Römer 10
Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist, und ich flehe auch zu Gott für Israel, daß sie selig werden.
21 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist, und ich flehe auch zu Gott für Israel, daß sie selig werden.
- 2 Denn ich gebe ihnen das Zeugnis, daß sie eifern um Gott, aber mit Unverstand.
- 3 Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und trachten, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und sind also der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht untertan.
- 4 Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.
- 5 Mose schreibt wohl von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt: “Welcher Mensch dies tut, der wird dadurch leben.”
- 6 Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht also: “Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren?” (Das ist nichts anderes denn Christum herabholen.)
- 7 Oder: “Wer will hinab in die Tiefe fahren?” (Das ist nichts anderes denn Christum von den Toten holen.)
- 8 Aber was sagt sie? “Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen.” Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen.
- 9 Denn so du mit deinem Munde bekennst Jesum, daß er der HERR sei, und glaubst in deinem Herzen, daß ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du selig.
- 10 Denn so man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und so man mit dem Munde bekennt, so wird man selig.
- 11 Denn die Schrift spricht: “Wer an ihn glaubt, wird nicht zu Schanden werden.”
- 12 Es ist hier kein Unterschied unter Juden und Griechen; es ist aller zumal ein HERR, reich über alle, die ihn anrufen.
- 13 Denn “wer den Namen des HERRN wird anrufen, soll selig werden.”
- 14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? wie sollen sie aber hören ohne Prediger?
- 15 Wie sollen sie aber predigen, wo sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht: “Wie lieblich sich die Füße derer, die den Frieden verkündigen, die das Gute verkündigen!”
- 16 Aber sie sind nicht alle dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja sagt: “HERR, wer glaubt unserm Predigen?”
- 17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber aus dem Wort Gottes.
- 18 Ich sage aber: Haben sie es nicht gehört? Wohl, es ist ja in alle Lande ausgegangen ihr Schall und in alle Welt ihre Worte.
- 19 Ich sage aber: Hat es Israel nicht erkannt? Aufs erste spricht Mose: “Ich will euch eifern machen über dem, das nicht ein Volk ist; und über ein unverständiges Volk will ich euch erzürnen.”
- 20 Jesaja aber darf wohl so sagen: “Ich bin gefunden von denen, die mich nicht gesucht haben, und bin erschienen denen, die nicht nach mir gefragt haben.”
- 21 Zu Israel aber spricht er: “Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt zu dem Volk, das sich nicht sagen läßt und widerspricht.”
Kapitelüberblick
Gottes Rettung steht jedem Menschen offen, der sein Vertrauen auf Jesus Christus setzt. Paulus erklärt, warum religiöser Eifer und das ernsthafte Bemühen um Gerechtigkeit nicht ausreichen, wenn der Mensch dabei den von Gott eröffneten Weg zur Erlösung verkennt. Entscheidend ist nicht, vor Gott durch eigene Leistungen gerecht zu werden, sondern die Gerechtigkeit anzunehmen, die Gott durch Christus schenkt.
Dabei zeigt Paulus, wie eng die Botschaft des Evangeliums mit den Verheißungen des Alten Testaments verbunden ist. Der Glaube an den auferstandenen Jesus und das Bekenntnis zu ihm als Herrn gehören zusammen. Gottes Heilsangebot gilt Juden und Nichtjuden gleichermaßen, denn jeder, der den Namen des Herrn anruft, darf auf seine Rettungsverheißung vertrauen.
Doch wie sollen Menschen glauben, wenn sie die Botschaft nicht gehört haben? Paulus erklärt die Bedeutung der Verkündigung und zeigt zugleich, dass das Hören des göttlichen Wortes nicht automatisch zu Glauben führt. Am Beispiel Israels wird schließlich deutlich, wie Gottes beharrliche Einladung und menschlicher Widerstand aufeinandertreffen.
Einführung
Am Ende des neunten Kapitels hat Paulus eine Frage aufgeworfen, die zunächst widersprüchlich erscheint: Viele Menschen aus den nichtjüdischen Völkern haben die Gerechtigkeit aus Glauben angenommen, während zahlreiche Israeliten, die nach dem Gesetz strebten, diese Gerechtigkeit nicht erreichten (Römer 9,30–33). Paulus erklärt diesen Unterschied nicht damit, dass Gottes frühere Verheißungen wertlos geworden wären. Vielmehr untersucht er, auf welche Weise der Mensch vor Gott gerecht wird und weshalb gerade daran viele Anstoß nahmen.
Um seine Argumentation zu verstehen, müssen zwei Begriffe unterschieden werden. Mit dem „Gesetz“ meint Paulus in diesem Zusammenhang vor allem die von Gott durch Mose gegebene Weisung, die das religiöse Leben Israels prägte. Wenn er von „Gerechtigkeit“ spricht, geht es nicht lediglich um ein anständiges Verhalten, sondern um die grundlegende Frage, wie ein sündiger Mensch vor dem heiligen Gott bestehen und in der rechten Beziehung zu ihm leben kann.
Bemerkenswert ist, wie Paulus seine Antworten entwickelt. Er stellt das Evangelium nicht einfach als Gegensatz zum Alten Testament dar, sondern verwendet wiederholt Aussagen aus den fünf Büchern Mose, den Psalmen und dem Propheten Jesaja. Seine Leser sollen dadurch erkennen, wie er die Botschaft von Christus im Zusammenhang mit Gottes bisherigen Offenbarungen versteht. Dabei müssen die ursprüngliche Bedeutung dieser Schriftstellen und ihre Anwendung durch Paulus sorgfältig beachtet werden.
Auch die persönliche Stellung des Apostels ist wichtig: Paulus spricht als Angehöriger Israels über sein eigenes Volk, dessen geistliches Wohlergehen ihm zutiefst am Herzen liegt. Diese Verbundenheit prägt bereits seine ersten Worte.
Römer 10,1–3
Religiöser Eifer ohne Erkenntnis der göttlichen Gerechtigkeit
Paulus beginnt seine Ausführungen mit einem bemerkenswerten Bekenntnis. Obwohl er zuvor ausführlich erklärt hat, weshalb viele Israeliten den von Gott eröffneten Weg zur Gerechtigkeit verfehlten, begegnet er seinem Volk nicht mit Verachtung oder Gleichgültigkeit. Sein tiefster Wunsch ist vielmehr, dass sie gerettet werden. In Römer 10,1 schreibt er, dass sein herzliches Verlangen und sein Flehen zu Gott auf das Heil Israels gerichtet sind. Diese Worte zeigen, dass Paulus seine theologischen Überzeugungen nicht von seiner Liebe zu den Menschen trennt. Er sieht ihren geistlichen Zustand mit großer Sorge, aber gerade deshalb betet er für sie.
