.
Am Ende des vierten Kapitels richtet sich der Blick ausdrücklich auf Jesus Christus, der wegen unserer Übertretungen dahingegeben und zu unserer Rechtfertigung auferweckt wurde (Römer 4,24–25). Mit dieser Aussage ist der unmittelbare Ausgangspunkt für die folgenden Verse geschaffen.
Wenn Paulus nun in Römer 5 mit den Worten „Da wir nun“ ansetzt, führt er seine bisherige Argumentation weiter. Die Rechtfertigung ist keine bloße religiöse Theorie, sondern betrifft das wirkliche Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen. Von dieser Grundlage aus erschließt Paulus Schritt für Schritt die weitreichende Bedeutung dessen, was Gott durch seinen Sohn getan hat.
Römer 5,1–2
Frieden mit Gott und ein fester Stand in seiner Gnade
Paulus beginnt seine Erklärung mit einer bemerkenswerten Feststellung: Wer durch den Glauben gerechtfertigt worden ist, hat Frieden mit Gott durch Jesus Christus. Dabei spricht er nicht von einem Ziel, das der Mensch durch besondere Anstrengungen erst erreichen müsste, sondern von einer Wirklichkeit, die aus Gottes bereits vollbrachtem Erlösungshandeln hervorgeht. Das einleitende „Da wir nun“ verbindet diese Aussage unmittelbar mit den vorhergehenden Kapiteln. Dort hatte Paulus erklärt, dass kein Mensch durch eigene Gesetzeswerke vor Gott gerecht werden kann, sondern dass Gott den Glaubenden aufgrund des Erlösungswerkes Jesu Christi gerecht spricht (Römer 3,23–26). Die Rechtfertigung ist somit nicht die Belohnung für ein vollkommen geführtes Leben. Sie beruht auf Gottes Gnade und wird im Glauben angenommen.
Der Begriff „gerechtfertigt“ stammt aus dem Bereich des Rechts und bezeichnet hier Gottes Urteil über den Menschen. Obwohl der Mensch tatsächlich gesündigt hat, nimmt Gott den Glaubenden aufgrund Christi als gerecht an. Das bedeutet nicht, dass Gott die Sünde für unbedeutend erklärt oder so tut, als hätte sie niemals existiert. Vielmehr hat er in Jesus Christus selbst die Grundlage geschaffen, auf der Vergebung möglich ist, ohne seine Gerechtigkeit aufzugeben (Römer 3,24–26). Der Glaube ist dabei keine eigene Leistung, mit der sich der Mensch Gottes Annahme verdient. Er bedeutet, Gottes Zusage zu vertrauen und sich auf das zu verlassen, was Christus getan hat. Deshalb richtet Paulus die Aufmerksamkeit von Anfang an nicht auf die religiöse Stärke des Menschen, sondern auf Jesus Christus als denjenigen, durch den die neue Beziehung zu Gott möglich wird.
Wenn Paulus in Vers 1 vom Frieden mit Gott spricht, meint er deshalb wesentlich mehr als ein ruhiges Gewissen oder ein angenehmes inneres Gefühl. Ein Mensch kann sich zeitweise friedlich fühlen, obwohl sein Verhältnis zu Gott ungeklärt ist. Umgekehrt kann ein gläubiger Mensch unter Sorgen, Anfechtungen oder innerer Unruhe leiden und dennoch Frieden mit Gott haben. Dieser Frieden bezeichnet vor allem das Ende der Entfremdung, die durch die Sünde entstanden ist. In Römer 5,10 beschreibt Paulus den früheren Zustand des Menschen sogar als Feindschaft gegenüber Gott und spricht anschließend von der Versöhnung durch den Tod seines Sohnes. Der Friede aus Vers 1 ist daher keine bloße Stimmung, sondern Ausdruck eines wiederhergestellten Verhältnisses. Weil Gott den Menschen durch Christus angenommen hat, muss dieser nicht länger versuchen, sich aus eigener Kraft eine Stellung vor Gott zu erarbeiten.
Dabei liegt die entscheidende Betonung auf den Worten „durch unsren Herrn Jesus Christus“. Paulus sagt nicht einfach, dass Gott und Mensch wieder miteinander Frieden haben, sondern nennt ausdrücklich denjenigen, durch den diese Versöhnung zustande gekommen ist. Jesus ist nicht lediglich ein Lehrer, der den Menschen den Weg zum Frieden erklärt. Sein eigenes Handeln bildet die Grundlage dieses Friedens. Die Bedeutung seines Todes wird Paulus in den Versen 6–11 noch ausführlicher entfalten. Schon jetzt steht jedoch fest, dass der Zugang zu Gott nicht auf menschlicher Würdigkeit beruht. Der Sünder wird nicht angenommen, weil er zuvor jede Schwäche überwunden hätte, sondern weil Christus die Voraussetzung für seine Annahme geschaffen hat.
Eine kleine Besonderheit der griechischen Textüberlieferung verdient an dieser Stelle Beachtung. Während zahlreiche Handschriften die Aussage „wir haben Frieden“ unterstützen, enthalten andere alte Handschriften eine Form, die als „lasst uns Frieden haben“ übersetzt werden kann. Die Schlachter 1951 folgt der ersten Lesart. Die beiden Möglichkeiten setzen unterschiedliche Akzente: Entweder beschreibt Paulus unmittelbar den bestehenden Frieden oder er fordert die Glaubenden auf, in diesem Frieden zu leben. Die grundlegende Aussage über die durch Christus geschehene Versöhnung wird dadurch jedoch nicht aufgehoben. Der Zusammenhang des Kapitels, besonders die Verse 10–11, bestätigt ausdrücklich, dass die Versöhnung auf Gottes bereits geschehenem Handeln beruht. Darum bleibt die Gewissheit des Friedens fest in Christus verankert und hängt nicht von wechselnden menschlichen Empfindungen ab.
In Vers 2 erweitert Paulus diesen Gedanken. Durch Jesus Christus haben die Glaubenden im Glauben Zutritt zu der Gnade erlangt, in der sie stehen. Das Wort „Zutritt“ beschreibt den eröffneten Zugang zu einer Stellung, die dem Menschen vorher nicht aus eigener Berechtigung offenstand. Entscheidend ist dabei, dass Christus diesen Zugang ermöglicht. Ein anschaulicher Vergleich findet sich in Epheser 2,18, wo Paulus erklärt, dass Juden und Menschen aus den anderen Völkern durch Christus in einem Geist Zugang zum Vater haben. Während menschliche Ordnungen häufig zwischen Menschen unterscheiden, die Zutritt besitzen, und solchen, die ausgeschlossen bleiben, öffnet Christus den Weg zum Vater für alle, die im Glauben zu ihm kommen. Die Nähe zu Gott ist deshalb kein Vorrecht besonderer Abstammung oder außergewöhnlicher religiöser Leistung.
Besonders bedeutungsvoll ist anschließend die Formulierung, dass die Glaubenden in dieser Gnade „stehen“. Paulus beschreibt die Gnade nicht nur als eine einmalige Hilfe, die Gott bei der Vergebung gewährt und die danach ihre Bedeutung verliert. Sie ist zugleich die Grundlage der neuen Stellung vor Gott. Der Mensch beginnt sein Glaubensleben nicht durch Gottes unverdiente Zuwendung, um sich anschließend allein durch eigene Leistungen vor ihm behaupten zu müssen. Er bleibt auf dieselbe Gnade angewiesen, die ihn angenommen hat. Damit ist nicht gesagt, dass sein Verhalten gleichgültig wäre. Paulus wird in Römer 6 ausdrücklich erklären, weshalb die Gnade niemals als Erlaubnis zum Weiterleben in der Sünde verstanden werden darf. In Römer 5,2 geht es zunächst jedoch um die Sicherheit der Grundlage: Der Glaubende steht nicht auf seiner eigenen Vollkommenheit, sondern auf Gottes Gnade in Jesus Christus.
Schließlich verbindet Paulus diese gegenwärtige Stellung mit einer Hoffnung, die über das jetzige Leben hinausreicht. Die Glaubenden rühmen sich der Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. Dieses Rühmen ist etwas anderes als der menschliche Stolz auf eigene Leistungen, den Paulus zuvor ausgeschlossen hatte (Römer 3,27). Es bedeutet, sich voller Zuversicht über das zu freuen, was Gott verheißen hat. Die Herrlichkeit Gottes bezeichnet hier nicht nur seine gegenwärtige Größe und Heiligkeit, sondern weist besonders auf die zukünftige Vollendung der Erlösung hin, an der die Glaubenden Anteil erhalten sollen. In Römer 8,17–18 wird Paulus diesen Gedanken vertiefen, wenn er von der zukünftigen Herrlichkeit spricht, gegenüber der die Leiden der gegenwärtigen Zeit nicht ins Gewicht fallen. Die Hoffnung des Christen richtet sich somit nicht bloß darauf, dass seine gegenwärtigen Lebensumstände besser werden. Sie reicht bis zu jener Zukunft, in der Gottes Erlösungswerk vollständig offenbar werden wird.
Damit entsteht in diesen beiden Versen eine bemerkenswerte Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Rechtfertigung gründet auf dem bereits vollbrachten Werk Christi. Der Friede mit Gott und der Stand in seiner Gnade bestimmen das gegenwärtige Verhältnis des Glaubenden zu seinem Schöpfer. Die Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit richtet seinen Blick auf die kommende Vollendung. Keine dieser Wirklichkeiten steht für sich allein; sie gehören zu demselben Erlösungswerk. Gerade deshalb kann die christliche Hoffnung auch dann bestehen bleiben, wenn das gegenwärtige Leben von Schwierigkeiten geprägt ist. Mit diesem Gedanken bereitet Paulus den nächsten Abschnitt vor, in dem er erklärt, weshalb selbst Bedrängnisse die Hoffnung des Glaubenden nicht zwangsläufig zerstören müssen.
Römer 5,3–5
Wie Bedrängnisse den Glauben festigen und die Hoffnung stärken
Nachdem Paulus erklärt hat, dass die Glaubenden durch Jesus Christus Frieden mit Gott haben und in seiner Gnade stehen, führt er seine Gedanken in eine zunächst überraschende Richtung. Ihre Freude und Zuversicht beschränken sich nicht auf die Hoffnung auf die zukünftige Herrlichkeit. Sie können sogar mitten in den Trübsalen bestehen bleiben. Damit spricht Paulus eine Erfahrung an, die zunächst im Widerspruch zu den Verheißungen des Evangeliums zu stehen scheint. Wenn Gott den Menschen angenommen hat und ihm seine Gnade schenkt, weshalb begegnen ihm dann weiterhin Leid, Enttäuschungen und schwere Prüfungen? Paulus beantwortet diese Frage nicht mit der Behauptung, dass gläubige Menschen von Schwierigkeiten verschont bleiben müssten. Stattdessen beschreibt er, wie Gott selbst belastende Erfahrungen dazu gebrauchen kann, den Glauben zu festigen und die Hoffnung auf ihn zu vertiefen.
Das Wort „Trübsale“ in Vers 3 bezeichnet Bedrängnisse, also Situationen, in denen Menschen unter erheblichem Druck stehen. Dazu können Verfolgung um des Glaubens willen, Widerstand, Verluste und andere schwere Lebensumstände gehören. Paulus kannte solche Erfahrungen aus seinem eigenen Dienst. In 2. Korinther 11,23–28 berichtet er von Gefangenschaft, Misshandlungen, Gefahren, Entbehrungen und der Sorge um die Gemeinden. Seine Aussagen über Standhaftigkeit entstanden daher nicht aus einer unbeteiligten Betrachtung menschlichen Leidens. Er wusste aus eigener Erfahrung, wie belastend der Weg der Nachfolge sein konnte. Auch Jesus hatte seinen Jüngern ausdrücklich angekündigt, dass sie in der Welt Bedrängnis erleben würden, verband diese Warnung jedoch mit der Gewissheit seines Sieges (Johannes 16,33).
Bemerkenswert ist, dass Paulus nicht sagt, die Gläubigen müssten das Leiden selbst für etwas Gutes halten. Seine Freude richtet sich vielmehr auf das, was Gott selbst unter solchen Umständen bewirken kann. Der Ausdruck „wir rühmen uns“ verbindet Vers 3 mit der Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit in Vers 2. Dort freuen sich die Glaubenden über ihre zukünftige Vollendung; nun beschreibt Paulus eine Zuversicht, die auch dann nicht verloren gehen muss, wenn ihre gegenwärtigen Erfahrungen dieser Hoffnung zu widersprechen scheinen. Das bedeutet keineswegs, dass Christen keine Trauer empfinden dürften. Auch Jesus weinte angesichts des Todes seines Freundes Lazarus (Johannes 11,35), und Paulus forderte die Gläubigen ausdrücklich auf, mit den Weinenden zu weinen (Römer 12,15). Christliche Hoffnung verdrängt den Schmerz nicht. Sie ermöglicht es vielmehr, selbst innerhalb des Schmerzes an Gottes Verheißungen festzuhalten.
Als erste Frucht der Bedrängnis nennt Paulus die Standhaftigkeit. Darunter ist mehr zu verstehen als die Fähigkeit, unangenehme Situationen schweigend zu ertragen. Gemeint ist ein beharrliches Festhalten am Glauben, auch wenn die äußeren Umstände keinen unmittelbaren Anlass zur Hoffnung bieten. Ein solcher Mensch bleibt nicht deshalb bei Gott, weil jede seiner Erwartungen sofort erfüllt wird, sondern weil er gelernt hat, Gottes Treue höher zu achten als die wechselnden Bedingungen seines Lebens. Gerade darin kann eine Prüfung den Glauben vertiefen. Solange alles nach den eigenen Vorstellungen verläuft, lässt sich Vertrauen vergleichsweise leicht bekennen. Werden diese Vorstellungen jedoch erschüttert, stellt sich die Frage, worauf das Vertrauen tatsächlich gegründet ist. Jakobus beschreibt einen ähnlichen Zusammenhang, wenn er erklärt, dass die Bewährung des Glaubens standhaftes Ausharren hervorbringt (Jakobus 1,2–4).
Allerdings darf aus dieser Aussage kein unveränderliches Gesetz gemacht werden, nach dem jedes Leiden automatisch geistliche Reife hervorbringt. Schwierigkeiten können Menschen auch erschöpfen, verunsichern oder zu Fall bringen. Paulus spricht deshalb nicht von einer selbstständig wirkenden Kraft des Schmerzes, sondern von der Erfahrung der Glaubenden, die in ihrer Bedrängnis an Gottes Gnade festhalten. Die in Vers 2 beschriebene Stellung vor Gott bildet weiterhin die Grundlage. Nicht das Leiden rettet den Menschen oder macht ihn gerecht, sondern Gott kann ihn auch während des Leidens im Glauben bewahren und stärken. Diese Unterscheidung ist wichtig, damit aus der biblischen Ermutigung keine ungerechte Forderung an leidende Menschen entsteht. Wer unter einer schweren Prüfung zusammenbricht oder mit Zweifeln ringt, darf daraus nicht schließen, dass Gott ihn verlassen hat oder sein Glaube wertlos geworden sei.
In Vers 4 führt Paulus den Gedanken weiter: Die Standhaftigkeit bringt Bewährung hervor. Das griechische Wort, das hier mit „Bewährung“ übersetzt wird, bezeichnet etwas, das eine Prüfung bestanden hat und sich dabei als echt erwiesen hat. Im Mittelpunkt steht somit nicht die Vorstellung, dass ein Mensch durch Schwierigkeiten von selbst moralisch überlegen wird. Vielmehr kann sich sein Vertrauen auf Gott gerade dort bewähren, wo es auf Widerstände trifft. Ein Glaube, der trotz Enttäuschungen an Christus festhält, gewinnt eine erprobte Festigkeit. Der Gläubige erfährt, dass Gottes Treue nicht auf Zeiten äußerer Sicherheit beschränkt ist. Petrus verwendet einen verwandten Gedanken, wenn er die Bewährung des Glaubens mit Gold vergleicht, dessen Echtheit durch Feuer geprüft wird (1. Petrus 1,6–7). Das Bild betont den Wert eines Glaubens, der sich unter Belastung als echt erweist, ohne damit zu behaupten, Gott habe Freude am Leiden seiner Kinder.
Aus dieser Bewährung erwächst nach Paulus wiederum Hoffnung. Auf den ersten Blick könnte dieser Zusammenhang überraschen. Gewöhnlich würde man erwarten, dass eine schwere Prüfung einen Menschen eher hoffnungsloser macht. Paulus beschreibt jedoch einen anderen möglichen Verlauf: Wer in vergangenen Schwierigkeiten Gottes bewahrende Treue erfahren hat, kann daraus neue Zuversicht für die Zukunft gewinnen. Diese Hoffnung beruht nicht darauf, dass der Mensch nun seine eigene Widerstandskraft für unerschütterlich hält. Sie gründet vielmehr auf der Erkenntnis, dass Gott ihn auch dort nicht aufgegeben hat, wo seine eigenen Möglichkeiten begrenzt waren. So kann eine durchstandene Prüfung den Blick von der eigenen Schwachheit auf Gottes Verlässlichkeit lenken. Die Hoffnung, von der Paulus spricht, ist deshalb keine bloße Erwartung günstiger Lebensumstände. Sie bleibt auf die zukünftige Herrlichkeit aus Vers 2 ausgerichtet und gewinnt durch die Erfahrungen des Glaubens an Festigkeit.
In Vers 5 erklärt Paulus schließlich, weshalb diese Hoffnung nicht zuschanden werden lässt. Im biblischen Sprachgebrauch bedeutet eine solche Enttäuschung mehr als das Ausbleiben eines persönlichen Wunsches. Gemeint ist, dass sich das Vertrauen auf jemanden am Ende als unbegründet erweist. Paulus verspricht also nicht, dass jede menschliche Hoffnung erfüllt, jede Krankheit geheilt oder jede Schwierigkeit noch im gegenwärtigen Leben beseitigt wird. Er spricht von der Hoffnung, deren Grundlage Gottes eigenes Erlösungswerk ist. Wer sein Vertrauen auf die Verheißung Gottes setzt, soll am Ende nicht feststellen müssen, dass diese Verheißung leer gewesen ist. Einen ähnlichen Gedanken entwickelt Paulus in Römer 8,24–25, wo er erklärt, dass die Glaubenden auf etwas hoffen, das sie noch nicht sehen, und deshalb mit standhaftem Ausharren darauf warten. Gerade weil die endgültige Vollendung noch aussteht, braucht der Glaube eine Hoffnung, die über das gegenwärtig Sichtbare hinausreicht.
Die Begründung dafür findet sich in der zweiten Hälfte von Vers 5: Gottes Liebe ist durch den Heiligen Geist in die Herzen der Glaubenden ausgegossen worden. Paulus führt damit eine entscheidende neue Wirklichkeit ein. Die Gewissheit der christlichen Hoffnung entsteht nicht allein daraus, dass ein Mensch über Gottes Verheißungen nachdenkt oder frühere Erfahrungen richtig einordnet. Gott selbst wirkt durch seinen Geist im Inneren der Glaubenden. Das Bild der ausgegossenen Liebe bringt die Fülle und Freigebigkeit dieser göttlichen Zuwendung zum Ausdruck. Die Liebe Gottes wird dabei nicht lediglich als eine Information beschrieben, die der Mensch verstandesmäßig zur Kenntnis nimmt. Durch den Heiligen Geist darf er Gottes Liebe als eine gegenwärtige Wirklichkeit seines Lebens erkennen und im Glauben erfassen.
Mit der „Liebe Gottes“ ist in diesem Zusammenhang vor allem die Liebe gemeint, die von Gott ausgeht und den Menschen gilt. Das wird durch die unmittelbar folgenden Verse bestätigt. In Römer 5,6–8 erklärt Paulus, dass Christus für Gottlose und Sünder gestorben ist und Gott gerade dadurch seine Liebe zu den Menschen erweist. Der Heilige Geist lenkt die Glaubenden somit nicht auf eine Liebe, deren Ursprung sie selbst wären, sondern auf Gottes bereits offenbarte Liebe in Jesus Christus. Daraus erwächst wiederum die Liebe des Menschen zu Gott und zu seinen Mitmenschen, wie Paulus später in Römer 12,9–10 und Galater 5,22 entfaltet. Der Ausgangspunkt bleibt jedoch Gottes eigenes Handeln. Bevor der Mensch Gott lieben konnte, hat Gott sich ihm in Christus zugewandt.
Auch die Formulierung, dass der Heilige Geist den Glaubenden „gegeben worden ist“, verdient Beachtung. Paulus spricht vom Geist nicht als einer Belohnung für Menschen, die bereits alle Prüfungen erfolgreich bestanden haben. Seine Gabe gehört vielmehr zu Gottes gnädigem Handeln an denen, die durch den Glauben zu Christus gehören. In Römer 8,15–16 wird Paulus diesen Gedanken weiterführen und erklären, dass der Geist die Glaubenden in ihrer Gotteskindschaft bestärkt. Schon hier wird sichtbar, dass christliche Standhaftigkeit nicht ausschließlich eine Frage menschlicher Willenskraft ist. Gott lässt seine Kinder mit den Anforderungen des Glaubens nicht allein, sondern wirkt durch seinen Geist in ihnen. Diese Gegenwart Gottes bedeutet nicht, dass sie seine Liebe jederzeit gleich stark empfinden werden. Auch Zeiten innerer Trockenheit oder Unsicherheit heben die Wahrheit seiner Verheißungen nicht auf.
Damit schließt sich der Gedankengang dieser drei Verse. Die Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit führt Paulus zunächst zur Frage, wie sie sich angesichts wirklicher Bedrängnisse bewährt. Er beschreibt einen Weg, auf dem Standhaftigkeit und Bewährung diese Hoffnung vertiefen können. Schließlich zeigt er, dass ihre letzte Sicherheit nicht in menschlicher Belastbarkeit liegt, sondern in der Liebe Gottes, die durch den Heiligen Geist im Herzen wirksam wird. Nicht die Stärke des Menschen garantiert die Erfüllung seiner Hoffnung, sondern die Treue des Gottes, auf den er vertraut. Weshalb die Glaubenden dieser Liebe so gewiss sein dürfen, erklärt Paulus unmittelbar anschließend. In den Versen 6–8 richtet er den Blick auf den stärksten Beweis göttlicher Liebe: Jesus Christus gab sein Leben für Menschen, die noch Sünder waren und sich selbst nicht retten konnten.
