Römer 15
Wir aber, die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen und nicht gefallen an uns selber haben.
33 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Wir aber, die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen und nicht gefallen an uns selber haben.
- 2 Es stelle sich ein jeglicher unter uns also, daß er seinem Nächsten gefalle zum Guten, zur Besserung.
- 3 Denn auch Christus hatte nicht an sich selber Gefallen, sondern wie geschrieben steht: “Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.”
- 4 Was aber zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf daß wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben.
- 5 Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, daß ihr einerlei gesinnt seid untereinander nach Jesu Christo,
- 6 auf daß ihr einmütig mit einem Munde lobet Gott und den Vater unseres HERRN Jesu Christi.
- 7 Darum nehmet euch untereinander auf, gleichwie euch Christus hat aufgenommen zu Gottes Lobe.
- 8 Ich sage aber, daß Jesus Christus sei ein Diener gewesen der Juden um der Wahrhaftigkeit willen Gottes, zu bestätigen die Verheißungen, den Vätern geschehen;
- 9 daß die Heiden aber Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht: “Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.”
- 10 Und abermals spricht er: “Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!”
- 11 Und abermals: “Lobt den HERRN, alle Heiden, und preiset ihn, alle Völker!”
- 12 Und abermals spricht Jesaja: “Es wird sein die Wurzel Jesse's, und der auferstehen wird, zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.”
- 13 Der Gott aber der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, daß ihr völlige Hoffnung habet durch die Kraft des heiligen Geistes.
- 14 Ich weiß aber gar wohl von euch, liebe Brüder, daß ihr selber voll Gütigkeit seid, erfüllt mit Erkenntnis, daß ihr euch untereinander könnet ermahnen.
- 15 Ich habe es aber dennoch gewagt und euch etwas wollen schreiben, liebe Brüder, euch zu erinnern, um der Gnade willen, die mir von Gott gegeben ist,
- 16 daß ich soll sein ein Diener Christi unter den Heiden, priesterlich zu warten des Evangeliums Gottes, auf daß die Heiden ein Opfer werden, Gott angenehm, geheiligt durch den heiligen Geist.
- 17 Darum kann ich mich rühmen in Jesus Christo, daß ich Gott diene.
- 18 Denn ich wollte nicht wagen, etwas zu reden, wo dasselbe Christus nicht durch mich wirkte, die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk,
- 19 durch Kraft der Zeichen und Wunder und durch Kraft des Geistes Gottes, also daß ich von Jerusalem an und umher bis Illyrien alles mit dem Evangelium Christi erfüllt habe
- 20 und mich sonderlich geflissen, das Evangelium zu predigen, wo Christi Name nicht bekannt war, auf daß ich nicht auf einen fremden Grund baute,
- 21 sondern wie geschrieben steht: “Welchen ist nicht von ihm verkündigt, die sollen's sehen, und welche nicht gehört haben, sollen's verstehen.”
- 22 Das ist auch die Ursache, warum ich vielmal verhindert worden, zu euch zu kommen.
- 23 Nun ich aber nicht mehr Raum habe in diesen Ländern, habe aber Verlangen, zu euch zu kommen, von vielen Jahren her,
- 24 so will ich zu euch kommen, wenn ich reisen werde nach Spanien. Denn ich hoffe, daß ich da durchreisen und euch sehen werde und von euch dorthin geleitet werden möge, so doch, daß ich zuvor mich ein wenig an euch ergötze.
- 25 Nun aber fahre ich hin gen Jerusalem den Heiligen zu Dienst.
- 26 Denn die aus Mazedonien und Achaja haben willig eine gemeinsame Steuer zusammengelegt den armen Heiligen zu Jerusalem.
- 27 Sie haben's willig getan, und sind auch ihre Schuldner. Denn so die Heiden sind ihrer geistlichen Güter teilhaftig geworden, ist's billig, daß sie ihnen auch in leiblichen Gütern Dienst beweisen.
- 28 Wenn ich nun solches ausgerichtet und ihnen diese Frucht versiegelt habe, will ich durch euch nach Spanien ziehen.
- 29 Ich weiß aber, wenn ich zu euch komme, daß ich mit vollem Segen des Evangeliums Christi kommen werde.
- 30 Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, durch unsern HERRN Jesus Christus und durch die Liebe des Geistes, daß ihr helfet kämpfen mit Beten für mich zu Gott,
- 31 auf daß ich errettet werde von den Ungläubigen in Judäa, und daß mein Dienst, den ich für Jerusalem tue, angenehm werde den Heiligen,
- 32 auf daß ich mit Freuden zu euch komme durch den Willen Gottes und mich mit euch erquicke.
- 33 Der Gott aber des Friedens sei mit euch allen! Amen.
Kapitelüberblick
Wahre geistliche Stärke zeigt sich nicht darin, die eigene Freiheit durchzusetzen, sondern darin, die Schwächen anderer mit Liebe und Geduld zu tragen. Paulus stellt Jesus Christus als Vorbild dieser selbstlosen Haltung vor und erinnert daran, dass die Heilige Schrift den Gläubigen Trost, Ausdauer und Hoffnung schenkt. Menschen unterschiedlicher Herkunft sollen einander annehmen, wie Christus sie angenommen hat, damit sie gemeinsam Gott verherrlichen.
Anhand mehrerer alttestamentlicher Verheißungen erklärt Paulus, dass Gottes Erlösungsplan von Anfang an auch die Völker einschloss. Jesus Christus bestätigt Gottes Zusagen an Israel und eröffnet zugleich Menschen aus allen Nationen den Zugang zu seiner Barmherzigkeit.
Anschließend beschreibt Paulus seinen apostolischen Auftrag, die Verkündigung des Evangeliums und seine geplanten Reisen nach Jerusalem, Rom und Spanien. Die Unterstützung bedürftiger Glaubensgeschwister und die Bitte um gemeinsame Fürbitte verdeutlichen, dass christlicher Glaube nicht nur in Worten, sondern auch in gegenseitiger Verantwortung, praktischer Hilfe und vertrauensvollem Gebet sichtbar werden soll.
Einführung
Mit der Aufforderung an die „Starken“ knüpft Paulus unmittelbar an eine Frage an, die er bereits im vorhergehenden Kapitel behandelt hat. In der christlichen Gemeinde in Rom begegneten sich Menschen mit unterschiedlichen religiösen Prägungen, Gewohnheiten und Überzeugungen. Besonders beim Essen und bei der Beachtung bestimmter Tage konnten daraus Spannungen entstehen. Was für den einen Christen mit gutem Gewissen möglich war, erschien einem anderen als unvereinbar mit seiner Treue gegenüber Gott (Römer 14,1–6).
Paulus hatte deshalb vor gegenseitiger Verurteilung und Verachtung gewarnt. Nun spricht er ausdrücklich aus der Perspektive der „Starken“, zu denen er sich selbst zählt. Damit bezeichnet er diejenigen, die in den behandelten Fragen größere Freiheit besitzen. Diese Einordnung bedeutet jedoch nicht, dass sie anderen Gläubigen grundsätzlich geistlich überlegen wären. Entscheidend ist vielmehr, welchen Gebrauch sie von ihrer Erkenntnis und Freiheit machen.
Der größere Zusammenhang des Römerbriefes hilft, die Bedeutung dieser Ermahnung zu verstehen. Nachdem Paulus ausführlich erklärt hat, wie Gott Menschen durch Jesus Christus gerecht macht und welche Stellung Israel und die Völker in seinem Erlösungsplan einnehmen, beschreibt er seit Kapitel 12 die Folgen des Evangeliums für das alltägliche Leben. Der Glaube soll das Denken, das Verhalten und die Beziehungen innerhalb der Gemeinde verändern.
Dabei bildet die Aufforderung, einander anzunehmen, eine wichtige Verbindung zwischen Römer 14 und Römer 15. Zugleich nähert sich der Brief seinem persönlichen Abschluss. Paulus hatte die römische Gemeinde noch nicht selbst besucht und erläutert deshalb auch seinen apostolischen Dienst. Seine Ausführungen zeigen, wie eng die geistliche Gemeinschaft der Gläubigen mit der Ausbreitung des Evangeliums verbunden ist.
Römer 15,1–3
Die Starken tragen die Schwachen: Christus als Vorbild selbstloser Liebe
Mit einer besonderen Verantwortung für die geistlich Starken führt Paulus seine bisherigen Gedanken weiter. Er schreibt, dass es ihre Pflicht sei, „die Schwachheiten der Kraftlosen zu tragen“ und nicht das eigene Gefallen zu suchen (Römer 15,1). Diese Worte richten sich zunächst an diejenigen, die in den zuvor behandelten Gewissensfragen größere Freiheit besitzen. Sie haben erkannt, dass bestimmte Speisegewohnheiten nicht darüber entscheiden, ob ein Mensch von Gott angenommen wird. Andere Gläubige sind in diesen Fragen noch zurückhaltender und können manches nicht mit gutem Gewissen tun. Paulus zählt sich ausdrücklich zu den Starken, doch gerade ihnen legt er eine besondere Verpflichtung auf. Größere Erkenntnis soll nicht zu größerem Anspruchsdenken führen, sondern zu größerer Bereitschaft, auf andere Rücksicht zu nehmen.
Das Wort „tragen“ geht dabei über bloßes Dulden hinaus. Paulus fordert nicht einfach, dass die Starken die Schwächeren in Ruhe lassen oder deren abweichende Überzeugungen widerwillig ertragen. Sie sollen bereit sein, die Schwierigkeiten, die aus unterschiedlichen Gewissensüberzeugungen entstehen, mitzutragen. Das kann bedeuten, auf eine an sich erlaubte Handlung zu verzichten, wenn sie einen anderen Gläubigen in einen ernsthaften Gewissenskonflikt bringen würde. Bereits in Römer 14,15 hatte Paulus erklärt, dass ein Christ nicht mehr nach der Liebe handelt, wenn er seinen Bruder durch seine Speise betrübt. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, was ein Mensch vor Gott tun darf, sondern auch, welche Folgen sein Verhalten für andere hat. Eine Freiheit, die ohne Rücksicht auf den Nächsten ausgeübt wird, kann ihrem eigentlichen geistlichen Zweck widersprechen.
Bemerkenswert ist, dass Paulus die größere Verantwortung gerade den Starken zuschreibt. Man könnte erwarten, dass er zuerst die Schwächeren auffordert, ihre Bedenken abzulegen und sich der Erkenntnis der anderen anzuschließen. Stattdessen beginnt er bei denen, die sich ihrer Freiheit gewiss sind. Wer in einer bestimmten Frage mehr verstanden hat, besitzt damit auch bessere Voraussetzungen, geduldig mit jemandem umzugehen, der noch anders denkt. Diese Haltung verlangt keine Verleugnung der eigenen Überzeugung. Paulus erklärt die unterschiedlichen Auffassungen nicht einfach für gleichermaßen richtig. Er unterscheidet vielmehr zwischen der sachlichen Frage, was erlaubt ist, und der geistlichen Frage, wie ein Christ mit seiner Erkenntnis umgehen soll. Das Recht, etwas zu tun, begründet noch keine Pflicht, dieses Recht in jeder Situation auszuschöpfen. Liebe kann freiwillig auf etwas verzichten, ohne deshalb die eigene Überzeugung aufzugeben.
Im zweiten Vers erweitert Paulus seine Aufforderung über die Gruppe der Starken hinaus: Jeder soll seinem Nächsten „zum Guten, zur Erbauung“ gefallen (Römer 15,2). Mit Erbauung meint er nicht bloß ein angenehmes Gefühl oder ein harmonisches Zusammenleben, sondern die geistliche Stärkung eines Menschen. So wie ein Gebäude Stein für Stein aufgebaut wird, soll auch das Glaubensleben durch Wahrheit, Geduld, Ermutigung und gegenseitige Unterstützung wachsen. Paulus hatte diesen Gedanken bereits in Römer 14,19 aufgenommen, als er dazu aufforderte, dem Frieden und der gegenseitigen Erbauung nachzustreben. Ein Christ soll deshalb nicht nur darauf achten, dass sein Verhalten niemandem unnötig schadet. Er soll bewusst dazu beitragen, dass andere im Glauben gefestigt werden und in ihrer Beziehung zu Gott wachsen können.
Die Einschränkung „zum Guten“ ist dabei entscheidend. Paulus verlangt keineswegs, anderen Menschen in allem nachzugeben oder ihre Erwartungen unabhängig von Gottes Willen zu erfüllen. Zwischen selbstloser Rücksichtnahme und dem Wunsch, es allen recht zu machen, besteht ein wesentlicher Unterschied. Wer einem anderen nur deshalb zustimmt, weil er dessen Ablehnung fürchtet, handelt nicht unbedingt aus Liebe. Ebenso wenig wäre es hilfreich, einen Menschen in einem Verhalten zu bestärken, das ihn von Gott entfernt. Deshalb erklärt Paulus an anderer Stelle, dass er nicht die Zustimmung von Menschen über seine Treue zu Christus stellen kann (Galater 1,10). Das Wohl des Nächsten muss vielmehr im Licht der Wahrheit und des göttlichen Willens verstanden werden. Manchmal wird dieses Wohl durch geduldiges Nachgeben gefördert, manchmal durch ehrliche Ermutigung und manchmal durch eine liebevolle Korrektur. Entscheidend ist, dass nicht die eigene Bequemlichkeit, der eigene Stolz oder der Wunsch nach Anerkennung das Verhalten bestimmen, sondern das wirkliche geistliche Wohl des anderen.
Als höchste Begründung für diese Haltung verweist Paulus auf Jesus Christus: „Denn auch Christus hatte nicht an sich selbst Gefallen“ (Römer 15,3). Damit führt er seine Leser über zwischenmenschliche Rücksichtnahme hinaus zum Wesen der Nachfolge. Jesus richtete sein Leben nicht danach aus, was ihm selbst den größten Vorteil, die geringste Mühe oder die höchste Anerkennung einbringen würde. Sein Handeln war vom Willen des Vaters und von der Liebe zu den Menschen bestimmt. Diese Hingabe wird besonders in seinem Leiden sichtbar. Obwohl er ohne Sünde war, nahm er Ablehnung, Erniedrigung und schließlich den Tod auf sich. Auch Philipper 2,5–8 stellt diese freiwillige Selbsterniedrigung Christi als Vorbild für das Denken und Handeln seiner Nachfolger dar. Paulus begründet die christliche Liebe damit nicht allein durch ein moralisches Ideal, sondern durch das konkrete Handeln des Erlösers, der für andere auf seine eigenen Vorrechte verzichtete.
Zur Vertiefung zitiert Paulus Psalm 69,10: „Die Schmähungen derer, die dich geschmäht haben, sind auf mich gefallen.“ Im ursprünglichen Zusammenhang beschreibt der Psalm einen leidenden Beter, der wegen seiner Treue und seines Eifers für Gott Ablehnung erfährt. Menschen, die Gott verachten, richten ihre Feindschaft auch gegen denjenigen, der für ihn eintritt. Paulus erkennt darin eine besonders treffende Beschreibung des Leidens Jesu. Christus nahm Schmähungen auf sich, die letztlich gegen Gott gerichtet waren. Der gleiche Psalm wird auch in Johannes 2,17 auf Jesus bezogen, als die Jünger nach der Reinigung des Tempels an den Eifer um Gottes Haus erinnert werden. Paulus benutzt diese Worte jedoch nicht, um die schwächeren Gläubigen mit den Menschen gleichzusetzen, die Gott schmähen. Sein Gedankengang ist vielmehr ein Vergleich: Wenn Christus aus Treue zu Gott sogar schwerste Anfeindungen auf sich nahm, wie viel mehr sollten seine Nachfolger bereit sein, im Umgang miteinander persönliche Unannehmlichkeiten und freiwillige Einschränkungen aus Liebe zu tragen.
Damit erhält die Aufforderung zur Rücksichtnahme ihre tiefste Grundlage. Christliche Gemeinschaft kann nicht dauerhaft darauf beruhen, dass jeder auf seinen eigenen Vorstellungen, Gewohnheiten und Ansprüchen besteht. Sie wächst dort, wo Menschen bereit sind, ihre Freiheit mit Verantwortung zu verbinden und das Wohl anderer ernst zu nehmen. Gerade wer sich in einer Frage als stark erkennt, darf daraus keinen Anlass zur Überheblichkeit machen. Seine Stärke soll daran sichtbar werden, dass er geduldig helfen kann, ohne zu verachten, und auf persönliche Vorteile verzichten kann, ohne bitter zu werden. Jesus Christus hat vorgelebt, dass wahre Größe nicht darin besteht, möglichst viel für sich selbst zu beanspruchen, sondern sich aus Liebe für andere hinzugeben. Dass Paulus diese Haltung sogar mit einem alttestamentlichen Psalm begründet, bereitet zugleich seinen nächsten Gedanken vor: Die Heilige Schrift vermittelt nicht nur Erkenntnis über Gottes Handeln, sondern unterweist die Gläubigen auch darin, mit Geduld, Trost und Hoffnung ihren gemeinsamen Weg zu gehen.
Römer 15,4–7
Gottes Wort schenkt Hoffnung und führt zur Einheit in Christus
Nachdem Paulus das Verhalten Jesu mit einem alttestamentlichen Psalm begründet hat, erklärt er, warum die Heilige Schrift auch für die Gläubigen seiner Zeit von grundlegender Bedeutung ist. In Römer 15,4 schreibt er: „Was aber zuvor geschrieben worden ist, das wurde zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch die Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung fassen.“ Damit macht Paulus deutlich, dass die früheren Schriften Israels nicht nur Zeugnisse vergangener Ereignisse sind. Gott hat in ihnen sein Wesen, seinen Willen und sein Handeln offenbart, damit auch spätere Generationen daraus lernen können. Obwohl diese Worte ursprünglich in bestimmten geschichtlichen Situationen entstanden, besitzen sie eine bleibende Bedeutung für Menschen, die Gott vertrauen. Paulus betrachtet das Alte Testament deshalb nicht als eine überholte Sammlung religiöser Überlieferungen, sondern als einen wesentlichen Bestandteil der göttlichen Unterweisung. Gerade der zuvor angeführte Psalm zeigt, wie eine alte Schriftstelle das Leiden Jesu verständlicher machen und zugleich den Glaubenden Orientierung für ihr eigenes Leben geben kann.
Dabei ist bemerkenswert, welches Ziel Paulus mit der Beschäftigung mit Gottes Wort verbindet. Er spricht nicht allein von Wissen, richtigen Überzeugungen oder moralischen Anweisungen, sondern von Geduld, Trost und Hoffnung. Die Bibel vermittelt dem Menschen nicht nur, was Gott von ihm erwartet. Sie zeigt ihm auch, wie Gott in schwierigen Zeiten handelt, wie er seine Verheißungen erfüllt und wie Menschen trotz Anfechtungen an ihm festhalten können. Die Geschichte Abrahams beispielsweise berichtet von einem Mann, der Gottes Zusage vertraute, obwohl ihre Erfüllung lange auf sich warten ließ (1. Mose 15,1–6; Römer 4,18–21). Die Geschichte Josephs zeigt, dass Gottes Handeln selbst dann nicht aufgehört hat, wenn menschliche Ungerechtigkeit und schwere Leiden zunächst das gesamte Geschehen zu bestimmen scheinen (1. Mose 50,20). Solche Berichte geben keine Garantie dafür, dass jeder Gläubige dieselben Erfahrungen machen oder jede Schwierigkeit auf die gleiche Weise überwinden wird. Sie bezeugen vielmehr, dass Gottes Treue nicht von den wechselnden Umständen des menschlichen Lebens abhängig ist.
Die Geduld, von der Paulus spricht, bedeutet daher weit mehr als ein stilles Ertragen unangenehmer Situationen. Gemeint ist eine standhafte Ausdauer, die sich auch unter Belastung nicht von Gott abwendet. Der Trost der Schrift besteht ebenso wenig in der bloßen Zusicherung, dass Schwierigkeiten schon bald verschwinden werden. Gottes Wort verschweigt weder das Leiden der Gerechten noch die ernsten Folgen menschlicher Schuld. In den Psalmen begegnen uns Menschen, die Angst haben, sich verlassen fühlen oder unter der Ungerechtigkeit anderer leiden. Dennoch wenden sie sich mit ihrer Not an Gott. Gerade darin liegt ein wesentlicher Teil des biblischen Trostes: Der Mensch darf seine Wirklichkeit vor Gott bringen und lernt, auch angesichts ungelöster Fragen an dessen Treue festzuhalten. Aus dieser Verbindung von geduldigem Ausharren und göttlicher Ermutigung wächst Hoffnung. Sie beruht nicht darauf, dass der Mensch seine Zukunft bereits überblicken könnte, sondern darauf, dass Gott vertrauenswürdig ist.
Diese Gedanken stehen in enger Verbindung mit einer früheren Aussage des Römerbriefes. In Römer 5,3–5 hatte Paulus erklärt, dass Bedrängnis zu standhaftem Ausharren führen kann, daraus Bewährung erwächst und die Hoffnung nicht zuschanden werden lässt, weil Gottes Liebe durch den Heiligen Geist in die Herzen der Gläubigen ausgegossen ist. Beide Stellen zeigen, dass biblische Hoffnung mehr ist als menschlicher Optimismus. Sie ist im Handeln und in den Verheißungen Gottes verwurzelt. Wer die Schrift liest, soll deshalb nicht nur erfahren, was Gott einst getan hat, sondern dadurch lernen, ihm auch in der Gegenwart zu vertrauen. Für die Gemeinde in Rom war diese Ermutigung besonders wichtig. Menschen, die unterschiedliche Überzeugungen mitbrachten und lernen mussten, miteinander in Frieden zu leben, benötigten nicht allein sachliche Einsicht, sondern auch die Ausdauer, geduldig miteinander umzugehen.
Im fünften Vers richtet Paulus den Blick von der Schrift unmittelbar auf Gott selbst. Er bezeichnet ihn als den „Gott der Geduld und des Trostes“ und bittet darum, dass er den Gläubigen eine gemeinsame Gesinnung schenken möge (Römer 15,5). Die sprachliche Verbindung zum vorherigen Vers ist bewusst gewählt. Zunächst spricht Paulus von der Geduld und dem Trost, die durch die Schrift vermittelt werden. Anschließend nennt er Gott selbst als denjenigen, von dem diese Gaben ausgehen. Gottes Wort besitzt seine geistliche Kraft nicht unabhängig von seinem Urheber. Durch die Schrift lernen Menschen den Gott kennen, der Geduld schenkt, sie in Schwierigkeiten ermutigt und ihnen hilft, an seinen Verheißungen festzuhalten. Die Bibel ist damit nicht bloß eine Sammlung hilfreicher Lebensregeln, sondern ein von Gott gegebenes Zeugnis, durch das Menschen in ihrer Beziehung zu ihm gestärkt werden können.
Bemerkenswert ist außerdem, dass Paulus die gewünschte Einheit als Gabe Gottes erbittet. Er schreibt nicht nur, dass die Christen sich zusammennehmen, vernünftig miteinander sprechen oder ihre Meinungsverschiedenheiten überwinden sollen. Vielmehr wünscht er, dass Gott ihnen selbst die entsprechende Gesinnung schenkt. Damit wird menschliche Verantwortung nicht aufgehoben. Die vorausgehenden Verse enthalten schließlich konkrete Aufforderungen zum Handeln. Paulus zeigt jedoch, dass eine dauerhafte geistliche Einheit mehr benötigt als äußere Vereinbarungen oder menschliche Disziplin. Stolz, Rechthaberei und mangelnde Geduld lassen sich nicht allein dadurch überwinden, dass eine Gemeinde gemeinsame Regeln beschließt. Die innere Haltung muss sich verändern. Eine ähnliche Verbindung zwischen menschlicher Verantwortung und Gottes Wirken findet sich in Philipper 2,12–13: Die Gläubigen sollen ihren Glauben ernsthaft leben, während Gott selbst in ihnen das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen wirkt.
Wenn Paulus darum bittet, dass die Christen „untereinander eines Sinnes“ seien, bedeutet dies nicht, dass sämtliche persönlichen Auffassungen, Erkenntnisstände oder Gewissensentscheidungen vollkommen übereinstimmen müssten. Eine solche Forderung würde seinem bisherigen Gedankengang widersprechen, in dem er ausdrücklich berücksichtigt, dass Gläubige bestimmte Fragen unterschiedlich beurteilen können (Römer 14,1–6). Die entscheidende Einschränkung steht am Ende von Römer 15,5: Diese gemeinsame Gesinnung soll „Christus Jesus gemäß“ sein. Nicht die persönliche Meinung einer bestimmten Gruppe bildet den Maßstab für die Einheit, sondern Jesus Christus. Seine Liebe, seine Demut, seine Treue gegenüber dem Vater und seine Bereitschaft, sich für andere hinzugeben, bestimmen die Richtung, in der die Gemeinde miteinander leben soll. Unterschiedliche Überzeugungen werden dadurch nicht automatisch bedeutungslos. Wo Gottes Wahrheit auf dem Spiel steht, darf Einheit nicht durch Gleichgültigkeit gegenüber seinem Wort erkauft werden. Zugleich darf eine ernsthaft vertretene Überzeugung nicht zum Vorwand werden, anderen Gläubigen die Liebe und Achtung zu verweigern, die Christus gebietet.
Paulus nennt im sechsten Vers das Ziel dieser gemeinsamen Gesinnung: Die Gläubigen sollen „einmütig, mit einem Munde“ Gott, den Vater Jesu Christi, loben. Die angestrebte Einheit ist somit kein Selbstzweck. Sie soll dazu führen, dass Menschen gemeinsam Gott verherrlichen. Der Ausdruck „mit einem Munde“ beschreibt anschaulich, dass aus vielen unterschiedlichen Menschen ein gemeinsames Lob hervorgehen kann. Es geht nicht darum, dass jeder dieselben Worte sprechen oder seine Persönlichkeit aufgeben müsste. Entscheidend ist vielmehr, dass die Gemeinde trotz ihrer Verschiedenheit durch den gemeinsamen Glauben an Jesus Christus verbunden ist und Gott als ihren Herrn anerkennt. Wo Menschen einander verachten, ihre eigenen Ansprüche zum Mittelpunkt machen oder sich wegen persönlicher Unterschiede gegenseitig ausschließen, wird dieses gemeinsame Zeugnis geschwächt. Wo sie dagegen in der Gesinnung Christi miteinander umgehen, kann ihre Gemeinschaft sichtbar machen, welche verändernde Kraft das Evangelium besitzt.
Dabei bezeichnet Paulus Gott ausdrücklich als den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Die gemeinsame Anbetung erhält dadurch einen klaren Mittelpunkt. Die Gläubigen sind nicht lediglich durch ähnliche religiöse Interessen miteinander verbunden, sondern durch ihre Beziehung zu Jesus Christus und durch den Gott, den er ihnen offenbart hat. Jesus selbst hatte den Vater verherrlicht, indem er dessen Willen erfüllte und das ihm aufgetragene Werk vollendete (Johannes 17,4). Nun sollen auch seine Nachfolger durch ihre Gemeinschaft und ihr Verhalten dazu beitragen, dass Gott geehrt wird. Die Einheit der Gemeinde besitzt deshalb eine geistliche Bedeutung, die über ein friedliches Zusammenleben hinausreicht: Sie soll den Charakter des Gottes widerspiegeln, den die Gläubigen gemeinsam anbeten.
