Römer 1
Paulus, ein Knecht Jesu Christi, berufen zum Apostel, ausgesondert, zu predigen das Evangelium Gottes,
32 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Paulus, ein Knecht Jesu Christi, berufen zum Apostel, ausgesondert, zu predigen das Evangelium Gottes,
- 2 welches er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der heiligen Schrift,
- 3 von seinem Sohn, der geboren ist von dem Samen Davids nach dem Fleisch
- 4 und kräftig erwiesen als ein Sohn Gottes nach dem Geist, der da heiligt, seit der Zeit, da er auferstanden ist von den Toten, Jesus Christus, unser HERR,
- 5 durch welchen wir haben empfangen Gnade und Apostelamt, unter allen Heiden den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter seinem Namen,
- 6 unter welchen ihr auch seid, die da berufen sind von Jesu Christo,
- 7 allen, die zu Rom sind, den Liebsten Gottes und berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem HERRN Jesus Christus!
- 8 Aufs erste danke ich meinem Gott durch Jesum Christum euer aller halben, daß man von eurem Glauben in aller Welt sagt.
- 9 Denn Gott ist mein Zeuge, welchem ich diene in meinem Geist am Evangelium von seinem Sohn, daß ich ohne Unterlaß euer gedenke
- 10 und allezeit in meinem Gebet flehe, ob sich's einmal zutragen wollte, daß ich zu euch käme durch Gottes Willen.
- 11 Denn mich verlangt, euch zu sehen, auf daß ich euch mitteile etwas geistlicher Gabe, euch zu stärken;
- 12 das ist, daß ich samt euch getröstet würde durch euren und meinen Glauben, den wir untereinander haben.
- 13 Ich will euch aber nicht verhalten, liebe Brüder, daß ich mir oft habe vorgesetzt, zu euch zu kommen (bin aber verhindert bisher), daß ich auch unter euch Frucht schaffte gleichwie unter andern Heiden.
- 14 Ich bin ein Schuldner der Griechen und der Ungriechen, der Weisen und der Unweisen.
- 15 Darum, soviel an mir ist, bin ich geneigt, auch euch zu Rom das Evangelium zu predigen.
- 16 Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben, die Juden vornehmlich und auch die Griechen.
- 17 Sintemal darin offenbart wird die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie denn geschrieben steht: “Der Gerechte wird seines Glaubens leben.”
- 18 Denn Gottes Zorn vom Himmel wird offenbart über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten.
- 19 Denn was man von Gott weiß, ist ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart,
- 20 damit daß Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen, so man des wahrnimmt, an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt; also daß sie keine Entschuldigung haben,
- 21 dieweil sie wußten, daß ein Gott ist, und haben ihn nicht gepriesen als einen Gott noch ihm gedankt, sondern sind in ihrem Dichten eitel geworden, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert.
- 22 Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden
- 23 und haben verwandelt die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere.
- 24 Darum hat sie auch Gott dahingegeben in ihrer Herzen Gelüste, in Unreinigkeit, zu schänden ihre eigenen Leiber an sich selbst,
- 25 sie, die Gottes Wahrheit haben verwandelt in die Lüge und haben geehrt und gedient dem Geschöpfe mehr denn dem Schöpfer, der da gelobt ist in Ewigkeit. Amen.
- 26 Darum hat sie auch Gott dahingegeben in schändliche Lüste: denn ihre Weiber haben verwandelt den natürlichen Brauch in den unnatürlichen;
- 27 desgleichen auch die Männer haben verlassen den natürlichen Brauch des Weibes und sind aneinander erhitzt in ihren Lüsten und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihres Irrtums (wie es denn sein sollte) an sich selbst empfangen.
- 28 Und gleichwie sie nicht geachtet haben, daß sie Gott erkenneten, hat sie Gott auch dahingegeben in verkehrten Sinn, zu tun, was nicht taugt,
- 29 voll alles Ungerechten, Hurerei, Schalkheit, Geizes, Bosheit, voll Neides, Mordes, Haders, List, giftig, Ohrenbläser,
- 30 Verleumder, Gottesverächter, Frevler, hoffärtig, ruhmredig, Schädliche, den Eltern ungehorsam,
- 31 Unvernünftige, Treulose, Lieblose, unversöhnlich, unbarmherzig.
- 32 Sie wissen Gottes Gerechtigkeit, daß, die solches tun, des Todes würdig sind, und tun es nicht allein, sondern haben auch Gefallen an denen, die es tun.
Kapitelüberblick
Das Evangelium von Jesus Christus ist Gottes Kraft zur Rettung für jeden, der glaubt. Mit dieser grundlegenden Botschaft eröffnet Paulus seinen Brief an die Christen in Rom. Er stellt sich als berufenen Apostel vor und erklärt, dass Gottes Verheißungen in Jesus Christus ihre Erfüllung finden. Zugleich bringt er seine Dankbarkeit für den Glauben der römischen Christen und seinen Wunsch zum Ausdruck, sie persönlich kennenzulernen und gemeinsam im Glauben gestärkt zu werden.
Im Mittelpunkt steht die Gerechtigkeit Gottes, die im Evangelium offenbar wird und durch den Glauben empfangen wird. Anschließend beschreibt Paulus, weshalb der Mensch diese rettende Botschaft benötigt. Obwohl Gottes Macht und Göttlichkeit in seiner Schöpfung erkennbar sind, wenden sich Menschen von ihrem Schöpfer ab und verehren stattdessen das Geschaffene. Diese Abkehr bleibt nicht ohne Folgen: Ihr Denken verdunkelt sich, ihre Begierden geraten in Unordnung und ihr Zusammenleben wird von vielfältiger Ungerechtigkeit geprägt. Paulus beschreibt, wie Gott Menschen ihrer selbst gewählten Richtung überlässt und dadurch die zerstörerischen Folgen der Sünde sichtbar werden.
So bereitet das Kapitel die grundlegende Frage vor, wie schuldige Menschen vor einem gerechten Gott bestehen und Rettung finden können.
Einführung
Als Paulus seinen Brief an die Christen in Rom schrieb, hatte er die dortige Gemeinde noch nicht persönlich besucht. Obwohl er bereits seit Jahren das Evangelium in verschiedenen Gebieten des Römischen Reiches verkündigte, war ihm eine Reise in die Hauptstadt bisher nicht möglich gewesen. Aus seinen späteren Ausführungen erfahren wir, dass er zunächst nach Jerusalem reisen wollte, um eine Sammlung für die dortigen Gläubigen zu überbringen. Danach hoffte er, über Rom bis nach Spanien weiterreisen zu können (Römer 15,22–28). Der Brief entstand somit während einer Zeit, in der Paulus seinen bisherigen Missionsdienst weiterführte und zugleich neue Aufgaben vor Augen hatte.
Rom war das politische Zentrum eines Weltreiches, in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sprache und religiöser Überzeugung zusammenlebten. Auch unter den Christen gab es Gläubige jüdischer und nichtjüdischer Herkunft. Diese unterschiedliche Prägung ist für das Verständnis des Römerbriefes wichtig. Die jüdischen Gläubigen kannten die heiligen Schriften Israels und waren mit Gottes Bund und seinen Geboten vertraut. Christen aus den anderen Völkern hatten häufig einen anderen religiösen und kulturellen Hintergrund. Im weiteren Verlauf des Briefes beschäftigt sich Paulus deshalb auch mit der Frage, wie beide Gruppen durch Jesus Christus gemeinsam zu Gottes Volk gehören und miteinander leben sollen.
Die ausführliche Eröffnung des Briefes ist vor diesem Hintergrund besonders bemerkenswert. Während antike Briefe gewöhnlich mit der Nennung des Absenders, der Empfänger und einem Gruß begannen, erweitert Paulus diese Einleitung um grundlegende Aussagen über seinen Auftrag und die Herkunft seiner Botschaft. Er möchte seine Leser nicht einfach mit einer persönlichen Meinung erreichen, sondern ihnen zeigen, auf welcher Grundlage seine Verkündigung beruht. Deshalb beginnt er mit seiner Berufung zum Dienst für Gott und führt seine Leser unmittelbar zu Jesus Christus, von dem das Evangelium handelt.
Römer 1,1–7
Jesus Christus, der verheißene Sohn Gottes und Mittelpunkt des Evangeliums
Paulus beginnt seinen Brief mit drei Aussagen über sich selbst: Er ist ein Knecht Jesu Christi, ein berufener Apostel und für das Evangelium Gottes ausgesondert (Vers 1). Diese Bezeichnungen erklären, aus welcher Überzeugung heraus er schreibt und worauf sich seine Autorität gründet. Das griechische Wort für „Knecht“ (doulos) bezeichnet ursprünglich einen Sklaven, also einen Menschen, der einem Herrn gehört. Paulus verwendet diesen Ausdruck bewusst für seine Zugehörigkeit zu Jesus Christus. Sein Leben steht nicht mehr unter seiner eigenen Herrschaft, sondern im Dienst dessen, den er als seinen Herrn anerkennt. Zugleich besitzt die Bezeichnung einen ehrwürdigen biblischen Hintergrund. Bereits Mose, David und die Propheten werden als Knechte Gottes bezeichnet (Josua 1,1–2; Psalm 89,4; Amos 3,7). Der Ausdruck verbindet deshalb die persönliche Hingabe an Gott mit dem Auftrag, in seinem Namen zu handeln.
Wenn Paulus sich anschließend einen „berufenen Apostel“ nennt, betont er, dass er dieses Amt nicht eigenmächtig übernommen hat. Ein Apostel ist ein Gesandter, der im Auftrag eines anderen handelt und dessen Botschaft überbringt. Paulus beruft sich auf seine Begegnung mit dem auferstandenen Jesus Christus, der ihn zum Zeugen und Verkündiger berief (Apostelgeschichte 9,3–15; 26,15–18). Besonders bemerkenswert ist dieser Auftrag angesichts seiner Vergangenheit. Bevor Paulus Christus erkannte, hatte er die Gemeinde Gottes verfolgt. Dennoch nahm Gott gerade diesen Mann in seinen Dienst. In Galater 1,13–16 beschreibt Paulus später, wie Gott ihn durch seine Gnade berief, um seinen Sohn unter den Völkern zu verkündigen. Seine apostolische Stellung war somit weder eine Belohnung für frühere Leistungen noch das Ergebnis menschlicher Anerkennung. Sie beruhte auf Gottes Berufung und Gnade.
Dazu passt die dritte Aussage, dass Paulus zum Evangelium Gottes „ausgesondert“ wurde. Das bedeutet, dass Gott ihn für eine bestimmte Aufgabe bestimmt und seinem Dienst eine neue Richtung gegeben hatte. Das Evangelium ist dabei nicht einfach die persönliche Lehre des Paulus. Der Ausdruck „Evangelium Gottes“ macht deutlich, dass die Botschaft von Gott ausgeht und seinen rettenden Willen bekannt macht. Paulus sieht sich nicht als Erfinder einer neuen Religion, sondern als Beauftragten, der verkündigt, was Gott durch Jesus Christus getan hat. Bereits in diesen ersten Worten wird deshalb erkennbar, dass sowohl der Bote als auch die Botschaft vollständig auf Gottes Handeln ausgerichtet sind.
In Vers 2 fügt Paulus eine entscheidende Erklärung hinzu: Dieses Evangelium wurde bereits zuvor durch Gottes Propheten in den heiligen Schriften verheißen. Damit stellt er eine Verbindung zwischen der Botschaft von Jesus Christus und der Geschichte Israels her. Das Evangelium entstand nicht erst als nachträglicher Plan, nachdem die Menschheit gesündigt hatte. Gott hatte sein rettendes Handeln schon lange im Voraus angekündigt. Die Verheißung an Abraham, durch seinen Nachkommen sollten alle Völker der Erde gesegnet werden (1. Mose 22,18), gehört ebenso zu dieser Linie wie Gottes Zusage an David, dass seine Königsherrschaft durch einen Nachkommen Bestand haben werde (2. Samuel 7,12–16). Auch die Propheten kündigten einen kommenden Herrscher aus Davids Geschlecht an, der Gerechtigkeit schaffen und Gottes Volk retten sollte (Jesaja 11,1–5; Jeremia 23,5–6). Paulus versteht Jesus Christus als denjenigen, in dem diese Verheißungen ihre Erfüllung finden.
Gerade diese Verbindung ist für das Verständnis des Römerbriefes grundlegend. Paulus stellt den Glauben an Christus nicht als Gegensatz zu den heiligen Schriften Israels dar. Vielmehr sieht er zwischen Gottes früheren Verheißungen und dem Evangelium einen inneren Zusammenhang. Die Schriften, auf die er sich hier bezieht, sind diejenigen, die wir heute als Altes Testament kennen. Sie bezeugen Gottes Handeln, seine Verheißungen und seine Absicht, Menschen zu retten. Allerdings bedeutet dies nicht, dass jeder einzelne alttestamentliche Text unmittelbar von Jesus handelt. Entscheidend ist, dass Paulus die Geschichte der göttlichen Verheißungen als eine zusammenhängende Entwicklung versteht, deren Ziel in Christus erreicht wird.
In den Versen 3 und 4 richtet Paulus den Blick unmittelbar auf Jesus. Er nennt ihn zunächst Gottes Sohn und erklärt anschließend, dass er „aus dem Samen Davids nach dem Fleisch“ hervorgegangen ist. Mit dem Ausdruck „Samen Davids“ beschreibt Paulus seine Abstammung aus der königlichen Linie Davids. Das Wort „Fleisch“ bezeichnet hier nicht sündiges Verhalten, sondern Jesu wirkliche menschliche Herkunft und sein Leben innerhalb der menschlichen Geschichte. Der Sohn Gottes trat nicht nur scheinbar als Mensch auf, sondern wurde tatsächlich Mensch. Er gehört zur Geschichte Israels und zu der Familie, mit der Gott seine messianischen Verheißungen verbunden hatte. Auch die Evangelien betonen diese Herkunft, indem sie Jesus als Sohn Davids vorstellen (Matthäus 1,1; Lukas 1,32–33).
Darauf folgt eine ebenso bedeutende Aussage über seine Auferstehung. Die Schlachter-Bibel 1951 beschreibt Jesus in Vers 4 als „erwiesen als Sohn Gottes in Kraft“. Das griechische Wort, das hier mit „erwiesen“ übersetzt wird, kann genauer „bestimmt“ oder „eingesetzt“ bedeuten. Deshalb ist die gesamte Formulierung wichtig: Paulus sagt nicht einfach, Jesus sei durch die Auferstehung erstmals Gottes Sohn geworden. Bereits Vers 3 spricht ausdrücklich von Gottes Sohn, bevor dessen menschliche Abstammung und Auferstehung beschrieben werden. Die Auferstehung kennzeichnet vielmehr den Übergang zu seiner machtvollen Stellung als auferstandener und erhöhter Herr. Während Jesus in seinem irdischen Leben Erniedrigung, Leiden und Tod auf sich nahm, wurde durch seine Auferstehung seine siegreiche Herrschaft offenbar. Dazu passt seine Aussage nach der Auferstehung, dass ihm alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben sei (Matthäus 28,18). Seine Sohnschaft beginnt also nicht erst mit der Auferstehung; vielmehr tritt er nun als Sohn Gottes in Macht hervor.
Paulus verbindet diese Aussage mit der ungewöhnlichen Formulierung „nach dem Geiste der Heiligkeit“. Sie steht dem vorhergehenden „nach dem Fleisch“ gegenüber und lenkt den Blick auf eine andere Seite der Person und Stellung Jesu. Während seine Herkunft aus David seine menschliche Abstammung beschreibt, verweist die zweite Formulierung auf seine Heiligkeit und das machtvolle Wirken Gottes im Zusammenhang mit seiner Auferstehung. Ob Paulus mit dem „Geist der Heiligkeit“ unmittelbar den Heiligen Geist meint oder die geistliche, von Heiligkeit gekennzeichnete Wirklichkeit Christi beschreibt, wird unterschiedlich verstanden. Der Zusammenhang erlaubt jedoch eine klare Hauptaussage: Der aus Davids Geschlecht hervorgegangene Jesus ist nicht lediglich ein menschlicher König. Er ist der auferstandene Sohn Gottes, den Paulus am Ende von Vers 4 ausdrücklich „Jesus Christus, unser Herr“ nennt. In dieser Bezeichnung verbindet sich die Hoffnung Israels auf den verheißenen Messias mit der Herrschaft des auferstandenen Christus.
In Vers 5 kehrt Paulus zu seinem eigenen Auftrag zurück und erklärt, dass er durch Jesus Christus Gnade und Apostelamt empfangen hat, um unter den Völkern „Glaubensgehorsam“ hervorzubringen. Dieser Ausdruck verdient besondere Aufmerksamkeit, weil Paulus hier zwei Begriffe miteinander verbindet, die häufig fälschlich gegeneinander ausgespielt werden. Glauben bedeutet im biblischen Sinn nicht nur, bestimmte Aussagen über Gott für wahr zu halten. Wer dem Evangelium glaubt, nimmt Gottes Botschaft an, vertraut Christus und erkennt ihn als Herrn an. Ein solcher Glaube besitzt deshalb eine innere Verbindung zum Gehorsam. Die griechische Formulierung lässt sowohl an den Gehorsam denken, der im Glauben selbst besteht, als auch an den Gehorsam, der aus echtem Glauben hervorgeht. Beides gehört in der Gedankenwelt des Paulus eng zusammen.
Damit lehrt Paulus keineswegs, dass der Mensch sich Gottes Gnade erst durch gute Werke verdienen müsse. Schon die Reihenfolge seiner eigenen Aussage spricht dagegen: Zuerst empfängt er durch Christus Gnade und seinen Auftrag; danach beschreibt er das Ziel dieses Dienstes. Die Gnade Gottes ist nicht das Ergebnis menschlicher Leistung, sondern der Ausgangspunkt des neuen Lebens. Gleichzeitig ist sie keine Erlaubnis, Gottes Willen gleichgültig gegenüberzustehen. Der Mensch, der Christus vertraut, soll lernen, ihm auch zu folgen. Dass Paulus diese Verbindung bewusst wichtig ist, erkennt man daran, dass er am Ende des Römerbriefes erneut vom Glaubensgehorsam unter den Völkern spricht (Römer 16,26). Der Ausdruck bildet somit einen Rahmen um den gesamten Brief. Glaube und Gehorsam sind für Paulus keine konkurrierenden Wege zu Gott. Vielmehr gehört zum rettenden Glauben eine Antwort des Vertrauens, die das Leben verändert.
Dieser Auftrag gilt nach Vers 5 „unter allen Völkern“ und geschieht um des Namens Jesu Christi willen. Die rettende Botschaft ist nicht auf das jüdische Volk beschränkt, obwohl sie tief in dessen Geschichte und Verheißungen verwurzelt ist. Von Anfang an hatte Gott Abraham zugesagt, dass durch seinen Nachkommen alle Völker gesegnet werden sollten (1. Mose 22,18). Nun erkennt Paulus in der Verkündigung Jesu Christi die Erfüllung dieses weitreichenden göttlichen Vorhabens. Das Ziel seiner Arbeit besteht dabei nicht darin, seinen eigenen Einfluss zu vergrößern oder Menschen an seine Person zu binden. Vielmehr sollen sie Jesus Christus kennenlernen, ihm vertrauen und seinen Namen ehren.
In Vers 6 bezieht Paulus die Christen in Rom ausdrücklich in diesen göttlichen Ruf ein. Auch sie gehören zu den Menschen, die Jesus Christus berufen hat. Obwohl Paulus die Gemeinde noch nicht persönlich besucht hatte, begegnet er ihr deshalb nicht als einer fremden Gruppe, deren Zugehörigkeit zu Christus erst durch seine Anerkennung bestätigt werden müsste. Er erkennt an, dass Gottes Berufung bereits unter ihnen wirksam geworden ist. Zugleich erinnert er sie daran, dass ihre wichtigste Zugehörigkeit nicht durch ihre Herkunft, ihre gesellschaftliche Stellung oder ihren Wohnort bestimmt wird, sondern durch Jesus Christus.
Diese Würde entfaltet Paulus in Vers 7 noch weiter. Er richtet seinen Brief an die von Gott Geliebten in Rom, die als Heilige berufen sind. Der Ausdruck „Heilige“ bezeichnet hier nicht eine kleine Gruppe besonders vollkommener Menschen, die sich durch außergewöhnliche religiöse Leistungen hervorgetan haben. Im biblischen Sprachgebrauch bedeutet Heiligkeit zunächst, Gott zu gehören und für ihn abgesondert zu sein. Wie Israel von Gott zu seinem Eigentumsvolk berufen wurde (2. Mose 19,5–6), so bezeichnet Paulus die Gläubigen als Menschen, die durch Gottes Berufung zu ihm gehören. Diese Zugehörigkeit schließt den Auftrag zu einem geheiligten Leben ein, setzt aber nicht voraus, dass die Angesprochenen bereits frei von jeder Sünde oder Schwäche wären. Dass Paulus später auch ihre Irrtümer und Gefahren anspricht, zeigt, wie sehr Berufung und notwendige geistliche Veränderung zusammengehören.
Schließlich schließt Paulus seine ausführliche Anrede mit dem Segenswunsch „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unsrem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“ (Vers 7). Diese beiden Worte fassen wesentliche Seiten des christlichen Lebens zusammen. Gnade bezeichnet Gottes unverdiente Zuwendung, durch die er schuldigen Menschen begegnet und ihnen Rettung schenkt. Friede meint mehr als die Abwesenheit äußerer Konflikte. Im biblischen Sinn umfasst er das heilvolle Verhältnis zu Gott, aus dem auch ein verändertes Zusammenleben mit anderen Menschen erwachsen soll. Bemerkenswert ist, dass Paulus Gnade und Frieden gemeinsam von Gott, dem Vater, und Jesus Christus herleitet. Der Vater und der Sohn stehen nicht als Gegenspieler einander gegenüber. Vielmehr begegnet der Mensch im Evangelium dem rettenden Handeln Gottes durch seinen Sohn.
So erhält die lange Briefanrede eine besondere Bedeutung. Noch bevor Paulus die Probleme der menschlichen Sünde, die Fragen nach Gottes Gerechtigkeit und die Herausforderungen des christlichen Lebens behandelt, hat er seinen Lesern gezeigt, auf wen sie vertrauen dürfen. Seine eigene Berufung beruht auf Gnade, seine Botschaft steht in der Geschichte göttlicher Verheißungen, Jesus Christus ist der auferstandene Herr, und die Gläubigen gehören zu den von Gott Geliebten. Auf dieser Grundlage kann Paulus sich nun persönlich an die Gemeinde wenden und erklären, weshalb er für ihren Glauben dankbar ist und sich danach sehnt, sie zu besuchen.
Römer 1,8–12
Dankbarkeit, Fürbitte und die gegenseitige Stärkung im Glauben
Nach seiner ausführlichen Vorstellung wendet sich Paulus den Christen in Rom persönlich zu. Seine ersten Worte gelten nicht einer Belehrung oder einer Ermahnung, sondern der Dankbarkeit. In Vers 8 erklärt er, dass er Gott durch Jesus Christus für sie alle dankt, weil ihr Glaube in der ganzen Welt verkündigt wird. Obwohl Paulus diese Gemeinde noch nicht persönlich besucht hatte, wusste er von ihrem Glauben und betrachtete ihr geistliches Leben als Anlass zur Freude. Bemerkenswert ist dabei, an wen er seinen Dank richtet. Er lobt die Gläubigen nicht einfach für ihre religiösen Leistungen, sondern dankt Gott für das, was unter ihnen entstanden ist. Darin zeigt sich eine grundlegende Überzeugung des Apostels: Wenn Menschen Jesus Christus erkennen und ihm vertrauen, ist das nicht nur das Ergebnis menschlicher Entscheidungen oder Überzeugungskraft. Es ist zugleich ein Zeichen dafür, dass Gottes rettende Botschaft in ihrem Leben wirksam geworden ist. Deshalb gebührt Gott der Dank, auch wenn Menschen selbst auf diese Botschaft antworten müssen.
Paulus sagt ausdrücklich, dass er Gott „durch Jesus Christus“ dankt. Diese Formulierung knüpft an seine vorherige Darstellung Jesu als des auferstandenen Herrn an. Für Paulus ist Christus nicht nur der Inhalt seiner Verkündigung, sondern auch derjenige, durch den Menschen Zugang zu Gott haben. Später erklärt er im Römerbrief, dass Gläubige durch Jesus Christus Frieden mit Gott und Zugang zu seiner Gnade erhalten haben (Römer 5,1–2). Ebenso beschreibt er Christus als denjenigen, der zur Rechten Gottes für die Gläubigen eintritt (Römer 8,34). Wenn Paulus also durch Christus dankt, bringt er damit zum Ausdruck, dass auch sein persönliches Gebetsleben auf der durch Jesus geschaffenen Gemeinschaft mit Gott beruht. Seine Dankbarkeit ist damit nicht von der Botschaft getrennt, die er verkündigt. Was er anderen über Christus lehrt, prägt auch seine eigene Beziehung zu Gott.
Die Aussage, dass der Glaube der römischen Christen „in der ganzen Welt“ verkündigt werde, muss im damaligen Sprachgebrauch verstanden werden. Paulus behauptet damit nicht, dass bereits jeder Mensch auf der Erde von dieser Gemeinde gehört hätte. Vielmehr beschreibt er die weite Bekanntheit ihres Glaubens innerhalb der Welt, die durch das Römische Reich und die Verbindungen zwischen den christlichen Gemeinden geprägt war. Rom war als Hauptstadt ein bedeutender Mittelpunkt von Handel, Verwaltung und Reisen. Menschen aus zahlreichen Provinzen kamen in die Stadt und kehrten wieder in ihre Heimat zurück. Dadurch konnten Nachrichten über das Leben der Christen in Rom weit über die Stadt hinausgelangen. Ähnlich lobt Paulus die Christen in Thessalonich, weil sich die Nachricht von ihrem Glauben an Gott verbreitet hatte (1. Thessalonicher 1,8). In beiden Fällen geht es nicht um äußerlichen Ruhm, sondern um ein Zeugnis, das andere Gläubige ermutigt und Gottes Wirken bekannt macht. Der Glaube einer Gemeinde bleibt nicht ohne Bedeutung für ihre Umgebung. Wo Menschen tatsächlich auf Christus vertrauen und entsprechend leben, kann ihre Haltung auch andere erreichen und stärken.
