Römer 4
Was sagen wir denn von unserm Vater Abraham, daß er gefunden habe nach dem Fleisch?
25 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Was sagen wir denn von unserm Vater Abraham, daß er gefunden habe nach dem Fleisch?
- 2 Das sagen wir: Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott.
- 3 Was sagt denn die Schrift? “Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.”
- 4 Dem aber, der mit Werken umgeht, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht.
- 5 Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.
- 6 Nach welcher Weise auch David sagt, daß die Seligkeit sei allein des Menschen, welchem Gott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke, da er spricht:
- 7 “Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind und welchen ihre Sünden bedeckt sind!
- 8 Selig ist der Mann, welchem Gott die Sünde nicht zurechnet!”
- 9 Nun diese Seligkeit, geht sie über die Beschnittenen oder auch über die Unbeschnittenen? Wir müssen ja sagen, daß Abraham sei sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet.
- 10 Wie ist er ihm denn zugerechnet? Als er beschnitten oder als er unbeschnitten war? Nicht, als er beschnitten, sondern als er unbeschnitten war.
- 11 Das Zeichen der Beschneidung empfing er zum Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, welchen er hatte, als er noch nicht beschnitten war, auf daß er würde ein Vater aller, die da glauben und nicht beschnitten sind, daß ihnen solches auch gerechnet werde zur Gerechtigkeit;
- 12 und würde auch ein Vater der Beschneidung, derer, die nicht allein beschnitten sind, sondern auch wandeln in den Fußtapfen des Glaubens, welcher war in unserm Vater Abraham, als er noch unbeschnitten war.
- 13 Denn die Verheißung, daß er sollte sein der Welt Erbe, ist nicht geschehen Abraham oder seinem Samen durchs Gesetz, sondern durch die Gerechtigkeit des Glaubens.
- 14 Denn wo die vom Gesetz Erben sind, so ist der Glaube nichts, und die Verheißung ist abgetan.
- 15 Sintemal das Gesetz nur Zorn anrichtet; denn wo das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Übertretung.
- 16 Derhalben muß die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf daß sie sei aus Gnaden und die Verheißung fest bleibe allem Samen, nicht dem allein, der unter dem Gesetz ist, sondern auch dem, der des Glaubens Abrahams ist, welcher ist unser aller Vater
- 17 (wie geschrieben steht: “Ich habe dich gesetzt zum Vater vieler Völker”) vor Gott, dem er geglaubt hat, der da lebendig macht die Toten und ruft dem, was nicht ist, daß es sei.
- 18 Und er hat geglaubt auf Hoffnung, da nichts zu hoffen war, auf daß er würde ein Vater vieler Völker, wie denn zu ihm gesagt ist: “Also soll dein Same sein.”
- 19 Und er ward nicht schwach im Glauben, sah auch nicht an seinem eigenen Leib, welcher schon erstorben war (weil er schon fast hundertjährig war), auch nicht den erstorbenen Leib der Sara;
- 20 denn er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern ward stark im Glauben und gab Gott die Ehre
- 21 und wußte aufs allergewisseste, daß, was Gott verheißt, das kann er auch tun.
- 22 Darum ist's ihm auch zur Gerechtigkeit gerechnet.
- 23 Das ist aber nicht geschrieben allein um seinetwillen, daß es ihm zugerechnet ist,
- 24 sondern auch um unsertwillen, welchen es zugerechnet werden soll, so wir glauben an den, der unsern HERRN Jesus auferweckt hat von den Toten,
- 25 welcher ist um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Gerechtigkeit willen auferweckt.
Kapitelüberblick
Nicht die eigenen Leistungen machen einen Menschen vor Gott gerecht, sondern der Glaube an den Gott, der seine Verheißungen erfüllt. Paulus erklärt diese grundlegende Wahrheit am Beispiel Abrahams, des Stammvaters Israels. Obwohl Abraham Gott gehorsam war, wurde ihm die Gerechtigkeit nicht als Lohn für seine Werke angerechnet, sondern aufgrund seines Glaubens. Mit David zeigt Paulus anschließend, dass auch die Vergebung der Sünden ein unverdientes Geschenk Gottes ist.
Besonders bedeutsam ist, dass Abraham bereits als gerecht galt, bevor er beschnitten wurde. Dadurch macht Paulus verständlich, weshalb Gottes Verheißung nicht auf ein einzelnes Volk beschränkt bleibt, sondern allen gilt, die im Glauben auf Gott vertrauen.
Abrahams Leben zeigt außerdem, was wahrer Glaube bedeutet: Er vertraute auf Gottes Zusage, obwohl ihre Erfüllung menschlich unmöglich erschien. Schließlich führt Paulus diesen Gedanken zu Jesus Christus. Wie Abraham Gott vertraute, so sollen auch wir an den Gott glauben, der Jesus von den Toten auferweckt hat, damit wir durch ihn gerechtfertigt werden.
Einführung
Im dritten Kapitel des Römerbriefes hat Paulus zunächst die gemeinsame Lage aller Menschen beschrieben. Sowohl Juden als auch Nichtjuden stehen unter der Macht der Sünde und benötigen Gottes rettendes Eingreifen. Anschließend erklärt er, dass Gott seine Gerechtigkeit durch Jesus Christus offenbart und den Menschen durch den Glauben rechtfertigt (Römer 3,21–26). Damit wird jeder menschliche Anspruch ausgeschlossen, sich aufgrund eigener Verdienste vor Gott rühmen zu können.
Diese Aussage war besonders für das Verhältnis zwischen jüdischen und nichtjüdischen Gläubigen bedeutsam. Die Juden besaßen die Heilige Schrift, kannten Gottes Gebote und verstanden sich als Nachkommen Abrahams. Die Beschneidung war seit 1. Mose 17 ein sichtbares Zeichen des Bundes, den Gott mit Abraham und seinen Nachkommen geschlossen hatte. Deshalb stellte sich die grundlegende Frage, welche Bedeutung diese besonderen Vorrechte für die Annahme eines Menschen bei Gott hatten.
Am Ende von Römer 3 hatte Paulus außerdem erklärt, dass der Glaube das Gesetz nicht außer Kraft setzt, sondern bestätigt (Römer 3,31). Wie diese Aussage mit der Rechtfertigung zusammenhängt, musste nun anhand der Schrift verständlich werden.
Dafür greift Paulus auf die Geschichte Abrahams zurück, wie sie im ersten Buch Mose überliefert ist. Er richtet seine Aufmerksamkeit besonders auf Gottes Zusage an den noch kinderlosen Abraham und auf dessen Antwort in 1. Mose 15,6. An diesem grundlegenden Ereignis untersucht er, auf welcher Grundlage ein Mensch von Gott als gerecht anerkannt wird.
Römer 4,1–5
Abraham und die Gerechtigkeit, die niemand verdienen kann
Paulus beginnt seine Erklärung mit einer Frage, die für seine jüdischen Leser von besonderer Bedeutung war: Was hat Abraham, der Stammvater Israels, eigentlich vor Gott erlangt? Abraham war nicht irgendeine Gestalt der Vergangenheit. Gott hatte ihn berufen, mit ihm einen Bund geschlossen und ihm zahlreiche Nachkommen sowie einen besonderen Segen verheißen (1. Mose 12,1–3; 17,1–8). Auf Abraham führte Israel seine Herkunft zurück. Deshalb war seine Geschichte ein besonders überzeugender Ausgangspunkt für die Frage, wie ein Mensch vor Gott gerecht wird. Mit der Wendung „nach dem Fleisch“ in Vers 1 verweist Paulus wahrscheinlich auf diese leibliche Abstammung. Sprachlich ist auch eine Verbindung mit dem möglich, was Abraham aus menschlicher Kraft erlangt haben könnte. In beiden Fällen führt die Frage unmittelbar zum Gegensatz zwischen menschlicher Leistung und göttlicher Gnade.
In Vers 2 stellt Paulus eine Überlegung auf: Wenn Abraham aufgrund seiner Werke gerechtfertigt worden wäre, hätte er einen Grund, sich seiner Leistungen zu rühmen. Ein Mensch, der durch eigene Anstrengung etwas erreicht, kann auf das Erreichte verweisen. Doch Paulus fügt die entscheidende Einschränkung hinzu: „aber nicht vor Gott“. Vor dem heiligen Gott besitzt auch ein Mensch wie Abraham keinen Anspruch auf Anerkennung aufgrund eigener Verdienste. Dabei bestreitet Paulus keineswegs, dass Abraham gehorsam war. Bereits in 1. Mose 12,1–4 wird berichtet, wie er auf Gottes Ruf hin seine Heimat verließ. Später bestätigt Gott ausdrücklich, dass Abraham seiner Stimme gehorchte und seine Gebote und Weisungen beachtete (1. Mose 26,5). Die Frage lautet deshalb nicht, ob Abraham gute Werke vollbrachte, sondern ob diese Werke der Grund waren, weshalb Gott ihn als gerecht anerkannte. Zwischen diesen beiden Aussagen besteht ein wesentlicher Unterschied.
Um die Frage zu beantworten, richtet Paulus den Blick in Vers 3 auf die Heilige Schrift. Er führt nicht zuerst eine menschliche Überlieferung oder eine eigene Überlegung an, sondern fragt nach dem ausdrücklichen Zeugnis Gottes. Dazu zitiert er 1. Mose 15,6:
„Abraham aber glaubte Gott, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet.“
Der ursprüngliche Zusammenhang macht diese Aussage besonders verständlich. Abraham hatte Gottes Berufung angenommen und war seinem Ruf gefolgt. Dennoch blieb eine entscheidende Verheißung unerfüllt: Er und Sara hatten noch keinen gemeinsamen Sohn, durch den die zugesagte Nachkommenschaft entstehen konnte. Als Abraham seine Kinderlosigkeit vor Gott zur Sprache brachte, versicherte ihm Gott, dass ein eigener Nachkomme sein Erbe sein werde. Anschließend führte Gott ihn hinaus und ließ ihn zum Himmel aufblicken. So unzählbar wie die Sterne sollte seine Nachkommenschaft werden, erklärte Gott (1. Mose 15,1–5). Abraham konnte die Erfüllung dieser Zusage noch nicht sehen. Er besaß keinen Beweis aus den sichtbaren Umständen, dass sich Gottes Wort tatsächlich verwirklichen würde. Trotzdem vertraute er dem, der die Verheißung gegeben hatte.
Gerade darin liegt die Bedeutung seines Glaubens. Abraham glaubte nicht einfach nur, dass Gott existierte. Er nahm Gottes Wort ernst und vertraute darauf, dass Gott die Macht und die Treue besaß, seine Zusage zu erfüllen. Sein Glaube richtete sich also auf Gott selbst. Dass dieser Glaube ihm zur Gerechtigkeit angerechnet wurde, bedeutet, dass Gott ihn aufgrund seines Vertrauens als gerecht anerkannte. Die Formulierung beschreibt Gottes Urteil über den Menschen, nicht die Behauptung, Abraham habe durch die Stärke seines Glaubens bereits einen vollkommenen Charakter besessen. Ebenso wenig wird der Glaube dadurch zu einer besonderen menschlichen Leistung, mit der Abraham seine Gerechtigkeit verdient hätte. Entscheidend ist vielmehr, dass Gott diese Gerechtigkeit gewährt und Abraham seiner Zusage vertraut. Schon hier wird erkennbar, weshalb Paulus die Rechtfertigung nicht als Belohnung menschlicher Vollkommenheit verstehen kann.
In Vers 4 erklärt Paulus diesen Unterschied durch ein Beispiel aus dem gewöhnlichen Arbeitsleben. Wer für einen anderen arbeitet, erhält seinen vereinbarten Lohn nicht als unverdientes Geschenk. Der Arbeitgeber schuldet ihm die entsprechende Bezahlung, weil die Arbeit geleistet wurde. Paulus verwendet dafür den Begriff der Schuldigkeit, also einer bestehenden Verpflichtung. Würde Gott einem Menschen die Gerechtigkeit auf diese Weise anrechnen, wäre sie der verdiente Gegenwert seiner Werke. Der Mensch könnte dann vor Gott auf seine Leistungen verweisen und sagen, dass ihm die Anerkennung zustehe. Doch genau diese Vorstellung widerspricht dem Grundgedanken der Gnade. Gnade bedeutet, dass Gott dem Menschen etwas schenkt, worauf dieser keinen eigenen Verdienstanspruch besitzt. Die Rechtfertigung ist deshalb nicht mit einem Lohn vergleichbar, den Gott aufgrund einer vollständig erfüllten menschlichen Leistung auszahlen müsste.