Römer 5,6–8
Gottes Liebe zeigt sich im Tod Christi für die Sünder
Nachdem Paulus erklärt hat, dass die Liebe Gottes durch den Heiligen Geist in die Herzen der Glaubenden ausgegossen worden ist, richtet er den Blick auf das Ereignis, das diese Liebe am deutlichsten offenbart: den Tod Jesu Christi. In den Versen 6–8 begründet er, weshalb die Hoffnung der Glaubenden nicht auf unsicheren menschlichen Erwartungen beruht. Gottes Liebe ist keine bloße Behauptung und auch kein Versprechen, dessen Erfüllung noch völlig aussteht. Sie hat sich bereits in einer geschichtlichen Tat erwiesen. Christus ist für Menschen gestorben, die sich selbst nicht retten konnten und deren Leben keineswegs die Voraussetzungen erfüllte, die man gewöhnlich mit besonderer Liebe oder Anerkennung verbindet. Gerade darin liegt das Außergewöhnliche dieser göttlichen Zuwendung.
In Vers 6 beschreibt Paulus den damaligen Zustand der Menschen mit den Worten „als wir noch schwach waren“. Diese Schwachheit bezeichnet im Zusammenhang nicht in erster Linie körperliche Gebrechlichkeit oder mangelnde Belastbarkeit. Gemeint ist vielmehr die geistliche Hilflosigkeit des Menschen angesichts seiner Sünde. Bereits in Römer 3,9–23 hatte Paulus gezeigt, dass sowohl Juden als auch Menschen aus den anderen Völkern unter der Macht der Sünde stehen und niemand aufgrund eigener Gerechtigkeit vor Gott bestehen kann. Das Problem des Menschen besteht deshalb nicht lediglich darin, dass ihm noch einige gute Eigenschaften fehlen oder er zusätzliche religiöse Anstrengungen unternehmen müsste. Er braucht eine Rettung, deren Grundlage er selbst nicht schaffen kann. Auch die Erkenntnis des göttlichen Willens genügt nicht, um die bereits bestehende Schuld zu beseitigen. Deshalb hatte Paulus in Römer 3,20 erklärt, dass durch das Gesetz Erkenntnis der Sünde kommt, während die Rechtfertigung durch Gottes Gnade in Jesus Christus geschieht.
Diese Hilflosigkeit bedeutet allerdings nicht, dass der Mensch überhaupt keine moralischen Entscheidungen mehr treffen könnte oder für sein Handeln nicht verantwortlich wäre. Paulus spricht vielmehr von seiner Unfähigkeit, aus eigener Kraft die durch die Sünde entstandene Trennung von Gott zu überwinden. Selbst ein Mensch, der sich ernsthaft bemüht, sein Leben zu verbessern, kann dadurch seine vergangenen Übertretungen nicht ungeschehen machen. Gute Vorsätze sind keine ausreichende Sühne für begangenes Unrecht. Genau an dieser Stelle setzt das Evangelium an: Gott verlangt nicht, dass der Mensch zunächst selbst einen Weg zur vollkommenen Gerechtigkeit findet, bevor er ihm seine Hilfe anbietet. Christus ist gekommen, weil der Mensch diese Hilfe benötigt. Schon in Römer 4,5 hatte Paulus davon gesprochen, dass Gott den Gottlosen rechtfertigt, der an ihn glaubt. Nun erklärt er, welche göttliche Tat diese erstaunliche Möglichkeit eröffnet hat.
Besonders bedeutungsvoll ist die Aussage, dass Christus „zur rechten Zeit“ gestorben ist. Paulus beschreibt damit nicht einen zufälligen Zeitpunkt, an dem die geschichtlichen Umstände gerade günstig waren. Die Formulierung weist vielmehr darauf hin, dass Christi Tod innerhalb von Gottes Erlösungsabsicht zum entscheidenden Zeitpunkt geschah. Einen verwandten Gedanken finden wir in Galater 4,4–5, wo Paulus erklärt, dass Gott seinen Sohn sandte, als die Zeit erfüllt war, um Menschen zu erlösen. Die Initiative ging somit von Gott aus. Er handelte nicht erst, nachdem die Menschheit ihre Probleme selbst gelöst oder sich moralisch ausreichend verbessert hatte. Vielmehr geschah das rettende Eingreifen gerade in einer Situation, in der die Menschen weiterhin auf seine Barmherzigkeit angewiesen waren. Aus dem Ausdruck „zur rechten Zeit“ lässt sich für sich genommen keine vollständige geschichtliche Chronologie ableiten. Seine Bedeutung liegt hier vor allem darin, dass Gottes Heilshandeln weder zufällig noch von einer vorherigen Selbstrettung des Menschen abhängig war.
Am Ende von Vers 6 nennt Paulus diejenigen, für die Christus gestorben ist, ausdrücklich „Gottlose“. Damit verstärkt er seine vorherige Aussage. Er spricht nicht bloß von bedauernswerten Menschen, die Unterstützung benötigen, sondern von solchen, deren Verhältnis zu Gott durch die Sünde gestört ist. Das Wort bezeichnet Menschen, deren Leben nicht der gebührenden Ehrfurcht und Treue gegenüber Gott entspricht. Diese Beschreibung schließt Paulus selbst und seine gläubigen Leser in ihren früheren Zustand ein. Niemand soll sich einbilden, er habe Gottes Liebe ursprünglich deshalb empfangen, weil er zu den besonders Würdigen gehörte. Der entscheidende Gegensatz besteht zwischen dem Zustand der Menschen und dem Handeln Christi: Während sie Gott gegenüber schuldig und hilflos waren, gab Christus sein Leben für sie. Die Liebe Gottes begegnet dem Menschen somit nicht erst am Ende einer erfolgreichen moralischen Entwicklung, sondern bildet den Ausgangspunkt seiner Rettung.
In Vers 7 veranschaulicht Paulus die Besonderheit dieser Liebe durch einen Vergleich mit menschlichem Verhalten. Schon die Bereitschaft, für einen gerechten Menschen zu sterben, ist außerordentlich selten. Für einen Wohltäter, also einen Menschen, der anderen in besonderer Weise Gutes getan hat, könnte sich vielleicht jemand zu einem solchen Opfer entschließen. Paulus unterscheidet dabei zwischen einem Gerechten und einem Wohltäter. Der Gerechte lässt an einen rechtschaffenen Menschen denken, dessen Verhalten Anerkennung verdient. Der Wohltäter bezeichnet darüber hinaus jemanden, der anderen Gutes erweist und dadurch möglicherweise besondere Dankbarkeit oder Zuneigung hervorruft. Wie scharf Paulus beide Begriffe voneinander unterscheiden möchte, ist nicht vollständig sicher. Für seinen Gedankengang ist jedoch vor allem entscheidend, dass selbst die außergewöhnliche menschliche Bereitschaft zur Lebenshingabe gewöhnlich an eine besondere Beziehung oder die Wertschätzung des anderen Menschen gebunden ist.
Paulus behauptet damit keineswegs, Menschen seien grundsätzlich unfähig zu selbstloser Liebe. Die Bibel kennt ausdrücklich die Größe einer Liebe, die bereit ist, das eigene Leben für andere hinzugeben. Jesus selbst spricht in Johannes 15,13 von der besonderen Liebe dessen, der sein Leben für seine Freunde lässt. Auch das Neue Testament würdigt aufopfernde Liebe und fordert die Glaubenden dazu auf, nicht nur mit Worten, sondern durch tatsächliche Hilfe und Hingabe zu lieben (1. Johannes 3,16–18). Paulus benutzt den Vergleich daher nicht, um jede menschliche Liebe abzuwerten. Er möchte vielmehr den entscheidenden Unterschied sichtbar machen: Selbst dort, wo Menschen zu den größten Opfern bereit sind, geschieht dies häufig für Personen, zu denen eine besondere Verbundenheit besteht oder deren Leben als besonders wertvoll und liebenswert empfunden wird. Gottes Liebe geht noch weiter, weil sie sich Menschen zuwendet, die ihm gegenüber schuldig geworden sind.
Dieser Gegensatz erreicht in Vers 8 seinen Höhepunkt. Mit den Worten „Gott aber“ stellt Paulus die göttliche Liebe der zuvor beschriebenen menschlichen Bereitschaft zur Hingabe gegenüber. Gott beweist seine Liebe dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Die zeitliche Bestimmung ist dabei von größter Bedeutung. Christus starb nicht erst, nachdem die Menschen ihre Schuld beseitigt, ihren Charakter vollkommen verändert oder durch besondere Leistungen ihre Würdigkeit bewiesen hatten. Sein Tod geschah für Menschen, die tatsächlich Sünder waren. Die Liebe Gottes wird deshalb nicht als Reaktion auf bereits vorhandene menschliche Gerechtigkeit beschrieben. Sie geht der Rechtfertigung und Erneuerung des Menschen voraus und schafft überhaupt erst die Grundlage, auf der beides möglich wird.
Hier zeigt sich auch, dass Paulus Gottes Liebe nicht gegen das Handeln Jesu Christi ausspielt. Er beschreibt nicht einen liebenden Sohn, der einen ursprünglich lieblosen Vater erst dazu bewegen musste, den Menschen gnädig zu sein. Vielmehr ist es ausdrücklich Gott selbst, der seine Liebe durch den Tod Christi beweist. Das stimmt mit Johannes 3,16 überein, wo die Sendung des Sohnes aus Gottes Liebe zur Welt hervorgeht. Ebenso erklärt Paulus in 2. Korinther 5,19, dass Gott in Christus die Welt mit sich selbst versöhnte. Vater und Sohn stehen im Erlösungswerk daher nicht als Gegenspieler gegenüber. Der Tod Christi ist Ausdruck der göttlichen Liebe und gehört zugleich zu dem Handeln, durch das Gott die Versöhnung des sündigen Menschen ermöglicht. Die Initiative zur Rettung geht von dem Gott aus, gegen den der Mensch gesündigt hat.
Dabei dürfen die Worte „Christus für uns gestorben“ nicht auf ein bloßes Beispiel außergewöhnlicher Selbstlosigkeit reduziert werden. Der Tod Jesu offenbart zwar auf einzigartige Weise, wie weit göttliche Liebe reicht, doch Paulus verbindet ihn zugleich mit der tatsächlichen Rettung von Schuld und Gericht. Schon Römer 4,25 hatte erklärt, dass Jesus wegen unserer Übertretungen dahingegeben wurde. In den folgenden Versen wird Paulus ausdrücklich von der Rechtfertigung durch sein Blut und der Versöhnung durch seinen Tod sprechen. Auch Jesaja 53,5–6 beschreibt den leidenden Gottesknecht als denjenigen, der wegen der Übertretungen anderer leidet und auf den die Schuld der Menschen gelegt wird. Die Liebe Gottes bleibt somit nicht bei einem Zeichen des Mitgefühls stehen. Sie nimmt die Wirklichkeit der Sünde ernst und schafft den Weg, auf dem schuldige Menschen Vergebung und Gemeinschaft mit Gott empfangen können.
Gerade deshalb wäre es ein Missverständnis, aus diesen Versen zu schließen, Gott betrachte die Sünde letztlich als belanglos. Die Tatsache, dass Christus für Sünder starb, verharmlost ihre Schuld nicht. Vielmehr zeigt die Größe seines Opfers, wie ernst die Trennung zwischen Gott und Mensch ist und wie weit Gottes Liebe reicht, um diese Trennung zu überwinden. Gottes Barmherzigkeit besteht nicht darin, dass er Gut und Böse für gleichgültig erklärt. Er wendet sich dem sündigen Menschen zu, um ihn zu retten und aus der Herrschaft der Sünde zu befreien. Deshalb wird Paulus im sechsten Kapitel entschieden zurückweisen, dass die Gnade ein Anlass sein könnte, absichtlich in der Sünde zu bleiben (Römer 6,1–4). Die Liebe, die dem Menschen unverdient begegnet, ist zugleich die Liebe, die ihn zu einem neuen Leben führen möchte.
Für die Glaubenden besitzt diese Aussage schließlich eine besondere Bedeutung, wenn sie an ihren eigenen Fehlern und ihrer Unvollkommenheit verzweifeln. Ihre Hoffnung beruht nicht darauf, dass sie Gott durch außergewöhnliche moralische Leistungen erst zu ihrer Liebe bewegen könnten. Gottes Liebe hat sich bereits erwiesen, als sie noch Sünder waren. Wer im Glauben zu Christus kommt, darf deshalb darauf vertrauen, dass seine Annahme nicht von einer zuvor erreichten menschlichen Vollkommenheit abhängig ist. Das rechtfertigt weder Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde noch den Verzicht auf Umkehr. Es bedeutet vielmehr, dass echte Umkehr und ein erneuertes Leben auf Gottes vorausgehender Gnade beruhen. Der Mensch kommt nicht zu Christus, weil er sich bereits selbst gerettet hätte, sondern weil er bei Christus die Rettung findet, die er aus eigener Kraft nicht erlangen kann.
Damit beantwortet Paulus zugleich die Frage, die seit Vers 5 im Raum steht: Weshalb dürfen die Glaubenden darauf vertrauen, dass ihre Hoffnung sie nicht enttäuschen wird? Weil Gott seine Liebe nicht nur zugesagt, sondern durch den Tod seines Sohnes bereits unwiderruflich als geschichtliche Tat offenbart hat. Wenn Christus für die Menschen starb, als sie noch Sünder waren, dann gründet ihre Hoffnung auf einer Liebe, die ihrer eigenen Würdigkeit vorausgeht. Aus dieser bereits erwiesenen Liebe entwickelt Paulus in den folgenden Versen eine weitere Schlussfolgerung: Wenn Gott durch Christi Tod die Versöhnung ermöglicht hat, wie viel mehr dürfen die nun Gerechtfertigten darauf vertrauen, dass er sein begonnenes Erlösungswerk auch zur endgültigen Rettung führen wird.
Römer 5,9–11
Durch Christi Tod versöhnt und durch sein Leben gerettet
Nachdem Paulus die außergewöhnliche Liebe Gottes beschrieben hat, zieht er daraus eine weitreichende Schlussfolgerung. Wenn Christus bereits für die Menschen gestorben ist, als sie noch Sünder waren, wie viel mehr dürfen diejenigen, die durch ihn gerechtfertigt worden sind, darauf vertrauen, dass Gott sie auch zur endgültigen Rettung führen wird? Mit dieser Überlegung richtet Paulus den Blick von dem bereits geschehenen Erlösungswerk auf seine zukünftige Vollendung. Er verbindet zwei Wirklichkeiten miteinander, die für das Verständnis des Evangeliums untrennbar zusammengehören: die gegenwärtige Rechtfertigung des Glaubenden und seine zukünftige Rettung vor dem göttlichen Gericht. Die Gewissheit dieser Hoffnung beruht nicht auf der Vorstellung, dass der Mensch von nun an aus eigener Kraft vollkommen bestehen könnte. Sie gründet darauf, dass Gott in Jesus Christus bereits gehandelt hat und sein Erlösungswerk auf die endgültige Befreiung von Sünde und Tod ausgerichtet ist.
In Vers 9 erklärt Paulus, dass die Glaubenden durch das Blut Jesu Christi gerechtfertigt worden sind. Diese Formulierung vertieft die vorherige Aussage über seinen Tod. In der biblischen Sprache ist das Blut eng mit dem Leben verbunden. Nach 3. Mose 17,11 liegt das Leben des Fleisches im Blut, und Gott hatte das Blut für den Opferdienst bestimmt, damit Sühnung geschehen konnte. Deshalb erinnert die Rede vom Blut Christi an die Hingabe seines Lebens und an die Bedeutung seines Todes als Opfer für die Sünde. Paulus verwendet diesen Gedanken bereits in Römer 3,25, wo er Christus als den von Gott bestimmten Ort beziehungsweise das Mittel der Sühnung beschreibt, die im Glauben an sein Blut angenommen wird. Dabei geht es nicht darum, dass Blut als körperliche Substanz unabhängig von der Person und dem Handeln Jesu eine besondere rettende Kraft besäße. Entscheidend ist, dass Christus sein Leben tatsächlich für die Sünder hingegeben hat. Seine Selbsthingabe bildet die Grundlage dafür, dass Gott Menschen gerecht sprechen kann, die aus eigener Leistung keinen Anspruch auf einen solchen Freispruch besitzen.
Mit der Aussage über die Rechtfertigung durch Christi Blut unterstreicht Paulus zugleich den Ernst der menschlichen Schuld. Gottes Vergebung bedeutet nicht, dass begangenes Unrecht bedeutungslos geworden wäre. Bereits in Römer 3,25–26 hatte Paulus erklärt, dass Gott durch Christus seine Gerechtigkeit erweist und zugleich denjenigen rechtfertigt, der an Jesus glaubt. Die göttliche Barmherzigkeit geschieht somit nicht auf Kosten der Gerechtigkeit. In der Hingabe seines Sohnes nimmt Gott die Sünde ernst und eröffnet dennoch den Weg zur Vergebung. Das erklärt auch, weshalb Paulus die Rettung niemals als menschlichen Verdienst beschreibt. Wenn bereits die Rechtfertigung den Tod Christi erforderte, kann der Mensch sie nicht nachträglich durch eigene religiöse Leistungen erwerben. Gute Werke und ein gehorsames Leben haben ihren Platz als Frucht einer erneuerten Beziehung zu Gott, aber sie ersetzen nicht die Erlösung, die allein durch Christus möglich geworden ist.
Anschließend spricht Paulus von der zukünftigen Rettung vor dem „Zorngericht“. Dieser Ausdruck kann leicht missverstanden werden, wenn man den Zorn Gottes mit menschlichen Wutausbrüchen gleichsetzt. Menschen reagieren im Zorn häufig unbeherrscht, ungerecht oder aus verletztem Stolz. Wenn die Bibel dagegen vom gerechten Zorn Gottes spricht, geht es um seine heilige und entschiedene Haltung gegenüber dem Bösen sowie um sein gerechtes Gericht darüber. In Römer 1,18 hatte Paulus bereits erklärt, dass Gottes Zorn über die Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen offenbar wird. In Römer 2,5–8 spricht er von einem kommenden Tag, an dem Gottes gerechtes Urteil offenbar werden wird. Der Zorn Gottes ist deshalb keine Laune, die durch ein Opfer besänftigt werden müsste, sondern gehört zu seiner Gerechtigkeit, die Sünde und Unrecht nicht für immer ungerichtet lässt. Ein Gott, dem Bosheit, Gewalt und Unterdrückung gleichgültig wären, könnte auch kein vollkommen gerechter Richter sein.
Gerade an dieser Stelle wird sichtbar, wie eng Gottes Liebe und seine Gerechtigkeit miteinander verbunden sind. Paulus hatte unmittelbar zuvor erklärt, dass Gott seine Liebe dadurch beweist, dass Christus für Sünder gestorben ist. Derselbe Gott, dessen Gericht über die Sünde angekündigt wird, hat also selbst den Weg zur Rettung eröffnet. Es wäre deshalb falsch, den Vater als einen ursprünglich lieblosen Richter darzustellen, den Jesus erst durch seinen Tod zur Barmherzigkeit bewegen musste. Ebenso wäre es falsch, Gottes Liebe so zu verstehen, als gäbe es überhaupt kein wirkliches Gericht über die Sünde. Paulus hält beide Aussagen zusammen: Gott liebt den sündigen Menschen und handelt zu seiner Rettung, während seine Heiligkeit und Gerechtigkeit unverändert bestehen bleiben. Das Kreuz ist nicht der Augenblick, in dem Gott aufhört, gerecht zu sein, sondern der Ort, an dem seine Liebe und seine Gerechtigkeit gemeinsam sichtbar werden. Diese Verbindung findet sich auch in Johannes 3,16–18, wo Gottes Liebe zur Welt und die Rettung vor dem Gericht unmittelbar miteinander verbunden sind.
Die Zuversicht des Paulus liegt in der Formulierung „wieviel mehr“. Damit entwickelt er einen Schluss vom bereits Geschehenen auf das noch Zukünftige. Gott hat den entscheidenden Schritt zur Rettung getan, als die Menschen noch Sünder waren. Nun, da sie durch Christus gerechtfertigt sind, besitzen sie umso mehr Grund, seiner Verheißung der endgültigen Rettung zu vertrauen. Die Hoffnung auf das kommende Heil steht also nicht auf einer schwächeren Grundlage als die gegenwärtige Vergebung. Beide beruhen auf demselben Erlöser. Paulus möchte mit diesem Vergleich jedoch nicht behaupten, dass ein Mensch unabhängig von seinem weiteren Verhältnis zu Christus automatisch gerettet werde. Der gesamte Zusammenhang spricht von denen, die durch Glauben gerechtfertigt worden sind und in Gottes Gnade stehen. Später wird Paulus ausdrücklich zeigen, dass der Glaube nicht mit einem gleichgültigen Festhalten an der Sünde vereinbar ist (Römer 6,1–4). Die Zusicherung in Römer 5 richtet den Blick deshalb auf die Verlässlichkeit Christi und nicht auf eine vom Glauben und von der Gemeinschaft mit ihm losgelöste Sicherheit.
In Vers 10 erläutert Paulus denselben Gedanken mit einer weiteren Gegenüberstellung. Er beschreibt die Menschen vor ihrer Versöhnung mit Gott als „Feinde“. Dieses Wort verschärft die vorherige Beschreibung als schwach, gottlos und sündig. Durch die Sünde ist nicht lediglich ein freundschaftliches Verhältnis abgekühlt; zwischen dem Willen Gottes und dem sündigen menschlichen Denken besteht ein grundlegender Gegensatz. In Römer 8,7 wird Paulus später erklären, dass die Gesinnung des Fleisches Feindschaft gegen Gott ist, weil sie sich seinem Gesetz nicht unterordnet. Auch Kolosser 1,21 beschreibt Menschen, die Gott einst entfremdet und in ihrer Gesinnung feindlich gegenüberstanden. Diese Feindschaft zeigt sich besonders darin, dass der Mensch seinen eigenen Willen an die Stelle des göttlichen Willens setzt. Er kann sich äußerlich religiös verhalten und dennoch innerlich gegen Gottes Wahrheit und Herrschaft auflehnen.