Bereits in Römer 9,1–3 hat Paulus seine Verbundenheit mit Israel besonders eindringlich zum Ausdruck gebracht. Dort beschreibt er seine große Traurigkeit und den anhaltenden Schmerz über seine Volksgenossen. Nun wird deutlich, wie er mit diesem Schmerz umgeht: Er bringt ihn im Gebet vor Gott. Dabei ist wichtig, dass Paulus nicht von einer bereits endgültig abgeschlossenen Verwerfung sämtlicher Israeliten ausgeht. Er selbst ist Israelit, und später erklärt er ausdrücklich, dass Gott sein Volk nicht verstoßen hat (Römer 11,1–2). Sein Gebet zeigt deshalb sowohl seine persönliche Liebe als auch seine Überzeugung, dass Menschen, die Christus bisher nicht angenommen haben, Gottes rettende Gnade noch erfahren können.
In Vers 2 erkennt Paulus zunächst etwas Positives an seinen Volksgenossen an. Er bezeugt, dass sie einen echten Eifer für Gott besitzen. Viele nahmen ihren Glauben ernst, achteten auf die überlieferten Gebote, pflegten ihre religiösen Traditionen und wollten dem Gott Israels treu bleiben. Paulus bestreitet nicht, dass hinter diesem Verhalten ernsthafte Überzeugungen stehen konnten. Sein Einwand lautet vielmehr, dass ihr Eifer nicht von der notwendigen Erkenntnis geleitet wurde. Damit unterscheidet er zwischen religiöser Aufrichtigkeit und einem richtigen Verständnis dessen, was Gott tatsächlich offenbart hat.
Das griechische Wort, das Paulus hier für Erkenntnis verwendet, lautet epignōsis. Im Zusammenhang bezeichnet es eine zutreffende, angemessene Erkenntnis. Paulus wirft seinen Volksgenossen also nicht vor, sie hätten keine religiöse Bildung oder würden die Heilige Schrift überhaupt nicht kennen. Gerade viele von ihnen beschäftigten sich intensiv mit Gottes Wort. Das Problem bestand darin, dass sie den entscheidenden Sinn von Gottes rettendem Handeln in Christus nicht erkannten. Sie konnten mit großem Ernst für das eintreten, was sie für Gottes Willen hielten, und dennoch die Bedeutung des von Gott gesandten Messias verkennen.
Wie gefährlich ein solcher Eifer werden kann, wusste Paulus aus eigener Erfahrung. Vor seiner Bekehrung hatte er die Gemeinde Jesu verfolgt, weil er überzeugt war, damit Gott zu dienen. In Galater 1,13–14 berichtet er von seinem früheren Verhalten und seinem außergewöhnlichen Eifer für die Überlieferungen seiner Väter. Auch in Philipper 3,6 nennt er die Verfolgung der Gemeinde als Ausdruck seines damaligen Eifers. Er war keineswegs religiös gleichgültig, sondern handelte mit großer Entschlossenheit. Dennoch musste er erkennen, dass seine Überzeugung ihn nicht vor einem schwerwiegenden Irrtum bewahrt hatte. Seine Begegnung mit dem auferstandenen Christus veränderte grundlegend, wie er Gottes Willen, das Gesetz und seine eigene Gerechtigkeit verstand.
Diese persönliche Erfahrung hilft, die Aussage von Römer 10,2 richtig einzuordnen. Paulus verurteilt nicht den Eifer für Gott an sich. Ein ernsthafter Glaube, der Gottes Willen kennenlernen und danach leben möchte, ist keineswegs etwas Schlechtes. Die entscheidende Frage ist, ob dieser Eifer von Gottes Wahrheit geleitet wird oder ob der Mensch seine bisherigen Vorstellungen zum Maßstab erhebt. Schon Jesus warnte seine Jünger davor, dass Menschen sie verfolgen und dabei meinen würden, Gott einen Dienst zu erweisen (Johannes 16,2–3). Religiöse Überzeugung allein garantiert deshalb noch nicht, dass eine Handlung tatsächlich Gottes Willen entspricht. Auch ein aufrichtig gemeinter Irrtum bleibt ein Irrtum und kann schwerwiegende Folgen haben.
In Vers 3 erklärt Paulus genauer, worin die fehlende Erkenntnis bestand. Seine Volksgenossen erkannten die Gerechtigkeit Gottes nicht und bemühten sich stattdessen, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten. Um diesen Gegensatz zu verstehen, muss man beachten, dass Paulus bereits früher im Römerbrief ausführlich über Gottes Gerechtigkeit gesprochen hat. In Römer 1,16–17 verbindet er sie mit dem Evangelium und dem Glauben. In Römer 3,21–26 erklärt er, dass Gott seine Gerechtigkeit durch Jesus Christus offenbart und Menschen aus seiner Gnade rechtfertigt. Der Sünder kann sich nicht selbst von seiner Schuld befreien oder aus eigener Leistung einen Anspruch auf Gottes Anerkennung erwerben. Er ist darauf angewiesen, dass Gott selbst den Weg zur Versöhnung eröffnet.
Wenn Paulus von der „eigenen Gerechtigkeit“ spricht, kritisiert er deshalb den Versuch, den gerechten Stand vor Gott auf einer Grundlage zu sichern, die der Mensch selbst geltend machen möchte. Im unmittelbaren Zusammenhang mit Römer 9,30–33 betrifft dies besonders Israels Streben nach Gerechtigkeit durch das Gesetz, ohne den Glauben an Christus als entscheidenden Heilsweg anzunehmen. Dabei wäre es jedoch zu einfach, das gesamte Judentum als eine Religion darzustellen, in der Menschen ausschließlich durch gute Werke ihre Erlösung verdienen wollten. Schon das Alte Testament betont Gottes Gnade und warnt Israel davor, seinen besonderen Stand der eigenen Gerechtigkeit zuzuschreiben (5. Mose 9,4–6). Paulus beschreibt hier vielmehr das konkrete Problem, dass viele seiner Zeitgenossen an ihrem bisherigen Verständnis von Gerechtigkeit und ihrer Stellung als Gottes Bundesvolk festhielten, während sie den gekreuzigten und auferstandenen Christus nicht als den von Gott gegebenen Retter annahmen.