Besonders eindringlich wird die Aussage in Vers 5. Paulus spricht nun von dem Menschen, der keine Werke als Grundlage seiner Rechtfertigung vorweisen kann, sondern auf Gott vertraut. Diesen Gott beschreibt er mit den bemerkenswerten Worten, dass er den Gottlosen rechtfertigt. Die Formulierung ist deshalb so bedeutsam, weil ein Gottloser gerade kein Mensch ist, der durch seine eigene Gerechtigkeit einen Anspruch auf einen Freispruch erheben könnte. Er benötigt vielmehr Gottes Barmherzigkeit. Paulus behauptet damit nicht, dass Gott die Sünde gutheiße oder den Unterschied zwischen Gut und Böse aufhebe. Bereits in Römer 3,24–26 hat er erklärt, dass die Rechtfertigung durch Gottes Gnade und die Erlösung in Jesus Christus geschieht. Gott handelt also nicht dadurch gerecht, dass er die Schuld einfach für bedeutungslos erklärt. Die Grundlage seiner vergebenden Gnade liegt in seinem eigenen rettenden Handeln durch Christus.
Diese Aussage schützt zugleich vor einem schwerwiegenden Missverständnis. Wenn Paulus davon spricht, dass jemand ohne Werke durch Glauben gerechtfertigt wird, fordert er den Menschen nicht zur Untätigkeit oder zum Ungehorsam auf. Er erklärt, worauf die Annahme bei Gott gegründet ist. Ein Mensch kann sich durch seine Werke nicht zuerst zu einem vollkommen Gerechten machen, um anschließend Gottes Gnade zu verdienen. Er kommt vielmehr als jemand zu Gott, der Vergebung und Rettung braucht. Der Glaube ist dabei keine Entschuldigung, bewusst an der Sünde festzuhalten. Dass Gottes Gnade zu einem veränderten Leben führt und den Menschen aus der Herrschaft der Sünde befreit, wird Paulus besonders in Römer 6 entfalten. An dieser Stelle steht zunächst die entscheidende Erkenntnis im Mittelpunkt, dass Gottes Annahme nicht gekauft oder erarbeitet werden kann.
Damit stellt Paulus das Verhältnis zwischen Gott und Mensch auf eine Grundlage, die jeden menschlichen Stolz ausschließt. Abraham war ein gehorsamer Mann, doch seine Werke waren nicht der Verdienst, durch den er Gottes Gerechtigkeit erlangte. Sein Vertrauen galt einem Gott, der aus Gnade handelt und dessen Verheißungen zuverlässig sind. Für den Menschen bedeutet dies, dass er seine Hoffnung nicht auf eine eigene fehlerlose Lebensbilanz setzen muss. Er darf sich an Gott wenden, obwohl er seine Schuld und Unzulänglichkeit kennt. Gerade darin offenbart sich die Größe der göttlichen Gnade: Gott wartet nicht darauf, dass der Sünder sich selbst gerecht macht, sondern eröffnet ihm durch den Glauben den Weg zur Rechtfertigung.
Römer 4,6–8
David und das Glück der vergebenen Schuld
Nachdem Paulus am Beispiel Abrahams erklärt hat, dass Gott dem Menschen die Gerechtigkeit aufgrund des Glaubens anrechnet, führt er in Vers 6 einen weiteren bedeutenden Zeugen an: König David. Auch David gehörte zu den herausragenden Persönlichkeiten der Geschichte Israels. Er war von Gott zum König erwählt worden, hatte Gottes Führung erfahren und wurde in der Heiligen Schrift als ein Mann nach Gottes Herzen bezeichnet (1. Samuel 13,14; Apostelgeschichte 13,22). Dennoch war sein Leben nicht frei von schwerer Schuld. Gerade deshalb besitzt sein Zeugnis für die Frage der Rechtfertigung eine besondere Bedeutung. Während Abraham bereits lange vor der Gesetzgebung am Sinai lebte, gehörte David zu dem Volk, das Gottes Gesetz empfangen hatte. Trotzdem beschreibt auch er die Annahme bei Gott nicht als einen Lohn für menschliche Fehlerlosigkeit, sondern als das Glück eines Menschen, dem Gott seine Sünden vergibt.
Paulus greift dafür auf Psalm 32,1–2 zurück. Dort spricht David von der besonderen Glückseligkeit des Menschen, dessen Übertretungen vergeben und dessen Sünden bedeckt sind. In Vers 8 wird dieser Gedanke mit einer weiteren Aussage vertieft: Glückselig ist der Mensch, dem der Herr seine Sünde nicht anrechnet. Auffällig ist, dass Paulus hier denselben Grundgedanken aufgreift, den er zuvor anhand Abrahams erklärt hat. In Römer 4,3 wird Abraham die Gerechtigkeit angerechnet; in Römer 4,8 wird dem begnadigten Sünder seine Schuld nicht angerechnet. Beide Aussagen gehören für Paulus eng zusammen. Die erste beschreibt, wie Gott einen Menschen als gerecht anerkennt. Die zweite macht verständlich, was diese Gnade für jemanden bedeutet, der tatsächlich gesündigt hat und deshalb Vergebung benötigt.
Das Wort „glückselig“ bezeichnet dabei weit mehr als eine vorübergehende Freude oder ein angenehmes Gefühl. David spricht von einem Menschen, der sich in einer gesegneten Stellung vor Gott befindet, weil seine Schuld vergeben wurde. Diese Glückseligkeit hängt nicht davon ab, dass der Betreffende niemals gesündigt hätte. Im Gegenteil: Die genannten Übertretungen zeigen ausdrücklich, dass er Gottes Willen verletzt hat. Sein Glück besteht darin, dass Gott ihn trotz seiner tatsächlichen Schuld nicht verwirft, sondern ihm Vergebung gewährt. Damit wird ein entscheidender Unterschied sichtbar: Ein Mensch kann vor Gott angenommen sein, nicht weil seine Vergangenheit frei von Sünde wäre, sondern weil Gott ihm seine Sünden vergibt.
Besonders anschaulich ist das Bild der bedeckten Sünde in Vers 7. Auf den ersten Blick könnte man meinen, damit sei gemeint, dass Schuld verborgen oder übersehen werde. Der Zusammenhang von Psalm 32 zeigt jedoch etwas anderes. David berichtet dort, wie ihn seine verschwiegene Schuld innerlich belastete. Solange er versuchte, sie nicht auszusprechen, fand er keinen Frieden. Erst als er seine Sünde vor Gott bekannte und seine Missetat nicht länger verhehlte, erfuhr er Vergebung (Psalm 32,3–5). Die Bedeckung der Sünde bedeutet somit nicht, dass der Mensch seine Schuld erfolgreich versteckt. Vielmehr handelt Gott selbst und nimmt die Schuld von ihm. Gerade der Gegensatz ist bemerkenswert: Was David zunächst verbergen wollte, musste er offen vor Gott bringen, damit er die Freude der Vergebung erfahren konnte.
Hier zeigt sich auch, warum die Vergebung niemals als Belohnung für das Sündenbekenntnis missverstanden werden darf. Durch sein Bekenntnis machte David die begangene Sünde nicht ungeschehen. Er konnte den Schaden, den seine Verfehlungen verursacht hatten, nicht einfach rückgängig machen. Ebenso wenig konnte er sich durch nachträgliche gute Werke eine Vergangenheit ohne Schuld verschaffen. Sein Bekenntnis bedeutete vielmehr, dass er aufhörte, seine Schuld zu verbergen, und sich der Barmherzigkeit Gottes anvertraute. Dass Gott ihm vergab, war ein Ausdruck göttlicher Gnade. Darin liegt die Verbindung zu Abrahams Glauben: Beide Menschen waren auf Gottes eigenes Handeln angewiesen, auch wenn Paulus unterschiedliche Seiten ihres Verhältnisses zu Gott hervorhebt.
Wenn David davon spricht, dass Gott dem Menschen seine Sünde nicht anrechnet, bedeutet dies keineswegs, dass Gott das Böse für gut erklärt oder seine eigenen Gebote bedeutungslos werden lässt. Eine Sünde kann nur dann vergeben werden, wenn sie tatsächlich Schuld ist. Vergebung setzt also gerade voraus, dass zwischen Recht und Unrecht unterschieden wird. Gottes Barmherzigkeit hebt diese Unterscheidung nicht auf, sondern begegnet dem schuldigen Menschen mit der Möglichkeit der Versöhnung. Wie Paulus bereits in Römer 3,24–26 erklärt hat, geschieht diese Rechtfertigung durch die Erlösung in Jesus Christus. Gottes Gnade steht deshalb nicht im Gegensatz zu seiner Gerechtigkeit. Vielmehr offenbart sich im Erlösungswerk Christi, wie Gott den Sünder rechtfertigen kann, ohne die Wirklichkeit der Sünde zu verleugnen.
Auch die Tatsache, dass Paulus nur den Anfang von Psalm 32 zitiert, ist beachtenswert. Im ursprünglichen Psalm wird der Mensch, dem Gott keine Schuld anrechnet, zugleich als jemand beschrieben, in dessen Geist keine Falschheit ist (Psalm 32,2). Zusammen mit dem anschließenden Sündenbekenntnis macht dies deutlich, dass David keine Vergebung beschreibt, die mit bewusster Unaufrichtigkeit verbunden wäre. Der begnadigte Mensch ist nicht jemand, der seine Sünde weiterhin verteidigt und gleichzeitig Gottes Anerkennung beansprucht. Er ist vielmehr bereit, seine Schuld vor Gott anzuerkennen. Paulus verwendet den Psalm, um die Unverdientheit der Rechtfertigung hervorzuheben; der größere Zusammenhang des Psalms zeigt zugleich, dass diese Gnade nicht mit einer gleichgültigen Haltung gegenüber der Sünde verwechselt werden darf.
Mit dem Zeugnis Davids erhält die Argumentation des Paulus eine wichtige zusätzliche Tiefe. Abraham zeigt, dass Gott Gerechtigkeit aufgrund des Glaubens anrechnet. David beschreibt, welche Befreiung darin für einen Menschen liegt, der unter seiner Schuld steht. Beide Zeugnisse weisen auf denselben gnädigen Gott hin. Dabei geht es nicht nur um einen theologischen Grundsatz, sondern um die ganz persönliche Frage, ob ein sündiger Mensch trotz seiner Vergangenheit wieder Frieden mit Gott finden kann. Die Antwort lautet: Gottes Vergebung ist größer als der Anspruch menschlicher Verdienste. Wer seine Schuld aufrichtig vor Gott bringt und ihm vertraut, darf auf seine Barmherzigkeit hoffen.
Nachdem Paulus diese Wahrheit durch Abraham und David bestätigt hat, wendet er sich einer weiteren entscheidenden Frage zu: Wem gilt diese Glückseligkeit eigentlich? Ist sie allein den beschnittenen Nachkommen Israels vorbehalten, oder können auch Menschen aus anderen Völkern daran Anteil haben? Um dies zu beantworten, kehrt Paulus zur Geschichte Abrahams zurück und untersucht die bemerkenswerte zeitliche Reihenfolge zwischen dessen Rechtfertigung und seiner Beschneidung.
Römer 4,9–12
Abraham wird vor seiner Beschneidung gerecht gerechnet
Nachdem Paulus anhand Abrahams und Davids gezeigt hat, dass Gott dem Menschen die Gerechtigkeit aus Gnade anrechnet, stellt er in Vers 9 eine Frage von großer Tragweite: Gilt diese Glückseligkeit nur den Beschnittenen oder auch den Unbeschnittenen? Damit greift er einen Unterschied auf, der für das religiöse Selbstverständnis Israels von besonderer Bedeutung war. Die Beschneidung war seit Abraham ein sichtbares Zeichen des Bundes, den Gott mit ihm und seinen Nachkommen geschlossen hatte (1. Mose 17,9–14). Sie kennzeichnete die männlichen Angehörigen des Bundesvolkes und unterschied sie von den unbeschnittenen Männern anderer Völker. Deshalb war die Frage, ob ein Mensch auch ohne dieses Bundeszeichen von Gott als gerecht anerkannt werden konnte, keineswegs nebensächlich. Sie betraf unmittelbar die Stellung der Nichtjuden vor Gott und die Frage, ob sie erst die äußeren Kennzeichen Israels annehmen mussten, um an den göttlichen Verheißungen teilzuhaben.
