Römer 12

Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber begebet zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst.

21 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber begebet zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst.
  2. 2 Und stellet euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes, auf daß ihr prüfen möget, welches da sei der gute, wohlgefällige und vollkommene Gotteswille.
  3. 3 Denn ich sage euch durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedermann unter euch, daß niemand weiter von sich halte, als sich's gebührt zu halten, sondern daß er von sich mäßig halte, ein jeglicher, nach dem Gott ausgeteilt hat das Maß des Glaubens.
  4. 4 Denn gleicherweise als wir in einem Leibe viele Glieder haben, aber alle Glieder nicht einerlei Geschäft haben,
  5. 5 also sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied,
  6. 6 und haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist.
  7. 7 Hat jemand Weissagung, so sei sie dem Glauben gemäß. Hat jemand ein Amt, so warte er des Amts. Lehrt jemand, so warte er der Lehre.
  8. 8 Ermahnt jemand, so warte er des Ermahnens. Gibt jemand, so gebe er einfältig. Regiert jemand, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er's mit Lust.
  9. 9 Die Liebe sei nicht falsch. Hasset das Arge, hanget dem Guten an.
  10. 10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
  11. 11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brünstig im Geiste. Schicket euch in die Zeit.
  12. 12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet.
  13. 13 Nehmet euch der Notdurft der Heiligen an. Herberget gern.
  14. 14 Segnet, die euch verfolgen; segnet und fluchet nicht.
  15. 15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.
  16. 16 Habt einerlei Sinn untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den Niedrigen.
  17. 17 Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Fleißigt euch der Ehrbarkeit gegen jedermann.
  18. 18 Ist es möglich, soviel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden.
  19. 19 Rächet euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: “Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der HERR.”
  20. 20 So nun deinen Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.
  21. 21 Laß dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Kapitelüberblick

Die Barmherzigkeit Gottes soll das gesamte Leben eines Menschen verändern. Paulus ruft die Gläubigen dazu auf, sich Gott mit ihrem ganzen Leben zur Verfügung zu stellen und ihr Denken erneuern zu lassen, statt sich von den Maßstäben dieser Welt prägen zu lassen. Diese Hingabe soll auch den Umgang mit anderen Menschen bestimmen. Niemand soll sich selbst überschätzen oder die Fähigkeiten anderer geringachten. Vielmehr bilden die Gläubigen gemeinsam einen Leib, in dem jeder mit seinen unterschiedlichen Gaben zum Wohl der anderen beitragen kann.

Anschließend beschreibt Paulus, wie aufrichtige christliche Liebe im Alltag sichtbar wird. Sie zeigt sich in gegenseitiger Achtung, Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft, Geduld und ehrlicher Anteilnahme am Leben anderer. Besonders eindringlich wird seine Botschaft dort, wo Menschen Unrecht erfahren oder angefeindet werden. Selbst dann sollen sie nicht mit Hass oder Vergeltung antworten, sondern Frieden suchen und ihren Feinden Gutes tun. Das Kapitel führt damit von der persönlichen Hingabe an Gott über die Gemeinschaft der Gläubigen bis zu einer Liebe, die auch unter schwierigen Umständen Bestand hat.

Einführung

Mit einem Lobpreis auf Gottes unergründliche Weisheit endet der vorhergehende Abschnitt des Römerbriefs. Paulus hatte sich ausführlich mit Gottes Gerechtigkeit, der Erlösung durch Jesus Christus und dem Verhältnis zwischen Israel und den anderen Völkern beschäftigt. Besonders in Römer 9–11 ging es um Gottes Verheißungen, den Unglauben eines Teils Israels und die Aufnahme von Menschen aus den Völkern in die Gemeinschaft des Glaubens. Dabei hatte Paulus die nichtjüdischen Gläubigen ausdrücklich davor gewarnt, sich gegenüber Israel zu überheben (Römer 11,17–24).

Seine Worte richteten sich an Christen in Rom, deren Gemeinschaft Menschen unterschiedlicher Herkunft umfasste. Diese Verschiedenheit war für das Zusammenleben bedeutsam, denn unterschiedliche religiöse Prägungen, Gewohnheiten und Erfahrungen konnten Spannungen hervorrufen. Im weiteren Verlauf des Briefes behandelt Paulus solche Fragen ausdrücklich, etwa beim Umgang mit unterschiedlichen Überzeugungen in Römer 14 und 15.

Der Beginn von Römer 12 ist deshalb auch sprachlich ein wichtiger Übergang. Nach den ausführlichen theologischen Darlegungen wendet sich Paulus nun unmittelbar an seine Leser und spricht konkrete Ermahnungen aus. Das einleitende „nun“ verbindet seine Aufforderungen mit dem zuvor Gesagten.

Eine besondere Rolle spielt dabei die Sprache des Opferdienstes. Für Leser, die mit den alttestamentlichen Schriften vertraut waren, gehörten Opfer zur Verehrung Gottes und waren eng mit Heiligkeit, Hingabe und der Beziehung zwischen Gott und seinem Volk verbunden. Paulus greift diese vertraute Bildwelt auf, verwendet sie jedoch in einer bemerkenswerten Weise: Er spricht nicht zuerst von einem Opfer, das zum Heiligtum gebracht wird, sondern von den Gläubigen selbst. Was er damit meint, entfaltet er in den ersten beiden Versen.

Römer 12,1–2

Das ganze Leben als Gottesdienst – Hingabe und Erneuerung

Mit einer eindringlichen Bitte beginnt Paulus seine praktischen Ermahnungen. Er fordert die Gläubigen nicht einfach dazu auf, sich mehr anzustrengen, bessere Menschen zu werden oder strengere religiöse Regeln einzuhalten. Stattdessen erinnert er sie an die Barmherzigkeit Gottes, die er in den vorhergehenden Kapiteln ausführlich beschrieben hat. Gott hat den Menschen seine Liebe erwiesen, obwohl sie Sünder waren, und durch Jesus Christus den Weg zur Versöhnung geöffnet (Römer 5,6–11). Deshalb schreibt Paulus in Römer 12,1: „Ich ermahne euch nun, ihr Brüder, kraft der Barmherzigkeit Gottes“. Diese Einleitung ist entscheidend für das Verständnis der gesamten folgenden Aufforderung. Der Mensch soll sich Gott nicht hingeben, um sich dadurch erst dessen Liebe zu verdienen. Vielmehr ist seine Hingabe die angemessene Antwort auf eine Liebe, die Gott bereits erwiesen hat. Gottes Barmherzigkeit ist somit nicht nur der Grund seiner Vergebung, sondern auch die Grundlage eines veränderten Lebens.

Paulus verwendet nun ein Bild, das seinen jüdischen Lesern aus dem alttestamentlichen Opferdienst vertraut war. Er fordert die Gläubigen auf, ihre Leiber als ein lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen. Im alten Israel wurden Tiere auf dem Altar geopfert. Diese Opfer gehörten zu dem Gottesdienst, den Gott seinem Volk gegeben hatte, und besonders die Sühnopfer machten deutlich, wie ernst die Sünde ist und dass der Mensch Vergebung braucht. Im Neuen Testament wird Jesus Christus als das vollkommene Opfer beschrieben, durch das die Versöhnung mit Gott möglich geworden ist (Hebräer 9,11–14; 10,10–14). Wenn Paulus nun von einem Opfer spricht, das Christen darbringen sollen, meint er deshalb kein weiteres Sühnopfer, mit dem sie ihre Schuld bezahlen könnten. Das Erlösungswerk Christi soll dadurch weder ergänzt noch wiederholt werden. Vielmehr greift Paulus die Sprache des Opferdienstes auf, um die persönliche Hingabe des Gläubigen zu beschreiben. Nicht ein Tier wird auf den Altar gebracht, sondern der Mensch stellt sich selbst Gott zur Verfügung.

Besonders bemerkenswert ist dabei die Aufforderung, den eigenen Leib darzubringen. Paulus spricht nicht nur von Gedanken, Gefühlen oder religiösen Überzeugungen. Der Leib bezeichnet hier den Menschen in seiner körperlich gelebten Existenz. Was jemand mit seinen Händen tut, wohin ihn seine Füße tragen, was er sagt, wie er mit anderen umgeht und wofür er seine Kräfte einsetzt, gehört zu seinem Leben vor Gott. Bereits in Römer 6,12–13 hatte Paulus die Gläubigen aufgefordert, ihre Glieder nicht der Sünde als Werkzeuge der Ungerechtigkeit zur Verfügung zu stellen, sondern sich selbst Gott hinzugeben. Zwischen beiden Stellen besteht ein enger Zusammenhang: Wer durch Christus von der Herrschaft der Sünde befreit worden ist, soll seinen Körper nicht länger zum Werkzeug sündiger Begierden machen, sondern ihn für das Gute einsetzen. Auch 1. Korinther 6,19–20 betont, dass die Gläubigen Gott mit ihrem Leib verherrlichen sollen. Christlicher Glaube ist damit keine rein innerliche Angelegenheit. Er soll im tatsächlichen Verhalten des Menschen sichtbar werden.

Darin liegt zugleich die besondere Bedeutung des Ausdrucks „lebendiges Opfer“. Während ein Tieropfer getötet wurde, besteht die Hingabe des Christen gerade darin, sein Leben Gott zur Verfügung zu stellen. Es geht nicht um körperliche Selbstschädigung oder den Versuch, durch Leiden religiöse Verdienste zu erwerben. Vielmehr soll das ganze Leben unter Gottes Herrschaft stehen. Diese Hingabe ist nicht auf einen einzelnen feierlichen Augenblick beschränkt. Sie betrifft den Alltag mit seinen wiederkehrenden Entscheidungen, Aufgaben und Herausforderungen. Wenn jemand arbeitet, seiner Familie begegnet, Verantwortung übernimmt oder mit Versuchungen kämpft, kann sich darin zeigen, wem sein Leben gehört. Paulus beschreibt damit eine Hingabe, die nicht nach dem Gottesdienst endet, sondern das gesamte Leben durchdringt.

Das Opfer soll außerdem „heilig“ und „Gott wohlgefällig“ sein. Heilig bedeutet in diesem Zusammenhang zunächst, dass das Leben Gott gehört und für ihn bestimmt ist. Die Hingabe darf daher nicht nur äußerlich erfolgen, während der Mensch innerlich weiterhin bewusst an der Sünde festhält. Zugleich verlangt Paulus damit nicht, dass jemand erst aus eigener Kraft einen vollkommenen Charakter erreichen müsste, bevor er zu Gott kommen darf. Bereits in Römer 6,11 hatte er die Gläubigen aufgefordert, sich als solche zu betrachten, die für die Sünde tot sind und für Gott in Christus Jesus leben. Heiligung gründet somit in der neuen Zugehörigkeit zu Christus und entfaltet sich im gelebten Gehorsam. Auch die Bezeichnung „Gott wohlgefällig“ richtet den Blick auf den eigentlichen Maßstab dieses Lebens. Entscheidend ist nicht, ob der Mensch sich selbst für religiös hält oder bei anderen Anerkennung findet, sondern ob sein Leben mit Gottes Willen übereinstimmt.

Paulus nennt diese Hingabe den „vernünftigen Gottesdienst“. Das griechische Wort logikos, das hier mit „vernünftig“ übersetzt wird, kann eine verständige, dem Denken entsprechende oder geistlich angemessene Haltung bezeichnen. Gemeint ist jedenfalls kein Gottesdienst, der sich lediglich in äußerlichen Handlungen erschöpft. Der Mensch soll Gott bewusst und mit seinem ganzen Leben dienen. Das Wort für Gottesdienst, latreia, wurde auch für den religiösen Dienst und die Verehrung Gottes verwendet. Paulus verbindet diese Gottesdienstsprache nun mit dem alltäglichen Leben der Gläubigen. Dadurch werden gemeinsames Gebet, Anbetung und die Versammlung der Gemeinde keineswegs bedeutungslos. Vielmehr macht er deutlich, dass solche Handlungen nicht vom übrigen Leben getrennt werden dürfen. Wer Gott anbetet, soll ihm auch außerhalb der Versammlung gehören. Wahre Gottesverehrung zeigt sich deshalb nicht allein darin, was ein Mensch im Gottesdienst sagt, sondern ebenso darin, wie er lebt.

Nachdem Paulus die Hingabe des ganzen Lebens beschrieben hat, wendet er sich in Vers 2 der inneren Veränderung zu, ohne die eine solche Lebensführung nicht möglich ist. Er fordert die Gläubigen auf, sich nicht diesem Weltlauf anzupassen. Der Ausdruck „Weltlauf“ bezeichnet hier nicht die von Gott geschaffene Erde oder die Menschen, denen Christen mit Liebe begegnen sollen. Gemeint ist die gegenwärtige Weltzeit, soweit sie von Denkweisen, Wertmaßstäben und Verhaltensmustern geprägt ist, die Gottes Willen widersprechen. Solche Maßstäbe können bestimmen, was Menschen für erstrebenswert, erfolgreich oder richtig halten. Macht, persönlicher Vorteil, Anerkennung, Besitz oder die Befriedigung eigener Wünsche können beispielsweise einen Stellenwert erhalten, der Gott und seine Gebote verdrängt. Paulus warnt davor, diese Vorstellungen ungeprüft zu übernehmen. Ein Christ soll seine Entscheidungen nicht allein deshalb für richtig halten, weil sie gesellschaftlich verbreitet oder allgemein akzeptiert sind.

Die Warnung vor der Anpassung bedeutet allerdings nicht, dass Christen grundsätzlich alles ablehnen müssten, was aus ihrer gesellschaftlichen Umgebung stammt. Paulus selbst konnte vorhandene Sprachen, kulturelle Ausdrucksformen und gesellschaftliche Möglichkeiten für die Verkündigung des Evangeliums nutzen (1. Korinther 9,19–23). Entscheidend ist deshalb nicht, ob eine Gewohnheit alt oder neu, verbreitet oder ungewöhnlich ist. Entscheidend ist ihre Übereinstimmung mit Gottes Willen. Ein Mensch kann sich äußerlich von seiner Umgebung unterscheiden und dennoch von Stolz, Selbstgerechtigkeit oder Lieblosigkeit beherrscht werden. Umgekehrt kann er mitten in der Gesellschaft leben, seinen Verpflichtungen nachkommen und gerade dort die Grundsätze Gottes verwirklichen. Paulus fordert daher keine bloße äußerliche Absonderung, sondern eine tiefere Veränderung des Menschen.

Dieser Gedanke wird durch die zweite Hälfte des Verses entfaltet. Nach der Schlachter 1951 sollen die Gläubigen ihr Wesen „durch die Erneuerung“ ihres Sinnes verändern. Das griechische Verb, das Paulus verwendet, beschreibt eine wirkliche Verwandlung und steht in einer Form, die auch das Empfangen dieser Veränderung hervorhebt. Der Mensch soll sich der Erneuerung öffnen und sein Leben entsprechend ausrichten; zugleich ist die Veränderung nicht als selbstständige Leistung menschlicher Willenskraft zu verstehen. Bereits in Römer 8,5–14 hatte Paulus erklärt, dass das Leben nach dem Geist eine andere Ausrichtung besitzt als das Leben nach dem Fleisch. Der Heilige Geist führt den Menschen dazu, sich von der Herrschaft der Sünde abzuwenden und nach Gottes Willen zu leben. Eine verwandte Aussage findet sich in 2. Korinther 3,18, wo Paulus die fortschreitende Verwandlung der Gläubigen durch den Geist des Herrn beschreibt. Die Erneuerung des Menschen ist daher nicht bloß eine Verbesserung seiner Gewohnheiten, sondern gehört zum verändernden Wirken Gottes.

Wenn Paulus von der Erneuerung des „Sinnes“ spricht, meint er insbesondere das Denken, Verstehen und Urteilen des Menschen. Der griechische Begriff nous beschreibt jene Fähigkeit, mit der jemand Sachverhalte beurteilt und Entscheidungen vorbereitet. Die Sünde betrifft nach Paulus nicht nur äußerliche Handlungen, sondern kann auch das Denken verdunkeln und das Urteilsvermögen verändern (Römer 1,21–22.28). Deshalb genügt es nicht, einzelne sündige Gewohnheiten zu unterdrücken, während ihre inneren Ursachen bestehen bleiben. Ein Mensch kann beispielsweise auf eine äußerlich erkennbare Tat verzichten und dennoch von denselben selbstsüchtigen Motiven beherrscht werden. Gottes erneuerndes Wirken reicht tiefer. Es betrifft die Maßstäbe, nach denen jemand urteilt, die Wünsche, denen er Bedeutung beimisst, und die Haltung, mit der er anderen Menschen begegnet.

Dabei besitzt die Beschäftigung mit Gottes Wort eine wichtige Aufgabe. Jesus betete für seine Jünger: „Heilige sie in deiner Wahrheit! Dein Wort ist Wahrheit“ (Johannes 17,17). Die Heilige Schrift macht Gottes Wesen und Willen bekannt, deckt sündige Denkweisen auf und unterweist den Menschen in einem Leben, das Gott gefällt (2. Timotheus 3,16–17). Dennoch darf die Erneuerung des Denkens nicht mit dem bloßen Ansammeln religiösen Wissens verwechselt werden. Ein Mensch kann viele Bibelstellen kennen und ihre Bedeutung richtig erklären, ohne das Erkannte in seinem Leben umzusetzen. Jakobus warnt ausdrücklich davor, nur Hörer des Wortes zu sein und sich dadurch selbst zu betrügen (Jakobus 1,22). Biblische Erkenntnis soll deshalb nicht bei der Information stehen bleiben. Sie soll unter dem Wirken des Heiligen Geistes zu einer veränderten inneren Haltung und zu entsprechendem Handeln führen.

Paulus nennt schließlich das Ziel dieser Erneuerung: Die Gläubigen sollen prüfen können, was Gottes Wille ist. Das griechische Verb dokimazō bezeichnet ein Prüfen oder Untersuchen, durch das etwas als richtig und bewährt erkannt wird. Paulus beschreibt damit ein geistliches Urteilsvermögen, das durch erneuertes Denken ermöglicht wird. Gottes Wille soll nicht nur als eine Sammlung einzelner Vorschriften bekannt sein. Der Gläubige soll zunehmend lernen, konkrete Situationen im Licht von Gottes Wahrheit zu beurteilen. Denn nicht jede Lebensentscheidung wird in der Bibel durch ein ausdrücklich formuliertes Einzelgebot beantwortet. Dennoch vermittelt Gottes Wort Grundsätze, die auch dort Orientierung geben, wo Menschen zwischen verschiedenen Möglichkeiten entscheiden müssen.

Diese Fähigkeit, Gottes Willen zu prüfen, bedeutet allerdings nicht, dass jeder persönliche Eindruck automatisch als göttliche Führung angesehen werden dürfte. Gerade weil Paulus von einem Prüfen spricht, setzt er voraus, dass menschliche Urteile untersucht werden müssen. Gefühle, Wünsche oder starke Überzeugungen können eine Entscheidung beeinflussen, ohne dass sie deshalb bereits Gottes Willen ausdrücken. Die erneuerte Gesinnung führt nicht zur Unabhängigkeit von Gottes offenbartem Wort, sondern zu einem verständigeren und gehorsameren Umgang damit. Auch die Gebote Gottes verlieren durch diese Erneuerung nicht ihre Bedeutung. Paulus hatte bereits erklärt, dass die gerechte Forderung des Gesetzes in denen erfüllt werden soll, die nach dem Geist wandeln (Römer 8,4). Später wird er konkrete Gebote wie das Verbot des Ehebruchs, des Mordes und des Diebstahls aufgreifen und zeigen, dass die Liebe dem Nächsten nichts Böses zufügt (Römer 13,8–10). Der Heilige Geist befreit den Menschen somit nicht von der Verantwortung gegenüber Gottes Willen, sondern befähigt ihn, diesen Willen aus einer erneuerten inneren Haltung heraus zu leben.

Am Ende von Vers 2 beschreibt Paulus Gottes Willen als gut, wohlgefällig und vollkommen. Diese drei Ausdrücke zeigen, dass Gottes Weisungen nicht willkürlich sind. Was Gott will, entspricht seinem guten Wesen und seinem vollkommenen Maßstab. Der gefallene Mensch beurteilt das Gute jedoch häufig nach unmittelbaren Vorteilen, persönlichen Wünschen oder gesellschaftlichen Erwartungen. Deshalb kann Gottes Wille zunächst im Gegensatz zu dem stehen, was ihm selbst angenehm oder erstrebenswert erscheint. Die Erneuerung des Denkens verändert diesen Bewertungsmaßstab. Der Gläubige soll zunehmend erkennen, dass Gottes Weg auch dort gut ist, wo er Selbstverleugnung, Geduld oder den Verzicht auf einen vermeintlichen Vorteil verlangt.

Die beiden ersten Verse bilden damit die Grundlage für alle weiteren Ermahnungen dieses Kapitels. Paulus beginnt nicht mit einzelnen Verhaltensregeln, sondern mit der Frage, wem das Leben eines Menschen gehört und wodurch sein Denken bestimmt wird. Erst auf dieser Grundlage spricht er anschließend über Demut, den verantwortlichen Gebrauch geistlicher Gaben und die Liebe innerhalb und außerhalb der Gemeinde. Denn wer sein Leben Gott überlassen hat, kann seine Fähigkeiten nicht länger ausschließlich als persönlichen Besitz betrachten. Und wer gelernt hat, Gottes Willen über die eigenen Wünsche zu stellen, erhält eine neue Grundlage für den Umgang mit anderen Menschen. Deshalb führt Paulus in Vers 3 unmittelbar zur Frage, wie ein Christ über sich selbst denken und seinen Platz innerhalb der Gemeinschaft verstehen soll.

Römer 12,3–5

Demut und Einheit – viele Glieder, ein Leib

Nachdem Paulus die Gläubigen aufgefordert hat, ihr Denken erneuern zu lassen, zeigt er nun, woran sich diese Veränderung im Zusammenleben erkennen lässt. Bemerkenswerterweise beginnt er nicht mit einer Aufzählung besonderer geistlicher Leistungen, sondern mit einer Warnung vor Selbstüberschätzung. In Römer 12,3 fordert er jeden Einzelnen auf, nicht höher von sich zu denken, als es angemessen ist, sondern sich selbst mit Bescheidenheit zu beurteilen. Damit greift er unmittelbar den Gedanken aus Vers 2 auf. Die Erneuerung des Sinnes verändert nicht nur die Art, wie ein Mensch über Gott und die Welt denkt. Sie muss auch seine Vorstellung von sich selbst beeinflussen. Wer Gottes Barmherzigkeit verstanden hat, kann seine eigenen Fähigkeiten und Leistungen nicht länger so betrachten, als hätte er alles ausschließlich sich selbst zu verdanken. Die Beziehung zu Gott verändert deshalb auch den Maßstab, nach dem ein Mensch seinen eigenen Wert, seine Aufgaben und seine Stellung gegenüber anderen beurteilt.

Paulus leitet diese Ermahnung mit einer bemerkenswerten Formulierung ein. Er spricht „kraft der Gnade, die mir gegeben ist“ (Römer 12,3). Damit verweist er auf seinen apostolischen Auftrag. Bereits am Anfang des Römerbriefs hatte er erklärt, dass er durch Jesus Christus Gnade und Apostelamt empfangen habe, um Menschen aus den Völkern zum Glaubensgehorsam zu führen (Römer 1,5). Seine Autorität beruht somit nicht auf persönlicher Überlegenheit, sondern auf einer Berufung, die er von Gott erhalten hat. Gerade darin liegt eine wichtige Verbindung zu seiner anschließenden Ermahnung. Paulus stellt sich nicht außerhalb des Grundsatzes, den er anderen vermittelt. Auch sein eigener Dienst ist ein Geschenk göttlicher Gnade. Die Tatsache, dass er als Apostel eine besondere Verantwortung trägt, gibt ihm keinen Anlass, sich selbst zum Ursprung seiner Fähigkeiten zu machen. Er kann mit Autorität sprechen und zugleich anerkennen, dass diese Autorität von Gott kommt.

Seine Worte richten sich ausdrücklich an jeden Einzelnen innerhalb der Gemeinde. Niemand soll meinen, die Warnung vor Hochmut betreffe nur Menschen mit besonders auffälligen Begabungen oder herausgehobenen Aufgaben. Selbstüberschätzung kann sich in vielen Formen zeigen. Ein Mensch kann auf seine Erkenntnis stolz sein, ein anderer auf seine praktischen Fähigkeiten, seine Erfahrung, seine Frömmigkeit oder seinen Einfluss. Sogar die Überzeugung, besonders demütig zu sein, kann zu einem Anlass innerer Überheblichkeit werden. Paulus richtet den Blick deshalb auf die grundlegende Haltung, mit der ein Christ sich selbst beurteilt. Diese Haltung entscheidet wesentlich darüber, ob geistliche Fähigkeiten zum Segen für andere werden oder zum Anlass für Konkurrenz, gegenseitige Geringschätzung und Streit.

Im griechischen Text von Römer 12,3 fällt auf, dass Paulus mehrere miteinander verwandte Ausdrücke verwendet, die alle mit dem Denken zusammenhängen. Sinngemäß fordert er dazu auf, nicht über das angemessene Maß hinaus von sich zu denken, sondern so zu denken, dass eine besonnene Selbsteinschätzung entsteht. Durch diese sprachliche Wiederholung betont er, dass Hochmut nicht erst bei einem sichtbaren Verhalten beginnt. Er kann bereits im Denken entstehen, wenn der Mensch sich selbst zum Mittelpunkt macht und seine eigene Bedeutung übertreibt. Die geforderte Bescheidenheit bedeutet deshalb mehr als ein höfliches Auftreten oder zurückhaltende Worte. Sie verlangt ein ehrliches Urteil über die eigene Person vor Gott.

Dabei darf Demut nicht mit Selbstverachtung verwechselt werden. Paulus fordert die Gläubigen nicht dazu auf, ihre Fähigkeiten zu leugnen, ihre Verantwortung abzulehnen oder sich grundsätzlich für wertlos zu halten. Wer eine Gabe von Gott empfangen hat, soll sie erkennen und verantwortungsvoll einsetzen. Eine künstliche Geringschätzung der eigenen Fähigkeiten wäre ebenso wenig ein wahrheitsgemäßes Urteil wie ihre Übertreibung. Bescheidenheit bedeutet vielmehr, weder mehr noch weniger von sich zu halten, als der Wirklichkeit entspricht. Der Mensch soll seine Grenzen kennen, seine Fähigkeiten dankbar anerkennen und zugleich verstehen, dass er nicht unabhängig von Gott und anderen Menschen existiert. Ein solches Selbstverständnis bewahrt sowohl vor Überheblichkeit als auch vor einer falschen Demut, die sich hinter der Weigerung versteckt, Verantwortung zu übernehmen.

Paulus fügt hinzu, dass Gott jedem „das Maß des Glaubens“ zugeteilt hat. Diese Wendung ist für das Verständnis des Verses besonders wichtig. Das griechische Wort metron bezeichnet ein Maß beziehungsweise einen Maßstab. In Verbindung mit dem Glauben wird die Formulierung unterschiedlich ausgelegt. Manche Ausleger verstehen sie so, dass Gott den einzelnen Gläubigen ein unterschiedliches Maß an Glauben gegeben hat, das mit ihren jeweiligen Aufgaben und Fähigkeiten zusammenhängt. Andere betonen stärker den Glauben als den gemeinsamen Maßstab, nach dem jeder Christ sich selbst beurteilen soll. Beide Deutungen nehmen einen wesentlichen Aspekt des Zusammenhangs auf: Der Glaube kommt von Gott und lässt keinen Raum für die Vorstellung, geistliche Bedeutung oder Fähigkeit sei allein eine persönliche Errungenschaft.

Der weitere Gedankengang spricht besonders dafür, dass Paulus die von Gott geschenkte Glaubenswirklichkeit mit der unterschiedlichen Verantwortung der Gemeindeglieder verbindet. Unmittelbar danach beschreibt er den einen Leib mit seinen verschiedenen Gliedern und erklärt in den Versen 6–8, dass die Gläubigen unterschiedliche Gnadengaben empfangen haben. Das Maß des Glaubens darf deshalb nicht von diesem Zusammenhang getrennt werden. Paulus stellt keine geistliche Rangliste auf, nach der Menschen mit einem vermeintlich größeren Glauben grundsätzlich wertvoller wären als andere. Ebenso wenig lehrt er hier, jeder Mensch müsse passiv bleiben, weil Gott ihm angeblich nur eine unveränderliche Menge Glauben zugeteilt habe. Eine solche Schlussfolgerung würde über seine Aussage hinausgehen. An anderen Stellen fordert die Bibel die Gläubigen ausdrücklich dazu auf, im Glauben zu wachsen und darin gefestigt zu werden (2. Thessalonicher 1,3; Kolosser 2,6–7). In Römer 12 steht dagegen die nüchterne Selbsteinschätzung im Mittelpunkt: Niemand soll sich etwas anmaßen, was Gott ihm nicht anvertraut hat, und niemand soll vergessen, wem er seine geistlichen Möglichkeiten verdankt.

Diese Warnung erhält zusätzliches Gewicht durch den vorhergehenden Abschnitt des Römerbriefs. In Römer 11,18 hatte Paulus die nichtjüdischen Gläubigen ausdrücklich davor gewarnt, sich gegenüber den natürlichen Zweigen des Ölbaums zu rühmen. Sie sollten sich bewusst bleiben, dass nicht sie die Wurzel tragen, sondern die Wurzel sie trägt. Der Gedanke war dort auf das Verhältnis zwischen Israel und den Gläubigen aus den Völkern bezogen. Nun wird derselbe Grundsatz der Abhängigkeit von Gottes Gnade auf das Zusammenleben der Christen angewendet. Niemand besitzt einen Grund, sich aufgrund seiner Herkunft, seiner Stellung oder seiner geistlichen Fähigkeiten über andere zu erheben. Was der Mensch von Gott empfangen hat, soll ihn nicht stolz machen, sondern dankbar und verantwortungsbewusst.

Um diesen Zusammenhang verständlich zu machen, verwendet Paulus in Vers 4 das Bild des menschlichen Körpers. Ein Körper besteht aus vielen Gliedern, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Hände, Füße, Augen und Ohren besitzen nicht dieselbe Funktion. Dennoch gehören sie zu einem einzigen Leib. Gerade ihre Verschiedenheit ermöglicht es dem Körper, als Ganzes zu funktionieren. Würden alle Glieder dieselbe Aufgabe erfüllen, wäre der Körper in seiner Handlungsfähigkeit erheblich eingeschränkt. Deshalb besteht die Einheit des Leibes nicht darin, dass alle seine Teile gleich sind, sondern darin, dass ihre unterschiedlichen Funktionen aufeinander abgestimmt sind.

Paulus setzt dieses vertraute Bild ein, um die Gemeinschaft der Gläubigen zu erklären. Auch innerhalb der Gemeinde besitzen nicht alle dieselben Fähigkeiten, Aufgaben oder Verantwortungsbereiche. Manche können besonders gut lehren, andere ermutigen, helfen, organisieren oder Menschen in schwierigen Lebenssituationen beistehen. Die konkreten Gaben wird Paulus erst in den folgenden Versen näher beschreiben. Bereits jetzt legt er jedoch den entscheidenden Grundsatz fest: Unterschiedlichkeit ist kein Fehler, der beseitigt werden müsste. Sie gehört zu der Weise, wie Gott seine Gemeinde mit den notwendigen Fähigkeiten ausstattet. Die Einheit der Gemeinde verlangt deshalb keine Gleichförmigkeit. Vielmehr sollen die unterschiedlichen Gaben einander ergänzen.

Darin liegt eine wichtige Antwort auf zwei gegensätzliche Gefahren. Die erste besteht darin, die eigene Aufgabe für so bedeutend zu halten, dass andere Dienste geringgeschätzt werden. Wer beispielsweise öffentlich lehrt oder eine verantwortliche Aufgabe übernimmt, könnte versucht sein, seine Stellung als Beweis besonderer geistlicher Überlegenheit zu betrachten. Die zweite Gefahr besteht darin, die eigene Aufgabe für bedeutungslos zu halten, weil sie weniger sichtbar ist. Ein Gemeindeglied, dessen Dienst im Verborgenen geschieht, könnte daraus schließen, es werde nicht gebraucht. Paulus widerspricht beiden Vorstellungen durch dasselbe Bild. Nicht die öffentliche Sichtbarkeit entscheidet über den Wert eines Gliedes, sondern seine Zugehörigkeit zum Leib und die Aufgabe, die es innerhalb des Ganzen erfüllt.

Diesen Gedanken entfaltet Paulus an anderer Stelle noch ausführlicher. In 1. Korinther 12,14–26 erklärt er, dass ein Fuß nicht aufhört, zum Leib zu gehören, nur weil er keine Hand ist. Ebenso kann das Auge nicht zur Hand sagen, dass es sie nicht benötigt. Besonders bemerkenswert ist seine Aussage, dass gerade die Glieder, die schwächer erscheinen, notwendig sind (1. Korinther 12,22). Dadurch wird deutlich, dass Gottes Ordnung nicht mit menschlichen Vorstellungen von Ansehen und Bedeutung gleichgesetzt werden darf. Was Menschen leicht übersehen, kann für die Gemeinschaft unverzichtbar sein. Diese ausführlichere Erklärung hilft auch beim Verständnis von Römer 12: Paulus möchte nicht lediglich eine zweckmäßige Verteilung von Aufgaben erreichen. Er will eine Haltung fördern, in der jeder die anderen als von Gott gewollte und notwendige Glieder anerkennt.