Besonders aufschlussreich ist, dass Paulus am Ende von Vers 3 sagt, sie hätten sich der Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen. Das klingt zunächst ungewöhnlich. Normalerweise denkt man bei Unterordnung an das Befolgen von Anweisungen oder Geboten. Hier geht es jedoch darum, Gottes eigenen Weg zur Gerechtigkeit anzuerkennen. Der Mensch muss akzeptieren, dass nicht seine religiösen Leistungen, seine Abstammung oder sein persönlicher Eifer die Grundlage seiner Rechtfertigung bilden, sondern Gottes rettendes Handeln. Sich dieser Gerechtigkeit zu unterwerfen bedeutet daher, Gottes Urteil über die eigene Bedürftigkeit anzunehmen und auf den von ihm eröffneten Heilsweg zu vertrauen. Das schließt ein gehorsames Leben nicht aus, sondern stellt klar, dass Gehorsam nicht die Grundlage ist, durch die ein Sünder seine Rechtfertigung verdient.
Genau diesen Wandel beschreibt Paulus auch in Philipper 3,4–9. Dort zählt er zunächst seine früheren religiösen Vorzüge auf: seine israelitische Abstammung, seine Zugehörigkeit zum Stamm Benjamin, seine pharisäische Gesetzestreue und seinen außergewöhnlichen Eifer. Früher hatte er darin Gründe gesehen, auf seine religiöse Stellung zu vertrauen. Nachdem er Christus erkannt hatte, beurteilte er diese Dinge jedoch völlig anders. Er wollte nicht mehr mit einer eigenen, aus dem Gesetz abgeleiteten Gerechtigkeit vor Gott stehen, sondern die Gerechtigkeit besitzen, die von Gott kommt und mit dem Glauben an Christus verbunden ist. Seine persönlichen Erfahrungen bestätigen damit den grundlegenden Gegensatz, den er in Römer 10,3 beschreibt.
Aus diesen Versen ergibt sich eine ernste Einsicht: Ein Mensch kann sich intensiv mit Religion beschäftigen, die Heilige Schrift kennen, bestimmte Gebote gewissenhaft beachten und dennoch den eigentlichen Weg zu Gott verfehlen, wenn er nicht bereit ist, Gottes Offenbarung über Christus anzunehmen. Das bedeutet keineswegs, dass Wissen über die Bibel oder ein gehorsames Leben unwichtig wären. Paulus selbst bezeichnet das Gesetz als heilig, gerecht und gut (Römer 7,12). Doch selbst das Gute kann missverstanden werden, wenn es an die Stelle dessen tritt, was allein Gott schenken kann. Die Frage lautet daher nicht nur, wie ernsthaft ein Mensch seine religiösen Überzeugungen vertritt, sondern auch, ob er bereit ist, diese Überzeugungen am gesamten Wort Gottes prüfen und durch Gottes Wahrheit korrigieren zu lassen.
Der entscheidende Punkt ist somit nicht ein Gegensatz zwischen ernsthaftem Glauben und einem Leben nach Gottes Willen. Vielmehr geht es um die Grundlage der Beziehung zu Gott. Wer seine eigene Gerechtigkeit aufzurichten versucht, vertraut auf etwas, das letztlich nicht ausreicht. Wer dagegen Gottes Gerechtigkeit annimmt, erkennt an, dass seine Rettung von Gottes Gnade abhängig ist. Warum Paulus gerade in Jesus Christus die entscheidende Antwort auf diese Frage erkennt und welche Bedeutung dabei dem Gesetz zukommt, erklärt er unmittelbar im folgenden Vers.
Römer 10,4–5
Christus als Ziel des Gesetzes und der Weg zur Gerechtigkeit
Mit Römer 10,4 erreicht Paulus einen entscheidenden Punkt seiner bisherigen Argumentation. Nachdem er erklärt hat, weshalb viele Israeliten ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten versuchten, richtet er den Blick auf Jesus Christus. In der Schlachter-Bibel von 1951 heißt es: „Denn Christus ist des Gesetzes Ende zur Gerechtigkeit für einen jeden, der da glaubt.“ Diese Aussage gehört zu den bedeutendsten, aber auch zu den am häufigsten unterschiedlich ausgelegten Sätzen des Römerbriefes. Um ihren Sinn zu verstehen, muss besonders beachtet werden, was Paulus mit dem „Ende des Gesetzes“ meint und weshalb er diese Aussage ausdrücklich mit Gerechtigkeit und Glauben verbindet.
Das griechische Wort, das hier mit „Ende“ übersetzt wird, lautet telos. Es kann das Ende einer Sache bezeichnen, aber ebenso ihr Ziel, ihren Abschluss oder den Punkt, an dem etwas seine Bestimmung erreicht. Deshalb stellt sich die Frage, ob Paulus sagen möchte, dass Christus das Gesetz beendet hat, dass er dessen eigentliches Ziel erfüllt oder dass beide Gedanken miteinander verbunden sind. Allein aus der möglichen Wortbedeutung lässt sich diese Frage noch nicht entscheiden. Entscheidend ist der Zusammenhang. Paulus spricht hier nicht allgemein darüber, welche einzelnen Gebote Christen weiterhin beachten sollen, sondern darüber, wie Menschen vor Gott gerecht werden. Bereits in Römer 9,30–33 hat er erklärt, dass Israel nach Gerechtigkeit strebte, sie aber nicht erreichte, weil es nicht aus Glauben, sondern auf dem Weg der Gesetzeswerke danach suchte. Vor diesem Hintergrund steht Christus nun als die entscheidende Antwort auf die Frage, die das Gesetz selbst nicht lösen konnte: Wie kann ein sündiger Mensch vor Gott gerecht werden?
Dabei darf nicht übersehen werden, welche Bedeutung das Gesetz ursprünglich hatte. Es war nicht das Erzeugnis menschlicher Überlegungen, sondern Teil der Offenbarung Gottes an Israel. Es zeigte seinem Volk, wie ein Leben in Übereinstimmung mit seinem heiligen Willen aussehen sollte. Paulus hatte bereits in Römer 7,12 ausdrücklich erklärt, dass das Gesetz heilig und das Gebot heilig, gerecht und gut ist. Auch in Römer 3,20 beschreibt er eine wichtige Aufgabe des Gesetzes: Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde. Der Mensch erkennt daran nicht nur, was Gott verlangt, sondern auch, wo sein eigenes Leben von Gottes Willen abweicht. Das Problem liegt deshalb nicht darin, dass Gottes Gesetz schlecht wäre. Es liegt darin, dass der sündige Mensch durch das Wissen um das Gute noch nicht die Kraft besitzt, selbst vollkommen gerecht zu werden oder seine vergangenen Übertretungen ungeschehen zu machen.