Paulus beantwortet diese Frage nicht durch eine allgemeine Behauptung, sondern indem er erneut auf 1. Mose 15,6 zurückgreift. Abraham glaubte Gott, und dieser Glaube wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet. Nun stellt Paulus in Vers 10 die entscheidende Frage nach dem Zeitpunkt: War Abraham damals bereits beschnitten, oder hatte er die Beschneidung noch nicht empfangen? Die Antwort ist eindeutig: Abraham war noch unbeschnitten. Diese einfache zeitliche Feststellung besitzt eine weitreichende Bedeutung. Denn wenn Gott Abraham bereits vor seiner Beschneidung als gerecht anerkannte, konnte die Beschneidung nicht die Voraussetzung gewesen sein, durch die er diese Gerechtigkeit erlangte. Paulus entwickelt seine Schlussfolgerung somit unmittelbar aus der Reihenfolge der Ereignisse, die Mose überliefert hat.
Ein Blick in das erste Buch Mose bestätigt seine Argumentation. In 1. Mose 15 verheißt Gott Abraham eine zahlreiche Nachkommenschaft, und Abraham vertraut dieser Zusage. Erst später, in 1. Mose 17, wird die Beschneidung ausdrücklich als Bundeszeichen angeordnet. Zu diesem Zeitpunkt ist Abraham bereits 99 Jahre alt (1. Mose 17,1.24). Zwischen der Anrechnung der Gerechtigkeit und dem Empfang der Beschneidung liegt also ein längerer Zeitraum. Abraham stand bereits durch Glauben in einem anerkannten Verhältnis zu Gott, bevor er dieses äußere Zeichen erhielt. Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass Abraham schon zuvor auf Gottes Ruf gehört und seine Heimat verlassen hatte (1. Mose 12,1–4). Paulus behauptet deshalb nicht, Abraham habe vor seiner Beschneidung niemals gehorsam gehandelt. Sein Argument lautet vielmehr, dass weder die Beschneidung noch ein Anspruch aus eigenen Werken die Grundlage seiner Rechtfertigung bildeten.
In Vers 11 erklärt Paulus anschließend, welche Bedeutung die Beschneidung dennoch besaß. Er bezeichnet sie als ein Zeichen und als ein Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, die Abraham bereits vor seiner Beschneidung hatte. Beide Begriffe helfen, ihre eigentliche Funktion zu verstehen. Ein Zeichen weist auf eine bestimmte Wirklichkeit hin und macht sie erkennbar. Ein Siegel diente in der damaligen Welt unter anderem dazu, die Echtheit oder Verbindlichkeit einer Erklärung zu bestätigen. Auf Abraham bezogen bedeutet dies, dass die Beschneidung seine bereits bestehende Glaubensbeziehung zu Gott bestätigte. Sie schuf diese Beziehung nicht erst. In 1. Mose 17,11 wird sie ausdrücklich als Zeichen des Bundes bezeichnet. Paulus erklärt nun, dass dieses Bundeszeichen bei Abraham zugleich die Gerechtigkeit bestätigte, die ihm aufgrund seines Glaubens angerechnet worden war.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie zwei gegensätzliche Missverständnisse vermeidet. Einerseits war die Beschneidung kein bedeutungsloser menschlicher Brauch. Gott selbst hatte sie angeordnet, und innerhalb des Bundes mit Abraham besaß sie eine verbindliche Bedeutung. Andererseits durfte ihr äußerer Vollzug nicht mit der inneren Wirklichkeit des Glaubens gleichgesetzt werden. Das sichtbare Zeichen konnte die persönliche Vertrauensbeziehung zu Gott nicht ersetzen. Ein Mensch wurde nicht allein dadurch gerecht, dass er ein bestimmtes körperliches Merkmal trug. Schon im Alten Testament hatte Gott sein Volk deshalb aufgefordert, nicht nur auf die äußere Beschneidung zu vertrauen, sondern ihm auch mit einem aufrichtigen Herzen zu gehören (5. Mose 10,16; Jeremia 4,4). Paulus greift diesen Gedanken bereits in Römer 2,28–29 auf, wo er zwischen der äußerlichen Beschneidung und einer Beschneidung des Herzens unterscheidet. Damit wird die Beschneidung nicht rückwirkend für sinnlos erklärt. Vielmehr wird deutlich, dass ihre geistliche Bedeutung niemals von einem Leben des Vertrauens auf Gott getrennt werden sollte.
Aus dieser zeitlichen und geistlichen Unterscheidung zieht Paulus in der zweiten Hälfte von Vers 11 eine überraschend weitreichende Schlussfolgerung. Abraham sollte ein Vater aller unbeschnittenen Menschen sein, die glauben, damit auch ihnen die Gerechtigkeit angerechnet werde. Seine Bedeutung reicht deshalb über die leibliche Abstammung Israels hinaus. Menschen aus anderen Völkern müssen nicht erst durch die Beschneidung zu körperlichen Nachkommen Abrahams werden, um an der Rechtfertigung durch Glauben Anteil zu erhalten. Abraham selbst ist das entscheidende Beispiel dafür: Als ihm Gott die Gerechtigkeit anrechnete, war er noch unbeschnitten. Damit steht seine eigene Lebensgeschichte einer Auffassung entgegen, die Gottes rechtfertigende Gnade ausschließlich an dieses äußere Bundeszeichen binden möchte. Nicht eine gemeinsame körperliche Herkunft bildet die Grundlage dieser geistlichen Verbundenheit, sondern der Glaube an denselben Gott.
In Vers 12 ergänzt Paulus jedoch eine zweite Seite, die ebenso wichtig ist. Abraham ist nicht nur der Vater der unbeschnittenen Gläubigen, sondern auch der Vater der Beschnittenen, die in den Fußstapfen seines Glaubens wandeln. Paulus bestreitet damit keineswegs die geschichtliche Bedeutung der leiblichen Nachkommen Abrahams. Er unterscheidet vielmehr zwischen der Abstammung von Abraham und der Teilnahme an seinem Glauben. Jemand konnte zum Volk Israel gehören und das Bundeszeichen tragen, ohne deshalb automatisch in derselben Glaubenshaltung zu leben wie Abraham. Umgekehrt konnte ein Mensch aus einem anderen Volk durch seinen Glauben zu der Gemeinschaft gehören, die Paulus hier als Abrahams Glaubensfamilie beschreibt. Beide Gruppen werden vor dieselbe grundlegende Frage gestellt: Vertrauen sie Gott so, wie Abraham ihm vertraute?
Bemerkenswert ist dabei die Formulierung, dass die Beschnittenen in den „Fußstapfen des Glaubens“ Abrahams wandeln sollen. Paulus verwendet ein Bild aus dem gewöhnlichen Leben. Wer den Fußspuren eines anderen folgt, bleibt nicht an der Stelle stehen, an der er dessen Spuren entdeckt hat, sondern bewegt sich in dieselbe Richtung. Auf den Glauben übertragen bedeutet dies, dass Abrahams Vertrauen nicht lediglich als eine historische Tatsache anerkannt werden soll. Es soll auch das eigene Verhältnis zu Gott prägen. Abraham hörte auf Gottes Wort, nahm seine Verheißungen ernst und richtete sein Leben danach aus. Sein Glaube blieb nicht auf ein inneres Fürwahrhalten beschränkt, sondern zeigte sich darin, dass er Gottes Ruf folgte. Die Verbindung von Glauben und gelebtem Gehorsam wird hier somit nicht aufgehoben. Paulus stellt vielmehr klar, dass ein solcher Gehorsam aus dem Vertrauen auf Gott erwächst und nicht zur Grundlage eines menschlichen Verdienstanspruchs gemacht werden darf.
Gerade diese Aussage schützt vor einer weiteren falschen Schlussfolgerung. Wenn äußere Bundeszeichen den Menschen nicht rechtfertigen können, bedeutet dies nicht, dass Gott keinen Wert auf seine Gebote oder auf ein Leben nach seinem Willen legt. Paulus hatte bereits in Römer 3,31 ausdrücklich erklärt, dass der Glaube das Gesetz nicht aufhebt. Auch die Geschichte Abrahams bestätigt, dass Vertrauen und Gehorsam zusammengehören. Doch ihre Reihenfolge und ihr Verhältnis sind entscheidend: Abraham empfing Gottes Verheißung, vertraute seinem Wort und lebte in der Beziehung, die Gott mit ihm begründet hatte. Seine Werke waren nicht der Preis, mit dem er Gottes Anerkennung erkaufte. Ebenso wenig konnte die spätere Beschneidung eine Gerechtigkeit hervorbringen, die Gott ihm zuvor bereits angerechnet hatte. Gottes Gnade ging voraus, und Abrahams Leben war eine Antwort auf diese Gnade.
Damit erhält die Bezeichnung Abrahams als Vater aller Glaubenden ihren eigentlichen Sinn. Gott hatte ihm bereits in 1. Mose 12,3 verheißen, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten. Die spätere Zusage, ihn zum Vater vieler Völker zu machen, erweitert diesen Gedanken (1. Mose 17,4–5). Paulus erkennt nun in der Rechtfertigung durch Glauben eine wesentliche Grundlage dafür, wie Menschen unterschiedlicher Herkunft an diesem Segen teilhaben können. Die Zugehörigkeit zur Glaubensfamilie Abrahams wird nicht durch die Übernahme eines äußeren Merkmals begründet, sondern durch das Vertrauen auf den Gott, der Abraham gerechtfertigt hat. Damit werden weder die Geschichte Israels noch Gottes frühere Verheißungen bedeutungslos. Vielmehr tritt ihre umfassende Zielrichtung hervor: Gottes rettende Gnade soll Menschen aus allen Völkern erreichen.
Nachdem Paulus erklärt hat, warum Abraham sowohl für beschnittene als auch für unbeschnittene Gläubige zum Vater des Glaubens geworden ist, führt er seine Argumentation weiter. Wenn die Rechtfertigung bereits vor der Beschneidung möglich war, stellt sich nun die nächste Frage: Auf welcher Grundlage empfing Abraham die Verheißung, dass er und seine Nachkommenschaft das verheißene Erbe erhalten sollten? Auch hier wird Paulus zeigen, dass Gottes Zusage nicht auf menschlichem Verdienst beruht, sondern auf der Gerechtigkeit des Glaubens.
Römer 4,13–16
Warum Gottes Verheißung auf Gnade und Glauben beruht
Nachdem Paulus erklärt hat, dass Abraham bereits vor seiner Beschneidung von Gott als gerecht anerkannt wurde, richtet er den Blick auf eine weitere grundlegende Frage: Auf welcher Grundlage sollte Abraham das erhalten, was Gott ihm verheißen hatte? In Vers 13 spricht Paulus von der Verheißung, dass Abraham und seine Nachkommenschaft Erben der Welt sein sollten. Diese Zusage war nach seinen Worten nicht an das Gesetz gebunden, sondern an die Gerechtigkeit des Glaubens. Damit verbindet er zwei Gedanken, die untrennbar zusammengehören: die Annahme des Menschen bei Gott und die Erfüllung seiner göttlichen Verheißungen. Abraham sollte nicht deshalb zum Erben werden, weil er durch seine eigenen Leistungen einen Anspruch auf das verheißene Erbe erworben hatte. Vielmehr beruhte seine Hoffnung auf dem Wort Gottes, dem er vertraute.
Die Formulierung, Abraham solle ein Erbe der Welt werden, verdient besondere Aufmerksamkeit. Im ersten Buch Mose finden sich mehrere Verheißungen, die gemeinsam den Hintergrund dieser Aussage bilden. Gott versprach Abraham eine zahlreiche Nachkommenschaft und das Land Kanaan als Erbbesitz (1. Mose 12,7; 13,14–17). Zugleich kündigte er an, dass durch Abraham alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3). Später erklärte Gott ausdrücklich, dass Abraham zum Vater vieler Völker werden würde (1. Mose 17,4–6). Die genaue Wendung „Erbe der Welt“ steht in diesen Verheißungen jedoch nicht wörtlich. Paulus fasst ihre umfassende Bedeutung mit einer Formulierung zusammen, die weit über die Grenzen eines einzelnen Landes hinausweist. Gottes Absicht mit Abraham war von Anfang an nicht auf seine unmittelbare Familie oder auf ein einziges Volk beschränkt. Durch seine Nachkommenschaft sollte der göttliche Segen schließlich Menschen aus allen Völkern erreichen.
Wie umfassend dieses Erbe letztlich zu verstehen ist, wird in der Bibelauslegung unterschiedlich erklärt. Manche Ausleger betonen besonders die weltweite Ausbreitung des Segens Gottes unter den Völkern. Andere sehen darin zusätzlich die Hoffnung auf die endgültige Erneuerung der Schöpfung und das zukünftige Erbe der Erlösten. Beide Gedanken besitzen Verbindungen zum weiteren biblischen Zeugnis. So spricht Jesus davon, dass die Sanftmütigen das Erdreich besitzen werden (Matthäus 5,5), während Offenbarung 21–22 die erneuerte Erde als Wohnstätte Gottes bei den Menschen beschreibt. Römer 4,13 erklärt diese Einzelheiten jedoch noch nicht ausdrücklich. Paulus geht es zunächst darum, dass die Verheißung an Abraham einen umfassenden, über die Grenzen Israels hinausreichenden Charakter besitzt und ihre Erfüllung auf Gottes Zusage beruht, nicht auf einer durch Gesetzeswerke erworbenen Berechtigung.
