Römer 16

Ich befehle euch aber unsere Schwester Phöbe, welche ist im Dienste der Gemeinde zu Kenchreä,

27 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Ich befehle euch aber unsere Schwester Phöbe, welche ist im Dienste der Gemeinde zu Kenchreä,
  2. 2 daß ihr sie aufnehmet in dem HERRN, wie sich's ziemt den Heiligen, und tut ihr Beistand in allem Geschäfte, darin sie euer bedarf; denn sie hat auch vielen Beistand getan, auch mir selbst.
  3. 3 Grüßt die Priscilla und den Aquila, meine Gehilfen in Christo Jesu,
  4. 4 welche haben für mein Leben ihren Hals dargegeben, welchen nicht allein ich danke, sondern alle Gemeinden unter den Heiden.
  5. 5 Auch grüßet die Gemeinde in ihrem Hause. Grüßet Epänetus, meinen Lieben, welcher ist der Erstling unter denen aus Achaja in Christo.
  6. 6 Grüßet Maria, welche viel Mühe und Arbeit mit uns gehabt hat.
  7. 7 Grüßet den Andronikus und den Junias, meine Gefreundeten und meine Mitgefangenen, welche sind berühmte Apostel und vor mir gewesen in Christo.
  8. 8 Grüßet Amplias, meinen Lieben in dem HERRN.
  9. 9 Grüßet Urban, unsern Gehilfen in Christo, und Stachys, meinen Lieben.
  10. 10 Grüßet Apelles, den Bewährten in Christo. Grüßet, die da sind von des Aristobulus Gesinde.
  11. 11 Grüßet Herodian, meinen Gefreundeten. Grüßet, die da sind von des Narzissus Gesinde in dem HERRN.
  12. 12 Grüßet die Tryphäna und die Tryphosa, welche in dem HERRN gearbeitet haben. Grüßet die Persis, meine Liebe, welch in dem HERRN viel gearbeitet hat.
  13. 13 Grüßet Rufus, den Auserwählten in dem HERRN, und seine und meine Mutter.
  14. 14 Grüßet Asynkritus, Phlegon, Hermas, Patrobas, Hermes und die Brüder bei ihnen.
  15. 15 Grüßet Philologus und die Julia, Nereus und seine Schwester und Olympas und alle Heiligen bei ihnen.
  16. 16 Grüßet euch untereinander mit dem heiligen Kuß. Es grüßen euch die Gemeinden Christi.
  17. 17 Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, daß ihr achtet auf die, die da Zertrennung und Ärgernis anrichten neben der Lehre, die ihr gelernt habt, und weichet von ihnen.
  18. 18 Denn solche dienen nicht dem HERRN Jesus Christus, sondern ihrem Bauche; und durch süße Worte und prächtige Reden verführen sie unschuldige Herzen.
  19. 19 Denn euer Gehorsam ist bei jedermann kund geworden. Derhalben freue ich mich über euch; ich will aber, daß ihr weise seid zum Guten, aber einfältig zum Bösen.
  20. 20 Aber der Gott des Friedens zertrete den Satan unter eure Füße in kurzem. Die Gnade unsers HERRN Jesu Christi sei mit euch!
  21. 21 Es grüßen euch Timotheus, mein Gehilfe, und Luzius und Jason und Sosipater, meine Gefreundeten.
  22. 22 Ich, Tertius, grüße euch, der ich diesen Brief geschrieben habe, in dem HERRN.
  23. 23 Es grüßt euch Gajus, mein und der ganzen Gemeinde Wirt. Es grüßt euch Erastus, der Stadt Rentmeister, und Quartus, der Bruder.
  24. 24 Die Gnade unsers HERRN Jesus Christus sei mit euch allen! Amen.
  25. 25 Dem aber, der euch stärken kann laut meines Evangeliums und der Predigt von Jesu Christo, durch welche das Geheimnis offenbart ist, das von der Welt her verschwiegen gewesen ist,
  26. 26 nun aber offenbart, auch kundgemacht durch der Propheten Schriften nach Befehl des ewigen Gottes, den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden:
  27. 27 demselben Gott, der allein weise ist, sei Ehre durch Jesum Christum in Ewigkeit! Amen.

Kapitelüberblick

Hinter den großen Wahrheiten des Evangeliums stehen Menschen, deren Leben durch Jesus Christus verändert wurde. Zum Abschluss seines Römerbriefes richtet Paulus den Blick auf zahlreiche Glaubensgeschwister, die durch ihren Glauben, ihre Liebe und ihren Einsatz zum Wachstum der Gemeinde beigetragen haben.

Zunächst empfiehlt er Phöbe, die der Gemeinde in Kenchreä dient, und bittet um ihre herzliche Aufnahme. Anschließend grüßt er zahlreiche Frauen und Männer, darunter treue Mitarbeiter, bewährte Glaubenszeugen und Menschen, die unter schwierigen Umständen für Christus eingestanden sind. Seine persönlichen Worte zeigen, wie vielfältig die Aufgaben und Lebensverhältnisse innerhalb der frühen christlichen Gemeinschaft waren.

Mitten in diese Grüße stellt Paulus eine ernste Warnung vor Menschen, die durch falsche Lehren und Täuschung Spaltungen verursachen. Gleichzeitig verheißt er, dass Gott Satan besiegen wird.

Den Abschluss bildet ein Lobpreis Gottes. Paulus erinnert daran, dass Gottes lange verborgener Heilsplan durch Jesus Christus offenbart wurde und nun allen Völkern verkündigt werden soll, damit Menschen zum Glauben und zum Gehorsam gegenüber Gott gelangen.

Einführung

Als Paulus seinen Brief an die Christen in Rom schrieb, hatte er die dortige Gemeinde noch nicht persönlich besucht. Obwohl er sich schon längere Zeit danach sehnte, zu ihnen zu kommen, war er bislang durch seine missionarischen Aufgaben daran gehindert worden (Römer 1,10–13; 15,22–23).

Gegen Ende seines Schreibens gibt Paulus Einblick in seine weiteren Reisepläne. Zunächst möchte er nach Jerusalem reisen, um die Unterstützung der Gemeinden aus Mazedonien und Achaja zu den bedürftigen Gläubigen zu bringen. Anschließend hofft er, Rom besuchen und von dort aus seine Missionsarbeit bis nach Spanien fortsetzen zu können (Römer 15,25–28). Der Brief entstand somit in einer Zeit, in der Paulus auf viele Jahre missionarischer Tätigkeit zurückblicken konnte und zugleich neue Aufgaben vor Augen hatte. Als wahrscheinlicher Abfassungsort gilt Korinth beziehungsweise dessen Umgebung.

Die christliche Gemeinde in Rom befand sich im Zentrum des Römischen Reiches. Die Hauptstadt war durch Handel, Verwaltung und ein weitreichendes Straßennetz mit zahlreichen Regionen verbunden. Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sprache und gesellschaftlicher Stellung lebten dort zusammen. Auch die christlichen Glaubenden bildeten keine einheitliche soziale Gruppe. Ihre Gemeinschaft entwickelte sich in einem Umfeld, in dem persönliche Beziehungen, Haushalte und gegenseitige Unterstützung eine bedeutende Rolle spielten.

Für das Verständnis der ersten Verse ist außerdem eine damalige Gepflogenheit wichtig: Wer eine Person anderen Glaubensgeschwistern empfahl, konnte mit einem Brief um ihre freundliche Aufnahme und Unterstützung bitten. Solche Empfehlungen waren besonders wertvoll, wenn jemand an einen anderen Ort reiste und dort auf Menschen angewiesen war, die ihn noch nicht persönlich kannten.

Vor diesem Hintergrund erhalten die einleitenden Worte über Phöbe ihre besondere Bedeutung.

Römer 16,1–2

Phöbe: Eine bewährte Dienerin und Beschützerin der Gemeinde

Paulus beginnt den persönlichen Abschluss seines Römerbriefes mit einer besonderen Empfehlung. Noch bevor er die zahlreichen Glaubensgeschwister in Rom grüßt, stellt er ihnen eine Frau namens Phöbe vor. Er bezeichnet sie als „unsere Schwester“ und als „Dienerin der Gemeinde zu Kenchreä“ (Römer 16,1). Anschließend bittet er die Christen in Rom, sie herzlich aufzunehmen und ihr bei allen Angelegenheiten zu helfen, in denen sie ihre Unterstützung benötigt. Seine Bitte begründet er mit dem Hinweis, dass Phöbe selbst bereits vielen Menschen eine Beschützerin gewesen sei, darunter auch ihm persönlich.

Die Bezeichnung „unsere Schwester“ ist mehr als eine freundliche Anrede. Paulus spricht damit von einer geistlichen Verbundenheit, die durch den gemeinsamen Glauben an Jesus Christus entstanden ist. Phöbe gehört zu derselben Familie Gottes wie die Christen in Rom, obwohl viele von ihnen sie vermutlich noch nicht persönlich kennen. Bereits in Römer 8,14–17 hatte Paulus erklärt, dass diejenigen, die durch Gottes Geist geleitet werden, Kinder Gottes sind. Aus dieser gemeinsamen Kindschaft erwächst eine neue Beziehung unter den Glaubenden. Ihre Zusammengehörigkeit gründet sich nicht auf Herkunft, gesellschaftliche Stellung oder persönliche Bekanntschaft, sondern auf ihre Verbindung mit Christus. Indem Paulus Phöbe als Schwester vorstellt, erinnert er die Empfänger daran, dass sie ihr nicht wie einer beliebigen Fremden, sondern als Mitglied ihrer geistlichen Familie begegnen sollen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Beschreibung ihres Dienstes. Im griechischen Grundtext verwendet Paulus für Phöbe das Wort diakonos. Dieser Begriff bezeichnet jemanden, der einen Dienst ausübt, eine Aufgabe übernimmt oder im Auftrag eines anderen tätig ist. Er kann sowohl allgemein für einen Diener als auch für eine anerkannte Funktion innerhalb einer christlichen Gemeinde verwendet werden. Paulus bezeichnet beispielsweise sich selbst und seine Mitarbeiter als Diener des Evangeliums (1. Korinther 3,5; Kolosser 1,23–25). In Philipper 1,1 erwähnt er außerdem Diakone neben den Aufsehern der Gemeinde. Der Ausdruck besitzt deshalb eine größere Bedeutung, als wenn Phöbe lediglich als gelegentliche Helferin beschrieben würde.

Dass Paulus sie ausdrücklich als Dienerin der Gemeinde in Kenchreä vorstellt, spricht dafür, dass ihr Dienst innerhalb dieser Gemeinschaft bekannt und anerkannt war. Ob sie bereits ein fest umrissenes Gemeindeamt innehatte, wie es später mit dem Diakonenamt verbunden wurde, lässt sich aus diesen beiden Versen nicht abschließend bestimmen. Ebenso wenig erfahren wir, welche einzelnen Aufgaben sie übernahm. Sicher ist jedoch, dass Paulus ihren Einsatz ausdrücklich würdigt und sie nicht nur als Privatperson, sondern in Verbindung mit ihrer Verantwortung für eine örtliche Gemeinde vorstellt. Die frühe christliche Gemeinschaft war auf Menschen angewiesen, die ihre Fähigkeiten, ihre Zeit und ihre Möglichkeiten für das Wohl anderer einsetzten. Phöbe gehörte zu diesen verlässlichen Glaubenden.

Kenchreä lag einige Kilometer östlich von Korinth am Saronischen Golf und war einer der bedeutenden Häfen der Stadt. Von dort bestanden Verbindungen zu anderen Regionen des östlichen Mittelmeerraums. Auch die Apostelgeschichte erwähnt diesen Ort: Paulus hielt sich dort während einer seiner Reisen auf, bevor er mit Priscilla und Aquila weitersegelte (Apostelgeschichte 18,18). Die Gemeinde in Kenchreä war somit Teil jener christlichen Gemeinschaften, die im Zusammenhang mit der Missionsarbeit des Paulus in Griechenland entstanden waren. Dass Phöbe von dort aus mit den Christen in Rom in Verbindung gebracht wird, passt zu den weitreichenden Beziehungen zwischen den Gemeinden.

Viele Ausleger nehmen an, dass Phöbe den Römerbrief persönlich nach Rom überbrachte. Diese Annahme ist gut begründet, auch wenn Paulus sie nicht ausdrücklich als Briefüberbringerin bezeichnet. In der Antike wurden Briefe häufig durch vertrauenswürdige Reisende übermittelt. Empfehlende Worte des Absenders konnten dazu dienen, diese Personen bei den Empfängern bekannt zu machen und für ihre Aufnahme zu sorgen. Da Paulus gerade Phöbe am Anfang seiner Grüße empfiehlt und die Christen um Unterstützung für sie bittet, liegt eine solche Aufgabe nahe. Sollte sie tatsächlich den Brief überbracht haben, wäre ihr eine außerordentlich verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut gewesen. Denn das Schreiben enthielt grundlegende Erklärungen über Sünde, Rechtfertigung, Glauben, Gnade und das neue Leben in Christus. Seine sichere Übermittlung war für die Empfänger von großer Bedeutung. Ob Phöbe den Brief darüber hinaus selbst vorlas oder Fragen dazu beantwortete, lässt sich allerdings nicht belegen.

In Vers 2 fordert Paulus die Glaubenden auf, Phöbe „im Herrn“ aufzunehmen, wie es sich für Heilige gehört. Das Wort „Heilige“ bezeichnet hier keine kleine Gruppe besonders vollkommener Christen, sondern Menschen, die zu Gott gehören und ihm geweiht sind. Bereits zu Beginn des Briefes hatte Paulus die Gläubigen in Rom als berufene Heilige angesprochen (Römer 1,7). Ihre Zugehörigkeit zu Christus soll nun im Umgang mit einer ankommenden Glaubensschwester sichtbar werden. Die geforderte Aufnahme beschränkt sich deshalb nicht auf einen freundlichen Gruß. Paulus verbindet sie ausdrücklich mit der Bereitschaft, Phöbe in ihren Angelegenheiten beizustehen. Welche konkreten Anliegen sie in Rom hatte, erfahren wir nicht. Gerade deshalb ist die Bitte weit gefasst: Die Gemeinde soll aufmerksam sein und dort helfen, wo Phöbe tatsächlich Unterstützung benötigt.

Diese Aufforderung entspricht der christlichen Lebensweise, die Paulus bereits in Römer 12 beschrieben hatte. Dort ermahnt er die Glaubenden, an den Bedürfnissen der Heiligen Anteil zu nehmen und Gastfreundschaft zu üben (Römer 12,13). Was zuvor als allgemeine Lebensregel formuliert wurde, erhält nun einen unmittelbaren Anlass. Die Christen in Rom können ihre Liebe nicht nur durch Worte bekennen, sondern sollen sie einer konkreten Person gegenüber verwirklichen. Dabei wird sichtbar, dass christliche Gemeinschaft nicht allein aus gemeinsamer Überzeugung besteht. Sie schließt die Verantwortung ein, füreinander einzustehen und die Bedürfnisse anderer ernst zu nehmen.

Paulus begründet seine Bitte außerdem mit einer bemerkenswerten Aussage über Phöbes bisheriges Leben. Sie sei vielen Menschen eine „Beschützerin“ gewesen, auch ihm selbst. Das griechische Wort prostatis kann eine Beschützerin, Fürsorgerin oder Wohltäterin bezeichnen. In der griechisch-römischen Gesellschaft konnten einflussreiche Personen andere durch materielle Unterstützung, Gastfreundschaft, persönliche Beziehungen oder die Vertretung ihrer Interessen fördern. Daher ist es gut möglich, dass Phöbe über eigene Mittel oder gesellschaftliche Möglichkeiten verfügte, die sie zum Wohl anderer einsetzte. Der Text sagt jedoch weder ausdrücklich, wie wohlhabend sie war, noch beschreibt er die genaue Art ihrer Hilfe.

Der Ausdruck „Beschützerin“ darf deshalb nicht auf eine einzelne Tätigkeit eingeengt werden. Paulus spricht von einer Frau, die bereits zahlreichen Menschen wirksam zur Seite gestanden hatte. Dass er sich selbst ausdrücklich zu diesen Menschen zählt, verleiht seiner Empfehlung besonderes Gewicht. Der Apostel verschweigt nicht, dass auch er auf die Hilfe anderer angewiesen gewesen war. Obwohl er eine besondere Berufung zur Verkündigung des Evangeliums erhalten hatte, übte er seinen Dienst nicht unabhängig von der Unterstützung seiner Glaubensgeschwister aus. Die biblische Darstellung des Gemeindelebens kennt nicht nur Menschen, die geben, und andere, die empfangen. Auch diejenigen, die viel für andere tun, können selbst Hilfe benötigen.

Gerade darin liegt eine wichtige Besonderheit seiner Bitte. Phöbe hatte anderen beigestanden; nun sollen die Christen in Rom ihr beistehen. Paulus fordert damit keine bloße Rückzahlung früherer Wohltaten. Vielmehr beschreibt er eine Gemeinschaft, in der gegenseitige Fürsorge selbstverständlich sein soll. Was Phöbe bislang für viele getan hat, sollen nun andere auch für sie tun. Dieser Gedanke entspricht dem Bild des einen Leibes, das Paulus in 1. Korinther 12,25–26 entfaltet: Die verschiedenen Glieder gehören zusammen und tragen füreinander Verantwortung. Keines ist unabhängig von den anderen, und keines soll mit seinen Bedürfnissen übersehen werden.

Mit dieser kurzen Empfehlung zeichnet Paulus ein bemerkenswertes Bild des christlichen Dienstes. Er würdigt eine Frau, deren Treue nicht durch öffentliche Bekanntheit, sondern durch ihren tatsächlichen Einsatz für andere erkennbar geworden ist. Zugleich zeigt er, dass selbst ein hoch angesehener Apostel auf die Hilfe treuer Glaubensgeschwister angewiesen sein konnte. Der Wert eines Menschen innerhalb der Gemeinde bemisst sich deshalb nicht allein an seiner sichtbaren Stellung, sondern auch an seiner Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und anderen in Liebe zu dienen.

Die ersten beiden Verse machen außerdem deutlich, wie eng der Glaube an Christus mit dem praktischen Umgang untereinander verbunden ist. Wer einen anderen Menschen als Bruder oder Schwester im Herrn anerkennt, soll diese Verbundenheit nicht auf eine religiöse Bezeichnung beschränken. Sie wird dort wirklich sichtbar, wo Menschen einander aufnehmen, schützen, unterstützen und in schwierigen Situationen nicht alleinlassen. Phöbes Beispiel zeigt, dass ein Leben im Dienst Gottes andere Menschen stärken kann und dass solche Treue Anerkennung verdient.

Römer 16,3–5

Prisca und Aquila: Treue Mitarbeiter, mutiger Einsatz und eine Gemeinde im eigenen Haus

Nach der Empfehlung Phöbes richtet Paulus seine Grüße an zwei Menschen, mit denen ihn eine lange gemeinsame Geschichte verbindet: Prisca und Aquila. Er nennt sie seine „Mitarbeiter in Christus Jesus“ und erinnert daran, dass sie für sein Leben ihren eigenen Nacken dargeboten haben (Römer 16,3–4). Anschließend grüßt er die Gemeinde, die sich in ihrem Haus versammelt, sowie einen Mann namens Epänetus, den er als seinen Geliebten und als einen Erstling Asiens für Christus bezeichnet. Hinter diesen wenigen Worten stehen Jahre gemeinsamer Arbeit, persönlicher Opfer und eine bemerkenswerte Hingabe an das Evangelium.

Prisca, die in der Apostelgeschichte auch Priscilla genannt wird, und ihr Ehemann Aquila begegnen uns erstmals in Apostelgeschichte 18. Aquila war ein Jude aus Pontus, einer Landschaft an der Südküste des Schwarzen Meeres. Zusammen mit seiner Frau war er aus Italien nach Korinth gekommen, nachdem Kaiser Claudius angeordnet hatte, dass die Juden Rom verlassen sollten (Apostelgeschichte 18,2). Das Ehepaar hatte damit seine bisherige Heimat verlassen müssen. Über seine persönlichen Erfahrungen während dieser Vertreibung erfahren wir nichts Näheres. Die biblische Erzählung macht jedoch deutlich, dass Prisca und Aquila zu jenen Menschen gehörten, deren Lebensumstände unmittelbar von politischen Entscheidungen des Römischen Reiches beeinflusst wurden.

In Korinth begegneten sie dem Apostel Paulus. Eine wichtige Verbindung zwischen ihnen war zunächst ihr gemeinsames Handwerk. Alle drei arbeiteten als Zeltmacher, weshalb Paulus bei dem Ehepaar blieb und mit ihnen zusammenarbeitete (Apostelgeschichte 18,3). Ihre Beziehung entwickelte sich jedoch weit über eine berufliche Zusammenarbeit hinaus. Sie wurden zu engen Gefährten im Dienst des Evangeliums. Paulus konnte bei ihnen wohnen, mit ihnen arbeiten und schließlich auf ihre Unterstützung bei seinen missionarischen Aufgaben zählen. Was in der Apostelgeschichte mit einer Begegnung zwischen Menschen desselben Berufes beginnt, erscheint im Römerbrief als eine über Jahre gewachsene geistliche Partnerschaft.

Dabei ist bemerkenswert, dass Prisca und Aquila ihren gewöhnlichen Beruf nicht einfach aufgaben, um Gott dienen zu können. Sie verbanden ihre tägliche Arbeit mit ihrem Glauben und nutzten ihre Möglichkeiten, um die Verkündigung des Evangeliums zu unterstützen. Ihr Beispiel erinnert daran, dass christlicher Dienst nicht auf Menschen beschränkt ist, die ausschließlich mit religiösen Aufgaben beschäftigt sind. Auch berufliche Fähigkeiten, Gastfreundschaft und persönliche Beziehungen können zu wichtigen Mitteln werden, durch die Gottes Werk gefördert wird. Entscheidend ist nicht allein, welche Tätigkeit ein Mensch ausübt, sondern auch, wofür er die Möglichkeiten einsetzt, die ihm anvertraut sind.

Später begleitete das Ehepaar Paulus auf einem Teil seiner Reise von Korinth nach Syrien. In Ephesus trennten sich ihre Wege zunächst, denn Paulus reiste weiter, während Prisca und Aquila dort zurückblieben (Apostelgeschichte 18,18–19). Wie ernst sie ihre geistliche Verantwortung nahmen, zeigt besonders ihre Begegnung mit Apollos. Dieser stammte aus Alexandria, war redegewandt und besaß eine gründliche Kenntnis der Heiligen Schrift. Er sprach mit großem Eifer über Jesus, kannte jedoch nur die Taufe des Johannes. Als Prisca und Aquila ihn in der Synagoge hörten, nahmen sie ihn zu sich und erklärten ihm den Weg Gottes noch genauer (Apostelgeschichte 18,24–26).

Diese Begebenheit offenbart eine weitere Seite ihres Dienstes. Beide waren nicht nur bereit, einen Apostel materiell und persönlich zu unterstützen, sondern verfügten auch über geistliches Verständnis, mit dem sie anderen helfen konnten. Apollos war bereits ein fähiger Verkündiger. Dennoch gab es Dinge, die er noch nicht vollständig verstanden hatte. Das Ehepaar erkannte diese Lücke und half ihm, seine Erkenntnis zu vertiefen. Die Apostelgeschichte beschreibt dabei keine öffentliche Bloßstellung, sondern eine persönliche Unterweisung. Prisca und Aquila handelten nicht als Konkurrenten eines begabten Predigers, sondern unterstützten ihn dabei, Gottes Botschaft genauer zu verstehen. Als Apollos später nach Achaja reiste, wurde er dort vielen Gläubigen zu einer großen Hilfe (Apostelgeschichte 18,27–28).

An dieser Stelle wird auch sichtbar, dass Prisca eine aktive Rolle im geistlichen Leben spielte. Die Apostelgeschichte nennt beide Eheleute im Zusammenhang mit der Unterweisung des Apollos. Bemerkenswert ist außerdem, dass Paulus in Römer 16,3 Prisca vor ihrem Ehemann Aquila erwähnt. In anderen Bibelstellen wechselt die Reihenfolge ihrer Namen. Daraus allein lässt sich weder eine feste Rangordnung noch eine bestimmte Gemeindeleitungsfunktion ableiten. Es wäre jedoch ebenso unbegründet, ihre Beteiligung am Dienst zu übersehen. Die neutestamentlichen Berichte beschreiben beide als Menschen, die gemeinsam arbeiteten, gemeinsam Glaubende unterstützten und gemeinsam Verantwortung für die Verkündigung des Evangeliums übernahmen.

In Römer 16,4 erinnert Paulus an eine besonders ernste Erfahrung, über deren Einzelheiten die Bibel schweigt. Prisca und Aquila hatten für sein Leben ihren eigenen Nacken dargeboten. Diese bildhafte Formulierung beschreibt die Bereitschaft, das eigene Leben einer tödlichen Gefahr auszusetzen, um einen anderen Menschen zu schützen. Paulus spricht also nicht nur von gewöhnlicher Hilfe oder Gastfreundschaft. Das Ehepaar hatte offensichtlich eine Situation erlebt, in der seine Unterstützung für ihn mit einem erheblichen persönlichen Risiko verbunden war.

Wann und unter welchen Umständen diese Gefahr entstand, wird nicht berichtet. Manche Ausleger vermuten einen Zusammenhang mit den Verfolgungen, die Paulus in Korinth oder Ephesus erlebte. Besonders der Aufruhr in Ephesus, von dem Apostelgeschichte 19,23–41 berichtet, wird gelegentlich als mögliche Erklärung genannt. Eine sichere Zuordnung ist jedoch nicht möglich. Die Bibel beschreibt keine konkrete Rettungshandlung des Ehepaares bei diesem Ereignis. Deshalb sollte die Auslegung bei dem bleiben, was Paulus tatsächlich bezeugt: Prisca und Aquila waren bereit gewesen, um seinetwillen ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen.

Gerade diese Aussage verleiht ihrer Bezeichnung als Mitarbeiter eine besondere Tiefe. Ihre Zusammenarbeit mit Paulus bestand nicht nur darin, gemeinsame Aufgaben zu übernehmen, solange alles ruhig und ungefährlich blieb. Als der Dienst für Christus mit ernsthaften Risiken verbunden war, hatten sie sich nicht von ihm abgewandt. Eine solche Treue erinnert an Jesu Worte, dass größere Liebe niemand habe als die, sein Leben für seine Freunde einzusetzen (Johannes 15,13). Paulus behauptet nicht, dass Prisca und Aquila tatsächlich für ihn gestorben seien. Doch ihre Bereitschaft, eine lebensbedrohliche Gefahr auf sich zu nehmen, lässt erkennen, wie weit ihre Liebe und Verbundenheit reichten.

Deshalb erklärt Paulus, dass nicht nur er selbst, sondern auch alle Gemeinden der Heiden ihnen dankbar seien. Diese Formulierung erweitert den Blick über die persönliche Freundschaft hinaus. Paulus war in besonderer Weise zum Apostel für die nichtjüdischen Völker berufen worden (Römer 11,13). Sein Dienst hatte dazu beigetragen, dass in zahlreichen Städten christliche Gemeinden entstanden. Wenn Prisca und Aquila unter Lebensgefahr zu seinem Schutz beigetragen hatten, war dies deshalb nicht nur für Paulus persönlich von Bedeutung. Auch die Gemeinden, denen seine weitere Verkündigung und Fürsorge zugutekam, hatten Grund zur Dankbarkeit.

Dabei behauptet der Text nicht, dass jedes einzelne Gemeindemitglied die Einzelheiten dieser Rettung kannte. Paulus bringt vielmehr die weitreichende Bedeutung ihres Handelns zum Ausdruck. Ein Dienst, der zunächst nur einem einzelnen Menschen gilt, kann Folgen haben, die weit über diese persönliche Beziehung hinausreichen. Wer einen Verkündiger stärkt, einen bedrängten Glaubensbruder schützt oder einem Mitarbeiter Gottes in schwieriger Lage beisteht, kann dadurch mittelbar vielen weiteren Menschen dienen. Nicht jede Frucht eines solchen Einsatzes wird dem Helfenden selbst vollständig sichtbar.

Anschließend bittet Paulus, auch die Gemeinde im Haus von Prisca und Aquila zu grüßen. Diese kurze Bemerkung eröffnet einen wichtigen Einblick in das Leben der ersten Christen. Die Gemeinden besaßen damals noch nicht die später verbreiteten, eigens errichteten Kirchengebäude. Gläubige versammelten sich unter anderem in Privathäusern, um gemeinsam zu beten, die Lehre der Apostel zu hören, Gemeinschaft zu pflegen und ihren Glauben zu leben. Bereits Apostelgeschichte 2,46 beschreibt, wie die ersten Christen in Jerusalem auch in ihren Häusern zusammenkamen. Solche Zusammenkünfte waren ein wichtiger Bestandteil des frühchristlichen Gemeindelebens.

Prisca und Aquila hatten ihr Haus schon an einem anderen Ort für die christliche Gemeinschaft geöffnet. In 1. Korinther 16,19 lassen sie zusammen mit der Gemeinde in ihrem Haus Grüße aus der Provinz Asien übermitteln. Das passt zu ihrem früheren Aufenthalt in Ephesus. Nun begegnet uns eine Gemeinde in ihrem Haus im Zusammenhang mit Rom. Offenbar hatten sie sich inzwischen wieder dort niedergelassen. Die biblischen Angaben lassen damit erkennen, dass ihre Bereitschaft, Glaubenden einen Versammlungsort zur Verfügung zu stellen, nicht an eine einzige Stadt gebunden war. Wo immer sie lebten, nahm die Gemeinschaft der Christen einen wichtigen Platz in ihrem Leben ein.

Wie groß ihr Haus war und wie viele Menschen sich dort regelmäßig versammelten, lässt sich nicht bestimmen. Ebenso wenig erfahren wir, ob sie allein die Versammlungen leiteten oder wie die einzelnen Aufgaben innerhalb dieser Gemeinschaft verteilt waren. Der Text erlaubt jedoch die Feststellung, dass ihr Haushalt zu einem Ort christlicher Begegnung geworden war. Die Grenze zwischen persönlichem Lebensraum und geistlichem Dienst war bei ihnen nicht streng gezogen. Sie stellten einen Bereich ihres eigenen Lebens zur Verfügung, damit andere Glaubende zusammenkommen konnten.

Das ist besonders bedeutsam, weil Rom eine große Stadt mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und gesellschaftlicher Stellung war. Die christlichen Gemeinschaften konnten sich in verschiedenen Häusern und Personenkreisen versammeln. Paulus erwähnt im weiteren Verlauf des Kapitels mehrere solcher Gruppen. Das Haus von Prisca und Aquila war somit wahrscheinlich ein Teil eines größeren Netzes von Glaubenden innerhalb der Hauptstadt. Obwohl die Christen nicht notwendigerweise alle gleichzeitig an einem Ort zusammenkamen, waren sie durch ihren gemeinsamen Glauben und ihre gegenseitige Verbundenheit miteinander verbunden.

Diese Form des Gemeindelebens erinnert an die Bedeutung, die Jesus der Gemeinschaft seiner Nachfolger beimaß. Er verhieß seine Gegenwart dort, wo Menschen in seinem Namen zusammenkommen (Matthäus 18,20). Die geistliche Bedeutung einer Versammlung hängt deshalb nicht in erster Linie von der Größe oder äußeren Ausstattung des Gebäudes ab. Entscheidend ist, dass Menschen sich in der Gemeinschaft mit Christus begegnen, auf sein Wort hören und miteinander im Glauben wachsen. Ein gewöhnlicher Wohnraum konnte auf diese Weise zu einem Ort des Gebets, der Unterweisung und der gegenseitigen Stärkung werden.

Nach den Grüßen an das Ehepaar und seine Hausgemeinde nennt Paulus in Vers 5 einen weiteren Glaubensbruder: Epänetus. Er bezeichnet ihn als „meinen Geliebten“ und als einen Erstling Asiens für Christus. Über seine Herkunft, seinen Beruf und seine späteren Aufgaben erfahren wir nichts Näheres. Dennoch enthalten diese wenigen Worte zwei bedeutsame Hinweise auf seine Beziehung zu Paulus und auf seine Stellung innerhalb der frühen christlichen Verkündigung.

Zunächst bringt die Bezeichnung „mein Geliebter“ eine persönliche Zuneigung zum Ausdruck. Paulus verwendet solche Worte auch für andere Menschen, mit denen ihn eine besondere Verbundenheit im Glauben verbindet. Seine Briefe zeigen, dass der Apostel die Gemeinden nicht nur als Arbeitsfelder seiner Mission betrachtete. Er kannte einzelne Menschen, erinnerte sich an ihre Glaubensgeschichte und schätzte die Beziehungen, die im gemeinsamen Dienst entstanden waren. Epänetus war für ihn nicht lediglich einer von vielen Bekehrten, sondern ein geliebter Glaubensbruder.

Die zweite Bezeichnung ist noch aufschlussreicher. Paulus nennt Epänetus einen „Erstling von Asien“ für Christus. Im griechischen Text steht das Wort aparchē, das ursprünglich die Erstlingsfrucht einer Ernte bezeichnen kann. Im Alten Testament wurden die ersten Erträge des Landes Gott dargebracht, um anzuerkennen, dass die gesamte Ernte letztlich aus seiner Fürsorge hervorging (3. Mose 23,10–14). Paulus gebraucht das Bild an verschiedenen Stellen auch in einem übertragenen Sinn. In 1. Korinther 16,15 bezeichnet er beispielsweise das Haus des Stephanas als Erstling Achajas. Dort wie in Römer 16,5 geht es um Menschen, die zu den ersten Glaubenden einer bestimmten Region gehörten.

Mit „Asien“ meint Paulus nicht den heutigen Kontinent, sondern die damalige römische Provinz Asia im westlichen Kleinasien, also im Gebiet der heutigen westlichen Türkei. Epänetus gehörte demnach zu den ersten Menschen aus dieser Provinz, die für Christus gewonnen worden waren. Die Bezeichnung lässt erkennen, dass Paulus sich noch an den Anfang der Evangeliumsverkündigung in dieser Gegend erinnerte. Wo später christliche Gemeinschaften entstanden und wuchsen, hatte es zunächst einzelne Menschen gegeben, die das Evangelium annahmen.

Das Bild der Erstlingsfrucht gewinnt dadurch eine besondere geistliche Aussagekraft. Eine Ernte beginnt nicht damit, dass bereits alle Früchte eingebracht sind. Zuerst werden einzelne Früchte sichtbar, die den Anfang einer größeren Ernte bilden. In ähnlicher Weise konnte die Bekehrung eines Menschen am Beginn einer Entwicklung stehen, durch die später viele andere zum Glauben gelangten. Paulus beschreibt Epänetus jedoch nicht ausdrücklich als Verkündiger oder Gründer weiterer Gemeinden. Der Vergleich darf deshalb nicht zu einer erfundenen Lebensgeschichte ausgeweitet werden. Sicher ist, dass sein früher Glaube für Paulus eine bleibende Bedeutung hatte.