In Vers 5 überträgt Paulus das Körperbild ausdrücklich auf die Gemeinde: „so sind auch wir, die vielen, ein Leib in Christus“. Mit diesen Worten beschreibt er mehr als eine menschliche Organisation, deren Mitglieder sich auf gemeinsame Ziele geeinigt haben. Die Einheit der Gläubigen gründet in ihrer gemeinsamen Beziehung zu Jesus Christus. Sie gehören nicht deshalb zusammen, weil sie dieselbe gesellschaftliche Herkunft besitzen, dieselben persönlichen Interessen teilen oder in allen Fragen von Anfang an gleich denken. Ihre tiefste Verbindung besteht darin, dass sie durch den Glauben zu Christus gehören. Bereits in Römer 6,3–5 hatte Paulus die Taufe mit der Verbindung zu Christi Tod und Auferstehung erklärt. In Römer 8,9–11 beschrieb er das neue Leben der Gläubigen durch den Geist Gottes. Vor diesem Hintergrund ist die Formulierung „in Christus“ von besonderer Bedeutung. Die Gemeinde ist durch ihre gemeinsame Zugehörigkeit zum Erlöser miteinander verbunden.

Dieser Gedanke besitzt für die ursprünglichen Empfänger des Römerbriefs eine besondere Tragweite. Paulus hatte wiederholt zwischen Juden und Nichtjuden unterschieden und zugleich erklärt, dass beide denselben Weg zur Rechtfertigung durch den Glauben haben (Römer 3,22–30). Niemand wird aufgrund seiner Abstammung oder seiner persönlichen Leistungen vor Gott gerechtfertigt. Wenn nun Menschen verschiedener Herkunft gemeinsam einen Leib in Christus bilden, dürfen ihre Unterschiede nicht als Rechtfertigung für geistliche Überheblichkeit oder gegenseitige Ausgrenzung dienen. Die Einheit der Gemeinde entsteht nicht dadurch, dass alle bisherigen Unterschiede verschwinden, sondern dadurch, dass ihre gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus eine neue und grundlegende Verbindung schafft. Paulus legt damit einen Maßstab für das Zusammenleben fest, der stärker ist als Herkunft, gesellschaftlicher Rang oder persönliche Vorlieben.

Besonders tiefgehend ist die abschließende Formulierung von Vers 5. Paulus sagt nicht nur, dass die Gläubigen gemeinsam einen Leib bilden. Er fügt hinzu, dass sie „als einzelne aber untereinander Glieder“ sind. Damit betont er die gegenseitige Zugehörigkeit. Ein Christ ist nicht lediglich ein einzelner Mensch, der zusätzlich Mitglied einer religiösen Gemeinschaft geworden ist. Seine Verbindung zu Christus bringt ihn zugleich in eine Beziehung zu anderen Menschen, die demselben Herrn gehören. Die einzelnen Glieder existieren nicht als voneinander unabhängige Einheiten, sondern stehen in einer lebendigen Verbindung miteinander. Wenn ein Glied leidet, betrifft das den ganzen Leib; wenn eines Unterstützung erhält, dient dies dem gemeinsamen Wohl. Paulus beschreibt diesen Zusammenhang in 1. Korinther 12,26 besonders anschaulich: Das Leiden eines Gliedes soll nicht gleichgültig hingenommen werden, und die Ehre eines Gliedes soll Anlass zur gemeinsamen Freude sein.

Diese gegenseitige Zugehörigkeit bedeutet jedoch nicht, dass die Persönlichkeit des Einzelnen aufgehoben wird. Paulus spricht ausdrücklich von den vielen Gliedern und ihren unterschiedlichen Aufgaben. Jeder bleibt ein eigenständiger Mensch mit persönlichen Fähigkeiten, Entscheidungen und einer eigenen Verantwortung vor Gott. Die Einheit in Christus darf deshalb nicht als Forderung verstanden werden, jede persönliche Überzeugung oder jede verantwortliche Prüfung aufzugeben. Gerade in Römer 12,2 hatte Paulus die Gläubigen aufgefordert, Gottes Willen zu prüfen. Gemeinschaftliche Einheit und persönliches Urteilsvermögen stehen daher nicht grundsätzlich im Widerspruch zueinander. Eine gesunde Gemeinde fördert beides: die verantwortliche Beziehung des Einzelnen zu Gott und die liebevolle Verbundenheit mit den anderen Gläubigen.

Ebenso wenig darf das Bild des Leibes dazu verwendet werden, menschliche Autorität innerhalb der Gemeinde über Gottes Wort zu stellen. Die Zugehörigkeit zum Leib besteht „in Christus“. Er ist der Ursprung und das Zentrum dieser Gemeinschaft. In Epheser 4,15–16 wird dieser Gedanke weiter entfaltet: Christus ist das Haupt, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt wird und Wachstum empfängt. Die Glieder sollen einander dienen, aber kein Glied darf sich an Christi Stelle setzen. Auch besondere geistliche Verantwortung verleiht keinem Menschen das Recht, andere willkürlich zu beherrschen oder ihre Würde geringzuschätzen. Die von Paulus geforderte Demut gilt deshalb nicht nur denen, die weniger sichtbare Aufgaben übernehmen, sondern ebenso denen, die lehren, leiten oder andere Verantwortung tragen.

Die Aussage, dass die Gläubigen untereinander Glieder sind, führt außerdem zu einer sehr praktischen Verpflichtung. Wer zu einem gemeinsamen Leib gehört, kann die Bedürfnisse der anderen nicht grundsätzlich als fremde Angelegenheit betrachten. Geistliche Gemeinschaft erschöpft sich nicht darin, denselben Gottesdienst zu besuchen oder dieselben Glaubensüberzeugungen zu bekennen. Sie soll zu einer Verbundenheit führen, in der Menschen füreinander Verantwortung übernehmen. Die Fähigkeiten, die Gott einem Menschen gegeben hat, können anderen helfen, während er selbst auf Gaben angewiesen ist, die er nicht besitzt. Dadurch schützt die gegenseitige Abhängigkeit die Gemeinde vor der Vorstellung, einzelne besonders begabte Menschen könnten alles allein leisten. Zugleich bewahrt sie den Einzelnen davor, seinen eigenen Dienst als bedeutungslos anzusehen.

Damit wird verständlich, weshalb Paulus seine Ausführungen über die christliche Gemeinschaft mit der Aufforderung zur Bescheidenheit begonnen hat. Solange Menschen vor allem nach persönlicher Bedeutung, Anerkennung oder Vorrang streben, werden unterschiedliche Fähigkeiten leicht zum Anlass für Konkurrenz. Wenn sie dagegen erkennen, dass ihre Gaben von Gott kommen und dem gemeinsamen Wohl dienen sollen, erhalten dieselben Unterschiede eine andere Bedeutung. Nicht die Frage, wer am meisten Ansehen verdient, steht dann im Mittelpunkt, sondern wie jeder mit dem, was ihm anvertraut wurde, zum Aufbau der anderen beitragen kann. Die Erneuerung des Denkens aus Römer 12,2 zeigt sich somit ganz konkret in einer Haltung der Demut, Dankbarkeit und gegenseitigen Wertschätzung.

Die Verse 3–5 bereiten dadurch unmittelbar den nächsten Gedankenschritt vor. Nachdem Paulus erklärt hat, dass die Gläubigen einen Leib mit unterschiedlichen Gliedern bilden, wendet er sich ab Vers 6 den verschiedenen Gnadengaben zu. Die dort genannten Aufgaben lassen sich nur dann richtig verstehen, wenn die Grundlage der vorhergehenden Verse erhalten bleibt: Gott ist der Geber, Christus verbindet die Gläubigen zu einem Leib, und jeder Einzelne trägt Verantwortung für das Wohl der anderen. Geistliche Gaben sind deshalb weder persönliche Auszeichnungen noch Mittel zur Selbstverherrlichung. Sie sind anvertraute Möglichkeiten, durch die Gottes Gnade im Leben der Gemeinde wirksam werden soll.

Römer 12,6–8

Gnadengaben – verschiedene Aufgaben, ein gemeinsamer Auftrag

Nachdem Paulus die Gemeinde mit einem Leib verglichen hat, dessen Glieder unterschiedliche Aufgaben erfüllen, erklärt er nun, wie diese Verschiedenheit im geistlichen Leben sichtbar wird. In Römer 12,6 erinnert er die Gläubigen daran, dass sie verschiedene Gaben besitzen, die ihnen entsprechend der göttlichen Gnade verliehen wurden. Damit greift er einen Gedanken auf, der bereits seine Ermahnung zur Demut bestimmt hatte: Was ein Mensch im Dienst Gottes besitzt und einsetzen kann, soll er nicht als Grund persönlicher Überlegenheit betrachten. Die Fähigkeiten der Gemeindeglieder sind nicht dazu bestimmt, miteinander zu konkurrieren, sondern einander zu ergänzen. Gott hat seine Gemeinde nicht so eingerichtet, dass jeder dieselbe Aufgabe erfüllen müsste. Vielmehr beschenkt er unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Weise, damit sie gemeinsam das tun können, wozu sie berufen sind.

Für dieses Verständnis ist der Begriff der Gnadengabe besonders wichtig. Das griechische Wort charisma ist mit charis, dem Wort für Gnade, verwandt. Bereits diese sprachliche Verbindung unterstreicht, dass eine geistliche Gabe ihrem Ursprung nach ein Geschenk ist. Sie kann deshalb nicht als Auszeichnung verstanden werden, die ein Mensch aufgrund eigener Verdienste von Gott eingefordert hätte. Wer eine besondere Fähigkeit zum Lehren, Helfen oder Leiten besitzt, darf daraus nicht schließen, er sei Gott grundsätzlich näher oder in seinen Augen wertvoller als andere. Die Gabe begründet vielmehr eine Verantwortung. Je nachdem, was Gott einem Menschen anvertraut hat, soll er damit anderen dienen. In 1. Korinther 12,7 bringt Paulus denselben Grundsatz besonders deutlich zum Ausdruck: Das Wirken des Geistes wird dem Einzelnen zum gemeinsamen Nutzen gegeben. Nicht die persönliche Selbstdarstellung, sondern das Wohl der Gemeinschaft ist daher der entscheidende Zweck geistlicher Begabung.

Dabei sollte zwischen geistlichen Gaben und natürlichen Fähigkeiten weder ein vollständiger Gegensatz noch eine einfache Gleichsetzung hergestellt werden. Menschen besitzen bereits durch ihre Herkunft, Entwicklung und Lebenserfahrung unterschiedliche Begabungen. Manche können gut erklären, andere organisieren, zuhören oder praktische Probleme lösen. Solche Fähigkeiten können im Dienst Gottes wertvoll werden. Paulus beschreibt in Römer 12 jedoch mehr als die bloße Verteilung menschlicher Talente. Er betrachtet die Fähigkeiten der Gläubigen im Zusammenhang mit Gottes Gnade, ihrer Zugehörigkeit zu Christus und ihrem Auftrag innerhalb der Gemeinde. Entscheidend ist deshalb nicht allein, ob jemand eine bestimmte Tätigkeit besonders gut beherrscht, sondern auch, in welcher Haltung und zu welchem Zweck diese Fähigkeit eingesetzt wird. Ein Mensch kann hervorragend reden und seine Begabung dennoch benutzen, um sich selbst hervorzuheben. Ebenso kann eine unscheinbare Fähigkeit durch liebevollen und treuen Einsatz zu einem großen Segen werden.

Paulus nennt anschließend verschiedene Beispiele solcher Gaben. Seine Aufzählung beginnt mit der Weissagung, geht über praktische Dienste, Lehre und Ermahnung weiter und umfasst schließlich das Geben, das Vorstehen und das Ausüben von Barmherzigkeit. Die Reihenfolge sollte nicht vorschnell als Rangordnung verstanden werden. Paulus erklärt nicht, dass die zuerst genannte Gabe ihren Träger grundsätzlich bedeutender macht als die Menschen, deren Aufgaben später erscheinen. Ebenso wenig behauptet er, mit dieser Aufzählung sämtliche geistlichen Gaben vollständig erfasst zu haben. In 1. Korinther 12,8–11 und 12,28–30 sowie Epheser 4,11 werden weitere Gaben und Dienste genannt. Die verschiedenen Aufzählungen überschneiden sich, sind aber nicht identisch. Daraus ergibt sich, dass Paulus keine abgeschlossene Liste sämtlicher möglichen Aufgaben vorlegen möchte. Sein Anliegen besteht darin, die Vielfalt des göttlichen Wirkens sichtbar zu machen und die Gläubigen zu einem verantwortlichen Umgang mit dem Empfangenen anzuleiten.

Als erste Gabe nennt Paulus die Weissagung. Im heutigen Sprachgebrauch wird darunter häufig ausschließlich die Vorhersage zukünftiger Ereignisse verstanden. Der biblische Begriff besitzt jedoch eine weitere Bedeutung. Weissagung bezeichnet das prophetische Reden unter dem Wirken Gottes. Dazu können Hinweise auf zukünftige Ereignisse gehören, doch ebenso die Verkündigung einer göttlichen Botschaft, die Ermahnung zur Umkehr, die Stärkung des Glaubens oder die Aufdeckung sündiger Zustände. Bereits die alttestamentlichen Propheten hatten nicht nur angekündigt, was kommen würde. Sie hatten Gottes Volk auch seine Schuld vor Augen gestellt, zur Treue gegenüber dem Bund aufgerufen und Gottes Verheißungen verkündigt. Diese Verbindung von göttlicher Offenbarung und geistlicher Verantwortung hilft, den neutestamentlichen Begriff richtig zu verstehen.

Dass die prophetische Gabe auch nach der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu innerhalb der christlichen Gemeinde wirksam war, zeigen verschiedene neutestamentliche Berichte. In Apostelgeschichte 11,27–28 wird Agabus erwähnt, der eine kommende Hungersnot ankündigte. In Apostelgeschichte 21,9 ist von den vier Töchtern des Philippus die Rede, die weissagten. Auch in 1. Korinther 12–14 behandelt Paulus die Weissagung als eine Gabe, die im Gemeindeleben vorkam. Besonders aufschlussreich ist 1. Korinther 14,3, wo er beschreibt, dass prophetisches Reden der Erbauung, Ermahnung und Tröstung der Gemeinde dienen soll. Damit wird verständlich, weshalb die Weissagung in Römer 12 unter den Gaben erscheint, die dem gemeinsamen Wohl dienen. Ihr Wert liegt nicht darin, Aufmerksamkeit auf den Sprecher zu lenken, sondern darin, dass Menschen durch Gottes Botschaft gestärkt und zurechtgebracht werden.

Bei der Weissagung fügt Paulus in Römer 12,6 eine besondere Bestimmung hinzu. Die Schlachter 1951 stellt die Übereinstimmung mit dem Glauben heraus. Der zugrunde liegende griechische Ausdruck kata tēn analogian tēs pisteōs kann jedoch unterschiedlich verstanden werden. Wörtlich geht es um ein Verhältnis oder Maß im Zusammenhang mit dem Glauben. Manche Ausleger beziehen dies auf das Maß des Glaubens, von dem Paulus bereits in Vers 3 gesprochen hat. Danach soll der prophetische Dienst der von Gott gegebenen Glaubenswirklichkeit entsprechen und nicht über das hinausgehen, was dem Betreffenden anvertraut wurde. Andere verstehen den Glauben hier stärker als den verbindlichen Inhalt der christlichen Glaubensbotschaft. Diese Deutung betont, dass eine prophetische Aussage nicht im Widerspruch zur offenbarten Wahrheit stehen darf.

Der unmittelbare Zusammenhang mit Vers 3 spricht dafür, den Gedanken des von Gott zugeteilten Glaubens ernst zu nehmen. Zugleich ist die Prüfung prophetischer Aussagen am Maßstab göttlicher Wahrheit durch andere Bibelstellen eindeutig begründet. Paulus fordert in 1. Korinther 14,29, dass prophetische Aussagen beurteilt werden sollen. In 1. Thessalonicher 5,20–21 warnt er davor, Weissagungen zu verachten, verlangt aber gleichzeitig, alles zu prüfen und das Gute festzuhalten. Auch 1. Johannes 4,1 fordert die Gläubigen auf, geistliche Ansprüche nicht ungeprüft anzunehmen. Damit schützt die Bibel vor zwei entgegengesetzten Fehlern: dem grundsätzlichen Ausschluss jeder prophetischen Gabe und der unkritischen Annahme jeder Person, die behauptet, im Namen Gottes zu sprechen. Die prophetische Gabe ist ein ernst zu nehmender Dienst, aber ihr Anspruch entbindet weder den Sprecher noch die Gemeinde von der Verantwortung zur Prüfung.

Daraus folgt auch, dass nicht jede eindrucksvolle religiöse Rede bereits eine Weissagung im biblischen Sinne ist. Die Fähigkeit, überzeugend zu sprechen, starke Gefühle auszulösen oder Menschen für eine Botschaft zu begeistern, beweist für sich genommen noch keine prophetische Berufung. Ebenso dürfen persönliche Eindrücke, Vermutungen und menschliche Meinungen nicht allein dadurch göttliche Autorität erhalten, dass jemand sie in religiöser Sprache vorträgt. Gott widerspricht sich nicht selbst. Eine Botschaft, die Menschen von Jesus Christus und der Wahrheit seines Wortes wegführt, kann deshalb nicht allein aufgrund außergewöhnlicher Begleiterscheinungen als göttlich anerkannt werden (Galater 1,8; 1. Johannes 4,1–3). Gerade bei einer Gabe, die mit dem Anspruch verbunden ist, Gottes Botschaft weiterzugeben, sind Demut, Treue und sorgfältige Prüfung unverzichtbar.

In Vers 7 wendet Paulus sich dem Dienst zu. Das griechische Wort diakonia bezeichnet ein Dienen oder eine Dienstleistung und besitzt im Neuen Testament ein breites Bedeutungsspektrum. Es kann unterschiedliche Formen der Unterstützung und Verantwortung umfassen. Im Zusammenhang von Römer 12 liegt es nahe, besonders an Dienste zu denken, durch die Menschen praktisch geholfen und die Aufgaben der Gemeinde wahrgenommen werden. Dazu können die Versorgung Bedürftiger, die Unterstützung von Kranken, organisatorische Aufgaben oder andere Formen hilfreicher Arbeit gehören. Der Text legt jedoch nicht fest, dass Paulus hier ausschließlich ein später näher beschriebenes Gemeindeamt meint. Der Begriff ist weiter gefasst und betont zunächst die Tätigkeit des Dienens.

Bemerkenswert ist, wie schlicht Paulus diese Gabe behandelt. Wer einen Dienst hat, soll sich diesem Dienst widmen. Darin liegt eine Aufforderung zur Treue. Ein Mensch soll nicht ständig nach einer anderen, möglicherweise angeseheneren Aufgabe Ausschau halten und darüber vernachlässigen, was ihm tatsächlich anvertraut wurde. Gerade praktische Dienste können leicht als weniger geistlich angesehen werden als das öffentliche Lehren oder Verkündigen. Paulus macht jedoch keinen solchen Gegensatz auf. Innerhalb des einen Leibes werden auch jene Tätigkeiten benötigt, die wenig Aufmerksamkeit erhalten. Eine Gemeinde kann nicht allein durch öffentliche Worte bestehen, wenn zugleich niemand bereit ist, konkrete Verantwortung zu übernehmen oder Menschen in ihrer Not zu unterstützen.

Ein hilfreiches Beispiel findet sich in Apostelgeschichte 6,1–7. Dort entstand in der Jerusalemer Gemeinde ein Problem, weil bei der täglichen Versorgung bestimmte Witwen übersehen wurden. Die Apostel sorgten dafür, dass geeignete Männer für diese Aufgabe eingesetzt wurden, während sie sich weiterhin besonders dem Gebet und dem Dienst am Wort widmeten. Der Bericht zeigt, wie ernst die Versorgung Bedürftiger genommen wurde. Die praktische Hilfe war keine nebensächliche Angelegenheit, sondern eine Verantwortung, die geordnet und zuverlässig erfüllt werden musste. Zugleich lässt sich daraus erkennen, dass unterschiedliche Dienste einander ergänzen können, ohne dass einer den anderen grundsätzlich entwertet.

Als nächste Gabe nennt Paulus das Lehren. Damit ist die Vermittlung und Erklärung der Wahrheit Gottes gemeint, sodass andere sie verstehen und in ihrem Leben anwenden können. Lehre besitzt innerhalb der christlichen Gemeinde eine grundlegende Bedeutung, weil der Glaube nicht allein aus persönlichen Erfahrungen oder religiösen Gefühlen besteht. Die Gläubigen müssen wissen, wer Gott ist, was Jesus Christus getan hat, welche Verheißungen ihnen gegeben wurden und wie sie nach Gottes Willen leben sollen. Jesus selbst hatte seinen Jüngern den Auftrag gegeben, Menschen zu Jüngern zu machen und sie zu lehren, alles zu halten, was er geboten hatte (Matthäus 28,19–20). Lehre dient deshalb nicht lediglich der Weitergabe von Informationen. Sie soll den Menschen helfen, die Wahrheit zu erkennen und ihr Leben danach auszurichten.

Ein guter Lehrer muss sich folglich selbst unter die Autorität des göttlichen Wortes stellen. Seine Aufgabe besteht nicht darin, eigene Vorstellungen mit religiösem Ansehen auszustatten oder persönliche Spekulationen als verbindliche Glaubenslehren zu verbreiten. In 2. Timotheus 2,15 wird die sorgfältige Behandlung des Wortes der Wahrheit hervorgehoben. Auch Jakobus 3,1 erinnert daran, dass Menschen, die andere lehren, eine besondere Verantwortung tragen und deshalb mit einem strengeren Urteil rechnen müssen. Wer Gottes Wort erklärt, beeinflusst das Denken und die Entscheidungen anderer Menschen. Ungenaue, einseitige oder bewusst verfälschende Lehre kann daher erheblichen geistlichen Schaden verursachen. Die Gabe des Lehrens verlangt nicht nur sprachliche Fähigkeiten, sondern Treue zur Wahrheit, Bereitschaft zum sorgfältigen Studium und die Demut, eigene Fehler erkennen und korrigieren zu können.

Dabei besteht ein Unterschied zwischen der Gabe des Lehrens und dem bloßen Besitz umfangreichen Wissens. Ein Mensch kann viele biblische Einzelheiten kennen, aber Schwierigkeiten haben, sie anderen verständlich zu erklären. Umgekehrt darf die Fähigkeit, klar und anschaulich zu unterrichten, nicht mit inhaltlicher Zuverlässigkeit verwechselt werden. Beide Seiten gehören zusammen: Die Wahrheit muss sorgfältig verstanden und so vermittelt werden, dass andere tatsächlich Erkenntnis gewinnen. Auch die Haltung gegenüber den Lernenden ist entscheidend. Lehre soll nicht dazu dienen, Unwissenheit bloßzustellen oder persönliche Überlegenheit zu demonstrieren. Sie soll Menschen aufbauen, Fragen verantwortungsvoll beantworten und zur geistlichen Reife beitragen. In Epheser 4,11–16 wird das Lehren deshalb mit dem Wachstum und der Festigung des ganzen Leibes Christi verbunden.

In Vers 8 folgt die Gabe der Ermahnung. Im Deutschen klingt dieses Wort häufig nach Tadel oder einer strengen Zurechtweisung. Das griechische Wort paraklēsis besitzt jedoch ein breiteres Bedeutungsspektrum. Es kann Ermahnung, Zuspruch, Ermutigung und Trost bezeichnen. Welche Bedeutung jeweils im Vordergrund steht, hängt vom Zusammenhang ab. Im Gemeindeleben werden alle diese Formen benötigt. Manchmal muss jemand auf einen falschen Weg aufmerksam gemacht werden. In anderen Situationen braucht ein Mensch keine weitere Kritik, sondern Ermutigung, Trost und die Gewissheit, dass er in seiner Not nicht allein ist. Die Gabe der Ermahnung besteht deshalb nicht einfach darin, anderen ihre Fehler vorzuhalten. Sie umfasst die Fähigkeit, Menschen mit einer geeigneten Botschaft so anzusprechen, dass sie geistlich gestärkt, zurechtgebracht oder zum Guten ermutigt werden.

Wie wertvoll dieser Dienst sein kann, zeigt das Beispiel des Barnabas. In Apostelgeschichte 4,36 wird berichtet, dass sein Name mit der Bedeutung des Trostes beziehungsweise der Ermutigung verbunden wurde. Später begegnet er uns als jemand, der anderen Menschen Vertrauen entgegenbringt und ihren Glauben stärkt. Als er nach Antiochia kam und das Wirken der Gnade Gottes erkannte, freute er sich und ermahnte die Gläubigen, mit festem Herzen beim Herrn zu bleiben (Apostelgeschichte 11,22–24). Sein Zuspruch sollte sie nicht kleinmachen, sondern in ihrer Treue bestärken. Auch gegenüber Paulus und später Markus spielte Barnabas eine unterstützende Rolle (Apostelgeschichte 9,26–27; 15,36–39). Damit veranschaulicht sein Leben, wie ein ermutigender Dienst Menschen helfen kann, ihren Platz in Gottes Werk zu finden und nach Schwierigkeiten weiterzugehen.

Lehre und Ermahnung stehen einander nahe, sind aber nicht vollständig gleichzusetzen. Während das Lehren besonders auf das Verstehen und Vermitteln der Wahrheit ausgerichtet ist, tritt bei der Ermahnung ihre persönliche Anwendung hervor. Ein Lehrer kann beispielsweise erklären, was die Bibel über Vertrauen, Vergebung oder Geduld sagt. Ein ermutigender Mensch kann jemandem helfen, gerade in einer konkreten Notlage an diesen Wahrheiten festzuhalten. Beide Dienste können sich in einer Person verbinden, müssen aber nicht immer in gleicher Weise ausgeprägt sein. Paulus fordert die Gläubigen nicht auf, sich gegenseitig nach menschlichen Vorlieben zu beurteilen, sondern die unterschiedlichen Gaben treu einzusetzen. Auch eine noch so richtige Ermahnung verfehlt ihren Zweck, wenn sie aus Hochmut, Lieblosigkeit oder dem Wunsch nach Kontrolle ausgesprochen wird. Darum verlangt ein solcher Dienst besondere Aufmerksamkeit für die Situation und die Bedürfnisse des anderen.

Anschließend wendet Paulus sich dem Geben zu. Die Schlachter 1951 formuliert: „Wer gibt, gebe in Einfalt“. Das griechische Wort haplotēs kann Aufrichtigkeit, Lauterkeit oder eine großzügige, ungeteilte Haltung beschreiben. In anderen neutestamentlichen Zusammenhängen wird es mit Großzügigkeit beim Geben verbunden (2. Korinther 8,2; 9,11). Die Aufforderung bedeutet deshalb mehr als lediglich, eine Gabe ohne komplizierte Überlegungen weiterzureichen. Wer gibt, soll es mit einer aufrichtigen, nicht von versteckten Eigeninteressen beherrschten Haltung tun. Das Geben darf nicht zum Mittel werden, andere Menschen abhängig zu machen, ihnen persönliche Anerkennung abzuverlangen oder sich selbst öffentlich als besonders wohltätig darzustellen.

Jesus hatte bereits in der Bergpredigt davor gewarnt, Almosen zu geben, um von Menschen gesehen und bewundert zu werden (Matthäus 6,1–4). Paulus greift diesen Gedanken nicht ausdrücklich als Zitat auf, doch beide Aussagen stimmen in ihrer grundlegenden Ausrichtung überein. Die äußere Handlung kann gut erscheinen, während die innere Absicht von Selbstsucht bestimmt wird. Ein Mensch kann anderen helfen und gleichzeitig erwarten, dass sie ihm dafür Bewunderung oder besondere Gegenleistungen schulden. Wahrhaft christliches Geben soll dagegen von Liebe und Aufrichtigkeit getragen sein. Dabei betrifft das Geben nicht ausschließlich Menschen mit großem Vermögen. Auch jemand mit begrenzten Mitteln kann bereit sein, das Empfangene mit anderen zu teilen. In 2. Korinther 8,1–5 beschreibt Paulus Gemeinden in Mazedonien, deren eigene Bedrängnis und Armut sie nicht daran hinderten, großzügig zur Unterstützung anderer beizutragen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Großzügigkeit ohne Rücksicht auf tatsächliche Möglichkeiten ausgeübt werden müsste. In 2. Korinther 8,12 erklärt Paulus, dass eine Gabe nach dem beurteilt wird, was jemand hat, und nicht nach dem, was er nicht besitzt. Christliches Geben soll freiwillig, aufrichtig und verantwortungsvoll sein. Niemand muss sich durch unüberlegte Versprechen oder unangemessenen Druck zu Leistungen verpflichten, die er nicht tragen kann. Ebenso wenig darf das Geben als Voraussetzung betrachtet werden, durch die jemand Gottes Wohlwollen erkaufen könnte. Die Gnade bleibt der Ausgangspunkt. Aus ihr erwächst die Bereitschaft, andere an den eigenen Möglichkeiten teilhaben zu lassen.

Danach spricht Paulus die Menschen an, die anderen vorstehen. Nach der Schlachter 1951 sollen sie dies „mit Fleiß“ tun. Das zugrunde liegende griechische Verb proistēmi kann das Vorstehen, Leiten oder verantwortliche Sich-Kümmern bezeichnen. Es wird auch an anderen neutestamentlichen Stellen für Menschen verwendet, die innerhalb der Gemeinde Verantwortung tragen (1. Thessalonicher 5,12; 1. Timotheus 5,17). Paulus erklärt in Römer 12,8 nicht ausdrücklich, welche bestimmte Leitungsfunktion er vor Augen hat. Deshalb sollte man den Vers nicht ohne Weiteres auf nur ein später genauer ausgestaltetes Gemeindeamt beschränken. Sicher ist jedoch, dass es um Menschen geht, denen eine besondere Verantwortung für andere anvertraut wurde.

Das mit „Fleiß“ übersetzte Wort spoudē bezeichnet eine ernsthafte, eifrige und gewissenhafte Haltung. Geistliche Leitung soll deshalb nicht nachlässig oder gleichgültig ausgeübt werden. Wer Verantwortung übernimmt, muss bereit sein, sich um die damit verbundenen Aufgaben zu kümmern, Entscheidungen sorgfältig zu prüfen und das Wohl der ihm anvertrauten Menschen im Blick zu behalten. Eine Leitungsaufgabe darf nicht lediglich als ehrenvolle Stellung verstanden werden, deren Vorteile man genießt, während die notwendige Arbeit anderen überlassen bleibt. Ebenso wenig rechtfertigt sie Härte, Willkür oder die Unterdrückung anderer. Gerade weil Paulus unmittelbar zuvor die Demut aller Gemeindeglieder betont hat, muss auch die Ausübung von Leitung unter diesem Grundsatz stehen.

Jesus selbst hatte seinen Jüngern erklärt, dass Größe unter seinen Nachfolgern nicht nach den Maßstäben weltlicher Herrschaft verstanden werden soll. Wer unter ihnen groß sein möchte, soll den anderen dienen (Markus 10,42–45). Dieser Grundsatz ist auch für das Verständnis von Römer 12 wichtig. Geistliche Leitung besteht nicht darin, sich über den Leib Christi zu erheben, sondern darin, innerhalb dieses Leibes Verantwortung zu tragen. Wer vorsteht, soll die ihm anvertraute Aufgabe ernst nehmen und gleichzeitig wissen, dass auch er selbst ein Glied unter anderen Gliedern bleibt. Seine Stellung macht ihn nicht unabhängig von Christus, dem eigentlichen Haupt der Gemeinde. Gute Leitung verbindet deshalb Entschlossenheit mit Demut, Verantwortungsbewusstsein mit Fürsorge und notwendige Ordnung mit echter Liebe zu den Menschen.

Als letzte Gabe nennt Paulus das Ausüben von Barmherzigkeit. Wer Barmherzigkeit übt, soll dies nach seinen Worten „mit Freudigkeit“ tun. Das griechische Wort hilarotēs beschreibt eine freudige, bereitwillige Haltung. Bemerkenswert ist, dass Paulus nicht nur die barmherzige Handlung fordert, sondern ausdrücklich die innere Einstellung anspricht, mit der sie geschieht. Barmherzigkeit richtet sich an Menschen, die Hilfe, Verständnis, Trost oder Unterstützung benötigen. Dazu können Kranke, Arme, Trauernde, Einsame oder Menschen gehören, die durch eigenes oder fremdes Verschulden in große Schwierigkeiten geraten sind. Wer ihnen begegnet, kann zwar äußerlich helfen, sie dabei aber spüren lassen, dass sie unerwünscht, lästig oder minderwertig seien. Paulus möchte eine andere Haltung fördern.

Ein Mensch, der auf Hilfe angewiesen ist, besitzt nicht weniger Würde als derjenige, der ihm helfen kann. Gerade in einer solchen Situation ist es wichtig, dass Unterstützung nicht mit Geringschätzung verbunden wird. Barmherzigkeit soll deshalb nicht aus demonstrativer Überlegenheit erfolgen, sondern aus aufrichtiger Anteilnahme. Die geforderte Freudigkeit bedeutet dabei nicht, über das Leid anderer fröhlich zu sein oder ernste Situationen künstlich aufzuhellen. Wer einen trauernden Menschen besucht, muss nicht ständig lächeln oder dessen Schmerz durch oberflächlichen Optimismus überspielen. Es geht vielmehr um die Bereitschaft, anderen von Herzen und ohne widerwillige Härte beizustehen. Die Freude liegt im liebevollen Dienen, nicht im Leiden des anderen.