Im siebten Vers führt Paulus seinen Gedankengang zu einer abschließenden Aufforderung: „Darum nehmet euch einer des andern an, gleichwie auch Christus sich euer angenommen hat, zu Gottes Ehre!“ Diese Worte greifen unmittelbar auf Römer 14,1 zurück, wo Paulus bereits verlangt hatte, den im Glauben Schwachen anzunehmen. Nun richtet sich die Aufforderung an die ganze Gemeinde. Keiner soll den anderen allein deshalb zurückweisen, weil dieser in bestimmten Fragen weniger Erkenntnis besitzt, andere Gewohnheiten mitbringt oder eine größere Freiheit hat. Das gegenseitige Annehmen geht über höfliche Zurückhaltung hinaus. Es bedeutet, den anderen als Glaubensgeschwister anzuerkennen, ihm Gemeinschaft zu gewähren und ihm mit einer Haltung zu begegnen, die seinem Wert vor Gott entspricht. Paulus fordert damit keine grenzenlose Zustimmung zu jeder menschlichen Auffassung. Er verlangt jedoch, dass die Zugehörigkeit zu Christus nicht durch selbstgeschaffene Schranken eingeschränkt wird.
Die Begründung dieser Aufforderung liegt wiederum im Handeln Jesu: Christus hat die Gläubigen angenommen. Diese Aussage erhält besonderes Gewicht, wenn man sie im Zusammenhang mit der bisherigen Botschaft des Römerbriefes liest. Paulus hatte erklärt, dass Christus für Menschen gestorben ist, als sie noch Sünder waren, und dass Gott gerade dadurch seine Liebe bewiesen hat (Römer 5,6–8). Die Annahme durch Christus beruht deshalb nicht darauf, dass Menschen zuvor bereits jeden Fehler überwunden oder vollständige geistliche Erkenntnis erlangt hätten. Sie entspringt seiner Gnade und führt sie in eine erneuerte Beziehung zu Gott. Das bedeutet keineswegs, dass Christus die Sünde gutheißt oder den Menschen unverändert lassen möchte. Seine Gnade befreit und verändert. Doch gerade weil niemand seine Annahme bei Gott durch eigene Vollkommenheit verdient hat, besitzt auch kein Christ das Recht, andere mit einer Überheblichkeit zu behandeln, die seine eigene Abhängigkeit von der göttlichen Barmherzigkeit vergisst.
Mit den Worten „zu Gottes Ehre“ macht Paulus schließlich deutlich, worauf diese gesamte Unterweisung hinausläuft. Gott wird nicht nur durch gesprochene Gebete, Lieder und öffentliche Glaubensbekenntnisse verherrlicht, sondern auch durch die Art, wie seine Kinder miteinander umgehen. Eine Gemeinde kann die Wahrheit Gottes mit großer Überzeugung verkündigen und dennoch durch Stolz, Lieblosigkeit und gegenseitige Verachtung dem eigenen Zeugnis widersprechen. Umgekehrt kann die Bereitschaft, einander in Christus anzunehmen und geduldig miteinander zu wachsen, etwas von jener Gnade sichtbar machen, durch die Gott selbst Menschen angenommen hat. Die Gemeinschaft der Gläubigen soll auf diese Weise nicht menschliche Leistung zur Schau stellen, sondern Gottes Barmherzigkeit ehren. Zugleich bereitet Paulus damit den folgenden Abschnitt vor: Die Annahme durch Christus umfasst nicht nur Menschen mit unterschiedlichen Gewissensüberzeugungen, sondern führt Juden und Menschen aus den anderen Völkern in die gemeinsame Hoffnung auf Gottes Verheißungen.
Römer 15,8–13
Gottes Treue zu Israel und die gemeinsame Hoffnung aller Völker
Die Aufforderung, einander anzunehmen, erhält nun eine noch tiefere Begründung. Paulus führt seine Leser in die Geschichte der göttlichen Verheißungen zurück und zeigt, dass die Gemeinschaft zwischen jüdischen und nichtjüdischen Gläubigen nicht auf einer nachträglichen menschlichen Entscheidung beruht. Sie gehört vielmehr zu dem Erlösungsplan, den Gott bereits lange vor dem Kommen Jesu Christi angekündigt hatte. In Römer 15,8 bezeichnet Paulus Jesus Christus als einen „Diener der Beschneidung“. Damit erinnert er zunächst daran, dass Jesus innerhalb des Volkes Israel geboren wurde und sein irdischer Dienst in besonderer Weise diesem Volk galt. Die Beschneidung war seit Abraham ein Zeichen des Bundes, den Gott mit ihm und seinen Nachkommen geschlossen hatte (1. Mose 17,9–14). Wenn Paulus von den Beschnittenen spricht, meint er daher die Menschen, die zu diesem Bundesvolk gehörten. Jesus trat nicht als ein von Israels Geschichte unabhängiger Religionsgründer auf, sondern als der verheißene Messias, dessen Kommen mit Gottes bisherigen Offenbarungen untrennbar verbunden war.
Diese besondere Beziehung zu Israel zeigt sich bereits während des öffentlichen Wirkens Jesu. Er verkündigte das Reich Gottes, lehrte in den Synagogen und wandte sich zunächst vor allem an die verlorenen Schafe des Hauses Israel (Matthäus 15,24). Damit war Gottes Heilsabsicht jedoch nicht auf dieses Volk begrenzt. Jesus begegnete auch Menschen aus anderen Völkern, und nach seiner Auferstehung beauftragte er seine Jünger ausdrücklich, Menschen aus allen Nationen zu Jüngern zu machen (Matthäus 28,19–20). Sein Dienst an Israel und die spätere Verkündigung unter den Völkern stehen deshalb nicht im Widerspruch zueinander. Vielmehr entfaltet sich darin ein zusammenhängender göttlicher Plan. Die Verheißung sollte zuerst an dem Volk bestätigt werden, dem Gott sie anvertraut hatte, während ihr Segen schließlich weit über die Grenzen Israels hinausreichen sollte.
Paulus erklärt, dass Christus um der Wahrhaftigkeit Gottes willen gekommen ist, um die Verheißungen an die Väter zu bestätigen (Römer 15,8). Mit den Vätern sind insbesondere die Stammväter Israels gemeint, denen Gott seine Bundeszusagen gegeben hatte. Abraham erhielt nicht nur die Verheißung zahlreicher Nachkommen, sondern auch die Zusage, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,1–3). Diese Verheißung wurde gegenüber Isaak und Jakob erneuert (1. Mose 26,3–4; 28,13–14). Jahrhunderte später sagte Gott David eine bleibende königliche Zukunft seines Hauses zu (2. Samuel 7,12–16). Diese verschiedenen Verheißungslinien bilden einen wichtigen Hintergrund für das Verständnis Jesu als des verheißenen Retters. In seinem Kommen erweist Gott sich als zuverlässig. Er hat seine früheren Zusagen nicht vergessen oder willkürlich durch einen völlig anderen Plan ersetzt.
Der Ausdruck „Wahrhaftigkeit Gottes“ bezeichnet hier deshalb mehr als die allgemeine Tatsache, dass Gott die Wahrheit sagt. Gemeint ist besonders seine Treue zu dem, was er zugesagt hat. Zwischen einer Verheißung und ihrer Erfüllung können viele Generationen liegen, ohne dass Gottes Wort dadurch seine Gültigkeit verliert. Für die Gläubigen aus Israel war dies eine wesentliche Ermutigung: Die Botschaft von Jesus Christus bedeutete nicht, dass Gott seine Geschichte mit ihrem Volk aufgegeben hatte. Für die Gläubigen aus den anderen Völkern war dieselbe Wahrheit ebenso wichtig. Ihr Glaube beruhte nicht auf einer religiösen Neuerung ohne geschichtliche Grundlage, sondern auf dem Handeln jenes Gottes, der bereits zu Abraham gesprochen hatte. Dabei bedeutet die Bestätigung der Verheißungen nicht, dass jede Einzelheit sämtlicher alttestamentlicher Zukunftsaussagen schon während des irdischen Lebens Jesu vollständig verwirklicht worden wäre. Paulus betont zunächst, dass Christus die Zuverlässigkeit von Gottes Zusagen bestätigt und ihre Erfüllung entscheidend vorangebracht hat.
Im neunten Vers nennt Paulus die andere Seite dieses göttlichen Handelns: Die Menschen aus den Völkern sollen Gott wegen seiner Barmherzigkeit verherrlichen. Auf den ersten Blick könnte der Gegensatz zwischen Gottes Wahrhaftigkeit gegenüber Israel und seiner Barmherzigkeit gegenüber den Völkern so verstanden werden, als hätte Israel nur Gottes Treue benötigt, während die übrigen Menschen ausschließlich auf seine Gnade angewiesen gewesen wären. Das wäre jedoch mit dem übrigen Römerbrief nicht vereinbar. Paulus hat bereits erklärt, dass Juden und Nichtjuden gleichermaßen unter der Macht der Sünde stehen und die Rechtfertigung vor Gott nur aus Gnade empfangen können (Römer 3,9–24). Auch in Römer 11,30–32 verbindet er Gottes Erbarmen ausdrücklich mit beiden Gruppen. Der Unterschied in Römer 15 liegt daher nicht darin, dass die eine Gruppe einen Anspruch auf Rettung hätte und die andere nicht. Paulus betrachtet dasselbe Heilsgeschehen aus zwei Perspektiven: Gott bleibt den Verheißungen treu, die er Israel gegeben hat, und er erweist den Völkern seine Barmherzigkeit, indem er auch sie in den verheißenen Segen einbezieht.
Um zu zeigen, dass diese Einbeziehung der Völker bereits in der Heiligen Schrift verankert ist, führt Paulus vier alttestamentliche Aussagen an. Das erste Zitat stammt aus Psalm 18,50, wo David davon spricht, Gott unter den Völkern zu preisen und seinem Namen zu singen. Der ursprüngliche Psalm ist ein Danklied für Gottes Rettung aus schweren Gefahren und für die Hilfe, die David als König erfahren hat. Seine Worte stehen damit zunächst in einem konkreten geschichtlichen Zusammenhang. David erkennt, dass seine Rettung und seine königliche Stellung nicht allein seiner eigenen Stärke zu verdanken sind, sondern Gottes Handeln. Dieses soll nicht nur innerhalb Israels bekannt gemacht werden. Gottes Ruhm soll auch unter den anderen Nationen verkündigt werden. Paulus greift diese Aussage auf, weil sie zeigt, dass die Verehrung des Gottes Israels schon in den Psalmen eine Bedeutung besitzt, die über Israels Grenzen hinausgeht. Das Zitat ist im ursprünglichen Zusammenhang nicht einfach eine ausführliche Vorhersage der späteren christlichen Gemeinde. In der Anwendung des Paulus erhält es jedoch eine besondere Erfüllungsperspektive: Durch den Messias aus Davids Linie wird Gottes Name tatsächlich unter den Völkern verkündigt und geehrt.
Das zweite Zitat stammt aus 5. Mose 32,43. Dort werden die Völker aufgefordert, sich mit Gottes Volk zu freuen. Diese Aussage gehört zum Abschluss des Liedes Moses, das sowohl Israels Untreue als auch Gottes Gerechtigkeit, sein Gericht und sein rettendes Handeln behandelt. Der Zusammenhang ist wichtig, weil die Freude nicht losgelöst von Gottes Charakter entsteht. Gott bleibt gegenüber menschlicher Schuld nicht gleichgültig, doch er gibt seine Herrschaft und seine Verheißungen nicht auf. Paulus verwendet hier eine Formulierung, die der alten griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der sogenannten Septuaginta, entspricht. Sie betont ausdrücklich das gemeinsame Freuen der Völker mit Gottes Volk. Der überlieferte hebräische Wortlaut lässt sich an dieser Stelle anders wiedergeben, was die unterschiedlichen Formulierungen in manchen Bibelübersetzungen erklärt. Für den Gedankengang des Paulus ist besonders bedeutsam, dass die Völker nicht aufgefordert werden, sich an die Stelle Israels zu setzen. Sie sollen sich vielmehr mit Gottes Volk freuen. Die gemeinsame Freude setzt somit keine Verwerfung Israels voraus, sondern eröffnet den Blick auf eine Gemeinschaft, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft denselben Gott ehren.
Mit dem dritten Zitat aus Psalm 117,1 erweitert Paulus diesen Gedanken. Der Psalm fordert alle Nationen und Völker zum Lob des Herrn auf. Besonders bemerkenswert ist die Begründung, die der zweite Vers des Psalms gibt: Gottes Güte und seine bleibende Treue sind der Anlass dieser Anbetung. Obwohl der Psalm nur zwei Verse umfasst, verbindet er damit zwei große Themen der biblischen Offenbarung. Gottes Liebe ist zuverlässig, und seine Treue besitzt eine Bedeutung, die nicht auf ein einziges Volk begrenzt werden darf. Die Aufforderung an alle Nationen setzt voraus, dass auch sie einen Grund haben, den Gott Israels zu erkennen und zu preisen. Der Psalm beschreibt nicht im Einzelnen, wie dies geschieht. Paulus kann diese Einladung jedoch im Licht des Evangeliums verstehen: Durch Jesus Christus wird Menschen aus den Völkern Gottes Barmherzigkeit verkündigt, sodass auch sie seinem Namen Lob und Dank darbringen können. Aus einer an die ganze Welt gerichteten Aufforderung wird damit eine lebendige Wirklichkeit unter den Menschen, die Christus im Glauben annehmen.
Die ersten drei Schriftstellen besitzen einen gemeinsamen Schwerpunkt, setzen jedoch unterschiedliche Akzente. In Psalm 18 wird Gottes Name unter den Völkern gepriesen. Im Lied Moses werden die Völker zur Freude mit Gottes Volk eingeladen. Psalm 117 fordert schließlich alle Nationen unmittelbar zum Lob Gottes auf. Diese Aussagen bilden keine zufällige Sammlung ähnlicher Worte. Paulus zeigt damit, dass die Beteiligung der Völker am Gotteslob an verschiedenen Stellen der alttestamentlichen Schriften begegnet. Sie ist weder auf einen einzelnen Propheten beschränkt noch eine Vorstellung, die erst nach dem Kommen Jesu entstanden wäre. Schon das Gesetz Moses und die Psalmen eröffnen diesen weiteren Horizont. Die Gläubigen in Rom sollen erkennen, dass ihre gemeinsame Anbetung nicht entgegen der Heiligen Schrift geschieht, sondern mit Gottes bereits offenbartem Vorhaben übereinstimmt.
Den Höhepunkt dieser Schriftbeweise bildet die vierte Aussage aus Jesaja 11,10, die Paulus in Römer 15,12 anführt. Jesaja spricht von einem Herrscher aus der Wurzel Isais, auf den die Völker ihre Hoffnung setzen werden. Isai war der Vater Davids (1. Samuel 16,1–13). Die Erwähnung seiner Wurzel weist daher auf die königliche Familie Davids zurück. Bereits am Anfang von Jesaja 11 wird angekündigt, dass aus dem scheinbar abgestorbenen Stamm Isais ein neuer Spross hervorgehen wird. Auf ihm soll der Geist des Herrn ruhen, und seine Herrschaft wird durch Gerechtigkeit, Gottesfurcht und Treue gekennzeichnet sein (Jesaja 11,1–5). Dieses Bild ist besonders aussagekräftig, weil es Hoffnung auf göttliche Erneuerung vermittelt, selbst wenn die geschichtliche Zukunft des davidischen Königshauses gefährdet erscheint. Gott kann seine Zusage erfüllen, auch wenn menschliche Macht und äußere Umstände kaum noch Anlass zur Hoffnung geben.
In Jesaja 11,10 wird dieser verheißene Herrscher zugleich als ein Zeichen für die Völker beschrieben, nach dem sie fragen und zu dem sie sich hinwenden werden. Paulus folgt in seiner Wiedergabe besonders der griechischen Übersetzung, die hervorhebt, dass dieser Nachkomme Isais aufsteht, um über die Völker zu herrschen, und dass die Völker auf ihn hoffen werden. Der hebräische Text betont stärker das Bild eines weithin sichtbaren Zeichens, zu dem die Nationen kommen. Beide Formulierungen unterstreichen jedoch den entscheidenden Gedanken: Der verheißene Herrscher aus Davids Linie besitzt eine Bedeutung für Menschen weit über Israel hinaus. Paulus erkennt in Jesus Christus denjenigen, auf den diese Hoffnung ausgerichtet ist. Die Herrschaft des Messias wird damit nicht als ein ausschließlich nationales Vorrecht beschrieben. Menschen aus allen Völkern dürfen sich ihm zuwenden und ihre Hoffnung auf ihn setzen.
Dabei bleibt wichtig, dass Jesaja 11 selbst noch weitere Verheißungen enthält. Der Prophet spricht unter anderem von Gerechtigkeit, Frieden, der Wiederherstellung seines Volkes und einer umfassenden Veränderung der bestehenden Verhältnisse. Wenn Paulus in Römer 15 einen bestimmten Vers daraus anführt, erklärt er damit nicht automatisch jede Einzelheit des gesamten prophetischen Kapitels für bereits vollständig erfüllt. Ebenso wenig hebt er die ursprünglichen Aussagen über Israel und Juda stillschweigend auf. Gerade in Römer 9–11 hat Paulus ausführlich über Gottes Treue zu Israel gesprochen und davor gewarnt, dass Gläubige aus den Völkern sich über die natürlichen Zweige erheben (Römer 11,17–21). Diese Warnung bildet einen wichtigen Hintergrund für das Verständnis der gemeinsamen Hoffnung. Niemand soll seine Zugehörigkeit zu Christus benutzen, um sich über Menschen anderer Herkunft zu stellen. Gottes Barmherzigkeit ist kein Anlass zum Stolz, sondern zur Dankbarkeit.
Die vier Zitate führen damit zu einer entscheidenden Erkenntnis: Gottes Erlösungsplan verbindet seine Treue zu den Vätern Israels mit seiner Barmherzigkeit gegenüber den Nationen. Das Alte Testament enthält bereits beide Linien, und in Jesus Christus werden sie auf besondere Weise zusammengeführt. Für die römische Gemeinde hatte dies unmittelbare Folgen. Jüdische Gläubige konnten die Christen aus den Völkern nicht einfach als Menschen betrachten, die grundsätzlich außerhalb von Gottes Absichten standen. Ebenso wenig durften nichtjüdische Gläubige meinen, ihre Berufung mache die Geschichte Israels bedeutungslos. Beide Gruppen waren auf denselben Messias angewiesen. Ihre Hoffnung hatte ihren Ursprung nicht in der eigenen Herkunft, sondern im Handeln Gottes. Die gemeinsame Anbetung sollte deshalb nicht durch gegenseitige Überheblichkeit belastet werden, sondern von dem Bewusstsein geprägt sein, dass alle ihre Rettung letztlich Gottes Gnade verdanken.
Nachdem Paulus die alttestamentlichen Verheißungen entfaltet hat, schließt er diesen Abschnitt mit einem Segenswunsch. In Römer 15,13 bezeichnet er Gott als den „Gott der Hoffnung“ und bittet darum, dass die Gläubigen mit Freude und Frieden im Glauben erfüllt werden und durch die Kraft des Heiligen Geistes an Hoffnung überströmen. Dieser Vers knüpft unmittelbar an die zuvor zitierte Verheißung aus Jesaja an, nach der die Völker ihre Hoffnung auf den kommenden Herrscher setzen werden. Paulus wendet sich nun an den Gott, der diese Hoffnung begründet und lebendig erhält. Sie ist nicht das Ergebnis einer optimistischen Lebenseinstellung oder der menschlichen Fähigkeit, schwierige Situationen positiv zu betrachten. Ihre Grundlage ist der Gott, der seine Verheißungen erfüllt und dessen Treue sich in Jesus Christus offenbart hat.
Auffällig ist, dass Paulus Freude und Frieden ausdrücklich mit dem Glauben verbindet. Er bittet nicht darum, dass die Gläubigen durch günstige äußere Umstände glücklich werden oder dass sämtliche Schwierigkeiten ihres Lebens verschwinden. Freude und Frieden sollen vielmehr aus ihrem Vertrauen zu Gott erwachsen. Wer seine Hoffnung auf Christus setzt, besitzt einen Grund zur Zuversicht, der über die wechselnden Erfahrungen des Lebens hinausreicht. Diese Freude bedeutet nicht, dass ein Christ niemals traurig wäre. Ebenso wenig schließt der Friede Gottes aus, dass Gläubige Bedrängnis, Unsicherheit oder innere Kämpfe erleben. Paulus selbst kannte Verfolgung, Widerstand und schwere Belastungen. Dennoch konnte er von einer Hoffnung sprechen, die den Menschen auch dann trägt, wenn der Ausgang einer bestimmten Situation noch ungewiss ist (Römer 5,3–5).
Die Kraft zu einer solchen Hoffnung schreibt Paulus ausdrücklich dem Heiligen Geist zu. Damit wird erkennbar, dass christliche Hoffnung nicht allein durch menschliche Überlegung oder Willensanstrengung lebendig bleibt. Gottes Geist wirkt im Menschen und stärkt das Vertrauen auf die göttlichen Verheißungen. Bereits in Römer 8,15–16 hatte Paulus erklärt, dass der Geist den Gläubigen ihre Beziehung zu Gott als ihrem Vater bezeugt. In Römer 8,23–25 verbindet er außerdem das Wirken des Geistes mit der Erwartung der zukünftigen Erlösung und der geduldigen Hoffnung auf das, was noch nicht sichtbar ist. Diese Gedanken helfen auch beim Verständnis von Römer 15,13. Paulus spricht nicht nur von einem augenblicklichen Gefühl, sondern von einer Hoffnung, die durch Gottes Gegenwart genährt wird und den Gläubigen befähigt, erwartungsvoll auf die endgültige Erfüllung seiner Verheißungen zu blicken.
Besonders eindrucksvoll ist schließlich das Bild des Überströmens. Paulus wünscht den Gläubigen nicht lediglich, dass ihnen gerade genug Hoffnung bleibt, um ihre Schwierigkeiten irgendwie zu ertragen. Er bittet darum, dass Gott sie so reichlich mit Freude, Frieden und Hoffnung erfüllt, dass diese Hoffnung ihr Leben prägt. Eine solche Zuversicht bleibt nicht ohne Wirkung auf das Verhältnis zu anderen Menschen. Wer weiß, dass seine Zukunft in Gottes Händen liegt, muss nicht jeden persönlichen Unterschied als Bedrohung empfinden oder seine eigene Stellung auf Kosten anderer verteidigen. Die Hoffnung auf Christus schafft Raum für Geduld, gegenseitige Achtung und selbstlose Liebe. Damit schließt sich der Gedankengang, den Paulus zu Beginn des Kapitels eröffnet hat: Die Gläubigen sollen einander tragen und annehmen, weil Christus sie angenommen hat und weil sie gemeinsam auf denselben treuen und barmherzigen Gott hoffen. Was Paulus hier anhand der Schrift über Gottes Absicht mit den Völkern erklärt hat, wird nun auch zum Hintergrund seines eigenen apostolischen Dienstes. Denn genau diese Hoffnung auf Christus ist die Botschaft, die er zu den Menschen bringen möchte, die das Evangelium bisher noch nicht gehört haben.
Römer 15,14–16
Paulus’ Berufung und das durch den Heiligen Geist geheiligte Opfer
Nachdem Paulus ausführlich erklärt hat, wie Gläubige unterschiedlicher Herkunft und Überzeugung in Christus zusammenleben sollen, wendet er sich nun unmittelbar an die Gemeinde in Rom. Seine Worte erhalten dabei einen auffallend persönlichen Charakter. In Römer 15,14 schreibt er: „Ich habe aber, meine Brüder, die feste Überzeugung von euch, daß auch ihr selbst voll Gütigkeit seid, erfüllt mit aller Erkenntnis und fähig, einander zu ermahnen.“ Diese Aussage ist bemerkenswert, weil Paulus den Christen in Rom zuvor ausführliche Anweisungen gegeben und sie vor verschiedenen geistlichen Gefahren gewarnt hat. Dennoch betrachtet er sie nicht als eine Gemeinschaft, der es grundsätzlich an Glauben, Erkenntnis oder geistlicher Reife fehlt. Vielmehr bringt er ausdrücklich sein Vertrauen zum Ausdruck, dass sie bereits über wichtige Voraussetzungen für ein gesundes christliches Zusammenleben verfügen. Seine Ermahnungen sollen die Gemeinde nicht herabsetzen, sondern sie darin stärken, das erkannte Gute auch tatsächlich zu verwirklichen.
Besonders aufschlussreich ist die Verbindung zwischen Gütigkeit und Erkenntnis. Paulus nennt nicht allein das Wissen um Gottes Wahrheit, sondern stellt die Güte der Gläubigen ausdrücklich daneben. Das griechische Wort, das hier mit „Gütigkeit“ wiedergegeben wird, bezeichnet eine sittliche Güte, die sich im Denken, Wollen und Handeln eines Menschen zeigt. Es geht nicht lediglich um eine freundliche äußere Erscheinung, sondern um eine innere Haltung, aus der gutes Verhalten hervorgeht. Die Erkenntnis wiederum umfasst das Verständnis der göttlichen Wahrheit und die Fähigkeit, zwischen richtigem und falschem Verhalten zu unterscheiden. Beides gehört zusammen. Wissen allein macht einen Menschen noch nicht liebevoll oder geistlich reif. Es kann sogar zur Überheblichkeit führen, wenn der Mensch seine Erkenntnis benutzt, um sich über andere zu erheben. Deshalb hatte Paulus bereits in 1. Korinther 8,1 davor gewarnt, dass Erkenntnis aufblähen kann, während die Liebe erbaut. Andererseits genügt auch eine gut gemeinte Freundlichkeit nicht, wenn sie ohne Orientierung an Gottes Wahrheit bleibt. Eine gesunde christliche Gemeinschaft benötigt sowohl ein von Güte geprägtes Herz als auch ein wachsendes Verständnis von Gottes Wort.
Wenn Paulus die römischen Christen als „erfüllt mit aller Erkenntnis“ bezeichnet, behauptet er damit nicht, dass sie bereits jedes Geheimnis Gottes verstanden hätten oder keiner weiteren Belehrung mehr bedürften. Der Römerbrief selbst zeigt, wie viel Paulus ihnen noch erklären und in Erinnerung rufen möchte. Seine Formulierung ist vielmehr eine anerkennende Beschreibung ihrer geistlichen Befähigung. Sie besitzen bereits genügend Erkenntnis, um in wesentlichen Glaubensfragen Verantwortung füreinander übernehmen zu können. Diese positive Einschätzung ist besonders bedeutsam, weil Paulus die Gemeinde in Rom nicht selbst gegründet hatte und viele ihrer Mitglieder noch nicht persönlich kannte. Dennoch erkennt er an, dass Gottes Wirken nicht von seiner eigenen unmittelbaren Anwesenheit abhängig ist. Auch ohne ihn hat sich dort eine christliche Gemeinschaft entwickelt, in der Menschen Gottes Wahrheit kennengelernt haben und einander im Glauben unterstützen können.
Aus Gütigkeit und Erkenntnis ergibt sich eine weitere Fähigkeit, die Paulus ausdrücklich hervorhebt: Die Gläubigen können einander ermahnen. Das entsprechende griechische Verb noutheteō beschreibt ein verständiges Zurechtweisen, Erinnern oder Anleiten, durch das einem Menschen geholfen werden soll, sein Denken und Verhalten am Guten auszurichten. Eine solche Ermahnung ist nicht mit herablassender Kritik oder dem bloßen Aufzählen fremder Fehler gleichzusetzen. Ihr Ziel besteht darin, einen Menschen vor Schaden zu bewahren, ihn zur Besinnung zu führen oder ihn in einem guten Weg zu bestärken. Dafür werden sowohl geistliche Einsicht als auch eine liebevolle Gesinnung benötigt. Wer zwar die Wahrheit kennt, aber ohne Geduld und Güte spricht, kann einen anderen verletzen, statt ihm zu helfen. Wer dagegen nur die Zustimmung des anderen sucht, wird möglicherweise schweigen, obwohl eine ehrliche Ermahnung notwendig wäre. Paulus verbindet deshalb die Fähigkeit zur gegenseitigen Unterweisung mit jenen Eigenschaften, die einen verantwortungsvollen Umgang miteinander ermöglichen.
