Römer 3
Was haben denn die Juden für Vorteil, oder was nützt die Beschneidung?
31 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Was haben denn die Juden für Vorteil, oder was nützt die Beschneidung?
- 2 Fürwahr sehr viel. Zum ersten: ihnen ist vertraut, was Gott geredet hat.
- 3 Daß aber etliche nicht daran glauben, was liegt daran? Sollte ihr Unglaube Gottes Glauben aufheben?
- 4 Das sei ferne! Es bleibe vielmehr also, daß Gott sei wahrhaftig und alle Menschen Lügner; wie geschrieben steht: “Auf daß du gerecht seist in deinen Worten und überwindest, wenn du gerichtet wirst.”
- 5 Ist's aber also, daß unsere Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit preist, was wollen wir sagen? Ist denn Gott auch ungerecht, wenn er darüber zürnt? (Ich rede also auf Menschenweise.)
- 6 Das sei ferne! Wie könnte sonst Gott die Welt richten?
- 7 Denn so die Wahrheit Gottes durch meine Lüge herrlicher wird zu seinem Preis, warum sollte ich denn noch als Sünder gerichtet werden
- 8 und nicht vielmehr also tun, wie wir gelästert werden und wie etliche sprechen, daß wir sagen: “Lasset uns Übles tun, auf das Gutes daraus komme”? welcher Verdammnis ist ganz recht.
- 9 Was sagen wir denn nun? Haben wir einen Vorteil? Gar keinen. Denn wir haben droben bewiesen, daß beide, Juden und Griechen, alle unter der Sünde sind,
- 10 wie denn geschrieben steht: “Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer.
- 11 Da ist nicht, der verständig sei; da ist nicht, der nach Gott frage.
- 12 Sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig geworden. Da ist nicht, der Gutes tue, auch nicht einer.
- 13 Ihr Schlund ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen handeln sie trüglich. Otterngift ist unter den Lippen;
- 14 ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit.
- 15 Ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen;
- 16 auf ihren Wegen ist eitel Schaden und Herzeleid,
- 17 und den Weg des Friedens wissen sie nicht.
- 18 Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen.”
- 19 Wir wissen aber, daß, was das Gesetz sagt, das sagt es denen, die unter dem Gesetz sind, auf daß aller Mund verstopft werde und alle Welt Gott schuldig sei;
- 20 darum daß kein Fleisch durch des Gesetzes Werke vor ihm gerecht sein kann; denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.
- 21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart und bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.
- 22 Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesum Christum zu allen und auf alle, die da glauben.
- 23 Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten,
- 24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Jesum Christum geschehen ist,
- 25 welchen Gott hat vorgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut, damit er die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, darbiete in dem, daß er Sünde vergibt, welche bisher geblieben war unter göttlicher Geduld;
- 26 auf daß er zu diesen Zeiten darböte die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt; auf daß er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist des Glaubens an Jesum.
- 27 Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist ausgeschlossen. Durch das Gesetz? Durch der Werke Gesetz? Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz.
- 28 So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
- 29 Oder ist Gott allein der Juden Gott? Ist er nicht auch der Heiden Gott? Ja freilich, auch der Heiden Gott.
- 30 Sintemal es ist ein einiger Gott, der da gerecht macht die Beschnittenen aus dem Glauben und die Unbeschnittenen durch den Glauben.
- 31 Wie? Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! sondern wir richten das Gesetz auf.
Kapitelüberblick
Gottes Treue bleibt bestehen, selbst wenn Menschen ihm untreu werden. Paulus beginnt mit der Frage, welchen besonderen Vorteil das jüdische Volk besitzt, und erklärt, dass Gott Israel seine Worte anvertraut hat. Dieses Vorrecht bedeutet jedoch nicht, dass die Menschen allein aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer religiösen Kenntnisse vor Gott gerecht sind.
Anhand zahlreicher alttestamentlicher Aussagen verdeutlicht Paulus, dass alle Menschen unter der Macht der Sünde stehen. Niemand kann sich durch die eigene Erfüllung des Gesetzes vor Gott gerecht machen, denn das Gesetz deckt die Sünde auf, statt sie zu beseitigen.
Anschließend beschreibt Paulus Gottes rettendes Handeln durch Jesus Christus. Die Rechtfertigung ist ein unverdientes Geschenk seiner Gnade, das durch den Glauben empfangen wird. In Christi Erlösungswerk offenbart Gott zugleich seine Gerechtigkeit und seine Barmherzigkeit. Deshalb hat kein Mensch einen Grund, sich vor Gott zu rühmen. Juden und Nichtjuden können auf derselben Grundlage gerechtfertigt werden, und der Glaube macht Gottes Gesetz keineswegs bedeutungslos.
Einführung
Die vorausgehenden Kapitel des Römerbriefs bereiten Paulus’ Argumentation sorgfältig vor. In Römer 1,18–32 beschreibt er, wie Menschen sich von Gott abwenden, obwohl sie durch seine Schöpfung Hinweise auf seine Macht und Gottheit erkennen können. Statt den Schöpfer zu ehren, richten sie ihre Verehrung auf Geschaffenes. Diese Abkehr bleibt nicht auf das religiöse Denken beschränkt, sondern wirkt sich auch auf das menschliche Verhalten aus.
In Römer 2 verändert Paulus die Blickrichtung. Nun spricht er diejenigen an, die andere Menschen wegen ihrer Verfehlungen verurteilen, obwohl sie selbst gegen Gottes Maßstäbe handeln. Besonders ab Vers 17 wendet er sich an den Juden, der sich auf das Gesetz beruft und seine Zugehörigkeit zum Volk Gottes als besonderes Vorrecht betrachtet. Paulus bestreitet nicht, dass Israel eine einzigartige Stellung in Gottes Geschichte besitzt. Er stellt jedoch die Vorstellung infrage, dass die Kenntnis des Gesetzes oder das äußere Zeichen der Beschneidung bereits Gehorsam und Anerkennung vor Gott gewährleisten.
Diese Argumentation führt zu einer naheliegenden Frage: Welchen Wert hat es überhaupt, zum jüdischen Volk zu gehören, wenn die Zugehörigkeit allein keinen Menschen vor Gottes Gericht schützt?
Genau an dieser Stelle setzt Römer 3 ein. Paulus verwendet eine lebendige Form der Auseinandersetzung, bei der er mögliche Einwände seiner Leser selbst als Fragen formuliert und anschließend beantwortet. Dadurch führt er sie Schritt für Schritt durch schwierige Zusammenhänge. Seine Fragen sind deshalb nicht als Zweifel an Gottes Charakter zu verstehen, sondern dienen dazu, verbreitete Missverständnisse aufzudecken.
Für das Verständnis des Kapitels ist außerdem wichtig, dass Paulus seine Argumentation nicht von der Geschichte Israels trennt. Er greift wiederholt auf die heiligen Schriften zurück, die Gott diesem Volk anvertraut hatte. Gerade diese Schriften bilden die Grundlage seiner weiteren Beweisführung.
So beginnt die erste Versgruppe mit der Frage nach Israels besonderen Vorrechten und danach, ob menschliche Untreue Gottes eigene Treue infrage stellen kann.
Römer 3,1–4
Gottes Treue bleibt trotz menschlicher Untreue bestehen
Paulus beginnt seine weitere Argumentation mit einer Frage, die sich aus seinen vorherigen Aussagen unmittelbar ergibt: „Was hat nun der Jude für einen Vorzug, oder was nützt die Beschneidung?“ (Römer 3,1). In Kapitel 2 hatte er erklärt, dass die äußere Zugehörigkeit zum Volk Israel und die Beschneidung allein keinen Menschen vor Gottes Gericht schützen. Entscheidend ist nicht nur, Gottes Willen zu kennen, sondern auch, wie ein Mensch darauf antwortet. Nun könnte daraus der Eindruck entstehen, als hätte die besondere Geschichte Israels überhaupt keine Bedeutung mehr. Genau diesem Missverständnis begegnet Paulus. Er stellt nicht infrage, dass Gott Israel erwählt und ihm besondere Vorrechte gegeben hatte. Vielmehr unterscheidet er zwischen dem Vorrecht, Gottes Offenbarung empfangen zu haben, und der persönlichen Gerechtigkeit eines Menschen vor Gott.
Seine Antwort in Vers 2 ist deshalb bemerkenswert eindeutig: „Viel, in jeder Hinsicht!“ Anschließend nennt er den wichtigsten Vorzug: Dem jüdischen Volk waren die Aussprüche Gottes anvertraut worden. Damit meint Paulus Gottes Offenbarung, die Israel durch Mose und die Propheten empfangen hatte. Dazu gehörten seine Gebote, seine Verheißungen, die Geschichte seines Handelns und die Zusagen über die kommende Erlösung. Bereits Mose hatte Israel erklärt, wie außergewöhnlich es war, dass Gott diesem Volk seine gerechten Ordnungen und Weisungen gegeben hatte (5. Mose 4,5–8). Auch Psalm 147,19–20 hebt hervor, dass Gott Jakob sein Wort und Israel seine Satzungen kundgetan hatte. Dieses Vorrecht bestand also nicht darin, dass Israel von Natur aus gerechter gewesen wäre als andere Völker, sondern darin, dass Gott ihm seine Wahrheit in besonderer Weise offenbart hatte.
Dabei verdient das Wort „anvertraut“ besondere Aufmerksamkeit. Es beschreibt mehr als den bloßen Besitz heiliger Schriften. Wer etwas anvertraut bekommt, empfängt zugleich Verantwortung für den Umgang damit. Israel sollte Gottes Worte nicht nur bewahren, sondern auch danach leben und dadurch unter den Völkern Zeugnis von seinem Wesen geben. Bereits in 5. Mose 4,6–8 wird die Weisheit der göttlichen Gebote mit der Wahrnehmung Israels durch die umliegenden Völker verbunden. Die empfangene Offenbarung war deshalb ein außerordentliches Geschenk, aber kein Freibrief für Ungehorsam. Gerade weil Israel Gottes Willen kannte, konnte es sich bei Übertretungen nicht auf Unwissenheit berufen. Das Vorrecht erhöhte die Verantwortung, ohne Gottes Güte zu einem Verdienst des Volkes zu machen.
In Vers 3 geht Paulus einen Schritt weiter. Wenn Gott seinem Volk seine Worte und Verheißungen anvertraut hatte, was geschah dann mit diesen Zusagen, wenn Menschen aus diesem Volk ungläubig oder untreu wurden? Könnte ihre Untreue Gottes eigene Treue zunichtemachen? Die Frage berührt einen grundlegenden Zusammenhang zwischen Gottes Bund und menschlicher Verantwortung. In der Geschichte Israels hatte es wiederholt Situationen gegeben, in denen Menschen Gottes Weisungen missachteten, sich anderen Göttern zuwandten oder den Worten seiner Propheten widersprachen. Dennoch hatte Gott seine Verheißungen nicht einfach vergessen. Schon nach der Verehrung des goldenen Kalbes zeigte sich, dass Gott die Sünde seines Volkes ernst nahm, aber zugleich barmherzig war und an seinem Bundeshandeln festhielt (2. Mose 32–34). Gottes Treue bedeutete niemals, dass Ungehorsam folgenlos bleiben musste. Sie bedeutete vielmehr, dass sein Charakter und seine Zusagen nicht durch menschliches Versagen unzuverlässig wurden.
Paulus verwendet in diesem Zusammenhang griechische Wörter, die eng miteinander verwandt sind. Der in Vers 3 genannte Unglaube kann zugleich den Gedanken der Untreue ausdrücken, während das Wort für Gottes Treue seine Zuverlässigkeit bezeichnet. Dadurch entsteht ein bewusster Gegensatz: Menschen können das Vertrauen verletzen, das Gott ihnen entgegengebracht hat, aber dadurch wird Gott selbst nicht vertrauensbrüchig. Sein Handeln richtet sich nach seiner eigenen Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, nicht nach der wechselhaften Beständigkeit des Menschen. Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Einzelne unabhängig von seinem Verhalten automatisch alle Segnungen des Bundes empfängt. Schon das Alte Testament unterscheidet zwischen Gottes bleibender Treue zu seinen Verheißungen und den Folgen menschlichen Ungehorsams. Diese Unterscheidung wird Paulus später in Römer 9–11 weiter vertiefen.
Auf die Frage, ob menschlicher Unglaube Gottes Treue aufheben könne, antwortet Paulus in Vers 4 mit einem entschiedenen „Das sei ferne!“ Anschließend stellt er Gottes Wahrhaftigkeit der Unzuverlässigkeit des Menschen gegenüber. Wenn auch jeder Mensch als Lügner dastehen würde, bliebe Gott dennoch wahrhaftig. Diese Gegenüberstellung soll nicht behaupten, dass jede menschliche Aussage zwangsläufig falsch sei oder dass Menschen niemals aufrichtig handeln könnten. Paulus betont vielmehr den grundsätzlichen Unterschied zwischen dem vollkommen wahrhaftigen Gott und dem fehlbaren Menschen. Menschen können sich irren, ihre Versprechen brechen, sich selbst rechtfertigen oder die Wahrheit bewusst verdrehen. Gottes Wesen dagegen ist nicht von solchen Schwächen bestimmt. Bereits 4. Mose 23,19 erklärt, dass Gott nicht wie ein Mensch lügt oder seine Zusagen leichtfertig zurücknimmt. Seine Glaubwürdigkeit bleibt deshalb der Maßstab, an dem menschliche Behauptungen geprüft werden müssen, nicht umgekehrt.
Um diesen Gedanken zu begründen, greift Paulus am Ende von Vers 4 auf Psalm 51,6 zurück. Dieser Psalm ist ein Bußgebet Davids, das nach seiner schweren Verfehlung im Zusammenhang mit Bathseba und Uria steht, wie die Psalmüberschrift erkennen lässt. David versucht darin nicht, seine Schuld zu verharmlosen oder durch seine Stellung als König zu entschuldigen. Er erkennt vielmehr an, dass er gegen Gott gesündigt hat und dass Gottes Urteil über sein Verhalten gerecht ist. Seine Schuld macht Gott nicht ungerecht; im Gegenteil, indem David seine Verfehlung eingesteht, erkennt er die Wahrheit und Gerechtigkeit des göttlichen Urteils an. Genau diesen Gedanken greift Paulus auf: Selbst wenn ein Mensch, dem Gott besondere Verantwortung übertragen hat, schwer versagt, bleibt Gott in seinem Wort und in seinem Urteil gerecht.
Eine interessante sprachliche Besonderheit liegt in der Wiedergabe dieses Psalmwortes. Im hebräischen Zusammenhang von Psalm 51,6 liegt der Schwerpunkt darauf, dass Gott recht behält, wenn er spricht und richtet. Paulus verwendet dagegen eine griechische Fassung, deren Formulierung auch den Gedanken ausdrücken kann, dass Gott recht behält, wenn seine Gerechtigkeit von anderen infrage gestellt wird. Die Schlachter 1951 gibt Römer 3,4 entsprechend mit der Wendung wieder, dass Gott siegreich ist, wenn er gerichtet wird. Es geht dabei nicht darum, dass Gott tatsächlich einem höheren Richter unterworfen wäre. Vielmehr wird in einer bildhaften Gerichtssprache ausgedrückt, dass jeder Versuch, Gottes Wahrhaftigkeit oder Gerechtigkeit anzufechten, letztlich an seinem vollkommen gerechten Wesen scheitert. Sowohl der hebräische Psalmzusammenhang als auch die griechische Formulierung führen deshalb zum selben wesentlichen Gedanken: Nicht Gott muss sein Unrecht eingestehen, sondern der sündige Mensch muss anerkennen, dass Gottes Urteil wahr und gerecht ist.
Damit erhält die Berufung auf David eine besondere Bedeutung. David gehörte nicht nur zum Volk Israel, sondern war dessen von Gott eingesetzter König und Träger wichtiger Verheißungen. Trotzdem konnte ihn diese herausgehobene Stellung nicht vor persönlicher Schuld bewahren. Seine Geschichte verdeutlicht somit genau die Unterscheidung, die Paulus zuvor getroffen hat: Ein Mensch kann von Gott besondere Vorrechte und Aufgaben empfangen haben, ohne deshalb selbst vollkommen gerecht zu sein. Ebenso kann sein Versagen Gottes eigene Treue nicht zerstören. Diese Erkenntnis bewahrt vor zwei entgegengesetzten Irrtümern. Einerseits darf niemand Gottes Verheißungen aufgrund menschlicher Untreue für wertlos erklären. Andererseits darf niemand Gottes Treue als Entschuldigung für die eigene Sünde missbrauchen.
Gerade diese zweite Gefahr führt unmittelbar zur nächsten Frage. Wenn Gottes Wahrhaftigkeit selbst angesichts menschlicher Schuld bestehen bleibt und dadurch umso deutlicher hervortritt, könnte jemand daraus schließen, dass die Sünde letztlich etwas Gutes bewirkt und deshalb nicht verurteilt werden dürfte. Paulus wird diesen Einwand in den folgenden Versen ausdrücklich aufgreifen. Damit bereitet er eine weitere entscheidende Unterscheidung vor: Dass Gott trotz menschlicher Ungerechtigkeit gerecht bleibt und seine Verheißungen erfüllt, bedeutet niemals, dass die Ungerechtigkeit des Menschen dadurch selbst gerecht wird.
Römer 3,5–8
Warum das Böse niemals durch ein gutes Ergebnis gerechtfertigt wird
Nachdem Paulus erklärt hat, dass Gottes Wahrhaftigkeit selbst angesichts menschlicher Untreue bestehen bleibt, beschäftigt er sich mit einem Einwand, der auf den ersten Blick durchaus folgerichtig erscheinen könnte. In Vers 5 fragt er sinngemäß: Wenn unsere Ungerechtigkeit dazu beiträgt, Gottes Gerechtigkeit umso deutlicher sichtbar zu machen, wäre es dann nicht ungerecht von Gott, uns dafür zu bestrafen? Hinter dieser Frage steckt ein bemerkenswerter Gedankengang. Wenn Gottes Treue gerade dadurch erkennbar wird, dass Menschen ihm untreu sind, scheint das menschliche Versagen wenigstens indirekt etwas Gutes hervorzubringen. Könnte die Sünde dann nicht sogar einen positiven Zweck erfüllen? Und wenn Gott aus dem Bösen etwas Gutes entstehen lässt, weshalb sollte er den Menschen für dieses Böse noch zur Verantwortung ziehen?
Um die Schwierigkeit dieses Arguments zu verstehen, muss man zwischen zwei völlig verschiedenen Aussagen unterscheiden. Es ist richtig, dass Gottes Gerechtigkeit im Gegensatz zur menschlichen Ungerechtigkeit besonders deutlich hervortreten kann. Wenn ein Mensch lügt, Gott aber dennoch wahrhaftig bleibt, wird der Unterschied zwischen beiden sichtbar. Wenn Menschen ihre Versprechen brechen, Gott jedoch seine Zusagen erfüllt, zeigt sich seine außergewöhnliche Treue. Doch daraus folgt nicht, dass die menschliche Lüge oder Untreue selbst etwas Gutes wäre. Die Ungerechtigkeit kann Gottes Gerechtigkeit sichtbar machen, ohne dadurch ihren eigenen ungerechten Charakter zu verlieren. Genau an dieser Stelle versucht der von Paulus aufgegriffene Einwand, aus einer richtigen Beobachtung eine falsche Schlussfolgerung zu ziehen.
Paulus fügt seiner Frage in Vers 5 ausdrücklich hinzu: „Ich rede nach Menschenweise.“ Damit macht er kenntlich, dass er ein menschliches Argument aufgreift, um dessen Schwäche offenzulegen. Er behauptet also keineswegs selbst, Gott könne ungerecht handeln, wenn er über die Sünde zürnt. Vielmehr stellt er sich auf den Standpunkt eines möglichen Einwenders, der Gottes Gericht mit einer menschlichen Rechtfertigung seiner eigenen Schuld infrage stellen möchte. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil Paulus auch an anderen Stellen seines Briefes Fragen formuliert, deren Inhalt er anschließend entschieden zurückweist. Wer lediglich die Frage liest, ohne die Antwort zu beachten, könnte ihm eine Auffassung zuschreiben, die er gerade widerlegen will.
In Vers 6 folgt deshalb erneut seine nachdrückliche Zurückweisung: „Das sei ferne!“ Anschließend fragt er, wie Gott sonst die Welt richten könnte. Diese Antwort führt die Diskussion zu einem grundlegenden Gedanken über Gottes Wesen. Wenn Gott ungerecht handeln würde, sobald er menschliche Schuld bestraft, obwohl aus dieser Schuld etwas Gutes hervorgehen kann, wäre ein gerechtes Weltgericht letztlich unmöglich. Denn Gott besitzt die Macht, selbst aus schwerem menschlichem Versagen noch etwas hervorzubringen, das seinen Absichten dient. Würde bereits diese Möglichkeit den Schuldigen von seiner Verantwortung befreien, könnte sich jeder Mensch darauf berufen, seine bösen Taten hätten möglicherweise zu einem guten Ergebnis beigetragen. Der Unterschied zwischen Gut und Böse würde dadurch zunehmend bedeutungslos werden.
Der Hinweis auf das Weltgericht ist zugleich eine Fortführung dessen, was Paulus bereits in Römer 2 erklärt hatte. Dort betont er, dass Gott jeden Menschen gerecht beurteilt und dabei kein ungerechtes Ansehen der Person kennt (Römer 2,6–11). Weder die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk noch die Stellung außerhalb dieses Volkes verändert Gottes Maßstab der Gerechtigkeit. Wenn Paulus nun fragt, wie Gott andernfalls die Welt richten könnte, erinnert er seine Leser daran, dass Gottes gerechtes Urteil eine grundlegende Wahrheit ist, die nicht aufgegeben werden darf, nur um einen menschlichen Einwand zu retten. Bereits Abraham hatte im Zusammenhang mit dem angekündigten Gericht über Sodom und Gomorra die Überzeugung ausgesprochen, dass der Richter der ganzen Erde gerecht handeln wird (1. Mose 18,25). Abraham fragte nach der gerechten Unterscheidung zwischen Schuldigen und Gerechten. Paulus verteidigt nun denselben Grundsatz gegenüber dem Versuch, tatsächliche Schuld mit dem Hinweis auf mögliche gute Folgen zu entschuldigen.
Dabei darf Gottes Zorn nicht mit unbeherrschter menschlicher Wut verwechselt werden. Menschen reagieren häufig aus verletztem Stolz, persönlicher Kränkung oder dem Wunsch nach Vergeltung. Gottes Zorn steht im Römerbrief dagegen im Zusammenhang mit seiner Heiligkeit und seinem gerechten Urteil über das Böse. Bereits in Römer 1,18 hatte Paulus von Gottes Zorn gegenüber der Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen gesprochen. In Römer 2,5–6 verbindet er das kommende Gericht ausdrücklich mit der Offenbarung von Gottes gerechtem Urteil. Gottes Zorn bedeutet deshalb nicht, dass er seine Gerechtigkeit verliert, sobald er Sünde verurteilt. Vielmehr wäre es mit seiner Gerechtigkeit unvereinbar, das Böse allein deshalb gutzuheißen, weil er dessen Folgen in seiner Weisheit noch zum Guten wenden kann.
Wie wichtig diese Unterscheidung ist, zeigt auch die Geschichte Josephs. Seine Brüder hatten ihn aus Neid verkauft und ihm damit großes Unrecht zugefügt. Viele Jahre später konnte Joseph dennoch erkennen, dass Gott die Ereignisse gebraucht hatte, um Menschen vor dem Hungertod zu bewahren. In 1. Mose 50,20 unterscheidet Joseph ausdrücklich zwischen der bösen Absicht seiner Brüder und Gottes guter Absicht. Die Brüder hatten Böses gegen ihn geplant, Gott aber hatte es zum Guten gewendet. Dadurch wurde der Verrat seiner Brüder nicht nachträglich zu einer gerechten Handlung. Ihre Verantwortung blieb bestehen, obwohl Gott aus ihrem Unrecht etwas hervorbrachte, das sie weder beabsichtigt noch vorausgesehen hatten. Dieses Beispiel verdeutlicht den Grundsatz, um den es Paulus geht: Gottes Fähigkeit, das Böse zu überwinden und zum Guten zu wenden, macht den Menschen nicht zum unschuldigen Werkzeug einer guten Sache.
In Vers 7 formuliert Paulus den Einwand noch einmal zugespitzt. Nun spricht er beispielhaft in der ersten Person und fragt, weshalb er noch als Sünder gerichtet werde, wenn Gottes Wahrhaftigkeit durch seine Lüge umso deutlicher zu Gottes Ehre hervortrete. Dass Paulus dabei von seiner eigenen Lüge spricht, bedeutet nicht, dass er an dieser Stelle ein persönliches Geständnis ablegt. Er nimmt vielmehr die Rolle eines Menschen ein, der sich mit einem solchen Argument verteidigen möchte. Die erste Person macht den Einwand besonders anschaulich: Wenn mein falsches Verhalten letztlich dazu beiträgt, dass Gottes Wahrheit gepriesen wird, weshalb soll ausgerechnet ich dafür verurteilt werden? Damit wird die Schwäche der Argumentation noch deutlicher. Der Mensch versucht, die Aufmerksamkeit von seiner eigenen Entscheidung wegzulenken und stattdessen auf das gute Ergebnis zu richten, das Gott unabhängig von seiner bösen Absicht hervorbringen kann.
Eine solche Denkweise verwechselt Gottes Handeln mit der Verantwortung des Menschen. Die Tatsache, dass Gott seine Wahrheit selbst angesichts menschlicher Lügen zur Geltung bringen kann, bedeutet nicht, dass er die Lüge braucht oder sie gutheißt. Gottes Wahrhaftigkeit hängt nicht davon ab, dass Menschen unwahrhaftig handeln. Ebenso wenig benötigt seine Gerechtigkeit menschliche Ungerechtigkeit, um überhaupt bestehen zu können. Sie gehört zu seinem Wesen. Was durch den Gegensatz zur Sünde sichtbar wird, ist keine neu entstandene Eigenschaft Gottes, sondern eine Gerechtigkeit, die unabhängig von menschlichem Verhalten bereits vollkommen vorhanden ist. Deshalb kann niemand behaupten, er habe Gott durch seine Sünde einen Dienst erwiesen, nur weil Gott größer ist als diese Sünde und ihre Folgen überwinden kann.
In Vers 8 führt Paulus das Argument schließlich zu seiner äußersten Konsequenz. Wenn Böses dadurch gerechtfertigt werden könnte, dass daraus etwas Gutes entsteht, müsste man tatsächlich sagen dürfen: „Lasset uns Böses tun, damit Gutes daraus komme“. Paulus erwähnt jedoch ausdrücklich, dass ihm und seinen Mitarbeitern eine solche Lehre verleumderisch zugeschrieben wurde. Offenbar hatten manche Menschen seine Verkündigung so dargestellt, als würde die Betonung der göttlichen Gnade dazu ermutigen, bedenkenlos zu sündigen. Wer lehre, dass Gott den Sünder aus Gnade rechtfertige, so könnte der Vorwurf gelautet haben, mache moralischen Gehorsam überflüssig und öffne damit dem Bösen die Tür. Wer genau diese Anschuldigungen verbreitete und in welcher Situation sie entstanden, erklärt Paulus an dieser Stelle nicht. Sicher ist jedoch, dass er die ihm zugeschriebene Schlussfolgerung entschieden ablehnt.
Damit berührt Paulus ein Missverständnis, das für seine gesamte weitere Darstellung der Erlösung von großer Bedeutung ist. Die Gnade Gottes bedeutet nicht, dass Sünde ihren sündigen Charakter verliert. Ebenso wenig wird eine Handlung dadurch gerecht, dass der Handelnde auf ein gutes Endergebnis verweist. Ein Mensch könnte beispielsweise behaupten, eine bewusste Lüge sei gerechtfertigt, weil er damit etwas erreichen wolle, das ihm gut erscheint. Doch ein angestrebtes gutes Ziel verwandelt Unwahrhaftigkeit nicht von selbst in Wahrhaftigkeit. Dasselbe gilt für andere Formen menschlicher Ungerechtigkeit. Wer Gottes Willen bewusst missachtet und die eigene Entscheidung anschließend durch ihren möglichen Nutzen entschuldigt, verwechselt das Ergebnis einer Handlung mit ihrer moralischen Bewertung. Paulus lässt nicht zu, dass Gottes Fähigkeit zur Rettung als Rechtfertigung für das Böse missbraucht wird.
Seine scharfe Haltung gegenüber diesem Gedanken hängt unmittelbar mit dem Wesen des Evangeliums zusammen. Gott rettet Menschen nicht deshalb, weil ihre Sünden in Wirklichkeit etwas Gutes wären, sondern obwohl sie schuldig geworden sind. Vergebung setzt voraus, dass es tatsächlich etwas zu vergeben gibt. Wenn eine ungerechte Handlung allein aufgrund ihrer möglichen Folgen gerecht genannt werden dürfte, würde die Unterscheidung zwischen Sünde und Gerechtigkeit verwischt. Auch Gottes Gnade würde ihren eigentlichen Sinn verlieren, denn sie wäre dann nicht mehr seine barmherzige Antwort auf wirkliche Schuld. Paulus wird diesen Zusammenhang später ausführlicher behandeln, wenn er fragt, ob Menschen in der Sünde bleiben sollen, damit die Gnade umso mächtiger werde (Römer 6,1–2). Bereits hier bereitet er diese spätere Erklärung vor, indem er jede bewusste Rechtfertigung des Bösen zurückweist.