Ein besonders anschauliches Beispiel dafür gibt Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,30–37). Während andere an dem verletzten Mann vorübergingen, blieb der Samariter stehen, versorgte seine Wunden, brachte ihn an einen sicheren Ort und sorgte für seine weitere Pflege. Seine Barmherzigkeit bestand nicht lediglich aus einem mitfühlenden Gedanken. Sie wurde in konkreten Handlungen sichtbar. Zugleich stellte er die Not des Verletzten über bestehende gesellschaftliche und religiöse Grenzen. Jesus schloss das Gleichnis mit der Aufforderung, ebenso zu handeln. Damit wird verständlich, weshalb praktische Barmherzigkeit innerhalb des christlichen Lebens einen so hohen Stellenwert besitzt.

Obwohl Paulus das Geben und das Ausüben von Barmherzigkeit getrennt nennt, können sich beide Dienste im Alltag überschneiden. Ein Mensch kann materielle Mittel bereitstellen, während ein anderer besondere Fähigkeiten besitzt, Leidende persönlich zu begleiten und ihnen beizustehen. Manchmal werden beide Formen der Hilfe von derselben Person geleistet. Entscheidend ist nicht, jede Gabe mit einer starren Grenze von den übrigen abzugrenzen. Vielmehr sollen die unterschiedlichen Aspekte des Dienstes wahrgenommen werden. Die Versorgung eines Bedürftigen umfasst häufig mehr als die Bereitstellung von Geld oder Lebensmitteln. Ebenso benötigt ein Mensch in seelischer Not möglicherweise nicht zuerst materielle Unterstützung, sondern jemanden, der geduldig zuhört, seine Würde achtet und ihn nicht alleinlässt.

Die verschiedenen Aufforderungen zeigen außerdem, dass Paulus nicht nur danach fragt, welche Aufgabe ein Gläubiger ausführt. Er fragt ebenso, wie diese Aufgabe erfüllt wird. Wer gibt, soll es in Einfalt tun. Wer vorsteht, soll Fleiß zeigen. Wer Barmherzigkeit übt, soll dies mit Freudigkeit tun. Diese Verbindung von Aufgabe und innerer Haltung ist entscheidend. Eine geistliche Gabe kann durch Selbstsucht, Gleichgültigkeit oder mangelnde Liebe in ihrer Wirkung beeinträchtigt werden. Deshalb genügt es nicht, eine besondere Begabung zu besitzen. Der Mensch muss lernen, sie in einer Weise einzusetzen, die mit Gottes Wesen und seinem Willen übereinstimmt.

Eine ähnliche Verantwortung beschreibt Petrus in 1. Petrus 4,10–11. Dort werden die Gläubigen aufgefordert, mit der jeweils empfangenen Gabe einander zu dienen und sie als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes einzusetzen. Wer redet, soll sich an Gottes Wort ausrichten; wer dient, soll dies aus der Kraft tun, die Gott schenkt. Der Gedanke der Verwaltung ist dabei besonders hilfreich. Ein Verwalter ist nicht der eigentliche Eigentümer dessen, was ihm anvertraut wurde. Er trägt Verantwortung dafür, sorgfältig und im Sinne des Eigentümers damit umzugehen. So soll auch ein Christ seine Fähigkeiten verstehen. Sie gehören nicht ausschließlich seiner persönlichen Selbstverwirklichung, sondern sollen unter Gottes Leitung zum Segen für andere werden.

Gleichzeitig dürfen diese Verse nicht so verstanden werden, als müsse ein Christ nur dort Liebe und Verantwortung zeigen, wo er eine besondere geistliche Gabe erkannt hat. Wer beispielsweise keine ausgeprägte Gabe des Ermutigens besitzt, ist deshalb nicht von der Verpflichtung befreit, andere zu trösten. Wer nicht besonders begabt im Geben ist, darf die Not Bedürftiger nicht grundsätzlich ignorieren. Und wer keine besondere Leitungsaufgabe trägt, bleibt dennoch für sein eigenes Verhalten verantwortlich. Die Gaben beschreiben unterschiedliche Schwerpunkte des Dienstes, während die grundlegenden Gebote der Liebe für alle Gläubigen gelten. Gerade der weitere Verlauf von Römer 12 macht dies deutlich. Dort richtet Paulus seine Aufforderungen zu Liebe, Hilfsbereitschaft, Geduld und Frieden nicht nur an eine kleine Gruppe besonders begabter Menschen, sondern an die ganze Gemeinde.

Die Worte des Paulus besitzen deshalb auch eine befreiende Bedeutung. Niemand muss sämtliche Aufgaben gleichermaßen gut erfüllen, um ein wertvolles Glied der Gemeinde zu sein. Ein Mensch, der besonders gut lehren kann, muss nicht notwendigerweise dieselben organisatorischen Fähigkeiten besitzen wie jemand, der Verantwortung für praktische Abläufe übernimmt. Ebenso muss ein Mensch, der durch stillen und treuen Dienst anderen hilft, nicht erst eine öffentliche Aufgabe übernehmen, damit sein Dienst geistlich bedeutsam wird. Gott hat die Gemeinde gerade deshalb mit unterschiedlichen Gaben ausgestattet, weil die einzelnen Glieder einander benötigen. Die Verschiedenheit der Fähigkeiten soll nicht zu Minderwertigkeitsgefühlen oder Überheblichkeit führen, sondern Dankbarkeit und Zusammenarbeit fördern.

Darin liegt schließlich eine ernste persönliche Verantwortung. Wer erkennt, dass Gott ihm bestimmte Möglichkeiten anvertraut hat, sollte sie nicht aus Bequemlichkeit, Angst vor Verantwortung oder bloßem Streben nach persönlichem Vorteil ungenutzt lassen. Eine Gabe wird nicht dadurch zum Segen, dass man sie lediglich besitzt oder über sie spricht. Sie muss im Dienst eingesetzt werden. Ebenso wenig soll jemand seine Aufgabe nur dann erfüllen, wenn er dafür Anerkennung erhält. Gerade im verborgenen Dienst zeigt sich häufig, ob ein Mensch tatsächlich Gott und seinen Mitmenschen dienen möchte oder vor allem die Aufmerksamkeit anderer sucht.

Mit diesen drei Versen verdeutlicht Paulus, wie der eine Leib Christi in seiner Vielfalt leben soll. Gott schenkt unterschiedliche Fähigkeiten, damit die Gläubigen einander ergänzen und die Gemeinde aufgebaut wird. Die Gaben unterscheiden sich in ihrer Aufgabe, aber sie haben ihren gemeinsamen Ursprung in der Gnade Gottes und ihre gemeinsame Ausrichtung auf den Dienst. Entscheidend ist daher nicht, welche Gabe besonders auffällt, sondern ob sie treu, verantwortungsvoll und zum Wohl anderer eingesetzt wird.

Damit ist der Gedankengang jedoch noch nicht abgeschlossen. Denn selbst die größte Begabung verliert ihren eigentlichen geistlichen Wert, wenn sie ohne Liebe ausgeübt wird. In 1. Korinther 13,1–3 beschreibt Paulus eindringlich, dass außergewöhnliche geistliche Fähigkeiten, umfassende Erkenntnis und sogar große Opferbereitschaft ohne Liebe letztlich nichts nützen. Genau diesen Grundsatz greift der weitere Verlauf von Römer 12 auf. Nachdem Paulus die unterschiedlichen Gaben und Dienste beschrieben hat, wendet er sich ab Vers 9 der Haltung zu, die das gesamte christliche Zusammenleben prägen muss: einer aufrichtigen Liebe, die das Gute sucht und sich in konkreten Taten zeigt.

Römer 12,9–13

Aufrichtige Liebe, die im Alltag sichtbar wird

Nachdem Paulus die unterschiedlichen Gnadengaben beschrieben hat, wendet er sich nun der inneren Haltung zu, die das gesamte Leben der Gläubigen prägen soll. In Römer 12,9 beginnt er mit der Aufforderung: „Die Liebe sei ungeheuchelt!“ Dieser kurze Satz bildet die Grundlage für alle weiteren Ermahnungen. Paulus hat zuvor erklärt, dass Gott jedem Menschen unterschiedliche Fähigkeiten anvertraut und dass diese dem gemeinsamen Wohl dienen sollen. Nun macht er deutlich, welche Gesinnung hinter diesem Dienst stehen muss. Geistliche Begabungen allein garantieren noch keinen gottgefälligen Umgang miteinander. Ein Mensch kann anderen helfen, sie unterrichten oder eine verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen und dennoch von Stolz, persönlichem Ehrgeiz oder dem Wunsch nach Anerkennung geleitet werden. Deshalb beginnt Paulus nicht mit einer weiteren Tätigkeit, sondern mit der Aufrichtigkeit der Liebe. Entscheidend ist nicht allein, was jemand für andere tut, sondern auch, ob sein Handeln tatsächlich von Liebe getragen wird.

Das griechische Wort anupokritos, das hier mit „ungeheuchelt“ übersetzt wird, bezeichnet eine Haltung ohne Verstellung oder Heuchelei. Die Liebe soll echt sein und nicht nur nach außen hin den Anschein von Herzlichkeit erwecken. Menschen können einander freundlich begegnen, während sie innerlich Abneigung, Neid oder Verachtung empfinden. Sie können Hilfsbereitschaft zeigen, weil sie sich dadurch Vorteile erhoffen, oder anderen Anerkennung aussprechen, obwohl sie hinter deren Rücken abfällig über sie reden. Paulus fordert eine Liebe, die nicht von solchen Widersprüchen bestimmt wird. Was ein Mensch nach außen zeigt, soll mit seiner wirklichen Gesinnung übereinstimmen. Diese Aufrichtigkeit betrifft nicht nur einzelne freundliche Worte, sondern die gesamte Beziehung zu anderen Menschen.

Bereits in Römer 5,5 hatte Paulus erklärt, dass die Liebe Gottes durch den Heiligen Geist in die Herzen der Gläubigen ausgegossen ist. Dadurch wird deutlich, dass die hier geforderte Liebe nicht lediglich als menschliche Charaktereigenschaft verstanden werden soll. Sie steht im Zusammenhang mit dem Wirken Gottes im Leben des Menschen. Wer Gottes Liebe empfangen hat, soll lernen, diese Liebe auch anderen entgegenzubringen. Jesus selbst hatte seinen Jüngern ein neues Gebot gegeben, einander so zu lieben, wie er sie geliebt hat (Johannes 13,34–35). Seine eigene Liebe bildet damit den Maßstab für den Umgang der Gläubigen untereinander. Sie ist nicht von persönlicher Sympathie oder dem erwarteten Nutzen einer Beziehung abhängig, sondern sucht aufrichtig das Wohl des anderen.

Diese Liebe darf jedoch nicht mit bloßer Freundlichkeit oder der Bereitschaft verwechselt werden, jedes Verhalten widerspruchslos hinzunehmen. Unmittelbar nach seiner Aufforderung zur ungeheuchelten Liebe schreibt Paulus: „Hasset das Böse, hanget dem Guten an!“ Auf den ersten Blick kann es überraschend wirken, dass er Liebe und Hass so eng miteinander verbindet. Der scheinbare Widerspruch löst sich jedoch auf, wenn man beachtet, worauf sich seine Worte richten. Die Gläubigen sollen das Böse verabscheuen, nicht Menschen aufgrund persönlicher Abneigung hassen. Paulus spricht von einer entschiedenen moralischen Haltung gegenüber allem, was Gottes Willen widerspricht und anderen Schaden zufügt. Wahre Liebe kann dem Bösen nicht gleichgültig gegenüberstehen, weil sie das Gute für den anderen sucht.

Bereits im Alten Testament begegnet dieselbe Verbindung. Der Prophet Amos fordert: „Hasset das Böse und liebet das Gute“ (Amos 5,15). Im Zusammenhang geht es dort besonders um Recht und Gerechtigkeit. Das Volk sollte nicht länger Unrecht dulden oder selbst daran mitwirken, sondern gerechte Verhältnisse fördern. Auch Psalm 97,10 verbindet die Liebe zu Gott mit der Abkehr vom Bösen. Damit wird deutlich, dass die biblische Liebe nicht wertneutral ist. Sie besitzt einen Maßstab, der sich an Gottes Wesen und seinen Weisungen orientiert. Wer einen anderen Menschen wirklich liebt, kann dessen Zerstörung durch Sünde, Gewalt oder Ungerechtigkeit nicht einfach für belanglos erklären. Ebenso wenig darf er selbst Unrecht begehen und dieses anschließend mit guten Absichten rechtfertigen.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Das Böse zu verabscheuen bedeutet nicht, gegenüber fehlbaren Menschen eine Haltung der Verachtung einzunehmen. Gerade der weitere Verlauf von Römer 12 wird zeigen, dass Christen sogar ihren Verfolgern Gutes wünschen und ihren Feinden helfen sollen. Paulus widerspricht sich darin nicht. Er unterscheidet zwischen dem Unrecht, das abgelehnt werden muss, und dem Menschen, dem weiterhin mit einer von Gottes Liebe geprägten Haltung begegnet werden soll. Ein Christ darf Lüge, Betrug oder Gewalt nicht gutheißen. Dennoch soll er sich davor hüten, den Täter aus persönlichem Hass heraus zu behandeln oder dessen Würde grundsätzlich zu leugnen. Die Liebe sucht nicht die Verharmlosung der Sünde, sondern das Gute, zu dem auch Umkehr, Wahrheit und Wiederherstellung gehören können.

Paulus verwendet für das Festhalten am Guten einen besonders anschaulichen Ausdruck. Das griechische Verb kollaō beschreibt ein enges Verbundensein oder Sich-Anschließen. Die Gläubigen sollen das Gute also nicht nur gelegentlich tun, wenn es ihnen leichtfällt oder besondere Vorteile verspricht. Sie sollen sich ihm beständig verbunden wissen. Ein ähnlicher Gedanke findet sich in 1. Thessalonicher 5,21–22. Dort fordert Paulus dazu auf, alles zu prüfen, das Gute festzuhalten und sich von jeder Art des Bösen fernzuhalten. Die Liebe verlangt somit geistliches Unterscheidungsvermögen. Nicht alles, was freundlich erscheint, ist tatsächlich gut, und nicht jede unangenehme Wahrheit ist deshalb lieblos. Entscheidend ist, ob eine Haltung oder Handlung Gottes Willen entspricht und dem anderen wirklich dient.

In Vers 10 wird die ungeheuchelte Liebe näher beschrieben. Paulus fordert die Gläubigen auf, einander in der Bruderliebe herzlich zu begegnen. Das griechische Wort philadelphia bezeichnet die geschwisterliche Liebe. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch war damit die Verbundenheit zwischen Geschwistern angesprochen. Paulus verwendet diese Vorstellung für die Gemeinschaft der Menschen, die durch den Glauben zu Christus gehören. Ihre Beziehung soll nicht allein durch gemeinsame religiöse Überzeugungen bestimmt werden, sondern eine echte Verbundenheit besitzen. Der christliche Glaube bringt Menschen in eine geistliche Familie, deren Grundlage nicht ihre gemeinsame Abstammung, sondern ihre Zugehörigkeit zu Gott ist.

Diese familiäre Bildsprache wird durch ein weiteres griechisches Wort verstärkt. Philostorgos beschreibt eine herzliche, von Zuneigung geprägte Verbundenheit, wie sie besonders im familiären Zusammenleben erwartet wird. Paulus verbindet somit zwei Ausdrücke, die den Gedanken geschwisterlicher Nähe unterstreichen. Er möchte keine kalte Gemeinschaft, in der Menschen zwar dieselben Glaubenssätze bekennen, einander aber gleichgültig begegnen. Die Gemeinde soll ein Ort sein, an dem Menschen nicht nur als Träger bestimmter Aufgaben wahrgenommen werden, sondern als Brüder und Schwestern, deren Wohlergehen den anderen am Herzen liegt.

Gerade für die ursprünglichen Empfänger des Römerbriefs war dieser Gedanke bedeutsam. Unter den Gläubigen in Rom befanden sich Menschen unterschiedlicher Herkunft und gesellschaftlicher Stellung. Die christliche Gemeinschaft brachte Menschen zusammen, die außerhalb ihres Glaubens möglicherweise nur wenig miteinander verbunden gewesen wären. Paulus fordert sie dazu auf, ihre Beziehung nicht nach den üblichen gesellschaftlichen Unterschieden zu gestalten. Wer in Christus zu derselben geistlichen Familie gehört, soll dem anderen nicht aufgrund seiner Herkunft, seines Besitzes oder seiner gesellschaftlichen Bedeutung mit geringerer Liebe begegnen. Die Zugehörigkeit zu Christus schafft eine Verbindung, die solche Unterschiede nicht einfach auslöscht, ihnen aber einen neuen Stellenwert gibt.

Herzliche Bruderliebe bedeutet allerdings nicht, dass alle Menschen innerhalb einer Gemeinde dieselbe Persönlichkeit besitzen oder miteinander in jeder Hinsicht gleich gut auskommen müssen. Auch Christen können unterschiedliche Temperamente, Erfahrungen und Gewohnheiten haben. Nicht jede Beziehung wird von derselben persönlichen Nähe geprägt sein. Paulus fordert deshalb keine künstlichen Gefühle oder eine gespielte Vertrautheit. Gerade weil die Liebe ungeheuchelt sein soll, wäre eine bloß vorgetäuschte Herzlichkeit keine Erfüllung seiner Worte. Entscheidend ist vielmehr die aufrichtige Bereitschaft, den anderen als Bruder oder Schwester anzunehmen, seine Würde zu achten und ihm mit Wohlwollen zu begegnen. Solche Liebe kann auch dort gelebt werden, wo Menschen einander nicht von Natur aus besonders ähnlich sind.

Mit der Bruderliebe verbindet Paulus unmittelbar die gegenseitige Ehrerbietung. Nach der Schlachter 1951 soll einer dem anderen darin zuvorkommen. Damit stellt Paulus eine bemerkenswerte Umkehr menschlichen Konkurrenzdenkens vor Augen. Häufig möchten Menschen selbst zuerst anerkannt, beachtet und geehrt werden. Sie vergleichen ihre Leistungen mit denen anderer und fühlen sich zurückgesetzt, wenn jemand mehr Aufmerksamkeit erhält. Paulus fordert dagegen dazu auf, dem anderen bereitwillig Achtung entgegenzubringen. Nicht die Frage, wer die größte Ehre verdient, soll das Zusammenleben bestimmen, sondern die Bereitschaft, den anderen wertzuschätzen.

Dieser Gedanke steht in enger Verbindung mit Philipper 2,3–4. Dort ermahnt Paulus die Gläubigen, nichts aus Selbstsucht oder nichtigem Ehrgeiz zu tun, sondern in Demut den anderen höher zu achten als sich selbst und nicht nur auf die eigenen Interessen zu sehen. Dabei geht es nicht darum, die Wahrheit über persönliche Fähigkeiten oder Verantwortung zu leugnen. Ein Mensch soll nicht behaupten, er könne nichts, obwohl Gott ihm eine bestimmte Fähigkeit gegeben hat. Vielmehr soll er aufhören, seinen eigenen Vorteil und sein Ansehen zum Maßstab aller Beziehungen zu machen. Er soll lernen, die Bedürfnisse und die Würde anderer ernst zu nehmen.

Jesus selbst hat diese Haltung besonders eindrucksvoll vorgelebt. In Johannes 13,1–17 wird berichtet, wie er seinen Jüngern die Füße wusch. Eine solche Tätigkeit war mit niedrigen Diensten verbunden und entsprach nicht dem Ansehen, das Menschen gewöhnlich einem Lehrer und Herrn zuschrieben. Dennoch übernahm Jesus diese Aufgabe und erklärte anschließend, dass seine Jünger seinem Beispiel folgen sollten. Seine Größe zeigte sich nicht darin, andere auf Abstand zu halten und sich bedienen zu lassen, sondern darin, ihnen in Liebe zu dienen. Wer diese Haltung übernimmt, betrachtet die Ehre des anderen nicht als Gefahr für die eigene Bedeutung. Er kann andere anerkennen, ihre Leistungen würdigen und ihnen mit Achtung begegnen, ohne sich dadurch selbst herabgesetzt zu fühlen.

Gegenseitige Ehrerbietung hat außerdem eine praktische Schutzfunktion für die Gemeinschaft. Wo Menschen einander achten, fällt es leichter, zuzuhören, unterschiedliche Begabungen anzuerkennen und Konflikte ohne persönliche Herabwürdigung zu behandeln. Wer dagegen ständig um Vorrang kämpft, wird die Fähigkeiten anderer leicht als Konkurrenz empfinden. Die Aufforderung des Paulus knüpft deshalb unmittelbar an seine Aussagen über den einen Leib und die verschiedenen Gnadengaben an. Niemand soll seine Stellung dazu benutzen, andere geringzuschätzen. Ebenso soll ein weniger sichtbar dienender Mensch nicht übersehen werden. In einer von gegenseitiger Achtung geprägten Gemeinde wird der Wert eines Menschen nicht allein nach seiner öffentlichen Wirkung beurteilt.

Mit Vers 11 richtet Paulus den Blick auf die Bereitschaft, mit der die Gläubigen ihre Aufgaben erfüllen sollen. Er schreibt: „Im Fleiß lasset nicht nach, seid brennend im Geist, dienet dem Herrn!“ Hier verbindet er drei Gedanken, die einander ergänzen. Die Gläubigen sollen nicht träge werden, sondern ihren Dienst mit innerem Eifer ausüben. Gleichzeitig soll dieser Eifer nicht nur aus äußerem Pflichtgefühl bestehen, sondern von einer lebendigen geistlichen Haltung getragen werden. Schließlich nennt Paulus den entscheidenden Bezugspunkt allen Handelns: den Dienst für den Herrn.

Der erste Ausdruck warnt vor Nachlässigkeit. Das griechische Wort oknēros kann eine zögerliche, träge oder nachlässige Haltung bezeichnen. Paulus fordert die Christen dazu auf, ihre Verantwortung nicht gleichgültig zu behandeln. Wer eine Aufgabe übernommen hat, soll sich darum bemühen, sie zuverlässig zu erfüllen. Das betrifft nicht nur besonders sichtbare Tätigkeiten innerhalb der Gemeinde. Auch praktische Hilfe, regelmäßige Besuche, Unterstützung Bedürftiger und andere Formen des Dienstes verlangen oft Ausdauer. Es ist vergleichsweise leicht, sich für eine Aufgabe zu begeistern, solange sie neu und interessant erscheint. Schwieriger kann es sein, ihr über längere Zeit treu zu bleiben, besonders wenn wenig Anerkennung folgt oder Schwierigkeiten auftreten.

Diese Aufforderung darf jedoch nicht so verstanden werden, als würde Gott von jedem Gläubigen pausenlose Aktivität verlangen. Geistlicher Eifer ist nicht mit rastloser Beschäftigung gleichzusetzen. Ein Mensch kann viele Aufgaben übernehmen und dennoch wichtige Pflichten gegenüber seiner Familie oder seiner eigenen Gesundheit vernachlässigen. Ebenso kann übermäßiger Aktivismus dazu führen, dass Gebet, persönliche Gemeinschaft mit Gott und die eigentliche innere Ausrichtung verloren gehen. Paulus fordert keine möglichst große Menge religiöser Tätigkeiten, sondern einen treuen und gewissenhaften Dienst. Fleiß erhält seinen Wert nicht durch die bloße Zahl erledigter Aufgaben, sondern durch die Haltung und Verantwortung, mit der sie ausgeführt werden.

Der anschließende Ausdruck „brennend im Geist“ beschreibt eine innere Lebendigkeit. Das griechische Verb zeō bedeutet wörtlich, heiß zu sein oder zu sieden, und kann bildlich einen starken inneren Eifer bezeichnen. Das Feuerbild vermittelt den Gedanken einer Hingabe, die nicht kalt, gleichgültig oder widerwillig bleibt. Paulus möchte, dass die Gläubigen mit innerer Anteilnahme und wirklicher Bereitschaft dienen. Dabei ist nicht jede starke Gefühlsregung bereits ein Beweis geistlicher Reife. Ein Mensch kann emotional begeistert sein und dennoch unüberlegt handeln. Umgekehrt kann jemand mit einer ruhigen Persönlichkeit Gott von Herzen dienen, auch wenn er seine Begeisterung nicht auffällig zeigt. Entscheidend ist deshalb nicht die äußere Intensität der Gefühle, sondern die lebendige Ausrichtung auf Gott.

Der Ausdruck „im Geist“ kann sprachlich auf den menschlichen Geist beziehungsweise die innere Gesinnung bezogen werden. Manche Ausleger verstehen ihn besonders im Hinblick auf den Heiligen Geist. Beide Gedanken stehen innerhalb der paulinischen Theologie in enger Verbindung. Die Gläubigen sollen innerlich von Eifer erfüllt sein, doch die grundlegende geistliche Erneuerung entsteht nicht unabhängig vom Wirken Gottes. Bereits in Römer 8 hatte Paulus ausführlich erklärt, dass ein Leben nach Gottes Willen durch den Heiligen Geist ermöglicht wird. Deshalb wäre es zu eng, die Worte lediglich als Aufforderung zu menschlicher Begeisterung zu verstehen. Ein lebendiger Dienst für Gott wächst aus einer Haltung, die sich seinem Geist und seiner Führung öffnet.

Den Mittelpunkt des Verses bildet schließlich die Aufforderung, dem Herrn zu dienen. Sie verleiht den beiden vorhergehenden Aussagen ihre eigentliche Richtung. Eifer und Fleiß sind nicht schon deshalb gut, weil sie stark ausgeprägt sind. Ein Mensch kann auch für falsche Ziele großen Einsatz zeigen. Paulus hatte in Römer 10,2 sogar von einem Eifer für Gott gesprochen, der nicht mit der rechten Erkenntnis verbunden war. Deshalb muss geistlicher Eifer an Gottes Wahrheit und Willen ausgerichtet bleiben. Der Herr, dem die Gläubigen dienen sollen, ist Jesus Christus, zu dem sie gehören. Ihr Dienst soll sich nicht letztlich um das eigene Ansehen, persönliche Macht oder die Bewunderung anderer drehen. Er soll Christus ehren.

Damit verändert sich auch die Bedeutung unscheinbarer Aufgaben. Wer einem Bedürftigen hilft, einen Kranken besucht oder eine wenig beachtete Verantwortung zuverlässig übernimmt, kann dies im Bewusstsein tun, dem Herrn zu dienen. In Kolosser 3,23–24 fordert Paulus zu einer Arbeit auf, die von Herzen geschieht, weil die Gläubigen letztlich Christus dienen. Dieser Gedanke soll nicht dazu benutzt werden, ungerechte Forderungen anderer Menschen religiös zu rechtfertigen. Vielmehr gibt er auch solchen Tätigkeiten Würde, die wenig öffentliches Ansehen besitzen. Ihr Wert hängt nicht allein davon ab, wie viele Menschen sie bemerken. Entscheidend ist, ob sie in Treue zu Christus und in Übereinstimmung mit seinem Willen ausgeführt werden.

In Vers 12 erweitert Paulus den Blick auf jene geistlichen Haltungen, die Christen besonders in schwierigen Lebensumständen tragen sollen. Er verbindet die Freude in der Hoffnung mit Standhaftigkeit in Bedrängnis und Beharrlichkeit im Gebet. Diese drei Aufforderungen gehören eng zusammen. Die Hoffnung richtet den Blick über die gegenwärtigen Schwierigkeiten hinaus. Die Standhaftigkeit bewahrt davor, unter dem Druck des Leidens den Glauben aufzugeben. Das Gebet hält die lebendige Verbindung zu Gott aufrecht, von dem der Mensch seine Kraft empfängt. Paulus beschreibt damit keine drei voneinander unabhängigen religiösen Übungen, sondern verschiedene Seiten eines Lebens, das auch unter Belastung auf Gott vertraut.

Zunächst fordert er die Gläubigen auf, sich in der Hoffnung zu freuen. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch kann Hoffnung eine unsichere Erwartung bezeichnen, bei der man sich ein günstiges Ergebnis wünscht, ohne zu wissen, ob es eintreten wird. Die christliche Hoffnung besitzt bei Paulus jedoch eine tiefere Grundlage. Sie ruht auf Gottes Verheißungen und auf dem Erlösungswerk Jesu Christi. Bereits in Römer 5,1–2 hatte Paulus erklärt, dass die durch den Glauben Gerechtfertigten Frieden mit Gott haben und sich der Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit rühmen dürfen. Später beschreibt er in Römer 8,18–25 die zukünftige Herrlichkeit und die Erlösung des Leibes, auf die die Gläubigen noch warten. Ihre Hoffnung richtet sich somit nicht lediglich auf bessere äußere Lebensumstände, sondern auf die Vollendung dessen, was Gott durch Christus begonnen hat.

Diese Hoffnung ermöglicht eine Freude, die nicht vollständig von der jeweiligen Lebenssituation abhängig ist. Wenn ein Mensch gesund ist, ausreichend versorgt wird und harmonische Beziehungen erlebt, fällt es ihm gewöhnlich leichter, sich zu freuen. Doch solche Umstände können sich verändern. Krankheit, Verlust, Verfolgung oder Enttäuschung können das Leben tief erschüttern. Paulus verspricht den Christen nicht, dass ihnen solche Erfahrungen erspart bleiben. Er selbst hatte zahlreiche Bedrängnisse erlebt. Dennoch kannte er eine Freude, die aus dem Vertrauen auf Gottes endgültige Verheißungen erwächst. Die gegenwärtige Not ist nicht das letzte Wort über das Leben des Gläubigen.

Dabei wäre es ein Missverständnis, die Freude in der Hoffnung als Pflicht zu ständig fröhlichem Auftreten aufzufassen. Die Bibel kennt ausdrücklich Trauer, Angst, Schmerz und Klage. Jesus selbst weinte am Grab des Lazarus (Johannes 11,35). Paulus wird die Gläubigen nur wenige Verse später auffordern, mit den Weinenden zu weinen (Römer 12,15). Christliche Hoffnung verlangt daher nicht, schmerzhafte Gefühle zu unterdrücken oder gegenüber anderen den Eindruck zu erwecken, als sei alles in Ordnung. Ein Mensch kann tief traurig sein und dennoch an Gottes Verheißungen festhalten. Die Freude der Hoffnung besteht darin, dass selbst berechtigter Schmerz die Zusage Gottes nicht aufheben kann.

Unmittelbar damit verbunden ist die Aufforderung, in der Trübsal standzuhalten. Das griechische Wort thlipsis bezeichnet Bedrängnis, Druck oder belastende Not. Es kann verschiedene Formen von Schwierigkeiten umfassen, darunter Verfolgung, äußere Bedrohung und andere leidvolle Erfahrungen. Paulus spricht also nicht bloß von kleinen Unannehmlichkeiten des Alltags. Die ursprünglichen christlichen Gemeinden mussten teilweise mit erheblichen gesellschaftlichen Spannungen, wirtschaftlicher Unsicherheit und Anfeindungen rechnen. Gerade deshalb war die Frage wichtig, wie der Glaube unter solchen Umständen Bestand haben konnte.

Das geforderte Standhalten bedeutet nicht, dass Christen Leid grundsätzlich schweigend hinnehmen oder jede Möglichkeit zur Veränderung ihrer Situation ungenutzt lassen müssten. Paulus selbst nahm an anderer Stelle rechtliche Möglichkeiten wahr, um sich gegen ungerechte Behandlung zu wehren (Apostelgeschichte 16,37–39; 22,25–29). Standhaftigkeit im biblischen Sinne bedeutet vor allem, Gott auch unter Druck treu zu bleiben. Ein Mensch soll sich durch Leiden nicht dazu treiben lassen, seinen Glauben aufzugeben, selbst Unrecht zu begehen oder Gottes Verheißungen für bedeutungslos zu halten. Er darf Hilfe suchen, sich gegen Unrecht schützen und um Befreiung beten. Entscheidend ist, dass seine Verbindung zu Gott nicht von einer sofortigen Veränderung der äußeren Umstände abhängig gemacht wird.

Bereits in Römer 5,3–5 hatte Paulus einen engen Zusammenhang zwischen Bedrängnis, Standhaftigkeit, Bewährung und Hoffnung beschrieben. Dabei behauptet er nicht, dass Leid an sich etwas Gutes wäre oder dass Gott an der Not eines Menschen Freude hätte. Vielmehr kann sich im vertrauensvollen Ausharren eine geistliche Bewährung entwickeln, weil der Gläubige lernt, sich unter schwierigen Bedingungen an Gottes Verheißungen zu halten. Diese Hoffnung wird nach Römer 5,5 nicht zuschanden, weil die Liebe Gottes durch den Heiligen Geist in die Herzen ausgegossen ist. Somit besitzt die Standhaftigkeit ihren tiefsten Grund nicht in einer angeblich unerschöpflichen menschlichen Widerstandskraft, sondern in der Treue Gottes.

Die dritte Aufforderung in Vers 12 lautet, im Gebet beharrlich zu bleiben. Das verwendete griechische Verb proskartereō beschreibt ein beständiges, ausdauerndes Festhalten an einer Tätigkeit. Paulus spricht nicht von einem gelegentlichen Gebet, das nur dann ausgesprochen wird, wenn keine andere Möglichkeit mehr bleibt. Vielmehr soll das Gebet zu einer dauerhaften Grundlage des geistlichen Lebens werden. Wer seine Hoffnung auf Gott setzt und in Schwierigkeiten standhalten möchte, braucht die lebendige Verbindung zu ihm. Im Gebet darf der Mensch seine Freude, Dankbarkeit, Sorgen, Schuld, Ängste und Bedürfnisse vor Gott bringen.