Besonders wichtig ist das Wort „einander“. Paulus beschränkt die geistliche Verantwortung nicht ausschließlich auf die Apostel oder auf einzelne Leiter der Gemeinde. Er erkennt an, dass die Gläubigen selbst einander helfen, ermutigen und nötigenfalls zurechtweisen können. Eine ähnliche Aufforderung findet sich in Kolosser 3,16, wo die Christen ermutigt werden, das Wort Christi reichlich unter sich wohnen zu lassen und einander in Weisheit zu lehren und zu ermahnen. Auch Galater 6,1 zeigt, in welcher Haltung dies geschehen soll: Wenn ein Mensch von einer Verfehlung übereilt wird, sollen die geistlich Gesinnten ihm im Geist der Sanftmut zurechthelfen und dabei auf sich selbst achten. Geistliche Fürsorge ist somit keine Gelegenheit, die eigene Überlegenheit zu beweisen. Sie ist ein Dienst, bei dem Menschen füreinander Verantwortung übernehmen und sich zugleich ihrer eigenen Schwachheit bewusst bleiben. Damit greift Paulus den Gedanken der gegenseitigen Erbauung aus den vorhergehenden Versen auf und zeigt, wie dieser innerhalb einer lebendigen Gemeinde praktisch Gestalt gewinnen kann.
Im fünfzehnten Vers erklärt Paulus, weshalb er den Christen dennoch so ausführlich und teilweise mit besonderem Nachdruck geschrieben hat. Er möchte ihr Gedächtnis wieder auffrischen und sie an Wahrheiten erinnern, die für ihren Glauben und ihr Zusammenleben wesentlich sind. Das zeigt eine wichtige Aufgabe geistlicher Unterweisung: Nicht jede Ermahnung muss darauf beruhen, dass Menschen etwas grundsätzlich Neues erfahren müssen. Häufig besteht der größere Bedarf darin, bereits erkannte Wahrheiten erneut ins Bewusstsein zu rufen und ihre Bedeutung für das tägliche Leben zu verstehen. Ein Christ kann wissen, dass er seinen Nächsten lieben soll, und dennoch in einer konkreten Auseinandersetzung ungeduldig oder selbstgerecht handeln. Er kann Gottes Gnade verstanden haben und trotzdem versucht sein, andere nach Maßstäben zu beurteilen, die er auf sich selbst nicht anwendet. Die Erinnerung an Gottes Wort hilft, solchen Widersprüchen zwischen Erkenntnis und Lebensführung entgegenzuwirken.
Paulus begründet den Mut, mit dem er geschrieben hat, ausdrücklich mit der Gnade, die Gott ihm gegeben hat (Römer 15,15). Damit bezeichnet er nicht nur die Vergebung seiner persönlichen Sünden, sondern auch die besondere Berufung, die er von Gott empfangen hat. Schon am Anfang des Römerbriefes hatte er erklärt, dass er durch Jesus Christus Gnade und Apostelamt erhalten habe, um Menschen aus den Völkern zum Glaubensgehorsam zu führen (Römer 1,5). Seine Vollmacht beruht daher nicht auf persönlichem Ansehen, außergewöhnlicher Bildung oder menschlicher Selbstermächtigung. Er versteht seinen Auftrag als eine unverdiente Gabe Gottes, die ihn zugleich zur Verantwortung verpflichtet. Diese Verbindung von Gnade und Dienst begegnet auch in 1. Korinther 15,9–10. Dort erinnert Paulus daran, dass er die Gemeinde Gottes verfolgt hatte und sich deshalb nicht für würdig hielt, Apostel genannt zu werden. Dennoch hatte Gottes Gnade sein Leben verändert und ihn zu einem Dienst befähigt, den er aus eigener Kraft niemals hätte hervorbringen können. Gnade bedeutet für Paulus somit nicht nur, dass Gott den Menschen annimmt, sondern auch, dass er ihn zu einer Aufgabe beruft und für deren Erfüllung stärkt.
In Römer 15,16 beschreibt Paulus diese Aufgabe mit einer ungewöhnlich feierlichen Sprache. Er bezeichnet sich als „Diener Jesu Christi für die Heiden“, der das Evangelium Gottes „priesterlich verwaltet“. Das Wort „Heiden“ bezeichnet hier Menschen aus den nichtjüdischen Völkern. Paulus hatte von Christus den besonderen Auftrag empfangen, ihnen die Botschaft des Evangeliums zu bringen. Schon bei seiner Berufung wurde angekündigt, dass er den Namen Jesu vor Völker und Könige sowie vor die Kinder Israels tragen sollte (Apostelgeschichte 9,15). Dieser Auftrag machte ihn nicht unabhängig von den übrigen Aposteln, verlieh seinem Dienst aber eine besondere Ausrichtung. Während andere Boten des Evangeliums ebenfalls Juden und Nichtjuden erreichten, betrachtete Paulus die Verkündigung unter den Völkern als einen wesentlichen Schwerpunkt seiner Berufung. Seine Verantwortung gegenüber der römischen Gemeinde erklärt sich auch daraus, dass dort Menschen aus jenen Nationen lebten, denen sein apostolischer Dienst in besonderer Weise galt (Römer 1,13–15).
Die priesterliche Ausdrucksweise verdient besondere Aufmerksamkeit. Im Alten Testament hatten die Priester die Aufgabe, Gott im Heiligtum zu dienen und die vorgeschriebenen Opfer darzubringen. Paulus greift diese vertraute Bildwelt auf, überträgt sie jedoch auf seinen Dienst am Evangelium. Seine Aufgabe besteht nicht darin, an einem irdischen Altar Tieropfer darzubringen, sondern Menschen die Botschaft von Jesus Christus zu verkündigen. Das Evangelium ist dabei die Botschaft Gottes über die Rettung, die er durch seinen Sohn ermöglicht hat. Es ist nicht eine Lehre, die Paulus selbst erfunden hätte, sondern die Offenbarung des göttlichen Heilshandelns. Bereits in Römer 1,16 hatte er erklärt, dass das Evangelium Gottes Kraft zur Rettung für jeden Glaubenden ist. Wenn er nun von einer priesterlichen Verwaltung des Evangeliums spricht, veranschaulicht er die heilige Verantwortung seines Auftrags. Sein Dienst soll Menschen nicht an seine Person binden, sondern sie zu Gott führen.
Den eigentlichen Höhepunkt dieses Bildes bildet die Aussage, dass das „Opfer der Heiden“ Gott angenehm werden soll. Im unmittelbaren Zusammenhang ist damit am überzeugendsten gemeint, dass Menschen aus den Völkern durch die Verkündigung des Evangeliums für Gott gewonnen werden und ihm gewissermaßen als eine heilige Gabe dargebracht werden. Paulus betrachtet nicht seine persönliche Leistung als das entscheidende Opfer, sondern die Menschen, die durch Christus zu Gott finden. Der griechische Ausdruck lässt grundsätzlich auch andere Deutungen zu. Weil Paulus später von der Geldsammlung für Jerusalem spricht, wurde beispielsweise erwogen, dass das Opfer bereits hier auf diese Gabe hinweisen könnte. Doch der unmittelbare Zusammenhang von apostolischer Berufung, Evangeliumsverkündigung und dem Wirken des Heiligen Geistes spricht stärker für die Menschen selbst. Sie sind das Ziel seines Dienstes: Menschen, die zuvor den Gott Israels nicht kannten, sollen nun zu ihm gehören und ihr Leben unter seine Herrschaft stellen.
Dabei geht es nicht um ein buchstäbliches Menschenopfer, sondern um eine geistliche Hingabe. Bereits in Römer 12,1 hatte Paulus die Gläubigen aufgefordert, ihre Leiber Gott als ein lebendiges, heiliges und ihm wohlgefälliges Opfer darzubringen. Diese Aufforderung meint nicht die Zerstörung menschlichen Lebens, sondern dessen bewusste Weihe an Gott. Der Mensch soll mit seinem Denken, seinem Körper, seinem Verhalten und seinen Möglichkeiten Gott gehören. Was Paulus in Römer 12 als Lebensantwort jedes einzelnen Gläubigen beschreibt, erscheint in Römer 15 aus der Perspektive seines apostolischen Dienstes. Durch die Verkündigung werden Menschen eingeladen, sich Gott anzuvertrauen und ihm zu dienen. Der Wert dieser Hingabe liegt nicht in einer eigenständigen menschlichen Leistung, durch die Gottes Gnade verdient werden könnte. Vielmehr ist sie die Antwort auf das Heil, das Gott durch Jesus Christus schenkt. Das Bild vom Opfer bezeichnet deshalb Menschen, deren Leben nicht mehr allein um die eigenen Wünsche kreist, sondern auf Gott ausgerichtet wird.
Eine weitere wichtige Einzelheit liegt darin, wodurch dieses Opfer Gott angenehm wird. Paulus nennt ausdrücklich die Heiligung durch den Heiligen Geist. Damit macht er deutlich, dass die Verkündigung des Evangeliums und die menschliche Entscheidung zum Glauben nicht unabhängig von Gottes eigenem Wirken betrachtet werden dürfen. Paulus konnte predigen, lehren, Gemeinden gründen und Menschen zur Umkehr aufrufen. Er konnte jedoch aus eigener Kraft weder ein sündiges Herz erneuern noch einen Menschen innerlich heiligen. Das vermag allein Gott durch seinen Geist. Heiligung bedeutet zunächst, dass ein Mensch für Gott ausgesondert wird und ihm gehört. Zugleich umfasst sie die wirkliche Erneuerung des Lebens, durch die der Gläubige lernt, sich von der Sünde abzuwenden und nach Gottes Willen zu leben. Diese Veränderung ist kein bloßer äußerlicher Religionswechsel. Sie betrifft das Herz und führt zu einem Leben, in dem Gottes Charakter zunehmend sichtbar werden soll.
Die Bedeutung des Heiligen Geistes wird besonders verständlich, wenn man Römer 15,16 mit Römer 8 verbindet. Dort hatte Paulus erklärt, dass die Gläubigen nicht mehr nach dem Fleisch leben sollen, sondern nach dem Geist, und dass Gottes Geist in ihnen wohnt (Römer 8,9–14). Ein Mensch gehört nicht deshalb zu Christus, weil er bestimmte religiöse Formen übernommen hat, sondern weil er durch den Glauben mit Christus verbunden ist und Gottes Geist in seinem Leben wirkt. Ebenso wenig bedeutet Heiligung, dass der Mensch bereits bei seiner Hinwendung zu Gott jede Schwachheit überwunden hätte. Sie schließt vielmehr ein fortdauerndes Leben in der Abhängigkeit von Gottes Kraft ein. Der Heilige Geist führt zur Umkehr, erneuert die innere Gesinnung und befähigt den Menschen, der Sünde zu widerstehen und im Gehorsam gegenüber Gott zu wachsen. Gerade dadurch wird verständlich, warum Paulus das Opfer der Menschen aus den Völkern als durch den Geist geheiligt beschreibt. Ihre Annahme durch Gott beruht nicht auf ethnischer Herkunft oder menschlicher Vollkommenheit, sondern auf seinem rettenden und erneuernden Handeln.
Diese Aussage besitzt im Zusammenhang des Römerbriefes eine besondere Tragweite. In der Geschichte Israels hatte die Zugehörigkeit zum Bundesvolk eine wichtige äußere Kennzeichnung durch die Beschneidung erhalten. Paulus hatte jedoch bereits ausführlich erklärt, dass die Rechtfertigung vor Gott nicht durch diese äußere Zugehörigkeit oder durch menschliche Gesetzeswerke erlangt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus (Römer 3,21–30). Nun beschreibt er Menschen aus den Völkern als eine Gott angenehme Gabe, die durch den Heiligen Geist geheiligt ist. Damit wird sichtbar, dass Gott sie nicht als Gläubige zweiter Klasse betrachtet. Sie benötigen keine besondere ethnische Abstammung, um durch Christus Anteil an Gottes Heil zu erhalten. Zugleich werden sie nicht zu einem Leben ohne göttlichen Maßstab berufen. Der Geist, der sie heiligt, verändert ihr Leben und führt sie dazu, Gott von Herzen zu dienen. Gottes Gnade und ein geheiligtes Leben stehen deshalb nicht im Gegensatz zueinander. Die Gnade eröffnet den Zugang zu Gott, und derselbe Gott wirkt durch seinen Geist an der Erneuerung der Menschen, die er angenommen hat.
Für Paulus liegt darin die eigentliche Würde seines apostolischen Dienstes. Er durfte Menschen, die zuvor außerhalb der besonderen Bundesgeschichte Israels standen, die Botschaft des verheißenen Messias bringen und miterleben, wie Gott sie durch seinen Geist zu seinem Eigentum machte. Seine Berufung war damit nicht auf die Vermittlung religiöser Informationen beschränkt. Sie diente einem Ziel, das weit über menschliche Überzeugungskraft hinausging: Menschen sollten mit Gott versöhnt, in ihrem Leben erneuert und zu seiner Ehre geheiligt werden. Paulus hatte diese Aufgabe nicht aus eigener Macht übernommen, sondern durch Gottes Gnade empfangen. Deshalb konnte er sein Wirken niemals als einen von Christus unabhängigen persönlichen Erfolg betrachten. Genau diesen Gedanken entfaltet er in den folgenden Versen, wenn er erklärt, dass alles, was durch seinen Dienst geschehen ist, letztlich Christus selbst gewirkt hat.
Römer 15,17–21
Christus wirkt durch Paulus: Die Verkündigung des Evangeliums unter bisher unerreichten Völkern
Nachdem Paulus seinen besonderen Auftrag als Diener Jesu Christi beschrieben hat, erklärt er nun, wie er auf die Ergebnisse seines bisherigen Wirkens zurückblickt. In Römer 15,17 schreibt er: „Ich habe also [Grund zum] Rühmen in Christus Jesus, vor Gott.“ Diese Aussage erscheint zunächst überraschend. Hatte Paulus nicht immer wieder davor gewarnt, dass sich Menschen ihrer eigenen Leistungen oder ihrer vermeintlichen Gerechtigkeit rühmen? Bereits in Römer 3,27 hatte er erklärt, dass durch die Rechtfertigung aus Glauben jeder menschliche Selbstruhm ausgeschlossen wird. Nun spricht er selbst davon, einen Grund zum Rühmen zu besitzen. Der scheinbare Widerspruch löst sich jedoch auf, wenn man beachtet, worin dieser Grund besteht. Paulus rühmt sich nicht einer Leistung, durch die er sich Gottes Anerkennung verdient hätte. Er freut sich vielmehr darüber, was Jesus Christus durch seinen Dienst bewirkt hat. Der entscheidende Ausdruck lautet deshalb „in Christus Jesus“. Nicht Paulus selbst steht im Mittelpunkt seines Ruhmes, sondern der Herr, von dem sein Auftrag, seine Befähigung und die Frucht seiner Arbeit ausgehen.
Damit unterscheidet Paulus zwischen selbstgefälligem Stolz und dankbarer Freude über Gottes Wirken. Es ist nicht grundsätzlich falsch, sich darüber zu freuen, dass Menschen zum Glauben finden, Gemeinden entstehen oder ein von Gott übertragener Auftrag Frucht trägt. Entscheidend ist, wem der Mensch die Ehre dafür gibt. Wer seine Erfolge als Beweis persönlicher Überlegenheit betrachtet, stellt sich selbst in den Mittelpunkt. Wer dagegen erkennt, dass Gott ihn trotz seiner Schwächen und Grenzen gebraucht hat, findet gerade darin einen Anlass zur Dankbarkeit. Paulus kannte diesen Unterschied aus seiner eigenen Lebensgeschichte. Er hatte die Gemeinde Gottes verfolgt und sich später ausdrücklich als den geringsten unter den Aposteln bezeichnet (1. Korinther 15,9–10). Dass er dennoch zu einem Verkündiger des Evangeliums geworden war, verstand er als ein besonderes Zeugnis der göttlichen Gnade. Sein früheres Leben gab ihm keinen Anlass, sich über andere Menschen zu erheben. Umso größer war seine Freude darüber, dass Christus ihn zu einem Werkzeug seines rettenden Handelns gemacht hatte.
Im achtzehnten Vers zieht Paulus eine klare Grenze für alles, was er über seine Arbeit berichten will. Er möchte nur von dem sprechen, was Christus tatsächlich durch ihn gewirkt hat. Diese Formulierung macht deutlich, wie Paulus sein Verhältnis zu Jesus Christus versteht. Christus ist nicht lediglich derjenige, dessen Lehre Paulus weitergibt, während die eigentliche Arbeit anschließend vollständig von menschlichen Fähigkeiten abhängt. Vielmehr betrachtet Paulus den auferstandenen Herrn als den weiterhin handelnden Urheber seines Missionsdienstes. Jesus hatte seine Jünger nach seiner Auferstehung beauftragt, das Evangelium zu verkündigen, und ihnen seine bleibende Gegenwart zugesagt (Matthäus 28,18–20). Im Leben des Paulus wurde diese Verheißung auf besondere Weise erfahrbar. Er verkündigte die Botschaft, reiste von Ort zu Ort, unterwies Menschen und gründete Gemeinden. Doch hinter diesem sichtbaren menschlichen Dienst erkannte er das Wirken Christi, der durch den Heiligen Geist Menschen zur Umkehr führte und seine Gemeinde aufbaute.
Dabei fällt auf, dass Paulus nicht sagt, Christus habe lediglich neben ihm gewirkt oder seine eigene Tätigkeit nachträglich gesegnet. Er spricht ausdrücklich von dem, was Christus „durch mich“ gewirkt hat. Der Apostel bleibt also ein wirklicher Mitarbeiter, dessen Entscheidungen, Worte und Handlungen Bedeutung besitzen. Gleichzeitig beansprucht er keine unabhängige geistliche Macht. Dieses Verhältnis beschreibt er an anderer Stelle mit einem Bild aus der Landwirtschaft: Er selbst habe gepflanzt, Apollos habe begossen, Gott aber habe das Wachstum gegeben (1. Korinther 3,6–7). Weder das Pflanzen noch das Begießen war überflüssig. Ohne Gottes lebensschaffendes Wirken konnten diese Tätigkeiten jedoch keine geistliche Frucht hervorbringen. Darin liegt ein wichtiges Verständnis christlichen Dienstes. Gott gebraucht Menschen mit ihren Fähigkeiten und ihrer Verantwortung, doch die Erneuerung des Herzens und die Entstehung lebendigen Glaubens bleiben letztlich sein Werk.
Als Ziel dieses Wirkens nennt Paulus, Menschen aus den Völkern zum Gehorsam zu führen. Dieser Ausdruck muss im Zusammenhang des gesamten Römerbriefes verstanden werden. Bereits zu Beginn hatte Paulus erklärt, dass er das Apostelamt empfangen habe, um unter den Völkern den „Gehorsam des Glaubens“ aufzurichten (Römer 1,5). Am Ende des Briefes greift er dieselbe Verbindung nochmals auf (Römer 16,26). Gehorsam bedeutet hier deshalb nicht, Menschen lediglich zur äußerlichen Befolgung religiöser Vorschriften zu bewegen. Paulus möchte, dass sie Jesus Christus im Glauben annehmen, sich seiner Herrschaft anvertrauen und ihr Leben an seinem Willen ausrichten. Glaube und Gehorsam erscheinen dabei nicht als zwei voneinander unabhängige Wege zu Gott. Der Glaube ist die vertrauensvolle Hinwendung zu Christus, aus der ein verändertes Leben hervorgehen soll. Wer ihn als Herrn anerkennt, kann seine Worte und Gebote nicht grundsätzlich für bedeutungslos erklären.
Gleichzeitig wäre es ein Missverständnis, diesen Gehorsam als Voraussetzung zu betrachten, durch die der Mensch sich zunächst die Annahme Gottes verdienen müsste. Paulus hat im Römerbrief ausführlich begründet, dass ein sündiger Mensch durch Gottes Gnade und aufgrund des Erlösungswerkes Jesu Christi gerechtfertigt wird (Römer 3,21–26). Doch dieselbe Gnade befreit ihn nicht nur von der Schuld der Sünde, sondern ruft ihn auch aus ihrer Herrschaft heraus. In Römer 6,17–18 dankt Paulus Gott dafür, dass Menschen, die früher Knechte der Sünde waren, der ihnen überlieferten Lehre von Herzen gehorsam geworden sind. Der Ausdruck „von Herzen“ ist hier besonders wichtig. Gott sucht keine erzwungene äußere Unterwerfung, sondern Menschen, deren Denken und Wollen durch seine Wahrheit verändert werden. Der Gehorsam, von dem Paulus in Römer 15 spricht, ist deshalb das Ziel einer Evangeliumsverkündigung, die Menschen zu einer lebendigen Beziehung mit Christus führt. Er umfasst nicht nur ein gesprochenes Glaubensbekenntnis, sondern eine neue Lebensrichtung.
Paulus erklärt weiter, dass Christus durch ihn „durch Wort und Werk“ gehandelt habe (Römer 15,18). Damit beschreibt er die verschiedenen Seiten seines Dienstes. Zu seinem Auftrag gehörte die öffentliche Verkündigung des Evangeliums, die Unterweisung der Gläubigen, das Gespräch mit Menschen unterschiedlicher religiöser Überzeugung und die geduldige Erklärung der Heiligen Schrift. Die Apostelgeschichte berichtet beispielsweise, wie Paulus in Thessalonich aus den Schriften darlegte, dass der verheißene Christus leiden und auferstehen musste, und Jesus als diesen Christus verkündigte (Apostelgeschichte 17,2–3). Auch in Athen suchte er das Gespräch mit Menschen, die ganz andere Vorstellungen von Gott besaßen (Apostelgeschichte 17,16–34). Er richtete seine Verkündigung auf die jeweiligen Hörer aus, ohne den eigentlichen Inhalt des Evangeliums preiszugeben. Seine Worte sollten Menschen nicht lediglich beeindrucken, sondern ihnen verständlich machen, wer Jesus Christus ist und was Gott durch ihn getan hat.
Doch Paulus spricht nicht nur von Worten, sondern ausdrücklich auch von Werken. Im folgenden Vers nennt er besonders Zeichen und Wunder, durch die Gottes Kraft während seines Dienstes sichtbar geworden war. Darüber hinaus zeigt sein überliefertes Leben, dass seine Verkündigung von konkretem Handeln begleitet wurde. Er reiste unter großen Entbehrungen, nahm persönliche Gefahren auf sich, arbeitete zeitweise für seinen Lebensunterhalt und kümmerte sich um die Gemeinden, die durch seinen Dienst entstanden waren (Apostelgeschichte 18,1–4; 20,31–35; 2. Korinther 11,23–28). Diese verschiedenen Tätigkeiten dürfen nicht einfach mit den Zeichen und Wundern gleichgesetzt werden. Sie verdeutlichen jedoch, dass Paulus das Evangelium nicht als eine Botschaft verstand, die unabhängig von seiner eigenen Lebensführung bleiben konnte. Seine Worte und sein Handeln sollten demselben Herrn dienen. Gerade dadurch wird sein apostolischer Auftrag zu einem eindrucksvollen Beispiel dafür, dass die Wahrheit des Evangeliums nicht nur ausgesprochen, sondern im Leben des Verkündigers ernst genommen werden muss.
In Römer 15,19 berichtet Paulus ausdrücklich von der „Kraft von Zeichen und Wundern“ und von der „Kraft des heiligen Geistes“. Die beiden Begriffe Zeichen und Wunder beschreiben außergewöhnliche Ereignisse, durch die Gottes Wirken auf besondere Weise erkennbar werden konnte. Als Wunder erregten solche Ereignisse Staunen, weil sie über das gewöhnliche menschliche Vermögen hinausgingen. Als Zeichen besaßen sie darüber hinaus eine Bedeutung, die auf Gottes Handeln und die Wahrheit seiner Botschaft hinweisen sollte. Die Apostelgeschichte enthält mehrere Berichte über derartige Ereignisse während des Dienstes des Paulus. In Lystra wurde beispielsweise ein Mann geheilt, der von Geburt an nicht gehen konnte (Apostelgeschichte 14,8–10). In Ephesus geschahen durch Paulus außergewöhnliche Heilungen und Befreiungen von bösen Geistern (Apostelgeschichte 19,11–12). Solche Geschehnisse standen im Zusammenhang mit der Verkündigung des Evangeliums und machten deutlich, dass Paulus seine Botschaft nicht allein auf menschliche Überzeugungskraft gründete.
Dabei ist die ausdrückliche Erwähnung des Heiligen Geistes entscheidend. Paulus schreibt die Kraft dieser Zeichen und Wunder nicht einer besonderen menschlichen Fähigkeit zu. Sie ging von Gott aus. Bereits Jesus hatte seinen Jüngern erklärt, dass sie durch das Kommen des Heiligen Geistes Kraft empfangen würden, um seine Zeugen zu sein (Apostelgeschichte 1,8). Diese Verheißung bezog sich nicht ausschließlich auf außergewöhnliche Wunderhandlungen, sondern auf die göttliche Befähigung zum Zeugnis für Christus. Der Heilige Geist wirkt, indem er Menschen zur Verkündigung befähigt, ihre Worte gebraucht, Herzen öffnet und das Leben der Glaubenden erneuert. Wunder waren im apostolischen Dienst besondere sichtbare Ausdrucksformen dieser Kraft, aber nicht ihr einziger Ausdruck. Dass Paulus hier Zeichen und Wunder erwähnt, bedeutet deshalb nicht, dass jede spätere Evangeliumsverkündigung nur dann glaubwürdig wäre, wenn sie von denselben außergewöhnlichen Ereignissen begleitet wird. Ebenso wenig ist jedes beeindruckende übernatürliche Geschehen automatisch ein Beweis göttlicher Herkunft. Jesus selbst warnte vor irreführenden Zeichen und Wundern (Matthäus 24,24). Entscheidend bleibt, ob eine Botschaft mit Gottes offenbarter Wahrheit übereinstimmt und zu Jesus Christus führt.
Anschließend beschreibt Paulus die große geographische Ausdehnung seines bisherigen Wirkens. Er erklärt, dass er „von Jerusalem an und ringsumher bis nach Illyrien das Evangelium von Christus völlig ausgerichtet“ habe (Römer 15,19). Hinter dieser kurzen Aussage steht eine jahrelange Geschichte von Reisen, Verkündigung, Widerstand und Gemeindegründungen. Die Apostelgeschichte berichtet von seiner Tätigkeit in zahlreichen Städten und Regionen, darunter Antiochia, Zypern, die Landschaften Kleinasiens, Mazedonien und Achaja. Paulus hatte Menschen unterschiedlicher Herkunft erreicht, in Synagogen gesprochen, öffentlich gelehrt und neue Gemeinden begleitet. Sein Dienst erstreckte sich über große Teile des östlichen Mittelmeerraums und hatte schließlich auch europäische Gebiete erreicht. Die Angabe von Jerusalem bis Illyrien soll den Lesern in Rom die Weite dieses Missionsfeldes vor Augen führen.