Allerdings darf die Bezeichnung „Feinde“ nicht zu der Behauptung führen, Gott habe die Menschen gehasst und ihnen erst nach dem Tod Christi Liebe entgegengebracht. Schon die vorhergehenden Verse schließen eine solche Vorstellung aus. Gottes Liebe war der Grund seines rettenden Eingreifens. Dennoch bestand eine wirkliche Trennung, die nicht durch eine bloße Änderung menschlicher Gefühle beseitigt werden konnte. Die Sünde hatte Schuld hervorgebracht und den Menschen unter Gottes gerechtes Urteil gestellt. Deshalb war echte Versöhnung notwendig. Sie bedeutet mehr als die Bereitschaft, nicht länger feindselig zu denken. Gemeint ist die Wiederherstellung einer Beziehung, die durch das Unrecht des Menschen zerstört worden war. Paulus sagt ausdrücklich, dass diese Versöhnung durch den Tod des Sohnes Gottes geschehen ist. Sie gründet somit auf einem tatsächlichen Handeln Gottes und nicht bloß auf einer neuen menschlichen Sichtweise.
Bemerkenswert ist die Reihenfolge, in der Paulus diese Versöhnung beschreibt. Nicht die Menschen haben zuerst ihre Feindschaft vollständig überwunden und dadurch Gott dazu veranlasst, ihnen entgegenzukommen. Vielmehr geschah Gottes rettendes Handeln gerade zu einer Zeit, als die Menschen noch Feinde waren. Damit bestätigt Paulus die Aussage aus Vers 8 und führt sie weiter. Gottes Gnade wartet nicht darauf, dass der Mensch aus eigener Kraft bereits alles in Ordnung gebracht hat. Sie schafft erst die Voraussetzung, unter der er zu Gott zurückkehren kann. In 2. Korinther 5,18–20 beschreibt Paulus dieselbe göttliche Initiative und erklärt, dass Gott die Menschen durch Christus mit sich selbst versöhnt hat. Zugleich lässt er die Aufforderung folgen, sich mit Gott versöhnen zu lassen. Darin liegt kein Widerspruch. Das Versöhnungswerk Christi ist die von Gott geschaffene Grundlage; der Mensch ist aufgerufen, diese Versöhnung im Glauben anzunehmen und sich nicht länger gegen Gott zu stellen.
Nun folgt der zweite und besonders bedeutende Teil von Vers 10: Die bereits Versöhnten werden durch das Leben Christi gerettet werden. Paulus spricht hier nicht mehr nur von Jesu Tod, sondern ausdrücklich von seinem Leben. Damit erinnert er daran, dass der gekreuzigte Christus nicht im Grab geblieben ist. Gott hat ihn von den Toten auferweckt, wie Paulus bereits am Ende des vierten Kapitels betont hatte (Römer 4,24–25). Der Erlöser, der sein Leben für die Sünder hingab, ist zugleich der lebendige Herr, durch den Gottes Rettungsabsicht ihre Vollendung erreicht. Das Heil der Glaubenden beruht deshalb nicht auf der Erinnerung an einen verstorbenen Wohltäter. Sie gehören einem auferstandenen Christus, dessen Leben nicht mehr der Herrschaft des Todes unterliegt. In Römer 6,9 wird Paulus diesen Gedanken ausdrücklich entfalten und erklären, dass der Tod keine Macht mehr über Christus hat.
Die Aussage, dass wir durch sein Leben gerettet werden, erhält zusätzliche Tiefe durch andere neutestamentliche Stellen. In Römer 8,34 beschreibt Paulus den auferstandenen Christus als denjenigen, der zur Rechten Gottes ist und für die Glaubenden eintritt. Hebräer 7,25 erklärt, dass Jesus diejenigen vollständig retten kann, die durch ihn zu Gott kommen, weil er immer lebt, um für sie einzutreten. Diese Aussagen helfen zu verstehen, weshalb das gegenwärtige Leben Christi für die Erlösung von bleibender Bedeutung ist. Sein Tod und seine Auferstehung dürfen nicht voneinander getrennt werden. Während sein Tod die Grundlage der Versöhnung bildet, gehört sein fortdauerndes Leben zu Gottes Handeln, durch das die Glaubenden bewahrt und schließlich zur endgültigen Rettung geführt werden. Römer 5,10 selbst beschreibt noch nicht alle Einzelheiten dieses himmlischen Dienstes. Seine entscheidende Aussage lautet jedoch, dass der lebendige Christus ebenso wesentlich zum Heil gehört wie sein zuvor geschehener Tod.
Darin liegt ein besonderer Trost für Menschen, die mit ihrer eigenen Schwachheit ringen. Die Erlösung ist nicht lediglich ein abgeschlossener Vorgang der Vergangenheit, dessen weitere Entwicklung allein von ihrer persönlichen Leistungsfähigkeit abhinge. Jesus Christus ist auferstanden und lebt. Wer zu ihm gehört, darf deshalb nicht nur auf das zurückblicken, was Christus am Kreuz getan hat, sondern auch darauf vertrauen, dass der lebendige Erlöser seine Verheißungen erfüllen wird. Das bedeutet nicht, dass die Glaubenden keine Entscheidungen mehr treffen müssten oder dass ihr Verhalten bedeutungslos geworden wäre. Vielmehr wird ihre Treue zu Christus gerade dadurch ermöglicht und getragen, dass sie nicht auf sich selbst gestellt sind. So erklärt Jesus in Johannes 15,4–5, dass seine Jünger nur in bleibender Verbindung mit ihm geistliche Frucht hervorbringen können. Die Hoffnung auf die endgültige Rettung und die Kraft zu einem erneuerten Leben gehören daher zusammen.
In Vers 11 erreicht die bisherige Argumentation ihren Abschluss. Paulus erklärt, dass sich die Glaubenden nicht nur der zukünftigen Rettung gewiss sein dürfen, sondern sich bereits jetzt Gottes durch Jesus Christus rühmen können. Damit kehrt er zu einem Gedanken zurück, den er am Anfang des Kapitels eingeführt hatte. In Vers 2 sprach er vom Rühmen in der Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit, in Vers 3 vom Rühmen mitten in den Bedrängnissen. Nun richtet sich diese Freude ausdrücklich auf Gott selbst. Sie besteht nicht lediglich darin, dass der Mensch etwas von Gott erhalten hat, sondern darin, dass er durch Christus wieder in Gemeinschaft mit seinem Schöpfer treten darf. Die Versöhnung eröffnet somit nicht nur eine Hoffnung auf zukünftige Segnungen, sondern bereits gegenwärtig einen Grund zu tiefer Dankbarkeit und Freude an Gott.
Dieses Rühmen unterscheidet sich grundlegend von dem Stolz auf eigene religiöse Leistungen, den Paulus zuvor zurückgewiesen hatte. In Römer 2,17 kritisiert er eine Haltung, bei der sich Menschen ihrer besonderen Beziehung zu Gott rühmen, während ihr tatsächliches Verhalten seinem Willen widerspricht. In Römer 3,27 schließt er den Selbstruhm angesichts der Rechtfertigung durch Glauben ausdrücklich aus. Wenn Paulus nun davon spricht, dass die Glaubenden sich Gottes rühmen, ist deshalb kein selbstgerechter Triumph über andere Menschen gemeint. Sie sollen gerade nicht meinen, aufgrund eigener Vorzüge eine höhere Stellung verdient zu haben. Ihre Freude gilt dem Gott, der ihnen unverdient Barmherzigkeit erwiesen hat. Wer verstanden hat, dass seine Versöhnung allein durch Christus möglich wurde, besitzt keinen Grund, auf andere Sünder herabzusehen. Er hat vielmehr allen Grund, Gottes Güte dankbar zu preisen.
Der letzte Satzteil von Vers 11 fasst zusammen, was Paulus in diesem Abschnitt entfaltet hat: Durch Jesus Christus haben die Glaubenden die Versöhnung empfangen. Das Wort „empfangen“ unterstreicht nochmals, dass die wiederhergestellte Gemeinschaft mit Gott eine Gabe ist. Der Mensch hat sie nicht selbst geschaffen, sondern nimmt an, was Gott durch Christus ermöglicht hat. Zugleich beschreibt Paulus die Versöhnung als eine bereits gegenwärtige Wirklichkeit. Die endgültige Rettung steht noch bevor, doch das Verhältnis zu Gott ist durch Christus schon jetzt grundlegend verändert. Damit verbindet sich die zukünftige Hoffnung mit einer bestehenden Gemeinschaft. Christen warten nicht darauf, Gott eines Tages vielleicht zum ersten Mal begegnen zu dürfen. Sie dürfen bereits heute durch Jesus Christus zu ihm kommen, ihm vertrauen, ihn anbeten und in der Gewissheit seiner Gnade leben.
Mit diesen Worten schließt Paulus den ersten großen Gedankengang des fünften Kapitels ab. Er hat gezeigt, dass die Rechtfertigung durch Glauben zu Frieden mit Gott führt, dass dieser Friede auch unter Bedrängnissen Bestand haben kann und dass die christliche Hoffnung in Gottes bereits erwiesener Liebe gegründet ist. Nun hat er darüber hinaus erklärt, weshalb die Glaubenden auch ihrer zukünftigen Rettung zuversichtlich entgegensehen dürfen: Der Christus, durch dessen Tod sie mit Gott versöhnt wurden, lebt und bleibt der Mittelpunkt ihrer Erlösung. Die Versöhnung ist empfangen, die endgültige Vollendung steht noch aus, und beide Wirklichkeiten gehören zu Gottes einheitlichem Rettungswerk.
Von diesem persönlichen Verhältnis zwischen dem Glaubenden und Gott aus weitet Paulus im nächsten Abschnitt seinen Blick auf die gesamte Menschheit. Er erklärt, weshalb überhaupt alle Menschen unter der Macht von Sünde und Tod stehen und weshalb die Tat eines einzigen Menschen so weitreichende Folgen haben konnte. Dazu stellt er Adam und Jesus Christus gegenüber. Was durch den Ungehorsam des einen Menschen in die Welt gekommen ist, bildet den Hintergrund für das überragende Heil, das Gott durch den Gehorsam des anderen Menschen, Jesus Christus, eröffnet hat.
Römer 5,12–14
Durch Adam kamen Sünde und Tod in die Welt
Mit Vers 12 beginnt Paulus einen neuen Gedankengang, der weit über die persönliche Erfahrung des einzelnen Glaubenden hinausreicht. Nachdem er erklärt hat, wie Menschen durch Jesus Christus gerechtfertigt und mit Gott versöhnt werden, wendet er sich nun der Frage zu, weshalb die gesamte Menschheit überhaupt der Erlösung bedarf. Dazu führt er seine Leser an den Anfang der menschlichen Geschichte zurück. Er spricht von Adam, dem ersten Menschen, und beschreibt die weitreichenden Folgen seiner Übertretung. Dabei betrachtet Paulus die Sünde nicht nur als eine Ansammlung einzelner falscher Handlungen, sondern als eine Macht, die in die menschliche Lebenswirklichkeit eingedrungen ist und seitdem ihre verhängnisvolle Wirkung entfaltet. Ebenso erscheint der Tod nicht lediglich als das natürliche Ende eines einzelnen Lebens, sondern als eine Macht, unter deren Herrschaft die Menschen geraten sind. Diese Verbindung zwischen Sünde und Tod bildet den Ausgangspunkt für den Vergleich mit Jesus Christus, den Paulus in den folgenden Versen entfalten wird.
In Vers 12 erklärt Paulus, dass durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod. Mit diesem einen Menschen ist Adam gemeint, den Paulus in Vers 14 ausdrücklich nennt. Der Hintergrund dieser Aussage findet sich in 1. Mose 2–3. Gott hatte dem Menschen das Leben geschenkt und ihm einen Lebensraum anvertraut, in dem er in Gemeinschaft mit seinem Schöpfer leben durfte. Zugleich hatte Gott ihm eine klare Grenze gesetzt: Von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollte er nicht essen (1. Mose 2,16–17). Dieses Gebot machte deutlich, dass menschliche Freiheit nicht Unabhängigkeit von Gott bedeutete. Der Mensch durfte sich an Gottes Gaben erfreuen, sollte aber anerkennen, dass sein Schöpfer die letzte Autorität über Gut und Böse besitzt. Als Adam und Eva das göttliche Gebot übertraten, entschieden sie sich, einer anderen Stimme mehr zu vertrauen als dem Wort Gottes. Die Sünde bestand deshalb nicht bloß im Essen einer verbotenen Frucht. Dahinter stand die Entscheidung, Gottes ausdrücklichem Willen nicht zu gehorchen.
Obwohl 1. Mose 3 berichtet, dass Eva zuerst von der verbotenen Frucht aß und sie anschließend Adam gab, stellt Paulus in Römer 5 besonders Adam in den Mittelpunkt. Damit leugnet er weder Evas Beteiligung noch ihre Verantwortung. Sein Anliegen ist vielmehr, Adam als den ersten Menschen und als Ausgangspunkt einer Entwicklung darzustellen, deren Folgen die gesamte Menschheit betreffen. Bereits in 1. Mose 3,17–19 richtet Gott seine Worte über die Folgen der Übertretung ausdrücklich an Adam. Dort wird der Mensch daran erinnert, dass er Staub ist und zum Staub zurückkehren wird. Paulus greift diese Verbindung auf und erklärt, dass durch Adams Sünde der Tod in die menschliche Geschichte gekommen ist. Entscheidend ist dabei, dass der Tod nicht unabhängig von der Sünde beschrieben wird. Paulus stellt eine Ursache-Folge-Beziehung her: Durch die Übertretung wurde die Gemeinschaft mit Gott beschädigt, und mit der Sünde hielt auch der Tod Einzug.
Diese Aussage erhält ihre tiefere Bedeutung, wenn man bedenkt, dass Gott in der Bibel als Ursprung und Erhalter des Lebens beschrieben wird. Schon 1. Mose 2,7 berichtet, dass der Mensch erst dadurch zu einem lebendigen Wesen wurde, dass Gott ihm den Lebensodem gab. Das Leben des Menschen war also von Anfang an eine Gabe seines Schöpfers und kein Besitz, über den er unabhängig von Gott verfügen konnte. Durch die Sünde wandte sich der Mensch von dem ab, der ihm das Leben geschenkt hatte. Die Folgen dieser Abkehr zeigen sich in der Vertreibung aus Eden und besonders darin, dass der Zugang zum Baum des Lebens versperrt wurde (1. Mose 3,22–24). Der Mensch konnte nicht in einem Zustand der Rebellion gegen Gott unbeschränkt weiterleben. So erklärt die Schöpfungsgeschichte, weshalb die menschliche Sterblichkeit mit dem Sündenfall verbunden ist. Paulus fasst diesen Zusammenhang später mit den Worten zusammen, dass der Tod der Lohn der Sünde ist, während das ewige Leben eine Gabe Gottes in Jesus Christus darstellt (Römer 6,23).
Wenn Paulus sagt, dass die Sünde „in die Welt gekommen“ ist, verwendet er eine Ausdrucksweise, die ihre zerstörerische Ausbreitung besonders anschaulich macht. Die Sünde bleibt nicht auf den Augenblick der ersten Übertretung begrenzt. Sie prägt fortan die menschliche Geschichte. Schon die folgenden Kapitel des ersten Mosebuches zeigen, wie sich ihre Auswirkungen verstärken. In 1. Mose 4 wird aus der inneren Haltung der Eifersucht und des Zorns schließlich der Mord Kains an seinem Bruder Abel. Wenige Kapitel später beschreibt 1. Mose 6,5 die weitreichende Verderbtheit des menschlichen Denkens und Handelns vor der Sintflut. Die Sünde erscheint damit nicht als ein einzelner Fehltritt, der ohne weitere Folgen geblieben wäre. Sie verändert das Verhältnis der Menschen zu Gott, zu ihren Mitmenschen und zu der ihnen anvertrauten Welt. Paulus betrachtet diese Entwicklung als Teil jener Wirklichkeit, die mit Adams Ungehorsam ihren Anfang genommen hat.
Anschließend erklärt Paulus, dass sich der Tod auf alle Menschen ausgebreitet hat, weil alle gesündigt haben. Diese Formulierung gehört zu den theologisch anspruchsvollsten Aussagen des Kapitels. Einerseits beschreibt Paulus eine Verbindung zwischen Adams Übertretung und der Sterblichkeit der gesamten Menschheit. Andererseits spricht er ausdrücklich davon, dass alle gesündigt haben. Bereits in Römer 3,23 hatte er festgestellt, dass alle Menschen gesündigt haben und der Herrlichkeit Gottes ermangeln. Dort geht es um die allgemeine Wirklichkeit menschlicher Schuld. In Römer 5 tritt nun die zusätzliche Frage hinzu, wie die Sünde des ersten Menschen mit dem Zustand aller seiner Nachkommen zusammenhängt. Paulus möchte deutlich machen, dass die Menschheit nicht aus voneinander völlig unabhängigen Einzelpersonen besteht, deren Geschichte mit jeder Geburt unbelastet von Neuem beginnt. Alle Menschen gehören zu derselben gefallenen Menschheitsgeschichte, deren Ursprung er mit Adam verbindet.
Die griechische Wendung am Ende von Vers 12 lässt allerdings unterschiedliche Auslegungen zu. Die Schlachter 1951 übersetzt sie mit „weil sie alle gesündigt haben“. Diese kausale Wiedergabe ist grammatisch gut begründet. In der Auslegungsgeschichte wurde der Satz jedoch auch so verstanden, dass alle Menschen in Adam gesündigt hätten und deshalb an den Folgen seiner Übertretung beteiligt seien. Eine weitere Deutung sieht die Sünde aller Menschen als Folge der durch Adam eingetretenen Herrschaft des Todes. Die Unterschiede sind bedeutsam, weil sich daraus verschiedene Erklärungen für das Verhältnis zwischen Adams Schuld und der Schuld seiner Nachkommen entwickelt haben. Der Vers allein entscheidet jedoch nicht jede Einzelheit dieser Frage. Insbesondere wäre es zu weitgehend, aus seiner Formulierung bereits eine vollständige Lehre darüber abzuleiten, auf welche Weise Adams persönliche Schuld jedem einzelnen Nachkommen zugerechnet wird.
Der weitere Zusammenhang zeigt dennoch, dass Paulus mehr im Blick hat als die bloße Nachahmung eines schlechten Beispiels. In Römer 5,15–19 wird er ausdrücklich erklären, dass die eine Übertretung Adams Folgen für die Vielen hatte. Adam steht damit nicht nur am Anfang einer langen Reihe von Menschen, die ebenfalls falsche Entscheidungen getroffen haben. Seine Übertretung besitzt eine besondere Bedeutung für den Zustand der Menschheit. Gleichzeitig hebt diese gemeinsame Verstrickung in die Sünde die persönliche Verantwortung des Einzelnen nicht auf. Die Bibel spricht an vielen Stellen davon, dass Menschen für ihr eigenes Handeln verantwortlich sind. Besonders Hesekiel 18,20 betont, dass der Sohn nicht einfach die persönliche Schuld seines Vaters trägt, sondern jeder Mensch nach seinem eigenen Handeln beurteilt wird. Beide Gesichtspunkte müssen sorgfältig unterschieden werden: Die Menschen leben unter den Folgen einer gefallenen Menschheitsgeschichte, und sie werden zugleich für ihre eigenen bewussten Entscheidungen verantwortlich gemacht. Wie die einzelnen Aspekte von Sterblichkeit, sündiger menschlicher Verfassung und persönlicher Schuld genau miteinander verbunden sind, muss aus dem gesamten biblischen Zeugnis erschlossen werden und darf nicht vorschnell auf eine einzige Formel reduziert werden.
In Vers 13 greift Paulus eine Frage auf, die sich aus seiner bisherigen Aussage ergibt. Er erklärt, dass die Sünde schon vor dem Gesetz in der Welt war, dass sie aber dort nicht angerechnet wird, wo kein Gesetz vorhanden ist. Mit dem Gesetz ist im unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang besonders an die Gesetzgebung durch Mose zu denken. Denn im folgenden Vers spricht Paulus ausdrücklich von der Zeit zwischen Adam und Mose. Seine Aussage lautet somit zunächst, dass die Sünde nicht erst mit der Offenbarung des Gesetzes am Sinai begonnen hat. Schon lange bevor Israel aus Ägypten geführt wurde und die Gebote am Sinai empfing, lebten Menschen, die Gottes Willen übertraten. Die Geschichte von Kain, die Bosheit vor der Sintflut und die Verderbtheit Sodoms zeigen, dass moralisches Unrecht bereits vor der mosaischen Gesetzgebung existierte (1. Mose 4,8–11; 6,5–13; 18,20).
Daraus ergibt sich eine wichtige Unterscheidung: Die Offenbarung des Gesetzes durch Mose war nicht der Anfang jeder göttlichen Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Schon Adam hatte ein ausdrückliches Gebot Gottes empfangen. Kain wurde für seinen Mord zur Verantwortung gezogen, und Abraham sollte nach Gottes Aussage den Weg des Herrn bewahren und Gerechtigkeit und Recht üben (1. Mose 18,19). Besonders bemerkenswert ist das Verhalten Josephs, der die Frau Potiphars zurückwies und Ehebruch ausdrücklich als Sünde gegen Gott bezeichnete (1. Mose 39,9). Diese Ereignisse fanden lange vor der Gesetzgebung am Sinai statt. Sie zeigen, dass Gottes moralischer Wille den Menschen nicht erst bekannt wurde, als Mose die Gebote empfing. Das Gesetz am Sinai stellte eine besondere geschichtliche Offenbarung dieses Willens dar, doch die grundlegende Unterscheidung zwischen Gehorsam und Ungehorsam bestand bereits zuvor.
Wie ist dann die Aussage zu verstehen, dass Sünde ohne Gesetz nicht angerechnet wird? Paulus verwendet hier eine Sprache, die an das Anrechnen einer Schuld erinnert. Wo kein bekanntes Gebot besteht, kann eine Handlung nicht in derselben Weise als Übertretung eben dieses Gebotes beurteilt werden. Eine Übertretung setzt eine Grenze voraus, die übertreten wird. Diesen Zusammenhang hatte Paulus bereits in Römer 4,15 angesprochen, wo er erklärt, dass es ohne Gesetz keine Übertretung gibt. Damit meint er jedoch nicht, dass ohne das mosaische Gesetz jedes menschliche Verhalten automatisch unschuldig wäre. Schon in Römer 2,12–16 hatte er zwischen Menschen unterschieden, die das Gesetz besitzen, und solchen, die es nicht besitzen. Auch Menschen ohne das schriftlich offenbarte Gesetz sind nach seiner Darstellung nicht grundsätzlich ohne moralische Erkenntnis und Verantwortung. Das Gewissen und die Erkenntnis dessen, was recht und unrecht ist, spielen dabei eine wichtige Rolle.