Beharrlichkeit im Gebet bedeutet allerdings nicht, dass ein Mensch durch möglichst häufige Wiederholung bestimmter Worte Gott zu einer gewünschten Handlung zwingen könnte. Jesus warnte ausdrücklich vor der Vorstellung, man werde aufgrund vieler Worte erhört (Matthäus 6,7–8). Ebenso erklärte er im Garten Gethsemane, dass Gottes Wille über dem eigenen Wunsch stehen soll (Matthäus 26,39). Beharrliches Gebet ist deshalb kein Versuch, Gottes Entscheidung durch menschliche Ausdauer zu überwinden. Es ist vielmehr der Ausdruck eines Vertrauens, das auch dann nicht aufhört, sich an Gott zu wenden, wenn die Antwort anders ausfällt als erwartet oder die ersehnte Hilfe zunächst ausbleibt.

Ein besonderes Verständnis des Gebets hatte Paulus bereits in Römer 8,26–27 vermittelt. Dort erklärt er, dass der Heilige Geist den Gläubigen in ihrer Schwachheit beisteht, weil sie nicht immer wissen, was sie beten sollen. Diese Aussage ist gerade für Menschen in großen Schwierigkeiten bedeutsam. Manchmal ist eine Not so schwer, dass die passenden Worte fehlen. Paulus verlangt nicht, in jeder Situation vollständig zu verstehen, weshalb etwas geschieht oder welche Lösung die beste wäre. Der Mensch darf sich auch mit seiner Unsicherheit Gott anvertrauen. Die Beharrlichkeit besteht nicht in der Vollkommenheit seiner Gebete, sondern darin, die Beziehung zu Gott nicht aufzugeben.

Die drei Ermahnungen von Vers 12 erklären sich somit gegenseitig. Die Hoffnung gibt dem Glaubenden eine Zukunftsperspektive, die über die gegenwärtige Not hinausreicht. Die Standhaftigkeit hilft ihm, unter dem Druck der Bedrängnis an Gottes Verheißungen festzuhalten. Das Gebet hält ihn in bewusster Abhängigkeit von Gott, dessen Gnade und Kraft er benötigt. Ohne Hoffnung könnte Standhaftigkeit leicht zu bloßem Durchhalten ohne Ziel werden. Ohne Standhaftigkeit könnte Hoffnung bei den ersten Schwierigkeiten aufgegeben werden. Ohne Gebet bestünde die Gefahr, beides vor allem auf menschliche Selbstbeherrschung zu gründen. Paulus verbindet diese Haltungen, weil sie gemeinsam zu einem Leben gehören, das von Vertrauen auf Gott getragen wird.

In Vers 13 wird diese innere Glaubenshaltung wieder unmittelbar mit praktischer Verantwortung verbunden. Paulus fordert die Gläubigen auf, Anteil an den Nöten der Heiligen zu nehmen und sich der Gastfreundschaft zu befleißigen. Damit zeigt er, dass christliche Hoffnung und Gebet nicht zur Gleichgültigkeit gegenüber den Bedürfnissen anderer führen dürfen. Wer Gott um Hilfe bittet, soll zugleich bereit sein, selbst zum Helfer zu werden, wenn er dazu die Möglichkeit hat. Geistliches Leben und praktische Fürsorge gehören zusammen. Die Gemeinschaft der Gläubigen darf sich nicht darauf beschränken, über Liebe zu sprechen, während konkrete Not unbeachtet bleibt.

Mit den „Heiligen“ bezeichnet Paulus hier die Menschen, die durch ihre Zugehörigkeit zu Jesus Christus Gott gehören. Bereits am Anfang seines Briefes hatte er die Christen in Rom als berufene Heilige angesprochen (Römer 1,7). Gemeint ist also nicht eine kleine Gruppe außergewöhnlicher Gläubiger, die aufgrund besonderer Leistungen einen höheren geistlichen Rang erreicht hätten. Die Bezeichnung umfasst die Gemeinschaft der Christen, die Gott für sich berufen hat. Wenn Paulus dazu auffordert, an ihren Nöten Anteil zu nehmen, spricht er folglich von einer Verantwortung innerhalb dieser Glaubensgemeinschaft.

Das griechische Verb koinōneō, das hinter dieser Aufforderung steht, ist mit dem Begriff der Gemeinschaft verbunden. Es kann bedeuten, an etwas teilzuhaben oder etwas mit anderen zu teilen. Paulus fordert daher mehr als ein distanziertes Bedauern über die Schwierigkeiten anderer Menschen. Die Not eines Bruders oder einer Schwester soll nicht grundsätzlich als fremdes Problem angesehen werden. Wer die Möglichkeit besitzt, Unterstützung zu leisten, soll bereit sein, seine Mittel und Fähigkeiten zum Wohl anderer einzusetzen. Dies kann durch materielle Hilfe geschehen, aber auch durch praktische Unterstützung und eine verantwortungsvolle Beteiligung an den Belastungen anderer.

Bereits die ersten christlichen Gemeinden legten großen Wert auf eine solche Fürsorge. In Apostelgeschichte 2,44–45 und 4,32–35 wird berichtet, dass Gläubige ihren Besitz einsetzten, um Bedürftigen innerhalb der Gemeinschaft zu helfen. Diese Berichte zeigen eine außergewöhnliche Bereitschaft zum Teilen. Zugleich muss man beachten, dass daraus nicht ohne Weiteres eine allgemeine Verpflichtung zu einer bestimmten wirtschaftlichen Organisationsform abgeleitet werden kann. In Apostelgeschichte 5,4 macht Petrus deutlich, dass der Besitz des Hananias vor seiner Veräußerung in dessen Verfügung stand. Entscheidend ist daher die freiwillige, aufrichtige Verantwortung füreinander, nicht die Behauptung, jeder Christ müsse sämtliches persönliches Eigentum aufgeben.

Paulus selbst setzte sich wiederholt für die Versorgung bedürftiger Gläubiger ein. Besonders bekannt ist die Sammlung für die Christen in Jerusalem, die er in mehreren Briefen erwähnt. In Römer 15,25–27 berichtet er, dass Gläubige aus Mazedonien und Achaja beschlossen hatten, eine Unterstützung für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem zu leisten. Diese Hilfe war mehr als eine einzelne wohltätige Handlung. Sie brachte die Verbundenheit von Christen unterschiedlicher Herkunft zum Ausdruck. Menschen aus den Völkern unterstützten jüdische Gläubige, mit denen sie durch den gemeinsamen Glauben verbunden waren. Damit wurde eine wesentliche Aussage des Römerbriefs praktisch verwirklicht: Die Zugehörigkeit zu Christus schafft eine Gemeinschaft, die auch über ethnische und gesellschaftliche Grenzen hinaus Verantwortung füreinander übernimmt.

Dabei verlangt christliche Hilfsbereitschaft sowohl Großzügigkeit als auch Verantwortungsbewusstsein. Paulus erklärt in 2. Korinther 8,13–14, dass nicht die einen Erleichterung erhalten sollen, während die anderen dadurch selbst in untragbare Bedrängnis geraten. Vielmehr soll ein angemessener Ausgleich entstehen, bei dem vorhandene Möglichkeiten zur Unterstützung tatsächlicher Bedürfnisse eingesetzt werden. Die gegenseitige Fürsorge darf deshalb weder in Gleichgültigkeit noch in unüberlegte Forderungen umschlagen. Sie soll von Liebe, Gerechtigkeit und einem realistischen Blick auf die vorhandenen Mittel geprägt sein.

Die besondere Verantwortung gegenüber Glaubensgeschwistern bedeutet außerdem nicht, dass Christen Menschen außerhalb der Gemeinde von ihrer Hilfe ausschließen dürften. In Galater 6,10 fordert Paulus ausdrücklich dazu auf, gegenüber allen Menschen Gutes zu tun, besonders aber gegenüber den Glaubensgenossen. Die engere Verbundenheit innerhalb der Gemeinde begründet eine besondere gegenseitige Verantwortung, hebt die allgemeine Pflicht zur Nächstenliebe jedoch nicht auf. Bereits das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt, dass die Frage nach dem Nächsten nicht auf die Angehörigen der eigenen religiösen Gemeinschaft begrenzt werden darf (Lukas 10,25–37). Die Liebe Gottes soll nicht an den Grenzen einer Gemeinde enden.

Die zweite Aufforderung in Vers 13 betrifft die Gastfreundschaft. Paulus schreibt nach der Schlachter 1951: „befleißiget euch der Gastfreundschaft!“ Das griechische Wort philoxenia bezeichnet wörtlich die freundliche Zuwendung zu einem Fremden beziehungsweise die Liebe zum Gast. Dabei geht es um mehr als die gelegentliche Einladung guter Freunde, mit denen man ohnehin gerne Zeit verbringt. Die christliche Gastfreundschaft richtet sich besonders auch an Menschen, die unterwegs sind, Unterstützung benötigen oder noch nicht zu den vertrauten Angehörigen des eigenen Umfelds gehören.

In der antiken Welt hatte Gastfreundschaft eine besondere praktische Bedeutung. Reisende konnten nicht überall auf sichere, erschwingliche oder geeignete Unterkunftsmöglichkeiten zurückgreifen. Private Haushalte spielten deshalb bei der Aufnahme von Gästen eine wichtige Rolle. Auch die Ausbreitung des frühen Christentums war mit Reisen und persönlichen Begegnungen verbunden. Apostel, Mitarbeiter und andere Gläubige waren häufig unterwegs. Da sich christliche Gemeinden vielfach in Häusern versammelten, konnten solche Haushalte zugleich Orte der Begegnung, der gegenseitigen Unterstützung und der Verkündigung werden. Wenn Paulus zur Gastfreundschaft auffordert, spricht er somit eine Haltung an, die für das damalige Gemeindeleben auch ganz praktisch bedeutsam war.

Wie eng Gastfreundschaft und christliche Gemeinschaft miteinander verbunden waren, zeigen verschiedene neutestamentliche Beispiele. In Apostelgeschichte 16,14–15 wird berichtet, dass Lydia nach ihrer Taufe Paulus und seine Begleiter in ihr Haus einlud. In Römer 16,3–5 erwähnt Paulus Priscilla und Aquila sowie die Gemeinde, die sich in ihrem Haus versammelte. Auch der dritte Johannesbrief würdigt die Unterstützung reisender Glaubensbrüder und beschreibt die Bedeutung solcher Hilfe für die gemeinsame Arbeit am Evangelium (3. Johannes 5–8). Diese Berichte zeigen, dass Gastfreundschaft nicht lediglich eine angenehme gesellschaftliche Gewohnheit war. Sie konnte ein unmittelbarer Ausdruck christlicher Verbundenheit und ein wichtiger Beitrag zum Dienst an anderen sein.

Besonders bemerkenswert ist die Formulierung, mit der Paulus zur Gastfreundschaft auffordert. Das griechische Verb diōkō kann bedeuten, etwas nachdrücklich zu verfolgen oder sich ernsthaft darum zu bemühen. Paulus verlangt also nicht nur, dass Gläubige bereitwillig reagieren, wenn sich zufällig eine Gelegenheit ergibt. Sie sollen aktiv nach Möglichkeiten suchen, anderen gastfreundlich zu begegnen. Die Initiative soll nicht ausschließlich von dem Menschen ausgehen, der Unterstützung benötigt. Wer über entsprechende Möglichkeiten verfügt, darf selbst den ersten Schritt tun und Menschen willkommen heißen.

Gastfreundschaft ist dabei mehr als die Bereitstellung eines Schlafplatzes oder einer Mahlzeit. Sie berührt die Frage, wie ein Mensch einem anderen begegnet, der nicht selbstverständlich zu seinem vertrauten Umfeld gehört. Ein Gast kann äußerlich versorgt werden und sich dennoch unerwünscht fühlen, wenn ihm mit Kälte oder Überheblichkeit begegnet wird. Umgekehrt kann selbst eine einfache Einladung großen Wert besitzen, wenn sie mit echter Herzlichkeit verbunden ist. Christliche Gastfreundschaft soll deshalb nicht in erster Linie dazu dienen, den eigenen Wohlstand, das schönste Haus oder besondere Kochkünste vorzuführen. Ihr eigentliches Ziel besteht darin, Menschen mit Würde, Offenheit und Fürsorge zu begegnen.

Im Hebräerbrief wird diese Verantwortung mit den Worten unterstrichen, dass die Bruderliebe bleiben und die Gastfreundschaft nicht vergessen werden soll. Zur Begründung wird daran erinnert, dass manche dadurch, ohne es zu wissen, Engel beherbergt haben (Hebräer 13,1–2). Diese Aussage greift die alttestamentliche Erinnerung an besondere Begegnungen mit göttlichen Boten auf, wie sie etwa in 1. Mose 18 und 19 geschildert werden. Sie bedeutet nicht, dass jeder unbekannte Gast möglicherweise ein Engel sein müsse oder dass Gastfreundschaft nur wegen einer erhofften außergewöhnlichen Begegnung wertvoll sei. Vielmehr erinnert sie daran, dass eine scheinbar gewöhnliche Handlung eine tiefere Bedeutung besitzen kann, als der Gastgeber zunächst erkennt.

Gleichzeitig setzt biblische Gastfreundschaft nicht voraus, jede Vorsichtsmaßnahme aufzugeben oder unbekannten Menschen grundsätzlich uneingeschränkten Zugang zum eigenen Haushalt zu gewähren. Liebe und Verantwortungsbewusstsein gehören zusammen. Wer für Kinder, hilfsbedürftige Angehörige oder andere Menschen Verantwortung trägt, muss auch deren Sicherheit berücksichtigen. Gastfreundschaft kann daher unterschiedliche Formen annehmen, je nach den vorhandenen Möglichkeiten und Umständen. Ein Mensch kann jemanden zu einer Mahlzeit einladen, praktische Unterstützung anbieten, einem Reisenden bei der Suche nach einer Unterkunft helfen oder einen einsamen Menschen bewusst in die Gemeinschaft einbeziehen. Der Grundsatz besteht nicht in einer einzigen vorgeschriebenen Handlung, sondern in der aufrichtigen Bereitschaft, anderen Raum, Zeit und Hilfe zu geben.

Damit schließen sich die Gedanken dieser Verse zu einer zusammenhängenden Beschreibung christlicher Liebe. Paulus beginnt mit ihrer Aufrichtigkeit und ihrer Bindung an das Gute. Anschließend beschreibt er die herzliche Verbundenheit der Gläubigen und die Bereitschaft, einander Ehre zu erweisen. Er fordert einen gewissenhaften und geistlich lebendigen Dienst, erinnert an Hoffnung, Standhaftigkeit und Gebet und führt schließlich zur konkreten Unterstützung Bedürftiger und zur Gastfreundschaft. Die einzelnen Ermahnungen stehen nicht zufällig nebeneinander. Sie zeigen unterschiedliche Lebensbereiche, in denen dieselbe von Gott gewirkte Liebe Gestalt gewinnen soll.

Auffällig ist dabei, dass Paulus weder die innere Haltung noch die äußere Handlung für sich allein genügen lässt. Liebe soll ungeheuchelt sein, aber sie soll sich auch im tatsächlichen Verhalten zeigen. Geistlicher Eifer soll lebendig sein, aber er muss dem Herrn dienen. Hoffnung und Gebet sollen das persönliche Leben tragen, aber sie dürfen nicht von der Verantwortung für andere Menschen getrennt werden. Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft sollen praktisch werden, aber nicht aus bloßem Pflichtgefühl oder dem Wunsch nach Anerkennung geschehen. Die Erneuerung des Denkens, die Paulus zu Beginn des Kapitels beschrieben hat, wird auf diese Weise in alltäglichen Beziehungen sichtbar.

Die Verse machen außerdem deutlich, dass echte christliche Gemeinschaft nicht allein durch organisatorische Strukturen entsteht. Eine Gemeinde kann geordnete Versammlungen, klare Aufgaben und vielfältige Dienste besitzen und dennoch unter gegenseitiger Kälte oder mangelnder Fürsorge leiden. Paulus richtet den Blick deshalb auf die Beziehungen zwischen den Menschen. Wo Liebe aufrichtig ist, wo andere geachtet, Bedürftige unterstützt und Fremde willkommen geheißen werden, wird sichtbar, dass die Gemeinschaft mehr ist als eine Zusammenkunft von Menschen mit denselben religiösen Überzeugungen. Sie soll eine Gemeinschaft sein, in der Gottes Barmherzigkeit das Leben der Einzelnen prägt und durch sie auch anderen zugutekommt.

Mit Vers 13 erreicht dieser Gedankengang einen wichtigen Übergang. Die Gastfreundschaft verlangt bereits die Bereitschaft, über den vertrauten Kreis hinauszublicken. Doch Paulus wird die Anforderungen der Liebe noch weiter ausdehnen. Unmittelbar danach spricht er nicht mehr nur von Brüdern, Schwestern, Bedürftigen und Gästen, sondern ausdrücklich von Menschen, die den Gläubigen feindlich begegnen und sie verfolgen. Bemerkenswert ist, dass im griechischen Text das Verb, mit dem Paulus in Vers 13 zum ernsthaften Bemühen um Gastfreundschaft auffordert, in Vers 14 für das Verfolgen von Menschen wiederkehrt. Während Christen der Gastfreundschaft nachgehen sollen, haben sie es zugleich mit Menschen zu tun, die ihnen feindlich nachstellen. Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt die nächste Aufforderung ihre besondere Schärfe: Die Liebe soll nicht dort enden, wo Menschen auf Ablehnung, Feindschaft oder Unrecht stoßen.

Römer 12,14–16

Segnen statt verfluchen – Mitgefühl und Demut

Nachdem Paulus beschrieben hat, wie aufrichtige Liebe innerhalb der Gemeinde sichtbar werden soll, erweitert er nun den Blick auf eine besonders schwierige Herausforderung. In Römer 12,14 schreibt er: „Segnet die euch verfolgen, segnet und fluchet nicht!“ Diese Aufforderung geht weit über gewöhnliche Freundlichkeit hinaus. Es fällt Menschen vergleichsweise leicht, denen Gutes zu wünschen, die ihnen selbst mit Wertschätzung begegnen. Schwieriger wird es, wenn jemand ihnen absichtlich Schaden zufügt, sie ungerecht behandelt oder wegen ihres Glaubens ablehnt. Gerade in solchen Situationen zeigt sich, wie tief die von Gott gewirkte Veränderung des Herzens reicht. Paulus fordert die Gläubigen dazu auf, ihre Haltung gegenüber anderen Menschen nicht allein von deren Verhalten bestimmen zu lassen. Selbst Feindschaft soll sie nicht dazu bringen, den Wunsch nach persönlicher Vergeltung zu ihrem Maßstab zu machen.

Das griechische Wort eulogeō, das mit „segnen“ übersetzt wird, bedeutet seinem Wortsinn nach, gut über jemanden zu sprechen beziehungsweise ihm Gutes zuzusprechen. Im biblischen Zusammenhang kann es auch den Wunsch ausdrücken, dass Gott einem Menschen Gutes erweist. Wer einen anderen segnet, wünscht ihm daher nicht Schaden oder Verderben, sondern richtet seine Haltung auf dessen Wohl aus. Bei Menschen, die einen verfolgen, ist das besonders bemerkenswert. Paulus fordert nicht lediglich dazu auf, auf offene Feindseligkeit zu verzichten. Er verlangt eine positive Haltung, die dem anderen Gutes wünscht, obwohl dieser selbst Böses tut.

Diese Aufforderung steht in enger Verbindung mit der Lehre Jesu. In Matthäus 5,43–48 erklärt Jesus, dass die Liebe seiner Jünger nicht auf diejenigen beschränkt bleiben darf, die ihnen ebenfalls Liebe entgegenbringen. Sie sollen vielmehr auch ihre Feinde lieben und für ihre Verfolger beten. In Lukas 6,27–28 wird dieser Gedanke durch konkrete Handlungen entfaltet: Denen, die hassen, soll Gutes getan werden, und für Menschen, die andere misshandeln, soll gebetet werden. Paulus entwickelt somit keine von Jesus unabhängige neue Vorstellung. Er greift einen grundlegenden Maßstab der Nachfolge Christi auf und überträgt ihn auf das Leben der Gemeinde.

Jesus begründete diese Haltung mit dem Wesen Gottes. Nach Matthäus 5,45 lässt der himmlische Vater seine Sonne über Böse und Gute aufgehen und Regen über Gerechte und Ungerechte fallen. Gottes Güte ist damit nicht auf Menschen beschränkt, die bereits nach seinem Willen leben. Er erhält auch das Leben derer, die sich ihm widersetzen. Diese allgemeine Fürsorge Gottes bedeutet nicht, dass Gott Gut und Böse für gleichwertig erklärt oder sündiges Verhalten billigt. Sie zeigt vielmehr, dass seine Barmherzigkeit weiter reicht als die menschliche Neigung, nur denen Gutes zu tun, von denen man selbst Gutes empfängt. Wenn Jesus seine Nachfolger zur Feindesliebe auffordert, sollen sie gerade darin etwas von der Gesinnung ihres himmlischen Vaters widerspiegeln.

Damit erhält das Segnen der Verfolger eine tiefere Bedeutung. Ein Christ soll nicht deshalb Gutes wünschen, weil die feindliche Handlung plötzlich gerechtfertigt wäre. Er soll vielmehr zwischen dem Unrecht eines Menschen und dessen bleibender Verantwortung vor Gott unterscheiden. Wer einen anderen verfolgt, handelt möglicherweise schwer sündig. Dennoch ist auch dieser Mensch jemand, den Gott zur Umkehr rufen kann. Paulus selbst ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Bevor er ein Apostel Jesu Christi wurde, hatte er die Gemeinde verfolgt und Christen gefangen nehmen lassen (Apostelgeschichte 8,1–3; 9,1–2). Später bekannte er offen, dass er die Gemeinde Gottes verfolgt hatte (1. Korinther 15,9). Dass gerade dieser frühere Verfolger nun dazu auffordert, Verfolger zu segnen, verleiht seinen Worten ein besonderes Gewicht. Sein eigenes Leben zeigte, dass selbst ein entschiedener Gegner des Evangeliums durch Gottes Gnade verändert werden kann.

Darin liegt ein wichtiger Grund, weshalb der Wunsch nach Umkehr eine angemessene Form des Segnens sein kann. Wer einem Menschen Gutes wünscht, muss nicht hoffen, dass dieser in seinem schädlichen Verhalten erfolgreich bleibt. Wenn jemand andere unterdrückt, betrügt oder verletzt, wäre es kein Ausdruck christlicher Liebe, die Fortsetzung dieses Unrechts zu wünschen. Wirklich gut wäre vielmehr, dass der Mensch seine Schuld erkennt, von seinem falschen Weg umkehrt und lernt, nach Gottes Willen zu leben. Ein Gebet für einen Verfolger kann deshalb die Bitte einschließen, Gott möge ihm die Augen für seine Schuld öffnen, ihn zur Umkehr führen und weiteres Unrecht verhindern.

Paulus wiederholt seine Aufforderung in Vers 14 ausdrücklich und fügt das Verbot des Verfluchens hinzu. Diese Wiederholung unterstreicht, wie ernst er seine Worte meint. Die Gläubigen sollen ihre Verfolger segnen und sich nicht dazu hinreißen lassen, ihnen Verderben zu wünschen. In der Bibel besitzt ein Fluch häufig eine ernstere Bedeutung als eine gewöhnliche beleidigende Bemerkung. Er kann den Wunsch ausdrücken, dass Unheil oder göttliches Gericht über jemanden kommen möge. Paulus warnt damit vor einer Haltung, die aus persönlicher Verletzung heraus nach dem Schaden des anderen verlangt.

Gerade unter Unrecht kann ein solcher Wunsch entstehen. Wer gedemütigt, verleumdet oder bedroht wurde, empfindet möglicherweise Zorn und möchte, dass der Täter etwas von dem Schmerz erfährt, den er verursacht hat. Paulus behandelt diese Gefahr nicht als nebensächlich. Er fordert die Gläubigen dazu auf, dem Wunsch nach Vergeltung nicht die Herrschaft über ihr Verhalten zu überlassen. Darin setzt sich die Erneuerung des Denkens fort, von der bereits in Römer 12,2 die Rede war. Der Mensch soll lernen, nicht jede innere Regung unmittelbar zum Maßstab seines Handelns zu machen. Seine Gefühle sind ernst zu nehmen, doch sie müssen im Licht von Gottes Willen beurteilt werden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Christen das ihnen zugefügte Unrecht leugnen oder ihre Verletzungen als bedeutungslos darstellen müssten. Die Bibel kennt zahlreiche Gebete, in denen Menschen Gott ihre Not, ihre Angst und ihre Empörung über ungerechtes Verhalten vortragen. Besonders die Psalmen zeigen, dass ein Mensch seinen Schmerz ehrlich vor Gott aussprechen darf. Psalm 55 beispielsweise beschreibt tiefes Leiden durch Feindschaft und Vertrauensbruch. Die Aufforderung, Verfolger zu segnen, verbietet daher nicht, Unrecht beim Namen zu nennen oder Gott um Gerechtigkeit und Schutz zu bitten. Sie richtet sich vielmehr gegen die persönliche Feindseligkeit, die den Schaden des anderen zum eigenen Ziel macht.

Ebenso wenig verlangt Paulus, dass ein Mensch sich weiterhin schädlichem Verhalten aussetzen müsste, obwohl er sich schützen könnte. Segnen bedeutet nicht, jede Beziehung unverändert fortzuführen, jedem Menschen uneingeschränkt zu vertrauen oder auf notwendige Schutzmaßnahmen zu verzichten. Jesus selbst lehrte seine Jünger, bei Verfolgung unter bestimmten Umständen in einen anderen Ort zu fliehen (Matthäus 10,23). Auch Paulus nutzte Möglichkeiten, sich vor ungerechter Behandlung und drohender Gewalt zu schützen (Apostelgeschichte 22,25–29; 23,12–24). Christliche Feindesliebe und verantwortlicher Selbstschutz stehen deshalb nicht grundsätzlich im Widerspruch. Ein Mensch kann eine klare Grenze ziehen, Hilfe suchen oder rechtliche Schritte unternehmen und dennoch darauf verzichten, den Täter aus persönlichem Hass heraus zu behandeln.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für das Segnen unter Verfolgung findet sich im Bericht über Stephanus. Während er gesteinigt wurde, betete er zu Jesus und bat darum, dass den Beteiligten diese Sünde nicht angerechnet werden möge (Apostelgeschichte 7,59–60). Stephanus bezeichnete das Geschehen damit nicht als harmlos oder gerecht. Er sprach ausdrücklich von Sünde. Dennoch war sein letztes Gebet nicht von dem Wunsch bestimmt, seine Feinde persönlich zu vernichten. Er überließ die Situation Gott und bat um Barmherzigkeit für die Menschen, die ihm das Leben nahmen.

Dieses Beispiel zeigt zugleich, dass die Aufforderung zur Feindesliebe nicht auf einer Unterschätzung menschlicher Bosheit beruht. Stephanus erlitt tatsächlich schwere Gewalt. Seine Haltung bestand nicht darin, das Unrecht zu beschönigen, sondern darin, sich von ihm nicht zur gleichen Feindseligkeit bestimmen zu lassen. Paulus kannte diesen Bericht nicht nur als späterer Verkündiger. Nach Apostelgeschichte 8,1 hatte er der Tötung des Stephanus zugestimmt. Die Veränderung seines eigenen Lebens macht deutlich, weshalb er später so eindringlich von Gottes Gnade sprechen konnte.

Auch in 1. Korinther 4,12–13 beschreibt Paulus, wie er und seine Mitarbeiter auf Feindseligkeit reagierten. Wenn sie beschimpft wurden, segneten sie; wenn sie verfolgt wurden, hielten sie aus; wenn sie verleumdet wurden, antworteten sie mit freundlichem Zuspruch. Diese Aussagen zeigen, dass Paulus die Ermahnung aus Römer 12 nicht nur als allgemeines Ideal verstand. Er betrachtete sie als Bestandteil seines eigenen apostolischen Dienstes. Seine Nachfolge Christi sollte sich gerade darin bewähren, dass er auf Ablehnung nicht automatisch mit entsprechender Ablehnung antwortete.

Die geforderte Haltung bleibt dennoch eine große geistliche Herausforderung. Sie kann nicht einfach dadurch verwirklicht werden, dass jemand seine Gefühle unterdrückt oder sich selbst befiehlt, keinen Zorn mehr zu empfinden. Besonders bei schweren Verletzungen benötigt ein Mensch möglicherweise Zeit, Schutz und Unterstützung, um das Geschehene zu verarbeiten. Paulus beschreibt hier die Richtung, in die Gottes Gnade den Menschen führen soll. Es geht um eine Gesinnung, die sich nicht dauerhaft vom Wunsch nach Rache beherrschen lässt, sondern Gott das Urteil überlässt. Wie dies im Einzelnen geschieht, kann von den konkreten Umständen abhängen. Die grundsätzliche Aufforderung bleibt jedoch bestehen: Auch das Verhalten eines Feindes soll den Christen nicht dazu bringen, selbst zum Verfechter von Hass und Vergeltung zu werden.

Mit Vers 15 wendet Paulus sich einer anderen Seite der Liebe zu. Während es zuvor um die Haltung gegenüber feindlich gesinnten Menschen ging, beschreibt er nun die Fähigkeit, am inneren Erleben anderer Anteil zu nehmen. Christen sollen sich mit denen freuen, die Grund zur Freude haben, und mit denen weinen, die trauern. Diese Aufforderung erscheint zunächst einfacher als das Segnen von Verfolgern. Sie berührt jedoch eine Schwierigkeit des menschlichen Zusammenlebens: Menschen betrachten die Erfahrungen anderer häufig zuerst aus der Perspektive ihrer eigenen Wünsche, Sorgen und Interessen. Dadurch kann es geschehen, dass sie sich über das Glück eines anderen nicht freuen können oder dessen Leid nicht wirklich wahrnehmen.

Die Freude eines Mitmenschen kann beispielsweise Neid hervorrufen, besonders wenn dieser etwas erhält, wonach man selbst schon lange verlangt. Jemand findet eine erfüllende Aufgabe, während ein anderer beruflich enttäuscht ist. Eine Familie erlebt einen freudigen Anlass, während jemand anderes mit eigenen unerfüllten Hoffnungen ringt. Ein Mensch erhält Anerkennung, nach der sich ein anderer ebenfalls sehnt. In solchen Situationen kann die Versuchung entstehen, die Freude des anderen geringzuschätzen oder innerlich mit ihm zu konkurrieren. Paulus fordert eine andere Haltung. Die Liebe soll den Menschen befähigen, das Gute im Leben eines anderen anzuerkennen, ohne es ständig mit dem eigenen Leben zu vergleichen.

Darin setzt sich die Aufforderung zur gegenseitigen Ehrerbietung aus Vers 10 fort. Wer dem anderen von Herzen Gutes wünscht, muss dessen Freude nicht als persönlichen Verlust empfinden. Er kann dankbar sein, wenn einem anderen etwas gelingt oder wenn dieser eine besondere Hilfe Gottes erfährt. Solche Freude ist ein Ausdruck innerer Freiheit von Neid und Selbstbezogenheit. Sie bedeutet nicht, dass eigene unerfüllte Wünsche bedeutungslos wären. Ein Mensch darf über seine persönliche Situation traurig sein und sich dennoch bewusst darum bemühen, dem anderen sein Glück zu gönnen. Christliche Liebe fordert nicht, alle eigenen Empfindungen zu verleugnen, sondern ihnen nicht die alleinige Herrschaft über den Umgang mit anderen zu überlassen.

Besonders wertvoll ist diese Haltung innerhalb der Gemeinde. Wenn Gott einem Menschen eine besondere Gabe schenkt, ihm eine neue Aufgabe eröffnet oder seinen Dienst segnet, sollen andere dies nicht als Bedrohung ihrer eigenen Bedeutung betrachten. Paulus hatte bereits erklärt, dass die unterschiedlichen Glieder des Leibes einander ergänzen. Deshalb soll der Erfolg eines Gliedes nicht zum Anlass für Konkurrenz werden. In 1. Korinther 12,26 beschreibt er denselben Zusammenhang mit dem Hinweis, dass sich alle Glieder mitfreuen, wenn eines geehrt wird. Die Freude des Einzelnen wird so zu einer Freude der Gemeinschaft.

Zugleich verlangt Paulus von den Gläubigen, mit den Weinenden zu weinen. Diese zweite Aufforderung richtet den Blick auf Menschen, die Schmerz, Verlust, Angst oder Enttäuschung erleben. Während die Freude eines anderen Neid auslösen kann, wird fremdes Leid oft durch Gleichgültigkeit oder vorschnelle Urteile auf Abstand gehalten. Es ist möglich, das Unglück eines Menschen zur Kenntnis zu nehmen, ohne sich wirklich mit seiner Situation zu beschäftigen. Manchmal versuchen Menschen auch, eine schmerzhafte Erfahrung möglichst schnell mit gut gemeinten religiösen Worten zu erklären, obwohl der Betroffene zunächst jemanden braucht, der zuhört und seine Trauer ernst nimmt.

Das Weinen mit den Weinenden bedeutet deshalb mehr als das äußere Nachahmen ihrer Gefühle. Paulus verlangt nicht, dass jeder Mensch in jeder Situation tatsächlich Tränen vergießen müsste. Manche Menschen drücken Mitgefühl eher durch ruhige Gegenwart, aufmerksames Zuhören oder praktische Hilfe aus. Entscheidend ist die Bereitschaft, den Schmerz des anderen nicht geringzuschätzen. Christliches Mitgefühl lässt dem Leidenden Raum für seine Trauer und begegnet ihm nicht mit dem Vorwurf, sein Schmerz beweise einen Mangel an Glauben.