Dabei darf die Reihenfolge der genannten Orte nicht mit einem genauen Reisebericht verwechselt werden. Paulus hatte nach seiner Bekehrung zunächst in Damaskus Jesus verkündigt (Apostelgeschichte 9,19–22). Jerusalem wird in Römer 15 vor allem als östlicher Ausgangs- und Bezugspunkt der Evangeliumsverkündigung genannt. Von dort aus hatte sich die Botschaft Christi durch die apostolische Mission in viele Regionen ausgebreitet. Illyrien bezeichnete einen geographischen Raum an der östlichen Adriaküste, der Teile des westlichen Balkans umfasste. Die genaue Ausdehnung der damaligen Verwaltungsgebiete und die Grenzverhältnisse veränderten sich im Laufe der römischen Geschichte. Für das Verständnis des Verses ist vor allem wichtig, dass Paulus damit einen weit westlich gelegenen Bereich seiner bisherigen Mission bezeichnet. Der biblische Bericht sagt nicht ausdrücklich, ob er tief in Illyrien selbst vorgedrungen war oder das Evangelium bis in dessen Nähe getragen hatte. Die Apostelgeschichte erwähnt keinen eindeutig beschriebenen Aufenthalt des Paulus in Illyrien. Da sie jedoch nicht jede einzelne Reiseetappe vollständig festhält, kann aus diesem Schweigen auch nicht geschlossen werden, dass Paulus das Gebiet niemals betreten hätte.
Eine besonders wichtige Frage entsteht durch die Aussage, Paulus habe das Evangelium in diesem großen Gebiet „völlig ausgerichtet“. Bedeutet dies, dass jeder Mensch zwischen Jerusalem und Illyrien die Botschaft gehört hatte und keine weitere Verkündigung mehr nötig war? Eine solche Vorstellung würde weder zu den geschichtlichen Verhältnissen noch zu den folgenden Worten des Paulus passen. In den genannten Gebieten lebten zahlreiche Menschen, und die christlichen Gemeinden waren keineswegs überall gleichmäßig verbreitet. Der griechische Ausdruck vermittelt vielmehr den Gedanken, dass Paulus seinen Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums in diesem ausgedehnten Missionsgebiet in entscheidender Weise erfüllt hatte. Besonders im Zusammenhang mit Römer 15,20–23 wird deutlich, dass er dabei an seine Aufgabe als grundlegender Verkündiger und Gemeindegründer denkt. Er hatte in vielen wichtigen Regionen das Evangelium bekannt gemacht und Gemeinden entstehen sehen, von denen die Botschaft weitergetragen werden konnte. Deshalb richtete sich sein Blick zunehmend auf neue Gebiete, in denen Christus bisher noch nicht verkündigt worden war.
Diese Unterscheidung ist für das Verständnis christlicher Mission von großer Bedeutung. Paulus betrachtete seine Aufgabe nicht darin, jeden einzelnen Menschen eines Gebietes persönlich zu unterweisen oder jede Gemeinde dauerhaft selbst zu betreuen. Die von ihm gegründeten Gemeinden sollten im Glauben wachsen und zunehmend eigene Verantwortung übernehmen. Bereits während seiner Reisen setzte er Älteste in den Gemeinden ein und vertraute sie im Gebet dem Herrn an (Apostelgeschichte 14,21–23). Später erinnerte er die Ältesten von Ephesus daran, auf die gesamte Herde achtzuhaben, über die der Heilige Geist sie als Aufseher gesetzt hatte (Apostelgeschichte 20,28). So wird erkennbar, dass die Ausbreitung des Evangeliums nicht von der ständigen persönlichen Anwesenheit eines einzelnen Apostels abhängig sein sollte. Sein Dienst legte Grundlagen, auf denen andere weiterarbeiten konnten. Wenn Paulus nun von einem weitgehend erfüllten Auftrag in den bisherigen Regionen spricht, bedeutet das deshalb nicht, dass dort keine geistlichen Aufgaben mehr bestanden, sondern dass seine besondere Pionierarbeit ihn an neue Orte führte.
Im zwanzigsten Vers beschreibt Paulus diesen persönlichen Missionsgrundsatz noch genauer. Er hatte es sich zur Ehre gemacht, das Evangelium möglichst dort zu verkündigen, wo der Name Christi noch nicht bekannt war. Der Ausdruck zeigt, dass ihm diese Aufgabe besonders am Herzen lag und dass er sie bewusst zu einem Leitgedanken seines Dienstes gemacht hatte. Er wollte nicht hauptsächlich dort wirken, wo andere bereits die Grundlage einer christlichen Gemeinde gelegt hatten, sondern die Botschaft zu Menschen bringen, die noch keine Gelegenheit gehabt hatten, Jesus Christus kennenzulernen. Darin erkennt man eine besondere Form geistlicher Verantwortung. Paulus sah die große Zahl der Menschen, denen das Evangelium noch unbekannt war, und wollte die ihm anvertrauten Möglichkeiten gerade für sie einsetzen. Seine Berufung drängte ihn dazu, über bestehende Grenzen hinauszugehen und neue Wege für die Verkündigung zu eröffnen.
Als Begründung fügt Paulus hinzu, dass er nicht „auf einen fremden Grund“ bauen wolle. Dieses Bild stammt aus der Bauwelt und erinnert an eine wichtige Aussage in 1. Korinther 3,10–11. Dort vergleicht Paulus seine Tätigkeit mit der eines weisen Baumeisters, der den Grund legt, während andere darauf weiterbauen. Zugleich erklärt er ausdrücklich, dass niemand einen anderen Grund legen kann als den, der bereits gelegt ist: Jesus Christus. Zwischen diesen beiden Aussagen besteht kein Widerspruch. Christus allein ist die geistliche Grundlage der Gemeinde. Wenn Paulus in Römer 15 vom Grund spricht, den ein anderer gelegt hat, meint er dagegen die erste Verkündigung und die beginnende Gemeindegründung an einem bestimmten Ort. Ein anderer Verkündiger konnte dort bereits Menschen zu Christus geführt und damit eine Gemeinde auf der gemeinsamen Grundlage des Evangeliums aufgebaut haben. Paulus wollte diese Arbeit nicht unnötig wiederholen, sondern seine besondere Berufung an Orten erfüllen, an denen eine solche Grundlage noch fehlte.
Seine Worte dürfen deshalb nicht als grundsätzliche Abwertung der Arbeit anderer Evangeliumsverkündiger verstanden werden. Paulus wusste, dass Gottes Werk unterschiedliche Aufgaben benötigt. Er selbst hatte in Korinth den Anfang der Verkündigung gelegt, während Apollos später dort weiterwirkte. Gerade dieses Beispiel verwendete Paulus, um zu erklären, dass verschiedene Mitarbeiter an demselben Werk beteiligt sein können, während Gott das Wachstum schenkt (1. Korinther 3,5–9). Die Fortführung und Vertiefung einer bereits begonnenen Gemeindearbeit war somit keineswegs weniger wertvoll oder geistlich unbedeutend. Paulus unterschied vielmehr zwischen seiner besonderen apostolischen Berufung und den vielfältigen Aufgaben, die innerhalb der Gemeinde notwendig waren. Er wollte nicht aus persönlichem Ehrgeiz die Arbeit anderer an sich ziehen, sondern dort dienen, wo sein Auftrag und seine Fähigkeiten besonders gebraucht wurden.
Zugleich zeigt sein Missionsgrundsatz, dass die Ausbreitung des Evangeliums nicht durch das bloße Wachstum bereits bestehender Gemeinden erschöpft ist. Menschen, die Jesus Christus noch nicht kennen, sollen nicht aus dem Blick geraten, nur weil andernorts bereits eine lebendige christliche Gemeinschaft entstanden ist. Paulus war bereit, vertraute Gebiete zu verlassen und neue Schwierigkeiten auf sich zu nehmen, damit auch weitere Menschen die Botschaft hören konnten. Diese Haltung entsprang jedoch nicht einer Geringschätzung der bestehenden Gemeinden. Seine Briefe zeigen, wie sehr er sich weiterhin um sie sorgte, für sie betete und ihre geistliche Entwicklung begleitete. Seine Missionsarbeit verband deshalb zwei Anliegen: Menschen sollten erstmals mit dem Evangelium erreicht werden, und diejenigen, die Christus bereits angenommen hatten, sollten im Glauben gefestigt werden. Beide Aufgaben ergänzten einander, auch wenn Paulus aufgrund seiner besonderen Berufung der Verkündigung in bisher unerreichten Gebieten einen Vorrang gab.
Im einundzwanzigsten Vers begründet Paulus seine missionarische Ausrichtung erneut mit der Heiligen Schrift. Er zitiert Jesaja 52,15: „Welchen nicht von ihm verkündigt worden ist, die sollen es sehen, und welche es nicht gehört haben, die sollen es vernehmen.“ Diese Worte gehören zum größeren Abschnitt über den Knecht des Herrn, dessen Leiden und spätere Erhöhung in Jesaja 52,13–53,12 beschrieben werden. Der Prophet spricht davon, dass Gottes Knecht zunächst in einer Weise erniedrigt wird, die bei den Menschen Entsetzen hervorruft, dass sein späteres Handeln und seine Erhöhung jedoch sogar Könige und Nationen in Staunen versetzen werden. Menschen, denen zuvor nichts über ihn berichtet worden war, sollen erkennen, was Gott durch ihn getan hat. Paulus greift besonders diesen letzten Gedanken auf: Gottes rettendes Handeln soll auch denjenigen bekannt werden, die bisher noch nichts davon gehört haben.
Damit erhält seine Missionsstrategie eine tiefere biblische Grundlage. Paulus betrachtete seinen Dienst unter den Völkern nicht als eine persönliche Idee, die unabhängig von den göttlichen Verheißungen entstanden wäre. Er erkannte darin eine Entfaltung dessen, was die Propheten bereits über die weltweite Bedeutung des Handelns Gottes angekündigt hatten. Die Worte aus Jesaja sprechen ursprünglich nicht ausdrücklich von den konkreten Reiserouten des Paulus oder davon, dass jeder spätere Verkündiger ausschließlich unter Menschen arbeiten müsse, die noch nie vom Evangelium gehört haben. Ihr unmittelbarer Zusammenhang handelt vom Knecht des Herrn und von der Wirkung dessen, was Gott durch ihn offenbart. Paulus wendet diese prophetische Aussage jedoch auf seinen Dienst an, weil seine Verkündigung dazu beitrug, dass Menschen aus den Völkern erstmals von Jesus Christus erfuhren. Was zuvor unbekannt war, wurde ihnen verkündigt. Was sie noch nicht verstanden hatten, konnten sie nun durch das Evangelium erkennen.
Die Verbindung zu Jesaja 52 ist umso bedeutsamer, weil unmittelbar danach das große Kapitel über das Leiden des Gottesknechtes folgt. Dort wird beschrieben, wie der Knecht verachtet wird, Leiden trägt und schließlich durch sein Handeln vielen zugutekommt (Jesaja 53,3–12). Aus dem Neuen Testament geht hervor, dass die Apostel diese Aussagen in entscheidenden Punkten auf Jesus Christus bezogen. Besonders deutlich geschieht dies in Apostelgeschichte 8,32–35, wo Philippus einem äthiopischen Hofbeamten anhand von Jesaja 53 Jesus verkündigt. Auch Jesus selbst bezog die Aussage vom Knecht, der unter die Übeltäter gerechnet wird, auf sein bevorstehendes Leiden (Lukas 22,37). Paulus konnte die Verkündigung unter den Völkern deshalb nicht von der Botschaft des gekreuzigten und auferstandenen Christus trennen. Sein Ziel bestand nicht lediglich darin, Menschen einen neuen religiösen Namen oder eine andere Glaubensgemeinschaft bekannt zu machen. Sie sollten erfahren, was Gott durch Jesus Christus zur Rettung der Menschen getan hat.
An dieser Stelle wird zugleich eine bemerkenswerte Verbindung zu den vorhergehenden Abschnitten des Kapitels sichtbar. In Römer 15,9–12 hatte Paulus anhand mehrerer alttestamentlicher Zitate gezeigt, dass die Völker Gott loben und ihre Hoffnung auf den verheißenen Messias setzen sollten. Nun beschreibt er seine eigene Verkündigung als einen Dienst, durch den Menschen aus diesen Völkern tatsächlich die Möglichkeit erhalten, Christus kennenzulernen. Die früheren Verheißungen bleiben damit nicht nur Gegenstand theologischer Betrachtung. Sie bestimmen die Richtung seines Handelns. Weil Gott den Völkern seine Barmherzigkeit offenbaren wollte, nahm Paulus die Mühen der Verkündigung auf sich. Weil Christus nicht nur für eine einzelne Volksgruppe gekommen war, sollte sein Name auch außerhalb der bisherigen Grenzen bekannt werden. Die weltweite Hoffnung auf den Messias und die konkrete Missionsarbeit des Apostels stehen somit in einem engen Zusammenhang.
Dabei darf nicht übersehen werden, dass Paulus sein gesamtes Wirken unter die Herrschaft Jesu Christi stellt. Er spricht von seiner Freude über den Dienst, den er empfangen hat, verschweigt die außergewöhnlichen Zeichen und Wunder nicht und nennt die weite geographische Ausdehnung seiner Tätigkeit. Dennoch führt er alles auf Christus und die Kraft des Heiligen Geistes zurück. Sein persönlicher Mut, seine Ausdauer und seine Bereitschaft, neue Gebiete zu erschließen, waren wirkliche Bestandteile seines Dienstes. Sie bildeten jedoch nicht die letzte Grundlage seines Erfolges. Gott hatte ihn berufen, Christus wirkte durch ihn, und der Heilige Geist verlieh seiner Verkündigung Kraft. Gerade deshalb konnte Paulus mit großer Entschlossenheit handeln, ohne seine eigene Person zum Mittelpunkt des Evangeliums zu machen.
Die entscheidende Bedeutung dieser Verse liegt somit nicht allein in der beeindruckenden Lebensleistung eines Apostels. Sie zeigen, wie ein Mensch seine Berufung verstehen kann, wenn er seine Fähigkeiten, Möglichkeiten und Erfahrungen bewusst in den Dienst Gottes stellt. Paulus fragte nicht zuerst danach, wo er die größte persönliche Anerkennung erhalten oder die bequemsten Bedingungen vorfinden würde. Sein besonderes Anliegen waren Menschen, die von Jesus Christus noch nichts gehört hatten. Zugleich wusste er, dass sein Dienst nur dann sein eigentliches Ziel erreichte, wenn Christus selbst durch ihn wirkte. Die Verkündigung sollte Glauben wecken, der Glaube zu einer wirklichen Lebensveränderung führen und die neu entstandenen Gemeinden schließlich selbst zu Trägern des Evangeliums werden. Damit wird verständlich, weshalb Paulus nach Jahren ausgedehnter Missionsarbeit seinen Blick erneut nach Westen richtete. Seine besondere Aufgabe in den bisherigen Gebieten sah er weitgehend erfüllt, während andere Regionen noch auf die Botschaft Christi warteten. Wie dieser Wunsch seine Reisepläne beeinflusste und weshalb er dennoch bisher nicht nach Rom gekommen war, erklärt er in den folgenden Versen.
Römer 15,22–24
Paulus’ Sehnsucht nach Rom und sein Plan, das Evangelium bis nach Spanien zu bringen
Nachdem Paulus die weite Ausdehnung seiner bisherigen Missionsarbeit und seinen besonderen Auftrag zur Verkündigung unter bisher unerreichten Völkern beschrieben hat, erklärt er nun, weshalb er die christliche Gemeinde in Rom trotz seines langjährigen Wunsches noch nicht persönlich besucht hatte. In Römer 15,22 schreibt er: „Darum bin ich auch oftmals verhindert worden, zu euch zu kommen.“ Das einleitende Wort „darum“ stellt eine unmittelbare Verbindung zu den vorhergehenden Versen her. Paulus war nicht deshalb ferngeblieben, weil ihm die Christen in Rom gleichgültig gewesen wären oder weil er kein Interesse an ihrer geistlichen Entwicklung gehabt hätte. Vielmehr hatte ihn seine besondere Berufung in Anspruch genommen. Die Verkündigung des Evangeliums in Gebieten, in denen Jesus Christus noch unbekannt war, erforderte seine Anwesenheit an zahlreichen anderen Orten. Was von außen wie ein ausbleibender Besuch erscheinen konnte, war in Wirklichkeit eine Folge seines verantwortungsvollen Umgangs mit dem Auftrag, den er von Christus empfangen hatte.
Diese Erklärung gewinnt zusätzliches Gewicht, wenn man an den Anfang des Römerbriefes zurückdenkt. Bereits in Römer 1,10–13 hatte Paulus von seinem beständigen Wunsch gesprochen, die Gemeinde in Rom zu besuchen. Er betete darum, dass ihm durch Gottes Willen endlich ein Weg zu ihnen eröffnet würde, und erklärte ausdrücklich, dass er sich schon oft vorgenommen hatte zu kommen, bisher jedoch daran gehindert worden war. Die Wiederaufnahme dieses Gedankens am Ende des Briefes zeigt, dass sein Wunsch keine beiläufige Höflichkeitsformel war. Er beschäftigte ihn über längere Zeit. Zugleich besteht zwischen beiden Stellen ein wichtiger Unterschied. Zu Beginn des Briefes erwähnt Paulus die wiederholte Verhinderung, ohne ihre Ursache näher zu erklären. Nun lässt er seine Leser erkennen, wie eng diese Verzögerung mit seiner Missionsarbeit verbunden war. Seine Verpflichtungen in den bisherigen Gebieten hatten Vorrang erhalten, weil er dort den Grund für die weitere Ausbreitung des Evangeliums legen sollte.
Dabei ist bemerkenswert, dass Paulus seine wiederholte Verhinderung nicht ausdrücklich einer feindlichen Macht, einem göttlichen Eingreifen oder mangelndem Glauben zuschreibt. An anderen Stellen berichtet er durchaus von äußeren Hindernissen und geistlichem Widerstand. So schreibt er in 1. Thessalonicher 2,18, dass Satan einen geplanten Besuch verhindert habe. Aus dieser Aussage darf jedoch nicht geschlossen werden, dass Paulus auch in Römer 15 genau dieselbe Ursache meint. Hier liegt der Schwerpunkt auf den Anforderungen seines Missionsauftrags. Das ist für das Verständnis des Verses wichtig, weil nicht jede Verzögerung eines guten Vorhabens automatisch als Zeichen göttlicher Ablehnung oder als unmittelbarer Angriff Satans gedeutet werden darf. Paulus zeigt vielmehr, dass auch wichtige und berechtigte Wünsche zurückgestellt werden können, wenn andere Verantwortungen zunächst erfüllt werden müssen. Ein Vorhaben kann gut sein, ohne dass deshalb jeder Zeitpunkt für seine Verwirklichung geeignet wäre.
Hinter dieser Haltung steht ein bemerkenswertes Verständnis geistlicher Verantwortung. Paulus ließ sich nicht allein von seinen persönlichen Wünschen leiten, selbst wenn diese Wünsche auf etwas Gutes gerichtet waren. Er liebte die Gläubigen, wollte sie kennenlernen und mit ihnen Gemeinschaft haben. Dennoch erkannte er, dass sein besonderer Auftrag zur Verkündigung unter unerreichten Menschen nicht beliebig unterbrochen werden sollte. Diese Zurückstellung eigener Wünsche bedeutete keineswegs, dass ihm die bereits bestehenden Gemeinden weniger wichtig gewesen wären. Seine Briefe bezeugen vielmehr, wie intensiv er sich um ihre geistliche Entwicklung kümmerte, für sie betete und auf ihre Schwierigkeiten einging. Er unterschied jedoch zwischen dem, was er gern tun wollte, und dem, wozu ihn seine gegenwärtige Verantwortung besonders verpflichtete. Gerade darin zeigt sich seine Ausdauer: Er hielt an einem guten Wunsch fest, ohne dafür die Aufgaben zu vernachlässigen, die ihm bereits anvertraut waren.
Im dreiundzwanzigsten Vers verändert sich die Perspektive. Paulus erklärt, dass er in den bisherigen Gegenden nun „keinen Raum mehr“ habe und schon seit vielen Jahren den Wunsch hege, nach Rom zu kommen. Mit dieser Aussage ist nicht gemeint, dass in den von ihm bereisten Gebieten kein Platz mehr vorhanden gewesen wäre oder dass sämtliche Menschen dort bereits das Evangelium angenommen hätten. Auch bedeutet sie nicht, dass die entstandenen Gemeinden keine weitere Unterweisung und Begleitung benötigten. Der Zusammenhang mit Römer 15,19–21 zeigt vielmehr, dass Paulus seine besondere Aufgabe als grundlegender Verkündiger in diesen Regionen weitgehend erfüllt sah. Er hatte das Evangelium in vielen bedeutenden Städten und Gebieten bekannt gemacht, Gemeinden waren entstanden und andere Mitarbeiter konnten die begonnene Arbeit fortsetzen. Damit eröffnete sich für ihn die Möglichkeit, seine Aufmerksamkeit stärker auf neue Missionsfelder zu richten.
Diese Unterscheidung hilft, eine häufig übersehene Seite seiner Missionsstrategie zu verstehen. Paulus betrachtete die Ausbreitung des Evangeliums nicht als eine Tätigkeit, die dauerhaft von seiner eigenen Person abhängig bleiben sollte. Seine Aufgabe bestand nicht darin, überall persönlich anwesend zu sein oder jede Gemeinde auf unbegrenzte Zeit selbst zu leiten. Vielmehr sollten die Menschen, die zum Glauben gefunden hatten, in ihrer Erkenntnis wachsen und Verantwortung innerhalb ihrer Gemeinden übernehmen. Dafür setzte Paulus Mitarbeiter ein, förderte geistliche Leiter und vertraute die Gemeinden der Fürsorge Gottes an. Bei seiner Abschiedsrede an die Ältesten von Ephesus erinnerte er sie daran, dass der Heilige Geist sie zu Aufsehern der Gemeinde gesetzt hatte, und befahl sie Gott und dem Wort seiner Gnade an (Apostelgeschichte 20,28–32). Die Verantwortung für die weitere Entwicklung lag somit nicht allein bei ihm. Was Gott durch seinen Dienst begonnen hatte, sollte auch durch andere Menschen weitergeführt werden.
Wenn Paulus nun von einem fehlenden weiteren Raum für seine Arbeit spricht, ist dies deshalb vor allem im Sinne seines besonderen Pionierauftrags zu verstehen. Er sah in den bisherigen Gebieten keine vergleichbare neue Aufgabe mehr, für die gerade sein persönlicher Dienst erforderlich gewesen wäre. Das bedeutet nicht, dass überall bereits dieselbe geistliche Reife erreicht war oder sämtliche Herausforderungen gelöst worden wären. Vielmehr hatte sich die Grundlage für eine fortgesetzte Verkündigung und Gemeindearbeit verbreitet. Paulus konnte deshalb nach neuen Gebieten Ausschau halten, ohne die bisherigen Gemeinden einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Seine Entscheidung beruhte auf der Einsicht, dass Gottes Werk größer war als der Dienst eines einzelnen Menschen und dass unterschiedliche Mitarbeiter verschiedene Aufgaben erfüllen konnten.
Mit dieser neuen Möglichkeit verbindet Paulus eine sehr persönliche Aussage: Seit vielen Jahren trug er den Wunsch in sich, die Christen in Rom zu besuchen. Die Formulierung lässt erkennen, dass es sich nicht um einen erst kürzlich entstandenen Gedanken handelte. Sein Verlangen hatte über längere Zeit bestanden und war trotz der wiederholten Hindernisse nicht verschwunden. Das ist umso bemerkenswerter, weil Paulus die römische Gemeinde nicht selbst gegründet hatte. Er kannte einzelne Christen, die mit dieser Gemeinde verbunden waren, hatte aber die Gemeinschaft als Ganzes noch nicht persönlich besucht. Dennoch fühlte er sich ihr durch den gemeinsamen Glauben an Jesus Christus verbunden. Bereits in Römer 1,8 hatte er Gott dafür gedankt, dass der Glaube der römischen Christen weithin bekannt geworden war. Ihr geistliches Leben war für ihn ein Anlass zur Freude, obwohl er selbst nicht der unmittelbare Gründer ihrer Gemeinde gewesen war.
Paulus hatte zudem einen konkreten geistlichen Grund für seinen Besuchswunsch genannt. In Römer 1,11–12 erklärt er, dass er die Gläubigen stärken möchte, zugleich aber auch durch den gemeinsamen Glauben mit ihnen ermutigt werden will. Diese gegenseitige Ermutigung ist von besonderer Bedeutung. Obwohl Paulus als Apostel eine außergewöhnliche Berufung und umfassende Erfahrung besaß, betrachtete er die Christen in Rom nicht lediglich als Menschen, denen er etwas zu geben hatte. Er erwartete auch, selbst durch ihre Gemeinschaft gestärkt zu werden. Geistliche Verantwortung schloss für ihn nicht aus, Hilfe und Ermutigung von anderen anzunehmen. Selbst ein erfahrener Verkündiger des Evangeliums bleibt auf die Gemeinschaft mit Glaubensgeschwistern angewiesen. Damit zeigt Paulus eine Haltung, die zu seinen früheren Aussagen über gegenseitige Erbauung und Annahme passt. In der Gemeinde Christi gibt es unterschiedliche Aufgaben und Gaben, aber niemand ist so unabhängig, dass er die Ermutigung anderer grundsätzlich nicht mehr benötigen würde.
Im vierundzwanzigsten Vers beschreibt Paulus schließlich, wie er seinen langjährigen Besuchswunsch verwirklichen möchte. Er plant, auf einer Reise nach Spanien durch Rom zu kommen. Spanien lag am westlichen Ende des damaligen Mittelmeerraums und gehörte seit langer Zeit zum Herrschaftsgebiet des Römischen Reiches. Für einen Reisenden aus den östlichen Mittelmeergebieten stellte es ein weit entferntes Ziel dar. Zwar bestanden dort römische Städte, Verkehrswege und weitreichende Handelsverbindungen, doch darüber, wie weit die christliche Botschaft zur Zeit der Abfassung des Römerbriefes bereits in Spanien verbreitet war, besitzen wir keine vollständigen Informationen. Paulus sah in dieser Region offenbar eine neue Möglichkeit, seinen Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums fortzusetzen. Seine bisherige Missionsarbeit hatte ihn weit nach Westen geführt; nun richtete sich sein Blick auf einen Raum, der noch über die Grenzen seines bisherigen Wirkungsfeldes hinauslag.
Dabei ist sorgfältig zwischen dem zu unterscheiden, was Paulus beabsichtigte, und dem, was später tatsächlich geschah. Römer 15 bezeugt ausdrücklich seine Planung, Spanien zu erreichen. Der Text berichtet jedoch noch nicht von der Durchführung dieser Reise. Auch die Apostelgeschichte enthält keinen eindeutigen Bericht darüber, dass Paulus Spanien tatsächlich besucht hätte. Ob er nach seiner späteren Gefangenschaft in Rom nochmals eine Reise dorthin unternehmen konnte, ist historisch umstritten. Die Aussage des Apostels darf deshalb nicht in einen gesicherten Reisebericht verwandelt werden. Für das Verständnis von Römer 15 ist seine erklärte Absicht entscheidend: Er wollte den Auftrag zur Verkündigung unter den Völkern weiterführen und dabei neue Gebiete erreichen.