Diesen Zusammenhang hatte Paulus bereits in Römer 8,3–4 erläutert. Dort erklärt er, dass Gott das getan hat, was dem Gesetz aufgrund der Schwachheit des sündigen Menschen unmöglich war. Er sandte seinen eigenen Sohn und verurteilte die Sünde im Fleisch, damit die gerechte Forderung des Gesetzes in denen erfüllt werde, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist leben. Diese Verse helfen, Römer 10,4 richtig einzuordnen. Das Gesetz konnte Gottes Willen offenbaren und die Sünde aufdecken, aber es konnte den Menschen nicht aus eigener Kraft von der Herrschaft der Sünde befreien. Christus dagegen hat durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung den entscheidenden Weg zur Erlösung eröffnet. Er steht deshalb nicht als Gegner von Gottes Gerechtigkeit da, sondern als derjenige, durch den Gottes rettende Gerechtigkeit wirksam offenbar wird.
Wenn Christus das Ziel des Gesetzes genannt wird, bedeutet dies somit, dass die Gerechtigkeitsfrage in ihm ihre entscheidende Erfüllung findet. Das Gesetz weist auf Gottes gerechten Maßstab hin, doch Christus ist derjenige, durch den Sünder vor Gott gerechtfertigt werden können. Paulus hatte bereits in Römer 3,21–26 erklärt, dass Gottes Gerechtigkeit unabhängig von Gesetzeswerken offenbar geworden ist und zugleich durch das Gesetz und die Propheten bezeugt wird. Darin liegt eine wichtige Verbindung: Das Evangelium ist keine nachträgliche Erfindung, mit der Gott seinen früheren Willen einfach verworfen hätte. Vielmehr offenbart Christus, wie Gottes Gerechtigkeit und seine rettende Gnade zusammenkommen. Was der Mensch aufgrund seiner Sünde nicht selbst erreichen konnte, eröffnet Gott durch seinen Sohn.
Allerdings darf die Bedeutung von telos auch nicht ausschließlich auf das Ende eines falschen menschlichen Umgangs mit dem Gesetz eingeschränkt werden. Christus ist nach Paulus nicht lediglich gekommen, um ein Missverständnis über die Gesetzeswerke zu berichtigen. Mit seinem Kommen ist tatsächlich ein neuer Abschnitt in Gottes Heilsgeschichte angebrochen. Die mosaische Bundesordnung hatte eine bestimmte Aufgabe in der Geschichte Israels, und ihre Stellung verändert sich mit dem Erscheinen des Messias. In Galater 3,23–25 beschreibt Paulus das Gesetz als einen Aufseher, dessen besondere Funktion mit dem Kommen des Glaubens eine entscheidende Veränderung erfährt. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass jede moralische Forderung Gottes bedeutungslos geworden wäre. Paulus unterscheidet selbst zwischen der veränderten Stellung des Menschen unter Christus und einem Leben in Gesetzlosigkeit. In Römer 6,15 weist er ausdrücklich den Gedanken zurück, dass die Gnade dem Menschen die Freiheit gebe, weiter zu sündigen. Ebenso spricht er in Römer 3,31 davon, dass der Glaube das Gesetz nicht einfach aufhebt, sondern aufrichtet. Wie sich die fortbestehenden moralischen Forderungen Gottes zur neuen Bundesordnung verhalten, muss daher aus dem gesamten neutestamentlichen Zeugnis bestimmt werden und nicht aus einer isolierten Deutung des Wortes „Ende“.
Besonders wichtig ist die letzte Formulierung von Vers 4: Christus ist des Gesetzes Ende beziehungsweise Ziel „zur Gerechtigkeit für einen jeden, der da glaubt“. Paulus stellt damit nicht allein eine Aussage über das Gesetz auf, sondern verbindet sie unmittelbar mit der Rettung des Menschen. Der gerechte Stand vor Gott wird nicht durch besondere Abstammung, religiöse Vorrechte oder eine selbst erbrachte Gesetzesgerechtigkeit erlangt. Entscheidend ist der Glaube an Christus. Dass Paulus ausdrücklich von „einem jeden“ spricht, ist angesichts seiner bisherigen Ausführungen über Israel und die nichtjüdischen Völker von großer Bedeutung. Der Zugang zu Gottes Gerechtigkeit ist nicht auf eine bestimmte Herkunft beschränkt. Jeder Mensch ist gleichermaßen auf Gottes Gnade angewiesen und kann sie durch den Glauben empfangen. Die Tragweite dieser Aussage wird Paulus in den Versen 11–13 weiter entfalten.
In Vers 5 begründet Paulus seine Ausführungen mit einem Wort aus den Schriften des Mose. Er schreibt: „Mose beschreibt nämlich die Gerechtigkeit, die durch das Gesetz kommt, also: ‚Der Mensch, welcher sie tut, wird dadurch leben.‘“ Damit greift er 3. Mose 18,5 auf. Im ursprünglichen Zusammenhang fordert Gott die Israeliten auf, seine Satzungen und Rechtsbestimmungen zu halten. Wer nach ihnen handelt, soll durch sie leben. Das Gesetz beschreibt hier also eine Lebensordnung, in der Gottes Volk entsprechend seinem Willen handeln soll. Es geht um mehr als eine theoretische Kenntnis der Gebote. Gottes Weisungen sollten das tatsächliche Verhalten bestimmen. Der Zusammenhang macht deutlich, dass Gehorsam nicht nur aus einem äußerlichen Bekenntnis bestehen kann, sondern im Leben sichtbar werden muss.