In Vers 9 lässt Paulus seine Leser anschließend an seinem persönlichen Gebetsleben teilhaben. Er ruft Gott zum Zeugen dafür an, dass er unablässig an sie denkt. Diese ungewöhnlich feierliche Bekräftigung unterstreicht, wie ernst ihm seine Beziehung zu den Christen in Rom ist. Da er ihnen bisher nicht persönlich begegnet war, konnten sie seine innere Haltung nicht aus gemeinsamen Erfahrungen beurteilen. Deshalb versichert er ihnen, dass sein Interesse nicht erst durch das Schreiben des Briefes entstanden ist. Er trägt ihre Gemeinde bereits seit längerer Zeit im Gebet vor Gott. Dass er Gott als Zeugen nennt, ist dabei keine gedankenlose religiöse Redewendung. Paulus beruft sich auf denjenigen, der auch seine verborgenen Beweggründe kennt. Eine ähnliche Formulierung gebraucht er in Philipper 1,8, wo er Gott zum Zeugen seiner herzlichen Zuneigung zu den Gläubigen macht. Seine Worte zeigen, dass christliche Verbundenheit nicht davon abhängig ist, ob Menschen einander bereits persönlich kennen. Die gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus kann eine aufrichtige Verantwortung füreinander begründen, die sich besonders im Gebet ausdrückt.
Paulus beschreibt seinen Dienst in diesem Zusammenhang mit den Worten, dass er Gott „in meinem Geist“ am Evangelium seines Sohnes dient. Damit geht sein Gottesdienst weit über bestimmte äußere religiöse Handlungen hinaus. Der Ausdruck weist auf die innere Beteiligung seiner ganzen Person hin. Paulus erfüllt seinen Auftrag nicht lediglich als eine Pflicht, die er äußerlich verrichtet, während sein Herz unbeteiligt bleibt. Die Verkündigung des Evangeliums ist für ihn eine Sache aufrichtiger Hingabe. Das bedeutet jedoch nicht, dass äußere Handlungen oder geordnete Formen des Gottesdienstes unwichtig wären. Vielmehr sollen der sichtbare Dienst und die innere Haltung des Menschen zusammengehören. Eine ähnliche Verbindung begegnet in Johannes 4,23–24, wo Jesus von der Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit spricht. Zugleich ist zu beachten, dass Paulus mit der Formulierung „in meinem Geist“ hier nicht ausdrücklich eine besondere Offenbarung oder eine bestimmte Geistesgabe beschreibt. Im unmittelbaren Zusammenhang betont er vor allem die persönliche Aufrichtigkeit seines Dienstes vor Gott. Bemerkenswert ist außerdem, dass er diesen Dienst unmittelbar mit seiner Fürbitte verbindet. Für Paulus gehören die öffentliche Verkündigung und das verborgene Gebet zusammen.
In Vers 10 wird deutlich, welches besondere Anliegen Paulus immer wieder vor Gott bringt: Er bittet darum, endlich die Möglichkeit zu erhalten, die Christen in Rom persönlich zu besuchen. Die Schlachter-Bibel 1951 gibt seinen Wunsch mit der Bitte wieder, dass ihm „durch den Willen Gottes“ die Reise ermöglicht werden möge. Darin begegnen sich eine starke persönliche Sehnsucht und die bewusste Unterordnung unter Gottes Führung. Paulus möchte nach Rom kommen, doch er betrachtet seinen Wunsch nicht automatisch als verbindliche Anweisung Gottes. Er betet darum, dass sich eine Gelegenheit eröffnet, wenn dies Gottes Willen entspricht. Diese Haltung erinnert an die Unterweisung in Jakobus 4,13–15, nach der Menschen ihre Zukunft nicht mit selbstverständlicher Gewissheit planen sollen, sondern in dem Bewusstsein, dass ihre Vorhaben von Gottes Willen abhängen. Zugleich bedeutet die Abhängigkeit von Gottes Führung keine Untätigkeit. Paulus plant, betet und verfolgt seinen Auftrag mit Entschlossenheit. Gerade weil ihm sein Wunsch wichtig ist, bringt er ihn immer wieder vor Gott. Sein Beispiel zeigt, dass ernsthaftes Gebet und verantwortungsbewusstes Handeln keine Gegensätze bilden.
Warum Paulus so sehr nach einem Besuch verlangt, erklärt er in Vers 11. Er möchte den Christen in Rom „etwas geistliche Gabe“ mitteilen, damit sie gestärkt werden. Das Wort, das hier mit „Gabe“ übersetzt wird, lautet im Griechischen charisma und ist mit dem Wort für Gnade verwandt. Es bezeichnet eine Gabe, die ihren Ursprung in Gottes gnädigem Handeln hat. Im Neuen Testament wird dieser Ausdruck unterschiedlich verwendet. Er kann besondere geistliche Befähigungen zum Dienst bezeichnen, aber auch andere Wirkungen und Geschenke göttlicher Gnade. Deshalb sollte man aus diesem Vers nicht vorschnell schließen, Paulus habe vorgehabt, jedem römischen Christen durch eine bestimmte Handlung eine außergewöhnliche Geistesgabe zu übertragen. Der Text nennt keine konkrete Gabe und beschreibt auch keine entsprechende Zeremonie. Entscheidend ist vielmehr der Zweck seines Besuches: Die Gläubigen sollen geistlich gestärkt werden. Durch seine Verkündigung, seine Unterweisung und die persönliche Gemeinschaft mit ihnen möchte Paulus dazu beitragen, dass ihr Vertrauen auf Christus gefestigt wird und sie in ihrem Glauben bestehen können.
Das griechische Wort für „stärken“ trägt den Gedanken in sich, jemanden fest oder standhaft zu machen. Paulus verwendet einen verwandten Ausdruck auch in 1. Thessalonicher 3,2, wo er Timotheus zu den Gläubigen sendet, um sie im Glauben zu stärken und zu ermutigen. Daraus wird deutlich, dass geistliches Wachstum nicht allein darin besteht, neue Erkenntnisse zu sammeln. Christen sollen durch das Wort Gottes in ihrem Vertrauen gefestigt werden, damit sie auch unter Schwierigkeiten an Christus festhalten. Gerade in einer Umgebung, in der andere religiöse Vorstellungen, gesellschaftliche Erwartungen und persönliche Belastungen auf sie einwirkten, war diese Stärkung von Bedeutung. Dennoch vermittelt Paulus nicht den Eindruck, die Christen in Rom seien bisher ohne wirklichen Glauben gewesen. Im Gegenteil: Bereits Vers 8 hatte ihren Glauben ausdrücklich gewürdigt. Die Tatsache, dass sie Christus angehörten, bedeutete nicht, dass sie keine weitere Ermutigung oder Unterweisung benötigten. Geistliche Reife ist kein Zustand, in dem ein Mensch nichts mehr lernen müsste. Auch ein lebendiger Glaube soll weiter wachsen und gefestigt werden.
Mit Vers 12 nimmt Paulus schließlich eine bemerkenswerte Ergänzung vor. Er erklärt, dass er selbst unter ihnen „mitgetröstet“ werden möchte, und zwar durch den gemeinschaftlichen Glauben, den ihren und den seinen. Damit erweitert er den zunächst einseitig erscheinenden Gedanken seines Besuches. Er möchte nicht nur als Apostel kommen, der den Gläubigen etwas vermittelt. Er erwartet ebenso, durch ihre Gemeinschaft gestärkt und ermutigt zu werden. Das griechische Wort beschreibt ein gemeinsames Ermutigtwerden und unterstreicht die gegenseitige Wirkung des Glaubens. Paulus besitzt zwar eine besondere apostolische Berufung und trägt Verantwortung für die Verkündigung des Evangeliums, doch daraus folgt nicht, dass er selbst keine geistliche Unterstützung mehr benötigt. Er sieht die Christen in Rom nicht bloß als Empfänger seiner Belehrung, sondern als Glaubensgeschwister, deren Vertrauen auf Christus auch ihm eine Hilfe sein kann. Diese gegenseitige Stärkung ist keine bloße Höflichkeitsformel, sondern gehört zu seinem Verständnis christlicher Gemeinschaft.
Wie tief dieser Wunsch in Paulus verwurzelt war, zeigt ein späteres Ereignis aus seinem Leben. Als er schließlich nach Rom gelangte, geschah dies unter völlig anderen Umständen, als man bei einer gewöhnlichen Missionsreise erwarten würde. Er kam als Gefangener, der sich auf den Kaiser berufen hatte. Doch als ihm auf dem Weg nach Rom Christen entgegenkamen, berichtet die Apostelgeschichte, dass er Gott dankte und neuen Mut fasste (Apostelgeschichte 28,15). Gerade dieser kurze Bericht verdeutlicht rückblickend, was Paulus in Römer 1,12 gemeint hatte. Der Apostel, der zahlreiche Gemeinden gegründet, Menschen unterwiesen und große Schwierigkeiten ertragen hatte, wurde selbst durch die Gegenwart anderer Gläubiger ermutigt. Ihre Begegnung war für ihn nicht deshalb wertvoll, weil sie ihm etwas bieten konnten, was Christus nicht geben konnte, sondern weil Gott die Gemeinschaft seiner Kinder ebenfalls dazu gebraucht, Menschen zu stärken.
In diesen Versen wird somit eine Seite des christlichen Lebens sichtbar, die leicht übersehen werden kann. Glaube ist eine persönliche Beziehung zu Gott, aber er ist nicht als völlige Unabhängigkeit von anderen Gläubigen gedacht. Die Christen in Rom konnten durch Paulus' Unterweisung wachsen, während Paulus selbst durch ihren Glauben Ermutigung finden wollte. Beide Seiten sollten nicht auf ihre eigene geistliche Erfahrung beschränkt bleiben, sondern einander helfen, in der Verbindung mit Christus standhaft zu werden. Dazu gehört auch das Gebet füreinander, das Paulus bereits vor einer persönlichen Begegnung praktizierte. Seine Dankbarkeit, seine Fürbitte und sein Wunsch nach gegenseitiger Ermutigung zeigen, wie eng geistliche Verantwortung und herzliche Gemeinschaft miteinander verbunden sind.
Damit ist zugleich die Grundlage für sein weiteres Anliegen gelegt. Paulus möchte den Christen in Rom nicht nur persönlich begegnen und ihren Glauben stärken. Er sieht in einem möglichen Besuch auch eine Gelegenheit, seinen apostolischen Auftrag unter den Menschen dieser Stadt weiterzuführen. Deshalb erklärt er anschließend, weshalb seine bisherigen Reisepläne noch nicht verwirklicht werden konnten und warum er sich verpflichtet sieht, das Evangelium Menschen unterschiedlicher Herkunft zu verkündigen.
Römer 1,13–15
Der Auftrag, allen Menschen das Evangelium zu verkündigen
Nachdem Paulus seinen Wunsch nach einer persönlichen Begegnung mit den Christen in Rom erklärt hat, macht er in Vers 13 deutlich, dass dieser Wunsch keineswegs neu ist. Schon oftmals hatte er sich vorgenommen, nach Rom zu reisen, war jedoch bisher daran gehindert worden. Seine Worte zeigen, dass selbst ein von Gott berufener Apostel nicht alle seine Vorhaben nach eigenen Vorstellungen verwirklichen konnte. Obwohl Paulus seinen Auftrag mit großer Entschlossenheit ausführte, blieb sein Lebensweg von Umständen geprägt, die er nicht vollständig beeinflussen konnte. Bemerkenswert ist dabei, dass er die bisherigen Hindernisse nicht näher beschreibt. Er behauptet an dieser Stelle weder, Gott habe ihn ausdrücklich zurückgehalten, noch nennt er bestimmte äußere Schwierigkeiten. Deshalb wäre es unbegründet, hinter jeder verhinderten Reise unmittelbar ein besonderes göttliches Eingreifen zu vermuten. Erst später erklärt Paulus, dass ihn seine ausgedehnte Verkündigungsarbeit in anderen Gebieten wiederholt daran gehindert hatte, nach Rom zu kommen (Römer 15,20–23). Sein bisheriger Auftrag beanspruchte ihn so sehr, dass er seinen lang gehegten Reisewunsch noch nicht verwirklichen konnte.
Darin liegt eine wichtige Unterscheidung zwischen persönlichem Wollen und tatsächlicher Berufung. Paulus hatte nicht deshalb auf eine Reise nach Rom verzichtet, weil ihm die dortigen Christen gleichgültig gewesen wären. Vielmehr musste er innerhalb seines Dienstes Prioritäten setzen. Er wollte besonders dort das Evangelium verkündigen, wo Christus noch nicht bekannt war (Römer 15,20). Diese Aufgabe führte ihn zunächst in andere Gebiete. Seine Erfahrungen erinnern daran, dass ein guter und sinnvoller Wunsch nicht unbedingt sofort verwirklicht werden kann. Auch Menschen, die Gott aufrichtig dienen, begegnen Grenzen ihrer Zeit, ihrer Möglichkeiten und ihrer persönlichen Planung. Daraus folgt jedoch nicht, dass ihre bisherigen Bemühungen vergeblich gewesen wären oder Gott sie verlassen hätte. Paulus hielt an seinem Anliegen fest, ohne seine gegenwärtigen Verpflichtungen zu vernachlässigen.
Mit seiner geplanten Reise verband Paulus ein weiteres Ziel. Er wollte auch unter den Christen in Rom „etwas Frucht schaffen“, wie es die Schlachter-Bibel 1951 ausdrückt. Das Bild der Frucht begegnet in der Bibel häufig, doch seine genaue Bedeutung muss jeweils aus dem Zusammenhang erschlossen werden. Jesus verwendet es beispielsweise für das Leben eines Menschen, dessen Verbindung mit ihm sichtbare Auswirkungen hervorbringt (Johannes 15,4–5). Paulus spricht an anderer Stelle von der Frucht des Geistes, die sich in Liebe, Freude, Frieden und weiteren Eigenschaften eines veränderten Lebens zeigt (Galater 5,22–23). In Römer 1,13 steht das Bild jedoch besonders im Zusammenhang seines apostolischen Verkündigungsauftrags. Paulus möchte, dass seine Arbeit auch in Rom geistliche Ergebnisse hervorbringt, wie er es bereits unter anderen Völkern erlebt hatte.
Diese Frucht lässt sich deshalb nicht ausschließlich auf die Bekehrung neuer Menschen oder allein auf die persönliche Heiligung bereits gläubiger Christen begrenzen. Beide Bereiche passen zu seinem Anliegen. Durch die Verkündigung des Evangeliums sollten weitere Menschen Christus kennenlernen, während diejenigen, die bereits glaubten, in ihrer Erkenntnis und ihrem Vertrauen gestärkt werden konnten. Dass Paulus ausdrücklich von einer Frucht „unter euch“ spricht, ist dabei bemerkenswert. Die römischen Christen waren keine ungläubige Gruppe, der er das Evangelium erstmals bringen musste. Ihr Glaube war bereits bekannt, wie Vers 8 gezeigt hat. Dennoch erwartete Paulus, dass Gottes Wort auch unter ihnen weitere Wirkung entfalten würde. Damit wird deutlich, dass die Frucht des Evangeliums nicht mit der ersten Glaubensentscheidung abgeschlossen ist. Wo die Botschaft Christi angenommen wird, soll sie Menschen weiterhin prägen, im Glauben festigen und durch ihr Leben andere erreichen.
Zugleich bewahrt die Formulierung „etwas Frucht“ vor einem übersteigerten Verständnis apostolischer Leistung. Paulus spricht nicht davon, dass er in Rom aus eigener Macht eine bestimmte Anzahl von Menschen gewinnen oder eine genau festgelegte geistliche Entwicklung hervorbringen könne. Er weiß, dass seine Aufgabe darin besteht, das Evangelium treu zu verkündigen, während die eigentliche Wirksamkeit von Gott kommt. Diesen Unterschied erklärt er besonders anschaulich in 1. Korinther 3,6–7. Dort vergleicht er seinen Dienst mit der Arbeit auf einem Feld: Er selbst hat gepflanzt, Apollos hat begossen, doch Gott hat das Wachstum gegeben. Das bedeutet nicht, dass menschliches Handeln bedeutungslos wäre. Pflanzen und Begießen sind notwendig, aber sie verfügen nicht selbst über die Kraft, Leben hervorzubringen. Ebenso versteht Paulus seine Verkündigung als verantwortlichen Dienst, dessen geistliche Frucht letztlich von Gottes Wirken abhängt.
In Vers 14 erklärt Paulus, weshalb er diesen Auftrag mit solcher Entschlossenheit verfolgt. Er bezeichnet sich als Schuldner sowohl der Griechen als auch der Barbaren, sowohl der Weisen als auch der Unverständigen. Auf den ersten Blick könnte dieses Bekenntnis überraschen. Was sollte Paulus all diesen Menschen schulden, von denen er viele niemals kennengelernt hatte? Der Ausdruck bezieht sich nicht auf eine persönliche Verpflichtung, die durch empfangene materielle Hilfe entstanden wäre. Paulus hatte vielmehr von Jesus Christus einen Auftrag erhalten, der ihn gegenüber den Menschen verantwortlich machte. Ihm war die Botschaft von Gottes Rettung anvertraut worden, damit er sie weitergab. Wer mit einer Botschaft beauftragt wird, die für andere Menschen von entscheidender Bedeutung ist, trägt Verantwortung dafür, dass sie ihre Empfänger erreicht. In diesem Sinn verstand Paulus sich als Schuldner: Nicht weil die Menschen ihn zu ihrem Diener gemacht hatten, sondern weil Christus ihn zu ihrem Dienst berufen hatte.
Eine ähnliche Überzeugung bringt Paulus in 1. Korinther 9,16 zum Ausdruck, wenn er erklärt, dass ihm die Verkündigung des Evangeliums als notwendige Aufgabe auferlegt worden ist. Seine Berufung war für ihn deshalb mehr als eine persönliche Vorliebe oder eine Beschäftigung, der er nachgehen konnte, solange sie seinen eigenen Wünschen entsprach. Er betrachtete sie als Verantwortung vor Gott. Dabei ist bemerkenswert, dass er seinen Auftrag nicht als Möglichkeit zur eigenen Erhöhung versteht. Gerade weil ihm die Botschaft anvertraut wurde, sieht er sich zum Dienst an anderen verpflichtet. Die empfangene Gnade führt ihn nicht zu einem Gefühl religiöser Überlegenheit, sondern zur Bereitschaft, sich für Menschen einzusetzen, die das Evangelium hören sollen. So entsteht ein enger Zusammenhang zwischen Gottes unverdienter Zuwendung und der Verantwortung, die daraus erwächst.
Die Gegenüberstellung von „Griechen“ und „Barbaren“ erklärt, wie weit Paulus seinen Auftrag versteht. In der griechisch-römischen Welt bezeichnete das Wort „Barbaren“ gewöhnlich Menschen, die nicht Griechisch sprachen oder außerhalb der griechisch geprägten Kultur standen. Der Ausdruck konnte mit der Vorstellung verbunden sein, dass die eigene Sprache und Lebensweise den anderen überlegen seien. Paulus verwendet diese bekannte Unterscheidung jedoch nicht, um eine solche Überlegenheit zu bestätigen. Vielmehr stellt er beide Gruppen ausdrücklich nebeneinander und erklärt, dass er ihnen gleichermaßen verpflichtet ist. Die kulturelle Herkunft eines Menschen entscheidet für ihn nicht darüber, ob dieser die Botschaft Jesu Christi hören soll. Der gebildete Bewohner einer griechisch geprägten Stadt steht ebenso im Blickfeld seines Auftrags wie ein Mensch, dessen Sprache und Lebensweise von dieser Kultur abweichen. Gottes Evangelium ist nicht das Eigentum einer bestimmten Zivilisation und setzt keine Zugehörigkeit zu einer bevorzugten Kultur voraus.
Dasselbe Anliegen vertieft Paulus durch die zweite Gegenüberstellung: Er ist sowohl den Weisen als auch den Unverständigen verpflichtet. Diese Begriffe beziehen sich hier besonders auf Unterschiede menschlicher Bildung, Einsicht und gesellschaftlich anerkannter Gelehrsamkeit. In der antiken Welt besaß philosophische Bildung ein hohes Ansehen. Wer sich mit den großen Fragen des Lebens beschäftigte, überzeugend reden konnte und über umfassende Kenntnisse verfügte, genoss häufig besonderes gesellschaftliches Ansehen. Andere Menschen hatten dagegen kaum Zugang zu einer solchen Bildung. Paulus macht jedoch deutlich, dass diese Unterschiede die Reichweite des Evangeliums nicht begrenzen. Die Botschaft von Jesus Christus gilt nicht nur Menschen, die bereits über philosophische Kenntnisse verfügen oder schwierige religiöse Fragen verstehen können. Ebenso wenig ist sie ausschließlich für einfache oder ungebildete Menschen bestimmt. Beide Gruppen benötigen Gottes Offenbarung und können auf sie im Glauben antworten.
Damit berührt Paulus einen grundlegenden Unterschied zwischen menschlicher Weisheit und der Erkenntnis Gottes. Bildung und Verstand sind wertvolle Fähigkeiten, doch sie können den Menschen nicht aus eigener Kraft mit Gott versöhnen. Paulus hatte bereits im ersten Korintherbrief erklärt, dass die Botschaft vom gekreuzigten Christus vielen Menschen als Torheit erschien, während sie für die Glaubenden Gottes Kraft und Weisheit ist (1. Korinther 1,18–25). Die Schwierigkeit bestand nicht darin, dass Gott vernünftiges Denken ablehnen würde. Vielmehr widersprach das Evangelium der menschlichen Erwartung, Gottes rettendes Handeln müsse sich nach den Maßstäben gesellschaftlicher Größe, rhetorischer Überlegenheit oder menschlicher Leistung richten. Gerade der gekreuzigte und auferstandene Christus zeigte, dass Gottes Weg zur Rettung nicht von solchen Voraussetzungen abhängig ist. Deshalb begegnet Paulus dem gebildeten Menschen nicht mit größerem geistlichem Respekt als dem ungebildeten und dem Ungebildeten nicht mit geringerer Hoffnung. Beide stehen vor demselben Gott und benötigen dieselbe Gnade.
In Vers 15 führt Paulus seine Gedanken schließlich zu einer persönlichen Schlussfolgerung. Weil er allen Menschen gegenüber diese Verantwortung trägt, ist er bereit, auch den Christen in Rom das Evangelium zu verkündigen. Die Formulierung „soviel an mir liegt“ zeigt, dass seine Bereitschaft aufrichtig ist, auch wenn ihre Verwirklichung nicht vollständig in seiner Macht steht. Paulus unterscheidet damit zwischen dem, wofür er selbst verantwortlich ist, und dem, was sich seinem Einfluss entzieht. Er kann seinen Auftrag ernst nehmen, Gelegenheiten suchen, Reisen planen und sich für den Dienst bereithalten. Er kann jedoch nicht alle Hindernisse beseitigen oder den Zeitpunkt seiner Ankunft nach Belieben bestimmen. Seine Bereitschaft bleibt deshalb bestehen, auch wenn ihre praktische Umsetzung bisher nicht möglich war.
Besonders aufschlussreich ist, dass Paulus das Evangelium ausdrücklich auch den Christen in Rom verkündigen möchte. Sie kannten Jesus Christus bereits und gehörten zu einer bestehenden Gemeinde. Warum wollte Paulus ihnen dennoch das Evangelium predigen? Offenbar verstand er darunter weit mehr als eine einmalige Botschaft, durch die ein Mensch zum ersten Mal zum Glauben kommt. Das Evangelium bleibt auch für diejenigen grundlegend, die Christus bereits angenommen haben. Seine Bedeutung muss weiter verstanden, seine Verheißungen müssen im Glauben ergriffen und seine Auswirkungen auf das Leben erkannt werden. Deshalb wird Paulus im weiteren Verlauf seines Briefes ausführlich über Sünde, Rechtfertigung, Gnade, Gesetz, Heiligung und das neue Leben in Christus schreiben. All diese Themen gehören für ihn zum Verständnis dessen, was Gott durch seinen Sohn getan hat. Die Gläubigen sollen nicht über die Grundlagen ihres Glaubens hinauswachsen, indem sie das Evangelium hinter sich lassen, sondern indem sie dessen Bedeutung immer tiefer erfassen.
Aus diesen Versen entsteht somit ein umfassendes Bild des apostolischen Dienstes. Paulus kennt die Grenzen seiner eigenen Möglichkeiten, bleibt aber seinem Auftrag verpflichtet. Er sucht geistliche Frucht, ohne sich selbst als deren letzte Ursache zu betrachten. Er unterscheidet zwischen Menschen verschiedener Herkunft und Bildung, macht diese Unterschiede jedoch nicht zum Maßstab ihres Zugangs zu Gottes Botschaft. Und er erkennt, dass das Evangelium sowohl Menschen erreichen muss, die Christus noch nicht kennen, als auch diejenigen weiter stärken soll, die ihm bereits vertrauen. Seine Bereitschaft zur Verkündigung entspringt deshalb nicht persönlichem Ehrgeiz, sondern der Überzeugung, dass Gottes rettende Botschaft jedem Menschen gilt.
Damit führt Paulus seine Leser unmittelbar zu der Frage, die hinter seinem ganzen missionarischen Dienst steht: Weshalb ist ihm das Evangelium so wichtig, dass er sich trotz aller Hindernisse zu seiner Verkündigung verpflichtet weiß? Seine Antwort folgt in den Versen 16 und 17. Dort erklärt er, worin die rettende Kraft des Evangeliums besteht und warum der Glaube für das Verhältnis des Menschen zu Gott von entscheidender Bedeutung ist.
Römer 1,16–17
Das Evangelium als Gottes rettende Kraft und die Gerechtigkeit aus Glauben
Mit den Worten „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht“ beginnt Paulus in Vers 16 die grundlegende Aussage, auf der seine weitere Erklärung des christlichen Glaubens aufbaut. Nachdem er beschrieben hat, weshalb er Menschen unterschiedlicher Herkunft das Evangelium verkündigen möchte, nennt er nun den entscheidenden Grund für seine Bereitschaft. Er bekennt sich ohne Zurückhaltung zu einer Botschaft, die nach menschlichen Maßstäben keineswegs selbstverständlich Anerkennung fand. Im Mittelpunkt seiner Verkündigung stand Jesus Christus, der gekreuzigt worden war und den Gott von den Toten auferweckt hatte. Für viele Menschen der damaligen Welt war die Vorstellung eines gekreuzigten Retters schwer annehmbar. Die Kreuzigung galt im Römischen Reich als besonders entehrende Hinrichtungsart, während die jüdische Erwartung eines machtvollen Messias häufig mit Vorstellungen von Sieg und Befreiung verbunden war. Paulus wusste daher, dass seine Botschaft auf Spott, Ablehnung und Unverständnis stoßen konnte. Dennoch wollte er sich nicht von ihr distanzieren, weil ihr wahrer Wert nicht von menschlicher Anerkennung abhing.