Jesus selbst gibt dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Als er zum Grab des Lazarus kam und Maria sowie die anderen Trauernden sah, wurde er tief bewegt und weinte (Johannes 11,33–35). Dabei berichtet das Johannesevangelium ausdrücklich, dass Jesus Lazarus anschließend von den Toten auferwecken würde. Sein Wissen um die bevorstehende Auferweckung machte die Trauer der Menschen dennoch nicht bedeutungslos. Er nahm ihren Schmerz ernst und begegnete ihnen nicht mit kalter Distanz. Darin zeigt sich, dass Hoffnung und Mitgefühl keine Gegensätze sind. Wer auf Gottes zukünftige Wiederherstellung vertraut, darf dennoch über das gegenwärtige Leid weinen.

Dieser Zusammenhang ist für das christliche Verständnis der Auferstehung besonders wichtig. In 1. Thessalonicher 4,13–18 erklärt Paulus, dass die Gläubigen über ihre Verstorbenen nicht so trauern sollen wie Menschen, die keine Hoffnung haben. Er verbietet ihnen damit nicht die Trauer. Vielmehr unterscheidet er zwischen einer Trauer ohne Hoffnung und einer Trauer, die von der Verheißung der Auferstehung getragen wird. Wer einen geliebten Menschen verloren hat, darf den Schmerz der Trennung empfinden und gleichzeitig auf Gottes zukünftiges Handeln vertrauen. Deshalb können Christen mit Trauernden weinen, ohne dadurch ihre Hoffnung auf Christus aufzugeben.

Das Mitgefühl der Gemeinde hat außerdem eine praktische Bedeutung. Wenn ein Mensch schwer belastet ist, kann die Anteilnahme anderer verhindern, dass er mit seinem Schmerz völlig allein bleibt. Ein Besuch, ein Gespräch, eine hilfreiche Handlung oder die Bereitschaft, auch nach längerer Zeit noch nachzufragen, können Ausdruck solcher Liebe sein. Dabei lässt sich echte Anteilnahme nicht allein daran messen, wie eindrucksvoll jemand seine Gefühle ausdrückt. Entscheidend ist, ob er den anderen als Menschen wahrnimmt, dessen Wohlergehen ihm am Herzen liegt. Die Aufforderung des Paulus führt damit erneut zur Vorstellung des einen Leibes zurück. Die Glieder gehören zusammen und sollen deshalb nicht gleichgültig bleiben, wenn eines von ihnen leidet.

Gleichzeitig schützt die Verbindung von Freude und Trauer davor, christliche Gemeinschaft nur auf die Bewältigung von Problemen zu beschränken. Es ist wichtig, Bedürftige zu unterstützen und Trauernde zu begleiten. Doch eine Gemeinschaft, in der ausschließlich über Schwierigkeiten gesprochen wird, würde einen wesentlichen Teil menschlichen Lebens übersehen. Paulus fordert ausdrücklich dazu auf, auch die Freude anderer zu teilen. Die Gläubigen sollen einander nicht nur in der Not beistehen, sondern ebenso dankbar Anteil nehmen, wenn jemand Grund zur Freude hat. Gerade diese Verbindung schafft eine Gemeinschaft, in der Menschen mit ihren unterschiedlichen Lebenserfahrungen wahrgenommen werden.

Dabei verlangt das Mitgefühl geistliches Unterscheidungsvermögen. Nicht jede Freude eines Menschen bezieht sich auf etwas Gutes, und nicht jede Trauer entsteht aus einer gerechten Haltung. Wer sich beispielsweise über das Unrecht freut, das einem anderen zugefügt wurde, kann nicht erwarten, dass Christen diese Freude gutheißen. Ebenso kann die Trauer über einen vereitelten sündigen Plan nicht dazu führen, dass dessen Durchführung unterstützt werden müsste. Paulus hatte in Vers 9 ausdrücklich gefordert, das Böse zu verabscheuen und am Guten festzuhalten. Die Aufforderung zur Anteilnahme muss deshalb in diesem Zusammenhang verstanden werden. Christliche Liebe nimmt die Gefühle anderer ernst, ohne das Urteil über Gut und Böse aufzugeben.

In Vers 16 führt Paulus die Gedanken über Mitgefühl und gegenseitige Verantwortung zur Frage der gemeinsamen Gesinnung. Nach der Schlachter 1951 fordert er die Gläubigen auf, gleichgesinnt gegeneinander zu sein. Das griechische Verb phroneō beschreibt eine innere Ausrichtung des Denkens und Urteilens. Bereits in Römer 12,3 hatte Paulus mehrere verwandte Ausdrücke verwendet, um vor Selbstüberschätzung zu warnen. Nun greift er dieselbe Gedankenwelt erneut auf. Die Veränderung des Denkens, mit der das Kapitel begonnen hatte, soll die Beziehungen zwischen den Gläubigen prägen. Es geht nicht allein darum, wie jemand über sich selbst denkt, sondern auch darum, welche Haltung er gegenüber anderen einnimmt.

Die Aufforderung zur Gleichgesinntheit darf nicht mit einer Forderung nach vollständiger Gleichförmigkeit verwechselt werden. Paulus verlangt nicht, dass alle Christen dieselbe Persönlichkeit besitzen, über jede praktische Frage identisch urteilen oder niemals unterschiedliche Auffassungen vertreten dürften. Gerade im weiteren Verlauf des Römerbriefs wird er auf Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Gemeinde eingehen und erklären, wie die Gläubigen in Fragen unterschiedlicher Überzeugung miteinander umgehen sollen (Römer 14,1–13). Die geforderte Gleichgesinntheit bezeichnet deshalb vor allem eine gemeinsame Ausrichtung auf Christus und eine Haltung gegenseitiger Liebe, Demut und Rücksichtnahme.

Eine enge Parallele findet sich in Philipper 2,1–5. Dort fordert Paulus die Gläubigen auf, dieselbe Liebe zu besitzen, eines Sinnes zu sein und nichts aus Selbstsucht oder nichtigem Ehrgeiz zu tun. Anschließend verweist er auf die Gesinnung Jesu Christi, der sich erniedrigte und gehorsam wurde bis zum Tod am Kreuz. Die Einheit der Gemeinde gründet damit nicht auf dem Anspruch, dass jeder seine eigenen Vorstellungen gegen alle anderen durchsetzt. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, ihre persönlichen Interessen dem Willen Christi unterzuordnen und einander in Liebe zu dienen.

Ein solches Miteinander erfordert die Bereitschaft, die Perspektive anderer ernst zu nehmen. Wer ausschließlich darauf bedacht ist, seine eigene Meinung durchzusetzen, wird Schwierigkeiten haben, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die anders denken. Paulus hatte bereits in Vers 15 gezeigt, dass Liebe Anteilnahme verlangt. Nun wird deutlich, dass sie ebenso die Bereitschaft einschließt, nicht ständig sich selbst zum Mittelpunkt zu machen. Die Freude und der Schmerz anderer sollen wahrgenommen werden, ihre Bedürfnisse sollen berücksichtigt werden, und ihre Würde darf nicht von der Frage abhängig gemacht werden, ob sie den eigenen Vorstellungen entsprechen.

Unmittelbar danach warnt Paulus davor, nach hohen Dingen zu trachten. Diese Aufforderung ist eng mit seiner bisherigen Warnung vor Selbstüberschätzung verbunden. Menschen können danach streben, sich durch besondere Stellungen, gesellschaftliche Anerkennung oder den Umgang mit einflussreichen Personen über andere zu erheben. Auch innerhalb einer religiösen Gemeinschaft besteht die Gefahr, dass Aufgaben und Verantwortlichkeiten nach ihrem Ansehen beurteilt werden. Wer öffentlich sichtbar ist, kann dadurch bedeutender erscheinen als jemand, dessen Dienst im Verborgenen geschieht. Paulus widerspricht einer solchen Denkweise. Das Streben nach persönlicher Größe soll nicht den Umgang der Gläubigen bestimmen.

Dabei verbietet der Apostel nicht grundsätzlich verantwortungsvolle Aufgaben, anspruchsvolle Arbeit oder den Wunsch, Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Er hatte selbst erklärt, dass Menschen, die Leitungsaufgaben übernehmen, diese mit Fleiß ausüben sollen (Römer 12,8). Auch an anderen Stellen spricht er positiv von ernsthaftem Einsatz und geistlichem Wachstum. Seine Warnung richtet sich daher nicht gegen jede Form von Verantwortung oder persönlicher Entwicklung. Sie richtet sich gegen eine hochmütige Haltung, bei der der Mensch vor allem nach Ansehen strebt und andere aufgrund ihrer geringeren Stellung verachtet. Nicht die Größe einer Aufgabe ist das Problem, sondern die Selbstüberhebung, die daraus entstehen kann.

Als Gegensatz fordert Paulus dazu auf, sich zu den Niedrigen zu halten. Diese Formulierung besitzt im griechischen Text eine gewisse sprachliche Offenheit. Das Wort tapeinos kann sich auf Menschen niedriger gesellschaftlicher Stellung beziehen, aber auch auf niedrige oder unscheinbare Dinge und Aufgaben. Deshalb wird die Wendung unterschiedlich verstanden. Nach der einen Deutung sollen die Gläubigen bewusst die Gemeinschaft mit einfachen, wenig angesehenen Menschen suchen. Nach der anderen sollen sie bereit sein, auch unscheinbare Aufgaben und bescheidene Lebensverhältnisse anzunehmen. Beide Bedeutungen passen zum unmittelbaren Zusammenhang, in dem Paulus vor Hochmut warnt und zur gegenseitigen Achtung auffordert.

Wird die Wendung auf Menschen bezogen, enthält sie eine besonders wichtige Aussage über den Umgang mit gesellschaftlichen Unterschieden. Die Gläubigen sollen ihre Beziehungen nicht ausschließlich auf Menschen richten, deren Ansehen, Bildung, Besitz oder Einfluss ihnen persönliche Vorteile bringen könnte. Wer zu Christus gehört, darf andere nicht deshalb geringschätzen, weil sie arm, wenig gebildet oder gesellschaftlich unbedeutend erscheinen. Die Gemeinde soll ein Ort sein, an dem Menschen nicht nach den üblichen Rangordnungen beurteilt werden. Ihre Zugehörigkeit zu Christus und ihre von Gott verliehene Würde besitzen ein höheres Gewicht als gesellschaftliche Anerkennung.

Der Jakobusbrief behandelt eine verwandte Gefahr besonders anschaulich. In Jakobus 2,1–9 wird beschrieben, wie ein reich gekleideter Besucher bevorzugt behandelt wird, während einem armen Menschen ein niedriger Platz zugewiesen wird. Jakobus verurteilt eine solche Bevorzugung, weil sie dem Glauben an Jesus Christus widerspricht. Das Beispiel zeigt, wie leicht gesellschaftliche Wertmaßstäbe selbst in die Gemeinschaft der Gläubigen eindringen können. Die äußerliche Erscheinung eines Menschen wird dann zum Maßstab seiner Bedeutung, obwohl Gott selbst nicht nach solchen Kriterien urteilt. Die Aufforderung in Römer 12,16 verlangt eine andere Haltung: Niemand soll aufgrund seines geringen gesellschaftlichen Ansehens als unwichtig behandelt werden.

Wird die Wendung dagegen auf niedrige oder unscheinbare Aufgaben bezogen, ergibt sich eine ebenso wichtige Anwendung. Ein Christ soll sich nicht für Tätigkeiten zu schade sein, die wenig Anerkennung bringen. Wer anderen dienen möchte, muss bereit sein, auch einfache Arbeiten zu übernehmen. Das kann bedeuten, einem Bedürftigen bei alltäglichen Aufgaben zu helfen, einen Raum vorzubereiten, für Ordnung zu sorgen oder eine Verantwortung wahrzunehmen, die niemand öffentlich hervorhebt. Solche Tätigkeiten besitzen ihren Wert nicht deshalb, weil sie besonders angesehen sind, sondern weil sie zum Wohl anderer beitragen.

Jesus selbst hat diesen Grundsatz durch sein Verhalten bestätigt. Als er seinen Jüngern die Füße wusch, übernahm er bewusst einen Dienst, der gewöhnlich nicht mit der Stellung eines Herrn und Lehrers verbunden wurde (Johannes 13,3–17). Anschließend erklärte er seinen Jüngern, dass sie seinem Beispiel folgen sollten. Damit stellte er die üblichen Vorstellungen menschlicher Größe infrage. Seine Autorität wurde nicht dadurch geringer, dass er eine niedrige Aufgabe übernahm. Vielmehr offenbarte sich in seinem Dienst die Gesinnung, die auch seine Nachfolger prägen sollte. Größe im Reich Gottes zeigt sich nicht in der Weigerung, einfache Aufgaben auszuführen, sondern in der Bereitschaft, anderen zu dienen.

Beide möglichen Bedeutungen von Römer 12,16 führen somit zu einem gemeinsamen Grundsatz. Der Christ soll weder Menschen geringer gesellschaftlicher Stellung verachten noch unscheinbare Aufgaben grundsätzlich ablehnen. Wer sich allein dort aufhält, wo ihm Anerkennung und Vorteile winken, hat den Geist der christlichen Demut noch nicht verstanden. Ebenso wenig kann jemand behaupten, Christus nachzufolgen, während er diejenigen geringachtet, denen Christus selbst mit Liebe und Würde begegnet ist.

Diese Haltung wird durch die abschließende Warnung von Vers 16 noch einmal vertieft. Paulus fordert die Gläubigen auf, sich nicht selbst für klug zu halten. Damit richtet er sich gegen eine besonders schwer erkennbare Form des Hochmuts. Ein Mensch kann seine äußere Stellung bescheiden einschätzen und dennoch innerlich überzeugt sein, grundsätzlich besser zu urteilen als andere. Er hält seine Ansichten für besonders zuverlässig und nimmt abweichende Überlegungen kaum ernst. Seine eigene Einsicht wird zum Maßstab, an dem er die Gedanken anderer beurteilt. Paulus warnt davor, eine solche Selbstgewissheit mit wirklicher Weisheit zu verwechseln.

Bereits im Alten Testament findet sich eine entsprechende Mahnung. In Sprüche 3,7 wird davor gewarnt, in den eigenen Augen weise zu sein. Stattdessen soll der Mensch den Herrn fürchten und vom Bösen weichen. Diese Verbindung ist wichtig, weil sie zeigt, dass wahre Weisheit nicht mit uneingeschränktem Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen beginnt. Sie setzt vielmehr die Anerkennung voraus, dass Gott der höchste Maßstab für Wahrheit und Gerechtigkeit ist. Ein Mensch kann viel wissen und dennoch irren. Er kann in manchen Fragen richtig urteilen und in anderen von persönlichen Vorlieben, unvollständigen Informationen oder verborgenen Motiven beeinflusst sein.

Auch im Römerbrief hatte Paulus diese Gefahr bereits angesprochen. In Römer 11,25 erklärte er den Gläubigen aus den Völkern ein Geheimnis im Zusammenhang mit Israels Verstockung und Gottes Heilsplan, damit sie sich nicht selbst für klug hielten. Dort bestand die besondere Gefahr, aus der eigenen Stellung innerhalb des göttlichen Erlösungsplans eine überhebliche Haltung gegenüber Israel abzuleiten. Der Gedanke war also bereits vorbereitet, bevor Paulus in Kapitel 12 die praktischen Beziehungen innerhalb der Gemeinde behandelte. Die empfangene Gnade soll nicht zu geistlichem Stolz führen. Gerade Menschen, die Gottes Wahrheit erkannt haben, müssen sich davor hüten, ihre Erkenntnis zur Grundlage persönlicher Überlegenheit zu machen.

Das bedeutet nicht, dass Christen ihre Überzeugungen aufgeben oder jede Aussage anderer Menschen ungeprüft übernehmen müssten. Paulus hatte zu Beginn des Kapitels ausdrücklich gefordert, durch die Erneuerung des Denkens Gottes Willen zu prüfen. Geistliche Demut und ernsthafte Überzeugung schließen einander deshalb nicht aus. Ein Mensch kann aufgrund klarer biblischer Aussagen fest zu einer Wahrheit stehen und dennoch bereit sein, seine eigenen Schlussfolgerungen sorgfältig zu überprüfen. Er kann Irrtum zurückweisen, ohne den Irrenden zu verachten. Ebenso kann er anderen zuhören, ohne deshalb jeden Standpunkt für gleich richtig erklären zu müssen.

Gerade im Umgang mit der Heiligen Schrift ist diese Unterscheidung bedeutsam. Wer Gottes Wort auslegt, trägt Verantwortung dafür, den tatsächlichen Inhalt eines Textes zu erfassen und nicht die eigenen Vorstellungen hineinzulegen. Die Warnung, sich nicht selbst für klug zu halten, ermutigt deshalb zu einer Haltung des sorgfältigen Prüfens. Sie schützt vor der Versuchung, persönliche Gewissheit mit göttlicher Unfehlbarkeit zu verwechseln. Die Autorität liegt bei Gottes Wort, nicht bei der bloßen Überzeugungskraft des Auslegers. Diese Demut ist kein Zeichen geistlicher Schwäche, sondern eine Voraussetzung dafür, immer tiefer in der Wahrheit zu wachsen.

Die Verse 14–16 lassen erkennen, wie umfassend Paulus die christliche Liebe versteht. Sie soll nicht allein in freundlichen Worten gegenüber vertrauten Menschen bestehen. Sie verändert den Umgang mit Verfolgern, die Reaktion auf das Glück und Leid anderer sowie die Haltung gegenüber gesellschaftlichen Unterschieden. Sie schützt davor, andere Menschen aufgrund ihrer Stellung geringzuschätzen oder sich selbst zum höchsten Maßstab des richtigen Denkens zu machen. In allen diesen Bereichen fordert Paulus eine Gesinnung, die nicht von Selbstsucht, Neid oder Hochmut beherrscht wird.

Bemerkenswert ist, dass die verschiedenen Aufforderungen auf denselben geistlichen Ursprung zurückführen. Wer Gottes Barmherzigkeit verstanden hat, weiß, dass er selbst auf unverdiente Gnade angewiesen ist. Deshalb besitzt er keinen Grund, andere grundsätzlich zu verachten. Wer durch den Heiligen Geist ein neues Leben empfangen hat, soll lernen, auch seinen Verfolgern nicht aus Hass zu begegnen. Wer zu dem einen Leib Christi gehört, soll die Freude und das Leid seiner Glaubensgeschwister nicht gleichgültig betrachten. Und wer erkennt, dass Gott der Ursprung wahrer Weisheit ist, wird vorsichtiger darin, seine eigenen Gedanken über alle anderen zu erheben.

Gerade die Verbindung von Feindesliebe und Demut ist dabei von besonderer Bedeutung. Hochmut kann dazu führen, dass ein Mensch andere aufgrund ihrer Fehler oder ihrer feindlichen Haltung vollständig abschreibt. Die Barmherzigkeit Gottes eröffnet dagegen die Möglichkeit, auch im Gegner einen Menschen zu sehen, der zur Umkehr gerufen ist. Das bedeutet nicht, dass dessen Taten weniger ernst genommen werden. Vielmehr wird die eigene Reaktion nicht allein durch die Schuld des anderen bestimmt. Der Christ soll sich darum bemühen, seine Haltung an Gottes Wesen auszurichten und das Urteil über das endgültige Schicksal eines Menschen nicht eigenmächtig an sich zu reißen.

Mit diesen Gedanken bereitet Paulus zugleich den nächsten Abschnitt vor. Das Segnen der Verfolger in Vers 14 enthält bereits den Grundsatz, den er ab Vers 17 noch deutlicher entfalten wird. Christen sollen auf erlittenes Unrecht nicht mit neuem Unrecht antworten. Nachdem Paulus zunächst die innere Haltung beschrieben hat, richtet er den Blick nun auf das konkrete Verhalten gegenüber Menschen, die Böses tun. Dabei wird er die Frage aufgreifen, wie weit die persönliche Verantwortung für den Frieden reicht und weshalb der Mensch die Vergeltung letztlich Gott überlassen soll. So führt die Liebe, die sich im Segnen, Mitfühlen und in der Demut zeigt, unmittelbar zu einer der anspruchsvollsten Forderungen des christlichen Lebens: auf das Böse nicht mit Bösem zu antworten.

Römer 12,17–18

Das Böse nicht vergelten und nach Frieden streben

Nachdem Paulus die Gläubigen dazu aufgefordert hat, selbst ihre Verfolger zu segnen und anderen Menschen mit Demut und Mitgefühl zu begegnen, richtet er den Blick nun auf den konkreten Umgang mit erlittenem Unrecht. In Römer 12,17 schreibt er: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem!“ Diese kurze Aufforderung gehört zu den anspruchsvollsten Grundsätzen christlicher Lebensführung. Denn sie betrifft Situationen, in denen ein Mensch nicht nur mit unterschiedlichen Meinungen oder unangenehmen Charaktereigenschaften anderer konfrontiert wird, sondern tatsächlich Unrecht erfährt. Jemand kann verleumdet, betrogen, gedemütigt, beleidigt oder absichtlich benachteiligt werden. In solchen Augenblicken entsteht leicht der Wunsch, dem anderen etwas von dem zurückzugeben, was man selbst erlitten hat. Paulus fordert jedoch dazu auf, die eigene Reaktion nicht von diesem Verlangen bestimmen zu lassen. Das Unrecht eines anderen soll nicht zum Anlass werden, selbst Unrecht zu begehen.

Besonders wichtig ist dabei das Wort „niemandem“. Paulus beschränkt seine Aufforderung nicht auf den Umgang mit Glaubensgeschwistern oder Menschen, denen man ohnehin nahesteht. Sie gilt grundsätzlich gegenüber jedem Menschen. Ob jemand zur eigenen Familie, zur Gemeinde oder zu einer anderen gesellschaftlichen Gruppe gehört, verändert den moralischen Maßstab nicht. Auch die Schwere einer persönlichen Kränkung gibt dem Betroffenen nicht automatisch das Recht, seinerseits Böses zu tun. Damit setzt Paulus die Gedanken der vorhergehenden Verse fort. In Vers 14 hatte er ausdrücklich zum Segnen der Verfolger aufgefordert. Nun beschreibt er die entsprechende Grenze für das eigene Handeln: Die Bosheit des anderen darf nicht durch eine neue böse Handlung beantwortet werden.

Der Gedanke der Vergeltung berührt ein tiefes menschliches Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Wenn jemand absichtlich Schaden verursacht, empfinden die Betroffenen häufig, dass ein solcher Angriff nicht folgenlos bleiben dürfe. Dieses Empfinden ist nicht grundsätzlich falsch. Die Bibel behandelt Gerechtigkeit keineswegs als nebensächlich. Gott verurteilt Unterdrückung, Betrug, Gewalt und die Missachtung der Rechte anderer Menschen. Bereits im Alten Testament forderte er sein Volk dazu auf, gerecht zu urteilen und besonders diejenigen zu schützen, die sich gegen Unrecht nur schwer verteidigen konnten (3. Mose 19,15; 5. Mose 16,18–20; Jesaja 1,17). Paulus verlangt deshalb nicht, das eigene Empfinden für Recht und Unrecht aufzugeben. Er unterscheidet vielmehr zwischen dem berechtigten Anliegen, dass Gerechtigkeit geschieht, und dem persönlichen Wunsch, erlittenes Unrecht durch neues Unrecht auszugleichen.

Diese Unterscheidung ist entscheidend. Wer nach Gerechtigkeit sucht, möchte, dass das Unrecht erkannt, begrenzt und angemessen behandelt wird. Wer dagegen von Rache beherrscht wird, richtet seinen Blick besonders darauf, dass der Täter selbst Schmerz, Demütigung oder Verlust erfährt. Beide Haltungen können äußerlich ähnlich erscheinen, besitzen aber eine unterschiedliche innere Ausrichtung. Ein Mensch kann beispielsweise einen Betrug zur Anzeige bringen, damit die Tat untersucht, weiterer Schaden verhindert und ein rechtmäßiger Ausgleich ermöglicht wird. Er kann aber auch versuchen, den Täter durch Lügen, Drohungen oder persönliche Schädigung zu bestrafen. Paulus verbietet nicht jedes verantwortliche Vorgehen gegen Unrecht. Er warnt davor, dabei selbst die Grenze zum Bösen zu überschreiten.

Eine verwandte Aussage findet sich in 1. Thessalonicher 5,15. Dort fordert Paulus die Gläubigen auf, darauf zu achten, dass niemand Böses mit Bösem vergelte, sondern stets dem Guten nachzustreben, sowohl untereinander als auch gegenüber allen Menschen. Die Ähnlichkeit mit Römer 12,17 ist auffällig. In beiden Briefen verbindet Paulus die Ablehnung persönlicher Vergeltung mit der bewussten Ausrichtung auf das Gute. Es genügt ihm also nicht, dass Christen auf bestimmte feindselige Handlungen verzichten. Sie sollen eine Lebenshaltung entwickeln, die aktiv nach dem sucht, was gut und richtig ist. Der Verzicht auf Vergeltung ist nicht bloß eine äußere Einschränkung, sondern Ausdruck einer veränderten inneren Gesinnung.

Noch enger lässt sich der Gedanke mit 1. Petrus 3,8–12 verbinden. Dort werden die Gläubigen ebenfalls dazu aufgefordert, nicht Böses mit Bösem oder Schmähung mit Schmähung zu vergelten, sondern stattdessen zu segnen. Anschließend greift Petrus Psalm 34 auf, wo dazu ermahnt wird, sich vom Bösen abzuwenden, Gutes zu tun und den Frieden zu suchen. Diese Verbindung zeigt, dass das Verbot persönlicher Vergeltung keine isolierte Anweisung des Paulus ist. Es gehört zu einer umfassenden biblischen Linie, in der gerechtes Verhalten, verantwortlicher Umgang mit Worten und die bewusste Suche nach Frieden miteinander verbunden sind. Gerade im ersten Petrusbrief wird dieser Grundsatz Menschen vermittelt, die wegen ihres Glaubens mit Anfeindungen und Leiden rechnen mussten. Er setzt also keine konfliktfreie Umgebung voraus.

Seinen tiefsten Ausdruck findet dieser Grundsatz im Leben Jesu Christi. In der Bergpredigt hatte Jesus gelehrt, dass seine Nachfolger erlittenes Unrecht nicht durch persönliche Vergeltung beantworten sollen (Matthäus 5,38–42). Anschließend forderte er sie auf, ihre Feinde zu lieben und für ihre Verfolger zu beten. Dabei stellte er nicht das Unrecht als etwas Gutes dar. Vielmehr zeigte er, dass das Verhalten seiner Jünger von einem anderen Maßstab bestimmt werden soll als dem Wunsch nach persönlicher Rache. Sie sollen sich nicht von der Feindschaft anderer dazu bringen lassen, dieselbe Gesinnung zu übernehmen.

Besonders deutlich wurde dies während des Leidens Jesu. Als er verspottet, misshandelt und schließlich gekreuzigt wurde, reagierte er nicht mit persönlicher Vergeltung. Nach 1. Petrus 2,23 schmähte er nicht zurück, als er geschmäht wurde, und drohte nicht, als er litt. Stattdessen übergab er seine Sache dem, der gerecht richtet. Damit verband sich der Verzicht auf Rache mit dem Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit. Jesus musste das Unrecht nicht für gerecht erklären, um auf persönliche Vergeltung zu verzichten. Er konnte es ertragen, ohne selbst die Gesinnung seiner Peiniger anzunehmen. Sein Verhalten bildet deshalb eine wesentliche Grundlage für die Ermahnung des Paulus.

Allerdings darf aus dem Vorbild Jesu nicht geschlossen werden, dass Christen jede ungerechte Behandlung widerspruchslos hinnehmen oder sich grundsätzlich jeder Form von Selbstschutz enthalten müssten. Als Jesus vor dem Hohenpriester geschlagen wurde, fragte er nach dem Grund dieser Handlung und forderte denjenigen, der ihn geschlagen hatte, auf, das angebliche Unrecht seiner Worte nachzuweisen (Johannes 18,22–23). Er reagierte nicht mit einem Gegenschlag, schwieg aber auch nicht so, als sei die Misshandlung gerechtfertigt. Damit zeigt sein Beispiel, dass der Verzicht auf Vergeltung durchaus mit einer klaren Benennung des Unrechts verbunden sein kann.

Auch Paulus selbst handelte nicht so, als müsse ein Christ auf sämtliche Möglichkeiten verzichten, sich gegen ungerechte Behandlung zu schützen. In Apostelgeschichte 16,37–39 machte er nach seiner unrechtmäßigen Behandlung in Philippi auf seine Rechte als römischer Bürger aufmerksam. Später berief er sich erneut auf diese Rechte, als er ohne rechtmäßige Grundlage ausgepeitscht werden sollte (Apostelgeschichte 22,25–29). In Apostelgeschichte 25,10–12 nahm er die Möglichkeit wahr, sich auf den Kaiser zu berufen. Diese Ereignisse zeigen, dass Paulus zwischen persönlicher Rache und rechtmäßiger Verteidigung unterschied. Er konnte dazu auffordern, Böses nicht mit Bösem zu vergelten, und zugleich vorhandene rechtliche Mittel nutzen.

Darin liegt eine wichtige Orientierung für schwierige Lebenssituationen. Wer Opfer von Gewalt, Missbrauch, Betrug oder anderen Formen schweren Unrechts wird, muss das Geschehene nicht verbergen, den Täter schützen oder auf notwendige Hilfe verzichten. Es kann richtig und notwendig sein, sich in Sicherheit zu bringen, vertrauenswürdige Menschen einzubeziehen oder zuständige Stellen zu verständigen. Besonders wenn weitere Menschen gefährdet sind, kann verantwortliches Handeln sogar verlangen, dass Unrecht aufgedeckt und begrenzt wird. Die Aufforderung des Paulus richtet sich gegen die persönliche Vergeltung, nicht gegen die Wahrnehmung von Wahrheit, Gerechtigkeit und Schutzverantwortung.

Zugleich reicht die Aussage über äußerliche Handlungen hinaus. Ein Mensch kann zwar darauf verzichten, sich offen zu rächen, innerlich aber weiterhin den Wunsch pflegen, der andere möge möglichst großen Schaden erleiden. Er kann sich bei jeder Gelegenheit an dessen Fehlern erfreuen oder darauf hoffen, dass dessen Leben scheitert. Solche Gedanken zeigen, wie tief das Verlangen nach Vergeltung im Herzen verwurzelt sein kann. Paulus hatte jedoch bereits am Anfang des Kapitels von der Erneuerung des Denkens gesprochen. Die Veränderung soll deshalb nicht erst dort beginnen, wo ein Mensch seine Hände oder seine Worte beherrscht. Auch seine innere Haltung gegenüber dem Unrecht und demjenigen, der es begangen hat, soll zunehmend unter Gottes Einfluss stehen.

Dies bedeutet nicht, dass Verletzung, Zorn oder Enttäuschung sofort verschwinden müssten. Die Bibel kennt den Schmerz derer, denen Unrecht zugefügt wurde, und sie fordert nicht dazu auf, ihn einfach zu leugnen. In Epheser 4,26 wird sogar ausdrücklich zwischen dem Zorn und der daraus möglichen Sünde unterschieden. Zorn kann eine verständliche Reaktion auf tatsächliches Unrecht sein. Entscheidend ist jedoch, wie ein Mensch mit ihm umgeht. Wenn er sich dauerhaft vom Wunsch nach Vergeltung beherrschen lässt, besteht die Gefahr, dass das erlittene Böse sein weiteres Denken und Handeln bestimmt. Paulus ruft dazu auf, diese Entwicklung zu durchbrechen, bevor aus einer erlittenen Verletzung neue Schuld entsteht.

Auf das Verbot der Vergeltung folgt in Vers 17 eine zweite Aufforderung: „Befleißiget euch dessen, was in aller Menschen Augen edel ist!“ Damit ergänzt Paulus die Ablehnung des Bösen durch eine positive Lebensausrichtung. Christen sollen nicht lediglich bestimmte Handlungen vermeiden, sondern sich bewusst um das bemühen, was als gut, ehrenhaft und anständig erkannt werden kann. Die Formulierung verbindet das eigene Verhalten mit seiner Wahrnehmbarkeit für andere Menschen. Paulus betrachtet den christlichen Glauben also nicht als eine ausschließlich persönliche Angelegenheit, deren Auswirkungen auf die Mitmenschen gleichgültig wären. Das Verhalten der Gläubigen soll auch außerhalb ihrer Gemeinde von Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit geprägt sein.

Das griechische Wort kalos, das hier hinter dem Ausdruck „edel“ steht, kann je nach Zusammenhang etwas Schönes, Gutes, Ehrenhaftes oder moralisch Lobenswertes bezeichnen. Gemeint ist nicht in erster Linie eine vornehme gesellschaftliche Stellung oder ein besonders feines Auftreten. Paulus spricht von einem Verhalten, das in moralischer Hinsicht als gut und achtbar gelten kann. Dazu gehören beispielsweise Wahrhaftigkeit, Zuverlässigkeit, gerechter Umgang mit anderen und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Wer Christus nachfolgt, soll sich nicht nur innerhalb religiöser Versammlungen korrekt verhalten, sondern ebenso im gewöhnlichen Zusammenleben mit Menschen, die seine Glaubensüberzeugungen möglicherweise nicht teilen.

Ein weiteres wichtiges Detail liegt in dem Ausdruck, der mit „befleißiget euch“ wiedergegeben wird. Im griechischen Text steht das Verb pronoeō, das mit Vorausdenken, Bedachtnehmen oder bewusstem Sorgen für etwas verbunden ist. Paulus fordert damit nicht bloß eine spontane Reaktion, wenn sich zufällig eine Gelegenheit zum Guten ergibt. Die Gläubigen sollen vorausschauend darauf achten, dass ihr Verhalten richtig und ehrenhaft ist. Gerade in angespannten Situationen kann dies wichtig sein. Wer erst in einem Augenblick heftiger Kränkung darüber nachdenkt, wie er reagieren soll, wird möglicherweise stärker von seinen unmittelbaren Gefühlen bestimmt. Wer dagegen bereits grundsätzlich entschlossen ist, wahrhaftig und gerecht zu handeln, besitzt eine bessere Grundlage, auch unter Druck verantwortlich zu reagieren.