Bemerkenswert ist auch, dass Paulus Epänetus nicht allein wegen seiner zeitlichen Stellung unter den ersten Glaubenden erwähnt. Er nennt ihn zugleich seinen Geliebten. Damit verbindet er die Erinnerung an den Anfang der Mission mit einer persönlichen Beziehung, die offenbar über die Jahre Bestand hatte. Der erste Schritt eines Menschen in den Glauben war für Paulus kein bedeutungsloser Augenblick, der später in Vergessenheit geriet. Er gehörte zu einer Lebensgeschichte, die mit Christus verbunden war und deshalb bleibenden Wert besaß.

In diesen drei Versen begegnen uns somit unterschiedliche Formen christlicher Treue. Prisca und Aquila dienen durch berufliche Zusammenarbeit, geistliche Unterweisung, persönliche Opferbereitschaft und die Öffnung ihres Hauses für die Gemeinde. Epänetus wird als einer der ersten Glaubenden seiner Region und als geliebter Bruder gewürdigt. Paulus stellt diese Menschen nicht deshalb heraus, weil sie alle dieselbe Aufgabe erfüllt hätten. Er erkennt vielmehr an, dass der gemeinsame Glaube an Jesus Christus in unterschiedlichen Lebenssituationen und Diensten Gestalt angenommen hatte.

Darin liegt eine wichtige Einsicht über das Wesen der christlichen Gemeinde. Gottes Werk wird nicht nur durch öffentlich bekannte Verkündiger getragen. Es braucht auch Menschen, die anderen eine Unterkunft geben, ihr Wissen weitergeben, Gefahren mittragen, Gemeinschaft ermöglichen und dem Glauben über viele Jahre treu bleiben. Solche Dienste mögen unterschiedlich sichtbar sein, doch sie können für das Leben und Wachstum einer Gemeinde von großer Bedeutung sein. Paulus erinnert an Prisca, Aquila und Epänetus, weil ihre Lebensgeschichten zeigen, wie das Evangelium durch die Treue einzelner Menschen weitergetragen wurde.

Römer 16,6–7

Maria, Andronikus und Junia: Aufopferungsvoller Dienst und bewährter Glaube

Während Paulus seine Grüße fortsetzt, begegnen uns drei weitere Menschen, deren Leben eng mit dem Dienst für Jesus Christus verbunden war. Zunächst nennt er Maria, die viel gearbeitet hatte. Anschließend grüßt er Andronikus und Junia, die er als seine Verwandten und Mitgefangenen bezeichnet. Beide waren unter den Aposteln angesehen und gehörten bereits vor seiner eigenen Bekehrung zu Christus (Römer 16,6–7). Obwohl Paulus nur wenige Worte über diese Menschen schreibt, eröffnen sie einen bemerkenswerten Einblick in die erste Generation der christlichen Gemeinde.

Maria wird in Vers 6 mit einer einzigen Begründung besonders gewürdigt: Sie hatte viel gearbeitet. In der Schlachter 1951 heißt es, sie habe viel „für uns“ gearbeitet. Andere Übersetzungen geben den Satz mit „für euch“ wieder. Der Unterschied geht auf verschiedene Lesarten in den griechischen Handschriften zurück. Nach dem heute überwiegend bevorzugten Text bezieht sich ihre Arbeit auf die Christen in Rom. Für die wesentliche Aussage ist diese Abweichung jedoch nicht entscheidend. In beiden Fällen bezeugt Paulus, dass Maria sich mit außergewöhnlichem Einsatz für andere Glaubende eingesetzt hatte.

Das griechische Wort, das hier mit „gearbeitet“ übersetzt wird, lautet kopiaō. Es bezeichnet nicht einfach irgendeine Beschäftigung, sondern kann anstrengende, ermüdende und ausdauernde Arbeit beschreiben. Paulus verwendet denselben Begriff an anderen Stellen für den intensiven Einsatz im Dienst Gottes. In 1. Korinther 15,10 erklärt er beispielsweise, dass er mehr als andere Apostel gearbeitet habe, fügt jedoch unmittelbar hinzu, dass dies nicht aus eigener Kraft, sondern durch die Gnade Gottes geschehen sei, die mit ihm wirkte. Auch in 1. Thessalonicher 5,12 spricht er von Menschen, die unter den Glaubenden arbeiten und Verantwortung für sie übernehmen.

Diese Verwendung hilft, die Bedeutung seiner Worte über Maria zu verstehen. Paulus würdigt keinen gelegentlichen Gefallen, sondern einen Einsatz, der Mühe gekostet hatte. Das Evangelium war für Maria offenbar nicht nur eine Überzeugung, die sie innerlich bejahte. Ihr Glaube fand Ausdruck in einer Tätigkeit, für die sie Zeit und Kraft aufbrachte. Welche Aufgaben sie dabei genau erfüllte, erfahren wir allerdings nicht. Sie könnte Glaubende unterstützt, Gastfreundschaft geübt, Notleidenden geholfen oder andere Dienste für die Gemeinde übernommen haben. Der Bibeltext nennt keine dieser Tätigkeiten ausdrücklich. Daher wäre es unbegründet, ihr ein bestimmtes Amt oder eine konkrete Lebensgeschichte zuzuschreiben.

Auch ihre persönliche Herkunft bleibt unbekannt. Der Name Maria war in der damaligen Zeit weit verbreitet. Im Neuen Testament begegnen uns mehrere Frauen dieses Namens, darunter Maria, die Mutter Jesu, Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Johannes Markus. Es gibt jedoch keinen ausreichenden Hinweis, die in Römer 16,6 erwähnte Maria mit einer dieser Frauen gleichzusetzen. Wir wissen weder, wann sie zum Glauben kam, noch, auf welchem Weg Paulus von ihrer Tätigkeit erfuhr.

Gerade diese Zurückhaltung gegenüber unbekannten Einzelheiten lässt die eigentliche Aussage des Verses umso deutlicher hervortreten. Paulus hält es für wichtig, dass die Gemeinde Marias Einsatz anerkennt. Ihr Name wird nicht wegen einer besonderen gesellschaftlichen Stellung genannt, sondern wegen der Arbeit, die sie für andere geleistet hatte. Dabei fällt auf, dass Paulus ausdrücklich eine Frau für ihren intensiven Dienst würdigt. Innerhalb der frühen christlichen Gemeinschaft waren Frauen nicht nur Empfängerinnen der Verkündigung, sondern übernahmen auch Aufgaben, durch die das Leben der Gemeinden unterstützt und gefördert wurde.

Die Anerkennung Marias entspricht einem Grundgedanken, den Paulus bereits in Römer 12,6–8 entfaltet hatte. Dort erklärt er, dass Gott den Glaubenden unterschiedliche Gnadengaben anvertraut und dass diese zum Dienst eingesetzt werden sollen. Nicht jeder Mensch erfüllt dieselbe Aufgabe. Manche lehren, andere ermahnen, geben, leiten oder üben Barmherzigkeit. Entscheidend ist, dass die empfangenen Möglichkeiten treu genutzt werden. Marias Einsatz wird dadurch verständlich als Ausdruck eines Glaubens, der sich nicht auf Worte beschränkt, sondern im Leben anderer Menschen wirksam wird.

In Vers 7 richtet Paulus seine Aufmerksamkeit auf Andronikus und Junia. Er bezeichnet sie als seine Verwandten und Mitgefangenen und fügt zwei weitere bemerkenswerte Angaben hinzu: Sie waren unter den Aposteln angesehen und bereits vor ihm in Christus gewesen.

Die Bezeichnung „meine Verwandten“ verdient eine nähere Betrachtung. Das griechische Wort syngeneis kann tatsächliche Verwandtschaft bezeichnen, aber auch eine gemeinsame Abstammung oder Volkszugehörigkeit ausdrücken. Bereits in Römer 9,3 hatte Paulus dasselbe Wort verwendet, als er von seinen israelitischen Volksgenossen sprach. Deshalb ist es gut möglich, dass er Andronikus und Junia hier als Menschen jüdischer Herkunft bezeichnet, mit denen ihn die Zugehörigkeit zum Volk Israel verband.

Eine familiäre Verwandtschaft ist damit nicht völlig ausgeschlossen. Paulus nennt jedoch im weiteren Verlauf des Kapitels noch andere Personen seine Verwandten (Römer 16,11.21). Vor diesem Hintergrund halten viele Ausleger die Bedeutung „Volksgenossen“ für wahrscheinlicher. Sollte dies zutreffen, gehörten Andronikus und Junia zu den jüdischen Christen, die in der römischen Gemeinde mit Glaubenden aus anderen Völkern verbunden waren. Gerade im Römerbrief ist diese gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus bedeutsam, weil Paulus ausführlich erklärt hatte, dass Juden und Nichtjuden durch denselben Glauben Zugang zu Gottes Gnade erhalten (Römer 3,22–30; 10,12–13).

Noch persönlicher ist die zweite Bezeichnung: Paulus nennt beide seine „Mitgefangenen“. Dahinter steht das griechische Wort synaichmalōtos, das wörtlich einen Mitgefangenen bezeichnet. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Bereich der Gefangenschaft, insbesondere der Kriegsgefangenschaft, und konnte auch übertragen verwendet werden. Im Zusammenhang mit dem Dienst des Paulus liegt nahe, dass Andronikus und Junia wegen ihres Glaubens Gefangenschaft erlitten hatten und diese Erfahrung in irgendeiner Weise mit Paulus teilten.

Ob sie tatsächlich zur selben Zeit mit ihm in einem Gefängnis saßen oder ob Paulus sie aufgrund einer vergleichbaren Gefangenschaft als Mitgefangene bezeichnet, lässt sich nicht sicher entscheiden. Auch Ort und Zeitpunkt bleiben unbekannt. Die Apostelgeschichte berichtet zwar von mehreren Situationen, in denen Paulus verfolgt, festgenommen oder gefangen gehalten wurde, doch sie bringt Andronikus und Junia mit keinem dieser Ereignisse ausdrücklich in Verbindung.

Trotz dieser offenen Fragen ist die Aussage von erheblichem Gewicht. Paulus verbindet diese beiden Glaubenden mit einer Erfahrung, die Leid, Einschränkung der Freiheit und möglicherweise große persönliche Gefahr bedeutete. Ihr Glaube hatte offenbar Schwierigkeiten mit sich gebracht, denen sie sich nicht einfach entziehen konnten. Die ersten christlichen Gemeinden entstanden nicht unter durchgehend friedlichen und sicheren Umständen. Die Verkündigung Jesu Christi führte immer wieder zu Widerstand, gesellschaftlichen Spannungen und staatlichen Eingriffen. Paulus selbst hatte solche Erfahrungen mehrfach gemacht (2. Korinther 11,23–27).

Dass er Andronikus und Junia als Mitgefangene bezeichnet, zeigt zugleich seine besondere Verbundenheit mit ihnen. Menschen, die wegen ihres Glaubens Verfolgung ertragen, teilen eine Erfahrung, die über gewöhnliche Bekanntschaft hinausgeht. Dabei darf nicht übersehen werden, dass Paulus ihnen keine außergewöhnliche geistliche Stellung allein aufgrund ihres Leidens zuschreibt. Gefangenschaft ist an sich kein Beweis für Wahrheit oder Treue. In diesem Zusammenhang spricht jedoch vieles dafür, dass Paulus ihre Standhaftigkeit im Dienst Christi ehren möchte.

Anschließend folgt eine Formulierung, die in der Geschichte der Bibelauslegung besonders intensiv diskutiert worden ist. Paulus beschreibt Andronikus und Junia als Menschen, die „unter den Aposteln angesehen“ waren. Um diese Aussage richtig zu verstehen, müssen zunächst zwei unterschiedliche Fragen geklärt werden: Wer war Junia, und was bedeutet ihre Verbindung mit den Aposteln?

Die Schlachter 1951 gibt den Namen als „Junias“ wieder und verwendet damit eine männliche Namensform. Im griechischen Text steht jedoch Iounian. Da frühe griechische Handschriften gewöhnlich ohne die später üblichen Akzentzeichen geschrieben wurden, lässt sich die grammatische Form grundsätzlich sowohl mit dem weiblichen Namen Junia als auch mit einem angenommenen männlichen Namen Junias in Verbindung bringen.

Die historischen Namensbelege sprechen allerdings deutlich stärker für Junia als Frau. Der weibliche Name Junia war im Römischen Reich bekannt und ist vielfach bezeugt. Für einen entsprechenden männlichen Kurznamen Junias fehlt dagegen ein vergleichbar sicherer Nachweis. Auch frühe christliche Ausleger verstanden die betreffende Person als Frau. Besonders Johannes Chrysostomus, der im vierten Jahrhundert lebte, sprach ausdrücklich mit Anerkennung über Junia als Frau, die unter den Aposteln eine bemerkenswerte Stellung einnahm. Deshalb ist die weibliche Namensform Junia nach der verfügbaren sprachlichen und historischen Evidenz wesentlich wahrscheinlicher.

Eine weitere Einzelheit muss dennoch offenbleiben: Paulus erklärt nicht, in welcher persönlichen Beziehung Andronikus und Junia zueinander standen. Häufig werden sie als Ehepaar angesehen. Das ist möglich, wird aber im Vers nicht ausdrücklich gesagt. Ebenso könnten sie auf andere Weise miteinander verbunden gewesen sein. Entscheidend ist zunächst, dass Paulus beide gemeinsam grüßt und ihre geistliche Erfahrung gemeinsam würdigt.

Die zweite Frage betrifft den Ausdruck „unter den Aposteln angesehen“. Das griechische Wort episēmoi bezeichnet Menschen, die hervortreten, bekannt sind oder eine besondere Anerkennung genießen. Die anschließende Formulierung en tois apostolois kann so verstanden werden, dass Andronikus und Junia innerhalb des Kreises der Apostel angesehen waren. Nach dieser Auslegung gehörten sie selbst zu einem weiteren Kreis apostolischer Mitarbeiter und besaßen dort einen guten Ruf.

Andere Ausleger verstehen die Formulierung hingegen so, dass Andronikus und Junia bei den Aposteln besonders bekannt und angesehen waren, ohne selbst zu diesem Kreis zu gehören. Beide Möglichkeiten werden in der wissenschaftlichen Diskussion vertreten. Die erste Lesart, nach der sie zu den angesehenen Aposteln gehörten, ist sprachlich gut begründet und besitzt eine lange Auslegungstradition. Dennoch wäre es zu weitgehend, die zweite Deutung als völlig ausgeschlossen darzustellen.

Für die Einordnung ist außerdem wichtig, dass der Begriff „Apostel“ im Neuen Testament nicht immer ausschließlich die zwölf von Jesus berufenen Jünger bezeichnet. Das griechische Wort apostolos bedeutet grundsätzlich einen Gesandten oder Beauftragten. Im Neuen Testament kann es für Menschen verwendet werden, die in besonderer Weise von Christus zum Zeugnis und zur Verkündigung berufen wurden. Paulus selbst gehört nicht zu den Zwölf, bezeichnet sich aber aufgrund seiner Berufung durch den auferstandenen Christus als Apostel (1. Korinther 9,1; Galater 1,1). Auch Barnabas wird zusammen mit Paulus als Apostel bezeichnet (Apostelgeschichte 14,14).

Sollten Andronikus und Junia tatsächlich zu den Aposteln gezählt worden sein, würde das deshalb nicht bedeuten, dass sie zum ursprünglichen Zwölferkreis gehörten. Ebenso wenig lässt sich daraus unmittelbar ableiten, dass sie ein später entstandenes kirchliches Amt in genau derselben Form innehatten. Der Begriff muss aus seinem neutestamentlichen Gebrauch und dem jeweiligen Zusammenhang verstanden werden.

Unabhängig davon, welche der beiden Deutungen man bevorzugt, bleibt eine bemerkenswerte Tatsache bestehen: Paulus spricht mit großer Anerkennung von diesen beiden Glaubenden. Sie waren keine unbekannten oder unbedeutenden Mitglieder der christlichen Gemeinschaft. Ihre Glaubensgeschichte und ihr Dienst hatten ihnen offensichtlich einen besonderen Ruf eingebracht. Paulus möchte, dass die Christen in Rom diese Menschen mit entsprechender Wertschätzung grüßen.

Am Ende von Vers 7 fügt Paulus noch eine weitere Information hinzu, die ihre Stellung in der frühen Geschichte des Christentums besonders verständlich macht: Andronikus und Junia waren bereits vor ihm „in Christus“ gewesen.

Die Wendung „in Christus“ gehört zu den wichtigsten Ausdrücken der paulinischen Briefe. Sie beschreibt die Zugehörigkeit zu Jesus Christus und die neue Lebensbeziehung, in die Menschen durch den Glauben an ihn eintreten. Paulus hatte bereits in Römer 8,1 erklärt, dass für diejenigen, die in Christus Jesus sind, keine Verdammnis mehr besteht. Wenn er nun sagt, Andronikus und Junia seien vor ihm in Christus gewesen, meint er damit, dass sie bereits vor seiner eigenen Hinwendung zu Jesus zu dessen Glaubenden gehört hatten.

Diese Aussage führt in die früheste Zeit der christlichen Verkündigung zurück. Paulus war zunächst ein entschiedener Gegner der Gemeinde gewesen. Nach seinem eigenen Zeugnis verfolgte er die Glaubenden mit großem Eifer und versuchte, die Gemeinde Gottes zu zerstören (Galater 1,13–14). Die Apostelgeschichte berichtet, dass er sogar an der Verfolgung beteiligt war, die nach der Steinigung des Stephanus einsetzte (Apostelgeschichte 8,1–3). Erst durch die Begegnung mit dem auferstandenen Christus auf dem Weg nach Damaskus änderte sich sein Leben grundlegend (Apostelgeschichte 9,1–19).

Andronikus und Junia hatten dagegen schon vorher zu Christus gefunden. Sie gehörten somit zu einer Generation von Glaubenden, die das Evangelium angenommen hatte, als Paulus noch gegen die Gemeinde auftrat. Ob sie Jesus während seines irdischen Wirkens persönlich begegnet waren, wird nicht gesagt. Ebenso wenig können wir mit Sicherheit bestimmen, ob sie aus Jerusalem stammten oder auf welchem Weg sie zum Glauben kamen. Ihr früher Glaube allein erlaubt solche Schlussfolgerungen nicht.

Dennoch eröffnet diese zeitliche Angabe einen bemerkenswerten Blick auf die Geschichte der Gemeinde. Bevor Paulus zu einem der bedeutendsten Verkündiger Jesu Christi wurde, gab es bereits Menschen, die dem Herrn nachfolgten, sein Evangelium weitertrugen und die entstehende Gemeinschaft stärkten. Paulus verschweigt diesen zeitlichen Vorsprung nicht. Vielmehr erwähnt er ihn ausdrücklich als Teil der Würdigung von Andronikus und Junia.

Darin zeigt sich eine Haltung, die auch an anderen Stellen seiner Briefe erkennbar ist. Paulus wusste um die besondere Berufung, die Christus ihm anvertraut hatte. Er verstand sich jedoch nicht als Ursprung des christlichen Glaubens oder als Maßstab, an dem die Bedeutung aller anderen Glaubenden gemessen werden musste. In 1. Korinther 15,8–10 bezeichnet er sich selbst als den geringsten der Apostel, weil er die Gemeinde Gottes verfolgt hatte. Zugleich bekennt er, dass er allein durch Gottes Gnade geworden sei, was er nun war.

Diese Verbindung von persönlicher Berufung und Demut hilft, seinen Gruß an Andronikus und Junia richtig einzuordnen. Paulus anerkennt Menschen, deren Glaubensweg früher begonnen hatte als sein eigener. Er erinnert an ihre Gefangenschaft und hebt ihre Anerkennung unter den Aposteln hervor. Seine Worte sind nicht von Konkurrenz oder dem Bedürfnis geprägt, seine eigene Stellung gegenüber anderen hervorzuheben. Vielmehr würdigt er das Wirken Gottes im Leben von Menschen, die bereits vor ihm zum Glauben gekommen waren.

Die beiden Verse zeigen außerdem, wie unterschiedlich christlicher Dienst aussehen konnte. Über Maria erfahren wir vor allem, dass sie viel gearbeitet hatte. Bei Andronikus und Junia treten Gefangenschaft, ihre Verbindung zu den Aposteln und ihre frühe Zugehörigkeit zu Christus in den Vordergrund. Keine dieser Personen wird durch äußeren Reichtum, politische Macht oder gesellschaftliche Berühmtheit ausgezeichnet. Ihre Bedeutung innerhalb der Gemeinde ergibt sich aus ihrer Verbindung mit Christus, ihrer bewährten Treue und ihrem Einsatz für andere.

Besonders eindrücklich ist dabei, dass Paulus die Arbeit einer Frau ausdrücklich würdigt und anschließend eine weitere Frau nennt, die nach der wahrscheinlichsten Namensdeutung bereits zur ersten Generation der christlichen Glaubenden gehörte und im apostolischen Umfeld hohes Ansehen genoss. Diese Beobachtung sollte weder abgeschwächt noch über das hinaus erweitert werden, was der Text tatsächlich trägt. Römer 16,6–7 liefert keine vollständige Ordnung aller Gemeindeämter. Die Verse bezeugen jedoch, dass Frauen in der frühen Gemeinde einen anerkannten und bedeutsamen Beitrag zum Dienst für Christus leisteten.

So entsteht aus den wenigen persönlichen Angaben ein Bild von Glauben, der über viele Jahre hinweg Bestand hatte. Maria hatte ihre Kraft eingesetzt. Andronikus und Junia hatten Gefangenschaft erlebt und waren schon früh mit Christus verbunden gewesen. Paulus sieht in diesen Lebensgeschichten keinen nebensächlichen Teil der Gemeindegeschichte, sondern etwas, das Anerkennung verdient.

Die ersten Christen waren nicht alle auf dieselbe Weise berufen und hatten nicht dieselben Erfahrungen gemacht. Manche dienten durch unermüdliche Arbeit, andere durch Verkündigung, persönliche Hilfe oder Standhaftigkeit in Bedrängnis. Was sie miteinander verband, war ihre Zugehörigkeit zu Jesus Christus. Gerade diese Verbindung machte ihre unterschiedlichen Lebenswege zu einem gemeinsamen Zeugnis des Evangeliums.

Römer 16,8–12

Bewährte Mitarbeiter und die vielfältige Gemeinschaft der Glaubenden

Mit den nächsten Grüßen führt Paulus den Leser noch tiefer in das Leben der christlichen Gemeinde Roms hinein. Er nennt Menschen, über deren persönliche Geschichte uns die Bibel kaum weitere Informationen überliefert. Einige bezeichnet er als geliebte Glaubensgeschwister, andere als Mitarbeiter oder als Menschen, die sich in Christus bewährt haben. Daneben erwähnt er ganze Haushalte, in denen sich offenbar ebenfalls Christen befanden. Besonders auffällig ist, wie sorgfältig Paulus zwischen den einzelnen Personen unterscheidet. Seine Grüße sind keine unpersönliche Namensliste. Mit wenigen Worten hebt er jeweils das hervor, was ihm an diesen Menschen besonders wichtig erscheint.

In Vers 8 grüßt Paulus Amplias, den er ausdrücklich als seinen „Geliebten im Herrn“ bezeichnet. Der Name erscheint in anderen Textüberlieferungen auch in der längeren Form Ampliatus. Solche Namen waren im Römischen Reich bekannt und begegnen unter anderem in Inschriften aus dem Umfeld von Sklaven und Freigelassenen. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, welchen gesellschaftlichen Stand der hier erwähnte Amplias tatsächlich besaß. Ebenso wenig können wir ihn sicher mit einer bestimmten Person aus den erhaltenen römischen Inschriften gleichsetzen. Paulus selbst nennt weder seinen Beruf noch seine Herkunft oder eine besondere Aufgabe innerhalb der Gemeinde.

Trotz dieser fehlenden Angaben erfahren wir etwas Wesentliches über seine Beziehung zum Apostel. Paulus nennt ihn nicht einfach einen Bekannten, sondern einen geliebten Menschen. Mit dem Zusatz „im Herrn“ macht er deutlich, dass diese Zuneigung innerhalb der gemeinsamen Zugehörigkeit zu Jesus Christus steht. Der Glaube hatte zwischen ihnen eine Verbindung geschaffen, die über gewöhnliche persönliche Sympathie hinausging. Amplias gehörte zu den Menschen, die Paulus in Liebe verbunden waren, obwohl er die Gemeinde in Rom als Ganzes noch nicht persönlich besucht hatte.

Diese Formulierung erinnert an einen Grundgedanken des Römerbriefes. Paulus hatte die Glaubenden bereits aufgefordert, einander in brüderlicher Liebe zugetan zu sein und in gegenseitiger Achtung einander den Vortritt zu lassen (Römer 12,10). Nun begegnet uns ein persönliches Beispiel für eine solche Haltung. Der Apostel verwendet seine Worte nicht ausschließlich, um Lehren zu erklären oder Anweisungen zu erteilen. Er bringt auch seine Wertschätzung für einen einzelnen Glaubensbruder zum Ausdruck. Gerade dadurch wird sichtbar, dass die christliche Gemeinschaft nicht nur durch übereinstimmende Glaubensüberzeugungen zusammengehalten werden soll, sondern auch durch aufrichtige Liebe.

In Vers 9 nennt Paulus zwei weitere Männer: Urbanus und Stachys. Urbanus bezeichnet er als „unsern Mitarbeiter in Christus“, während Stachys wiederum als sein Geliebter vorgestellt wird. Die unterschiedliche Beschreibung ist bemerkenswert. Über Urbanus erfahren wir ausdrücklich, dass er an der gemeinsamen Arbeit für Christus beteiligt war. Bei Stachys hebt Paulus dagegen vor allem die persönliche Beziehung hervor. Beide erhalten seinen Gruß, aber jeder wird mit einer eigenen Formulierung gewürdigt.

Der Name Urbanus war im lateinischsprachigen Umfeld des Römischen Reiches gebräuchlich. Seine ursprüngliche Wortbedeutung hängt mit dem städtischen Leben zusammen. Daraus lässt sich jedoch nichts Sicheres über den Wohnort, die Herkunft oder den Beruf dieses Mannes ableiten. Viel wichtiger ist die Bezeichnung, die Paulus selbst verwendet. Er nennt Urbanus einen Mitarbeiter „in Christus“. Damit gehört er zu den Menschen, die nicht nur am Glauben der Gemeinde Anteil hatten, sondern aktiv zu ihrem Dienst beitrugen.

Auffällig ist, dass Paulus hier von „unserem“ Mitarbeiter spricht und nicht lediglich von „meinem“. Die Formulierung kann ausdrücken, dass Urbanus innerhalb eines gemeinsamen christlichen Dienstes tätig war, der über die persönliche Beziehung zum Apostel hinausreichte. Welche Aufgaben er übernahm, bleibt unbekannt. Vielleicht war er an der Verkündigung beteiligt, unterstützte andere Mitarbeiter oder übernahm Verantwortung innerhalb der Gemeinde. Keine dieser Möglichkeiten wird ausdrücklich genannt. Sicher ist jedoch, dass Paulus seinen Einsatz als Mitarbeit an einer Sache verstand, deren Mittelpunkt Jesus Christus war.

Der Ausdruck „Mitarbeiter“ besitzt bei Paulus eine besondere Bedeutung. Er verwendet ihn für verschiedene Menschen, die gemeinsam mit ihm oder anderen Glaubenden zur Ausbreitung und Stärkung des Evangeliums beitrugen. Bereits Prisca und Aquila hatte er in Vers 3 so bezeichnet. Auch Timotheus wird später in Römer 16,21 als sein Mitarbeiter vorgestellt. Diese wiederkehrende Bezeichnung lässt erkennen, dass Paulus seinen apostolischen Dienst nicht als persönliche Einzelleistung betrachtete. Die Verkündigung des Evangeliums erforderte die Zusammenarbeit vieler Menschen mit unterschiedlichen Aufgaben und Fähigkeiten.

Dahinter steht derselbe Grundgedanke, den Paulus in 1. Korinther 3,5–9 entfaltet. Dort beschreibt er sich selbst und Apollos als Diener, durch die Menschen zum Glauben gekommen sind. Einer pflanzt, ein anderer begießt, aber Gott schenkt das Wachstum. Die Mitarbeiter erfüllen unterschiedliche Aufgaben, doch der eigentliche Ursprung des geistlichen Lebens liegt bei Gott. Auch Urbanus kann vor diesem Hintergrund als jemand verstanden werden, dessen Arbeit Teil eines größeren göttlichen Wirkens war. Paulus hebt seinen Dienst hervor, ohne daraus eine persönliche Rangordnung unter den Glaubenden abzuleiten.

Stachys wird unmittelbar danach als „mein Geliebter“ gegrüßt. Sein griechischer Name bedeutet ursprünglich eine Ähre, doch diese Wortbedeutung ist kein Schlüssel zu seiner geistlichen Persönlichkeit. Es wäre beispielsweise unbegründet, aus seinem Namen eine besondere symbolische Beziehung zur geistlichen Ernte abzuleiten. Paulus verwendet den Namen als persönliche Anrede und fügt eine liebevolle Würdigung hinzu. Mehr erfahren wir über diesen Mann nicht.

Gerade weil uns seine weiteren Lebensumstände unbekannt bleiben, verdient die schlichte Formulierung besondere Aufmerksamkeit. Stachys muss für Paulus kein öffentlich hervortretender Lehrer oder bekannter Missionar gewesen sein, um einen persönlichen Gruß zu erhalten. Der Apostel empfindet eine Verbundenheit mit ihm, die er ausdrücklich zur Sprache bringt. Innerhalb der christlichen Gemeinschaft besitzt ein Mensch nicht erst dann Bedeutung, wenn seine Leistungen öffentlich bekannt werden. Auch Menschen, deren Aufgaben uns verborgen bleiben, gehören als geliebte Glaubensgeschwister zur Gemeinde Gottes.

In Vers 10 begegnet uns Apelles, den Paulus als den „in Christus Bewährten“ bezeichnet. Diese Beschreibung unterscheidet sich von den bisherigen Grüßen. Während bei Amplias und Stachys die persönliche Zuneigung im Mittelpunkt steht und bei Urbanus die Mitarbeit, hebt Paulus bei Apelles seine Bewährung hervor. Im griechischen Grundtext steht das Wort dokimos. Es bezeichnet etwas oder jemanden, der geprüft wurde und sich als zuverlässig oder echt erwiesen hat.

Der Begriff konnte ursprünglich auch für Gegenstände verwendet werden, deren Qualität überprüft wurde. Im übertragenen Sinn beschreibt er Menschen, deren Zuverlässigkeit sich unter bestimmten Umständen erwiesen hat. Paulus verwendet verwandte Ausdrücke in seinen Briefen, wenn es um die Echtheit des Glaubens, die Anerkennung vor Gott oder eine bestandene Prüfung geht. In 2. Korinther 10,18 erklärt er beispielsweise, dass nicht derjenige bewährt ist, der sich selbst empfiehlt, sondern derjenige, den der Herr empfiehlt.

Wenn Paulus Apelles als bewährt in Christus bezeichnet, spricht er also von einer Glaubenstreue, die sich als zuverlässig erwiesen hatte. Möglicherweise hatte Apelles Verfolgung, Widerstand oder andere Schwierigkeiten erlebt und war Christus dabei treu geblieben. Der Text nennt jedoch keine konkrete Prüfung. Deshalb dürfen wir nicht behaupten, er sei nachweislich im Gefängnis gewesen oder habe eine bestimmte Verfolgung überstanden. Die Aussage des Paulus trägt bereits ohne eine solche Ergänzung erhebliches Gewicht: Apelles hatte sich im Zusammenhang mit seinem Glauben als bewährt erwiesen.

Dabei darf Bewährung nicht mit menschlicher Fehlerlosigkeit verwechselt werden. Paulus bezeichnet Apelles nicht als einen Menschen, der niemals gesündigt oder keine Schwachheit mehr gekannt hätte. Die Formulierung beschreibt seine Anerkennung und Zuverlässigkeit in Christus. Gerade dieser Zusatz ist entscheidend. Seine Bewährung steht nicht unabhängig von Jesus Christus, sondern innerhalb der Beziehung zu ihm.

Das entspricht dem Verständnis des christlichen Lebens, das Paulus bereits in den vorausgehenden Kapiteln entwickelt hatte. Die Glaubenden werden aus Gnade gerechtfertigt und zu einem neuen Leben berufen (Römer 3,24; 6,4). Dieses neue Leben soll sich im Vertrauen auf Gott und in einem veränderten Verhalten ausdrücken. Bewährung bedeutet vor diesem Hintergrund, dass der Glaube nicht nur als anfängliches Bekenntnis vorhanden ist, sondern sich auch im weiteren Lebensweg als tragfähig erweist.

Eine verwandte Aussage begegnet in Jakobus 1,12. Dort wird der Mensch glücklich gepriesen, der unter Anfechtung standhält, weil er nach bestandener Prüfung die verheißene Krone des Lebens empfangen wird. Der Zusammenhang ist nicht vollständig derselbe wie bei Apelles, doch beide Stellen zeigen, dass Standhaftigkeit und bewährter Glaube im Neuen Testament einen hohen Wert besitzen. Die Treue eines Menschen wird nicht allein daran gemessen, wie begeistert er beginnt, sondern auch daran, wie er im weiteren Leben an Christus festhält.

Nach Apelles richtet Paulus einen Gruß an die Menschen „vom Hause des Aristobulus“. Mit dieser Formulierung verlassen wir kurz den Bereich einzelner namentlich genannter Glaubender und begegnen einer Gruppe, die über die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Haushalt beschrieben wird.

Um diese Aussage zu verstehen, ist es hilfreich, die Bedeutung eines Haushalts in der römischen Gesellschaft zu berücksichtigen. Ein Haushalt bestand nicht notwendigerweise nur aus Eltern und Kindern. Je nach gesellschaftlicher Stellung und wirtschaftlichen Verhältnissen konnte er auch weitere Verwandte, Bedienstete, versklavte Menschen, Freigelassene und andere abhängige Personen umfassen. Besonders größere Haushalte besaßen oft ein weitreichendes Netz persönlicher und wirtschaftlicher Beziehungen.

Wenn Paulus diejenigen grüßt, die zum Haus des Aristobulus gehörten, bedeutet das daher nicht zwingend, dass alle diese Menschen miteinander verwandt waren oder in demselben Wohnraum lebten. Die Formulierung kann eine Gruppe bezeichnen, die durch ihre Zugehörigkeit zu einem bestimmten Haushalt beziehungsweise dessen sozialem Umfeld miteinander verbunden war.

Wer Aristobulus selbst war, lässt sich nicht sicher bestimmen. Manche Ausleger vermuten einen Angehörigen der herodianischen Herrscherfamilie, möglicherweise einen Enkel Herodes des Großen, der in Rom lebte. Eine solche Verbindung wäre geschichtlich denkbar, wird aber durch den Römerbrief nicht bestätigt. Der Name allein genügt nicht, um eine eindeutige Identifizierung vorzunehmen. Auch wissen wir nicht, ob Aristobulus zum Zeitpunkt der Abfassung des Briefes noch lebte oder ob sein Haushalt bereits unter anderer Verwaltung stand.

Noch wichtiger ist eine andere Beobachtung: Paulus grüßt nicht ausdrücklich Aristobulus selbst, sondern Menschen aus seinem Haushalt. Daraus folgt nicht notwendigerweise, dass Aristobulus kein Christ war. Er könnte bereits verstorben, abwesend oder aus einem anderen Grund nicht persönlich genannt worden sein. Ebenso ist es möglich, dass nur einzelne Angehörige seines Haushalts zum Glauben gehörten. Über seine eigene religiöse Überzeugung macht der Text keine Aussage.