Die Worte aus Vers 13 dürfen deshalb nicht so verstanden werden, als habe Gott die Sünden aller Menschen vor Mose grundsätzlich übersehen oder niemals zur Verantwortung gezogen. Eine solche Deutung würde schon den Berichten aus 1. Mose widersprechen. Bei der Sintflut wird ausdrücklich beschrieben, dass Gott wegen der menschlichen Bosheit Gericht hielt (1. Mose 6,11–13). Auch die Städte Sodom und Gomorra standen nach dem biblischen Bericht wegen ihrer schweren Sünden unter Gottes Gericht (1. Mose 18,20; 19,24–25). Paulus unterscheidet vielmehr zwischen der Wirklichkeit der Sünde und ihrer besonderen Erkennbarkeit beziehungsweise Zurechnung im Verhältnis zu einem gegebenen Gesetz. Die Sünde kann bereits vorhanden sein, bevor eine spätere Gesetzesoffenbarung ihre Übertretungen ausdrücklich benennt. Zugleich wird menschliche Schuld nicht unabhängig von jeder Erkenntnis und Verantwortung behandelt. Diese Unterscheidung hilft zu verstehen, weshalb das Gesetz zwar die Sünde aufdeckt, aber nicht selbst ihre ursprüngliche Ursache ist.
In Vers 14 führt Paulus seine Argumentation zu einem entscheidenden Punkt: Trotz der Zeit vor der mosaischen Gesetzgebung herrschte der Tod von Adam bis Mose. Der Tod wartete also nicht auf die Offenbarung des Gesetzes am Sinai. Er war bereits während der gesamten vorausgehenden Menschheitsgeschichte gegenwärtig. Besonders eindrücklich wird dies in den Geschlechtsregistern von 1. Mose 5 sichtbar. Dort werden die Lebensalter zahlreicher Nachkommen Adams genannt, und immer wieder endet die Beschreibung ihres Lebens mit der Feststellung, dass sie starben. Die wiederholte Erwähnung des Todes macht deutlich, dass die durch den Sündenfall entstandene Sterblichkeit keine einmalige Folge war, die nur Adam selbst betraf. Sie prägte die Generationen nach ihm. Selbst die außergewöhnlich langen Lebensspannen, von denen das erste Mosebuch berichtet, änderten nichts daran, dass der Tod das menschliche Leben begrenzte. Die besondere Entrückung Henochs (1. Mose 5,24; Hebräer 11,5) erscheint gerade deshalb als bemerkenswerte Ausnahme innerhalb dieser Geschichte.
Auffällig ist, dass Paulus nicht einfach sagt, die Menschen seien gestorben. Er erklärt, dass der Tod „herrschte“. Damit stellt er ihn bildhaft wie einen König oder Machthaber dar, dessen Herrschaft sich über die Menschen erstreckt. Diese Ausdrucksweise verdeutlicht die Ohnmacht des gefallenen Menschen gegenüber einer Wirklichkeit, die er aus eigener Kraft nicht überwinden kann. Reichtum, Macht, Weisheit oder ein langes Leben können die Herrschaft des Todes letztlich nicht beseitigen. Paulus verwendet diese Vorstellung später erneut, wenn er in Römer 5,17 vom Herrschen des Todes durch die Übertretung des einen Menschen spricht. Am Ende des Kapitels stellt er dieser Herrschaft die überströmende Gnade Gottes gegenüber, die durch Jesus Christus zum ewigen Leben führt. Bereits hier bereitet die Sprache von der Herrschaft des Todes somit den späteren Gegensatz zwischen Adam und Christus vor. Die Menschheit steht unter einer Macht, von der sie sich nicht selbst befreien kann. Ihre Befreiung muss von dem kommen, der stärker ist als der Tod.
Besonders wichtig ist die anschließende Bemerkung, dass der Tod sogar über diejenigen herrschte, die nicht auf dieselbe Weise gesündigt hatten wie Adam. Adams Übertretung besaß eine besondere Gestalt: Er hatte ein unmittelbar von Gott ausgesprochenes Gebot empfangen und gerade dieses Gebot übertreten. Nicht jeder Mensch zwischen Adam und Mose befand sich in einer vergleichbaren Situation. Dennoch waren auch diese Menschen der Sterblichkeit unterworfen. Paulus unterscheidet damit die besondere Übertretung Adams von den unterschiedlichen Formen menschlicher Sünde in den folgenden Generationen. Dass sie nicht auf dieselbe Weise sündigten, bedeutet nicht, dass sie völlig ohne Schuld waren. Vielmehr unterstreicht Paulus, dass die Herrschaft des Todes nicht auf Menschen beschränkt blieb, die genau dieselbe Art von ausdrücklichem Gebotsbruch begangen hatten wie Adam.
Diese Beobachtung ist für das Verständnis der gesamten Argumentation wesentlich. Wäre der Tod ausschließlich die unmittelbare Folge einer jeweils eigenen Übertretung, die derjenigen Adams vollständig entsprach, ließe sich seine Herrschaft über die Menschen vor Mose nicht ohne Weiteres mit dem besonderen Charakter von Adams Gebotsbruch erklären. Paulus lenkt deshalb die Aufmerksamkeit auf einen tieferen Zusammenhang zwischen dem ersten Menschen und der gesamten Menschheit. Durch Adam ist eine Ordnung entstanden, in der Sünde und Tod die menschliche Lebenswirklichkeit prägen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Paulus hier sämtliche Fragen über den Zustand von Menschen beantwortet, die noch keine bewussten moralischen Entscheidungen treffen konnten. Auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen geerbter Sterblichkeit und persönlicher Schuld wird nicht vollständig ausgeführt. Seine unmittelbare Absicht ist es zu zeigen, dass die Macht des Todes weit über die einzelne Übertretung Adams hinausreicht und die Menschheit als Ganze betrifft.
Dabei bleibt der Gegenstand seiner Erklärung die menschliche Geschichte. Paulus spricht davon, dass sich der Tod zu allen Menschen ausgebreitet hat, und verbindet dies mit dem späteren Heil, das durch Jesus Christus für Menschen eröffnet wird. In 1. Korinther 15,21–22 verwendet er dieselbe grundlegende Gegenüberstellung, wenn er erklärt, dass durch einen Menschen der Tod und durch einen Menschen die Auferstehung der Toten gekommen ist. Diese Aussagen besitzen eine große Bedeutung für das biblische Verständnis von menschlicher Sterblichkeit und Auferstehung. Sie sind jedoch nicht als vollständige naturgeschichtliche Darstellung über die Sterblichkeit sämtlicher Lebewesen zu lesen. Paulus untersucht hier nicht das biologische Leben aller Tiere vor dem Sündenfall, sondern die Herrschaft von Sünde und Tod über die Menschheit und die Möglichkeit ihrer Überwindung durch Christus. Diesen Schwerpunkt zu bewahren, hilft dabei, seine eigentliche Botschaft nicht durch Fragen zu überlagern, die er an dieser Stelle nicht ausdrücklich behandelt.
Am Ende von Vers 14 bezeichnet Paulus Adam schließlich als ein „Vorbild des Zukünftigen“. Mit dem Zukünftigen ist Jesus Christus gemeint, wie die folgenden Verse eindeutig erkennen lassen. Das griechische Wort für „Vorbild“ bezeichnet hier eine Gestalt, die in einer bestimmten Hinsicht auf eine spätere Person hinweist. Dabei geht es nicht darum, dass Adam durch seinen Ungehorsam ein gutes moralisches Beispiel gegeben hätte. Ebenso wenig behauptet Paulus, Adam und Christus hätten in ihrem Handeln denselben Charakter besessen. Die Verbindung liegt vielmehr in ihrer besonderen Stellung innerhalb der Menschheitsgeschichte. Das Handeln eines einzigen Menschen hat Folgen, die weit über seine eigene Person hinausreichen. Bei Adam führte der Ungehorsam zur Ausbreitung von Sünde und Tod. Bei Christus wird der Gehorsam zur Grundlage von Gerechtigkeit und Leben. Adam weist somit nicht deshalb auf Christus hin, weil beide dasselbe getan hätten, sondern weil ihre Handlungen jeweils eine Bedeutung besitzen, die die vielen Menschen betrifft.
Gerade diese Verbindung enthält einen weitreichenden Gedanken. Die Menschheit wird von Paulus nicht nur als eine Ansammlung einzelner Lebensgeschichten betrachtet. Sie steht in größeren Zusammenhängen, die durch das Handeln bestimmter Personen geprägt werden. Adam bildet den Ausgangspunkt der gefallenen Menschheitsgeschichte. Christus eröffnet dagegen eine neue Wirklichkeit, in der Gottes Gnade stärker ist als die Macht der Sünde. Dieser Vergleich darf allerdings nicht so verstanden werden, als seien Adam und Christus einander vollkommen gleichgestellt. Paulus wird unmittelbar danach ausdrücklich erklären, dass die Gnadengabe Christi die Folgen von Adams Übertretung bei Weitem übertrifft. Die beiden stehen sich daher nicht als gleich mächtige Gegenspieler gegenüber. Adams Handlung erklärt, weshalb die Menschheit unter Sünde und Tod geraten ist. Christi Handeln offenbart dagegen, wie Gott eine Rettung geschaffen hat, deren Größe die durch Adam entstandene Not übersteigt.
Damit wird auch verständlich, weshalb Paulus seinen Vergleich bereits mit Vers 12 beginnt, ihn aber zunächst nicht vollständig zu Ende führt. Der Satz setzt mit „gleichwie“ zu einer Gegenüberstellung an, doch bevor Paulus die entsprechende Aussage über Christus ausdrücklich formuliert, erklärt er in den Versen 13–14 zunächst die Herrschaft der Sünde und des Todes. Erst später, besonders in Vers 18, greift er die Gegenüberstellung in ihrer vollständigen Form wieder auf. Diese gedankliche Unterbrechung ist kein zufälliger Themenwechsel. Paulus möchte zunächst zeigen, wie umfassend die Folgen der ersten Übertretung waren. Nur vor diesem Hintergrund kann seine anschließende Aussage über die Größe der Gnade richtig verstanden werden. Wer die Macht der Sünde und die menschliche Hilflosigkeit gegenüber dem Tod begreift, erkennt umso deutlicher, weshalb die Erlösung durch Christus mehr sein muss als eine bloße Verbesserung des menschlichen Verhaltens.
Die Verse 12–14 führen den Leser deshalb an die Wurzel des menschlichen Erlösungsbedürfnisses. Die Sünde ist nicht erst durch das Gesetz des Mose entstanden, und der Tod begann nicht erst dort zu herrschen, wo Menschen die Gebote am Sinai empfingen. Schon mit Adams Übertretung nahm eine Entwicklung ihren Anfang, deren Folgen die gesamte Menschheit betreffen. Dennoch stellt Paulus diese ernste Wirklichkeit nicht dar, um den Menschen jede Hoffnung zu nehmen. Er bereitet vielmehr den Blick auf denjenigen vor, der die Herrschaft des Todes überwinden kann. Wenn durch den Ungehorsam eines Menschen Sünde und Tod eine solche Macht über die Menschheit gewinnen konnten, wie viel größer muss dann die Bedeutung dessen sein, was Gott durch den vollkommenen Gehorsam Jesu Christi getan hat? Genau diesen Gegensatz wird Paulus in den folgenden Versen entfalten. Er wird zeigen, dass die Gnadengabe Gottes nicht lediglich einen Ausgleich für Adams Übertretung schafft, sondern eine Rettung eröffnet, deren Fülle und Kraft die Folgen des Sündenfalls weit übertreffen.
Römer 5,15–17
Die Gnadengabe Christi übertrifft die Folgen von Adams Sünde
Nachdem Paulus Adam als ein Vorbild des kommenden Christus bezeichnet hat, macht er nun auf einen entscheidenden Unterschied aufmerksam. Obwohl das Handeln beider Menschen weitreichende Folgen für die Menschheit besitzt, sind Adams Übertretung und Christi Gnadengabe keineswegs gleichwertig. Paulus möchte nicht lediglich zeigen, dass durch Adam etwas verloren ging und Jesus Christus diesen Verlust wieder ausgleicht. Seine Aussage reicht wesentlich weiter: Die Gnade Gottes übertrifft die verhängnisvollen Folgen der Sünde. Was durch Adams Ungehorsam in die menschliche Geschichte gekommen ist, offenbart die zerstörerische Macht der Sünde. Was Gott dagegen durch Jesus Christus schenkt, zeigt die weit größere Macht seiner Liebe und seines rettenden Handelns. Deshalb stellt Paulus die beiden Menschen zwar einander gegenüber, betont aber zugleich, dass die Gnadengabe Christi in ihrer Bedeutung und Wirkung weit über Adams Übertretung hinausgeht.
In Vers 15 erklärt Paulus ausdrücklich, dass es sich mit dem Sündenfall nicht ebenso verhält wie mit der Gnadengabe. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil der vorhergehende Vergleich sonst leicht missverstanden werden könnte. Adam und Christus stehen nicht einfach als zwei gleich starke Gegenspieler einander gegenüber, von denen der eine das Böse und der andere das Gute vertritt. Paulus beschreibt vielmehr zwei unterschiedliche Arten des Handelns mit unterschiedlichen Ergebnissen. Durch Adams Übertretung kamen Sünde und Tod über die Menschheit. Durch Jesus Christus schenkt Gott dagegen seine Gnade, die den Menschen aus der Herrschaft der Sünde befreien und zum ewigen Leben führen kann. Das Böse besitzt somit keine Macht, die der rettenden Kraft Gottes ebenbürtig wäre. Auch wenn die Folgen des Sündenfalls die gesamte menschliche Geschichte durchdringen, bleibt Gottes Fähigkeit zur Erlösung größer als das Unheil, das durch den Ungehorsam entstanden ist.
Um diesen Unterschied zu verdeutlichen, erinnert Paulus zunächst daran, dass durch die Übertretung des einen Menschen die Vielen gestorben sind. Mit dem Ausdruck „die Vielen“ bezeichnet er hier die Menschen, die von den Folgen der Übertretung Adams betroffen sind. Im Zusammenhang mit Vers 12, wo Paulus ausdrücklich von allen Menschen spricht, wird deutlich, dass er die gesamte gefallene Menschheit im Blick hat. Es geht nicht um eine kleine Gruppe besonders schwerer Sünder, sondern um die allgemeine menschliche Sterblichkeit. Jeder Mensch wird in eine Welt hineingeboren, in der der Tod bereits herrscht. Die Nachkommen Adams beginnen ihr Leben nicht in jenem ursprünglichen Zustand, den die Schöpfungsgeschichte vor dem Sündenfall beschreibt. Sie gehören einer Menschheitsgeschichte an, die von Sünde, Vergänglichkeit und Tod geprägt ist.
Dabei bleibt die besondere Bedeutung Adams bestehen, ohne dass Paulus die persönliche Verantwortung späterer Generationen aufhebt. Adam steht am Anfang dieser Entwicklung, aber die folgenden Menschen sind nicht lediglich willenlose Opfer einer fremden Entscheidung. Sie handeln selbst, treffen moralische Entscheidungen und werden ebenfalls schuldig. Das hatte Paulus bereits in Römer 3,9–23 ausführlich erklärt. Die Verbindung mit Adam beschreibt deshalb eine gemeinsame menschliche Ausgangslage, während die Verantwortung für das eigene Handeln weiterhin bestehen bleibt. Gerade diese doppelte Wirklichkeit macht die Not des Menschen so tiefgreifend: Er lebt in einer von der Sünde geprägten Welt und trägt zugleich selbst durch seinen Ungehorsam zu dieser Wirklichkeit bei. Die Erlösung muss daher mehr leisten, als lediglich die Folgen einer längst vergangenen Übertretung rückgängig zu machen.
An dieser Stelle setzt Paulus mit den Worten „wieviel mehr“ den entscheidenden Gegensatz. Wenn bereits der Ungehorsam eines Menschen solche Folgen hervorbringen konnte, wie viel größer ist dann die Bedeutung der Gnade Gottes, die durch Jesus Christus den Vielen reichlich zuteilwird? Paulus verwendet hier eine Formulierung, die den Überfluss und die Fülle dieser göttlichen Gabe hervorhebt. Die Gnade erscheint nicht als eine knappe Hilfe, die gerade ausreicht, um einen bestimmten Schaden zu beseitigen. Sie ist Ausdruck der freigebigen Liebe Gottes, die den Menschen weit mehr eröffnet, als er durch eigene Anstrengungen erreichen könnte. Der Tod ist durch Adams Übertretung in die Menschheitsgeschichte gekommen. Durch Christus dagegen werden Rechtfertigung, Versöhnung und die Hoffnung auf ewiges Leben möglich. Die göttliche Antwort auf die Sünde besteht somit nicht bloß in der Wiederherstellung verlorener Möglichkeiten, sondern in einer überreichen Gabe, deren Mittelpunkt Jesus Christus selbst ist.
Besonders bemerkenswert ist, dass Paulus hier ausdrücklich von dem „einen Menschen Jesus Christus“ spricht. Nachdem er zuvor Adam als den ersten Menschen in den Mittelpunkt gestellt hat, hebt er nun auch die wirkliche Menschheit Jesu hervor. Der Erlöser ist nicht nur jemand, der von außen auf die menschliche Not blickt. Er ist selbst Mensch geworden und hat innerhalb der menschlichen Geschichte gehandelt. Nach Philipper 2,6–8 erniedrigte sich Christus, nahm Knechtsgestalt an und wurde gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Hebräer 2,14 erklärt ebenfalls, dass er an Fleisch und Blut Anteil nahm, um durch seinen Tod die Macht des Todes zu überwinden. Diese Menschwerdung gehört wesentlich zur Bedeutung seines Erlösungswerkes. Während durch einen Menschen der Ungehorsam in die menschliche Geschichte kam, hat der menschgewordene Sohn Gottes vollkommenen Gehorsam erwiesen. Paulus wird diesen Gedanken in Vers 19 ausdrücklich entfalten. Schon jetzt zeigt sich jedoch, dass die Rettung der Menschheit nicht unabhängig von der wirklichen Menschheit Jesu verstanden werden darf.
In Vers 16 führt Paulus einen weiteren Unterschied zwischen Adams Übertretung und Christi Gnadengabe ein. Während das göttliche Gericht aufgrund der einen Übertretung zur Verurteilung führte, bringt die Gnadengabe trotz vieler Sündenfälle die Rechtfertigung. Damit verändert Paulus den Blickwinkel seines Vergleichs. In Vers 15 stand vor allem der Gegensatz zwischen dem Tod und der überreich geschenkten Gnade im Mittelpunkt. Nun richtet er die Aufmerksamkeit auf die unterschiedliche Ausgangslage von Gericht und Gnadengabe. Adams eine Übertretung steht am Anfang einer Geschichte, deren Folgen die Menschheit betreffen. Die Gnade Christi begegnet dagegen einer Menschheit, in deren Geschichte sich bereits unzählige weitere Übertretungen angesammelt haben.
Diese Unterscheidung macht die Größe der Erlösung besonders anschaulich. Gott handelt nicht lediglich angesichts eines einzigen Vergehens, das sich leicht beseitigen ließe. Zwischen Adam und Christus liegt eine lange Menschheitsgeschichte voller Ungehorsam, Gewalt, Ungerechtigkeit und Missachtung des göttlichen Willens. Schon das erste Mosebuch schildert, wie schnell sich die Folgen der Sünde ausbreiteten. Auf den Ungehorsam in Eden folgten der Brudermord Kains, die zunehmende Bosheit vor der Sintflut und weitere Beispiele menschlicher Auflehnung. Die spätere Geschichte Israels zeigt ebenfalls, dass selbst die ausdrückliche Offenbarung des göttlichen Gesetzes den Menschen nicht automatisch zu vollkommenem Gehorsam führte. Immer wieder übertraten Menschen den Willen Gottes, obwohl sie ihn kannten. Wenn Paulus deshalb von den vielen Sündenfällen spricht, wird sichtbar, dass Gottes Gnade einer Wirklichkeit begegnet, die weit über Adams ursprüngliche Übertretung hinausgewachsen ist.
Gerade darin liegt die überraschende Aussage von Vers 16: Während bereits die eine Übertretung zur Verurteilung führte, kann Gottes Gnadengabe trotz der vielen Übertretungen zur Rechtfertigung führen. Paulus beschreibt damit die außergewöhnliche Kraft der göttlichen Vergebung. Menschliches Unrecht wird durch seine wiederholte Begehung nicht weniger schwerwiegend. Im Gegenteil: Die Geschichte der Sünde macht die Schuld der Menschheit immer deutlicher. Dennoch ist Gottes Gnade nicht auf die Vergebung einer einzigen vergangenen Übertretung beschränkt. Durch Jesus Christus eröffnet Gott auch Menschen, die selbst vielfach gesündigt haben, den Weg zur Rechtfertigung. Die vielen Sündenfälle bilden somit nicht den Beweis, dass Gottes Erlösungsabsicht gescheitert wäre. Sie machen vielmehr sichtbar, wie umfassend die Gnade sein muss, durch die schuldige Menschen vor Gott gerecht gesprochen werden können.
Dabei ist entscheidend, dass Paulus von Rechtfertigung spricht und nicht von einer Verharmlosung der Sünde. Gottes Gnadengabe bedeutet nicht, dass Unrecht nachträglich für gut erklärt wird. Ebenso wenig sagt Paulus, dass Gott aufhört, zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu unterscheiden. Schon in Römer 3,25–26 hatte er erklärt, dass Gott durch Christus seine Gerechtigkeit erweist und zugleich den Glaubenden rechtfertigt. Die Gnade Gottes steht deshalb nicht im Gegensatz zu seinem gerechten Wesen. Vielmehr schafft Gott durch das Erlösungswerk Christi die Grundlage, auf der wirkliche Vergebung möglich ist. Der Mensch wird nicht gerechtfertigt, weil seine Sünden unbedeutend wären, sondern weil Christus für Sünder gestorben ist. Gerade deshalb bleibt die Rechtfertigung eine Gnadengabe, die niemand aufgrund eigener Leistungen beanspruchen kann.