Am Ende von Vers 8 erklärt Paulus, dass die Verurteilung der Betreffenden gerecht ist. Die Formulierung lässt eine gewisse Frage offen, ob er dabei besonders diejenigen meint, die eine solche unmoralische Lehre tatsächlich vertreten würden, oder auch diejenigen, die ihm und seinen Mitarbeitern diese Auffassung verleumderisch unterstellen. Beide Zusammenhänge sind im Vers vorhanden. Entscheidend für seine Argumentation ist jedoch, dass er die Behauptung selbst entschieden verwirft. Weder darf man das Böse bewusst tun, um ein erwünschtes Gutes hervorzubringen, noch darf man Gottes Gnade zu einer solchen Erlaubnis umdeuten. Die knappe und ernste Schlussbemerkung zeigt, dass Paulus hier keine harmlose gedankliche Spielerei sieht, sondern einen Angriff auf die Grundlagen göttlicher Gerechtigkeit.
Mit diesen Versen hat Paulus eine entscheidende Voraussetzung für seine weitere Argumentation geschaffen. Gottes Treue bleibt auch dann bestehen, wenn Menschen untreu werden. Seine Gerechtigkeit kann im Gegensatz zur menschlichen Ungerechtigkeit besonders sichtbar werden. Dennoch bleibt der Mensch für sein eigenes Handeln verantwortlich, und Gottes gerechtes Gericht wird dadurch nicht aufgehoben. Nachdem Paulus diese möglichen Einwände ausgeräumt hat, kann er zu der Frage zurückkehren, die seine bisherigen Ausführungen vorbereitet haben: Wie steht der Mensch tatsächlich vor Gott, wenn weder seine Herkunft noch seine religiösen Vorrechte noch irgendeine Rechtfertigung seines eigenen Fehlverhaltens ihn von seiner Schuld befreien können? Genau darauf beginnt Paulus ab Vers 9 seine umfassende Antwort zu geben.
Römer 3,9–12
Niemand kann vor Gott eigene Gerechtigkeit beanspruchen
Nachdem Paulus die möglichen Einwände gegen Gottes Treue und Gerechtigkeit beantwortet hat, kehrt er in Vers 9 zu seiner ursprünglichen Frage zurück: Besitzen die Juden gegenüber den anderen Völkern einen Vorteil, wenn es darum geht, vor Gott gerecht zu sein? Seine Antwort fällt eindeutig aus: „Ganz und gar nichts!“ Auf den ersten Blick scheint diese Aussage seiner vorherigen Erklärung zu widersprechen. Schließlich hatte er in Vers 2 ausdrücklich betont, dass das jüdische Volk in vielerlei Hinsicht besondere Vorrechte besitzt. Doch Paulus spricht an beiden Stellen von unterschiedlichen Dingen. In Vers 2 geht es um das außergewöhnliche Vorrecht Israels, Gottes Offenbarung empfangen zu haben. In Vers 9 geht es dagegen um die Frage, ob dieses Vorrecht einen Menschen von der allgemeinen Schuld der Menschheit ausnimmt oder ihm vor Gottes Gericht einen moralischen Vorsprung verschafft. Genau das verneint Paulus. Die Kenntnis der Wahrheit ist ein großes Geschenk, aber sie macht denjenigen, der sie besitzt, nicht automatisch gerecht.
Paulus begründet seine Antwort damit, dass er bereits zuvor sowohl Juden als auch Griechen beschuldigt habe, unter der Sünde zu stehen. Mit „Griechen“ bezeichnet er hier die nichtjüdische Welt, wie er es bereits in Römer 1,16 getan hatte. Seine bisherigen Ausführungen über die heidnischen Völker und über diejenigen, die Gottes Gesetz kennen, laufen nun in einer gemeinsamen Schlussfolgerung zusammen. Keine dieser Gruppen kann sich allein aufgrund ihrer Herkunft, Kultur oder religiösen Stellung von der Anklage ausnehmen. Besonders bemerkenswert ist, dass Paulus sich als Jude mit seinem eigenen Volk identifiziert, wenn er fragt, ob „wir“ etwas voraus hätten. Er betrachtet die Schuldfrage also nicht aus der sicheren Entfernung eines Menschen, der nur andere verurteilt. Seine Argumentation schließt die eigene religiöse Gemeinschaft ausdrücklich ein. Gerade dadurch verhindert er, dass seine Ausführungen über die Sünde zu einem Mittel werden, mit dem sich eine Gruppe über eine andere erhebt.
Von besonderer Bedeutung ist die Formulierung, dass alle Menschen „unter der Sünde“ stehen. Paulus sagt nicht lediglich, dass jeder Mensch irgendwann einmal eine falsche Handlung begangen hat. Seine Ausdrucksweise geht tiefer. Sie beschreibt die Sünde als eine Macht, unter deren Einfluss und Herrschaft der Mensch steht. Die Sünde erscheint im Römerbrief deshalb nicht nur als einzelne Übertretung, sondern auch als eine Wirklichkeit, die das Denken, Wollen und Handeln des Menschen prägt. Diese Vorstellung wird Paulus später ausführlicher entfalten, wenn er in Römer 6 die Sünde mit einem Herrn vergleicht, dem Menschen dienen können. Bereits hier beginnt jedoch die grundlegende Unterscheidung sichtbar zu werden: Das Problem des Menschen besteht nicht allein darin, dass er gelegentlich einzelne Gebote verletzt. Vielmehr ist sein Verhältnis zu Gott selbst durch die Sünde gestört. Deshalb genügt es nicht, lediglich einzelne schlechte Handlungen zu korrigieren, während die tiefere Ursache unangetastet bleibt.
Um diese ernste Aussage zu begründen, greift Paulus ab Vers 10 auf die Heilige Schrift zurück. Er beginnt mit den Worten: „Es ist keiner gerecht, auch nicht einer.“ Damit führt er eine Reihe alttestamentlicher Aussagen ein, deren erste Verse besonders eng mit Psalm 14,1–3 und Psalm 53,2–4 verbunden sind. Diese beiden Psalmen besitzen einen weitgehend übereinstimmenden Inhalt und beschreiben die Verderbtheit des Menschen aus Gottes Perspektive. In Psalm 14 schaut Gott vom Himmel auf die Menschenkinder, um zu sehen, ob jemand verständig ist und nach ihm fragt. Das Ergebnis fällt erschütternd aus: Die Menschen sind von seinem Weg abgewichen und haben sich dem Bösen zugewandt. Paulus übernimmt diese Aussage nicht bloß als Beschreibung einer bestimmten vergangenen Generation. Er verwendet sie als Schriftzeugnis für die umfassende Schuld, die er zuvor bei Juden und Nichtjuden aufgezeigt hat. Dabei verdichtet er die Aussage des Psalms zu dem grundlegenden Urteil, dass kein Mensch aus sich selbst die Gerechtigkeit besitzt, die ihn vor Gott freisprechen könnte.
Das Wort „gerecht“ muss dabei im Zusammenhang mit Paulus' gesamter Argumentation verstanden werden. Es geht nicht darum, ob Menschen gelegentlich aufrichtig handeln, ihrem Nächsten helfen oder eine gerechte Entscheidung treffen können. Solche Handlungen kennt und würdigt die Bibel durchaus. Ebenso bezeichnet sie einzelne Menschen wie Noah oder Hiob als gerecht, weil ihr Leben von Gottesfurcht und Treue geprägt war (1. Mose 6,9; Hiob 1,1). Paulus widerspricht diesen Aussagen nicht. Er behandelt vielmehr die tiefere Frage, ob irgendein Mensch aufgrund seiner eigenen Beschaffenheit und seiner eigenen Leistungen vor Gottes vollkommenem Maßstab als schuldlos bestehen kann. In diesem Sinn ist niemand gerecht, „auch nicht einer“. Selbst ein Mensch, der im Vergleich zu anderen ein vorbildliches Leben führt, kann daraus keinen Anspruch ableiten, dass Gott ihn aufgrund eigener Vollkommenheit gerechtsprechen müsste. Die in der Bibel beschriebenen Gerechten stehen deshalb nicht als Gegenbeispiele zu Paulus' Aussage da, sondern müssen ebenfalls im Zusammenhang mit Gottes Gnade und seinem rettenden Handeln verstanden werden.
In Vers 11 führt Paulus die Diagnose weiter: „Es ist keiner verständig, keiner fragt nach Gott.“ Damit richtet er den Blick von der äußeren Lebensführung auf das innere Verhältnis des Menschen zu seinem Schöpfer. Die fehlende Verständigkeit bezeichnet nicht einen Mangel an allgemeiner Intelligenz oder Bildung. Ein Mensch kann über außerordentliche Kenntnisse verfügen, schwierige Zusammenhänge begreifen und auf vielen Gebieten große Fähigkeiten besitzen, ohne deshalb Gottes Wesen und seinen Willen richtig zu erkennen. Die hier angesprochene Verständigkeit betrifft das geistliche Urteilsvermögen, das Gottes Wahrheit anerkennt und das eigene Leben an ihr ausrichtet. Schon in Römer 1,21 hatte Paulus beschrieben, dass Menschen Gott zwar erkannten, ihn aber nicht entsprechend ehrten. Ihr Problem war deshalb nicht einfach ein vollständiger Mangel an Informationen. Sie reagierten auf die ihnen zugängliche Erkenntnis nicht in der Weise, die Gott gebührte. Dasselbe Grundproblem wird nun durch die Worte des Psalms nochmals aus einer anderen Perspektive sichtbar.
Besonders nachdenklich macht die Aussage, dass niemand nach Gott fragt oder ihn sucht. Sie bedeutet nicht, dass niemals ein Mensch betet, religiöse Fragen stellt oder den Wunsch verspürt, Gott näherzukommen. Ebenso wenig hebt sie die zahlreichen biblischen Einladungen auf, den Herrn zu suchen. In Jesaja 55,6 werden Menschen ausdrücklich dazu aufgefordert, Gott zu suchen, solange er zu finden ist. Jeremia 29,13 verbindet die Verheißung, Gott zu finden, mit einer aufrichtigen Suche nach ihm. Paulus selbst wird später erklären, dass Gottes Güte den Menschen zur Umkehr führen will (Römer 2,4). Der scheinbare Gegensatz löst sich, wenn man die unterschiedlichen Blickrichtungen beachtet. Römer 3 beschreibt den Menschen, soweit er von der Sünde geprägt ist und aus sich selbst betrachtet wird. Die anderen Bibelstellen zeigen, dass Gott Menschen zur Umkehr ruft und sie zu einer wirklichen Hinwendung zu ihm einlädt. Geistliche Suche ist deshalb kein Beweis dafür, dass der Mensch unabhängig von Gottes Wirken bereits vollkommen gerecht wäre. Vielmehr kann gerade darin sichtbar werden, dass Gottes Güte und seine Wahrheit im Leben eines Menschen wirksam werden.
Auch der ursprüngliche Zusammenhang von Psalm 14 hilft, diese Aussage richtig einzuordnen. Der Psalm beginnt mit dem Toren, der in seinem Herzen spricht, dass es keinen Gott gebe. Diese Haltung ist dort nicht lediglich eine theoretische Überzeugung über die Existenz Gottes. Sie steht unmittelbar mit einem Leben in Verbindung, das Gottes Willen missachtet und durch verderbliche Handlungen gekennzeichnet ist. Der Mensch lebt, als müsste er sich vor Gott nicht verantworten. Dass der Psalm später dennoch von einem Geschlecht der Gerechten spricht, dem Gott beisteht (Psalm 14,5), zeigt, dass seine umfassende Anklage nicht jede Unterscheidung zwischen gottlosen und gottesfürchtigen Menschen aufheben soll. Vielmehr deckt sie die grundlegende Verderbtheit der Menschheit auf, während Gottes rettendes Handeln einen wirklichen Unterschied im Leben seiner Menschen bewirken kann. Paulus greift den anklagenden Teil dieses Psalms auf, weil er gerade beweisen möchte, dass niemand die eigene Gerechtigkeit als Grundlage seiner Annahme bei Gott vorweisen kann.
In Vers 12 beschreibt Paulus die Folge dieser inneren Abkehr mit den Worten: „Alle sind abgewichen, sie taugen alle zusammen nichts.“ Das Bild des Abweichens lässt an Menschen denken, die einen richtigen Weg verlassen haben und sich in eine andere Richtung bewegen. Die Sünde erscheint dadurch nicht nur als einzelner Fehltritt auf einem ansonsten ungestörten Lebensweg, sondern als eine veränderte Ausrichtung. Wer Gottes Wahrheit kennt, sich aber bewusst von ihr entfernt, verliert damit die Orientierung an dem Ziel, für das Gott den Menschen geschaffen hat. Bereits Jesaja 53,6 verwendet ein verwandtes Bild, wenn der Prophet die Menschen mit Schafen vergleicht, die sich verirrt haben und eigene Wege gehen. Beide Aussagen beschreiben die menschliche Neigung, sich nicht vertrauensvoll an Gottes Führung zu halten, sondern den eigenen Willen zum entscheidenden Maßstab zu machen. Die Wege einzelner Menschen können sich dabei erheblich unterscheiden. Doch hinter den unterschiedlichen Formen des Ungehorsams steht dieselbe grundsätzliche Abkehr von Gottes Willen.
Wenn Paulus anschließend sagt, die Menschen taugten alle zusammen nichts, darf diese Formulierung nicht so verstanden werden, als hätte der Mensch seinen von Gott gegebenen Wert vollständig verloren. Die Bibel begründet die Würde des Menschen damit, dass er nach Gottes Bild geschaffen wurde (1. Mose 1,26–27). Diese besondere Stellung wird auch nach dem Sündenfall weiterhin vorausgesetzt, etwa in 1. Mose 9,6 und Jakobus 3,9. Paulus spricht hier deshalb nicht über die Frage, ob ein sündiger Mensch für Gott noch wertvoll ist oder ob ihm jede Fähigkeit zu einer guten Handlung fehlt. Vielmehr beschreibt er die Untauglichkeit des von Gott abgewichenen Menschen, aus eigener Kraft die Gerechtigkeit hervorzubringen, die Gottes heiligem Willen vollkommen entspricht. Die Sünde beeinträchtigt die Bestimmung des Menschen, ohne ihn dadurch zu einem Wesen zu machen, das Gott gleichgültig geworden wäre. Gerade weil der Mensch für Gott von Bedeutung ist, besitzt die Frage seiner Wiederherstellung ein solches Gewicht.
Am Ende von Vers 12 wird die umfassende Anklage nochmals bekräftigt: „Es ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer!“ Durch diese Wiederholung lässt Paulus keinen Raum für die Vorstellung, irgendeine Menschengruppe könne sich grundsätzlich von der gemeinsamen Schuld ausnehmen. Er behauptet damit jedoch nicht, dass jede einzelne Handlung eines ungläubigen Menschen äußerlich böse sein müsse oder dass zwischen den Taten verschiedener Menschen keinerlei moralische Unterschiede bestünden. Sein Maßstab ist Gottes vollkommene Gerechtigkeit, nicht der Vergleich mit den Leistungen anderer Menschen. Eine einzelne gute Handlung hebt die Schuld anderer Übertretungen nicht automatisch auf. Ebenso kann eine Vielzahl äußerlich richtiger Handlungen nicht beweisen, dass das Verhältnis eines Menschen zu Gott in jeder Hinsicht ungestört ist. Die Worte des Psalms entziehen dem Menschen deshalb nicht seine Würde, sondern seine Möglichkeit, sich durch eine vermeintlich eigene Vollkommenheit vor Gott zu rechtfertigen.
Die entscheidende Bedeutung dieser Verse liegt darin, dass Paulus jeden menschlichen Anspruch auf religiöse Überlegenheit durch die Heilige Schrift selbst infrage stellt. Wer Gottes Worte empfangen hat, besitzt ein großes Vorrecht, aber keinen automatischen Freispruch. Wer viele richtige Dinge tut, kann dennoch nicht behaupten, niemals gegen Gottes Willen gehandelt zu haben. Und wer andere Menschen wegen ihrer offensichtlichen Verfehlungen verurteilt, darf darüber die eigene Abhängigkeit von Gottes Gnade nicht vergessen. Damit bereitet Paulus seine spätere Erklärung der Rechtfertigung vor, ohne sie an dieser Stelle bereits vollständig zu entfalten. Zunächst muss deutlich werden, wie umfassend das Problem der Sünde tatsächlich ist.
Die bisherige Beschreibung konzentriert sich vor allem auf die allgemeine Stellung des Menschen vor Gott, seine fehlende Gerechtigkeit, sein mangelndes geistliches Verständnis und seine Abkehr vom göttlichen Weg. Doch Paulus belässt es nicht bei diesen grundlegenden Aussagen. In den folgenden Versen wird er zeigen, wie sich die innere Entfremdung von Gott im konkreten menschlichen Verhalten ausdrückt. Besonders die Sprache, der Umgang mit anderen Menschen und die Bereitschaft zur Gewalt werden dabei in den Mittelpunkt rücken. Die Sünde betrifft nach Paulus nicht nur das verborgene Innere des Menschen, sondern wird auch in seinen Worten, Entscheidungen und Handlungen sichtbar.
Römer 3,13–18
Wie die Sünde den Menschen und seine Wege prägt
Nachdem Paulus die allgemeine Schuld des Menschen beschrieben hat, richtet er den Blick nun auf die konkreten Auswirkungen der Sünde. In den Versen 13–18 führt er seine Reihe alttestamentlicher Schriftzitate fort und zeigt, wie sich die innere Abkehr von Gott im menschlichen Verhalten äußert. Dabei fällt auf, dass er verschiedene Körperteile erwähnt: die Kehle, die Zunge, die Lippen, den Mund, die Füße und schließlich die Augen. Diese bildhafte Sprache macht deutlich, dass die Sünde nicht nur eine verborgene Einstellung bleibt. Was im Herzen eines Menschen seinen Ursprung hat, kann durch seine Worte nach außen treten, seine Entscheidungen bestimmen und schließlich das Leben anderer Menschen schwer beschädigen. Die angeführten Schriftstellen stammen aus unterschiedlichen Psalmen und aus dem Propheten Jesaja. Paulus verbindet sie zu einer zusammenhängenden Anklage, die von zerstörerischen Worten über gewalttätige Handlungen bis zur fehlenden Gottesfurcht reicht.
In Vers 13 beginnt Paulus mit einem ungewöhnlich ernsten Bild: „Ihre Kehle ist ein offenes Grab.“ Diese Aussage stammt aus Psalm 5,10, wo David die Unzuverlässigkeit und Falschheit seiner Gegner beklagt. Das Bild eines offenen Grabes vermittelt den Gedanken von Tod und Verderben. Während ein gewöhnliches Grab verschlossen ist und den Bereich des Todes von den Lebenden trennt, steht dieses Grab offen. Ausgerechnet die Kehle, durch die der Mensch spricht, wird damit verglichen. Die Worte eines Menschen, die eigentlich Wahrheit vermitteln, trösten oder anderen helfen könnten, können stattdessen eine zerstörerische Wirkung entfalten. Paulus verwendet dieses Bild nicht, um eine körperliche Eigenschaft zu beschreiben, sondern um die moralische Gefahr einer Sprache sichtbar zu machen, die von Bosheit und Täuschung geprägt ist. Worte können Menschen verletzen, ihren guten Ruf zerstören, Beziehungen vergiften und andere zum Bösen verleiten. Was äußerlich nur aus gesprochenen Sätzen besteht, kann deshalb weitreichende Folgen für das Leben eines anderen Menschen haben.
Anschließend heißt es, dass diese Menschen mit ihren Zungen betrügen. Damit wird das vorherige Bild genauer erklärt. Die verderbliche Wirkung der Sprache zeigt sich besonders darin, dass sie die Wahrheit verdreht und andere bewusst täuscht. Im ursprünglichen Zusammenhang von Psalm 5 beklagt David Menschen, deren Reden nicht zuverlässig ist und deren Worte nicht mit ihren tatsächlichen Absichten übereinstimmen. Ein Mensch kann freundlich sprechen und dennoch andere absichtlich in die Irre führen. Er kann Vertrauen erwecken, obwohl er dieses Vertrauen ausnutzen möchte. Gerade darin liegt eine besondere Gefahr der Täuschung: Der Betroffene erkennt häufig nicht sofort, dass die Worte, auf die er sich verlässt, unwahr sind. Die Sünde wirkt dann nicht durch offene Gewalt, sondern durch den Missbrauch des Vertrauens, das Menschen einander entgegenbringen. Bereits das neunte Gebot verbietet das falsche Zeugnis gegen den Nächsten (2. Mose 20,16). Darüber hinaus zeigen die Weisheitsbücher, wie grundlegend Wahrhaftigkeit für ein gerechtes Zusammenleben ist. In Sprüche 12,22 wird ausdrücklich erklärt, dass lügnerische Lippen dem Herrn ein Gräuel sind, während er Wohlgefallen an denen hat, die wahrhaftig handeln.
Paulus verstärkt diesen Gedanken durch ein weiteres Bild: „Otterngift ist unter ihren Lippen.“ Diese Formulierung greift Psalm 140,4 auf, wo die Zunge boshafter Menschen mit der einer Schlange verglichen wird. Schlangengift kann einem Menschen schwere Schäden zufügen oder sogar sein Leben bedrohen. Indem die Bibel dieses Bild auf menschliche Rede überträgt, betont sie die Gefährlichkeit von Worten, die bewusst zum Schaden anderer eingesetzt werden. Dabei geht es nicht um eine besondere geheimnisvolle Kraft der Sprache, sondern um ihre tatsächlichen Wirkungen. Eine böswillige Anschuldigung kann das Ansehen eines unschuldigen Menschen zerstören. Verleumdungen können Misstrauen säen und Gemeinschaften spalten. Ebenso können hasserfüllte Worte Gewalt vorbereiten, indem sie andere Menschen herabwürdigen und Feindseligkeit gegen sie fördern. Das Gift liegt bildlich „unter den Lippen“, weil die zerstörerische Absicht zunächst verborgen sein kann, bevor sie durch die Worte wirksam wird. Die Verbindung von Täuschung und Gift zeigt somit, dass menschliche Rede nicht nur offen verletzend, sondern auch verdeckt gefährlich sein kann.
Der Zusammenhang zwischen Worten und innerer Einstellung wird an anderen Stellen der Bibel ausdrücklich bestätigt. Jesus erklärt in Matthäus 12,34–37, dass der Mund aus dem Überfluss des Herzens redet und der Mensch für seine Worte Verantwortung trägt. Dabei macht er deutlich, dass Sprache nicht von der moralischen Verfassung des Menschen getrennt werden kann. Ähnlich beschreibt Jakobus in Jakobus 3,1–12 die außergewöhnliche Wirkung der Zunge. Obwohl sie ein kleines Glied des Körpers ist, kann sie großen Schaden verursachen. Jakobus vergleicht sie unter anderem mit einem kleinen Feuer, das einen großen Wald entzünden kann. Diese Verbindung hilft, die Worte des Paulus richtig einzuordnen. Nicht die menschliche Fähigkeit zu sprechen ist das Problem, sondern ihr Missbrauch durch ein Herz, das sich nicht von Gottes Wahrheit und Liebe leiten lässt. Dieselbe Sprache, mit der ein Mensch Gott loben kann, darf nicht dazu missbraucht werden, andere Menschen zu verfluchen, die nach Gottes Bild geschaffen wurden.
In Vers 14 fügt Paulus eine weitere Aussage aus den Psalmen hinzu: „Ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit.“ Die Formulierung geht auf Psalm 10,7 zurück. Dort wird ein gottloser Mensch beschrieben, dessen Worte von Fluch, Betrug und Unterdrückung geprägt sind. Mit dem Fluchen ist in diesem Zusammenhang nicht lediglich der unbedachte Gebrauch einer unfreundlichen Redewendung gemeint. Es geht um eine feindselige Sprache, die anderen Unheil wünscht oder sie bewusst herabsetzt. Auch die Bitterkeit beschreibt hier mehr als eine vorübergehende Enttäuschung oder innere Traurigkeit. Sie steht im Zusammenhang mit einer Haltung, aus der verletzende und feindselige Worte hervorgehen. Ein Mensch kann über erlittenes Unrecht traurig oder erschüttert sein, ohne deshalb selbst ungerecht zu handeln. Problematisch wird es dort, wo Bitterkeit zu einem bestimmenden Antrieb wird und der Mensch beginnt, anderen bewusst Böses zu wünschen oder zuzufügen. Paulus zeigt damit, wie eng die innere Haltung und die äußere Rede miteinander verbunden sind.
Bemerkenswert ist, dass Paulus vier aufeinanderfolgende Aussagen über die Sprache verwendet, bevor er sich den sichtbaren Handlungen zuwendet. Diese Häufung unterstreicht die moralische Bedeutung menschlicher Worte. Die Bibel betrachtet die Sünde nicht erst dann als ernst, wenn Blut vergossen oder ein Mensch körperlich verletzt wird. Auch Lüge, Verleumdung, bewusste Täuschung und boshafte Rede gehören zu den Formen der Ungerechtigkeit, für die der Mensch Verantwortung trägt. Zugleich darf man daraus nicht schließen, dass jede ungeschickte Formulierung oder jedes im Zorn gesprochene Wort bereits dieselbe Schwere besitzt wie eine vorsätzlich zerstörerische Handlung. Die biblischen Bilder beschreiben besonders eine Sprache, die von bewusster Bosheit geprägt ist. Dennoch fordern sie jeden Leser dazu auf, die eigenen Worte ernst zu nehmen. Denn Sprache kann sowohl ein Mittel der Wahrheit und Versöhnung als auch ein Werkzeug des Unrechts werden.
Mit Vers 15 verändert sich die Bildsprache. Nachdem die Sünde vor allem durch den Mund beschrieben wurde, richtet Paulus den Blick auf die Füße des Menschen: „Ihre Füße sind eilig, um Blut zu vergießen.“ Nun geht es nicht mehr allein um zerstörerische Worte, sondern um die Bereitschaft zu gewalttätigem Handeln. Die Aussage stammt aus Jesaja 59,7, wo der Prophet das Unrecht innerhalb des Volkes Gottes anklagt. Das Bild der eilenden Füße ist besonders eindringlich. Es beschreibt Menschen, die nicht widerwillig oder zufällig in eine böse Handlung geraten, sondern sich entschlossen und bereitwillig auf den Weg machen, um anderen Schaden zuzufügen. Ihre Bewegung ist auf Gewalt gerichtet. Das Vergießen von Blut steht dabei für eine besonders schwere Form menschlicher Ungerechtigkeit, weil das Leben eines Menschen angetastet wird. Bereits in 1. Mose 9,6 wird die besondere Würde menschlichen Lebens mit der Tatsache begründet, dass der Mensch nach Gottes Bild geschaffen wurde. Wer unschuldiges Blut vergießt, richtet sich daher nicht nur gegen einen anderen Menschen, sondern missachtet die besondere Stellung, die Gott diesem Menschen gegeben hat.
Der Zusammenhang von Jesaja 59 erweitert das Verständnis dieser Aussage erheblich. Der Prophet beschreibt dort nicht einfach eine Gesellschaft, in der einzelne Menschen gelegentlich böse handeln. Er spricht von einer Gemeinschaft, in der Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit schwer beschädigt sind. In Jesaja 59,3–4 werden blutbefleckte Hände, lügnerische Lippen, fehlendes Recht und ungerechte Anschuldigungen miteinander verbunden. Die Menschen benutzen ihre Worte und ihre Macht nicht dazu, das Recht zu schützen, sondern um Unrecht zu fördern. Dadurch wird verständlich, weshalb Paulus die Aussagen über betrügerische Rede unmittelbar mit den Aussagen über Gewalt verbindet. Zwischen Lüge und Gewalttat kann ein enger Zusammenhang bestehen. Wo Menschen die Wahrheit bewusst verdrehen und das Recht missachten, können daraus Unterdrückung, Ausbeutung und schließlich offene Gewalt entstehen. Die prophetische Anklage macht daher deutlich, dass Sünde nicht nur im persönlichen Verhältnis eines Menschen zu Gott eine Rolle spielt, sondern auch die Beziehungen zwischen Menschen und das gerechte Zusammenleben einer Gemeinschaft zerstören kann.