Die Formulierung zeigt jedoch, dass sich die christliche Botschaft auch innerhalb bestehender sozialer Haushaltsgemeinschaften ausbreitete. Menschen mussten nicht aus denselben Familien, Berufen oder gesellschaftlichen Gruppen stammen, um miteinander im Glauben verbunden zu sein. Das Evangelium erreichte einzelne Personen innerhalb der sehr unterschiedlichen Lebensverhältnisse des Römischen Reiches.

Gerade die Erwähnung eines solchen Haushalts ist vor dem Hintergrund der paulinischen Lehre bemerkenswert. In Römer 3,29–30 hatte Paulus erklärt, dass Gott nicht nur der Gott der Juden, sondern auch der Gott der Heiden ist. Der Zugang zu ihm hängt nicht von der Zugehörigkeit zu einer bevorzugten Volksgruppe ab. Ebenso hatte Paulus in Römer 12,4–5 das Bild des einen Leibes verwendet, dessen Glieder unterschiedliche Aufgaben haben, aber zusammengehören. Die Zusammensetzung der römischen Gemeinde lässt erkennen, wie dieser Gedanke innerhalb einer vielfältigen Gesellschaft Gestalt gewinnen konnte.

In Vers 11 folgt der Gruß an Herodion, den Paulus als seinen Verwandten bezeichnet. Wie bereits bei Andronikus und Junia in Vers 7 verwendet der Apostel einen Ausdruck, der sowohl persönliche Verwandtschaft als auch gemeinsame Volkszugehörigkeit bedeuten kann. Da Paulus denselben Begriff in Römer 9,3 für seine israelitischen Volksgenossen verwendet, ist es gut möglich, dass Herodion ein jüdischer Glaubensbruder war.

Auch sein Name ist auffällig. Herodion erinnert sprachlich an den Namen Herodes, der mit der Herrscherfamilie verbunden war, die in der Geschichte Israels zur Zeit Jesu und der Apostel eine wichtige Rolle spielte. Daraus lässt sich jedoch keine sichere familiäre Beziehung zu dieser Dynastie ableiten. Namen konnten aus unterschiedlichen Gründen vergeben werden und wurden von Menschen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen getragen. Ebenso wenig erlaubt uns der Zusammenhang mit dem Haushalt des Aristobulus, Herodion ohne Weiteres als Mitglied der herodianischen Familie zu bestimmen.

Paulus nennt Herodion an dieser Stelle ohne weitere Beschreibung seines Dienstes oder seiner Glaubensgeschichte. Seine Zugehörigkeit zu den Glaubenden und die besondere Verbundenheit mit dem Apostel sind jedoch Anlass genug für einen ausdrücklichen Gruß.

Unmittelbar danach grüßt Paulus diejenigen aus dem Haushalt des Narcissus, „die im Herrn sind“. Diese Formulierung ähnelt dem zuvor erwähnten Gruß an die Menschen aus dem Haus des Aristobulus, enthält aber eine wichtige zusätzliche Bestimmung. Der Gruß richtet sich ausdrücklich an diejenigen innerhalb dieses Haushalts, die zu Christus gehören.

Damit unterscheidet Paulus zwischen der Zugehörigkeit zu einem bestimmten gesellschaftlichen Haushalt und der Zugehörigkeit zum Herrn. Beide Gruppen müssen nicht vollständig miteinander übereinstimmen. Menschen konnten derselben Hausgemeinschaft angehören und dennoch unterschiedliche religiöse Überzeugungen besitzen. Diejenigen, die an Christus glaubten, waren innerhalb ihres bisherigen Lebensumfeldes zugleich Teil einer neuen geistlichen Gemeinschaft geworden.

Auch bei Narcissus ist die genaue historische Identität unsicher. Aus der Zeit des Kaisers Claudius ist ein einflussreicher Freigelassener namens Narcissus bekannt, der eine bedeutende Stellung am kaiserlichen Hof innehatte. Deshalb wurde verschiedentlich vermutet, dass Paulus mit seiner Grußformel Angehörige dieses Haushalts meint. Nach dem Tod eines wohlhabenden oder einflussreichen Hausherrn konnten die ihm zugeordneten Personen weiterhin unter dessen Namen bekannt bleiben. Eine entsprechende Erklärung wäre daher historisch möglich.

Trotzdem bleibt diese Identifizierung eine Vermutung. Der Name Narcissus war im Römischen Reich nicht so einzigartig, dass wir den im Römerbrief erwähnten Haushalt zweifelsfrei mit dem bekannten kaiserlichen Freigelassenen verbinden könnten. Für die eigentliche Auslegung ist eine solche Gleichsetzung auch nicht erforderlich. Paulus möchte keine Auskunft über die politische Stellung des Hausherrn geben. Er grüßt Menschen, die innerhalb dieser Hausgemeinschaft an Jesus Christus glaubten.

Die beiden Haushaltsgrüße lassen damit etwas erkennen, das leicht übersehen werden kann. Paulus nimmt nicht nur die Personen wahr, die als Mitarbeiter namentlich hervortreten. Sein Blick umfasst auch Glaubende, die er gemeinsam über ihre Zugehörigkeit zu einem Haushalt anspricht. Ihre einzelnen Namen sind uns nicht überliefert, doch sie werden nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen oder vergessen. Auch sie gehören zu den Empfängern seiner persönlichen Grüße.

Gerade in einer Gesellschaft, in der Herkunft, Vermögen, Freiheit und sozialer Rang das Leben eines Menschen stark beeinflussen konnten, besitzt diese Verbindung durch Christus eine besondere Bedeutung. Der Römerbrief selbst erklärt, dass alle Menschen vor Gott auf dieselbe rettende Gnade angewiesen sind (Römer 3,22–24). Ob sich unter den genannten Haushaltsangehörigen tatsächlich Sklaven oder Freigelassene befanden, können wir nicht sicher sagen. Die gesellschaftlichen Unterschiede der damaligen Zeit bilden jedoch den Hintergrund, vor dem Paulus diese Glaubenden als Menschen anspricht, die gemeinsam zum Herrn gehören.

In Vers 12 nennt Paulus drei weitere Frauen: Tryphena, Tryphosa und Persis. Über die ersten beiden schreibt er, dass sie „im Herrn arbeiten“. Persis bezeichnet er als die Geliebte, die viel im Herrn gearbeitet habe. Die erneute Erwähnung anstrengender Arbeit erinnert an Maria in Vers 6. Paulus hebt damit wiederholt den tatkräftigen Einsatz von Frauen innerhalb der frühen christlichen Gemeinschaft hervor.

Die Namen Tryphena und Tryphosa sind sprachlich eng miteinander verwandt. Beide gehen auf einen griechischen Wortstamm zurück, der mit Wohlleben, Feinheit oder Weichheit verbunden sein kann. Manche Ausleger vermuten deshalb, dass es sich bei den beiden Frauen um Schwestern oder sogar Zwillinge gehandelt haben könnte. Das ist durchaus denkbar, aber nicht nachweisbar. Paulus nennt weder ein Verwandtschaftsverhältnis noch ihren Beruf oder ihre familiären Umstände.

Ihre Namen werden häufig mit Vorstellungen von einem angenehmen oder behaglichen Leben in Verbindung gebracht. Daraus wurde gelegentlich ein Gegensatz zu ihrer anstrengenden Arbeit für Christus entwickelt. Eine solche Beobachtung kann als sprachliches Wortspiel interessant sein, sollte jedoch nicht zur eigentlichen Bedeutung des Verses erhoben werden. Paulus erklärt selbst, weshalb er die beiden Frauen würdigt: Sie arbeiten im Herrn.

Er verwendet dafür erneut eine Form des griechischen Verbs kopiaō, das bereits bei Maria in Vers 6 begegnet war. Der Begriff kann anstrengende Arbeit und besondere Mühe bezeichnen. Während Maria mit einer rückblickenden Formulierung beschrieben wird, spricht Paulus bei Tryphena und Tryphosa von ihrem gegenwärtigen Dienst. Der Satz legt daher nahe, dass beide zur Zeit der Abfassung des Briefes aktiv für den Herrn tätig waren.

Was genau sie taten, bleibt unbekannt. Vielleicht unterstützten sie andere Glaubende, beteiligten sich an der Unterweisung, dienten bedürftigen Menschen oder förderten die christliche Gemeinschaft auf andere Weise. Der Bibeltext erlaubt keine sichere Festlegung auf eine dieser Aufgaben. Er macht jedoch deutlich, dass Paulus ihren Dienst kannte und anerkannte.

Bemerkenswert ist dabei der Ausdruck „im Herrn“. Paulus spricht nicht lediglich davon, dass die beiden Frauen besonders beschäftigt oder fleißig waren. Ihre Arbeit stand in einer Beziehung zu Jesus Christus. Sie diente seinem Anliegen und wurde innerhalb ihrer Zugehörigkeit zu ihm ausgeübt. Nicht jede große Anstrengung ist deshalb automatisch ein Dienst für Gott. Entscheidend ist, dass sie im Glauben und in Übereinstimmung mit seinem Willen geschieht.

Bereits in Römer 12,11 hatte Paulus die Glaubenden ermahnt, im Eifer nicht nachzulassen, im Geist brennend zu sein und dem Herrn zu dienen. Bei Tryphena und Tryphosa begegnet uns nun ein konkreter Ausdruck solcher Hingabe. Sie waren nicht nur bereit, etwas Gutes zu wünschen oder dem Glauben anderer wohlwollend gegenüberzustehen. Sie setzten sich tatsächlich ein und nahmen Mühe auf sich.

Die dritte Frau, Persis, erhält eine besonders herzliche Würdigung. Paulus bezeichnet sie als „die Geliebte“ und erklärt, dass sie viel gearbeitet habe im Herrn. Ihr Name konnte mit persischer Herkunft in Verbindung stehen, beweist aber nicht, dass sie selbst aus Persien stammte. Auch hier bleibt ihre persönliche Lebensgeschichte verborgen. Was Paulus jedoch hervorhebt, ist ihre Verbindung mit Christus und ihr außergewöhnlicher Einsatz.

Interessant ist der Wechsel der Zeitform. Während Tryphena und Tryphosa als Frauen beschrieben werden, die im Herrn arbeiten, spricht Paulus bei Persis rückblickend von der vielen Arbeit, die sie geleistet hat. Daraus lässt sich allerdings nicht schließen, dass sie ihren Dienst inzwischen aufgegeben hatte, krank geworden war oder ein besonders hohes Alter erreicht hatte. Die verwendete griechische Verbform kann ihre bisherige Arbeit als Ganzes zusammenfassen, ohne über ihre gegenwärtige Lebenssituation Auskunft zu geben.

Das zusätzliche Wort „viel“ betont den Umfang ihres Einsatzes. Paulus würdigt Persis nicht nur als eine Frau, die irgendwann eine Aufgabe übernommen hatte. Er erinnert an eine beträchtliche Arbeit, die sie für den Herrn geleistet hatte. Damit steht sie neben Maria, deren großer Einsatz bereits in Vers 6 erwähnt wurde. Beide Frauen gehören zu den Menschen, deren Dienste dem Apostel offenbar besonders in Erinnerung geblieben waren.

Auffällig ist außerdem, dass Paulus Persis als „die Geliebte“ bezeichnet, während er zuvor bei Amplias und Stachys von „meinem Geliebten“ gesprochen hatte. Die unterschiedliche Formulierung muss nicht auf ein geringeres Maß persönlicher Zuneigung hinweisen. Sie kann Persis als eine Frau beschreiben, die innerhalb der christlichen Gemeinschaft geliebt und geschätzt wurde. Entscheidend ist, dass Paulus mit Anerkennung von ihr spricht und ihren Dienst ausdrücklich hervorhebt.

Die wiederholte Erwähnung arbeitender Frauen verdient in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit. Bereits Phöbe war als Dienerin und Beschützerin vorgestellt worden. Prisca hatte gemeinsam mit Aquila einen wichtigen Beitrag zur Verkündigung und zur Unterweisung anderer Glaubender geleistet. Maria wurde wegen ihrer großen Mühe gewürdigt. Nun begegnen uns Tryphena, Tryphosa und Persis, deren Arbeit ebenfalls ausdrücklich mit dem Herrn verbunden wird.

Diese Beobachtung bedeutet nicht, dass alle genannten Frauen dieselbe Aufgabe oder Stellung innerhalb der Gemeinde hatten. Gerade das wird im Text nicht gesagt. Paulus unterscheidet zwischen den einzelnen Personen und beschreibt ihre Tätigkeit nur so weit, wie es seine Grüße erfordern. Dennoch lässt sich ein gemeinsamer Grundgedanke erkennen: Der Dienst von Frauen war ein sichtbarer und anerkannter Bestandteil des frühchristlichen Gemeindelebens.

Römer 16,8–12 zeigt zugleich, wie vielfältig die Wege waren, auf denen Menschen innerhalb der Gemeinde Verantwortung übernahmen. Urbanus wird als Mitarbeiter bezeichnet, Apelles als bewährt. Tryphena und Tryphosa arbeiten für den Herrn, während Persis bereits viel für ihn geleistet hat. Andere werden als geliebte Glaubensgeschwister angesprochen oder gehören zu bestimmten Haushalten, innerhalb derer Menschen zum Glauben gekommen waren.

Nicht jeder von ihnen ist durch eine außergewöhnliche Tat bekannt geworden. Von manchen erfahren wir kaum mehr als ihren Namen und ihre Zugehörigkeit zu Christus. Dennoch betrachtet Paulus sie als Teil der Gemeinschaft, die durch das Evangelium entstanden ist. Er misst ihre Bedeutung nicht ausschließlich an öffentlichen Aufgaben oder sichtbaren Erfolgen.

Besonders aufschlussreich ist dabei, wie häufig Paulus in diesen wenigen Versen die Wendungen „im Herrn“ und „in Christus“ verwendet. Amplias ist sein Geliebter im Herrn, Urbanus sein Mitarbeiter in Christus, Apelles hat sich in Christus bewährt, und die Glaubenden aus dem Haushalt des Narcissus gehören zum Herrn. Auch die Arbeit der drei Frauen wird ausdrücklich in dieser Beziehung beschrieben.

Diese wiederkehrenden Formulierungen verbinden die einzelnen Grüße miteinander. Paulus zählt nicht einfach Menschen auf, die zufällig derselben religiösen Gruppe angehören. Ihre Liebe, ihre Mitarbeit, ihre Bewährung und ihre Zugehörigkeit zur Gemeinde erhalten ihren gemeinsamen Mittelpunkt in Jesus Christus. Er ist derjenige, durch den Menschen verschiedener Herkunft und Lebensverhältnisse zu einer geistlichen Gemeinschaft verbunden werden.

Darin spiegelt sich eine wichtige Lehre des gesamten Römerbriefes wider. Gottes Gnade schafft eine neue Zugehörigkeit, die nicht auf menschlichem Ansehen oder eigener Leistung beruht. Zugleich bleibt diese Gnade nicht ohne Auswirkungen auf das praktische Leben. Menschen, die Christus gehören, lernen, einander zu lieben, Verantwortung zu übernehmen und ihren Glauben durch treues Handeln sichtbar werden zu lassen.

Die Grüße an Amplias, Urbanus, Stachys, Apelles, Herodion, die Glaubenden aus den genannten Haushalten sowie Tryphena, Tryphosa und Persis machen deshalb deutlich, dass das Leben einer Gemeinde durch viele unterschiedliche Menschen getragen wird. Manche treten durch ihre Arbeit hervor, andere durch ihre Standhaftigkeit oder ihre persönliche Verbundenheit mit den Glaubenden. Auch jene, über deren Lebensgeschichte wir kaum etwas wissen, sind Teil dieser Gemeinschaft.

Während Paulus im weiteren Verlauf noch zusätzliche Glaubensgeschwister begrüßt, wird bereits hier erkennbar, wie weit seine Wertschätzung reicht. Sein Blick richtet sich nicht nur auf die großen Aufgaben der Verkündigung, sondern auch auf die Menschen, die im Alltag des Glaubens treu ihren Platz einnehmen. Ihr Dienst geschieht nicht losgelöst von Christus. Gerade die Verbindung mit ihm gibt ihrer Arbeit, ihrer Gemeinschaft und ihrer bewährten Treue ihre geistliche Bedeutung.

Römer 16,13–16

Eine geistliche Familie: Persönliche Fürsorge, verbundene Glaubenskreise und die Einheit der Gemeinden

Nachdem Paulus zahlreiche Glaubensgeschwister für ihre Treue und ihren Dienst gewürdigt hat, richtet er seine Grüße an weitere Menschen, die zur christlichen Gemeinschaft in Rom gehören. Dabei begegnet uns eine besonders persönliche Erinnerung: Paulus grüßt einen Mann namens Rufus und dessen Mutter, die er zugleich als seine eigene Mutter bezeichnet. Anschließend nennt er zwei Gruppen von Glaubenden, die durch persönliche Beziehungen miteinander verbunden sind. Schließlich fordert er die Christen auf, einander mit einem heiligen Kuss zu grüßen, und übermittelt die Grüße aller Gemeinden Christi (Römer 16,13–16).

Diese Verse lassen erkennen, dass die Verbindung zwischen den ersten Christen weit über gemeinsame religiöse Überzeugungen hinausging. Die Glaubenden bildeten eine Gemeinschaft, in der persönliche Zuneigung, gegenseitige Verantwortung und die Zugehörigkeit zu Jesus Christus eng miteinander verbunden waren. Besonders bemerkenswert ist, wie Paulus die Aufmerksamkeit vom einzelnen Menschen über kleinere Glaubenskreise bis zur Gemeinschaft aller Gemeinden erweitert. So führen die letzten persönlichen Grüße zu einer Aufforderung, die das Zusammenleben sämtlicher Empfänger betrifft.

In Vers 13 schreibt Paulus: „Grüßet Rufus, den Auserwählten im Herrn, und seine und meine Mutter.“ Schon die Bezeichnung, die er für Rufus verwendet, verdient besondere Aufmerksamkeit. Das griechische Wort eklektos bedeutet „auserwählt“ oder „ausgesucht“. Im Neuen Testament wird dieser Ausdruck häufig im Zusammenhang mit Gottes Erwählung verwendet. Er kann jedoch je nach Zusammenhang auch die besondere Wertschätzung oder ausgezeichnete Stellung eines Menschen hervorheben.

Paulus hatte das Thema der göttlichen Erwählung bereits ausführlich behandelt, besonders in Römer 8–11. Dort erklärt er, dass Gottes Heilsplan seinen Ursprung in seinem gnädigen Handeln hat und nicht auf menschlichem Verdienst beruht. Die Berufung und Erwählung Gottes sollen den Menschen deshalb nicht zu Selbstüberhebung führen, sondern zu Vertrauen und Dankbarkeit.

Wenn Paulus Rufus nun als einen Auserwählten „im Herrn“ bezeichnet, steht seine besondere Würdigung innerhalb der Zugehörigkeit zu Jesus Christus. Die Formulierung kann schlicht seine Erwählung als Christ betonen. Da jedoch auch die übrigen Glaubenden zu Gottes erwähltem Volk gehören, verstehen manche Ausleger den Ausdruck hier als besondere Anerkennung eines ausgezeichneten Glaubensbruders. Beide Deutungen sind möglich. Sicher ist, dass Paulus Rufus mit hoher Wertschätzung erwähnt und seine Stellung ausdrücklich mit Christus verbindet.

Über Rufus selbst erfahren wir im Römerbrief keine weiteren Einzelheiten. Dennoch begegnet derselbe Name an einer anderen bemerkenswerten Stelle des Neuen Testaments. In Markus 15,21 wird berichtet, dass die römischen Soldaten auf dem Weg zur Kreuzigung Jesu einen Mann namens Simon von Kyrene zwangen, das Kreuz zu tragen. Markus bezeichnet diesen Simon ausdrücklich als Vater von Alexander und Rufus.

Diese zusätzliche Angabe ist auffällig. Für die eigentliche Erzählung vom Kreuzweg Jesu wäre es nicht notwendig gewesen, die Namen der beiden Söhne zu erwähnen. Dass Markus sie dennoch nennt, könnte darauf hindeuten, dass Alexander und Rufus unter den ursprünglichen Lesern seines Evangeliums bekannt waren. Da es gute historische Gründe gibt, eine Verbindung des Markusevangeliums mit der frühen römischen Christenheit anzunehmen, wurde häufig vermutet, dass der in Römer 16,13 erwähnte Rufus derselbe Mann war wie der Sohn Simons von Kyrene.

Sollte diese Vermutung zutreffen, würde sich hinter dem kurzen Gruß eine besonders eindrückliche Familiengeschichte verbergen. Rufus wäre dann der Sohn jenes Mannes gewesen, der gezwungen wurde, das Kreuz Jesu auf dem Weg nach Golgatha zu tragen. Seine Familie hätte eine unmittelbare Berührung mit den letzten Stunden des irdischen Lebens Jesu gehabt.

Allerdings bleibt diese Verbindung historisch unbewiesen. Der Name Rufus war im Römischen Reich verbreitet, und weder Paulus noch Markus erklären ausdrücklich, dass sie dieselbe Person meinen. Ebenso wenig berichtet Markus, dass Simon von Kyrene oder seine Söhne später Christen wurden. Eine solche Entwicklung ist denkbar, darf aber nicht als gesicherte biblische Tatsache dargestellt werden.

Für das Verständnis von Römer 16,13 ist diese Unterscheidung wichtig. Die mögliche Verbindung zu Markus 15,21 kann als interessante historische Frage erwähnt werden. Die geistliche Bedeutung des Verses hängt jedoch nicht davon ab, ob sich beide Personen tatsächlich identifizieren lassen. Paulus selbst würdigt Rufus aufgrund seiner Zugehörigkeit zu Christus, unabhängig davon, welche früheren Erlebnisse seine Familie gehabt haben mag.

Noch persönlicher wird der Gruß durch die Erwähnung seiner Mutter. Paulus bittet darum, auch sie zu grüßen, und bezeichnet sie mit einer ungewöhnlich herzlichen Formulierung als die Mutter des Rufus und zugleich als seine eigene Mutter.

Offensichtlich möchte Paulus damit nicht behaupten, dass diese Frau tatsächlich seine leibliche Mutter gewesen sei. In seinen Briefen und in der Apostelgeschichte finden wir keinen Hinweis auf eine solche familiäre Beziehung. Die Formulierung wird vielmehr verständlich, wenn wir berücksichtigen, dass Menschen auch außerhalb ihrer leiblichen Verwandtschaft eine mütterliche oder väterliche Rolle übernehmen können. Wer einen anderen Menschen versorgt, ihn liebevoll aufnimmt, in Schwierigkeiten begleitet und sich um sein Wohlergehen kümmert, kann ihm in einem sehr wirklichen Sinn wie eine Mutter oder ein Vater werden.

Paulus spricht also mit großer Wahrscheinlichkeit von einer Frau, die ihm mütterliche Fürsorge erwiesen hatte. Vielleicht hatte sie ihn während eines Aufenthaltes aufgenommen, ihm Unterkunft oder Nahrung gegeben oder ihn in einer Zeit körperlicher Schwäche unterstützt. Möglicherweise war sie ihm auch durch persönliche Ermutigung und beständige Zuwendung zu einer wichtigen Stütze geworden. Welche dieser Möglichkeiten tatsächlich zutrifft, wird nicht berichtet. Der Text nennt keine bestimmte Begebenheit und erlaubt deshalb keine nähere Rekonstruktion.

Dennoch ist die Aussage ungewöhnlich bewegend. Der Apostel, der auf seinen Reisen große Gefahren überstanden, Gemeinden gegründet und das Evangelium unter schwierigen Umständen verkündigt hatte, erinnert sich an die liebevolle Fürsorge einer Frau. Er betrachtet diese Hilfe nicht als selbstverständlich. Vielmehr bewahrt er ihr Andenken und bringt seine Dankbarkeit öffentlich zum Ausdruck.

Dabei wird eine Seite des apostolischen Lebens sichtbar, die leicht übersehen werden kann. Paulus erscheint in der Apostelgeschichte und in seinen Briefen häufig als mutiger Verkündiger, entschiedener Lehrer und leidensbereiter Diener Christi. Gleichzeitig war er ein Mensch, der Hunger, Erschöpfung, Krankheiten, Einsamkeit und Bedrängnisse erleben konnte. In 2. Korinther 11,23–28 beschreibt er ausführlich die Gefahren und Entbehrungen seiner Reisen. Solche Erfahrungen machen verständlich, weshalb persönliche Gastfreundschaft und liebevolle Fürsorge für ihn eine besondere Bedeutung gehabt haben konnten.

Gerade die Bezeichnung „meine Mutter“ zeigt, dass die christliche Gemeinschaft für Paulus nicht nur ein Zusammenschluss von Menschen war, die dieselbe Botschaft verkündigten. Zwischen ihnen konnten Beziehungen entstehen, die der Nähe einer Familie entsprachen. Menschen, die nicht miteinander verwandt waren, übernahmen Verantwortung füreinander und wurden einander zu einer Quelle von Geborgenheit und Unterstützung.

Eine solche Entwicklung entspricht den Worten Jesu über die geistliche Familie Gottes. In Markus 3,31–35 wird berichtet, dass seine Mutter und seine Brüder ihn suchten. Jesus nahm dies zum Anlass, auf die Menschen hinzuweisen, die um ihn versammelt waren, und erklärte, dass diejenigen, die Gottes Willen tun, zu seiner geistlichen Familie gehören. Damit wertete er die natürliche Familie nicht ab. Er machte vielmehr deutlich, dass durch die Zugehörigkeit zu Gott eine Gemeinschaft entsteht, deren Verbundenheit über leibliche Abstammung hinausreicht.

Auch in Markus 10,29–30 verheißt Jesus seinen Nachfolgern, dass ihre Hingabe an ihn nicht ohne neue geistliche Beziehungen bleiben wird. Wer um seinetwillen vertraute Bindungen oder Sicherheiten verliert, soll in der Gemeinschaft seiner Nachfolger neue Brüder, Schwestern, Mütter und andere Formen familiärer Zugehörigkeit finden. Diese Verheißung schließt Schwierigkeiten und Verfolgungen ausdrücklich nicht aus. Sie zeigt jedoch, dass Christus Menschen nicht zu einem Leben völliger Beziehungslosigkeit beruft.

Die Erfahrung des Paulus mit der Mutter des Rufus lässt sich vor diesem Hintergrund verstehen. Eine Frau, die nicht seine leibliche Mutter war, hatte ihm offenbar so viel Zuwendung erwiesen, dass er sie dennoch als Mutter betrachtete. Die geistliche Gemeinschaft war für ihn nicht nur eine Lehre, sondern eine tatsächlich erlebte Beziehung.

Dabei verdient eine Einzelheit besondere Beachtung: Paulus nennt diese Frau nicht mit ihrem persönlichen Namen. Wir wissen deshalb nicht, wie sie hieß, woher sie stammte oder welche Stellung sie in der römischen Gesellschaft besaß. Dennoch gehört sie zu den wenigen Personen in diesem Kapitel, über die Paulus eine derart persönliche Aussage macht. Ihr Name ist nicht überliefert, aber ihre Fürsorge hat eine bleibende Spur im biblischen Bericht hinterlassen.

Das unterstreicht, dass die Bedeutung eines Menschen im Reich Gottes nicht von öffentlicher Bekanntheit abhängt. Manche Menschen werden durch große Reden oder außergewöhnliche Taten sichtbar. Andere dienen dadurch, dass sie einen erschöpften Glaubensbruder aufnehmen, einen Bedürftigen versorgen oder über längere Zeit treu an der Seite eines anderen Menschen stehen. Solche Handlungen mögen außerhalb eines kleinen persönlichen Kreises kaum bekannt werden. Dennoch können sie für das Leben eines Menschen von unschätzbarem Wert sein.

In Vers 14 setzt Paulus seine Grüße mit fünf weiteren Namen fort: Asynkritus, Phlegon, Hermes, Patrobas und Hermas. Anschließend fügt er hinzu, dass auch die Brüder bei ihnen gegrüßt werden sollen. Damit begegnen wir erneut einer Gruppe von Glaubenden, die durch eine gemeinsame Verbindung beschrieben wird.

Über die fünf namentlich genannten Männer besitzen wir keine gesicherten weiteren biografischen Informationen. Ihre Namen waren in der griechisch-römischen Welt gebräuchlich und erlauben für sich genommen keine verlässlichen Aussagen über Herkunft, Beruf oder gesellschaftliche Stellung. Dass ein Name in antiken Inschriften oder literarischen Quellen vorkommt, reicht nicht aus, um die dort erwähnte Person mit einem Glaubenden aus dem Römerbrief gleichzusetzen.

Besonders bei Hermes und Hermas ist Zurückhaltung wichtig. Der Name Hermes war im griechischen Kulturraum auch der Name einer Gottheit, wurde jedoch zugleich als gewöhnlicher Personenname verwendet. Daraus lässt sich nichts darüber ableiten, welchen religiösen Hintergrund der christliche Hermes hatte. Ebenso darf Hermas nicht ohne ausreichende Belege mit dem Verfasser der frühchristlichen Schrift Der Hirte des Hermas gleichgesetzt werden. Diese Schrift gehört in eine spätere Phase der christlichen Literaturgeschichte, und die bloße Namensgleichheit beweist keine Identität.

Paulus selbst interessiert sich hier nicht dafür, eine ausführliche Lebensbeschreibung dieser Männer zu geben. Er nennt sie, weil sie zur christlichen Gemeinschaft gehören und seine Grüße empfangen sollen. Zusätzlich erwähnt er die Brüder, die sich bei ihnen befinden. Das griechische Wort adelphoi, das wörtlich „Brüder“ bedeutet, kann im christlichen Sprachgebrauch die Glaubensgeschwister einer Gemeinschaft bezeichnen. Je nach Zusammenhang sind damit nicht ausschließlich Männer gemeint.

Welche genaue Beziehung zwischen den fünf genannten Personen und den übrigen Glaubenden bestand, erfahren wir nicht. Es könnte sich um Menschen handeln, die regelmäßig miteinander Gottesdienst hielten, in engem persönlichen Austausch standen oder zu einem bestimmten christlichen Versammlungskreis gehörten. Auch eine Hausgemeinde ist möglich. Der Text nennt jedoch weder einen bestimmten Hausherrn noch ausdrücklich ein Haus als Versammlungsort.

Deshalb sollten wir die Formulierung nicht vorschnell als Beweis für eine Gemeinde verstehen, die von genau diesen fünf Männern geleitet wurde. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass alle genannten Personen gemeinsam in einem einzigen Haus wohnten. Sicher ist zunächst, dass Paulus sie als einen erkennbaren Kreis von Glaubenden anspricht, dessen weitere Mitglieder er in seine Grüße einbezieht.

Diese Beobachtung ist für das Verständnis der frühen römischen Christenheit bedeutsam. Bereits in Vers 5 wurde eine Gemeinde im Haus von Prisca und Aquila erwähnt. In den Versen 10 und 11 begegneten uns christliche Angehörige zweier Haushalte. Nun wird eine weitere Gruppe von Menschen zusammen angesprochen. Das legt nahe, dass die Glaubenden in Rom in verschiedenen persönlichen und gemeinschaftlichen Zusammenhängen miteinander verbunden waren.

Eine solche Struktur wäre für eine große Stadt wie Rom gut verständlich. Die Entfernungen zwischen verschiedenen Stadtteilen, die begrenzten Räumlichkeiten privater Häuser und die unterschiedlichen Lebensverhältnisse der Menschen konnten dazu beitragen, dass sich Christen in kleineren Gruppen trafen. Dabei müssen wir uns diese Gemeinschaften nicht als vollständig voneinander getrennte oder streng organisierte Einzelgemeinden vorstellen. Paulus schreibt an die Christen in Rom insgesamt und verbindet ihre unterschiedlichen Kreise durch seine gemeinsamen Grüße.

An dieser Stelle gewinnt die Vorstellung der Gemeinde als Leib Christi erneut Bedeutung. In Römer 12,4–5 hatte Paulus erklärt, dass ein Leib viele Glieder besitzt, die nicht alle dieselbe Aufgabe haben. Dennoch gehören sie zusammen und sind in Christus miteinander verbunden. Auch wenn sich die Glaubenden an unterschiedlichen Orten versammelten, bedeutete dies nicht, dass sie verschiedene Erlöser, verschiedene Evangelien oder voneinander unabhängige geistliche Identitäten besaßen.

Die Zugehörigkeit zu Christus war größer als die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Haus oder persönlichen Kreis. Darum beschränkt Paulus seine Grüße nicht auf diejenigen, deren Namen er kennt oder ausdrücklich aufschreibt. Er schließt auch die Brüder ein, die mit den Genannten verbunden sind. Die Aufmerksamkeit des Apostels reicht über die namentlich hervorgehobenen Menschen hinaus zur gesamten Gemeinschaft.

In Vers 15 begegnet uns eine weitere Gruppe. Paulus grüßt Philologus und Julia, Nereus und dessen Schwester sowie Olympas und alle Heiligen bei ihnen. Auch hier verbindet er mehrere namentlich genannte Personen mit einer größeren Gemeinschaft von Glaubenden.

Über Philologus erfahren wir nichts Näheres. Sein griechischer Name kann sinngemäß mit einer Liebe zu Worten, Gesprächen oder Bildung verbunden werden. Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, dass er tatsächlich Lehrer, Philosoph oder besonders gebildet gewesen sei. Namen sind keine zuverlässigen Beschreibungen des Charakters oder Berufes ihrer Träger.

Unmittelbar nach ihm nennt Paulus Julia. Ihr lateinischer Name war im Römischen Reich weit verbreitet. Da beide Namen nebeneinanderstehen, wurde häufig angenommen, dass Philologus und Julia miteinander verheiratet waren. Möglich wäre jedoch ebenso eine andere familiäre oder persönliche Beziehung. Paulus erklärt nicht, in welchem Verhältnis die beiden zueinander standen. Deshalb sollte die Auslegung diese Frage offenlassen.

Danach folgt Nereus, von dem Paulus ausdrücklich eine Schwester erwähnt. Anders als bei Philologus und Julia ist hier also ein familiäres Verhältnis unmittelbar im Text genannt. Dennoch bleibt die Schwester des Nereus selbst namenlos. Paulus kennt offenbar ihre Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft, doch er überliefert uns ihren persönlichen Namen nicht.

Gerade diese kleine Einzelheit zeigt, wie unterschiedlich ausführlich die Grußliste ihre Empfänger beschreibt. Einige Menschen werden mit Namen und besonderen Würdigungen erwähnt. Andere erscheinen nur durch ihre Beziehung zu einem namentlich genannten Glaubenden. Daraus lässt sich jedoch keine Rangordnung ihres geistlichen Wertes ableiten. Die Schwester des Nereus wird ausdrücklich in den Gruß einbezogen und gehört damit ebenso zu den Menschen, die Paulus angesprochen wissen möchte.

Schließlich nennt er Olympas. Auch über diesen Glaubenden erfahren wir keine weiteren Einzelheiten. Die üblicherweise zugrunde gelegte Namensform wird als männlicher Personenname verstanden. Unabhängig davon bleibt seine genaue Aufgabe innerhalb der Gemeinde unbekannt.