Wie bewusst Paulus diesen Gegensatz zwischen menschlicher Bewertung und göttlicher Wirklichkeit wahrnahm, zeigt seine Erklärung in 1. Korinther 1,18–24. Dort beschreibt er die Botschaft vom Kreuz als Torheit für diejenigen, die sie verwerfen, während sie für die Glaubenden Gottes Kraft ist. Juden erwarteten Zeichen göttlicher Macht, Griechen suchten nach Weisheit, doch Paulus verkündigte den gekreuzigten Christus. Damit lehnte er weder wirkliche Weisheit noch überzeugende Gründe für den Glauben ab. Er stellte vielmehr infrage, ob der Mensch Gottes Handeln nach seinen eigenen Vorstellungen von Größe und Erfolg beurteilen darf. Das Kreuz widerspricht einer Denkweise, die Macht vor allem mit äußerem Triumph und Weisheit mit gesellschaftlicher Anerkennung verbindet. Gerade dort, wo Jesus scheinbar unterlag, verwirklichte Gott seinen rettenden Willen. Deshalb war Paulus nicht bereit, das Evangelium so zu verändern, dass es den Erwartungen seiner Zuhörer besser entsprach. Seine Zuversicht gründete darauf, dass Gott durch diese Botschaft tatsächlich Menschen retten kann.
Paulus begründet sein Bekenntnis mit der Aussage, dass das Evangelium „Gottes Kraft zur Rettung für jeden, der glaubt“ ist. Der Ausdruck „Kraft Gottes“ beschreibt mehr als eine eindrucksvolle religiöse Lehre oder eine Botschaft, die Menschen vorübergehend begeistert. Paulus spricht von Gottes wirksamem Handeln zur Rettung des Menschen. Das Evangelium informiert nicht nur darüber, dass Gott retten möchte, sondern verkündigt das rettende Werk, das Gott durch Jesus Christus vollbracht hat und dessen Wirkung Menschen im Glauben erfahren. Im Mittelpunkt stehen Christi Leben, sein stellvertretender Tod und seine Auferstehung. Diese Ereignisse bilden die Grundlage dafür, dass Schuld vergeben, die zerstörte Gemeinschaft mit Gott wiederhergestellt und ein neues Leben möglich werden kann. Die Kraft liegt dabei nicht in der besonderen Begabung des Predigers oder in der überzeugenden Wirkung seiner Worte. Sie hat ihren Ursprung in Gott selbst. Deshalb konnte Paulus auch an anderer Stelle erklären, dass der Glaube seiner Zuhörer nicht auf menschlicher Weisheit, sondern auf Gottes Kraft beruhen sollte (1. Korinther 2,4–5).
Was Paulus unter „Rettung“ versteht, erschließt sich aus dem weiteren Verlauf des Römerbriefes. Der Mensch benötigt nicht lediglich bessere moralische Regeln, größere Selbstdisziplin oder religiöse Kenntnisse. Sein eigentliches Problem besteht darin, dass die Sünde sein Verhältnis zu Gott beschädigt hat und er vor Gottes gerechtem Gericht verantwortlich ist. In Römer 3,23 beschreibt Paulus später, dass alle Menschen gesündigt haben und die Herrlichkeit Gottes nicht erreichen. In Römer 5,9–10 verbindet er die Rettung ausdrücklich mit der Rechtfertigung durch Christi Blut, der Versöhnung mit Gott und der Rettung vor dem kommenden Zorn. Das Evangelium beantwortet damit eine tiefere Not als die Frage, wie der Mensch sein gegenwärtiges Leben angenehmer gestalten kann. Es geht darum, wie ein schuldiger Mensch Vergebung empfängt, mit Gott versöhnt wird und schließlich Anteil am ewigen Leben erhält. Diese Rettung beginnt bereits dort, wo ein Mensch Christus im Glauben annimmt. Zugleich besitzt sie eine zukünftige Vollendung, denn Paulus spricht später auch von der Hoffnung auf die Erlösung unseres Leibes bei der endgültigen Befreiung von Sünde und Vergänglichkeit (Römer 8,23–25). Gottes rettende Kraft umfasst deshalb sowohl die gegenwärtige Versöhnung und Erneuerung als auch die zukünftige Vollendung des Heils.
Entscheidend ist die Ergänzung „für jeden, der glaubt“. Paulus beschreibt damit nicht eine Kraft, die unabhängig von der persönlichen Antwort des Menschen automatisch wirksam wird. Das Evangelium richtet sich zwar an alle Menschen, doch die Rettung wird im Glauben empfangen. Glauben bedeutet in diesem Zusammenhang mehr als die bloße Zustimmung zu einer religiösen Aussage. Ein Mensch kann anerkennen, dass es Gott gibt, und dennoch sein Vertrauen nicht auf ihn setzen. Der rettende Glaube richtet sich dagegen auf Jesus Christus und darauf, was Gott durch ihn getan hat. Er bedeutet, Gottes Zusage ernst zu nehmen, sich auf seine Gnade zu verlassen und die eigene Hoffnung nicht mehr auf vermeintliche persönliche Verdienste zu gründen. Dabei wird der Glaube selbst nicht zu einer Leistung, mit der der Mensch seine Rettung erwirbt. Er ist vielmehr die vertrauensvolle Annahme dessen, was Gott aus Gnade schenkt. Das macht Paulus später besonders deutlich, wenn er die Rechtfertigung des Menschen als unverdientes Geschenk beschreibt, das durch Jesus Christus möglich geworden ist (Römer 3,24–26).
Die Worte „für jeden“ betonen zugleich die umfassende Reichweite dieser Einladung. Paulus begrenzt Gottes Rettungsangebot weder auf eine bestimmte gesellschaftliche Schicht noch auf Menschen mit besonderer Bildung oder religiöser Vergangenheit. Er fügt jedoch hinzu: „zuerst für den Juden, dann auch für den Griechen“. Diese Reihenfolge ist keine zufällige Ergänzung. Sie erinnert daran, dass Gottes Heilsplan innerhalb der Geschichte Israels vorbereitet und offenbart wurde. Gott hatte Abraham berufen, seinem Volk die Verheißungen anvertraut und durch die Propheten das kommende Heil angekündigt. Jesus Christus selbst wurde als Nachkomme Davids innerhalb dieses Volkes geboren, wie Paulus bereits in Vers 3 erklärt hatte. Deshalb besitzt Israel in der Geschichte der Offenbarung und der Verkündigung eine besondere Stellung. Auch die Apostelgeschichte zeigt wiederholt, dass Paulus das Evangelium zunächst in jüdischen Synagogen verkündigte, bevor er sich an weitere Menschen wandte (Apostelgeschichte 13,14–16.44–47; 17,1–4).
Diese geschichtliche Vorrangstellung bedeutet jedoch nicht, dass jüdische Menschen durch ihre Abstammung automatisch gerettet würden oder einen anderen Weg zu Gott hätten. Ebenso wenig besagt sie, dass Menschen aus den übrigen Völkern vor Gott weniger wert wären. Gerade die Verbindung von „zuerst“ und „auch“ zeigt, dass die Botschaft denselben rettenden Anspruch an beide Gruppen richtet. Im Römerbrief wird Paulus später erklären, dass Gott sowohl Juden als auch Nichtjuden durch den Glauben rechtfertigt (Römer 3,29–30). Zugleich wird er in den Kapiteln 9–11 ausführlich auf Gottes bleibende Verheißungen und sein Handeln mit Israel zurückkommen. Die Reihenfolge in Vers 16 darf deshalb weder zu einer Behauptung jüdischer Überlegenheit noch zu einer Verwerfung Israels umgedeutet werden. Sie verbindet die Treue Gottes zu seiner bisherigen Offenbarung mit der Ausweitung seiner Rettungsbotschaft auf alle Völker. Der Ausdruck „Griechen“ steht hier entsprechend nicht nur für Menschen griechischer Abstammung, sondern bezeichnet im Gegensatz zu den Juden die Menschen aus den übrigen Völkern.
In Vers 17 erklärt Paulus nun, weshalb das Evangelium Gottes Kraft zur Rettung ist: „Denn es wird darin geoffenbart die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben zum Glauben.“ Mit dieser Aussage erreicht er den theologischen Mittelpunkt seiner bisherigen Ausführungen. Um ihren Sinn zu verstehen, muss zunächst geklärt werden, was Paulus mit der „Gerechtigkeit Gottes“ meint. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch bezeichnet Gerechtigkeit häufig die Eigenschaft eines Menschen, sich richtig und fair zu verhalten. Wenn die Bibel von Gottes Gerechtigkeit spricht, umfasst dies jedoch mehr. Gott handelt seinem vollkommenen Wesen entsprechend. Er urteilt gerecht, nimmt das Böse ernst, hält seine Verheißungen und handelt treu gegenüber dem, was er zugesagt hat. Seine Gerechtigkeit kann sich deshalb sowohl im Gericht über das Unrecht als auch in seinem rettenden Eingreifen zugunsten der Menschen zeigen. Bereits das Alte Testament verbindet Gottes Gerechtigkeit wiederholt mit seiner Fähigkeit, zu retten und sein Heil offenbar zu machen (Jesaja 46,13; 51,5–8).
Im Römerbrief erhält dieser Ausdruck eine besondere Bedeutung. Paulus wird später erklären, dass Gottes Gerechtigkeit durch das Evangelium sichtbar geworden ist und Menschen durch den Glauben an Jesus Christus gerechtfertigt werden können (Römer 3,21–26). Rechtfertigung bedeutet dabei, dass Gott einen schuldigen Menschen aufgrund des Erlösungswerkes Christi als gerecht annimmt und ihm seine Sünden nicht als Grundlage der Verurteilung zurechnet. Diese Annahme beruht nicht darauf, dass der Mensch bereits durch eigene Anstrengung vollkommen gerecht geworden wäre. Sie gründet in Gottes Gnade und in dem, was Christus für ihn getan hat. Zugleich ist Gottes Gerechtigkeit nicht bloß ein anderer Ausdruck für seine Barmherzigkeit. Paulus hält ausdrücklich daran fest, dass Gott selbst gerecht bleibt, wenn er den Glaubenden rechtfertigt (Römer 3,26). Gott schafft also keine Rettung, indem er die Sünde einfach für unbedeutend erklärt. Im Tod Jesu wird vielmehr sichtbar, dass Gottes Gnade und sein gerechtes Urteil über die Sünde nicht gegeneinander ausgespielt werden müssen. Das Evangelium offenbart einen Gott, der das Böse ernst nimmt und dennoch einen gerechten Weg eröffnet, schuldige Menschen mit sich zu versöhnen.
Damit wird auch verständlich, weshalb Paulus ausdrücklich sagt, Gottes Gerechtigkeit werde im Evangelium „geoffenbart“. Es geht nicht lediglich darum, dass Menschen durch religiöse Belehrung eine ihnen bisher unbekannte Eigenschaft Gottes kennenlernen. Im Evangelium wird Gottes gerechtes rettendes Handeln erkennbar, weil Gott durch Christus tatsächlich etwas Entscheidendes zur Erlösung des Menschen getan hat. Die Verheißungen, die zuvor durch die Propheten verkündigt worden waren, haben in Christus ihre entscheidende Erfüllung gefunden. Was Gott angekündigt hatte, ist nun in der Geschichte geschehen. Deshalb können Menschen nicht nur erfahren, dass Gott gerecht ist, sondern auch verstehen, wie sie trotz ihrer Schuld vor ihm bestehen können. Die Offenbarung göttlicher Gerechtigkeit führt somit unmittelbar zur Frage nach dem Glauben, durch den der Mensch dieses Heil empfängt.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Formulierung „aus Glauben zum Glauben“. Die griechischen Worte ek pisteōs eis pistin lassen sich wörtlich ungefähr mit „aus Glauben zu Glauben“ wiedergeben. Ihre genaue Bedeutung wird unterschiedlich erklärt. Eine weitverbreitete Deutung versteht sie so, dass Gottes Gerechtigkeit von Anfang bis Ende im Zusammenhang mit dem Glauben offenbar und empfangen wird. Andere Ausleger betonen eine Bewegung von der Offenbarung des Heils hin zu dessen Annahme im Glauben. Wieder andere sehen darin eine Verbindung zwischen Gottes eigener Treue und dem Glauben des Menschen. Da das griechische Wort pistis je nach Zusammenhang sowohl Glauben als auch Treue bezeichnen kann, ist diese letzte Erklärung sprachlich möglich. Der unmittelbare Zusammenhang legt jedoch besonders großen Wert darauf, dass der Mensch Gottes rettende Gerechtigkeit durch den Glauben empfängt. Schon in Vers 16 spricht Paulus ausdrücklich von jedem, „der glaubt“, und die anschließende Schriftstelle stellt das Leben des Gerechten wiederum in Beziehung zum Glauben.
Deshalb sollte man die Formulierung nicht vorschnell als Beschreibung verschiedener geistlicher Entwicklungsstufen verstehen, als müsse der Mensch zunächst eine bestimmte Menge Glauben besitzen und anschließend durch immer größere Glaubensleistungen eine höhere Gerechtigkeit erreichen. Paulus spricht an dieser Stelle nicht von einer solchen Abstufung. Sein Anliegen besteht vielmehr darin, zu zeigen, dass der rettende Zugang zu Gottes Gerechtigkeit nicht durch menschliches Verdienst eröffnet wird. Der Mensch kann sich nicht selbst zu einem Schuldlosen machen, indem er seine bisherigen Verfehlungen durch spätere gute Taten auszugleichen versucht. Auch ernsthaftes Bemühen um Gottes Gebote hebt vergangene Schuld nicht auf. Deshalb ist er auf Gottes gnädiges Handeln angewiesen. Dass die Rechtfertigung durch den Glauben geschieht, bedeutet allerdings nicht, dass Paulus Gottes Gesetz für böse oder bedeutungslos erklären wollte. Später bezeichnet er das Gesetz ausdrücklich als heilig und das Gebot als heilig, gerecht und gut (Römer 7,12). Der entscheidende Unterschied liegt zwischen Gottes gutem Willen, der dem Menschen seine Verantwortung zeigt, und der Vorstellung, der sündige Mensch könne sich durch die Erfüllung gesetzlicher Forderungen selbst von seiner Schuld freisprechen.
Um seine Aussage zu begründen, beruft sich Paulus am Ende von Vers 17 auf Habakuk 2,4: „Der Gerechte wird infolge von Glauben leben.“ Damit zeigt er, dass seine Botschaft von der grundlegenden Bedeutung des Glaubens nicht erst im Neuen Testament entstanden ist. Schon der Prophet Habakuk hatte in einer Zeit schwerer Ungerechtigkeit und drohenden Gerichts gefragt, wie Gottes Handeln zu verstehen sei. Er sah Gewalt, Rechtsbeugung und die Bedrängnis des Gerechten und musste erkennen, dass Gottes Gericht nicht immer zu dem Zeitpunkt eintrat, den ein Mensch erwartete. Gottes Antwort forderte dazu auf, an seiner Verheißung festzuhalten und geduldig auf deren Erfüllung zu warten. Dabei stellte Gott den Hochmütigen, dessen Leben von Selbstüberhebung und Unaufrichtigkeit geprägt war, dem Gerechten gegenüber, der durch seinen Glauben leben würde (Habakuk 2,2–4). Im ursprünglichen Zusammenhang ging es somit um eine Haltung des Vertrauens und der Treue gegenüber Gott angesichts einer unsicheren und bedrängenden Zukunft.
Das hebräische Wort, das in Habakuk 2,4 hinter „Glauben“ steht, lautet emunah. Es kann Treue, Verlässlichkeit und standhaftes Vertrauen bezeichnen. Der Prophet spricht daher nicht von einer oberflächlichen religiösen Überzeugung, die keinerlei Einfluss auf das Leben besitzt. Der Gerechte hält an Gott fest, weil er dessen Wort für zuverlässig erachtet, selbst wenn die äußeren Umstände zunächst gegen die Erfüllung seiner Verheißungen zu sprechen scheinen. Paulus greift diesen Gedanken auf und entfaltet ihn im Licht des Evangeliums. Der ursprüngliche Gegensatz zwischen selbstsicherem Hochmut und vertrauensvollem Festhalten an Gott bleibt bedeutsam. Nun zeigt Paulus darüber hinaus, dass das Leben vor Gott grundsätzlich nicht auf einer vom Menschen selbst erarbeiteten Gerechtigkeit beruht, sondern auf dem Glauben an Gottes rettendes Handeln in Jesus Christus. Der Prophet und der Apostel behandeln unterschiedliche geschichtliche Situationen, doch in beiden Texten wird der Mensch auf Gottes Zuverlässigkeit verwiesen, statt auf seine eigene vermeintliche Sicherheit.
Auch die Satzstellung des Schriftzitats verdient Beachtung. Die griechische Formulierung kann sowohl den Gedanken hervorheben, dass der Gerechte durch Glauben lebt, als auch, dass derjenige, der durch Glauben gerecht ist, leben wird. Diese beiden Akzente hängen bei Paulus eng zusammen, obwohl sie nicht völlig dasselbe ausdrücken. Der erste betont die dauerhafte Lebensgrundlage des Gerechten, der zweite den Glauben als Grundlage seiner Stellung vor Gott. Der weitere Römerbrief verbindet beide Gedanken: In Römer 3–4 erläutert Paulus ausführlich die Rechtfertigung durch Glauben, während er anschließend beschreibt, welche Folgen die empfangene Gnade für das Leben mit Gott besitzt. Das Zitat aus Habakuk ist deshalb nicht bloß ein angefügter Beleg. Es führt die Leser bereits zu den beiden Fragen, die Paulus später entfalten wird: Wie wird ein Mensch vor Gott gerecht, und wie lebt ein Mensch, der durch den Glauben zu Gott gehört?
Schließlich ist die Verheißung, dass der Gerechte „leben“ wird, von großer Bedeutung. Im ursprünglichen Zusammenhang von Habakuk stand das Bewahrtwerden durch die kommende Zeit des Gerichts und die Hoffnung auf Gottes endgültiges Eingreifen im Vordergrund. Paulus greift diesen Gedanken auf und erweitert ihn im Zusammenhang mit der Auferstehung Jesu und der Hoffnung auf das ewige Leben. Wer durch Christus gerechtfertigt wird, empfängt nicht nur einen veränderten rechtlichen Stand vor Gott, sondern wird in eine neue Beziehung zu ihm aufgenommen. Paulus wird später erklären, dass die Gnade durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben herrscht durch Jesus Christus (Römer 5,21). Ebenso verbindet er das neue Leben des Glaubenden mit der Auferstehung Christi und dem Wirken des Heiligen Geistes (Römer 6,4; 8,10–11). Das verheißene Leben betrifft daher sowohl die gegenwärtige Gemeinschaft mit Gott als auch die endgültige Überwindung des Todes. Die Rechtfertigung ist nicht das Ende von Gottes rettendem Handeln am Menschen, sondern eröffnet ein Leben, das von seiner Gnade getragen wird und auf die zukünftige Vollendung ausgerichtet ist.
In diesen beiden Versen verdichtet Paulus seine bisherige Erklärung zu einer grundlegenden Erkenntnis: Der Mensch findet Rettung nicht dadurch, dass er sich selbst vor Gott gerecht macht, sondern weil Gott in Jesus Christus einen Weg geschaffen hat, auf dem Schuldige durch den Glauben gerechtfertigt werden können. Diese Botschaft gilt Juden und Menschen aus allen anderen Völkern gleichermaßen. Sie gründet nicht in menschlicher Leistung, sondern in Gottes rettender Kraft. Und sie führt nicht zu einer selbstzufriedenen Haltung, sondern zu einem Leben, das Gott vertraut und von seiner Gnade abhängig bleibt.
Damit stellt sich eine weitere entscheidende Frage: Weshalb benötigt der Mensch überhaupt eine solche Rettung, und warum kann er nicht einfach aus eigener Kraft gerecht vor Gott leben? Paulus beantwortet diese Frage unmittelbar im nächsten Abschnitt. Während Vers 17 von der Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes spricht, beginnt Vers 18 mit der Offenbarung seines Zorns über die Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen. Beide Aussagen gehören zusammen. Erst wenn die Wirklichkeit der menschlichen Sünde und Gottes gerechtes Urteil darüber ernst genommen werden, wird verständlich, weshalb das Evangelium nicht nur eine hilfreiche Botschaft, sondern Gottes Kraft zur Rettung ist.
Römer 1,18–20
Gottes Zorn über die unterdrückte Wahrheit und das Zeugnis seiner Schöpfung
Nachdem Paulus das Evangelium als Gottes Kraft zur Rettung beschrieben hat, beginnt er in Vers 18 mit einer ernsten Aussage über den Zustand des Menschen. Er erklärt, dass sich Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen offenbart, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit aufhalten. Dieser Übergang ist für das Verständnis des Römerbriefes von entscheidender Bedeutung. Paulus wechselt nicht zufällig von der Gerechtigkeit Gottes zu seinem Zorn. Er möchte seinen Lesern erklären, weshalb der Mensch überhaupt Rettung benötigt und warum das Evangelium nicht lediglich eine zusätzliche religiöse Erkenntnis, sondern die Antwort auf eine grundlegende menschliche Not ist. Solange der Mensch seine eigene Schuld und Gottes gerechtes Urteil darüber nicht ernst nimmt, kann er auch die Bedeutung der göttlichen Gnade nur unvollständig verstehen.
Besonders auffällig ist, dass Paulus in Vers 17 und Vers 18 denselben Gedanken der Offenbarung verwendet. Zunächst erklärt er, dass im Evangelium Gottes Gerechtigkeit offenbar wird. Unmittelbar danach spricht er davon, dass Gottes Zorn über menschliche Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit offenbar wird. Beide Aussagen stehen nicht als unabhängige Themen nebeneinander, sondern gehören zu seiner Erklärung des rettenden Handelns Gottes. Der Gott, der Menschen durch Jesus Christus gerechtfertigt und ihnen seine Gnade anbietet, ist zugleich der Gott, der die Sünde nicht gleichgültig hinnimmt. Seine Liebe bedeutet nicht, dass ihm das Böse gleichgültig wäre, und seine Gerechtigkeit bedeutet nicht, dass er keine Barmherzigkeit kennt. Vielmehr wird gerade in der Verbindung beider Aussagen verständlich, weshalb Gottes Rettung notwendig ist. Wenn Gott das Unrecht einfach für bedeutungslos erklären würde, wäre seine Gerechtigkeit nicht ernst genommen. Wenn er dem schuldigen Menschen dagegen keinen Weg zur Versöhnung eröffnete, bliebe dieser unter dem Urteil, das seine Schuld verdient. Das Evangelium zeigt, wie Gott in Christus einen gerechten Weg zur Rettung geschaffen hat.
Was bedeutet nun der Ausdruck „Gottes Zorn“? Im menschlichen Sprachgebrauch wird Zorn häufig mit unkontrollierter Wut, persönlicher Kränkung oder dem Wunsch nach Vergeltung verbunden. Ein Mensch kann zornig werden, weil sein Stolz verletzt wurde oder weil er die Kontrolle über seine Gefühle verliert. Eine solche Vorstellung darf jedoch nicht einfach auf Gott übertragen werden. Wenn die Bibel von Gottes Zorn spricht, bezeichnet sie damit sein gerechtes Urteil und seine entschiedene Ablehnung des Bösen. Gott handelt nicht aus unbeherrschter Leidenschaft, sondern entsprechend seinem heiligen und gerechten Wesen. Sein Zorn richtet sich gegen das, was seiner guten Schöpfungsordnung widerspricht, Menschen zerstört und die Gemeinschaft mit ihm beschädigt. Deshalb kann derselbe Gott, der das Unrecht richtet, zugleich geduldig, barmherzig und bereit zur Vergebung sein. Bereits in 2. Mose 34,6–7 wird Gott als barmherzig, gnädig und langsam zum Zorn beschrieben, der Schuld vergibt und sie dennoch nicht einfach für bedeutungslos erklärt. Gottes Gerechtigkeit und seine Barmherzigkeit widersprechen einander daher nicht.
Dass Paulus ausdrücklich vom Zorn „vom Himmel her“ spricht, unterstreicht den göttlichen Ursprung dieses Urteils. Es handelt sich nicht um die persönliche Empörung eines Menschen über die moralischen Fehler anderer. Paulus verkündigt auch nicht lediglich die gesellschaftlichen Folgen eines unvernünftigen Lebens. Er spricht von Gottes eigener Bewertung menschlicher Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit. Der Ausdruck bedeutet jedoch nicht, dass Gottes Zorn immer in einem unmittelbar sichtbaren Strafereignis vom Himmel herabkommen müsste. Wie Paulus später in diesem Kapitel erklärt, kann sich Gottes Gericht auch dadurch zeigen, dass er Menschen der Richtung übergibt, die sie trotz seiner Offenbarung beharrlich gewählt haben (Römer 1,24.26.28). In diesem Fall wird die zerstörerische Wirkung der Sünde selbst zu einem Ausdruck des göttlichen Gerichts. Zugleich darf Gottes Zorn nicht ausschließlich auf solche gegenwärtigen Folgen reduziert werden. Paulus spricht später ausdrücklich von einem kommenden Tag des Zorns, an dem Gottes gerechtes Gericht offenbar werden wird (Römer 2,5–8). Gegenwärtige Folgen der Sünde und zukünftiges Gericht gehören somit zu seiner umfassenderen Darstellung göttlicher Gerechtigkeit.
In Vers 18 nennt Paulus zwei eng miteinander verbundene Erscheinungsformen menschlicher Schuld: Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit. Das griechische Wort für Gottlosigkeit, asebeia, beschreibt eine Haltung, in der Gott die ihm gebührende Ehrfurcht und Anerkennung verweigert wird. Gemeint ist nicht nur die ausdrückliche Behauptung, dass Gott nicht existiere. Ein Mensch kann äußerlich religiös sein und dennoch so leben, als hätte Gottes Wille keine verbindliche Bedeutung für ihn. Ungerechtigkeit, im Griechischen adikia, bezeichnet dagegen das, was dem gerechten Maßstab widerspricht. Dazu gehören nicht nur einzelne Gesetzesverstöße, sondern auch falsches Handeln, das anderen Menschen Schaden zufügt und die von Gott gewollte Ordnung verletzt. Beide Begriffe lassen sich nicht vollständig voneinander trennen. Wer Gottes Stellung als Schöpfer und Herrn missachtet, verliert auch die rechte Grundlage für seinen Umgang mit Gottes Geschöpfen. Umgekehrt zeigt sich eine falsche Haltung gegenüber Gott häufig darin, wie Menschen miteinander umgehen. Paulus wird diesen Zusammenhang in den folgenden Versen entfalten, wenn er die Vertauschung der Gottesverehrung mit unterschiedlichen Formen moralischer Verderbtheit verbindet.