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Als Mose diese Worte übermittelte, hatte Gott Israel bereits aus Ägypten befreit. Das Volk erhielt die göttlichen Gebote nicht, um sich durch eigene Leistungen erst aus der Sklaverei zu erlösen. Seine Befreiung ging dem Bundesschluss am Sinai voraus (2. Mose 19,4–6). Außerdem kannte die mosaische Ordnung Opfer und Sühnemaßnahmen für begangene Sünden, was zeigt, dass sie nicht einfach von einem Volk ausging, das niemals schuldig werden würde. Es wäre deshalb ungenau zu behaupten, 3. Mose 18,5 habe ursprünglich gelehrt, der Mensch könne sich ohne Gottes Gnade durch vollkommenen Gehorsam das ewige Leben verdienen. Der Vers betont zunächst den Zusammenhang zwischen Gottes Geboten, ihrer praktischen Befolgung und dem Leben innerhalb der von Gott gegebenen Bundesordnung.
Warum stellt Paulus dieses Wort dann in Römer 10,5 der Gerechtigkeit aus Glauben gegenüber? Er verwendet die Aussage des Mose, um das Kennzeichen einer Gerechtigkeit hervorzuheben, die sich am Tun des Gesetzes orientiert: Der Mensch soll die gebotenen Dinge tatsächlich erfüllen. Das Gesetz verlangt Gehorsam und stellt damit den Menschen vor die Frage, ob er Gottes Willen vollkommen gerecht wird. Hier tritt jedoch das Problem hervor, das Paulus in den vorherigen Kapiteln bereits ausführlich beschrieben hat. Alle Menschen haben gesündigt und verfehlen Gottes Herrlichkeit (Römer 3,23). Wer seine Rechtfertigung auf die eigene Gesetzeserfüllung gründet, begegnet deshalb einer unüberwindbaren Schwierigkeit: Auch ernsthafter Gehorsam kann vergangene Schuld nicht rückgängig machen oder den Menschen aus eigener Kraft von der Sünde befreien.
Wie ernst Paulus diese Schwierigkeit nimmt, zeigt sein Rückblick in Römer 7,10. Dort erklärt er, dass das Gebot, das zum Leben gegeben war, ihm zum Tod gereichte. Nicht weil Gottes Gebot böse gewesen wäre, sondern weil die Sünde gerade das Gebot zum Anlass nahm, den Menschen ins Verderben zu führen. Das Gesetz offenbarte den rechten Weg, doch im sündigen Menschen zeigte sich zugleich der Widerspruch zwischen Gottes gutem Willen und seiner tatsächlichen Lebenswirklichkeit. Darum kann der Mensch seine Hoffnung auf Rettung nicht darauf gründen, dass er sich durch eigene Gesetzeserfüllung einen Anspruch auf Gerechtigkeit vor Gott erarbeitet.
Paulus verfolgt damit jedoch nicht das Ziel, Gehorsam gegen Glauben auszuspielen, als müsse sich der Mensch zwischen einem Leben nach Gottes Willen und dem Vertrauen auf Christus entscheiden. Bereits in Römer 6,17–18 hat er beschrieben, dass diejenigen, die von der Sünde befreit wurden, der Lehre des Evangeliums von Herzen gehorsam geworden sind. Der Unterschied liegt vielmehr darin, woher Gerechtigkeit und neues Leben kommen. Der Mensch wird nicht dadurch gerechtfertigt, dass er zunächst aus eigener Kraft die Anforderungen des Gesetzes vollständig erfüllt. Er empfängt Gottes rettende Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus. Aus dieser neuen Beziehung zu Gott soll anschließend ein Leben entstehen, das durch den Heiligen Geist verändert wird und Gottes Willen ernst nimmt.
Damit bilden die Verse 4 und 5 einen wichtigen Übergang. Paulus hat Christus als den entscheidenden Ziel- und Wendepunkt des Gesetzes in der Gerechtigkeitsfrage vorgestellt und anschließend gezeigt, dass die vom Gesetz beschriebene Lebensordnung tatsächliches Tun verlangt. Doch wie spricht die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt? Muss der Mensch eine unerreichbare Leistung vollbringen, um Christus zu finden und Gottes Rettung zu empfangen? Genau diese Frage beantwortet Paulus in den folgenden Versen, indem er erneut auf Mose zurückgreift und erklärt, wie nahe Gott dem Menschen seine rettende Botschaft gebracht hat.
Römer 10,6–8
Gottes rettendes Wort ist dem Menschen nahe
Nachdem Paulus erklärt hat, dass das Gesetz ein Leben im Gehorsam gegenüber Gottes Willen verlangt, stellt er in Römer 10,6 die Gerechtigkeit aus dem Glauben gegenüber. Dabei verwendet er eine ungewöhnliche Ausdrucksweise: Er lässt die Gerechtigkeit aus dem Glauben gewissermaßen selbst sprechen. Sie erklärt dem Menschen, worauf er seine Hoffnung setzen darf und was er nicht erst leisten muss, um Gottes Rettung zu empfangen. Paulus greift dazu Worte aus 5. Mose 30,11–14 auf. Dieser Rückgriff ist besonders bemerkenswert, weil er gerade die Schriften des Mose verwendet, um die Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus zu erläutern.
Um diese Verbindung richtig zu verstehen, muss zunächst der ursprüngliche Zusammenhang betrachtet werden. Mose spricht in 5. Mose 30 zu Israel über die Bedeutung des Bundes mit Gott. Er hat dem Volk Gottes Gebote vor Augen gestellt und zugleich die Folgen von Gehorsam und Ungehorsam beschrieben. In den Versen 1–10 blickt er auf eine Zeit voraus, in der Israel nach seiner Untreue zu Gott zurückkehren wird. Dabei ist nicht allein vom menschlichen Entschluss zur Umkehr die Rede. Gott selbst verheißt, das Herz seines Volkes zu verändern, damit es ihn liebt und ihm gehorcht (5. Mose 30,6). Gottes erneuerndes Handeln und die Antwort des Menschen gehören somit bereits in diesem alttestamentlichen Zusammenhang zusammen.
Anschließend erklärt Mose, dass Gottes Gebot für Israel weder unerreichbar noch verborgen sei. Niemand müsse erst zum Himmel hinaufsteigen, um es von dort herabzuholen. Ebenso wenig müsse jemand über das Meer reisen, um Gottes Weisung zu finden. Gott habe seinem Volk sein Wort bereits offenbart und es ihm nahegebracht. Die Israeliten könnten es hören, verstehen und danach handeln. Die entscheidende Aussage lautet, dass Gottes Wort ihnen nahe sei, in ihrem Mund und in ihrem Herzen, damit sie es tun könnten (5. Mose 30,11–14). Mose spricht hier ursprünglich von der göttlichen Weisung, die Israel gegeben wurde. Er beschreibt nicht unmittelbar den Tod und die Auferstehung Jesu. Gerade diese ursprüngliche Bedeutung ist wichtig, damit verständlich wird, wie Paulus den Text anschließend auf Christus anwendet.