Besonders wichtig ist der Abschluss dieses Grußes: Paulus möchte, dass auch „alle Heiligen bei ihnen“ gegrüßt werden. Das Wort „Heilige“ begegnet im Römerbrief bereits zu Beginn. Dort spricht Paulus die Glaubenden in Rom als von Gott Geliebte und berufene Heilige an (Römer 1,7). Damit sind keine Menschen gemeint, die aufgrund außergewöhnlicher persönlicher Leistungen eine besondere religiöse Würde erworben hätten. Der Begriff beschreibt Menschen, die Gott gehören und von ihm zu einem Leben in seiner Gemeinschaft berufen sind.

Im biblischen Sprachgebrauch hängt Heiligkeit zunächst mit Gottes eigenem Wesen und seiner Zugehörigkeit zusammen. Gott ist heilig, und Menschen, die ihm gehören, sollen entsprechend dieser Berufung leben. Die Glaubenden werden deshalb nicht als Heilige bezeichnet, weil sie schon in jeder Hinsicht vollkommen wären, sondern weil sie durch Gottes Gnade zu seinem Volk gehören. Aus dieser Zugehörigkeit erwächst die Verantwortung, ihren Glauben auch in einer geheiligten Lebensführung sichtbar werden zu lassen.

Wenn Paulus hier alle Heiligen bei Philologus, Julia, Nereus und den anderen grüßen lässt, spricht er also die gesamte christliche Gemeinschaft an, die mit ihnen verbunden ist. Wieder beschränkt er seine Aufmerksamkeit nicht auf bekannte Einzelpersonen. Der persönliche Gruß soll auch diejenigen erreichen, deren Namen nicht ausdrücklich erwähnt werden.

Die beiden aufeinanderfolgenden Verse 14 und 15 lassen dadurch einen bemerkenswerten Zusammenhang erkennen. In beiden Fällen nennt Paulus mehrere Menschen und fügt anschließend eine größere Gruppe hinzu. Im ersten Fall spricht er von den Brüdern, im zweiten von allen Heiligen. Die Formulierungen unterscheiden sich, weisen aber auf dasselbe grundlegende Anliegen hin: Paulus möchte, dass seine Grüße nicht bei einzelnen hervorgehobenen Personen stehen bleiben, sondern ihre gesamte Gemeinschaft erreichen.

Dabei bleibt offen, ob es sich um zwei eigenständige Hausgemeinden handelte, um unterschiedlich organisierte Versammlungskreise oder um Personengruppen, deren Beziehungen sich teilweise überschnitten. Die Bibel beschreibt ihre organisatorischen Verhältnisse nicht ausführlich. Sie lässt jedoch erkennen, dass die Christen in Rom in mehreren erkennbaren Gemeinschaftszusammenhängen lebten und dennoch gemeinsam zum Adressatenkreis des Römerbriefes gehörten.

Damit gewinnt der Übergang zu Vers 16 eine besondere Bedeutung. Bisher hatte Paulus immer wieder geschrieben: „Grüßet“ diesen oder jenen Menschen. Nun verändert sich die Richtung seiner Aufforderung. Er nennt keine weiteren einzelnen Empfänger, sondern fordert die Glaubenden auf: „Grüßet einander mit dem heiligen Kuß!“

Dieses „einander“ ist entscheidend. Die christlichen Grüße sollen nicht ausschließlich von Paulus ausgehen und durch andere weitergegeben werden. Die Mitglieder der Gemeinde selbst sollen sich gegenseitig mit Liebe und Anerkennung begegnen. Was der Apostel durch seine persönlichen Grüße begonnen hat, sollen die Glaubenden in ihrem eigenen Umgang miteinander fortsetzen.

Der heilige Kuss war dabei keine völlig ungewöhnliche oder neu erfundene Handlung. In der antiken Mittelmeerwelt gehörte der Kuss in verschiedenen Formen zu den bekannten Zeichen von Begrüßung, Zuneigung, familiärer Verbundenheit und Freundschaft. Auch die Bibel berichtet an unterschiedlichen Stellen von solchen Gesten. Jakob küsste seinen Vater Isaak (1. Mose 27,26–27), Joseph küsste seine Brüder nach der Versöhnung mit ihnen (1. Mose 45,15), und Jesus erwähnte gegenüber Simon dem Pharisäer, dass dieser ihm bei seiner Ankunft keinen Begrüßungskuss gegeben hatte (Lukas 7,45).

Die Bedeutung eines Kusses hing jedoch stets vom jeweiligen Zusammenhang ab. Eine solche Handlung konnte Liebe, Achtung oder Versöhnung ausdrücken, aber auch missbraucht werden. Besonders deutlich wird das beim Verrat des Judas, der Jesus mit einem Kuss kennzeichnete, damit seine Gegner ihn festnehmen konnten (Lukas 22,47–48). Der äußere Ausdruck von Nähe ist deshalb nicht schon für sich genommen ein Beweis echter Liebe.

Wenn Paulus ausdrücklich von einem „heiligen“ Kuss spricht, unterscheidet er die christliche Begrüßung von einer bloßen gesellschaftlichen Gewohnheit oder einer unehrlichen Geste. Der Gruß soll der Zugehörigkeit zu Gott entsprechen. Er soll aufrichtige geschwisterliche Liebe, Reinheit der Absicht und gegenseitige Anerkennung ausdrücken.

Der heilige Kuss besitzt somit sowohl eine sichtbare als auch eine innere Seite. Äußerlich handelt es sich um eine konkrete Geste der Begrüßung. Innerlich soll sie von einer Haltung geprägt sein, die dem Evangelium entspricht. Die Geste darf nicht zu einer leeren Formalität werden, bei der Menschen zwar ein Zeichen der Freundschaft austauschen, einander aber tatsächlich verachten, bewusst verletzen oder die Gemeinschaft des anderen ablehnen.

Paulus verwendet diese Aufforderung nicht nur im Römerbrief. Auch in 1. Korinther 16,20, 2. Korinther 13,12 und 1. Thessalonicher 5,26 fordert er die Glaubenden auf, einander mit einem heiligen Kuss zu grüßen. Petrus spricht in 1. Petrus 5,14 entsprechend von einem Kuss der Liebe. Diese wiederholte Erwähnung zeigt, dass eine solche Begrüßung innerhalb der frühen christlichen Gemeinschaften eine bekannte Bedeutung besaß.

Dabei ist wichtig, die konkrete kulturelle Form und den bleibenden geistlichen Gehalt der Aufforderung sorgfältig zu unterscheiden. Paulus spricht tatsächlich von einem Kuss und nicht lediglich von einem allgemein freundlichen Verhalten. Der unmittelbare Text darf deshalb nicht so umgeschrieben werden, als hätte er überhaupt keine bestimmte Geste genannt. Zugleich lässt sich aus den neutestamentlichen Stellen allein nicht ableiten, dass Christen aller Zeiten und Kulturen verpflichtet wären, einander unabhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen Gepflogenheiten in genau derselben körperlichen Form zu begrüßen.

Die bleibende Bedeutung liegt darin, dass die Gemeinschaft der Glaubenden aufrichtige, respektvolle und erkennbare Liebe zum Ausdruck bringen soll. Eine christliche Begrüßung darf weder unehrlich noch lieblos sein. Ihre konkrete Gestalt muss zugleich der Würde und den persönlichen Grenzen der Beteiligten gerecht werden. Niemand sollte körperliche Nähe erzwingen oder einen äußeren Brauch zum Maßstab des Glaubens erheben, wenn dadurch gerade die geschwisterliche Achtung verletzt würde, die der Gruß ausdrücken soll.

Besonders aufschlussreich wird diese Aufforderung im Zusammenhang mit den vorausgehenden Kapiteln. Paulus hatte in Römer 14 die Glaubenden davor gewarnt, einander wegen unterschiedlicher Gewissensüberzeugungen zu verurteilen oder zu verachten. Einige Christen hielten bestimmte Speisen für erlaubt, während andere aus Gewissensgründen darauf verzichteten. Ebenso gab es Unterschiede in der Bewertung bestimmter Tage. Paulus forderte beide Seiten auf, ihre Haltung vor dem Herrn verantwortlich zu prüfen und aufeinander Rücksicht zu nehmen.

In Römer 15,7 hatte er diesen Gedankengang mit der Aufforderung zusammengefasst, einander anzunehmen, wie Christus sie angenommen hat, zur Ehre Gottes. Diese Worte helfen, die Bedeutung des heiligen Kusses am Ende der Grußliste zu verstehen. Paulus spricht nicht von einer Gemeinschaft, deren Mitglieder in jeder Frage dieselbe persönliche Überzeugung besitzen. Vielmehr sollen Menschen, die zu Christus gehören, trotz unterschiedlicher Herkunft, Lebensumstände und Gewissensfragen in gegenseitiger Achtung verbunden bleiben.

Ein aufrichtiger Gruß kann ein sichtbarer Ausdruck dieser Annahme sein. Wer den anderen als Bruder oder Schwester anerkennt, begegnet ihm nicht allein nach gesellschaftlichem Rang, kulturellem Hintergrund oder persönlicher Sympathie. Die gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus schafft eine Verantwortung, die über solche Unterschiede hinausgeht.

Damit wird der heilige Kuss zu mehr als einem Zeichen persönlicher Freundschaft. Er drückt die Einheit einer Gemeinschaft aus, die aus verschiedenen Menschen besteht und dennoch durch denselben Herrn zusammengehalten wird. Gerade für die Christen in Rom, unter denen Juden und Nichtjuden sowie Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Stellung lebten, war eine solche geschwisterliche Haltung von erheblicher Bedeutung.

Diese Einheit darf allerdings nicht mit Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit verwechselt werden. Bereits im unmittelbar folgenden Abschnitt wird Paulus vor Menschen warnen, die durch irreführende Lehren Spaltungen verursachen (Römer 16,17–20). Seine Aufforderung zur gegenseitigen Liebe bedeutet deshalb nicht, dass jede Lehre ohne Prüfung angenommen oder jedes zerstörerische Verhalten geduldet werden müsse. Echte christliche Gemeinschaft verbindet Liebe und Wahrheit. Gerade weil die Einheit der Glaubenden wertvoll ist, muss sie vor Täuschung und bewusster Zerstörung geschützt werden.

Am Ende von Vers 16 erweitert Paulus den Blick noch einmal. Nun sind nicht mehr nur die Menschen in Rom gemeint, die einander grüßen sollen. Vielmehr übermittelt er ihnen die Grüße aller Gemeinden Christi.

Diese Formulierung besitzt eine besondere Bedeutung. Paulus spricht nicht von Gemeinden, die ihm persönlich gehören, sondern von Gemeinden Christi. Obwohl er zahlreiche Gemeinschaften gegründet, unterwiesen und begleitet hatte, verstand er sich nicht als ihr Eigentümer oder als Ursprung ihrer geistlichen Identität. Die Gemeinden gehören dem Herrn Jesus Christus.

Dieser Gedanke entspricht dem Verständnis, das Paulus an anderer Stelle ausdrücklich vertritt. In 1. Korinther 3,5–7 erklärt er, dass Paulus und Apollos lediglich Diener sind, durch die Menschen zum Glauben gelangt sind. Einer pflanzt, der andere begießt, aber Gott schenkt das Wachstum. Deshalb soll die Gemeinde ihre Identität nicht auf einzelne menschliche Mitarbeiter gründen. Auch in 1. Korinther 3,21–23 warnt Paulus davor, sich in einer Weise auf bestimmte Verkündiger zu berufen, die die gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus verdunkelt.

Wenn er nun von den Gemeinden Christi spricht, erinnert er daran, dass die verschiedenen christlichen Gemeinschaften ihren gemeinsamen Mittelpunkt nicht in einer Stadt, einer bestimmten Person oder einer örtlichen Organisation besitzen. Sie gehören zu dem einen Herrn, der sie durch sein Evangelium berufen hat.

Die Formulierung „alle Gemeinden“ muss dabei nicht bedeuten, dass Paulus vor dem Schreiben seines Briefes mit jeder einzelnen christlichen Gemeinschaft persönlich gesprochen und von ihr einen ausdrücklichen Grußauftrag erhalten hatte. Vielmehr kann er als Apostel die geschwisterliche Verbundenheit der Gemeinden zum Ausdruck bringen, mit denen er in Verbindung stand und deren gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus er kannte.

In diesem Sinn verbindet sein abschließender Gruß die Christen in Rom mit den Glaubenden an anderen Orten. Obwohl Paulus Rom noch nicht persönlich besucht hatte, betrachtet er die dortigen Christen nicht als eine fremde oder unabhängige Religionsgemeinschaft. Sie gehören zu derselben geistlichen Familie wie die Gemeinden in Griechenland, Kleinasien und anderen Regionen, in denen sich das Evangelium bereits ausgebreitet hatte.

Diese Verbindung ist umso bemerkenswerter, wenn man die damaligen Reise- und Kommunikationsverhältnisse berücksichtigt. Zwischen den einzelnen Gemeinden lagen teilweise große Entfernungen. Reisen waren aufwendig und konnten mit erheblichen Gefahren verbunden sein. Nachrichten wurden durch reisende Personen und Briefe übermittelt. Dennoch bestanden persönliche Beziehungen, gegenseitige Verantwortung und ein Bewusstsein gemeinsamer Zugehörigkeit.

Paulus selbst trug wesentlich dazu bei, solche Verbindungen zu fördern. Er übermittelte Grüße, empfahl Mitarbeiter, unterrichtete Gemeinden über die Lage anderer Glaubender und organisierte beispielsweise die Unterstützung bedürftiger Christen in Jerusalem (Römer 15,25–27). Die Einheit der Gemeinden blieb dadurch nicht auf ein abstraktes Bekenntnis beschränkt. Sie fand ihren Ausdruck in gemeinsamer Verantwortung, praktischer Hilfe und gegenseitiger Anteilnahme.

Gerade diese gegenseitige Anteilnahme zeigt sich in den letzten Worten der Grußliste. Die Glaubenden in Rom sollen einander begrüßen und zugleich wissen, dass auch die Gemeinden an anderen Orten mit ihnen verbunden sind. Der Gruß überschreitet damit die Grenzen einzelner Häuser, Städte und Regionen. Menschen, die sich möglicherweise nie persönlich begegnet waren, erkennen einander als Angehörige desselben Herrn an.

In Römer 16,13–16 entsteht so ein vielschichtiges Bild der christlichen Gemeinschaft. Rufus wird als Auserwählter im Herrn gewürdigt. Seine Mutter erscheint als eine Frau, deren persönliche Fürsorge für Paulus so bedeutsam geworden war, dass er sie wie eine eigene Mutter betrachtete. Weitere Glaubende werden in Gruppen angesprochen, die durch gemeinsame Beziehungen verbunden sind. Schließlich sollen alle einander in aufrichtiger Liebe begegnen und sich ihrer Verbindung mit den übrigen Gemeinden Christi bewusst sein.

Hinter diesen Grüßen steht eine geistliche Wirklichkeit, die Paulus bereits in Römer 12,5 beschrieben hatte: Die vielen Glaubenden bilden in Christus einen Leib und sind untereinander Glieder. Diese Zugehörigkeit ist nicht bloß eine organisatorische Aussage. Sie soll im tatsächlichen Umgang miteinander erkennbar werden.

Wo Menschen einander mit mütterlicher Fürsorge begegnen, unbekannte Glaubensgeschwister nicht übersehen, persönliche Unterschiede in Liebe tragen und die Gemeinschaft anderer Christen achten, gewinnt diese geistliche Zusammengehörigkeit eine sichtbare Gestalt. Zugleich erinnert die Formulierung „Gemeinden Christi“ daran, dass die christliche Gemeinschaft niemals zum Besitz einzelner Menschen werden darf. Ihr Mittelpunkt ist Jesus Christus selbst.

Damit endet die lange Reihe persönlicher Grüße mit einem Gedanken, der über alle genannten Personen hinausreicht. Die Glaubenden gehören zu Christus und sollen einander entsprechend dieser Zugehörigkeit begegnen. Ihre Einheit ist kostbar, weil sie auf dem gemeinsamen Herrn beruht. Gerade deshalb wird Paulus im folgenden Abschnitt mit besonderem Ernst vor solchen Einflüssen warnen, die diese Gemeinschaft durch falsche Lehren, Täuschung und Spaltungen gefährden.

Römer 16,17–20

Die Gefahr der Verführung und der verheißene Sieg Gottes über Satan

Nach den zahlreichen persönlichen Grüßen verändert sich der Ton des Römerbriefes überraschend. Paulus hatte Menschen gewürdigt, die durch ihren Glauben, ihre Liebe und ihre Treue zur Gemeinschaft der Christen beitrugen. Nun richtet er eine ernste Warnung an die Gemeinde. Er fordert die Glaubenden auf, auf diejenigen zu achten, die Spaltungen und Ärgernisse verursachen und sich dabei von der Lehre entfernen, die sie empfangen haben. Solchen Menschen sollen sie ausweichen (Römer 16,17). Damit führt Paulus ein Thema ein, das unmittelbar mit der zuvor beschriebenen Gemeinschaft zusammenhängt: Die Einheit der Glaubenden ist kostbar, aber sie kann durch Täuschung, eigennützige Absichten und eine Verfälschung der Wahrheit Gottes gefährdet werden.

Bereits die Anrede zeigt, wie Paulus seine Warnung verstanden wissen möchte. Er spricht die Empfänger als Brüder an und verwendet ein Wort, das eine eindringliche Ermahnung ausdrückt. Seine Worte kommen nicht aus einer gleichgültigen oder feindseligen Haltung gegenüber der Gemeinde. Im Gegenteil: Gerade weil ihm die Glaubenden am Herzen liegen, möchte er sie vor Einflüssen schützen, die ihrem geistlichen Leben schaden könnten. Die vorhergehenden Grüße zeigen, welche persönlichen Beziehungen und welche geistliche Gemeinschaft dabei auf dem Spiel stehen. Wer Menschen liebt, wird nicht gleichgültig bleiben, wenn ihre Verbundenheit mit Christus und untereinander ernsthaft bedroht wird.

Paulus fordert zunächst dazu auf, auf bestimmte Menschen achtzugeben. Im griechischen Grundtext verwendet er das Verb skopeō, das ein aufmerksames Beobachten oder genaues Beachten ausdrücken kann. Es geht darum, aufmerksam zu erkennen, wo eine Gefahr entsteht. Die Glaubenden sollen nicht unkritisch alles annehmen, was innerhalb ihrer Gemeinschaft gelehrt oder praktiziert wird. Gleichzeitig bedeutet diese Aufforderung nicht, dass Christen einander ständig misstrauisch überwachen oder bei jeder Meinungsverschiedenheit nach vermeintlichen Feinden suchen sollen. Paulus nennt ausdrücklich, welche Art von Verhalten seine Warnung begründet. Erst diese nähere Bestimmung zeigt, worauf die Aufmerksamkeit gerichtet werden muss.

Er spricht von Menschen, die Trennungen und Ärgernisse verursachen, und verbindet dieses Verhalten mit einer Abweichung von der empfangenen Lehre. Das Wort für Trennungen, dichostasiai, bezeichnet Spaltungen, Uneinigkeit und das Entstehen gegeneinanderstehender Gruppen. Paulus verwendet einen verwandten Zusammenhang in Galater 5,19–21, wo Zwietracht und Spaltungen zu den Werken des Fleisches gehören. Gemeint ist nicht jede unterschiedliche Meinung, sondern eine Haltung oder Tätigkeit, durch die die Gemeinschaft auseinandergetrieben wird.

Das zweite Wort, das Paulus verwendet, lautet skandala. Es kann einen Anstoß oder eine Falle bezeichnen, durch die jemand zu Fall kommt. Im übertragenen Sinn beschreibt es Dinge, die andere Menschen zum Sündigen verleiten, ihren Glauben gefährden oder sie vom richtigen Weg abbringen. Paulus verbindet hier also die Zerstörung der Gemeinschaft mit einer Gefahr für das geistliche Leben einzelner Glaubender. Die betreffenden Menschen verursachen nicht nur persönliche Unstimmigkeiten. Ihr Handeln kann andere in Verwirrung führen und sie von der Wahrheit entfernen, die sie zuvor angenommen hatten.

Besonders wichtig ist der Zusatz, dass diese Trennungen und Ärgernisse im Widerspruch zu der Lehre stehen, welche die Christen gelernt haben. Damit benennt Paulus den entscheidenden Maßstab. Die Gemeinde soll nicht einfach jede neue oder ungewohnte Aussage ablehnen, sondern prüfen, ob sie mit der bereits empfangenen apostolischen Unterweisung übereinstimmt.

Der Ausdruck „Lehre“ meint in diesem Zusammenhang nicht bloß menschliche Traditionen oder die persönlichen Vorstellungen eines angesehenen Gemeindemitglieds. Paulus hatte im Römerbrief ausführlich dargelegt, was das Evangelium beinhaltet: Alle Menschen stehen unter der Macht der Sünde und benötigen Gottes Gnade. Die Rechtfertigung geschieht durch den Glauben an Jesus Christus, nicht durch menschliches Verdienst. Wer Christus gehört, ist zu einem neuen Leben berufen, in dem die Sünde nicht länger herrschen soll. Gottes Geist führt die Glaubenden, und ihre Zugehörigkeit zu Christus soll sich in Liebe, Heiligkeit und Gehorsam ausdrücken.

Auch die Einheit von Juden und Nichtjuden gehört wesentlich zu dieser Botschaft. Paulus hatte erklärt, dass beide Gruppen denselben Herrn haben und durch denselben Glauben zu Gottes Volk gehören (Römer 3,29–30; 10,12–13). Ebenso hatte er die Christen dazu aufgefordert, einander anzunehmen und auf das Gewissen anderer Rücksicht zu nehmen (Römer 14,1–15,7).

Eine Lehre, die diese grundlegenden Wahrheiten verdreht, Menschen von Christus wegführt oder die Gemeinschaft durch selbstsüchtige Parteiungen zerstört, steht deshalb im Widerspruch zu dem Evangelium, das Paulus verkündigt. Entscheidend ist nicht, wie eindrucksvoll eine Aussage klingt oder wie überzeugend ihr Vertreter auftritt, sondern ob ihr Inhalt mit der Wahrheit Gottes übereinstimmt.

Hier muss allerdings eine wichtige Unterscheidung getroffen werden. Nur wenige Verse zuvor hatte Paulus die Glaubenden ermahnt, einander bei unterschiedlichen Gewissensüberzeugungen nicht zu verurteilen. In Römer 14 hatte er erklärt, dass Christen in bestimmten Fragen verschiedener Meinung sein können, ohne deshalb die gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus aufzugeben. Nun warnt er dagegen vor Menschen, die durch eine Abweichung von der empfangenen Lehre Spaltungen und geistliche Gefahren verursachen.

Diese beiden Aussagen widersprechen einander nicht. Sie behandeln unterschiedliche Situationen. In Römer 14 geht es um Glaubende, die trotz verschiedener Gewissensentscheidungen ihrem Herrn dienen möchten. In Römer 16,17 geht es um Menschen, deren Lehre und Verhalten der empfangenen Wahrheit entgegenstehen und andere in die Irre führen. Paulus verlangt weder eine Gemeinschaft ohne jede Meinungsverschiedenheit noch eine Einheit, für die Wahrheit und Treue zu Christus bedeutungslos geworden wären.

Daraus ergibt sich eine wichtige Schutzregel für den Umgang mit diesem Vers. Nicht jeder Mensch, der eine Frage stellt, eine verbreitete Auffassung anhand der Bibel überprüft oder auf einen tatsächlichen Fehler hinweist, ist deshalb ein Verursacher von Spaltungen. Eine Gemeinde kann auch dadurch Schaden nehmen, dass berechtigte Fragen unterdrückt oder unbegründete menschliche Ansprüche gegen jede Prüfung abgeschirmt werden. Paulus selbst forderte die Glaubenden auf, alles zu prüfen und das Gute festzuhalten (1. Thessalonicher 5,21). Die Treue zur Wahrheit Gottes darf deshalb nicht mit bedingungsloser Zustimmung zu menschlichen Autoritäten verwechselt werden.

Gleichzeitig darf die berechtigte Prüfung von Lehren nicht als Vorwand dienen, um Unfrieden zu stiften oder andere Menschen bewusst gegeneinander aufzubringen. Der Unterschied liegt sowohl im Inhalt der vertretenen Lehre als auch im Umgang mit den Glaubenden. Wer aufrichtig nach Wahrheit sucht, bereit ist, sich durch Gottes Wort korrigieren zu lassen, und dabei die Würde anderer achtet, handelt anders als jemand, der Menschen durch Täuschung für eigene Ziele gewinnt und dadurch die Gemeinde auseinanderreißt.

Nachdem Paulus die Gefahr beschrieben hat, fordert er die Christen auf, solche Menschen zu meiden. Diese Aufforderung ist bewusst ernst formuliert. Die Gemeinde soll zerstörerischen Einflüssen nicht aus falsch verstandener Toleranz freien Raum geben. Wenn Menschen das Evangelium verfälschen und andere bewusst in die Irre führen, dürfen die Glaubenden ihre Worte nicht einfach deshalb übernehmen, weil sie freundlich auftreten oder sich selbst als christliche Lehrer bezeichnen.

Das Meiden bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem, sich ihrer irreführenden Lehre und ihrem zerstörerischen Einfluss zu entziehen. Paulus fordert die Christen nicht auf, solche Menschen zu hassen, zu beleidigen oder ihnen jede menschliche Würde abzusprechen. An anderen Stellen erklärt er ausdrücklich, wie mit Menschen umzugehen ist, die sich in Irrtum befinden. In 2. Timotheus 2,24–26 wird ein Diener des Herrn dazu angehalten, nicht streitsüchtig zu sein, sondern freundlich, geduldig und fähig zur Unterweisung. Widersprechende sollen mit Sanftmut zurechtgewiesen werden, in der Hoffnung, dass Gott ihnen Umkehr und Erkenntnis der Wahrheit schenkt.

Diese Aussagen ergänzen einander. Liebe verlangt die Bereitschaft, einen irrenden Menschen zur Umkehr einzuladen. Zugleich kann Liebe es erforderlich machen, sich von einem Einfluss abzugrenzen, der die Wahrheit verdreht und andere gefährdet. Christliche Sanftmut bedeutet nicht, dass Täuschung unwidersprochen bleiben muss. Ebenso wenig rechtfertigt der Schutz der Gemeinde einen lieblosen Umgang mit Menschen.

In Vers 18 erklärt Paulus, weshalb er vor den betreffenden Personen warnt. Sie dienen nach seinen Worten nicht dem Herrn Jesus Christus, sondern ihrem eigenen Bauch. Außerdem verführen sie durch gleisnerische Reden und schöne Worte die Herzen der Arglosen.

Die Gegenüberstellung ist scharf. Paulus unterscheidet zwischen dem Dienst für Christus und einem Leben, das von eigenen Begierden oder eigennützigen Interessen bestimmt wird. Der Ausdruck „dem eigenen Bauch dienen“ darf dabei nicht vorschnell ausschließlich auf Essen oder körperliche Genusssucht eingeengt werden. Der Bauch kann bildhaft für menschliche Bedürfnisse, Wünsche und Begierden stehen, die zum bestimmenden Mittelpunkt des Lebens geworden sind.

Eine verwandte Formulierung verwendet Paulus in Philipper 3,18–19. Dort spricht er von Menschen, die als Feinde des Kreuzes Christi leben und deren Gott ihr Bauch ist. Im Zusammenhang beschreibt er eine Lebensausrichtung, die nicht von der Hingabe an Christus, sondern von eigenen Begierden und irdisch ausgerichteten Interessen bestimmt wird.

Auch in Römer 16,18 besteht der entscheidende Gegensatz darin, wem ein Mensch tatsächlich dient. Die betreffenden Personen können sich äußerlich auf religiöse Anliegen berufen und mit überzeugenden Worten auftreten. Ihr eigentliches Handeln ist jedoch nicht auf den Willen Jesu Christi ausgerichtet, sondern auf die Befriedigung eigener Wünsche.

Welche konkreten Vorteile sie suchten, sagt Paulus nicht. Es könnte um Ansehen, Einfluss, materielle Vorteile oder andere Formen persönlicher Selbstbefriedigung gegangen sein. Der Text erlaubt keine sichere Festlegung auf ein einziges Motiv. Es wäre deshalb unbegründet, hier ausschließlich geldgierige Lehrer oder Menschen mit einer bestimmten körperlichen Begierde zu erkennen. Die Aussage ist umfassender: Sie stellen ihre eigenen Interessen an die Stelle des Dienstes für Christus.

Gerade diese Unterscheidung ist für das Verständnis geistlicher Verführung von großer Bedeutung. Nicht jeder Mensch, der den Namen Jesu verwendet, handelt deshalb tatsächlich in seinem Auftrag. Auch religiöse Sprache kann dazu dienen, persönliche Ziele zu verfolgen. Bereits Jesus hatte davor gewarnt, dass Menschen ihn mit ihrem Mund als Herrn bezeichnen können, während ihr Leben seinem Willen widerspricht (Matthäus 7,21–23). Entscheidend ist deshalb nicht allein das Bekenntnis, sondern die tatsächliche Beziehung zu Christus und die daraus hervorgehende Lebensführung.

Paulus beschreibt anschließend, auf welche Weise solche Menschen andere beeinflussen. Sie verwenden gleisnerische Reden und schöne Worte. Die beiden griechischen Ausdrücke, chrēstologia und eulogia, können freundliche, angenehm klingende und schmeichelnde Redeweisen beschreiben. Die Warnung richtet sich nicht gegen Freundlichkeit oder eine verständliche und überzeugende Ausdrucksweise an sich. Paulus selbst bemüht sich in seinen Briefen darum, Menschen durch sorgfältige Argumentation und persönliche Zuwendung zu erreichen.

Das Problem entsteht dort, wo eine ansprechende Redeweise bewusst zur Täuschung eingesetzt wird. Worte können angenehm klingen und dennoch einen falschen Inhalt vermitteln. Sie können den Eindruck großer geistlicher Einsicht erwecken, während sie die eigentlichen Absichten des Redenden verschleiern. Menschen können durch Lob, Schmeichelei oder scheinbar überzeugende Erklärungen für eine Auffassung gewonnen werden, ohne deren Grundlage ausreichend geprüft zu haben.

Besonders gefährlich wird dies, wenn die Zuhörer den freundlichen äußeren Eindruck eines Menschen mit der Wahrheit seiner Aussagen verwechseln. Ein ruhiger Ton, gewählte Worte und eine beeindruckende Persönlichkeit sind kein ausreichender Beweis dafür, dass jemand Gottes Wort richtig lehrt. Umgekehrt macht eine weniger eindrucksvolle Ausdrucksweise eine Aussage nicht falsch. Der Maßstab bleibt ihr tatsächlicher Inhalt.

Diese Unterscheidung erinnert an die Warnung Jesu in Matthäus 7,15–20. Dort spricht er von falschen Propheten, die äußerlich wie harmlose Schafe erscheinen, innerlich aber reißende Wölfe sind. Jesus fordert dazu auf, sie an ihren Früchten zu erkennen. Damit lenkt er die Aufmerksamkeit von der äußeren Erscheinung auf das tatsächliche Ergebnis ihres Wirkens.

Paulus nennt als besonders gefährdete Menschen die „Arglosen“. Das damit verbundene griechische Wort akakos kann Menschen beschreiben, die ohne böse Absicht und deshalb möglicherweise unvorsichtig oder leichtgläubig sind. Sie rechnen nicht unbedingt damit, dass jemand religiöse Worte bewusst zur Irreführung verwendet. Ihre Offenheit und ihr Vertrauen können dadurch ausgenutzt werden.

Paulus verurteilt diese Menschen nicht als absichtlich böse oder geistlich wertlos. Vielmehr macht er deutlich, dass auch aufrichtige Glaubende gefährdet sein können, wenn sie Täuschung nicht erkennen. Ein Mensch kann gute Absichten besitzen und dennoch einer falschen Lehre folgen, wenn er ihren Inhalt nicht sorgfältig prüft.

Deshalb ist geistliche Wachsamkeit kein Zeichen mangelnder Liebe. Wer prüft, ob eine Aussage mit der Heiligen Schrift übereinstimmt, schützt sich und andere vor Verführung. In Apostelgeschichte 17,11 werden die Juden in Beröa ausdrücklich dafür gelobt, dass sie die Verkündigung bereitwillig aufnahmen und täglich in der Schrift forschten, ob sich die gehörten Aussagen tatsächlich so verhielten. Sie verbanden Offenheit für Gottes Botschaft mit sorgfältiger Prüfung.

Gerade diese Verbindung ist entscheidend. Ein verschlossenes Herz, das jede neue Erkenntnis grundsätzlich ablehnt, entspricht nicht dem biblischen Vorbild. Ebenso wenig ist unkritische Gutgläubigkeit ein Kennzeichen besonders tiefen Glaubens. Gott möchte, dass Menschen seine Wahrheit verstehen und dadurch lernen, zwischen zuverlässiger Unterweisung und irreführenden Behauptungen zu unterscheiden.

In Vers 19 verändert Paulus erneut seine Ausdrucksweise. Nachdem er die Gefahr ausführlich beschrieben hat, spricht er nun eine ausdrückliche Anerkennung aus: Der Gehorsam der Christen in Rom sei überall bekannt geworden. Darüber freue er sich.

Damit wird deutlich, dass seine Warnung nicht auf einer pauschalen Verurteilung der Gemeinde beruht. Paulus betrachtet die römischen Christen nicht als Menschen, die bereits vollständig von falschen Lehrern beherrscht werden. Vielmehr würdigt er ihre bisherige Treue und möchte, dass sie darin bewahrt bleiben.

Bereits zu Beginn des Römerbriefes hatte er erklärt, dass ihr Glaube in der ganzen Welt verkündigt werde (Römer 1,8). Nun spricht er am Ende des Briefes von ihrem weithin bekannten Gehorsam. Diese beiden Aussagen ergänzen einander. Der Glaube, den Paulus am Anfang würdigt, ist nicht bloß eine innere Überzeugung ohne Auswirkungen auf das Leben. Er soll sich in einer bereitwilligen Antwort auf Gottes Willen ausdrücken.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Menschen sich durch ihren Gehorsam die Erlösung verdienen könnten. Paulus hatte im Römerbrief immer wieder betont, dass die Rechtfertigung durch Gottes Gnade geschieht und im Glauben angenommen wird (Römer 3,23–28; 5,1–2). Gleichzeitig hatte er erklärt, dass diese Gnade den Menschen zu einem neuen Leben führt, in dem die Sünde nicht länger herrschen soll (Römer 6,12–18).

Der Gehorsam der römischen Christen steht somit nicht im Gegensatz zur Rechtfertigung durch Glauben. Er gehört vielmehr zu der Lebensantwort, die aus dem Glauben erwächst. Schon in Römer 1,5 hatte Paulus von seiner Berufung gesprochen, unter allen Völkern den Gehorsam des Glaubens aufzurichten. Am Ende des Briefes wird diese Verbindung erneut aufgegriffen werden (Römer 16,26).

Gerade deshalb freut sich Paulus über die Glaubenden. Ihr bisheriger Weg zeigt, dass das Evangelium unter ihnen nicht ohne Wirkung geblieben ist. Dennoch weiß er, dass eine gute Vergangenheit keinen Menschen automatisch vor zukünftiger Täuschung schützt. Auch eine Gemeinde mit einem anerkannten Glaubenszeugnis muss wachsam bleiben.