Dass Paulus diesen Gedanken ernst nahm, zeigt 2. Korinther 8,20–21. Dort beschreibt er die sorgfältigen Vorkehrungen im Umgang mit einer Geldsammlung, damit niemand Anlass zu berechtigten Vorwürfen erhält. Er möchte nicht nur vor Gott richtig handeln, sondern auch gegenüber Menschen auf ein einwandfreies Vorgehen achten. Bemerkenswert ist, dass dabei nicht bloß eine gute Absicht genügt. Gerade beim Umgang mit anvertrauten Mitteln können fehlende Klarheit oder mangelnde Sorgfalt Misstrauen hervorrufen. Deshalb ist es richtig, nachvollziehbare und überprüfbare Abläufe zu schaffen. Die innere Aufrichtigkeit soll sich in einem Verhalten ausdrücken, das auch von außen verantwortbar beurteilt werden kann.

Diese Verbindung ist für Römer 12,17 besonders aufschlussreich. Paulus verlangt nicht, dass Christen ihr Verhalten ausschließlich nach dem eigenen guten Gewissen beurteilen. Auch die Frage, wie eine Handlung auf andere wirkt und ob sie ihnen gegenüber gerecht und verständlich ist, besitzt Bedeutung. Ein Mensch kann von seinen guten Absichten überzeugt sein und dennoch durch unbedachte Worte oder undurchsichtige Entscheidungen vermeidbaren Schaden verursachen. Wer sich um das Gute bemüht, wird deshalb bereit sein, nicht nur seine Absichten zu prüfen, sondern auch die tatsächlichen Folgen seines Verhaltens ernst zu nehmen.

Dabei darf die Formulierung „in aller Menschen Augen“ nicht missverstanden werden. Paulus fordert keine bedingungslose Anpassung an die Erwartungen der Gesellschaft. Bereits in Römer 12,2 hatte er ausdrücklich davor gewarnt, sich dem gegenwärtigen Weltlauf gleichzustellen. Beide Aussagen müssen miteinander gelesen werden. Der Christ soll nicht alles für richtig halten, was seine Umgebung gutheißt. Denn gesellschaftliche Maßstäbe können sich irren und sogar im Widerspruch zu Gottes Willen stehen. Es wäre deshalb falsch, Römer 12,17 so auszulegen, als müsse ein Gläubiger stets das tun, was den meisten Menschen gefällt.

Der Zusammenhang zeigt vielmehr, dass Paulus ein Verhalten fordert, das auch im Umgang mit anderen Menschen als rechtschaffen erkennbar sein soll, ohne den göttlichen Maßstab aufzugeben. Wo menschliche Erwartungen mit Gottes Willen übereinstimmen, kann ein Christ ihnen selbstverständlich entsprechen. Wo sie ihm widersprechen, muss die Treue zu Gott Vorrang besitzen. In Apostelgeschichte 5,29 erklären die Apostel, dass sie Gott mehr gehorchen müssen als den Menschen. Diese Aussage steht nicht im Gegensatz zur Aufforderung, sich um ein ehrenhaftes Verhalten zu bemühen. Sie zeigt deren Grenze. Wahrhaftige Rechtschaffenheit besteht nicht darin, jede gesellschaftliche Forderung zu erfüllen, sondern darin, auch unter äußerem Druck nach Gottes Willen zu handeln.

Dies wird besonders dort wichtig, wo die Mehrheit einer Gruppe ungerechtes Verhalten unterstützt. Wenn Menschen beispielsweise erwarten, dass jemand lügt, einen anderen ungerecht behandelt oder bei einer Täuschung mitwirkt, kann er diese Erwartungen nicht dadurch rechtfertigen, dass er den Frieden bewahren oder einen guten Eindruck hinterlassen möchte. Wer sich am Guten orientiert, muss bereit sein, auch eine unbeliebte Entscheidung zu treffen. Dabei soll er jedoch unnötige Provokation, Überheblichkeit und verletzende Worte vermeiden. Paulus fordert nicht, die Wahrheit preiszugeben, sondern sie in einer Haltung zu vertreten, die mit dem Wesen Gottes übereinstimmt.

Die Aufforderung besitzt zugleich eine Bedeutung für das Zeugnis der Gläubigen. Menschen beurteilen den christlichen Glauben nicht allein nach den Worten, die Christen über Gott sprechen. Sie nehmen auch wahr, wie diese miteinander umgehen, wie sie mit Verantwortung umgehen und wie sie in Konflikten handeln. Wenn jemand öffentlich von Gottes Liebe spricht, zugleich aber andere betrügt oder absichtlich demütigt, entsteht ein schwerwiegender Widerspruch zwischen seinem Bekenntnis und seinem Verhalten. Umgekehrt kann ein rechtschaffener, hilfsbereiter und zuverlässiger Lebenswandel dazu beitragen, dass Menschen den Glauben ernst nehmen, selbst wenn sie dessen Lehren nicht teilen.

Jesus hatte in Matthäus 5,16 erklärt, dass die guten Werke seiner Jünger sichtbar werden sollen, damit die Menschen den himmlischen Vater verherrlichen. Dabei steht nicht die Selbstdarstellung des Gläubigen im Mittelpunkt. Seine guten Werke sollen auf Gott hinweisen. Auch Petrus fordert die Christen auf, unter den Menschen einen guten Wandel zu führen, damit selbst diejenigen, die sie beschuldigen, ihre guten Werke wahrnehmen können (1. Petrus 2,12). Diese Aussagen ergänzen Römer 12,17. Die Gläubigen sollen sich nicht durch moralische Überheblichkeit von anderen abgrenzen, sondern durch ein Verhalten, das von Gottes Wahrheit und Liebe geprägt ist.

Damit geht Paulus über die unmittelbare Frage persönlicher Vergeltung hinaus. Er beschreibt eine Lebenshaltung, in der das Gute bewusst gesucht und vorbereitet wird. Wer einem Menschen Unrecht nicht mit neuem Unrecht vergilt, verhindert zunächst, dass sich die Feindschaft durch seine eigene Schuld weiter verschärft. Wer darüber hinaus auf ein ehrenhaftes Verhalten achtet, schafft eine Grundlage für Vertrauen und für einen verantwortlichen Umgang mit anderen. Beides gehört zusammen. Der Christ soll nicht nur aufhören, Böses zu tun, sondern lernen, auch dort das Richtige zu suchen, wo dies Geduld, Selbstbeherrschung oder persönliche Zurückhaltung verlangt.

In Vers 18 führt Paulus diesen Gedanken zu einer weiteren grundlegenden Aufforderung: „Ist es möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Diese Worte gehören zu den ausgewogensten Aussagen des Neuen Testaments über den Umgang mit zwischenmenschlichen Konflikten. Paulus fordert die Gläubigen ausdrücklich zum Frieden auf, berücksichtigt aber zugleich die Grenzen dessen, was ein einzelner Mensch bewirken kann. Gerade die beiden Einschränkungen „Ist es möglich“ und „soviel an euch liegt“ sind entscheidend. Sie zeigen, dass der Apostel keine unrealistische Vorstellung entwickelt, nach der ein Christ jede Auseinandersetzung verhindern oder jede zerbrochene Beziehung allein wiederherstellen könnte.

Zunächst ist wichtig, dass Paulus den Frieden mit „allen Menschen“ anspricht. Seine Aufforderung gilt somit nicht nur für das Zusammenleben innerhalb der Gemeinde. Sie umfasst ebenso Nachbarn, Arbeitskollegen, Verwandte, Menschen anderer Überzeugungen und sogar solche, die den Gläubigen ablehnend gegenüberstehen. Der Frieden soll nicht von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe abhängig gemacht werden. Das entspricht der umfassenden Ausrichtung der vorhergehenden Verse. Bereits das Verbot persönlicher Vergeltung galt gegenüber jedem Menschen. Nun wird derselbe universale Maßstab positiv formuliert: Wo immer es möglich ist, sollen die Gläubigen friedliche Beziehungen suchen und bewahren.

Der Begriff des Friedens besitzt in der Bibel eine größere Bedeutung als die bloße Abwesenheit offener Streitigkeiten. Das griechische Wort eirēnē bezeichnet Frieden und kann im biblischen Zusammenhang auch eine umfassendere Vorstellung von Versöhnung, geordneten Beziehungen und Wohlergehen aufnehmen. Im Alten Testament ist besonders das hebräische Wort schalom von Bedeutung, das über die bloße Beendigung einer Auseinandersetzung hinausreichen kann. Dennoch sollte man nicht jede mögliche Bedeutung dieses Begriffs ungeprüft in Römer 12,18 hineinlegen. Paulus spricht hier konkret vom friedlichen Zusammenleben mit anderen Menschen. Sein Anliegen ist, dass Christen nicht selbst unnötige Feindschaft erzeugen und nach Möglichkeit zu guten, gerechten und friedlichen Beziehungen beitragen.

Dabei besteht ein wichtiger Unterschied zwischen dem Frieden mit Gott und dem Frieden mit anderen Menschen. In Römer 5,1 hatte Paulus den Frieden mit Gott im Zusammenhang mit der Rechtfertigung durch den Glauben beschrieben. Dieser Frieden gründet im Erlösungswerk Jesu Christi und betrifft die wiederhergestellte Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer. In Römer 12,18 spricht Paulus dagegen von den alltäglichen Beziehungen zwischen Menschen. Beide Bereiche gehören im christlichen Leben zusammen, sind aber nicht identisch. Die Versöhnung mit Gott ist die Grundlage einer neuen Lebensausrichtung; das friedliche Verhalten gegenüber anderen ist eine ihrer praktischen Auswirkungen. Wer durch Christus Frieden mit Gott gefunden hat, soll sich deshalb auch bemühen, im Umgang mit seinen Mitmenschen nicht von Hass, Streitlust und Vergeltung bestimmt zu werden.

Die erste Einschränkung lautet: „Ist es möglich“. Paulus berücksichtigt damit ausdrücklich, dass Frieden nicht unter allen Umständen erreicht werden kann. Eine friedliche Beziehung setzt gewöhnlich voraus, dass beide Seiten zumindest in gewissem Maß bereit sind, aufeinander zuzugehen oder bestimmte Grenzen zu achten. Wenn ein Mensch bewusst Feindschaft sucht, fortgesetzt Gewalt ausübt oder jede Verständigung ablehnt, kann der andere allein keinen wirklichen Frieden herstellen. Er kann auf eigene Rache verzichten, seine Worte sorgfältig wählen und Gesprächsbereitschaft zeigen. Dennoch bleibt die Entscheidung des anderen außerhalb seiner unmittelbaren Kontrolle. Paulus verlangt daher nicht, dass jeder Konflikt zwangsläufig durch genügend Geduld oder Freundlichkeit gelöst werden müsse.

Diese Einsicht ist besonders wichtig, weil die Aufforderung zum Frieden sonst leicht zu einer ungerechten Belastung für Menschen werden könnte, die bereits unter dem Verhalten anderer leiden. Wenn jemand wiederholt bedroht, misshandelt oder manipuliert wird, darf ihm nicht einfach vorgeworfen werden, er habe zu wenig für den Frieden getan, weil die Beziehung weiterhin belastet ist. Frieden lässt sich nicht dadurch erzwingen, dass nur eine Seite immer neue Zugeständnisse macht, während die andere ihr schädliches Verhalten unverändert fortsetzt. Paulus selbst erkennt durch seine Einschränkung an, dass die Möglichkeiten des Einzelnen begrenzt sind.

Die zweite Einschränkung lautet: „soviel an euch liegt“. Damit richtet Paulus die Verantwortung auf den eigenen Einflussbereich. Ein Mensch kann nicht immer bestimmen, wie andere über ihn denken, was sie sagen oder wie sie handeln. Er trägt aber Verantwortung dafür, wie er selbst auftritt und welche Entscheidungen er trifft. Er kann seine Worte prüfen, ungerechte Vorwürfe vermeiden, eigene Fehler eingestehen und dort um Vergebung bitten, wo er selbst schuldig geworden ist. Er kann auf unnötige Provokationen verzichten und sich bemühen, Missverständnisse aufzuklären. Diese Dinge liegen zumindest teilweise in seiner eigenen Verantwortung. Die Haltung des anderen kann er dagegen nicht beherrschen.

Darin liegt eine wichtige Unterscheidung zwischen Friedensbereitschaft und der tatsächlichen Wiederherstellung einer Beziehung. Der Christ ist verpflichtet, seinen eigenen Beitrag zum Frieden zu leisten. Er kann jedoch nicht garantieren, dass der andere diesen Beitrag annimmt. Es wäre deshalb falsch, den geistlichen Zustand eines Menschen allein daran zu messen, ob alle seine Beziehungen konfliktfrei verlaufen. Selbst Jesus, der ohne Sünde lebte, wurde von Menschen abgelehnt, bekämpft und schließlich gekreuzigt. Die Tatsache, dass jemand Feindschaft erfährt, beweist daher nicht, dass er selbst lieblos oder friedensunwillig gehandelt hat.

Gleichzeitig dürfen die einschränkenden Worte des Paulus nicht als bequeme Ausrede benutzt werden, um sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Wer behauptet, mit einem bestimmten Menschen sei Frieden ohnehin unmöglich, sollte sorgfältig prüfen, ob diese Einschätzung tatsächlich auf dessen Verhalten beruht oder ob eigene Verletztheit, Stolz und mangelnde Gesprächsbereitschaft eine Rolle spielen. Manchmal wird ein Konflikt aufrechterhalten, weil beide Seiten darauf warten, dass der andere den ersten Schritt macht. Ein Mensch möchte sich nicht entschuldigen, obwohl er selbst verletzende Worte gesprochen hat. Ein anderer hält an einem Missverständnis fest, weil er nicht bereit ist, nachzufragen. Wieder ein anderer verwechselt die Bereitschaft zum Frieden mit einer Niederlage, bei der er seine persönliche Würde verlieren würde.

Gerade in solchen Situationen wird die Aufforderung des Paulus praktisch. Wer Frieden sucht, muss bereit sein, die eigenen Motive ehrlich zu prüfen. Es kann notwendig sein, zuerst zuzuhören, statt sich sofort zu verteidigen. Manchmal besteht der entscheidende Schritt darin, einen eigenen Fehler anzuerkennen, ohne ihn durch das Verhalten des anderen zu entschuldigen. In anderen Fällen kann es helfen, ein klärendes Gespräch zu suchen und dabei auf Anschuldigungen zu verzichten, die über das tatsächlich Bekannte hinausgehen. Frieden entsteht nicht immer dadurch, dass eine Meinungsverschiedenheit sofort verschwindet. Oft beginnt er damit, dass Menschen lernen, trotz unterschiedlicher Sichtweisen wahrhaftig und respektvoll miteinander umzugehen.

Jesus hatte in Matthäus 5,23–24 die Bedeutung der Versöhnung besonders eindringlich beschrieben. Wenn jemand beim Darbringen seiner Gabe erkennt, dass sein Bruder etwas gegen ihn hat, soll er sich zuerst um die Versöhnung bemühen. Die Beziehung zum Mitmenschen wird damit nicht als nebensächlich gegenüber dem Gottesdienst behandelt. Wer Gott verehren möchte, darf die Verantwortung für sein eigenes Verhalten gegenüber anderen nicht einfach ignorieren. Eine verwandte Anweisung findet sich in Matthäus 18,15, wo Jesus beschreibt, wie mit einem Bruder umzugehen ist, der gesündigt hat. Dort wird das persönliche Gespräch als ein erster Schritt genannt, um den anderen zu gewinnen. Beide Aussagen zeigen, dass biblische Friedenssuche nicht ausschließlich aus Schweigen oder dem Vermeiden unangenehmer Themen besteht. Sie kann gerade verlangen, Schwierigkeiten offen und verantwortungsvoll anzusprechen.

Damit wird eine weitere Grenze deutlich: Frieden darf nicht mit der Preisgabe der Wahrheit erkauft werden. Wer nur deshalb schweigt, weil er jede unangenehme Reaktion vermeiden möchte, handelt nicht notwendigerweise friedfertig. Es gibt Situationen, in denen Unrecht benannt, ein Irrtum korrigiert oder eine notwendige Grenze gesetzt werden muss. Der christliche Friedenswille entscheidet dann darüber, in welcher Haltung dies geschieht. Wahrheit soll nicht als Waffe benutzt werden, um andere zu demütigen. Gleichzeitig darf Liebe nicht als Begründung dienen, eine notwendige Wahrheit zu verschweigen. In Epheser 4,15 verbindet Paulus das Festhalten an der Wahrheit ausdrücklich mit der Liebe. Beide gehören zusammen.

Ein ähnlicher Zusammenhang findet sich in Jakobus 3,17–18. Dort wird die Weisheit von oben unter anderem als friedfertig, gütig und barmherzig beschrieben. Zugleich ist sie rein und bringt gute Früchte hervor. Der folgende Vers verbindet Frieden mit der Frucht der Gerechtigkeit. Damit wird deutlich, dass biblischer Frieden nicht durch moralische Gleichgültigkeit entsteht. Eine Gemeinschaft, in der Unrecht dauerhaft geduldet wird, nur damit äußerlich kein Streit sichtbar wird, besitzt deshalb nicht automatisch den Frieden, den Gott möchte. Wahrer Frieden und Gerechtigkeit stehen nicht grundsätzlich gegeneinander. Sie sollen einander ergänzen.

Besonders deutlich wird dies bei Beziehungen, in denen ein Mensch wiederholt schweres Unrecht begeht. Es wäre eine gefährliche Fehlanwendung von Römer 12,18, wenn Betroffene dazu gedrängt würden, ohne Rücksicht auf ihre Sicherheit eine solche Beziehung unverändert fortzuführen. Die Worte „soviel an euch liegt“ bedeuten nicht, dass jemand unbegrenzt Verantwortung für die Entscheidungen eines anderen tragen müsste. Wer sich schützt, klare Grenzen setzt oder die Hilfe verantwortlicher Personen und zuständiger Stellen in Anspruch nimmt, handelt dadurch nicht zwangsläufig gegen den Frieden. Unter bestimmten Umständen kann gerade eine solche Grenze verhindern, dass weiteres Unrecht geschieht. Friedensbereitschaft und die Bereitschaft, sich selbst oder andere vor Schaden zu bewahren, schließen einander nicht aus.

Auch die Frage des Vertrauens muss von der grundsätzlichen Friedensbereitschaft unterschieden werden. Ein Mensch kann auf Vergeltung verzichten und dem anderen aufrichtig wünschen, dass er zu einem besseren Weg findet, ohne ihm deshalb sofort wieder dieselbe Verantwortung oder Nähe anzuvertrauen. Vertrauen wird durch Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit und verantwortliches Verhalten getragen. Wo es schwer beschädigt wurde, kann seine Wiederherstellung Zeit benötigen und von konkreten Veränderungen abhängen. Die Aufforderung zum Frieden hebt diese Wirklichkeit nicht auf. Sie verlangt eine friedliche und auf das Gute ausgerichtete Haltung, aber sie erklärt nicht jede Form von erneuter Nähe oder uneingeschränktem Vertrauen zur Pflicht.

Ebenso wenig bedeutet Frieden, dass alle Meinungsverschiedenheiten verschwinden müssten. Menschen können unterschiedliche Erfahrungen, Bedürfnisse und Auffassungen besitzen, ohne einander deshalb feindlich begegnen zu müssen. Gerade in einer Gemeinde mit Menschen verschiedener Herkunft kann die Erwartung vollständiger Übereinstimmung zu unnötigen Spannungen führen. Paulus wird im weiteren Verlauf des Römerbriefs zeigen, dass Gläubige in bestimmten Fragen unterschiedliche Überzeugungen haben können und dennoch einander annehmen sollen (Römer 14,1–13; 15,1–7). Die Aufforderung, mit allen Menschen Frieden zu haben, bereitet diesen Gedanken bereits vor. Frieden bedeutet nicht, dass jeder Mensch in jeder Frage denselben Standpunkt vertreten muss. Er zeigt sich auch darin, dass Unterschiede nicht automatisch zur persönlichen Feindschaft werden.

In dieser Hinsicht ist die Verbindung mit den vorhergehenden Versen besonders aufschlussreich. Paulus hatte zur Demut und zur gegenseitigen Achtung aufgefordert. Nun wird sichtbar, warum diese Haltungen für den Frieden so wichtig sind. Wer sich selbst für grundsätzlich klüger hält als andere, wird ihre Einwände leicht als persönliche Herausforderung betrachten. Wer ständig nach Vorrang strebt, wird eine Meinungsverschiedenheit schnell zu einem Kampf um Anerkennung machen. Und wer nicht bereit ist, die Gefühle oder Bedürfnisse anderer wahrzunehmen, kann selbst gut gemeinte Worte in einer Weise aussprechen, die unnötig verletzt. Friedensbereitschaft beginnt deshalb häufig lange vor einem offenen Konflikt. Sie wächst aus einer inneren Haltung, die den anderen nicht zum Gegner machen möchte.

Dabei verlangt Frieden manchmal bewusste Selbstbeherrschung. Wenn ein Gespräch zunehmend angespannt wird, kann es notwendig sein, nicht jedes verletzende Wort sofort zu erwidern. Ein vorschneller Vorwurf kann einen Streit verschärfen, während eine ruhige Antwort Raum für eine sachliche Klärung schafft. Sprüche 15,1 beschreibt diesen Zusammenhang mit der Beobachtung, dass eine sanfte Antwort den Grimm besänftigen kann, während ein verletzendes Wort den Zorn steigert. Diese Weisheit bedeutet nicht, dass jede ruhige Antwort automatisch zu einer friedlichen Reaktion führt. Sie zeigt jedoch, welchen Einfluss die eigene Sprache auf die Entwicklung eines Konflikts haben kann.

Auch der Zeitpunkt und die Art eines Gesprächs können entscheidend sein. Manche Auseinandersetzungen lassen sich nicht sinnvoll klären, solange beide Seiten stark aufgebracht sind. Es kann dann hilfreich sein, zunächst Abstand zu gewinnen und später in einer ruhigeren Situation weiterzusprechen. Ein solches Vorgehen ist nicht automatisch Feigheit oder die Weigerung, ein Problem ernst zu nehmen. Es kann vielmehr Ausdruck der Bereitschaft sein, eine Schwierigkeit so zu behandeln, dass unnötige Verletzungen vermieden werden. Die Worte des Paulus geben keine detaillierte Methode der Konfliktlösung vor. Sie vermitteln jedoch einen Maßstab, an dem unterschiedliche Vorgehensweisen geprüft werden können: Dient mein Verhalten tatsächlich dem Frieden, soweit ich darauf Einfluss habe?

Zugleich kann die Suche nach Frieden erhebliche persönliche Opfer verlangen. Wer einen Streit beenden möchte, muss möglicherweise auf das letzte Wort verzichten, eine ungerechte Bemerkung nicht erwidern oder einen eigenen Fehler öffentlich richtigstellen. Manchmal bedeutet Friedensbereitschaft auch, auf einen Vorteil zu verzichten, auf den man zwar Anspruch erheben könnte, dessen Durchsetzung aber in einer bestimmten Situation unnötigen Schaden verursachen würde. Solche Entscheidungen verlangen geistliches Urteilsvermögen. Nicht jedes Nachgeben ist richtig, und nicht jede feste Haltung ist falsch. Entscheidend bleibt, ob das Handeln von Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit getragen wird oder lediglich vom Wunsch, sich durchzusetzen.

Die Begrenzung „soviel an euch liegt“ schützt dabei auch vor einer anderen Gefahr: der Vorstellung, der Christ müsse die Herzen anderer Menschen verändern können. Selbst die liebevollste Haltung garantiert keine versöhnliche Antwort. Manche Menschen werden eine Entschuldigung nicht annehmen, ein Gespräch verweigern oder weiterhin feindselig handeln. Paulus legt die Verantwortung für solche Entscheidungen nicht demjenigen auf, der sich aufrichtig um Frieden bemüht hat. Jeder Mensch bleibt für sein eigenes Verhalten verantwortlich. Wer seinen möglichen Beitrag geleistet hat, darf den Ausgang einer Beziehung letztlich Gott überlassen, ohne sich für jede Reaktion des anderen schuldig fühlen zu müssen.

Gerade darin zeigt sich ein wichtiger Unterschied zwischen christlicher Friedfertigkeit und dem Versuch, unter allen Umständen von jedem Menschen anerkannt zu werden. Wer unbedingt erreichen möchte, dass niemand mit ihm unzufrieden ist, kann in eine Abhängigkeit von fremden Erwartungen geraten. Er wird möglicherweise aus Angst vor Ablehnung schweigen, obwohl er sprechen sollte, oder Zugeständnisse machen, die seinem Gewissen widersprechen. Paulus fordert eine solche Menschengefälligkeit nicht. Sein Maßstab ist der Friede, soweit er möglich ist und soweit der Gläubige dafür Verantwortung trägt. Diese Freiheit ermöglicht es, anderen aufrichtig mit Liebe zu begegnen, ohne deren Zustimmung zum höchsten Ziel des eigenen Lebens zu machen.

Die beiden Verse entfalten somit zwei eng miteinander verbundene Seiten derselben christlichen Grundhaltung. Vers 17 verbietet, erlittenes Unrecht durch neues Unrecht zu beantworten, und fordert zu einem bewusst guten und ehrenhaften Verhalten auf. Vers 18 richtet dieses Verhalten auf das friedliche Zusammenleben mit allen Menschen aus. Beide Aussagen verlangen aktive Verantwortung. Der Christ soll seine Worte, Entscheidungen und Handlungen prüfen, damit er nicht selbst unnötige Feindschaft verursacht. Zugleich erkennt Paulus ausdrücklich an, dass Frieden nicht allein durch den Willen eines Menschen hergestellt werden kann.

Diese Verbindung von Verantwortung und Begrenzung ist für das Verständnis der christlichen Liebe wesentlich. Gottes Barmherzigkeit verändert nicht nur die Art, wie der Gläubige über sich selbst denkt, sondern auch seine Reaktion auf die Fehler und die Bosheit anderer Menschen. Wer Christus nachfolgt, soll sich nicht vom Wunsch nach Vergeltung bestimmen lassen. Er soll sich bemühen, auch dort wahrhaftig, gerecht und friedfertig zu handeln, wo dies schwerfällt. Doch er muss weder das Unrecht anderer rechtfertigen noch die Verantwortung für deren Entscheidungen übernehmen. Die eigene Treue zu Gott bleibt sein Auftrag; die Reaktion des anderen liegt nicht vollständig in seiner Hand.

Damit bereitet Paulus den letzten Abschnitt des Kapitels vor. Denn wenn Christen auf persönliche Vergeltung verzichten sollen, entsteht eine naheliegende Frage: Was geschieht dann mit dem Unrecht, das ihnen zugefügt wurde? Bedeutet der Verzicht auf Rache, dass der Täter letztlich niemandem Rechenschaft schuldet? Paulus lässt diese Frage nicht unbeantwortet. In den folgenden Versen wird er erklären, weshalb das endgültige Urteil über das Unrecht Gott zusteht und wie ein Gläubiger seinem Feind begegnen soll, ohne selbst vom Bösen überwunden zu werden. So führt seine Ermahnung von der Ablehnung persönlicher Vergeltung zu einem tieferen Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit und schließlich zu der Aufforderung, das Böse durch das Gute zu überwinden.

Römer 12,19–21

Gott das Gericht überlassen und das Böse mit Gutem überwinden

Nachdem Paulus die Gläubigen aufgefordert hat, auf persönliche Vergeltung zu verzichten und nach Möglichkeit mit allen Menschen Frieden zu halten, führt er seine Gedanken nun zu ihrem eigentlichen Höhepunkt. In Römer 12,19 schreibt er: „Rächet euch nicht selbst, ihr Lieben, sondern gebet Raum dem Zorne [Gottes]“. Damit greift er die bereits in Vers 17 ausgesprochene Warnung noch einmal auf, begründet sie jetzt jedoch ausdrücklich mit Gottes Gerechtigkeit. Der Christ soll das Unrecht, das ihm zugefügt wird, nicht eigenmächtig vergelten, weil das Recht zum endgültigen und vollkommen gerechten Urteil Gott zusteht. Paulus fordert also nicht, das Böse für bedeutungslos zu halten oder den Wunsch nach Gerechtigkeit grundsätzlich aufzugeben. Vielmehr soll der Mensch anerkennen, dass er selbst nicht der höchste Richter über das Verhalten anderer ist. Gerade dort, wo persönliche Verletzungen das Denken und Handeln stark beeinflussen, ist diese Unterscheidung von besonderer Bedeutung.

Bemerkenswert ist die liebevolle Anrede, mit der Paulus seine Aufforderung einleitet. Er spricht die Gläubigen als „ihr Lieben“ an. Im griechischen Text steht agapētoi, eine Bezeichnung für geliebte Menschen. Seine Worte sind deshalb nicht als kalte Forderung zu verstehen, mit der die Gefühle der Verletzten einfach beiseitegeschoben werden sollen. Paulus weiß, wie schwierig der Verzicht auf Vergeltung sein kann. Wer schweres Unrecht erlebt hat, empfindet möglicherweise tiefen Schmerz, Zorn oder Hilflosigkeit. Gerade in solchen Situationen kann der Gedanke entstehen, nur durch eine persönliche Gegenhandlung wieder zu seinem Recht zu kommen. Der Apostel begegnet dieser Versuchung mit einer ernsten Ermahnung, verbindet sie aber mit einer Anrede, die die Gläubigen an ihre Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der von Gott Geliebten erinnert. Ihre Reaktion soll nicht allein aus der erfahrenen Feindschaft hervorgehen, sondern aus ihrer neuen Beziehung zu Gott.

Der Ausdruck „gebet Raum dem Zorne“ bedarf einer genaueren Erklärung. Das griechische dote topon tē orgē bedeutet wörtlich, dem Zorn Raum oder Platz zu geben. Die Schlachter 1951 ergänzt das Wort „Gottes“ in eckigen Klammern, weil es an dieser Stelle nicht ausdrücklich im griechischen Satz steht. Der folgende Schriftbeleg macht jedoch deutlich, dass Paulus den göttlichen Zorn beziehungsweise Gottes gerechtes Gericht im Blick hat. Die Gläubigen sollen zurücktreten, anstatt selbst die Rolle des Richters und Vergelters zu übernehmen. Sie sollen Gott den Raum lassen, der allein vollkommen gerecht urteilen kann.

Damit wird zugleich ein wichtiger Unterschied zwischen menschlichem Zorn und Gottes Gericht sichtbar. Menschlicher Zorn entsteht häufig aus persönlicher Verletzung, Angst, Enttäuschung oder dem Gefühl, die eigene Würde sei angegriffen worden. Er kann berechtigt sein, wenn tatsächlich Unrecht geschehen ist. Dennoch bleibt das menschliche Urteil begrenzt. Ein Mensch kennt nicht immer sämtliche Umstände, Motive und Folgen einer Handlung. Selbst wenn er den Sachverhalt richtig erkennt, kann sein Wunsch nach Vergeltung durch Bitterkeit und persönliche Feindseligkeit beeinflusst werden. Gott dagegen kennt die Wahrheit vollständig. Er sieht nicht nur die äußere Tat, sondern auch die verborgenen Beweggründe des Herzens (1. Samuel 16,7; Römer 2,16). Deshalb kann sein gerechtes Urteil nicht einfach mit menschlichen Rachegefühlen gleichgesetzt werden.

Bereits in Römer 1,18 hatte Paulus erklärt, dass Gottes Zorn gegen die Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen offenbar wird. Der göttliche Zorn ist im Römerbrief somit keine unkontrollierte Gefühlsregung, sondern Ausdruck seines gerechten Widerstandes gegen das Böse. Gott ist heilig und gerecht. Deshalb ist ihm die Unterdrückung von Menschen ebenso wenig gleichgültig wie Betrug, Gewalt und andere Formen der Sünde. Würde Gott das Böse grundsätzlich nicht ernst nehmen, wäre seine Gerechtigkeit bedeutungslos. Seine Liebe und seine Gerechtigkeit dürfen deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden. Gerade weil Gott seine Geschöpfe liebt, verurteilt er das, was Menschen zerstört und ihnen ihre Würde nimmt.

Paulus begründet seine Aufforderung anschließend mit einem ausdrücklichen Schriftzitat: „Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr“ (Römer 12,19). Diese Worte greifen 5. Mose 32,35 auf. Sie stammen aus dem Lied des Mose, in dem Gottes Treue, die Untreue seines Volkes und das kommende göttliche Gericht beschrieben werden. Der größere Zusammenhang dieses Liedes macht deutlich, dass Gott das Unrecht nicht übersieht und dass Menschen seinem Gericht nicht dauerhaft entkommen können. Zugleich wird in 5. Mose 32,36 davon gesprochen, dass der Herr seinem Volk Recht schaffen und sich seiner Knechte erbarmen wird. Gottes Gericht steht somit nicht im Gegensatz zu seiner Treue gegenüber den Seinen.

Paulus übernimmt diesen alttestamentlichen Gedanken und wendet ihn auf den persönlichen Umgang mit Feindschaft an. Gerade weil Gott der gerechte Richter ist, brauchen seine Kinder nicht selbst zum Werkzeug persönlicher Rache zu werden. Sie dürfen ihre Sache ihm anvertrauen. Diese Haltung verlangt Glauben, denn sie bedeutet, auf die eigene Kontrolle über den Ausgang einer Auseinandersetzung zu verzichten. Der Betroffene weiß möglicherweise nicht, wann und auf welche Weise Gott handeln wird. Er erhält auch keine Zusage, dass der Täter bereits in diesem Leben sichtbar zur Rechenschaft gezogen werden muss. Dennoch soll er daran festhalten, dass Gottes Gerechtigkeit nicht von der Fähigkeit des Menschen abhängt, sich selbst zu rächen.