In Vers 16 beschreibt Paulus die Folgen solcher Lebenswege: „Verwüstung und Jammer bezeichnen ihre Bahn.“ Diese Worte gehören ebenfalls zum Gedankengang von Jesaja 59. Die Sünde wird hier anhand der Spuren erkennbar, die sie hinterlässt. Wo Menschen bereitwillig Unrecht tun, bleiben häufig Zerstörung und Leid zurück. Das kann den Verlust menschlichen Lebens betreffen, die Verwüstung einer Gemeinschaft oder die schwere Not derjenigen, denen Gewalt und Unrecht widerfahren sind. Der Ausdruck „Jammer“ macht deutlich, dass hinter der Ungerechtigkeit nicht nur abstrakte moralische Verstöße stehen. Es gibt Menschen, die unter ihren Folgen leiden. Die Bibel betrachtet solche Zustände deshalb nicht als belanglose Begleiterscheinungen menschlicher Geschichte. Sie nimmt das Leid ernst, das durch ungerechtes Handeln entsteht, und verbindet es mit der Verantwortung der Täter. Zugleich wäre es falsch, jede persönliche Not eines Menschen automatisch als Folge seiner eigenen Sünde zu erklären. Jesaja und Paulus sprechen an dieser Stelle von den zerstörerischen Folgen menschlicher Ungerechtigkeit, nicht von einer pauschalen Schuldzuweisung an alle Leidenden.
In Vers 17 führt Paulus den Gedanken weiter: „Und den Weg des Friedens kennen sie nicht.“ Auch diese Formulierung stammt aus Jesaja 59,8. Der Friede, von dem der Prophet spricht, ist umfassender als die bloße Abwesenheit eines offenen Streites. Das hebräische Wort schalom kann einen Zustand des Wohlergehens, der Sicherheit und geordneter Beziehungen beschreiben. Im Zusammenhang von Jesaja 59 besitzt dieser Friede eine deutliche Verbindung zu Recht und Gerechtigkeit. Wo Wahrheit unterdrückt, Unschuldige benachteiligt und Menschen durch Gewalt bedroht werden, kann kein wirklicher Friede bestehen. Selbst wenn äußerlich für eine gewisse Zeit Ruhe herrscht, bleibt das Zusammenleben durch das Unrecht beschädigt. Der Weg des Friedens ist deshalb nicht nur eine friedliche Stimmung oder der Wunsch, Auseinandersetzungen zu vermeiden. Er ist mit einer Lebensweise verbunden, die das Wohl anderer Menschen achtet und Gottes gerechte Maßstäbe ernst nimmt.
Dass die Menschen diesen Weg nicht kennen, bedeutet im Zusammenhang mehr als einen Mangel an theoretischem Wissen. Die Bibel kann das Wort „kennen“ auch für eine Wirklichkeit verwenden, mit der ein Mensch vertraut ist und nach der er lebt. Die Angeklagten mögen wissen, dass Friede etwas Gutes ist. Doch ihr tatsächliches Handeln zeigt, dass sie den Weg, der zum Frieden führt, nicht gehen. Damit wird ein wesentlicher Widerspruch menschlicher Sündhaftigkeit sichtbar. Menschen können sich nach Sicherheit, Gerechtigkeit und einem friedlichen Zusammenleben sehnen und zugleich durch ihre eigenen Entscheidungen genau die Grundlagen zerstören, auf denen diese Güter beruhen. Wer Lügen fördert, Misstrauen sät oder andere unterdrückt, darf sich nicht wundern, wenn daraus Feindschaft und Unruhe entstehen. Die prophetische Aussage beschreibt deshalb einen engen Zusammenhang zwischen menschlicher Verantwortung und den Folgen des eigenen Handelns.
Jesaja 59 enthält allerdings nicht nur eine Anklage. Im weiteren Verlauf des Kapitels wird deutlich, dass Gott die Ungerechtigkeit seines Volkes sieht und selbst eingreift, weil kein Mensch aus eigener Kraft die notwendige Rettung hervorbringen kann (Jesaja 59,15–20). Dieser Zusammenhang ist für das Verständnis von Römer 3 besonders bedeutsam. Paulus verwendet die Worte des Propheten zunächst, um die Schuld des Menschen sichtbar zu machen. Doch später wird er ebenfalls erklären, dass Gott selbst handelt, um Menschen aus dieser Schuld zu retten. Die Verbindung besteht somit nicht nur darin, dass beide Texte menschliche Ungerechtigkeit beschreiben. In beiden Zusammenhängen steht hinter der ernsten Diagnose die größere Frage, wie Gottes Gerechtigkeit wiederhergestellt und der schuldige Mensch gerettet werden kann. Diese Verbindung darf jedoch nicht dazu führen, dass die konkrete Anklage gegen Gewalt und Rechtsbeugung in Jesaja 59 übergangen wird. Gottes Erlösung betrifft den Menschen gerade dort, wo seine Sünde das Verhältnis zu Gott und zu seinen Mitmenschen zerstört hat.
In Vers 18 beendet Paulus seine Reihe von Schriftzitaten mit einer Aussage aus Psalm 36,2: „Es ist keine Gottesfurcht vor ihren Augen.“ Dieser abschließende Satz besitzt eine besondere Bedeutung, weil er hinter die zuvor beschriebenen Handlungen zurückführt. Die Lüge, das Fluchen, die Gewalt und die Missachtung des Friedens erscheinen nicht länger als voneinander unabhängige Verfehlungen. Sie werden mit einer tieferen geistlichen Fehlhaltung verbunden: Der Mensch lebt, ohne Gott in angemessener Weise zu achten und seine Autorität ernst zu nehmen. Die fehlende Gottesfurcht ist deshalb nicht nur eine weitere Sünde neben den anderen. Sie beschreibt eine grundlegende Einstellung, die erklärt, weshalb ein Mensch Gottes Maßstäbe missachten kann, obwohl er sie möglicherweise kennt.
Dabei muss der Begriff „Gottesfurcht“ richtig verstanden werden. Die Bibel meint damit nicht grundsätzlich eine lähmende Angst vor Gott, als wäre er ein unberechenbares Wesen, dem man sich niemals vertrauensvoll nähern könnte. Gottesfurcht bezeichnet vielmehr eine ehrfürchtige Haltung, die seine Heiligkeit, Wahrheit, Macht und Gerechtigkeit anerkennt. Sie schließt das Bewusstsein ein, dass der Mensch seinem Schöpfer verantwortlich ist. In Sprüche 1,7 wird die Furcht des Herrn als Anfang der Erkenntnis bezeichnet. In Sprüche 8,13 wird sie ausdrücklich mit dem Hass auf das Böse verbunden. Wahre Gottesfurcht zeigt sich deshalb nicht lediglich in religiösen Worten oder äußeren Formen der Verehrung. Sie führt dazu, dass ein Mensch Gottes Willen ernst nimmt und das Böse nicht gleichgültig behandelt. Gerade darin liegt der Gegensatz zu den Menschen, die Paulus beschreibt. Ihnen fehlt nicht notwendigerweise jede Vorstellung von Gott, sondern die ehrfürchtige Haltung, aus der wirklicher Gehorsam erwachsen sollte.
Die Formulierung „vor ihren Augen“ verstärkt diesen Gedanken. Der Mensch richtet sein Leben gewöhnlich nach dem aus, was er vor Augen hat und für bedeutsam hält. Wer vor allem den eigenen Vorteil, seine Begierden oder die Anerkennung anderer Menschen im Blick hat, kann Gottes Willen zunehmend aus seinem Denken und Handeln verdrängen. Die fehlende Gottesfurcht bedeutet somit, dass Gott nicht mehr die Stellung einnimmt, die ihm als Schöpfer und Richter zukommt. Der Mensch beginnt, seine eigenen Wünsche zum entscheidenden Maßstab zu machen. Dadurch kann er sich selbst rechtfertigen, obwohl sein Verhalten anderen schadet. Besonders Psalm 36 zeigt diesen Zusammenhang, indem er beschreibt, wie der Gottlose sich selbst schmeichelt, seine Schuld nicht richtig erkennt und seine Worte von Trug und Unrecht geprägt sind (Psalm 36,2–5). Die äußeren Verfehlungen stehen also in enger Verbindung mit einer inneren Haltung, die Gottes Wahrheit nicht mehr als verbindlichen Maßstab anerkennt.
Am Ende dieser Schriftbelegkette muss allerdings eine wichtige Unterscheidung beachtet werden. Paulus behauptet nicht, dass jeder einzelne Mensch persönlich sämtliche beschriebenen Vergehen begeht. Nicht jeder Mensch ist ein Mörder, nicht jeder betreibt bewusst Verleumdung, und nicht jeder hat sich in derselben Weise an Unterdrückung beteiligt. Die angeführten Psalmen und der Abschnitt aus Jesaja beschreiben ursprünglich unterschiedliche Situationen und konkrete Formen der Gottlosigkeit. Paulus verbindet diese Aussagen jedoch, um zu zeigen, wie umfassend die Sünde das menschliche Leben betreffen kann und dass keine Menschengruppe sich grundsätzlich von Gottes Anklage ausnehmen darf. Die verschiedenen Formen des Unrechts sind nicht bei jedem Menschen gleich stark ausgeprägt. Dennoch zeigen sie gemeinsam, dass die Sünde sowohl das Verhältnis zu Gott als auch das Verhältnis zu anderen Menschen beschädigt. Gerade deshalb wäre es verfehlt, diese Verse nur auf besonders offensichtliche Sünder anzuwenden und sich selbst von ihrer ernsten Botschaft auszunehmen.
Auffällig ist außerdem der Weg, den Paulus innerhalb dieser Verse zurücklegt. Er beginnt bei der menschlichen Sprache, geht zu gewalttätigem Verhalten und dessen Folgen über und endet schließlich bei der fehlenden Gottesfurcht. Damit werden äußere Handlungen und innere Haltung miteinander verbunden. Die Sünde erscheint nicht nur als Verstoß gegen einzelne Regeln, sondern als eine Verkehrung menschlichen Lebens, die Denken, Reden und Handeln erfassen kann. Zugleich bleibt Gottes Maßstab bestehen: Wahrheit ist besser als Täuschung, Frieden besser als Gewalt und Ehrfurcht vor Gott besser als die selbstherrliche Missachtung seines Willens. Dass Paulus diese Maßstäbe voraussetzt, zeigt bereits, dass er die Sünde nicht als eine unvermeidliche Eigenschaft darstellen möchte, die moralisch bedeutungslos geworden wäre. Sie bleibt wirkliche Schuld, für die der Mensch vor Gott verantwortlich ist.
Mit Vers 18 endet die lange Reihe alttestamentlicher Anklagen. Paulus hat nun durch die Heilige Schrift selbst aufgezeigt, wie ernst und umfassend das Problem der menschlichen Sünde ist. In den folgenden Versen wird er daraus die entscheidende rechtliche Schlussfolgerung ziehen. Wenn Gottes eigenes Wort die Schuld des Menschen offenlegt, kann niemand das Gesetz als Grundlage benutzen, um sich vor Gott seiner eigenen Gerechtigkeit zu rühmen. Das Gesetz bringt die Sünde ans Licht, aber die Erkenntnis der Schuld ist noch nicht ihre Beseitigung. Genau diese Unterscheidung wird Paulus in Römer 3,19–20 erklären und damit den Weg zu seiner anschließenden Darstellung der Rechtfertigung durch Jesus Christus vorbereiten.
Römer 3,19–20
Das Gesetz macht die Schuld sichtbar, kann den Menschen aber nicht rechtfertigen
Nachdem Paulus durch zahlreiche alttestamentliche Schriftstellen die Sündhaftigkeit des Menschen aufgezeigt hat, zieht er in den Versen 19 und 20 die entscheidende Schlussfolgerung. Die bisherigen Aussagen sollen nicht lediglich zeigen, dass es in der Geschichte Israels und unter den anderen Völkern viele ungerechte Menschen gegeben hat. Paulus möchte vielmehr deutlich machen, welche Bedeutung Gottes eigenes Wort für die Stellung des Menschen vor seinem Schöpfer besitzt. Das Gesetz offenbart Gottes Maßstäbe und bringt menschliche Schuld ans Licht. Gerade deshalb kann niemand die Kenntnis dieses Gesetzes als Beweis seiner eigenen Gerechtigkeit verwenden. Was ursprünglich als besonderes Vorrecht empfangen wurde, wird zum Zeugnis dafür, dass der Mensch Gottes Willen nicht vollkommen entsprochen hat.
In Vers 19 schreibt Paulus: „Wir wissen aber, daß das Gesetz alles, was es spricht, denen sagt, die unter dem Gesetze sind“. Diese Aussage ist zunächst deshalb bemerkenswert, weil Paulus unmittelbar zuvor überwiegend aus den Psalmen und aus dem Propheten Jesaja zitiert hatte. Dennoch bezeichnet er die vorausgehenden Schriftworte zusammenfassend als Aussagen des Gesetzes. Daraus lässt sich erkennen, dass das Wort „Gesetz“ in diesem Zusammenhang weiter gefasst ist als nur die einzelnen Gebote, die Gott durch Mose gegeben hatte. Es kann die heiligen Schriften Israels als verbindliche Offenbarung Gottes einschließen. Eine vergleichbare Verwendung findet sich in Johannes 10,34, wo Jesus ein Wort aus Psalm 82,6 anführt und dabei vom Gesetz spricht. Ebenso bezieht sich Jesus in Johannes 15,25 auf einen Psalmtext und bezeichnet ihn als Bestandteil ihres Gesetzes. Diese Beispiele zeigen, dass die biblischen Schriften nicht nur als Sammlung religiöser Überlieferungen verstanden wurden, sondern als Gottes autoritatives Wort, das den Menschen anspricht und seinen Anspruch auf ihr Leben erhebt.
Die Formulierung „denen, die unter dem Gesetze sind“ richtet den Blick zunächst besonders auf das jüdische Volk. Ihm waren, wie Paulus bereits in Römer 3,2 erklärt hatte, die Aussprüche Gottes anvertraut worden. Israel besaß die heiligen Schriften, kannte Gottes Gebote und konnte sich auf eine lange Geschichte göttlicher Offenbarung berufen. Nun erinnert Paulus daran, dass diese Schriften zuerst diejenigen ansprechen, denen sie gegeben wurden. Ein jüdischer Leser konnte die zuvor angeführten Aussagen über menschliche Verderbtheit deshalb nicht einfach auf die heidnischen Völker beschränken. Wenn die Psalmen von Gottlosigkeit, Lüge und Ungerechtigkeit sprechen oder Jesaja die Verfehlungen des Gottesvolkes anklagt, betrifft dieses Zeugnis auch diejenigen, die sich selbst als Angehörige des erwählten Volkes verstehen. Die Kenntnis der Schrift berechtigt niemanden dazu, ihre ernsten Aussagen ausschließlich gegen andere Menschen zu richten.
Dieser Gedanke erhält besonderes Gewicht, wenn man sich an Römer 2,17–24 erinnert. Dort hatte Paulus einen Menschen angesprochen, der sich auf das Gesetz verlässt, sich seiner Gotteskenntnis rühmt und sich zutraut, anderen als Lehrer und Wegweiser zu dienen. Doch anschließend fragte er, weshalb dieser Mensch andere unterrichte, während er selbst gegen die Gebote verstoße. In Römer 3,19 erreicht diese Argumentation ihren Abschluss. Gottes Wort ist nicht dazu gegeben worden, damit sein Besitzer sich aufgrund seiner religiösen Kenntnisse über andere erhebt. Es richtet seinen Anspruch zuerst an denjenigen, der es hört. Wer Gottes Gebote kennt, muss sich deshalb auch von ihnen prüfen lassen. Die Wahrheit Gottes verliert ihre Verbindlichkeit nicht dadurch, dass sie unangenehme Fragen an das eigene Leben stellt. Gerade dort, wo ein Mensch Gottes Wort ernst nimmt, kann er seine eigene Schuld nicht länger durch den Hinweis auf die Verfehlungen anderer verdrängen.
Paulus beschreibt das Ergebnis mit den Worten, dass „jeder Mund verstopft werde und alle Welt vor Gott schuldig sei“. Das Bild des verschlossenen Mundes gehört in einen Zusammenhang, der an ein Gerichtsverfahren erinnert. Ein Angeklagter kann versuchen, seine Handlungen zu erklären, Einwände vorzubringen oder sich gegen erhobene Anschuldigungen zu verteidigen. Wenn die Tatsachen jedoch eindeutig feststehen und keine tragfähige Entschuldigung mehr bleibt, verstummt seine Verteidigung. In diesem Sinn verwendet Paulus das Bild. Der Mensch steht vor Gottes gerechtem Maßstab und erkennt, dass er keinen Anspruch auf einen Freispruch aufgrund eigener Schuldlosigkeit erheben kann. Gemeint ist nicht, dass er vor Gott niemals mehr sprechen oder beten dürfte. Vielmehr verstummt der Versuch, die eigene Schuld zu leugnen oder sich durch den Vergleich mit anderen Menschen für gerecht zu erklären. Eine ähnliche Bildsprache begegnet in Psalm 107,42, wo die Ungerechtigkeit ihren Mund verschließen muss, wenn Gottes gerechtes Handeln offenbar wird.
Auffällig ist die Verbindung zwischen denen, die unter dem Gesetz stehen, und der ganzen Welt. Paulus beginnt bei Israel, weil gerade dessen besondere Stellung ein möglicher Anlass für falsche Sicherheit sein konnte. Doch seine Schlussfolgerung betrifft keineswegs nur das jüdische Volk. Bereits in Römer 1,18–32 hatte er die Ungerechtigkeit der nichtjüdischen Welt beschrieben. In Römer 2,12–16 erklärte er außerdem, dass Menschen auch dann vor Gott verantwortlich sind, wenn sie das mosaische Gesetz nicht in derselben Weise empfangen haben wie Israel. Ihr Gewissen und ihre moralischen Urteile bezeugen, dass ihnen die Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht nicht völlig fremd ist. Nun führt Paulus beide Linien zusammen. Die Heiden können sich nicht damit entschuldigen, dass sie nicht zum Volk Israel gehören. Die Juden können sich nicht damit rechtfertigen, dass ihnen Gottes Gesetz anvertraut wurde. Beide stehen vor demselben gerechten Gott und beide benötigen seine Barmherzigkeit.
Dabei ist wichtig, was Paulus unter der Schuld der ganzen Welt versteht. Er behauptet nicht, dass alle Menschen dieselben Taten begehen oder dass es zwischen ihrem Verhalten keinerlei Unterschiede gibt. Ebenso wenig bedeutet die universale Schuld, dass Gott die unterschiedlichen Lebensumstände, Kenntnisse und Verantwortlichkeiten der Menschen übersehen würde. Schon Römer 2 macht deutlich, dass Gottes Gericht gerecht ist und das tatsächliche Handeln des Menschen berücksichtigt. Paulus spricht vielmehr von einer Wirklichkeit, die alle Menschen verbindet: Niemand kann vor Gott behaupten, in seinem gesamten Leben niemals gegen dessen Willen verstoßen zu haben. Diese Schuld wird nicht dadurch aufgehoben, dass ein Mensch weniger Unrecht begangen hat als ein anderer. Vor Gottes vollkommen gerechtem Maßstab genügt es nicht, besser zu sein als der Nachbar. Entscheidend ist die Frage, ob das eigene Leben tatsächlich ohne Schuld ist. Genau diesen Anspruch kann nach Paulus kein Mensch aus eigener Kraft erfüllen.
In Vers 20 erklärt Paulus den Grund dafür: „weil aus Gesetzeswerken kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden kann“. Mit dem Ausdruck „kein Fleisch“ ist hier kein Gegensatz zwischen einem angeblich bösen Körper und einer guten Seele gemeint. Paulus verwendet eine biblische Ausdrucksweise für den Menschen in seiner menschlichen Begrenztheit. Niemand, der zur Menschheit gehört, kann durch Gesetzeswerke vor Gott gerechtfertigt werden. Das Wort „gerechtfertigt“ besitzt dabei eine besondere Bedeutung. Es beschreibt im unmittelbaren Zusammenhang die Frage, ob ein Mensch vor Gottes Gericht als gerecht anerkannt beziehungsweise freigesprochen werden kann. Paulus unterscheidet damit zwischen der Kenntnis dessen, was richtig ist, und der tatsächlichen Stellung eines schuldigen Menschen vor Gott. Dass ein Mensch weiß, was Gottes Gesetz fordert, bedeutet noch nicht, dass er dessen Forderungen immer erfüllt hat. Und selbst wenn er nach begangenem Unrecht beginnt, richtig zu handeln, wird das bereits geschehene Unrecht dadurch nicht nachträglich ungeschehen gemacht.
Der Ausdruck „Gesetzeswerke“ verdient eine sorgfältige Erklärung. Paulus spricht nicht einfach von irgendeiner Form menschlicher Tätigkeit, sondern von Werken, die im Verhältnis zu Gottes Gesetz stehen. Im Zusammenhang des Römerbriefs gehört dazu besonders die Befolgung der mosaischen Tora. Dabei spielten Fragen der jüdischen Bundeszugehörigkeit, etwa die Beschneidung, eine wichtige Rolle. Doch Paulus' Argumentation lässt sich nicht überzeugend auf solche äußeren Unterscheidungsmerkmale beschränken. Bereits in Römer 2 hatte er auch Diebstahl, Ehebruch und andere Formen des Ungehorsams angesprochen. Ebenso wird er in Römer 7,7 das Gebot gegen das Begehren heranziehen, um zu erklären, wie das Gesetz die Sünde erkennbar macht. Die Gesetzesfrage betrifft somit nicht nur religiöse Kennzeichen, sondern auch Gottes moralische Forderungen. Paulus erklärt, dass die Befolgung des Gesetzes nicht zu einer Grundlage werden kann, auf der ein bereits schuldiger Mensch seinen Freispruch vor Gott verdient oder beansprucht.
Daraus darf allerdings nicht der gegenteilige Schluss gezogen werden, Gottes Gebote seien bedeutungslos oder ihre Befolgung sei etwas Schlechtes. Paulus kritisiert an dieser Stelle nicht die Gerechtigkeit des Gesetzes, sondern die Vorstellung, der sündige Mensch könne sich durch dessen eigene Erfüllung rechtfertigen. Diese beiden Aussagen müssen sorgfältig unterschieden werden. Ein gerechtes Gesetz bleibt gerecht, auch wenn Menschen dagegen verstoßen. Seine Unfähigkeit, den schuldigen Menschen aufgrund seiner eigenen Werke freizusprechen, macht es nicht zu einem fehlerhaften Maßstab. Paulus wird später ausdrücklich erklären, dass das Gesetz heilig und das Gebot heilig, gerecht und gut ist (Römer 7,12). Ebenso wird er in Römer 3,31 die Vorstellung zurückweisen, der Glaube hebe das Gesetz einfach auf. Die Begrenzung, die er hier beschreibt, betrifft also nicht den Wert des göttlichen Gesetzes, sondern seine Funktion im Zusammenhang mit der Rechtfertigung des Menschen.
An dieser Stelle könnte allerdings eine Frage entstehen. Hatte Paulus nicht in Römer 2,13 erklärt, dass vor Gott nicht diejenigen gerecht sind, die das Gesetz lediglich hören, sondern diejenigen, die es befolgen? Wie lässt sich diese Aussage mit seiner Erklärung vereinbaren, dass niemand durch Gesetzeswerke gerechtfertigt werden kann? Der Zusammenhang hilft, beide Aussagen zu verstehen. In Römer 2 hatte Paulus den Grundsatz aufgestellt, dass bloße Kenntnis des Gesetzes keinen Menschen gerecht macht. Gehorsam ist nicht durch religiöses Wissen zu ersetzen. In Römer 3 zeigt er nun, dass sowohl Juden als auch Nichtjuden tatsächlich unter der Sünde stehen. Damit kann niemand die eigene Gesetzeserfüllung als vollkommen und als ausreichende Grundlage für einen Freispruch vorweisen. Die beiden Aussagen widersprechen sich deshalb nicht. Römer 2 betont den Ernst des göttlichen Maßstabs und die Bedeutung wirklichen Gehorsams. Römer 3 legt offen, weshalb der schuldige Mensch auf dieser Grundlage keinen selbstverdienten Anspruch auf Rechtfertigung erheben kann. Dass Gehorsam weiterhin Bedeutung besitzt, wird durch die Rechtfertigung aus Gnade nicht bestritten; lediglich seine Rolle als Verdienstgrundlage wird ausgeschlossen.
Der abschließende Satz von Vers 20 erklärt die besondere Aufgabe des Gesetzes: „denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.“ Damit beschreibt Paulus eine grundlegende Wirkung der göttlichen Offenbarung. Das Gesetz lässt den Menschen erkennen, was dem Willen Gottes widerspricht. Ohne einen verbindlichen Maßstab könnte der Mensch versucht sein, sein Verhalten ausschließlich nach eigenen Wünschen, gesellschaftlichen Gewohnheiten oder dem Vergleich mit anderen Menschen zu beurteilen. Doch solche Maßstäbe sind veränderlich. Was in einer Gesellschaft geduldet wird, kann dennoch ungerecht sein. Was einem Menschen persönlich vorteilhaft erscheint, kann einen anderen schädigen. Gottes Gesetz führt die Beurteilung des menschlichen Handelns deshalb auf einen Maßstab zurück, der nicht von den wechselnden Vorstellungen des Menschen abhängig ist.
Ein besonders anschauliches Beispiel dafür gibt Paulus später selbst. In Römer 7,7 erklärt er, dass er die Begierde nicht in derselben Weise erkannt hätte, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: „Laß dich nicht gelüsten!“ Damit greift er auf das zehnte Gebot zurück (2. Mose 20,17). Dieses Gebot betrifft nicht nur eine äußerlich sichtbare Handlung, sondern auch das innere Verlangen, das auf den unrechtmäßigen Besitz dessen gerichtet ist, was einem anderen gehört. Dadurch wird verständlich, weshalb die Erkenntnis der Sünde mehr umfasst als das Wissen um einzelne verbotene Taten. Gottes Gesetz stellt auch die inneren Beweggründe des Menschen unter seinen gerechten Anspruch. Es genügt nicht, nach außen einen guten Eindruck zu vermitteln, während im Herzen bewusst Neid, Habgier oder andere ungerechte Wünsche gepflegt werden. Die göttliche Weisung macht sichtbar, dass Sünde ihren Ursprung bereits im Inneren des Menschen haben kann, lange bevor sie in einer äußeren Handlung erkennbar wird.
Die Erkenntnis der Sünde ist jedoch nicht mit ihrer Beseitigung gleichzusetzen. Ein Mensch kann zutreffend erkennen, dass sein Verhalten falsch war, ohne dadurch bereits von seiner Schuld befreit zu sein. Man kann diesen Unterschied mit einem Spiegel vergleichen. Ein Spiegel kann einem Menschen zeigen, dass sein Gesicht verschmutzt ist. Er ist deshalb keineswegs wertlos. Gerade weil er den tatsächlichen Zustand sichtbar macht, erfüllt er eine wichtige Aufgabe. Doch der Spiegel selbst entfernt den Schmutz nicht. In ähnlicher Weise offenbart Gottes Gesetz die Schuld des Menschen, ohne ihm durch diese Erkenntnis bereits den Freispruch zu geben. Dieser Vergleich erklärt allerdings nur die von Paulus hier betonte Funktion. Die Bibel beschreibt Gottes Gesetz auch als Weisung für ein gerechtes Leben und als Ausdruck seines Willens. Psalm 19,8–12 und Psalm 119 entfalten seine vielfältige Bedeutung. Paulus möchte diese positiven Funktionen nicht bestreiten, sondern verdeutlichen, weshalb die Erkenntnis des göttlichen Maßstabs allein nicht zur Rechtfertigung genügt.
Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang Psalm 143,2. Dort betet David: „Und gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht; denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht!“ Diese Aussage steht der Schlussfolgerung des Paulus außerordentlich nahe. David erkennt an, dass er vor Gottes vollkommenem Gericht nicht auf seine eigene Schuldlosigkeit vertrauen kann. Deshalb bittet er Gott um Erhörung, Treue und Gerechtigkeit. Doch derselbe Psalm enthält auch die Bitte: „Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen“ (Psalm 143,10). Darin liegt ein wichtiger Zusammenhang. David vertraut nicht darauf, durch seine bisherige Gesetzeserfüllung einen Anspruch auf Gottes Hilfe erworben zu haben. Trotzdem wünscht er sich ausdrücklich, nach Gottes Willen zu leben. Das Vertrauen auf göttliche Barmherzigkeit steht für ihn also nicht im Gegensatz zum Gehorsam. Vielmehr sucht er gerade deshalb Gottes Führung, weil er weiß, wie sehr er auf ihn angewiesen ist.
Diese Verbindung schützt die Worte des Paulus vor einem folgenschweren Missverständnis. Wenn niemand durch Gesetzeswerke gerechtfertigt werden kann, bedeutet das nicht, dass ein Mensch Gottes Willen bedenkenlos missachten dürfte. Ebenso wenig erklärt Paulus gute Werke für überflüssig oder moralisch wertlos. Er unterscheidet vielmehr zwischen der Grundlage der Rechtfertigung und dem Leben, das Gottes Willen entspricht. Ein schuldiger Mensch kann sich nicht durch seine eigenen Leistungen zum gerechten Menschen erklären. Doch daraus folgt nicht, dass Wahrheit, Liebe, Gerechtigkeit und Gehorsam ihre Bedeutung verlieren. Schon in den vorausgehenden Versen hatte Paulus Lüge, Gewalt und fehlende Gottesfurcht als ernstes Unrecht beschrieben. Es wäre widersprüchlich, wenn er diese Dinge zunächst verurteilen und unmittelbar danach behaupten würde, Gottes gerechte Maßstäbe seien bedeutungslos geworden. Sein eigentliches Anliegen ist ein anderes: Der Mensch soll aufhören, sich durch seine eigene religiöse Leistung rechtfertigen zu wollen, und erkennen, dass er Gottes rettendes Handeln benötigt.