Der eigentliche Schwerpunkt von Vers 18 liegt jedoch in der Erklärung, dass Menschen die Wahrheit „durch Ungerechtigkeit aufhalten“. Das zugrunde liegende griechische Verb katechō kann je nach Zusammenhang bedeuten, etwas festzuhalten, zurückzuhalten oder daran zu hindern, wirksam zu werden. Hier beschreibt es im Zusammenhang mit der Ungerechtigkeit ein Unterdrücken oder Niederhalten der Wahrheit. Paulus sagt damit mehr, als dass Menschen aufgrund fehlender Informationen zu falschen Vorstellungen gelangen. Seine Anklage richtet sich auf den Umgang mit Wahrheit, die ihnen in einer bestimmten Weise bereits zugänglich ist. Das Problem besteht nicht ausschließlich darin, dass etwas nicht erkannt wurde, sondern darin, dass die Wahrheit nicht die Anerkennung erhält, die ihr zukommt. Indem Menschen an ungerechtem Verhalten festhalten, verwehren sie der erkannten Wahrheit ihren berechtigten Einfluss auf Denken, Verehrung und Lebensführung.
Dabei muss sorgfältig unterschieden werden, welche Wahrheit Paulus an dieser Stelle meint. Er spricht noch nicht von der vollständigen Erkenntnis des Evangeliums, vom Kreuz Jesu oder von allen Einzelheiten des göttlichen Erlösungsplans. Der unmittelbare Zusammenhang der Verse 19 und 20 zeigt, dass es zunächst um die Erkenntnis Gottes als Schöpfer geht. Seine Macht und Göttlichkeit werden durch die geschaffene Welt bezeugt. Paulus beschreibt deshalb eine grundlegende menschliche Verantwortung gegenüber dem Gott, von dem alles Leben abhängt. Wer Gottes Wirklichkeit erkennt und ihm dennoch die gebührende Anerkennung verweigert, handelt nach dieser Argumentation nicht lediglich aufgrund eines intellektuellen Irrtums. Die Verweigerung besitzt zugleich eine moralische und geistliche Dimension. Allerdings berechtigt diese Aussage nicht dazu, bei jedem Menschen, der Schwierigkeiten mit dem Glauben hat oder Gottes Existenz bezweifelt, automatisch eine bewusste Unterdrückung besserer Erkenntnis zu behaupten. Paulus zeichnet hier den grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Gottes Offenbarung und menschlicher Abkehr von ihm. Er liefert keine Möglichkeit, die verborgenen Beweggründe jedes einzelnen Menschen zuverlässig zu beurteilen.
Warum Paulus von einer wirklichen Verantwortlichkeit sprechen kann, erklärt er in Vers 19. Er sagt, dass das von Gott Erkennbare unter den Menschen offenbar ist, weil Gott selbst es ihnen geoffenbart hat. Diese Formulierung enthält zwei wichtige Aussagen. Zunächst gibt es nach Paulus tatsächlich etwas, das Menschen von Gott erkennen können. Gottes Wirklichkeit ist nicht in jeder Hinsicht so verborgen, dass der Mensch überhaupt keinen Zugang zu ihr hätte. Zugleich geht diese Erkenntnismöglichkeit von Gott selbst aus. Der Mensch erschafft sich die Wahrheit über Gott nicht durch eigene Vorstellungskraft, und er zwingt Gott auch nicht durch besonders kluges Nachdenken dazu, sich erkennen zu lassen. Gott hat sich in bestimmter Weise durch seine Werke erkennbar gemacht. Deshalb liegt der Ursprung dieser Offenbarung nicht in menschlicher Leistung, sondern in Gottes eigenem Handeln.
Die griechische Formulierung, die Schlachter 1951 mit „unter ihnen offenbar“ wiedergibt, lässt sprachlich auch den Gedanken zu, dass Gottes Offenbarung innerhalb ihres Erkenntnisbereichs oder für sie selbst offenbar geworden ist. Daraus muss jedoch kein besonderer Gegensatz zwischen einer ausschließlich inneren Gotteserkenntnis und einer ausschließlich äußeren Offenbarung entwickelt werden. Vers 20 erklärt unmittelbar, auf welche Weise die Erkenntnis möglich ist: Gottes unsichtbare Wirklichkeit wird an seinen geschaffenen Werken wahrgenommen. Paulus verbindet somit die von Gott gegebene Offenbarung mit der Fähigkeit des Menschen, über die Schöpfung nachzudenken und darin Hinweise auf ihren Ursprung zu erkennen. Es geht um eine Erkenntnis, die dem Menschen nicht einfach durch das unmittelbare Sehen Gottes gegeben wird, sondern durch die Betrachtung dessen, was Gott geschaffen hat.
In Vers 20 entfaltet Paulus diesen Gedanken mit besonderer Genauigkeit. Er erklärt, dass Gottes unsichtbares Wesen, insbesondere seine ewige Kraft und Gottheit, seit der Erschaffung der Welt an seinen Werken erkannt werden kann. Darin liegt zunächst ein bemerkenswerter Gegensatz: Gott selbst ist unsichtbar, doch seine Werke sind wahrnehmbar. Der Mensch kann den Schöpfer nicht wie einen gewöhnlichen Gegenstand seiner Umwelt untersuchen. Dennoch ist die sichtbare Welt nach Paulus nicht ohne Aussage über ihren Ursprung. Die geschaffenen Dinge stehen in einem Verhältnis zu dem Gott, der sie ins Dasein gerufen hat. Wer die Werke betrachtet, kann über das unmittelbar Sichtbare hinaus nach dem Ursprung und der Macht fragen, von der ihre Existenz abhängt. In diesem Sinn wird das Unsichtbare durch das Sichtbare erkennbar.
Eine ähnliche Überzeugung begegnet bereits in Psalm 19,2–5. Dort verkündigen die Himmel Gottes Herrlichkeit, und die Ausdehnung bezeugt das Werk seiner Hände. Der Psalm beschreibt keine hörbare Predigt in menschlicher Sprache. Vielmehr verwendet er das Bild einer wortlosen Verkündigung, deren Zeugnis dennoch weit über einzelne Länder und Sprachgrenzen hinausreicht. Auch in Jesaja 40,26 wird der Blick des Menschen auf die Himmelskörper gelenkt und mit der Macht des Schöpfers verbunden. In beiden Texten führt die Betrachtung der Schöpfung zur Anerkennung Gottes. Paulus greift diesen Grundgedanken auf, erklärt aber zugleich, dass die sichtbaren Werke den Menschen verantwortlich machen, wenn er die darin bezeugte Wirklichkeit Gottes nicht anerkennt.
Bemerkenswert ist, welche Eigenschaften Gottes Paulus hier ausdrücklich nennt. Er spricht von seiner „ewigen Kraft“ und seiner „Gottheit“. Die ewige Kraft weist auf Gottes Macht hin, durch die die Schöpfung ihren Ursprung hat und von der sie abhängig bleibt. Gott wird damit nicht als ein Wesen innerhalb der Welt beschrieben, das lediglich über etwas größere Fähigkeiten als andere Geschöpfe verfügt. Seine Macht übersteigt die geschaffene Ordnung, weil er selbst ihr Ursprung ist. Die Bezeichnung „Gottheit“ meint in diesem Zusammenhang Gottes göttliche Wirklichkeit oder sein Gottsein. Das griechische Wort theiotēs betont, dass der Ursprung der Schöpfung nicht einfach mit einem Teil der Schöpfung gleichgesetzt werden darf. Es bezeichnet hier nicht ausdrücklich die vollständige Erkenntnis aller göttlichen Eigenschaften oder eine bereits entwickelte Lehre über Vater, Sohn und Heiligen Geist. Paulus nennt vielmehr diejenigen grundlegenden Aspekte, die nach seiner Argumentation durch Gottes Werke wahrnehmbar sind: Der Schöpfer besitzt eine Macht, die über das Geschaffene hinausgeht, und ist selbst göttlicher Natur.
Damit wird auch die Grenze dieser Erkenntnis sichtbar. Die Schöpfung kann nach Paulus auf Gottes Macht und göttliche Wirklichkeit hinweisen, doch sie erklärt nicht von sich aus, wie der sündige Mensch Vergebung empfängt. Wer den Himmel betrachtet, erfährt daraus nicht unmittelbar, dass Jesus Christus für unsere Sünden gestorben und am dritten Tag auferstanden ist. Ebenso wenig lassen sich aus der Beobachtung der Natur allein die Bedeutung des Kreuzes, die Rechtfertigung durch den Glauben oder Gottes Verheißung der Auferstehung vollständig erkennen. Diese Wahrheiten gehören zur besonderen Offenbarung Gottes, die durch seine Worte und sein Handeln in der Heilsgeschichte bekannt gemacht wurde und im Evangelium ihren Mittelpunkt findet. Deshalb steht die Erkenntnis Gottes durch die Schöpfung nicht in Konkurrenz zur Verkündigung Jesu Christi. Die Schöpfung bezeugt den Schöpfer; das Evangelium verkündigt, wie dieser Schöpfer durch seinen Sohn sündige Menschen rettet.
Diese Unterscheidung wird durch die Predigt des Paulus in Athen besonders verständlich (Apostelgeschichte 17,22–31). Dort begegnet er Menschen, deren religiöse Vorstellungen von zahlreichen Götterbildern und philosophischen Überzeugungen geprägt sind. Anstatt unmittelbar mit allen Einzelheiten der Geschichte Israels zu beginnen, spricht er zunächst von dem einen Gott, der die Welt und alles darin geschaffen hat und selbst nicht in von Menschen errichteten Tempeln wohnt. Er erklärt, dass dieser Gott allen Menschen Leben und Odem gibt und möchte, dass sie ihn suchen. Doch Paulus bleibt bei dieser allgemeinen Gotteserkenntnis nicht stehen. Er führt seine Zuhörer weiter zur notwendigen Umkehr, zum kommenden Gericht und zur Auferstehung Jesu Christi. Der Zusammenhang zeigt, dass die Erkenntnis des Schöpfers eine wirkliche Bedeutung besitzt, aber nicht an die Stelle der Botschaft von Christus tritt. Gerade weil Gott der Schöpfer aller Menschen ist, richtet sich sein Ruf zur Umkehr an alle Menschen.
Gleichzeitig darf die Aussage des Paulus nicht so verstanden werden, als könne der Mensch aus jeder Erscheinung der gegenwärtigen Natur unmittelbar und eindeutig auf eine einzelne Eigenschaft Gottes schließen. Die Schöpfung trägt nach biblischem Verständnis noch immer das Zeugnis ihres Ursprungs, steht aber zugleich unter den Folgen der Sünde. Paulus wird später erklären, dass die gesamte Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen ist und bis jetzt seufzt (Römer 8,20–22). Schönheit, Ordnung und Leben sind in der Welt ebenso wahrnehmbar wie Krankheit, Zerstörung und Tod. Deshalb wäre es unzureichend, einzelne Naturereignisse ohne weitere Grundlage als unmittelbaren Ausdruck von Gottes persönlichem Willen zu erklären. Ebenso wenig kann jede Naturkatastrophe oder jedes Leiden als besondere Strafe für eine bestimmte persönliche Sünde gedeutet werden. Die Bibel unterscheidet zwischen Gottes ursprünglichem Schöpferhandeln, dem gegenwärtigen Zustand einer gefallenen Welt und seiner zukünftigen Verheißung, die Schöpfung von Vergänglichkeit und Verderben zu befreien.
Wenn Paulus also erklärt, dass Gottes unsichtbare Wirklichkeit an den Werken durch Nachdenken wahrgenommen wird, beschreibt er keine vollständige naturwissenschaftliche Beweisführung und auch keine geheime Botschaft, die nur besonders gebildete Menschen entschlüsseln könnten. Sein Anliegen ist grundlegender. Die sichtbare Welt ist nach seiner Überzeugung nicht von Gott unabhängig. Ihre Existenz und ihr Ursprung weisen auf den Schöpfer hin. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, über das Wahrgenommene nachzudenken und die Frage nach demjenigen zu stellen, von dem das Geschaffene abhängt. Damit verbindet Paulus die Offenbarung durch Gottes Werke mit der Verantwortung, auf diese Erkenntnis angemessen zu reagieren. Entscheidend ist nicht, dass jeder Mensch dieselben Kenntnisse über die Natur besitzen müsste. Es geht vielmehr darum, dass Gott sich nicht völlig ohne Zeugnis gelassen hat.
Diese Überzeugung begegnet auch in Apostelgeschichte 14,15–17. Als Paulus und Barnabas in Lystra erleben, dass Menschen ihnen göttliche Verehrung entgegenbringen wollen, weisen sie diese Ehre zurück und fordern ihre Zuhörer auf, sich von den nichtigen Götzen zum lebendigen Gott zu wenden. Zur Begründung sprechen sie von dem Schöpfer des Himmels und der Erde, der Regen, fruchtbare Zeiten, Nahrung und Freude schenkt. Auch dort wird Gottes Handeln in der Schöpfung als ein Zeugnis seiner Wirklichkeit beschrieben. Doch das Ziel besteht nicht darin, die Natur selbst zum Gegenstand religiöser Verehrung zu machen. Vielmehr sollen die Menschen durch die empfangenen Gaben den Geber erkennen. Genau an diesem Punkt setzt Paulus auch in Römer 1 an: Das Geschaffene darf nicht an die Stelle dessen treten, der es geschaffen hat.
Am Ende von Vers 20 zieht Paulus eine ernste Schlussfolgerung: Die Menschen sind „ohne Entschuldigung“. Diese Aussage ergibt sich aus seiner vorherigen Begründung. Wenn Gott sich durch seine Werke tatsächlich in einer Weise zu erkennen gegeben hat, dann kann die Verweigerung der ihm gebührenden Anerkennung nicht einfach damit entschuldigt werden, dass überhaupt keine Offenbarung vorhanden gewesen sei. Paulus richtet seine Anklage somit gegen den Widerspruch zwischen vorhandener Gotteserkenntnis und menschlicher Haltung. Besonders deutlich wird dies im folgenden Vers, wenn er erklärt, dass Menschen Gott zwar erkannten, ihn aber nicht als Gott ehrten und ihm nicht dankten. Ihre Schuld besteht nach seiner Darstellung nicht lediglich in unzureichendem Wissen, sondern in einer falschen Antwort auf die Erkenntnis, die ihnen zugänglich war.
Dennoch darf die Aussage „ohne Entschuldigung“ nicht über ihren unmittelbaren Zusammenhang hinaus ausgedehnt werden. Paulus beantwortet hier noch nicht im Einzelnen die Frage, wie Gott jeden Menschen beurteilen wird, der niemals eine ausdrückliche Verkündigung des Evangeliums gehört hat. Er erklärt auch nicht, dass alle Menschen bereits durch die Betrachtung der Natur die vollständige Wahrheit über Jesus Christus besitzen müssten. Später wird er darauf eingehen, wie Gott Menschen entsprechend ihrer Verantwortung richtet, und dabei auch das Gewissen und die verborgenen Gedanken des Menschen berücksichtigen (Römer 2,12–16). Ebenso wird er betonen, wie notwendig die Verkündigung des Evangeliums ist, damit Menschen von Christus hören und an ihn glauben können (Römer 10,13–17). Aus der allgemeinen Offenbarung Gottes darf deshalb weder geschlossen werden, die Verkündigung des Evangeliums sei überflüssig, noch lässt sich daraus ein menschliches Recht ableiten, über das endgültige Schicksal einzelner Menschen zu urteilen. Dieses Urteil steht Gott zu, der alle Umstände und das Herz eines Menschen kennt.
Die Worte des Paulus erinnern zugleich daran, dass Erkenntnis und Verantwortung untrennbar miteinander verbunden sind. Es genügt nicht, etwas über Gott zu wissen, wenn diese Erkenntnis keinen Einfluss auf die eigene Haltung erhält. Schon die heiligen Schriften Israels hatten davor gewarnt, Gottes Werke zu sehen und dennoch seine Stimme nicht zu hören. So erinnert Mose das Volk daran, dass Gott ihm seine Macht und Treue gezeigt hatte, es aber dennoch immer wieder dazu neigte, sich von ihm abzuwenden (5. Mose 4,32–40). Die eigentliche Frage lautet daher nicht nur, wie viele Informationen ein Mensch über Gott besitzt. Ebenso entscheidend ist, welche Antwort er auf die Wahrheit gibt, die er erkannt hat. Erkenntnis kann zur Ehrfurcht, Dankbarkeit und zum Vertrauen führen. Sie kann aber auch verdrängt werden, wenn ein Mensch nicht bereit ist, die Konsequenzen daraus für sein Leben anzunehmen.
So entfalten die Verse 18 bis 20 eine wichtige Grundlage für die weitere Argumentation des Römerbriefes. Gott offenbart nicht nur seine rettende Gerechtigkeit im Evangelium, sondern auch sein gerechtes Urteil über menschliche Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit. Die geschaffene Welt bezeugt nach Paulus seine ewige Kraft und Göttlichkeit, sodass der Mensch nicht völlig ohne Erkenntnismöglichkeit und Verantwortung vor seinem Schöpfer steht. Gleichzeitig reicht diese Erkenntnis allein nicht aus, um den Weg der Erlösung durch Jesus Christus vollständig zu erklären. Gerade deshalb besitzt das Evangelium jene Bedeutung, die Paulus zuvor beschrieben hat: Es offenbart Gottes rettendes Handeln an Menschen, die aus eigener Kraft weder ihre Schuld beseitigen noch die Gemeinschaft mit ihrem Schöpfer wiederherstellen können.
Damit ist der Weg für die nächste Aussage vorbereitet. Paulus wird nun genauer erklären, worin die menschliche Abkehr von Gott besteht. Obwohl Menschen Gott erkannten, ehrten sie ihn nicht als Gott und dankten ihm nicht. Stattdessen veränderte sich ihre Vorstellung von Gott, und sie begannen, geschaffenen Dingen eine Stellung einzuräumen, die allein dem Schöpfer zukommt. Was zunächst als Verweigerung von Ehre und Dankbarkeit erscheint, entwickelt sich so zu einer grundlegenden Vertauschung der wahren Gottesverehrung. Diese Entwicklung beschreibt Paulus in den Versen 21 bis 23.
Römer 1,21–23
Die Abkehr vom Schöpfer: Wie die Verweigerung von Gottes Ehre zur geistlichen Finsternis führt
Nachdem Paulus erklärt hat, dass Gottes ewige Kraft und Göttlichkeit durch die Schöpfung erkennbar sind, beschreibt er nun, wie Menschen mit dieser Erkenntnis umgegangen sind. In Vers 21 stellt er fest, dass sie Gott zwar erkannten, ihn jedoch weder als Gott priesen noch ihm dankten. Damit führt Paulus seine vorherige Anklage auf einen grundlegenden Widerspruch zurück: Menschen besitzen eine wirkliche Erkenntnis von ihrem Schöpfer, verweigern ihm aber die Anerkennung, die dieser Erkenntnis entsprechen müsste. Das Problem liegt deshalb nicht allein in mangelndem Wissen. Paulus beschreibt eine Haltung, in der Gottes Wirklichkeit zwar in gewisser Weise erkannt, aber nicht zum bestimmenden Mittelpunkt des Denkens und Lebens gemacht wird. Aus dieser verweigerten Anerkennung entwickelt sich nach seiner Darstellung eine tiefgreifende Veränderung der Gottesverehrung, des Denkens und schließlich des menschlichen Handelns.
Besonders bedeutsam ist, dass Paulus zwei Dinge nennt, die der Mensch Gott verweigert: Ehre und Dankbarkeit. Gott als Gott zu preisen bedeutet, seine einzigartige Stellung als Schöpfer und Herrn anzuerkennen. Der Mensch gehört nicht sich selbst in dem Sinn, dass er unabhängig von seinem Schöpfer existieren könnte. Sein Leben und seine Fähigkeiten sind empfangen. Deshalb gebührt Gott eine Ehre, die keinem geschaffenen Wesen in gleicher Weise zukommt. Diese Ehre beschränkt sich nicht darauf, Gottes Namen mit religiösen Worten zu erwähnen. Sie beinhaltet die Anerkennung seiner Autorität, seiner Größe und seines Anspruchs auf die Treue des Menschen. Bereits in Psalm 96,4–5 wird ein solcher Zusammenhang hergestellt: Gott ist der Anbetung würdig, weil er der Schöpfer des Himmels ist, während die Götter der Völker diesem Anspruch nicht entsprechen. Wahre Gottesverehrung bedeutet somit, den Unterschied zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung anzuerkennen und Gott die Stellung einzuräumen, die ihm tatsächlich zukommt.
Neben der verweigerten Ehre nennt Paulus ausdrücklich die fehlende Dankbarkeit. Diese Ergänzung ist keineswegs nebensächlich. Wer dankt, erkennt an, dass er etwas empfangen hat, dessen Ursprung nicht allein in seiner eigenen Leistung liegt. Dankbarkeit gegenüber Gott ist deshalb eine Antwort auf die Abhängigkeit des Geschöpfes von seinem Schöpfer. Schon das gewöhnliche Leben mit seinen grundlegenden Voraussetzungen erinnert daran, dass der Mensch vieles nicht selbst hervorbringen kann. Niemand erschafft aus eigener Macht die Welt, in der er lebt, oder verleiht sich selbst das Leben. Auch menschliche Fähigkeiten, mit denen Menschen arbeiten, lernen und gestalten, setzen ein empfangenes Leben voraus. Wenn Paulus den Menschen mangelnde Dankbarkeit vorwirft, geht es daher um mehr als das Versäumnis, gelegentlich ein Dankgebet zu sprechen. Er beschreibt eine Haltung, in der Gottes Gaben angenommen werden, ohne Gott selbst die gebührende Anerkennung zu geben. Der Mensch nutzt das Empfangene, löst es aber gedanklich von demjenigen, dem er sein Dasein verdankt.
Diese Verbindung von Dankbarkeit und Gotteserkenntnis begegnet auch an anderen Stellen der Bibel. In 5. Mose 8,11–18 warnt Mose das Volk Israel davor, Gott zu vergessen, sobald es in Wohlstand lebt. Die Gefahr besteht darin, dass der Mensch auf das Ergebnis seiner Arbeit blickt und schließlich meint, seine eigene Kraft habe ihm alles verschafft. Dabei wird nicht bestritten, dass Menschen tatsächlich arbeiten, planen und sich anstrengen. Die Warnung richtet sich gegen die Selbstüberschätzung, die den Ursprung der eigenen Möglichkeiten aus dem Blick verliert. Wer nur noch seine Leistung sieht, vergisst leicht den Gott, von dem sein Leben und seine Fähigkeiten abhängen. Genau diese innere Verschiebung hilft, die Aussage des Paulus zu verstehen. Fehlende Dankbarkeit ist für ihn nicht bloß eine unhöfliche Eigenschaft, sondern kann Ausdruck einer grundlegenden Abkehr von der Wahrheit über das Verhältnis zwischen Gott und Mensch sein.
Anschließend beschreibt Paulus die Folgen dieser Haltung: Die Menschen seien „in ihren Gedanken in eitlen Wahn verfallen“, und ihr unverständiges Herz sei verfinstert worden. Das griechische Verb, das hier hinter dem Gedanken des Vergeblichwerdens steht, bezeichnet ein Denken, das ins Leere läuft und seinen eigentlichen Gegenstand verfehlt. Paulus spricht damit nicht davon, dass Menschen nach ihrer Abkehr von Gott überhaupt nichts Richtiges mehr denken oder keine wirklichen Erkenntnisse über ihre Umwelt gewinnen könnten. Ein Mensch kann über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen, wissenschaftliche Zusammenhänge verstehen, kunstvolle Werke schaffen und dennoch in seiner Vorstellung von Gott grundsätzlich irren. Der Vorwurf des Paulus richtet sich auf ein Denken, das trotz menschlicher Erkenntnisfähigkeit zu falschen Schlussfolgerungen über den Schöpfer und die ihm gebührende Verehrung gelangt. Die Gedanken sind in diesem Zusammenhang deshalb vergeblich, weil sie nicht zur Anerkennung der Wahrheit führen, sondern von ihr weg.
Mit dieser Aussage verbindet Paulus das Bild des verfinsterten Herzens. Für heutige Leser bezeichnet das Herz häufig vor allem den Bereich der Gefühle. Im biblischen Sprachgebrauch umfasst es jedoch weit mehr. Das Herz ist der innere Mittelpunkt des Menschen, an dem Denken, Verstehen, Wollen und persönliche Entscheidungen miteinander verbunden sind. Wenn Paulus vom verfinsterten Herzen spricht, beschreibt er daher keine bloße Veränderung der Stimmung. Gemeint ist eine geistliche Verdunkelung, bei der der Mensch die Wirklichkeit Gottes und seine eigene Stellung vor ihm nicht mehr richtig beurteilt. Die Finsternis betrifft sein inneres Verständnis und seine Orientierung. Dabei stellt Paulus nicht einfach einen Gegensatz zwischen Verstand und Glauben auf. Er verurteilt nicht das Nachdenken an sich, sondern eine Denkweise, die Gottes erkennbare Wirklichkeit nicht angemessen berücksichtigt und dadurch ihre Orientierung verliert.
Bemerkenswert ist auch die Verbindung zwischen der verweigerten Gottesverehrung und der Verdunkelung des Denkens. Paulus beschreibt nicht zuerst einen Menschen, dessen Herz völlig verfinstert ist und der deshalb keine Möglichkeit hat, Gott zu erkennen. Er beginnt vielmehr mit der Aussage, dass Gott erkannt, ihm aber die entsprechende Ehre und Dankbarkeit verweigert wurde. Danach spricht er von den vergeblichen Gedanken und dem verfinsterten Herzen. Dadurch entsteht ein innerer Zusammenhang zwischen der Haltung gegenüber Gott und der Fähigkeit, seine Wahrheit richtig einzuordnen. Wer eine erkannte Wahrheit beständig zurückweist, kann sich zunehmend an eine Denkweise gewöhnen, die diese Wahrheit nicht mehr ernst nimmt. Das bedeutet allerdings nicht, dass Paulus hier eine genaue psychologische Abfolge beschreibt, die bei jedem Menschen in denselben zeitlichen Schritten stattfinden müsste. Sein Anliegen besteht darin, den geistlichen Zusammenhang zwischen der Abkehr vom Schöpfer und der Entstellung menschlicher Gotteserkenntnis aufzudecken.
In Vers 22 verschärft Paulus seine Aussage durch einen auffälligen Gegensatz: „Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden.“ Die Menschen, von denen er spricht, betrachteten sich selbst als weise. Doch gerade in ihrer Vorstellung von Weisheit verfehlten sie nach Paulus eine grundlegende Wahrheit. Das griechische Wort für das Törichtwerden bezeichnet in diesem Zusammenhang nicht einen Mangel an Intelligenz oder Bildung, sondern einen grundlegenden Irrtum im Urteil. Ein hochgebildeter Mensch kann eine falsche Entscheidung treffen, während ein Mensch ohne besondere gesellschaftliche Bildung eine wichtige Wahrheit erkennen kann. Paulus stellt deshalb nicht gebildete gegen ungebildete Menschen. Er kritisiert vielmehr jene Selbstsicherheit, mit der Menschen ihre eigenen Vorstellungen über Gottes Offenbarung stellen und dennoch meinen, die Wirklichkeit richtig verstanden zu haben.