Darin liegt ein entscheidender Unterschied zwischen Vertrauen auf Gottes Gericht und dem heimlichen Wunsch, Gott möge die eigene Rache ausführen. Paulus fordert die Gläubigen nicht dazu auf, äußerlich auf Vergeltung zu verzichten, während sie innerlich voller Genugtuung auf die Bestrafung ihres Feindes warten. Eine solche Haltung würde lediglich die Form der Rache verändern, nicht aber das Herz. Wer Gott das Urteil überlässt, muss auch anerkennen, dass Gott nach seiner eigenen Weisheit und Gerechtigkeit handelt. Der Mensch darf ihn um Schutz, Wahrheit und Gerechtigkeit bitten. Er darf jedoch nicht bestimmen wollen, dass Gott den anderen unbedingt in der Weise bestrafen müsse, die seinen persönlichen Verletzungen entspricht.

Wie tief dieser Unterschied reicht, wird deutlich, wenn man Gottes Gerechtigkeit im Zusammenhang mit seiner Barmherzigkeit betrachtet. Bereits in Römer 2,4 hatte Paulus erklärt, dass Gottes Güte den Menschen zur Buße leiten will. In Römer 5,8 betonte er, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Gott nimmt die Schuld des Menschen ernst und eröffnet ihm dennoch den Weg zur Umkehr. Deshalb kann ein Christ darauf vertrauen, dass Gott gerecht richtet, und gleichzeitig dafür beten, dass ein Schuldiger seine Sünde erkennt und Vergebung empfängt. Diese beiden Anliegen widersprechen einander nicht. Wenn ein Mensch aufrichtig umkehrt, wird dadurch das begangene Unrecht nicht nachträglich gut. Aber Gottes Gnade kann verhindern, dass das Böse weiterhin sein Leben bestimmt.

Ein eindrucksvolles alttestamentliches Beispiel für diese Haltung ist Joseph. Seine Brüder hatten ihn aus Neid verkauft und ihm großes Leid zugefügt. Jahre später befand sich Joseph in einer Stellung, in der er die Macht besessen hätte, sich an ihnen zu rächen. Nachdem ihr Vater Jakob gestorben war, fürchteten die Brüder, Joseph werde nun Vergeltung üben. Doch Joseph fragte sinngemäß, ob er denn an Gottes Stelle stehe, und versicherte ihnen, dass er weiterhin für sie und ihre Kinder sorgen werde (1. Mose 50,15–21). Er leugnete dabei nicht, dass sie Böses gegen ihn beabsichtigt hatten. Vielmehr unterschied er zwischen ihrer Schuld und Gottes Fähigkeit, trotz menschlicher Bosheit seinen guten Plan auszuführen. Gerade diese Unterscheidung machte es ihm möglich, auf persönliche Rache zu verzichten.

Josephs Verhalten zeigt, dass Vergebung und der Verzicht auf Vergeltung nicht voraussetzen, vergangenes Unrecht umzudeuten. Seine Brüder hatten tatsächlich schwer gesündigt. Dass Gott die Folgen ihrer Tat in seiner Vorsehung zum Guten wenden konnte, machte ihre ursprüngliche Absicht nicht gerecht. Ebenso wenig hätte Josephs Verzicht auf Rache bedeutet, dass ihre Schuld bedeutungslos gewesen wäre. Er entschied sich vielmehr, nicht selbst Gottes Stelle einzunehmen und das weitere Schicksal seiner Brüder aus persönlicher Feindseligkeit zu bestimmen. Dieses Beispiel veranschaulicht den Grundgedanken von Römer 12,19 besonders deutlich: Der Mensch darf aufhören, sich selbst zum Richter über die endgültige Vergeltung zu machen, ohne dadurch das Unrecht gutheißen zu müssen.

Auch David stand vor einer solchen Entscheidung. Obwohl Saul ihn verfolgte und töten wollte, verzichtete David mehrfach darauf, ihn eigenmächtig zu töten, als sich ihm dazu eine Gelegenheit bot (1. Samuel 24; 26). Er überließ das Gericht Gott und weigerte sich, aus persönlicher Bedrohung heraus selbst zum Vollstrecker einer vermeintlich gerechten Vergeltung zu werden. Zugleich blieb David nicht schutzlos in Sauls Nähe. Er hielt Abstand und suchte Zuflucht, weil die Gefahr weiterhin bestand. Darin zeigt sich, dass der Verzicht auf Rache und die Bereitschaft zum notwendigen Selbstschutz miteinander vereinbar sind. David musste Saul nicht vertrauen oder sich ihm erneut ausliefern, um auf persönliche Vergeltung zu verzichten.

Diese Unterscheidung ist auch für den christlichen Alltag wesentlich. Wenn Paulus fordert, Gott das Gericht zu überlassen, verbietet er nicht jede Form menschlicher Rechtsprechung. Unrecht darf untersucht, aufgedeckt und durch zuständige Einrichtungen behandelt werden. Bereits im folgenden Kapitel beschreibt Paulus die staatliche Obrigkeit als eine Instanz, die eine Verantwortung zur Ahndung böser Taten besitzt (Römer 13,1–4). Der Übergang ist bemerkenswert: Während Römer 12 dem Einzelnen persönliche Rache untersagt, spricht Römer 13 von einer öffentlichen Verantwortung für Recht und Ordnung. Beides ist nicht gleichzusetzen. Der Einzelne soll sich nicht aus persönlicher Feindseligkeit zum Richter und Vollstrecker machen. Das bedeutet aber nicht, dass jede rechtmäßige Ahndung von Unrecht ausgeschlossen wäre. Auch staatliche Autorität bleibt ihrerseits an Gerechtigkeit gebunden und wird durch ihre bloße Existenz nicht in jeder Handlung gerechtfertigt.

Ein Mensch, dem schweres Unrecht zugefügt wurde, darf daher Schutz suchen, Beweise sichern, Hilfe in Anspruch nehmen oder eine Straftat anzeigen. Solche Schritte sind nicht schon deshalb Rache, weil sie für den Täter unangenehme Folgen haben können. Entscheidend ist, dass sie auf Wahrheit, Schutz und ein gerechtes Verfahren ausgerichtet bleiben und nicht zum Vorwand für eigene rechtswidrige Vergeltung werden. Ebenso wenig verpflichtet Römer 12,19 dazu, zerstörtes Vertrauen sofort wiederherzustellen oder eine gefährliche Beziehung fortzuführen. Das Vertrauen auf Gottes Gericht befreit nicht von verantwortlichem Handeln, sondern soll verhindern, dass dieses Handeln von persönlicher Rachsucht beherrscht wird.

Nachdem Paulus erklärt hat, weshalb Christen die Vergeltung Gott überlassen sollen, überrascht er seine Leser mit einer positiven Aufforderung. In Römer 12,20 schreibt er: „Wenn nun deinen Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn!“ Damit geht er einen entscheidenden Schritt weiter. Er fordert nicht lediglich dazu auf, den Feind nicht zu schädigen. Der Gläubige soll ihm vielmehr Gutes tun, wenn dieser Hilfe benötigt. Aus dem Verzicht auf eine böse Handlung wird eine bewusste gute Handlung. Gerade hierin zeigt sich die Besonderheit der christlichen Feindesliebe. Sie besteht nicht allein darin, dem anderen nichts Böses zu wünschen, sondern kann sich in konkreter Fürsorge äußern.

Paulus wählt dafür zwei grundlegende menschliche Bedürfnisse: Hunger und Durst. Nahrung und Wasser gehören zu den Voraussetzungen des körperlichen Lebens. Wer hungrig oder durstig ist, befindet sich in einer Situation tatsächlicher Bedürftigkeit. Paulus fordert die Gläubigen auf, diese Not ernst zu nehmen, selbst wenn der Betroffene ihnen feindlich gesinnt ist. Der moralische Maßstab soll nicht allein davon abhängen, ob ein Mensch zuvor freundlich, gerecht oder dankbar gewesen ist. Die Not des Feindes bleibt eine wirkliche Not. Sie verliert ihre Bedeutung nicht dadurch, dass zwischen beiden Menschen eine belastete Beziehung besteht.

Diese Aufforderung ist besonders bemerkenswert, weil sie den Unterschied zwischen Liebe und persönlicher Sympathie offenlegt. Ein Mensch muss seinen Feind nicht angenehm finden, um ihm notwendige Hilfe zu leisten. Er muss dessen Verhalten nicht entschuldigen oder eine enge Beziehung zu ihm wünschen. Paulus spricht von konkreten Handlungen, die dem anderen in einer tatsächlichen Notlage zugutekommen. Damit wird die Liebe zu einer Entscheidung, das Gute zu tun, auch wenn die eigenen Gefühle zunächst in eine andere Richtung weisen. Sie ist nicht völlig unabhängig von der inneren Haltung, denn Paulus hatte bereits in Vers 9 eine ungeheuchelte Liebe gefordert. Aber sie erschöpft sich ebenso wenig in einem Gefühl, das erst vorhanden sein müsste, bevor gutes Handeln möglich wäre.

Die Worte stammen nicht ursprünglich von Paulus. Er greift Sprüche 25,21–22 auf. Dort wird bereits im Alten Testament dazu aufgefordert, dem hungrigen Feind Brot und dem durstigen Feind Wasser zu geben. Das ist für das Verständnis der Bibel von großer Bedeutung. Feindesliebe erscheint hier nicht als ein Gegensatz, bei dem Jesus und die Apostel erstmals eine grundsätzliche Lieblosigkeit des Alten Testaments überwinden müssten. Schon die alttestamentlichen Weisheitsschriften verlangten einen Umgang mit Feinden, der über bloße Vergeltung hinausging. Ebenso bestimmte 2. Mose 23,4–5, dass ein Israelit sogar dem Gegner helfen sollte, wenn dessen Tier sich verirrt hatte oder unter seiner Last zusammengebrochen war. Die persönliche Feindschaft sollte also die Verantwortung für das Gute nicht aufheben.

Eine besonders eindrucksvolle Verwirklichung dieses Grundsatzes findet sich im Leben des Propheten Elisa. In 2. Könige 6,18–23 wird berichtet, dass aramäische Soldaten, die gegen Israel ausgezogen waren, in eine Situation gerieten, in der sie den Israeliten ausgeliefert waren. Als der König von Israel fragte, ob er sie töten solle, widersprach Elisa und forderte dazu auf, ihnen Brot und Wasser vorzusetzen. Der König ließ daraufhin sogar eine größere Mahlzeit für sie bereiten und schickte sie anschließend zurück. Der Bericht verbindet die Schonung der Feinde mit konkreter Fürsorge. Die Soldaten erhielten nicht lediglich die Erlaubnis zu überleben, sondern wurden versorgt, bevor man sie entließ.

Dieses Beispiel zeigt, dass der biblische Gedanke der Feindesliebe nicht erst dort beginnt, wo eine feindliche Beziehung bereits beendet ist. Gerade in einer Situation tatsächlicher Gegnerschaft kann ein Mensch vor der Entscheidung stehen, ob er die Not des anderen ausnutzt oder ihr mit Güte begegnet. Elisa machte die Versorgung der Soldaten nicht davon abhängig, dass diese zuvor ihre Feindschaft bereuten. Sein Handeln durchbrach vielmehr den erwartbaren Ablauf von Angriff und Gegenangriff. Zugleich darf dieser einzelne Bericht nicht als allgemeines Versprechen verstanden werden, jede freundliche Behandlung eines Feindes werde dauerhaft alle zukünftigen Konflikte verhindern. Die Geschichte zeigt die Möglichkeit einer anderen Reaktion, garantiert aber nicht in jedem Fall dasselbe Ergebnis.

In Römer 12,20 folgt auf die Aufforderung zur Hilfeleistung eine ungewöhnliche Begründung: „Wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“ Dieses Bild gehört zu den am häufigsten missverstandenen Aussagen des Kapitels. Auf den ersten Blick könnte es so erscheinen, als ermutige Paulus die Gläubigen dazu, ihren Feinden durch freundliche Handlungen auf eine andere Weise Schmerzen zuzufügen. Eine solche Deutung würde jedoch in Spannung zu seiner gesamten Argumentation stehen. Er hat ausdrücklich verboten, Böses mit Bösem zu vergelten, und verlangt, den Feind tatsächlich zu versorgen. Deshalb muss die Bedeutung der feurigen Kohlen sorgfältig aus ihrem biblischen Zusammenhang erschlossen werden.

Das Bild steht bereits in Sprüche 25,21–22. Dort wird die Hilfe für einen hungernden oder durstigen Feind ebenfalls mit den feurigen Kohlen auf seinem Haupt verbunden. Zusätzlich wird gesagt, dass der Herr demjenigen vergelten wird, der so handelt. Paulus übernimmt das Bild, ohne im Römerbrief eine ausdrückliche Erklärung seiner genauen Bedeutung hinzuzufügen. Das macht eine gewisse Zurückhaltung notwendig. Die feurigen Kohlen sind eine bildhafte Aussage; der Text fordert selbstverständlich nicht dazu auf, einem Menschen tatsächlich glühende Kohlen auf den Kopf zu legen. Die Frage ist vielmehr, welche Wirkung die unerwartete Güte auf den Gegner haben kann und welche Bedeutung das Bild innerhalb des Gedankengangs besitzt.

Eine verbreitete und gut begründbare Deutung versteht die feurigen Kohlen als Bild für die beschämende Wirkung unverdienter Freundlichkeit. Wenn ein Mensch einem anderen mit Feindschaft begegnet und von ihm dennoch Hilfe erfährt, kann dadurch sein Gewissen angesprochen werden. Er hatte möglicherweise erwartet, dass der andere ihn ebenfalls ablehnen oder ihm seine Not vorhalten würde. Stattdessen erlebt er eine Handlung, die seinem eigenen Verhalten deutlich widerspricht. Gerade dieser Gegensatz kann ihn dazu bringen, seine Feindseligkeit neu zu beurteilen. Die feurigen Kohlen wären dann ein Bild für den inneren Schmerz der Scham und der Selbsterkenntnis, aus dem echte Reue und eine Veränderung der Haltung entstehen können.

Eine solche Deutung passt besonders gut zum unmittelbaren Zusammenhang. Paulus möchte, dass das Böse durch das Gute überwunden wird. Wenn der Feind durch unerwartete Güte zur Einsicht gelangt und von seinem Unrecht umkehrt, geschieht genau das, worauf die christliche Liebe ausgerichtet ist. Der Gegner wird nicht durch Gegengewalt besiegt, sondern erhält die Gelegenheit, seinen falschen Weg zu verlassen. Das Unrecht wird dadurch nicht verharmlost. Vielmehr kann die Freundlichkeit des Verletzten die Schuld des Täters sogar deutlicher sichtbar machen, weil sie einen anderen Maßstab des Handelns vor Augen stellt.

Allerdings darf diese Deutung nicht so formuliert werden, als sei die Reaktion des Feindes vorhersehbar. Nicht jeder Mensch wird durch Freundlichkeit beschämt oder zur Umkehr bewegt. Manche nehmen Hilfe an und bleiben dennoch feindselig. Andere missverstehen Güte als Schwäche oder versuchen, sie für eigene Zwecke auszunutzen. Die Bibel verspricht an dieser Stelle nicht ausdrücklich, dass jeder Gegner durch die Hilfe eines Christen seine Schuld erkennen wird. Die beschämende und zur Umkehr führende Wirkung ist eine gut begründbare Erklärung des Bildes, aber keine Garantie für einen bestimmten Verlauf jeder menschlichen Beziehung.

Daneben wird in der Auslegung eine zweite Möglichkeit ernsthaft diskutiert. Feurige Kohlen können innerhalb der biblischen Bildsprache auch mit Gericht und Strafe verbunden sein (Psalm 140,11). Deshalb verstehen manche Ausleger die Aussage so, dass die Güte des Gläubigen die Verantwortung des unbußfertigen Feindes vor Gottes Gericht umso deutlicher hervortreten lässt. Wer trotz erwiesener Barmherzigkeit an seinem Unrecht festhält, kann sich nicht darauf berufen, ausschließlich Feindschaft erfahren zu haben. Diese Deutung berücksichtigt den engen Zusammenhang mit Gottes Vergeltung in Vers 19. Dennoch darf daraus nicht gefolgert werden, Paulus fordere die Christen dazu auf, Gutes zu tun, um ihren Feinden eine noch schwerere Strafe zu verschaffen. Das würde die unmittelbare Aufforderung zur aufrichtigen Liebe in ihr Gegenteil verkehren.

Auch die gelegentlich angeführte Vorstellung eines altägyptischen Bußrituals, bei dem ein Mensch glühende Kohlen auf seinem Kopf getragen haben soll, kann nicht als gesicherter Schlüssel zur Erklärung des Bibelverses dienen. Die historischen Hinweise auf einen solchen Brauch sind nicht eindeutig genug, um zu behaupten, Paulus habe gerade dieses Ritual vor Augen gehabt. Da er ausdrücklich aus dem Buch der Sprüche zitiert, ist zunächst dessen biblischer Zusammenhang maßgeblich. Der Text lässt eine bildhafte Erklärung zu, ohne dass dafür eine bestimmte antike Zeremonie vorausgesetzt werden muss.

Für das Verständnis bleibt deshalb die Richtung des gesamten Abschnitts entscheidend. Paulus fordert die Gläubigen nicht dazu auf, eine möglichst wirkungsvolle Methode zu finden, mit der sie ihre Feinde heimlich beschämen, demütigen oder bestrafen können. Das Gute darf nicht bloß als ein besonders raffinierter Weg zur Rache eingesetzt werden. Eine solche Absicht würde der ungeheuchelten Liebe widersprechen, mit der Paulus seine Ermahnungen begonnen hat (Römer 12,9). Wer einem Feind hilft, soll ihm tatsächlich helfen wollen. Wenn dadurch dessen Gewissen angesprochen wird, kann dies eine heilsame Folge sein. Wenn er sich dennoch nicht verändert, bleibt das gute Handeln richtig, weil es Gottes Willen entspricht.

Gerade diese Unterscheidung schützt vor einer subtilen Form geistlicher Selbstgerechtigkeit. Es wäre möglich, einem anderen äußerlich mit Freundlichkeit zu begegnen und dabei innerlich voller Genugtuung zu denken, wie beschämend die eigene Güte für ihn sein müsse. Der Mensch könnte sich über seine moralische Überlegenheit freuen und die Hilfeleistung dazu benutzen, dem anderen seine Schuld vor Augen zu führen. Paulus verlangt jedoch eine Liebe, die frei von Heuchelei sein soll. Die Hilfe für den Feind darf deshalb nicht zu einer religiös veredelten Form der Demütigung werden. Ihr Ziel soll das Gute sein, nicht der heimliche Triumph über einen anderen Menschen.

Dies wird auch durch das Verhalten Jesu verständlich. Er begegnete Menschen, die gesündigt hatten, nicht mit Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Schuld. Dennoch suchte er ihre Rettung. Seine Güte sollte sie nicht in ihrer Sünde bestätigen, sondern ihnen den Weg zur Umkehr eröffnen. In Lukas 19,1–10 wird berichtet, wie seine Begegnung mit Zachäus zu einer tiefgreifenden Veränderung führte. Zachäus erkannte, dass sein bisheriger Umgang mit dem Besitz anderer Menschen falsch gewesen war, und erklärte seine Bereitschaft zur Wiedergutmachung. Jesus hatte die Sünde nicht für bedeutungslos erklärt. Dennoch eröffnete seine Zuwendung eine Möglichkeit der Veränderung, die durch bloße Verachtung nicht entstanden wäre. Dieser Bericht ist keine direkte Erklärung der feurigen Kohlen, veranschaulicht aber, wie Güte und Umkehr miteinander verbunden sein können.

Zugleich muss deutlich bleiben, dass die Aufforderung zur Feindesliebe niemals dazu dienen darf, Menschen unter Druck zu setzen, die Opfer schwerer Gewalt oder fortgesetzten Missbrauchs geworden sind. Nicht jede Form guter Behandlung verlangt unmittelbare persönliche Nähe. Manchmal besteht das richtige Verhalten darin, auf eigene Vergeltung zu verzichten, notwendige Grenzen zu ziehen und den weiteren Verlauf Gott sowie den zuständigen Stellen zu überlassen. Ein Mensch muss sich nicht erneut einer Gefährdung aussetzen, um dem anderen das Gute zu wünschen. Ebenso wenig ist er für dessen Umkehr verantwortlich. Diese bleibt eine Entscheidung, die der Schuldige selbst vor Gott treffen muss.

Die Aussage des Paulus besitzt gerade deshalb eine besondere Tiefe, weil sie den Gläubigen von der Vorstellung befreit, er müsse den anderen durch eigene Mittel unbedingt verändern. Der Christ soll das Gute tun, das in seiner Verantwortung liegt. Er kann beten, helfen, Wahrheit aussprechen, Grenzen setzen und auf Rache verzichten. Aber er kann weder das Gewissen eines anderen Menschen beherrschen noch dessen spätere Entscheidungen garantieren. Die Wirkung seiner Güte liegt letztlich nicht vollständig in seiner Hand. Damit verbindet sich die Aufforderung von Vers 20 unmittelbar mit dem Vertrauen auf Gottes gerechtes Handeln in Vers 19.

In Vers 21 erreicht die gesamte Gedankenfolge ihren Abschluss. Paulus schreibt: „Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“ Dieser Satz fasst die vorhergehenden Ermahnungen zusammen und verleiht ihnen eine besondere Schärfe. Paulus beschreibt das christliche Leben als eine Auseinandersetzung, in der sich entscheidet, welchen Einfluss das Böse auf den Menschen gewinnt. Wer Unrecht erlebt, steht vor der Gefahr, nicht nur äußerlich geschädigt zu werden, sondern innerlich die Gesinnung desjenigen anzunehmen, der ihm das Unrecht zugefügt hat. Genau davor warnt Paulus. Das Böse soll nicht dadurch einen weiteren Sieg erringen, dass es im Herzen des Verletzten Hass, Rachsucht und neue Bosheit hervorbringt.

Das griechische Verb nikaō, das Paulus hier verwendet, bedeutet überwinden oder siegen. Bemerkenswert ist, dass es in beiden Teilen des Satzes erscheint. Zuerst warnt Paulus davor, vom Bösen überwunden zu werden. Anschließend fordert er dazu auf, das Böse selbst zu überwinden. Er beschreibt somit zwei gegensätzliche Möglichkeiten, auf Feindschaft zu reagieren. Entweder gewinnt das Böse Macht über die eigene Gesinnung und bestimmt das weitere Handeln, oder der Mensch begegnet ihm mit einer Haltung, die nicht nach dessen Maßstäben funktioniert. Der Sieg besteht nicht darin, den anderen stärker verletzen zu können, sondern darin, selbst am Guten festzuhalten.

Darin liegt eine wichtige Umkehr gewöhnlicher Vorstellungen von Stärke. Wer beleidigt wird, möchte möglicherweise durch eine noch schärfere Beleidigung zeigen, dass er sich nichts gefallen lässt. Wer betrogen wird, könnte versucht sein, durch eigene Täuschung einen Vorteil zurückzugewinnen. Wer gedemütigt wird, empfindet vielleicht den Wunsch, den anderen ebenfalls bloßzustellen. Solche Reaktionen können für einen kurzen Augenblick das Gefühl vermitteln, die eigene Handlungsfähigkeit zurückgewonnen zu haben. Doch wenn sie selbst ungerecht sind, hat das Böse bereits einen weiteren Menschen zu entsprechendem Handeln bewegt. Die ursprüngliche Schuld des anderen wird durch die eigene Gegenhandlung nicht beseitigt, sondern durch neues Unrecht vermehrt.

Paulus fordert einen anderen Weg. Das Böse soll nicht nachgeahmt, sondern durch das Gute überwunden werden. Damit ist keine schwache oder gleichgültige Haltung gemeint. Es kann große innere Kraft verlangen, nicht auf eine Provokation einzugehen, eine schwere Verletzung nicht in gleicher Weise zu erwidern oder einem Menschen Hilfe zu leisten, der einen zuvor ungerecht behandelt hat. Gerade wenn Vergeltung möglich wäre, wird die Entscheidung gegen sie zu einem bewussten Ausdruck geistlicher Selbstbeherrschung. Ein solcher Mensch lässt nicht einfach alles geschehen. Er entscheidet sich vielmehr, das eigene Verhalten nicht von der Bosheit des anderen bestimmen zu lassen.

Diese Haltung hat ihren tiefsten Grund im Vorbild Jesu Christi. Der Sohn Gottes begegnete der Feindschaft der Menschen nicht dadurch, dass er selbst sündigte oder ihren Hass übernahm. Er blieb dem Willen seines Vaters gehorsam und liebte bis zum Ende. Petrus beschreibt ihn als denjenigen, der keine Sünde tat und in dessen Mund kein Betrug gefunden wurde (1. Petrus 2,22–23). Während er litt, vertraute er sich dem gerechten Richter an. Sein Sieg bestand nicht in persönlicher Rache, sondern in der vollkommenen Treue zu Gott. Durch seinen Tod und seine Auferstehung wurde die Grundlage geschaffen, auf der sündige Menschen Vergebung und neues Leben empfangen können. Die Aufforderung des Paulus ist deshalb nicht von der Erlösung durch Christus zu trennen. Sie beschreibt eine Lebenshaltung, die aus der Gemeinschaft mit dem Erlöser erwachsen soll.

Dabei wäre es falsch, das Überwinden des Bösen ausschließlich als menschliche Willensleistung zu verstehen. Bereits zu Beginn des Kapitels hatte Paulus die Gläubigen dazu aufgerufen, ihr Leben Gott hinzugeben und sich durch die Erneuerung ihres Denkens verwandeln zu lassen. In Römer 8 hatte er erklärt, dass ein Leben nach Gottes Willen durch das Wirken des Heiligen Geistes ermöglicht wird. Der Mensch ist verantwortlich, seine Entscheidungen am Guten auszurichten, doch die grundlegende Erneuerung seines Charakters geschieht nicht unabhängig von Gottes Gnade. Die Fähigkeit, auf Hass nicht mit Hass zu antworten, ist deshalb mehr als das Ergebnis äußerlicher Selbstdisziplin. Sie gehört zu einem Leben, in dem der Heilige Geist die Gesinnung des Menschen verändert.

In Galater 5,22–23 beschreibt Paulus die Frucht des Geistes unter anderem mit Liebe, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Gerade diese Eigenschaften werden benötigt, wenn ein Mensch mit Feindschaft oder Ungerechtigkeit konfrontiert wird. Ohne Geduld kann er sich vorschnell zur Vergeltung hinreißen lassen. Ohne Selbstbeherrschung können verletzende Worte und unüberlegte Handlungen entstehen. Ohne Liebe wird die Not des Gegners bedeutungslos. Und ohne Vertrauen auf Gott kann der Wunsch wachsen, die Gerechtigkeit unbedingt mit eigenen Mitteln herstellen zu müssen. Das Wirken des Geistes richtet den Menschen dagegen darauf aus, auch unter schwierigen Umständen nach Gottes Willen zu handeln.

Der Sieg über das Böse darf jedoch nicht ausschließlich an einer sichtbaren Veränderung des Feindes gemessen werden. Es wäre möglich, dass ein Christ aufrichtig Gutes tut und sein Gegner dennoch in der Feindschaft verharrt. Vielleicht erkennt dieser seine Schuld nicht oder lehnt jede Versöhnung ab. Paulus verspricht nicht, dass jede Auseinandersetzung auf diese Weise unmittelbar beendet wird. Der Gläubige kann dennoch dem Bösen widerstehen, indem er sich nicht zur eigenen Sünde verleiten lässt. Bereits das Festhalten an Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe ist von Bedeutung, auch wenn der andere darauf nicht positiv reagiert. Der Christ bleibt verantwortlich für seine Treue, nicht für den vollständigen Ausgang jeder Beziehung.

Gleichzeitig kann das Gute tatsächliche Veränderungen bewirken. Eine unerwartet freundliche Handlung kann Feindschaft abschwächen, ein ehrliches Gespräch kann Vorurteile korrigieren, und die Bereitschaft zur Vergebung kann den Weg für eine neue Beziehung öffnen. Solche Entwicklungen sind jedoch Möglichkeiten und keine garantierten Ergebnisse. Gerade weil Paulus den Frieden zuvor ausdrücklich mit den Worten „ist es möglich“ und „soviel an euch liegt“ begrenzt hatte, darf auch der Sieg des Guten nicht als automatische Erfolgsformel verstanden werden. Die biblische Aufforderung richtet sich auf den moralischen Charakter des eigenen Handelns, nicht auf die sichere Beherrschung der Reaktion des anderen.

Der Gedanke besitzt auch eine Bedeutung, die über einzelne persönliche Konflikte hinausgeht. Feindschaft kann innerhalb von Familien, Gemeinden oder ganzen gesellschaftlichen Gruppen weitergegeben werden. Eine Beleidigung führt zur nächsten, eine ungerechte Handlung wird mit einer weiteren beantwortet, und nach einiger Zeit erscheint die ursprüngliche Ursache des Konflikts weniger wichtig als die fortgesetzte gegenseitige Verletzung. Jeder Beteiligte kann dann die Schuld des anderen als Begründung für das eigene Verhalten anführen. Paulus stellt diesem Kreislauf einen anderen Grundsatz entgegen. Ein Mensch soll nicht deshalb Unrecht tun, weil zuvor Unrecht an ihm begangen wurde. Gerade durch diese Entscheidung kann verhindert werden, dass das Böse sich durch immer neue Gegenhandlungen ausbreitet.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Auseinandersetzung durch bloße Freundlichkeit gelöst werden könnte. Wo Lügen verbreitet werden, kann es notwendig sein, die Wahrheit öffentlich richtigzustellen. Wo Menschen bedroht werden, kann Schutz erforderlich sein. Wo jemand seine Stellung missbraucht, muss sein Handeln möglicherweise untersucht und begrenzt werden. Auch solche Maßnahmen können dem Guten dienen, wenn sie wahrhaftig, gerecht und verantwortungsvoll ausgeführt werden. Die Aufforderung, das Böse mit Gutem zu überwinden, verlangt daher nicht die Abschaffung jeder notwendigen Auseinandersetzung. Sie verlangt, dass die Mittel, mit denen dem Unrecht begegnet wird, selbst dem Maßstab des Guten entsprechen.

Gerade darin liegt eine der anspruchsvollsten Folgen christlicher Nachfolge. Das eigene Verhalten darf nicht allein danach beurteilt werden, ob das angestrebte Ziel richtig erscheint. Auch der Weg zu diesem Ziel muss geprüft werden. Ein Mensch kann ein berechtigtes Anliegen vertreten und dennoch durch Lüge, Demütigung oder ungerechte Mittel selbst Schuld auf sich laden. Paulus fordert dagegen, dass sich die Gläubigen nicht nur vom Bösen abwenden, sondern bewusst am Guten festhalten. Dieser Gedanke verbindet den Schluss des Kapitels unmittelbar mit Römer 12,9, wo er bereits dazu aufgerufen hatte, das Böse zu verabscheuen und am Guten zu hängen. Die Liebe, die dort als ungeheuchelt beschrieben wurde, soll sich nun gerade im schwierigsten Umgang mit anderen bewähren.

Damit schließt Paulus einen bemerkenswerten Gedankengang. Er hatte das Kapitel mit Gottes Barmherzigkeit begonnen und die Gläubigen aufgefordert, ihr ganzes Leben als lebendiges Opfer darzubringen. Die Erneuerung ihres Denkens sollte sie befähigen, Gottes Willen zu erkennen und danach zu handeln. Anschließend erklärte er, wie Demut, unterschiedliche Gnadengaben und aufrichtige Liebe das Gemeindeleben prägen sollen. Nun erreicht diese Erneuerung ihren weitesten Ausdruck: Der Christ soll selbst dort nach Gottes Willen handeln, wo er auf Feindschaft, Verletzung und Unrecht trifft. Seine Liebe soll nicht allein davon abhängig sein, wie andere Menschen ihn behandeln.

So wird verständlich, weshalb Paulus den Verzicht auf Vergeltung nicht als Niederlage, sondern als Sieg beschreibt. Derjenige, der Böses erleidet, muss nicht zulassen, dass dieses Böse auch sein Herz beherrscht. Er darf sich Gott anvertrauen, nach Gerechtigkeit suchen, notwendige Grenzen setzen und dennoch darauf verzichten, selbst ungerecht zu handeln. Er kann dem anderen das Gute wünschen, ohne dessen Schuld zu verharmlosen. Er kann um Umkehr beten, ohne sie erzwingen zu wollen. Und er kann die Entscheidung treffen, sein weiteres Leben nicht vom Wunsch nach persönlicher Rache bestimmen zu lassen.

Der letzte Vers fasst damit die geistliche Herausforderung des gesamten Kapitels zusammen. Gottes Barmherzigkeit soll den Menschen so verändern, dass er nicht länger nach den Maßstäben von Selbstsucht, Stolz und Vergeltung lebt. Was Gott ihm in Christus geschenkt hat, soll in seinen Gedanken, Entscheidungen und Beziehungen sichtbar werden. Das Ziel ist nicht bloß ein äußerlich anständiger Lebenswandel, sondern ein durch Gottes Gnade erneuerter Charakter, der selbst unter schwierigen Umständen an Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe festhält.