Damit erreichen die bisherigen Ausführungen einen entscheidenden Punkt. Von Römer 1,18 bis Römer 3,20 hat Paulus die Schuld des Menschen aus unterschiedlichen Blickrichtungen untersucht. Er hat die Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Völker beschrieben, die Verantwortung derjenigen betont, die Gottes Gesetz besitzen, und schließlich anhand der Heiligen Schrift gezeigt, dass niemand aufgrund eigener Gerechtigkeit vor Gott bestehen kann. Mit Vers 20 ist diese Beweisführung zu ihrem Abschluss gekommen. Die Schuld ist aufgedeckt, der gerechte Maßstab steht fest, und dem Menschen bleibt keine tragfähige Möglichkeit, sich selbst freizusprechen.
Doch gerade hier darf die Erklärung nicht stehen bleiben. Wenn Gottes Gesetz lediglich zeigen würde, wie weit der Mensch von seinem Willen entfernt ist, ohne dass es irgendeinen Weg zur Rettung gäbe, müsste die Erkenntnis der Sünde letztlich zur Verzweiflung führen. Paulus hat jedoch nicht deshalb so ausführlich über die Schuld gesprochen, um den Menschen ohne Hoffnung zurückzulassen. Er wollte sichtbar machen, weshalb die Rettung nicht aus menschlicher Leistung hervorgehen kann.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob der Mensch Gottes Gerechtigkeit aus eigener Kraft erreichen kann, sondern wie Gott selbst einem schuldigen Menschen Gerechtigkeit schenken kann. Mit den Worten „Nun aber“ beginnt Paulus in Vers 21 die Antwort auf diese Frage. Von hier an steht nicht mehr die Unfähigkeit des Menschen im Mittelpunkt, sich selbst zu rechtfertigen, sondern Gottes rettendes Handeln durch Jesus Christus.
Römer 3,21–24
Gottes Gerechtigkeit wird in Jesus Christus offenbart
Mit den Worten „Nun aber“ beginnt Paulus in Vers 21 einen der bedeutendsten Übergänge seines gesamten Briefes. Nachdem er ausführlich erklärt hat, weshalb kein Mensch aufgrund eigener Gerechtigkeit vor Gott bestehen kann, richtet er den Blick auf Gottes rettendes Handeln. Die menschliche Schuld ist damit nicht verschwunden, und Gottes gerechter Maßstab wird auch nicht verändert. Doch nun tritt etwas in den Vordergrund, das der Mensch aus eigener Kraft niemals hervorbringen könnte: Gott selbst eröffnet den Weg zur Rechtfertigung. Bis zu diesem Punkt hatte Paulus vor allem gezeigt, weshalb der Mensch vor Gottes Gericht keinen Anspruch auf einen Freispruch besitzt. Jetzt erklärt er, wie Gott einem schuldigen Menschen dennoch Gerechtigkeit schenken kann. Der entscheidende Wandel besteht also nicht darin, dass Gott seine Forderungen herabsetzt, sondern darin, dass er selbst handelt, um Menschen aus ihrer verlorenen Stellung zu retten.
Paulus schreibt, dass die Gerechtigkeit Gottes nun „außerhalb vom Gesetz“ offenbart worden ist. Diese Formulierung muss sorgfältig verstanden werden, denn sie könnte leicht den Eindruck erwecken, als würde Paulus Gottes Gesetz plötzlich für überflüssig erklären. Doch darum geht es nicht. In Vers 20 hatte er erklärt, dass das Gesetz die Sünde erkennbar macht, den sündigen Menschen aber nicht durch dessen eigene Gesetzeswerke rechtfertigen kann. Wenn Paulus nun von einer Gerechtigkeit außerhalb des Gesetzes spricht, beschreibt er einen Weg zur Rechtfertigung, der nicht auf der eigenen Erfüllung der mosaischen Tora beruht. Der Mensch empfängt diese Gerechtigkeit nicht als Lohn für seine Leistungen. Sie wird ihm durch Gottes rettendes Handeln in Jesus Christus zugänglich. Das Gesetz bleibt dabei Gottes Offenbarung, aber es ist nicht die Grundlage, auf der ein schuldiger Mensch sich selbst einen gerechten Stand vor Gott verschaffen könnte.
Gerade deshalb ist der zweite Teil von Vers 21 so bemerkenswert. Paulus erklärt ausdrücklich, dass diese Gerechtigkeit bereits durch das Gesetz und die Propheten bezeugt wird. Hier besteht kein Widerspruch zu seiner vorherigen Aussage. Die Gerechtigkeit Gottes wird unabhängig von menschlicher Gesetzeserfüllung offenbar, steht aber nicht im Gegensatz zu den heiligen Schriften, die Gott Israel gegeben hatte. Vielmehr hatten diese Schriften bereits auf Gottes rettendes Handeln hingewiesen. Die Wendung „Gesetz und Propheten“ bezeichnet hier die alttestamentliche Offenbarung in ihrer grundlegenden Gesamtheit. Paulus stellt das Evangelium daher nicht als eine völlig neue Vorstellung dar, die mit Gottes früherem Handeln nichts zu tun hätte. Er zeigt vielmehr, dass die Botschaft von der Rechtfertigung durch Christus innerhalb der Geschichte des Erlösungsplans steht, die Gott bereits durch Mose und die Propheten vorbereitet hatte.
Ein besonders wichtiges Beispiel dafür findet sich in 1. Mose 15,6. Dort wird berichtet, dass Abraham Gott glaubte und ihm dieser Glaube zur Gerechtigkeit angerechnet wurde. Abraham lebte lange vor der Gesetzgebung am Sinai. Seine Annahme bei Gott wird deshalb nicht damit begründet, dass er sich durch die spätere mosaische Gesetzesordnung einen Anspruch auf Gerechtigkeit erworben hätte. Vielmehr vertraute er Gottes Verheißung. Paulus wird genau diese Schriftstelle in Römer 4 aufgreifen, um seine Aussage aus Kapitel 3 weiter zu begründen. Ebenso erklärt Habakuk 2,4, dass der Gerechte durch seinen Glauben beziehungsweise seine Treue leben wird. Paulus hat diesen prophetischen Satz bereits in Römer 1,17 verwendet. Beide Stellen zeigen, dass Vertrauen auf Gottes Wort und Verheißung schon im Alten Testament eine grundlegende Bedeutung für das Verhältnis des Menschen zu Gott besaß. Die Rechtfertigung durch Glauben ist daher kein Gedanke, der erst entstand, nachdem das jüdische Volk Gottes Gebote nicht vollkommen gehalten hatte.
Auch die alttestamentliche Opferordnung gehört zum Hintergrund dieser Aussage. Wenn ein Israelit gesündigt hatte, konnte er seine Schuld nicht dadurch ungeschehen machen, dass er anschließend einige zusätzliche Gebote befolgte. Die Opferbestimmungen machten vielmehr deutlich, dass Sünde wirkliche Schuld hervorbringt und dass der Mensch auf Gottes Vergebung angewiesen ist. Besonders 3. Mose 16 verbindet die Reinigung von Schuld mit dem von Gott vorgesehenen Versöhnungsdienst. Die Opfer selbst waren dabei nicht unabhängig von Gott wirksame Mittel, durch die Menschen seine Vergebung erzwingen konnten. Ihr Sinn stand innerhalb des Bundesverhältnisses und der göttlichen Zusage der Versöhnung. Der Hebräerbrief erklärt später, dass die wiederholten Tieropfer die Sünde nicht endgültig beseitigen konnten und dass Christi Opfer eine einzigartige Bedeutung besitzt (Hebräer 10,1–14). Diese größere biblische Verbindung hilft zu verstehen, weshalb Paulus unmittelbar nach den Versen 21–24 auf Christi Blut und Gottes Handeln zur Versöhnung zu sprechen kommt. Das Alte Testament bezeugte nicht nur Gottes Forderung nach Gerechtigkeit, sondern auch die Notwendigkeit und Verheißung seiner rettenden Gnade.
Was aber meint Paulus mit dem Ausdruck „Gerechtigkeit Gottes“? Diese Frage ist entscheidend, weil davon abhängt, wie der gesamte Abschnitt verstanden wird. Gottes Gerechtigkeit beschreibt zunächst etwas, das zu seinem eigenen Wesen und Handeln gehört. Gott ist vollkommen gerecht, handelt wahrhaftig und richtet ohne Ungerechtigkeit. Im Römerbrief erhält dieser Ausdruck jedoch zugleich eine rettende Bedeutung. Gottes Gerechtigkeit zeigt sich darin, dass er seinem Heilswillen treu bleibt und Menschen auf gerechte Weise in ein neues Verhältnis zu sich bringt. Deshalb darf die Gerechtigkeit Gottes hier weder auf eine bloße menschliche Tugend noch ausschließlich auf Gottes strafendes Gericht reduziert werden. Paulus spricht von Gottes eigener Gerechtigkeit, die in seinem rettenden Handeln sichtbar wird und durch die ein schuldiger Mensch gerechtfertigt werden kann. Die Verse 25 und 26 werden anschließend erklären, weshalb diese Rechtfertigung Gottes eigene Gerechtigkeit nicht infrage stellt.
Darin liegt ein bedeutender Unterschied zwischen göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit. Menschen können versuchen, vor anderen gerecht zu erscheinen, indem sie ihre guten Taten hervorheben oder ihre Verfehlungen verbergen. Doch Gottes Gerechtigkeit ist nicht von einem äußeren Eindruck abhängig. Er kennt den wirklichen Zustand des Menschen und muss dessen Schuld nicht leugnen, um ihm barmherzig begegnen zu können. Gerade deshalb wäre es falsch, die Rechtfertigung so zu verstehen, als würde Gott einfach behaupten, ein Mensch habe niemals gesündigt. Paulus hatte zuvor das Gegenteil ausführlich bewiesen. Die Schuld des Menschen ist eine Wirklichkeit, die vor Gott nicht verborgen bleibt. Die gute Nachricht besteht darin, dass Gott einen Weg eröffnet hat, auf dem der schuldige Mensch dennoch gerechtfertigt werden kann. Wie dieser Weg mit Christi Erlösungswerk zusammenhängt, bildet den eigentlichen Mittelpunkt der folgenden Verse.
In Vers 22 erklärt Paulus genauer, wie diese Gerechtigkeit den Menschen zugänglich wird: durch den Glauben an Jesus Christus. Damit richtet er den Blick auf die persönliche Beziehung des Menschen zu demjenigen, durch den Gott die Erlösung geschaffen hat. Nicht eine bestimmte Abstammung, die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft oder das Vorweisen eigener Leistungen bildet die Grundlage der Rechtfertigung, sondern Jesus Christus. Der Glaube ist dabei keine besondere menschliche Leistung, mit der sich der Mensch Gottes Anerkennung verdient. Er bedeutet, dass der Mensch Gottes Verheißung vertraut und sich auf das rettende Handeln Christi verlässt. Wer glaubt, anerkennt damit zugleich, dass er die benötigte Gerechtigkeit nicht aus sich selbst hervorbringen kann. Seine Hoffnung richtet sich nicht mehr auf den eigenen vermeintlichen Verdienst, sondern auf den Erlöser, den Gott gegeben hat.
Bei dieser Aussage besitzt der griechische Wortlaut eine interessante Besonderheit. Die Formulierung pistis Iēsou Christou wird gewöhnlich als Glaube an Jesus Christus verstanden, wie es auch die Schlachter 1951 wiedergibt. Sprachlich ist allerdings ebenfalls eine Deutung möglich, bei der die Treue Jesu Christi im Vordergrund steht. Dann würde Paulus die Gerechtigkeit Gottes besonders mit Christi eigener Treue zu seinem göttlichen Auftrag verbinden. Beide Erklärungen haben ernstzunehmende sprachliche und sachliche Argumente. Für die Deutung als Glaube an Christus spricht besonders der unmittelbare Zusammenhang, weil Paulus anschließend ausdrücklich von allen spricht, die glauben, und in den folgenden Versen wiederholt den menschlichen Glauben behandelt. Auch Römer 4 entfaltet dieses Thema ausführlich am Beispiel Abrahams. Die andere Deutung erinnert jedoch an eine ebenfalls wichtige biblische Wahrheit: Der Glaube des Menschen kann nur deshalb retten, weil Jesus Christus selbst zuverlässig ist und Gottes Erlösungswerk vollbracht hat. Der Gläubige rettet sich also nicht durch die Stärke seines Glaubens, sondern vertraut auf den, der die Rettung ermöglicht.
Damit stellt sich die Frage, was unter diesem Glauben konkret zu verstehen ist. Paulus beschreibt hier nicht lediglich die Zustimmung zu einer religiösen Behauptung. Ein Mensch könnte anerkennen, dass Jesus gelebt hat, dass die Bibel von seinem Tod berichtet und dass Christen ihn als Erlöser bekennen, ohne sich selbst auf Gottes Verheißung einzulassen. Der rettende Glaube, den Paulus im Zusammenhang der Rechtfertigung behandelt, ist persönliches Vertrauen auf Gottes Handeln in Christus. Er bedeutet, dass der Mensch seine eigene Bedürftigkeit anerkennt und die von Gott angebotene Rettung annimmt. Dieses Vertrauen schließt eine veränderte Haltung gegenüber Gott ein, weil der Glaubende nicht länger seine eigene Gerechtigkeit zum Mittelpunkt seiner Hoffnung macht. Welche Bedeutung dieser Glaube für das anschließende Leben hat, wird Paulus später ausführlicher erklären. An dieser Stelle steht zunächst seine Bedeutung für die Rechtfertigung im Vordergrund.
Besonders wichtig ist die anschließende Erklärung, dass diese Gerechtigkeit allen gilt, die glauben. Damit knüpft Paulus unmittelbar an die Unterscheidung zwischen Juden und Nichtjuden an, die ihn seit dem Beginn des Römerbriefs beschäftigt. Israel hatte die heiligen Schriften und besondere göttliche Verheißungen empfangen. Die nichtjüdischen Völker besaßen diese Vorrechte nicht in derselben Weise. Doch wenn es um die Rechtfertigung vor Gott geht, eröffnet Christus keinen getrennten Heilsweg für unterschiedliche Völker. Der Jude wird nicht aufgrund seiner Abstammung gerechtfertigt, während der Nichtjude einen anderen Weg suchen müsste. Beide sind auf Gottes Gnade angewiesen, und beiden wird das Heil durch den Glauben an Jesus Christus zugänglich. Bereits in Römer 1,16 hatte Paulus erklärt, dass das Evangelium Gottes Kraft zur Rettung für jeden Glaubenden ist, für den Juden zuerst und auch für den Griechen. Nun begründet er ausführlicher, weshalb dieser gemeinsame Weg notwendig ist.
Dabei ist die Formulierung „für alle, die da glauben“ eine wichtige Begrenzung. Paulus spricht nicht davon, dass jeder Mensch unabhängig von seinem Verhältnis zu Christus automatisch gerechtfertigt wird. Gottes Rettung ist nicht auf ein einzelnes Volk beschränkt, aber ihre Annahme wird ausdrücklich mit dem Glauben verbunden. Das Heil besitzt somit eine weltweite Reichweite, ohne dass Paulus die persönliche Glaubensantwort bedeutungslos macht. Diese Unterscheidung wird in Vers 23 noch wichtiger, weil Paulus dort erneut von allen Menschen spricht. Die Tatsache, dass alle Menschen gesündigt haben, darf nicht ohne Weiteres mit der Behauptung gleichgesetzt werden, alle Menschen seien unabhängig vom Glauben bereits endgültig gerechtfertigt. Paulus beschreibt eine Rettung, die allen Völkern offensteht und von den Glaubenden empfangen wird.
In Vers 23 nennt Paulus den Grund, weshalb es im Blick auf die Rechtfertigung keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden gibt: Alle Menschen haben gesündigt und ermangeln der Herrlichkeit Gottes. Damit nimmt er die Schlussfolgerung seiner bisherigen Anklage nochmals auf, jedoch mit einer zusätzlichen Aussage, die über die bloße Feststellung einzelner Sünden hinausgeht. Der Mensch hat nicht nur bestimmte Gebote übertreten. Ihm fehlt etwas, das mit Gottes Herrlichkeit verbunden ist. Um diese Aussage richtig zu verstehen, muss man beachten, dass die Bibel mit Gottes Herrlichkeit unterschiedliche, miteinander verwandte Wirklichkeiten beschreiben kann. Sie spricht von der Größe und Heiligkeit seines Wesens, von seiner offenbaren Gegenwart und von der Ehre, die ihm als Schöpfer gebührt. Zugleich verbindet sie den Menschen mit einer besonderen Bestimmung, die von Gott selbst ausgeht.
Schon in 1. Mose 1,26–27 wird erklärt, dass Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat. Der Mensch sollte als Geschöpf Gottes dessen Herrschaft und Willen in der Schöpfung auf besondere Weise widerspiegeln. Psalm 8,5–7 beschreibt die außergewöhnliche Würde, die Gott dem Menschen verliehen hat, und spricht davon, dass er ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt hat. Vor diesem Hintergrund lässt sich verstehen, weshalb die Sünde mehr bedeutet als die Verletzung einer einzelnen Vorschrift. Sie steht im Widerspruch zu der Bestimmung, für die Gott den Menschen geschaffen hat. Der Mensch lebt nicht mehr in der ungestörten Gemeinschaft mit seinem Schöpfer und entspricht dessen gerechtem Willen nicht vollkommen. Diese Verbindung darf jedoch nicht so überdehnt werden, als würde Römer 3,23 bereits eine vollständige Lehre über alle Auswirkungen des Sündenfalls auf das Bild Gottes enthalten. Paulus selbst spricht hier knapper. Sicher ist, dass dem sündigen Menschen die Herrlichkeit fehlt, die mit Gottes Gegenwart, Anerkennung und ursprünglicher Bestimmung verbunden ist.
Eine weitere wichtige Verbindung findet sich in Römer 1,21–23. Dort hatte Paulus beschrieben, dass Menschen Gott nicht die ihm gebührende Ehre erwiesen und die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit Bildern vergänglicher Geschöpfe vertauschten. Die Sünde wird dort als eine Verkehrung der rechten Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf sichtbar. Anstatt Gott als Ursprung des Lebens zu verehren, erhebt der Mensch Geschaffenes zum Gegenstand seiner Verehrung. Vor diesem Hintergrund erhält Römer 3,23 eine zusätzliche Tiefe. Der Mensch verfehlt nicht nur einen moralischen Maßstab, sondern auch seine eigentliche Ausrichtung auf Gott. Die Herrlichkeit, die Gott zukommt und an der der Mensch nach Gottes Willen Anteil haben soll, ist durch die Sünde nicht in der Weise Wirklichkeit, wie sie es sein sollte. Dabei bleibt die Würde des Menschen als Geschöpf Gottes bestehen. Die Sünde hebt seinen Wert nicht auf, aber sie beschädigt sein Verhältnis zu Gott und seine Fähigkeit, dessen Wesen unverfälscht widerzuspiegeln.
Auch die Zeitform der Aussage verdient Aufmerksamkeit. Paulus fasst die Sündhaftigkeit der Menschen als eine tatsächlich geschehene Wirklichkeit zusammen und beschreibt zugleich den gegenwärtigen Mangel an Gottes Herrlichkeit. Er spricht also nicht nur über eine vergangene Verfehlung, die für das heutige Leben keine Bedeutung mehr hätte. Die Sünde hat einen Zustand hervorgebracht, aus dem der Mensch sich nicht einfach durch eine neue Selbstbewertung befreien kann. Was ihm fehlt, ist nicht bloß ein besserer Ruf vor anderen Menschen oder das Gefühl, mit sich selbst zufrieden zu sein. Es geht um seine wirkliche Stellung vor Gott. Gerade deshalb kann die Lösung nicht darin bestehen, die eigene Schuld herunterzuspielen oder sich mit Menschen zu vergleichen, deren Verhalten noch schlechter erscheint. Die fehlende Herrlichkeit Gottes bezeichnet einen Mangel, der nur durch Gottes eigenes rettendes Handeln überwunden werden kann.
An dieser Stelle öffnet sich bereits eine Verbindung zur zukünftigen Hoffnung, die Paulus später im Römerbrief entfalten wird. In Römer 5,2 spricht er davon, dass die Glaubenden sich der Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes rühmen. In Römer 8,18–23 verbindet er die kommende Herrlichkeit mit der endgültigen Erlösung und Wiederherstellung. Dadurch wird erkennbar, dass Gottes Heilswerk nicht auf eine bloße Veränderung der rechtlichen Stellung des Menschen begrenzt bleibt. Die Rechtfertigung eröffnet einen Weg, der zur umfassenden Wiederherstellung führt und in der zukünftigen Herrlichkeit seine Vollendung finden wird. Römer 3 erklärt zunächst, wie der schuldige Mensch durch Christus gerechtfertigt werden kann. Die späteren Kapitel zeigen, welche Bedeutung diese Rettung für sein gegenwärtiges Leben und seine zukünftige Hoffnung besitzt. Die Herrlichkeit, deren der Mensch ermangelt, gehört deshalb zu einem größeren Zusammenhang von Verlust und göttlicher Wiederherstellung.
In Vers 24 erreicht Paulus schließlich den unmittelbaren Höhepunkt dieser ersten Erklärung. Die Menschen werden ohne Verdienst durch Gottes Gnade gerechtfertigt, und zwar durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist. Bemerkenswert ist, wie viele grundlegende Aussagen Paulus in diesem einen Vers miteinander verbindet. Er spricht von Rechtfertigung, von der Unverdientheit dieser Rechtfertigung, von Gottes Gnade und von der Erlösung durch Christus. Jeder dieser Begriffe beleuchtet einen anderen Aspekt desselben rettenden Handelns. Gemeinsam machen sie deutlich, dass der Ursprung der Rettung nicht im Menschen liegt. Der Mensch bringt weder die notwendige Gerechtigkeit selbst hervor, noch kann er Gott durch religiöse Leistungen dazu verpflichten, ihn freizusprechen. Die Initiative geht von Gott aus, und das entscheidende Mittel seiner Rettung ist Jesus Christus.
Das Wort „gerechtfertigt“ stammt aus einer Wortfamilie, die mit Gerechtigkeit und gerechtem Urteil verbunden ist. Im unmittelbaren Zusammenhang von Römer 3 besitzt es besonders eine gerichtliche Bedeutung. Der Mensch steht als Schuldiger vor Gott und wird dennoch durch dessen Gnade als gerecht anerkannt. Dieser Freispruch ist nicht einfach das Ergebnis einer neuen Beurteilung, bei der Gott die begangenen Sünden plötzlich für belanglos erklärt. Paulus hat zuvor ausführlich gezeigt, dass Sünde wirkliche Schuld ist und Gottes gerechtes Urteil verdient. Die Rechtfertigung setzt deshalb Gottes rettendes Handeln voraus, das er nun mit der Erlösung in Christus verbindet. Dabei ist sorgfältig zwischen Rechtfertigung und der Erneuerung des Lebens zu unterscheiden. Die Rechtfertigung betrifft unmittelbar den gerechten Stand des Menschen vor Gott. Die innere Erneuerung und das daraus erwachsende Leben im Gehorsam sind weitere wesentliche Wirkungen der Erlösung, die Paulus besonders in Römer 6–8 entfalten wird. Beide gehören zu Gottes umfassendem Heilswerk, dürfen aber nicht so vermischt werden, dass der Freispruch letztlich doch auf der bereits erreichten moralischen Vollkommenheit des Menschen beruhen müsste.
Paulus unterstreicht die Unverdientheit dieser Rechtfertigung besonders deutlich. Der griechische Ausdruck, den die Schlachter 1951 mit „ohne Verdienst“ wiedergibt, bezeichnet hier eine freie, unentgeltliche Gabe. Der Mensch empfängt die Rechtfertigung nicht als Lohn für eine zuvor erbrachte Leistung. Damit steht diese Aussage in einem bewussten Gegensatz zu der Vorstellung, man könne sich vor Gott durch eigene Gesetzeswerke gerecht machen. Ein Lohn wird für etwas gezahlt, das geleistet wurde. Eine Gabe dagegen verdankt sich dem Willen des Gebenden. Paulus wird diesen Gegensatz in Römer 4,4–5 noch genauer erklären, wenn er zwischen dem Lohn eines Arbeitenden und der Gerechtigkeit unterscheidet, die dem Glaubenden zugerechnet wird. In Römer 3,24 steht bereits fest, dass die Rechtfertigung aus Gottes freier Gnade hervorgeht.
Das Wort „Gnade“ beschreibt dabei Gottes unverdiente, wohlwollende Zuwendung zum Menschen. Sie ist nicht die Anerkennung einer bereits vorhandenen menschlichen Vollkommenheit, sondern Gottes rettende Antwort auf die Not des Sünders. Gerade darin offenbart sich die Tiefe seiner Liebe. Gott wartet nicht darauf, dass der Mensch sich zuerst durch eigene Anstrengung vollständig gerecht macht, um ihm anschließend seine Zustimmung zu geben. Vielmehr handelt er selbst, weil der Mensch die benötigte Rettung nicht hervorbringen kann. Diese Gnade steht jedoch nicht im Gegensatz zu Gottes Gerechtigkeit. Sie ist auch keine willkürliche Entscheidung, bei der Gott seine eigenen Maßstäbe außer Kraft setzt. Vielmehr wird Paulus in den folgenden Versen erklären, wie Gottes Gnade gerade durch Christi Erlösungswerk mit seiner Gerechtigkeit verbunden ist. Dass die Rechtfertigung für den Menschen unverdient ist, bedeutet deshalb nicht, dass sie ohne ein tatsächliches rettendes Handeln Gottes geschieht.
Hier gewinnt der letzte Ausdruck des Verses besondere Bedeutung: die Erlösung in Christus Jesus. Das griechische Wort apolýtrōsis, das Paulus verwendet, gehört zu einer Wortfamilie, die mit Befreiung und Loskauf verbunden ist. In der damaligen Welt konnte die Sprache des Loskaufs beispielsweise bei der Freilassung eines Menschen aus einem Zustand der Unfreiheit verwendet werden. Auch das Alte Testament besitzt einen reichen Hintergrund für diesen Gedanken. Besonders die Befreiung Israels aus Ägypten wird als Gottes mächtiges Erlösungshandeln beschrieben. In 5. Mose 7,8 erinnert Mose daran, dass Gott Israel aus dem Haus der Knechtschaft erlöst hatte. Die Befreiung ging dabei nicht aus der eigenen Macht des versklavten Volkes hervor, sondern aus Gottes Treue zu seiner Verheißung und seinem entschlossenen Eingreifen. Dieser Hintergrund hilft, die Aussage des Paulus zu verstehen: Erlösung bedeutet, dass Menschen aus einer Lage befreit werden, aus der sie sich nicht selbst retten können.
Dennoch darf man nicht jedes Detail eines menschlichen Loskaufs unmittelbar auf Christi Erlösungswerk übertragen. Römer 3,24 nennt beispielsweise keinen Empfänger eines angeblichen Kaufpreises und erklärt nicht, Gott habe dem Teufel eine Zahlung leisten müssen. Solche Vorstellungen dürfen nicht allein aus dem Begriff „Erlösung“ abgeleitet werden. Paulus verwendet das Wort, um die befreiende Wirkung dessen zu beschreiben, was Gott in Christus getan hat. Der Zusammenhang macht deutlich, dass diese Erlösung mit der Schuld des Menschen und seiner Rechtfertigung verbunden ist. Die folgenden Verse erklären, welche Bedeutung Christi Blut und Gottes Handeln zur Versöhnung dabei besitzen. Der Ausdruck führt den Leser somit über die bloße Vorstellung eines gerichtlichen Freispruchs hinaus: Die Rechtfertigung steht innerhalb eines göttlichen Befreiungswerkes, das den Menschen aus seiner verlorenen Stellung herausführt.
Besonders bedeutsam ist schließlich die Formulierung, dass diese Erlösung „in Christus Jesus“ ist. Paulus beschreibt die Rettung nicht als eine allgemeine Möglichkeit, die der Mensch unabhängig von Jesus Christus nutzen könnte. Sie ist untrennbar mit seiner Person und seinem Werk verbunden. Gott schenkt Gnade nicht deshalb, weil menschliche Schuld bedeutungslos wäre, sondern weil er durch Christus gehandelt hat. Die Rechtfertigung ist deshalb zugleich vollkommen unverdient und fest in Gottes eigenem Erlösungswerk gegründet. Der Glaubende muss sich nicht auf die Stärke seiner religiösen Gefühle, die Menge seiner guten Taten oder die Vollkommenheit seiner bisherigen Lebensführung verlassen. Sein Vertrauen darf auf Christus gerichtet sein, durch den Gott die Rettung geschaffen hat.