Aus diesem Grund verbindet Paulus seine Freude mit einem besonderen Wunsch: Die Christen sollen weise sein zum Guten und unvermischt bleiben mit dem Bösen.

Diese Gegenüberstellung besitzt eine bemerkenswerte Tiefe. Paulus möchte nicht, dass die Glaubenden nur lernen, möglichst viele Erscheinungsformen des Bösen zu erkennen. Ihr Denken und Handeln sollen vielmehr auf das Gute ausgerichtet sein. Sie sollen verstehen, was Gott gefällt, und darin umsichtig handeln.

Das griechische Wort für „weise“, sophos, bezeichnet Weisheit und Einsicht. Im Zusammenhang mit dem Guten bedeutet es mehr als theoretisches Wissen. Es geht darum, die Wahrheit richtig zu verstehen und in konkreten Situationen entsprechend zu handeln. Ein Mensch kann zahlreiche biblische Aussagen kennen und dennoch Schwierigkeiten haben, sie in seinem persönlichen Leben anzuwenden. Weisheit schließt deshalb die Fähigkeit ein, Gottes Willen verantwortlich zu erkennen und im Alltag umzusetzen.

Die andere Hälfte des Satzes ist ebenso wichtig. Die Christen sollen „unvermischt“ mit dem Bösen bleiben. Das zugrunde liegende griechische Wort akeraios bezeichnet etwas, das unvermischt, unverdorben oder frei von einer schädlichen Beimischung ist. Paulus fordert damit nicht, dass die Glaubenden keinerlei Kenntnis von der Existenz des Bösen haben dürften. Schließlich hat er sie gerade ausführlich vor bestimmten Formen der Täuschung gewarnt. Sie müssen das Böse erkennen können, um ihm zu widerstehen.

Sein Anliegen geht vielmehr dahin, dass sie sich nicht selbst davon prägen oder darin verstricken lassen. Sie sollen die Absichten falscher Lehrer durchschauen, ohne deren Täuschungsmethoden zu übernehmen. Sie sollen sich gegen Spaltungen schützen, ohne dabei selbst durch Hass und Streitsucht zu Menschen zu werden, die neue Spaltungen verursachen.

Eine verwandte Verbindung von Wachsamkeit und Reinheit findet sich in Matthäus 10,16. Dort fordert Jesus seine Jünger auf, klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben zu sein. Seine Worte stehen im Zusammenhang mit der Aussendung der Jünger in eine Welt, in der sie Widerstand und Verfolgung erleben würden. Jesus verlangt weder naive Unvorsichtigkeit noch berechnende Hinterlist. Seine Nachfolger sollen Gefahren erkennen können und dennoch eine lautere Haltung bewahren.

Paulus verfolgt in Römer 16,19 eine ähnliche Richtung. Die Glaubenden sollen nicht durch Unwissenheit schutzlos bleiben, aber auch nicht durch die Beschäftigung mit dem Bösen dessen Eigenschaften annehmen. Ihre Erkenntnis soll sie befähigen, das Gute zu tun, und ihre innere Haltung soll vor der zerstörerischen Wirkung der Sünde bewahrt bleiben.

Dieser Gedanke besitzt auch für den Umgang mit falschen Lehren eine wichtige Bedeutung. Wer Täuschung widerlegen möchte, kann leicht in Versuchung geraten, selbst mit Übertreibungen, persönlichen Angriffen oder unehrlichen Darstellungen zu arbeiten. Paulus eröffnet dafür keinen Raum. Die Verteidigung der Wahrheit darf nicht mit Mitteln geschehen, die ihrem Wesen widersprechen. Die Glaubenden sollen dem Guten in Weisheit dienen und sich dabei nicht mit dem Bösen vermischen.

Nach diesen ernsten Ermahnungen folgt in Vers 20 eine der eindrucksvollsten Verheißungen des gesamten Briefschlusses: „Der Gott des Friedens aber wird den Satan unter euren Füßen zermalmen in kurzem!“

Mit diesen Worten erweitert Paulus den Blick von den sichtbaren Gefahren innerhalb der Gemeinde auf den geistlichen Gegner, dessen Wirken hinter Täuschung und Zerstörung stehen kann. Die bisherigen Verse handelten von Menschen, die Spaltungen hervorrufen, eigennützige Ziele verfolgen und andere durch schöne Worte verführen. Nun nennt Paulus Satan selbst.

Der Zusammenhang ist bedeutsam. Paulus betrachtet die Gefahr geistlicher Verführung nicht nur als ein gewöhnliches Problem menschlicher Meinungsverschiedenheiten. Wo Menschen durch Lüge und Täuschung von der Wahrheit Gottes weggeführt werden, erkennt er darin eine Form des Widerstandes gegen Gottes rettendes Handeln.

Eine ähnliche Verbindung findet sich in 2. Korinther 11,3–4. Dort erinnert Paulus an die Schlange, die Eva mit ihrer List verführte, und äußert die Sorge, dass auch die Christen in Korinth von der aufrichtigen Hingabe an Christus abgebracht werden könnten. Wenige Verse später warnt er vor falschen Aposteln, die sich als Diener Christi ausgeben, und erklärt, dass sich sogar Satan als Engel des Lichts verstellen kann (2. Korinther 11,13–15).

Die Gefahr besteht demnach nicht ausschließlich in offen erkennbarer Feindschaft gegenüber Gott. Auch eine äußerlich religiöse Erscheinung kann zur Täuschung dienen. Gerade darin liegt die Verbindung zwischen der Warnung vor verführerischen Reden und der anschließenden Verheißung über Satans Niederlage.

Dennoch wäre es falsch, aus Römer 16,20 abzuleiten, dass jeder Mensch mit einer unrichtigen theologischen Auffassung unmittelbar als Werkzeug Satans bezeichnet werden dürfe. Paulus spricht über bestimmte zerstörerische Einflüsse. Der Vers gibt Christen keine Erlaubnis, andere Menschen aufgrund bloßer Meinungsunterschiede zu dämonisieren. Die Unterscheidung zwischen einem irrenden Menschen, einem bewusst täuschenden Lehrer und dem geistlichen Ursprung der Verführung muss sorgfältig bewahrt bleiben.

Besonders überraschend ist die Bezeichnung Gottes als „Gott des Friedens“. Man könnte erwarten, dass Paulus im Zusammenhang mit einem so mächtigen Gegner vor allem Gottes Stärke oder seine Herrschaft betont. Stattdessen spricht er vom Frieden.

Diese Bezeichnung ist jedoch keineswegs zufällig. Schon in Römer 15,33 hatte Paulus Gott den Gott des Friedens genannt. Nun erscheint derselbe Ausdruck unmittelbar nach einer Warnung vor Menschen, die die Gemeinschaft durch Spaltungen gefährden.

Der Friede Gottes ist dabei mehr als die Abwesenheit äußerer Konflikte. Bereits in Römer 5,1 hatte Paulus erklärt, dass die Glaubenden durch Jesus Christus Frieden mit Gott haben, weil sie durch den Glauben gerechtfertigt worden sind. Dieser Friede entsteht nicht dadurch, dass Gott Sünde und Ungerechtigkeit einfach übersieht. Er gründet sich auf das rettende Handeln Jesu Christi.

Auch im Zusammenleben der Glaubenden soll Gottes Friede sichtbar werden. Paulus hatte in Römer 12,18 dazu aufgerufen, soweit es möglich ist und an den Christen liegt, mit allen Menschen Frieden zu halten. In Römer 14,19 ermahnte er sie, dem nachzustreben, was zum Frieden und zur gegenseitigen Erbauung dient.

Wenn nun der Gott des Friedens den Satan zermalmen wird, bedeutet das deshalb keinen Widerspruch zwischen Frieden und Sieg über das Böse. Vielmehr ist die Überwindung des Bösen notwendig, damit Gottes Friede endgültig und ungestört bestehen kann. Ein Friede, der Täuschung und Zerstörung dauerhaft bestehen ließe, wäre nicht die vollständige Wiederherstellung, die Gott verheißen hat.

Die Formulierung, dass Satan unter den Füßen der Glaubenden zermalmt werden wird, führt tief in den biblischen Gesamtzusammenhang zurück. Besonders naheliegend ist eine Verbindung zu 1. Mose 3,15. Nachdem Adam und Eva Gottes Gebot übertreten hatten, sprach Gott zur Schlange von einer zukünftigen Feindschaft zwischen ihr und der Frau sowie zwischen ihren Nachkommen. Dabei kündigte er an, dass der Nachkomme der Frau den Kopf der Schlange treffen werde, während die Schlange seine Ferse angreifen werde.

Innerhalb der biblischen Erlösungsgeschichte besitzt diese Aussage eine weitreichende Bedeutung. Schon am Anfang der Menschheitsgeschichte erscheint die Feindschaft zwischen dem Menschen und der verführerischen Schlange. Zugleich wird angekündigt, dass der Widerstand der Schlange nicht das letzte Wort behalten wird.

Die christliche Auslegung erkennt in dieser Verheißung eine frühe Ankündigung des Sieges Jesu Christi über Satan. Das Neue Testament beschreibt Jesus als denjenigen, der gekommen ist, um die Werke des Teufels zu zerstören (1. Johannes 3,8). Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat er die Grundlage für die endgültige Überwindung von Sünde, Tod und satanischer Herrschaft geschaffen.

Römer 16,20 greift wahrscheinlich diesen großen Zusammenhang auf. Die sprachliche Formulierung ist nicht mit dem griechischen Wortlaut von 1. Mose 3,15 identisch. Dennoch bilden die Verbindung zwischen der Schlange beziehungsweise Satan, den Füßen und der angekündigten Niederlage des Gegners eine starke inhaltliche Parallele.

Daneben kann auch die alttestamentliche Vorstellung von Feinden, die unter die Füße des Siegers gelegt werden, das Bild erhellen. Besonders Psalm 110,1 spricht davon, dass Gott die Feinde des von ihm erhöhten Herrn zum Schemel seiner Füße machen wird. Paulus greift diesen Psalmgedanken in 1. Korinther 15,25–27 auf, wenn er erklärt, dass Christus herrschen muss, bis alle Feinde unter seine Füße gelegt sind. Der letzte Feind, der aufgehoben wird, ist der Tod.

Damit erscheint die Verheißung aus Römer 16 nicht als isoliertes Bild. Sie gehört zu der größeren biblischen Hoffnung, dass Gottes Herrschaft sich endgültig gegen alles durchsetzen wird, was seiner guten Schöpfungsordnung entgegensteht.

Gleichzeitig enthält Paulus eine bemerkenswerte Besonderheit: Satan wird nicht einfach unter die Füße Christi gelegt, sondern unter die Füße der Glaubenden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Gemeinde unabhängig von Christus eine eigene Macht besitzt, durch die sie Satan besiegen könnte. Der Satz nennt ausdrücklich Gott als Handelnden. Nicht die Glaubenden selbst werden als Ursprung des Sieges dargestellt. Es ist der Gott des Friedens, der Satan unter ihren Füßen zermalmen wird.

Diese Unterscheidung ist entscheidend. Die Gemeinde erhält Anteil an Gottes Sieg, aber sie bringt ihn nicht aus eigener Kraft hervor. Ihre Sicherheit liegt nicht in besonderer menschlicher Stärke, geheimen geistlichen Fähigkeiten oder einer außergewöhnlichen Macht über unsichtbare Wesen. Sie liegt in Gottes rettendem Handeln und in der Verbindung mit Jesus Christus.

Bereits in Römer 8,37 hatte Paulus erklärt, dass die Glaubenden durch den, der sie geliebt hat, mehr als Überwinder sind. Auch dort ist der Sieg untrennbar mit Christus verbunden. Die Christen überwinden nicht unabhängig von ihm, sondern durch seine Liebe und seine Macht.

Die Aussage von Römer 16,20 lässt sich vor diesem Hintergrund als Verheißung verstehen, dass Gott seine Gemeinde nicht dauerhaft der Macht satanischer Verführung überlassen wird. Die Glaubenden sollen wachsam sein, an der Wahrheit festhalten und dem Bösen widerstehen. Gleichzeitig dürfen sie darauf vertrauen, dass der entscheidende Sieg nicht von ihren begrenzten Fähigkeiten abhängt.

Eine weitere Frage entsteht durch die Zeitangabe „in kurzem“. Paulus verheißt, dass Gott Satan bald zermalmen wird. Wie ist diese Aussage zu verstehen?

Der griechische Ausdruck en tachei kann eine Handlung bezeichnen, die bald oder in kurzer Zeit geschieht. Je nach Zusammenhang kann auch die Vorstellung einer schnellen Durchführung im Vordergrund stehen. Der Ausdruck vermittelt jedenfalls eine zeitliche Dringlichkeit und die Erwartung eines entschiedenen göttlichen Handelns.

Im unmittelbaren Zusammenhang könnte Paulus zunächst daran denken, dass Gott die verführerischen Einflüsse, vor denen er die Christen warnt, überwinden und ihrer zerstörerischen Wirkung ein Ende setzen wird. Die römische Gemeinde soll nicht glauben, dass Täuschung und Spaltungen zwangsläufig die Oberhand gewinnen müssen. Gottes Friede ist stärker als die Kräfte, die seine Gemeinde auseinanderreißen wollen.

Zugleich reicht das Bild der Zermalmung Satans über eine einzelne örtliche Auseinandersetzung hinaus. Die Verbindung mit der Verheißung aus 1. Mose 3,15 und dem umfassenden Sieg Gottes eröffnet eine endzeitliche Perspektive. Paulus hatte bereits in Römer 13,11–12 erklärt, dass die endgültige Erlösung näher gekommen sei und die Nacht vorgerückt sei. Sein Blick war von der Hoffnung auf die kommende Vollendung der Herrschaft Christi geprägt.

Deshalb ist es gut begründet, in Römer 16,20 sowohl eine Ermutigung für die gegenwärtigen Gefahren der Gemeinde als auch einen Ausblick auf die endgültige Niederlage Satans zu erkennen. Die genaue zeitliche Beziehung dieser beiden Ebenen wird durch den Vers jedoch nicht vollständig erklärt.

Insbesondere darf die Formulierung „in kurzem“ nicht in eine frei erfundene prophetische Zeitrechnung verwandelt werden. Paulus nennt kein Datum und beschreibt keine Abfolge einzelner endzeitlicher Ereignisse. Ebenso wenig wäre es angemessen, die zeitliche Dringlichkeit seiner Worte einfach zu übergehen. Seine Aussage drückt eine feste Erwartung aus: Satan wird nicht dauerhaft über Gottes Volk herrschen, und seine Macht zur Verführung wird nicht das letzte Wort behalten.

Im weiteren biblischen Zusammenhang wird diese Hoffnung besonders in Offenbarung 20–22 entfaltet. Dort wird das endgültige Gericht über Satan beschrieben. Anschließend erscheint die neue Schöpfung, in der Gott bei den Menschen wohnen wird und Tod, Trauer, Geschrei und Schmerz nicht mehr bestehen werden (Offenbarung 21,1–4). Diese Texte zeigen die umfassende Vollendung des göttlichen Sieges. Römer 16,20 selbst entfaltet diese Ereignisse noch nicht im Einzelnen, steht aber in derselben Hoffnung auf die endgültige Überwindung des Bösen.

Gerade darin liegt die besondere Kraft der Verheißung. Paulus hatte zuvor beschrieben, wie Menschen durch schöne Worte und eigennützige Absichten andere Glaubende verführen können. Nun versichert er der Gemeinde, dass hinter ihrer Hoffnung eine Macht steht, die größer ist als alle Formen der Täuschung. Gott selbst wird dem Widersacher entgegentreten.

Diese Zusage soll die Glaubenden jedoch nicht passiv machen. Die Aufforderungen aus den Versen 17 und 19 bleiben bestehen. Sie sollen die Wahrheit erkennen, irreführenden Einflüssen ausweichen, weise im Guten handeln und sich vom Bösen fernhalten. Gottes verheißener Sieg hebt ihre Verantwortung nicht auf. Vielmehr gibt er ihrem treuen Handeln eine feste Grundlage.

Damit verbindet Paulus zwei Wahrheiten, die im christlichen Leben zusammengehören: Der Mensch ist aufgerufen, Gottes Wort ernst zu nehmen und dem Bösen zu widerstehen. Gleichzeitig kommt die Kraft, durch die der entscheidende Sieg möglich wird, von Gott. Wer allein auf seine eigene Standhaftigkeit vertraut, überschätzt sich selbst. Wer dagegen Gottes Verheißungen zum Anlass nimmt, jede Wachsamkeit aufzugeben, übersieht die ausdrücklichen Ermahnungen des Apostels.

Am Ende von Vers 20 fügt Paulus einen Segenswunsch hinzu: „Die Gnade unsres Herrn Jesus Christus sei mit euch!“

Nach der ernsten Warnung und der großen Verheißung kehrt Paulus damit zum Mittelpunkt seiner gesamten Botschaft zurück. Die Bewahrung der Gemeinde und das geistliche Leben der Glaubenden beruhen letztlich auf der Gnade Jesu Christi. Sie benötigen diese Gnade nicht nur am Anfang ihres Glaubensweges, wenn sie Vergebung und Rechtfertigung empfangen. Sie bleiben auch danach auf Christus angewiesen, wenn sie Wahrheit von Irrtum unterscheiden, Versuchungen widerstehen und in Liebe miteinander leben sollen.

Die Verbindung zwischen Gottes Sieg und Christi Gnade ist besonders bedeutsam. Paulus beendet seine Warnung nicht mit einer Forderung nach menschlicher Überlegenheit oder einer Aufforderung, sich durch eigene Stärke gegen Satan zu behaupten. Er erinnert die Glaubenden vielmehr an die Gnade dessen, durch den Gott sie erlöst hat.

Schon zu Beginn des Römerbriefes hatte Paulus den Empfängern Gnade und Frieden von Gott, ihrem Vater, und dem Herrn Jesus Christus gewünscht (Römer 1,7). Nun begegnen dieselben grundlegenden Gaben erneut. Gottes Friede und Christi Gnade umschließen gewissermaßen die gesamte Botschaft des Briefes. Was Paulus über Rechtfertigung, neues Leben, Gehorsam und christliche Gemeinschaft gelehrt hat, bleibt untrennbar mit Gottes gnädigem Handeln verbunden.

So bilden die Verse 17–20 einen bemerkenswerten Übergang. Nach der langen Würdigung treuer Glaubensgeschwister erinnert Paulus daran, dass die Gemeinde nicht nur liebevolle Beziehungen pflegen, sondern auch auf die Wahrheit achten muss, die ihre Gemeinschaft trägt. Liebe ohne Wahrheit kann der Verführung schutzlos ausgeliefert sein. Eine vermeintliche Verteidigung der Wahrheit ohne Liebe kann dagegen selbst zu Härte, Hochmut und Spaltungen führen. Paulus ruft die Christen dazu auf, beides zusammenzuhalten.

Der Mittelpunkt dieser Ermahnung ist jedoch nicht die Macht des Bösen, sondern die Treue Gottes. Die Gemeinde soll Satan nicht unterschätzen, aber sie soll auch nicht in ständiger Angst vor ihm leben. Gott ist der Handelnde, dessen Macht größer ist als die des Widersachers. Durch Jesus Christus hat er den Weg zur Erlösung geöffnet, und er wird sein Werk zur Vollendung führen.

Während Menschen durch Täuschung, Eigennutz und Uneinigkeit den Frieden zerstören können, bleibt Gott der Ursprung des wahren Friedens. Er stärkt diejenigen, die ihm vertrauen, und verheißt, dass die Macht des Bösen schließlich überwunden wird. Die Glaubenden dürfen deshalb wachsam und zugleich hoffnungsvoll leben: wachsam gegenüber allem, was sie von Christus entfernt, und hoffnungsvoll, weil ihr endgültiger Sieg nicht auf ihrer eigenen Stärke, sondern auf Gottes unveränderlicher Treue beruht.

Römer 16,21–24

Grüße aus dem Umfeld des Paulus: Treue Mitarbeiter, gelebte Gastfreundschaft und die Überlieferung des Briefschlusses

Nachdem Paulus die Christen in Rom eindringlich vor Spaltungen und irreführenden Lehren gewarnt und ihnen Gottes endgültigen Sieg über Satan verheißen hat, kehrt er zu den persönlichen Grüßen zurück. Diesmal richtet er seine Worte jedoch nicht an einzelne Glaubensgeschwister in Rom. Stattdessen übermittelt er Grüße von Menschen, die sich in seiner eigenen Umgebung befinden. Zu ihnen gehören sein enger Mitarbeiter Timotheus, drei Männer, die er als seine Verwandten bezeichnet, der Schreiber des Briefes namens Tertius sowie Gajus, Erastus und Quartus. Die wenigen Verse eröffnen damit einen Einblick in das unmittelbare Umfeld, in dem der Römerbrief entstanden ist.

Dabei tritt eine bemerkenswerte Besonderheit hervor: Paulus lässt nicht nur bekannte Mitarbeiter zu Wort kommen, sondern auch Menschen, deren Aufgaben sehr unterschiedlich waren. Ein treuer Missionsgefährte, der Mann, der seine Worte niederschrieb, ein gastfreundlicher Hausherr, ein städtischer Amtsträger und ein Glaubensbruder, über dessen Leben wir kaum etwas wissen, werden gemeinsam erwähnt. Ihre Namen erinnern daran, dass die Verkündigung des Evangeliums nicht durch einen einzelnen Menschen getragen wurde. Sie war mit einem weitreichenden Netz persönlicher Beziehungen, gemeinsamer Arbeit und gegenseitiger Unterstützung verbunden.

In Vers 21 beginnt Paulus mit Timotheus, den er ausdrücklich seinen Mitarbeiter nennt. Unter allen hier erwähnten Personen ist Timotheus einer derjenigen, über deren Leben das Neue Testament besonders viele Informationen enthält. Die Apostelgeschichte berichtet erstmals ausführlicher von ihm während der zweiten Missionsreise des Paulus. In Lystra und Derbe begegnete der Apostel diesem jungen Glaubenden, der bei den Brüdern der dortigen Gemeinden einen guten Ruf besaß. Seine Mutter war eine gläubige Jüdin, sein Vater ein Grieche (Apostelgeschichte 16,1–3).

Timotheus stammte somit aus einem familiären Umfeld, in dem jüdische und griechische Lebenswelten zusammentrafen. Später erinnert Paulus daran, dass Timotheus bereits von Kindheit an mit den heiligen Schriften vertraut gewesen war. Seine Mutter Eunike und seine Großmutter Lois werden ausdrücklich wegen ihres aufrichtigen Glaubens erwähnt (2. Timotheus 1,5; 3,14–15). Diese Angaben lassen erkennen, welche Bedeutung die Weitergabe des Glaubens innerhalb seiner Familie für seine geistliche Entwicklung hatte.

Als Paulus ihn kennenlernte, war Timotheus bereits ein angesehener Glaubender. Der Apostel nahm ihn in seinen missionarischen Dienst auf, und aus dieser Verbindung entwickelte sich eine langjährige Zusammenarbeit. Timotheus begleitete Paulus auf Reisen, wurde mit besonderen Aufgaben betraut und unterstützte die Gemeinden in schwierigen Situationen. In Apostelgeschichte 19,22 wird beispielsweise berichtet, dass Paulus Timotheus und Erastus nach Mazedonien sandte, während er selbst noch eine Zeit lang in der Provinz Asien blieb.

Auch die Briefe des Paulus bezeugen diese enge Zusammenarbeit. In 1. Thessalonicher 3,2 erklärt er, dass Timotheus zu den Christen in Thessalonich gesandt wurde, um sie im Glauben zu stärken und zu ermutigen. Die Gemeinde befand sich damals unter Bedrängnissen. Paulus konnte nicht selbst zu ihr kommen und vertraute deshalb Timotheus die Aufgabe an, nach den Glaubenden zu sehen und ihnen beizustehen.

Damit wird verständlich, weshalb Paulus ihn in Römer 16,21 als Mitarbeiter bezeichnet. Timotheus war nicht lediglich ein persönlicher Begleiter, der auf Reisen praktische Hilfe leistete. Er übernahm selbst geistliche Verantwortung, unterstützte andere Christen und wurde mit Aufgaben betraut, die Vertrauen, Reife und Zuverlässigkeit verlangten.

Besonders eindrücklich beschreibt Paulus ihre Beziehung in Philipper 2,19–22. Dort erklärt er, dass Timotheus aufrichtig um das Wohl der Glaubenden besorgt sei. Während andere vor allem ihre eigenen Interessen suchten, habe Timotheus seine Bewährung unter Beweis gestellt. Paulus fügt hinzu, dass er gemeinsam mit ihm am Evangelium gedient habe, wie ein Kind mit seinem Vater.

Diese Aussage offenbart eine besondere Verbindung zwischen beiden Männern. Paulus hatte Timotheus geistlich begleitet und unterwiesen. Zugleich war ihre Beziehung im Laufe der Zeit zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit herangewachsen. Der jüngere Mitarbeiter wurde nicht auf Dauer als jemand betrachtet, der lediglich Befehle entgegennehmen sollte. Paulus erkannte seine geistliche Entwicklung an und übertrug ihm eigenständige Verantwortung.

Gerade deshalb besitzt die Bezeichnung „mein Mitarbeiter“ eine besondere Bedeutung. Paulus hätte seine eigene apostolische Stellung in den Vordergrund stellen und Timotheus ausschließlich als seinen Schüler bezeichnen können. Stattdessen würdigt er ihn als jemanden, der gemeinsam mit ihm für dasselbe Evangelium arbeitet. Die gemeinsame Aufgabe steht über dem Unterschied ihres Alters und ihrer Erfahrung.

Hier zeigt sich ein wichtiger Grundsatz geistlicher Zusammenarbeit. Menschen können unterschiedliche Berufungen, Erfahrungen und Verantwortungsbereiche besitzen und dennoch gemeinsam an Gottes Werk beteiligt sein. Ein erfahrener Glaubender soll andere nicht dauerhaft von sich abhängig machen, sondern ihnen helfen, im Glauben zu wachsen und ihre eigenen Aufgaben verantwortungsvoll zu übernehmen. Umgekehrt verlangt eine solche Zusammenarbeit von jüngeren Mitarbeitern Lernbereitschaft, Zuverlässigkeit und Treue gegenüber dem gemeinsamen Auftrag.

Timotheus erscheint damit als ein Beispiel für einen Menschen, dessen Glaube nicht bei persönlicher Überzeugung stehen geblieben war. Er hatte gelernt, Verantwortung zu tragen, schwierige Aufgaben zu übernehmen und sich um das geistliche Wohl anderer Menschen zu kümmern. Wenn Paulus seinen Gruß an die Christen in Rom weitergibt, geschieht dies im Namen eines Mitarbeiters, dessen Leben bereits eng mit der Geschichte der paulinischen Mission verbunden war.

Nach Timotheus nennt Paulus drei weitere Männer: Lucius, Jason und Sosipater. Er bezeichnet sie gemeinsam als seine Verwandten.

Wie bereits bei Andronikus und Junia in Vers 7 sowie bei Herodion in Vers 11 verwendet Paulus hier das griechische Wort syngeneis. Dieses Wort kann tatsächliche Familienangehörige bezeichnen, aber auch Menschen, die durch gemeinsame Abstammung oder Volkszugehörigkeit miteinander verbunden sind. In Römer 9,3 hatte Paulus denselben Ausdruck verwendet, als er von seinen israelitischen Volksgenossen sprach.

Deshalb liegt auch hier nahe, dass er Lucius, Jason und Sosipater als jüdische Glaubensbrüder bezeichnet. Eine engere familiäre Verwandtschaft lässt sich nicht völlig ausschließen. Der Text gibt jedoch keinen Anlass, alle drei ohne Weiteres als leibliche Angehörige des Paulus anzusehen.

Der erste dieser Männer, Lucius, wird an keiner anderen Stelle des Römerbriefes erwähnt. In Apostelgeschichte 13,1 begegnet uns ein Lucius aus Kyrene, der zu den Propheten und Lehrern der Gemeinde in Antiochia gehörte. Kyrene lag in Nordafrika, im Gebiet des heutigen Libyen. Von dort stammten auch Menschen, die in der frühen Geschichte der christlichen Verkündigung eine Rolle spielten (Apostelgeschichte 11,20).

Es ist möglich, dass Paulus mit dem Lucius aus Antiochia verbunden geblieben war und dieser später zu seinem Umfeld gehörte. Eine sichere Identifizierung ist jedoch nicht möglich. Der Name Lucius war verbreitet, und der Römerbrief nennt weder seine Herkunft noch seine früheren Aufgaben.

Gelegentlich wurde außerdem vermutet, dass Lucius mit Lukas, dem Verfasser des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte, identisch sein könnte. Auch dafür fehlt jedoch ein überzeugender biblischer Nachweis. Die Ähnlichkeit der Namen genügt nicht, um beide Personen gleichzusetzen. Eine sorgfältige Auslegung sollte deshalb bei der schlichten Aussage bleiben, dass Lucius zu den Männern gehörte, die Paulus im Zusammenhang mit seiner jüdischen Herkunft als Verwandte bezeichnet und deren Grüße er nach Rom übermittelt.

Der zweite Name, Jason, führt zu einer weiteren möglichen Verbindung mit der Apostelgeschichte. In Apostelgeschichte 17,5–9 wird von einem Mann namens Jason berichtet, der in Thessalonich lebte und offenbar mit der Verkündigung des Paulus verbunden war.

Während des Aufenthaltes von Paulus und Silas in Thessalonich entstand dort ein heftiger Widerstand gegen ihre Botschaft. Einige Gegner sammelten eine aufgebrachte Menge und suchten die beiden Verkündiger im Haus Jasons. Als sie Paulus und Silas nicht fanden, schleppten sie Jason und einige andere Brüder vor die Vorsteher der Stadt.

Ihnen wurde vorgeworfen, Menschen aufzunehmen, die überall Unruhe verursachten und sich gegen die Anordnungen des Kaisers stellten, indem sie Jesus als einen anderen König verkündigten. Schließlich mussten Jason und die anderen eine Sicherheitsleistung erbringen, bevor sie freigelassen wurden.

Sollte dieser Jason mit dem in Römer 16,21 erwähnten Mann identisch sein, würde Paulus hier einen Glaubensbruder grüßen lassen, der bereits wegen seiner Unterstützung der Verkündigung Schwierigkeiten mit den städtischen Behörden erlebt hatte. Seine Bereitschaft, Paulus und dessen Mitarbeiter aufzunehmen, hätte ihn persönlich in Gefahr gebracht.

Doch auch diese Verbindung bleibt eine begründete Möglichkeit und keine gesicherte Tatsache. Der Römerbrief nennt keinen Herkunftsort und verweist nicht ausdrücklich auf die Ereignisse in Thessalonich. Deshalb darf die dort berichtete Erfahrung nicht ohne Einschränkung zur Lebensgeschichte des hier erwähnten Jason gemacht werden.

Unabhängig von der genauen Identität wird allerdings deutlich, dass Paulus Menschen in seinem Umfeld hatte, die mit der Ausbreitung des Evangeliums verbunden waren. Der Gruß aus seinem unmittelbaren Kreis erinnert daran, dass die Verkündigung Jesu Christi schon damals von Beziehungen zwischen Glaubenden verschiedener Städte und Regionen getragen wurde.

Der dritte Mann heißt Sosipater. Auch bei ihm besteht eine mögliche Verbindung zu einer Person aus der Apostelgeschichte. In Apostelgeschichte 20,4 wird unter den Begleitern des Paulus ein Mann namens Sopater aus Beröa erwähnt, der als Sohn des Pyrrhus bezeichnet wird. Die Namen Sopater und Sosipater sind sprachlich miteinander verwandt. Deshalb halten manche Ausleger beide Personen für identisch.

Eine solche Gleichsetzung ist denkbar, bleibt aber unbewiesen. Paulus nennt bei Sosipater weder Beröa als Herkunftsort noch einen Vater namens Pyrrhus. Auch wissen wir nicht, ob der im Römerbrief genannte Mann später an der in Apostelgeschichte 20 beschriebenen Reise beteiligt war.

Die Unsicherheit über diese Einzelheiten sollte den Blick nicht von der eigentlichen Aussage ablenken. Paulus übermittelt die Grüße dieser Männer, weil sie mit ihm verbunden sind und offenbar Anteil an seiner Beziehung zu den Christen in Rom nehmen möchten.

Auffällig ist dabei, dass ihre Namen nicht mit ausführlichen Ehrentiteln versehen werden. Nur Timotheus wird ausdrücklich als Mitarbeiter bezeichnet. Bei Lucius, Jason und Sosipater hebt Paulus die gemeinsame Herkunft beziehungsweise Verbundenheit hervor. Dennoch gehören sie alle zu den Menschen, deren Grüße der Apostel an die Gemeinde weitergeben möchte.

Damit erinnert Vers 21 an einen wichtigen Aspekt des frühen Christentums: Das Evangelium überwand nicht einfach jede menschliche Herkunft oder persönliche Geschichte, als wären diese bedeutungslos geworden. Vielmehr wurden Menschen mit ihren unterschiedlichen Hintergründen in einer neuen Gemeinschaft verbunden. Paulus konnte seine jüdische Herkunft weiterhin anerkennen und zugleich mit Gläubigen aus den Völkern denselben Herrn bekennen.

Gerade im Römerbrief hatte er ausführlich erklärt, dass Gott sowohl Juden als auch Nichtjuden durch den Glauben an Jesus Christus rechtfertigt (Römer 3,29–30). Nun begegnen uns im persönlichen Umfeld des Apostels Menschen, deren gemeinsame Herkunft weiterhin erwähnt werden kann, ohne dadurch ihre geistliche Einheit mit anderen Glaubenden infrage zu stellen.

In Vers 22 geschieht etwas Unerwartetes. Mitten in den von Paulus übermittelten Grüßen spricht plötzlich eine andere Person ausdrücklich in der ersten Person: „Ich, Tertius, der ich den Brief geschrieben habe, grüße euch im Herrn.“

Dieser Satz gehört zu den besonders aufschlussreichen Einzelheiten des gesamten Römerbriefes. Er lässt erkennen, dass Paulus den Brief nicht vollständig eigenhändig niedergeschrieben hatte. Vielmehr war ein Mann namens Tertius an der schriftlichen Abfassung beteiligt.

Um diese Aussage richtig zu verstehen, müssen wir zwischen dem Verfasser eines Briefes und der Person unterscheiden, die ihn tatsächlich auf das Schreibmaterial überträgt. In der Antike war es keineswegs ungewöhnlich, dass ein Autor seine Gedanken einem Schreiber diktierte oder mit dessen Hilfe schriftlich ausarbeitete. Solche Schreiber verfügten über die notwendigen Fähigkeiten, längere Texte zuverlässig niederzuschreiben und für ihre Weitergabe vorzubereiten.

Der Römerbrief wurde von Paulus verfasst. Bereits in Römer 1,1 stellt er sich selbst als Absender und Apostel Jesu Christi vor. Die theologischen Ausführungen, Ermahnungen und persönlichen Grüße werden als seine Botschaft übermittelt. Tertius bezeichnet sich dagegen als denjenigen, der den Brief geschrieben hat. Damit weist er auf seine Tätigkeit als Schreiber hin.