Auch der geschichtliche Zusammenhang unterstützt diesen Gedanken. Abraham empfing Gottes Verheißungen lange bevor Israel am Sinai das Gesetz durch Mose erhielt. Die Zusage Gottes war also bereits vorhanden, bevor die spätere Bundesordnung Israels entstand. Paulus entwickelt diesen zeitlichen Zusammenhang in Galater 3,17 noch deutlicher: Das später gegebene Gesetz konnte die zuvor bestätigte Verheißung nicht nachträglich außer Kraft setzen. Damit erklärt er nicht, dass Gottes Wille vor Mose unbekannt gewesen wäre. Schon lange vor dem Sinai unterschied Gott zwischen Gut und Böse, und Abraham wurde für seinen Gehorsam gegenüber Gottes Stimme, Geboten und Weisungen ausdrücklich gelobt (1. Mose 26,5). Der entscheidende Punkt ist vielmehr, dass die Verheißung nicht erst durch das mosaische Gesetz begründet wurde. Gott handelte aus eigener Treue und Gnade, bevor Abraham oder seine Nachkommen irgendeinen Anspruch aus dieser späteren Gesetzesordnung hätten erheben können.
In Vers 14 führt Paulus diesen Gedanken weiter. Wenn diejenigen Erben wären, die ihre Berechtigung aus dem Gesetz ableiten, dann wäre der Glaube wertlos geworden und die Verheißung entkräftet. Seine Begründung ist nachvollziehbar: Eine Verheißung, deren Erfüllung letztlich von der vollkommenen Gesetzeserfüllung des Menschen abhängt, würde ihren Charakter als gnädige Zusage verlieren. An die Stelle des Vertrauens auf Gottes Wort träte die Frage, ob der Mensch selbst alle notwendigen Bedingungen erfüllt hat, um das Erbe zu verdienen. Gerade das aber würde die Sicherheit der Verheißung zerstören, denn Paulus hat bereits in Römer 3,9–23 ausführlich gezeigt, dass alle Menschen unter der Sünde stehen. Niemand kann sich vor Gott auf eine vollkommen gerechte eigene Lebensbilanz berufen. Würde das verheißene Erbe ausschließlich auf dieser Grundlage vergeben, wäre die Hoffnung des sündigen Menschen verloren.
Dabei richtet sich Paulus nicht gegen jeden Menschen, der Gottes Gesetz achtet oder danach lebt. Er hatte zuvor selbst erklärt, dass der Glaube das Gesetz nicht aufhebt (Römer 3,31). Sein Einwand betrifft vielmehr die Vorstellung, das Gesetz könne zur Grundlage eines eigenständigen Rechtfertigungsanspruchs gemacht werden. Auch die Zugehörigkeit zu Israel und der Besitz der göttlichen Gebote konnten diese Schwierigkeit nicht beseitigen. Denn wer Gottes Gesetz kennt, steht damit zugleich in einer besonderen Verantwortung, seinem Willen entsprechend zu leben. Das Gesetz kann den Maßstab der Gerechtigkeit offenbaren, aber es kann einem Menschen seine bereits begangenen Sünden nicht vergeben. Genau deshalb ist eine Verheißung, die auf Gottes Gnade beruht, etwas grundsätzlich anderes als ein Anspruch, der aus eigener Gesetzeserfüllung abgeleitet wird.
Dieser Gedankengang führt Paulus in Vers 15 zu einer besonders ernsten Aussage: Das Gesetz bewirkt Zorn. Damit ist nicht gemeint, dass das Gesetz selbst böse wäre oder Gott durch seine Gebote ungerecht handelte. Paulus bezeichnet das Gesetz später ausdrücklich als heilig und das Gebot als heilig, gerecht und gut (Römer 7,12). Das Problem liegt vielmehr im sündigen Menschen, der Gottes Willen übertritt. Wo Gottes Gebote bekannt sind, wird auch deutlich, wenn sie verletzt werden. Das Gesetz macht die Sünde erkennbar und zeigt dem Menschen, dass sein Verhalten vor Gott nicht gerechtfertigt werden kann. Der erwähnte Zorn ist deshalb nicht einfach ein menschliches Gefühl von Ärger über Vorschriften. Gemeint ist Gottes gerechte Reaktion auf die Sünde, die den Menschen unter das göttliche Gericht stellt. Das Gesetz führt dem Sünder seine Schuld vor Augen, kann aber aus sich selbst heraus nicht die Vergebung hervorbringen, die er benötigt.
Paulus ergänzt diese Aussage mit den Worten, dass es dort, wo kein Gesetz ist, auch keine Übertretung gibt. Hier ist eine genaue Unterscheidung notwendig. Das griechische Wort für Übertretung, parabasis, bezeichnet das Überschreiten einer bestehenden Anordnung oder Grenze. Eine bestimmte Vorschrift kann nur dann in diesem Sinn übertreten werden, wenn sie überhaupt besteht. Daraus folgt jedoch nicht, dass es ohne das am Sinai offenbarte Gesetz keinerlei Sünde gegeben hätte. Bereits vor Mose berichtet die Bibel von Schuld, Gewalt und göttlichem Gericht. Auch Paulus selbst erklärt in Römer 5,13–14, dass die Sünde schon vor der Gesetzgebung am Sinai in der Welt war und der Tod über die Menschen herrschte. Ebenso beschreibt er in Römer 2,14–16, dass Menschen ohne das schriftlich überlieferte Gesetz dennoch ein moralisches Verantwortungsbewusstsein besitzen und von Gott beurteilt werden. Römer 4,15 bedeutet daher nicht, dass ohne die mosaische Gesetzgebung jedes Verhalten erlaubt gewesen wäre. Paulus zeigt vielmehr, dass ein ausdrücklich gegebenes Gesetz auch eine klar erkennbare Übertretung und entsprechende Verantwortlichkeit mit sich bringt.
Gerade dadurch wird verständlich, weshalb das Gesetz nicht die Grundlage der erhofften Rechtfertigung sein kann. Wer sündigt, benötigt mehr als die Erkenntnis dessen, was richtig gewesen wäre. Er braucht Vergebung und eine Wiederherstellung seines Verhältnisses zu Gott. Ein Gesetz kann deutlich machen, dass ein Mensch schuldig geworden ist, aber die bloße Kenntnis seiner Vorschriften nimmt diese Schuld nicht hinweg. Damit besteht kein Widerspruch zwischen der Güte des göttlichen Gesetzes und der Aussage, dass es Zorn bewirkt. Das Gesetz ist gut, weil es Gottes gerechten Willen offenbart. Die Verurteilung entsteht durch die Sünde des Menschen, die an diesem Maßstab sichtbar wird. Paulus unterscheidet deshalb sorgfältig zwischen dem Gesetz als Ausdruck göttlicher Gerechtigkeit und der Gnade als Grundlage der Vergebung und Rechtfertigung.
In Vers 16 erreicht die Argumentation ihren entscheidenden Höhepunkt. Paulus erklärt, dass die Verheißung durch Glauben empfangen wird, damit sie auf Gnade beruht und der gesamten Nachkommenschaft Abrahams sicher ist. Hier zeigt sich, weshalb der Glaube eine so zentrale Stellung einnimmt. Wäre die Verheißung von menschlichem Verdienst abhängig, müsste ihre Erfüllung letztlich auf einer Leistung beruhen, die kein sündiger Mensch vollkommen vorweisen kann. Weil sie dagegen auf Gottes Gnade gegründet ist, liegt ihre Sicherheit in seiner Treue. Der Glaube nimmt diese Zusage an und vertraut dem, der sie gegeben hat. Dabei ist nicht die besondere Stärke eines menschlichen Gefühls die entscheidende Grundlage, sondern die Zuverlässigkeit Gottes. Abraham konnte auf die Verheißung vertrauen, weil er wusste, dass Gott seine Worte erfüllen kann.
Paulus betont außerdem, dass die Verheißung dadurch der gesamten Nachkommenschaft Abrahams gesichert ist. Er unterscheidet zwischen denen, die aus dem Gesetz sind, und denen, die am Glauben Abrahams Anteil haben. Diese Unterscheidung greift die vorherige Erklärung über Beschnittene und Unbeschnittene wieder auf, führt sie aber auf die Ebene der göttlichen Verheißung. Gläubige aus Israel werden nicht ausgeschlossen, und Menschen aus anderen Völkern müssen nicht erst zu leiblichen Nachkommen Abrahams werden, um an Gottes Gnade teilzuhaben. Entscheidend ist der Glaube, den Abraham selbst besaß. Damit ist allerdings nicht gemeint, dass jeder Mensch unabhängig von seinem Verhältnis zu Gott automatisch das verheißene Erbe empfängt. Paulus spricht von der Nachkommenschaft, die am Glauben Abrahams Anteil hat. Gerade dieser gemeinsame Glaube verbindet Menschen unterschiedlicher Herkunft zu einer geistlichen Familie.
Am Ende von Vers 16 bezeichnet Paulus Abraham deshalb erneut als „unser aller Vater“. Diese Worte besitzen eine tiefere Bedeutung als die bloße Feststellung gemeinsamer religiöser Überzeugungen. Abraham ist der Vater einer Glaubensgemeinschaft, die ihre Hoffnung auf dieselbe göttliche Gnade setzt, durch die er selbst gerechtfertigt wurde. Kein Mensch besitzt innerhalb dieser Gemeinschaft aufgrund seiner Abstammung einen höheren Anspruch auf Gottes Anerkennung. Ebenso wenig können die Gläubigen aus anderen Völkern auf ihre Zugehörigkeit stolz sein, als hätten sie sich selbst einen besonderen Platz verdient. Alle stehen vor demselben Gott, der seine Verheißungen aus Gnade schenkt und dessen Gerechtigkeit durch Glauben empfangen wird. Die Verschiedenheit ihrer Herkunft wird dadurch nicht geleugnet, verliert aber ihre Bedeutung als Voraussetzung für die Rechtfertigung.
Damit beantwortet Paulus zugleich eine Frage, die weit über Abrahams eigene Lebensgeschichte hinausreicht: Wie kann Gottes Verheißung für Menschen sicher sein, die selbst unvollkommen und sündig sind? Die Antwort liegt nicht darin, dass Gott seine gerechten Maßstäbe aufgibt oder den Gehorsam für bedeutungslos erklärt. Vielmehr begründet er die Rettung des Menschen auf seiner eigenen Gnade und Treue. Der Glaube ist die Antwort auf dieses göttliche Handeln. Wer Gott vertraut, verlässt sich nicht auf einen selbst erworbenen Anspruch, sondern auf die Verheißung dessen, der gerecht und barmherzig ist. Gerade deshalb kann Paulus Abraham als Vater aller Glaubenden bezeichnen.
Im nächsten Vers wird Paulus diesen Gedanken noch weiter vertiefen. Denn der Gott, dem Abraham vertraute, ist nicht nur derjenige, der Verheißungen gibt. Er besitzt auch die Macht, Leben hervorzubringen, wo menschlich keine Hoffnung mehr besteht. Damit führt die Argumentation von der Sicherheit der göttlichen Gnade zur außergewöhnlichen Macht Gottes, auf die Abraham seinen Glauben setzte.
Römer 4,17–22
Vertrauen auf den Gott, der das Unmögliche möglich macht
Nachdem Paulus erklärt hat, dass Gottes Verheißung auf Gnade beruht und durch Glauben empfangen wird, führt er seine Leser nun tiefer in das persönliche Glaubensleben Abrahams. Bisher stand vor allem die Frage im Mittelpunkt, auf welcher Grundlage Abraham von Gott als gerecht anerkannt wurde. Jetzt zeigt Paulus, weshalb sein Glaube ein so bemerkenswertes Vertrauen auf Gott war. Denn Abraham glaubte nicht unter Umständen, die eine Erfüllung der göttlichen Zusage wahrscheinlich erscheinen ließen. Er vertraute vielmehr auf einen Gott, dessen Macht weit über die natürlichen Möglichkeiten des Menschen hinausgeht.