Das hilft auch zu verstehen, weshalb die vielen Übertretungen keine Einladung zum absichtlichen Weiterleben in der Sünde darstellen. Man könnte die Aussage des Paulus missverstehen und daraus schließen, dass zusätzliche Sünden lediglich weitere Gelegenheiten für Gott schaffen, seine Gnade zu zeigen. Doch eine solche Schlussfolgerung widerspricht dem Ziel der Erlösung. Die Gnade soll den Menschen nicht in der Herrschaft der Sünde belassen, sondern ihn daraus befreien. Paulus wird diese mögliche Fehlinterpretation unmittelbar zu Beginn des sechsten Kapitels aufgreifen und entschieden zurückweisen. Wer durch Christus der Sünde gestorben ist, soll nicht weiterhin in ihr leben (Römer 6,1–4). Die Rechtfertigung aus Gnade und die Erneuerung des Lebens gehören daher zusammen, ohne miteinander verwechselt werden zu dürfen. Die Erneuerung ist nicht der Verdienstgrund der Rechtfertigung, sondern gehört zu Gottes weiterem Handeln an dem Menschen, den er in Christus angenommen hat.
In Vers 17 erreicht Paulus einen weiteren Höhepunkt seiner Gegenüberstellung. Er erinnert erneut daran, dass durch die Übertretung des einen Menschen der Tod zur Herrschaft gekommen ist. Schon in Vers 14 hatte er den Tod als eine Macht beschrieben, die von Adam bis Mose über die Menschen herrschte. Nun greift er dieses Bild auf und stellt ihm etwas Überraschendes gegenüber: Durch Jesus Christus werden diejenigen, die die Fülle der Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit empfangen, selbst im Leben herrschen. Der Gegensatz besteht somit nicht allein darin, dass die Herrschaft des Todes eines Tages endet. Paulus spricht davon, dass Menschen, die zuvor dem Tod unterworfen waren, durch Christus an einer neuen Wirklichkeit des Lebens Anteil erhalten, die er mit dem Bild des Herrschens beschreibt.
Das ist eine besonders weitreichende Umkehrung der menschlichen Ausgangslage. Unter Adam erscheint der Mensch als einer Macht unterworfen, die er nicht besiegen kann. Selbst die größten Errungenschaften menschlicher Weisheit und Stärke vermögen die endgültige Sterblichkeit nicht zu überwinden. Durch Jesus Christus wird dem Glaubenden dagegen eine Zukunft eröffnet, in der der Tod nicht mehr das letzte Wort besitzt. Diese Hoffnung hängt unmittelbar mit der Auferstehung Christi zusammen. In 1. Korinther 15,20–22 stellt Paulus erneut Adam und Christus gegenüber und erklärt, dass Christus als Erstling der Entschlafenen auferstanden ist. Seine Auferstehung ist die Grundlage der Hoffnung auf die zukünftige Auferstehung derer, die zu ihm gehören. Wenn Paulus also vom Herrschen im Leben spricht, reicht seine Aussage über eine bloße Verbesserung der gegenwärtigen Lebensumstände hinaus. Sie weist auf den Sieg über die Todesherrschaft und die endgültige Teilhabe am Leben hin, das Christus schenkt.
Dabei wäre es jedoch zu eng, dieses neue Leben ausschließlich auf die Zeit nach der Auferstehung zu beschränken. Schon jetzt dürfen die Glaubenden durch Christus in einer erneuerten Beziehung zu Gott leben. Sie sind gerechtfertigt, mit ihm versöhnt und stehen in seiner Gnade. In Römer 6,4 wird Paulus erklären, dass die Glaubenden bereits gegenwärtig in einem neuen Leben wandeln sollen. Die zukünftige Vollendung dieser Wirklichkeit liegt noch vor ihnen, doch ihre Grundlage ist bereits geschaffen. Gerade die Zukunftsform in Römer 5,17 erinnert daran, dass die endgültige Überwindung des Todes noch aussteht. Christen leben deshalb in der Spannung zwischen der bereits empfangenen Erlösung und ihrer kommenden Vollendung. Sie haben schon jetzt Anteil an Gottes Gnade, erwarten aber weiterhin die Auferstehung und die vollständige Befreiung von der Vergänglichkeit.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Formulierung, dass diejenigen im Leben herrschen werden, welche die Fülle der Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit „empfangen“. Paulus spricht hier ausdrücklich vom Empfang einer Gabe. Die Gerechtigkeit, durch die der Mensch vor Gott bestehen kann, wird nicht als eine selbst erworbene Leistung dargestellt. Sie ist etwas, das Gott schenkt und das der Mensch im Glauben annimmt. Diese Aussage stimmt mit der bisherigen Argumentation des Römerbriefes überein. Schon Abraham wurde nach Römer 4,3 aufgrund seines Glaubens von Gott als gerecht angesehen. Die neue Stellung vor Gott gründet deshalb nicht auf menschlichem Selbstruhm, sondern auf der Annahme dessen, was Gott durch Jesus Christus bereitgestellt hat. Der Glaube erschafft diese Gerechtigkeit nicht und macht Gottes Gnade auch nicht erst wirksam. Er ist vielmehr die vertrauende Antwort, durch die der Mensch Gottes Gabe empfängt.
Diese Betonung des Empfangens ist zugleich wichtig für das Verständnis der Reichweite der Erlösung. Paulus beschreibt die Gnade Christi in Vers 15 mit einer umfassenden Sprache, die der Bedeutung seines Erlösungswerkes für die Menschheit entspricht. In Vers 17 spricht er jedoch ausdrücklich von denen, die diese Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit empfangen. Damit unterscheidet er zwischen der großen Reichweite dessen, was Gott durch Christus geschaffen hat, und der tatsächlichen Teilhabe an dieser Gabe. Die Heilstat Jesu Christi ist nicht auf eine bestimmte Abstammung, ein Volk oder eine gesellschaftliche Gruppe beschränkt. Dennoch wird die persönliche Rettung nicht als ein vom Glauben völlig unabhängiger Vorgang beschrieben. Diese Unterscheidung wird besonders für das Verständnis von Vers 18 wichtig werden, wo Paulus erneut von allen Menschen spricht. Schon hier ist erkennbar, dass die umfassende Bedeutung des Erlösungswerkes und die persönliche Annahme der Gnade nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen.
Was bedeutet es nun, dass die Erlösten „im Leben herrschen“ werden? Paulus verwendet hier eine bewusst überraschende Formulierung. Bisher war vom Tod die Rede, der über die Menschen herrschte. Nun spricht er von Menschen, denen durch Christus ein Anteil am Sieg des Lebens geschenkt wird. Dieses Herrschen darf nicht mit weltlicher Macht, persönlicher Überlegenheit oder dem Anspruch verwechselt werden, andere Menschen zu beherrschen. Jesus selbst hatte seinen Jüngern erklärt, dass wahre Größe in seinem Reich nicht auf der Herrschaft über andere beruht, sondern auf dem Dienst an ihnen (Markus 10,42–45). Das von Paulus verheißene Herrschen gehört vielmehr zu jener neuen Lebenswirklichkeit, in der die Macht des Todes überwunden ist. Die Erlösten werden nicht länger hilflose Gefangene der Vergänglichkeit sein, sondern an dem Leben Anteil haben, das Christus durch seinen Sieg eröffnet hat.
Die Offenbarung greift diese Hoffnung später auf, wenn sie von der zukünftigen Gemeinschaft der Erlösten mit Gott und ihrer Teilhabe an seiner Herrschaft spricht (Offenbarung 22,3–5). Dort wird die endgültige Vollendung in einer Welt beschrieben, in der der Fluch beseitigt ist und Gottes Knechte ihm dienen. Der Gedanke des Herrschens ist also nicht von der Gemeinschaft mit Gott zu trennen. Das Ziel der Erlösung ist nicht die unabhängige Macht des Menschen, sondern seine vollständige Wiederherstellung in der Gemeinschaft mit seinem Schöpfer. In diesem Sinn übersteigt die Verheißung aus Römer 5,17 weit die bloße Rückkehr zu einem sterblichen Dasein ohne einzelne Schwierigkeiten. Sie richtet den Blick auf ein Leben, das nicht länger der Herrschaft des Todes unterworfen ist und dessen bleibende Grundlage Jesus Christus bildet.
Auffällig ist schließlich, wie konsequent Paulus die rettende Wirkung dieser Gnade an eine einzige Person bindet. Während er mehrfach von Adam als dem einen Menschen spricht, durch dessen Übertretung der Tod zur Herrschaft gelangte, nennt er nun ausdrücklich Jesus Christus als den Einen, durch den die Glaubenden im Leben herrschen werden. Die Rettung wird somit nicht durch eine anonyme göttliche Kraft ermöglicht. Ihr Mittelpunkt ist der gekreuzigte und auferstandene Sohn Gottes. Dass die Glaubenden eine neue Stellung vor Gott erhalten und auf die Überwindung des Todes hoffen dürfen, hängt untrennbar mit seiner Person und seinem Werk zusammen. Nicht der Mensch hat die Herrschaft des Todes aus eigener Kraft beendet, sondern Christus hat durch seinen Gehorsam, seinen Tod und seine Auferstehung den Weg zum Leben eröffnet.
Damit wird die eigentliche Bedeutung der Verse 15–17 sichtbar. Paulus hat drei Unterschiede zwischen Adams Übertretung und Christi Gnadengabe herausgearbeitet. Adams Sünde brachte den Tod über die Vielen, während durch Christus Gottes Gnade überreich wirksam wird. Die eine Übertretung führte zur Verurteilung, während Gottes Gabe trotz vieler Übertretungen Rechtfertigung ermöglicht. Schließlich herrschte durch Adam der Tod, während diejenigen, die Christi Gnade empfangen, durch ihn im Leben herrschen werden. Diese Unterschiede führen alle zu derselben grundlegenden Erkenntnis: Die Macht der Sünde ist groß, aber die rettende Gnade Gottes ist größer.
Paulus möchte damit weder die Folgen der Sünde abschwächen noch die menschliche Verantwortung aufheben. Gerade weil die Herrschaft des Todes so umfassend ist und die Schuld der Menschen so tief reicht, erscheint die Gnadengabe Christi in ihrer außergewöhnlichen Größe. Sie begegnet nicht nur einer einzelnen vergangenen Übertretung, sondern einer ganzen Menschheitsgeschichte, die der Erlösung bedarf. Der Mensch kann diese Rettung nicht aus eigener Kraft hervorbringen, aber er darf sie als Geschenk Gottes empfangen. In den folgenden Versen wird Paulus den begonnenen Vergleich nun zu seiner umfassenden Aussage zusammenführen. Er wird ausdrücklich gegenüberstellen, wie durch Adams eine Übertretung die Verurteilung über die Menschen kam und wie durch die gerechte Tat Jesu Christi der Weg zur lebenbringenden Rechtfertigung eröffnet wurde.
Römer 5,18–19
Durch Adams Ungehorsam kam die Verurteilung, durch Christi Gehorsam die Rechtfertigung zum Leben
Nachdem Paulus die Unterschiede zwischen Adams Übertretung und der überragenden Gnadengabe Jesu Christi herausgearbeitet hat, führt er seinen Vergleich nun zu einer zusammenfassenden Aussage. In Vers 18 greift er den Gedanken wieder auf, den er bereits in Vers 12 begonnen hatte: Das Handeln eines einzigen Menschen kann Folgen besitzen, die weit über dessen eigenes Leben hinausreichen. Durch Adams Übertretung kam die Verurteilung über die Menschheit. Durch die gerechte Tat Jesu Christi ist dagegen die Rechtfertigung möglich geworden, die zum Leben führt. Paulus möchte damit zeigen, dass die Erlösung nicht nur einzelne Auswirkungen der Sünde behandelt. Gottes Handeln in Christus reicht bis an die Wurzel der menschlichen Not zurück. Dort, wo durch Adam eine Geschichte von Sünde, Schuld und Tod begonnen hat, eröffnet Christus eine neue Geschichte, deren Ziel Gerechtigkeit und ewiges Leben sind.
Die einleitenden Worte „Also: wie“ zeigen, dass Paulus nun eine Schlussfolgerung aus seiner bisherigen Argumentation zieht. In Vers 12 hatte er erklärt, dass durch einen Menschen die Sünde in die Welt kam und durch die Sünde der Tod. Anschließend hatte er die Herrschaft des Todes beschrieben und gezeigt, dass Gottes Gnade die Folgen der Übertretung weit übertrifft. Nun stellt er die beiden Seiten seines Vergleichs unmittelbar nebeneinander. Diese gedankliche Verbindung ist wichtig, weil Vers 18 nicht als eine isolierte Aussage über die Rettung der Menschheit gelesen werden darf. Paulus erklärt hier nicht plötzlich ein anderes Evangelium als in den vorhergehenden Kapiteln. Er entfaltet vielmehr die Bedeutung der Rechtfertigung durch Glauben vor dem Hintergrund der gesamten menschlichen Geschichte.
Zunächst beschreibt Paulus die Folgen der einen Übertretung Adams: Sie führte zur Verurteilung aller Menschen. Damit knüpft er an die Geschichte des Sündenfalls in 1. Mose 3 an. Adam hatte ein ausdrückliches Gebot Gottes empfangen und es übertreten. Sein Ungehorsam blieb jedoch nicht ohne Folgen für seine Nachkommen. Mit der Sünde kamen Sterblichkeit, Entfremdung und die Herrschaft des Todes in die menschliche Lebenswirklichkeit. Die Menschheit befindet sich seitdem nicht mehr in dem ursprünglichen Zustand ungestörter Gemeinschaft mit ihrem Schöpfer. Paulus betrachtet diese Situation als eine gemeinsame Wirklichkeit, von der alle Menschen betroffen sind. Unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer gesellschaftlichen Stellung oder ihren religiösen Vorrechten gehören sie zu derselben gefallenen Menschheit.
Die Verurteilung, von der Paulus spricht, darf dabei nicht mit der Vorstellung verwechselt werden, dass jeder Mensch ausschließlich für Adams persönliche Handlung verantwortlich gemacht werde und sein eigenes Verhalten keinerlei Bedeutung hätte. Schon in Römer 2,6 hatte Paulus erklärt, dass Gott jedem Menschen nach seinen Werken vergelten wird. In Römer 3,23 stellte er ausdrücklich fest, dass alle Menschen selbst gesündigt haben. Die Verantwortung für die eigenen Entscheidungen bleibt also bestehen. Zugleich zeigt Römer 5, dass die menschliche Not tiefer reicht als die Summe einzelner persönlicher Verfehlungen. Die Menschheit steht in einem durch Adam eröffneten Zusammenhang von Sünde und Tod, aus dem sich niemand durch eigene Kraft vollständig befreien kann. Paulus erklärt hier die umfassende Bedeutung dieser Verbindung, ohne bereits jede Einzelheit darüber festzulegen, wie ererbte Sterblichkeit, sündige menschliche Verfassung und persönliche Schuld zueinander stehen.
Der entscheidende Gegensatz folgt in der zweiten Hälfte von Vers 18. Wie durch die Übertretung Adams die Verurteilung über die Menschen kam, so führt durch Jesus Christus eine gerechte Tat zur Rechtfertigung, die Leben bringt. Paulus verwendet damit dieselbe grundlegende Struktur, verändert aber das Ergebnis vollständig. Auf der einen Seite steht die Übertretung, auf der anderen die gerechte Tat. Dort folgt Verurteilung, hier Rechtfertigung. Dort führt die Sünde zum Tod, hier eröffnet Christus den Weg zum Leben. Die Gegenüberstellung zeigt, dass Gottes Erlösungswerk nicht unabhängig von der menschlichen Schuld geschieht, sondern genau dort ansetzt, wo die Sünde ihre zerstörerischen Folgen entfaltet hat. Christus begegnet dem Problem, das durch Adam in die menschliche Geschichte gekommen ist, und schafft die Grundlage für dessen endgültige Überwindung.
Was meint Paulus mit der einen gerechten Tat Jesu Christi? Der griechische Ausdruck lässt sich am besten aus dem unmittelbaren Zusammenhang verstehen. In den vorhergehenden Versen hatte Paulus wiederholt auf Christi Tod verwiesen, durch den die Sünder gerechtfertigt und mit Gott versöhnt werden. Unmittelbar danach, in Vers 19, spricht er ausdrücklich vom Gehorsam Christi. Deshalb liegt es nahe, in der gerechten Tat besonders seine gehorsame Hingabe bis zum Tod am Kreuz zu erkennen. Diese Deutung stimmt mit Philipper 2,8 überein, wo Paulus erklärt, dass Christus sich erniedrigte und gehorsam wurde bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz. Das Kreuz war nicht das Ergebnis eines Ungehorsams Jesu, sondern der Höhepunkt seiner freiwilligen Hingabe an den Willen des Vaters.
Gleichzeitig darf diese eine gerechte Tat nicht so verstanden werden, als hätte Jesu Gehorsam erst in den letzten Stunden seines Lebens begonnen. Sein Weg zum Kreuz war von Anfang an durch Treue gegenüber dem Vater geprägt. Jesus erklärte, dass er nicht gekommen sei, seinen eigenen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der ihn gesandt hatte (Johannes 6,38). In Johannes 8,29 bezeugte er, dass er allezeit das tue, was dem Vater wohlgefällig sei. Sein Tod am Kreuz bildete somit die Vollendung eines Lebens ungeteilter Hingabe an Gott. Während Adam sich bewusst über ein göttliches Gebot hinwegsetzte, blieb Christus auch unter schwersten Prüfungen dem Willen des Vaters treu. Sein Gehorsam war nicht nur äußerlich richtiges Verhalten, sondern Ausdruck vollkommener Liebe, Vertrauenstreue und Bereitschaft, den göttlichen Erlösungswillen zu erfüllen.
Darin liegt ein bedeutender Unterschied zwischen Adam und Christus. Adam befand sich nach dem biblischen Schöpfungsbericht ursprünglich in einer guten, von Gott geschaffenen Lebenswelt. Dennoch entschied er sich zum Ungehorsam. Christus dagegen trat in eine Welt ein, die bereits von Sünde, Leiden und Tod gezeichnet war. Er erlebte Versuchung, Ablehnung, Ungerechtigkeit und schließlich die Kreuzigung. Trotzdem blieb er Gott treu. Hebräer 4,15 beschreibt ihn als denjenigen, der in allem versucht wurde wie wir, jedoch ohne Sünde blieb. Seine Gerechtigkeit bestand deshalb nicht lediglich darin, dass er einzelne verbotene Handlungen vermied. Sein gesamtes Leben war von vollkommener Hingabe an Gott geprägt. Gerade dadurch wird verständlich, weshalb Paulus seinen Gehorsam dem Ungehorsam Adams gegenüberstellen kann. Dort, wo der erste Mensch Gottes Wort missachtete, erwies der menschgewordene Sohn Gottes vollkommene Treue.
Besonders bemerkenswert ist nun die Reichweite, die Paulus der gerechten Tat Christi zuschreibt. Er verwendet in Vers 18 auf beiden Seiten seines Vergleichs die Formulierung „alle Menschen“. Dadurch macht er deutlich, dass das Erlösungswerk Jesu Christi nicht nur für ein bestimmtes Volk oder eine besondere gesellschaftliche Gruppe Bedeutung besitzt. Adams Übertretung betrifft die Menschheit insgesamt. Dementsprechend besitzt auch Christi gerechte Tat eine Bedeutung, die über jede nationale und ethnische Grenze hinausreicht. Bereits in Römer 3,22–23 hatte Paulus erklärt, dass zwischen Juden und Menschen aus den anderen Völkern hinsichtlich ihrer Sündhaftigkeit kein Unterschied besteht. Zugleich wird Gottes Gerechtigkeit allen angeboten, die an Jesus Christus glauben. Die umfassende Sprache von Römer 5,18 steht innerhalb dieses Gedankengangs: Gottes Heilshandeln in Christus besitzt eine menschheitsweite Bedeutung.
Allerdings gehört die genaue Bedeutung des zweimaligen „alle Menschen“ zu den schwierigen Fragen dieses Abschnitts. Der Parallelismus ist bewusst weit formuliert und darf nicht dadurch abgeschwächt werden, dass man auf der zweiten Seite gedanklich einfach nur „einige wenige Menschen“ einsetzt. Paulus stellt die umfassenden Folgen Adams der ebenso weitreichenden Bedeutung des Erlösungswerkes Christi gegenüber. Daraus wird gelegentlich geschlossen, dass am Ende zwangsläufig jeder Mensch gerettet werden müsse, unabhängig davon, ob er Gottes Gnade im Glauben annimmt. Diese Auslegung nimmt die sprachliche Weite des Verses ernst, muss jedoch den übrigen Zusammenhang berücksichtigen. Denn in Vers 17 hatte Paulus ausdrücklich von denen gesprochen, die den Überfluss der Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit empfangen. Schon in Römer 5,1 setzte er die Rechtfertigung mit dem Glauben in Verbindung. Außerdem spricht der Römerbrief wiederholt von der Notwendigkeit des Glaubens und von der Wirklichkeit des göttlichen Gerichts (Römer 2,5–8; 3,22–26).
Deshalb muss sorgfältig zwischen der umfassenden Bedeutung der Heilstat Christi und der Frage ihrer persönlichen Aneignung unterschieden werden. Paulus erklärt nicht, dass Christus lediglich eine theoretische Möglichkeit geschaffen hätte, deren tatsächliche Wirksamkeit allein von menschlicher Leistung abhinge. Sein Erlösungswerk ist eine wirkliche, von Gott vollbrachte Heilstat. Gleichzeitig lässt sich aus Vers 18 allein nicht beweisen, dass jeder Mensch unabhängig von seinem Verhältnis zu Christus endgültig gerechtfertigt und gerettet wird. Die vorhergehende Betonung des Empfangens der Gnade und die fortlaufende Verbindung von Rechtfertigung und Glauben zeigen, dass die persönliche Antwort auf Gottes Handeln nicht bedeutungslos ist. Christi Erlösungswerk besitzt eine Reichweite, die die gesamte Menschheit umfasst; die rettende Teilhabe daran wird im Zusammenhang des Römerbriefes mit dem Glauben an Christus verbunden. Damit bleibt sowohl die Größe der göttlichen Gnade als auch der Ernst der persönlichen Entscheidung bestehen.
Eine weitere wichtige Einzelheit liegt in der Formulierung „lebenbringende Rechtfertigung“. Paulus beschreibt die Rechtfertigung nicht als einen isolierten Gerichtsspruch, der keine Verbindung zur zukünftigen Existenz des Menschen hätte. Sie führt zum Leben. Dabei geht es um mehr als die Verlängerung des gegenwärtigen sterblichen Daseins. Die Rechtfertigung eröffnet den Weg zu jener endgültigen Lebensgemeinschaft mit Gott, in der die Macht des Todes überwunden sein wird. Schon in Römer 5,17 hatte Paulus davon gesprochen, dass die Empfänger der Gnade durch Jesus Christus im Leben herrschen werden. In Römer 6,23 wird er diese Hoffnung ausdrücklich als ewiges Leben bezeichnen. Die zukünftige Auferstehung gehört wesentlich zu dieser Perspektive, wie Paulus in 1. Korinther 15,20–23 erklärt. Gottes Erlösungsabsicht endet nicht bei der Vergebung vergangener Sünden. Sie zielt auf die vollständige Wiederherstellung des Menschen und seine bleibende Gemeinschaft mit dem Schöpfer.