Die geplante Reise zeigt zugleich, dass Paulus Rom nicht als endgültiges Ziel seines Missionsdienstes betrachtete. Obwohl die Stadt als Zentrum des Römischen Reiches eine herausragende politische und gesellschaftliche Bedeutung besaß, wollte er nicht einfach dort ankommen und seine weitere Verkündigung auf diesen Ort beschränken. Rom sollte vielmehr eine wichtige Station auf dem Weg zu einem noch weiter entfernten Missionsgebiet werden. Dadurch entsteht ein bemerkenswerter Zusammenhang mit seinem bisherigen Grundsatz, das Evangelium möglichst dort zu verkündigen, wo Christus noch nicht bekannt war. In Rom gab es bereits eine christliche Gemeinde. Paulus musste dort also nicht erst die Grundlage einer völlig neuen Gemeinschaft legen. Er konnte die dortigen Gläubigen besuchen, ihren Glauben stärken und zugleich für seine weitere Missionsarbeit ihre Gemeinschaft und Unterstützung suchen. Sein Vorhaben widersprach daher nicht seinem Wunsch, nicht auf einem fremden Grund zu bauen. Er unterschied zwischen dem Besuch einer bestehenden Gemeinde und dem grundlegenden Beginn einer Evangeliumsverkündigung in einem neuen Gebiet.
Besonders aufschlussreich ist dabei die Formulierung, dass Paulus hoffe, von den Christen in Rom auf seiner weiteren Reise nach Spanien „geleitet“ zu werden. Das entsprechende griechische Wort bezeichnet im Zusammenhang antiker Reisen mehr als einen bloßen freundlichen Abschiedsgruß. Es kann das Begleiten eines Reisenden und die praktische Unterstützung seiner Weiterreise einschließen. Solche Hilfe konnte beispielsweise in Gastfreundschaft, Reisevorbereitungen, Versorgung oder Begleitung bestehen. Auch in 1. Korinther 16,6 verwendet Paulus eine vergleichbare Formulierung, wenn er davon spricht, dass die Korinther ihn für die Weiterreise ausrüsten könnten. Welche konkrete Unterstützung er von den Römern erwartete, wird in Römer 15 nicht im Einzelnen beschrieben. Seine Worte zeigen jedoch, dass er sie nicht lediglich als Zuschauer seines Missionsdienstes betrachtete. Er hoffte, dass sie auf ihre Weise Anteil an der weiteren Ausbreitung des Evangeliums nehmen würden.
Darin liegt eine wichtige Einsicht über die Zusammenarbeit innerhalb der christlichen Gemeinde. Nicht jeder Gläubige besitzt denselben Auftrag wie Paulus, und nicht jeder Mensch kann selbst weite Reisen unternehmen, um das Evangelium in anderen Regionen zu verkündigen. Dennoch können auch diejenigen, die an einem bestimmten Ort bleiben, einen wesentlichen Beitrag zum Werk Gottes leisten. Gastfreundschaft, praktische Hilfe, finanzielle Unterstützung, Ermutigung und Fürbitte ermöglichen häufig erst, dass andere ihre besonderen Aufgaben erfüllen können. Im Neuen Testament begegnet dieser Gedanke auch im dritten Johannesbrief. Dort werden Christen aufgefordert, reisende Brüder in einer Weise zu unterstützen, die Gottes würdig ist, damit sie an ihrem Dienst für die Wahrheit mitwirken können (3. Johannes 5–8). Der Dienst der Reisenden und die Unterstützung durch die örtlichen Gemeinden gehören somit zusammen. Paulus' Wunsch, von den Römern auf seiner Weiterreise begleitet oder unterstützt zu werden, zeigt, dass er seine apostolische Berufung nicht als ein vollkommen unabhängiges Einzelunternehmen verstand.
Gleichzeitig macht Paulus deutlich, dass die Gemeinde in Rom für ihn weit mehr war als eine mögliche Versorgungsstation. Er schreibt, dass er sich zuvor „ein wenig“ an ihnen erquicken möchte (Römer 15,24). Die Formulierung drückt den Wunsch aus, sich an ihrer Gemeinschaft zu erfreuen und durch die persönliche Begegnung gestärkt zu werden. Sie lässt erkennen, dass Paulus nicht ausschließlich nach zweckmäßiger Unterstützung für eine lange Reise suchte. Er sehnte sich nach dem Zusammensein mit Glaubensgeschwistern, die denselben Herrn liebten und dieselbe Hoffnung teilten. Die Verbindung zwischen seiner apostolischen Aufgabe und diesem persönlichen Verlangen ist bedeutsam. Paulus war kein unberührbarer religiöser Funktionsträger, der menschliche Gemeinschaft lediglich als Mittel zur Durchführung seiner Pläne betrachtete. Er kannte den Wert gegenseitiger Ermutigung und wollte selbst an der Freude der christlichen Gemeinschaft teilhaben.
Dass er nur von einer begrenzten Zeit des Zusammenseins spricht, passt zu seiner Absicht, anschließend nach Spanien weiterzureisen. Dennoch sollte diese Begegnung nicht oberflächlich oder bedeutungslos bleiben. Schon am Anfang seines Briefes hatte Paulus erklärt, dass er sich danach sehne, die Christen in Rom zu sehen und gemeinsam mit ihnen im Glauben gestärkt zu werden. Nun wird erkennbar, wie er sich diese Gemeinschaft innerhalb seiner weiteren Reisepläne vorstellte. Die römischen Christen sollten für ihn nicht einfach eine Gruppe unbekannter Unterstützer bleiben. Er wollte sie persönlich kennenlernen, sich mit ihnen austauschen und Anteil an ihrem geistlichen Leben nehmen. Auf diese Weise verbindet Paulus die weltweite Ausrichtung seines Missionsauftrags mit einem sehr persönlichen Verständnis christlicher Geschwisterschaft.
Auffällig ist schließlich, dass Paulus trotz seiner klaren Absichten zurückhaltend von dem spricht, was er tatsächlich verwirklichen kann. Er beschreibt seinen Reiseplan mit Zuversicht, verwendet aber auch das Wort „hoffe“. Bereits zu Beginn des Briefes hatte er darum gebetet, dass Gott ihm nach seinem Willen einen Weg nach Rom eröffnen möge (Römer 1,10). Diese Haltung entspricht dem biblischen Verständnis menschlicher Planung. Ein Mensch darf vorausdenken, Möglichkeiten prüfen und entschlossen handeln. Doch selbst ein Vorhaben, das der Verkündigung des Evangeliums dient, steht nicht außerhalb der Grenzen menschlicher Erkenntnis und Verfügung. Jakobus 4,13–15 erinnert daran, dass der Mensch seine Zukunft nicht sicher beherrscht und deshalb bei seinen Planungen Gottes Willen berücksichtigen soll. Paulus' Reiseabsichten zeigen keine Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft, sondern eine verantwortungsvolle Planung, die ihre endgültige Verwirklichung nicht allein aus menschlicher Entschlossenheit ableitet.
Die Verse 22–24 eröffnen damit einen besonders persönlichen Einblick in das Leben des Apostels. Paulus hatte große Missionsgebiete bereist, Gemeinden gegründet und außergewöhnliche Erfahrungen mit Gottes Wirken gemacht. Dennoch blieb er ein Mensch mit unerfüllten Wünschen, begrenzten Möglichkeiten und der Notwendigkeit, zwischen verschiedenen guten Aufgaben zu unterscheiden. Seine Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit den römischen Christen stand nicht im Gegensatz zu seinem Auftrag, sondern gehörte zu seinem Leben als Diener Christi. Zugleich war er bereit gewesen, diesen Wunsch über Jahre zurückzustellen, weil die Verkündigung in anderen Gebieten zunächst seine Aufmerksamkeit erforderte. Nun schien sich eine neue Möglichkeit zu eröffnen, durch Rom hindurch nach Spanien zu reisen und das Evangelium weiterzutragen.
Doch zwischen diesem Wunsch und seiner erhofften Verwirklichung stand noch eine andere Verantwortung. Paulus konnte seine bisherigen Aufgaben nicht einfach hinter sich lassen, um sofort nach Westen aufzubrechen. In Jerusalem warteten Glaubensgeschwister, für die Gemeinden aus anderen Regionen eine besondere Hilfe gesammelt hatten. Diese Unterstützung sollte Paulus persönlich überbringen. So wird im weiteren Verlauf sichtbar, dass für ihn die Ausbreitung des Evangeliums und die Fürsorge für bereits bestehende Gemeinden keine Gegensätze bildeten. Sein Dienst umfasste sowohl die Verkündigung unter Menschen, die Christus noch nicht kannten, als auch die praktische Verantwortung gegenüber denen, die bereits zur Gemeinschaft der Gläubigen gehörten.
Römer 15,25–29
Die Sammlung für Jerusalem: Gelebte Liebe und die geistliche Einheit der Gemeinde
Nachdem Paulus seinen Wunsch beschrieben hat, die Christen in Rom zu besuchen und anschließend nach Spanien weiterzureisen, erklärt er, warum er diese Pläne noch nicht unmittelbar verwirklichen kann. In Römer 15,25 schreibt er: „Nun aber reise ich nach Jerusalem, im Dienste der Heiligen.“ Mit diesen wenigen Worten lenkt er den Blick auf eine Aufgabe, die zunächst unscheinbarer erscheinen mag als die Verkündigung des Evangeliums in weit entfernten Ländern. Paulus steht vor einer Reise nach Jerusalem, um dort bedürftigen Glaubensgeschwistern zu helfen. Doch gerade diese Aufgabe besitzt für ihn eine besondere geistliche Bedeutung. Während sein Missionsdienst Menschen aus unterschiedlichen Völkern zu Christus führt, soll nun sichtbar werden, dass diese Menschen durch ihren gemeinsamen Glauben auch Verantwortung füreinander tragen. Die Hilfe für Jerusalem ist deshalb nicht nur eine Unterbrechung seiner Reisepläne. Sie gehört zu dem Dienst, den Paulus im Auftrag Jesu Christi erfüllt.
Mit den „Heiligen“ bezeichnet Paulus die Gläubigen, die zu Jesus Christus gehören. Der Ausdruck meint nicht eine kleine Gruppe außergewöhnlich vollkommener Menschen, sondern diejenigen, die Gott durch Christus zu seinem Eigentum berufen hat. Schon am Anfang seines Briefes hatte Paulus die Christen in Rom als „berufene Heilige“ angesprochen (Römer 1,7). Ihre Heiligkeit gründet sich zunächst darauf, dass sie Gott gehören und für ihn ausgesondert sind. Daraus ergibt sich zugleich die Berufung, ein Leben zu führen, das dieser Zugehörigkeit entspricht. Wenn Paulus nun von seinem Dienst an den Heiligen in Jerusalem spricht, meint er deshalb ganz gewöhnliche Glaubensgeschwister, die trotz ihrer Beziehung zu Christus weiterhin mit den Schwierigkeiten des menschlichen Lebens konfrontiert waren. Unter ihnen gab es Menschen, denen es an den notwendigen Mitteln zum Lebensunterhalt fehlte. Die Zugehörigkeit zu Gottes Gemeinde bedeutete nicht, dass materielle Not automatisch verschwunden wäre.
Bereits die ersten Kapitel der Apostelgeschichte berichten davon, dass die christliche Gemeinschaft in Jerusalem der Versorgung bedürftiger Menschen besondere Aufmerksamkeit schenkte. Gläubige teilten ihren Besitz und unterstützten diejenigen, die Hilfe benötigten (Apostelgeschichte 2,44–45; 4,32–35). Als sich später Beschwerden über die Versorgung bestimmter Witwen erhoben, wurde die Verteilung der täglichen Unterstützung ausdrücklich geordnet (Apostelgeschichte 6,1–6). Diese Berichte zeigen, dass die junge Gemeinde von Anfang an nicht nur durch gemeinsames Gebet und die Lehre der Apostel geprägt war, sondern auch durch praktische Fürsorge. Allerdings können wir aus diesen frühen Ereignissen nicht sämtliche Ursachen der späteren Armut in Jerusalem ableiten. Die Bibel nennt verschiedene Situationen wirtschaftlicher Belastung, beschreibt aber nicht im Einzelnen, weshalb die von Paulus erwähnten Glaubensgeschwister bedürftig geworden waren. Entscheidend ist, dass ihre Not bekannt war und andere Gemeinden bereit waren, darauf zu antworten.
Im sechsundzwanzigsten Vers erklärt Paulus, woher die Unterstützung kommt: „Es hat nämlich Mazedonien und Achaja gefallen, eine Sammlung für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem zu veranstalten.“ Mazedonien und Achaja waren römische Provinzen im Gebiet des heutigen Griechenlands und seiner Umgebung. Zu den Gemeinden Mazedoniens gehörten unter anderem die Christen in Philippi und Thessalonich. In Achaja lag beispielsweise Korinth, eine Stadt, in der Paulus längere Zeit gewirkt hatte (Apostelgeschichte 18,1–11). Diese Gemeinden bestanden zu einem erheblichen Teil aus Menschen, die nicht aus dem jüdischen Volk stammten. Durch die Verkündigung des Evangeliums hatten sie Jesus Christus kennengelernt und waren Teil seiner Gemeinde geworden. Nun beteiligten sie sich an einer Sammlung zugunsten jüdischer Glaubensgeschwister in Jerusalem, die viele von ihnen wahrscheinlich niemals persönlich kennengelernt hatten.
Gerade darin liegt die besondere Bedeutung dieser Hilfeleistung. Die Christen aus den Völkern unterstützten Menschen, mit denen sie weder durch gemeinsame Abstammung noch durch ihre frühere religiöse Lebensweise unmittelbar verbunden waren. Ihre Gemeinschaft beruhte auf Jesus Christus. Was sie miteinander verband, war stärker als die Unterschiede ihrer Herkunft. Schon in Galater 3,26–29 hatte Paulus erklärt, dass Menschen durch den Glauben an Jesus Christus Gottes Kinder sind und die Zugehörigkeit zu Christus nicht von der Unterscheidung zwischen Juden und Griechen bestimmt wird. Diese geistliche Einheit sollte jedoch nicht nur eine Lehraussage bleiben. Sie musste sich dort bewähren, wo ein Teil der Gemeinde Hilfe benötigte und andere über die Möglichkeit verfügten, diese Hilfe zu leisten. Die Sammlung für Jerusalem machte sichtbar, dass die Glaubensgeschwister in verschiedenen Ländern nicht als voneinander unabhängige religiöse Gruppen verstanden werden sollten, sondern als Menschen, die durch denselben Herrn miteinander verbunden waren.
Für die Sammlung verwendet Paulus im griechischen Text einen Ausdruck, der einen wichtigen Gedanken erkennen lässt. Das Wort koinōnia kann Gemeinschaft, Teilhabe oder Beteiligung bezeichnen. Im Zusammenhang von Römer 15,26 bezieht es sich auf die konkrete materielle Unterstützung. Zugleich schwingt darin der Gedanke gemeinsamer Verantwortung mit. Die Gemeinden gaben nicht einfach Geld an eine fremde Einrichtung weiter, zu der sie keinerlei Beziehung besaßen. Ihre Gabe war Ausdruck einer bereits bestehenden geistlichen Verbundenheit. Derselbe Gedanke begegnet in 2. Korinther 8,4, wo Paulus berichtet, dass Gläubige mit großem Ernst darum baten, an der Hilfeleistung für die Heiligen teilnehmen zu dürfen. Die Unterstützung wurde damit selbst zu einer Form gelebter Gemeinschaft. Menschen, die durch Christus miteinander verbunden waren, wollten auch an den Belastungen ihrer Glaubensgeschwister Anteil nehmen.
Besonders bemerkenswert ist dabei das Beispiel der mazedonischen Gemeinden. In 2. Korinther 8,1–5 berichtet Paulus, dass sie selbst schwere Bedrängnisse erlebt hatten und trotz ihrer Armut eine außerordentliche Freigebigkeit zeigten. Sie gaben nicht lediglich aus einem großen materiellen Überfluss heraus. Vielmehr waren sie bereit, entsprechend ihren Möglichkeiten und teilweise sogar darüber hinaus zur Unterstützung anderer beizutragen. Paulus hebt hervor, dass diese Bereitschaft freiwillig war und aus einer tiefen Hingabe an Gott hervorging. Damit wird deutlich, dass christliche Großzügigkeit nicht ausschließlich eine Frage des vorhandenen Vermögens ist. Sie hängt auch davon ab, wie ein Mensch seinen Besitz betrachtet und welchen Stellenwert die Bedürfnisse anderer in seinem Leben besitzen. Dennoch darf das Verhalten der Mazedonier nicht zu einer allgemeinen Forderung umgedeutet werden, nach der jeder bedürftige Christ mehr geben müsste, als er verantworten kann. Paulus berichtet von einer besonderen freiwilligen Hingabe und macht diese nicht zu einem Maßstab, mit dem andere unter Druck gesetzt werden sollen.
Diese freiwillige Bereitschaft wird durch eine auffallende Formulierung in Römer 15,27 unterstrichen. Paulus schreibt zunächst erneut, dass es den Gemeinden gefallen habe, die Sammlung zu veranstalten. Anschließend fügt er jedoch hinzu: „und sie sind es ihnen auch schuldig“. Auf den ersten Blick scheint darin ein Gegensatz zu liegen. Wie kann eine Gabe freiwillig sein und zugleich einer Verpflichtung entsprechen? Paulus unterscheidet hier zwischen äußerem Zwang und einer Verantwortung, die aus empfangener Gnade und bestehender Gemeinschaft hervorgeht. Die Gemeinden wurden nicht als bloße Schuldner behandelt, denen eine bestimmte Geldsumme abverlangt werden musste. Sie hatten sich vielmehr aus eigenem Entschluss beteiligt. Zugleich gab es einen geistlichen Grund, weshalb diese Hilfe angemessen und gerecht war. Ihre Verbundenheit mit den Jerusalemer Glaubensgeschwistern beruhte auf einem Segen, den sie selbst bereits empfangen hatten.
Paulus erläutert diesen Gedanken mit den Worten: „Denn wenn die Heiden an ihren geistlichen Gütern Anteil erhalten haben, so sind sie auch verpflichtet, jenen in den leiblichen zu dienen“ (Römer 15,27). Die geistlichen Güter bezeichnen hier die Segnungen, die den Menschen aus den Völkern durch Gottes Offenbarung und das Evangelium zuteilgeworden waren. Gott hatte sich zunächst in besonderer Weise dem Volk Israel offenbart, ihm seine Verheißungen anvertraut und aus diesem Volk den verheißenen Messias hervorgehen lassen. Bereits in Römer 3,1–2 hatte Paulus hervorgehoben, dass den Juden die Aussprüche Gottes anvertraut worden waren. In Römer 9,4–5 erinnerte er an die Bündnisse, die Verheißungen und daran, dass Christus seiner menschlichen Herkunft nach aus Israel stammt. Diese geschichtlichen Zusammenhänge waren für die nichtjüdischen Christen von großer Bedeutung. Durch das Evangelium hatten auch sie Anteil an dem Heil erhalten, das Gott in seiner Treue zu den früheren Verheißungen offenbarte.
Daraus folgt jedoch nicht, dass die christlichen Gemeinden aus den Völkern ihren Glauben bestimmten Menschen in Jerusalem verdankten, als hätten diese aus eigener Macht über Gottes Gnade verfügen können. Gott selbst ist der Ursprung des Heils, und Jesus Christus ist der Erlöser aller Glaubenden. Dennoch hatte Gott seinen Erlösungsplan innerhalb einer konkreten Geschichte entfaltet. Die Botschaft Jesu war zunächst von Jerusalem ausgegangen und hatte sich durch jüdische Apostel und andere Verkündiger in viele Regionen ausgebreitet (Apostelgeschichte 1,8). Menschen aus den Völkern hatten dadurch an geistlichen Segnungen Anteil erhalten, die mit Gottes früherem Handeln an Israel untrennbar verbunden waren. Paulus möchte, dass sie diese geschichtliche Verbindung nicht vergessen. Ihr Glaube durfte nicht zu einer überheblichen Haltung gegenüber dem Volk führen, aus dessen Mitte der Messias gekommen war.
Damit erinnert die Sammlung an eine Warnung, die Paulus bereits in Römer 11 ausgesprochen hatte. Dort verwendet er das Bild eines Ölbaums, in den Zweige eines wilden Ölbaums eingepfropft werden. Menschen aus den Völkern dürfen an den Segnungen teilhaben, die mit Gottes Verheißungen verbunden sind, sollen sich deshalb aber nicht über die natürlichen Zweige erheben (Römer 11,17–21). Der Apostel wendet sich gegen geistlichen Hochmut. Wer Gottes Barmherzigkeit empfangen hat, darf daraus keinen Anlass ableiten, auf andere Menschen herabzusehen. Die Unterstützung für Jerusalem steht mit dieser Haltung in einem tiefen Zusammenhang. Anstatt ihre neue Stellung zum Anlass der Überheblichkeit zu machen, erkennen die Gläubigen aus den Völkern ihre Dankbarkeit und Verbundenheit durch praktische Hilfe an.
Paulus spricht deshalb von einer Verpflichtung, den bedürftigen Christen in Jerusalem mit leiblichen Gütern zu dienen. Damit sind materielle Dinge gemeint, die Menschen zur Versorgung ihres täglichen Lebens benötigen. Der Gegensatz zwischen geistlichen und leiblichen Gütern bedeutet nicht, dass der menschliche Körper oder seine Bedürfnisse für Gott unwichtig wären. Paulus wertet die materielle Hilfe keineswegs ab. Er zeigt vielmehr, dass die Gemeinschaft im Glauben auch die Verantwortung für die körperlichen Bedürfnisse anderer einschließt. Wer von geistlichen Segnungen spricht, aber die konkrete Not seiner Glaubensgeschwister grundsätzlich gleichgültig betrachtet, hat einen wesentlichen Teil christlicher Liebe übersehen. Eine ähnliche Frage stellt Jakobus, wenn er beschreibt, wie wenig es einem bedürftigen Menschen hilft, ihm lediglich gute Wünsche mitzugeben, ohne ihm die notwendige Nahrung oder Kleidung zu gewähren (Jakobus 2,15–17).
Die Verpflichtung, von der Paulus spricht, ist jedoch keine Bezahlung für empfangene Erlösung. Gottes Gnade lässt sich nicht durch Geld ausgleichen oder durch materielle Leistungen erwerben. Niemand kann den Wert des Evangeliums in einer Geldsumme ausdrücken. Vielmehr entsteht aus dem Empfang der Gnade eine neue Haltung gegenüber dem Besitz und den Bedürfnissen anderer Menschen. Wer erkannt hat, dass er selbst von Gottes Barmherzigkeit lebt, soll lernen, auch anderen mit Barmherzigkeit zu begegnen. Diese Verbindung zwischen empfangenem Segen und tätiger Liebe gehört zu den grundlegenden Gedanken des Neuen Testaments. In 1. Johannes 3,16–18 wird die Liebe Christi, der sein Leben für die Menschen gegeben hat, unmittelbar mit der Bereitschaft verbunden, bedürftigen Glaubensgeschwistern zu helfen. Wahre Liebe soll nicht bei Worten und guten Absichten stehen bleiben, sondern sich in konkretem Handeln erweisen.
Wie sorgfältig Paulus dabei zwischen freiwilliger Großzügigkeit und unzulässigem Druck unterscheidet, zeigen seine Ausführungen in 2. Korinther 8–9. Er ermutigt die Gemeinden zu einer großzügigen Beteiligung, erklärt aber auch, dass eine Gabe entsprechend den vorhandenen Möglichkeiten angenommen wird und nicht nach dem beurteilt werden soll, was ein Mensch überhaupt nicht besitzt (2. Korinther 8,12). Ebenso betont er, dass nicht einige Menschen Entlastung erfahren sollen, indem andere dadurch selbst in unzumutbare Bedrängnis geraten. Vielmehr geht es um einen gerechten Ausgleich vorhandener Bedürfnisse und Möglichkeiten (2. Korinther 8,13–15). In 2. Korinther 9,7 unterstreicht er schließlich, dass jeder nach seiner Herzensentscheidung geben soll, nicht widerwillig oder aus Zwang. Das Ziel ist eine Freigebigkeit, die aus Liebe und Dankbarkeit erwächst. Die in Römer 15 erwähnte Verpflichtung darf deshalb nicht als Rechtfertigung für religiösen Geldzwang missverstanden werden.
Ein weiterer Gesichtspunkt wird erkennbar, wenn man die Bedeutung der Sammlung für das Verhältnis zwischen jüdischen und nichtjüdischen Christen berücksichtigt. Die ersten Jahrzehnte der christlichen Gemeinde waren von erheblichen Herausforderungen geprägt. Menschen mit unterschiedlichen religiösen Erfahrungen mussten lernen, gemeinsam Jesus Christus nachzufolgen. Insbesondere die Frage, welche Bedeutung die Beschneidung und das mosaische Gesetz für Gläubige aus den Völkern hatten, führte zu intensiven Auseinandersetzungen, von denen beispielsweise Apostelgeschichte 15 berichtet. Die Sammlung konnte innerhalb dieses größeren Zusammenhangs ein sichtbares Zeichen gegenseitiger Anerkennung und Solidarität sein. Gläubige aus den Völkern bekannten durch ihre Unterstützung, dass sie sich mit ihren jüdischen Glaubensgeschwistern verbunden wussten. Zugleich erhielten die Christen in Jerusalem die Gelegenheit, die Liebe und Dankbarkeit jener Menschen zu erfahren, die durch die Verkündigung des Evangeliums ebenfalls zur Gemeinschaft Christi gehörten.
Allerdings berichtet Römer 15 nicht ausdrücklich, dass die Sammlung sämtliche bestehenden Spannungen zwischen den verschiedenen Gruppen beseitigen sollte oder dass Paulus damit eine bestimmte kirchenpolitische Vereinbarung erreichen wollte. Eine solche weitergehende Absicht ist im geschichtlichen Zusammenhang denkbar, lässt sich aus diesen Versen allein aber nicht sicher beweisen. Was der Text unmittelbar erkennen lässt, ist bereits bedeutsam genug: Gemeinden aus verschiedenen Regionen und mit unterschiedlicher Herkunft übernahmen gemeinsam Verantwortung für bedürftige Glaubensgeschwister. Sie behandelten deren Not nicht als ein ausschließlich örtliches Problem, das mit ihrem eigenen Glaubensleben nichts zu tun hatte. Dadurch wurde die Einheit des Leibes Christi auf eine Weise sichtbar, die nicht allein aus theologischen Aussagen bestand, sondern aus einer wirklichen Beteiligung am Leben anderer Menschen.
Im achtundzwanzigsten Vers kehrt Paulus zu seinen Reiseplänen zurück. Er erklärt: „Wenn ich nun das ausgerichtet und ihnen diese Frucht gesichert habe, will ich bei euch durchreisen nach Spanien.“ Seine Reise nach Jerusalem ist damit eine konkrete Aufgabe, die er vor seiner geplanten Weiterreise abschließen möchte. Das zeigt, dass Paulus seine Verantwortung für die Sammlung ernst nahm. Es genügte ihm nicht, die Gemeinden zur Unterstützung aufgerufen zu haben und sich anschließend nicht mehr um das Ergebnis zu kümmern. Er wollte dafür sorgen, dass die Gabe tatsächlich ihren vorgesehenen Empfängern zugutekam. Die Formulierung, die Schlachter 1951 mit „diese Frucht gesichert“ wiedergibt, enthält im Griechischen das Bild des Besiegelns oder verbindlichen Bestätigens. Im Zusammenhang geht es am wahrscheinlichsten darum, die gesammelte Hilfe ordnungsgemäß zu übergeben und den Auftrag damit zuverlässig zum Abschluss zu bringen.