In Vers 17 erinnert Paulus zunächst an die Worte Gottes aus 1. Mose 17,5: „Ich habe dich zum Vater vieler Völker gesetzt.“ Diese Formulierung ist bemerkenswert, weil Gott Abraham bereits als Vater vieler Völker bezeichnete, obwohl die Verheißung zu diesem Zeitpunkt noch nicht in ihrer angekündigten Weise erfüllt war. Abraham hatte inzwischen zwar mit Ismael einen Sohn, doch der verheißene Sohn, den Sara zur Welt bringen sollte, war noch nicht geboren. Auch die zahlreichen Völker, die nach Gottes Zusage aus seiner Nachkommenschaft hervorgehen sollten, existierten noch nicht. Dennoch sprach Gott von Abrahams zukünftiger Stellung mit einer Gewissheit, die keinen Zweifel an der Erfüllung seiner Absicht erkennen ließ.
Dabei ist die Bedeutung der Namensänderung zu beachten. Ursprünglich hieß Abraham Abram. In 1. Mose 17,5 erklärte Gott jedoch, dass er fortan Abraham heißen sollte, weil er ihn zum Vater vieler Völker bestimmt hatte. Der Name Abraham ist in der biblischen Erklärung mit dieser Verheißung verbunden. Damit wurde Gottes Zusage zu einem festen Bestandteil seiner Identität. Abraham sollte einen Namen tragen, der ihn immer wieder an etwas erinnerte, das er noch nicht in seiner ganzen Erfüllung sehen konnte. Die Namensänderung brachte deshalb nicht nur eine neue Bezeichnung mit sich, sondern unterstrich Gottes feste Absicht, seine Verheißung Wirklichkeit werden zu lassen.
Paulus beschreibt anschließend den Gott, dem Abraham vertraute, mit zwei außergewöhnlichen Aussagen: Gott macht die Toten lebendig, und er ruft das, was noch nicht ist, als wäre es bereits vorhanden. Beide Beschreibungen betonen Gottes Macht über die Grenzen der menschlichen Möglichkeiten hinaus. Der Mensch kann vorhandenes Leben erhalten, pflegen oder unter bestimmten Voraussetzungen neues Leben hervorbringen. Er kann jedoch aus eigener Kraft weder Tote auferwecken noch durch seinen bloßen Willen etwas ins Dasein rufen. Gott dagegen ist der Ursprung des Lebens und besitzt die Macht, seine Absichten auch dort zu verwirklichen, wo nach menschlichem Ermessen keine Möglichkeit mehr besteht.
Besonders aufschlussreich ist die zweite Formulierung. Wenn Paulus davon spricht, dass Gott das Nichtvorhandene ruft, als wäre es bereits vorhanden, erinnert dies an Gottes schöpferische Macht. Schon der Schöpfungsbericht beschreibt, wie Gott durch sein Wort Wirklichkeit hervorbringt (1. Mose 1; Psalm 33,6.9). Im unmittelbaren Zusammenhang von Römer 4 geht es jedoch vor allem um die Gewissheit seiner Verheißung. Gott konnte Abraham zum Vater vieler Völker bestimmen, obwohl die angekündigte Nachkommenschaft noch nicht existierte. Was für Abraham Zukunft war, stand in Gottes Absicht bereits fest. Paulus beschreibt damit keine menschliche Fähigkeit, durch besonders überzeugte Worte beliebige Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen. Die Macht liegt nicht in Abrahams Worten oder Vorstellungen, sondern ausschließlich bei Gott, der seine Verheißungen erfüllen kann.
Mit der Aussage, dass Gott die Toten lebendig macht, bereitet Paulus zugleich einen Gedanken vor, der am Ende des Kapitels seine volle Bedeutung erhält. Der Glaube Abrahams richtete sich auf die lebensschaffende Macht Gottes. Der christliche Glaube richtet sich auf denselben Gott, der Jesus Christus von den Toten auferweckt hat (Römer 4,24). Paulus stellt diese Verbindung nicht zufällig her. Die außergewöhnliche Geburt des verheißenen Sohnes und die Auferstehung Jesu sind zwar unterschiedliche Ereignisse, doch beide bezeugen Gottes Macht, menschlich unüberwindbare Grenzen zu überwinden. Was Abraham an Gottes Verheißung festhalten ließ, ist deshalb auch für das Verständnis des Glaubens an den auferstandenen Christus von grundlegender Bedeutung.
In Vers 18 beschreibt Paulus Abrahams Haltung mit einer eindrucksvollen Gegenüberstellung: Er glaubte gegen alle Hoffnung auf Hoffnung hin. Auf den ersten Blick klingt diese Aussage widersprüchlich. Wie kann ein Mensch hoffen, wenn keine Hoffnung mehr besteht? Paulus unterscheidet hier zwischen der Hoffnung, die aus den sichtbaren Umständen entsteht, und der Hoffnung, die sich auf Gottes Wort gründet. Menschlich betrachtet gab es für Abraham und Sara keinen Grund mehr, mit der Geburt eines gemeinsamen Kindes zu rechnen. Sara war lange unfruchtbar gewesen, und beide hatten ein hohes Alter erreicht. Die natürlichen Voraussetzungen für die Erfüllung der Verheißung fehlten. Dennoch hatte Gott ihnen einen Sohn zugesagt. Abraham musste deshalb entscheiden, worauf er sein Vertrauen setzen wollte: auf die Möglichkeiten, die er vor Augen hatte, oder auf die Zuverlässigkeit dessen, der die Verheißung ausgesprochen hatte.
Paulus greift dazu erneut Gottes Zusage aus 1. Mose 15,5 auf: „Also soll dein Same sein!“ Mit diesen Worten hatte Gott Abraham auf die unzählbaren Sterne am Himmel hingewiesen und ihm eine ebenso zahlreiche Nachkommenschaft angekündigt. Damals besaß Abraham noch keinen eigenen Sohn, der als Erbe die Verheißung weitertragen konnte. Die sichtbare Wirklichkeit stand in einem auffälligen Gegensatz zu Gottes Zusage. Doch gerade unter diesen Umständen vertraute Abraham dem Wort Gottes. Sein Glaube bestand nicht darin, sich selbst eine bessere Zukunft auszumalen. Er beruhte auf einer ausdrücklichen Verheißung, die Gott ihm gegeben hatte. Darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen biblischem Glauben und bloßem Wunschdenken: Der Glaube Abrahams hatte seinen Grund nicht in der Stärke seiner eigenen Erwartungen, sondern in der Treue Gottes.
Vers 19 vertieft diesen Gedanken, indem Paulus Abrahams körperliche Situation ausdrücklich erwähnt. Abraham war nahezu hundert Jahre alt, und Saras Mutterleib wird als erstorben beschrieben. Damit verwendet Paulus eine starke bildliche Ausdrucksweise für ihre menschlich aussichtslose Lage, noch gemeinsam ein Kind zu bekommen. Sara hatte das Alter, in dem Frauen gewöhnlich Kinder gebären, bereits überschritten (1. Mose 18,11). Paulus beschreibt also keine gewöhnliche Geburt, bei der lediglich besonders viel Geduld erforderlich gewesen wäre. Die Erfüllung der Verheißung verlangte Gottes außergewöhnliches Eingreifen. Dass Abraham dennoch am Wort Gottes festhielt, bezeichnet Paulus als einen Glauben, der angesichts dieser Umstände nicht schwach wurde.
An dieser Stelle enthält der griechische Bibeltext eine wichtige Überlieferungsvariante. Die Schlachter-Bibel von 1951 folgt einer Textfassung, nach der Abraham seinen erstorbenen Leib und Saras Unfruchtbarkeit nicht in Betracht zog. In mehreren besonders alten griechischen Handschriften fehlt jedoch die entsprechende Verneinung. Danach lautet der Sinn, dass Abraham seinen körperlichen Zustand und Saras Unfruchtbarkeit durchaus betrachtete, ohne im Glauben schwach zu werden. Diese zweite Lesart wird in heutigen kritischen Ausgaben des griechischen Neuen Testaments bevorzugt. Der Unterschied ist für das Verständnis des Glaubens aufschlussreich: Abraham musste die schwierigen Tatsachen nicht verdrängen, um Gott vertrauen zu können. Er konnte seine menschlichen Grenzen erkennen und dennoch überzeugt bleiben, dass Gottes Macht größer war als diese Grenzen.
Diese Erklärung passt auch zur übrigen Lebensgeschichte Abrahams. Der Bericht im ersten Buch Mose verschweigt nicht, dass Abraham und Sara zeitweise Schwierigkeiten hatten, die Erfüllung der Verheißung zu verstehen. Als Sara lange kinderlos blieb, wurde Hagar in die Geschichte einbezogen, und Ismael wurde geboren (1. Mose 16). Später berichtet 1. Mose 17,17–18, dass Abraham lachte, als Gott ihm die Geburt eines Sohnes durch Sara ankündigte. Er fragte, ob einem hundertjährigen Mann noch ein Kind geboren werden könne, und brachte anschließend Ismael zur Sprache. Diese Reaktion lässt zumindest menschliches Erstaunen und die Frage erkennen, wie Gottes Zusage Wirklichkeit werden sollte. Sie darf jedoch nicht vorschnell als vollständige Abkehr vom Glauben gedeutet werden.
Wenn Paulus in Vers 20 erklärt, Abraham habe nicht durch Unglauben an Gottes Verheißung gezweifelt, bedeutet dies deshalb nicht notwendigerweise, dass Abraham während seines gesamten Lebens niemals Unsicherheit, Fragen oder menschliche Schwäche erlebt hätte. Paulus betrachtet seine Geschichte im Hinblick auf den entscheidenden Ausgang seines Glaubens. Trotz aller Schwierigkeiten hielt Abraham an Gott fest und vertraute darauf, dass dessen Zusage Bestand haben würde. Auch der Hebräerbrief hebt hervor, dass Abraham später bereit war, Isaak auf Gottes Befehl hinzugeben, weil er Gott sogar die Macht zutraute, Tote aufzuerwecken (Hebräer 11,17–19). Damit wird eine Glaubenshaltung sichtbar, die nicht auf vollkommenen menschlichen Fähigkeiten beruhte, sondern auf einer immer tieferen Abhängigkeit von Gottes Treue.
Besonders bemerkenswert ist die Formulierung, Abraham sei durch den Glauben stark geworden und habe Gott dadurch die Ehre gegeben. Paulus beschreibt den Glauben hier nicht als eine Leistung, mit der Abraham sich selbst auszeichnete. Vielmehr wird Gottes Größe gerade dadurch anerkannt, dass Abraham seiner Verheißung vertraute. Wer Gott glaubt, nimmt ihn bei seinem Wort. Er erkennt an, dass Gottes Weisheit, Macht und Treue größer sind als die eigenen Möglichkeiten. Abraham gab Gott deshalb nicht erst dann die Ehre, als Isaak schließlich geboren wurde. Schon sein Festhalten an der Verheißung war ein Ausdruck der Anerkennung Gottes. Sein Vertrauen richtete den Blick weg von der eigenen Unzulänglichkeit und hin zu dem, der die Erfüllung zugesagt hatte.
In Vers 21 fasst Paulus das Wesen dieses Glaubens in einer besonders klaren Aussage zusammen: Abraham war völlig überzeugt, dass Gott das, was er verheißen hatte, auch zu tun vermochte. Darin liegt der eigentliche Mittelpunkt der gesamten Passage. Abraham vertraute nicht darauf, dass er selbst die Voraussetzungen für die Erfüllung schaffen könnte. Ebenso wenig gründete seine Hoffnung darauf, dass sich die natürlichen Umstände irgendwann von allein zu seinen Gunsten verändern würden. Sein Vertrauen galt Gottes Fähigkeit, seine eigene Zusage zu verwirklichen. Der Glaube Abrahams war deshalb zugleich ein Vertrauen auf Gottes Macht und auf seine Wahrhaftigkeit. Denn es hätte wenig bedeutet, an Gottes Macht zu glauben, ohne zugleich davon überzeugt zu sein, dass Gott seine Verheißung tatsächlich erfüllen wollte.
Diese Verbindung zwischen Gottes Macht und seiner Treue ist für das biblische Glaubensverständnis entscheidend. Gott kann nicht nur etwas tun, was dem Menschen unmöglich erscheint; er ist auch zuverlässig in dem, was er verspricht. Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder menschliche Wunsch durch genügend starken Glauben erfüllt werden müsste. Abraham besaß eine konkrete göttliche Zusage. Sein Glaube bestand darin, dieser Zusage zu vertrauen. Für den heutigen Glaubenden gilt derselbe Grundsatz: Die Hoffnung soll sich auf das gründen, was Gott tatsächlich verheißen hat, und nicht auf Erwartungen, die der Mensch eigenmächtig zu göttlichen Versprechen erklärt. Gerade dadurch bewahrt die biblische Darstellung des Glaubens sowohl vor Verzweiflung angesichts menschlicher Grenzen als auch vor einer unberechtigten Gewissheit über Dinge, die Gott nicht zugesagt hat.