In Vers 19 begründet Paulus die vorhergehende Gegenüberstellung noch genauer. Er erklärt, dass durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern gemacht worden sind, während durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten gemacht werden. Hier steht nicht mehr ausdrücklich die einzelne Übertretung beziehungsweise die einzelne gerechte Tat im Mittelpunkt, sondern die Haltung, die hinter diesen Handlungen steht. Paulus spricht von Ungehorsam und Gehorsam. Dadurch wird sichtbar, dass der Sündenfall seinem Wesen nach eine Abkehr vom Willen Gottes war. Die entscheidende Frage bestand nicht allein darin, welche äußere Handlung Adam ausführte, sondern darin, wessen Wort er vertraute und welcher Autorität er sich unterstellte. Der Gehorsam Christi bildet dazu den vollkommenen Gegensatz. Während Adam Gottes ausdrücklichem Willen nicht folgte, blieb Jesus ihm bis zum Ende treu.
Der Ausdruck „zu Sündern gemacht“ verlangt besondere Aufmerksamkeit. Er bedeutet nicht, dass Adams Nachkommen durch eine äußerliche Erklärung zu Menschen wurden, deren eigenes Verhalten überhaupt keine Bedeutung mehr hätte. Ebenso wenig beschreibt Paulus lediglich eine Reihe einzelner Nachahmer, die zufällig denselben Fehler wie Adam begehen. Das griechische Verb kann ausdrücken, dass Menschen in eine bestimmte Stellung oder einen bestimmten Zustand versetzt beziehungsweise als etwas eingesetzt werden. Im Zusammenhang von Römer 5 beschreibt Paulus damit die tiefgreifende Folge des Ungehorsams Adams für die Menschheit. Seine Nachkommen gehören zu einer gefallenen Menschheitsordnung, in der Sünde und Tod herrschen. Dass sie innerhalb dieser Ordnung auch selbst sündigen, hatte Paulus zuvor bereits ausführlich festgestellt. Die besondere Aussage von Vers 19 besteht deshalb darin, dass Adams Ungehorsam über seine eigene Person hinaus Folgen besitzt.
Dem stellt Paulus die Aussage gegenüber, dass durch den Gehorsam Jesu Christi die Vielen zu Gerechten gemacht werden. Dieser Gegensatz ist von großer Bedeutung für das Verständnis der Rechtfertigung. Der Sünder kann seine vergangene Schuld nicht dadurch beseitigen, dass er nachträglich versucht, ausreichend viele gute Werke anzusammeln. Ebenso wenig könnte er durch seine eigenen Leistungen den vollkommenen Gehorsam hervorbringen, den Christus erwiesen hat. Paulus verweist deshalb auf den Gehorsam des Einen. Die Grundlage der Rechtfertigung liegt nicht in der persönlichen Fehlerlosigkeit des Menschen, sondern im Erlösungswerk Jesu Christi. Durch ihn schenkt Gott dem Glaubenden eine neue Stellung vor sich. Schon in Römer 4,5 hatte Paulus erklärt, dass Gott den Gottlosen rechtfertigt, der an ihn glaubt. Römer 5,19 zeigt nun, weshalb diese erstaunliche Rechtfertigung möglich ist: Der Gehorsam Jesu Christi bildet den entscheidenden Gegensatz zum Ungehorsam Adams.
Dabei ist sorgfältig zwischen dem Gerechtmachen im Sinne der Rechtfertigung und der tatsächlichen Erneuerung des menschlichen Lebens zu unterscheiden, ohne beide voneinander zu trennen. Im unmittelbaren Zusammenhang steht besonders die Rechtfertigung im Mittelpunkt, also Gottes gnädige Annahme des Menschen aufgrund Christi. Paulus behandelt hier nicht bereits ausführlich, wie sich der Charakter des Glaubenden im täglichen Leben verändert. Dennoch wäre es falsch, die empfangene Gerechtigkeit als bloße religiöse Bezeichnung zu verstehen, die keinerlei Folgen für das Leben haben soll. Die Gemeinschaft mit Christus führt nach dem weiteren Römerbrief zu einem neuen Verhältnis zur Sünde. In Römer 6,6–11 wird Paulus erklären, dass der alte Mensch mit Christus gekreuzigt wurde und die Glaubenden sich der Sünde für tot, Gott aber für lebendig halten sollen. Rechtfertigung und Heiligung sind daher unterscheidbare, aber miteinander verbundene Wirklichkeiten des Erlösungswerkes. Der Gehorsam Christi schafft die Grundlage der Annahme vor Gott; die Gemeinschaft mit dem auferstandenen Christus führt zugleich zu einem veränderten Leben.
Auch der Wechsel von „alle Menschen“ in Vers 18 zu „die Vielen“ in Vers 19 darf nicht übersehen werden. Paulus verwendet beide Ausdrücke innerhalb desselben Vergleichs. Das bedeutet nicht automatisch, dass er zunächst von der gesamten Menschheit spricht und anschließend plötzlich zwei zahlenmäßig kleine Gruppen beschreibt. Der Ausdruck „die Vielen“ kann eine große Gesamtheit im Gegensatz zu dem einen Menschen bezeichnen, dessen Handlung diese Gesamtheit betrifft. Entscheidend ist deshalb nicht, aus dem Wort „viele“ eine genaue Anzahl der Betroffenen abzuleiten. Paulus stellt vielmehr immer wieder den Einen den Vielen gegenüber. Adams Ungehorsam blieb nicht auf Adam beschränkt; ebenso reicht die Bedeutung des Gehorsams Christi weit über seine eigene Person hinaus. Welche Menschen schließlich rettenden Anteil an dieser Gnade erhalten, muss aus dem Zusammenhang des Glaubens und des Empfangens der Gerechtigkeit verstanden werden. Die bloße Gegenüberstellung von „einem“ und „vielen“ entscheidet diese Frage nicht für sich allein.
Bemerkenswert ist außerdem, dass Paulus beim Ungehorsam Adams von einer bereits eingetretenen Wirklichkeit spricht, während er auf der Seite Christi die Zukunftsform verwendet: Die Vielen „werden“ zu Gerechten gemacht. Daraus darf nicht geschlossen werden, dass gegenwärtig noch niemand gerechtfertigt wäre. Schon zu Beginn des Kapitels hatte Paulus ausdrücklich erklärt, dass die Glaubenden bereits durch den Glauben gerechtfertigt sind und Frieden mit Gott haben. Die Zukunftsform fügt sich vielmehr in den größeren Zusammenhang ein, in dem die gegenwärtig empfangene Gnade auf ihre zukünftige Vollendung ausgerichtet ist. Gottes Rechtfertigung ist schon jetzt für den Glaubenden Wirklichkeit, während die endgültige Offenbarung der Gerechtigkeit und die vollständige Befreiung vom Tod noch bevorstehen. Paulus verbindet damit das bereits geschehene Erlösungswerk Christi mit der Hoffnung auf dessen endgültiges Ziel.
Die Gegenüberstellung von Adams Ungehorsam und Christi Gehorsam erhält zusätzliche Tiefe durch die Versuchungsgeschichte Jesu. Nach Matthäus 4,1–11 wurde Jesus vom Teufel versucht, sich von dem Weg abzuwenden, den der Vater für ihn bestimmt hatte. Anders als Adam ließ er sich jedoch nicht dazu bewegen, dem Wort Gottes zu misstrauen oder eine andere Autorität über Gottes Willen zu stellen. Seine Antworten auf die Versuchungen zeigen, dass er dem geschriebenen Wort Gottes treu blieb. Zwar behandelt Matthäus in diesem Abschnitt unmittelbar auch die Geschichte Israels und dessen Erfahrungen in der Wüste, doch im Zusammenhang mit Römer 5 entsteht zugleich eine bedeutsame Verbindung: Jesus erweist sich als der gehorsame Sohn, der dort standhält, wo Menschen versagt haben. Die Gegenüberstellung mit Adam wird von Paulus selbst ausdrücklich vorgenommen und bildet deshalb einen sicheren biblischen Rahmen, um die Bedeutung des Gehorsams Christi zu verstehen.
Gerade dieser Gehorsam offenbart, dass Jesus die Menschen nicht allein durch gute Lehren zur Gerechtigkeit führen wollte. Seine Lehre war vollkommen, aber die menschliche Schuld konnte nicht dadurch beseitigt werden, dass den Menschen lediglich zusätzliche Gebote gegeben wurden. Das grundlegende Problem lag bereits darin, dass sie Gottes Willen übertreten hatten und aus eigener Kraft keinen Weg zur vollständigen Wiederherstellung ihrer Beziehung zu ihm schaffen konnten. Christus kam deshalb nicht nur, um den Willen Gottes zu erklären, sondern um ihn selbst vollkommen zu erfüllen und sein Leben für die Sünder hinzugeben. In Hebräer 5,8–9 wird sein Gehorsam ausdrücklich mit seiner Bedeutung als Urheber des ewigen Heils verbunden. Das bedeutet nicht, dass Jesus zuvor ungehorsam gewesen wäre und Gehorsam erst lernen musste, indem er sündigte. Vielmehr bewährte sich seine vollkommene Treue auch unter wirklichem Leiden. So wird verständlich, weshalb Paulus dem Ungehorsam Adams nicht einfach den verbesserten Gehorsam anderer Menschen gegenüberstellt, sondern den Gehorsam des Einen, Jesus Christus.
Damit wird auch die Stellung des göttlichen Gesetzes innerhalb des Erlösungsplans deutlicher. Adams Übertretung war Ungehorsam gegenüber einem ausdrücklich gegebenen Gebot. Christi gerechte Tat war dagegen von vollkommener Treue zum Willen Gottes geprägt. Paulus beschreibt die Erlösung somit nicht als eine Aufhebung des Unterschieds zwischen Gehorsam und Ungehorsam. Das Evangelium erklärt nicht nachträglich die Missachtung des göttlichen Willens für bedeutungslos. Vielmehr steht im Mittelpunkt der Rettung gerade der vollkommene Gehorsam Jesu Christi. In Römer 3,31 hatte Paulus bereits gefragt, ob der Glaube das Gesetz aufhebe, und diese Möglichkeit entschieden zurückgewiesen. Die Rechtfertigung durch Glauben bedeutet nicht, dass Gottes gerechter Wille seinen Wert verloren hätte. Sie bedeutet, dass der sündige Mensch seine Rettung nicht durch eigene Gesetzeswerke verdienen kann, sondern auf den Gehorsam und das Erlösungswerk Christi angewiesen ist. Wie das Gesetz die Übertretung hervortreten lässt, wird Paulus unmittelbar in Vers 20 näher erklären.
Schließlich zeigt die Gegenüberstellung von Adam und Christus etwas Grundlegendes über Gottes Absicht mit der Menschheit. Die Sünde hat die menschliche Geschichte tiefgreifend verändert, aber sie besitzt nicht die letzte und höchste Macht über Gottes Schöpfung. Der Ungehorsam Adams war folgenschwer, doch Gott hat die Menschheit nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Er hat in Jesus Christus selbst den Weg zur Rettung eröffnet. Dabei besteht die Größe seines Handelns nicht darin, die Vergangenheit ungeschehen zu machen, als hätte es Sünde, Leid und Tod niemals gegeben. Vielmehr begegnet Gott der wirklichen Schuld des Menschen und schafft durch den Gehorsam, den Tod und die Auferstehung seines Sohnes die Grundlage einer neuen Zukunft. Die Erlösten werden nicht dadurch gerecht, dass ihre Sünden für unwichtig erklärt werden, sondern weil Christus die Voraussetzung ihrer Rechtfertigung geschaffen hat.
So führen die Verse 18–19 den Vergleich zwischen Adam und Christus zu seinem entscheidenden Ergebnis. Durch Adams Ungehorsam kamen Verurteilung und Tod über die Menschheit. Durch Christi Gehorsam hat Gott dagegen die Grundlage für Rechtfertigung und ewiges Leben geschaffen. Beide Handlungen besitzen eine Bedeutung, die weit über die jeweilige Person hinausreicht, doch ihre Ergebnisse stehen in einem grundlegenden Gegensatz. Adam steht am Anfang der gefallenen Menschheitsgeschichte; Christus eröffnet durch seinen vollkommenen Gehorsam den Weg zu einer neuen Menschheit, deren Zukunft nicht mehr vom Tod, sondern vom Leben bestimmt sein soll.
Damit ist der Gedankengang jedoch noch nicht vollständig abgeschlossen. Eine Frage bleibt offen: Welche Rolle spielt das Gesetz innerhalb dieser Geschichte von Sünde und Gnade? Wenn die Sünde bereits durch Adam in die Welt gekommen ist und Christus durch seinen Gehorsam die Rechtfertigung ermöglicht, weshalb wurde das Gesetz später noch ausdrücklich offenbart? Paulus beantwortet diese Frage in den abschließenden Versen des Kapitels. Dort zeigt er, dass das Gesetz die Wirklichkeit der Übertretung hervortreten lässt, während Gottes Gnade selbst angesichts der zunehmenden Sünde überreich wirksam wird. Das letzte Wort gehört deshalb nicht der Sünde, die zum Tod führt, sondern der Gnade, die durch Jesus Christus zum ewigen Leben herrscht.
Römer 5,20–21
Wo die Sünde zunimmt, wird Gottes Gnade noch größer
Nachdem Paulus den Ungehorsam Adams und den vollkommenen Gehorsam Jesu Christi gegenübergestellt hat, wendet er sich zum Abschluss des Kapitels einer Frage zu, die für seine bisherigen Ausführungen von großer Bedeutung ist: Welche Rolle spielt das Gesetz Gottes innerhalb der Geschichte von Sünde und Erlösung? Wenn die Sünde bereits durch Adam in die Welt gekommen ist und der Tod schon lange vor Mose über die Menschen herrschte, weshalb wurde das Gesetz später noch ausdrücklich offenbart? Paulus beantwortet diese Frage, indem er die Wirkung des Gesetzes beschreibt und ihr die überragende Macht der göttlichen Gnade gegenüberstellt. Dabei wird deutlich, dass die Offenbarung des Gesetzes die menschliche Schuld nicht beseitigen konnte. Sie ließ vielmehr das Ausmaß der Übertretung hervortreten. Doch gerade dort, wo die Sünde ihre zerstörerische Macht entfaltet, erweist sich Gottes Gnade als noch weit größer. Am Ende steht deshalb nicht die Herrschaft des Todes, sondern die Hoffnung auf das ewige Leben durch Jesus Christus.
In Vers 20 erklärt Paulus zunächst, dass das Gesetz „daneben hereingekommen“ ist. Diese Formulierung ist bemerkenswert, weil sie das Gesetz innerhalb eines bereits bestehenden Geschehens einordnet. Die Sünde hatte ihren Anfang nicht erst mit der Gesetzgebung am Sinai genommen. Schon Adam hatte ein ausdrückliches Gebot Gottes übertreten, und die nachfolgenden Generationen waren unter die Herrschaft von Sünde und Tod geraten. Das hatte Paulus in den Versen 12–14 bereits ausführlich begründet. Wenn er nun vom Hinzukommen des Gesetzes spricht, liegt im geschichtlichen Zusammenhang besonders die Offenbarung der mosaischen Gesetzgebung nahe. Gott gab Israel am Sinai seine Gebote und machte seinem Volk seinen Willen in verbindlicher Weise bekannt. Damit erhielt Israel eine besondere Offenbarung göttlicher Wahrheit und eine klare Grundlage für das Leben in seiner Bundesgemeinschaft (2. Mose 20,1–17; 5. Mose 4,5–8).
Die Worte vom späteren Hinzukommen dürfen allerdings nicht so verstanden werden, als hätte es vor Mose keinerlei göttliche Gebote oder moralische Verantwortung gegeben. Bereits in Eden hatte Gott dem Menschen eine ausdrückliche Weisung gegeben, und die Berichte über Kain, die Sintflut und Abraham zeigen, dass menschliches Handeln schon vor dem Sinai nach Gottes Willen beurteilt wurde. Die Gesetzgebung durch Mose war somit nicht der Ursprung jeder Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Vielmehr offenbarte Gott seinem Volk seinen Willen innerhalb einer besonderen geschichtlichen Bundesordnung. Das Wort „daneben“ unterstreicht dabei, dass das Gesetz nicht den Ausgangspunkt der menschlichen Sündengeschichte bildete und auch nicht selbst die rettende Antwort auf diese Geschichte war. Paulus stellt es innerhalb des größeren Zusammenhangs dar, in dem die Sünde bereits wirkte und Gottes Gnade durch Christus die entscheidende Rettung bringen sollte.
Besonders erklärungsbedürftig ist die anschließende Aussage, dass das Gesetz hinzukam, damit das Maß der Sünden voll würde. Im griechischen Text ist an dieser Stelle von der Zunahme der Übertretung die Rede. Paulus beschreibt also nicht einfach eine neutrale Sammlung religiöser Vorschriften, sondern verbindet das Hinzukommen des Gesetzes mit einer Verschärfung beziehungsweise Zunahme der Übertretung. Wie kann jedoch ein Gesetz, das Gottes guten und gerechten Willen offenbart, dazu beitragen, dass die Sünde zunimmt? Diese Frage ist wichtig, weil Paulus keineswegs behauptet, Gottes Gesetz sei selbst böse oder verleite den Menschen seinem Wesen nach zum Ungehorsam. Um seine Aussage richtig zu verstehen, muss zwischen dem Charakter des Gesetzes und der Wirkung unterschieden werden, die es bei einem bereits sündigen Menschen hervorruft.
Zunächst macht das Gesetz die Sünde deutlicher erkennbar. Wo Gott seinen Willen ausdrücklich offenbart, kann der Mensch bestimmte Handlungen nicht mehr ohne Weiteres als harmlos oder moralisch unbedeutend betrachten. Was vielleicht zuvor nur unvollständig verstanden wurde, wird durch das Gebot klar benannt. Diesen Zusammenhang hatte Paulus bereits in Römer 3,20 erklärt: Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde. Die Gebote Gottes zeigen dem Menschen nicht nur, was richtig ist, sondern decken zugleich auf, wo sein Denken, seine Wünsche und sein Handeln dem göttlichen Willen widersprechen. In diesem Sinn besitzt das Gesetz eine aufdeckende Funktion. Es macht sichtbar, dass das Problem des Menschen nicht lediglich in einigen unglücklichen Entscheidungen besteht, sondern in einer tieferliegenden Neigung, sich Gottes Willen zu widersetzen.
Paulus geht jedoch über die bloße Erkenntnis der Sünde hinaus. In Römer 7,7–13 wird er genauer beschreiben, wie die Sünde selbst das gute Gebot zum Anlass weiterer Übertretung nimmt. Dort verwendet er als Beispiel das Gebot gegen das Begehren. Das Gesetz benennt eine Grenze, doch die bereits vorhandene Sünde nutzt gerade diese Grenze, um sündiges Verlangen hervorzurufen beziehungsweise zu verstärken. Das bedeutet nicht, dass das Gebot die böse Neigung ursprünglich erschaffen hätte. Die Sünde ist bereits im Menschen wirksam und macht sich das Gebot zunutze. Die ausdrückliche Offenbarung des göttlichen Willens kann dadurch auch bewussteren Widerstand hervorrufen. Der Mensch handelt dann nicht mehr nur gegen einen ihm unvollständig bekannten Maßstab, sondern setzt sich wissentlich über das hinweg, was Gott geboten hat. So kann das Gesetz die Übertretung nicht nur sichtbar machen, sondern innerhalb der gefallenen menschlichen Wirklichkeit auch zum Anlass verstärkter Auflehnung werden.
Gerade darin liegt eine ernste Erkenntnis über den Zustand des Menschen. Das grundlegende Problem besteht nicht darin, dass Gott zu wenige oder zu unklare Gebote gegeben hätte. Zwar ist die Erkenntnis seines Willens notwendig und wertvoll, doch Erkenntnis allein verändert noch nicht das Herz. Ein Mensch kann genau wissen, was richtig ist, und sich dennoch dagegen entscheiden. Er kann Gottes Gebote verstehen und gleichzeitig Wünsche pflegen, die seinem Willen widersprechen. Schon die Geschichte Israels verdeutlicht diesen Unterschied zwischen der Kenntnis des Gesetzes und dem tatsächlichen Gehorsam. Obwohl Gott seinem Volk seine Gebote offenbart hatte, kam es wiederholt zu Ungehorsam, Götzendienst und Ungerechtigkeit. Die Propheten mussten deshalb nicht nur fehlendes Wissen beklagen, sondern vor allem die Weigerung, nach dem bereits erkannten Willen Gottes zu leben (Jeremia 7,23–26). Das Gesetz konnte den göttlichen Maßstab offenbaren, aber es konnte ein widerspenstiges Herz nicht allein durch seine Forderungen erneuern.
Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, Gott habe das Gesetz gegeben, weil er Freude an zusätzlichen Sünden gehabt hätte. Paulus beschreibt eine Wirkung der Gesetzesoffenbarung innerhalb der gefallenen Menschheitsgeschichte, nicht eine göttliche Zustimmung zum Bösen. Gottes Wille bleibt auf Gerechtigkeit, Wahrheit und Leben ausgerichtet. In Römer 7,12 wird Paulus deshalb ausdrücklich erklären, dass das Gesetz heilig und das Gebot heilig, gerecht und gut ist. Die zerstörerische Wirkung entsteht nicht aus einem moralischen Fehler des Gesetzes, sondern aus der Macht der Sünde, die das gute Gebot missbraucht. So wird zugleich verständlich, weshalb die Offenbarung des Gesetzes den Menschen seine Erlösungsbedürftigkeit besonders deutlich vor Augen führen kann. Wo der göttliche Maßstab klar erkannt wird, verliert der Mensch den Grund, sich auf seine vermeintlich ausreichende eigene Gerechtigkeit zu verlassen. Er muss erkennen, dass er nicht nur Belehrung, sondern Vergebung und innere Erneuerung benötigt.