Besonders bemerkenswert ist, dass Paulus die Sammlung als „Frucht“ bezeichnet. Dieses Bild passt zu seiner Vorstellung, dass der Glaube an Jesus Christus sichtbare Auswirkungen im Leben der Menschen hervorbringen soll. Die Freigebigkeit der Gemeinden ist nicht lediglich eine äußerliche Leistung, sondern ein Ausdruck dessen, was Gottes Gnade in ihnen bewirkt hat. Bereits in 2. Korinther 8,1–2 hatte Paulus die Hilfsbereitschaft der mazedonischen Christen ausdrücklich im Zusammenhang mit der Gnade Gottes beschrieben. Ihre Großzügigkeit erwuchs aus einer veränderten Haltung, in der die Bedürfnisse anderer einen neuen Stellenwert erhalten hatten. Die Sammlung ist deshalb eine Frucht des Evangeliums, weil Menschen, die Gottes Liebe erfahren haben, nun selbst bereit werden, anderen in Liebe zu dienen.
Das bedeutet nicht, dass jede Geldspende automatisch eine Frucht des Heiligen Geistes wäre. Menschen können aus sehr unterschiedlichen Beweggründen geben: aus Mitgefühl, gesellschaftlicher Erwartung, dem Wunsch nach Anerkennung oder sogar aus dem Versuch, sich vor Gott Verdienste zu erwerben. Paulus selbst macht jedoch deutlich, dass die rechte innere Haltung entscheidend ist. In 1. Korinther 13,3 erklärt er, dass selbst eine weitreichende Hingabe des Besitzes ohne Liebe ihren eigentlichen geistlichen Wert verfehlen kann. Die Sammlung für Jerusalem soll gerade nicht dem Ruhm ihrer Spender dienen. Sie bringt vielmehr zum Ausdruck, dass Menschen durch Christus gelernt haben, über die eigenen Interessen hinauszusehen und an der Not anderer Anteil zu nehmen. Die äußere Gabe ist damit ein sichtbares Zeichen einer inneren Gesinnung, die durch Gottes Gnade geprägt wird.
Auch die sorgfältige Verwaltung der gesammelten Mittel gehörte zur Verantwortung des Paulus. In 2. Korinther 8,18–21 beschreibt er, dass weitere bewährte Mitarbeiter an der Überbringung der Gabe beteiligt werden sollten. Paulus wollte vermeiden, dass im Umgang mit einer größeren Geldsammlung berechtigte Zweifel oder unnötige Vorwürfe entstehen konnten. Ihm war wichtig, nicht nur vor Gott, sondern auch vor den Menschen auf einen ehrenhaften Umgang mit den anvertrauten Mitteln zu achten. Diese Haltung ergänzt die Aussage von Römer 15,28. Wer im Namen Gottes materielle Hilfe sammelt oder verwaltet, trägt Verantwortung dafür, dass die Mittel dem vorgesehenen Zweck entsprechend eingesetzt werden. Gute Absichten machen Sorgfalt und Rechenschaft nicht überflüssig. Gerade weil die Gaben aus Vertrauen und Liebe gegeben werden, sollen sie mit besonderer Gewissenhaftigkeit behandelt werden.
Die geplante Reise nach Spanien bleibt für Paulus weiterhin ein wichtiges Ziel. Doch bevor er sich dieser neuen Aufgabe widmet, möchte er den bestehenden Dienst zuverlässig vollenden. Darin zeigt sich eine ausgewogene geistliche Haltung. Einerseits ist Paulus bereit, neue Missionsgebiete zu erschließen und große persönliche Anstrengungen für die Verkündigung des Evangeliums auf sich zu nehmen. Andererseits betrachtet er die Versorgung bedürftiger Christen nicht als eine nebensächliche Angelegenheit, die angesichts seiner weitreichenden Missionspläne vernachlässigt werden dürfte. Die beiden Aufgaben unterscheiden sich in ihrer unmittelbaren Form, gehören für ihn aber zum selben Dienst an Jesus Christus. Das Evangelium soll Menschen zu Gott führen, und die Menschen, die dadurch zur Gemeinde gehören, sollen lernen, füreinander Verantwortung zu tragen.
Im neunundzwanzigsten Vers spricht Paulus schließlich eine bemerkenswerte Zuversicht aus: „Ich weiß aber, daß, wenn ich zu euch komme, es in der Fülle des Segens Christi geschehen wird.“ Er erwartet seinen Besuch in Rom nicht lediglich als eine angenehme persönliche Begegnung oder als eine praktische Zwischenstation auf dem Weg nach Spanien. Paulus hofft vielmehr, dass Christus selbst die Gemeinschaft segnen und seinen Dienst unter den römischen Gläubigen fruchtbar machen wird. Die Formulierung von der „Fülle des Segens Christi“ beschreibt einen reichen Segen, dessen Ursprung in Jesus Christus liegt. Im Zusammenhang mit Römer 1,11–12 kann man dabei besonders an geistliche Stärkung, gegenseitige Ermutigung und eine vertiefte Gemeinschaft im Glauben denken. Paulus möchte den Christen nicht nur Informationen über seine Reisen vermitteln. Er wünscht sich, dass seine Anwesenheit ihnen geistlich zugutekommt und auch er selbst durch die Begegnung mit ihnen gestärkt wird.
Diese Zuversicht bedeutet jedoch nicht, dass Paulus bereits sämtliche Einzelheiten seiner bevorstehenden Reise kannte. Unmittelbar anschließend bittet er die Gemeinde eindringlich um Fürbitte, weil er mit Gefahren und möglichen Schwierigkeiten bei der Erfüllung seines Auftrags rechnet (Römer 15,30–32). Seine Erwartung des Segens steht deshalb nicht auf einer sicheren Kenntnis des künftigen Reiseverlaufs. Sie gründet sich auf sein Vertrauen in Jesus Christus. Gerade darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen biblischer Glaubenszuversicht und der Vorstellung, ein von Gott gesegnetes Vorhaben müsse sich immer genau nach menschlichen Erwartungen entwickeln. Paulus darf mit der Hilfe Christi rechnen, ohne deshalb alle Hindernisse, Verzögerungen oder Leiden ausschließen zu können. Gottes Segen lässt sich nicht ausschließlich daran erkennen, ob ein Mensch den ursprünglich geplanten Weg ohne Schwierigkeiten zurücklegt.
Die spätere Apostelgeschichte zeigt, wie bedeutsam diese Unterscheidung ist. Paulus gelangte schließlich tatsächlich nach Rom, jedoch unter Umständen, die sich erheblich von einem gewöhnlichen Missionsbesuch unterschieden. Nach seiner Verhaftung in Jerusalem, einer längeren Gefangenschaft und einer gefährlichen Seereise erreichte er die Stadt als Gefangener (Apostelgeschichte 21–28). Dennoch berichtet Lukas, dass Paulus dort Menschen empfing und ihnen das Reich Gottes sowie die Lehre von Jesus Christus verkündigte (Apostelgeschichte 28,30–31). Die Überlieferung bestätigt somit, dass sein Weg nach Rom anders verlief, als es seine ursprünglichen Reisepläne erwarten ließen. Sie erlaubt jedoch nicht, sämtliche Einzelheiten seines geplanten Dienstes oder die erhoffte Spanienreise als verwirklicht vorauszusetzen. Entscheidend ist, dass Gottes Wirken auch unter veränderten äußeren Bedingungen nicht aufgehoben war.
Damit erhält die Zuversicht des Paulus eine besonders tiefe Bedeutung. Er war bereit, seine Zukunft zu planen, Verantwortung zu übernehmen und auf Gottes Führung zu vertrauen. Gleichzeitig blieb sein Dienst an den wirklichen Bedürfnissen anderer Menschen orientiert. Die Sammlung für Jerusalem zeigt, dass die Ausbreitung des Evangeliums und die praktische Nächstenliebe nicht voneinander getrennt werden dürfen. Eine Gemeinde, die Gottes Gnade verkündigt, soll diese Gnade auch im Umgang mit bedürftigen Menschen sichtbar machen. Ebenso soll die Hilfe für andere nicht aus bloßem Pflichtgefühl oder dem Wunsch nach Anerkennung entstehen, sondern aus einer Liebe, die durch Christus geprägt wird.
Die Verse 25–29 machen deshalb deutlich, dass christliche Gemeinschaft mehr umfasst als gemeinsame Glaubensüberzeugungen. Sie schließt die Bereitschaft ein, materielle Lasten miteinander zu tragen, den Segen Gottes miteinander zu teilen und Verantwortung auch über geographische und kulturelle Grenzen hinweg wahrzunehmen. Die Gläubigen in Mazedonien und Achaja hatten geistliche Güter empfangen und antworteten darauf mit praktischer Hilfe. Paulus selbst verband seinen Auftrag zur Verkündigung mit der sorgfältigen Überbringung dieser Unterstützung. Auf diese Weise wird sichtbar, wie das Evangelium Menschen nicht nur in ihrer Beziehung zu Gott verändert, sondern auch in ihrem Verhältnis zueinander.
Doch obwohl Paulus von der Bedeutung dieser Sammlung überzeugt war, wusste er, dass ihre Überbringung nicht ohne Gefahren und Schwierigkeiten bleiben musste. Seine bevorstehende Reise nach Jerusalem führte ihn in ein Umfeld, in dem er bereits erheblichen Widerstand erfahren hatte. Zudem konnte er nicht als selbstverständlich voraussetzen, dass sein Dienst von allen Beteiligten so aufgenommen werden würde, wie er es erhoffte. Deshalb richtet er sich im letzten Abschnitt des Kapitels mit einer eindringlichen Bitte an die Christen in Rom. Sie sollen nicht nur seine Reisepläne kennen, sondern durch ihr Gebet selbst an den bevorstehenden Herausforderungen Anteil nehmen. So verbindet Paulus zum Abschluss seines Gedankengangs die Verantwortung im praktischen Dienst mit der gegenseitigen geistlichen Unterstützung, die aus dem gemeinsamen Vertrauen auf Gott erwächst.
Römer 15,30–33
Der gemeinsame Gebetskampf: Vertrauen auf Gottes Führung und die Hoffnung auf seinen Frieden
Nachdem Paulus seine bevorstehende Reise nach Jerusalem, die geplante Begegnung mit den römischen Christen und seine Hoffnung auf eine anschließende Spanienmission beschrieben hat, richtet er sich mit einer besonders eindringlichen Bitte an seine Glaubensgeschwister. In Römer 15,30 schreibt er: „Ich ermahne euch aber, ihr Brüder, durch unsern Herrn Jesus Christus und durch die Liebe des Geistes, daß ihr mit mir kämpfet in den Gebeten für mich zu Gott.“ Diese Worte geben einen bemerkenswerten Einblick in das geistliche Leben des Apostels. Paulus hatte große Missionsgebiete bereist, zahlreiche Gemeinden gegründet und außergewöhnliche Erfahrungen mit Gottes Wirken gemacht. Dennoch betrachtete er sich nicht als einen Menschen, der aufgrund seiner Berufung keine Hilfe mehr benötigte. Im Gegenteil: Gerade angesichts seiner bevorstehenden Aufgaben bittet er die Christen in Rom eindringlich darum, ihn durch ihre Gebete zu unterstützen.
Die Form dieser Bitte ist besonders aufschlussreich. Paulus befiehlt den Gläubigen nicht einfach, für ihn zu beten, sondern er ermahnt und ermutigt sie unter Berufung auf Jesus Christus, ihren gemeinsamen Herrn. Damit stellt er seine Bitte auf eine Grundlage, die über seine persönliche Stellung als Apostel hinausgeht. Er erwartet ihre Unterstützung nicht deshalb, weil er sich für wichtiger hält als andere Christen, sondern weil sie gemeinsam zu Christus gehören. Der Herr, dem Paulus dient, ist zugleich der Herr der römischen Gemeinde. Was den Apostel auf seiner Reise erwartet, betrifft deshalb nicht ausschließlich sein persönliches Leben. Es gehört zu dem größeren Werk Gottes, an dem alle Gläubigen durch ihren Glauben, ihre Liebe und ihre geistliche Verantwortung Anteil nehmen können. Die Aufforderung zum Gebet entsteht somit aus ihrer gemeinsamen Beziehung zu Jesus Christus.
Daneben beruft sich Paulus ausdrücklich auf die „Liebe des Geistes“. Damit wird der Heilige Geist als wesentliche Grundlage christlicher Verbundenheit genannt. Die Formulierung kann sowohl an die Liebe erinnern, die Gottes Geist im Leben der Gläubigen hervorbringt, als auch an die Liebe, die mit seinem eigenen Wirken verbunden ist. Der Zusammenhang legt besonderen Wert auf die erste Bedeutung: Menschen, die durch Gottes Geist erneuert werden, sollen einander nicht gleichgültig gegenüberstehen, sondern in Liebe füreinander eintreten. Bereits in Römer 5,5 hatte Paulus erklärt, dass Gottes Liebe durch den Heiligen Geist in die Herzen der Gläubigen ausgegossen ist. In Römer 8,26–27 hatte er außerdem beschrieben, wie der Geist den Gläubigen in ihrer Schwachheit beisteht und für sie eintritt. Wenn Paulus nun zur Fürbitte aufruft, verbindet er damit die Liebe, die Gott in den Menschen wirkt, mit dem Gebet, durch das sie füreinander Verantwortung übernehmen.
Diese Verbindung ist bedeutsam, weil echte christliche Fürbitte nicht allein aus religiöser Gewohnheit entstehen soll. Wer für einen anderen Menschen betet, bringt dessen Anliegen bewusst vor Gott und erkennt damit an, dass dessen Leben und Schwierigkeiten ihn selbst etwas angehen. Solches Gebet setzt nicht voraus, dass beide Menschen einander persönlich kennen oder sämtliche Lebensumstände des anderen vollständig verstehen. Die Christen in Rom hatten Paulus größtenteils noch nicht persönlich kennengelernt. Dennoch konnten sie für ihn eintreten, weil sie durch denselben Glauben miteinander verbunden waren. Ihre räumliche Entfernung verhinderte nicht, dass sie Anteil an seinen Sorgen und Hoffnungen nehmen konnten. Auf diese Weise wird sichtbar, dass die Gemeinschaft der Gläubigen nicht auf die Menschen beschränkt ist, die sich regelmäßig am selben Ort versammeln. Sie umfasst auch jene, mit denen man durch Christus verbunden ist und für die man Verantwortung im Gebet übernimmt.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Wort „kämpfet“. Paulus verwendet hier ein griechisches Verb, das einen gemeinsamen Einsatz unter Anstrengung beschreibt. Es ist mit dem Wortfeld verbunden, aus dem auch die Vorstellung eines Wettkampfes oder ernsten Ringens hervorgeht. Der Ausdruck verleiht seiner Bitte ein bemerkenswertes Gewicht. Paulus sucht nicht bloß eine freundliche Zusicherung, dass die Gemeinde gelegentlich an ihn denken werde. Er fordert die Gläubigen auf, sich bewusst und mit Ernsthaftigkeit an seinem Anliegen zu beteiligen. Das Gebet erscheint hier als eine Form geistlicher Mitwirkung, die Ausdauer, Aufmerksamkeit und echtes Interesse am Ergehen anderer verlangt. Während Paulus die äußeren Gefahren seiner Reise selbst durchstehen muss, können seine Glaubensgeschwister ihn durch ihr Gebet begleiten und mit ihm um Gottes Hilfe ringen.
Dabei darf das Bild des Kampfes nicht missverstanden werden. Paulus beschreibt keinen Kampf gegen einen Gott, der erst durch genügend menschliche Anstrengung dazu bewegt werden müsste, barmherzig zu handeln. Ebenso wenig lehrt er, dass die Wirksamkeit eines Gebetes von seiner emotionalen Heftigkeit oder von einer bestimmten Zahl betender Menschen abhängig wäre. Der gemeinsame Gebetskampf richtet sich nicht gegen Gott, sondern an Gott. Die Gläubigen dürfen ihre Anliegen mit Nachdruck vor ihn bringen, weil sie seiner Liebe, Weisheit und Macht vertrauen. Auch Jesus ermutigte seine Jünger zu beharrlichem Gebet und lehrte sie zugleich, den Vater als einen Gott zu erkennen, der weiß, was seine Kinder benötigen (Matthäus 6,8; Lukas 18,1–8). Ernsthaftes Beten und vertrauensvolle Hingabe gehören deshalb zusammen. Die Gläubigen sollen nicht versuchen, Gottes Willen zu überwinden, sondern in ihrer Abhängigkeit von ihm standhaft bleiben.
Paulus macht damit deutlich, dass geistliche Arbeit nicht allein durch sichtbare Tätigkeiten getragen wird. Seine Missionsreisen, seine Verkündigung und seine Begegnungen mit Menschen erforderten wirklichen Mut und persönlichen Einsatz. Doch neben diesen äußeren Aufgaben stand die Fürbitte der Gemeinde. Sie war keine nebensächliche Ergänzung, sondern gehörte für Paulus zu der Weise, wie Christen gemeinsam im Dienst Gottes stehen. Einen ähnlichen Gedanken formuliert er in 2. Korinther 1,10–11, wo er nach einer schweren Bedrängnis davon spricht, dass die Gläubigen durch ihre Fürbitte an seinem Ergehen mitwirken. Auch in Epheser 6,18–20 verbindet er die Aufforderung zum beständigen Gebet mit der Bitte, dass ihm die richtigen Worte gegeben werden, um das Evangelium freimütig zu verkündigen. Die wiederholten Gebetsbitten zeigen, dass Paulus selbst seine apostolische Berufung nicht als Unabhängigkeit von der geistlichen Unterstützung anderer verstand.
Im einunddreißigsten Vers nennt Paulus zwei konkrete Anliegen, für die die Christen beten sollen. Zunächst bittet er darum, von den Ungläubigen in Judäa errettet zu werden. Diese Bitte lässt erkennen, dass er seine bevorstehende Reise keineswegs als ungefährlich betrachtete. Jerusalem besaß für ihn eine besondere Bedeutung als Ausgangsort der frühen christlichen Gemeinde und als Stadt, in der Jesus gekreuzigt worden war. Gleichzeitig wusste Paulus aus eigener Erfahrung, dass seine Verkündigung dort auf erheblichen Widerstand stoßen konnte. Schon nach seiner Bekehrung hatte er in Jerusalem von Jesus Zeugnis gegeben und war auf Menschen gestoßen, die ihn töten wollten (Apostelgeschichte 9,28–30). Später hatten sich die Auseinandersetzungen um seine Mission unter den Völkern weiter verschärft. Es bestand deshalb ein wirklicher Grund zur Sorge, dass seine Rückkehr nach Jerusalem neue Gefahren mit sich bringen könnte.
Dabei ist wichtig, wen Paulus mit den Ungläubigen in Judäa meint. Seine Aussage darf nicht als pauschale Verurteilung des jüdischen Volkes verstanden werden. Paulus war selbst Jude und hatte bereits ausführlich von seiner tiefen Verbundenheit mit Israel gesprochen (Römer 9,1–5; 11,1). Auch in Jerusalem gab es zahlreiche jüdische Menschen, die Jesus als den Messias angenommen hatten. Paulus unterscheidet hier vielmehr zwischen den Gläubigen, für die er die Sammlung überbringen möchte, und denjenigen, die das Evangelium ablehnen und seinem Dienst feindlich gegenüberstehen. Die Bezeichnung „Ungläubige“ beschreibt in diesem Zusammenhang ihre ablehnende Haltung gegenüber der Botschaft Christi. Sie macht weder die Herkunft eines Menschen zum Grund seiner Feindschaft noch erlaubt sie, sämtlichen Bewohnern Judäas dieselbe Einstellung zuzuschreiben.
Dass Paulus diese Gefahr ernst nahm, zeigt auch die spätere Darstellung seiner Reise in der Apostelgeschichte. Auf dem Weg nach Jerusalem wurde er wiederholt auf bevorstehende Leiden und Gefangenschaft hingewiesen. In Apostelgeschichte 20,22–23 erklärt er den Ältesten von Ephesus, dass er nach Jerusalem zieht, obwohl er weiß, dass ihn dort Fesseln und Bedrängnisse erwarten. In Cäsarea kündigte der Prophet Agabus durch eine symbolische Handlung an, dass Paulus in Jerusalem gebunden und den Heiden überliefert werden würde (Apostelgeschichte 21,10–11). Die anwesenden Christen baten ihn daraufhin, nicht weiterzureisen. Paulus antwortete jedoch, dass er bereit sei, um des Namens Jesu willen nicht nur gebunden zu werden, sondern auch zu sterben (Apostelgeschichte 21,12–13). Sein Mut bestand somit nicht darin, die Gefahren zu leugnen. Er kannte die möglichen Folgen seines Weges und wollte dennoch den Auftrag erfüllen, den er als seine Verantwortung vor Gott erkannt hatte.
Hier entsteht eine wichtige Frage: Weshalb bittet Paulus um Bewahrung vor Gefahren, wenn er gleichzeitig bereit ist, für Christus zu leiden? Für ihn standen diese beiden Haltungen nicht im Widerspruch. Die Bereitschaft, Leiden auf sich zu nehmen, bedeutet nicht, dass ein Mensch Leiden suchen oder unnötig herbeiführen müsste. Paulus hatte den Auftrag, das Evangelium zu verkündigen, und wollte diesen Dienst möglichst ungehindert fortsetzen. Deshalb durfte er Gott um Schutz bitten. Zugleich war er bereit, auch unter schwierigen Umständen treu zu bleiben, wenn Gott die erbetene Bewahrung nicht in der erwarteten Weise gewährte. Der Glaube verlangt weder sorglose Leichtfertigkeit noch die Vorstellung, dass ein gehorsamer Mensch niemals in Gefahr geraten dürfte. Er erlaubt vielmehr, die eigenen Ängste und Bedürfnisse vor Gott zu bringen, ohne die Treue zu ihm von einem bestimmten Ausgang abhängig zu machen.
Das zweite Gebetsanliegen in Römer 15,31 ist ebenso bemerkenswert. Paulus bittet darum, dass seine Dienstleistung für Jerusalem von den dortigen Heiligen angenommen werde. Er sorgt sich also nicht ausschließlich um seine persönliche Sicherheit. Ihm liegt ebenso daran, dass die Hilfe, die er den bedürftigen Glaubensgeschwistern überbringen möchte, ihren eigentlichen Zweck erfüllt. Auf den ersten Blick könnte man erwarten, dass eine Geldsammlung für arme Menschen überall mit Dankbarkeit aufgenommen wird. Doch Paulus hält es offenbar nicht für selbstverständlich, dass sein Dienst ohne Schwierigkeiten angenommen werden würde. Die Gemeinde in Jerusalem und die Gemeinden aus den Völkern waren durch denselben Glauben verbunden, hatten aber unterschiedliche geschichtliche Erfahrungen und religiöse Prägungen. Die Auseinandersetzungen über die Stellung nichtjüdischer Gläubiger hatten gezeigt, wie herausfordernd dieses Zusammenleben sein konnte.
Im Hintergrund steht deshalb möglicherweise mehr als die rein praktische Frage, ob die gesammelten Mittel ihre Empfänger erreichen würden. Die Unterstützung konnte auch zu einem sichtbaren Ausdruck der Gemeinschaft zwischen jüdischen und nichtjüdischen Christen werden. Bereits in Galater 2,9–10 berichtet Paulus, dass Jakobus, Kephas und Johannes die besondere Berufung des Paulus zur Verkündigung unter den Völkern anerkannt hatten. Zugleich war vereinbart worden, die Armen nicht zu vergessen. Paulus erklärte ausdrücklich, dass ihm gerade dieses Anliegen besonders am Herzen lag. Die Sammlung für Jerusalem stand somit in einer größeren Geschichte gegenseitiger Anerkennung und Verantwortung. Wenn die bedürftigen Gläubigen die Gabe ihrer Geschwister aus den Völkern dankbar annahmen, konnte darin auch die geistliche Verbundenheit beider Gruppen sichtbar werden. Allerdings erklärt Römer 15 nicht ausdrücklich, dass Paulus mit der Sammlung sämtliche vorhandenen Spannungen beseitigen wollte. Eine solche weitergehende Absicht bleibt eine mögliche geschichtliche Einordnung und darf nicht als unmittelbare Aussage des Verses ausgegeben werden.
Die Bitte um Annahme seines Dienstes zeigt zugleich, dass selbst eine gut gemeinte Hilfeleistung nicht nur aus der Perspektive des Gebenden betrachtet werden sollte. Paulus hatte die Sammlung mit großer Sorgfalt vorbereitet und wusste, dass sie aus der freiwilligen Liebe vieler Gläubiger hervorgegangen war. Dennoch nahm er die Haltung und die Bedürfnisse der Empfänger ernst. Die Überbringung einer Gabe sollte nicht der Selbstdarstellung ihrer Spender dienen. Ihr Ziel war die Unterstützung bedürftiger Menschen und die Stärkung der Gemeinschaft. Wer einem anderen hilft, muss deshalb nicht nur fragen, ob seine eigenen Absichten gut sind, sondern auch, ob seine Hilfe dem anderen tatsächlich dient und in angemessener Weise angeboten wird. Gerade dort, wo unterschiedliche Erfahrungen, Erwartungen oder frühere Spannungen bestehen, sind Liebe, Weisheit und gegenseitiger Respekt notwendig. Paulus macht diese menschlichen Fragen ausdrücklich zu einem Gegenstand des gemeinsamen Gebets.
Die Apostelgeschichte berichtet später, dass Paulus nach seiner Ankunft in Jerusalem von den Brüdern freundlich aufgenommen wurde (Apostelgeschichte 21,17). Am folgenden Tag besuchte er Jakobus und die Ältesten der Gemeinde. Als er ihnen berichtete, was Gott durch seinen Dienst unter den Völkern gewirkt hatte, verherrlichten sie Gott (Apostelgeschichte 21,18–20). Diese Begegnung zeigt, dass Paulus in Jerusalem nicht ausschließlich Ablehnung erfuhr. Zugleich schildert die Apostelgeschichte, dass weiterhin Spannungen und Vorwürfe im Zusammenhang mit seiner Verkündigung bestanden. Über eine ausdrückliche, förmliche Annahme der Geldsammlung berichtet Lukas an dieser Stelle jedoch nicht. Deshalb lässt sich aus dem freundlichen Empfang nicht mit letzter Sicherheit ableiten, wie die gesamte Übergabe der gesammelten Mittel verlief. Der Bericht bestätigt die positive Aufnahme des Apostels durch die Glaubensgeschwister, lässt aber einzelne Fragen zur konkreten Durchführung seines Dienstes offen.
Auch die Bitte um Rettung aus den Gefahren Judäas erhielt eine Entwicklung, die Paulus in dieser Form kaum vollständig hätte voraussehen können. In Jerusalem wurde er von einer aufgebrachten Menschenmenge angegriffen, nachdem Juden aus der Provinz Asia ihn im Tempel gesehen und schwere Vorwürfe gegen ihn erhoben hatten (Apostelgeschichte 21,27–31). Römische Soldaten griffen ein und verhinderten, dass er von der Menge getötet wurde. Paulus entging damit einer unmittelbaren Lebensgefahr, wurde jedoch zugleich festgenommen. Seine Situation führte zu weiteren Verhören, einer längeren Gefangenschaft und schließlich zu seiner Berufung auf den Kaiser (Apostelgeschichte 25,10–12). Der erbetene Schutz verwirklichte sich daher nicht als eine ungehinderte und gefahrlose Reise. Vielmehr wurde Paulus mitten in ernsten Schwierigkeiten vor dem Tod bewahrt, während sich sein weiterer Lebensweg auf eine Weise veränderte, die er bei der Abfassung des Römerbriefes noch nicht überblicken konnte.