In Vers 22 kehrt Paulus schließlich zu der Aussage zurück, mit der er seine gesamte Erklärung begonnen hat: „Darum wurde es ihm auch als Gerechtigkeit angerechnet.“ Damit schließt sich der Gedankengang von 1. Mose 15,6. Abraham wurde nicht aufgrund einer außergewöhnlichen menschlichen Leistung gerechtfertigt, sondern weil er Gott glaubte. Seine Glaubenshaltung war jedoch keineswegs inhaltsleer. Sie richtete sich auf den lebendigen Gott, nahm seine Verheißung ernst und vertraute auf seine Fähigkeit, das menschlich Unmögliche zu verwirklichen. Gerade deshalb konnte Abraham selbst dort Hoffnung haben, wo die sichtbaren Umstände keine Hoffnung mehr boten.
Paulus stellt Abraham somit nicht als einen Menschen vor, der aus eigener Kraft alle Schwächen überwunden hätte. Seine Größe als Glaubensvorbild besteht darin, dass er sich auf den Gott verließ, dessen Möglichkeiten nicht durch menschliche Grenzen eingeschränkt werden. Der Glaube machte Abraham nicht zum Urheber der Verheißung und verlieh ihm auch keine unabhängige Macht, sie selbst zu erfüllen. Er verband ihn vielmehr im Vertrauen mit dem Gott, der die Verheißung gegeben hatte. Auf dieser Grundlage wurde ihm die Gerechtigkeit angerechnet.
Doch Paulus erzählt diese Geschichte nicht nur, um die Vergangenheit zu erklären. Die Worte über Abrahams Rechtfertigung wurden nach seiner Überzeugung auch für spätere Generationen aufgeschrieben. Deshalb richtet er im nächsten Abschnitt den Blick unmittelbar auf die Glaubenden seiner eigenen Zeit und darüber hinaus. Was Gott Abraham zur Gerechtigkeit anrechnete, besitzt auch für diejenigen Bedeutung, die heute auf den Gott vertrauen, der Jesus Christus von den Toten auferweckt hat.
Römer 4,23–25
Abrahams Glaube und die Rechtfertigung durch den auferstandenen Christus
Mit Vers 23 führt Paulus seine bisherige Erklärung zu ihrem eigentlichen Ziel. Die Geschichte Abrahams soll nicht nur zeigen, wie Gott vor langer Zeit mit einem einzelnen Menschen gehandelt hat. Sie besitzt auch für diejenigen Bedeutung, die viele Jahrhunderte später leben und selbst vor der Frage stehen, wie sie von Gott als gerecht angenommen werden können. Deshalb betont Paulus ausdrücklich, dass die Worte über Abrahams Glauben nicht allein seinetwegen aufgeschrieben wurden. Die Aussage aus 1. Mose 15,6, dass Gott ihm seinen Glauben zur Gerechtigkeit anrechnete, ist somit mehr als eine historische Erinnerung. Sie offenbart einen Grundsatz des göttlichen Handelns, der auch für die Leser des Römerbriefes gilt.
Damit macht Paulus zugleich deutlich, wie die alttestamentlichen Schriften verstanden werden sollen. Die Berichte über das Handeln Gottes mit früheren Generationen gehören nicht einfach einer abgeschlossenen Vergangenheit an. Sie lassen erkennen, wie Gott ist, wie er seine Verheißungen erfüllt und wie Menschen auf sein Wort antworten können. Bereits in Römer 15,4 wird Paulus später erklären, dass die zuvor geschriebenen Schriften zur Belehrung der Glaubenden dienen, damit sie durch deren Ermutigung Hoffnung haben. Abraham war ein Mensch in einer bestimmten geschichtlichen Situation, doch der Gott, dem er vertraute, ist derselbe Gott, an den sich auch die nachfolgenden Generationen wenden dürfen. Seine Treue hat sich nicht verändert, und deshalb kann die Erfahrung Abrahams auch anderen Menschen helfen, das Wesen des rettenden Glaubens zu verstehen.
In Vers 24 spricht Paulus nun unmittelbar von den Glaubenden seiner eigenen Zeit. Auch ihnen soll Gerechtigkeit angerechnet werden, wenn sie auf den Gott vertrauen, der Jesus Christus von den Toten auferweckt hat. Damit entsteht eine enge Verbindung zwischen dem Glauben Abrahams und dem christlichen Glauben. Abraham vertraute auf einen Gott, der Leben geben konnte, obwohl Sara nach menschlichem Ermessen keine Kinder mehr bekommen konnte. Christen vertrauen auf denselben Gott, der seine lebensschaffende Macht in der Auferweckung Jesu offenbart hat. In beiden Fällen richtet sich der Glaube nicht auf die Fähigkeiten des Menschen, sondern auf Gottes Macht und Treue.
Dennoch besteht zwischen Abrahams Situation und dem Glauben an Jesus Christus ein wichtiger Unterschied. Abraham kannte die Einzelheiten des späteren Erlösungswerkes Jesu noch nicht in der Weise, wie sie nach dessen Tod und Auferstehung verkündigt wurden. Er vertraute den Verheißungen, die Gott ihm gegeben hatte. Die Glaubenden nach der Auferstehung Christi dürfen dagegen auf ein bereits geschehenes Ereignis zurückblicken: Jesus wurde gekreuzigt, starb und wurde von Gott auferweckt. Der Glaube richtet sich also auf denselben Gott, doch die Offenbarung seines rettenden Handelns ist durch Jesus Christus entscheidend erweitert worden. Was Abraham vor allem als Verheißung empfing, wird für die Christen durch das geschichtliche Handeln Gottes in seinem Sohn auf eine neue Weise verständlich.
Auffällig ist, dass Paulus in Vers 24 nicht lediglich dazu auffordert, allgemein an die Existenz Gottes oder an seine Macht zu glauben. Er beschreibt Gott ausdrücklich als denjenigen, der „Jesus, unseren Herrn“ von den Toten auferweckt hat. Damit erhält der christliche Glaube einen bestimmten Inhalt. Es genügt nicht, sich Gott lediglich als eine höhere Macht vorzustellen, die vielleicht in schwierigen Lebenssituationen helfen könnte. Der Glaube, von dem Paulus spricht, gründet sich auf Gottes rettendes Handeln durch Jesus Christus. Die Auferstehung Jesu ist deshalb kein nebensächlicher Zusatz zur Botschaft der Rechtfertigung. Sie gehört zu dem Geschehen, durch das Gott seine Macht über Sünde und Tod offenbart hat.
Auch die Bezeichnung Jesu als „unser Herr“ ist bedeutsam. Paulus spricht nicht nur von einer historischen Persönlichkeit, die nach ihrem Tod wieder lebendig wurde. Jesus ist der auferstandene Herr, dem die Glaubenden angehören und auf den sie ihre Hoffnung setzen. Schon zu Beginn des Römerbriefes hat Paulus erklärt, dass Jesus Christus durch die Auferstehung von den Toten in besonderer Weise als Sohn Gottes in Macht erwiesen wurde (Römer 1,3–4). Der Glaube an seine Auferstehung ist daher mit der Anerkennung seiner Person und seiner Stellung verbunden. Wer auf den auferstandenen Christus vertraut, begegnet ihm nicht lediglich als einem Lehrer aus der Vergangenheit, sondern als dem lebendigen Herrn, durch den Gott seine Rettung schenkt.
Damit wird zugleich verständlich, warum Paulus die Rechtfertigung weiterhin mit dem Begriff des Anrechnens beschreibt. Wie Abraham seine Gerechtigkeit nicht durch eigene Verdienste erlangte, können auch die Gläubigen ihre Annahme bei Gott nicht selbst hervorbringen. Sie sind auf das rettende Handeln Gottes angewiesen. Dabei ist der Glaube keine besondere Leistung, die an die Stelle anderer Werke tritt und nun selbst als Verdienst betrachtet werden könnte. Seine Bedeutung liegt darin, dass er sich auf Gott und seine Verheißung richtet. Der Mensch vertraut nicht auf eine Gerechtigkeit, die er aus eigener Kraft geschaffen hat, sondern auf die Gnade, die Gott ihm durch Jesus Christus eröffnet. Genau darin besteht die grundlegende Gemeinsamkeit zwischen der Rechtfertigung Abrahams und der Rechtfertigung der Glaubenden.
In Vers 25 erklärt Paulus schließlich, weshalb Jesus Christus für diese Rechtfertigung von entscheidender Bedeutung ist. Er beschreibt ihn als denjenigen, der um unserer Übertretungen willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt worden ist. Mit diesen beiden Aussagen fasst Paulus das rettende Handeln Gottes durch den Tod und die Auferstehung Jesu zusammen. Dabei spricht er ausdrücklich von „unseren“ Übertretungen und „unserer“ Rechtfertigung. Das Geschehen am Kreuz und die Auferstehung werden nicht als Ereignisse dargestellt, die lediglich Jesus persönlich betreffen. Sie stehen in unmittelbarer Beziehung zu der Schuld und der Erlösung der Menschen.
Die erste Aussage führt zum grundlegenden Problem zurück, das Paulus bereits in den vorherigen Kapiteln behandelt hat. Alle Menschen haben gesündigt und benötigen Gottes Gnade (Römer 3,23–24). Die Übertretungen, von denen in Römer 4,25 die Rede ist, sind wirkliche Verletzungen des göttlichen Willens. Sie sind nicht bloß menschliche Unvollkommenheiten oder bedauerliche Irrtümer, die ohne weitere Bedeutung bleiben könnten. Sünde trennt den Menschen von Gott und stellt ihn unter das göttliche Gericht. Wenn Paulus deshalb erklärt, Christus sei um unserer Übertretungen willen dahingegeben worden, verbindet er den Tod Jesu unmittelbar mit der Schuld der Menschen. Nicht seine eigene Sünde brachte Jesus ans Kreuz, sondern sein Tod gehört zu Gottes Antwort auf unsere Sünde.
Die Formulierung, Christus sei „dahingegeben“ worden, verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. In den Evangelien wird berichtet, dass Jesus von Judas verraten, den jüdischen Autoritäten ausgeliefert und schließlich der römischen Gewalt übergeben wurde. Doch Paulus betrachtet das Geschehen nicht ausschließlich aus der Perspektive der beteiligten Menschen. Bereits in Römer 3,24–26 hat er den Tod Jesu als Teil des göttlichen Erlösungswerkes erklärt. Später wird er ausdrücklich schreiben, dass Gott seinen eigenen Sohn nicht verschonte, sondern ihn für uns alle dahingab (Römer 8,32). Damit wird deutlich, dass Jesu Tod nicht lediglich das tragische Ergebnis menschlicher Feindschaft war. Durch das, was Menschen ihm antaten, verwirklichte Gott seinen rettenden Ratschluss. Das entschuldigt die Schuld derjenigen nicht, die Jesus verurteilten und kreuzigten. Es zeigt vielmehr, dass menschliches Unrecht Gottes Heilsabsicht nicht verhindern konnte.
Ein besonders enger alttestamentlicher Zusammenhang findet sich in Jesaja 53. Dort wird der leidende Gottesknecht als jemand beschrieben, der die Sünden anderer trägt und wegen ihrer Schuld leidet. Besonders Jesaja 53,5–6.12 verbindet sein Leiden mit den Übertretungen vieler Menschen. Diese Aussagen helfen zu verstehen, weshalb Paulus den Tod Jesu nicht nur als Ausdruck von Liebe oder als Beispiel selbstloser Hingabe betrachtet. Christus starb für Sünder. Sein Tod steht in einem stellvertretenden Zusammenhang mit der Schuld der Menschen, die selbst Vergebung und Versöhnung benötigen. Bereits Johannes der Täufer hatte Jesus als das Lamm Gottes bezeichnet, das die Sünde der Welt hinwegnimmt (Johannes 1,29). Der Gedanke des stellvertretenden Leidens gehört somit zu einem größeren biblischen Zeugnis über Gottes Erlösungsplan.
Dabei darf nicht übersehen werden, von wem die Rettung ausgeht. Der Tod Jesu bedeutet nicht, dass ein ursprünglich liebloser Gott erst durch das Opfer seines Sohnes zur Barmherzigkeit bewegt werden musste. Vielmehr erklärt die Heilige Schrift, dass Gott selbst aus Liebe handelte. Nach Johannes 3,16 gab Gott seinen Sohn, weil er die Welt liebte. In Römer 5,8 wird Paulus anschließend betonen, dass Gott seine Liebe gerade dadurch erweist, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren. Die Liebe des Vaters und das Opfer des Sohnes stehen deshalb nicht im Gegensatz zueinander. Der Erlösungsplan entspringt Gottes eigener Liebe und Gerechtigkeit. In Jesus Christus handelt Gott, um sündige Menschen mit sich zu versöhnen.