Diese Unterscheidung ist wesentlich für das richtige Verständnis von Gesetz und Gnade. Paulus stellt Gottes Gesetz nicht als etwas Schlechtes dar, das durch ein besseres göttliches Wesen ersetzt werden müsste. Es handelt sich nicht um einen Gegensatz zwischen einem strengen Gott des Alten Testaments und einem gnädigen Gott des Neuen Testaments. Schon im Alten Testament offenbart sich Gott als barmherzig und bereit zur Vergebung (2. Mose 34,6–7). Ebenso fordert das Neue Testament ein Leben, das dem Willen Gottes entspricht. Der Unterschied besteht vielmehr darin, dass das Gesetz den sündigen Menschen nicht durch seine bloße Forderung gerecht machen oder von der Macht der Sünde befreien kann. Es zeigt, was Gott als gerecht bezeichnet, aber die Rettung des Schuldigen muss aus Gottes Gnade kommen. Deshalb hatte Paulus bereits in Römer 3,31 ausdrücklich zurückgewiesen, dass der Glaube das Gesetz einfach bedeutungslos mache. Gleichzeitig lehrt er, dass kein Mensch durch seine eigenen Gesetzeswerke gerechtfertigt wird. Beide Aussagen gehören zu seinem Verständnis des Evangeliums.
Nach dieser Erklärung folgt in Vers 20 eine der eindrucksvollsten Aussagen des gesamten Kapitels: Dort, wo das Maß der Sünde voll geworden ist, ist die Gnade Gottes noch überfließender geworden. Paulus verwendet hier eine sprachliche Steigerung, um die Überlegenheit der Gnade gegenüber der Sünde hervorzuheben. Die Sünde nimmt zu, doch die Gnade Gottes erweist sich als noch größer. Damit soll nicht gesagt werden, dass beide Mächte zunächst gleich stark wären und Gott erst im letzten Augenblick einen knappen Sieg erringen würde. Paulus betont vielmehr, dass Gottes rettendes Handeln das Ausmaß menschlicher Schuld übertrifft. Die Geschichte der Menschheit mag von zahllosen Übertretungen geprägt sein, doch die Größe der Gnade wird nicht durch die Menge der begangenen Sünden begrenzt. Christus ist nicht nur für einen einzelnen Fehltritt gestorben. Sein Erlösungswerk ist die von Gott geschaffene Grundlage, auf der Menschen trotz ihrer wirklichen Schuld Vergebung und Rechtfertigung empfangen können.
Dabei ist bedeutsam, dass Paulus nicht sagt, die Sünde selbst sei gut, weil sie Gottes Gnade besonders sichtbar mache. Das Böse bleibt böse, auch wenn Gott mächtig genug ist, seine Folgen zu überwinden. Die Zunahme der Sünde ist kein wünschenswertes Ziel des christlichen Lebens. Vielmehr offenbart sie, wie dringend die Menschen Gottes Rettung benötigen. Die überströmende Gnade zeigt, dass selbst schwerwiegende Schuld den Menschen nicht grundsätzlich außerhalb der Reichweite göttlicher Vergebung stellen muss. Wer seine Sünden erkennt und im Glauben zu Christus kommt, darf auf eine Barmherzigkeit vertrauen, die größer ist als sein eigenes Versagen. In 1. Timotheus 1,15–16 beschreibt Paulus später seine eigene Vergangenheit als Verfolger der Gemeinde und erklärt, dass gerade an ihm die große Geduld Christi sichtbar wurde. Seine persönliche Geschichte zeigt, wie ein Mensch, der sich schwer gegen Gottes Willen vergangen hatte, durch Gottes Gnade zu einem Diener des Evangeliums werden konnte.
Die Aussage über die überströmende Gnade darf allerdings auch nicht von der Frage getrennt werden, wie der Mensch auf diese Gnade antwortet. Paulus beschreibt keine automatische Vergebung, die unabhängig von Glauben, Umkehr und Gemeinschaft mit Christus wirksam würde. Schon am Anfang des Kapitels hatte er die Rechtfertigung ausdrücklich mit dem Glauben verbunden, und in Vers 17 sprach er von denen, die den Überfluss der Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit empfangen. Die Größe der Gnade besteht nicht darin, dass Gott die Sünde fortan gleichgültig wäre, sondern darin, dass er den Sünder trotz seiner Schuld retten und erneuern kann. Würde man die überströmende Gnade als Erlaubnis verstehen, bewusst weiterzusündigen, hätte man ihren eigentlichen Zweck verkannt. Genau dieses Missverständnis wird Paulus unmittelbar im nächsten Kapitel aufgreifen. Dort fragt er, ob Christen in der Sünde bleiben sollen, damit die Gnade zunehme, und weist diesen Gedanken entschieden zurück (Römer 6,1–2).
In Vers 21 erklärt Paulus schließlich, welches Ziel Gott mit der überströmenden Gnade verfolgt. Er stellt erneut zwei Herrschaften gegenüber: die Herrschaft der Sünde und die Herrschaft der Gnade. Schon in Vers 14 hatte er davon gesprochen, dass der Tod von Adam bis Mose herrschte, und in Vers 17 erklärte er, dass durch Adams Übertretung der Tod zur Herrschaft gekommen war. Nun verbindet er die Sünde ausdrücklich mit dieser Todesherrschaft. Das Bild des Herrschens macht deutlich, dass Paulus die Sünde nicht nur als eine Reihe isolierter Handlungen betrachtet. Sie ist zugleich eine Macht, die das menschliche Leben beherrscht und es in eine Richtung führt, deren Endpunkt der Tod ist. Der Mensch kann sich durch eigene Willenskraft nicht vollständig aus dieser Herrschaft befreien, weil er selbst Teil der gefallenen Menschheitsgeschichte ist und durch persönliche Übertretungen an ihr Anteil hat.
Der Sündenherrschaft stellt Paulus nun die Herrschaft der Gnade gegenüber. Diese Gegenüberstellung ist besonders bedeutungsvoll, weil Gottes Gnade damit nicht nur als eine einmalige Vergebung vergangener Schuld erscheint. Sie gehört zu einer neuen Wirklichkeit, in der das Leben des Menschen nicht länger von der Sünde bestimmt sein soll. Das bedeutet nicht, dass ein gerechtfertigter Mensch keine Versuchungen mehr erleben oder niemals wieder sündigen könnte. Paulus wird in den folgenden Kapiteln ausführlich erklären, weshalb der Glaubende weiterhin aufgefordert ist, der Sünde keinen Raum zu geben und sich Gott zur Verfügung zu stellen. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Gottes Gnade eine Befreiung aus der bisherigen Herrschaft ermöglicht. Der Sünder soll nicht lediglich von den Folgen seines Ungehorsams freigesprochen werden, um anschließend unverändert unter derselben Macht weiterzuleben. Gottes Erlösung zielt darauf, ihn in eine neue Beziehung zu seinem Schöpfer zu führen und sein Leben zunehmend von dessen Willen bestimmen zu lassen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Aussage, dass die Gnade „durch Gerechtigkeit“ zum ewigen Leben herrscht. Paulus beschreibt die Gnade nicht als eine Macht, die Gottes Gerechtigkeit außer Kraft setzt. Vielmehr führt sie gerade durch Gerechtigkeit zum Leben. Im Zusammenhang des Kapitels ist dabei besonders an die Gerechtigkeit zu denken, die Gott durch Jesus Christus ermöglicht und dem Glaubenden schenkt. Bereits in Römer 3,21–26 hatte Paulus von Gottes Gerechtigkeit gesprochen, die durch den Glauben an Jesus Christus offenbar wird. In Römer 5,17 bezeichnete er die Gerechtigkeit ausdrücklich als eine Gabe, die empfangen wird. Nun verbindet er diese Gerechtigkeit mit der Herrschaft der Gnade. Gottes Barmherzigkeit rettet den Menschen somit nicht dadurch, dass sie die Wirklichkeit seiner Schuld bestreitet, sondern indem sie ihm durch Christus eine wirkliche Rechtfertigung eröffnet. Die Gnade herrscht nicht gegen Gottes Gerechtigkeit, sondern in Übereinstimmung mit ihr.
Darin unterscheidet sich Gottes Gnadenherrschaft grundlegend von der Herrschaft der Sünde. Die Sünde führt den Menschen von Gott weg und endet im Tod. Die Gnade führt ihn durch die von Gott geschenkte Gerechtigkeit zum ewigen Leben. Paulus beschreibt damit nicht lediglich zwei unterschiedliche Regeln, nach denen Menschen beurteilt werden. Er stellt zwei entgegengesetzte Lebenswirklichkeiten dar, deren Ergebnisse unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine ist von Ungehorsam, Schuld und Vergänglichkeit geprägt; die andere gründet auf Christi Gehorsam, Gottes Vergebung und der Verheißung endgültiger Wiederherstellung. Der Gegensatz zwischen Tod und Leben greift damit noch einmal den gesamten Gedankengang auf, den Paulus mit Adam und Christus entwickelt hat.
Das ewige Leben, von dem Paulus am Ende des Kapitels spricht, ist dabei mehr als eine unbegrenzte Verlängerung des gegenwärtigen Daseins. Es bezeichnet die endgültige Rettung des Menschen aus der Herrschaft von Sünde und Tod und seine bleibende Gemeinschaft mit Gott. Schon jetzt dürfen Glaubende durch Christus in dieser Gemeinschaft leben, doch die vollständige Überwindung des Todes steht noch bevor. In 1. Korinther 15,52–54 beschreibt Paulus die zukünftige Auferstehung und Verwandlung, bei der das Sterbliche Unsterblichkeit anziehen wird. In Römer 8,10–11 wird er erklären, dass derselbe Geist, durch den Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, auch die sterblichen Leiber der Glaubenden lebendig machen wird. Die Hoffnung auf ewiges Leben ist deshalb untrennbar mit der Auferstehung verbunden. Sie richtet sich auf eine wirkliche Zukunft, in der die Erlösten nicht länger unter der Macht des Todes stehen werden.
Auffällig ist schließlich, dass Paulus seine gesamte Erklärung mit den Worten „durch Jesus Christus, unsren Herrn“ abschließt. Damit nennt er noch einmal ausdrücklich den Mittelpunkt der Erlösung. Nicht das Gesetz führt aus eigener Kraft zum ewigen Leben, und auch die Gnade erscheint nicht als eine unpersönliche Macht, die unabhängig von Christus wirken würde. Jesus Christus ist derjenige, durch dessen Gehorsam, Tod und Auferstehung der Weg zur Rechtfertigung und zum Leben eröffnet wurde. Er ist zugleich der lebendige Herr, durch den die Glaubenden ihre gegenwärtige Gemeinschaft mit Gott und die Hoffnung auf die zukünftige Vollendung besitzen. Das ewige Leben ist deshalb keine Leistung, die der Mensch durch besondere Anstrengungen erwerben könnte. Es ist Gottes Gabe, die untrennbar mit Jesus Christus verbunden ist, wie Paulus später in Römer 6,23 nochmals ausdrücklich erklären wird.
Damit erreicht das fünfte Kapitel seinen abschließenden Höhepunkt. Paulus hat den Blick von der persönlichen Rechtfertigung des Glaubenden bis zur gesamten Geschichte der Menschheit geweitet. Er hat gezeigt, wie durch Adam Sünde und Tod in die Welt kamen, wie das Gesetz die Übertretung hervortreten ließ und wie Gottes Gnade durch Jesus Christus eine weit größere Rettung eröffnet. Der entscheidende Gegensatz besteht am Ende nicht zwischen dem Gesetz und einem Gott, der keine Gebote mehr kennt, sondern zwischen der Herrschaft der Sünde, die zum Tod führt, und der Herrschaft der Gnade, die durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben führt.
Die Sünde besitzt wirkliche Macht, doch sie ist nicht stärker als Gott. Das Gesetz kann ihre Wirklichkeit aufdecken, aber Christus ist derjenige, durch den Gott den Menschen von ihrer Herrschaft befreit. Gottes Gnade ist deshalb nicht bloß eine Antwort auf die Vergangenheit, sondern die Grundlage einer neuen Gegenwart und einer ewigen Zukunft. Wer diese Gnade empfängt, wird nicht dazu eingeladen, die Sünde weiterhin als seinen Herrn anzuerkennen, sondern durch Jesus Christus in einem erneuerten Verhältnis zu Gott zu leben.
Gerade diese letzte Folgerung bereitet die Frage vor, mit der Paulus das sechste Kapitel eröffnen wird: Wenn Gottes Gnade dort besonders mächtig wird, wo die Sünde zunimmt, darf der Mensch dann absichtlich in der Sünde bleiben? Seine Antwort wird zeigen, dass die Herrschaft der Gnade nicht zu einem Leben ohne Gehorsam führt, sondern zu einer grundlegenden Veränderung der Zugehörigkeit des Menschen. Wer durch Christus mit Gott versöhnt wurde, soll nicht länger der Sünde dienen, sondern in einem neuen Leben wandeln.
Geistliche Kernbotschaft
Die zentrale Botschaft von Römer 5 besteht darin, dass die Rettung des Menschen nicht mit seinen eigenen Bemühungen beginnt, sondern mit der Liebe und Gnade Gottes. Paulus beschreibt einen Gott, der sich dem sündigen Menschen nicht erst zuwendet, nachdem dieser seine Schuld überwunden und sich als würdig erwiesen hat. Vielmehr hat Gott in Jesus Christus selbst den entscheidenden Schritt zur Versöhnung getan. Der Mensch, der durch seine Sünde die Gemeinschaft mit seinem Schöpfer beschädigt hat, kann diese Beziehung nicht aus eigener Kraft wiederherstellen. Doch gerade dort, wo menschliche Möglichkeiten an ihre Grenzen gelangen, offenbart sich Gottes rettende Liebe. Das Evangelium ist deshalb nicht zuerst die Botschaft davon, was der Mensch für Gott leisten muss, sondern davon, was Gott bereits für den Menschen getan hat und welche neue Zukunft er ihm dadurch eröffnet.
Diese Wahrheit verändert grundlegend, wie ein Mensch seine Beziehung zu Gott verstehen darf. Wer seine Annahme bei Gott ausschließlich von der eigenen geistlichen Leistung abhängig macht, wird zwischen Selbstzufriedenheit und Verzweiflung schwanken. Gelingt ihm ein gehorsames Leben, könnte er meinen, sich Gottes Wohlwollen verdient zu haben. Erkennt er dagegen seine Schwächen und sein Versagen, könnte er glauben, Gott könne ihn nicht mehr annehmen. Paulus stellt beiden Vorstellungen die Rechtfertigung durch den Glauben gegenüber. Die Grundlage der Versöhnung liegt nicht in der Vollkommenheit des Sünders, sondern im vollkommenen Erlösungswerk Jesu Christi. Dadurch erhält der Glaube einen festen Mittelpunkt außerhalb der eigenen wechselnden Erfahrungen. Der Mensch darf seine Schuld ernst nehmen, ohne an ihr verzweifeln zu müssen, weil Gottes Gnade größer ist als das, was er selbst wiedergutmachen könnte.
Gleichzeitig zeigt Römer 5, dass diese Gnade keineswegs bedeutet, Gott betrachte die Sünde als unwichtig. Die gesamte Argumentation des Paulus macht deutlich, welche tiefgreifenden Folgen der Ungehorsam gegenüber Gott besitzt. Sünde zerstört Gemeinschaft, bringt Schuld hervor und steht in einem untrennbaren Zusammenhang mit der Herrschaft des Todes. Gottes Liebe besteht deshalb nicht darin, das Böse einfach zu übersehen. Sie offenbart sich vielmehr darin, dass Gott selbst den Weg eröffnet, auf dem schuldige Menschen gerechtfertigt und mit ihm versöhnt werden können. Am Kreuz Jesu Christi begegnen sich so der Ernst der menschlichen Schuld und die Größe göttlicher Barmherzigkeit. Derselbe Gott, der das Böse gerecht richtet, hat aus Liebe zu den Sündern seinen Sohn gegeben. Seine Gerechtigkeit und seine Liebe sind keine widersprüchlichen Eigenschaften, sondern gehören zu seinem vollkommenen Wesen.
Von besonderer Bedeutung ist, dass Gottes Erlösungswerk nicht bei der Vergebung vergangener Sünden stehen bleibt. Paulus beschreibt eine Veränderung, die das gesamte Verhältnis des Menschen zu seinem Schöpfer betrifft. Wer durch Christus gerechtfertigt wird, darf Frieden mit Gott haben, in seiner Gnade stehen und auf die zukünftige Herrlichkeit hoffen. Durch den Heiligen Geist wird Gottes Liebe im Inneren des Glaubenden wirksam. Zugleich gehört der Mensch nicht mehr ausschließlich zu jener Geschichte von Sünde und Tod, deren Anfang Paulus mit Adam verbindet. Durch Jesus Christus ist eine neue Wirklichkeit eröffnet worden, in der Gottes Gnade herrscht und auf das ewige Leben hinführt. Erlösung bedeutet deshalb nicht lediglich, dass Gott die Vergangenheit des Menschen vergibt. Sie umfasst auch die Wiederherstellung seiner Beziehung zu Gott, die Erneuerung seines Lebens und die Hoffnung auf die endgültige Überwindung des Todes.
Diese Hoffnung besitzt eine besondere Tiefe, weil sie sich nicht auf günstige äußere Lebensumstände gründet. Paulus verbindet die Gewissheit des Glaubens ausdrücklich mit der Erfahrung von Bedrängnissen. Damit macht er deutlich, dass die Gegenwart von Leiden nicht automatisch die Abwesenheit göttlicher Liebe bedeutet. Ein Mensch kann unter schweren Prüfungen stehen und dennoch in Gottes Gnade geborgen sein. Die Zuversicht des Glaubenden besteht nicht darin, dass er jede Schwierigkeit verstehen oder aus eigener Kraft überwinden könnte. Sie beruht auf der Treue Gottes, der seine Liebe bereits durch Jesus Christus erwiesen hat und durch seinen Geist gegenwärtig wirkt. Christliche Hoffnung ist deshalb mehr als menschlicher Optimismus. Sie richtet sich auf eine Verheißung, deren Erfüllung in Gottes Macht und Treue gegründet ist.
Schließlich führt Römer 5 zu einer umfassenden Sicht auf die menschliche Geschichte. Durch Adam wird sichtbar, wie weitreichend die Folgen des Ungehorsams sind. Durch Christus offenbart Gott dagegen, dass Sünde und Tod nicht das endgültige Schicksal der Menschheit bestimmen müssen. Die beiden Menschen stehen für entgegengesetzte Entwicklungen: Der eine Ungehorsam brachte Verurteilung und Tod, der vollkommene Gehorsam Christi eröffnet Rechtfertigung und Leben. Doch Paulus beschreibt Christus nicht lediglich als jemanden, der den Schaden Adams ausgleicht. Er betont ausdrücklich die überströmende Größe der göttlichen Gnade. Darin liegt eine der tiefsten Hoffnungsbotschaften des Kapitels: Die Macht der Sünde ist wirklich, aber sie ist nicht größer als Gottes Fähigkeit zu retten.
So mündet die gesamte Erklärung in eine Entscheidung darüber, worauf der Mensch sein Vertrauen setzt und welcher Macht sein Leben gehören soll. Die Gnade Gottes ist keine Erlaubnis, der Sünde weiterhin gleichgültig zu folgen. Sie ist Gottes rettende Zuwendung, durch die der Mensch aus der Herrschaft der Sünde befreit und zu einem neuen Leben geführt werden soll. Gehorsam ist dabei nicht der Preis, mit dem sich der Mensch die Liebe Gottes erkauft, sondern die angemessene Antwort auf eine Liebe, die ihm bereits unverdient begegnet ist. Der Glaube richtet sich auf Jesus Christus, dessen Tod die Grundlage der Versöhnung bildet und dessen auferstandenes Leben die Hoffnung auf die endgültige Rettung trägt. Das letzte Wort über den Menschen muss deshalb nicht seine Sünde, seine Vergangenheit oder der Tod sprechen. Gott hat durch Jesus Christus den Weg eröffnet, auf dem seine Gnade zu Gerechtigkeit, Wiederherstellung und ewigem Leben führt.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Die Bedeutung von Römer 5 wird besonders verständlich, wenn man das Kapitel mit der Schöpfungsgeschichte und den weiteren Aussagen der Bibel über Sünde, Gerechtigkeit und Erlösung verbindet. Paulus entwickelt seine Argumentation nicht unabhängig vom Alten Testament, sondern greift grundlegende Zusammenhänge auf, die bereits dort beschrieben werden. Zugleich führt er diese Gedanken weiter und zeigt, wie sie durch das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi ihre entscheidende heilsgeschichtliche Bedeutung erhalten. Besonders die Geschichte Adams, die Verheißungen an Abraham, die prophetischen Aussagen über den leidenden Gottesknecht und die neutestamentliche Hoffnung auf die Auferstehung erschließen wichtige Zusammenhänge dieses Kapitels.
Eine grundlegende Verbindung besteht zwischen 1. Mose 2–3 und Römer 5,12–19. In der Schöpfungsgeschichte wird der Mensch als ein Wesen beschrieben, das sein Leben unmittelbar von Gott empfängt. Er wurde für die Gemeinschaft mit seinem Schöpfer geschaffen und erhielt zugleich die Verantwortung, dessen ausdrücklichem Gebot zu gehorchen. Der Sündenfall zeigt, wie diese Beziehung durch menschliches Misstrauen und Ungehorsam beschädigt wurde. Die Folgen betreffen nicht nur das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, sondern auch das menschliche Leben selbst: Scham, Furcht, Mühsal, Entfremdung und schließlich der Tod gehören zu den Folgen der Übertretung. Paulus greift diese Geschichte auf, konzentriert sich jedoch besonders auf ihre umfassende Bedeutung für die Menschheit. Während 1. Mose 3 beschreibt, wie die Sünde in die menschliche Geschichte eintrat, erklärt Römer 5, weshalb Adams Ungehorsam für das Verständnis der Erlösung durch Christus entscheidend ist. Die Schöpfungsgeschichte liefert damit den Hintergrund für die Frage, von welcher Macht der Mensch überhaupt befreit werden muss.