Damit beantwortet Paulus die Frage, auf die seine gesamte bisherige Argumentation zugelaufen ist. Die Menschen stehen gleichermaßen unter der Sünde und können sich nicht durch eigene Gesetzeserfüllung rechtfertigen. Dennoch hat Gott seine Gerechtigkeit in Jesus Christus offenbart und einen Weg eröffnet, auf dem Menschen durch Glauben und aus Gnade gerechtfertigt werden. Was der Mensch nicht leisten kann, hat Gott in seinem rettenden Handeln ermöglicht. Dabei wird weder die Wirklichkeit der Sünde geleugnet noch Gottes heiliger Maßstab herabgesetzt. Der Mensch wird vielmehr eingeladen, seine Hoffnung nicht auf sich selbst, sondern auf den Erlöser zu setzen.
Eine entscheidende Frage bleibt allerdings noch offen. Wenn Gott Menschen rechtfertigt, die tatsächlich schuldig geworden sind, wie wird dadurch seine eigene Gerechtigkeit gewahrt? Weshalb kann er den Sünder freisprechen, ohne damit das Unrecht für belanglos zu erklären? Und welche Bedeutung besitzt dabei der Tod Jesu Christi? Genau diese Fragen beantwortet Paulus in den Versen 25 und 26, in denen er das Erlösungswerk Christi mit Gottes Gerechtigkeit, seiner Geduld und der Versöhnung durch sein Blut verbindet.
Römer 3,25–26
Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit begegnen sich in der Erlösung
Nachdem Paulus erklärt hat, dass die Rechtfertigung ein unverdientes Geschenk der göttlichen Gnade ist, führt er seine Leser in den Versen 25 und 26 zum eigentlichen Mittelpunkt des Erlösungswerks. Bisher stand die Frage im Vordergrund, wie ein sündiger Mensch vor Gott gerechtfertigt werden kann. Nun erklärt Paulus, weshalb Gott diesen Menschen rechtfertigen kann, ohne dabei seine eigene Gerechtigkeit aufzugeben. Damit berührt er eine der tiefsten Fragen des biblischen Erlösungsplans: Wie kann der vollkommen gerechte Gott einem Menschen vergeben, der tatsächlich gegen seinen Willen gehandelt hat? Wenn Sünde wirklich Unrecht ist und Gottes Gericht vollkommen gerecht sein soll, kann ihre Vergebung nicht einfach bedeuten, dass Gott sie plötzlich für bedeutungslos erklärt. Paulus zeigt deshalb, dass Gottes Barmherzigkeit und seine Gerechtigkeit nicht miteinander konkurrieren. Beide werden in seinem rettenden Handeln durch Jesus Christus sichtbar.
In Vers 25 erklärt Paulus, dass Gott Jesus Christus als Sühnopfer bestimmt hat. Bereits die ersten Worte dieser Aussage verdienen besondere Aufmerksamkeit, denn Gott selbst ist der Handelnde. Die Erlösung erscheint hier nicht als menschlicher Versuch, einen widerwilligen Gott zur Vergebung zu bewegen. Ebenso wenig beschreibt Paulus Jesus als jemanden, der unabhängig vom Vater einen Weg zur Rettung geschaffen hätte. Vielmehr geht das Erlösungswerk von Gott selbst aus. Er ist es, der Christus als das entscheidende Mittel der Versöhnung gegeben hat. Dieselbe Grundwahrheit begegnet in Johannes 3,16, wo Gottes Liebe als Ursprung der Sendung seines Sohnes beschrieben wird. Auch 2. Korinther 5,19 erklärt, dass Gott in Christus handelte, um die Welt mit sich selbst zu versöhnen. Der Vater steht dem Erlösungswerk also nicht als unbeteiligter Beobachter gegenüber. Seine Gerechtigkeit verlangt, dass Sünde ernst genommen wird, und seine Liebe bewegt ihn zugleich dazu, selbst den Weg zur Rettung zu eröffnen.
Dabei darf man nicht übersehen, dass Jesus Christus freiwillig an diesem Erlösungswerk teilnimmt. Wenn Paulus betont, dass Gott ihn zum Sühnopfer bestimmt hat, bedeutet das nicht, dass Christus gegen seinen Willen zum Opfer wurde. Jesus erklärt in Johannes 10,17–18, dass er sein Leben freiwillig hingibt. Niemand nimmt es ihm gegen seinen Willen, sondern er legt es aus eigener Vollmacht nieder. Auch in Galater 2,20 verbindet Paulus die Liebe Christi mit dessen freiwilliger Selbsthingabe. Das Erlösungswerk entsteht daher nicht aus einem Gegensatz zwischen einem zornigen Vater und einem barmherzigen Sohn. Vielmehr handeln Vater und Sohn in Übereinstimmung, um den schuldigen Menschen zu retten. Die göttliche Liebe wird nicht erst durch den Tod Jesu hervorgerufen. Sein Tod ist vielmehr Ausdruck der Liebe, die Gott den Menschen bereits entgegenbringt.
Besonders wichtig ist das griechische Wort hilastērion, das die Schlachter 1951 in Römer 3,25 mit „Sühnopfer“ wiedergibt. Diese Übersetzung bringt eine wesentliche Wahrheit des Abschnitts zum Ausdruck: Die Erlösung des Menschen steht in unmittelbarem Zusammenhang mit Christi stellvertretendem Tod und der Sühnung der Sünde. Allerdings besitzt das griechische Wort einen bemerkenswerten alttestamentlichen Hintergrund, der durch die deutsche Wiedergabe nicht vollständig sichtbar wird. In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments wurde hilastērion regelmäßig für die sogenannte kappōret verwendet, die goldene Platte auf der Bundeslade. Diese wird im Deutschen häufig als Sühnedeckel oder Gnadenthron bezeichnet. Paulus verwendet damit ein Wort, das seinen Lesern eine Verbindung zum Heiligtum und zum göttlichen Versöhnungsdienst eröffnen konnte. Wie genau diese Verbindung im Einzelnen zu verstehen ist, wird unterschiedlich beurteilt. Manche Ausleger betonen besonders das Sühnopfer, andere den Ort der Versöhnung oder das von Gott bereitgestellte Sühnemittel. Sicher ist jedoch, dass der Begriff einen starken Zusammenhang mit der alttestamentlichen Vorstellung von Sühne besitzt.
Um diese Verbindung zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf den Aufbau der Bundeslade. Nach 2. Mose 25,10–22 sollte die Lade im Heiligtum aufgestellt werden. In ihr befanden sich die Tafeln des Bundes, auf denen Gottes Gebote geschrieben waren, wie auch 5. Mose 10,1–5 berichtet. Über der Lade lag die goldene Platte, die im Hebräischen kappōret genannt wird. An ihren beiden Enden befanden sich Cherubim, deren Flügel die Platte überschatteten. Gott erklärte Mose, dass er ihm dort begegnen und von dort aus zu ihm sprechen werde (2. Mose 25,22). Damit war die Bundeslade nicht lediglich ein religiöser Gegenstand. Sie stand innerhalb des Heiligtums in engem Zusammenhang mit Gottes Gegenwart, seiner Bundesordnung und seiner Offenbarung an Israel. Zugleich war die goldene Platte mit dem Versöhnungsdienst verbunden, der am großen Versöhnungstag eine besondere Bedeutung erhielt.
In 3. Mose 16 wird beschrieben, wie der Hohepriester einmal jährlich den innersten Bereich des Heiligtums betreten sollte. Dort wurde Blut im Zusammenhang mit der Entsühnung und Reinigung des Heiligtums auf und vor der kappōret gesprengt. Der Versöhnungstag machte deutlich, dass die Sünden und Unreinheiten des Volkes nicht als belanglos betrachtet werden konnten. Gottes Gegenwart in der Mitte Israels und die Wirklichkeit menschlicher Schuld standen in einem ernsten Verhältnis zueinander. Deshalb hatte Gott selbst einen besonderen Dienst zur Versöhnung und Reinigung angeordnet. Dieser Dienst war keine menschliche Erfindung, mit der Israel Gott gnädig stimmen wollte. Er gehörte zu der Ordnung, die Gott seinem Volk gegeben hatte, damit es die Heiligkeit seines Wesens und die Notwendigkeit der Versöhnung besser verstehen konnte.
Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt die mögliche Verbindung zwischen Römer 3,25 und dem Sühnedeckel eine besondere Tiefe. Die Tafeln des Bundes befanden sich in der Lade, während die Sühnehandlung am Versöhnungstag mit der darüberliegenden goldenen Platte verbunden war. Gottes gerechter Wille und die von ihm vorgesehene Versöhnung gehörten somit innerhalb desselben Heiligtums zusammen. Das Gesetz bezeugte Gottes heilige Ordnung, während der Versöhnungsdienst deutlich machte, dass der sündige Mensch auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen war. Daraus darf man nicht jedes Einzelheit des Heiligtums ohne weitere Prüfung unmittelbar auf Christus übertragen. Doch die grundlegende Verbindung ist bedeutungsvoll: Der Gott, der seine gerechten Gebote offenbart hatte, war zugleich derjenige, der selbst einen Weg zur Versöhnung eröffnete. Wenn Paulus Christus nun mit dem Begriff hilastērion beschreibt, liegt es deshalb nahe, darin einen bewussten Rückgriff auf die alttestamentliche Heiligtumsordnung zu erkennen.
Jesus Christus wird dadurch als derjenige sichtbar, in dem Gottes früheres Versöhnungshandeln seine entscheidende Erfüllung findet. Während im irdischen Heiligtum Tiere geopfert und ihre Blutopfer im vorgeschriebenen Dienst verwendet wurden, spricht Paulus nun von Christus selbst. Der Hebräerbrief wird diesen Zusammenhang später ausführlich entfalten. In Hebräer 9,11–14 wird Christus als Hoherpriester der zukünftigen Güter beschrieben, der nicht durch das Blut von Böcken und Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut eine einzigartige und wirksame Erlösung erlangt hat. Hebräer 10,1–14 erklärt außerdem, dass die wiederholten Tieropfer die Sünde nicht endgültig beseitigen konnten. Christi Opfer besitzt dagegen eine bleibende Bedeutung. Diese neutestamentlichen Aussagen zeigen, dass Jesus nicht lediglich ein weiteres Opfer innerhalb der früheren Ordnung ist. Sein Erlösungswerk übertrifft die wiederholten Tieropfer und bringt die von Gott verheißene Rettung in entscheidender Weise zur Wirklichkeit.
Paulus verbindet Christus in Vers 25 ausdrücklich mit seinem Blut. Damit verweist er auf dessen gewaltsamen Tod und die Hingabe seines Lebens. Die Bedeutung des Blutes ist im biblischen Zusammenhang eng mit dem Leben verbunden. In 3. Mose 17,11 erklärt Gott, dass das Leben des Fleisches im Blut ist und dass er es für den Dienst der Sühnung gegeben hat. Die Opferhandlung machte damit sichtbar, dass Sünde und Versöhnung keine oberflächlichen Angelegenheiten waren. Wenn Paulus nun vom Blut Jesu Christi spricht, meint er deshalb nicht, dass die körperliche Flüssigkeit unabhängig von Christi Person oder Opfer eine besondere magische Wirkung besitzen würde. Das Blut steht im Zusammenhang mit seinem tatsächlich hingegebenen Leben und seinem Tod. Die Erlösung ist nicht nur eine religiöse Erklärung, sondern gründet in einem geschichtlichen Ereignis: Jesus Christus hat sein Leben gegeben.
Die stellvertretende Bedeutung seines Todes wird besonders deutlich, wenn man Römer 3 mit Jesaja 53 verbindet. Dort wird der Knecht des Herrn als einer beschrieben, der selbst unschuldig leidet und dennoch die Schuld anderer trägt. Jesaja 53,5–6 verbindet sein Leiden mit den Verfehlungen der Menschen. In Vers 11 wird zudem erklärt, dass der gerechte Knecht vielen zur Gerechtigkeit verhelfen wird, indem er ihre Schuld trägt. Diese Aussagen schaffen einen wichtigen Hintergrund für die Erklärung des Paulus. Christi Tod ist nicht bloß ein Beispiel menschlicher Leidensbereitschaft, so bedeutsam seine Liebe und Selbsthingabe auch sind. Er besitzt eine rettende Bedeutung für andere. Jesus trägt die Folgen menschlicher Schuld, obwohl er selbst nicht zu den sündigen Menschen gehört, deren Verfehlungen Paulus zuvor beschrieben hat. Auch 1. Petrus 2,24 verbindet Christi Leiden ausdrücklich mit dem Tragen unserer Sünden. Dadurch wird verständlich, weshalb Paulus Rechtfertigung und Erlösung nicht von Christi Tod trennt.
Allerdings darf die Bedeutung des Kreuzes nicht auf eine einzige menschliche Vorstellung von Strafe oder Bezahlung reduziert werden. Die Bibel verwendet mehrere Bilder, um Christi Erlösungswerk zu erklären. Sie spricht von Versöhnung, Erlösung, Loskauf, Sühne, Schuldtragen und Befreiung. Diese Bilder überschneiden sich, beleuchten aber unterschiedliche Seiten derselben göttlichen Rettung. Römer 3,25 hebt besonders die Verbindung zwischen Christi Blut, Gottes Gerechtigkeit und dem Glauben hervor. Der Vers erklärt nicht jedes Einzelglied eines vollständigen theologischen Modells. Er bezeugt jedoch eindeutig, dass Gottes Rechtfertigung des Sünders mit dem von ihm gegebenen Christus und dessen Tod verbunden ist. Darin liegt das Fundament der Aussage, dass Gott die Sünde nicht einfach für bedeutungslos erklärt, sondern selbst den Weg schafft, auf dem Schuld vergeben und der Mensch wieder mit ihm versöhnt werden kann.
Anschließend nennt Paulus erneut den Glauben. Damit verbindet er das objektive Erlösungswerk Jesu Christi mit der Frage, wie der Mensch daran Anteil erhält. Gottes Rettung gründet in Christus, wird dem Menschen aber nicht als Verdienst seiner eigenen Leistung zugerechnet. Der Glaube ist vielmehr das Vertrauen, mit dem er Gottes Gabe annimmt. Die griechische Satzstellung lässt unterschiedliche Möglichkeiten zu, wie die Aussagen über Glauben und Blut unmittelbar miteinander verbunden werden. Die Schlachter 1951 betont, dass Christus durch sein Blut für die Glaubenden zum Sühnopfer bestimmt ist. Andere Übersetzungen stellen die Verbindung zwischen Glauben und Christi Blut sprachlich enger dar. Der grundlegende Zusammenhang bleibt jedoch bestehen: Christus ist der von Gott gegebene Grund der Versöhnung, und der Glaube bezeichnet die Antwort, durch die der Mensch Gottes Rettung empfängt. Die Wirksamkeit der Erlösung hängt deshalb nicht von einer außergewöhnlichen Stärke menschlicher Glaubensgefühle ab. Entscheidend ist derjenige, auf den sich der Glaube richtet.
Nun erklärt Paulus den Zweck dieses göttlichen Handelns. Christus wurde zum Erweis der Gerechtigkeit Gottes gegeben. Diese Aussage führt unmittelbar zu einer Frage zurück, die Paulus bereits in Römer 3,5–6 behandelt hatte. Dort hatte er entschieden zurückgewiesen, dass Gottes Gericht ungerecht sein könnte. Jetzt zeigt er von einer anderen Seite, wie Gottes Gerechtigkeit sichtbar wird. Wenn Gott einem Sünder vergibt, obwohl dieser tatsächlich schuldig geworden ist, könnte der Eindruck entstehen, als würde Gott sein eigenes Urteil über das Böse nicht mehr ernst nehmen. Das Erlösungswerk Christi beantwortet diese Frage, indem es deutlich macht, dass die Vergebung nicht auf einer Verharmlosung der Sünde beruht. Gottes Gnade steht nicht außerhalb seiner Gerechtigkeit. Sie wird gerade durch ein Handeln offenbar, in dem Gott seine Gerechtigkeit erweist.
Besonders schwierig ist die anschließende Aussage über die Sünden, die zuvor geschehen waren und unter göttlicher Geduld Nachsicht erfahren hatten. Damit richtet Paulus den Blick auf Gottes Handeln in der Vergangenheit. Schon vor dem irdischen Leben Jesu Christi hatte Gott Menschen vergeben, die auf ihn vertrauten und ihre Schuld bekannten. David konnte beispielsweise in Psalm 32,1–5 von der Vergebung seiner Sünden sprechen. Auch die alttestamentlichen Opferbestimmungen verbanden die von Gott angeordneten Sühnehandlungen mit der Zusage göttlicher Vergebung. Doch die endgültige Bedeutung Christi Erlösungswerks war damals noch nicht in derselben geschichtlichen Weise offenbar geworden wie nach seinem Tod. Paulus erklärt nun, dass Gottes früheres geduldiges Handeln im Licht des Erlösungswerks Christi verstanden werden muss.
Das griechische Wort, das hier mit Nachsicht wiedergegeben wird, bezeichnet ein Vorübergehenlassen oder ein vorläufiges Nichtvollstrecken des verdienten Gerichts. Es ist nicht einfach mit dem gewöhnlichen neutestamentlichen Wort für Vergebung gleichzusetzen. Gerade dadurch macht Paulus deutlich, dass Gottes Geduld eine besondere Bedeutung besitzt. Gott hatte menschliche Schuld nicht in jedem Fall unmittelbar mit dem endgültigen Gericht beantwortet. Er ließ Menschen weiterleben, rief sie zur Umkehr und gewährte Vergebung. Daraus durfte jedoch nicht geschlossen werden, dass ihm die Sünde gleichgültig geworden wäre. Seine Geduld war kein Zeichen mangelnder Gerechtigkeit, sondern gehörte zu seinem umfassenderen rettenden Handeln, dessen entscheidende Grundlage nun in Christus offenbar wurde.
Dabei wäre es falsch, die Aussage so zu verstehen, als hätte Gott vor dem Kreuz überhaupt keine wirkliche Vergebung gewährt. Die Psalmen und die Propheten bezeugen ausdrücklich, dass Menschen bereits damals Gottes Barmherzigkeit erfahren konnten. Psalm 103,3 spricht von dem Gott, der Sünden vergibt. Jesaja 1,18 lädt schuldige Menschen zur Reinigung und Versöhnung ein. In Jeremia 31,34 verheißt Gott, dass er die Schuld seines Volkes vergeben und seiner Sünden nicht mehr gedenken wird. Diese Zusagen waren keine Täuschung. Paulus erklärt vielmehr, weshalb Gottes frühere Vergebung im Zusammenhang mit seinem gesamten Erlösungsplan gerecht war. Der Hebräerbrief verbindet diesen Gedanken ausdrücklich mit Christi Tod, wenn er erklärt, dass durch ihn auch die Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund ermöglicht wurde (Hebräer 9,15). Gottes rettendes Handeln in Christus besitzt damit nicht nur Bedeutung für die Menschen nach dem Kreuz, sondern steht auch im Zusammenhang mit der Rettung der Glaubenden, die vor diesem geschichtlichen Ereignis lebten.
Diese heilsgeschichtliche Perspektive hilft auch, die Formulierung über die früher begangenen Sünden richtig zu verstehen. Paulus spricht im unmittelbaren Zusammenhang vor allem über Gottes geduldiges Handeln gegenüber der menschlichen Schuld vor der nun erfolgten Offenbarung Christi. Seine Aussage darf deshalb nicht darauf verkürzt werden, Gott vergebe einem Menschen ausschließlich diejenigen Sünden, die vor seiner persönlichen Bekehrung geschehen sind. Eine solche zeitliche Begrenzung steht hier nicht. Das Neue Testament bezeugt vielmehr, dass Gläubige auch nach ihrer Hinwendung zu Christus weiterhin Gottes Vergebung benötigen können (1. Johannes 1,8–9). Die besondere Unterscheidung des Paulus betrifft an dieser Stelle die frühere Zeit göttlicher Geduld und die gegenwärtige Offenbarung des Erlösungswerks. Er betrachtet also zunächst den Verlauf der Heilsgeschichte, nicht eine vollständige zeitliche Einteilung aller möglichen Sünden eines einzelnen Christen.
Damit wird auch verständlich, weshalb Paulus Gottes Geduld ausdrücklich erwähnt. Bereits in Römer 2,4 hatte er erklärt, dass Gottes Güte, Geduld und Langmut den Menschen zur Umkehr führen sollen. Gottes Geduld bedeutet nicht, dass er Ungerechtigkeit niemals richtet. Sie eröffnet vielmehr Raum für Umkehr und Rettung. Der Mensch kann diese Geduld missverstehen und daraus schließen, dass sein Verhalten keine wirklichen Folgen haben werde. Doch Paulus hatte in Römer 2,5 ausdrücklich davor gewarnt, Gottes Geduld durch ein verhärtetes und unbußfertiges Herz zu verachten. Auch in Römer 3,25 bleibt deshalb die Verbindung von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit bestehen. Gott verzichtet nicht deshalb auf ein sofortiges Gericht, weil er das Böse gutheißt. Vielmehr verfolgt er seinen rettenden Plan, in dessen Mittelpunkt das Erlösungswerk Jesu Christi steht.
In Vers 26 hebt Paulus nun die besondere Bedeutung der gegenwärtigen Zeit hervor. Er erklärt, dass Gott seine Gerechtigkeit jetzt erweist. Die Formulierung unterscheidet bewusst zwischen der früheren Zeit göttlicher Geduld und dem entscheidenden geschichtlichen Handeln, das durch Jesus Christus offenbar geworden ist. Paulus spricht nicht davon, dass Gott erst jetzt gerecht geworden wäre. Gottes Wesen hat sich nicht verändert. Er war bereits in der Vergangenheit gerecht, als er Menschen vergab und Geduld mit ihnen hatte. Doch in Christus ist die Grundlage seines rettenden Handelns auf eine neue und entscheidende Weise sichtbar geworden. Die Gerechtigkeit Gottes bleibt deshalb nicht nur Gegenstand seiner Verheißungen. Sie wird im geschichtlichen Erlösungswerk Jesu Christi offenbart.
Die Worte über die gegenwärtige Zeit gehören zu einem größeren neutestamentlichen Zusammenhang. In Galater 4,4 beschreibt Paulus das Kommen Christi als ein Geschehen in der Fülle der Zeit. Hebräer 1,1–2 stellt die frühere Offenbarung durch die Propheten der nun erfolgten Offenbarung durch den Sohn gegenüber. Auch in Römer 3 liegt eine solche heilsgeschichtliche Bewegung vor. Die Verheißungen Gottes und seine früheren Rettungshandlungen waren wirkliche Bestandteile seines Plans. Doch durch Jesus Christus ist das entscheidende Erlösungsereignis eingetreten, auf das die Hoffnung des Glaubens ausgerichtet war. Damit wird die Verbindung zwischen Altem und Neuem Testament nicht aufgehoben, sondern vertieft. Der Gott, der Israel sein Wort anvertraut hatte, ist derselbe Gott, der nun durch Christus Menschen aus allen Völkern den Weg zur Rechtfertigung eröffnet.
Am Ende von Vers 26 formuliert Paulus den eigentlichen Höhepunkt seiner Erklärung: Gott erweist sich selbst als gerecht und rechtfertigt zugleich den Menschen, der an Jesus Christus glaubt. Diese beiden Aussagen dürfen nicht voneinander getrennt werden. Würde Paulus nur sagen, dass Gott gerecht ist, bliebe die Frage offen, wie ein schuldiger Mensch vor ihm bestehen kann. Würde er dagegen nur behaupten, dass Gott Sünder rechtfertigt, könnte der Eindruck entstehen, seine Gerechtigkeit werde zugunsten seiner Barmherzigkeit aufgegeben. Paulus hält jedoch beides zusammen. Gott bleibt in seinem eigenen Wesen und Handeln gerecht, während er dem glaubenden Sünder einen gerechten Stand vor sich schenkt. Die Rechtfertigung des Menschen geschieht nicht trotz einer aufgegebenen göttlichen Gerechtigkeit, sondern durch Gottes eigenes gerechtes Erlösungswerk in Jesus Christus.
Damit erhält auch die Frage nach dem Verhältnis von Gerechtigkeit und Liebe eine tiefere Antwort. Häufig werden diese Eigenschaften so betrachtet, als müsste Gott sich zwischen ihnen entscheiden. Entweder, so könnte man meinen, müsse er gerecht sein und den Sünder verurteilen, oder er müsse barmherzig sein und deshalb auf Gerechtigkeit verzichten. Paulus beschreibt jedoch kein solches Entweder-oder. Gottes Gerechtigkeit bedeutet, dass er das Böse nicht gutheißt. Seine Liebe bedeutet, dass er den schuldigen Menschen nicht seinem verlorenen Zustand überlassen möchte. In Christus handelt Gott so, dass die Wirklichkeit der Schuld ernst genommen und zugleich der Weg zur Vergebung eröffnet wird. Das Kreuz zeigt daher sowohl den Ernst der Sünde als auch die Tiefe der göttlichen Liebe. Nicht der Mensch bringt Gott dazu, seine Gerechtigkeit zu vergessen, sondern Gott selbst schafft den Weg zur Versöhnung.
Dieser Gedanke wird in Römer 5,6–11 weiter vertieft. Dort erklärt Paulus, dass Christus für Menschen starb, als sie noch schwach und sündig waren. Gottes Liebe richtet sich also nicht erst auf Menschen, die sich bereits selbst gerecht gemacht haben. Sie begegnet ihnen gerade in ihrer Bedürftigkeit. Zugleich verbindet Paulus die Rechtfertigung durch Christi Blut mit der Rettung vor dem kommenden Zorn Gottes (Römer 5,9). Auch dort stehen Liebe, Blut, Rechtfertigung und Gericht nicht beziehungslos nebeneinander. Sie gehören zu derselben Rettung. Der Mensch wird durch Christus mit Gott versöhnt und muss nicht länger unter dem Gericht bleiben, das seine Schuld verdient. Diese spätere Erklärung bestätigt, dass Römer 3,25–26 weder ausschließlich von Gottes Liebe noch ausschließlich von seinem Gericht handelt. Beide Aspekte sind für das Verständnis des Erlösungswerks wesentlich.
Die Aussage, dass Gott den Glaubenden rechtfertigt, verlangt außerdem eine sorgfältige Unterscheidung zwischen Vergebung und moralischer Gleichgültigkeit. Wenn Gott einem Menschen seine Schuld vergibt, bedeutet das nicht, dass die begangene Handlung nachträglich gerecht wird. Eine Lüge bleibt eine Lüge, selbst wenn sie vergeben wurde. Eine ungerechte Tat wird nicht deshalb zu einer guten Tat, weil der Schuldige Gottes Barmherzigkeit empfängt. Rechtfertigung bedeutet vielmehr, dass Gott den schuldigen Menschen aufgrund des Erlösungswerks Christi in eine neue Stellung zu sich bringt. Die Sünde wird nicht gutgeheißen, sondern vergeben. Gerade darin zeigt sich, weshalb die Gnade Gottes niemals eine Erlaubnis zum bewussten Festhalten am Bösen sein kann. Paulus hatte diese Vorstellung bereits in Römer 3,8 zurückgewiesen und wird sie in Römer 6 nochmals ausdrücklich behandeln.
Ebenso wenig darf die Rechtfertigung so verstanden werden, als wäre der Glaube eine neue menschliche Leistung, die an die Stelle der früheren Gesetzeswerke tritt. Paulus sagt nicht, dass der Mensch durch die besondere Qualität seiner Glaubensgefühle gerechtfertigt werde. Die Grundlage der Rechtfertigung liegt in Christus und seinem Erlösungswerk. Der Glaube ist die Antwort, mit der der Mensch diese Gabe empfängt. Deshalb kann sich niemand darauf berufen, besonders stark, besonders religiös oder besonders vollkommen geglaubt zu haben. Der Glaube richtet die Hoffnung gerade von der eigenen Person weg auf Gottes Verheißung. Wer sich auf Christus verlässt, erkennt damit an, dass die benötigte Rettung nicht aus seiner eigenen Gerechtigkeit hervorgeht. Diese Unterscheidung wird für den weiteren Gedankengang des Paulus entscheidend, weil er unmittelbar anschließend jede Form menschlichen Rühmens ausschließt.
Zugleich bleibt die persönliche Verantwortung des Menschen bestehen. Paulus spricht ausdrücklich von demjenigen, der aus dem Glauben an Jesus Christus ist. Die Rechtfertigung wird somit nicht als eine unpersönliche Veränderung beschrieben, die jeden Menschen unabhängig von seinem Verhältnis zu Christus automatisch erfasst. Das Erlösungswerk Jesu besitzt eine Bedeutung, die weit über die Grenzen eines einzelnen Volkes hinausreicht. Doch Paulus verbindet den Empfang dieser Rettung mit dem Glauben. Das entspricht seiner vorherigen Erklärung in Vers 22, wonach die Gerechtigkeit Gottes allen zugänglich ist, die glauben. Die Grundlage bleibt für Juden und Nichtjuden dieselbe. Niemand besitzt aufgrund seiner Herkunft einen besonderen Anspruch auf Gottes Freispruch, und niemand ist allein wegen seiner nichtjüdischen Herkunft von der Möglichkeit dieser Rettung ausgeschlossen.