Ob Paulus ihm den gesamten Text Wort für Wort diktierte oder ob Tertius bei der schriftlichen Formulierung einen gewissen eigenen Spielraum besaß, erfahren wir nicht. Die bloße Erwähnung eines Schreibers erlaubt keine sichere Rekonstruktion des genauen Arbeitsablaufs. Ebenso wenig gibt der Vers Anlass zu der Behauptung, Tertius habe die theologischen Gedanken des Briefes selbst entwickelt.

Sicher ist, dass Paulus seine Botschaft mit Hilfe eines anderen Menschen schriftlich festhalten ließ. Die menschliche Entstehungsgeschichte eines biblischen Briefes schließt also praktische Zusammenarbeit ein. Gottes Botschaft wurde nicht dadurch weniger bedeutsam, dass ein Schreiber an ihrer Übermittlung beteiligt war.

Auch aus anderen paulinischen Briefen wissen wir, dass das eigenhändige Schreiben eines Grußes eine besondere Bedeutung haben konnte. In 1. Korinther 16,21 erklärt Paulus ausdrücklich, dass der abschließende Gruß von seiner eigenen Hand stammt. Entsprechende Hinweise finden sich in Galater 6,11, Kolosser 4,18 und 2. Thessalonicher 3,17.

Diese Stellen zeigen, dass Paulus zwischen dem eigentlichen Verfassen beziehungsweise Diktieren eines Briefes und einem eigenhändigen Schlussgruß unterscheiden konnte. Besonders in 2. Thessalonicher 3,17 erklärt er, dass der Gruß mit seiner eigenen Hand ein Zeichen in seinen Briefen sei. Das konnte der Echtheit eines Schreibens dienen und seine persönliche Verbindung zu den Empfängern unterstreichen.

Vor diesem Hintergrund erhält die kurze Vorstellung des Tertius eine besondere Bedeutung. Der Leser erfährt nicht nur, dass der Römerbrief geschrieben wurde, sondern begegnet auch einem Menschen, der an der praktischen Weitergabe dieser apostolischen Botschaft beteiligt war.

Bemerkenswert ist außerdem, dass Tertius selbst einen Gruß übermitteln darf. Er bleibt nicht völlig unsichtbar hinter seiner Tätigkeit zurück. Für einen Augenblick tritt der Schreiber persönlich hervor und wendet sich an die Christen in Rom.

Dabei ist seine Formulierung sehr bewusst gewählt. Er grüßt die Empfänger „im Herrn“. Dadurch stellt er sich nicht nur als beruflich tätiger Schreiber vor, sondern bringt eine geistliche Verbundenheit mit ihnen zum Ausdruck. Sein Gruß geschieht innerhalb der gemeinsamen Beziehung zu Jesus Christus.

Ob Tertius seine Schreibarbeit gegen Bezahlung verrichtete oder freiwillig übernahm, lässt sich nicht bestimmen. Ebenso wenig wissen wir, ob er persönlich zur örtlichen Gemeinde gehörte, schon länger mit Paulus zusammenarbeitete oder eigens für diesen Brief hinzugezogen worden war. Der Text nennt weder seine gesellschaftliche Stellung noch seine frühere Lebensgeschichte.

Sein lateinischer Name bedeutet ursprünglich „der Dritte“. Im Römischen Reich waren solche Namen gebräuchlich und konnten in unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen vorkommen. Daraus lässt sich jedoch nicht sicher ableiten, ob Tertius als Sklave, Freigelassener oder freier Bürger lebte. Auch darf die Bedeutung seines Namens nicht zu einer geistlichen Symbolik ausgeweitet werden, die der Bibeltext selbst nicht enthält.

Gerade seine kurze persönliche Bemerkung erinnert an die vielen praktischen Tätigkeiten, die zur Weitergabe des Evangeliums notwendig waren. Ein Brief musste nicht nur inhaltlich durchdacht, sondern auch geschrieben, vorbereitet, überbracht und schließlich von den Empfängern gelesen werden. Jede dieser Aufgaben erforderte Menschen, die bereit waren, ihre Fähigkeiten einzusetzen.

Die Tätigkeit des Tertius ist deshalb nicht bloß eine nebensächliche technische Einzelheit. Ohne die schriftliche Festhaltung hätte die Botschaft des Paulus die Empfänger in dieser Form nicht erreichen können. Der Schreiber war nicht der Ursprung der apostolischen Lehre, aber seine Arbeit trug dazu bei, dass sie zuverlässig weitergegeben werden konnte.

Darin liegt eine bedeutsame Einsicht über den Dienst für Gott. Nicht jeder Mensch steht als Verkündiger im Mittelpunkt. Manche tragen durch sorgfältige organisatorische, handwerkliche oder schriftliche Arbeit dazu bei, dass andere ihre Aufgaben erfüllen können. Solche Dienste sind oft weniger sichtbar, können aber für das gemeinsame Werk unverzichtbar sein.

Gerade der Römerbrief verdeutlicht dies auf eindrucksvolle Weise. Die tiefgehenden Ausführungen über Gottes Gerechtigkeit, die Erlösung durch Jesus Christus und das neue Leben im Glauben sind bis heute von großer Bedeutung. Zugleich wissen wir, dass ein Mann namens Tertius daran beteiligt war, diese Worte niederzuschreiben. Sein eigener Gruß erinnert daran, dass hinter der schriftlichen Weitergabe des Evangeliums konkrete Menschen standen.

In Vers 23 übermittelt Paulus weitere Grüße. Zunächst nennt er Gajus, der nicht nur ihn selbst, sondern auch die ganze Gemeinde beherbergt. Anschließend folgen Erastus, der Stadtverwalter, und Quartus, den Paulus als Bruder bezeichnet.

Mit Gajus begegnet uns erneut ein Mensch, dessen besondere Bedeutung in seiner Gastfreundschaft liegt. Bereits bei Prisca und Aquila hatte Paulus erwähnt, dass sich eine christliche Gemeinde in ihrem Haus versammelte. Nun spricht er von einem Mann, dessen Gastfreundschaft ihm persönlich und der gesamten Gemeinde zugutekam.

Die Formulierung lässt erkennen, dass Gajus Paulus während der Entstehung des Briefes Unterkunft gewährte. Der Apostel befand sich wahrscheinlich in Korinth oder dessen unmittelbarer Umgebung. Diese Einordnung ergibt sich aus mehreren Hinweisen innerhalb des Römerbriefes und der Apostelgeschichte.

Paulus berichtet in Römer 15,25–26, dass er nach Jerusalem reisen wolle, um die Unterstützung der Gemeinden aus Mazedonien und Achaja zu überbringen. Die Apostelgeschichte beschreibt einen Aufenthalt von drei Monaten in Griechenland vor seiner anschließenden Reise in Richtung Jerusalem (Apostelgeschichte 20,2–3). Zusammen mit den persönlichen Angaben aus Römer 16 spricht dies dafür, dass der Brief während eines Aufenthaltes in der Gegend von Korinth entstand.

Kenchreä, der Ort, aus dem Phöbe stammte, war der östliche Hafen von Korinth. Auch die Erwähnung des Gajus und des städtischen Amtsträgers Erastus passt gut zu diesem Umfeld. Keine dieser Einzelheiten liefert für sich genommen einen vollständigen historischen Beweis. Zusammen ergeben sie jedoch ein überzeugendes Bild der Entstehungssituation des Briefes.

In 1. Korinther 1,14 erwähnt Paulus bereits einen Mann namens Gajus, den er persönlich getauft hatte. Es ist deshalb gut möglich, dass der hier genannte Gastgeber mit jenem korinthischen Christen identisch war.

Sollte dies zutreffen, hätte sich die Beziehung zwischen Paulus und Gajus über längere Zeit entwickelt. Aus einem Menschen, den Paulus selbst getauft hatte, wäre ein Glaubensbruder geworden, der nun dem Apostel und anderen Christen großzügig Gastfreundschaft erwies.

Eine sichere Gleichsetzung ist jedoch nicht möglich. Der Name Gajus war in der römischen Welt weit verbreitet und begegnet im Neuen Testament mehrfach. In Apostelgeschichte 19,29 wird ein Gajus aus Mazedonien erwähnt, während Apostelgeschichte 20,4 einen Gajus aus Derbe nennt. Auch der dritte Johannesbrief ist an einen Gajus gerichtet. Diese Personen müssen nicht miteinander identisch sein, und der Bibeltext ermöglicht keine vollständige Klärung ihrer Beziehungen.

Unabhängig davon ist die Aussage über den Gastgeber Gajus bemerkenswert. Paulus beschreibt ihn nicht nur als jemanden, der ihm persönlich Unterkunft gewährt, sondern als Gastgeber der ganzen Gemeinde.

Was bedeutet diese ungewöhnlich weit gefasste Formulierung?

Eine naheliegende Erklärung lautet, dass Gajus sein Haus für die Zusammenkünfte der christlichen Gemeinde zur Verfügung stellte. Das würde gut zu den frühchristlichen Versammlungen in Privathäusern passen. Die Glaubenden konnten sich dort zum Gebet, zur Unterweisung und zur gegenseitigen Gemeinschaft treffen.

Allerdings ist noch eine zweite Möglichkeit zu berücksichtigen. Die Formulierung kann auch bedeuten, dass Gajus für seine außergewöhnliche Gastfreundschaft gegenüber den Mitgliedern der Gemeinde bekannt war. Er könnte zahlreiche Glaubende aufgenommen, reisenden Christen geholfen und sein Haus immer wieder als Ort der Begegnung zur Verfügung gestellt haben.

Der Text entscheidet nicht eindeutig, ob sämtliche Mitglieder der örtlichen Gemeinde regelmäßig gleichzeitig in seinem Haus zusammenkamen. Ebenso wenig lässt sich aus der Aussage sicher ableiten, wie groß sein Haus war oder über welches Vermögen er verfügte.

Was Paulus jedoch ausdrücklich bezeugt, ist die besondere Weite seiner Gastfreundschaft. Gajus beschränkte seine Hilfsbereitschaft nicht auf den persönlich angesehenen Apostel. Seine Fürsorge kam der christlichen Gemeinschaft insgesamt zugute.

Damit unterscheidet sich seine Gastfreundschaft von einer bloßen persönlichen Gefälligkeit. Wer nur einem berühmten oder einflussreichen Menschen Unterkunft gewährt, kann dabei auch eigene Vorteile suchen. Paulus beschreibt Gajus dagegen als jemanden, der seine Möglichkeiten in den Dienst der gesamten Gemeinde stellte. Seine Hilfe war nicht ausschließlich an die besondere Stellung des Apostels gebunden.

Schon in Römer 12,13 hatte Paulus die Glaubenden aufgefordert, an den Bedürfnissen der Heiligen Anteil zu nehmen und Gastfreundschaft zu üben. Bei Gajus begegnet uns nun ein konkreter Mensch, in dessen Leben diese Haltung sichtbar geworden war.

Gastfreundschaft hatte in der antiken Welt eine besondere praktische Bedeutung. Reisende waren auf sichere Unterkünfte und verlässliche persönliche Beziehungen angewiesen. Öffentliche Herbergen entsprachen nicht immer den Bedürfnissen oder den Möglichkeiten der Menschen. Besonders für christliche Verkündiger, die von Ort zu Ort reisten, konnten offene Häuser eine wichtige Unterstützung sein.

Auch die ersten christlichen Gemeinden waren auf solche Hilfe angewiesen. In einer Zeit, in der sie noch keine allgemein verbreiteten eigenen Versammlungsgebäude besaßen, konnten private Wohnräume zu Orten gemeinsamer Anbetung und gegenseitiger Unterstützung werden.

Gajus erinnert deshalb daran, dass materielle Güter und persönliche Lebensmöglichkeiten eine geistliche Bedeutung erhalten können, wenn sie in Liebe zum Wohl anderer eingesetzt werden. Ein Haus ist zunächst ein Ort des täglichen Lebens. Durch Gastfreundschaft kann es jedoch zugleich zu einem Ort werden, an dem Menschen Ermutigung, Gemeinschaft und Unterstützung erfahren.

Dabei ist nicht allein die Größe des verfügbaren Besitzes entscheidend. Der Bibeltext fordert nicht, dass jeder Christ über ein großes Haus verfügen müsse. Vielmehr zeigt das Beispiel des Gajus, wie ein Mensch die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten für andere öffnen kann.

Anschließend nennt Paulus Erastus und bezeichnet ihn als Stadtverwalter. Damit begegnet uns ein Mann, dessen Tätigkeit offenbar mit der öffentlichen Verwaltung verbunden war.

Im griechischen Grundtext steht die Formulierung ho oikonomos tēs poleōs. Das Wort oikonomos bezeichnet grundsätzlich jemanden, der für die Verwaltung eines Hauses, eines Besitzes oder bestimmter wirtschaftlicher Angelegenheiten verantwortlich ist. In Verbindung mit einer Stadt weist es auf eine öffentliche Verwaltungsfunktion hin, möglicherweise im Bereich der Finanzen oder wirtschaftlichen Organisation.

Die Schlachter 1951 übersetzt den Ausdruck mit „Stadtverwalter“. Andere Übersetzungen verwenden Bezeichnungen wie „Stadtkämmerer“ oder „Stadtschatzmeister“. Welche genaue Amtsstellung dem damaligen griechischen Ausdruck innerhalb der römischen Stadtverwaltung von Korinth entsprach, wird in der historischen Forschung unterschiedlich beurteilt.

Deshalb sollte Erastus nicht ohne weitere Erklärung als Bürgermeister, oberster Finanzminister oder Inhaber eines genau bestimmten modernen Verwaltungsamtes beschrieben werden. Solche Bezeichnungen könnten ein falsches Bild seiner tatsächlichen Verantwortung vermitteln.

Sicher ist zunächst, dass Paulus ihn mit einer anerkannten städtischen Verwaltungsfunktion verbindet. Damit unterscheidet sich seine Beschreibung von den meisten übrigen persönlichen Grüßen. Bei vielen Menschen hatte Paulus ihre geistliche Arbeit oder ihre Treue hervorgehoben. Bei Erastus nennt er ausdrücklich eine öffentliche Tätigkeit.

Aus Korinth ist außerdem eine lateinische Inschrift bekannt, die einen Mann namens Erastus erwähnt. Dieser hatte auf eigene Kosten eine Pflasterung herstellen lassen und brachte die Maßnahme mit seiner Tätigkeit als Ädil, einem römischen städtischen Amt, in Verbindung. Weil der Name und der historische Ort zum Umfeld des Römerbriefes passen, wurde häufig vermutet, dass der auf der Inschrift genannte Erastus mit dem Mitarbeiter aus Römer 16,23 identisch sei.

Diese Zuordnung ist jedoch umstritten. Ein wesentliches Problem besteht darin, dass die lateinische Amtsbezeichnung der Inschrift und der griechische Ausdruck des Paulus nicht ohne Weiteres gleichgesetzt werden können. Zudem war der Name Erastus keineswegs einzigartig. Deshalb lässt sich nicht sicher beweisen, dass beide Zeugnisse dieselbe Person betreffen.

Die Inschrift ist somit ein interessanter Hinweis auf die öffentliche Verwendung dieses Namens im damaligen Korinth. Sie darf jedoch nicht als eindeutiger archäologischer Beweis für die Identität oder das genaue Amt des biblischen Erastus ausgegeben werden.

Auch an anderen Stellen des Neuen Testaments begegnet uns ein Mann namens Erastus. In Apostelgeschichte 19,22 wird berichtet, dass Paulus Timotheus und Erastus nach Mazedonien sandte. In 2. Timotheus 4,20 wird erwähnt, dass Erastus in Korinth geblieben sei.

Es ist möglich, dass diese Angaben dieselbe Person betreffen, die Paulus hier grüßen lässt. Eine sichere Identifizierung ergibt sich daraus jedoch nicht. Vor allem sollte nicht übersehen werden, dass eine Tätigkeit als reisender Missionsmitarbeiter und die Ausübung eines städtischen Verwaltungsamtes unterschiedliche Anforderungen mit sich bringen konnten. Eine Verbindung ist denkbar, muss aber historisch begründet werden und darf nicht allein wegen der Namensgleichheit vorausgesetzt werden.

Für die Auslegung besitzt die Erwähnung des Erastus dennoch einen deutlichen Erkenntniswert. Die christlichen Gemeinden bestanden nicht ausschließlich aus Menschen einer einzigen gesellschaftlichen Gruppe. Unter ihren Angehörigen konnten sich Personen mit sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten, Berufen und öffentlichen Verantwortlichkeiten befinden.

Paulus hatte bereits in 1. Korinther 1,26 darauf hingewiesen, dass unter den Berufenen nicht viele nach menschlichen Maßstäben Weise, Mächtige oder Vornehme waren. Diese Aussage bedeutet jedoch nicht, dass überhaupt keine gesellschaftlich angesehenen Menschen zum Glauben kamen. Auch in der Apostelgeschichte begegnen uns Personen, die innerhalb ihrer Gesellschaft Verantwortung trugen und sich dem Evangelium öffneten.

Die Erwähnung eines städtischen Amtsträgers im Umfeld des Paulus passt zu diesem vielfältigen Bild. Der Glaube an Jesus Christus war nicht auf einen einzigen Beruf oder eine bestimmte gesellschaftliche Stellung beschränkt.

Zugleich ist bemerkenswert, dass Paulus Erastus nicht aufgrund seines Amtes über die übrigen Glaubenden erhebt. Er wird gemeinsam mit anderen Christen genannt und übermittelt wie sie einen Gruß. Seine öffentliche Tätigkeit wird erwähnt, aber sie bildet keinen eigenen Maßstab für geistliche Bedeutung.

Damit entspricht die Darstellung einem Grundgedanken des Römerbriefes: Vor Gott besitzen Menschen keinen rettenden Vorzug aufgrund von Herkunft, Ansehen oder gesellschaftlicher Stellung. Alle stehen unter derselben Notwendigkeit der Gnade und werden durch denselben Glauben an Jesus Christus gerechtfertigt (Römer 3,22–24).

Das bedeutet nicht, dass gesellschaftliche Verantwortung bedeutungslos geworden wäre. Vielmehr bleibt ein Mensch auch innerhalb seiner beruflichen Tätigkeit dazu aufgerufen, Gottes Willen ernst zu nehmen. Bereits in Römer 12,17 hatte Paulus die Glaubenden ermahnt, auf das Gute vor allen Menschen bedacht zu sein. In Römer 13,1–7 hatte er außerdem das Verhältnis zur staatlichen Obrigkeit behandelt. Der Gruß an Erastus zeigt zumindest, dass eine Person mit städtischer Verwaltungsverantwortung im Umfeld des Apostels ausdrücklich erwähnt wird.

Welche konkreten Entscheidungen Erastus innerhalb seines Amtes traf, erfahren wir jedoch nicht. Deshalb dürfen wir ihm weder bestimmte politische Reformen noch eine besondere Verwaltungspraxis zuschreiben. Ebenso wenig wäre es begründet, sein Amt automatisch als Beweis außergewöhnlicher Frömmigkeit oder besonderer persönlicher Gerechtigkeit anzusehen. Paulus nennt seine Stellung, ohne darüber hinausgehende Aussagen über seine Amtsführung zu machen.

Der letzte namentlich erwähnte Mann heißt Quartus. Paulus bezeichnet ihn schlicht als „den Bruder“.

Nach den ausführlichen Angaben über Timotheus, den Schreiber Tertius, den gastfreundlichen Gajus und den städtischen Amtsträger Erastus wirkt diese Bezeichnung beinahe unscheinbar. Über Quartus erfahren wir weder seine Herkunft noch seinen Beruf oder eine besondere Aufgabe.

Sein Name ist lateinischen Ursprungs und bedeutet ursprünglich „der Vierte“. Damit besteht eine sprachliche Parallele zu Tertius, dessen Name „der Dritte“ bedeutet. Solche Namen waren in der römischen Gesellschaft gebräuchlich. Es wäre jedoch unbegründet, allein aus der Zahlenfolge eine familiäre Beziehung zwischen beiden Männern abzuleiten. Der Römerbrief behauptet nicht, dass Tertius und Quartus Brüder waren oder gemeinsam in derselben Familie aufwuchsen.

Auch die unmittelbare Stellung des Namens Quartus nach Erastus erlaubt keine sichere Aussage über eine leibliche Verwandtschaft der beiden. Paulus bezeichnet Quartus mit dem griechischen Wort adelphos, das im christlichen Sprachgebrauch häufig einen Glaubensbruder meint. Es ist deshalb am naheliegendsten, hier eine geistliche Zugehörigkeit auszudrücken.

Gerade diese schlichte Bezeichnung besitzt ihren eigenen Wert. Während Erastus durch seine öffentliche Tätigkeit vorgestellt wird, erscheint Quartus ohne jeden Hinweis auf eine besondere gesellschaftliche Stellung. Beide übermitteln jedoch ihren Gruß an die Christen in Rom.

Paulus unterscheidet nicht zwischen einem Gruß, der aufgrund eines öffentlichen Amtes besonders bedeutend wäre, und einem anderen, der wegen fehlender gesellschaftlicher Anerkennung weniger Gewicht hätte. Der Stadtverwalter und der Bruder werden gemeinsam genannt. Ihre unterschiedlichen Lebensverhältnisse heben ihre gemeinsame Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft nicht auf.

Diese Beobachtung entspricht dem Bild, das Paulus bereits in Römer 12,4–5 verwendet hatte. Ein Leib besitzt viele Glieder mit unterschiedlichen Aufgaben. Dennoch gehören sie zusammen, und keines soll seine Stellung unabhängig von den anderen verstehen. Die Bedeutung eines Menschen in der Gemeinde erschöpft sich deshalb nicht in seinem Amt, seinem Beruf oder seiner öffentlichen Bekanntheit.

Quartus erscheint nur an dieser einen Stelle des Römerbriefes. Seine spätere Lebensgeschichte bleibt unbekannt. Dennoch ist sein Name Teil des biblischen Zeugnisses geworden. Nicht weil Paulus außergewöhnliche Taten über ihn berichtet, sondern weil auch dieser Glaubensbruder zur Gemeinschaft der Menschen gehörte, die durch Christus miteinander verbunden waren.

Nach diesen letzten persönlichen Grüßen enthält die Schlachter 1951 in Vers 24 noch einmal einen Segenswunsch: „Die Gnade unsres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen! Amen.“

Diese Worte erinnern unmittelbar an den Schluss von Vers 20. Dort hatte Paulus bereits die Gnade des Herrn Jesus Christus über die Glaubenden ausgesprochen. Dass dieselbe Segensformel nach nur wenigen weiteren Versen erneut erscheint, ist eine auffällige Besonderheit der Textüberlieferung.

Um diese Stelle richtig einzuordnen, müssen wir berücksichtigen, dass die biblischen Schriften über viele Jahrhunderte von Hand abgeschrieben wurden. Die ursprünglichen Handschriften der neutestamentlichen Bücher sind nicht erhalten. Stattdessen stehen zahlreiche spätere Abschriften zur Verfügung, die miteinander verglichen werden können.

Bei diesem Vergleich zeigen sich gelegentlich Unterschiede. Manchmal betreffen sie einzelne Wörter oder Schreibweisen, manchmal die Reihenfolge bestimmter Formulierungen. In einigen Fällen enthalten bestimmte Handschriften einen Satz, der in anderen fehlt. Die wissenschaftliche Textkritik untersucht diese Unterschiede, um möglichst zuverlässig zu bestimmen, welcher Wortlaut der ursprünglichen Fassung am nächsten steht.

Römer 16,24 ist ein solcher Fall. Der Vers fehlt in mehreren gewichtigen frühen Handschriften, während andere Handschriften ihn enthalten. In einem Teil der Überlieferung steht die Segensformel sogar an einer anderen Stelle, nämlich nach dem abschließenden Lobpreis.

Da der Satz außerdem weitgehend den bereits in Vers 20 enthaltenen Segenswunsch wiederholt, halten die meisten heutigen Textforscher ihn für eine spätere Ergänzung. Wahrscheinlich wurde eine bekannte paulinische Schlussformel im Verlauf der handschriftlichen Überlieferung ein weiteres Mal an dieser Stelle eingefügt.

Die meisten modernen wissenschaftlichen Ausgaben des griechischen Neuen Testaments nehmen diesen Vers deshalb nicht in ihren fortlaufenden Haupttext auf. Manche Bibelübersetzungen lassen die Versnummer aus oder vermerken den Satz in einer Fußnote. Andere, darunter die Schlachter 1951, bewahren die längere überlieferte Fassung.

Diese Unterscheidung ist für das Verständnis der Bibel wichtig, sollte aber nicht zu unnötiger Verunsicherung führen. Die Segensformel enthält keine fremde oder dem übrigen Neuen Testament widersprechende Lehre. Die Gnade Jesu Christi ist eines der grundlegenden Themen des gesamten Römerbriefes. Zudem steht derselbe Segensgedanke bereits in Vers 20 und begegnet in ähnlicher Form in weiteren Briefen des Paulus.

Die eigentliche textkritische Frage lautet deshalb nicht, ob die darin ausgedrückte Botschaft biblisch richtig ist. Vielmehr geht es darum, ob Paulus diesen konkreten Satz an genau dieser Stelle ursprünglich ein zweites Mal geschrieben beziehungsweise schreiben ließ.

Nach dem derzeitigen Stand der Textforschung sprechen die stärkeren Gründe dagegen. Eine verantwortungsvolle Auslegung sollte diese Tatsache offen benennen, ohne daraus weitergehende Behauptungen über die Zuverlässigkeit des gesamten Römerbriefes abzuleiten.

Auch der anschließende Lobpreis in Römer 16,25–27 besitzt eine besondere handschriftliche Überlieferung. Er erscheint in verschiedenen Textzeugen an unterschiedlichen Stellen des Briefes. Seine genaue Einordnung wird im folgenden Abschnitt näher betrachtet werden. Für den vorliegenden Versbereich genügt zunächst die Feststellung, dass Römer 16,24 sehr wahrscheinlich eine später hinzugekommene Wiederholung der Gnadenformel aus Vers 20 darstellt.

Damit endet die Reihe der Grüße aus dem unmittelbaren Umfeld des Paulus. Noch einmal begegnet uns eine Vielfalt unterschiedlicher Menschen und Aufgaben. Timotheus wird als bewährter Mitarbeiter sichtbar, der über Jahre hinweg Verantwortung für die Gemeinden übernommen hatte. Lucius, Jason und Sosipater stehen für weitere persönliche Beziehungen innerhalb des missionarischen Umfeldes. Tertius erinnert an die praktische Arbeit, durch die der Brief schriftlich festgehalten wurde. Gajus verkörpert die Bedeutung großzügiger Gastfreundschaft, Erastus bringt eine Verbindung zur öffentlichen Verwaltung der Stadt ein, und Quartus wird schlicht als Glaubensbruder genannt.

Diese Menschen erfüllen nicht dieselbe Aufgabe. Sie besitzen offensichtlich unterschiedliche Fähigkeiten, Erfahrungen und Lebensmöglichkeiten. Dennoch verbindet sie etwas, das für Paulus bedeutender ist als ihre Verschiedenheit: Sie stehen in Beziehung zu Jesus Christus und zu der Gemeinschaft, die durch sein Evangelium entstanden ist.

Dabei wird noch einmal sichtbar, wie sehr Paulus auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen war. Obwohl er als Apostel eine besondere Berufung erhalten hatte, schrieb er seinen Brief nicht losgelöst von menschlichen Beziehungen. Er arbeitete mit Timotheus zusammen, ließ seine Worte durch Tertius niederschreiben und nahm die Gastfreundschaft des Gajus in Anspruch. Andere Männer aus seinem Umfeld beteiligten sich durch ihre Grüße an der Verbindung zur römischen Gemeinde.

Das Evangelium wurde durch Paulus verkündigt, aber seine Arbeit geschah nicht in menschlicher Selbstgenügsamkeit. Gott gebrauchte verschiedene Menschen, damit die Botschaft Jesu Christi weitergegeben werden konnte. Der Apostel verschweigt ihre Beteiligung nicht. Er gibt ihnen Raum und würdigt ihre Zugehörigkeit zum gemeinsamen Werk.

Gerade darin liegt die bleibende Bedeutung dieser Verse. Christlicher Dienst beschränkt sich nicht auf eine einzige Form geistlicher Tätigkeit. Verkündigung, Unterweisung, schriftliche Arbeit, Gastfreundschaft, öffentliche Verantwortung und geschwisterliche Unterstützung können auf unterschiedliche Weise mit einem Leben verbunden sein, das Jesus Christus gehört.

Nicht jeder Dienst wird von allen Menschen gesehen. Manche Aufgaben bleiben im Hintergrund und erhalten nur wenig öffentliche Anerkennung. Doch die Grußliste erinnert daran, dass das Wachstum und die Bewahrung der christlichen Gemeinschaft von weit mehr Menschen getragen werden als von denjenigen, die öffentlich im Mittelpunkt stehen.

Bevor Paulus seinen Brief endgültig beschließt, hat er zahlreiche Glaubende beim Namen genannt. Einige von ihnen sind uns aus anderen biblischen Berichten bekannt. Von anderen wissen wir fast nichts. Dennoch gehören sie alle zu jener Gemeinschaft, in der Gottes Gnade wirksam geworden war.

Nach den persönlichen Grüßen richtet sich der Blick nun noch einmal auf den Ursprung und das Ziel dieser Gnade. Paulus wird seinen Brief nicht mit der Würdigung menschlicher Mitarbeiter beenden, sondern mit einem Lobpreis Gottes. Denn so bedeutsam die Treue der einzelnen Glaubenden auch ist, der eigentliche Mittelpunkt des Evangeliums bleibt der Gott, der seinen lange verborgenen Heilsplan durch Jesus Christus offenbart hat.

Römer 16,25–27

Das offenbarte Geheimnis Gottes und der ewige Lobpreis seiner Weisheit

Nach den zahlreichen persönlichen Grüßen und der ernsten Warnung vor geistlicher Verführung erreicht der Römerbrief seinen feierlichen Abschluss. Paulus richtet den Blick nun nicht mehr auf einzelne Glaubensgeschwister, ihre Aufgaben oder die Herausforderungen der Gemeinde. Seine letzten Worte gelten Gott selbst. Er preist denjenigen, der die Glaubenden stärken kann, der seinen lange verborgenen Heilsplan durch Jesus Christus offenbart hat und der diese Botschaft allen Völkern bekannt machen lässt. Der Brief endet damit nicht bei menschlicher Treue oder menschlicher Verantwortung, sondern bei Gottes Weisheit, seiner rettenden Macht und der Herrlichkeit, die ihm durch Jesus Christus gebührt.

Die Verse 25–27 bilden einen zusammenhängenden Lobpreis. Eine solche feierliche Verherrlichung Gottes wird auch als Doxologie bezeichnet. Das Wort stammt aus dem Griechischen und meint eine Aussage, durch die Gott Ehre und Herrlichkeit zugesprochen werden. In der Bibel begegnen solche Lobpreisungen besonders dort, wo Menschen über Gottes Wesen, seine Taten und seine unbegreifliche Weisheit nachdenken. Der Lobpreis ist dabei nicht einfach eine religiöse Schlussformel. Er bringt zum Ausdruck, dass Gottes Handeln so groß und bedeutungsvoll ist, dass menschliche Erkenntnis schließlich in Anbetung mündet.

Schon in Römer 11,33–36 hatte Paulus eine ähnliche Reaktion gezeigt. Nachdem er ausführlich über Gottes Handeln an Israel und den Völkern gesprochen hatte, brach er in einen Lobpreis über den Reichtum der Weisheit und Erkenntnis Gottes aus. Er erkannte, dass Gottes Wege weit über das hinausreichen, was Menschen aus eigener Einsicht vollständig erfassen können. Am Ende des gesamten Briefes greift Paulus diesen Gedanken erneut auf. Was er über Sünde, Gnade, Rechtfertigung, Heiligung, Erwählung und das christliche Leben erklärt hat, führt ihn letztlich zurück zu dem Gott, von dem die Erlösung ausgeht.

Bevor die einzelnen Aussagen betrachtet werden, verdient eine Besonderheit der handschriftlichen Überlieferung Beachtung. Der abschließende Lobpreis steht nicht in allen alten Handschriften an derselben Stelle. Zahlreiche bedeutende Textzeugen überliefern ihn am Ende von Kapitel 16, andere nach Römer 14,23 oder nach Römer 15,33. In manchen Handschriften erscheint er sogar an zwei Stellen.

Diese Unterschiede haben zu verschiedenen Erklärungsversuchen geführt. Möglicherweise war der Römerbrief in der frühen Überlieferung in unterschiedlich langen Fassungen verbreitet. Andere Forscher vermuten, dass die Stellung des Lobpreises während des Abschreibens verändert wurde. Die genaue Entstehung dieser Unterschiede ist nicht abschließend geklärt.

Die frühe und breite Bezeugung der Verse spricht jedoch dafür, dass der Lobpreis zur alten Römerbriefüberlieferung gehört. Gute Gründe bestehen auch dafür, ihn am Ende von Kapitel 16 zu lesen, wie es die Schlachter 1951 und viele andere Bibelausgaben tun. Unabhängig von der diskutierten Stellung stehen seine Aussagen in enger Übereinstimmung mit den grundlegenden Gedanken des Briefes. Besonders die Verbindung zwischen Evangelium, prophetischen Schriften und Glaubensgehorsam greift Themen auf, die Paulus bereits am Anfang seines Schreibens eingeführt hatte.

In Vers 25 beginnt der Lobpreis mit den Worten: „Dem aber, der euch stärken kann“. Paulus richtet seine Verehrung damit an Gott, dessen Macht ausreicht, die Glaubenden zu festigen und zu bewahren.

Diese Aussage ist besonders bemerkenswert, weil Paulus zuvor ausführlich beschrieben hatte, welchen Herausforderungen Christen begegnen können. Die Glaubenden müssen mit Versuchungen umgehen, gegen die Sünde kämpfen, unterschiedliche Gewissensüberzeugungen anderer achten und sich vor irreführenden Lehren schützen. Sie sollen einander lieben, im Guten weise handeln und auch unter schwierigen Umständen an Christus festhalten.

Angesichts dieser Anforderungen könnte leicht der Eindruck entstehen, dass das Gelingen des christlichen Lebens vor allem von der persönlichen Stärke des Menschen abhängt. Paulus setzt am Ende jedoch einen anderen Schwerpunkt. Nicht die eigene Willenskraft der Glaubenden bildet den letzten Grund ihrer Hoffnung, sondern Gott selbst, der sie stärken kann.

Das griechische Verb stērizō, das hinter dieser Aussage steht, bezeichnet ein Festigen, Stärken oder Beständigmachen. Es kann die Vorstellung vermitteln, dass jemand einen festen Halt erhält und dadurch nicht leicht erschüttert wird. Im geistlichen Zusammenhang geht es um Glaubende, deren Vertrauen auf Gott gefestigt wird, damit sie auf seinem Weg bleiben können.

Bereits am Anfang seines Briefes hatte Paulus einen ähnlichen Gedanken ausgesprochen. In Römer 1,11–12 erklärte er, dass er die Christen in Rom besuchen möchte, um zu ihrer geistlichen Stärkung beizutragen. Zugleich hoffte er, durch ihren gegenseitigen Glauben gemeinsam mit ihnen ermutigt zu werden.