Die zweite Hälfte von Vers 25 richtet den Blick auf Jesu Auferstehung. Paulus erklärt, dass Christus um unserer Rechtfertigung willen auferweckt wurde. Die genaue sprachliche Beziehung zwischen Auferstehung und Rechtfertigung wird unterschiedlich ausgelegt. Manche betonen besonders, dass Gott durch die Auferstehung Jesu Person und sein vollbrachtes Erlösungswerk bestätigt hat. Andere heben stärker hervor, dass die Auferstehung selbst zum wirksamen Heilsgeschehen gehört, durch das die Rechtfertigung der Glaubenden möglich wird. Der griechische Ausdruck lässt sich nicht auf die Behauptung reduzieren, Jesu Auferstehung habe lediglich als äußerer Beweis dafür gedient, dass sein Opfer angenommen worden sei. Sicher ist jedoch, dass Paulus die Auferstehung ausdrücklich mit unserer Rechtfertigung verbindet und sie nicht als bedeutungslosen Nachtrag zum Kreuz behandelt.
Wie unverzichtbar die Auferstehung für das Evangelium ist, erklärt Paulus besonders deutlich in 1. Korinther 15. Dort erinnert er daran, dass Christus für unsere Sünden starb, begraben wurde und am dritten Tag auferstand (1. Korinther 15,3–4). Anschließend führt er aus, dass der christliche Glaube vergeblich wäre, wenn Christus nicht auferstanden wäre. In Vers 17 erklärt er sogar, dass die Glaubenden dann noch in ihren Sünden wären. Diese Aussage zeigt, weshalb Kreuz und Auferstehung nicht voneinander getrennt werden dürfen. Der Tod Jesu gehört zur Sühnung unserer Schuld, während seine Auferstehung den Sieg über den Tod und die Wirklichkeit des göttlichen Erlösungswerkes offenbart. Paulus verkündigt nicht einen Erlöser, der zwar für die Menschen gestorben, aber selbst im Tod geblieben wäre. Er verkündigt den lebendigen Christus, durch den Gottes rettendes Handeln gegenwärtig wirksam ist.
Dieser Zusammenhang wird auch in Römer 8,33–34 erneut aufgegriffen. Dort fragt Paulus, wer die Auserwählten Gottes anklagen oder verurteilen könne, wenn Gott selbst sie rechtfertigt. Anschließend verweist er auf Jesus Christus, der gestorben, auferstanden und zur Rechten Gottes ist und für die Glaubenden eintritt. Die Rechtfertigung wird damit nicht auf ein von Christus losgelöstes göttliches Urteil reduziert. Sie steht in Verbindung mit dem lebendigen Herrn, dessen Tod und Auferstehung die Grundlage der christlichen Heilsgewissheit bilden. Wer auf Christus vertraut, setzt seine Hoffnung deshalb nicht auf ein vergangenes Ereignis ohne gegenwärtige Bedeutung, sondern auf den auferstandenen Erlöser, der weiterhin für die Seinen eintritt.
Besonders eindrucksvoll ist schließlich die Verbindung zwischen dem Anfang und dem Ende der gesamten Abrahamerklärung. In Vers 17 beschreibt Paulus Gott als denjenigen, der die Toten lebendig macht. In Vers 24 spricht er von demselben Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Damit verbindet er Abrahams Glauben mit dem christlichen Glauben an die Auferstehung. Abraham vertraute darauf, dass Gott Leben schenken konnte, obwohl die natürlichen Voraussetzungen für die Geburt des verheißenen Sohnes fehlten. Die Glaubenden dürfen nun auf den Gott vertrauen, der seinen Sohn tatsächlich aus dem Tod auferweckt hat. Die Macht Gottes, auf die Abraham seine Hoffnung setzte, ist durch die Auferstehung Jesu in einer Weise sichtbar geworden, die für die gesamte Menschheit von entscheidender Bedeutung ist.
Diese Verbindung bedeutet allerdings nicht, dass die Geburt Isaaks und die Auferstehung Jesu dasselbe Ereignis oder auf jeder Ebene miteinander gleichzusetzen wären. Isaaks Geburt war die Erfüllung einer besonderen Verheißung innerhalb der Geschichte Abrahams. Jesu Auferstehung steht dagegen im Mittelpunkt des Erlösungswerkes Gottes für die sündige Menschheit. Gemeinsam ist beiden Ereignissen die Macht und Treue Gottes, der seine Zusagen erfüllt und Leben hervorbringen kann, wo menschliche Möglichkeiten an ihre Grenzen gelangen. Paulus nutzt gerade diese Gemeinsamkeit, um zu erklären, weshalb der Glaube Abrahams auch für Christen ein grundlegendes Vorbild bleibt.
Mit diesen Worten schließt Paulus seine ausführliche Begründung der Rechtfertigung durch Glauben ab. Er hat gezeigt, dass Abraham nicht durch seine Werke gerechtfertigt wurde, dass David die Glückseligkeit der Sündenvergebung bezeugte und dass die Verheißung Gottes nicht auf menschlichem Verdienst beruhte. Nun steht Jesus Christus als derjenige im Mittelpunkt, durch dessen Tod und Auferstehung die Rechtfertigung der Glaubenden Wirklichkeit wird. Damit mündet die gesamte Argumentation in eine persönliche Hoffnung: Auch Menschen, die ihre eigene Schuld erkennen und vor Gott keine Verdienste vorweisen können, dürfen durch den Glauben an Jesus Christus seine Gnade empfangen.
Zugleich bereitet Paulus mit dieser Schlussaussage den Übergang zum folgenden Kapitel vor. Nachdem er erklärt hat, auf welcher Grundlage Gott den Menschen rechtfertigt, wird er in Römer 5 zeigen, welche Folgen diese Rechtfertigung für das Leben der Glaubenden besitzt. Dort spricht er vom Frieden mit Gott, vom Zugang zur Gnade und von der Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes (Römer 5,1–2). Die Rechtfertigung ist somit nicht nur eine Antwort auf die Frage nach der vergangenen Schuld. Sie eröffnet zugleich ein neues Verhältnis zu Gott, das von Frieden, Vertrauen und der Hoffnung auf seine endgültige Erlösung geprägt ist.
Geistliche Kernbotschaft
Die tiefste Botschaft dieses Kapitels liegt in der Erkenntnis, dass die Rettung des Menschen ihren Ursprung nicht in seiner eigenen Gerechtigkeit hat, sondern in der Gnade Gottes. Vor Gott kann niemand auf eine Lebensgeschichte verweisen, die frei von Schuld, Versagen und Unvollkommenheit wäre. Selbst Abraham, den die Heilige Schrift als außergewöhnliches Vorbild des Glaubens beschreibt, wurde nicht aufgrund seiner persönlichen Leistungen gerechtfertigt. Seine Hoffnung beruhte auf dem Gott, dem er vertraute. Darin offenbart sich eine grundlegende Wahrheit über Gottes Wesen: Er ist nicht nur gerecht und heilig, sondern auch barmherzig. Er begegnet dem schuldigen Menschen nicht ausschließlich mit der Forderung nach Gerechtigkeit, sondern eröffnet ihm durch Jesus Christus die Möglichkeit, Vergebung und ein neues Verhältnis zu ihm zu empfangen.
Besonders bemerkenswert ist, dass Paulus Gott als denjenigen beschreibt, der den Gottlosen rechtfertigt. Diese Aussage macht die Größe seiner Gnade verständlich. Gottes Liebe richtet sich nicht erst auf Menschen, die sich selbst von aller Schuld befreit haben. Sie erreicht Menschen, die seine Vergebung gerade deshalb benötigen, weil sie gesündigt haben. Dennoch bedeutet göttliche Gnade nicht, dass Gott die Sünde für bedeutungslos erklärt. Seine Gerechtigkeit und seine Barmherzigkeit stehen nicht im Widerspruch zueinander. Im Erlösungswerk Jesu Christi begegnet Gott der Schuld des Menschen, ohne seinen eigenen gerechten Willen aufzugeben. Die Rechtfertigung ist deshalb weder eine Belohnung menschlicher Fehlerlosigkeit noch eine Erlaubnis, bewusst in der Sünde zu bleiben. Sie ist Gottes gnädiges Handeln an einem Menschen, der seine eigene Bedürftigkeit erkennt und sich ihm im Glauben anvertraut.
Damit erhält auch der Glaube seine eigentliche Bedeutung. Biblischer Glaube ist mehr als die Anerkennung bestimmter religiöser Aussagen. Er bedeutet, Gott zu vertrauen, weil er wahrhaftig, mächtig und treu ist. Abraham konnte sich nicht auf die sichtbaren Umstände verlassen, als Gott ihm seine Verheißung gab. Seine Hoffnung gründete sich darauf, dass Gott fähig war, sein Wort zu erfüllen. Dieses Vertrauen macht deutlich, weshalb der Glaube nicht als eine besondere menschliche Leistung verstanden werden darf, mit der man sich Gottes Anerkennung verdient. Der Glaube richtet den Blick gerade von den eigenen Möglichkeiten weg auf Gott. Seine Stärke liegt letztlich nicht in der außergewöhnlichen Fähigkeit des Menschen zu glauben, sondern in der Zuverlässigkeit dessen, dem er glaubt.
Daraus ergibt sich auch das richtige Verhältnis zwischen Gnade und Gehorsam. Der Mensch wird nicht dadurch gerechtfertigt, dass er zuerst aus eigener Kraft alle Anforderungen Gottes vollkommen erfüllt. Doch ein Glaube, der Gott wirklich vertraut, bleibt seinem Willen gegenüber nicht gleichgültig. Abraham hörte auf Gottes Ruf und richtete sein Leben nach seinen Weisungen aus. Sein Gehorsam stand nicht im Gegensatz zu seinem Glauben, sondern gehörte zu dessen gelebter Wirklichkeit. So führt Gottes Gnade den Menschen nicht in die Unabhängigkeit von Gott, sondern in eine tiefere Beziehung zu ihm. Gehorsam wird dadurch nicht zum Kaufpreis der Erlösung, sondern zum Ausdruck des Vertrauens und der Liebe gegenüber dem Gott, der zuerst gnädig gehandelt hat.
Eine weitere wichtige Wahrheit betrifft die Gemeinschaft der Glaubenden. Wenn Gott Abraham bereits vor seiner Beschneidung als gerecht anerkannte, kann die Zugehörigkeit zu seiner Glaubensfamilie nicht auf äußere Merkmale oder eine bestimmte Abstammung begrenzt werden. Gottes Verheißung reicht über die Grenzen Israels hinaus und schließt Menschen aus allen Völkern ein, die ihm im Glauben vertrauen. Niemand kann sich deshalb aufgrund seiner Herkunft, religiösen Stellung oder besonderen Vorrechte für wertvoller vor Gott halten als andere. Alle Menschen benötigen dieselbe Gnade. Die gemeinsame Abhängigkeit von Gottes Barmherzigkeit nimmt menschlichem Stolz seine Grundlage und verbindet die Glaubenden in einer Gemeinschaft, deren Mittelpunkt nicht ihre eigenen Verdienste, sondern Gott selbst ist.
Schließlich führt Römer 4 den Blick auf den auferstandenen Jesus Christus. In ihm wird erkennbar, dass Gottes rettendes Handeln nicht an der Macht der Sünde oder des Todes scheitert. Christus wurde um unserer Übertretungen willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt. Darin liegt der tiefste Grund christlicher Hoffnung. Der Gläubige vertraut nicht nur auf einen Gott, der in der Vergangenheit große Verheißungen ausgesprochen hat, sondern auf den lebendigen Herrn, der durch seinen Tod und seine Auferstehung den Weg zur Versöhnung mit Gott eröffnet hat. Die Gewissheit der Erlösung ruht deshalb nicht auf der Unfehlbarkeit des Menschen, sondern auf Gottes Treue und dem vollbrachten Erlösungswerk Jesu Christi.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Die Bedeutung von Römer 4 wird besonders verständlich, wenn man die Abrahamgeschichte im Zusammenhang mit den übrigen Aussagen der Heiligen Schrift betrachtet. In 1. Mose 15,1–6 begegnet Abraham einem Gott, der ihm eine Zukunft verheißt, die er selbst nicht herbeiführen kann. Die spätere Anordnung der Beschneidung in 1. Mose 17 zeigt, dass Gott seine Beziehung zu Abraham auch durch ein sichtbares Bundeszeichen bestätigte. Besonders aufschlussreich ist jedoch 1. Mose 26,5, wo Gott ausdrücklich Abrahams Gehorsam gegenüber seinen Geboten und Weisungen hervorhebt. Zusammengenommen zeigen diese Abschnitte, dass Glauben und Gehorsam in Abrahams Leben nicht voneinander getrennt waren. Das entscheidende Gewicht der paulinischen Argumentation liegt darin, dass Gottes gerechtsprechende Anerkennung bereits vor der Beschneidung ausgesprochen wurde. Die biblischen Berichte ergänzen sich somit: Abraham vertraute Gottes Verheißung, und dieses Vertrauen bewährte sich in seinem weiteren Leben.