Ein ähnlicher Gedanke findet sich bereits in Sprüche 1,7, wo die Furcht des Herrn als Anfang der Erkenntnis bezeichnet wird. Damit ist keine lähmende Angst vor Gott gemeint, sondern die ehrfürchtige Anerkennung seiner Stellung und Weisheit. Der Mensch beginnt die Wirklichkeit richtig einzuordnen, wenn er anerkennt, dass er nicht selbst der letzte Maßstab aller Wahrheit ist. Auch Sprüche 3,5–7 warnt davor, sich ausschließlich auf die eigene Einsicht zu verlassen und sich selbst für weise zu halten. Solche Aussagen wollen die menschliche Vernunft nicht abschaffen. Sie erinnern daran, dass menschliche Erkenntnis begrenzt ist und zur Selbsttäuschung führen kann, wenn sie jede Korrektur von außen zurückweist. Bei Paulus wird diese Warnung besonders auf die Gotteserkenntnis angewendet. Wer sich für besonders weise hält, aber den Schöpfer durch selbst erdachte Vorstellungen ersetzt, hat gerade in einer grundlegenden Frage die richtige Orientierung verloren.
In Vers 23 zeigt Paulus schließlich, worin diese Torheit ihren besonders deutlichen Ausdruck gefunden hat. Die Menschen haben „die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit dem Bild vom vergänglichen Menschen, von Vögeln und vierfüßigen und kriechenden Tieren“. Mit dieser Aussage erreicht seine bisherige Argumentation einen entscheidenden Punkt. Zunächst ging es darum, dass Gott nicht geehrt und ihm nicht gedankt wurde. Danach beschrieb Paulus die Vergeblichkeit des Denkens und die Verdunkelung des Herzens. Nun wird sichtbar, was an die Stelle der wahren Gottesverehrung tritt: Geschaffene Wesen und ihre Bilder erhalten eine religiöse Bedeutung, die dem unvergänglichen Schöpfer nicht zukommt. Das entscheidende Wort lautet dabei „vertauscht“. Paulus beschreibt nicht nur das Hinzufügen weiterer religiöser Vorstellungen, sondern eine grundlegende Verwechslung. Die Herrlichkeit Gottes wird gegen etwas eingetauscht, das seiner Natur nach vergänglich ist.
Der Gegensatz zwischen dem unvergänglichen Gott und den vergänglichen Geschöpfen ist für das Verständnis des Verses wesentlich. Gott besitzt sein Leben nicht als eine zeitlich begrenzte Gabe. Er ist nicht dem Zerfall und dem Tod unterworfen wie die Geschöpfe. Der Mensch dagegen ist sterblich, und auch die Tiere gehören zur vergänglichen Schöpfung. Wenn solche Wesen zum Gegenstand göttlicher Verehrung erhoben werden, wird nach Paulus der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf aufgehoben. Derjenige, von dem alles Leben abhängt, wird durch Bilder von Wesen ersetzt, deren eigenes Leben abhängig und begrenzt ist. Gerade darin besteht die Torheit, die Paulus anprangert. Nicht das Geschöpf als solches ist schlecht. Gott selbst hat Menschen und Tiere geschaffen und ihnen ihren Platz in seiner Schöpfung gegeben. Der Fehler entsteht, wenn etwas Geschaffenes die Ehre empfängt, die allein dem Schöpfer gebührt.
Die Aufzählung von Menschen, Vögeln, vierfüßigen Tieren und kriechenden Tieren erinnert an die Geschöpfe, die bereits im Schöpfungsbericht von 1. Mose 1 beschrieben werden. Dort erschafft Gott die verschiedenen Lebewesen, während der Mensch als Mann und Frau nach Gottes Bild geschaffen wird (1. Mose 1,20–28). Aus dieser Reihenfolge ergibt sich eine bemerkenswerte Umkehrung: Der Mensch, der dazu bestimmt ist, als Geschöpf Gottes Bild zu tragen, beginnt nun selbstgemachte Bilder von Menschen und Tieren religiös zu verehren. Anstatt durch seine Stellung in der Schöpfung auf den Schöpfer zu verweisen, richtet er seine Anbetung auf die Schöpfung selbst. Diese Verbindung wird dadurch verstärkt, dass Paulus in Vers 25 ausdrücklich erklärt, die Menschen hätten dem Geschöpf Verehrung erwiesen anstelle des Schöpfers. Es geht somit um die Verkehrung der von Gott gesetzten Beziehung zwischen dem, der alles geschaffen hat, und dem, was durch ihn geschaffen wurde.
Eine besonders enge Verbindung besteht zu Psalm 106,19–20. Dort wird daran erinnert, wie die Israeliten am Horeb ein goldenes Kalb machten und verehrten. Der Psalm beschreibt dieses Ereignis als einen Austausch ihrer Herrlichkeit gegen das Bild eines grasfressenden Stieres. Paulus verwendet in Römer 1,23 eine auffallend ähnliche Sprache. Auch Jeremia 2,11 spricht davon, dass Gottes Volk seine Herrlichkeit gegen etwas eingetauscht hatte, das ihm keinen wirklichen Nutzen bringen konnte. Diese Parallelen sind von besonderer Bedeutung, weil sie zeigen, dass die Verwechslung von Schöpfer und Geschöpf nicht ausschließlich ein Problem der heidnischen Völker war. Selbst Israel, das Gottes Offenbarung empfangen und seine mächtigen Taten erlebt hatte, konnte sich von ihm abwenden und Götzenbilder verehren. Die alttestamentliche Geschichte bestätigt damit, wie ernst die Gefahr ist, dass vorhandene Gotteserkenntnis nicht zu entsprechender Treue führt. Zugleich bereitet diese Verbindung die spätere Argumentation des Römerbriefes vor, in der Paulus auch denjenigen zur Verantwortung ruft, der andere wegen ihrer Sünden verurteilt und sich selbst für gerecht hält.
Die Beschreibung der Götzenbilder lässt sich auch vor dem Hintergrund der antiken Religionswelt verstehen. Im Römischen Reich begegneten Menschen religiösen Darstellungen in Tempeln, öffentlichen Gebäuden und im privaten Leben. Götter wurden häufig in menschlicher Gestalt dargestellt, während andere religiöse Traditionen auch Tiergestalten oder Mischformen kannten. Solche Bilder konnten als sichtbare Repräsentationen göttlicher Mächte dienen und wurden in religiöse Verehrungshandlungen einbezogen. Dabei wäre es historisch zu einfach, allen Menschen der Antike zu unterstellen, sie hätten geglaubt, ein Stück Holz oder Stein sei unabhängig von allem anderen selbst der Schöpfer der Welt. Die Vorstellungen über das Verhältnis zwischen einem Götterbild und der verehrten Gottheit waren unterschiedlich. Für die Kritik des Paulus ist diese Unterscheidung jedoch nicht entscheidend. Seine grundlegende Anklage richtet sich dagegen, dass die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit geschaffenen Gestalten verbunden und ihnen eine Verehrung entgegengebracht wird, die den wahren Schöpfer verfehlt.
Schon das zweite Gebot hatte Israel ausdrücklich davor gewarnt, sich ein Bild zur göttlichen Verehrung zu machen und sich davor niederzuwerfen (2. Mose 20,4–6). Der Zusammenhang zeigt, dass es nicht um ein allgemeines Verbot jeder künstlerischen Darstellung geht. Auch in der Stiftshütte gab es auf Gottes ausdrückliche Anweisung hin kunstvoll gestaltete Gegenstände und Darstellungen, etwa die Cherubim auf der Bundeslade (2. Mose 25,18–22). Die entscheidende Grenze liegt darin, dass geschaffene Bilder nicht selbst zum Gegenstand der Anbetung werden dürfen. Besonders ausführlich erklärt Mose diesen Gedanken in 5. Mose 4,15–19. Weil Israel am Horeb keine Gestalt Gottes gesehen hatte, sollte das Volk sich keine bildliche Darstellung machen, die Gott in menschlicher oder tierischer Form festlegt. Diese Warnung umfasst ausdrücklich männliche und weibliche Gestalten sowie verschiedene Tierarten. Dadurch entsteht eine besonders enge sachliche Verbindung zu Römer 1,23. Beide Texte bestehen darauf, dass der wahre Gott nicht mit einem geschaffenen Bild verwechselt oder auf die Gestalt eines seiner Geschöpfe reduziert werden darf.
Auch der Prophet Jesaja greift diese Problematik auf. In Jesaja 44,9–20 beschreibt er einen Handwerker, der Holz bearbeitet, einen Teil davon zum Heizen oder Kochen verwendet und aus einem anderen Teil ein Götzenbild herstellt, vor dem er sich anschließend niederwirft. Die eindringliche Darstellung soll den inneren Widerspruch dieser Verehrung offenlegen. Ein Gegenstand, den der Mensch selbst hergestellt hat und dessen Material seinen gewöhnlichen Bedürfnissen dient, wird nun behandelt, als könne er göttliche Hilfe gewähren. Besonders aufschlussreich ist, dass Jesaja die Verblendung des Menschen ausdrücklich mit fehlender Einsicht verbindet. Der Betroffene erkennt den Widerspruch seines eigenen Handelns nicht mehr richtig. Damit berührt die prophetische Kritik denselben Zusammenhang, den Paulus beschreibt: Eine verkehrte Gottesverehrung geht mit einer Verdunkelung des menschlichen Urteils einher.
Die drei Verse enthalten darüber hinaus eine wichtige Beobachtung über die geistliche Bedeutung der Anbetung. Was ein Mensch verehrt, beeinflusst, woran er sein Denken, seine Hoffnung und seine Erwartungen ausrichtet. Psalm 115,4–8 beschreibt Götzenbilder, die zwar Mund, Augen und Ohren besitzen, aber weder reden noch sehen oder hören können. Anschließend erklärt der Psalm, dass diejenigen ihnen ähnlich werden, die solche Bilder herstellen und auf sie vertrauen. Der Psalm behauptet damit nicht, Menschen würden äußerlich buchstäblich wie ihre Götzenbilder aussehen. Vielmehr beschreibt er eine geistliche Entsprechung: Wer auf etwas vertraut, das keine wirkliche göttliche Macht besitzt, wird dadurch selbst nicht zu wahrer Erkenntnis und lebendiger Gemeinschaft mit Gott geführt. Diese Aussage vertieft die Beobachtung des Paulus, dass eine verkehrte Anbetung nicht ohne Folgen für das Denken und das Herz des Menschen bleibt.
Dabei reicht die grundsätzliche Warnung über die antike Verehrung sichtbarer Götzenbilder hinaus. Auch dort, wo Menschen keine religiösen Statuen anbeten, können geschaffene Dinge eine Stellung erhalten, die ihnen nicht zukommt. Besitz, gesellschaftliches Ansehen oder menschliche Macht können für einen Menschen so bestimmend werden, dass er ihnen sein Vertrauen, seine Entscheidungen und seine Lebensziele unterordnet. Jesus warnt beispielsweise davor, dem Reichtum in einer Weise zu dienen, die mit der Hingabe an Gott unvereinbar ist (Matthäus 6,24). Paulus bezeichnet an anderer Stelle Habsucht ausdrücklich als Götzendienst (Kolosser 3,5). Solche Bibelstellen zeigen, dass Götzendienst nicht ausschließlich an das Vorhandensein einer Statue gebunden ist. Allerdings bedeutet dies nicht, dass jeder Wunsch nach beruflichem Erfolg, jeder materielle Besitz oder jede Freude an geschaffenen Dingen bereits Götzendienst wäre. Entscheidend ist, ob etwas Geschaffenes zum höchsten Gegenstand des Vertrauens und der Hingabe wird und dadurch den Platz Gottes einnimmt.
Gerade an diesem Punkt wird verständlich, warum Paulus die Ablehnung von Gottes Ehre und Dankbarkeit als Ausgangspunkt seiner Beschreibung wählt. Wer Gott als Schöpfer anerkennt, kann die geschaffenen Dinge als seine Gaben empfangen, ohne sie selbst zu vergöttlichen. Die Schöpfung besitzt ihren Wert, weil Gott sie geschaffen hat. Der Mensch darf sie gebrauchen, bewahren, erforschen und sich an ihr freuen. Doch er soll in ihr nicht den letzten Ursprung seines Lebens suchen. Wenn dieser Unterschied verloren geht, verändert sich das Verhältnis zwischen Gott, dem Menschen und der Welt. Was eigentlich auf den Schöpfer hinweisen sollte, tritt an seine Stelle. Und was dem Menschen als Gabe anvertraut wurde, kann zu einer Macht werden, der er sich unterordnet.
So beschreiben die Verse 21 bis 23 nicht lediglich einen äußerlichen Wechsel religiöser Bräuche, sondern eine tiefgreifende Verkehrung der Gottesbeziehung. Die Menschen erkennen Gott, verweigern ihm aber Ehre und Dankbarkeit. Ihr Denken verliert dadurch seine rechte Ausrichtung, und sie halten sich für weise, während sie eine grundlegende Unterscheidung verkennen: Der unvergängliche Schöpfer ist nicht mit seinen vergänglichen Geschöpfen gleichzusetzen. Indem sie seine Herrlichkeit gegen geschaffene Bilder eintauschen, geben sie gerade denjenigen aus dem Mittelpunkt ihrer Verehrung preis, von dem alles Leben abhängt.
Damit ist die Grundlage für die folgenden Verse gelegt. Paulus wird nun erklären, dass diese Vertauschung nicht nur die religiösen Vorstellungen der Menschen betrifft. Ihre Abkehr von Gott hat nach seiner Darstellung auch Folgen für ihren Umgang mit dem eigenen Körper, ihren Begierden und ihren Beziehungen. In Vers 24 erscheint deshalb erstmals die ernste Aussage, dass Gott sie dahingegeben hat. Die verkehrte Gottesverehrung bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das menschliche Leben, sondern bildet den Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung, die Paulus anschließend beschreibt.
Römer 1,24–25
Gottes Gericht durch das Dahingeben und die Folgen einer verkehrten Anbetung
Nachdem Paulus beschrieben hat, wie Menschen die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes gegen geschaffene Bilder eintauschten, folgt in Vers 24 eine ernste Konsequenz: „Darum hat sie auch Gott dahingegeben in die Gelüste ihrer Herzen, zur Unreinigkeit“. Mit dem Wort „Darum“ stellt Paulus einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Abkehr des Menschen von seinem Schöpfer und Gottes darauf folgendem Handeln her. Was zuvor als falsche Gottesverehrung, verdunkeltes Denken und verweigerte Dankbarkeit beschrieben wurde, bleibt nicht ohne Folgen. Die menschliche Entscheidung, Gottes Wahrheit zurückzuweisen, führt zu einer Situation, in der Gott die Menschen ihren eigenen Begierden übergibt. Paulus beschreibt damit nicht lediglich einen allgemeinen moralischen Niedergang, sondern eine Form göttlichen Gerichts. Gerade darin liegt die besondere Bedeutung dieses Verses: Gottes Zorn kann sich nicht nur durch ein von außen kommendes Strafereignis zeigen, sondern auch dadurch, dass Menschen der Richtung überlassen werden, die sie selbst gewählt haben.
Die Formulierung „Gott gab sie dahin“ gehört zu den wichtigsten Aussagen des gesamten Abschnitts. Paulus verwendet das zugrunde liegende griechische Verb paradidōmi in den Versen 24, 26 und 28 insgesamt dreimal. Es kann bedeuten, jemanden zu übergeben, auszuliefern oder einer bestimmten Macht beziehungsweise Situation preiszugeben. In Römer 1 steht Gott dabei ausdrücklich als der Handelnde im Mittelpunkt. Paulus sagt nicht einfach, dass die Menschen aufgrund ihrer Entscheidungen von selbst in einen immer schlechteren Zustand gerieten. Er erklärt, dass Gott sie dahingab. Dieses Handeln steht im Zusammenhang mit seinem bereits in Vers 18 angekündigten Zorn. Deshalb darf das Dahingeben nicht zu einer bloßen Untätigkeit Gottes abgeschwächt werden, als würde er das Geschehen lediglich aus der Ferne beobachten. Es handelt sich um eine richterliche Entscheidung, durch die Gott Menschen den Folgen ihrer Abkehr überlässt.
Gleichzeitig bedeutet das Dahingeben nicht, dass Gott selbst die sündigen Begierden in den Menschen hervorbringt oder sie gegen ihren Willen zum Bösen zwingt. Paulus hat bereits erklärt, dass die Menschen Gottes Wahrheit unterdrückten, ihm die gebührende Ehre verweigerten und seine Herrlichkeit gegen geschaffene Bilder vertauschten. Die verkehrte Richtung ihres Lebens geht dem beschriebenen Gericht voraus. Gott antwortet auf eine Abkehr, die bereits stattgefunden hat. Das Gericht kann deshalb gerade darin bestehen, dass er seine bewahrende Zurückhaltung auf eine Weise zurücknimmt und die Menschen ihrer gewählten Richtung übergibt, sodass die zerstörerischen Folgen ihrer Entscheidungen hervortreten. Wie dieses göttliche Handeln in jedem Einzelnen geschieht, erklärt Paulus nicht im Detail. Entscheidend ist die Verbindung zwischen menschlicher Verantwortung und Gottes gerechtem Urteil. Der Mensch wird nicht deshalb zum Sünder, weil Gott ihn zum Sündigen zwingt, sondern Gott gibt ihn einer Richtung preis, die er selbst eingeschlagen hat.
Ein verwandter Gedanke begegnet bereits in Psalm 81,12–13. Dort erinnert Gott daran, dass sein Volk nicht auf seine Stimme hören wollte. Daraufhin überließ er es der Verstocktheit seines Herzens, sodass es nach seinen eigenen Vorstellungen lebte. Der Zusammenhang ist aufschlussreich, weil Gottes Handeln auch dort als Antwort auf eine vorherige Verweigerung beschrieben wird. Der Mensch besteht auf seinem eigenen Weg, und Gott lässt ihn schließlich die Konsequenzen dieser Entscheidung erfahren. Ähnlich berichtet das Buch Richter wiederholt davon, dass Israel sich anderen Göttern zuwandte und daraufhin von Gott in die Hand seiner Feinde gegeben wurde (Richter 2,11–14). Die geschichtlichen Umstände unterscheiden sich von Römer 1, doch das zugrunde liegende Gerichtsmotiv ist verwandt: Gott kann Menschen oder Gemeinschaften den Mächten und Folgen übergeben, denen sie sich durch ihre Untreue zugewandt haben.
Daraus ergibt sich eine ernste Einsicht in das Wesen der Sünde. Der Mensch kann Freiheit mit der Vorstellung verwechseln, niemandem verantwortlich zu sein und seinen eigenen Wünschen uneingeschränkt folgen zu können. Doch nicht jeder Wunsch führt tatsächlich zu einem guten Leben. Ein Mensch kann etwas begehren, das ihm zunächst erstrebenswert erscheint, dessen Folgen ihn aber immer stärker beherrschen. Wenn Paulus davon spricht, dass Gott Menschen ihren Begierden dahingibt, beschreibt er deshalb einen Zustand, in dem die vermeintliche Freiheit von Gottes Willen gerade nicht zu wirklicher innerer Freiheit führt. Die Wünsche des Menschen erhalten zunehmend Einfluss über seine Entscheidungen, ohne dass sie dadurch gut oder lebensfördernd werden. Was ursprünglich als selbstbestimmter Weg erscheint, kann sich zu einer Form der Abhängigkeit entwickeln. Paulus wird diesen Zusammenhang später genauer erklären, wenn er davon spricht, dass der Mensch entweder der Sünde dient oder durch Gottes Gnade zu einem neuen Gehorsam befreit wird (Römer 6,16–18).
Besondere Aufmerksamkeit verdient der Ausdruck „Gelüste ihrer Herzen“. Das griechische Wort epithymia bezeichnet ein starkes Verlangen oder Begehren. Es ist nicht in jedem biblischen Zusammenhang grundsätzlich negativ. Je nach Gegenstand kann es auch einen guten oder berechtigten Wunsch beschreiben. In Römer 1,24 erhält es seine negative Bedeutung durch den Zusammenhang mit der Unreinigkeit und der Entwürdigung des Körpers. Paulus verurteilt somit nicht die Tatsache, dass der Mensch Wünsche, Gefühle oder körperliche Bedürfnisse besitzt. Diese gehören grundsätzlich zum geschaffenen menschlichen Leben. Sein Vorwurf richtet sich gegen Begierden, die nicht mehr in einer guten Ordnung stehen und deren Verwirklichung dem Menschen selbst oder anderen schadet. Dass Paulus ausdrücklich von den Begierden des Herzens spricht, verdeutlicht außerdem, dass das Problem nicht auf den Körper allein beschränkt ist. Die Wünsche entstehen im Inneren des Menschen und beeinflussen von dort aus sein äußeres Handeln.
Diese Verbindung zwischen innerem Begehren und sichtbarem Verhalten ist auch aus den Worten Jesu bekannt. In Markus 7,20–23 erklärt Jesus, dass böse Gedanken und Handlungen aus dem Herzen des Menschen hervorgehen. Dabei nennt er unter anderem Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habsucht, Bosheit und Hochmut. Das Herz bezeichnet in diesem Zusammenhang den inneren Bereich, in dem sich menschliche Entscheidungen und Absichten entwickeln. Jesus macht damit deutlich, dass moralische Unreinheit nicht einfach durch äußere Gegenstände oder körperliche Vorgänge entsteht. Sie hängt mit der inneren Ausrichtung des Menschen zusammen. Das hilft, Paulus richtig zu verstehen: Wenn er von den Begierden des Herzens spricht, sieht er die körperlichen Handlungen nicht als ein von der inneren Haltung getrenntes Problem. Die Entwürdigung des Körpers ist vielmehr Ausdruck einer tieferliegenden Unordnung, die das Denken, Wollen und Handeln des Menschen miteinander verbindet.
In Vers 24 beschreibt Paulus die Folge dieses Dahingebens mit den Worten, dass die Menschen „ihre eigenen Leiber untereinander entehren“. Das griechische Wort für Unreinigkeit, akatharsia, bezeichnet im moralischen Zusammenhang einen Zustand oder ein Verhalten, das der von Gott gewollten Reinheit widerspricht. Der Ausdruck begegnet bei Paulus häufig im Zusammenhang mit sexuellem Fehlverhalten, kann aber auch eine umfassendere moralische Unreinheit bezeichnen. Hier weist die Verbindung mit dem Körper und den folgenden Versen besonders auf sexuelle Handlungen hin. Dennoch nennt Vers 24 noch keine einzelnen Praktiken. Paulus beschreibt zunächst allgemein, dass die Menschen ihre eigenen Körper in einer Weise gebrauchen, die er als entwürdigend beurteilt. Die nähere Ausführung folgt anschließend in den Versen 26 und 27.
Gerade diese Aussage über den Körper darf nicht missverstanden werden. Paulus betrachtet den menschlichen Körper nicht als etwas grundsätzlich Schlechtes oder Unreines. Die Bibel beschreibt den Menschen vielmehr als Geschöpf Gottes, dessen leibliches Leben zu seiner von Gott gegebenen Existenz gehört. Bereits in 1. Mose 1,27–31 wird deutlich, dass der Mensch mit seiner geschaffenen Wirklichkeit zu Gottes guter Schöpfung gehört. Auch Paulus wird später ausdrücklich erklären, dass der Leib für den Herrn bestimmt ist und der Mensch Gott mit seinem Körper ehren soll (1. Korinther 6,13.19–20). Ebenso fordert er die Gläubigen in Römer 12,1 auf, ihre Leiber Gott als lebendiges, heiliges Opfer darzubringen. Der Körper ist somit kein wertloser Bestandteil des Menschen, von dem sich das geistliche Leben möglichst lösen müsste. Gerade weil der Mensch mit seinem Körper zu Gottes Schöpfung gehört, besitzt auch sein körperliches Handeln eine geistliche und moralische Bedeutung.
Die Entwürdigung, von der Paulus spricht, besteht deshalb nicht darin, dass Menschen überhaupt körperliche Bedürfnisse haben oder Sexualität zu ihrem Leben gehört. Sie entsteht dort, wo körperliche Beziehungen nach seiner Bewertung die von Gott gesetzten Grenzen überschreiten und der Körper nicht mehr entsprechend seiner geschöpflichen Würde behandelt wird. Dass Paulus von den „eigenen Leibern“ und von Handlungen „untereinander“ spricht, unterstreicht die Beteiligung der Menschen an dem beschriebenen Verhalten. Das Verhältnis zwischen innerem Begehren und äußerem Handeln ist dabei entscheidend: Was im Herzen begehrt wird, findet Ausdruck im Umgang mit dem eigenen Körper und mit anderen Menschen. Der Vers erlaubt jedoch nicht, jede konkrete körperliche Erkrankung, jedes persönliche Leiden oder jede sexuelle Versuchung als unmittelbaren Beweis dafür anzusehen, dass Gott einen bestimmten Menschen bereits seinem Gericht überlassen hätte. Paulus beschreibt einen grundlegenden Zusammenhang zwischen Sünde und Gericht, ohne damit eine Möglichkeit zu schaffen, das verborgene Verhältnis einzelner Menschen zu Gott zuverlässig zu beurteilen.
Eine weitere wichtige Beobachtung ergibt sich aus der Reihenfolge der Aussagen. Paulus beginnt nicht mit einer Aufzählung sexueller Verfehlungen und leitet daraus erst anschließend die Ablehnung Gottes ab. Vielmehr steht zunächst die verkehrte Gottesverehrung im Mittelpunkt, aus der er dann die moralischen Folgen entwickelt. Dadurch zeigt sich, dass der Mensch nach biblischem Verständnis nicht in voneinander unabhängige Lebensbereiche zerfällt. Seine Gottesbeziehung, seine inneren Überzeugungen und sein Verhalten stehen miteinander in Verbindung. Wenn Gott nicht mehr als Schöpfer und Maßstab anerkannt wird, kann sich auch das Verständnis davon verändern, wie der Mensch mit sich selbst und anderen umgehen soll. Allerdings ist diese Argumentation nicht als einfache Behauptung zu verstehen, dass jeder Mensch, der eine bestimmte sexuelle Sünde begeht, zuvor bewusst ein Götzenbild verehrt haben müsse. Paulus beschreibt eine umfassendere Entwicklung menschlicher Abkehr von Gott. Die konkrete persönliche Schuld und Verantwortung jedes Einzelnen kann nicht allein aus diesem allgemeinen Zusammenhang abgeleitet werden.