In Römer 10,6 übernimmt Paulus zunächst die Frage nach dem Aufsteigen zum Himmel. Er schreibt sinngemäß, die Gerechtigkeit aus dem Glauben sage: Man soll nicht im Herzen fragen, wer zum Himmel hinaufsteigen werde. Dann fügt Paulus seine eigene Erklärung hinzu: Damit wäre gemeint, Christus herabzuholen. Aus einer Aussage über die Nähe von Gottes Weisung wird nun eine Aussage über die Nähe der durch Christus eröffneten Rettung. Paulus übernimmt also nicht einfach den alttestamentlichen Wortlaut, sondern entfaltet dessen Gedanken im Licht des Evangeliums. Wie Israel Gottes Wort nicht erst aus einer unzugänglichen Ferne beschaffen musste, so muss der Mensch auch Christus nicht erst durch eine außergewöhnliche eigene Leistung vom Himmel herabholen.
Hinter diesem Bild steht eine grundlegende Wahrheit über den Ursprung der Erlösung. Nicht der Mensch hat den Weg zu Gott eröffnet, sondern Gott selbst ist auf den Menschen zugegangen. Jesus Christus ist nicht deshalb in die Welt gekommen, weil Menschen einen Weg gefunden hätten, aus eigener Kraft bis in den Himmel vorzudringen. Seine Sendung ging vom Vater aus. Jesus erklärt in Johannes 6,38, dass er vom Himmel herabgekommen ist, um den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hat. Ebenso beschreibt Johannes 3,16 Gottes Liebe als den Ausgangspunkt der Sendung seines Sohnes. Die Erlösung beginnt somit mit Gottes Initiative. Sie ist kein Ergebnis menschlicher Anstrengung, sondern Ausdruck seiner Gnade und seines rettenden Willens.
In Vers 7 führt Paulus den Gedanken weiter. Nun fragt die Gerechtigkeit aus dem Glauben, wer in den Abgrund hinabsteigen werde. Paulus erläutert, dies würde bedeuten, Christus von den Toten heraufzuholen. Hier verändert er das alttestamentliche Bild besonders deutlich. Während Mose davon gesprochen hatte, dass niemand über das Meer fahren müsse, verwendet Paulus den Begriff „Abgrund“. Das griechische Wort abyssos bezeichnet eine unergründliche Tiefe und kann in biblischen Zusammenhängen mit der Tiefe oder der Totenwelt verbunden sein. Paulus stellt das Hinabsteigen in diesen Abgrund ausdrücklich mit der Frage in Verbindung, Christus von den Toten heraufzuholen. Das Bild dient also dazu, die bereits geschehene Auferstehung Christi in seine Argumentation einzubeziehen. Es ist keine ausführliche Lehre darüber, wo sich die Toten befinden oder in welchem Zustand sie sind.
Die Aussage erhält ihren eigentlichen Sinn durch das, was Paulus über Jesus Christus verkündigt. Christus ist nicht im Tod geblieben. Gott hat ihn von den Toten auferweckt, wie Paulus bereits in Römer 4,24–25 und 6,4 erklärt hat. Kein Mensch konnte diesen Sieg über den Tod durch eigene religiöse Leistungen herbeiführen. Ebenso wenig muss ein Glaubender versuchen, Christus erneut aus dem Tod hervorzubringen. Das entscheidende rettende Handeln Gottes ist bereits geschehen. In Römer 10,9 wird Paulus die Auferweckung Jesu deshalb ausdrücklich zum Inhalt des christlichen Glaubens machen.
Die beiden Bilder von Himmel und Abgrund gehören eng zusammen. Das erste richtet den Blick auf Christus, den Gott gesandt hat; das zweite auf Christus, den Gott von den Toten auferweckt hat. Damit macht Paulus deutlich, dass der Mensch seine Erlösung weder durch einen Aufstieg in den Himmel noch durch ein Hinabsteigen in die Tiefe selbst zustande bringen muss. Die entscheidenden Ereignisse, auf denen seine Rettung beruht, sind nicht von ihm zu vollbringen. Gott hat durch Jesus Christus bereits gehandelt. Die Aufgabe des Menschen besteht deshalb nicht darin, das Erlösungswerk erst möglich zu machen, sondern die von Gott verkündigte Rettung im Glauben anzunehmen.
Dabei wäre es ein Missverständnis, die Fragen nach Himmel und Abgrund als allgemeines Verbot zu verstehen, über Gott nachzudenken oder schwierige Glaubensfragen zu stellen. Paulus wendet sich hier nicht gegen ein aufrichtiges Suchen nach Wahrheit. Seine Bilder betreffen vielmehr die Unmöglichkeit, durch eigene außergewöhnliche Leistungen das zustande zu bringen, was allein Gott vollbringen konnte. Auch bedeutet die Nähe der Rettung nicht, dass der Glaube bedeutungslos wäre oder jeder Mensch unabhängig von seiner Antwort automatisch gerettet würde. Paulus wird unmittelbar anschließend erklären, dass das Evangelium geglaubt und Christus als Herr bekannt werden soll. Die Nähe der Rettung beschreibt ihre Zugänglichkeit, nicht die Abschaffung der persönlichen Glaubensantwort.
In Vers 8 kommt Paulus schließlich zum Höhepunkt dieses Gedankengangs. Er nimmt die Worte aus 5. Mose 30,14 auf, nach denen Gottes Wort dem Menschen nahe ist, nämlich in seinem Mund und in seinem Herzen. Anschließend erklärt er, dass es sich dabei um das Wort des Glaubens handelt, das die Apostel verkündigen. Damit verbindet er die ursprüngliche Aussage des Mose mit der Botschaft von Jesus Christus. Während Mose von der bereits offenbarten göttlichen Weisung sprach, bezieht Paulus dieselbe Sprache auf das Evangelium. Die rettende Botschaft muss nicht aus einer unbekannten himmlischen Ferne beschafft werden. Sie ist den Menschen durch die Verkündigung zugänglich geworden.