Eine ebenso bedeutsame Verbindung besteht zu Psalm 32. Dort beschreibt David nicht nur die Freude der Vergebung, sondern auch den inneren Zustand eines Menschen, der seine Schuld zunächst verschweigt. Erst als er seine Sünde vor Gott bekennt, erfährt er die Befreiung, von der er anschließend spricht (Psalm 32,3–5). Diese Verbindung wird durch 1. Johannes 1,8–9 vertieft. Johannes erklärt, dass der Mensch sich selbst betrügt, wenn er behauptet, keine Sünde zu haben. Zugleich verheißt er, dass Gott treu und gerecht ist, uns die Sünden zu vergeben, wenn wir sie bekennen. Beide Schriftstellen zeigen, dass die Vergebung nicht aus der Verharmlosung der Schuld entsteht. Sie setzt vielmehr voraus, dass der Mensch aufhört, seine Sünde vor Gott zu rechtfertigen oder zu verbergen. Das Bekenntnis verdient die Vergebung nicht, sondern bringt den Sünder in aufrichtiger Abhängigkeit vor den barmherzigen Gott.
Besonders eng mit Römer 4 verbunden ist Galater 3,6–9.26–29. Dort greift Paulus ebenfalls auf 1. Mose 15,6 zurück und erklärt, dass diejenigen, die aus Glauben leben, in einem geistlichen Sinn Kinder Abrahams sind. Anschließend verbindet er die Abrahamverheißung ausdrücklich mit Jesus Christus. Wer Christus angehört, ist nach seinen Worten Abrahams Nachkommenschaft und Erbe gemäß der Verheißung. Damit erhält die Aussage aus Römer 4 über Abraham als Vater vieler Völker eine deutlich christologische Ausrichtung. Die verheißene Glaubensgemeinschaft entsteht nicht unabhängig von Christus, sondern durch die Zugehörigkeit zu ihm. Dabei beseitigt Paulus nicht die geschichtlichen Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden. Er erklärt vielmehr, dass diese Unterschiede keinen Vorrang beim Empfang der Rettung begründen. Menschen aus verschiedenen Völkern dürfen durch Christus gemeinsam zu Erben der göttlichen Verheißung werden.
Eine wichtige Ergänzung bietet Jakobus 2,14–26. Dort wird derselbe Abraham als Beispiel verwendet, allerdings mit einer anderen Fragestellung. Während Paulus erklärt, weshalb Abraham seine Rechtfertigung nicht durch Werke verdiente, untersucht Jakobus, ob ein Glaube ohne entsprechende Taten retten kann. Er erinnert daran, wie Abraham bereit war, Isaak auf Gottes Befehl hinzugeben, und erklärt, dass dessen Glaube mit seinen Werken zusammenwirkte und durch diese vollendet wurde. Diese Aussagen dürfen weder gegeneinander ausgespielt noch vorschnell auf dieselbe Fragestellung reduziert werden. Paulus schließt menschliche Verdienste als Grundlage der Rechtfertigung aus. Jakobus widerspricht der Vorstellung, ein von gehorsamer Tat vollständig getrennter Glaube könne retten. Gemeinsam verdeutlichen beide Zeugnisse, dass der Mensch seine Erlösung nicht verdient, echter Glaube aber eine lebendige Beziehung zu Gott ist, die sich auch im Handeln ausdrückt.
Der Hebräerbrief eröffnet eine weitere Verbindung zu Abrahams Vertrauen auf Gottes lebensschaffende Macht. In Hebräer 11,17–19 wird berichtet, dass Abraham bei der Prüfung um Isaak darauf vertraute, Gott könne sogar Tote auferwecken. Diese Aussage besitzt eine besondere Bedeutung, weil Gottes Verheißung ausdrücklich mit Isaak verbunden war. Abraham vertraute darauf, dass Gottes Zusage selbst durch den drohenden Tod des verheißenen Sohnes nicht endgültig scheitern konnte. Hier zeigt sich eine tiefere Übereinstimmung mit Römer 4,17: Der Glaube richtet sich auf den Gott, dessen Macht nicht an der Grenze des Todes endet. Der Hebräerbrief erweitert diesen Zusammenhang zugleich auf die Hoffnung der Glaubenden, die eine von Gott bereitete, bleibende Heimat erwarten (Hebräer 11,10.13–16). Die göttlichen Verheißungen reichen damit über den gegenwärtigen Lebenshorizont hinaus.
Schließlich verbindet 2. Korinther 5,18–21 die Rechtfertigung mit Gottes umfassendem Versöhnungshandeln durch Christus. Paulus erklärt dort, dass Gott in Christus die Welt mit sich selbst versöhnte und den Menschen ihre Übertretungen nicht anrechnete. Besonders bedeutsam ist die Nähe zu Römer 4: Dort spricht Paulus davon, dass Gott dem Glaubenden Gerechtigkeit anrechnet und ihm seine Sünde nicht anrechnet. Im zweiten Korintherbrief wird dieser Gedanke auf das Versöhnungswerk Christi bezogen. Gott eröffnet durch seinen Sohn den Weg aus der Entfremdung und Schuld in eine wiederhergestellte Gemeinschaft mit ihm. Dadurch wird deutlich, dass Rechtfertigung nicht lediglich eine abstrakte rechtliche Vorstellung ist. Sie steht im Zusammenhang mit Gottes Absicht, den von ihm entfremdeten Menschen wieder mit sich zu versöhnen.
Wichtige Lektionen
Eine der wichtigsten praktischen Lektionen aus Römer 4 besteht darin, die eigene Beziehung zu Gott nicht auf dem Vergleich mit anderen Menschen aufzubauen. Es fällt leicht, die eigenen guten Eigenschaften, religiösen Erfahrungen oder gehorsamen Handlungen hervorzuheben und daraus eine besondere Sicherheit abzuleiten. Doch vor Gott verliert ein solcher Vergleich seine Bedeutung. Entscheidend ist nicht, ob jemand im Vergleich zu anderen besser erscheint, sondern ob er seine Bedürftigkeit erkennt und Gottes Gnade annimmt. Diese Einsicht führt nicht zu einer Geringschätzung guter Werke, sondern zu einer demütigen Haltung. Wer verstanden hat, dass er selbst von Gottes Barmherzigkeit lebt, besitzt keinen Grund, auf andere Menschen herabzusehen.
Ebenso wichtig ist der ehrliche Umgang mit persönlicher Schuld. David zeigt, dass das Verbergen einer Sünde keine wirkliche Befreiung bringt. Menschen versuchen häufig, ihre Fehler zu entschuldigen, die Verantwortung auf andere zu übertragen oder unangenehme Wahrheiten nicht auszusprechen. Doch eine solche Haltung kann das Verhältnis zu Gott und zu anderen Menschen belasten. Der Weg der Vergebung beginnt dort, wo der Mensch bereit ist, seine Schuld anzuerkennen. Das bedeutet nicht, dass jedes Fehlverhalten durch ein einfaches Bekenntnis vor Gott bereits alle seine Folgen verliert. Wo andere Menschen verletzt wurden, können aufrichtige Reue, ein notwendiges Schuldeingeständnis und die Bereitschaft zur Wiedergutmachung dazugehören. Gottes Vergebung schenkt Freiheit von der Schuld, nicht die Erlaubnis, Verantwortung für das eigene Handeln zu vermeiden.
Auch der Unterschied zwischen äußerlicher Religiosität und persönlichem Glauben verdient ernsthafte Beachtung. Die Beschneidung hatte für Abraham eine von Gott angeordnete Bedeutung, doch sie konnte seine Glaubensbeziehung zu Gott nicht ersetzen. Ein vergleichbarer Grundsatz lässt sich auf das christliche Leben anwenden. Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, die Taufe, regelmäßige Gottesdienstbesuche oder die Kenntnis biblischer Lehren sind bedeutsame Bestandteile gelebten Glaubens. Doch keine dieser äußeren Handlungen darf an die Stelle des persönlichen Vertrauens auf Gott treten. Ein Mensch kann vieles über Gott wissen und dennoch im eigenen Herzen weit von ihm entfernt sein. Deshalb ist es wichtig, nicht nur zu fragen, welche religiösen Gewohnheiten zum eigenen Leben gehören, sondern ob diese tatsächlich Ausdruck einer aufrichtigen Beziehung zu Christus sind.
Abrahams Beispiel lehrt außerdem, in schwierigen Lebenssituationen zwischen den sichtbaren Umständen und Gottes Verheißungen zu unterscheiden. Es gibt Zeiten, in denen ein Mensch keine Lösung für seine Probleme erkennen kann. Krankheit, Verlust, enttäuschte Erwartungen oder eine ungewisse Zukunft können die eigene Hoffnung erschüttern. Biblischer Glaube verlangt nicht, solche Schwierigkeiten zu leugnen oder so zu tun, als gäbe es keine berechtigten Sorgen. Abraham musste ebenfalls anerkennen, dass seine menschlichen Möglichkeiten erschöpft waren. Dennoch vertraute er Gott. Daraus folgt allerdings nicht, dass Gott jeden persönlichen Wunsch auf außergewöhnliche Weise erfüllen wird. Abraham durfte sich auf eine konkrete göttliche Zusage verlassen. Auch heute besteht die Aufgabe des Glaubens darin, sich an Gottes wirkliche Verheißungen zu halten, selbst wenn deren Erfüllung nicht immer nach den eigenen Vorstellungen oder innerhalb der gewünschten Zeit geschieht.
Eine weitere Lektion betrifft die Verbindung zwischen Vertrauen und Handeln. Wer Gott glaubt, wird zunehmend bereit sein, sein Leben an dessen Willen auszurichten. Das geschieht nicht, um Gottes Gnade nachträglich bezahlen zu müssen, sondern weil die Beziehung zu ihm das eigene Denken und Handeln prägt. Im Alltag zeigt sich dies beispielsweise darin, ehrlich zu bleiben, wenn eine Lüge einen Vorteil bringen würde, anderen Menschen Barmherzigkeit entgegenzubringen, Verantwortung für begangene Fehler zu übernehmen oder Gottes Gebote auch dann ernst zu nehmen, wenn dies persönliche Nachteile mit sich bringt. Solche Entscheidungen sind keine unabhängige Quelle der Erlösung. Sie gehören jedoch zu einem Glaubensleben, das Gottes Wort nicht nur hört, sondern ihm auch vertraut und entsprechend handelt.
Schließlich lädt Römer 4 dazu ein, die eigene Hoffnung fest auf den auferstandenen Christus zu gründen. Menschliche Sicherheiten können verloren gehen. Gesundheit, Besitz, gesellschaftliche Anerkennung und selbst vertraute Lebensverhältnisse sind vergänglich. Die Auferstehung Jesu eröffnet dagegen eine Hoffnung, die über die gegenwärtigen Grenzen menschlichen Lebens hinausreicht. Wer auf Christus vertraut, darf wissen, dass seine Sünde und seine Vergänglichkeit nicht das letzte Wort haben müssen. Diese Hoffnung macht schwierige Erfahrungen nicht bedeutungslos und erspart dem Glaubenden nicht jedes Leid. Sie gibt ihm jedoch einen tragfähigen Grund, auch in unsicheren Zeiten an Gottes Treue festzuhalten.
So führt die Botschaft von Römer 4 zu einer Lebenshaltung, die von Demut, Dankbarkeit, Aufrichtigkeit und Vertrauen geprägt ist. Der Mensch muss sich nicht selbst zum Erlöser machen und seine Hoffnung nicht auf die eigene Fehlerlosigkeit setzen. Er darf Gottes Gnade annehmen, seine Schuld vor ihm bekennen und lernen, seinem Wort im täglichen Leben zu vertrauen. Wer sich auf den lebendigen Christus verlässt, empfängt damit nicht die Zusage eines Lebens ohne Schwierigkeiten, wohl aber einen festen Grund für seine Hoffnung. Denn der Gott, der Abraham seine Verheißung gab und Jesus Christus von den Toten auferweckte, ist auch heute mächtig und treu, das zu erfüllen, was er zugesagt hat.