So führen die Verse 25 und 26 mehrere grundlegende Linien der biblischen Offenbarung zusammen. Gottes Gesetz zeigt, dass Sünde wirkliche Schuld ist. Sein früherer Versöhnungsdienst bezeugt, dass er selbst einen Weg zum Umgang mit dieser Schuld vorgesehen hat. Die Propheten kündigen sein rettendes Handeln an, und in Jesus Christus wird diese Rettung in entscheidender Weise offenbar. Sein Blut verweist auf die Hingabe seines Lebens, sein Erlösungswerk eröffnet den Weg zur Rechtfertigung, und der Glaube verbindet den Menschen mit der von Gott angebotenen Gnade. Dabei verliert Gottes Gerechtigkeit nichts von ihrer Bedeutung. Sie wird vielmehr in seinem Handeln durch Christus erkennbar.
Der tiefste Gedanke dieser Verse liegt deshalb nicht allein darin, dass Gott bereit ist, dem Menschen zu vergeben. Paulus erklärt auch, weshalb diese Vergebung eine gerechte Grundlage besitzt. Der sündige Mensch muss seine Schuld nicht leugnen, um Hoffnung haben zu können. Er muss ebenso wenig versuchen, seine Vergangenheit durch eine ausreichende Menge späterer guter Werke auszugleichen. Gottes Gnade fordert ihn vielmehr dazu auf, seine wahre Lage anzuerkennen und sich auf Jesus Christus zu verlassen. Wer auf diese Weise gerechtfertigt wird, empfängt keine Anerkennung für eine selbst hervorgebrachte Vollkommenheit, sondern Gottes unverdientes Geschenk, das in Christi Erlösungswerk gegründet ist.
Damit hat Paulus das entscheidende Fundament seiner Rechtfertigungslehre gelegt. Gottes Gerechtigkeit und seine Barmherzigkeit stehen nicht im Widerspruch zueinander. Der Vater hat aus Liebe den Weg zur Erlösung eröffnet, Christus hat sein Leben hingegeben, und der glaubende Mensch darf Gottes rechtfertigende Gnade empfangen. Die Schuld wird nicht verharmlost, Gottes Gesetz wird nicht zum Ausdruck eines ungerechten Maßstabs erklärt, und die göttliche Geduld erweist sich nicht als Gleichgültigkeit gegenüber dem Bösen. Vielmehr zeigt sich in Christus, dass Gott sowohl vollkommen gerecht als auch der Retter des schuldigen Menschen ist.
Aus dieser Erkenntnis ergibt sich unmittelbar eine weitere Schlussfolgerung. Wenn die Rechtfertigung vollständig auf Gottes Gnade und Christi Erlösungswerk beruht, bleibt dem Menschen kein Grund, sich seiner eigenen Leistungen vor Gott zu rühmen. Ebenso kann kein Volk seine religiösen Vorrechte als Grundlage einer höheren Stellung vor Gott beanspruchen. Die Gerechtigkeit, durch die der Mensch gerettet wird, ist nicht sein eigener Verdienst, sondern Gottes Geschenk in Jesus Christus. Deshalb wird Paulus in den folgenden Versen erklären, weshalb der Glaube alles menschliche Rühmen ausschließt und weshalb derselbe Gott Juden und Nichtjuden auf derselben Grundlage rechtfertigt.
Römer 3,27–30
Warum der Glaube alles menschliche Rühmen ausschließt
Nachdem Paulus erklärt hat, wie Gott den sündigen Menschen durch Jesus Christus rechtfertigt, zieht er nun die unmittelbaren Folgen dieser Wahrheit. Seine erste Frage in Vers 27 lautet: „Wo bleibt nun das Rühmen?“ Damit greift er einen Gedanken auf, der bereits in Römer 2 eine wichtige Rolle gespielt hatte. Dort sprach Paulus von einem Menschen, der sich auf seine Kenntnis des Gesetzes verließ und sich seiner besonderen Beziehung zu Gott rühmte. Das Problem bestand nicht darin, dass Israel Gottes Offenbarung empfangen hatte oder dass die göttlichen Gebote einen besonderen Wert besaßen. Problematisch wurde es dort, wo ein Mensch aus diesen Vorrechten einen Anspruch auf religiöse Überlegenheit ableitete. Wer Gottes Gesetz kennt, könnte versucht sein, sich deshalb für gerechter zu halten als diejenigen, die diese Offenbarung nicht in derselben Weise empfangen haben. Paulus hat jedoch gezeigt, dass die Kenntnis des Gesetzes die persönliche Schuld nicht beseitigt. Wenn Juden und Nichtjuden gleichermaßen auf Gottes Gnade angewiesen sind, verliert jede Vorstellung einer selbst erworbenen Überlegenheit ihre Grundlage.
Seine Antwort fällt entsprechend entschieden aus: „Es ist ausgeschlossen“. Das menschliche Rühmen hat vor Gott keinen Platz mehr, sobald die Rechtfertigung richtig verstanden wird. Denn worauf sollte der Mensch stolz sein? Auf eine vollkommen gerechte Lebensführung, obwohl Paulus bereits erklärt hat, dass alle gesündigt haben? Auf die Kenntnis göttlicher Gebote, obwohl diese Gebote seine Übertretungen sichtbar machen? Oder auf religiöse Vorrechte, die er nicht selbst hervorgebracht, sondern von Gott empfangen hat? Keine dieser Möglichkeiten kann eine Grundlage dafür bilden, dass ein Mensch sich seinen gerechten Stand vor Gott selbst zuschreibt. Die Rechtfertigung aus Gnade nimmt dem Menschen nicht seine Würde, aber sie nimmt ihm jeden Anspruch, sich selbst zum Urheber seiner Erlösung zu machen. Gerade darin liegt eine grundlegende Veränderung seiner Haltung gegenüber Gott: Er kann die Rettung nicht mehr als eigene Errungenschaft betrachten, sondern nur noch dankbar als göttliches Geschenk empfangen.
Dabei muss zwischen menschlicher Selbstüberhebung und einer berechtigten Freude über Gottes Handeln unterschieden werden. Paulus verbietet nicht jede Form des Rühmens. Später wird er ausdrücklich davon sprechen, dass sich die Glaubenden der Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit rühmen dürfen und sich sogar Gottes selbst rühmen, durch den sie Versöhnung empfangen haben (Römer 5,2.11). Auch in 1. Korinther 1,31 greift er die alttestamentliche Aufforderung auf, sich des Herrn zu rühmen. Der entscheidende Unterschied liegt darin, worauf sich der Mensch beruft. Wer sich seiner vermeintlich eigenen Gerechtigkeit rühmt, stellt sich selbst in den Mittelpunkt. Wer dagegen Gottes Gnade preist, erkennt an, dass die Rettung von ihm ausgeht. Der Glaube zerstört deshalb nicht die Dankbarkeit oder die Freude über die Erlösung. Er gibt ihnen vielmehr die richtige Richtung. Nicht der Mensch wird als Urheber seines Heils verherrlicht, sondern Gott, der ihn aus Barmherzigkeit rettet.
Anschließend stellt Paulus eine weitere Frage: Durch welches Gesetz wird das Rühmen ausgeschlossen? Durch ein Gesetz der Werke oder durch das Gesetz des Glaubens? Seine Antwort lautet, dass dies durch das „Gesetz des Glaubens“ geschieht. Diese Formulierung ist zunächst überraschend. Schließlich hatte Paulus gerade erklärt, dass der Mensch nicht durch Gesetzeswerke gerechtfertigt werden kann. Warum spricht er nun ausgerechnet von einem Gesetz des Glaubens? Der scheinbare Widerspruch löst sich, wenn man beachtet, dass Paulus das griechische Wort nomos in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet. Es kann Gottes Gesetz bezeichnen, aber auch eine Regel, eine Ordnung oder ein bestimmendes Prinzip. In Vers 27 liegt dieser allgemeinere Sinn besonders nahe. Paulus stellt nicht zwei unterschiedliche Sammlungen göttlicher Gebote gegenüber, von denen die eine abgeschafft und durch die andere ersetzt würde. Er unterscheidet vielmehr zwei grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten, die Rechtfertigung zu verstehen: als Ergebnis eigener Werke oder als Geschenk, das durch Glauben empfangen wird.
Ein Prinzip der Rechtfertigung aufgrund eigener Werke würde voraussetzen, dass der Mensch seine Anerkennung vor Gott durch eine entsprechende Leistung erlangt. Wenn er diese Leistung vollständig erbringen könnte, hätte er möglicherweise einen Grund, sich darauf zu berufen. Genau diesen Gedanken greift Paulus im folgenden Kapitel auf, wenn er erklärt, dass jemandem, der arbeitet, sein Lohn nicht als Gnadengeschenk, sondern als geschuldete Vergütung angerechnet wird (Römer 4,4). Der Glaube funktioniert jedoch nicht nach diesem Grundsatz. Er ist keine Leistung, die Gott dazu verpflichtet, den Menschen freizusprechen. Vielmehr richtet er sich auf das rettende Handeln Gottes. Wer glaubt, vertraut darauf, dass Gott die benötigte Rettung durch Jesus Christus geschaffen hat. Deshalb schließt der Glaube das Rühmen aus: Nicht weil er eine besonders beeindruckende menschliche Leistung wäre, sondern weil er den Menschen gerade von dem Anspruch befreit, seine eigene Erlösung hervorgebracht zu haben.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sonst selbst der Glaube zu einer neuen Form menschlichen Stolzes werden könnte. Ein Mensch könnte versucht sein, auf seine besondere Glaubensstärke, seine religiöse Entschlossenheit oder seine geistlichen Erfahrungen zu verweisen und daraus einen Anspruch auf Gottes Anerkennung abzuleiten. Doch damit würde er den Glauben wieder in ein Verdienst verwandeln. Paulus beschreibt ihn gerade anders. Der Wert des Glaubens liegt nicht darin, dass der Mensch etwas Außergewöhnliches leistet, sondern darin, dass er sich auf den verlassen darf, der vollkommen zuverlässig ist. Auch ein Mensch, der seine Schwachheit erkennt und mit ernsthaften inneren Kämpfen zu Gott kommt, muss deshalb nicht zuerst eine außergewöhnliche geistliche Leistung vorweisen. Entscheidend ist, dass er seine Hoffnung auf Gottes Verheißung richtet. Der Glaube führt den Menschen nicht zur Bewunderung seiner selbst, sondern zum Vertrauen auf Christus.
In Vers 28 fasst Paulus seine bisherige Argumentation in einer grundlegenden Aussage zusammen: Der Mensch wird durch Glauben gerechtfertigt, ohne Gesetzeswerke. Diese Schlussfolgerung ist nicht als ein völlig neuer Gedanke eingeführt, sondern erwächst aus dem gesamten vorausgehenden Gedankengang. Paulus hat zunächst nachgewiesen, dass alle Menschen gesündigt haben. Anschließend erklärte er, dass Gottes Gesetz die Schuld sichtbar macht, den schuldigen Menschen aber nicht aufgrund seiner eigenen Gesetzeserfüllung freisprechen kann. Schließlich beschrieb er, wie Gott durch Jesus Christus eine Rechtfertigung ermöglicht, die aus seiner Gnade hervorgeht. Daraus folgt nun, dass Gesetzeswerke nicht die Grundlage der Rechtfertigung sein können. Der Mensch wird nicht deshalb vor Gott gerechtfertigt, weil er sich durch seine Leistungen einen Anspruch auf dessen Anerkennung erworben hat, sondern weil er im Glauben die von Gott angebotene Rettung empfängt.
Die Formulierung „Gesetzeswerke“ darf dabei weder zu eng noch zu weit verstanden werden. Im unmittelbaren Zusammenhang spricht Paulus besonders über die mosaische Tora und über die Frage, welche Bedeutung ihre Befolgung für Juden und Nichtjuden besitzt. Dazu gehören auch die besonderen Kennzeichen jüdischer Bundeszugehörigkeit, insbesondere die Beschneidung, auf die er wenige Verse später ausdrücklich zurückkommt. Dennoch wäre es zu eng, die Aussage ausschließlich auf solche äußeren Kennzeichen zu beschränken. Paulus hatte zuvor auch grundlegende moralische Übertretungen behandelt, darunter Lüge, Ehebruch und Gewalt. Ebenso wird er in Römer 7,7 das Gebot gegen das Begehren heranziehen. Sein Argument betrifft daher nicht nur die Frage, ob ein Nichtjude beschnitten werden muss, um Gottes Anerkennung zu finden. Es reicht tiefer und schließt aus, dass ein schuldiger Mensch aufgrund seiner eigenen Gesetzeserfüllung einen verdienten Freispruch beanspruchen könnte.
Ebenso wenig darf daraus geschlossen werden, die Befolgung göttlicher Gebote sei für einen gläubigen Menschen bedeutungslos geworden. Paulus unterscheidet zwischen dem Grund, auf dem ein Mensch gerechtfertigt wird, und der Bedeutung seines tatsächlichen Lebens vor Gott. Die Rechtfertigung kann nicht durch eigene Werke verdient werden. Dennoch bleibt die Frage, wie ein Mensch nach Gottes Willen lebt, von großer Bedeutung. Bereits in Römer 2 hatte Paulus deutlich gemacht, dass Gott das tatsächliche Handeln des Menschen ernst nimmt. Später wird er erklären, dass die Gnade den Glaubenden nicht zur Sünde befreit, sondern zu einem neuen Leben führt (Römer 6,1–4.15–18). Es wäre deshalb ein Missverständnis, die Worte aus Römer 3,28 so zu deuten, als wäre es Gott gleichgültig, ob ein Mensch wahrhaftig, gerecht oder gehorsam lebt. Paulus weist die Vorstellung zurück, Gehorsam könne die Rechtfertigung verdienen. Er bestreitet damit nicht die Bedeutung eines Lebens, das Gottes Willen entspricht.
An dieser Stelle wird auch das Verhältnis zu Jakobus 2 verständlicher, wo erklärt wird, dass ein Glaube ohne Werke tot ist. Auf den ersten Blick scheinen beide Aussagen einander zu widersprechen. Paulus betont, dass der Mensch ohne Gesetzeswerke durch Glauben gerechtfertigt wird, während Jakobus ausdrücklich davor warnt, einen bloß behaupteten Glauben ohne entsprechende Taten für rettend zu halten. Doch beide Autoren behandeln unterschiedliche Gefahren. Paulus wendet sich gegen das Vertrauen auf eigene Werke als Grundlage der Rechtfertigung. Jakobus richtet sich gegen einen Glauben, der nur aus Worten oder religiösen Überzeugungen besteht, ohne im Handeln wirksam zu werden. Sein Beispiel eines bedürftigen Menschen, dem lediglich gute Wünsche ausgesprochen werden, macht deutlich, dass ein solches Bekenntnis keine wirkliche Hilfe hervorbringt (Jakobus 2,14–17). Die sprachliche Spannung zwischen beiden Aussagen darf nicht einfach übergangen werden. Dennoch besteht ein wichtiger gemeinsamer Zusammenhang: Weder kann der Mensch sich seine Rettung unabhängig von Gottes Gnade verdienen, noch beschreibt die Bibel einen lebendigen Glauben als gleichgültig gegenüber Gottes Willen.
Besonders aufschlussreich ist, dass sowohl Paulus als auch Jakobus Abraham als Beispiel verwenden. Paulus wird in Römer 4 auf 1. Mose 15,6 zurückgreifen, wo Abrahams Glaube ihm zur Gerechtigkeit angerechnet wird. Jakobus verweist zusätzlich auf Abrahams Gehorsam bei der Prüfung in 1. Mose 22 und erklärt, dass sein Glaube mit seinen Werken zusammenwirkte (Jakobus 2,21–23). Diese beiden Ereignisse liegen innerhalb der biblischen Erzählung zeitlich auseinander. Dadurch wird sichtbar, dass Gottes Anerkennung des Glaubens und das spätere gehorsame Handeln nicht einfach gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Paulus betrachtet besonders die Grundlage der Rechtfertigung, während Jakobus die Wirksamkeit eines Glaubens untersucht, der sich im Leben bewähren muss. Beide Aussagen behalten ihr eigenes Gewicht. Für Römer 3,28 bleibt zunächst entscheidend, dass der Mensch seine Rechtfertigung nicht durch Gesetzeswerke verdienen kann.
Nachdem Paulus die Frage nach dem menschlichen Rühmen beantwortet hat, wendet er sich in Vers 29 wieder dem Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden zu. Er fragt, ob Gott nur der Gott der Juden sei oder nicht auch der Gott der Heiden. Seine Antwort ist eindeutig: Gott ist ebenso der Gott der nichtjüdischen Völker. Damit führt Paulus seine bisherige Argumentation auf eine grundlegende Wahrheit des biblischen Glaubens zurück. Israel war nicht deshalb zum Volk Gottes berufen worden, weil außerhalb seiner Grenzen andere wirkliche Götter über andere Völker herrschten. Der Gott Israels ist der Schöpfer des Himmels und der Erde und damit der Gott aller Menschen. Seine besondere Offenbarung an Israel bedeutet nicht, dass seine göttliche Herrschaft oder sein rettender Wille grundsätzlich auf dieses eine Volk begrenzt wären.
Diese Wahrheit war bereits im Alten Testament fest verankert. In 5. Mose 6,4 wird Israel dazu aufgerufen, die Einzigkeit des Herrn anzuerkennen. Dieses Bekenntnis bildete einen grundlegenden Bestandteil des Glaubens Israels. Es bedeutete, dass der Herr nicht einer unter vielen gleichberechtigten Göttern war, sondern der allein wahre Gott. Zugleich wird im Schöpfungsbericht erklärt, dass alle Menschen auf denselben Schöpfer zurückgehen (1. Mose 1,26–28). Wenn der eine Gott die gesamte Menschheit geschaffen hat, dann besitzt kein Volk einen eigenen, von ihm unabhängigen Ursprung und keinen anderen letzten Maßstab für Gerechtigkeit. Die Völker unterscheiden sich in ihrer Geschichte, Sprache und Kultur, aber sie stehen alle in derselben grundlegenden Beziehung zu ihrem Schöpfer. Paulus verwendet den Glauben an den einen Gott deshalb nicht nur als allgemeine Aussage über Gottes Wesen. Er zieht daraus eine unmittelbare Schlussfolgerung für die Frage der Rechtfertigung.
Dabei ist bemerkenswert, dass Paulus gerade eine Wahrheit aufgreift, die für das jüdische Selbstverständnis besonders wichtig war. Der Glaube an den einen Gott unterschied Israel von den vielen Formen des Götzendienstes seiner Umwelt. Doch ausgerechnet dieser Glaube wird nun zum Argument dafür, dass auch Nichtjuden Zugang zu Gottes Rettung haben können. Wenn es nur einen wahren Gott gibt, kann die grundlegende Frage, wie ein Mensch vor ihm gerechtfertigt wird, nicht für unterschiedliche Völker nach völlig voneinander unabhängigen Maßstäben beantwortet werden. Der eine Gott rechtfertigt nicht Juden aufgrund ihrer Abstammung und Nichtjuden aufgrund eines anderen, weniger bedeutenden Heilsweges. Vielmehr ist derselbe Gott für beide der Ursprung der Rettung. Die Einzigkeit Gottes bildet damit die theologische Grundlage für die Einheit des Weges zur Rechtfertigung.
Dieser Gedanke steht in enger Verbindung mit der Berufung Abrahams. Bereits in 1. Mose 12,3 hatte Gott verheißen, dass durch Abraham alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten. Die Erwählung Abrahams war also von Anfang an mit einer Verheißung verbunden, die über seine unmittelbaren Nachkommen hinausreichte. Ebenso spricht Jesaja 49,6 davon, dass Gottes Knecht zum Licht der Völker werden soll, damit seine Rettung bis an die Enden der Erde gelangt. Diese Stellen machen deutlich, dass Gottes besonderes Handeln mit Israel nicht einfach als Ausschluss aller anderen Völker verstanden werden darf. Die Geschichte Israels steht innerhalb eines umfassenderen göttlichen Plans. Durch sie offenbarte Gott seinen Willen, bewahrte seine Verheißungen und bereitete das Kommen des Erlösers vor. Dass nun auch Nichtjuden durch den Glauben an Jesus Christus gerechtfertigt werden können, ist daher nicht als nachträgliche Korrektur einer ursprünglich ausschließlich nationalen Absicht zu verstehen, sondern entspricht der schon früher bezeugten Reichweite von Gottes Heilsverheißung.
Gleichzeitig wäre es falsch, aus der Gleichheit des Heilsweges zu schließen, Israels Geschichte und seine besonderen Verheißungen seien nun bedeutungslos geworden. Paulus hatte in Römer 3,1–2 ausdrücklich bestätigt, dass dem jüdischen Volk außergewöhnliche Vorrechte anvertraut worden waren. Auch später wird er in Römer 9–11 ausführlich über Israels Stellung innerhalb des göttlichen Erlösungsplans nachdenken. Die Rechtfertigung aus Glauben hebt deshalb nicht die geschichtlichen Unterschiede zwischen Israel und den anderen Völkern auf. Sie bedeutet vielmehr, dass diese Unterschiede keinem Menschen einen von Christus unabhängigen Anspruch auf Erlösung verschaffen. Gottes Treue zu Israel und seine Barmherzigkeit gegenüber den anderen Völkern stehen nicht in einem notwendigen Gegensatz zueinander. Der eine Gott bleibt seinen Verheißungen treu und eröffnet zugleich Menschen aus allen Völkern den Zugang zu seiner rettenden Gnade.
In Vers 30 begründet Paulus seine Aussage ausdrücklich mit der Einzigkeit Gottes. Es ist derselbe Gott, der die Beschnittenen aus Glauben und die Unbeschnittenen durch den Glauben rechtfertigt. Mit den Beschnittenen sind hier die Juden gemeint, deren Bundeszugehörigkeit durch das Zeichen der Beschneidung gekennzeichnet war. Die Unbeschnittenen bezeichnen dagegen die nichtjüdischen Völker, die dieses Bundeszeichen nicht trugen. Diese Unterscheidung besaß in der damaligen religiösen Welt erhebliche Bedeutung. Die Beschneidung war ein sichtbares Zeichen des Bundes, den Gott mit Abraham geschlossen hatte (1. Mose 17,9–14). Sie erinnerte Israel an seine besondere Geschichte und die Verpflichtungen seiner Bundesbeziehung zu Gott. Doch Paulus hat bereits in Römer 2,25–29 erklärt, dass dieses äußere Zeichen nicht unabhängig vom tatsächlichen Verhältnis des Menschen zu Gott betrachtet werden darf. Nun stellt er klar, dass auch die Rechtfertigung nicht von diesem Zeichen abhängig ist.
Besonders sorgfältig muss dabei die unterschiedliche Formulierung in Vers 30 beachtet werden. Paulus spricht davon, dass Gott die Beschnittenen „aus Glauben“ und die Unbeschnittenen „durch den Glauben“ rechtfertigt. Im griechischen Text stehen tatsächlich zwei verschiedene Präpositionen. Daraus könnte man vorschnell schließen, Paulus unterscheide zwischen zwei Arten des Glaubens oder sogar zwischen zwei Heilswegen. Doch der gesamte Zusammenhang spricht gegen eine solche Deutung. Gerade die Einheit Gottes bildet die Begründung dafür, dass Juden und Nichtjuden auf derselben Grundlage gerechtfertigt werden. Auch sonst verwendet Paulus verschiedene sprachliche Verbindungen, wenn er über die Rechtfertigung aus Glauben spricht. Die unterschiedlichen Präpositionen müssen deshalb hier nicht zwei verschiedene Bedingungen für die Rettung bezeichnen. Sie dienen vielmehr dazu, denselben grundlegenden Zusammenhang sprachlich auszudrücken: Ob ein Mensch beschnitten ist oder nicht, seine Rechtfertigung hängt nicht von diesem äußeren Unterschied ab, sondern vom Glauben.
Damit erhält die Beschneidung einen klar begrenzten Platz innerhalb der Argumentation. Paulus behauptet nicht, dass das Zeichen des abrahamitischen Bundes niemals eine von Gott gegebene Bedeutung besessen hätte. Ebenso wenig erklärt er, dass Israels frühere Geschichte auf einem Irrtum beruhte. Seine Aussage richtet sich gegen die Vorstellung, die Beschneidung könne den sündigen Menschen vor Gott gerechtfertigt machen oder sie sei für Nichtjuden eine Voraussetzung, um durch Christus Gottes Rettung zu empfangen. Im folgenden Kapitel wird er diese Frage am Beispiel Abrahams vertiefen. Besonders wichtig ist dort die zeitliche Reihenfolge: Abraham wurde sein Glaube bereits zur Gerechtigkeit angerechnet, bevor er das Zeichen der Beschneidung empfing (Römer 4,9–12). Gerade diese Reihenfolge zeigt, dass die Beschneidung nicht die Grundlage seiner Rechtfertigung war. Sie hatte eine Bedeutung innerhalb des Bundesverhältnisses, konnte aber nicht an die Stelle des Glaubens treten.
Die Aussage des Paulus besitzt zugleich eine weitreichende Bedeutung für das Zusammenleben der Gläubigen. Wenn Gott Juden und Nichtjuden auf derselben Grundlage rechtfertigt, kann niemand aufgrund seiner Abstammung oder religiösen Herkunft einen höheren geistlichen Wert beanspruchen. Ebenso darf ein Mensch, der erst später zum Glauben gefunden hat oder aus einer anderen Kultur stammt, nicht als Gläubiger zweiter Ordnung betrachtet werden. Die Rechtfertigung aus Glauben schafft keine Gemeinschaft, in der menschliche Herkunft den Wert eines Menschen vor Gott bestimmt. Sie führt vielmehr Menschen zusammen, die trotz unterschiedlicher Lebensgeschichten dieselbe göttliche Gnade benötigen. Paulus wird diese Einheit später an verschiedenen Stellen weiter entfalten, besonders wenn er in Römer 12 vom gemeinsamen Leben der Glaubenden und in Römer 15 von der gegenseitigen Annahme spricht. Bereits hier wird jedoch ihre entscheidende Grundlage sichtbar: Vor Gott lebt keiner von einem selbst erworbenen Anspruch auf Erlösung.
Diese Einheit bedeutet allerdings nicht, dass alle persönlichen, kulturellen oder geschichtlichen Unterschiede verschwinden müssten. Juden bleiben Menschen mit einer besonderen Bundesgeschichte, und Nichtjuden bringen ihre eigenen Lebensgeschichten mit. Paulus verlangt nicht, dass jeder Gläubige dieselbe Herkunft besitzen oder denselben kulturellen Hintergrund annehmen müsse. Entscheidend ist vielmehr, dass diese Unterschiede keinen getrennten Weg zur Rechtfertigung begründen. Derselbe Gott rettet durch denselben Christus und auf derselben Grundlage des Glaubens. Dadurch wird die Einheit der Glaubenden nicht auf menschliche Gleichförmigkeit gegründet, sondern auf Gottes gemeinsames rettendes Handeln. Diese Unterscheidung schützt sowohl vor religiöser Überheblichkeit als auch vor der Vorstellung, die von Gott geführte Geschichte Israels müsse vollständig ausgelöscht werden, damit Menschen aus anderen Völkern an der Rettung teilhaben können.
Gerade hier zeigt sich, wie eng die Verse 27–30 miteinander verbunden sind. Die Rechtfertigung aus Glauben schließt zunächst das persönliche Rühmen aus, weil niemand sich seine Rettung selbst verdienen kann. Anschließend schließt sie auch die Vorstellung aus, ein bestimmtes Volk könne aufgrund seiner religiösen Vorrechte einen eigenen Zugang zu Gottes Anerkennung beanspruchen. Beide Schlussfolgerungen entspringen derselben Wahrheit: Die Rettung des Menschen ist Gottes Werk. Wer dies erkennt, kann weder die eigene Leistung zum Mittelpunkt seiner Hoffnung machen noch die eigene Herkunft als Grundlage einer höheren Stellung vor Gott verwenden. Gottes Gnade führt deshalb zu einer Haltung der Demut gegenüber ihm und der Achtung gegenüber anderen Menschen. Denn jeder, der gerechtfertigt wird, empfängt letztlich dasselbe unverdiente Geschenk.
Zugleich wird verständlich, weshalb Paulus die Rechtfertigung aus Glauben nicht als bloß theoretische Glaubenslehre behandelt. Seine Aussagen berühren unmittelbar die Frage, wie Menschen miteinander umgehen. Wer sich vor Gott für gerecht hält, weil er mehr religiöses Wissen besitzt oder einer bestimmten Gemeinschaft angehört, kann leicht beginnen, andere herabzusetzen. Wer dagegen erkennt, dass seine eigene Annahme bei Gott allein auf dessen Gnade beruht, verliert die Grundlage für eine solche Überheblichkeit. Das bedeutet nicht, dass alle religiösen Überzeugungen gleichgültig wären oder dass Wahrheit und Irrtum nicht mehr unterschieden werden dürften. Paulus selbst argumentiert mit großer Entschiedenheit für die Wahrheit des Evangeliums. Doch die Erkenntnis der Wahrheit darf nicht zu dem Gedanken führen, der Mensch habe sich dadurch seine Erlösung selbst verdient. Gottes Wahrheit sollte ihn vielmehr demütiger machen, weil er erkennt, wie sehr er auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen ist.