Dabei sind die beiden Begriffe „Mund“ und „Herz“ von besonderer Bedeutung. Im biblischen Sprachgebrauch bezeichnet das Herz nicht nur den Bereich menschlicher Gefühle, sondern auch das Denken, Wollen und die inneren Überzeugungen. Der Mund steht dagegen für das, was ein Mensch ausspricht und bekennt. Schon im ursprünglichen Text des Mose gehören beide Bereiche zusammen: Gottes Wort soll nicht nur äußerlich ausgesprochen, sondern auch innerlich aufgenommen werden und das tatsächliche Leben bestimmen. Paulus greift diese Verbindung auf, um im folgenden Abschnitt zu erklären, dass der Mensch im Herzen an die Auferstehung Christi glaubt und mit dem Mund Jesus als Herrn bekennt. Die Worte aus 5. Mose 30 bereiten somit unmittelbar die Aussagen von Römer 10,9–10 vor.
Eine weitere Einzelheit verdient Beachtung: Paulus sagt nicht, dass jeder Mensch die vollständige Erkenntnis des Evangeliums bereits von Natur aus in seinem Herzen besitzt. Er bezeichnet das nahe Wort ausdrücklich als die Glaubensbotschaft, „die wir predigen“. Ihre Nähe hängt also mit Gottes Offenbarung und ihrer Verkündigung zusammen. Menschen können von Christus hören, seine Botschaft verstehen und darauf antworten, weil Gott diese Botschaft bekannt machen lässt. Genau deshalb wird Paulus später in Römer 10,14–17 so nachdrücklich erklären, wie wichtig es ist, dass Menschen das Evangelium verkündigen und andere es hören können.
Besonders bemerkenswert ist schließlich die Verbindung zwischen Gesetz und Evangelium, die durch diesen Rückgriff auf Mose entsteht. Paulus behandelt die Schriften des Alten Testaments nicht als wertlos gewordene Vergangenheit. Er findet in ihnen vielmehr die Sprache, mit der sich Gottes Nähe und sein rettendes Handeln erklären lassen. Dennoch müssen die beiden Zusammenhänge auseinandergehalten werden: Mose spricht ursprünglich von der Nähe des göttlichen Gebotes, das Israel beachten soll. Paulus wendet diesen Gedanken auf die Nähe der Rettungsbotschaft von Christus an. Er behauptet damit nicht, Mose habe in 5. Mose 30 bereits ausdrücklich sämtliche Einzelheiten des späteren Evangeliums beschrieben. Vielmehr zeigt er, wie die alte Schrift im Licht des gekommenen Messias eine neue, auf Christus gerichtete Bedeutung erhält.
Die Verse 6–8 machen damit einen entscheidenden Unterschied sichtbar: Gottes Erlösung muss vom Menschen nicht erst durch eine unerreichbare Leistung erworben oder herbeigeführt werden. Gott selbst hat in Christus gehandelt und lässt die Nachricht davon verkündigen. Der Mensch steht deshalb vor einer Botschaft, die er hören und der er vertrauen kann. Was es konkret bedeutet, dieses Wort des Glaubens im Herzen aufzunehmen und mit dem Mund zu bekennen, erklärt Paulus nun in den folgenden beiden Versen.
Römer 10,9–10
Mit dem Herzen glauben und mit dem Mund bekennen
Nachdem Paulus erklärt hat, dass Gottes rettende Botschaft dem Menschen nahegebracht worden ist, beschreibt er nun, wie der Einzelne auf diese Botschaft antworten soll. In Römer 10,9 verbindet er zwei Aussagen miteinander: Der Mensch soll Jesus mit seinem Mund als Herrn bekennen und in seinem Herzen glauben, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat. Daran schließt Paulus die Verheißung an, dass er gerettet werden wird. Diese Worte gehören zu den deutlichsten Aussagen des Neuen Testaments darüber, was es bedeutet, Jesus Christus im Glauben anzunehmen. Sie zeigen zugleich, dass christlicher Glaube weder auf eine rein innerliche Überzeugung noch auf ein äußerliches religiöses Bekenntnis reduziert werden kann.
Zunächst fällt auf, dass Paulus nicht einfach fordert, irgendeine allgemeine Vorstellung von Gott anzuerkennen. Er nennt ausdrücklich Jesus Christus und beschreibt ihn als Herrn. Das griechische Wort kyrios, das hier mit „Herr“ übersetzt wird, konnte im damaligen Sprachgebrauch eine respektvolle Anrede sein, bezeichnete aber auch jemanden, der Autorität und Herrschaft besitzt. In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments wurde dasselbe Wort außerdem regelmäßig für den Gottesnamen verwendet. Deshalb besitzt das Bekenntnis zu Jesus als Herrn eine weit größere Bedeutung als die bloße Anerkennung eines angesehenen religiösen Lehrers. Die ersten Christen bekannten damit, dass der gekreuzigte und auferstandene Jesus der von Gott erhöhte Herr ist, dem sie vertrauen und dessen Autorität sie anerkennen.
Diese Bedeutung wird besonders durch Apostelgeschichte 2,32–36 bestätigt. Dort verkündigt Petrus, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt und ihn zu seiner Rechten erhöht hat. Anschließend erklärt er, dass Gott eben diesen Jesus, den die Menschen gekreuzigt hatten, zum Herrn und Christus gemacht hat. Auch Philipper 2,9–11 verbindet Jesu Erhöhung mit dem Bekenntnis, dass Jesus Christus Herr ist. Wer Jesus auf diese Weise bekennt, erkennt also nicht lediglich seine historische Existenz oder seine moralischen Lehren an. Er bekennt seine einzigartige Stellung im göttlichen Erlösungsplan. Damit richtet sich das Vertrauen des Glaubenden auf denjenigen, den Gott zum Retter und Herrn bestimmt hat.
Dass Paulus ausdrücklich vom Bekennen mit dem Mund spricht, ist ebenfalls bedeutsam. Das verwendete griechische Verb homologeō bezeichnet das Bekennen, Anerkennen oder offene Aussprechen einer Überzeugung. Christlicher Glaube soll deshalb nicht ausschließlich eine verborgene persönliche Meinung bleiben, die keinerlei Ausdruck findet. Wer Jesus wirklich als Herrn anerkennt, erhält damit auch eine neue öffentliche Zugehörigkeit. Gerade in einer Umwelt, in der religiöse, gesellschaftliche und politische Bindungen eng miteinander verbunden waren, konnte ein solches Bekenntnis weitreichende Folgen haben. Die Anerkennung Jesu als Herrn konnte Loyalitätskonflikte hervorrufen und verlangte unter Umständen den Mut, sich trotz Ablehnung zu Christus zu stellen. Paulus behandelt das Bekenntnis daher als eine ernsthafte Antwort auf das Evangelium und nicht als eine bedeutungslose religiöse Redewendung.