Nun wird am Ende deutlich, woher solche geistliche Festigkeit letztlich kommt. Paulus kann lehren, ermahnen, ermutigen und für die Gemeinde beten. Andere Glaubensgeschwister können einander unterstützen. Doch die Macht, die einen Menschen innerlich im Glauben erhält, besitzt Gott selbst.

Dabei bedeutet göttliche Stärkung nicht, dass ein Christ niemals schwach wird, keine Fragen mehr hat oder von Schwierigkeiten verschont bleibt. Paulus hatte selbst zahlreiche Bedrängnisse erfahren. In Römer 8,35–39 hatte er ausdrücklich von Trübsal, Angst, Verfolgung, Hunger, Blöße, Gefahr und Schwert gesprochen. Seine Hoffnung bestand nicht darin, dass solche Erfahrungen grundsätzlich unmöglich würden. Vielmehr war er überzeugt, dass nichts die Glaubenden von der Liebe Gottes trennen kann, die in Jesus Christus ist.

Die Stärkung, von der Römer 16,25 spricht, ist deshalb tiefer als ein Leben ohne Widerstände. Gott kann Menschen so im Glauben festigen, dass sie selbst unter schwierigen Umständen an ihm festhalten und ihre Hoffnung nicht verlieren. Er gibt ihnen durch sein Wort Orientierung, durch seinen Geist Kraft und durch Jesus Christus eine feste Grundlage ihrer Erlösung.

Paulus fügt hinzu, dass diese Stärkung „laut meines Evangeliums und der Predigt von Jesus Christus“ geschieht.

Der Ausdruck „mein Evangelium“ könnte zunächst missverstanden werden. Paulus spricht jedoch nicht von einer selbst erfundenen religiösen Botschaft, die sich von der Verkündigung Jesu oder der übrigen Apostel unterscheiden würde. Er bezeichnet damit das Evangelium, das ihm persönlich zur Verkündigung anvertraut wurde.

Schon in Römer 1,1 hatte er sich als einen zum Evangelium Gottes ausgesonderten Apostel vorgestellt. Anschließend erklärte er, dass diese Botschaft zuvor durch die Propheten in den heiligen Schriften verheißen worden war und Jesus Christus, den Sohn Gottes, zum Inhalt hat (Römer 1,2–4).

Damit ist die Herkunft des Evangeliums eindeutig. Es stammt von Gott. Jesus Christus ist sein Mittelpunkt, und Paulus ist zu seiner Verkündigung berufen worden. Wenn er von „meinem Evangelium“ spricht, bringt er seine persönliche Verantwortung für diese Botschaft zum Ausdruck, ohne sich selbst zu ihrem Ursprung zu machen.

Dass Paulus unmittelbar die Predigt von Jesus Christus nennt, bestätigt diesen Zusammenhang. Das Evangelium ist keine allgemeine religiöse Lebensphilosophie, die lediglich zu besserem Verhalten auffordert. Es verkündigt, was Gott durch seinen Sohn zur Rettung der Menschen getan hat.

Jesus Christus ist derjenige, in dem Gottes Verheißungen ihre entscheidende Erfüllung finden. Durch seinen Tod und seine Auferstehung wird die Grundlage der Erlösung sichtbar. In Römer 3,21–26 hatte Paulus erklärt, dass Gottes Gerechtigkeit durch den Glauben an Jesus Christus offenbar wird und Menschen aus Gnade gerechtfertigt werden. In Römer 5 hatte er gezeigt, wie Christus dort Rettung bringt, wo die Sünde Adams Verderben und Tod nach sich zog. In Römer 6–8 hatte er entfaltet, wie die Verbindung mit Christus ein neues Leben ermöglicht.

Wenn Paulus nun erklärt, dass Gott die Glaubenden entsprechend diesem Evangelium stärken kann, verbindet er ihre geistliche Festigkeit mit dem Inhalt der rettenden Botschaft selbst. Der christliche Glaube wird nicht dadurch stark, dass Menschen unabhängig von Christus besondere religiöse Fähigkeiten entwickeln. Er wird dort gefestigt, wo sie Gottes Handeln in Jesus Christus erkennen, seiner Gnade vertrauen und in der Gemeinschaft mit ihm bleiben.

Besonders deutlich wird dies im Unterschied zwischen menschlichem Verdienst und göttlicher Gnade. Ein Mensch, der seine Sicherheit ausschließlich auf die eigene Leistung gründet, muss ständig befürchten, dass seine Schwächen und sein Versagen ihn endgültig zu Fall bringen. Das Evangelium zeigt dagegen, dass die Erlösung ihren Ursprung in Gottes Barmherzigkeit hat. Wer Christus vertraut, darf seine Hoffnung auf dessen vollbrachtes Erlösungswerk setzen.

Diese Gnade führt zugleich nicht zu Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Verhalten. Paulus hatte bereits in Römer 6,1–2 der Vorstellung widersprochen, dass Christen in der Sünde bleiben sollten, damit die Gnade umso größer werde. Wer durch Christus ein neues Leben empfangen hat, soll der Sünde nicht länger dienen.

Gerade deshalb ist das Evangelium die Grundlage geistlicher Stärkung. Es schenkt dem Menschen nicht nur Vergebung, sondern ruft ihn in eine neue Lebensbeziehung mit Gott. Aus dieser Beziehung erwachsen Vertrauen, Hingabe und die Kraft zu einem veränderten Leben.

Im weiteren Verlauf von Vers 25 spricht Paulus von der „Offenbarung des Geheimnisses“, das von ewigen Zeiten her verschwiegen gewesen sei.

Damit verwendet er einen Begriff, der im Neuen Testament eine besondere Bedeutung besitzt. Das griechische Wort mystērion, von dem unser deutsches Wort „Mysterium“ stammt, bezeichnet im paulinischen Sprachgebrauch häufig einen göttlichen Ratschluss, der lange verborgen war und nun durch Gottes Offenbarung bekannt gemacht wird.

Ein solches Geheimnis ist nicht einfach ein schwieriges Rätsel, das besonders kluge Menschen durch Spekulation lösen könnten. Ebenso wenig handelt es sich um eine geheime religiöse Lehre, die nur einem kleinen Kreis Eingeweihter zugänglich sein soll. Entscheidend ist vielmehr, dass Gott selbst offenbart, was Menschen aus eigener Erkenntnis nicht vollständig erschließen konnten.

Paulus verbindet also zwei Gedanken miteinander. Der Heilsplan Gottes besitzt eine lange, dem menschlichen Erkennen zunächst nur teilweise zugängliche Vorgeschichte. Gleichzeitig ist nun eine neue Zeit angebrochen, in der Gott diesen Plan durch Jesus Christus entscheidend sichtbar gemacht hat.

Die Formulierung „von ewigen Zeiten her“ unterstreicht dabei die zeitliche Tiefe des göttlichen Ratschlusses. Gottes Erlösungshandeln entstand nicht erst als Reaktion auf unerwartete Schwierigkeiten. Nach dem Zeugnis des Neuen Testaments gehört die Rettung durch Christus zu Gottes weit zurückreichendem Vorsatz.

In 2. Timotheus 1,9–10 wird erklärt, dass Gottes Gnade in Christus Jesus vor den Zeiten der Welt gegeben und nun durch das Erscheinen des Erlösers offenbar geworden ist. Auch Epheser 1,4–10 führt den Blick auf Gottes ewigen Heilswillen zurück und verbindet ihn mit der Erlösung und dem Ziel, alles in Christus zusammenzufassen.

Diese Aussagen helfen, die Bedeutung des verborgenen Geheimnisses zu verstehen. Gottes Heilsplan hatte seinen Ursprung nicht in menschlichen Überlegungen. Er ging von Gott selbst aus und wurde im Verlauf der Geschichte zunehmend offenbart.

Dabei wäre es allerdings falsch anzunehmen, dass Gott in den Jahrhunderten vor Christus überhaupt nichts über die Erlösung mitgeteilt hätte. Bereits die frühen Bücher der Bibel enthalten Verheißungen, die auf Gottes rettendes Handeln hinweisen. In 1. Mose 3,15 wird nach dem Sündenfall angekündigt, dass die Feindschaft zwischen der Schlange und dem Nachkommen der Frau nicht ohne eine entscheidende Überwindung des Bösen enden wird. Abraham erhält die Verheißung, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollen (1. Mose 12,3).

Später sprechen die Propheten von einem kommenden gerechten Herrscher, einem leidenden Gottesknecht, einem neuen Bund und einer umfassenden Erneuerung des Volkes Gottes. Solche Verheißungen zeigen, dass Gottes Erlösungsabsicht schon lange vor dem Auftreten Jesu Christi bekannt gemacht wurde.

Wie kann Paulus dann behaupten, dieses Geheimnis sei über lange Zeiten hinweg verschwiegen gewesen?

Der Schlüssel liegt in der Unterscheidung zwischen einer vorausgehenden Verheißung und ihrer vollständigen geschichtlichen Offenbarung. Gott hatte seinen Heilsplan bereits angekündigt. Doch das ganze Ausmaß und die konkrete Weise seiner Erfüllung waren noch nicht in derselben Klarheit erkennbar, wie sie durch das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi offenbar wurden.

Die Propheten verkündigten Gottes Verheißungen, ohne notwendigerweise jede Einzelheit ihrer späteren Erfüllung zu überblicken. Erst im Licht Jesu Christi wird die innere Verbindung vieler alttestamentlicher Aussagen in neuer Weise verständlich.

Ein besonders aufschlussreicher Paralleltext findet sich in 1. Petrus 1,10–12. Dort wird beschrieben, dass die Propheten über die verheißene Gnade forschten und nach der Zeit und den Umständen suchten, auf die ihre Botschaft hinwies. Sie verkündigten Dinge, deren vollständige Erfüllung erst später sichtbar wurde. Die neutestamentlichen Verkündiger konnten nun berichten, was durch Jesus Christus tatsächlich geschehen war.

Der Begriff des Geheimnisses enthält deshalb nicht die Vorstellung eines Widerspruchs zwischen Altem und Neuem Testament. Er beschreibt die fortschreitende Offenbarung eines göttlichen Heilsplans, der bereits verheißen war und nun in Christus seine entscheidende geschichtliche Erfüllung gefunden hat.

Besonders deutlich wird dies im nächsten Vers. Paulus erklärt, dass das zuvor verborgene Geheimnis „jetzt aber geoffenbart“ worden ist.

Das kleine Wort „jetzt“ besitzt hier eine große Bedeutung. Es beschreibt den entscheidenden Unterschied zwischen der Zeit der Verheißung und der Zeit ihrer Erfüllung. Gott hat nicht lediglich weitere Hinweise auf einen zukünftigen Erlöser gegeben. Jesus Christus ist tatsächlich gekommen. Sein Leben, sein Tod und seine Auferstehung bilden die geschichtliche Grundlage dafür, dass Gottes Heilsplan nun in einer neuen Klarheit verkündigt werden kann.

Damit stimmt der Schluss des Römerbriefes mit seiner früheren Argumentation überein. In Römer 3,21 hatte Paulus erklärt, dass Gottes Gerechtigkeit jetzt offenbar geworden ist, obwohl sie bereits durch das Gesetz und die Propheten bezeugt wurde. Schon dort stehen zwei Gedanken nebeneinander: Die frühere Heilige Schrift gab Zeugnis von Gottes Rettung, und dennoch ist durch Christus eine entscheidende neue Offenbarung geschehen.

Der Begriff „Gesetz und Propheten“ bezeichnet in diesem Zusammenhang die alttestamentlichen Schriften. Paulus stellt sie nicht als überholte Irrtümer dar, die nun durch eine völlig fremde Botschaft ersetzt werden müssten. Er versteht sie vielmehr als Zeugnisse desselben Gottes, dessen rettendes Handeln in Jesus Christus sichtbar geworden ist.

In Römer 16,26 führt Paulus diesen Gedanken weiter. Das offenbarte Geheimnis ist durch prophetische Schriften bekannt gemacht worden.

Mit diesen Schriften sind im unmittelbaren Zusammenhang besonders die alttestamentlichen prophetischen Zeugnisse gemeint. Zwar lässt die allgemeine Formulierung Raum für weiterführende Fragen, doch bereits Römer 1,2 spricht ausdrücklich davon, dass Gott sein Evangelium zuvor durch seine Propheten in den heiligen Schriften verheißen hatte. Diese Verbindung zwischen Anfang und Ende des Briefes ist besonders stark.

Paulus beruft sich also nicht auf eine Botschaft, die ohne jeden Bezug zur früheren Offenbarung Gottes entstanden wäre. Er zeigt vielmehr, dass die Verkündigung Jesu Christi im Einklang mit dem prophetischen Zeugnis steht.

Dies lässt sich an mehreren Aussagen des Römerbriefes nachvollziehen. In Römer 4 verweist Paulus auf Abraham, um zu erklären, dass die Rechtfertigung durch Glauben nicht erst mit seiner eigenen Verkündigung beginnt. Bereits Abraham glaubte Gott, und dieser Glaube wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet (1. Mose 15,6; Römer 4,3).

In Römer 9–11 greift Paulus zahlreiche prophetische Aussagen auf, um Gottes Handeln an Israel und den Völkern zu erklären. Dabei begegnen uns unter anderem Hosea, Jesaja und andere alttestamentliche Zeugnisse. Paulus versucht, die gegenwärtige Ausbreitung des Evangeliums nicht losgelöst von Gottes früheren Verheißungen zu verstehen.

Besonders deutlich wird der Zusammenhang in Römer 15,8–12. Dort erklärt Paulus, dass Christus zum Diener der Beschneidung geworden sei, um Gottes Wahrhaftigkeit zu bestätigen und die Verheißungen an die Väter zu erfüllen. Zugleich sollen die Völker Gott um seiner Barmherzigkeit willen verherrlichen. Zur Begründung verbindet Paulus mehrere alttestamentliche Aussagen, darunter Texte aus den Psalmen, aus dem fünften Buch Mose und aus Jesaja.

Damit hat er bereits vor dem abschließenden Lobpreis gezeigt, wie die Einbeziehung der Völker in Gottes Heilsplan mit den früheren Schriften verbunden ist.

Hierin liegt ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der gesamten Bibel. Die Erlösung durch Jesus Christus ist keine nachträgliche Veränderung von Gottes ursprünglicher Absicht. Vielmehr offenbart sie, wie Gott seine früheren Verheißungen erfüllt. Die Propheten sahen voraus auf Gottes kommendes Heil; die apostolische Verkündigung bezeugt, wie dieses Heil durch Jesus Christus Wirklichkeit geworden ist.

Die Verbindung zwischen prophetischer Verheißung und neutestamentlicher Erfüllung verlangt allerdings eine sorgfältige Auslegung. Nicht jede alttestamentliche Aussage darf ohne Rücksicht auf ihren ursprünglichen Zusammenhang unmittelbar auf Jesus oder die christliche Gemeinde übertragen werden. Entscheidend ist, ob der Text selbst, seine Stellung innerhalb der biblischen Geschichte oder seine ausdrückliche Aufnahme im Neuen Testament eine solche Verbindung begründet.

Paulus selbst bietet im Römerbrief zahlreiche Beispiele dafür, wie er ausgehend vom alttestamentlichen Wortlaut und den Verheißungen Gottes die Bedeutung Christi erklärt. Die prophetischen Schriften dienen ihm nicht als beliebige Sammlung verborgener Hinweise, sondern als Zeugnis des Gottes, der seine Zusagen erfüllt.

In Vers 26 fügt Paulus hinzu, dass die Bekanntmachung des Geheimnisses „auf Befehl des ewigen Gottes“ geschieht.

Damit wird der Ursprung der weltweiten Verkündigung hervorgehoben. Das Evangelium soll nicht deshalb unter die Völker gelangen, weil Paulus aus persönlichem Ehrgeiz möglichst viele Menschen erreichen möchte. Hinter dem Auftrag steht Gott selbst.

Diese Aussage entspricht der Berufung des Paulus, wie sie bereits in Römer 1,1–5 beschrieben wird. Er versteht seinen apostolischen Dienst als einen Auftrag, den er durch Jesus Christus empfangen hat. Sein Ziel besteht darin, unter den Völkern Menschen zum Glauben zu führen.

Auch in Römer 15,15–18 erklärt Paulus, dass seine Tätigkeit unter den Nichtjuden auf der Gnade beruht, die Gott ihm gegeben hat. Er möchte nicht von seinen eigenen Leistungen sprechen, sondern von dem, was Christus durch ihn bewirkt hat.

Der göttliche Befehl zur Verkündigung macht deshalb deutlich, dass die Ausbreitung des Evangeliums Teil von Gottes eigenem Handeln ist. Der Mensch ist berufen, die Botschaft weiterzugeben. Doch ihr Ursprung, ihre Wahrheit und ihre rettende Kraft kommen nicht aus menschlicher Weisheit.

Besonders bedeutsam ist dabei die Bezeichnung Gottes als „ewiger Gott“. Paulus hatte gerade von dem Geheimnis gesprochen, das über lange Zeiten hinweg verborgen geblieben war. Nun erklärt er, dass derjenige, der seine Offenbarung und Bekanntmachung veranlasst, selbst ewig ist.

Der Gegensatz ist eindrücklich. Menschliche Generationen kommen und gehen. Reiche entstehen und verschwinden. Gesellschaftliche Ordnungen verändern sich, und das Wissen der Menschen bleibt begrenzt. Gott dagegen ist nicht an diese Grenzen gebunden. Sein Heilsplan reicht über einzelne Generationen hinaus, und seine Verheißungen verlieren nicht dadurch ihre Gültigkeit, dass ihre vollständige Erfüllung noch aussteht.

Die Ewigkeit Gottes unterstreicht somit seine Beständigkeit und Treue. Er ist derselbe Gott, der zu Abraham sprach, die Propheten sandte und schließlich seinen Sohn in die Welt kommen ließ. Seine Rettungsabsicht ist nicht von kurzfristigen menschlichen Entwicklungen abhängig.

Paulus erklärt anschließend, dass das offenbarte Geheimnis „für alle Völker“ kundgetan wird.

Damit erreicht der Lobpreis einen Gedanken, der den gesamten Römerbrief durchzieht. Gottes Heilsplan ist nicht auf eine einzige Volksgruppe beschränkt. Die Botschaft von Jesus Christus soll Menschen jeder Herkunft erreichen.

Bereits in Römer 1,16 hatte Paulus das Evangelium als Gottes Kraft zur Rettung für jeden bezeichnet, der glaubt, zuerst für den Juden und ebenso für den Griechen. In Römer 3,29–30 erklärte er, dass Gott nicht nur der Gott der Juden, sondern auch der Gott der Völker ist. Derselbe Gott rechtfertigt beide durch den Glauben.

Diese Aussagen erhalten am Briefende eine erneute Bestätigung. Gottes Offenbarung soll allen Völkern bekannt gemacht werden. Der Zugang zu seiner Gnade wird nicht durch ethnische Abstammung, gesellschaftliche Stellung oder kulturelle Herkunft begrenzt.

Die Formulierung „alle Völker“ bedeutet nicht, dass Paulus behauptet, jeder einzelne Mensch habe das Evangelium zu diesem Zeitpunkt bereits gehört. Ebenso wenig sagt er, dass automatisch alle Menschen zum rettenden Glauben kommen würden. Vielmehr beschreibt er die umfassende Zielrichtung der Verkündigung. Kein Volk soll grundsätzlich von der Botschaft ausgeschlossen sein.

Dabei hat der griechische Begriff ethnē eine besondere Bedeutung. Er kann allgemein Völker oder Nationen bezeichnen, wird aber im jüdisch-christlichen Sprachgebrauch häufig für die nichtjüdischen Völker verwendet. Gerade im Zusammenhang der Berufung des Paulus tritt die Einbeziehung der Nichtjuden deshalb besonders hervor.

Doch die Öffnung des Evangeliums für die Völker bedeutet nicht, dass Gottes frühere Verheißungen an Israel bedeutungslos geworden wären. Paulus hatte in Römer 9–11 ausführlich vor einer solchen Schlussfolgerung gewarnt. Die Glaubenden aus den Völkern sollen sich nicht über Israel erheben, sondern erkennen, dass sie allein durch Gottes Gnade Anteil an den Verheißungen erhalten.

Das Bild des Ölbaums in Römer 11,17–24 macht diesen Zusammenhang besonders anschaulich. Menschen aus den Völkern werden mit Zweigen verglichen, die in einen bestehenden Ölbaum eingepfropft werden. Sie erhalten Anteil an dessen Wurzel und Saft, ohne deshalb Anlass zum Hochmut zu besitzen.

Die weltweite Verkündigung des Evangeliums ist deshalb kein Beweis dafür, dass Gott seine früheren Zusagen vergessen hätte. Sie gehört vielmehr zur umfassenden Entfaltung seiner Barmherzigkeit.

Schon Abraham war verheißen worden, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollen (1. Mose 12,3). Auch Jesaja spricht davon, dass Gottes Heil bis an die Enden der Erde reichen soll (Jesaja 49,6). Wenn Paulus nun von der Bekanntmachung des Evangeliums unter allen Völkern spricht, steht seine Aussage in dieser weitreichenden Linie der göttlichen Verheißung.

In Epheser 3,3–6 wird dieser Zusammenhang noch näher erklärt. Dort spricht Paulus ebenfalls von dem zuvor verborgenen und nun offenbarten Geheimnis. Er beschreibt ausdrücklich, dass die Menschen aus den Völkern durch das Evangelium in Christus Jesus Miterben, Glieder desselben Leibes und Teilhaber der Verheißung geworden sind.

Damit wird eine wichtige Dimension des göttlichen Geheimnisses sichtbar. Gott möchte nicht bloß einzelne Menschen unterschiedlicher Herkunft unabhängig voneinander retten. Durch Jesus Christus schafft er eine neue Gemeinschaft, in der Glaubende aus Israel und den Völkern gemeinsam zu seinem Volk gehören.

Diese Einheit beruht nicht darauf, dass alle Menschen dieselbe Kultur, dieselben Lebensgewohnheiten oder dieselbe gesellschaftliche Stellung annehmen müssten. Ihr gemeinsamer Mittelpunkt ist Jesus Christus. Durch ihn erhalten sie Zugang zum Vater und werden durch den Heiligen Geist miteinander verbunden (Epheser 2,13–22).

So verbindet die weltweite Bekanntmachung des Geheimnisses die persönliche Rettung des einzelnen Menschen mit Gottes größerem Ziel, Menschen aus allen Völkern in Christus zu sammeln.

Paulus nennt schließlich auch den Zweck dieser Verkündigung: Sie geschieht „zum Gehorsam des Glaubens“.

Diese Formulierung gehört zu den bedeutendsten Aussagen des gesamten Römerbriefes. Sie erscheint bereits am Anfang in Römer 1,5 und nun erneut am Ende in Römer 16,26. Dadurch entsteht eine bewusste Verbindung zwischen der Einleitung und dem Schluss des Schreibens.

Die Botschaft, die Paulus von Anfang an verkündigt, hat ein bestimmtes Ziel: Menschen sollen auf Gottes Offenbarung im Glauben antworten und in eine Lebensbeziehung eintreten, die von der Anerkennung seines Willens geprägt ist.

Der griechische Ausdruck hypakoē pisteōs verbindet die Begriffe Gehorsam und Glaube eng miteinander. Über die genauere Beziehung dieser beiden Wörter wird in der Auslegung diskutiert. Einerseits kann der Ausdruck den Gehorsam bezeichnen, der im Glauben selbst besteht, weil der Mensch Gottes Botschaft annimmt und sich ihm anvertraut. Andererseits kann er den Gehorsam meinen, der aus dem Glauben hervorgeht und das weitere Leben des Menschen bestimmt.

Beide Gedanken sind im Römerbrief eng miteinander verbunden. Sie sollten deshalb nicht vorschnell gegeneinander ausgespielt werden.

Bereits die Annahme des Evangeliums verlangt eine Antwort auf Gottes Wort. Der Mensch wird eingeladen, seine eigene Selbstherrschaft aufzugeben, Gottes Urteil über die Sünde anzuerkennen und seiner Verheißung in Jesus Christus zu vertrauen. In diesem Sinn ist der Glaube selbst mit einer gehorsamen Hinwendung zu Gott verbunden.

Gleichzeitig erschöpft sich echter Glaube nicht in einem einmaligen inneren Bekenntnis. Wer Jesus Christus vertraut, wird dazu berufen, sein Leben nach Gottes Willen auszurichten.

In Römer 6,17–18 hatte Paulus den Glaubenden dafür gedankt, dass sie von Herzen der ihnen überlieferten Lehre gehorsam geworden waren. Er verbindet diesen Gehorsam mit ihrer Befreiung von der Herrschaft der Sünde. In Römer 8,3–4 erklärt er, dass Gott durch das Handeln seines Sohnes die Sünde verurteilte, damit die Rechtsforderung des Gesetzes in denen erfüllt werde, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln.

Damit wird deutlich, dass Paulus zwischen der Rechtfertigung aus Gnade und dem Leben im Gehorsam keinen Widerspruch sieht. Er verwirft die Vorstellung, dass der Mensch durch eigene Gesetzeswerke seine Rechtfertigung verdienen könnte. Zugleich lehnt er aber ebenso die Auffassung ab, dass Gottes Gnade den Menschen zu einem Leben im Ungehorsam berechtige.

Schon in Römer 3,31 hatte Paulus ausdrücklich gefragt, ob durch den Glauben das Gesetz aufgehoben werde. Seine Antwort lautet entschieden nein; vielmehr werde das Gesetz aufgerichtet. Der Glaube macht Gottes Willen also nicht bedeutungslos.

Die entscheidende Unterscheidung liegt darin, welche Rolle der Gehorsam im Verhältnis zur Erlösung besitzt. Er ist nicht der Preis, mit dem der Mensch Gottes Annahme erkauft. Die Rechtfertigung ist Gottes gnädiges Geschenk, das im Glauben angenommen wird. Doch derselbe Glaube führt den Menschen in eine neue Beziehung zu Gott und bleibt nicht ohne Auswirkungen auf seine Entscheidungen und sein Verhalten.

Daher wäre es ebenso einseitig, den Ausdruck „Gehorsam des Glaubens“ ausschließlich auf das bloße Fürwahrhalten bestimmter Aussagen zu beschränken, wie ihn als Forderung nach einer selbst erwirkten Gerechtigkeit zu verstehen.

Paulus spricht von einer Antwort auf das Evangelium, in der Vertrauen und Hingabe zusammengehören. Wer Gottes rettender Gnade wirklich vertraut, erkennt auch seine Herrschaft an und möchte nach seinem Willen leben.

Dass dieser Gehorsam „des Glaubens“ genannt wird, ist deshalb wesentlich. Die Kraft zu einem neuen Leben entspringt nicht einer von Christus unabhängigen menschlichen Leistung. Gott schenkt durch seinen Geist die Möglichkeit, das Leben neu auszurichten. Der Mensch ist aufgerufen, sich diesem Wirken nicht zu verschließen, sondern im Glauben darauf zu antworten.

Gerade im Zusammenhang mit der weltweiten Verkündigung ist dieser Gedanke bedeutsam. Paulus möchte nicht lediglich erreichen, dass Menschen aus möglichst vielen Völkern den Namen Jesu kennen. Sein Auftrag zielt darauf, dass sie tatsächlich zu Christus finden und sich unter seine Herrschaft stellen.

Das Evangelium ist somit zugleich eine Botschaft der Rettung und ein Ruf in die Nachfolge. Es verkündigt Gottes Gnade und ruft den Menschen dazu auf, dieser Gnade mit Vertrauen und Gehorsam zu begegnen.

Nachdem Paulus die rettende Macht Gottes, die Offenbarung seines Geheimnisses, die prophetischen Verheißungen und die weltweite Verkündigung beschrieben hat, erreicht der lange Satz in Vers 27 seinen eigentlichen Höhepunkt: „Ihm, dem allein weisen Gott, durch Jesus Christus, sei die Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“

Nun wird ausdrücklich ausgesprochen, worauf der gesamte Lobpreis zuläuft. Gott allein gebührt die Ehre.

Besonders auffällig ist, dass Paulus Gott nicht nur als mächtig, ewig oder barmherzig bezeichnet. Er nennt ihn den „allein weisen Gott“.

Die Weisheit Gottes ist im Römerbrief von grundlegender Bedeutung. Sie zeigt sich darin, wie Gott trotz der Sünde und Untreue des Menschen seinen gerechten und barmherzigen Heilswillen verwirklicht. Gottes Handeln ist nicht willkürlich. Es offenbart eine Weisheit, die den menschlichen Verstand übersteigt und dennoch in seinen Verheißungen und Taten erkennbar wird.

Bereits in Römer 11,33 hatte Paulus über den Reichtum der Weisheit und Erkenntnis Gottes gestaunt. Dort stand besonders die Frage im Mittelpunkt, wie Gottes Handeln an Israel und den Völkern miteinander zusammenhängt. Der Apostel erkannte, dass Gottes Wege nicht vollständig auf menschliche Berechnungen reduziert werden können.

Am Ende des Briefes erscheint nun derselbe Grundgedanke in einer umfassenden Form. Gott hat seinen Heilsplan über lange Zeiten hinweg vorbereitet. Er hat durch die Propheten davon Zeugnis gegeben, ihn durch Jesus Christus entscheidend offenbart und seine Bekanntmachung unter den Völkern angeordnet. Darin erkennt Paulus eine Weisheit, die keinem geschaffenen Wesen in gleicher Weise zukommt.

Die Bezeichnung „allein weise“ bedeutet nicht, dass Menschen überhaupt keine Weisheit besitzen könnten. Die Bibel fordert ausdrücklich dazu auf, Weisheit zu suchen, Gottes Wort zu verstehen und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Doch menschliche Weisheit bleibt begrenzt und ist auf Gott angewiesen. Sie kann die Welt nicht aus eigener Macht erlösen und den göttlichen Heilsplan nicht unabhängig von seiner Offenbarung erkennen.

Gottes Weisheit dagegen ist vollkommen. Er allein besitzt die uneingeschränkte Erkenntnis aller Dinge und vermag seinen guten Willen zur Vollendung zu führen.

Besonders eindrücklich wird dies, wenn man den Weg des Evangeliums betrachtet. Nach menschlichen Vorstellungen erscheinen Macht, Stärke und gesellschaftliches Ansehen häufig als entscheidende Voraussetzungen für einen großen Sieg. Gottes Rettung geschieht dagegen durch den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus.

Paulus hatte bereits in 1. Korinther 1,18–25 erklärt, dass die Botschaft vom Kreuz vielen Menschen als Torheit erscheint, in Wirklichkeit aber Gottes Weisheit und Kraft offenbart. Gerade dort, wo der Mensch eine Niederlage zu erkennen meint, verwirklicht Gott seinen rettenden Ratschluss.

Das Kreuz zeigt deshalb, dass Gottes Weisheit nicht einfach eine gesteigerte Form menschlicher Klugheit ist. Gott handelt in einer Weise, die menschlichen Stolz und menschliche Selbstgerechtigkeit entlarvt. Die Erlösung wird nicht durch die Überlegenheit des Menschen erreicht, sondern durch Gottes gnädiges Handeln in Jesus Christus.

Vor diesem Hintergrund erhält auch die Formulierung „durch Jesus Christus“ in Römer 16,27 ihre besondere Bedeutung.

Paulus richtet den Lobpreis an Gott und erklärt, dass ihm durch Jesus Christus die Ehre gebührt. Jesus ist damit nicht nur Gegenstand der zuvor beschriebenen Verkündigung. Er steht auch im Mittelpunkt der Beziehung, durch die die Glaubenden Gott erkennen, zu ihm kommen und ihn verherrlichen.

Bereits in Römer 5,1–2 hatte Paulus erklärt, dass die Glaubenden durch Jesus Christus Frieden mit Gott haben und Zugang zu seiner Gnade erhalten. In Römer 5,11 fügte er hinzu, dass sie sich Gottes durch Jesus Christus rühmen, durch den sie die Versöhnung empfangen haben.

Derselbe Zusammenhang erscheint am Ende des Briefes erneut. Die Glaubenden können Gott nicht deshalb mit Zuversicht preisen, weil sie aus eigener Kraft eine vollkommene Gerechtigkeit erreicht hätten. Sie dürfen sich ihm nähern, weil Jesus Christus den Weg der Versöhnung geöffnet hat.

Durch Christus wird Gottes Liebe sichtbar, seine Gerechtigkeit offenbart und seine Barmherzigkeit den Sündern zugänglich gemacht. Darum ist auch der Lobpreis Gottes untrennbar mit Jesus Christus verbunden.

Die Formulierung macht zugleich deutlich, dass das Evangelium niemals bei der bloßen Bewunderung eines menschlichen Religionslehrers stehen bleiben darf. Jesus Christus ist nach der Botschaft des Römerbriefes der von Gott gesandte Erlöser, durch dessen Tod und Auferstehung die Grundlage der Rechtfertigung und des neuen Lebens geschaffen wurde.

Wenn Paulus also die Ehre Gottes durch Jesus Christus verkündigt, führt er den Leser noch einmal zum eigentlichen Mittelpunkt des gesamten Schreibens zurück. Gottes Größe wird nicht unabhängig von seinem rettenden Handeln betrachtet. Gerade in Jesus Christus wird offenbar, wie Gott seine Gerechtigkeit, Liebe, Treue und Weisheit miteinander verbindet.

Die Worte „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ unterstreichen schließlich, dass Gottes Herrlichkeit keinen zeitlichen Grenzen unterliegt.

Menschen erhalten Anerkennung für eine bestimmte Leistung, ein abgeschlossenes Werk oder eine begrenzte Lebenszeit. Ihr Ruhm kann wachsen und wieder vergehen. Selbst bedeutende Herrscher, Gelehrte und Verkündiger bleiben vergängliche Menschen.

Die Herrlichkeit Gottes dagegen reicht über alle Zeiten hinaus. Sie hängt nicht davon ab, ob Menschen sie gerade erkennen oder anerkennen. Gott ist in sich selbst herrlich und würdig, angebetet zu werden. Der Lobpreis bringt diese Wahrheit zum Ausdruck, indem er ihm die Ehre für alle Ewigkeit zuspricht.

Gerade am Ende des Römerbriefes besitzt dies eine besondere Bedeutung. Paulus hatte zahlreiche Menschen genannt, die durch ihren Dienst zur Ausbreitung des Evangeliums beigetragen hatten. Einige von ihnen hatten viel gearbeitet, andere Gefangenschaft ertragen, wieder andere ihre Häuser geöffnet oder den Apostel in schwierigen Situationen unterstützt.

Ihre Treue ist wertvoll und verdient Anerkennung. Doch der letzte Lobpreis gilt keinem dieser Menschen. Er gilt auch nicht Paulus selbst, obwohl Gott ihm eine außergewöhnliche apostolische Aufgabe anvertraut hatte.

Der Apostel führt die Aufmerksamkeit vielmehr zu dem Gott zurück, von dem jeder geistliche Segen und jede rettende Gnade ausgehen.

Damit wird zugleich deutlich, wie Paulus menschlichen Dienst und göttliche Herrlichkeit zueinander in Beziehung setzt. Menschen dürfen für ihren Einsatz gedankt und in ihrer Treue gewürdigt werden. Doch ihre Arbeit soll nicht dazu führen, dass sie selbst zum Mittelpunkt der christlichen Gemeinschaft werden. Alles, was durch Gottes Gnade zum Heil anderer Menschen beiträgt, soll letztlich auf den Herrn hinweisen.