Diese spätere Entwicklung muss sorgfältig beurteilt werden. Die Bibel berichtet nicht ausdrücklich, welche einzelnen Ereignisse als unmittelbare Erhörung der Gebete aus Römer 15,30–31 verstanden werden sollen. Dennoch zeigt der geschichtliche Verlauf, dass Paulus trotz erheblicher Gefahren am Leben blieb und seinen Auftrag fortsetzen konnte. Besonders bedeutsam ist die Zusage des Herrn in Apostelgeschichte 23,11. Nachdem Paulus in Jerusalem vor dem Hohen Rat Zeugnis gegeben hatte, ermutigte Christus ihn und kündigte an, dass er auch in Rom Zeugnis ablegen werde. Damit wurde sein weiterer Weg nicht durch die Macht seiner Gegner endgültig bestimmt. Auch die römische Gefangenschaft konnte nicht verhindern, dass er später die Stadt erreichte, in der er schon so lange den Wunsch gehabt hatte, mit den Glaubensgeschwistern zusammenzukommen. Die Erzählung zeigt jedoch zugleich, dass Gottes Führung nicht mit einem von allen Leiden befreiten Lebensweg gleichgesetzt werden darf.
Im zweiunddreißigsten Vers nennt Paulus schließlich das Ziel, auf das seine beiden Gebetsanliegen ausgerichtet sind. Er möchte durch Gottes Willen mit Freude nach Rom kommen und dort gemeinsam mit den Gläubigen Erquickung erfahren. Damit schließt sich der Gedankengang an seine früheren Reisepläne an. Schon in Römer 15,24 hatte er seine Sehnsucht nach einer persönlichen Begegnung beschrieben. Nun wird deutlich, dass er diese Hoffnung mit der erfolgreichen Erfüllung seines Auftrags in Jerusalem verbindet. Wenn Gott ihn vor seinen Gegnern bewahrt und sein Dienst von den Glaubensgeschwistern angenommen wird, kann er seine Reise mit Freude fortsetzen. Die erhoffte Begegnung in Rom würde damit nicht nur einen langjährigen persönlichen Wunsch erfüllen, sondern auch den Abschluss einer wichtigen Verantwortung begleiten.
Besonders wichtig ist die Formulierung „durch Gottes Willen“. Paulus betrachtet seine Zukunft nicht als etwas, das allein durch sorgfältige Planung und persönliche Entschlossenheit festgelegt werden könnte. Er hat ein klares Ziel, kennt seine Verantwortung und bittet konkret um einen guten Verlauf. Doch die Entscheidung darüber, wie sich dieser Weg tatsächlich entwickeln wird, überlässt er Gott. Diese Haltung entspricht seinem früheren Wunsch, durch Gottes Willen endlich einen Weg nach Rom zu finden (Römer 1,10). Sie bedeutet keine passive Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft. Paulus wartet nicht untätig darauf, dass sich seine Aufgaben von selbst erfüllen. Er trifft Vorbereitungen, organisiert die Unterstützung der Gemeinden und ist bereit, Gefahren auf sich zu nehmen. Gleichzeitig weiß er, dass menschliche Planung begrenzt bleibt. Seine Zuversicht gründet sich deshalb nicht auf die vollständige Beherrschung aller Umstände, sondern auf die Treue des Gottes, dem er dient.
Der spätere Verlauf seines Lebens verdeutlicht diese Unterscheidung besonders eindrucksvoll. Paulus erreichte Rom tatsächlich, doch nicht als freier Reisender auf dem Weg zu einer geplanten Spanienmission. Er kam nach Gefangenschaft, gerichtlichen Auseinandersetzungen und einer gefährlichen Seereise als Gefangener in die Stadt (Apostelgeschichte 27–28). Dennoch erfüllte sich seine Hoffnung auf Gemeinschaft mit den dortigen Christen in wesentlichen Zügen. In Apostelgeschichte 28,14–15 wird berichtet, dass Paulus Glaubensgeschwister traf und weitere Christen ihm von Rom aus entgegenkamen. Als er sie sah, dankte er Gott und fasste Mut. Diese kurze Bemerkung ist besonders aussagekräftig. Nach langen Belastungen und einem Reiseverlauf voller Gefahren wurde die persönliche Begegnung mit anderen Gläubigen für Paulus tatsächlich zu einer Quelle der Ermutigung. Nicht alle äußeren Umstände entsprachen seinen ursprünglichen Erwartungen, doch die Gemeinschaft, nach der er sich gesehnt hatte, schenkte ihm neue Zuversicht.
Darin zeigt sich, dass die geistliche Erquickung, von der Paulus spricht, nicht von vollkommen unbeschwerten Lebensverhältnissen abhängig ist. Ein Mensch kann durch die Gemeinschaft mit Glaubensgeschwistern gestärkt werden, obwohl seine äußeren Probleme noch nicht gelöst sind. Paulus blieb zunächst in römischer Bewachung, konnte jedoch Menschen empfangen und ihnen das Reich Gottes verkündigen (Apostelgeschichte 28,16.30–31). Die Nähe anderer Christen, ihr Interesse und ihre gemeinsame Hoffnung auf Christus waren deshalb keineswegs bedeutungslos. Sie halfen ihm gerade unter schwierigen Bedingungen. Schon zuvor hatte Paulus in Römer 1,12 erklärt, dass er sich gegenseitige Ermutigung durch den gemeinsamen Glauben erhoffte. Die späteren Ereignisse machen verständlich, wie wertvoll eine solche Gemeinschaft für ihn war. Selbst ein erfahrener Apostel konnte durch die Anwesenheit und die Anteilnahme anderer Menschen neue Kraft schöpfen.
Der Hinweis auf Gottes Willen schützt zugleich vor einem verbreiteten Missverständnis des Gebets. Wer Gott um etwas bittet, darf dies mit Vertrauen, Ernsthaftigkeit und konkreten Erwartungen tun. Doch das Gebet ist keine Zusicherung, dass der gewünschte Verlauf genau in der vorgestellten Form eintreten muss. Jesus selbst hat im Garten Gethsemane diese Haltung vollkommen vorgelebt. Er brachte seinen Wunsch vor den Vater und fügte zugleich hinzu, dass nicht sein eigener Wille, sondern der Wille des Vaters geschehen solle (Matthäus 26,39). In diesem Gebet verbinden sich tiefes persönliches Empfinden und vollständiges Vertrauen auf Gott. Auch Paulus' Bitte um Schutz, Annahme seines Dienstes und eine freudige Reise nach Rom steht unter dieser göttlichen Führung. Er erwartet Gottes Hilfe, ohne sich selbst zum Maßstab dafür zu machen, wie diese Hilfe im Einzelnen aussehen muss.
Der Abschnitt endet in Römer 15,33 mit einem kurzen, aber bedeutsamen Segenswunsch: „Der Gott aber des Friedens sei mit euch allen! Amen.“ Nach den ernsten Bitten um Bewahrung und nach der Erwähnung möglicher Gefahren richtet Paulus die Gedanken seiner Leser auf den Frieden Gottes. Diese Bezeichnung Gottes ist im Römerbrief nicht neu. Bereits in Römer 5,1 hatte Paulus erklärt, dass die Gläubigen durch die Rechtfertigung aus Glauben Frieden mit Gott haben durch Jesus Christus. In Römer 12,18 hatte er sie dazu aufgefordert, soweit es an ihnen liegt, mit allen Menschen in Frieden zu leben. In Römer 14,19 hatte er den Frieden ausdrücklich mit der gegenseitigen Erbauung innerhalb der Gemeinde verbunden. Wenn er Gott nun als den Gott des Friedens bezeichnet, greift er damit ein Thema auf, das sowohl die Beziehung des Menschen zu Gott als auch das Zusammenleben der Gläubigen betrifft.
Der Friede Gottes ist dabei mehr als die Abwesenheit äußerer Konflikte. Er gründet sich zunächst in dem Heil, das Gott durch Jesus Christus geschaffen hat. Menschen, die durch die Sünde von Gott getrennt waren, dürfen durch Christus mit ihm versöhnt werden (Römer 5,6–11). Aus dieser erneuerten Beziehung erwächst zugleich eine neue Grundlage für das Zusammenleben. Wer Frieden mit Gott empfangen hat, soll lernen, auch anderen Menschen mit Versöhnungsbereitschaft, Geduld und Liebe zu begegnen. In einer Gemeinde, in der Menschen unterschiedliche Überzeugungen und Gewohnheiten mitbringen, kann dieser Friede nicht durch bloßes gegenseitiges Nachgeben in jeder Frage erhalten werden. Er benötigt eine gemeinsame Ausrichtung auf Jesus Christus und die Bereitschaft, das Wohl des anderen ernst zu nehmen. Damit führt der Segenswunsch zum Grundgedanken zurück, mit dem Paulus das Kapitel begonnen hat.
Auffällig ist außerdem, dass Paulus innerhalb weniger Verse unterschiedliche Bezeichnungen Gottes verwendet. In Römer 15,5 nennt er ihn den Gott der Geduld und des Trostes. In Römer 15,13 spricht er vom Gott der Hoffnung. Nun bezeichnet er ihn als den Gott des Friedens. Diese Ausdrücke gehören inhaltlich eng zusammen, ohne dass sie deshalb als ein künstlich aufgebautes festes Schema verstanden werden müssten. Geduld hilft den Gläubigen, Belastungen und Unterschiede auszuhalten. Trost stärkt sie, wenn ihre Kraft nachlässt. Hoffnung richtet ihren Blick auf Gottes Verheißungen, während Frieden ihre Beziehung zu ihm und zueinander prägen soll. Paulus beschreibt damit nicht bloß Eigenschaften, die der Mensch aus eigener Anstrengung hervorbringen müsste. Er verweist auf Gott selbst als ihren Ursprung. Die Gemeinde soll lernen, aus seiner Gnade zu leben und die empfangenen Gaben im Umgang miteinander sichtbar werden zu lassen.
Die Schlussformulierung „mit euch allen“ besitzt im Zusammenhang des Kapitels eine besondere Bedeutung. Paulus wünscht den Frieden Gottes nicht nur den geistlich Starken, den besonders erfahrenen Gläubigen oder denjenigen, die seine Auffassungen in allen Fragen teilen. Sein Segenswunsch umfasst die gesamte Gemeinde. Diejenigen, die beim Essen und bei der Beachtung bestimmter Tage unterschiedliche Gewissensüberzeugungen besitzen, sind ebenso eingeschlossen wie Menschen jüdischer und nichtjüdischer Herkunft. Sie alle sollen unter dem Frieden Gottes leben. Damit erhält die Aufforderung zur gegenseitigen Annahme eine letzte geistliche Vertiefung. Der Friede, den Gott schenkt, soll nicht als ein Vorrecht einzelner Gruppen behandelt werden. Er ist eine Gabe, die das gemeinsame Leben der Gläubigen prägen und sie in ihrer Beziehung zu Christus verbinden soll.
Bemerkenswert ist schließlich, dass Paulus diesen Segenswunsch gerade nach der Beschreibung seiner möglichen Gefahren ausspricht. Der Gott des Friedens wird nicht deshalb angerufen, weil alle Schwierigkeiten bereits überwunden wären. Paulus weiß, dass ihn Widerstand erwartet. Er kann nicht sicher voraussagen, wie seine Reise verlaufen wird, und kennt die Herausforderungen, die seinem Dienst in Jerusalem begegnen können. Dennoch vertraut er darauf, dass Gott bei ihm und bei den Christen in Rom gegenwärtig sein wird. Frieden bedeutet für ihn deshalb nicht die Zusicherung eines Lebens ohne Anfechtung, sondern die Gewissheit, dass Gottes Treue auch unter schwierigen Umständen Bestand hat. Bereits die Zusage Jesu an seine Jünger, ihnen Frieden zu hinterlassen, verbindet diesen Frieden mit der Aufforderung, sich nicht zu fürchten (Johannes 14,27). Die äußeren Umstände können unsicher bleiben, während der Glaube dennoch Halt in Gottes Gegenwart findet.
So endet Römer 15 mit einer Haltung, die den gesamten Gedankengang des Kapitels zusammenführt. Paulus hat die Gläubigen aufgefordert, die Schwachheiten anderer in Liebe zu tragen, sich an Christus zu orientieren und gemeinsam Gott zu verherrlichen. Er hat anhand der Heiligen Schrift gezeigt, dass Gottes Barmherzigkeit Menschen aus allen Völkern erreichen soll, und anschließend seinen eigenen Dienst an dieser Botschaft beschrieben. Seine Missionspläne und die Sammlung für Jerusalem haben verdeutlicht, dass die Verkündigung des Evangeliums, die gegenseitige Unterstützung und die Verantwortung für bedürftige Glaubensgeschwister eng miteinander verbunden sind. Nun fügt er die Fürbitte als einen weiteren wesentlichen Ausdruck dieser Gemeinschaft hinzu. Die Gemeinde soll nicht nur miteinander glauben und einander helfen, sondern auch gemeinsam vor Gott für die Anliegen ihrer Geschwister eintreten.
Dabei bleibt Jesus Christus der Mittelpunkt. Durch ihn haben die Gläubigen Zugang zu Gottes Barmherzigkeit erhalten. Sein Vorbild lehrt sie, nicht nur das eigene Wohl zu suchen. Sein Evangelium verbindet Menschen unterschiedlicher Herkunft, und seine Gnade befähigt sie, einander in Liebe zu begegnen. Der Heilige Geist wirkt in ihren Herzen und schenkt die Kraft zu einem Leben, das Gott ehrt. Deshalb darf die Gemeinde ihre Einheit nicht allein auf menschliche Übereinstimmung oder äußere Organisation gründen. Sie ist auf die fortdauernde Gegenwart und Hilfe Gottes angewiesen. Paulus selbst macht durch seine Gebetsbitte deutlich, dass auch große geistliche Erfahrung diese Abhängigkeit nicht aufhebt.
Der abschließende Wunsch, dass der Gott des Friedens mit allen Gläubigen sei, ist somit weit mehr als eine höfliche Schlussformel. Er bringt das Vertrauen zum Ausdruck, dass Gott seine Kinder in ihrem gemeinsamen Glauben, in ihrer Liebe und in den Unsicherheiten ihres Lebens begleiten kann. Die Christen in Rom sollen nicht auf ihre eigenen Fähigkeiten beschränkt bleiben. Sie dürfen auf den Gott vertrauen, der Geduld und Trost schenkt, ihre Hoffnung durch den Heiligen Geist stärkt und ihnen seinen Frieden gibt. Unter seiner Führung können sie ihre unterschiedlichen Gaben und Aufgaben in den Dienst Jesu Christi stellen und miteinander an dem Werk teilhaben, durch das seine Barmherzigkeit in der Welt sichtbar wird.
Geistliche Kernbotschaft
Im Mittelpunkt von Römer 15 steht eine grundlegende Veränderung, die das Evangelium im Leben eines Menschen bewirken soll: Wer Jesus Christus angenommen hat, soll lernen, nicht länger sich selbst zum Mittelpunkt seines Handelns zu machen. Paulus beschreibt den christlichen Glauben nicht als eine bloße Sammlung richtiger Überzeugungen, sondern als eine lebendige Beziehung zu Gott, aus der eine neue Haltung gegenüber anderen Menschen hervorgeht. Diese Veränderung beginnt nicht damit, dass der Mensch sich durch besonders große Anstrengungen die Liebe Gottes verdient. Sie hat ihren Ursprung vielmehr darin, dass Jesus Christus selbst den Menschen in seiner Schwachheit und Sündhaftigkeit entgegengekommen ist. Weil Christus sich für andere hingegeben hat, sollen auch seine Nachfolger bereit werden, eigene Ansprüche zurückzustellen und dem Wohl ihrer Mitmenschen zu dienen. Die empfangene Gnade wird damit zur Grundlage einer Liebe, die nicht nur in Worten besteht, sondern das tatsächliche Verhalten verändert.
Dabei macht Paulus deutlich, dass geistliche Erkenntnis immer mit Verantwortung verbunden ist. Ein Mensch kann in einer bestimmten Glaubensfrage zu einer richtigen Überzeugung gelangt sein und dennoch falsch handeln, wenn er mit dieser Erkenntnis lieblos umgeht. Das Evangelium ruft deshalb nicht nur dazu auf, Gottes Wahrheit zu erkennen, sondern auch dazu, sie in der Gesinnung Jesu Christi zu leben. Geistliche Stärke zeigt sich nicht darin, dass jemand seine Überzeugungen möglichst entschlossen gegenüber anderen durchsetzt oder ihre Schwachheiten verachtet. Sie zeigt sich vielmehr in der Fähigkeit, geduldig zu bleiben, das Gewissen anderer ernst zu nehmen und aus Liebe freiwillig auf eigene Vorteile zu verzichten. Das bedeutet nicht, Wahrheit und Irrtum gleichzusetzen oder Gottes Willen menschlichen Erwartungen unterzuordnen. Paulus verbindet vielmehr beides: die Treue zu Gottes Wort und eine Haltung, die den anderen Menschen nicht als Gegner betrachtet, sondern als jemanden, dem man auf dem Weg des Glaubens helfen möchte.
Diese Liebe erhält ihre besondere Bedeutung aus der Tatsache, dass Christus Menschen angenommen hat, die seine Annahme nicht durch eigene Leistungen verdient hatten. Niemand kommt zu Gott, weil er bereits in jeder Hinsicht vollkommen wäre oder weil sein Wissen über geistliche Fragen keine Lücken mehr aufweist. Die Grundlage der Rettung liegt in Gottes Barmherzigkeit und im Erlösungswerk Jesu Christi. Deshalb darf ein Christ seine eigene Erkenntnis oder seinen geistlichen Fortschritt nicht zum Maßstab machen, nach dem er über den Wert anderer Menschen urteilt. Wer selbst von Gottes Geduld lebt, ist dazu berufen, geduldig mit anderen umzugehen. Wer Vergebung empfangen hat, soll zur Vergebung bereit sein. Und wer durch Christus Hoffnung erhalten hat, soll nicht dazu beitragen, dass andere durch unnötige Härte entmutigt werden. Die Annahme durch Christus bedeutet dabei nicht, dass Gott die Sünde gutheißt oder den Menschen unverändert lassen möchte. Seine Gnade nimmt den Menschen an, um ihn zugleich zu erneuern und ihn zu einem Leben in wachsender Übereinstimmung mit seinem Willen zu führen.
Eine weitere grundlegende Botschaft des Kapitels liegt in der unerschütterlichen Treue Gottes. Paulus zeigt, dass das Kommen Jesu Christi und die Berufung der Völker keine zufälligen Entwicklungen innerhalb der Religionsgeschichte darstellen. Sie stehen im Zusammenhang mit den Verheißungen, die Gott bereits lange zuvor gegeben hatte. Christus bestätigt die Zusagen an die Väter Israels, während Menschen aus den anderen Nationen Gottes Barmherzigkeit erfahren und in die gemeinsame Hoffnung auf den Messias einbezogen werden. Damit offenbart sich Gott als einer, dessen Wort zuverlässig ist und dessen Rettungsabsicht weit über menschliche Grenzen hinausreicht. Die Verschiedenheit der Völker bildet für ihn kein unüberwindbares Hindernis. Menschen, die durch Herkunft, Sprache und religiöse Vergangenheit voneinander getrennt waren, können durch Jesus Christus denselben Gott anbeten und gemeinsam auf die Erfüllung seiner Verheißungen hoffen.
Diese Einheit besitzt jedoch einen anderen Ursprung als bloße menschliche Übereinstimmung. Paulus gründet sie weder auf gemeinsame Abstammung noch auf einheitliche Lebensgewohnheiten oder eine vollständig gleiche Beurteilung sämtlicher Gewissensfragen. Ihr gemeinsamer Mittelpunkt ist Jesus Christus. Gerade darin zeigt sich die besondere Kraft des Evangeliums: Menschen müssen ihre Persönlichkeit und ihre Herkunft nicht verlieren, um zur Gemeinschaft der Gläubigen zu gehören. Zugleich dürfen sie ihre Unterschiede nicht dazu benutzen, einander zu verachten oder sich gegenseitig die Zugehörigkeit zu Christus abzusprechen. Der gemeinsame Glaube soll sie vielmehr befähigen, einander in der Gesinnung Jesu zu begegnen. Eine solche Einheit wird besonders dort sichtbar, wo Menschen trotz unterschiedlicher Erfahrungen bereit sind, miteinander Gott zu loben, einander zu unterstützen und das geistliche Wohl des anderen über persönliche Eitelkeit zu stellen. Dadurch wird die Gemeinde selbst zu einem Zeugnis jener versöhnenden Gnade, die sie verkündigt.
Mit dieser gemeinsamen Hoffnung verbindet Paulus die Bedeutung der Heiligen Schrift und das Wirken des Heiligen Geistes. Gottes Wort unterrichtet den Menschen nicht nur über vergangene Ereignisse und göttliche Gebote. Es führt ihn zur Erkenntnis des Gottes, der auch in Zeiten des Leidens, der Unsicherheit und des geduldigen Wartens vertrauenswürdig bleibt. Die Schrift bewahrt die Erinnerung an Gottes Handeln und seine Verheißungen und gibt dadurch Grund zu Hoffnung. Diese Hoffnung bleibt jedoch nicht auf menschliche Erinnerung oder gedankliche Überzeugung beschränkt. Paulus bittet darum, dass Gott die Gläubigen durch die Kraft des Heiligen Geistes mit Freude, Frieden und überströmender Hoffnung erfüllt. Darin begegnen sich Gottes äußere Offenbarung durch sein Wort und sein inneres Wirken am menschlichen Herzen. Die Schrift zeigt, worauf der Glaube vertrauen darf, während Gottes Geist den Menschen stärkt, diese Wahrheit anzunehmen und ihr entsprechend zu leben.
Derselbe Heilige Geist steht auch hinter der Heiligung, die Paulus als Ziel seines Missionsdienstes beschreibt. Gott möchte Menschen nicht nur von ihrer früheren Schuld freisprechen, sondern ihr Leben erneuern. Die Verkündigung des Evangeliums soll sie zu Christus führen, damit sie ihm im Glauben vertrauen und durch das Wirken seines Geistes eine neue Lebensrichtung erhalten. Heiligung bedeutet deshalb keine selbst erworbene Vollkommenheit, durch die ein Mensch sich über andere erheben dürfte. Sie ist das Werk Gottes an Menschen, die sich ihm anvertrauen und lernen, seinem Willen zu folgen. Gerade weil diese Veränderung von Gott ausgeht, bleibt der Gläubige auf seine Hilfe angewiesen. Christliches Wachstum kann weder durch religiösen Stolz noch durch menschliche Willenskraft allein hervorgebracht werden. Es erwächst aus der bleibenden Verbindung mit Jesus Christus und dem Wirken seines Geistes.
Aus dieser inneren Erneuerung soll schließlich eine Liebe hervorgehen, die über die Grenzen der eigenen Gemeinde und der persönlichen Beziehungen hinausreicht. Paulus verbindet seine Berufung zur Verkündigung unter den Völkern mit der konkreten Unterstützung bedürftiger Glaubensgeschwister. Beides gehört für ihn zum Dienst an Christus. Die Botschaft von Gottes Barmherzigkeit soll auch Menschen erreichen, die sie bisher nicht gehört haben. Gleichzeitig sollen diejenigen, die bereits zur Gemeinschaft der Gläubigen gehören, mit ihrer Not nicht allein gelassen werden. Das Evangelium richtet den Blick damit sowohl auf die geistliche Bedürftigkeit der Menschen als auch auf ihre konkreten Lebensumstände. Wer Gottes Liebe erfahren hat, soll bereit werden, sie weiterzugeben. Die Verkündigung der Wahrheit und die praktische Nächstenliebe dürfen deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden. Beide können auf unterschiedliche Weise sichtbar machen, dass Christus Menschen verändert und zur Verantwortung füreinander beruft.
Am Ende des Kapitels tritt noch eine weitere Wahrheit hervor: Auch ein Mensch, der von Gott zu einer bedeutenden Aufgabe berufen wurde, bleibt vollständig auf seine Führung angewiesen. Paulus besitzt klare Überzeugungen, konkrete Ziele und große Erfahrung im Missionsdienst. Dennoch kann er seine Zukunft nicht selbst beherrschen. Er weiß um mögliche Gefahren und bittet andere Gläubige, mit ihm im Gebet zu ringen. Darin zeigt sich kein Mangel an Glauben, sondern ein tiefes Bewusstsein menschlicher Abhängigkeit von Gott. Wahres Vertrauen bedeutet nicht, dass ein Christ alle Schwierigkeiten ausschließt oder den Verlauf seines Lebens im Voraus kennen müsste. Es bedeutet, seine Anliegen mit Ernsthaftigkeit vor Gott zu bringen und zugleich bereit zu bleiben, sich seinem Willen anzuvertrauen. Gottes Frieden gründet sich nicht darauf, dass jeder Plan wie gewünscht gelingt, sondern darauf, dass der Mensch auch unter ungewissen Umständen in Gottes Gegenwart und Treue Halt finden darf.
So entfaltet Römer 15 ein zusammenhängendes Bild des christlichen Lebens. Gottes Gnade führt den Menschen zu Jesus Christus, sein Wort stärkt die Hoffnung, sein Geist erneuert das Herz, und seine Liebe verändert den Umgang mit anderen. Aus dem gemeinsamen Glauben erwachsen gegenseitige Annahme, verantwortungsbewusster Gehorsam, praktische Hilfsbereitschaft, die Weitergabe des Evangeliums und die Bereitschaft zur Fürbitte. Keine dieser Wirkungen soll den Menschen selbst verherrlichen. Sie weisen vielmehr auf den Gott hin, von dem alles Gute ausgeht. Die Gemeinde erfüllt ihre Berufung dort, wo sie nicht die Größe einzelner Menschen in den Mittelpunkt stellt, sondern gemeinsam den Herrn ehrt, der sie angenommen, miteinander verbunden und zu einem Leben in seiner Liebe berufen hat.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Eine der wichtigsten Verbindungen von Römer 15 führt zu Philipper 2,1–11. In beiden Abschnitten beschreibt Paulus die Gesinnung Jesu Christi als Grundlage des Zusammenlebens unter Gläubigen. Im Philipperbrief fordert er die Christen auf, nichts aus Selbstsucht oder eitler Ruhmsucht zu tun, sondern in Demut auch auf das Wohl der anderen zu achten. Anschließend verweist er auf Jesus, der sich erniedrigte und bis zum Tod am Kreuz gehorsam wurde. Römer 15,1–3 entfaltet denselben Grundgedanken anhand der Verantwortung der Starken gegenüber den Schwachen. Die Verbindung macht deutlich, dass christliche Rücksichtnahme nicht bloß eine Regel für einen höflichen Umgang miteinander ist. Sie hat ihren Ursprung im Charakter und Handeln Christi. Sein freiwilliger Verzicht auf persönliche Vorrechte begründet eine Lebenshaltung, in der Liebe wichtiger wird als Selbstbehauptung. Besonders das Zitat aus Psalm 69,10 erweitert diesen Gedanken: Jesus nahm sogar Schmähungen und Leiden auf sich, weil er dem Vater treu blieb. Die ursprüngliche Klage des Psalmisten erhält im Leiden Christi eine tiefere Bedeutung, ohne dass ihre geschichtliche Ausgangssituation bedeutungslos würde. Beide Bibelstellen zeigen gemeinsam, dass selbstlose Liebe keine bloße menschliche Freundlichkeit ist, sondern zur Nachfolge des gekreuzigten Erlösers gehört.