In Vers 25 kehrt Paulus zur Ursache des beschriebenen Gerichts zurück und erklärt, dass die Menschen „die Wahrheit Gottes mit der Lüge vertauschten“. Diese Aussage erinnert an Vers 23, in dem bereits von einem Austausch der göttlichen Herrlichkeit gegen geschaffene Bilder die Rede war. Nun verwendet Paulus jedoch eine andere Gegenüberstellung: Wahrheit und Lüge. Damit geht er über die bloße Beschreibung äußerlicher Götzenbilder hinaus und legt den geistlichen Irrtum offen, der hinter ihrer Verehrung steht. Die Menschen haben die Wahrheit über Gott durch eine falsche Vorstellung ersetzt. Die Formulierung „Wahrheit Gottes“ meint in diesem Zusammenhang vor allem die Wirklichkeit, die Gott über sich als Schöpfer erkennbar gemacht hat. Gemeint ist noch nicht unmittelbar die gesamte Botschaft von Kreuz und Auferstehung, die Paulus zu Beginn des Kapitels als Evangelium vorgestellt hat. Vielmehr geht es um die grundlegende Wahrheit, dass der Schöpfer allein göttlicher Verehrung würdig ist.
Die „Lüge“, von der Paulus spricht, lässt sich deshalb besonders als jene grundlegende Täuschung verstehen, durch die geschaffenen Dingen eine göttliche Stellung zugesprochen wird. Der Mensch behandelt etwas, das von Gott abhängig ist, als wäre es selbst der letzte Ursprung seines Lebens und seiner Hoffnung. Diese Verwechslung muss nicht immer mit der ausdrücklichen Behauptung verbunden sein, dass der wahre Gott überhaupt nicht existiert. Auch wenn Menschen Gottes Existenz in irgendeiner Weise anerkennen, können sie anderen Mächten oder geschaffenen Dingen eine religiöse Bedeutung geben, die nach Paulus allein Gott zukommt. Die Lüge besteht dann in der falschen Zuordnung göttlicher Ehre. Eine besonders anschauliche Beschreibung dieses Widerspruchs findet sich in Jesaja 44,9–20, wo ein Mensch ein selbst hergestelltes Götzenbild verehrt und nicht erkennt, dass er einem Gegenstand vertraut, der seine Entstehung ihm selbst verdankt. Die Täuschung betrifft damit nicht nur eine einzelne falsche Aussage, sondern das grundlegende Verständnis dessen, was Gott ist und worauf der Mensch sein Vertrauen richten darf.
Anschließend beschreibt Paulus diese Verkehrung noch genauer: Die Menschen erwiesen dem Geschöpf „mehr Ehre und Dienst“ als dem Schöpfer. Das griechische Wort, das hinter „mehr als“ steht, drückt im Zusammenhang besonders den Gegensatz zwischen dem verehrten Geschöpf und dem zurückgesetzten Schöpfer aus. Deshalb geht es nicht bloß darum, dass Menschen Gott etwas zu wenig und den Geschöpfen etwas zu viel Aufmerksamkeit schenkten. Die entscheidende Aussage lautet, dass geschaffene Dinge an die Stelle des Schöpfers als Gegenstand religiöser Verehrung und Hingabe traten. Auch die beiden verwendeten Tätigkeiten sind bedeutsam. Paulus spricht einerseits von Verehrung und andererseits von religiösem Dienst. Die falsche Gottesvorstellung bleibt somit nicht auf das Denken begrenzt. Sie bestimmt, wem der Mensch seine Ehrfurcht entgegenbringt und worauf er sein praktisches religiöses Handeln ausrichtet.
Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen dem angemessenen Umgang mit der Schöpfung und ihrer Vergöttlichung. Die Bibel verlangt nicht, dass der Mensch geschaffene Dinge verachtet. Gott selbst hat die Welt geschaffen und dem Menschen den Auftrag gegeben, verantwortungsvoll mit ihr umzugehen (1. Mose 1,28; 2,15). Menschen dürfen die Schönheit der Natur bewundern, ihre Fähigkeiten entwickeln, Gemeinschaft miteinander pflegen und die ihnen anvertrauten Gaben dankbar genießen. Doch keine dieser Gaben darf mit dem Geber verwechselt werden. Der Wert des Geschaffenen liegt nicht darin, dass es selbst göttlich wäre, sondern darin, dass es seinen Ursprung in Gottes Schöpferhandeln hat. Wo dieser Unterschied verloren geht, wird die richtige Ordnung umgekehrt: Anstatt Gott für seine Gaben zu danken, richtet sich die Verehrung auf die Gaben selbst.
Die ernsteste Folge dieser Verkehrung besteht darin, dass der Mensch sich von der Quelle des Lebens entfernt, während er weiterhin nach Erfüllung, Sicherheit und Glück sucht. Geschaffene Dinge können wirkliche Bedürfnisse erfüllen, aber sie können nicht an Gottes Stelle treten. Besitz kann das Leben erleichtern, aber keine Schuld vergeben. Menschliche Anerkennung kann ermutigen, aber keine dauerhafte Versöhnung mit Gott schaffen. Auch Macht, Schönheit und körperliche Freude besitzen Grenzen, weil sie zur vergänglichen Welt gehören. Wenn der Mensch von ihnen erwartet, was allein der Schöpfer geben kann, überfordert er das Geschaffene und richtet seine Hoffnung auf etwas, das seinen höchsten Erwartungen nicht entsprechen kann. Damit wird verständlich, weshalb Paulus die Vertauschung von Wahrheit und Lüge nicht als belanglosen religiösen Irrtum behandelt. Sie verändert die Grundlage, auf der Menschen ihr Leben aufbauen.
Am Ende von Vers 25 unterbricht Paulus seine Beschreibung der menschlichen Abkehr mit einem Lobpreis des Schöpfers: „der da gelobt ist in Ewigkeit. Amen!“ Diese Worte besitzen im Zusammenhang eine besondere Bedeutung. Während Paulus gerade davon gesprochen hat, dass Menschen dem Geschöpf die Ehre geben, die Gott gebührt, richtet er seine eigene Verehrung ausdrücklich auf den Schöpfer. Er bleibt nicht bei der Beschreibung falscher Anbetung stehen, sondern bekennt, wem die Anbetung tatsächlich zukommt. Das aus dem Hebräischen stammende Wort „Amen“ bringt dabei Zustimmung und Bekräftigung zum Ausdruck. Paulus bestätigt damit feierlich, dass Gott in Ewigkeit des Lobes würdig ist.
Der Lobpreis macht zugleich deutlich, dass Gottes Herrlichkeit nicht dadurch aufgehoben wird, dass Menschen sie verweigern. Gott hört nicht auf, der Schöpfer zu sein, wenn seine Geschöpfe ihn nicht anerkennen. Seine ewige Würde hängt weder von menschlichem Beifall noch von religiösen Handlungen ab. Menschen können die Wahrheit über ihn verkennen, sie können Bilder an seine Stelle setzen und ihre Verehrung auf Vergängliches richten. Doch dadurch verändert sich nicht, wer Gott tatsächlich ist. Der Schöpfer bleibt derjenige, von dem alles Leben seinen Ursprung hat und dem deshalb die Ehre gebührt. Paulus setzt mit seinem Lobpreis somit einen bewussten Gegensatz zur zuvor beschriebenen Verkehrung der Anbetung.
Die Verse 24 und 25 offenbaren auf diese Weise einen Zusammenhang, der für das Verständnis göttlichen Gerichts besonders wichtig ist. Gott nimmt die Entscheidungen des Menschen ernst. Wenn Menschen seine Wahrheit beharrlich zurückweisen, kann sein Gericht darin bestehen, dass er sie der gewählten Richtung und ihren Folgen übergibt. Dieses Dahingeben ist weder ein Ausdruck göttlicher Gleichgültigkeit noch die Behauptung, Gott selbst verursache die Sünde. Es ist eine ernsthafte Form seines gerechten Handelns gegenüber menschlicher Rebellion. Zugleich zeigt der Abschnitt, dass falsche Anbetung nicht lediglich ein äußerlicher religiöser Fehler ist. Sie betrifft die innere Ausrichtung des Menschen und kann tiefgreifende Folgen für sein Verhalten und seine Beziehungen haben.
Dennoch darf aus dem beschriebenen Gericht nicht geschlossen werden, dass jeder Mensch, der sich von Gott entfernt hat, für immer von seiner Gnade ausgeschlossen wäre. Paulus wird bereits im nächsten Kapitel erklären, dass Gottes Güte, Geduld und Langmut den Menschen zur Buße führen wollen (Römer 2,4). Die ernste Warnung vor dem Dahingeben steht deshalb innerhalb eines Briefes, dessen zentrale Botschaft die rettende Kraft des Evangeliums ist. Gott verharmlost die Sünde nicht, aber er ruft Menschen zur Umkehr und bietet ihnen durch Jesus Christus Versöhnung an. Gerade weil die Abkehr von Gott wirkliche Folgen hat, besitzt die Einladung zur Rückkehr zu ihm eine so große Bedeutung.
Nachdem Paulus dieses erste Dahingeben beschrieben und dessen Ursache in der Vertauschung von Gottes Wahrheit und der Lüge erklärt hat, wendet er sich nun bestimmten Ausdrucksformen der geschlechtlichen Unordnung zu. In den Versen 26 und 27 verwendet er erneut die Aussage, dass Gott Menschen dahingegeben hat, und beschreibt anschließend genauer, welche Verhaltensweisen er damit verbindet. Die Grundlage seiner Argumentation bleibt jedoch dieselbe: Der Mensch hat den Schöpfer zurückgewiesen und muss sich den Folgen einer Lebensrichtung stellen, die nicht mehr von der Anerkennung Gottes bestimmt wird.
Römer 1,26–27
Die Verkehrung der geschlechtlichen Ordnung und die Folgen menschlicher Abkehr von Gott
Nachdem Paulus erklärt hat, dass Menschen die Wahrheit Gottes gegen die Lüge vertauschten und dem Geschöpf die Verehrung erwiesen, die allein dem Schöpfer gebührt, beschreibt er in Vers 26 eine weitere Folge dieser Abkehr. Er schreibt, dass Gott sie in „entehrende Leidenschaften“ dahingegeben hat. Damit greift Paulus die bereits in Vers 24 verwendete Formulierung erneut auf, richtet den Blick nun aber auf bestimmte sexuelle Verhaltensweisen. Seine Beschreibung ist eng mit der vorhergehenden Aussage über die vertauschte Gottesverehrung verbunden. So wie Menschen die Herrlichkeit Gottes gegen geschaffene Bilder eingetauscht haben, spricht Paulus jetzt von einer Vertauschung des natürlichen sexuellen Umgangs. Diese wiederkehrende Sprache ist nicht zufällig. Sie verbindet für Paulus die gestörte Beziehung zum Schöpfer mit einem Verhalten, das er als Abweichung von der geschaffenen Ordnung des menschlichen Lebens beurteilt.
Die Bezeichnung „entehrende Leidenschaften“ verdient dabei eine genauere Erklärung. Das griechische Wort für Leidenschaft, pathos, beschreibt hier ein starkes inneres Begehren, das den Menschen zu bestimmten Handlungen bewegt. Im Zusammenhang mit Römer 1 erhält der Ausdruck eine negative Bedeutung, weil Paulus von Leidenschaften spricht, deren Verwirklichung er als entwürdigend bewertet. Daraus folgt jedoch nicht, dass die Bibel menschliche Gefühle, körperliches Verlangen oder sexuelle Empfindungen grundsätzlich für schlecht hält. Der Mensch wurde von Gott als leibliches Wesen geschaffen, und die geschlechtliche Verbindung von Mann und Frau gehört bereits vor dem Sündenfall zur Schöpfungsgeschichte (1. Mose 1,27–28; 2,24–25). Nicht das Vorhandensein sexuellen Verlangens wird hier verurteilt, sondern dessen Ausrichtung und Verwirklichung in den Handlungen, die Paulus anschließend beschreibt. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sich seine Aussage sonst zu einer allgemeinen Ablehnung der menschlichen Sexualität verzerren ließe.
In Vers 26 nennt Paulus zunächst die Frauen. Nach der Schlachter-Bibel 1951 haben sie „den natürlichen Gebrauch vertauscht mit dem widernatürlichen“. Die Formulierung ist auffällig, weil Paulus an dieser Stelle noch nicht ausdrücklich nennt, mit wem die Frauen sexuelle Beziehungen eingehen. Erst im folgenden Vers beschreibt er das entsprechende Verhalten der Männer genauer. Deshalb ist es notwendig, beide Verse gemeinsam zu betrachten, ohne die sprachlichen Unterschiede zwischen ihnen zu übergehen.
Die verbreitete und im unmittelbaren Zusammenhang naheliegende Auslegung versteht Vers 26 als Beschreibung sexueller Handlungen zwischen Frauen. Dafür spricht besonders das Wort „gleicherweise“, mit dem Paulus in Vers 27 die Männer anschließt. Er beschreibt dort ausdrücklich Männer, die den sexuellen Umgang mit Frauen verlassen und sich in ihrem Begehren anderen Männern zuwenden. Durch die Verbindung beider Aussagen entsteht eine Gegenüberstellung von weiblichen und männlichen gleichgeschlechtlichen Handlungen. Allerdings gibt es auch eine andere Auslegung, nach der Vers 26 bestimmte sexuelle Praktiken zwischen Frauen und Männern bezeichnet, die in der Antike als widernatürlich galten, etwa solche, die nicht auf Fortpflanzung ausgerichtet waren. Diese Erklärung ist sprachlich nicht völlig ausgeschlossen, da Paulus die Handlung der Frauen weniger genau beschreibt. Die enge Parallelführung mit Vers 27 spricht jedoch stärker dafür, dass er in beiden Fällen gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen meint.
Besonders wichtig ist nun die Frage, was Paulus mit dem Ausdruck „widernatürlich“ meint. Das griechische Wort für Natur lautet physis. Die Wendung para physin bedeutet wörtlich „gegen die Natur“ oder „entgegen der Natur“. Ihre Bedeutung ergibt sich allerdings nicht allein aus der Übersetzung dieser beiden Wörter. Schon in der antiken Welt konnte der Naturbegriff unterschiedliche Vorstellungen umfassen. Er konnte sich auf die Beschaffenheit eines Wesens, auf die Ordnung der Welt oder auf das beziehen, was Menschen als der Natur entsprechend ansahen. Deshalb muss untersucht werden, in welchem Sinn Paulus selbst diese Formulierung verwendet.
Ein aufschlussreicher Vergleich findet sich in Römer 11,24. Dort beschreibt Paulus, wie wilde Ölzweige entgegen der Natur in einen edlen Ölbaum eingepfropft werden. Er verwendet dafür ebenfalls die Wendung para physin. In diesem Zusammenhang bezeichnet sie offensichtlich keine sündige Handlung, denn das Einpfropfen dient als Bild für Gottes gnädiges Handeln an den Menschen aus den anderen Völkern. Daraus folgt, dass der Ausdruck „gegen die Natur“ nicht schon durch seine bloße Wortbedeutung immer ein moralisches Urteil enthält. Entscheidend ist, welche Ordnung oder welcher gewöhnliche Zusammenhang im jeweiligen Text vorausgesetzt wird. Während Paulus in Römer 11 ein ungewöhnliches, aber gutes Handeln Gottes beschreibt, verwendet er den Begriff in Römer 1 innerhalb einer ausdrücklich moralischen Beurteilung menschlichen Verhaltens.
Der Zusammenhang von Römer 1 weist besonders auf die Schöpfungsordnung hin. Bereits in Vers 20 hatte Paulus Gottes Schöpfermacht hervorgehoben. In Vers 25 stellte er den Schöpfer den geschaffenen Dingen gegenüber. Nun spricht er von Frauen und Männern und ihrem sexuellen Umgang. Bemerkenswert ist, dass Paulus im Griechischen hier nicht die gewöhnlichen Bezeichnungen für Ehefrau und Ehemann verwendet, sondern Ausdrücke für das Weibliche und das Männliche. Diese Wortwahl erinnert an die griechische Fassung von 1. Mose 1,27, wo Gott den Menschen männlich und weiblich erschafft. Die sprachliche Verbindung allein wäre noch kein vollständiger Beweis für jede Einzelheit seiner Argumentation. Zusammen mit dem durchgehenden Schöpfungsbezug spricht sie jedoch dafür, dass Paulus die geschlechtliche Verschiedenheit von Mann und Frau als einen bedeutsamen Bestandteil der von Gott geschaffenen Ordnung versteht.
Dieser Zusammenhang wird durch 1. Mose 2,24 weiter vertieft. Dort beschreibt die Schrift, dass ein Mann Vater und Mutter verlässt, seiner Frau anhängt und beide ein Fleisch werden. Die geschlechtliche Gemeinschaft erscheint in diesem Text nicht lediglich als Mittel zur Fortpflanzung, sondern als Teil einer umfassenden Verbindung zweier Menschen. Auch Jesus greift diese beiden Schöpfungstexte auf, als er über die Ehe spricht. Er verbindet die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau mit dem Zusammengefügtwerden beider zu einem Fleisch (Matthäus 19,4–6). Damit erhält die Beziehung zwischen Mann und Frau innerhalb der biblischen Schöpfungsordnung eine besondere Bedeutung. Wenn Paulus in Römer 1 sexuelle Handlungen als widernatürlich bezeichnet, liegt es deshalb nahe, dass er sie an diesem Verständnis geschlechtlicher Gemeinschaft misst.
Allerdings muss auch hier zwischen dem ausdrücklich Gesagten und der weiterführenden Begründung unterschieden werden. Paulus zitiert in Römer 1,26–27 weder 1. Mose 2,24 noch entfaltet er eine vollständige Lehre über Ehe und Sexualität. Er setzt vielmehr eine bestimmte Vorstellung der geschlechtlichen Ordnung voraus und bewertet die beschriebenen Handlungen vor diesem Hintergrund. Die Verbindung zur Schöpfung ist aus seiner Sprache und dem Zusammenhang gut begründet, doch der Abschnitt behandelt nicht sämtliche Fragen menschlicher Sexualität. Er erklärt beispielsweise nicht, weshalb Menschen unterschiedliche sexuelle Empfindungen entwickeln, welche persönlichen Erfahrungen sie prägen oder wie sie mit inneren Konflikten umgehen. Sein Gegenstand ist die moralische Bewertung bestimmter Handlungen innerhalb seiner umfassenderen Darstellung menschlicher Abkehr von Gott.
In Vers 27 wird Paulus deutlicher. Er beschreibt Männer, die den natürlichen Verkehr mit Frauen verlassen haben und „gegeneinander entbrannt“ sind in ihrer Begierde. Anschließend nennt er ausdrücklich sexuelle Handlungen zwischen Männern. Die Formulierung lässt keinen Zweifel daran, dass sich seine Aussage hier auf männliche gleichgeschlechtliche sexuelle Praktiken bezieht. Zugleich fällt auf, dass Paulus von einem gegenseitigen Begehren spricht. Er beschreibt nicht ausdrücklich nur einen Mann, der einen anderen gegen dessen Willen missbraucht, sondern richtet den Blick auf das sexuelle Verlangen und Handeln zwischen Männern.
Dieser Unterschied ist für die Auslegung von Bedeutung, weil manche Erklärungen den gesamten Abschnitt ausschließlich auf sexuelle Ausbeutung, Prostitution oder den Missbrauch jüngerer Männer beziehen. Solche Praktiken waren in der griechisch-römischen Welt tatsächlich bekannt. Sexuelle Beziehungen konnten von deutlichen Unterschieden in Alter, gesellschaftlicher Stellung und Macht geprägt sein. Gerade Sklaven waren gegenüber sexuellen Übergriffen ihrer Herren besonders verletzlich. Dieser historische Hintergrund darf nicht übersehen werden, wenn die damalige Sexualkultur verstanden werden soll. Dennoch nennt Paulus in Römer 1,26–27 weder ein bestimmtes Altersverhältnis noch Sklaverei, Prostitution oder Gewalt als die Merkmale, auf die sich sein Urteil beschränkt. Die gegenseitige Begierde in Vers 27 passt nicht gut zu einer Auslegung, die ausschließlich einseitige Ausbeutung im Blick haben will. Sie beweist allerdings auch nicht, dass Paulus hier eigens eine gleichberechtigte, dauerhafte Partnerschaft im heutigen Verständnis beschreibt.
Eine weitere Erklärung begrenzt die Aussage auf sexuelle Handlungen im Rahmen heidnischer Tempelkulte. Dafür wird angeführt, dass Paulus zuvor von Götzenbildern und falscher Gottesverehrung gesprochen hat. Dieser Zusammenhang ist tatsächlich vorhanden und für seine Argumentation wesentlich. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede in den Versen 26 und 27 genannte Handlung während einer religiösen Zeremonie stattgefunden haben muss. Der Text erwähnt weder einen Tempel noch eine bestimmte Gottheit oder ein kultisches Ritual. Paulus beschreibt vielmehr ein umfassendes Verhältnis zwischen falscher Gottesverehrung und moralischer Unordnung. Die Verbindung zum Götzendienst erklärt, warum er dieses Verhalten innerhalb seiner Anklage behandelt. Sie reicht aber nicht aus, um seine Aussage ausschließlich auf Tempelprostitution oder bestimmte religiöse Ausschweifungen zu begrenzen.
Gleichzeitig wäre es ungenau, die antike Beschreibung ohne weitere Unterscheidung mit heutigen Vorstellungen sexueller Orientierung gleichzusetzen. Paulus verwendet keine Begriffe wie Heterosexualität oder Homosexualität im modernen Sinn. Diese Kategorien beschreiben nicht nur einzelne Handlungen, sondern auch relativ beständige Muster sexueller oder romantischer Anziehung. In der griechisch-römischen Welt wurden sexuelle Beziehungen dagegen häufig nach anderen Gesichtspunkten beurteilt, etwa nach gesellschaftlichem Status, Geschlechterrollen, Selbstbeherrschung und der Stellung der Beteiligten. Deshalb lässt sich aus der Formulierung, Männer hätten den Verkehr mit Frauen „verlassen“, nicht sicher ableiten, dass jeder von Paulus gemeinte Mann zuvor ausschließlich Frauen begehrt habe und anschließend bewusst seine sexuelle Orientierung verändert hätte. Der Text beschreibt das Verlassen einer von Paulus vorausgesetzten geschlechtlichen Ordnung, nicht eine wissenschaftliche Erklärung dafür, wie sexuelle Orientierung entsteht.
Diese Unterscheidung verändert nicht automatisch die moralische Bewertung, die Paulus ausdrücklich vornimmt. Sie verhindert aber, dass ihm Aussagen zugeschrieben werden, die er gar nicht behandelt. Seine Worte beziehen sich auf sexuelles Begehren und entsprechende Handlungen. Er legt keine umfassende Lehre über die Entstehung menschlicher Anziehung vor und erklärt nicht, dass das bloße Vorhandensein einer bestimmten Empfindung bereits mit einer ausgeführten Handlung gleichzusetzen wäre. Ebenso wenig beschreibt er die persönliche Lebensgeschichte jedes Menschen, der gleichgeschlechtliche Anziehung empfindet. Wer diesen Text auf heutige Fragen anwendet, muss daher sowohl die klare Bewertung der beschriebenen Handlungen als auch die Grenzen seiner tatsächlichen Aussage beachten.
Besonders ernst ist die Formulierung am Ende von Vers 27. Paulus schreibt, dass die Männer „den verdienten Lohn ihrer Verirrung an sich selbst empfangen“ haben. Mit diesem Ausdruck verbindet er das beschriebene Verhalten erneut mit dem Gedanken des Gerichts. Das griechische Wort für Lohn oder Vergeltung kann eine entsprechende Gegenleistung bezeichnen, hier also die Folge eines als verfehlt beurteilten Handelns. Paulus spricht davon, dass diese Vergeltung „an sich selbst“ empfangen wird. Er betont damit, dass die beschriebene Verirrung nicht folgenlos bleibt. Was genau diese Vergeltung im Einzelnen umfasst, erklärt er jedoch nicht.
Gerade an dieser Stelle ist Zurückhaltung notwendig. Manchmal wird der Vers so ausgelegt, als habe Paulus eine bestimmte sexuell übertragbare Krankheit oder eine konkrete medizinische Folge vorhergesagt. Eine solche Gleichsetzung lässt sich aus seinem Wortlaut nicht begründen. Er nennt weder eine Krankheit noch bestimmte körperliche Symptome. Ebenso wenig liefert der Vers eine Grundlage dafür, Erkrankungen einzelner Menschen als persönliche Strafe Gottes zu bezeichnen. Die Formulierung steht innerhalb einer theologischen Darstellung, in der Sünde und göttliches Gericht miteinander verbunden werden. Ob Paulus dabei besonders an eine innere Entwürdigung, an Folgen des Handelns oder an eine umfassendere gerichtliche Vergeltung denkt, lässt sich aus diesem Satz allein nicht abschließend entscheiden. Sicher ist, dass er das beschriebene Verhalten als Verirrung bewertet und eine entsprechende Folge damit verbindet.
Eine weitere wichtige Frage betrifft die Beziehung zwischen diesen sexuellen Handlungen und Gottes dreifachem Dahingeben. Paulus beschreibt die Folgen menschlicher Abkehr von Gott, aber er entwickelt keine Aussage, nach der sich die persönliche Schuld eines Menschen allein an einer bestimmten sexuellen Verhaltensweise ablesen ließe. In den folgenden Versen wird er zahlreiche andere Formen der Ungerechtigkeit nennen, darunter Habsucht, Neid, Betrug, Hochmut, Lieblosigkeit und Unbarmherzigkeit. Wer Römer 1,26–27 aus dem Zusammenhang herauslöst und so behandelt, als bestehe das eigentliche Problem der Menschheit ausschließlich in gleichgeschlechtlichem Verhalten, verengt daher die Argumentation des Apostels. Paulus beschreibt eine umfassende Verkehrung des menschlichen Lebens, die in unterschiedlichen Bereichen sichtbar wird. Sein Ziel besteht nicht darin, eine einzelne Menschengruppe zum alleinigen Beispiel menschlicher Sündhaftigkeit zu machen.