Dieser Gedanke verbindet den Abschluss des Römerbriefes mit einer Haltung, die Paulus an anderer Stelle ausdrücklich beschreibt. In 1. Korinther 3,6–7 erklärt er, dass er gepflanzt und Apollos begossen habe, Gott aber das Wachstum gab. Deshalb kommt die entscheidende Bedeutung nicht dem Pflanzenden oder Begießenden zu, sondern Gott, der das Wachstum schenkt.

Auch im Römerbrief erkennt Paulus seine eigene Berufung und Verantwortung an, ohne sich selbst zum Ursprung der Erlösung zu machen. Er ist ein Diener des Evangeliums. Derjenige, der Menschen rettet, verändert und im Glauben erhält, ist Gott.

Schließlich endet der Lobpreis mit einem kurzen Wort: „Amen.“

Dieses aus dem Hebräischen stammende Wort kann Zustimmung, Bekräftigung und die Anerkennung einer Aussage als zuverlässig oder wahr ausdrücken. In Gebeten und Lobpreisungen dient es dazu, das Gesagte bewusst zu bestätigen.

Das abschließende Amen ist deshalb mehr als eine formale Beendigung des Briefes. Es entspricht einer zustimmenden Antwort auf die Wahrheit, die Paulus verkündigt hat. Gott ist mächtig, seine Glaubenden zu stärken. Sein Heilsplan ist durch Jesus Christus offenbart worden. Seine Botschaft soll alle Völker erreichen. Seine Weisheit übersteigt menschliches Verstehen, und ihm gebührt die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Diese Aussagen münden in eine Bekräftigung, der die Glaubenden aus Überzeugung zustimmen können.

Die Worte des Lobpreises führen zugleich an den Anfang des Römerbriefes zurück. Dort hatte Paulus das Evangelium Gottes vorgestellt, das zuvor durch die Propheten verheißen worden war und Jesus Christus zum Mittelpunkt hat (Römer 1,1–4). Er hatte seine Berufung beschrieben, unter den Völkern den Gehorsam des Glaubens aufzurichten (Römer 1,5). Und er hatte das Evangelium als Gottes Kraft zur Rettung für jeden bezeichnet, der glaubt (Römer 1,16).

Am Ende begegnen diese Gedanken erneut: die Predigt von Jesus Christus, das Zeugnis der prophetischen Schriften, die Offenbarung des göttlichen Heilsplans, die Verkündigung unter allen Völkern und der Gehorsam des Glaubens.

Dadurch erhält der gesamte Brief einen erkennbaren inneren Zusammenhang. Seine theologischen Ausführungen und praktischen Ermahnungen stehen nicht unverbunden nebeneinander. Sie gehören zu einer einzigen großen Botschaft: Gott rettet sündige Menschen aus Gnade durch Jesus Christus, führt sie in eine neue Lebensbeziehung zu sich und beruft sie dazu, im Glauben und Gehorsam zu leben.

Die Rechtfertigung durch Glauben, die Befreiung von der Herrschaft der Sünde, das Leben im Geist, Gottes Treue zu seinen Verheißungen und die gegenseitige Liebe der Glaubenden sind unterschiedliche Seiten dieses einen göttlichen Heilsplans.

Der abschließende Lobpreis verbindet sie noch einmal mit ihrem Ursprung. Nicht menschliche Leistung, nicht religiöse Überlegenheit und nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe bilden die Grundlage der Erlösung. Alles geht von dem Gott aus, der seinen Sohn gesandt hat und Menschen aus allen Völkern zu sich ruft.

Damit endet der Römerbrief in einer Haltung des Vertrauens und der Anbetung. Paulus hat ausführlich erklärt, weshalb der Mensch Gottes Gnade benötigt und wie diese Gnade durch Jesus Christus zugänglich geworden ist. Er hat gezeigt, dass der Glaube zu einem neuen Leben führt und dass Gottes Verheißungen auch angesichts menschlicher Untreue Bestand haben. Nun vertraut er die Glaubenden dem Gott an, der sie stärken und in seinem Willen bewahren kann.

Der letzte Gedanke gilt deshalb nicht der Macht der Sünde, der Gefahr falscher Lehren oder den begrenzten Möglichkeiten der Menschen. Er gilt dem allein weisen Gott, dessen Heilsplan in Christus offenbart wurde und dessen Herrlichkeit in Ewigkeit besteht.

Wer den Römerbrief von Anfang bis Ende liest, wird dadurch vor eine grundlegende Wahrheit gestellt: Die Erlösung beginnt bei Gottes Gnade, wird durch Jesus Christus ermöglicht und führt den Menschen in ein Leben des Glaubens und des Gehorsams. Ihr letztes Ziel ist nicht die Verherrlichung des Menschen, sondern die Ehre Gottes.

Ihm, dem allein weisen Gott, gebührt durch Jesus Christus die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Geistliche Kernbotschaft

Der Glaube an Jesus Christus ist nicht nur eine Wahrheit, die der Mensch verstehen und bekennen soll. Er ist eine lebendige Beziehung zu Gott, die das Denken, die Entscheidungen und den Umgang mit anderen Menschen verändert. Diese Wirklichkeit tritt am Ende des Römerbriefes besonders eindrücklich hervor. Nachdem Paulus ausführlich erklärt hat, wie Gott sündige Menschen aus Gnade rechtfertigt und durch seinen Geist zu einem neuen Leben führt, wird sichtbar, welche Bedeutung diese Erlösung für das Zusammenleben der Glaubenden besitzt.

Das Evangelium schafft eine Gemeinschaft, deren Mittelpunkt nicht die Herkunft, das Ansehen oder die persönliche Leistung des Menschen ist, sondern Jesus Christus. Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten werden durch denselben Glauben miteinander verbunden. Sie bringen verschiedene Fähigkeiten und Möglichkeiten mit, tragen unterschiedliche Verantwortungen und haben nicht alle dieselben Erfahrungen gemacht. Dennoch gehören sie zu einer geistlichen Familie, weil sie denselben Herrn haben.

Diese Zusammengehörigkeit hebt die Persönlichkeit des Einzelnen nicht auf. Gott macht aus den Glaubenden keine Menschen, deren Aufgaben und Lebenswege vollkommen gleich aussehen müssten. Vielmehr dürfen ihre unterschiedlichen Gaben und Möglichkeiten zum Wohl der gesamten Gemeinschaft beitragen. Wer andere unterweist, wer praktische Hilfe leistet, wer Verantwortung übernimmt oder durch treue Fürsorge einen Menschen stärkt, kann auf seine Weise dem Herrn dienen.

Dabei zeigt sich eine wichtige Eigenschaft wahrer christlicher Gemeinschaft: Der Wert eines Menschen wird nicht allein an seiner öffentlichen Sichtbarkeit gemessen. Manche Aufgaben finden große Beachtung, während andere kaum wahrgenommen werden. Doch Gottes Werk wird nicht ausschließlich durch diejenigen getragen, die predigen oder öffentlich Verantwortung übernehmen. Auch stille Treue, aufopferungsvolle Hilfe, Gastfreundschaft und beständige Liebe können für das geistliche Leben anderer von großer Bedeutung sein.

Gerade darin offenbart sich etwas vom Wesen Gottes. Er betrachtet Menschen nicht lediglich nach äußeren Maßstäben. Während die menschliche Gesellschaft häufig Reichtum, Einfluss, Bildung und Ansehen besonders hoch bewertet, stellt das Evangelium die Beziehung zu Christus und die daraus erwachsende Treue in den Mittelpunkt. Ein Mensch kann gesellschaftlich wenig Bedeutung besitzen und dennoch durch seinen Glauben zum Segen für viele werden.

Die Gnade Gottes verändert damit auch die Art, wie Menschen einander begegnen sollen. Wer verstanden hat, dass er selbst allein durch Gottes Barmherzigkeit angenommen wurde, hat keinen Grund, andere wegen ihrer Herkunft oder Stellung geringzuschätzen. Die eigene Erlösung ist kein Anlass zur Überheblichkeit, sondern zur Dankbarkeit und zur Bereitschaft, anderen mit derselben Liebe zu begegnen, die man selbst empfangen hat.

Diese Liebe bleibt nicht auf freundliche Worte beschränkt. Sie nimmt die Bedürfnisse anderer wahr und ist bereit, Verantwortung zu übernehmen. Christliche Gemeinschaft wird dort glaubwürdig, wo Menschen füreinander einstehen, einander ermutigen und auch unter schwierigen Umständen nicht gleichgültig werden. Sie soll ein Ort sein, an dem Glaubende nicht nur gemeinsame Überzeugungen vertreten, sondern tatsächlich erfahren, dass sie nicht allein sind.

Doch diese Gemeinschaft benötigt mehr als menschliche Zuneigung. Sie braucht eine gemeinsame geistliche Grundlage, die größer ist als persönliche Beziehungen. Diese Grundlage ist das Evangelium Jesu Christi.

Deshalb gehören Liebe und Wahrheit untrennbar zusammen. Eine Gemeinschaft kann nach außen freundlich erscheinen und dennoch geistlich gefährdet sein, wenn sie Täuschung, Selbstsucht oder eine Verfälschung des Evangeliums zulässt. Ebenso kann eine Gruppe großen Wert auf die Richtigkeit ihrer Lehren legen und dennoch dem Wesen Christi widersprechen, wenn ihr Umgang miteinander von Hochmut, Härte und Lieblosigkeit geprägt ist.

Wahre Treue zu Gott lässt sich nicht auf eine dieser beiden Seiten reduzieren. Gottes Wahrheit soll in Liebe festgehalten werden, und die Liebe soll durch seine Wahrheit Orientierung erhalten. Die Glaubenden sind aufgerufen, einander anzunehmen, ohne deshalb gleichgültig gegenüber falschen Lehren zu werden. Zugleich sollen sie Irrtum erkennen und ihm widerstehen, ohne selbst in Verachtung, Feindschaft oder unnötige Spaltungen zu verfallen.

Dabei bleibt die Gemeinde auf Gottes Hilfe angewiesen. Menschliche Erkenntnis ist begrenzt, und selbst aufrichtige Christen können getäuscht werden oder falsche Entscheidungen treffen. Ihre Sicherheit besteht deshalb nicht darin, dass sie aus eigener Kraft jede Gefahr beherrschen könnten. Sie liegt in dem Gott, der ihnen durch sein Wort Orientierung gibt, durch seinen Geist zum Guten führt und sie im Glauben stärken kann.

Diese Abhängigkeit von Gott ist kein Zeichen geistlicher Schwäche. Sie gehört zum Wesen des Glaubens. Wer Jesus Christus nachfolgt, muss nicht behaupten, aus eigener Kraft unerschütterlich zu sein. Er darf vielmehr erkennen, dass sein Leben beständig von Gottes Gnade getragen werden muss.

Die christliche Hoffnung reicht jedoch noch weiter. Der Widerstand gegen Gottes Wahrheit, die Macht der Sünde und das Wirken Satans werden nicht für immer bestehen bleiben. Gott selbst wird dem Bösen ein Ende setzen. Der Friede, den er verheißt, ist deshalb keine bloße Unterbrechung zwischen verschiedenen Konflikten, sondern gehört zu seinem Ziel einer endgültigen Wiederherstellung.

Gerade diese Hoffnung gibt dem gegenwärtigen Leben eine neue Richtung. Die Glaubenden müssen das Böse ernst nehmen, ohne sich von ihm beherrschen zu lassen. Sie dürfen Schwierigkeiten begegnen, ohne die Hoffnung aufzugeben. Und sie können in Liebe und Treue handeln, weil sie wissen, dass Gottes guter Wille am Ende nicht scheitern wird.

Über allem steht schließlich die Weisheit Gottes. Sein Heilsplan entstand nicht aus menschlicher Überlegung und wird auch nicht durch menschliche Leistung vollendet. Er hat seinen Ursprung in Gottes ewigem Willen, ist durch Jesus Christus offenbart worden und soll Menschen aus allen Völkern erreichen.

Die Erlösung ist deshalb zugleich ein Geschenk und eine Berufung. Gott schenkt dem Menschen Vergebung, Frieden und neues Leben. Wer diese Gnade im Glauben annimmt, wird eingeladen, sich ihm anzuvertrauen und seinen Willen im Alltag ernst zu nehmen. Der Gehorsam ist dabei nicht der Preis, mit dem Gottes Liebe erworben wird. Er ist die Antwort eines Menschen, dessen Leben durch Gottes Liebe eine neue Grundlage erhalten hat.

So führt der Römerbrief von der Erkenntnis der eigenen Erlösungsbedürftigkeit über die Gnade Jesu Christi zu einem Leben, das Gott gehört und anderen Menschen zum Segen werden soll. Der Glaubende empfängt nicht nur etwas von Gott, sondern wird durch diese empfangene Gnade auch befähigt, Liebe weiterzugeben, Verantwortung zu übernehmen und in der Wahrheit zu bleiben.

Das letzte Ziel dieser Veränderung ist jedoch nicht die Bewunderung des Menschen. Auch die größte Treue und der aufopferungsvollste Dienst bleiben Antworten auf das, was Gott zuerst getan hat. Ihm allein gebührt die Ehre, weil von ihm die Erlösung ausgeht, durch ihn neues Leben möglich wird und seine Weisheit alles zur Vollendung führen kann.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Die persönlichen Grüße und der abschließende Lobpreis des Römerbriefes stehen in einem weitreichenden biblischen Zusammenhang. Mehrere andere Schriftstellen helfen zu verstehen, wie Gottes Gnade eine neue Gemeinschaft schafft, weshalb geistliche Wachsamkeit notwendig ist und wie die Erlösung durch Jesus Christus mit den Verheißungen des Alten Testaments verbunden bleibt.

Eine besonders wichtige Verbindung besteht zu 1. Korinther 12,12–27. Dort vergleicht Paulus die Gemeinde mit einem menschlichen Körper. Ein Körper besitzt viele Glieder, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Dennoch bilden sie eine Einheit und sind aufeinander angewiesen. Paulus erklärt ausdrücklich, dass auch die scheinbar schwächeren Glieder notwendig sind und dass innerhalb des Leibes keine verächtliche Geringschätzung entstehen soll. Diese Lehre hilft, die Vielfalt der Menschen in Römer 16 richtig zu verstehen. Unterschiedliche Aufgaben bedeuten nicht unterschiedlichen geistlichen Wert. Nicht jeder muss dieselbe Tätigkeit übernehmen, damit die gesamte Gemeinschaft wachsen kann. Entscheidend ist, dass die einzelnen Glaubenden ihre Möglichkeiten zum Wohl des gemeinsamen Leibes einsetzen. Auch Römer 12,4–8 beschreibt diese Vielfalt und verbindet sie mit den Gnadengaben, die Gott den Menschen anvertraut hat.

Daran schließt sich Epheser 2,19–22 an. Dort werden Menschen, die zuvor als Fremde und ohne Bürgerrecht beschrieben wurden, durch Christus zu Mitbürgern der Heiligen und zu Angehörigen von Gottes Haus. Die neue Gemeinschaft wird mit einem geistlichen Bau verglichen, dessen Grundstein Jesus Christus selbst ist. Diese Verbindung verdeutlicht, dass die christliche Gemeinde nicht lediglich durch gemeinsame Interessen entsteht. Ihre Einheit gründet sich auf Gottes rettendes Handeln. Menschen werden nicht deshalb zu einer geistlichen Familie, weil sie von Natur aus besonders gut zueinander passen, sondern weil Christus sie mit Gott und miteinander verbindet. Zugleich erinnert das Bild des Baues daran, dass die Gemeinde auf einer Grundlage stehen muss, die sie nicht selbst geschaffen hat.

Die Bedeutung gelebter Liebe wird in Johannes 13,34–35 besonders deutlich. Jesus fordert seine Jünger auf, einander zu lieben, wie er sie geliebt hat. An dieser Liebe sollen andere Menschen erkennen können, dass sie zu ihm gehören. Die Liebe besitzt hier nicht nur eine persönliche, sondern auch eine bezeugende Bedeutung. Das Leben der Glaubenden soll etwas vom Wesen ihres Herrn sichtbar machen. Römer 16 zeigt, wie vielfältig diese Liebe im Alltag Gestalt annehmen kann. Sie zeigt sich nicht ausschließlich in großen außergewöhnlichen Handlungen, sondern ebenso in persönlichen Beziehungen, gegenseitiger Unterstützung und der Bereitschaft, das eigene Leben für andere zu öffnen. Die Verbindung mit Johannes 13 macht deutlich, dass solche Handlungen nicht bloß angenehme Eigenschaften einer religiösen Gemeinschaft sind. Sie gehören zum Kennzeichen echter Nachfolge Jesu Christi.

Eine weitere wichtige Ergänzung bietet Hebräer 13,1–3. Dort werden die Glaubenden aufgefordert, in der Bruderliebe zu bleiben, Gastfreundschaft nicht zu vergessen und sich der Gefangenen anzunehmen, als wären sie selbst mit ihnen gefangen. Diese Aussagen verbinden mehrere Themen, die auch im Briefschluss des Paulus begegnen. Gastfreundschaft bedeutet mehr als gesellschaftliche Höflichkeit. Sie kann zu einer notwendigen Unterstützung für Menschen werden, die wegen ihres Glaubens unterwegs, bedrängt oder auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Auch die Erinnerung an Gefangene verlangt eine Liebe, die sich nicht zurückzieht, sobald die Situation eines Mitmenschen schwierig wird. Der Hebräerbrief zeigt damit, dass persönliche Fürsorge zur umfassenderen biblischen Vorstellung geschwisterlicher Verantwortung gehört.

Für die Warnung vor geistlicher Verführung ist Apostelgeschichte 17,10–12 besonders aufschlussreich. Dort wird berichtet, wie die Menschen in Beröa die Verkündigung des Paulus aufnahmen und zugleich täglich die Schriften untersuchten, um die gehörte Botschaft zu prüfen. Ihre Haltung verbindet Offenheit mit geistlicher Sorgfalt. Sie lehnten das Evangelium nicht aus grundsätzlichem Misstrauen ab, aber sie verzichteten auch nicht auf die Prüfung anhand des Wortes Gottes. Diese Verbindung schützt die Warnung aus Römer 16,17–19 vor zwei entgegengesetzten Missverständnissen. Christen sollen weder jede neue Aussage ungeprüft annehmen noch jede kritische Frage als gefährliche Auflehnung betrachten. Der entscheidende Maßstab ist die Wahrheit, die Gott offenbart hat.

Dass geistliche Prüfung und Liebe zusammengehören, wird außerdem in 1. Johannes 4,1–6 deutlich. Johannes fordert seine Leser auf, nicht jedem Geist zu glauben, sondern die Geister zu prüfen, ob sie aus Gott sind. Dabei steht besonders das Bekenntnis zu Jesus Christus im Mittelpunkt. Die Gemeinde soll lernen, zwischen dem Geist der Wahrheit und dem Geist des Irrtums zu unterscheiden. Diese Aufforderung ergänzt die paulinische Warnung, weil sie deutlich macht, dass religiöse Sprache allein kein ausreichender Beweis für eine göttliche Botschaft ist. Zugleich darf die Prüfung nicht von der Person Jesu Christi und dem apostolischen Zeugnis über ihn gelöst werden.

Die Verheißung des Sieges über Satan verbindet Römer 16,20 besonders mit 1. Mose 3,15. Dort kündigt Gott nach dem Sündenfall eine Feindschaft zwischen der Schlange und dem Nachkommen der Frau an. Die spätere biblische Offenbarung zeigt, dass der Kampf zwischen Wahrheit und Verführung nicht bei Eden stehen bleibt. In 1. Johannes 3,8 wird das Erscheinen des Sohnes Gottes ausdrücklich damit verbunden, die Werke des Teufels zu zerstören. 1. Korinther 15,24–26 richtet den Blick auf die Vollendung der Herrschaft Christi und die Überwindung aller feindlichen Mächte, einschließlich des Todes. Schließlich beschreiben Offenbarung 20,10 und 21,1–4 das endgültige Gericht über Satan und die neue Schöpfung, in der Tod und Leid keinen Platz mehr haben. Diese Stellen bilden eine starke übergreifende Linie: Gottes Erlösungswerk führt zur endgültigen Überwindung der Rebellion gegen ihn. Die wahrscheinliche Anspielung auf 1. Mose 3,15 in Römer 16,20 gewinnt dadurch zusätzliches Gewicht, ohne dass der unmittelbare Zusammenhang der Warnung vor Verführung verloren gehen darf.

Besonders wichtig für den Abschluss des Römerbriefes sind außerdem 1. Mose 12,1–3 und Jesaja 49,6. Gott verheißt Abraham, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollen. In Jesaja 49 wird das göttliche Heil mit einer Sendung verbunden, die bis an die Enden der Erde reicht. Diese Aussagen zeigen, dass die Rettung der Völker nicht erst im Neuen Testament zu Gottes Absicht hinzukommt. Die Einbeziehung der Nationen gehört bereits zu den frühen und prophetischen Verheißungen. Wenn Paulus am Ende des Römerbriefes erklärt, dass das offenbarte Geheimnis allen Völkern bekannt gemacht wird, stellt er die Verkündigung Jesu Christi in diesen größeren Zusammenhang. Durch Christus erfüllt Gott seinen Heilswillen, der Menschen jeder Herkunft erreichen soll.

Eine besonders genaue Erklärung des göttlichen Geheimnisses findet sich in Epheser 3,3–10. Dort beschreibt Paulus, dass Menschen aus den Völkern durch das Evangelium in Christus Jesus Miterben, Glieder desselben Leibes und Teilhaber der Verheißung geworden sind. Die große Bedeutung dieser Aussage liegt darin, dass die Völker nicht nur am Rand von Gottes Heil teilnehmen dürfen. Sie werden in Christus in dieselbe geistliche Gemeinschaft aufgenommen. Das Geheimnis umfasst damit nicht nur die Rettung einzelner Menschen, sondern auch die Entstehung eines vereinten Gottesvolkes. Kolosser 1,26–27 ergänzt diesen Gedanken, indem Paulus von dem nun offenbarten Geheimnis spricht und Christus als Hoffnung der Herrlichkeit inmitten der Glaubenden beschreibt. Beide Briefe helfen zu verstehen, dass Gottes Geheimnis keine verborgene Sonderlehre ist, sondern sein in Christus offenbarter Heilsratschluss.

Schließlich bildet Römer 1,1–5 eine besonders enge Verbindung mit Römer 16,25–27. Bereits am Anfang hatte Paulus erklärt, dass das Evangelium von Gott stammt, zuvor durch die Propheten verheißen wurde und Jesus Christus zum Mittelpunkt hat. Seine apostolische Berufung sollte dazu dienen, unter allen Völkern den Gehorsam des Glaubens hervorzubringen. Am Ende erscheinen dieselben grundlegenden Gedanken erneut. Dadurch wird sichtbar, dass der gesamte Römerbrief einen zusammenhängenden Gedankengang bildet. Die Rechtfertigung aus Gnade, das neue Leben im Geist, Gottes Treue zu Israel und die Einbeziehung der Völker gehören zu einem einzigen göttlichen Erlösungsplan. Der Brief beginnt mit der Verkündigung dieses Evangeliums und endet mit dem Lobpreis des Gottes, dessen Weisheit und Macht seine Verwirklichung ermöglichen.

Wichtige Lektionen

Ein wichtiger praktischer Auftrag dieses Kapitels besteht darin, Menschen bewusster wahrzunehmen und ihren treuen Dienst nicht als selbstverständlich zu betrachten. In jeder christlichen Gemeinschaft gibt es Aufgaben, die öffentlich sichtbar sind, und andere, die im Hintergrund geschehen. Menschen bereiten Zusammenkünfte vor, besuchen Kranke, helfen Bedürftigen, hören Sorgen an, unterstützen andere finanziell oder schenken ihnen Zeit und Aufmerksamkeit. Solche Tätigkeiten erhalten nicht immer besondere Anerkennung. Römer 16 ermutigt dazu, ihren Wert zu erkennen. Wer selbst von der Hilfe anderer profitiert, sollte Dankbarkeit nicht nur empfinden, sondern auch ausdrücken. Ein aufrichtiges Wort der Anerkennung kann einem Menschen zeigen, dass seine Mühe gesehen und geschätzt wird.

Damit verbindet sich die Verantwortung, die eigenen Möglichkeiten zum Wohl anderer einzusetzen. Nicht jeder besitzt dieselben Fähigkeiten, zeitlichen Freiräume oder materiellen Mittel. Dennoch kann jeder prüfen, was ihm tatsächlich anvertraut ist. Manche können mit ihrer beruflichen Erfahrung helfen, andere besitzen die Fähigkeit, Menschen verständlich zu unterweisen oder in schwierigen Gesprächen zu ermutigen. Wieder andere können durch Gastfreundschaft, praktische Unterstützung oder beständige Fürsorge einen wichtigen Beitrag leisten. Entscheidend ist nicht, eine möglichst auffällige Aufgabe zu finden, sondern die vorhandenen Möglichkeiten treu und verantwortungsvoll zu nutzen. Christlicher Dienst beginnt häufig dort, wo ein Mensch eine konkrete Not erkennt und bereit ist, darauf zu antworten.

Besonders wichtig ist dabei, dass Hilfsbereitschaft nicht von gesellschaftlichem Ansehen oder persönlichem Nutzen abhängig gemacht wird. Es ist leicht, Menschen Aufmerksamkeit zu schenken, die bekannt, einflussreich oder besonders angenehm im Umgang sind. Schwieriger kann es sein, jemanden zu unterstützen, von dem keine Gegenleistung zu erwarten ist. Doch die Liebe, zu der Christus seine Nachfolger beruft, richtet sich nicht ausschließlich nach solchen menschlichen Maßstäben. Wer Gottes Gnade empfangen hat, soll lernen, andere mit Würde und Achtung zu behandeln, auch wenn sie wenig besitzen, unbekannt sind oder in einer schwierigen Lebenslage stehen.

Das Kapitel fordert außerdem dazu auf, christliche Gemeinschaft nicht auf den Besuch religiöser Veranstaltungen zu reduzieren. Ein Gottesdienst kann die Glaubenden durch das Wort Gottes stärken, doch die geschwisterliche Verantwortung endet nicht mit der Versammlung. Sie setzt sich dort fort, wo Menschen miteinander sprechen, einander besuchen, praktische Hilfe leisten und auch außerhalb gemeinsamer Veranstaltungen füreinander erreichbar bleiben. Wer jemanden Bruder oder Schwester nennt, sollte sich fragen, ob diese Bezeichnung im tatsächlichen Umgang mit ihm eine Bedeutung besitzt. Eine Gemeinde wächst nicht allein durch organisatorische Tätigkeit, sondern auch durch Beziehungen, in denen Menschen Verlässlichkeit, Mitgefühl und aufrichtige Zuwendung erfahren.

Dabei dürfen persönliche Unterschiede nicht vorschnell als Bedrohung betrachtet werden. Menschen besitzen verschiedene Charaktere, Erfahrungen und Gewissensüberzeugungen. Nicht jede unterschiedliche Sichtweise bedeutet, dass die gemeinsame Grundlage des Glaubens verloren gegangen ist. Besonders in Fragen, in denen die Bibel Raum für persönliche Gewissensentscheidungen lässt, braucht die Gemeinschaft Geduld und gegenseitige Achtung. Der Wunsch nach Einheit darf nicht dazu führen, dass Menschen ihre eigene Überzeugung gegen ihr Gewissen verleugnen müssen. Ebenso wenig sollte persönliche Freiheit als Recht verstanden werden, die Gewissensnot anderer zu missachten. Christliche Rücksichtnahme verlangt, sowohl die eigene Verantwortung vor Gott als auch die geistlichen Bedürfnisse des Mitmenschen ernst zu nehmen.

Gleichzeitig warnt das Kapitel davor, Freundlichkeit oder eine überzeugende Ausdrucksweise mit geistlicher Zuverlässigkeit gleichzusetzen. Ein Mensch kann religiös sprechen, die Bibel häufig erwähnen und dennoch Aussagen vertreten, die ihrem tatsächlichen Inhalt widersprechen. Deshalb ist es notwendig, biblische Lehren sorgfältig zu prüfen. Wer eine Predigt hört, ein religiöses Buch liest oder einer Auslegung begegnet, sollte nicht nur fragen, ob sie interessant oder eindrucksvoll klingt. Entscheidend ist, ob die vertretenen Aussagen dem Zusammenhang der Heiligen Schrift entsprechen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, eigene bisherige Überzeugungen korrigieren zu lassen, wenn Gottes Wort eine solche Korrektur erforderlich macht.

Diese Wachsamkeit muss jedoch mit einer demütigen Haltung verbunden bleiben. Niemand ist allein deshalb vor Irrtum geschützt, weil er schon lange gläubig ist oder viel biblisches Wissen besitzt. Auch ein aufrichtiger Mensch kann einen Vers falsch verstehen oder eine unzutreffende Erklärung übernehmen. Wer andere korrigieren möchte, sollte deshalb nicht mit Verachtung oder dem Wunsch nach persönlicher Überlegenheit handeln. Das Ziel einer biblisch begründeten Zurechtweisung besteht darin, Wahrheit verständlich zu machen, Irrtum zu überwinden und Menschen für Christus zu gewinnen. Sie darf nicht zum Vorwand werden, andere bloßzustellen oder die eigene Stellung zu stärken.

Ebenso wichtig ist die Prüfung der eigenen Motive. Paulus warnt vor Menschen, die äußerlich religiöse Ziele verfolgen, tatsächlich aber ihren eigenen Interessen dienen. Diese Gefahr betrifft nicht nur öffentlich auftretende Lehrer. Auch im persönlichen Glaubensleben kann der Wunsch nach Anerkennung, Einfluss oder persönlichem Vorteil das Handeln bestimmen. Deshalb lohnt es sich, regelmäßig zu fragen, weshalb man bestimmte Aufgaben übernimmt, eine Diskussion führt oder eine religiöse Überzeugung besonders nachdrücklich verteidigt. Geht es wirklich darum, Gott zu ehren und anderen zu helfen, oder steht zunehmend der eigene Wunsch im Mittelpunkt, recht zu behalten und bewundert zu werden? Eine solche Selbstprüfung kann helfen, rechtzeitig zu erkennen, wo der Dienst für Christus von selbstsüchtigen Motiven verdrängt wird.

Eine weitere Lektion betrifft den Umgang mit geistlichen Gefahren. Die Bibel fordert Christen auf, wachsam zu sein, aber sie ruft sie nicht zu einem Leben in ständiger Angst auf. Wer sich ausschließlich mit dem Bösen, mit Verführung und mit den Absichten Satans beschäftigt, kann leicht den eigentlichen Mittelpunkt des Glaubens aus dem Blick verlieren. Paulus verbindet seine Warnung deshalb mit der Aufforderung, weise zum Guten zu sein. Die Beschäftigung mit Gottes Wahrheit soll den Menschen nicht nur befähigen, Fehler zu erkennen, sondern vor allem, das Gute zu lieben und danach zu handeln. Wer sich beständig an Christus orientiert, sein Wort ernst nimmt und im Gebet seine Nähe sucht, gewinnt eine Grundlage, die stärker ist als die bloße Kenntnis vieler Irrtümer.

Dabei muss auch die eigene Begrenztheit anerkannt werden. Kein Mensch kann sich durch Wissen, Erfahrung oder Willenskraft selbst endgültig gegen jede Versuchung absichern. Christliche Standhaftigkeit entsteht aus der fortdauernden Beziehung zu Gott. Deshalb gehören Bibelstudium, Gebet, Vertrauen und die Bereitschaft zum Gehorsam zusammen. Wer um Gottes Hilfe bittet, soll zugleich die Verantwortung wahrnehmen, die er im eigenen Leben trägt. Gottes Gnade macht den Menschen nicht gleichgültig, sondern befähigt ihn, bewusst auf sein Wort zu antworten. Wo ein Fehler erkannt wird, gehört die Bereitschaft zur Umkehr dazu. Wo eine Versuchung entsteht, soll der Mensch nicht absichtlich mit ihr spielen, sondern Gottes Hilfe suchen und sich vom Bösen abwenden.

Eine besondere Ermutigung liegt schließlich in der Gewissheit, dass Gottes Werk nicht am begrenzten Vermögen seiner Nachfolger scheitert. Die Glaubenden können anderen helfen, die Wahrheit verkündigen, für Menschen beten und in schwierigen Situationen treu bleiben. Sie können jedoch weder aus eigener Kraft die Herzen anderer verändern noch das Böse endgültig überwinden. Diese Grenze anzuerkennen bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben. Vielmehr befreit sie von der Vorstellung, alles selbst bewirken zu müssen. Der Mensch darf treu handeln und zugleich darauf vertrauen, dass Gott Macht besitzt, die Frucht seines Wirkens hervorzubringen.

Darum soll auch die Hoffnung auf Gottes endgültigen Sieg das gegenwärtige Leben prägen. Wer darauf vertraut, dass Gott der Sünde und der Macht Satans ein Ende setzen wird, muss sich nicht von Hoffnungslosigkeit bestimmen lassen. Ungerechtigkeit, Verführung und Leid sind ernst und dürfen nicht verharmlost werden. Doch sie besitzen nicht das letzte Wort über die Schöpfung. Gottes Verheißung eröffnet eine Zukunft, in der seine Gerechtigkeit und sein Friede endgültig bestehen werden. Diese Hoffnung ermutigt dazu, auch dann am Guten festzuhalten, wenn die Umstände schwierig sind und der Erfolg des eigenen Handelns zunächst verborgen bleibt.

Am Ende aller praktischen Folgerungen steht die Frage, wem das eigene Leben Ehre bringen soll. Der Mensch kann viel für andere tun und dennoch insgeheim vor allem nach Anerkennung suchen. Er kann Gottes Wort kennen und zugleich stolz auf sein Wissen werden. Er kann sich für die Wahrheit einsetzen und dabei vergessen, wie sehr er selbst Gottes Gnade benötigt. Der abschließende Lobpreis des Römerbriefes erinnert daran, dass alles Gute letztlich auf Gott zurückgeführt werden soll.

Wer wirklich verstanden hat, dass die Erlösung aus Gnade geschieht, wird weder seine eigenen Leistungen vergöttern noch die Treue anderer geringachten. Er kann dankbar annehmen, was Gott ihm schenkt, verantwortlich mit seinen Möglichkeiten umgehen und zugleich erkennen, dass sein Leben vollständig von Gottes Barmherzigkeit abhängig bleibt.

So ruft das letzte Kapitel des Römerbriefes zu einer Lebensweise auf, in der Glaube, Liebe, Wahrheit, Gehorsam und Hoffnung miteinander verbunden bleiben. Gottes Gnade soll nicht nur geglaubt, sondern im Umgang mit anderen Menschen sichtbar werden. Seine Wahrheit soll nicht nur verteidigt, sondern mit aufrichtigem Herzen gelebt werden. Und seine Verheißungen sollen nicht nur als zukünftige Hoffnung bestehen, sondern schon heute Vertrauen, Treue und Standhaftigkeit hervorbringen.

Das Ziel eines solchen Lebens ist nicht die eigene Größe, sondern die Ehre Gottes. Denn er ist der Ursprung der Erlösung, die Quelle unserer geistlichen Kraft und derjenige, der sein begonnenes Werk zur Vollendung führen kann. Ihm gebührt durch Jesus Christus die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.