Eine besonders enge Verbindung findet sich in 1. Korinther 15,20–23 und 45–49. Dort stellt Paulus Adam und Christus ebenfalls einander gegenüber, allerdings mit einem besonderen Schwerpunkt auf der Auferstehung. Er erklärt, dass durch einen Menschen der Tod und durch einen Menschen die Auferstehung der Toten gekommen ist. Anschließend bezeichnet er Christus als den letzten Adam und unterscheidet zwischen dem ersten Menschen, der aus Erde geschaffen wurde, und dem zweiten Menschen, dessen Herkunft und Bedeutung er mit dem Himmel verbindet. Diese Aussagen vertiefen Römer 5, weil sie zeigen, worauf die Überwindung der Todesherrschaft letztlich hinausläuft. Christus ermöglicht nicht nur die Vergebung der Sünde, sondern ist durch seine eigene Auferstehung zum Ausgangspunkt der zukünftigen Auferstehung derer geworden, die zu ihm gehören. Besonders 1. Korinther 15,23 präzisiert, dass Christus als Erstling auferstanden ist und bei seiner Wiederkunft diejenigen folgen werden, die ihm angehören. So wird die in Römer 5 verheißene Herrschaft des Lebens mit der konkreten Hoffnung auf die Auferstehung verbunden.
Die Rechtfertigung durch Glauben steht zugleich in einer engen Beziehung zu 1. Mose 15,6 und Römer 4,1–25. Gott hatte Abraham Nachkommen verheißen, obwohl die sichtbaren Umstände zunächst gegen die Erfüllung dieser Zusage sprachen. Abraham vertraute dennoch dem Wort Gottes, und sein Glaube wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. Paulus verwendet diese Geschichte, um zu erklären, dass die Rechtfertigung nicht durch menschliche Leistungen verdient wird. Besonders wichtig ist, dass Abraham bereits vor seiner Beschneidung als gerecht angesehen wurde. Damit zeigt Paulus, dass die Annahme bei Gott nicht auf ein bestimmtes äußeres Bundeszeichen oder die Zugehörigkeit zu einem einzelnen Volk beschränkt werden kann. Wenn Römer 5 anschließend von den Folgen der Rechtfertigung spricht, baut Paulus unmittelbar auf dieser bereits entwickelten Grundlage auf. Der Glaube, durch den der Mensch gerechtfertigt wird, ist kein selbstständiges Verdienst, sondern das Vertrauen auf Gottes Verheißung und sein rettendes Handeln.
Eine weitere Verbindung besteht zwischen Jesaja 53,4–12 und Römer 5,6–11. Der Prophet beschreibt dort einen Gottesknecht, der nicht wegen eigener Schuld leidet, sondern die Sünden anderer trägt. Besonders eindrücklich ist die Aussage, dass er um der Übertretungen des Volkes willen verwundet wurde und dass durch sein Leiden Frieden möglich wird. Die Ähnlichkeit zur Argumentation des Paulus ist tiefgreifend. In Römer 5 steht ebenfalls der Gedanke im Mittelpunkt, dass Christus für Menschen stirbt, die selbst schuldig geworden sind. Er ist nicht derjenige, der gerettet werden müsste, sondern derjenige, durch dessen Hingabe andere Rettung empfangen. Zugleich erklärt Jesaja 53,11, dass der gerechte Knecht durch seine Erkenntnis beziehungsweise durch die Beziehung zu ihm viele gerecht machen und ihre Schuld tragen wird. Die Verbindung zu Römer 5,19, wo Paulus den Gehorsam des Einen mit der Rechtfertigung der Vielen verbindet, ist deshalb besonders bedeutsam. Paulus zitiert Jesaja 53 in diesem Kapitel zwar nicht ausdrücklich, doch die inhaltliche Übereinstimmung zeigt, wie die Botschaft vom stellvertretenden Leiden des Gottesknechtes hilft, die Bedeutung des Todes Christi zu verstehen.
Der Gedanke der Versöhnung wird in 2. Korinther 5,17–21 weiter entfaltet. Dort erklärt Paulus, dass Gott die Menschen durch Christus mit sich selbst versöhnt hat und ihnen das Wort der Versöhnung anvertraut. Besonders bedeutsam ist seine Aussage, dass Gott in Christus handelte, um die Welt mit sich selbst zu versöhnen. Damit wird dieselbe göttliche Initiative sichtbar, die bereits Römer 5 prägt. Die Versöhnung beginnt nicht damit, dass Menschen aus eigener Kraft einen Weg zu Gott schaffen. Gott selbst hat durch Jesus Christus gehandelt. Zugleich verbindet Paulus die Versöhnung mit der neuen Schöpfung. Wer in Christus ist, gehört zu einer neuen Wirklichkeit, die nicht mehr ausschließlich von der Vergangenheit bestimmt wird. Diese Verbindung erweitert das Verständnis von Römer 5: Die Rechtfertigung und Versöhnung zielen nicht nur auf eine veränderte rechtliche Stellung vor Gott, sondern gehören zu Gottes umfassendem Werk der Wiederherstellung. Dass Paulus seine Leser in 2. Korinther 5,20 ausdrücklich auffordert, sich mit Gott versöhnen zu lassen, unterstreicht außerdem die Bedeutung der persönlichen Annahme seiner Gnade.
Für das Verhältnis zwischen Gesetz und Gnade sind Römer 3,19–31 und Römer 7,7–13 besonders aufschlussreich. Im dritten Kapitel erklärt Paulus, dass durch das Gesetz Erkenntnis der Sünde kommt und kein Mensch durch Gesetzeswerke gerechtfertigt werden kann. Zugleich weist er ausdrücklich zurück, dass der Glaube das Gesetz einfach aufhebe. Im siebten Kapitel geht er noch einen Schritt weiter und untersucht, wie die Sünde das gute Gebot missbraucht. Das Gesetz zeigt, was Gottes Wille ist, doch die sündige menschliche Haltung kann auf dieses Gebot mit verstärkter Auflehnung reagieren. Paulus bezeichnet das Gesetz deshalb ausdrücklich als heilig und das Gebot als heilig, gerecht und gut. Diese Aussagen helfen, Römer 5,20 richtig einzuordnen. Wenn dort erklärt wird, dass das Gesetz hinzukam und die Übertretung zunahm, bedeutet das nicht, dass Gottes Gesetz selbst sündig wäre. Vielmehr wird die zerstörerische Macht der Sünde gerade im Verhältnis zu dem guten Gebot sichtbar. Die Gesetzgebung am Sinai besitzt dabei ihre besondere geschichtliche Bedeutung; nicht jede Aussage des Paulus über das Gesetz lässt sich ohne Berücksichtigung dieses Bundeszusammenhangs auf einen einzigen allgemeinen Begriff reduzieren.
Eine bedeutende Ergänzung findet sich in Jeremia 31,31–34 und Hesekiel 36,25–27. Beide Propheten sprechen von Gottes zukünftigem Handeln an seinem Volk. Jeremia kündigt einen neuen Bund an, in dem Gott sein Gesetz in das Innere der Menschen legen und auf ihre Herzen schreiben wird. Hesekiel beschreibt, dass Gott ein neues Herz und einen neuen Geist schenken und durch seinen Geist bewirken wird, dass die Menschen nach seinen Ordnungen leben. Diese Texte behandeln nicht unmittelbar denselben Gedankengang wie Römer 5,20–21. Dennoch eröffnen sie einen wichtigen biblischen Zusammenhang: Die Lösung des menschlichen Sündenproblems besteht nicht lediglich in zusätzlicher äußerer Belehrung. Der Mensch braucht Vergebung und ein erneuertes Inneres. Wenn Paulus in Römer 5,5 vom Heiligen Geist spricht und anschließend die Herrschaft der Gnade beschreibt, stehen diese Aussagen im größeren biblischen Zusammenhang von Gottes Verheißung, Menschen nicht nur ihre Schuld zu vergeben, sondern auch ihr Leben durch seinen Geist zu erneuern. Die Gnade Gottes und der Gehorsam gegenüber seinem Willen sind daher keine notwendigen Gegensätze.
Auch Johannes 15,4–5 und Hebräer 7,25 helfen, die Bedeutung des lebendigen Christus aus Römer 5,10 besser zu verstehen. Jesus verwendet in Johannes 15 das Bild des Weinstocks und seiner Reben, um zu erklären, dass seine Jünger nur in bleibender Gemeinschaft mit ihm geistliche Frucht hervorbringen können. Das christliche Leben ist demnach nicht ein einmaliger Empfang göttlicher Hilfe, nach dem der Mensch unabhängig von seinem Erlöser weiterlebt. Hebräer 7,25 ergänzt diese Wahrheit durch den Hinweis auf den fortdauernden Dienst Jesu als Hohepriester. Weil Christus lebt und für diejenigen eintritt, die durch ihn zu Gott kommen, kann er sie vollständig retten. Beide Stellen vertiefen die Aussage, dass die Glaubenden durch Christi Leben gerettet werden. Die Auferstehung Jesu ist nicht nur der Beweis dafür, dass sein Tod überwunden wurde, sondern gehört zu seiner bleibenden Bedeutung als lebendiger Erlöser.
Besonders eng mit Römer 5 verbunden ist schließlich Römer 6,1–14, denn dort beantwortet Paulus eine Frage, die seine Aussage über die überströmende Gnade unmittelbar aufwirft. Wenn Gottes Gnade größer ist als die Sünde, könnte man daraus schließen, dass der Mensch absichtlich weiter sündigen dürfe, damit diese Gnade umso deutlicher sichtbar werde. Paulus weist diesen Gedanken entschieden zurück. Er erklärt, dass die Gemeinschaft mit Christus eine neue Lebenszugehörigkeit begründet. Die Glaubenden sollen der Sünde nicht länger dienen, sondern in einem neuen Leben wandeln. Damit wird die Herrschaft der Gnade aus Römer 5,21 praktisch entfaltet. Gnade bedeutet nicht, dass Gottes Wille belanglos geworden wäre. Sie bedeutet, dass der Mensch durch Christus aus der Macht der Sünde befreit wird, um Gott zu gehören. Die Verbindung zwischen den beiden Kapiteln bewahrt daher sowohl die Unverdientheit der Rettung als auch die Notwendigkeit eines erneuerten Lebens.
Den umfassenden Abschluss dieser Hoffnung bildet Offenbarung 21,1–5. Dort beschreibt Johannes die zukünftige neue Schöpfung, in der Gott bei den Menschen wohnen wird und Tod, Trauer, Geschrei und Schmerz nicht mehr sein werden. Diese Verheißung ist die endgültige Gegenperspektive zu der durch Adam eröffneten Geschichte von Sünde und Tod. Was in Römer 5 als Hoffnung auf ewiges Leben erscheint, wird in der Offenbarung als vollständige Wiederherstellung der Gemeinschaft zwischen Gott und den Erlösten beschrieben. Die Herrschaft des Todes ist dann endgültig beendet. Die Erlösung führt nicht nur zur Vergebung der Vergangenheit, sondern zu einer Zukunft, in der die Folgen der Sünde keinen Platz mehr haben. So verbindet sich die Botschaft des Römerbriefes mit dem großen biblischen Bogen von der Schöpfung über den Sündenfall bis zur neuen Erde, auf der Gott sein ursprüngliches Ziel der bleibenden Gemeinschaft mit den Menschen vollendet.
Wichtige Lektionen
Die erste wichtige Lektion aus Römer 5 betrifft die Grundlage unseres Vertrauens auf Gott. Viele Menschen neigen dazu, ihren geistlichen Zustand vor allem daran zu messen, wie erfolgreich sie ihre eigenen Erwartungen erfüllen. Haben sie viel gebetet, die Bibel gelesen oder eine Versuchung überwunden, fühlen sie sich Gott besonders nahe. Erkennen sie dagegen eigene Schwächen, Versäumnisse oder wiederholtes Fehlverhalten, kann schnell der Gedanke entstehen, Gott habe sich von ihnen abgewandt. Paulus richtet den Blick auf eine andere Grundlage. Die Annahme bei Gott beginnt nicht mit der fehlerlosen Leistung des Menschen, sondern mit der Gnade, die ihm durch Jesus Christus angeboten wird. Deshalb sollte sich ein Mensch nicht auf seine vermeintlichen Verdienste verlassen, aber ebenso wenig vor Gott fliehen, wenn ihm seine Schuld bewusst wird. Gerade dann darf er sich Christus zuwenden, seine Sünde bekennen und um Vergebung bitten. Gottes Gnade lädt nicht dazu ein, die eigene Schuld zu verbergen, sondern sie im Vertrauen auf seine Barmherzigkeit ans Licht zu bringen (1. Johannes 1,9).
Daraus erwächst eine zweite Lektion: Der Friede mit Gott darf nicht ausschließlich an den eigenen Gefühlen gemessen werden. Gefühle verändern sich. Ein Mensch kann voller Dankbarkeit und geistlicher Zuversicht sein und wenige Stunden später unter Sorgen, Angst oder Entmutigung leiden. Würde seine Beziehung zu Gott allein von diesen wechselnden Empfindungen abhängen, fehlte seinem Glauben eine beständige Grundlage. Paulus beschreibt jedoch einen Frieden, der auf dem Erlösungswerk Jesu Christi beruht. Wer durch den Glauben zu Christus gehört, darf sich auch dann auf Gottes Zusage verlassen, wenn die eigene Gefühlswelt unruhig ist. Das bedeutet nicht, innere Not zu verdrängen oder so zu tun, als müsste ein Christ ständig glücklich sein. Vielmehr darf er mit seinen wirklichen Sorgen zu Gott kommen und im Gebet lernen, seine Verheißungen höher zu achten als die wechselnden Eindrücke des Augenblicks. So kann aus dem Frieden mit Gott allmählich auch eine tiefere innere Ruhe wachsen.
Eine weitere wichtige Lektion betrifft unseren Umgang mit Leiden und Enttäuschungen. Paulus verspricht nicht, dass ein Leben mit Gott frei von Schwierigkeiten sein werde. Er zeigt jedoch, dass Bedrängnisse nicht zwangsläufig das Ende des Vertrauens bedeuten müssen. Wer unter einer schweren Prüfung steht, sollte deshalb nicht vorschnell daraus schließen, Gott habe ihn verlassen oder bestrafe ihn für eine bestimmte persönliche Sünde. Die Bibel kennt zahlreiche Beispiele treuer Menschen, die großes Leid ertragen mussten, ohne dass dieses Leid als unmittelbare Strafe für eigenes Fehlverhalten erklärt werden dürfte. Gerade das Buch Hiob widerspricht einer solchen vereinfachten Beurteilung. Zugleich ermutigt Römer 5 dazu, Schwierigkeiten nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der gegenwärtigen Belastung zu betrachten. Gott kann auch in Zeiten, die wir nicht verstehen, Standhaftigkeit wachsen lassen und unsere Hoffnung vertiefen. Das bedeutet nicht, Leid passiv hinnehmen zu müssen, wenn Hilfe möglich ist. Es bedeutet, Gottes Treue auch dann nicht aus dem Blick zu verlieren, wenn sich die äußeren Umstände noch nicht verändert haben.
Besonders weitreichend ist die Lektion, die sich aus Gottes Liebe zu den Sündern ergibt. Paulus erklärt, dass Christus für Menschen gestorben ist, die seiner Liebe nicht würdig waren. Wer diese Wahrheit ernst nimmt, kann andere Menschen nicht mehr ausschließlich danach beurteilen, welchen Nutzen sie ihm bringen, wie freundlich sie sich verhalten oder wie sehr sie seinen Vorstellungen entsprechen. Gottes Liebe fordert dazu heraus, auch dort Barmherzigkeit zu zeigen, wo sie menschlich schwerfällt. Jesus selbst lehrte, dass seine Nachfolger nicht nur diejenigen lieben sollen, die ihnen Liebe entgegenbringen, sondern auch für ihre Feinde beten sollen (Matthäus 5,43–48). Das bedeutet nicht, Unrecht gutzuheißen, gefährliches Verhalten zu dulden oder auf notwendige Grenzen zu verzichten. Es bedeutet vielmehr, dass selbst die Schuld eines anderen Menschen nicht automatisch jeden Wunsch nach seinem Guten auslöschen sollte. Wer selbst aus Gnade lebt, ist aufgerufen, anderen Menschen mit derselben Demut zu begegnen, statt sich aufgrund eigener vermeintlicher Gerechtigkeit über sie zu erheben.
Römer 5 lehrt außerdem, dass der Mensch Gottes Gnade niemals als Vorwand benutzen darf, bewusst an der Sünde festzuhalten. Gerade weil Christus sein Leben für die Sünder hingegeben hat, besitzt die Sünde ein Gewicht, das nicht verharmlost werden darf. Wer Gottes Vergebung ernst nimmt, wird deshalb nicht fragen, wie weit er sich vom göttlichen Willen entfernen könne, ohne die Rettung zu verlieren. Er wird vielmehr verstehen wollen, wie er aus Dankbarkeit und Liebe zu Christus leben kann. Dabei ist zwischen dem Grund der Rettung und ihren Folgen zu unterscheiden. Niemand kann sich durch Gehorsam die Rechtfertigung verdienen. Doch ein Glaube, der Christus wirklich vertraut, möchte sich auch von ihm verändern lassen. Dieser Weg schließt geistliches Wachstum, tägliche Entscheidungen, die Bereitschaft zur Umkehr und das ernsthafte Bemühen ein, erkannte Sünden nicht zu entschuldigen. Die dafür notwendige Kraft kommt nicht aus religiösem Stolz, sondern aus der bleibenden Gemeinschaft mit Christus und dem Wirken des Heiligen Geistes.
Eine weitere Lektion liegt in der Bedeutung der persönlichen Entscheidung. Paulus beschreibt das Erlösungswerk Jesu Christi als eine Gabe von außergewöhnlicher Größe. Doch eine Gabe, die angeboten wird, soll auch empfangen werden. Niemand sollte deshalb meinen, die Gnade Gottes mache Glauben, Umkehr und die persönliche Beziehung zu Jesus Christus überflüssig. Ebenso wenig sollte jemand glauben, seine Vergangenheit sei so schwer belastet, dass Gottes Vergebung ihn grundsätzlich nicht mehr erreichen könne. Römer 5 führt beide Seiten zusammen: Die Sünde des Menschen ist ernst, aber Gottes rettende Gnade ist größer. Wer erkennt, dass er Vergebung benötigt, darf sich deshalb Christus anvertrauen, statt auf einen Zeitpunkt zu warten, an dem er sich selbst für ausreichend gerecht hält. Der Glaube beginnt nicht dort, wo der Mensch keine Hilfe mehr braucht, sondern dort, wo er Gottes Hilfe annimmt und sich seiner Führung anvertraut.
Auch für den Umgang mit anderen Christen enthält das Kapitel eine wichtige Orientierung. Wenn alle Menschen der Erlösung bedürfen und niemand seine Rechtfertigung aus eigener Leistung erwirbt, bleibt kein Raum für geistlichen Hochmut. Weder religiöse Herkunft noch besondere Kenntnisse noch eine lange persönliche Glaubensgeschichte geben einem Menschen das Recht, sich als von Natur aus gerechter zu betrachten als andere. Paulus hatte bereits erklärt, dass Juden und Menschen aus den anderen Völkern gleichermaßen auf Gottes Gnade angewiesen sind. Diese Erkenntnis sollte auch das Zusammenleben der Glaubenden prägen. Unterschiede in Erfahrung, Erkenntnis und geistlicher Reife dürfen nicht zum Anlass werden, andere geringzuschätzen. Wer verstanden hat, wie sehr er selbst auf Vergebung angewiesen ist, sollte bereit sein, geduldig zu helfen, ehrlich zu ermahnen und anderen mit derselben Barmherzigkeit zu begegnen, die er für sich selbst erbittet. Das bedeutet nicht, Wahrheit und Gehorsam unwichtig zu machen. Es bedeutet, beides mit Demut und Liebe zu verbinden.
Schließlich lädt Römer 5 dazu ein, die eigene Zukunft nicht allein unter dem Gesichtspunkt von Vergänglichkeit und Tod zu betrachten. Die menschliche Sterblichkeit ist eine Wirklichkeit, der niemand durch eigene Anstrengungen dauerhaft entkommen kann. Paulus nimmt diese Tatsache ernst und beschönigt sie nicht. Doch gerade angesichts des Todes verkündigt er eine Hoffnung, deren Grundlage außerhalb der menschlichen Möglichkeiten liegt. Jesus Christus ist gestorben und auferstanden. Wer ihm vertraut, darf deshalb auf die endgültige Überwindung des Todes hoffen. Diese Hoffnung verändert nicht nur den Blick auf das Ende des Lebens, sondern auch den Umgang mit der Gegenwart. Wenn Gottes Verheißung über das gegenwärtige Dasein hinausreicht, müssen Erfolg, Besitz, Anerkennung und persönliche Sicherheit nicht länger den höchsten Wert des Lebens bilden. Der Mensch kann lernen, seine Entscheidungen an dem auszurichten, was vor Gott bleibende Bedeutung besitzt.
Die wichtigste praktische Folgerung liegt deshalb darin, das eigene Leben bewusst der Herrschaft der Gnade anzuvertrauen. Das bedeutet, sich nicht länger von der Sünde bestimmen lassen zu wollen, sondern Jesus Christus als Erlöser und Herrn anzuerkennen. Es bedeutet, Gottes Wort ernst zu nehmen, seine Gebote nicht als Feind der Gnade zu betrachten und zugleich niemals zu vergessen, dass der Mensch seine Rettung nicht durch eigene Gesetzeswerke verdienen kann. Es bedeutet auch, nach einem Versagen nicht in Gleichgültigkeit oder Hoffnungslosigkeit zu verharren, sondern erneut zu Christus zu kommen und seine Hilfe zu suchen.
Ein solches Leben entsteht nicht durch eine einmalige menschliche Willensanstrengung. Es wächst aus einer beständigen Beziehung zu dem auferstandenen Erlöser, der seine Liebe bereits erwiesen hat und die Glaubenden durch seinen Geist erneuern möchte. Wer auf ihn vertraut, darf wissen, dass die Vergangenheit nicht endgültig über seine Zukunft entscheiden muss. Gottes Vergebung eröffnet einen neuen Anfang, seine Gnade schenkt die Kraft zum Wachstum, und seine Verheißung richtet den Blick auf das ewige Leben.
Römer 5 ruft uns damit zu einem Glauben auf, der sich ganz auf Jesus Christus gründet: zu einem Glauben, der Gottes Liebe annimmt, die Sünde ernst nimmt, in Prüfungen an seiner Treue festhält und aus Dankbarkeit nach seinem Willen leben möchte. Denn die Hoffnung des Christen ruht nicht auf der Größe seiner eigenen Kraft, sondern auf der überströmenden Gnade Gottes, die durch Jesus Christus zum ewigen Leben führt.