Damit verbindet Paulus eine persönliche und eine umfassende heilsgeschichtliche Aussage. Persönlich wird jeder Mensch daran erinnert, dass er sich vor Gott nicht auf eigene Verdienste berufen kann. Zugleich wird deutlich, dass Gottes Erlösungsplan von Anfang an eine Bedeutung besitzt, die über die Grenzen eines einzelnen Volkes hinausreicht. Der eine Gott hat die Welt geschaffen, Israel seine Offenbarung anvertraut und durch Jesus Christus den Weg zur Rechtfertigung eröffnet. Deshalb können Juden und Nichtjuden durch Glauben Anteil an seiner Rettung erhalten, ohne dass einer der beiden Gruppen aufgrund ihrer Herkunft ein höherer Anspruch auf Gottes Gnade zustünde.
Aus diesen Versen ergibt sich schließlich eine letzte Frage, die Paulus unmittelbar anschließend aufgreift. Wenn der Mensch nicht durch Gesetzeswerke gerechtfertigt wird und wenn selbst die Beschneidung keinen eigenen Anspruch auf Erlösung begründet, welchen Platz besitzt dann das Gesetz innerhalb des Evangeliums? Könnte jemand daraus schließen, dass der Glaube das Gesetz Gottes insgesamt bedeutungslos macht? Paulus hat bereits zwischen dem Wert des Gesetzes und seiner Unfähigkeit, den schuldigen Menschen durch dessen eigene Werke zu rechtfertigen, unterschieden. Nun wird er diese Unterscheidung ausdrücklich auf den Punkt bringen.
Der Glaube nimmt dem Menschen jeden Grund, sich seiner eigenen Gerechtigkeit zu rühmen. Doch daraus folgt nicht, dass Gottes Gesetz seinen Wert verliert. Gerade deshalb beendet Paulus seine Argumentation in Vers 31 mit der Frage, ob der Glaube das Gesetz aufhebt, und beantwortet sie mit einer entschiedenen Zurückweisung.
Römer 3,31
Der Glaube hebt Gottes Gesetz nicht auf, sondern bestätigt es
Am Ende seiner ausführlichen Erklärung über die Rechtfertigung stellt Paulus eine Frage, die sich aus seinen bisherigen Aussagen beinahe zwangsläufig ergibt: „Heben wir nun das Gesetz auf durch den Glauben?“ (Römer 3,31). Seine Antwort ist ebenso kurz wie entschieden: „Das sei ferne! Vielmehr richten wir das Gesetz auf.“ Mit diesen Worten begegnet Paulus einem möglichen Missverständnis des Evangeliums. Wenn der Mensch nicht durch Gesetzeswerke gerechtfertigt wird, sondern allein aufgrund der göttlichen Gnade durch den Glauben an Jesus Christus, könnte jemand daraus schließen, dass Gottes Gesetz nun jede Bedeutung verloren habe. Schließlich hatte Paulus erklärt, dass das Gesetz den Sünder nicht rechtfertigen kann und dass die Annahme bei Gott nicht von der Beschneidung oder der eigenen Gesetzeserfüllung abhängt. Doch Paulus weist die Schlussfolgerung, der Glaube mache das Gesetz bedeutungslos, ausdrücklich zurück. Seine Erklärung der Rechtfertigung soll nicht zur Verachtung des Gesetzes führen, sondern zu einem richtigen Verständnis seiner Stellung innerhalb von Gottes Erlösungsplan.
Die Frage ist deshalb besonders bedeutsam, weil Paulus zwei Wahrheiten miteinander verbindet, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen können. Einerseits erklärt er in Römer 3,20 und 3,28, dass kein Mensch durch Gesetzeswerke gerechtfertigt wird. Andererseits betont er nun, dass der Glaube das Gesetz nicht aufhebt. Wer nur die erste Aussage betrachtet, könnte meinen, das Gesetz habe mit dem Evangelium nichts mehr zu tun. Wer dagegen ausschließlich die zweite Aussage hervorhebt, könnte versucht sein, die Rechtfertigung doch wieder von der eigenen Gesetzeserfüllung abhängig zu machen. Paulus lässt jedoch beide Schlussfolgerungen nicht zu. Er unterscheidet zwischen dem Versuch, durch das Gesetz gerechtfertigt zu werden, und der bleibenden Bedeutung des Gesetzes als Offenbarung Gottes. Diese Unterscheidung ist entscheidend, weil das Gesetz nicht dadurch falsch oder wertlos wird, dass der sündige Mensch seine eigene Rechtfertigung nicht durch dessen Befolgung verdienen kann.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Formulierung „Das sei ferne!“ Im griechischen Text steht hier mē genoito, eine nachdrückliche Zurückweisung, die Paulus im Römerbrief wiederholt verwendet. Schon in Römer 3,4 hatte er mit derselben Wendung bestritten, dass menschliche Untreue Gottes eigene Treue zunichtemachen könnte. In Vers 6 wies er damit den Gedanken zurück, Gott könne ungerecht sein, wenn er die Welt richtet. Nun verwendet er denselben entschiedenen Ausdruck, um die Aufhebung des Gesetzes durch den Glauben zu verneinen. Es handelt sich also nicht um eine beiläufige Bemerkung oder eine vorsichtige Einschränkung seiner vorherigen Aussagen. Paulus will ausdrücklich verhindern, dass seine Lehre von der Rechtfertigung als Ablehnung der göttlichen Offenbarung verstanden wird.
Auch die griechischen Verben verdeutlichen seine Absicht. Für das Aufheben verwendet Paulus katargeō, ein Wort, das je nach Zusammenhang bedeuten kann, etwas außer Wirksamkeit zu setzen, unwirksam zu machen oder seine bisherige Geltung aufzuheben. Dem stellt er histēmi gegenüber, das unter anderem aufrichten, hinstellen, bestätigen oder aufrechterhalten bedeuten kann. Paulus erklärt damit nicht lediglich, dass der Glaube dem Gesetz eine gewisse Achtung entgegenbringt. Er formuliert positiv, dass das Gesetz durch den Glauben in seiner Bedeutung bestätigt wird. Allerdings muss aus dem Zusammenhang bestimmt werden, worin dieses Bestätigen besteht. Das griechische Wort allein entscheidet noch nicht, ob Paulus an die Bestätigung der Schrift als Zeugnis für Christus, an die Anerkennung göttlicher Gebote oder an eine umfassendere Verbindung dieser Gedanken denkt.
Eine erste und besonders wichtige Erklärung ergibt sich unmittelbar aus Römer 3,21. Dort hatte Paulus ausdrücklich erklärt, dass die Gerechtigkeit Gottes, die unabhängig von menschlicher Gesetzeserfüllung offenbart wird, bereits durch das Gesetz und die Propheten bezeugt ist. Gottes frühere Offenbarung steht somit nicht gegen die Rechtfertigung aus Glauben, sondern bezeugt sie. Das Evangelium bedeutet deshalb nicht, dass die alttestamentlichen Schriften ihren Wert verloren hätten oder ihre Aussagen über Gottes rettendes Handeln als Irrtum betrachtet werden müssten. Vielmehr zeigt Paulus, dass die Botschaft von Jesus Christus innerhalb derselben göttlichen Heilsgeschichte steht, von der diese Schriften sprechen. Wenn das Gesetz und die Propheten bereits auf Gottes rettende Gerechtigkeit hingewiesen haben, dann bestätigt die Verkündigung des Evangeliums ihre Wahrheit, statt sie aufzuheben.
Diese Verbindung wird besonders deutlich, wenn man den unmittelbaren Übergang zum vierten Kapitel des Römerbriefs betrachtet. Dort fragt Paulus, was Abraham hinsichtlich der Rechtfertigung erkannt habe. Seine Antwort gründet er nicht auf eine neue Offenbarung, die das Alte Testament ersetzt, sondern auf 1. Mose 15,6. Abraham glaubte Gott, und dieser Glaube wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet. Anschließend führt Paulus Psalm 32,1–2 an, wo David die Glückseligkeit des Menschen beschreibt, dem Gott seine Schuld vergibt und seine Sünde nicht zurechnet (Römer 4,6–8). Beide Schriftstellen stammen aus der Offenbarung, die Gott Israel anvertraut hatte. Paulus gebraucht sie als Beweise für seine Lehre von der Rechtfertigung. Gerade damit zeigt sich, wie der Glaube das Gesetz beziehungsweise die Heilige Schrift bestätigt: Er erkennt an, dass Gottes frühere Worte wahr sind und dass ihre Aussagen über Glauben, Gnade und Vergebung im Evangelium ihre entscheidende Bedeutung erhalten.
Besonders aufschlussreich ist dabei Abrahams Stellung in der Heilsgeschichte. Paulus wird in Römer 4,9–12 erklären, dass Abraham bereits vor seiner Beschneidung aufgrund seines Glaubens als gerecht angesehen wurde. Damit zeigt er, dass das Zeichen der Beschneidung nicht die Grundlage seiner Rechtfertigung war. Doch diese Erkenntnis macht Gottes Verheißung an Abraham nicht bedeutungslos. Im Gegenteil: Sie verdeutlicht, wie grundlegend das Vertrauen auf Gottes Zusage von Anfang an gewesen ist. Paulus stellt die Schrift also nicht beiseite, um einen neuen Weg der Rettung zu begründen. Er liest vielmehr die Geschichte Abrahams so, dass Gottes früheres Handeln die Rechtfertigung aus Glauben bestätigt. Die Anerkennung dieser biblischen Wahrheit ist ein wichtiger Bestandteil dessen, was es bedeutet, das Gesetz durch den Glauben aufzurichten.
Daneben besitzt Gottes Gesetz eine weitere grundlegende Bedeutung, die Paulus bereits in Römer 3,20 hervorgehoben hatte: Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde. Wenn das Gesetz Gottes Willen offenbart und menschliche Übertretungen sichtbar macht, kann es nicht zugleich für bedeutungslos erklärt werden, ohne dass die Erkenntnis der Sünde ihre Grundlage verliert. Der Mensch benötigt Gottes Maßstab, um zu erkennen, weshalb sein Verhalten tatsächlich Unrecht ist. Würde man jede göttliche Forderung aufheben, wäre die Vorstellung von Sünde als Übertretung des göttlichen Willens kaum noch verständlich. Gerade die Verkündigung des Evangeliums setzt jedoch voraus, dass menschliche Schuld eine wirkliche Bedeutung besitzt. Christus ist nicht gekommen, um Menschen von etwas zu erlösen, das in Gottes Augen überhaupt kein Unrecht wäre. Sein Erlösungswerk begegnet einer tatsächlichen Schuld, die vor dem gerechten Gott besteht.
Diese Verbindung zwischen Gesetz und Sündenerkenntnis macht auch verständlich, weshalb Rechtfertigung und Gesetz nicht einfach als Gegensätze behandelt werden dürfen. Die Rechtfertigung antwortet auf ein Problem, das Gottes Gesetz sichtbar macht, aber selbst nicht beseitigen kann. Das Gesetz zeigt, was dem göttlichen Willen widerspricht. Die Gnade Gottes eröffnet durch Jesus Christus den Weg zur Vergebung und zu einem neuen Verhältnis mit ihm. Würde man das Gesetz als grundsätzlich böse betrachten, verlöre man den Blick dafür, weshalb der Mensch überhaupt Erlösung benötigt. Würde man dagegen versuchen, durch eigene Gesetzeserfüllung die Rechtfertigung zu verdienen, würde man die Bedeutung der göttlichen Gnade verkennen. Beide Irrtümer entstehen dadurch, dass unterschiedliche Aufgaben miteinander verwechselt werden. Paulus erklärt deshalb nicht, dass Gesetz und Gnade einander ausschließen, sondern dass sie innerhalb des Erlösungsplans unterschiedliche Funktionen besitzen.
Die positive Bewertung des Gesetzes wird im weiteren Verlauf des Römerbriefs noch deutlicher. In Römer 7,7 stellt Paulus die Frage, ob das Gesetz Sünde sei, und weist diese Vorstellung ausdrücklich zurück. Anschließend erklärt er, dass er die Begierde durch das Gebot erkannt habe, das verbietet, etwas zu begehren, was dem Nächsten gehört. Er greift damit das zehnte Gebot aus 2. Mose 20,17 auf. Gerade dieses Beispiel zeigt, dass Gottes Gesetz nicht nur äußere religiöse Zugehörigkeitsmerkmale behandelt, sondern auch grundlegende moralische Fragen und die inneren Beweggründe des Menschen betrifft. In Römer 7,12 zieht Paulus daraus die Schlussfolgerung, dass das Gesetz heilig und das Gebot heilig, gerecht und gut ist. Diese Aussage lässt keinen Raum für die Behauptung, Paulus betrachte Gottes Gesetz als eine moralisch fehlerhafte Ordnung, die wegen ihrer Ungerechtigkeit beseitigt werden müsse.
Allerdings ist auch hier eine wichtige Unterscheidung notwendig. Das Wort „Gesetz“ bezeichnet im Römerbrief nicht an jeder Stelle genau denselben Ausschnitt der göttlichen Offenbarung. Paulus kann damit die mosaische Tora, die alttestamentlichen Schriften als Ganzes, konkrete Gebote oder in bestimmten Zusammenhängen auch ein bestimmendes Prinzip bezeichnen. Deshalb wäre es unzureichend, Römer 3,31 ausschließlich auf die zehn Gebote zu beschränken, ohne den unmittelbaren Zusammenhang zu berücksichtigen. Ebenso wenig wäre es gerechtfertigt, die Aussage nur auf ein allgemeines religiöses Prinzip zu reduzieren und dadurch ihre Verbindung zur wirklichen Offenbarung Gottes zu verlieren. Im Zusammenhang von Römer 3 und 4 steht besonders die mosaische Tora als Teil der Heiligen Schrift im Vordergrund, deren Zeugnis von Paulus bestätigt wird. Die moralische Bedeutung göttlicher Gebote wird durch den größeren Römerbrief zusätzlich bekräftigt. Beide Gesichtspunkte gehören zusammen, dürfen aber nicht unbemerkt gleichgesetzt werden.
Ebenso wenig beantwortet Römer 3,31 für sich allein jede Frage darüber, wie die einzelnen Bestimmungen des mosaischen Bundes nach dem Kommen Christi anzuwenden sind. Das Neue Testament beschreibt nicht nur eine bleibende Bedeutung der göttlichen Offenbarung, sondern auch einen wirklichen heilsgeschichtlichen Übergang. Der Hebräerbrief spricht vom Wechsel des Priestertums und der damit verbundenen Veränderung gesetzlicher Ordnungen (Hebräer 7,11–12). In Hebräer 8 wird der neue Bund ausdrücklich dem früheren Bund gegenübergestellt. Paulus selbst erklärt in Römer 7,4–6, dass die Glaubenden durch Christus in ein verändertes Verhältnis zum Gesetz gekommen sind, sodass sie Gott in der Neuheit des Geistes dienen. Diese Aussagen dürfen nicht übergangen werden, wenn man Römer 3,31 richtig verstehen möchte. Dass der Glaube das Gesetz bestätigt, bedeutet nicht automatisch, dass jede einzelne Bestimmung des Sinai-Bundes in unveränderter rechtlicher Gestalt fortbestehen muss. Welche konkreten Gebote und Ordnungen in welcher Weise gelten, muss anhand der gesamten biblischen Offenbarung und des neutestamentlichen Zusammenhangs geprüft werden.
Gerade diese sorgfältige Unterscheidung bewahrt jedoch auch vor dem entgegengesetzten Fehler, den neuen Bund als vollständige Loslösung von Gottes gerechtem Willen zu verstehen. In Jeremia 31,31–34 kündigt Gott einen neuen Bund an, in dem seine Weisung nicht nur äußerlich bekannt sein soll, sondern in das Innere seines Volkes geschrieben wird. Der Hebräerbrief greift diese Verheißung in Hebräer 8,8–12 ausdrücklich auf. Der neue Bund besteht demnach nicht darin, dass Gottes Wille durch menschliche Beliebigkeit ersetzt wird. Vielmehr kündigt Gott eine tiefere Beziehung zu seinem Volk an, in der die Erkenntnis seines Willens, die Vergebung der Sünden und die innere Erneuerung zusammengehören. Zugleich bleibt der vom Hebräerbrief beschriebene Unterschied zwischen den Bundesschlüssen bestehen. Die Kontinuität des göttlichen Willens darf den wirklichen Wandel der Bundesordnung nicht verdecken, und dieser Wandel darf umgekehrt nicht als Beweis dafür dienen, Gott habe seine eigenen Maßstäbe für Wahrheit und Gerechtigkeit aufgegeben.
Auch Jesus selbst stellt seine Sendung nicht als Verachtung der früheren göttlichen Offenbarung dar. In Matthäus 5,17 erklärt er, dass er nicht gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern sie zu erfüllen. Diese Aussage besitzt eine deutliche thematische Verbindung zu Römer 3,31. Sowohl Jesus als auch Paulus weisen die Vorstellung zurück, Gottes frühere Offenbarung sei durch das Wirken des Messias einfach bedeutungslos geworden. Gleichzeitig muss die Bedeutung des Erfüllens im Zusammenhang mit Jesu gesamter Verkündigung verstanden werden. In Matthäus 5 vertieft Jesus den Anspruch göttlicher Gerechtigkeit, indem er nicht nur Mord und Ehebruch anspricht, sondern auch Zorn, Verachtung und begehrliche Absichten. Er zeigt damit, dass äußerlich korrektes Verhalten nicht automatisch bedeutet, dass das Herz eines Menschen dem göttlichen Willen entspricht. Diese Lehre ergänzt die Aussagen des Paulus, ohne die Unterschiede zwischen ihren jeweiligen Argumentationen aufzuheben. Beide machen deutlich, dass Gottes Gerechtigkeit nicht auf eine bloße religiöse Fassade reduziert werden darf.
Damit stellt sich eine weitere wichtige Frage: Wenn der Mensch durch Glauben gerechtfertigt wird und die Rechtfertigung nicht auf seiner eigenen Gesetzeserfüllung beruht, welchen Platz besitzt der Gehorsam in seinem weiteren Leben? Paulus wird diesen Zusammenhang besonders in Römer 6 und 8 erklären. In Römer 6,1–2 weist er die Vorstellung zurück, man könne bewusst in der Sünde bleiben, damit die Gnade umso mächtiger werde. Die Verbindung mit Christus bedeutet vielmehr, dass der Glaubende zu einem neuen Leben berufen ist. In Römer 6,12–18 fordert Paulus dazu auf, die Sünde nicht länger herrschen zu lassen, sondern Gott zu dienen. Dadurch wird deutlich, dass die Rechtfertigung aus Glauben nicht zu moralischer Gleichgültigkeit führen soll. Die Gnade befreit den Menschen nicht dazu, weiterhin bewusst unter der Herrschaft des Bösen zu leben. Sie eröffnet vielmehr ein neues Verhältnis zu Gott, das auch die Lebensführung verändert.
Besonders aufschlussreich ist Römer 8,3–4. Dort erklärt Paulus, dass das Gesetz aufgrund der Schwachheit des menschlichen Fleisches nicht vollbringen konnte, was zur Rettung notwendig war. Gott aber handelte durch die Sendung seines Sohnes. Das Ziel dieses Handelns wird anschließend damit verbunden, dass die gerechte Forderung des Gesetzes in denjenigen erfüllt wird, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist leben. Damit führt Paulus einen Gedanken weiter, der in Römer 3,31 bereits vorbereitet ist. Die Lösung des Sündenproblems besteht nicht darin, dass der Mensch durch bloße Willensanstrengung nun doch die Grundlage seiner Rechtfertigung selbst hervorbringt. Gott handelt vielmehr durch Christus und seinen Geist, um den Menschen aus der Herrschaft der Sünde zu befreien und ihn zu einem Leben zu führen, das seinem Willen entspricht. Der Gehorsam erhält dadurch einen anderen Platz: Er ist nicht der Preis, mit dem der Mensch Gottes Gnade kauft, sondern gehört zum Leben, das aus der Verbindung mit Christus erwächst.
Diese Unterscheidung betrifft auch die persönliche Haltung des Glaubenden. Wer versucht, Gottes Gebote zu befolgen, um sich dadurch seine Erlösung zu verdienen, wird seinen Blick immer wieder auf die eigene Leistung richten. Er könnte stolz werden, wenn er sich für besonders gehorsam hält, oder verzweifeln, sobald er seine Fehler erkennt. Der Glaube an Jesus Christus eröffnet dagegen eine andere Grundlage. Der Mensch darf wissen, dass seine Annahme bei Gott auf dessen Gnade und Christi Erlösungswerk beruht. Gerade dieses Vertrauen gibt seinem Gehorsam eine neue Ausrichtung. Er möchte Gottes Willen nicht deshalb achten, weil er Gott zu einer Gegenleistung verpflichten könnte, sondern weil er dessen Liebe und Gerechtigkeit erkannt hat. In Johannes 14,15 verbindet Jesus die Liebe zu ihm ausdrücklich mit dem Halten seiner Gebote. Auch 1. Johannes 5,2–3 stellt die Liebe zu Gott und den Gehorsam gegenüber seinen Geboten in einen engen Zusammenhang. Diese Aussagen zeigen, dass Liebe, Glaube und Gehorsam im christlichen Leben nicht als voneinander unabhängige Wirklichkeiten betrachtet werden dürfen.
Dabei darf der Gehorsam nicht mit einer Vorstellung menschlicher Fehlerlosigkeit verwechselt werden, die bereits vor jeder Annahme bei Gott erreicht werden müsste. Paulus hatte zuvor ausdrücklich erklärt, dass alle Menschen gesündigt haben. Die Rechtfertigung gründet deshalb nicht auf der Behauptung, der Glaubende besitze nun eine eigene Gerechtigkeit, die Gottes Gnade überflüssig machen würde. Zugleich wäre es ebenso falsch, die eigene Unvollkommenheit als Entschuldigung dafür zu verwenden, bewusst an erkannter Sünde festzuhalten. Der Glaube nimmt Gottes Wort ernst, auch wenn es die eigenen Fehler aufdeckt. Er führt den Menschen dazu, seine Schuld anzuerkennen, Gottes Vergebung zu suchen und sich seinem Willen neu anzuvertrauen. Ein solches Leben bleibt auf die Gnade Gottes angewiesen, aber es betrachtet den Gehorsam nicht als bedeutungslosen Bestandteil des Glaubens.
Hier wird besonders deutlich, weshalb die Rechtfertigung aus Glauben Gottes Gesetz nicht entwertet. Der Glaubende erkennt durch Gottes Offenbarung, wie ernst die Sünde ist. Er versteht, dass seine Schuld nicht durch eine bloße Selbstentschuldigung verschwindet und dass er auf die Erlösung durch Christus angewiesen ist. Gerade dadurch lernt er zugleich, die Gerechtigkeit Gottes höher zu achten. Wenn Christus sein Leben für die Erlösung des Menschen gegeben hat, kann die Sünde nicht als harmlose Angelegenheit betrachtet werden. Das Kreuz offenbart nicht nur Gottes Liebe zu den Menschen, sondern auch den Ernst ihrer Übertretungen. Wer Gottes Gnade richtig versteht, erhält deshalb keinen Grund, seine Gebote zu verachten. Vielmehr erkennt er, dass der göttliche Wille, den er übertreten hat, gerecht ist und dass Gottes rettendes Handeln ihn nicht zur bewussten Fortsetzung dieser Übertretungen bestimmen soll.
Auch das Verhältnis zwischen Glaube und Gehorsam wird dadurch klarer. Der Glaube ist nicht einfach das Gegenteil jeder Handlung. Abraham beispielsweise vertraute Gottes Verheißung und handelte später entsprechend diesem Vertrauen. Sein Gehorsam war nicht eine vom Glauben unabhängige Möglichkeit, sich Gottes Gnade zu verdienen, sondern Ausdruck seiner tatsächlichen Beziehung zu Gott. Im Hebräerbrief wird diese Verbindung mehrfach mit den Worten beschrieben, dass Menschen „durch Glauben“ handelten (Hebräer 11,8.17). Ebenso betont Jakobus 2,22, dass Abrahams Glaube mit seinen Werken zusammenwirkte. Diese Schriftstellen behandeln unterschiedliche Seiten des Glaubenslebens, bestätigen aber einen wesentlichen Zusammenhang: Wahrer Glaube bleibt nicht grundsätzlich gleichgültig gegenüber dem Willen Gottes. Er vertraut seinem Wort und ist deshalb bereit, sich von ihm führen zu lassen. Dass Paulus die Rechtfertigung aus Glauben verkündet, bedeutet somit nicht, dass er einen Glauben ohne jede Beziehung zum Gehorsam fordert.
Dennoch muss der ursprüngliche Schwerpunkt von Römer 3,31 gewahrt bleiben. Paulus beantwortet an dieser Stelle nicht sämtliche Fragen der christlichen Lebensführung, der Heiligung oder der einzelnen Gebote. Seine unmittelbare Frage lautet, ob die Verkündigung der Rechtfertigung aus Glauben Gottes Gesetz außer Kraft setzt. Seine Antwort besteht darin, dass der Glaube das Gesetz vielmehr bestätigt. Der Zusammenhang von Römer 3 und 4 zeigt besonders, dass Gottes frühere Offenbarung die Rechtfertigung aus Glauben bezeugt. Die übrigen Kapitel des Römerbriefs verdeutlichen darüber hinaus, dass Gottes gerechter Wille durch das Evangelium nicht wertlos wird und dass die Gnade zu einem neuen Leben führen soll. Beide Erkenntnisse sind wichtig, doch sie besitzen unterschiedliche Begründungsorte. Eine sorgfältige Auslegung vermeidet es deshalb, aus diesem einzelnen Vers mehr abzuleiten, als Paulus hier tatsächlich erklärt.
Mit dieser Aussage schließt Paulus die erste große Beweisführung seines Römerbriefs ab. Er hatte zunächst die Schuld der Menschen sichtbar gemacht und gezeigt, dass weder religiöse Vorrechte noch eigene Gesetzeswerke einen Menschen vor Gott rechtfertigen können. Anschließend offenbarte er den Weg der Rettung durch Jesus Christus und erklärte, dass die Rechtfertigung allein auf Gottes Gnade beruht und durch Glauben empfangen wird. Nun verhindert er, dass diese Botschaft als Ablehnung der göttlichen Offenbarung missverstanden wird. Das Evangelium steht nicht gegen die Wahrheit Gottes, die bereits im Alten Testament bezeugt wurde. Vielmehr bestätigt es ihre Aussagen über die Sünde des Menschen, die Notwendigkeit göttlicher Gnade und die Bedeutung des Glaubens.
Die entscheidende Erkenntnis lautet deshalb: Der Glaube an Jesus Christus ersetzt nicht Gottes Gerechtigkeit durch menschliche Beliebigkeit. Er führt den Menschen vielmehr dazu, seine eigene Schuld anzuerkennen, Gottes rettende Gnade zu empfangen und seinen gerechten Willen ernst zu nehmen. Das Gesetz kann den Sünder nicht durch dessen eigene Werke rechtfertigen, aber es bleibt ein wahrhaftiges Zeugnis von Gottes Wesen und seinem Heilswillen. Die Rechtfertigung ist Gottes Geschenk in Jesus Christus, und der daraus erwachsende Glaube macht seine frühere Offenbarung nicht bedeutungslos.
So endet Römer 3 nicht mit einem Gegensatz zwischen Gnade und Gehorsam, sondern mit einer grundlegenden Ordnung: Gottes Gnade ist die Grundlage der Rechtfertigung, der Glaube empfängt diese Rettung, und Gottes gerechter Wille behält seinen Wert. Niemand kann sich seine Erlösung durch eigene Leistungen verdienen. Ebenso wenig darf jemand die geschenkte Erlösung als Rechtfertigung dafür missbrauchen, Gottes Willen bewusst zu missachten. Beide Irrtümer werden durch das Evangelium ausgeschlossen.
Der Übergang zu Römer 4 ergibt sich daraus unmittelbar. Paulus wird nun anhand Abrahams und Davids aus den alttestamentlichen Schriften selbst zeigen, dass die Rechtfertigung durch Glauben kein Widerspruch zu Gottes früherer Offenbarung ist. Gerade das Vertrauen auf Gottes Verheißung, das die Schrift bereits bei Abraham bezeugt, bestätigt die Wahrheit des Evangeliums und zeigt, weshalb der Glaube das Gesetz nicht aufhebt, sondern aufrichtet.
Geistliche Kernbotschaft
Die tiefste geistliche Botschaft von Römer 3 liegt in der Erkenntnis, dass der Mensch seine Beziehung zu Gott nicht auf die eigene Gerechtigkeit gründen kann. Solange er sich vor allem mit anderen Menschen vergleicht, kann er leicht zu dem Schluss gelangen, sein Leben sei ausreichend gut. Vielleicht besitzt er mehr religiöse Kenntnisse, bemüht sich gewissenhafter um ein aufrichtiges Leben oder vermeidet bestimmte Verfehlungen, die bei anderen deutlich sichtbar sind. Doch vor Gott verlieren solche Vergleiche ihre entscheidende Bedeutung. Sein Maßstab ist nicht die Fehlerhaftigkeit anderer Menschen, sondern seine eigene vollkommene Gerechtigkeit. Wer sich diesem Maßstab ehrlich stellt, erkennt, dass er nicht nur auf göttliche Belehrung, sondern auf Vergebung und Erlösung angewiesen ist.