Auch die Würde des Menschen darf durch die moralische Bewertung bestimmter Handlungen nicht infrage gestellt werden. Nach 1. Mose 1,27 sind Menschen als Männer und Frauen nach Gottes Bild geschaffen. Diese grundlegende Würde wird durch den Sündenfall nicht einfach aufgehoben. In 1. Mose 9,6 wird die besondere Schutzwürdigkeit des menschlichen Lebens weiterhin mit dem Bild Gottes begründet. Jakobus erinnert ebenfalls daran, dass Menschen nach Gottes Gleichnis geschaffen sind, und verurteilt es deshalb, sie mit derselben Zunge zu verfluchen, mit der Gott gelobt wird (Jakobus 3,9–10). Daraus folgt eine wichtige Grenze für jede Anwendung von Römer 1: Auch dort, wo die Bibel ein Verhalten als Sünde bezeichnet, erhält niemand dadurch das Recht, Menschen zu verachten, zu demütigen oder ihnen die Achtung zu verweigern, die ihnen als Geschöpfen Gottes zusteht. Biblische Wahrheit und die Verpflichtung zur Liebe dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Zugleich wäre es ebenso unzureichend, Paulus' tatsächliches Urteil allein deshalb abzuschwächen, weil seine Worte heutigen Vorstellungen widersprechen können. Eine sorgfältige Auslegung muss zunächst fragen, was der Apostel in seinem eigenen Zusammenhang sagen wollte. In Römer 1,26–27 bewertet er gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen, besonders ausdrücklich diejenigen zwischen Männern, negativ. Seine Argumentation ist eng mit der von ihm verstandenen Schöpfungsordnung und dem Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf verbunden. Eine Deutung, die seine Worte ausschließlich auf sexuelle Gewalt oder religiöse Kultprostitution begrenzen möchte, findet im Text keine ausreichende ausdrückliche Grundlage. Welche Folgerungen daraus für einzelne heutige Lebenssituationen gezogen werden, muss jedoch unter sorgfältiger Berücksichtigung des gesamten biblischen Zeugnisses und der Unterschiede zwischen antiker und heutiger Begriffswelt verantwortet werden.
Schließlich darf nicht übersehen werden, dass der Römerbrief mit der ernsten Beschreibung menschlicher Sünde keineswegs endet. Bereits zu Beginn hat Paulus das Evangelium als Gottes Kraft zur Rettung für jeden Glaubenden vorgestellt (Römer 1,16). Später wird er erklären, dass alle Menschen gesündigt haben und der Gnade Gottes bedürfen (Römer 3,23–24). Diese Aussagen bilden den theologischen Rahmen für seine moralische Anklage. Die Erkenntnis von Sünde soll den Menschen nicht in die Vorstellung führen, für immer ohne Hoffnung zu sein. Sie soll vielmehr sichtbar machen, weshalb er Gottes Vergebung und erneuernde Kraft benötigt. Auch für Menschen, die mit sexuellen Fragen, Versuchungen oder persönlichen Konflikten ringen, darf deshalb nicht der Eindruck entstehen, sie stünden grundsätzlich außerhalb der Reichweite göttlicher Gnade. Das Evangelium richtet sich an schuldige Menschen und ruft sie dazu, sich Jesus Christus anzuvertrauen.
In diesen beiden Versen zeigt Paulus somit, dass die Abkehr vom Schöpfer nach seiner Überzeugung auch die geschlechtliche Lebensführung des Menschen betrifft. Er beschreibt sexuelle Handlungen, die er als Widerspruch zur geschaffenen Ordnung beurteilt, und verbindet sie mit dem ernsten Gedanken göttlichen Gerichts. Dabei erklärt er weder sämtliche Ursachen menschlicher sexueller Empfindungen noch alle Fragen, die sich aus heutigen Lebenssituationen ergeben. Der Schwerpunkt liegt auf der Verantwortung des Menschen gegenüber seinem Schöpfer und auf den Folgen eines Lebens, das Gottes Ordnung zurückweist.
Doch Paulus ist mit seiner Beschreibung noch nicht am Ende. In Vers 28 spricht er ein drittes Mal davon, dass Gott Menschen dahingegeben hat. Anschließend richtet er seinen Blick auf eine breite Vielzahl menschlicher Verfehlungen, die das Zusammenleben zerstören. Damit wird die Reichweite seiner Anklage noch deutlicher: Nicht nur einzelne Formen sexuellen Fehlverhaltens, sondern auch Ungerechtigkeit, Habsucht, Neid, Streit, Hochmut und fehlende Barmherzigkeit gehören zu den Erscheinungen einer von Gott entfremdeten Menschheit. Diese Erweiterung ist entscheidend, damit seine Worte nicht zur Grundlage einseitiger Urteile über andere werden, sondern den Leser auf die eigene Verantwortung vor Gott vorbereiten.
Römer 1,28–32
Das dritte Dahingeben: Wenn die Ablehnung Gottes Denken, Charakter und Zusammenleben verändert
Mit Vers 28 erreicht die dreifache Beschreibung des göttlichen Dahingebens ihren letzten Abschnitt. Nachdem Paulus die Folgen einer verkehrten Gottesverehrung zunächst im Bereich körperlicher Begierden und geschlechtlicher Beziehungen dargestellt hat, erweitert er nun seinen Blick auf das gesamte menschliche Zusammenleben. Dabei beginnt er erneut mit der Ursache des beschriebenen Gerichts: Die Menschen wollten Gott nicht die Anerkennung geben, die ihm gebührt. Die Schlachter-Bibel 1951 formuliert: „Und gleichwie sie Gott nicht der Anerkennung würdigten, hat Gott auch sie dahingegeben in unwürdigen Sinn“. Paulus verbindet damit die innere Haltung des Menschen gegenüber Gott unmittelbar mit der Veränderung seines Denkens und Handelns. Wer die Erkenntnis Gottes bewusst zurückweist, verliert nach seiner Darstellung nicht nur die rechte Beziehung zu seinem Schöpfer, sondern gerät zunehmend in eine verkehrte moralische Orientierung. Die Folgen betreffen schließlich nicht mehr nur die persönliche Gottesverehrung, sondern auch das Verhalten gegenüber anderen Menschen.
Besonders bemerkenswert ist das Wortspiel, das Paulus im griechischen Text verwendet. Das Verb dokimazō bedeutet unter anderem, etwas zu prüfen, für geeignet zu befinden oder anzuerkennen. Paulus schreibt, dass die Menschen es nicht für angemessen hielten, Gott in ihrer Erkenntnis festzuhalten. Daraufhin übergab Gott sie einem adokimos nous, einem Denken, das die Prüfung nicht besteht und als untauglich beziehungsweise verwerflich beschrieben wird. Beide Ausdrücke gehören sprachlich eng zusammen. Der Gedanke lässt sich sinngemäß so wiedergeben: Weil die Menschen es nicht für richtig hielten, Gott anzuerkennen, wurden sie einem Denken überlassen, das selbst nicht mehr dem rechten Maßstab entspricht. Die sprachliche Verbindung verdeutlicht die Entsprechung zwischen menschlicher Entscheidung und göttlichem Gericht. Die Menschen verwerfen die Anerkennung Gottes, und Gott gibt sie einer Denkweise dahin, die ihrem eigenen Anspruch auf richtiges Urteilen nicht gerecht wird.
Damit beschreibt Paulus einen Zustand, der über einzelne falsche Gedanken hinausgeht. Der griechische Begriff nous bezeichnet das Denken oder den Verstand des Menschen, insbesondere seine Fähigkeit, Sachverhalte zu beurteilen und Entscheidungen zu treffen. Wenn Paulus von einem unwürdigen oder verwerflichen Sinn spricht, meint er jedoch nicht, dass der betroffene Mensch jede Fähigkeit zum vernünftigen Denken verloren hätte. Er kann weiterhin rechnen, planen, lernen und komplizierte Zusammenhänge verstehen. Die Störung betrifft vor allem seine moralische und geistliche Orientierung. Ein Mensch kann in vielen Lebensbereichen klug handeln und dennoch falsche Maßstäbe dafür entwickeln, was gut und böse ist. Das ist eine andere Aussage als die Behauptung, Menschen ohne Glauben könnten grundsätzlich keine richtigen Entscheidungen treffen oder keine moralisch guten Handlungen vollbringen. Paulus beschreibt vielmehr die schwerwiegenden Folgen einer Welt, die Gottes Erkenntnis zurückweist und dadurch auch in ihrem Urteil über menschliches Verhalten fehlgehen kann.
Der letzte Teil von Vers 28 erklärt, wozu dieses Dahingeben führt: Die Menschen verüben Dinge, „was sich nicht geziemt“. Die Formulierung beschreibt Handlungen, die der angemessenen moralischen Ordnung widersprechen. Paulus meint damit nicht lediglich Verstöße gegen gesellschaftliche Umgangsformen oder gegen die Erwartungen einer bestimmten Kultur. Die folgenden Verse zeigen, dass er Verhaltensweisen im Blick hat, die mit Ungerechtigkeit, Schaden, Lieblosigkeit und mangelnder Verantwortung gegenüber anderen Menschen verbunden sind. Die Worte sind zugleich eine Überleitung zu der umfangreichen Aufzählung, die nun folgt. Während Paulus zuvor bestimmte sexuelle Handlungen hervorgehoben hatte, nennt er jetzt zahlreiche Erscheinungsformen menschlicher Sünde, die sowohl das öffentliche Leben als auch persönliche Beziehungen betreffen.
In Vers 29 beginnt Paulus mit einer Reihe grundlegender Begriffe: Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habsucht und Bosheit. Ungerechtigkeit bezeichnet dabei ein Verhalten, das dem rechten Maßstab widerspricht und anderen Menschen das vorenthält, was ihnen zusteht. Sie kann sich in offenen Verbrechen zeigen, aber ebenso in Betrug, unfairer Behandlung oder dem Missbrauch einer überlegenen Stellung. Schlechtigkeit und Bosheit beschreiben eine weiterreichende moralische Verkehrung, bei der das Denken und Handeln von bösen Absichten geprägt werden. Habsucht richtet den Blick dagegen auf das maßlose Verlangen, mehr besitzen oder für sich beanspruchen zu wollen. Ein habsüchtiger Mensch ist nicht einfach jemand, der arbeitet, spart oder seinen Lebensunterhalt verbessern möchte. Problematisch wird das Streben nach Besitz dort, wo es andere Werte verdrängt und der Mensch bereit wird, für seinen eigenen Vorteil die Rechte und Bedürfnisse anderer zu missachten.
Gerade die Habsucht besitzt innerhalb der biblischen Lehre eine besondere Bedeutung. Jesus warnt in Lukas 12,15 davor, dass das Leben eines Menschen nicht von der Fülle seiner Güter abhängt. In der anschließenden Geschichte vom reichen Kornbauern beschreibt er einen Mann, der seine ganze Sicherheit auf seinen wachsenden Besitz gründet, aber seine eigene Vergänglichkeit nicht berücksichtigt. Paulus geht in Kolosser 3,5 noch einen Schritt weiter, indem er Habsucht als Götzendienst bezeichnet. Diese Verbindung führt zu Römer 1 zurück. Wenn Besitz zum höchsten Ziel eines Menschen wird, kann etwas Geschaffenes die Stellung einnehmen, die allein Gott zukommt. Damit wird verständlich, weshalb Paulus die Habsucht innerhalb seiner Beschreibung menschlicher Abkehr vom Schöpfer nennt. Sie ist nicht bloß eine Schwäche im Umgang mit Geld, sondern kann Ausdruck einer grundlegenden Verschiebung des Vertrauens und der Lebensziele sein.
Anschließend nennt Paulus Neid, Mordlust, Zank, Trug und Tücke. Diese Begriffe machen sichtbar, wie die innere Haltung eines Menschen seine Beziehungen zu anderen beeinflussen kann. Neid entsteht dort, wo jemand einem anderen dessen Besitz, Fähigkeiten, Anerkennung oder Glück missgönnt. Er unterscheidet sich damit von dem berechtigten Wunsch, selbst etwas Gutes zu erreichen. Der Neid richtet sich gegen das Gute, das ein anderer besitzt. Daraus können Streit, Feindseligkeit und der Wunsch entstehen, den anderen herabzusetzen. Mord bezeichnet die äußerste Form der Missachtung fremden Lebens. Die übrigen Begriffe umfassen unterschiedliche Formen von Konflikt, Täuschung und böswilligem Verhalten. Zank zerstört den Frieden zwischen Menschen, Trug missbraucht ihr Vertrauen, und Tücke beschreibt eine Haltung, die auf das Schädigen anderer ausgerichtet ist. Paulus stellt diese Verfehlungen nebeneinander, ohne damit zu behaupten, dass sie in ihrer Schwere oder in ihren unmittelbaren Folgen völlig gleich wären. Gemeinsam zeigen sie jedoch, wie weit menschliche Ungerechtigkeit reichen kann.
Besonders aufschlussreich ist, dass Paulus inmitten schwerwiegender Vergehen auch Verhaltensweisen nennt, die im Alltag leicht verharmlost werden. In Vers 30 spricht er von „Ohrenbläsern“ und „Verleumdern“. Das ältere deutsche Wort „Ohrenbläser“ bezeichnet Menschen, die hinter dem Rücken anderer nachteilig über sie reden oder Gerüchte verbreiten. Der Ausdruck für Verleumder lenkt den Blick auf das abwertende Reden über andere Menschen, durch das deren Ruf beschädigt wird. Beide Begriffe berühren einen Bereich, in dem große Ungerechtigkeit entstehen kann, ohne dass körperliche Gewalt angewendet werden muss. Worte können Vertrauen zerstören, Menschen gegeneinander aufbringen und Beziehungen dauerhaft belasten. Besonders gefährlich wird dies, wenn negative Behauptungen ungeprüft weitergegeben oder bewusst so dargestellt werden, dass ein anderer Mensch in einem falschen Licht erscheint.
Die Bibel behandelt den Umgang mit Worten deshalb keineswegs als nebensächliche Angelegenheit. In Sprüche 16,28 wird beschrieben, wie ein Verleumder vertraute Beziehungen auseinanderbringen kann. Jakobus erklärt später, dass die menschliche Zunge trotz ihrer geringen Größe großen Schaden anrichten kann (Jakobus 3,5–10). Seine Warnung richtet sich besonders gegen den Widerspruch, mit derselben Zunge Gott zu loben und Menschen zu verfluchen, die nach Gottes Bild geschaffen sind. Damit entsteht eine enge Verbindung zur Argumentation des Paulus. Wer Gott die gebührende Ehre verweigert und zugleich seine Mitmenschen mit Worten verletzt, missachtet nicht nur eine gesellschaftliche Höflichkeitsregel. Er handelt gegen die Würde, die der Schöpfer dem Menschen verliehen hat. Deshalb gehören Verleumdung und böswilliges Reden ebenso zur moralischen Verantwortung des Menschen wie seine äußerlich sichtbaren Taten.
Paulus fährt mit weiteren Eigenschaften fort und nennt Gottesverächter, Freche, Übermütige und Prahler. Hier tritt besonders die Haltung menschlicher Selbstüberhebung hervor. Der Gottesverächter steht dem Anspruch Gottes ablehnend gegenüber. Frechheit und Übermut beschreiben in diesem Zusammenhang nicht bloß ein selbstbewusstes Auftreten, sondern eine anmaßende Haltung, die andere Menschen herabsetzt und die eigenen Grenzen missachtet. Prahlerei richtet die Aufmerksamkeit auf die eigene vermeintliche Größe und sucht Anerkennung durch übertriebene Selbstdarstellung. Solche Eigenschaften können unterschiedlich zum Ausdruck kommen, besitzen aber einen gemeinsamen Kern: Der Mensch erhebt sich selbst und verliert dabei den angemessenen Blick für seine Stellung gegenüber Gott und anderen Menschen. Bereits Sprüche 16,18 warnt davor, dass Hochmut dem Fall vorausgeht. Auch Jesus stellt in Lukas 18,9–14 dem selbstgerechten Pharisäer einen Zöllner gegenüber, der seine Schuld erkennt und Gott um Gnade bittet. Die Geschichte verdeutlicht, weshalb religiöse Selbstüberhebung ebenso gefährlich sein kann wie offensichtliche moralische Verfehlungen.
Eine besonders eindringliche Formulierung folgt, wenn Paulus Menschen als „erfinderisch im Bösen“ bezeichnet. Damit beschreibt er nicht nur die Ausführung bereits bekannter Verfehlungen, sondern die bewusste Suche nach neuen Möglichkeiten, anderen zu schaden oder eigene sündige Absichten durchzusetzen. Die Fähigkeiten des menschlichen Verstandes werden dabei nicht grundsätzlich aufgehoben. Vielmehr können Einfallsreichtum, Planung und Geschicklichkeit selbst in den Dienst ungerechter Ziele gestellt werden. Diese Beobachtung ist wichtig, weil sie zeigt, dass hohe Intelligenz und moralische Reife nicht dasselbe sind. Der Mensch kann seine Fähigkeiten sowohl zum Guten als auch zum Bösen einsetzen. Technischer Fortschritt, organisatorisches Geschick oder überzeugende Sprache besitzen deshalb nicht automatisch einen guten moralischen Wert. Entscheidend ist auch, wozu diese Fähigkeiten gebraucht werden und welche Haltung ihnen zugrunde liegt.
Am Ende von Vers 30 nennt Paulus Menschen, die ihren Eltern ungehorsam sind. Die Platzierung innerhalb einer so ernsten Aufzählung mag zunächst überraschen. Doch gerade dadurch zeigt sich, dass Paulus seine Anklage nicht auf außergewöhnliche Verbrechen begrenzt. Er bezieht auch die grundlegenden Beziehungen innerhalb der Familie ein. Das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, gehört bereits zu den Zehn Geboten (2. Mose 20,12). Es schützt eine Beziehung, die für die Weitergabe von Verantwortung, Fürsorge und geordnetem Zusammenleben von besonderer Bedeutung ist. Allerdings bedeutet die biblische Aufforderung zur Ehrerbietung gegenüber den Eltern nicht, dass Kinder oder erwachsene Nachkommen jeder Forderung ihrer Eltern unabhängig von deren Inhalt gehorchen müssten. Wo menschliche Autorität Gottes Willen widerspricht oder Unrecht verlangt, besitzt sie keine unbegrenzte Geltung (Apostelgeschichte 5,29). Paulus verurteilt hier die Missachtung einer berechtigten familiären Verantwortung, nicht die notwendige Ablehnung von Missbrauch oder ungerechten Forderungen.
In Vers 31 führt Paulus seine Aufzählung mit den Eigenschaften „unverständig, unbeständig, lieblos, unversöhnlich, unbarmherzig“ fort. Diese Worte lenken den Blick besonders auf den Verlust verlässlicher und liebevoller Beziehungen. Unverständigkeit bezeichnet hier eine mangelnde moralische Einsicht. Unbeständigkeit kann den Gedanken enthalten, dass Menschen ihren Zusagen und Verpflichtungen nicht treu bleiben. Wer Versprechen leichtfertig bricht, beschädigt das Vertrauen, auf das menschliches Zusammenleben angewiesen ist. Lieblosigkeit betrifft den Mangel an jener natürlichen Zuneigung und Verbundenheit, die besonders in engen persönlichen und familiären Beziehungen erwartet wird. Unversöhnlichkeit beschreibt die Weigerung, einen Konflikt beizulegen, während Unbarmherzigkeit das Fehlen von Mitgefühl und helfender Zuwendung hervorhebt. Gerade in dieser letzten Gruppe wird deutlich, dass menschliche Sünde nicht ausschließlich in offen aggressiven Taten besteht. Sie kann ebenso darin sichtbar werden, dass Menschen anderen die Treue, Liebe und Barmherzigkeit verweigern, die für ein gutes Zusammenleben notwendig sind.
Die Erwähnung der Unbarmherzigkeit ist besonders ernst, weil sie den Gegensatz zwischen menschlichem Verhalten und Gottes eigenem Wesen hervortreten lässt. Gott offenbart sich in der Schrift als barmherzig und gnädig (2. Mose 34,6). Seine Barmherzigkeit zeigt sich darin, dass er sich Menschen in ihrer Not zuwendet und ihnen trotz ihrer Schuld einen Weg zur Umkehr eröffnet. Jesus erklärt in Lukas 6,36, dass seine Nachfolger barmherzig sein sollen, wie ihr Vater barmherzig ist. Wenn Paulus deshalb Menschen als unbarmherzig bezeichnet, betrifft dies mehr als eine fehlende freundliche Eigenschaft. Es zeigt einen Widerspruch zwischen dem Handeln des Menschen und der Güte seines Schöpfers. Wer andere ausschließlich nach ihrem Nutzen beurteilt, fremde Not gleichgültig betrachtet oder jede Hilfe verweigert, obwohl er helfen könnte, offenbart eine Haltung, die dem Wesen göttlicher Barmherzigkeit entgegensteht.
Die gesamte Aufzählung besitzt eine bemerkenswerte Breite. Paulus stellt schwerste Verbrechen neben alltägliche Formen menschlicher Bosheit, äußere Handlungen neben innere Einstellungen und persönliche Verfehlungen neben Verhaltensweisen, die ganze Gemeinschaften beschädigen können. Dabei will er nicht behaupten, jeder einzelne Mensch sei in gleichem Maß von sämtlichen genannten Eigenschaften geprägt. Die Formulierung beschreibt vielmehr das umfassende Erscheinungsbild einer Menschheit, deren Leben in unterschiedlicher Weise von Ungerechtigkeit durchdrungen ist. Auch erstellt Paulus keine Rangordnung, mit deren Hilfe Menschen die Schuld anderer gegeneinander aufrechnen könnten. Gerade die Vielfalt seiner Beispiele verhindert eine solche Vereinfachung. Wer selbst keinen Mord begangen hat, kann dennoch durch Hochmut, Habsucht oder Verleumdung schuldig werden. Wer bestimmte sexuelle Verfehlungen ablehnt, ist deshalb nicht automatisch frei von Ungerechtigkeit. Der Maßstab göttlicher Gerechtigkeit reicht tiefer als die Frage, welche besonders auffälligen Sünden ein Mensch vermeiden konnte.
In Vers 32 erreicht Paulus den Höhepunkt seiner Anklage. Er erklärt, dass die Menschen Gottes Urteil kennen, wonach diejenigen, die solche Dinge tun, des Todes würdig sind. Trotzdem verüben sie diese Handlungen nicht nur selbst, sondern haben sogar Gefallen an anderen, die ebenso handeln. Damit kehrt Paulus zu dem Thema zurück, das er bereits in Vers 18 angesprochen hatte: Die Menschen unterdrücken die Wahrheit, obwohl ihnen eine Erkenntnis Gottes und seiner gerechten Ordnung zugänglich ist. Ihre Schuld besteht nach seiner Darstellung nicht lediglich darin, dass sie den richtigen Weg niemals hätten erkennen können. Vielmehr handeln sie gegen eine moralische Verantwortung, die ihnen in bestimmter Weise bewusst ist. Der Hinweis auf Gottes Urteil betont dabei, dass menschliches Verhalten nicht ausschließlich nach persönlichen Vorlieben oder gesellschaftlichen Mehrheitsmeinungen beurteilt wird. Es steht letztlich unter Gottes gerechtem Maßstab.
Die Aussage, solche Menschen seien „des Todes würdig“, muss innerhalb des biblischen Zusammenhangs verstanden werden. Paulus stellt hier nicht die Forderung auf, dass menschliche Gerichte für jede einzelne der genannten Verfehlungen die Todesstrafe verhängen müssten. Er spricht vom göttlichen Urteil über die Sünde. Im weiteren Verlauf des Römerbriefes erklärt er, dass der Tod der Lohn der Sünde ist, während das ewige Leben eine Gabe Gottes in Jesus Christus darstellt (Römer 6,23). Damit verbindet er menschliche Schuld mit der grundlegenden Wirklichkeit, dass die Sünde zum Tod führt und den Menschen von der Quelle des Lebens trennt. Zugleich wird deutlich, weshalb die Rettung durch Christus notwendig ist. Wenn der Mensch bereits aus eigener Kraft vor Gott gerecht bestehen könnte, wäre die Rechtfertigung durch Gottes Gnade nicht erforderlich. Paulus führt seine Leser jedoch gerade zu der Erkenntnis, dass niemand aufgrund seiner eigenen moralischen Leistungen einen berechtigten Anspruch auf das ewige Leben erheben kann.
Besonders schwer wiegt nach Vers 32, dass Menschen das Böse nicht nur selbst tun, sondern es auch bei anderen gutheißen. Das griechische Verb syneudokeō beschreibt ein zustimmendes Mitgefallen oder Billigen. Paulus richtet seine Aufmerksamkeit damit auf eine weitere Stufe moralischer Verantwortung. Ein Mensch kann einer Versuchung nachgeben, obwohl er weiß, dass sein Verhalten falsch ist. Er kann darüber hinaus beginnen, dieses Verhalten zu rechtfertigen oder andere darin zu bestärken. Dann bleibt die Sünde nicht mehr allein eine persönliche Handlung, sondern wird zu etwas, das gemeinschaftlich Anerkennung findet. Die Zustimmung anderer kann dazu beitragen, dass das Unrecht seinen abschreckenden Charakter verliert und zunehmend als selbstverständlich angesehen wird. Damit beschreibt Paulus eine besonders ernste Form der Verkehrung moralischer Maßstäbe: Nicht nur das Böse wird getan, sondern die Zustimmung zum Bösen wird selbst zum Ausdruck der inneren Haltung.
Allerdings darf diese Aussage nicht mit jeder Form von Toleranz, Höflichkeit oder menschlicher Wertschätzung gleichgesetzt werden. Einen Menschen zu achten, ihm mit Freundlichkeit zu begegnen und seine Rechte zu schützen, bedeutet nicht zwangsläufig, jede seiner Entscheidungen moralisch gutzuheißen. Ebenso wenig verlangt Paulus, dass Christen andere Menschen ständig verurteilen oder sich über deren Verfehlungen erheben sollen. Zwischen der bewussten Zustimmung zu einer Handlung und der respektvollen Behandlung eines Menschen besteht ein grundlegender Unterschied. Die Bibel verbindet Wahrheit und Liebe, ohne dass die eine durch die andere aufgehoben werden müsste. Deshalb kann ein Christ eine Handlung nach seinem Verständnis des biblischen Maßstabes ablehnen und dem betreffenden Menschen dennoch mit Achtung, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft begegnen. Römer 1,32 richtet sich gegen die Billigung des Bösen, nicht gegen Barmherzigkeit gegenüber Menschen, die schuldig geworden sind.
Mit dem Ende dieses Kapitels entsteht schließlich ein überraschender Übergang. Wer die lange Beschreibung menschlicher Gottlosigkeit gelesen hat, könnte versucht sein, sich innerlich von den genannten Menschen abzugrenzen und sich selbst für gerechter zu halten. Genau diese Haltung greift Paulus im nächsten Kapitel auf. In Römer 2,1 wendet er sich an den Menschen, der andere richtet, während er selbst schuldig wird. Damit verändert sich die Blickrichtung seiner Argumentation. Der Leser soll nicht länger nur auf das Unrecht anderer schauen, sondern seine eigene Verantwortung vor Gott erkennen. Die ernste Darstellung des ersten Kapitels dient deshalb nicht als Einladung zu religiöser Überlegenheit. Sie bereitet die umfassende Erkenntnis vor, dass menschliche Schuld nicht auf eine bestimmte Gruppe begrenzt werden kann.