Eine weitere enge Verbindung besteht zwischen Römer 14–15 und 1. Korinther 8–10. In beiden Abschnitten behandelt Paulus die Frage, wie Christen mit unterschiedlichen Überzeugungen und mit ihrer persönlichen Freiheit umgehen sollen. Im ersten Korintherbrief geht es insbesondere um Speisen, die mit heidnischen Götzenopfern in Verbindung standen. Paulus erklärt, dass Erkenntnis allein nicht ausreicht, wenn der Gebrauch einer Freiheit das Gewissen eines anderen Menschen verletzt oder ihn zu einem Verhalten verleitet, das er selbst für falsch hält (1. Korinther 8,9–13). In 1. Korinther 10,23–24 betont er, dass nicht alles, was erlaubt ist, auch hilfreich oder erbaulich sein muss. Dabei sind die konkreten Streitfragen der beiden Briefe nicht einfach identisch. Der gemeinsame Grundsatz ist jedoch erkennbar: Die Freiheit des Glaubenden steht unter der Verantwortung der Liebe. Römer 15 ergänzt diesen Gedanken durch das Vorbild Christi. Er hat nicht sein eigenes Gefallen gesucht. Deshalb soll auch der Christ seine Rechte nicht losgelöst von den geistlichen Folgen seines Handelns betrachten. Diese Verbindung hilft zugleich, zwei Fehlentwicklungen zu vermeiden. Christliche Freiheit darf nicht zu rücksichtsloser Selbstbestimmung werden, und Rücksichtnahme darf nicht dazu missbraucht werden, andere Menschen dauerhaft durch unbegründete Forderungen zu beherrschen. Der Maßstab bleibt das wirkliche Wohl des Nächsten im Licht der Wahrheit Gottes.
Die Bedeutung der Heiligen Schrift für die christliche Hoffnung verbindet Römer 15,4 mit mehreren Aussagen des Neuen Testaments. Besonders 2. Timotheus 3,14–17 erklärt, dass die heiligen Schriften den Menschen zur Weisheit führen können, die zur Rettung durch den Glauben an Jesus Christus notwendig ist. Zugleich dienen sie der Lehre, Überführung, Zurechtweisung und Erziehung in der Gerechtigkeit. Römer 15 betont ergänzend, dass die Schrift Geduld und Trost vermittelt und dadurch Hoffnung stärkt. Diese Aussagen gehören zusammen: Gottes Wort führt zur Erkenntnis der Wahrheit und soll zugleich den Charakter und die Standhaftigkeit des Glaubenden prägen. Auch die Begegnung Jesu mit den Emmausjüngern zeigt diese Verbindung. In Lukas 24,25–27 erläutert der auferstandene Christus anhand der Schriften Moses und der Propheten, weshalb sein Leiden und seine Herrlichkeit zum göttlichen Heilsplan gehören. Später berichten die Jünger, wie ihnen während seiner Auslegung das Herz brannte (Lukas 24,32). Die Schrift half ihnen, Ereignisse zu verstehen, die zuvor ihre Hoffnung erschüttert hatten. Dadurch wird der Gedanke aus Römer 15 vertieft: Biblische Hoffnung entsteht nicht dadurch, dass der Mensch die Wirklichkeit verdrängt, sondern indem er Gottes Handeln im Licht seiner Offenbarung besser verstehen lernt.
Besonders weitreichend ist die Verbindung zwischen Römer 15,8–12 und den Verheißungen an Abraham. In 1. Mose 12,3 kündigt Gott an, dass durch Abraham alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollen. Diese Zusage betrifft zunächst einen Mann und seine Nachkommen, enthält aber von Anfang an einen Segen, dessen Bedeutung über seine eigene Familie und sein Volk hinausreicht. Paulus greift diesen Zusammenhang in Galater 3,8 auf und erklärt, dass die Schrift die Rechtfertigung der Völker aus Glauben bereits im Voraus angekündigt habe. In Galater 3,16 und 3,26–29 verbindet er die Verheißung ausdrücklich mit Christus und mit den Menschen, die durch den Glauben zu ihm gehören. Römer 15 zeigt anhand der Psalmen, des Liedes Moses und der Weissagung Jesajas, wie die Hoffnung der Völker in der alttestamentlichen Offenbarung weiter entfaltet wird. Dadurch entsteht ein zusammenhängender biblischer Gedankengang: Gott beruft Abraham, verheißt Segen für die Nationen und führt seinen Erlösungsplan schließlich durch Jesus Christus zur entscheidenden Erfüllung. Dabei darf diese Verbindung nicht dazu verwendet werden, die geschichtlichen Verheißungen an Israel unterschiedslos für bedeutungslos zu erklären. Römer 11,17–29 warnt ausdrücklich vor Überheblichkeit gegenüber Israel und betont Gottes Treue zu seinen Zusagen. Die Berufung der Völker ist deshalb Ausdruck seiner Barmherzigkeit und nicht die Rechtfertigung dafür, die früheren Träger seiner Verheißungen zu verachten.
Mit der gemeinsamen Hoffnung der Völker verbindet sich auch das Gebet Jesu um die Einheit seiner Nachfolger in Johannes 17,20–23. Jesus bittet dort nicht nur für seine unmittelbaren Jünger, sondern auch für die Menschen, die durch ihr Wort an ihn glauben werden. Ihre Einheit soll dazu beitragen, dass die Welt erkennt, dass der Vater ihn gesandt hat. Römer 15,5–7 beschreibt, wie diese Einheit im Zusammenleben der Gemeinde Gestalt gewinnen soll: durch eine an Christus ausgerichtete Gesinnung, gegenseitige Annahme und gemeinsames Gotteslob. Johannes 17 macht darüber hinaus deutlich, dass christliche Einheit eine geistliche Grundlage besitzt. Jesus spricht von der Beziehung zwischen dem Vater und dem Sohn und von der Gemeinschaft der Glaubenden mit ihnen. Daraus folgt keine Verpflichtung, Gottes Wahrheit zugunsten äußerer Harmonie preiszugeben. Gerade im selben Gebet bittet Jesus darum, dass seine Jünger durch die Wahrheit geheiligt werden, und bezeichnet Gottes Wort als Wahrheit (Johannes 17,17). Die beiden Abschnitte ergänzen sich deshalb: Die Gläubigen sollen nicht durch bloße Anpassung oder gegenseitige Gleichgültigkeit vereint werden, sondern durch ihre gemeinsame Bindung an Christus, seine Wahrheit und seine Liebe.
Eine weitere bedeutende Verbindung führt von Römer 15,16 zu Römer 12,1 und Hebräer 13,15–16. In Römer 12 fordert Paulus die Gläubigen auf, ihre Leiber Gott als lebendiges, heiliges und wohlgefälliges Opfer darzubringen. Das bedeutet, dass ihr ganzes Leben Gott gehören und ihrem Glauben entsprechen soll. In Römer 15 beschreibt er nun Menschen aus den Völkern als ein Gott angenehmes Opfer, das durch den Heiligen Geist geheiligt wird. Beide Aussagen verwenden die Sprache des Opferdienstes, beziehen sie aber auf unterschiedliche Seiten desselben geistlichen Geschehens. Der einzelne Gläubige soll sich Gott hingeben, während Paulus seine Verkündigung als einen Dienst versteht, durch den Menschen für Gott gewonnen werden. Hebräer 13,15–16 erweitert diesen Zusammenhang, indem dort das Lob Gottes sowie Wohltätigkeit und gemeinsames Teilen als Opfer beschrieben werden, an denen Gott Wohlgefallen hat. Diese Texte zeigen, dass die Opferbildsprache im Neuen Testament auf eine Gott geweihte Lebensführung und auf den Dienst an anderen Menschen angewendet wird. Sie begründen kein zusätzliches menschliches Sühnopfer neben dem vollkommenen Erlösungswerk Jesu Christi. Vielmehr beschreiben sie die Antwort der Glaubenden auf das Heil, das Christus für sie erworben hat.
Die Verbindung zu Jesaja 52,13–53,12 erschließt einen weiteren wichtigen Aspekt des Missionsdienstes. Paulus zitiert in Römer 15,21 die Ankündigung, dass Menschen von Gottes Handeln erfahren werden, denen zuvor nichts darüber berichtet worden war. Im ursprünglichen Zusammenhang stehen diese Worte am Übergang zum großen Abschnitt über den leidenden Knecht des Herrn. Dieser wird erniedrigt und verworfen, trägt jedoch die Schuld vieler und wird schließlich von Gott erhöht. Das Neue Testament verbindet diese Aussagen an mehreren Stellen ausdrücklich mit Jesus Christus. Besonders deutlich geschieht dies in Apostelgeschichte 8,26–35. Ein äthiopischer Hofbeamter liest dort aus Jesaja 53, versteht aber nicht, von wem der Prophet spricht. Philippus erklärt ihm von dieser Schriftstelle aus das Evangelium von Jesus. Die Verbindung zu Römer 15 macht deutlich, dass die Verkündigung unter bisher unerreichten Menschen ihren eigentlichen Inhalt nicht in kultureller Veränderung oder der Ausbreitung einer religiösen Organisation besitzt. Ihr Mittelpunkt ist die Botschaft von Jesus Christus, dessen Leiden, Tod und Auferstehung den Weg zur Versöhnung mit Gott eröffnen. Gerade diese Botschaft soll Menschen bekannt werden, die bisher noch keine Gelegenheit hatten, sie zu hören und zu verstehen.
Von besonderer praktischer Bedeutung ist die Verbindung zwischen der Sammlung für Jerusalem und 2. Korinther 8–9. Während Paulus in Römer 15,25–29 den bevorstehenden Abschluss der Hilfsaktion beschreibt, erläutert er im zweiten Korintherbrief ausführlicher, welche Haltung diese Unterstützung prägen soll. Die Großzügigkeit der mazedonischen Gemeinden wird als Wirkung der Gnade Gottes dargestellt, und die Korinther werden ermutigt, ihre begonnene Beteiligung zu vollenden. Paulus betont jedoch zugleich, dass die Gabe freiwillig geschehen und den tatsächlichen Möglichkeiten der Gebenden entsprechen soll. Sein Ziel ist nicht, dass einige Gemeinden durch ihre Hilfe selbst in Not geraten, sondern dass vorhandene Mittel den Bedürfnissen anderer dienen (2. Korinther 8,12–15). Die Erinnerung an Jesus Christus, der reich war und um der Menschen willen arm wurde, gibt dieser Freigebigkeit ihre geistliche Grundlage (2. Korinther 8,9). Damit wird sichtbar, dass praktische Unterstützung nicht von der Botschaft der Erlösung getrennt werden soll. Die Liebe Christi soll auch den Umgang mit Besitz, Geld und menschlicher Bedürftigkeit verändern. Galater 2,9–10 ergänzt, dass die Fürsorge für die Armen bereits bei der Anerkennung des Missionsdienstes des Paulus ein wichtiges Anliegen war. Die verschiedenen Stellen zeigen gemeinsam, dass die Sorge für Bedürftige kein nebensächlicher Zusatz zum christlichen Leben ist, sondern ein ernstzunehmender Ausdruck der empfangenen Gnade.
Schließlich besitzt die Gebetsbitte aus Römer 15,30–32 enge Verbindungen zu Epheser 6,18–20 und 2. Korinther 1,10–11. Im Epheserbrief ruft Paulus zum beständigen Gebet für alle Heiligen auf und bittet besonders darum, dass ihm bei der Verkündigung des Evangeliums die rechten Worte und Freimütigkeit geschenkt werden. In 2. Korinther 1 beschreibt er, wie Gott ihn aus schwerer Bedrängnis errettet hat, und erkennt zugleich die Bedeutung der Fürbitte anderer Gläubiger an. Diese Texte zeigen, dass Paulus die geistliche Unterstützung durch die Gemeinde als einen wirklichen Bestandteil seines apostolischen Dienstes betrachtete. Apostelgeschichte 21–28 führt darüber hinaus vor Augen, wie sich sein Weg nach Jerusalem und Rom später entwickelte. Die äußeren Ereignisse entsprachen nicht vollständig den ursprünglichen Reiseplänen, doch Paulus blieb auch in Gefangenschaft ein Zeuge Jesu Christi. Daraus folgt keine allgemeine Verheißung, dass jede Bitte um Schutz genau auf dieselbe Weise beantwortet werden müsse. Die Verbindung zeigt vielmehr, dass ernsthaftes Gebet, menschliche Verantwortung und Vertrauen auf Gottes Führung zusammengehören. Christen dürfen konkrete Anliegen vor Gott bringen, ohne seine Treue ausschließlich daran zu messen, ob alle äußeren Umstände ihren Erwartungen entsprechen.
Wichtige Lektionen
Eine der wichtigsten praktischen Lektionen aus Römer 15 betrifft den Umgang mit Menschen, die bestimmte Glaubensfragen anders beurteilen. Wer von seiner Überzeugung überzeugt ist, steht leicht in der Versuchung, einen anderen Menschen allein deshalb für geistlich schwach, unaufrichtig oder ungehorsam zu halten, weil dieser noch nicht zu demselben Verständnis gelangt ist. Paulus fordert jedoch dazu auf, die tatsächlichen Gewissensüberzeugungen anderer ernst zu nehmen. In Fragen, in denen Christen unterschiedlich weitreichende Freiheiten erkennen, sollen sie weder verächtlich über vorsichtigere Glaubensgeschwister urteilen noch andere dazu drängen, gegen ihr Gewissen zu handeln. Das bedeutet nicht, dass jede religiöse Ansicht richtig wäre oder dass Gottes ausdrückliche Gebote beliebig behandelt werden dürften. Gerade deshalb ist es notwendig, die jeweilige Frage sorgfältig anhand der Heiligen Schrift zu untersuchen. Die praktische Aufgabe besteht darin, bei dieser Suche nach Wahrheit Geduld und Liebe zu bewahren. Ein Christ soll versuchen, den anderen zu verstehen, bevor er dessen Haltung verurteilt, und ihm helfen, in der Erkenntnis zu wachsen, ohne ihn durch Druck oder Überheblichkeit zu verletzen.
Daraus ergibt sich eine weitere Lektion für persönliche Beziehungen, Familien und christliche Gemeinden: Nicht jede berechtigte persönliche Freiheit muss in jeder Situation ausgeübt werden. Manchmal kann ein Mensch auf etwas verzichten, ohne damit seine Überzeugung aufzugeben. Besonders dort, wo ein anderes Gewissen ernsthaft belastet würde, ist es sinnvoll zu fragen, ob das eigene Verhalten tatsächlich notwendig und hilfreich ist. Solche Rücksichtnahme darf jedoch nicht mit dauernder Menschenfurcht verwechselt werden. Wer immer nur versucht, den Erwartungen anderer zu entsprechen, kann dadurch ebenfalls von Gottes Wahrheit abweichen. Die entscheidende Frage lautet deshalb, ob das eigene Handeln dem anderen wirklich zum Guten dient. Gelegentlich bedeutet das, auf ein persönliches Recht zu verzichten. In anderen Situationen kann es notwendig sein, eine biblisch begründete Überzeugung freundlich, aber entschieden festzuhalten. Die Gesinnung Jesu Christi verbindet beides: die Bereitschaft zur Selbstverleugnung und die unveränderliche Treue gegenüber dem Willen des Vaters.
Römer 15 ermutigt außerdem dazu, die Heilige Schrift nicht nur als Quelle einzelner Antworten auf religiöse Streitfragen zu betrachten, sondern als Grundlage einer tragfähigen Beziehung zu Gott. Paulus erklärt, dass die früher geschriebenen Schriften Geduld, Trost und Hoffnung vermitteln sollen. Daraus folgt für das persönliche Bibelstudium, dass ein Mensch sich nicht mit dem oberflächlichen Lesen einzelner bekannter Verse zufriedengeben sollte. Es lohnt sich, biblische Aussagen im Zusammenhang zu untersuchen, die geschichtlichen Erfahrungen der Menschen zu beachten und danach zu fragen, was sie über Gottes Wesen und seine Verheißungen offenbaren. Gerade in schweren Lebenssituationen kann diese Beschäftigung mit Gottes Wort verhindern, dass der Glaube ausschließlich von augenblicklichen Gefühlen abhängig wird. Wer erkennt, wie Gott Menschen durch Zeiten des Wartens, der Unsicherheit und des Leidens geführt hat, erhält neue Gründe, ihm auch in der eigenen Gegenwart zu vertrauen. Diese Hoffnung darf jedoch nicht mit der Erwartung verwechselt werden, dass sich jede biblische Erfahrung in gleicher Weise wiederholen müsse. Entscheidend ist nicht die Wiederholung bestimmter äußerer Ereignisse, sondern die Zuverlässigkeit des Gottes, der in ihnen gehandelt hat.
Eine weitere Lektion liegt im verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen geistlichen Erkenntnis. Paulus traut den Christen in Rom zu, einander zu ermahnen und im Glauben zu helfen. Damit wird deutlich, dass nicht nur einzelne besonders erfahrene Lehrer Verantwortung für das geistliche Wohl der Gemeinde tragen. Jeder Gläubige kann durch verständige Worte, ein gutes Beispiel und liebevolle Ermutigung zum Wachstum anderer beitragen. Voraussetzung dafür ist jedoch eine Verbindung von Wahrheit und Güte. Eine Ermahnung, die lediglich Fehler aufdeckt, einen Menschen beschämt oder die eigene Überlegenheit hervorhebt, verfehlt leicht ihren geistlichen Zweck. Ebenso wenig dient es dem anderen, aus falsch verstandener Freundlichkeit über ernste Probleme grundsätzlich zu schweigen. Wer jemanden ermahnen möchte, sollte deshalb zuerst die eigene Haltung prüfen. Geht es tatsächlich darum, dem anderen zu helfen, oder darum, Ärger abzulassen und Recht zu behalten? Die Antwort auf diese Frage beeinflusst häufig nicht nur die Worte, die gewählt werden, sondern auch den Zeitpunkt, den Ton und die Bereitschaft, dem anderen zuzuhören.
Das Kapitel fordert darüber hinaus dazu auf, Gottes Wirken niemals als Anlass zum persönlichen Ruhm zu benutzen. Paulus spricht offen von den Ergebnissen seines Missionsdienstes und von den außergewöhnlichen Erfahrungen, die er machen durfte. Dennoch schreibt er diese Früchte Jesus Christus zu. Daraus ergibt sich ein wichtiger Maßstab für jeden geistlichen Dienst. Fähigkeiten, Wissen, Einfluss und erfolgreiche Arbeit sind keine Gründe, sich über andere Menschen zu erheben. Wer durch Gottes Hilfe etwas Gutes bewirken durfte, kann dafür dankbar sein, ohne seine eigene Bedeutung in den Mittelpunkt zu stellen. Diese Haltung soll jedoch nicht dazu führen, menschliche Verantwortung oder ernsthafte Anstrengung geringzuschätzen. Paulus selbst arbeitete mit großer Hingabe und nahm erhebliche Belastungen auf sich. Gerade darin zeigt sich die rechte Verbindung: Der Mensch handelt entschlossen und gewissenhaft, während er anerkennt, dass die geistliche Frucht letztlich von Gott kommt. Dankbarkeit schützt vor Stolz, und das Vertrauen auf Gottes Wirken bewahrt davor, die eigene Leistung mit der Macht des Heiligen Geistes zu verwechseln.
Auch die Ausrichtung der persönlichen Lebensaufgabe verdient Aufmerksamkeit. Paulus hatte eine besondere Berufung empfangen und richtete seine Entscheidungen darauf aus. Er ließ sich nicht ausschließlich davon bestimmen, welche Orte ihm angenehm waren oder wo seine bisherigen Leistungen am meisten Anerkennung fanden. Vielmehr suchte er danach, wie er mit den ihm anvertrauten Möglichkeiten dem Evangelium dienen konnte. Nicht jeder Christ ist zu demselben Missionsdienst berufen, und aus Paulus' Reisen lässt sich kein allgemeines Gebot ableiten, dass jeder Gläubige seinen Heimatort verlassen müsse. Dennoch stellt sein Beispiel eine wichtige Frage: Wofür werden die eigenen Fähigkeiten, die vorhandene Zeit und die persönlichen Möglichkeiten eingesetzt? Ein Mensch kann Gott durch sehr unterschiedliche Aufgaben dienen, etwa durch die Verkündigung seines Wortes, durch die Erziehung seiner Kinder, durch gewissenhafte Arbeit oder durch Hilfe für Bedürftige. Entscheidend ist, dass diese Aufgaben nicht ausschließlich um den eigenen Vorteil kreisen, sondern bewusst unter Gottes Willen gestellt werden.
Die Sammlung für Jerusalem vermittelt eine besonders konkrete Lektion über den Umgang mit materiellem Besitz. Christliche Liebe soll dort sichtbar werden, wo andere Menschen wirkliche Hilfe benötigen. Wer über Mittel verfügt, um einem bedürftigen Menschen beizustehen, sollte dessen Not nicht allein mit guten Worten beantworten. Dabei ist es wichtig, verantwortungsvoll zu geben. Paulus fordert weder unüberlegtes Handeln noch einen religiösen Wettbewerb der Großzügigkeit. Eine Gabe soll aus freiem Herzen erfolgen und den tatsächlichen Möglichkeiten des Gebenden entsprechen. Ebenso wichtig ist ein sorgfältiger und ehrlicher Umgang mit anvertrauten Mitteln. Wo Geld für die Hilfe anderer gesammelt wird, müssen die Beteiligten darauf vertrauen können, dass es dem vorgesehenen Zweck dient. Praktische Nächstenliebe benötigt deshalb sowohl ein mitfühlendes Herz als auch Gewissenhaftigkeit, Klarheit und verantwortungsbewusste Entscheidungen. Eine solche Hilfe wird besonders wertvoll, wenn sie nicht der eigenen Anerkennung dient, sondern die Würde und die tatsächlichen Bedürfnisse des Empfängers achtet.
Die Unterstützung der Jerusalemer Christen erinnert außerdem daran, dass die Verantwortung der Gläubigen nicht an den Grenzen ihrer eigenen Gemeinde endet. Die Menschen aus Mazedonien und Achaja halfen Glaubensgeschwistern in einer anderen Region, obwohl sie diese nicht unbedingt persönlich kannten. Ihre Bereitschaft entstand aus dem Bewusstsein, gemeinsam zu Jesus Christus zu gehören. Auch heute kann eine Gemeinde leicht so stark mit ihren eigenen Aufgaben beschäftigt sein, dass die Bedürfnisse anderer Christen aus dem Blick geraten. Römer 15 lädt dazu ein, über diese Begrenzung hinauszudenken. Eine Gemeinde darf sich über ihr eigenes Wachstum und ihre eigenen Möglichkeiten freuen, soll aber zugleich offen bleiben für die Not und die Aufgaben anderer. Wo Menschen einander unterstützen, obwohl sie durch Entfernung, Sprache oder unterschiedliche Lebensumstände getrennt sind, wird die weltweite Verbundenheit der Nachfolger Christi praktisch erfahrbar. Diese Gemeinschaft beruht nicht auf einer gemeinsamen Kultur, sondern auf dem gemeinsamen Herrn.
Von großer Bedeutung ist schließlich die Lehre über Gebet und Gottes Führung. Paulus bat die Christen in Rom ausdrücklich, mit ihm für seine bevorstehenden Aufgaben zu beten. Er nannte dabei konkrete Anliegen und verbarg weder seine Sorgen noch die möglichen Gefahren. Daraus lässt sich lernen, dass gläubiges Vertrauen keine Verdrängung menschlicher Unsicherheit verlangt. Ein Christ darf Gott sagen, wovor er sich fürchtet, welche Hilfe er benötigt und welchen Ausgang er sich wünscht. Ebenso darf er andere Glaubensgeschwister um ihre Fürbitte bitten, ohne sich dafür schämen zu müssen. Geistliche Reife zeigt sich nicht darin, sämtliche Schwierigkeiten allein bewältigen zu wollen. Sie kann gerade darin erkennbar werden, dass ein Mensch seine Abhängigkeit von Gott anerkennt und die Unterstützung anderer dankbar annimmt. Wer um Fürbitte gebeten wird, sollte dieses Anliegen wiederum nicht als bloße Höflichkeit behandeln. Er kann bewusst dafür beten, nachfragen, wie sich die Situation entwickelt, und gegebenenfalls auch praktische Hilfe anbieten.
Dabei ist die Bereitschaft wichtig, Gottes Antwort nicht ausschließlich an den eigenen Erwartungen zu messen. Paulus hoffte auf eine erfolgreiche Reise nach Jerusalem und anschließend auf eine freudige Begegnung mit den Christen in Rom. Tatsächlich führte ihn sein Weg durch erhebliche Gefahren und eine längere Gefangenschaft. Dennoch erreichte er später Rom und konnte dort weiterhin von Jesus Christus Zeugnis geben. Daraus folgt nicht, dass jede persönliche Enttäuschung oder jedes Leiden unmittelbar als ein besonderer göttlicher Plan bezeichnet werden dürfte. Menschen kennen Gottes Absichten nicht in allen Einzelheiten. Wohl aber zeigt das Beispiel des Paulus, dass schwierige Umstände Gottes Treue nicht automatisch widerlegen. Ein Christ darf sorgfältig planen, für gute Ziele arbeiten und um einen günstigen Ausgang beten. Gleichzeitig soll er bereit bleiben, seine Pläne zu überprüfen, unerwartete Herausforderungen anzunehmen und auch unter veränderten Bedingungen nach Gottes Willen zu handeln. Vertrauen bedeutet nicht, alles im Voraus zu wissen, sondern sich dem Gott anzuvertrauen, der auch das Unbekannte überblickt.
Den Abschluss bildet die Frage, worauf das gemeinsame Leben der Gläubigen letztlich ausgerichtet ist. Paulus wünscht der Gemeinde nicht in erster Linie größere äußere Bedeutung, persönlichen Erfolg oder die Anerkennung ihrer Umgebung. Er bittet darum, dass Gott ihr Geduld, Trost, Hoffnung und Frieden schenkt, damit sie ihn gemeinsam verherrlichen kann. Diese Ausrichtung ist auch für das heutige Glaubensleben entscheidend. Eine Gemeinde kann viel organisieren, umfangreiche Aufgaben übernehmen und sich intensiv mit Glaubensfragen beschäftigen. Wenn dabei jedoch Liebe, Demut und die gemeinsame Ausrichtung auf Christus verloren gehen, verfehlt sie einen wesentlichen Teil ihrer Berufung. Umgekehrt entsteht wahre geistliche Einheit nicht dadurch, dass Menschen schwierige Fragen verschweigen oder auf die Wahrheit verzichten. Sie wächst dort, wo Gottes Wort ernst genommen wird, Menschen sich vom Heiligen Geist verändern lassen und einander in der Gesinnung Christi begegnen.
Römer 15 führt deshalb zu einer einfachen, aber anspruchsvollen Lebensfrage: Wird durch mein Verhalten vor allem meine eigene Meinung, meine Stellung und mein Vorteil sichtbar, oder können andere Menschen darin etwas von der Liebe Jesu Christi erkennen? Die Antwort entscheidet sich nicht nur in großen religiösen Aufgaben, sondern häufig in alltäglichen Begegnungen. Sie zeigt sich darin, wie geduldig jemand einem Schwächeren begegnet, wie gewissenhaft er mit anvertrauter Verantwortung umgeht, wie bereitwillig er einem Bedürftigen hilft und wie ernsthaft er für einen anderen Menschen betet. Solche Handlungen verdienen nicht Gottes Gnade, sondern sollen aus ihr hervorgehen. Wo diese Haltung wächst, wird der Glaube nicht auf Worte und Überzeugungen beschränkt bleiben. Er gewinnt eine sichtbare Gestalt in einem Leben, das Gott vertraut, seine Wahrheit achtet und Menschen in der Liebe Jesu Christi begegnet.