Diese Erkenntnis soll den Menschen jedoch nicht in Hoffnungslosigkeit führen. Gerade weil Gott den wirklichen Zustand des Menschen kennt, besitzt seine Gnade eine so große Bedeutung. Er bietet die Rettung nicht Menschen an, die sich bereits selbst vollkommen gerecht gemacht haben, sondern solchen, die seine Barmherzigkeit benötigen. Der Mensch muss sich deshalb vor Gott nicht besser darstellen, als er tatsächlich ist. Er darf seine Schuld anerkennen, ohne befürchten zu müssen, dass damit jede Hoffnung verloren wäre. Gottes Erlösungswerk in Jesus Christus eröffnet einen Weg, auf dem der Sünder nicht aufgrund einer erfundenen eigenen Unschuld, sondern aufgrund göttlicher Gnade angenommen werden kann. Die Wahrheit über die Sünde und die Hoffnung auf Vergebung gehören daher zusammen. Erst wenn der Mensch die Wirklichkeit seiner Schuld anerkennt, versteht er die Bedeutung der Rettung, die Gott ihm anbietet.
Dabei offenbart Römer 3 einen Gott, dessen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit nicht voneinander getrennt werden können. Gott wäre nicht vollkommen gerecht, wenn ihm Wahrheit und Unrecht gleichgültig wären. Ebenso wenig beschreibt Paulus ihn als einen Richter, dessen einziges Anliegen darin bestünde, schuldige Menschen zu verurteilen. Gott handelt vielmehr selbst, um den Weg zur Versöhnung zu eröffnen. Seine Gnade entspringt nicht einer Geringschätzung der Sünde, sondern seiner Liebe zu Menschen, die durch die Sünde von ihm getrennt sind. Gerade das Erlösungswerk Jesu Christi zeigt, dass Gott weder seine Gerechtigkeit aufgibt noch den Sünder hoffnungslos seinem Gericht überlassen möchte. Der glaubende Mensch begegnet deshalb keinem Gott, dessen Liebe erst gegen seinen Gerechtigkeitssinn durchgesetzt werden müsste. Er begegnet dem Gott, der selbst aus Liebe und in Gerechtigkeit den Weg zur Rettung geschaffen hat.
Eine weitere geistliche Erkenntnis betrifft die Zuverlässigkeit Gottes. Menschliche Treue ist veränderlich, und selbst Menschen, die Gottes Wahrheit kennen, können schwer versagen. Gottes Wesen verändert sich dadurch nicht. Seine Wahrhaftigkeit bleibt bestehen, auch wenn Menschen ihre Versprechen brechen oder sein Wort missachten. Für den Glaubenden bedeutet das, dass seine Hoffnung nicht auf der Unfehlbarkeit menschlicher Vorbilder beruhen muss. Auch religiöse Gemeinschaften und geistliche Leiter dürfen nicht an die Stelle Gottes treten. Menschen können enttäuschen, falsch handeln und ihre Verantwortung verfehlen. Gottes Treue aber bleibt der Grund, weshalb ein Mensch auf seine Verheißungen vertrauen darf. Dieses Vertrauen rechtfertigt keinen Ungehorsam, sondern gibt dem Menschen gerade dann Halt, wenn ihm seine eigene Schwachheit bewusst wird.
Aus der Rechtfertigung durch Glauben erwächst außerdem eine besondere Form geistlicher Demut. Wer erkennt, dass er seine Erlösung nicht verdient hat, kann andere Menschen nicht mehr mit der Haltung betrachten, er stehe aufgrund eigener Leistungen grundsätzlich über ihnen. Die Gnade nimmt dem Stolz seine Grundlage, ohne den Wert des Menschen herabzusetzen. Sie befreit ihn von dem Bedürfnis, sich ständig selbst rechtfertigen zu müssen. Ein Mensch darf gute Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und im Glauben wachsen, ohne daraus einen Anspruch auf Überlegenheit abzuleiten. Ebenso darf er seine Schwächen eingestehen, ohne die Hoffnung auf Gottes Hilfe aufzugeben. Sein Wert und seine Hoffnung ruhen nicht auf einer vollkommenen Selbstdarstellung, sondern auf Gottes Liebe und seinem rettenden Handeln.
Damit verändert die Botschaft dieses Kapitels auch das Verständnis von Gehorsam. Gottes Gebote sind kein Mittel, mit dem der Mensch sich das Recht auf Vergebung erkaufen könnte. Sie offenbaren Gottes gerechten Willen und machen sichtbar, was Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit widerspricht. Wer durch Christus Gottes Gnade empfängt, erhält deshalb keinen Grund, das Böse zu verharmlosen. Vielmehr kann er Gottes Willen aus einer neuen inneren Haltung achten. Gehorsam soll nicht aus dem Versuch entstehen, Gottes Liebe erst verdienen zu müssen, sondern aus dem Vertrauen auf den Gott, der seine Liebe bereits im Erlösungswerk Christi offenbart hat. So führt die Gnade nicht zur Geringschätzung der Gerechtigkeit, sondern zu einer tieferen Achtung vor ihr.
Die geistliche Mitte von Römer 3 besteht somit in einer grundlegenden Veränderung dessen, worauf der Mensch seine Hoffnung setzt. Solange er auf seine eigenen Verdienste vertraut, bleibt er mit seiner Unvollkommenheit konfrontiert. Wenn er sich jedoch im Glauben Jesus Christus anvertraut, darf er seine Rettung aus Gottes Hand empfangen. Daraus entstehen Dankbarkeit, Demut und die Bereitschaft, sich von Gottes Wahrheit verändern zu lassen. Der Mensch wird nicht gerettet, weil er vor Gott genügend eigene Gerechtigkeit vorweisen kann, sondern weil Gott in Jesus Christus die Gerechtigkeit und Gnade offenbart hat, die der Mensch selbst nicht hervorbringen konnte.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Ein besonders wichtiger Zusammenhang besteht zwischen Römer 3 und der Geschichte Abrahams in 1. Mose 15,1–6. Dort verheißt Gott Abraham Nachkommen, obwohl dessen Lebensumstände die Erfüllung dieser Zusage unmöglich erscheinen lassen. Abraham vertraut Gottes Wort, und dieser Glaube wird ihm zur Gerechtigkeit angerechnet. Paulus greift diese Aussage im unmittelbar folgenden vierten Kapitel ausdrücklich auf. Dadurch wird deutlich, dass die Rechtfertigung durch Glauben nicht erst mit der neutestamentlichen Verkündigung als völlig neuer Gedanke entstanden ist. Schon die Geschichte des Stammvaters Israels bezeugt, welche grundlegende Bedeutung das Vertrauen auf Gottes Verheißung besitzt. Besonders wichtig ist dabei, dass die Anrechnung der Gerechtigkeit vor Abrahams Beschneidung geschah. Damit erhält Paulus einen Schriftbeweis dafür, dass die Beschneidung nicht die Grundlage der Rechtfertigung ist und Abraham auch für die Glaubenden aus den nichtjüdischen Völkern eine besondere Bedeutung besitzt (Römer 4,9–12).
Eine weitere ausdrückliche Verbindung führt zu Psalm 51, insbesondere Vers 6. Paulus zitiert diesen Psalm in Römer 3,4, um Gottes Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit gegenüber menschlicher Untreue zu bezeugen. David erkennt nach seiner schweren Verfehlung an, dass Gottes Urteil gerecht ist. Er versucht nicht, sein Verhalten durch seine königliche Stellung oder durch frühere Verdienste zu entschuldigen. Gerade dadurch wird ein grundlegender Zusammenhang zwischen aufrichtiger Buße und Gottes Gerechtigkeit sichtbar. Der Mensch empfängt Vergebung nicht dadurch, dass er seine Schuld umdeutet oder Gott für ungerecht erklärt. Er muss vielmehr anerkennen, dass Gottes Urteil wahr ist. Psalm 51 entfaltet diesen Gedanken zugleich als persönliche Bitte um Reinigung und Erneuerung. Das macht ihn zu einem wichtigen Zeugnis dafür, dass echte Umkehr sowohl das Eingeständnis der Schuld als auch das Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit einschließt.
Eng damit verbunden ist Psalm 32,1–5, den Paulus in Römer 4,6–8 ausdrücklich heranzieht. David beschreibt dort die Glückseligkeit des Menschen, dessen Übertretungen vergeben sind und dem Gott die Schuld nicht zurechnet. Zugleich schildert er, wie belastend es war, seine Sünde zu verschweigen, und wie befreiend das ehrliche Bekenntnis wurde. Für Römer 3 ist dieser Psalm deshalb besonders aufschlussreich, weil er die unverdiente Vergebung aus einer persönlichen Perspektive veranschaulicht. Die Vergebung wird nicht als Belohnung für eine vollkommene Vergangenheit beschrieben. Sie ist Gottes gnädige Antwort auf wirkliche Schuld. Der Zusammenhang zwischen Psalm 51 und Psalm 32 zeigt zugleich, dass das Eingeständnis eigener Verfehlungen und die Gewissheit göttlicher Vergebung keine Gegensätze sind. Wer seine Schuld vor Gott nicht länger verbirgt, darf gerade dadurch die Bedeutung seiner Barmherzigkeit erfahren.
Die Schriftbelegkette in Römer 3,10–18 besitzt eine besonders enge Verbindung zu Psalm 14, Psalm 5, Psalm 10, Psalm 140, Psalm 36 und Jesaja 59. Paulus führt Aussagen aus diesen unterschiedlichen Zusammenhängen zusammen, um die verschiedenen Erscheinungsformen menschlicher Sünde zu beschreiben. Dabei ist wichtig, dass die ursprünglichen Texte häufig konkrete gottlose Menschen oder ungerechte Zustände innerhalb der Gemeinschaft ansprechen. Paulus verwendet sie jedoch innerhalb seiner umfassenden Argumentation über die Schuld von Juden und Nichtjuden. Besonders deutlich wird dies in Jesaja 59,7–8, dessen Aussagen über gewalttätige Wege, Verwüstung und fehlenden Frieden in Römer 3,15–17 aufgenommen werden. Der Prophet beschreibt dort eine Gesellschaft, in der Wahrheit und Recht missachtet werden. Paulus zeigt, dass solche Verfehlungen nicht nur vereinzelte historische Erscheinungen sind, sondern die zerstörerischen Möglichkeiten der menschlichen Sündhaftigkeit sichtbar machen.
Jesaja 59 enthält darüber hinaus eine bemerkenswerte weiterführende Verbindung. Nachdem der Prophet die Ungerechtigkeit des Volkes und das Fehlen menschlicher Hilfe beschrieben hat, erklärt er, dass Gott selbst eingreift, um Rettung zu schaffen (Jesaja 59,15–20). Auch Römer 3 bewegt sich von der menschlichen Schuld zu Gottes rettendem Handeln. Diese Übereinstimmung bedeutet nicht, dass jeder Satz bei Jesaja dieselbe unmittelbare Bedeutung besitzt wie bei Paulus. Der Prophet spricht zunächst in die konkrete Situation seines Volkes hinein. Dennoch zeigt die thematische Verbindung ein wiederkehrendes Muster biblischer Erlösung: Wo der Mensch die Gerechtigkeit nicht aus eigener Kraft wiederherstellen kann, handelt Gott selbst. Der Zusammenhang zwischen menschlicher Hilflosigkeit und göttlicher Rettung gehört deshalb zu den tragenden Linien beider Texte.
Von besonderer Bedeutung ist ferner die Verbindung zwischen 3. Mose 16, Römer 3,25 und Hebräer 9,11–15. Am großen Versöhnungstag wurde im irdischen Heiligtum ein von Gott vorgeschriebener Dienst zur Entsühnung und Reinigung vollzogen. Die goldene Platte auf der Bundeslade, die sogenannte kappōret, spielte dabei eine besondere Rolle. Das griechische Wort hilastērion, das Paulus in Römer 3,25 verwendet, besitzt eine starke sprachliche Verbindung zu diesem Heiligtumsgegenstand. Der Hebräerbrief beschreibt später ausführlich, dass Christus als Hoherpriester durch sein eigenes Blut eine Erlösung erlangt hat, die den früheren Opferdienst übertrifft. Diese Texte helfen gemeinsam zu verstehen, dass Christi Tod innerhalb der biblischen Heilsgeschichte steht und eine entscheidende Bedeutung für die Versöhnung des Menschen mit Gott besitzt. Während Römer 3 besonders Gottes Gerechtigkeit und die Rechtfertigung betont, entfaltet Hebräer 9 zusätzlich die hohepriesterliche und heiligtumsbezogene Bedeutung von Christi Erlösungswerk.
Eine weitere starke Verbindung besteht zu Jesaja 53,4–12. Dort wird der Knecht des Herrn als ein Gerechter beschrieben, der leidet und die Schuld anderer trägt. Besonders Jesaja 53,5–6 verbindet sein Leiden mit den Verfehlungen der Menschen. Römer 3,24–26 erklärt, dass die Rechtfertigung aus Gottes Gnade durch die Erlösung in Jesus Christus geschieht und mit dessen Blut verbunden ist. Beide Texte tragen damit zu einem umfassenderen Verständnis der stellvertretenden Bedeutung des Leidens Christi bei. Jesaja 53 beschreibt das Schuldtragen des Knechtes, während Paulus erklärt, weshalb Gottes rettendes Handeln die Gerechtigkeit nicht außer Kraft setzt. Diese Aussagen dürfen nicht auf eine bloße Wortähnlichkeit reduziert werden. Ihre Verbindung besteht vielmehr darin, dass Gott die Rettung schuldiger Menschen durch das Leiden und die Hingabe seines gerechten Knechtes beziehungsweise seines Sohnes ermöglicht. Das Neue Testament nimmt diesen Zusammenhang auch an anderen Stellen ausdrücklich auf, etwa in 1. Petrus 2,22–25.
Für die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Gesetz sind Jeremia 31,31–34, Römer 8,3–4 und Hebräer 8,8–12 besonders wichtig. Jeremia verheißt einen neuen Bund, in dem Gottes Weisung in das Innere seines Volkes geschrieben wird und die Vergebung der Sünden eine grundlegende Rolle spielt. Der Hebräerbrief zitiert diese Verheißung ausdrücklich und stellt zugleich die besondere Bedeutung des neuen Bundes heraus. Römer 8 erklärt, dass Gott durch seinen Sohn handelt, damit die gerechte Forderung des Gesetzes in denjenigen erfüllt wird, die nach dem Geist leben. Gemeinsam zeigen diese Stellen, dass Gottes rettendes Handeln nicht nur die Vergebung vergangener Schuld betrifft. Es zielt auch auf eine erneuerte Beziehung zu ihm und auf ein Leben, das von seinem Geist geprägt ist. Dabei bleibt zu beachten, dass der neue Bund nicht lediglich eine unveränderte Wiederholung sämtlicher Ordnungen des früheren Bundes darstellt. Die Schriften bezeugen sowohl die Kontinuität von Gottes gerechtem Willen als auch den wirklichen heilsgeschichtlichen Wandel durch Christus.
Eine ergänzende Verbindung findet sich in Epheser 2,8–10. Dort erklärt Paulus, dass die Rettung aus Gnade durch Glauben geschieht und nicht aus Werken hervorgeht, damit niemand sich rühmen kann. Unmittelbar danach beschreibt er die Glaubenden jedoch als Gottes Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott für sie vorbereitet hat. Dieser Zusammenhang ist für Römer 3,27–31 besonders aufschlussreich. Er zeigt, weshalb Rechtfertigung und Gehorsam nicht miteinander verwechselt, aber auch nicht voneinander getrennt werden dürfen. Gute Werke sind nicht die unabhängige Grundlage, auf der der Mensch seine Rettung verdient. Dennoch gehören sie zur Bestimmung des Lebens, das Gott durch seine Gnade erneuert. Die Reihenfolge besitzt eine grundlegende Bedeutung: Gottes Gnade ermöglicht die Rettung, und das erneuerte Leben soll sich anschließend in entsprechendem Handeln zeigen.
Schließlich verdient Jakobus 2,14–26 besondere Beachtung. Jakobus warnt ausdrücklich vor einem Glauben, der nur behauptet wird, aber keine entsprechenden Taten hervorbringt. Er verwendet wie Paulus Abraham als Beispiel, richtet den Blick jedoch besonders auf dessen gehorsames Handeln bei der Prüfung seines Glaubens. Damit entsteht zunächst eine deutliche sprachliche Spannung zu Römer 3,28, wo Paulus die Rechtfertigung ohne Gesetzeswerke betont. Diese Spannung sollte nicht durch eine oberflächliche Umdeutung der Worte beider Autoren verdeckt werden. Ihre jeweiligen Argumentationszusammenhänge zeigen jedoch unterschiedliche Anliegen. Paulus schließt menschliche Leistungen als Verdienstgrundlage der Rechtfertigung aus. Jakobus widerspricht der Vorstellung, ein von entsprechendem Handeln getrennter Bekenntnisglaube könne retten. Der gemeinsame biblische Zusammenhang besteht darin, dass Gottes Gnade nicht durch menschliche Leistungen ersetzt werden darf, während lebendiger Glaube zugleich nicht als gleichgültig gegenüber dem Willen Gottes verstanden werden kann.
Diese Verbindungen machen sichtbar, dass Römer 3 nicht isoliert von der übrigen Bibel verstanden werden sollte. Die Psalmen bezeugen die Wirklichkeit menschlicher Schuld und die Bedeutung göttlicher Vergebung. Die Propheten verbinden die Anklage gegen das Unrecht mit der Hoffnung auf Gottes rettendes Eingreifen. Die Geschichte Abrahams zeigt die grundlegende Bedeutung des Glaubens, und die Heiligtumsordnung weist auf die Notwendigkeit der Versöhnung hin. Das Neue Testament entfaltet schließlich, wie diese unterschiedlichen Linien in Jesus Christus zusammenkommen und welche Bedeutung seine Erlösung für das Leben der Glaubenden besitzt.
Wichtige Lektionen
Die erste wichtige Lektion aus Römer 3 besteht darin, das eigene Leben ehrlich vor Gott zu prüfen, statt sich vor allem mit den Fehlern anderer Menschen zu beschäftigen. Es fällt häufig leichter, Unrecht bei anderen zu erkennen, als sich mit den eigenen Motiven, Worten und Entscheidungen auseinanderzusetzen. Man kann beispielsweise großen Wert auf die Wahrheit legen und dennoch in einer unangenehmen Situation bewusst etwas verschweigen oder verdrehen. Ebenso kann ein Mensch über fehlende Liebe bei anderen klagen, während er selbst verletzende Worte benutzt. Die Botschaft des Paulus fordert deshalb zu einer Selbstprüfung auf, bei der nicht die Frage im Mittelpunkt steht, ob man besser als andere Menschen ist, sondern ob das eigene Verhalten dem Willen Gottes entspricht. Wer Gottes Wort liest, sollte sich nicht ausschließlich fragen, auf wen die beschriebenen Verfehlungen zutreffen, sondern auch, wo die Schrift das eigene Leben anspricht.
Eine zweite Lektion betrifft den Umgang mit erkannter Schuld. Wenn ein Mensch feststellt, dass er falsch gehandelt hat, kann er versuchen, seine Entscheidung zu rechtfertigen, die Verantwortung anderen zuzuschieben oder die Bedeutung seines Fehlverhaltens herunterzuspielen. Römer 3 zeigt dagegen, dass Gottes Vergebung die Wahrheit über die Sünde nicht voraussetzungslos ersetzt. Deshalb ist es wichtig, Unrecht ehrlich einzugestehen. Wer gelogen hat, sollte seine Lüge nicht dadurch entschuldigen, dass sie möglicherweise einen Streit verhindert hat. Wer einem anderen Menschen Schaden zugefügt hat, sollte sich nicht allein darauf berufen, dass seine Absichten ursprünglich gut gewesen seien. Aufrichtige Umkehr bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und nach Möglichkeit die Folgen des eigenen Unrechts zu korrigieren. Diese Haltung verdient Gottes Vergebung nicht, aber sie entspricht einem Glauben, der seine Gerechtigkeit anerkennt und seine Barmherzigkeit ernst nimmt.
Ebenso wichtig ist es, die eigene Hoffnung auf Jesus Christus und nicht auf die Vollkommenheit der eigenen religiösen Leistungen zu richten. Ein Mensch kann sich ernsthaft bemühen, Gottes Gebote zu halten, die Bibel zu verstehen und anderen zu helfen, ohne dadurch jemals seine Rechtfertigung verdienen zu können. Wer seine Sicherheit ausschließlich aus den eigenen Fortschritten ableitet, wird entweder ständig fürchten müssen, nicht genug getan zu haben, oder beginnen, sich wegen seiner vermeintlichen Leistungen über andere zu erheben. Die Rechtfertigung aus Glauben eröffnet einen anderen Weg. Der Mensch darf seine Bedürftigkeit anerkennen und im Gebet auf Gottes Gnade vertrauen. Gerade wenn er seine Schwachheit erkennt, soll er sich nicht von Gott zurückziehen, sondern bei Christus Vergebung und Hilfe suchen. Der Glaube befreit ihn von dem Versuch, sich selbst zum Erlöser machen zu müssen.
Eine weitere Lektion betrifft die Verantwortung für die eigenen Worte. Paulus zeigt in Römer 3,13–14, wie gefährlich eine Sprache werden kann, die von Täuschung, Bosheit oder Bitterkeit geprägt ist. Diese Warnung ist besonders im alltäglichen Zusammenleben wichtig. Bevor ein Mensch eine belastende Behauptung über einen anderen weitergibt, sollte er prüfen, ob sie tatsächlich wahr ist und ob ihre Weitergabe gerechtfertigt ist. Wer über einen anderen Menschen verärgert ist, sollte vermeiden, ihn durch absichtlich verletzende Worte herabzusetzen. Ebenso gehört zur Wahrhaftigkeit, dass man in schwierigen Gesprächen nicht bewusst ausweicht, täuscht oder falsche Eindrücke erzeugt, um sich selbst in einem besseren Licht darzustellen. Die biblische Forderung nach Wahrheit betrifft nicht nur förmliche Aussagen, sondern auch die Art, wie Menschen im privaten, beruflichen und gemeinschaftlichen Leben miteinander umgehen.
Eng damit verbunden ist die Verantwortung, den Frieden nicht nur zu wünschen, sondern aktiv zu fördern. Paulus verbindet die Sünde mit zerstörerischen Lebenswegen und der Unkenntnis des Friedens. Daraus folgt, dass ein Mensch sein Verhalten nicht allein nach dem unmittelbaren eigenen Vorteil beurteilen sollte. Er muss auch berücksichtigen, welche Folgen seine Entscheidungen für andere haben. Wer einen Konflikt durch bewusste Täuschung verschärft, wer einen Schwächeren ungerecht behandelt oder wer die berechtigten Anliegen anderer grundsätzlich missachtet, trägt zur Zerstörung des Friedens bei. Frieden bedeutet dabei nicht, jedes Unrecht schweigend hinzunehmen. Gerade weil wirklicher Friede mit Wahrheit und Gerechtigkeit verbunden ist, kann es notwendig sein, falsches Verhalten anzusprechen und für Benachteiligte einzutreten. Der Unterschied liegt darin, ob dies mit dem Ziel der Gerechtigkeit und Wiederherstellung geschieht oder aus dem Wunsch, andere zu verletzen und zu erniedrigen.
Eine weitere praktische Folgerung betrifft den Umgang mit religiösem Wissen. Wer die Bibel gut kennt, geistliche Verantwortung trägt oder über viele Jahre Erfahrungen im Glauben gesammelt hat, besitzt Möglichkeiten, die für andere Menschen sehr hilfreich sein können. Solche Vorrechte sollten jedoch niemals zu dem Gedanken führen, man sei deshalb von persönlicher Selbstprüfung ausgenommen. Gerade die Kenntnis göttlicher Wahrheit verpflichtet dazu, das eigene Leben an ihr auszurichten. Ein Mensch, der andere über Ehrlichkeit belehrt, sollte selbst wahrhaftig handeln. Wer Gottes Liebe verkündet, sollte diese Liebe in seinem Umgang mit anderen erkennen lassen. Und wer die Bedeutung der Gebote betont, sollte nicht übersehen, dass Gottes Wille auch Demut, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit umfasst. Religiöse Erkenntnis wird dann zu einem Segen, wenn sie nicht nur zum Reden über Gottes Wahrheit, sondern auch zu einem Leben in ihrer Verantwortung führt.
Römer 3 lehrt außerdem, Menschen nicht nach Herkunft, Kultur oder äußerer religiöser Stellung unterschiedlich zu bewerten. Paulus erklärt, dass der eine Gott Juden und Nichtjuden auf derselben Grundlage rechtfertigt. Daraus ergibt sich für die Gemeinschaft der Glaubenden eine wichtige Verantwortung. Niemand sollte aufgrund seiner Familiengeschichte, seiner Bildung oder der Dauer seiner Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft als grundsätzlich wertvoller gelten. Ein Mensch, der erst vor kurzer Zeit begonnen hat, sich mit der Bibel zu beschäftigen, benötigt dieselbe Gnade wie jemand, der seit vielen Jahren gläubig ist. Ebenso sollte ein erfahrener Christ nicht herablassend auf diejenigen blicken, deren Kenntnisse oder Lebensführung noch von vielen Fragen geprägt sind. Unterschiede in Erfahrung und Verantwortung können bestehen, ohne dass daraus Unterschiede im menschlichen Wert vor Gott entstehen. Gerade die gemeinsame Abhängigkeit von Gottes Gnade sollte gegenseitige Achtung fördern.
Eine weitere Lektion besteht darin, Gottes Geduld nicht mit Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde zu verwechseln. Wenn falsches Verhalten nicht sofort sichtbare Folgen hat, kann der Mensch versucht sein, darin eine stillschweigende Zustimmung Gottes zu sehen. Paulus zeigt jedoch, dass Gottes Langmut nicht bedeutet, dass er das Böse gutheißt. Sie eröffnet vielmehr Raum für Umkehr. Deshalb sollte niemand bewusst an einer erkannten Sünde festhalten, nur weil bisher kein unmittelbares Gericht eingetreten ist. Gottes Geduld ist eine Gelegenheit, sein Verhalten zu überdenken, Verantwortung zu übernehmen und sich ihm zuzuwenden. Sie ist keine Zusicherung, dass Ungerechtigkeit auf Dauer bedeutungslos bleiben werde. Wer Gottes Barmherzigkeit ernst nimmt, sollte deshalb nicht fragen, wie viel Ungehorsam er sich noch erlauben könne, sondern wie er seine Liebe und sein Vertrauen zu Gott im eigenen Leben zum Ausdruck bringen kann.
Schließlich vermittelt Römer 3 eine wichtige Orientierung für das Verhältnis zwischen Glauben, Gnade und Gehorsam. Der Mensch soll weder versuchen, seine Erlösung durch eigene Gesetzeserfüllung zu verdienen, noch die empfangene Gnade als Erlaubnis zum bewussten Ungehorsam betrachten. Beide Haltungen verfehlen den Sinn des Evangeliums. Wer durch Glauben auf Christus vertraut, erkennt Gottes Gerechtigkeit an und möchte sich von seinem Wort führen lassen. Wenn ihm dabei eigene Fehler bewusst werden, muss er nicht seine Hoffnung aufgeben, sondern darf Gottes Vergebung suchen und seinen Weg neu an seinem Willen ausrichten. Gehorsam wird so nicht zum Versuch, Gott etwas abzuzwingen, sondern zur Antwort auf die Liebe, die er bereits empfangen hat.
Die wichtigste persönliche Entscheidung, zu der Römer 3 einlädt, besteht daher darin, die eigene Selbstrechtfertigung aufzugeben und Gottes Gnade im Glauben anzunehmen. Der Mensch muss seine Vergangenheit nicht beschönigen, seine Schuld nicht auf andere abwälzen und seinen Wert nicht durch religiöse Leistungen beweisen. Er darf Gott in Wahrhaftigkeit begegnen und darauf vertrauen, dass Jesus Christus der von Gott gegebene Erlöser ist. Dieses Vertrauen soll zugleich Folgen für den Alltag haben: mehr Ehrlichkeit, mehr Verantwortungsbewusstsein, mehr Demut im Umgang mit anderen und eine ernsthafte Bereitschaft, Gottes Willen zu achten.
Wer die Botschaft von Römer 3 verstanden hat, wird nicht weniger Wert auf Gottes Gerechtigkeit legen, sondern mehr. Er wird jedoch nicht länger seine eigene Leistung zum Fundament seiner Rettung machen, sondern sich auf die Gnade Gottes in Jesus Christus verlassen. Aus diesem Vertrauen kann ein Leben wachsen, das Gottes Liebe nicht verdienen will, sondern auf sie antwortet.