Gerade dieser Zusammenhang verhindert eine einseitige Auslegung der vorangegangenen Verse. Paulus hat zwar besonders die Abkehr der nichtjüdischen Welt von der wahren Gottesverehrung beschrieben, doch seine weitere Argumentation wird zeigen, dass auch religiöse Kenntnis und das Wissen um Gottes Gebote einen Menschen nicht automatisch gerecht machen. Wer andere wegen ihrer Sünden verurteilt, aber selbst gegen Gottes Willen handelt, steht ebenfalls unter göttlicher Verantwortung. In Römer 3,9–23 wird Paulus schließlich die gemeinsame Schuld von Juden und Nichtjuden herausarbeiten. Dadurch wird verständlich, weshalb er zu Beginn seines Briefes das Evangelium als Gottes Kraft zur Rettung für jeden Glaubenden vorgestellt hat. Die gute Nachricht von Jesus Christus richtet sich nicht nur an Menschen, deren Verfehlungen besonders sichtbar sind. Sie gilt auch denjenigen, die äußerlich rechtschaffen erscheinen, aber vor Gott ebenso auf seine Gnade angewiesen bleiben.
So endet Römer 1 mit einer ernsten Beschreibung dessen, was geschieht, wenn Menschen die Erkenntnis Gottes zurückweisen und ihre eigenen Maßstäbe an seine Stelle setzen. Das Denken verliert seine rechte Orientierung, ungerechte Wünsche beeinflussen das Handeln, Beziehungen werden durch Lieblosigkeit und Selbstsucht beschädigt, und schließlich kann sogar die Zustimmung zum Unrecht Teil des menschlichen Zusammenlebens werden. Doch diese Anklage steht nicht außerhalb der rettenden Botschaft des Römerbriefes. Sie erklärt vielmehr, weshalb Gottes Gnade notwendig ist. Denn der Gott, dessen gerechtes Urteil Paulus so eindringlich beschreibt, ist derselbe Gott, der durch Jesus Christus einen Weg zur Vergebung und Versöhnung eröffnet hat. Die Antwort auf die menschliche Schuld liegt deshalb nicht in der Selbstgerechtigkeit desjenigen, der andere verurteilt, sondern im Evangelium, durch das Gott sündige Menschen rettet und zu einem neuen Leben beruft.
Geistliche Kernbotschaft
Im Mittelpunkt von Römer 1 steht eine grundlegende Wahrheit: Der Mensch ist auf die Gemeinschaft mit seinem Schöpfer angewiesen, doch gerade diese Beziehung ist durch die Sünde tief beschädigt worden. Paulus beschreibt nicht nur einzelne falsche Handlungen, sondern fragt nach der Ursache dafür, dass Menschen ihre gottgegebene Bestimmung verfehlen. Seine Antwort führt zur Gottesbeziehung selbst. Wenn der Schöpfer nicht mehr als Ursprung, Herr und Maßstab des Lebens anerkannt wird, verliert auch das menschliche Denken seine rechte Orientierung. Was Gott als gute Gabe geschaffen hat, kann an seine Stelle treten, und der Mensch beginnt, seine Wünsche und Entscheidungen nach Maßstäben auszurichten, die nicht mehr von Gottes Wahrheit bestimmt werden.
Dabei macht Paulus deutlich, dass Sünde nicht ausschließlich dort beginnt, wo ein Mensch anderen sichtbar Schaden zufügt. Bereits die Verweigerung von Gottes Ehre und Dankbarkeit offenbart eine gestörte Beziehung zum Schöpfer. Der Mensch empfängt sein Leben, seine Fähigkeiten und die Voraussetzungen seiner Existenz von Gott, kann aber dennoch so handeln, als wäre er niemandem Rechenschaft schuldig. Darin liegt eine besonders tiefgreifende Form menschlicher Selbsttäuschung. Wer sich selbst zum letzten Maßstab erhebt, verliert leicht den Blick dafür, dass seine Freiheit, seine Erkenntnis und seine Möglichkeiten Grenzen haben. Die biblische Gotteserkenntnis führt dagegen zur Einsicht, dass das Leben eine anvertraute Gabe ist. Aus dieser Einsicht erwachsen Ehrfurcht, Dankbarkeit und die Bereitschaft, sich an Gottes Willen auszurichten.
Die geistliche Tragweite dieser Abkehr zeigt sich besonders in dem dreimal wiederholten Ausdruck, dass Gott die Menschen dahingab. Gottes Gericht erscheint hier in einer Form, die leicht unterschätzt werden kann. Der Mensch möchte seinen eigenen Weg gehen und Gottes Autorität nicht anerkennen. Schließlich wird er den Folgen dieser Richtung überlassen. Was äußerlich als gewonnene Unabhängigkeit erscheinen mag, kann sich als Verlust innerer Freiheit erweisen. Begierden, falsche Überzeugungen und selbstsüchtige Ziele gewinnen Einfluss über das Leben, während Beziehungen zunehmend unter Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit leiden. Dabei bleibt Gott der gerechte Richter. Er zwingt niemanden zur Sünde, behandelt die Abkehr von ihm aber auch nicht als bedeutungslose Entscheidung.
Gerade deshalb ist Gottes Zorn in diesem Kapitel ernst zu nehmen. Seine Liebe zu den Menschen bedeutet nicht, dass er das Böse gleichgültig betrachtet. Ein Gott, dem Gewalt, Betrug, Unterdrückung und Unbarmherzigkeit gleichgültig wären, könnte nicht zugleich vollkommen gerecht und gut sein. Gottes gerechtes Urteil schützt die Wahrheit, dass menschliche Entscheidungen wirkliche Bedeutung besitzen und dass die Verletzung seiner guten Ordnung nicht einfach folgenlos bleiben kann. Doch dieses Urteil ist nicht die einzige Botschaft des Kapitels. Noch bevor Paulus die menschliche Schuld beschreibt, hat er das Evangelium als Gottes Kraft zur Rettung vorgestellt. Dadurch erhält seine gesamte Anklage eine bestimmte Richtung: Sie soll verständlich machen, weshalb der Mensch Gottes rettende Gnade braucht.
Die entscheidende Hoffnung liegt deshalb nicht darin, dass der Mensch seine eigene Schuld ausreichend erkennt und anschließend aus eigener Kraft ein vollkommen gerechtes Leben hervorbringt. Seine Hoffnung liegt in Jesus Christus. Paulus stellt ihn als den verheißenen Sohn Gottes und auferstandenen Herrn vor, durch den Gottes rettende Gerechtigkeit offenbart wird. Der Mensch muss seine Annahme bei Gott nicht durch eigene Verdienste erkaufen. Er darf Gottes Gnade im Glauben empfangen. Dieser Glaube ist jedoch mehr als ein unverbindliches Fürwahrhalten religiöser Aussagen. Wer Christus als Retter annimmt, erkennt ihn zugleich als Herrn an. Deshalb spricht Paulus bereits zu Beginn seines Briefes vom Glaubensgehorsam. Die Gnade Gottes befreit den Menschen nicht dazu, die Sünde gleichgültig hinzunehmen, sondern eröffnet ihm die Möglichkeit eines neuen Lebens unter Gottes Führung.
Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass Paulus die rettende Botschaft ausdrücklich an jeden Glaubenden richtet. Weder Abstammung noch Bildung, gesellschaftliche Stellung oder persönliche Vergangenheit bilden den entscheidenden Zugang zum Heil. Alle Menschen stehen vor demselben heiligen Gott, und alle benötigen letztlich seine Gnade. Das bedeutet zugleich, dass niemand die Beschreibung fremder Sünden zum Anlass nehmen darf, sich selbst für grundsätzlich besser zu halten. Die lange Aufzählung menschlicher Ungerechtigkeit am Kapitelende betrifft so unterschiedliche Lebensbereiche, dass sie jede vorschnelle Selbstgerechtigkeit infrage stellt. Besonders der Übergang zu Römer 2 macht deutlich, dass auch derjenige unter Gottes Urteil steht, der andere verurteilt und dabei seine eigene Schuld nicht erkennt.
Römer 1 führt den Leser damit zu zwei Einsichten, die untrennbar zusammengehören. Die Sünde ist ernster und umfassender, als der Mensch gewöhnlich wahrhaben möchte. Gottes Gnade ist zugleich größer, als ein schuldiger Mensch aus eigener Kraft ermöglichen könnte. Die Erkenntnis menschlicher Schuld soll deshalb weder zur Verzweiflung noch zur Verachtung anderer führen. Sie soll den Menschen von der Selbstgerechtigkeit weg und zu Christus hinführen. Dort begegnet er dem Gott, der das Böse gerecht beurteilt und dennoch bereit ist, Sünder zu retten. Das Evangelium ist gerade deshalb eine gute Nachricht, weil es nicht voraussetzt, dass der Mensch bereits gerecht ist, sondern verkündigt, wie Gott ihn durch Jesus Christus gerechtfertigt und zu einem erneuerten Leben beruft.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Die Gedanken von Römer 1 stehen in enger Verbindung mit der Schöpfungs- und Sündenfallgeschichte in 1. Mose 1–3. Am Anfang der Bibel erscheint Gott als Schöpfer, der dem Menschen das Leben schenkt und ihn nach seinem Bild erschafft. Der Mensch erhält eine besondere Würde und den Auftrag, innerhalb der Schöpfung verantwortlich zu handeln. In Römer 1 begegnet eine auffällige Gegenbewegung: Geschöpfe werden zum Gegenstand göttlicher Verehrung erhoben, während der wahre Schöpfer zurückgewiesen wird. Besonders bemerkenswert ist die Umkehrung des Bildgedankens. Der Mensch, der nach Gottes Bild geschaffen wurde, fertigt nun selbst Bilder geschaffener Wesen an und verehrt sie. Diese Verbindung erklärt, weshalb Paulus die falsche Anbetung nicht nur als eine unzutreffende religiöse Vorstellung beurteilt. Sie verkehrt das Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf. In 1. Mose 3 zeigt sich außerdem, wie das Misstrauen gegenüber Gottes Wort und der Wunsch nach eigenständiger Bestimmung über Gut und Böse zur Übertretung führen. Paulus wiederholt nicht einfach die Geschichte des Sündenfalls, beschreibt aber eine verwandte Grundbewegung menschlicher Selbstbestimmung gegen Gottes Willen.
Eine weitere aufschlussreiche Verbindung führt zu Psalm 115,4–8 und 2. Korinther 3,18. Der Psalm beschreibt die Ohnmacht der Götzenbilder und erklärt, dass diejenigen ihnen ähnlich werden, die solche Bilder herstellen und auf sie vertrauen. Damit wird ein grundlegender Zusammenhang zwischen Verehrung und geistlicher Veränderung angesprochen. In Römer 1 verkehrt die falsche Anbetung das menschliche Denken und Handeln. Der zweite Korintherbrief beschreibt dagegen die positive Gegenbewegung: Durch das Wirken des Geistes werden die Glaubenden in das Bild des Herrn verwandelt. Beide Texte dürfen nicht so behandelt werden, als würden sie dieselben Einzelheiten erklären. Zusammengenommen verdeutlichen sie jedoch einen wichtigen biblischen Zusammenhang. Die Ausrichtung des Menschen auf den Gegenstand seiner Verehrung besitzt geistliche Folgen. Wer sich von Gott abwendet, verliert seine rechte Orientierung. Wer sich Christus zuwendet, darf erfahren, dass Gott sein Leben erneuert und seinen Charakter verändert.
Besonders eng mit der Botschaft von Römer 1 verbunden ist Jesaja 45,20–25. Dort stellt Gott die Machtlosigkeit der Götzen der Wirklichkeit seiner eigenen Gottheit gegenüber. Die Menschen werden aufgefordert, sich zu ihm zu wenden und Rettung zu empfangen, weil es außer ihm keinen anderen Gott gibt. Zugleich kündigt die prophetische Botschaft an, dass sich vor Gott jedes Knie beugen wird. Paulus greift diese Worte später in Römer 14,11 auf, wenn er erklärt, dass jeder Mensch vor Gott Rechenschaft ablegen wird. Auch Philipper 2,9–11 nimmt die Sprache der universalen Anerkennung Gottes auf und bezieht sie auf die Erhöhung Jesu Christi. Diese Verbindungen sind für Römer 1 besonders wertvoll, weil sie die Einheit von Gottes Einzigkeit, seiner rettenden Einladung und seiner endgültigen Herrschaft zeigen. Der Gott, dessen Ehre Menschen verweigern, bleibt der einzige wahre Gott. Seine Antwort auf menschlichen Götzendienst besteht jedoch nicht ausschließlich im Gericht. Er ruft die Menschen auch dazu auf, sich ihm zuzuwenden und gerettet zu werden.
Eine ebenso wichtige Verbindung besteht zwischen Römer 1,17 und Habakuk 2,1–4. Der Prophet Habakuk musste angesichts schwerer Ungerechtigkeit lernen, auf Gottes Verheißung zu vertrauen, obwohl deren Erfüllung noch ausstand. Das Leben des Gerechten wird dort mit Glauben beziehungsweise Treue verbunden. Paulus greift diese Aussage auf, um den grundlegenden Zugang zur Gerechtigkeit Gottes zu erklären. Besonders bemerkenswert ist, dass beide Texte den Menschen von selbstsicherem Vertrauen auf die eigene Stellung wegführen. Der Gerechte lebt nicht aus der Überzeugung, die Zukunft selbst beherrschen zu können, sondern vertraut auf Gottes Wort. Im Römerbrief erhält dieser Gedanke seine ausdrückliche Ausrichtung auf Jesus Christus. Die Rettung wird nicht durch menschliche Verdienste begründet, sondern im Glauben an Gottes rettendes Handeln empfangen. Dadurch verbindet Paulus die prophetische Hoffnung Israels mit der Verkündigung des Evangeliums.
Auch Apostelgeschichte 17,22–31 hilft, die Argumentation des Römerbriefes besser zu verstehen. In seiner Rede in Athen stellt Paulus den einen Schöpfergott vor, von dem alle Menschen ihr Leben empfangen. Er erklärt, dass Gott nicht wie ein von Menschen hergestelltes Bild verstanden werden darf und dass die Menschen aufgerufen sind, ihn zu suchen. Anschließend führt er seine Zuhörer zur Umkehr und zum kommenden Gericht durch den von Gott bestimmten und auferweckten Jesus Christus. Der Zusammenhang zwischen Schöpfung, falscher Gottesverehrung, menschlicher Verantwortung und Auferstehung entspricht in wichtigen Punkten der Argumentation von Römer 1. Die Rede in Athen zeigt zugleich, wie Paulus diese Überzeugungen Menschen erklärte, die nicht mit den heiligen Schriften Israels vertraut waren. Er begann bei ihrer gemeinsamen Existenz als Geschöpfe Gottes und führte sie von dort zur besonderen Offenbarung des Evangeliums.
Der unmittelbare Zusammenhang von Römer 1 mit Römer 2–3 ist für die richtige Auslegung besonders entscheidend. In Römer 1 beschreibt Paulus ausführlich die Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen. In Römer 2 richtet er sich jedoch gegen denjenigen, der andere verurteilt und dabei selbst Gottes Willen übertritt. Schließlich erklärt er in Römer 3,9–23, dass sowohl Juden als auch Nichtjuden unter der Sünde stehen und alle der Herrlichkeit Gottes ermangeln. Dieser größere Gedankengang verhindert, dass die erste Anklage als abschließendes Urteil über eine bestimmte Menschengruppe verstanden wird. Der Mensch mit umfassender religiöser Kenntnis benötigt Gottes Gnade ebenso wie derjenige, der ohne diese Kenntnis gelebt hat. Erst vor diesem Hintergrund entfaltet Paulus die Rechtfertigung aus Gnade durch die Erlösung in Jesus Christus (Römer 3,24–26). Die Beschreibung menschlicher Schuld ist somit Teil einer zusammenhängenden Erklärung, die von der universalen Verantwortlichkeit zur universalen Einladung des Evangeliums führt.
Eine besonders hoffnungsvolle Ergänzung findet sich schließlich in 1. Korinther 6,9–11. Auch dort nennt Paulus verschiedene Verhaltensweisen, die dem Willen Gottes widersprechen. Doch er beendet seine Aussage nicht mit der Beschreibung vergangener Schuld. Er erinnert die Gläubigen daran, dass einige von ihnen früher entsprechend gelebt hatten, nun aber durch Jesus Christus und den Geist Gottes gewaschen, geheiligt und gerechtfertigt worden waren. Das ist für das Verständnis von Römer 1 von großer Bedeutung. Die dort beschriebenen Verfehlungen sind keine unveränderlichen Identitäten, durch die Menschen für immer von der Möglichkeit göttlicher Erneuerung ausgeschlossen wären. Das Evangelium eröffnet die Hoffnung, dass Schuld vergeben und das Leben verändert werden kann. Diese Veränderung gründet nicht in menschlicher Selbstrettung, sondern in Gottes Gnade und dem Wirken seines Geistes.
Wichtige Lektionen
Eine der wichtigsten praktischen Lektionen von Römer 1 betrifft den Umgang mit der Wahrheit, die Gott dem Menschen zugänglich macht. Paulus beschreibt Menschen, die Gottes Wirklichkeit in gewisser Weise erkannten, dieser Erkenntnis jedoch nicht die entsprechende Bedeutung für ihr Leben gaben. Daraus ergibt sich eine ernste Frage für jeden Gläubigen: Bin ich bereit, erkannte biblische Wahrheit auch dann anzunehmen, wenn sie meine bisherigen Vorstellungen, Gewohnheiten oder Entscheidungen infrage stellt? Es ist möglich, Gottes Wort zu lesen, seine Aussagen zu verstehen und dennoch an einer Lebensweise festzuhalten, die ihnen widerspricht. Geistliches Wachstum beginnt deshalb nicht allein mit der Vermehrung religiösen Wissens. Es verlangt auch die Bereitschaft, das Erkannte im eigenen Leben ernst zu nehmen.
Eng damit verbunden ist die Bedeutung der Dankbarkeit. Paulus nennt die fehlende Dankbarkeit ausdrücklich als Ausdruck einer gestörten Gottesbeziehung. Für den Alltag bedeutet dies, Gottes Gaben nicht als völlig selbstverständlichen Besitz zu betrachten. Ein Mensch kann sich über seine Fähigkeiten, seine Arbeit und seine Erfolge freuen, ohne zu vergessen, dass schon die Voraussetzungen seines Lebens von Gott empfangen sind. Dankbarkeit bewahrt davor, sich selbst zum alleinigen Ursprung alles Guten zu erklären. Sie hilft zugleich, mit anderen Menschen respektvoller umzugehen, weil auch deren Würde und Möglichkeiten nicht von unserem persönlichen Urteil abhängen. Wer Gott regelmäßig für das Empfangene dankt, übt sich darin, seine eigene Stellung als Geschöpf anzuerkennen.
Eine weitere Lektion betrifft die Gefahren falscher Lebensprioritäten. Die Warnung vor Götzendienst ist nicht nur für Menschen relevant, die religiöse Bilder verehren. Auch heute können geschaffene Dinge einen so beherrschenden Einfluss gewinnen, dass sie Entscheidungen und Wertmaßstäbe stärker bestimmen als Gottes Wille. Das kann den Umgang mit Geld, die Suche nach Anerkennung oder das Streben nach Macht betreffen. Entscheidend ist nicht, ob jemand Besitz hat, beruflich erfolgreich ist oder sich an schönen Dingen freut. Die Frage lautet vielmehr, welche Stellung diese Dinge im eigenen Leben einnehmen. Wenn ein Mensch für seinen Vorteil bereit wird, Wahrheit, Gerechtigkeit oder Liebe preiszugeben, hat etwas seinen angemessenen Platz überschritten. Die praktische Antwort besteht darin, Gottes Willen bewusst über solche Interessen zu stellen und die empfangenen Gaben als Mittel verantwortlichen Handelns zu gebrauchen.
Besonders ernst ist die Warnung vor der Verhärtung des Herzens. Paulus beschreibt eine Entwicklung, bei der die wiederholte Ablehnung Gottes mit einer zunehmenden Verdunkelung des Denkens verbunden ist. Daraus folgt die Notwendigkeit, mit dem eigenen Gewissen und der erkannten Wahrheit sorgfältig umzugehen. Wenn ein Mensch merkt, dass ein Verhalten falsch ist, sollte er nicht darauf vertrauen, dass seine innere Empfindsamkeit unabhängig von seinen Entscheidungen unverändert bleibt. Wiederholte Rechtfertigungen können dazu führen, dass er seine eigenen Handlungen zunehmend anders beurteilt. Deshalb gehört zur geistlichen Wachsamkeit die Bereitschaft, Schuld ehrlich anzuerkennen, sich von Gott korrigieren zu lassen und nicht erst dann umzukehren, wenn bereits schwerwiegende Folgen entstanden sind. Gottes Geduld ist eine Einladung zur Umkehr und keine Zusage, dass das beharrliche Festhalten an der Sünde bedeutungslos bliebe.
Auch der Umgang mit dem eigenen Körper und mit anderen Menschen wird durch Römer 1 angesprochen. Das körperliche Leben ist nach biblischem Verständnis nicht von der Beziehung zu Gott getrennt. Deshalb sollen Wünsche und Handlungen nicht allein danach beurteilt werden, ob sie im Augenblick angenehm erscheinen, sondern auch danach, ob sie Gottes Willen entsprechen und die Würde der beteiligten Menschen achten. Das betrifft den Bereich der Sexualität ebenso wie andere Lebensentscheidungen. Dabei dürfen innere Empfindungen, persönliche Versuchungen und tatsächlich ausgeführte Handlungen nicht gedankenlos gleichgesetzt werden. Jeder Mensch trägt Verantwortung für sein Handeln, benötigt aber zugleich Verständnis, wahrhaftige Begleitung und die Möglichkeit, sich im Glauben weiterzuentwickeln.
Die lange Aufzählung menschlicher Verfehlungen am Ende des Kapitels fordert besonders zu einer ehrlichen Prüfung des eigenen Charakters heraus. Manche der genannten Sünden werden gesellschaftlich stark verurteilt, während andere leicht entschuldigt werden. Neid, Hochmut, Verleumdung, Treulosigkeit und Unbarmherzigkeit erscheinen im Alltag oft weniger schwerwiegend als offene Gewalt. Doch auch sie können Menschen tief verletzen und Gemeinschaft zerstören. Wer über die Sünden anderer spricht, sollte deshalb nicht übersehen, wie er selbst mit Worten, Versprechen, Konflikten und den Schwächen seiner Mitmenschen umgeht. Die Frage nach einem gottgefälligen Leben beginnt nicht bei der Suche nach möglichst auffälligen Fehlern anderer, sondern bei der Bereitschaft, das eigene Verhalten an Gottes Maßstab prüfen zu lassen.
Daraus ergibt sich eine weitere praktische Verantwortung: Wahrheit darf nicht zum Werkzeug menschlicher Überheblichkeit werden. Der Übergang von Römer 1 zu Römer 2 warnt davor, aus der richtigen Erkenntnis fremder Schuld ein Gefühl eigener moralischer Überlegenheit zu entwickeln. Ein Mensch kann eine biblische Aussage zutreffend wiedergeben und dennoch durch den Geist seiner Verurteilung gegen Gottes Willen handeln. Deshalb gehören Standhaftigkeit in der Wahrheit, Demut und Barmherzigkeit zusammen. Wer einem anderen Menschen wegen einer falschen Handlung entgegentritt, soll dies nicht mit Verachtung tun, sondern mit dem Bewusstsein, selbst auf Gottes Gnade angewiesen zu sein. Eine solche Haltung verharmlost Sünde nicht. Sie verhindert vielmehr, dass die Wahrheit durch liebloses Verhalten verdunkelt wird.
Für das Zusammenleben der Gläubigen enthält bereits der Anfang des Kapitels eine wertvolle Lektion. Paulus dankt Gott für den Glauben der Christen in Rom, betet für sie und möchte sie stärken. Zugleich erwartet er, durch ihren Glauben selbst ermutigt zu werden. Das zeigt, wie wichtig gegenseitige Unterstützung im christlichen Leben ist. Auch erfahrene Gläubige benötigen manchmal Trost, Ermutigung und die Gemeinschaft anderer Menschen. Umgekehrt können Christen, die sich selbst für unscheinbar halten, durch ihre Treue und ihr Vertrauen eine bedeutende Hilfe sein. Eine Gemeinde soll deshalb nicht nur ein Ort sein, an dem einzelne Menschen andere belehren. Sie soll eine Gemeinschaft bilden, in der Gläubige füreinander beten, aufeinander achten und gemeinsam im Glauben wachsen.
Schließlich führt Römer 1 zu einer grundsätzlichen Entscheidung im Umgang mit dem Evangelium. Paulus schämt sich dieser Botschaft nicht, obwohl er weiß, dass sie auf Ablehnung stoßen kann. Für das eigene Leben bedeutet dies, den Glauben an Jesus Christus nicht nur dort ernst zu nehmen, wo er Zustimmung findet. Zugleich zeigt Paulus, worauf christliche Standhaftigkeit beruhen soll: nicht auf persönlicher Überlegenheit, sondern auf dem Vertrauen in Gottes rettende Kraft. Der Mensch muss andere nicht durch Druck oder Überredung zum Glauben zwingen. Seine Aufgabe besteht darin, das Evangelium wahrhaftig weiterzugeben, durch sein Leben glaubwürdig zu bezeugen und die Entscheidung des anderen nicht an sich zu reißen.
Die entscheidende Lektion des Kapitels liegt jedoch darin, dass der Mensch seine Hoffnung auf Gottes Gnade setzen darf. Wer die Wirklichkeit der Sünde erkennt, muss weder seine Schuld verbergen noch versuchen, sich selbst durch gute Leistungen freizusprechen. Er darf sich Jesus Christus zuwenden, der als auferstandener Herr im Mittelpunkt des Evangeliums steht. Dort beginnt die Möglichkeit eines neuen Lebens. Gottes Gnade nimmt die Verantwortung des Menschen ernst, eröffnet ihm aber zugleich einen Weg, auf dem seine Vergangenheit nicht das letzte Wort haben muss. Deshalb lädt Römer 1 nicht nur dazu ein, das Böse zu erkennen und zu meiden. Es ruft vor allem dazu auf, dem lebendigen Gott zu vertrauen, seine Wahrheit anzunehmen und das eigene Leben unter die rettende Herrschaft Jesu Christi zu stellen.