Das Böse mit Gutem zu überwinden bedeutet deshalb nicht, das Böse zu leugnen oder sich ihm schutzlos auszuliefern. Es bedeutet, ihm die Macht zu verweigern, auch das eigene Herz und Handeln böse werden zu lassen. Gerade darin zeigt sich die verändernde Kraft des Evangeliums: Der Mensch muss nicht wiederholen, was ihm an Unrecht begegnet ist. Durch Gottes Gnade kann er lernen, einen anderen Weg zu gehen und das Gute zu tun, auch wenn die Umstände schwierig bleiben.

Geistliche Kernbotschaft

Ein Leben, das von Gottes Barmherzigkeit ergriffen wurde, kann nicht unverändert bleiben. Dieser Gedanke bildet das geistliche Fundament von Römer 12. Paulus betrachtet die Erlösung durch Jesus Christus nicht als eine Wahrheit, die der Mensch lediglich verstehen und bekennen soll, während sein alltägliches Leben davon unberührt bleibt. Gottes Gnade eröffnet vielmehr eine neue Beziehung zu ihm, aus der eine veränderte Lebensführung erwachsen soll. Der Mensch wird nicht durch seine guten Werke gerechtfertigt. Doch die Gnade, durch die er Vergebung und neues Leben empfängt, soll auch seine Gedanken, Entscheidungen und Beziehungen verändern. Zwischen der Rechtfertigung durch den Glauben und einem Leben im Gehorsam besteht deshalb kein Widerspruch. Beide gehören zu dem einen Erlösungswerk Gottes, dessen Grundlage Jesus Christus ist.

Dabei beginnt die Veränderung nicht mit der Forderung, der Mensch müsse sich selbst vollkommen machen. Paulus erinnert zuerst an Gottes Barmherzigkeit. Das ist entscheidend, weil es die Richtung der Beziehung zwischen Gott und Mensch bestimmt. Nicht der Mensch bringt durch seine Leistungen Gott dazu, ihn zu lieben. Gott hat vielmehr aus Liebe gehandelt und den Weg zur Erlösung eröffnet. Darauf antwortet der Gläubige mit Vertrauen, Dankbarkeit und Hingabe. Gehorsam ist in diesem Zusammenhang weder eine Bezahlung für die empfangene Vergebung noch ein bedeutungsloser Zusatz zum Glauben. Er ist die praktische Antwort eines Menschen, der sein Leben nicht länger unabhängig von seinem Schöpfer führen möchte.

Damit erhält auch der Begriff des Gottesdienstes eine tiefere Bedeutung. Gott beansprucht nicht lediglich einzelne religiöse Handlungen, sondern den ganzen Menschen. Wer ihm gehört, soll nicht zwischen einem religiösen Bereich und einem davon unabhängigen alltäglichen Leben unterscheiden. Die Beziehung zu Gott betrifft ebenso den Umgang mit dem eigenen Körper wie die Verwendung der persönlichen Fähigkeiten, den Einsatz von Besitz und Zeit sowie das Verhalten gegenüber anderen Menschen. Das bedeutet nicht, dass jede gewöhnliche Tätigkeit automatisch ein Gottesdienst wäre, unabhängig davon, wie sie ausgeführt wird. Vielmehr kann das gesamte Leben zu einer Antwort auf Gottes Gnade werden, wenn es bewusst unter seinen Willen gestellt wird.

Eine solche Hingabe erfordert die Erneuerung des Denkens. Der gefallene Mensch beurteilt das Leben häufig aus der Perspektive seiner eigenen Wünsche, seiner Verletzungen und seiner gesellschaftlichen Umgebung. Er neigt dazu, nach Anerkennung zu streben, sich mit anderen zu vergleichen, persönliche Vorteile zu sichern und erlittenes Unrecht durch Vergeltung auszugleichen. Die Veränderung, von der Paulus spricht, reicht deshalb tiefer als eine äußere Anpassung des Verhaltens. Gottes Wahrheit soll die inneren Maßstäbe erneuern, nach denen ein Mensch Gut und Böse beurteilt. Unter dem Wirken des Heiligen Geistes lernt er, Gottes Willen nicht als fremde Einschränkung, sondern als Ausdruck göttlicher Weisheit und Güte zu erkennen.

Besonders eindringlich wird diese Veränderung im Verhältnis zu anderen Menschen sichtbar. Der natürliche Wunsch, selbst bedeutend zu sein, wird durch die Bereitschaft ersetzt, anderen zu dienen. Die eigenen Fähigkeiten verlieren ihren Charakter als Mittel zur persönlichen Überlegenheit und werden zu anvertrauten Möglichkeiten, das Wohl anderer zu fördern. Die Gemeinde erscheint dadurch nicht als eine Gemeinschaft, in der alle Menschen um dieselbe Stellung konkurrieren müssen. Sie ist ein Leib, dessen Glieder aufeinander angewiesen sind. Jeder Mensch bleibt für seine Aufgaben verantwortlich, aber niemand besitzt einen Grund, sich aufgrund seiner Begabung oder seines Ansehens grundsätzlich über andere zu erheben.

Darin offenbart sich zugleich etwas Wesentliches über Gottes Handeln. Er wirkt nicht ausschließlich durch außergewöhnliche Menschen, öffentliche Aufgaben oder besonders auffällige Fähigkeiten. Auch stille Dienste, praktische Hilfsbereitschaft und unscheinbare Formen der Fürsorge können Ausdruck seiner Gnade sein. Der Wert eines Menschen hängt nicht davon ab, wie viele andere ihn bewundern oder welche Stellung er innerhalb einer Gemeinschaft einnimmt. Weil die Gläubigen ihre Gaben von Gott empfangen haben, sollen sie einander nicht nach menschlichen Rangordnungen beurteilen. Die Vielfalt ihrer Aufgaben dient dem gemeinsamen Wachstum und macht ihre gegenseitige Abhängigkeit sichtbar.

Die geistliche Reife eines Menschen zeigt sich deshalb nicht allein an seinem Wissen oder an der Fähigkeit, über den Glauben zu sprechen. Sie wird auch an seiner Liebe erkennbar. Paulus beschreibt diese Liebe als aufrichtig, dem Guten verpflichtet und bereit, sich anderen zuzuwenden. Sie ist nicht mit bloßer Nachgiebigkeit gleichzusetzen, denn sie muss das Böse weiterhin als böse erkennen. Ebenso wenig darf sie auf ein warmes Gefühl beschränkt werden, das nur gegenüber sympathischen Menschen besteht. Die Liebe, zu der das Evangelium führt, verbindet Wahrheit mit Barmherzigkeit, Überzeugung mit Demut und geistliche Erkenntnis mit praktischer Verantwortung.

Ihre tiefste Bewährungsprobe begegnet dort, wo Menschen Unrecht erfahren. Solange andere freundlich handeln, kann ein liebevoller Umgang vergleichsweise leichtfallen. Wer jedoch verletzt oder verfolgt wird, steht vor der Frage, ob die erfahrene Feindschaft seine eigene Gesinnung bestimmen soll. Paulus stellt dieser Versuchung das Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit entgegen. Der Mensch muss nicht selbst zum Vollstrecker persönlicher Rache werden, weil Gott das Unrecht kennt und gerecht beurteilt. Damit wird das Böse nicht verharmlost. Vielmehr wird dem Wunsch nach Gerechtigkeit sein richtiger Platz gegeben, ohne dass der Verletzte selbst durch Vergeltung neue Schuld auf sich laden muss.

Die Freiheit von persönlicher Rache ist deshalb nicht mit Schwäche zu verwechseln. Sie entsteht aus dem Vertrauen, dass Gott auch dort gerecht bleibt, wo der Mensch den Ausgang einer Situation nicht beherrschen kann. Wer auf Vergeltung verzichtet, verliert nicht das Recht, die Wahrheit auszusprechen, sich zu schützen oder notwendige Hilfe in Anspruch zu nehmen. Er weigert sich jedoch, die Bosheit eines anderen zur Grundlage seines eigenen Handelns zu machen. Gerade darin wird sichtbar, wie weit Gottes verändernde Gnade reichen kann: Sie befähigt den Menschen, selbst unter dem Einfluss erlittenen Unrechts an einem anderen Maßstab festzuhalten.

Der geistliche Mittelpunkt des Kapitels liegt somit in der Verbindung von empfangener Barmherzigkeit und gelebter Liebe. Gott möchte nicht nur die Schuld des Menschen vergeben, sondern ihn auch aus der Herrschaft jener Haltungen befreien, die das menschliche Zusammenleben zerstören. Stolz soll der Demut weichen, Gleichgültigkeit der Fürsorge und Rachsucht dem Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit. Diese Veränderung geschieht nicht unabhängig von Christus oder durch bloße menschliche Selbstdisziplin. Sie ist die Frucht eines Lebens, das sich Gottes Gnade öffnet und zunehmend von seinem Geist prägen lässt.

Römer 12 macht damit deutlich, dass das Evangelium den Menschen in seiner ganzen Existenz betrifft. Gottes Barmherzigkeit soll nicht nur geglaubt, sondern im Leben erkennbar werden. Der Glaube erhält seine Grundlage im Handeln Gottes und zeigt seine Wirksamkeit im verantwortlichen Handeln des Menschen. Das Ziel ist ein Leben, in dem Gottes Wesen immer deutlicher widergespiegelt wird: in der Treue zur Wahrheit, im Dienst an anderen, in echter Liebe und in der Bereitschaft, selbst dem Bösen nicht mit neuer Bosheit zu begegnen.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Der geistliche Gedankengang von Römer 12 wird besonders verständlich, wenn man ihn mit den vorhergehenden Aussagen des Römerbriefs verbindet. In Römer 3,21–26 beschreibt Paulus die Rechtfertigung durch Gottes Gnade aufgrund des Erlösungswerks Jesu Christi. Römer 5,6–11 entfaltet anschließend, dass Gott seine Liebe erwiesen hat, als die Menschen noch Sünder und Feinde waren. Diese Aussagen erklären, weshalb Paulus seine praktischen Ermahnungen in Römer 12,1 ausdrücklich auf Gottes Barmherzigkeit gründet. Der Mensch soll nicht durch einen verbesserten Lebenswandel erst eine Beziehung zu Gott erwerben. Vielmehr erwächst die neue Lebensführung aus dem Heil, das Gott in Christus eröffnet hat. Ohne diese Verbindung könnte Römer 12 fälschlich als eigenständiges System religiöser Leistungsforderungen verstanden werden.

Eine ebenso wichtige Verbindung besteht zu Römer 6,11–13. Dort fordert Paulus die Gläubigen auf, sich selbst Gott zur Verfügung zu stellen und ihre Glieder nicht länger als Werkzeuge der Ungerechtigkeit einzusetzen. In Römer 12,1 wird derselbe Grundgedanke durch die Sprache des Opferdienstes vertieft. Die Erlösten gehören Gott mit ihrem gesamten Leben. Römer 6 betont besonders die Abkehr von der Herrschaft der Sünde, während Römer 12 die positive Ausrichtung dieser neuen Zugehörigkeit entfaltet. Die beiden Stellen ergänzen sich: Die Befreiung von der Sünde besitzt nicht nur die Bedeutung, bestimmte Handlungen aufzugeben, sondern eröffnet die Möglichkeit, das Leben bewusst Gott zu widmen.

Der Zusammenhang mit Römer 8,1–14 erklärt, wodurch diese Veränderung möglich wird. Dort unterscheidet Paulus zwischen einem Leben nach dem Fleisch und einem Leben nach dem Geist. Das Fleisch bezeichnet in diesem Zusammenhang nicht einfach den menschlichen Körper, sondern die sündige, von Gott unabhängige Lebensausrichtung. Der Heilige Geist dagegen führt den Gläubigen zu einem neuen Verhältnis zu Gott und ermöglicht ein Leben, das nicht länger von der Sünde beherrscht werden soll. Damit erhält die Erneuerung des Denkens aus Römer 12,2 ihre geistliche Grundlage. Paulus fordert keine selbstständig hervorgebrachte moralische Vollkommenheit, sondern beschreibt eine wirkliche Veränderung, die durch Gottes Geist getragen wird und den Menschen zu bewusstem Gehorsam ruft.

Eine alttestamentliche Verbindung eröffnet sich durch Jeremia 31,31–34 und Hesekiel 36,25–27. Jeremia kündigt einen neuen Bund an, in dem Gott seine Weisung in das Innere seines Volkes legen und in seine Herzen schreiben wird. Hesekiel spricht von einem neuen Herzen und davon, dass Gottes Geist die Menschen befähigen soll, nach seinen Ordnungen zu leben. Römer 12 zitiert diese prophetischen Stellen nicht ausdrücklich. Dennoch besteht ein tragfähiger theologischer Zusammenhang: Gottes erneuerndes Handeln richtet sich nicht allein auf äußere Lebensregeln, sondern auf die innere Gesinnung des Menschen. Das neue Leben ist weder gesetzlose Unabhängigkeit noch bloß äußerlicher Gehorsam. Gottes Wille soll im Herzen des Menschen einen neuen Platz erhalten und dadurch sein Handeln prägen.

Auch die Verbindung zu Hebräer 10,10–14 und 13,15–16 hilft, die Opferbildsprache von Römer 12,1 genauer einzuordnen. Der Hebräerbrief erklärt, dass Jesus Christus durch sein einmaliges Opfer das Entscheidende für die Erlösung vollbracht hat. Seine Hingabe muss nicht durch weitere menschliche Sühnopfer ergänzt werden. Zugleich fordert Hebräer 13 dazu auf, Gott Lob darzubringen sowie Wohltätigkeit und gegenseitiges Teilen nicht zu vergessen, weil solche Opfer Gott gefallen. Diese Aussagen zeigen, wie die Sprache des Opferdienstes im Neuen Testament auf das Leben der Erlösten angewendet werden kann, ohne die Einmaligkeit des Opfers Christi zu beeinträchtigen. Das Leben des Christen ist eine Antwort auf Christi vollbrachtes Werk, kein Ersatz dafür.

Die Aussagen über die Gemeinde als einen Leib werden in 1. Korinther 12,4–27 und Epheser 4,11–16 weiter entfaltet. Im ersten Korintherbrief erklärt Paulus besonders ausführlich, dass die unterschiedlichen Glieder einander benötigen und keines von ihnen aufgrund seiner Funktion geringgeschätzt werden darf. Im Epheserbrief wird hervorgehoben, dass Christus das Haupt des Leibes ist und dass die verschiedenen Dienste dem Aufbau und dem geistlichen Wachstum der Gemeinde dienen. Diese Stellen erweitern den Gedanken von Römer 12,3–8. Geistliche Einheit entsteht nicht durch die Beseitigung aller Unterschiede, sondern durch die gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus und den verantwortlichen Einsatz der empfangenen Gaben. Der einzelne Gläubige bleibt dabei nicht unabhängig von der Gemeinschaft, sondern wird zu ihrem Aufbau berufen.

Eine besonders enge thematische Verbindung besteht zu 1. Korinther 13,1–7. Dort erklärt Paulus, dass selbst außergewöhnliche geistliche Fähigkeiten ohne Liebe ihren eigentlichen Wert verlieren. Er spricht von prophetischer Rede, Erkenntnis, Glauben und großer Opferbereitschaft, macht aber deutlich, dass diese Dinge nicht die Stelle der Liebe einnehmen können. Diese Aussage ergänzt die Reihenfolge von Römer 12 auf bemerkenswerte Weise. Nachdem Paulus dort die unterschiedlichen Gnadengaben beschrieben hat, richtet er den Blick auf die ungeheuchelte Liebe. Die beiden Texte zeigen gemeinsam, dass geistliche Begabung und geistlicher Charakter nicht miteinander verwechselt werden dürfen. Eine Gabe kann öffentlich eindrucksvoll sein, während die Haltung, mit der sie ausgeübt wird, Gottes Willen widerspricht. Die Liebe entscheidet deshalb wesentlich darüber, ob eine Fähigkeit tatsächlich dem Wohl anderer dient.

Die Verbindung von Liebe und Gehorsam wird später innerhalb desselben Römerbriefs ausdrücklich weitergeführt. In Römer 13,8–10 nennt Paulus konkrete Gebote, darunter die Verbote von Ehebruch, Mord, Diebstahl und Begierde, und erklärt, dass die Liebe dem Nächsten nichts Böses zufügt. Dadurch erhält die Liebe aus Römer 12 einen klaren moralischen Maßstab. Sie bedeutet nicht, dass Gottes Gebote bedeutungslos geworden wären oder jeder Mensch selbst bestimmen könnte, was Liebe ist. Vielmehr verwirklicht sich die Liebe in einem Verhalten, das dem anderen nicht schadet und Gottes Willen entspricht. Römer 12 und 13 zeigen deshalb gemeinsam, dass echte Liebe weder bloßes Gefühl noch moralische Beliebigkeit ist. Sie besitzt konkrete Auswirkungen auf das Handeln.

Der Aufruf, auch Verfolger zu segnen und Feinden Gutes zu tun, steht in enger Verbindung zur Bergpredigt Jesu. Besonders Matthäus 5,38–48 und Lukas 6,27–36 entfalten die Forderung, nicht mit Vergeltung auf Unrecht zu reagieren, sondern Feinde zu lieben und für Verfolger zu beten. Dabei begründet Jesus dieses Verhalten mit Gottes eigener Güte. Die Aussagen bilden eine starke inhaltliche Parallele zu Römer 12,14–21, ohne dass Paulus an dieser Stelle die Bergpredigt ausdrücklich zitiert. Gemeinsam zeigen sie, dass christliche Feindesliebe keine nebensächliche Tugend ist. Sie gehört zu den besonderen Kennzeichen einer Nachfolge, die das Wesen des himmlischen Vaters widerspiegeln soll.

Eine direkte Aufnahme alttestamentlicher Schrift begegnet dagegen in Römer 12,19–20. Paulus zitiert zunächst 5. Mose 32,35, um das Recht der endgültigen Vergeltung Gott zuzuordnen. Anschließend übernimmt er aus Sprüche 25,21–22 die Aufforderung, dem hungernden und durstigen Feind zu helfen. Gerade die Verbindung dieser beiden Texte ist aufschlussreich. Gottes Gerechtigkeit und menschliche Barmherzigkeit werden nicht gegeneinander gestellt. Der Gläubige darf darauf vertrauen, dass Gott gerecht richtet, und soll gerade deshalb nicht selbst rachsüchtig handeln. Die alttestamentliche Grundlage zeigt zugleich, dass der Aufruf zur tätigen Feindesliebe nicht erst im Neuen Testament ohne vorherige biblische Vorbereitung erscheint.

Eine weitere bedeutsame Parallele findet sich in 1. Petrus 3,8–12. Petrus fordert die Gläubigen zu Einmütigkeit, Mitgefühl und Bruderliebe auf und verbietet ausdrücklich, Böses mit Bösem oder Schmähung mit Schmähung zu vergelten. Stattdessen sollen sie segnen. Zur Begründung führt er Psalm 34 an, der das Abwenden vom Bösen, das Tun des Guten und die Suche nach Frieden miteinander verbindet. Auffällig ist, dass diese Ermahnungen in einem Brief stehen, der sich intensiv mit dem Leiden der Gläubigen beschäftigt. Die friedfertige Lebensführung wird also nicht als Garantie dargestellt, dass Christen niemals angefeindet werden. Vielmehr sollen sie gerade unter solchen Umständen an Gottes Maßstab festhalten. Diese Verbindung schützt Römer 12 vor der falschen Erwartung, gerechtes Verhalten müsse jede Feindschaft zwangsläufig beenden.

Schließlich führt der Blick auf Jesus Christus die verschiedenen Linien zusammen. In Philipper 2,5–11 stellt Paulus die Gesinnung Christi als Vorbild für die Demut der Gläubigen dar. In Johannes 13,1–17 wird diese Gesinnung durch Jesu Fußwaschung anschaulich. Und 1. Petrus 2,21–23 beschreibt, wie Christus selbst unter ungerechter Misshandlung auf Schmähung und persönliche Drohung verzichtete und seine Sache dem gerechten Richter anvertraute. Diese Stellen erklären nicht jedes Detail von Römer 12, zeigen aber die gemeinsame christologische Grundlage seiner Ethik. Derjenige, dessen Gnade die Gläubigen erlöst, ist zugleich das Vorbild für die Lebenshaltung, zu der sie berufen sind. Ihre Liebe, Demut und Friedfertigkeit sollen Ausdruck ihrer Gemeinschaft mit ihm werden.

Wichtige Lektionen

Die erste wichtige Lehre aus Römer 12 betrifft die persönliche Hingabe an Gott. Jeder Gläubige sollte sich fragen, ob sein Glaube tatsächlich Einfluss auf seine alltäglichen Entscheidungen besitzt. Es ist möglich, regelmäßig zu beten, die Bibel zu lesen und Gottesdienste zu besuchen, während bestimmte Bereiche des Lebens bewusst von Gottes Willen getrennt bleiben. Paulus fordert dazu auf, diese Trennung zu überwinden. Das betrifft beispielsweise den Umgang mit Geld, die persönliche Ehrlichkeit, die Verwendung der eigenen Zeit, das Verhalten innerhalb der Familie und die Frage, welche Gewohnheiten das Denken prägen. Wer Gott sein Leben zur Verfügung stellt, sollte bereit sein, auch dort Veränderungen zuzulassen, wo sie persönliche Wünsche oder vertraute Verhaltensweisen berühren. Die Hingabe an Gott ist deshalb nicht auf einen einzelnen Entschluss beschränkt, sondern muss sich immer wieder in konkreten Entscheidungen bewähren.

Eng damit verbunden ist die Verantwortung, das eigene Denken prüfen und erneuern zu lassen. Nicht jede Überzeugung, die ein Mensch lange vertreten hat, ist deshalb richtig. Ebenso wenig wird eine Handlung allein dadurch gut, dass sie gesellschaftlich üblich oder von vielen Menschen akzeptiert ist. Paulus fordert dazu auf, Gottes Willen zum Maßstab des Urteils zu machen. Für den Alltag bedeutet dies, sich mit der Heiligen Schrift zu beschäftigen, die eigenen Beweggründe ehrlich zu hinterfragen und erkannte Wahrheit nicht nur theoretisch anzuerkennen. Besonders wichtig ist die Bereitschaft, eine falsche Haltung auch dann zu korrigieren, wenn man sie bisher für selbstverständlich gehalten hat. Geistliches Wachstum verlangt Lernbereitschaft und die Demut, sich von Gottes Wort verändern zu lassen.

Eine weitere Lehre betrifft die eigene Stellung innerhalb der Gemeinschaft. Menschen neigen dazu, ihren Wert mit den Leistungen oder Fähigkeiten anderer zu vergleichen. Wer eine auffällige Begabung besitzt, kann sich dadurch überlegen fühlen. Wer weniger öffentliche Anerkennung erhält, kann dagegen meinen, er sei unbedeutend. Paulus widerspricht beiden Haltungen. Jeder Gläubige soll seine Möglichkeiten nüchtern beurteilen und sie für das Wohl anderer einsetzen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die eigene Aufgabe besonders angesehen ist, sondern ob man sie treu und in der richtigen Gesinnung erfüllt. Wer gut erklären kann, soll anderen beim Verstehen helfen. Wer praktische Fähigkeiten besitzt, kann damit unterstützen. Wer besonders aufmerksam für die Nöte anderer ist, soll diese Aufmerksamkeit in liebevolle Fürsorge umsetzen. Dabei darf niemand meinen, nur eine außergewöhnliche Gabe mache seinen Dienst wertvoll.

Römer 12 lehrt außerdem, dass die innere Haltung eines Menschen ebenso wichtig ist wie seine äußeren Handlungen. Es genügt nicht, freundlich zu sprechen, wenn dahinter Verachtung steht. Ebenso wenig ist eine Hilfeleistung Ausdruck aufrichtiger Liebe, wenn sie nur dazu dient, Anerkennung zu gewinnen oder andere von sich abhängig zu machen. Deshalb lohnt es sich, vor wichtigen Handlungen nicht nur nach dem erwarteten Ergebnis zu fragen, sondern auch nach dem eigenen Beweggrund. Möchte ich dem anderen wirklich helfen? Kann ich mich aufrichtig über seinen Erfolg freuen? Bin ich bereit, einen Fehler einzugestehen, obwohl dies meinem Ansehen schadet? Solche Fragen machen sichtbar, ob das eigene Verhalten bereits von Demut und Liebe geprägt ist oder ob Selbstsucht weiterhin einen bestimmenden Einfluss besitzt.

Eine besonders konkrete Verantwortung besteht gegenüber Menschen, die Unterstützung benötigen. Wer von der Not eines anderen erfährt, sollte nicht vorschnell davon ausgehen, dass sich schon jemand anders darum kümmern werde. Manchmal kann bereits eine kleine, verlässliche Hilfe große Bedeutung besitzen. Ein einsamer Mensch braucht möglicherweise jemanden, der ihn besucht. Ein überlasteter Angehöriger benötigt praktische Entlastung. Ein Trauernder braucht vielleicht keine ausführliche Erklärung seines Leides, sondern einen Menschen, der zuhört und an seiner Seite bleibt. Paulus fordert nicht von jedem Gläubigen dieselbe Art oder denselben Umfang der Hilfe. Er verlangt jedoch eine aufrichtige Bereitschaft, entsprechend den eigenen Möglichkeiten Verantwortung zu übernehmen.

Auch der Umgang mit Freude und Leid anderer Menschen verdient bewusste Aufmerksamkeit. Wer sich mit einem anderen freut, ohne dessen Glück mit den eigenen unerfüllten Wünschen zu vergleichen, überwindet ein Stück menschlicher Selbstbezogenheit. Wer mit einem Trauernden weint, ohne dessen Schmerz vorschnell wegzuerklären, zeigt echte Anteilnahme. Gerade innerhalb der Gemeinde kann dies Beziehungen vertiefen und verhindern, dass Menschen sich trotz äußerlicher Gemeinschaft innerlich allein fühlen. Christliche Liebe sollte deshalb nicht nur dann sichtbar werden, wenn jemand ausdrücklich um Hilfe bittet. Sie darf aufmerksam genug sein, auch unausgesprochene Bedürfnisse wahrzunehmen, ohne dabei aufdringlich zu werden oder die persönliche Freiheit des anderen zu missachten.

Eine ernste Lektion liegt im Umgang mit geistlichem Stolz. Religiöse Erkenntnis kann zu Überheblichkeit führen, wenn ein Mensch beginnt, sich wegen seines Wissens oder seiner Überzeugungen grundsätzlich für besser zu halten als andere. Paulus fordert jedoch ein erneuertes Denken, das gerade die eigene Begrenztheit erkennt. Wer Gottes Wort gründlich studiert, sollte dadurch nicht liebloser, herablassender oder ungeduldiger werden. Wahrhaftige Erkenntnis soll zur Treue gegenüber der Wahrheit und zugleich zu größerer Demut führen. Ein Christ darf klare biblische Überzeugungen besitzen und vertreten. Dennoch muss er unterscheiden zwischen dem, was Gott ausdrücklich offenbart hat, und den eigenen Schlussfolgerungen, in denen er sich irren kann. Die Bereitschaft zur Prüfung ist daher kein Gegensatz zur Glaubenstreue, sondern gehört zu einem verantwortlichen Umgang mit der Wahrheit.

Besonders anspruchsvoll werden die Lehren des Kapitels in persönlichen Konflikten. Wer verletzt wurde, kann versucht sein, jedes Wort des anderen möglichst scharf zu beantworten oder dessen Fehler öffentlich bloßzustellen. Paulus fordert dazu auf, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Bevor ein Mensch reagiert, sollte er prüfen, ob seine beabsichtigte Antwort der Wahrheit und Gerechtigkeit dient oder ob er vor allem zurückverletzen möchte. Nicht jeder Vorwurf muss sofort erwidert werden. Nicht jede Kränkung verlangt eine ausführliche Rechtfertigung. Manchmal ist ein klärendes Gespräch notwendig, manchmal eine sachliche Korrektur und manchmal die Entscheidung, auf eine weitere Auseinandersetzung zu verzichten. Entscheidend ist, dass das eigene Verhalten nicht von persönlicher Rachsucht beherrscht wird.

Dabei gehört zur Friedensbereitschaft auch die Fähigkeit, eigene Schuld anzuerkennen. Wer sich ausschließlich darauf konzentriert, was der andere falsch gemacht hat, kann seinen eigenen Anteil an einem Konflikt leicht übersehen. Vielleicht wurde eine berechtigte Sorge in verletzender Weise ausgesprochen. Vielleicht hat man vorschnell geurteilt, etwas Unwahres weitergegeben oder dem anderen nicht aufmerksam zugehört. Paulus fordert jeden Menschen auf, das zu tun, was in seiner Verantwortung liegt. Dazu kann eine ehrliche Entschuldigung gehören, die den eigenen Fehler nicht durch neue Vorwürfe abschwächt. Eine solche Haltung ist keine Erniedrigung der persönlichen Würde. Sie zeigt vielmehr die Bereitschaft, Wahrheit und Frieden höher zu achten als den Wunsch, unter allen Umständen recht zu behalten.

Ebenso wichtig ist jedoch die Erkenntnis, dass Frieden Grenzen besitzt. Ein Christ kann sich um ein gutes Verhältnis bemühen, ohne das Verhalten des anderen kontrollieren zu können. Wenn ein Mensch jede Verständigung ablehnt oder weiterhin schweres Unrecht begeht, ist der Betroffene nicht verpflichtet, durch immer neue Zugeständnisse eine äußerlich friedliche Beziehung aufrechtzuerhalten. Es kann richtig sein, Abstand zu nehmen, klare Grenzen zu setzen oder Hilfe einzuschalten. Auch der Schutz gefährdeter Menschen gehört zu verantwortlichem Handeln. Die Aufforderung, das Böse mit Gutem zu überwinden, verlangt nicht, sich dem Bösen schutzlos auszuliefern. Sie fordert vielmehr, auch bei notwendigen Schutzmaßnahmen wahrhaftig und gerecht zu bleiben.

Eine weitere Lektion betrifft den Umgang mit der Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Wer Unrecht erlitten hat, möchte verständlicherweise, dass es erkannt und nicht einfach vergessen wird. Paulus nimmt diesem Wunsch nicht jede Berechtigung. Er fordert jedoch dazu auf, das endgültige Urteil Gott zu überlassen. Für den Gläubigen bedeutet dies, dass er sein Leben nicht dauerhaft um die Frage kreisen lassen muss, wie er den anderen für dessen Verhalten bestrafen könnte. Er darf seine Not vor Gott bringen und dort, wo es notwendig ist, verantwortliche Schritte zur Klärung und zum Schutz unternehmen. Gleichzeitig soll er lernen, sich innerlich nicht durch den Wunsch nach persönlicher Vergeltung gefangen halten zu lassen. Diese Freiheit entsteht häufig nicht in einem einzigen Augenblick, sondern kann Geduld, Gebet und eine längere persönliche Auseinandersetzung verlangen.

Besonders herausfordernd ist schließlich die Aufforderung, einem Feind Gutes zu tun. Sie verlangt keine gespielte Zuneigung und keine Verharmlosung des erlittenen Unrechts. Sie fordert jedoch die Bereitschaft, einen Menschen nicht ausschließlich auf seine Feindschaft zu reduzieren. Wenn sich eine verantwortbare Gelegenheit ergibt, tatsächliche Hilfe zu leisten, soll persönliche Abneigung nicht automatisch zum Hindernis werden. Dabei muss der Gläubige weder eine Veränderung des anderen erzwingen noch erwarten, dass seine Freundlichkeit zwangsläufig erwidert wird. Er soll das Gute tun, weil es gut ist und Gottes Willen entspricht. Gerade dadurch bewahrt er seine eigene Gesinnung davor, von der Bosheit des anderen bestimmt zu werden.

Römer 12 lädt damit zu einer ehrlichen Betrachtung des eigenen Lebens ein. Nicht allein außergewöhnliche Entscheidungen offenbaren den Charakter eines Menschen. Häufig zeigt sich seine geistliche Ausrichtung in alltäglichen Situationen: in der Art, wie er über Abwesende spricht, wie er auf Widerspruch reagiert, wie er mit Menschen geringer gesellschaftlicher Stellung umgeht, ob er anderen Anerkennung gönnt und ob er seine Möglichkeiten zum Helfen nutzt. Gerade diese gewöhnlichen Entscheidungen bilden einen wesentlichen Teil des Gottesdienstes, zu dem Paulus die Gläubigen aufruft.

Die größte Ermutigung des Kapitels besteht darin, dass Gott den Menschen nicht einfach mit diesen Anforderungen alleinlässt. Paulus beginnt mit der Barmherzigkeit Gottes, weil dort auch die Kraft zur Veränderung ihren Ursprung hat. Der Gläubige darf seine Schwachheit erkennen, Vergebung suchen und sich immer wieder neu unter Gottes Führung stellen. Heiligung ist keine selbstständige menschliche Leistung, sondern ein Leben, in dem Gottes Gnade den Menschen zu wirklichem Wachstum und bewusstem Gehorsam befähigt.

So führt Römer 12 zu einer grundlegenden Entscheidung: Soll das eigene Leben weiterhin vor allem von persönlichen Wünschen, gesellschaftlichen Maßstäben, Stolz und erlittenen Verletzungen bestimmt werden, oder darf Gottes Barmherzigkeit den Maßstab verändern? Wer sich Christus anvertraut, ist eingeladen, seine Gedanken, Fähigkeiten und Beziehungen unter seine Leitung zu stellen. Der Glaube wird dann nicht auf ein religiöses Bekenntnis begrenzt bleiben, sondern im Alltag Gestalt gewinnen.

Ein von Gottes Gnade erneuertes Leben zeigt sich nicht darin, dass der Mensch sich selbst erhöht, sondern darin, dass er Gott vertraut, anderen in Liebe dient und selbst angesichts des Bösen am Guten festhält.