Gleichzeitig wäre es falsch, aus diesen Worten eine besondere Sprechformel zu machen, durch deren bloßes Aussprechen ein Mensch automatisch gerettet würde. Paulus spricht ausdrücklich davon, dass das Bekenntnis mit einem Glauben verbunden sein muss, der im Herzen vorhanden ist. Äußere Worte und innere Überzeugung dürfen nicht voneinander getrennt werden. Jesus selbst warnt in Matthäus 7,21 davor, dass nicht jeder, der ihn mit „Herr, Herr“ anredet, deshalb schon zum Reich Gottes gehört. Damit wird nicht die Bedeutung eines aufrichtigen Bekenntnisses geschmälert. Vielmehr zeigt sich, dass die Anrede Jesu als Herr nur dann ihrem eigentlichen Sinn entspricht, wenn der Mensch tatsächlich an ihn glaubt und seine Autorität nicht bloß mit Worten anerkennt. Auch Jakobus 2,14–17 macht deutlich, dass ein Glaube, der im Leben keinerlei entsprechende Wirkung entfaltet, nicht mit einem lebendigen Glauben gleichgesetzt werden darf.
Paulus erklärt nun genauer, welchen Inhalt dieser Glaube haben soll: Der Mensch soll in seinem Herzen glauben, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat. Das Herz bezeichnet im biblischen Denken nicht nur den Sitz der Gefühle, sondern auch das innere Denken, Wollen und Vertrauen des Menschen. Mit dem Herzen zu glauben bedeutet daher mehr, als eine Nachricht lediglich für wahrscheinlich zu halten. Es bedeutet, die Botschaft von Christus als wahr anzunehmen und sich im Vertrauen auf Gottes rettendes Handeln zu verlassen. Dabei gründet der Glaube nicht auf einer selbst erzeugten religiösen Gewissheit, sondern auf dem, was Gott durch Jesus Christus tatsächlich getan hat.
Warum hebt Paulus gerade die Auferstehung Jesu hervor? Weil sie für das Evangelium keine nebensächliche Ergänzung darstellt, sondern untrennbar mit der Erlösung verbunden ist. Bereits in Römer 4,24–25 beschreibt Paulus den Glauben an den Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat, und verbindet Christi Hingabe wegen unserer Übertretungen mit seiner Auferweckung im Zusammenhang unserer Rechtfertigung. Noch ausführlicher erklärt er in 1. Korinther 15,14–19, dass der christliche Glaube ohne die Auferstehung Christi vergeblich wäre. Wäre Jesus im Tod geblieben, könnte er nicht als der lebendige Herr verkündigt werden, durch den Gott Menschen rettet. Die Auferstehung ist deshalb nicht nur eine nachträgliche Bestätigung seiner Sendung, sondern gehört selbst zum rettenden Geschehen, auf dem die Hoffnung des Glaubenden beruht.
Dabei darf aus der besonderen Erwähnung der Auferstehung nicht geschlossen werden, der Tod Jesu am Kreuz sei für Paulus von untergeordneter Bedeutung. Im Gegenteil: Der Auferstandene ist derselbe Jesus, der für die Sünden der Menschen gestorben ist. In Römer 5,6–11 hatte Paulus ausführlich erklärt, dass Christus für Sünder gestorben ist und Gott durch seinen Tod Versöhnung ermöglicht hat. In Römer 8,34 verbindet er erneut Christi Tod, seine Auferweckung und seinen gegenwärtigen Dienst für die Glaubenden. Wenn Paulus in Römer 10,9 die Auferstehung besonders hervorhebt, setzt er somit das zuvor erklärte Erlösungswerk voraus. Das christliche Bekenntnis richtet sich auf den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, dessen Tod und Auferstehung gemeinsam die Grundlage der Rettung bilden.
Eine weitere wichtige Einzelheit liegt darin, dass Paulus ausdrücklich sagt, Gott habe Jesus von den Toten auferweckt. Die Auferstehung erscheint hier als Handeln Gottes. Darin kommt zum Ausdruck, dass die Rettung des Menschen ihren Ursprung nicht in menschlicher Leistung besitzt. Derselbe Gott, der seinen Sohn gesandt hat, hat ihn auch von den Toten auferweckt. Damit erhält die Glaubensantwort des Menschen ihren eigentlichen Gegenstand: Er vertraut nicht auf die eigene Fähigkeit, sich geistlich zu verändern oder seine Schuld auszugleichen, sondern auf den Gott, der in Jesus Christus gehandelt hat und den Tod überwunden hat. Die Grundlage der Heilsgewissheit liegt deshalb nicht in der Stärke der eigenen religiösen Gefühle, sondern in der Zuverlässigkeit Gottes und dem vollbrachten Werk Christi.
In Vers 10 erläutert Paulus die beiden Elemente des vorherigen Verses noch einmal, verändert dabei jedoch ihre Reihenfolge. Während er zunächst vom Bekenntnis mit dem Mund und anschließend vom Glauben im Herzen gesprochen hat, nennt er nun zuerst den Glauben, durch den der Mensch zur Gerechtigkeit gelangt, und danach das Bekenntnis, das mit der Rettung verbunden ist. Diese Anordnung ist bewusst aufeinander abgestimmt. Sie greift die beiden Begriffe aus der zuvor zitierten Aussage des Mose auf und zeigt ihre innere Zusammengehörigkeit. Der Glaube bleibt nicht ohne Bekenntnis, und das Bekenntnis erhält seinen eigentlichen Sinn aus dem Glauben. Beide gehören zu einer einheitlichen Antwort auf das Evangelium.
Dabei verwendet Paulus zwei unterschiedliche Begriffe für das Ergebnis dieser Glaubensantwort: Gerechtigkeit und Rettung. Mit der Gerechtigkeit ist im Zusammenhang des Römerbriefes vor allem die Rechtfertigung vor Gott gemeint. Ein schuldiger Mensch wird nicht aufgrund eigener Verdienste gerechtgesprochen, sondern aufgrund der Gnade Gottes, die er im Glauben annimmt (Römer 3,24–26). Der Begriff Rettung umfasst dagegen den größeren Zusammenhang der Erlösung. Er beschreibt die Befreiung von der Sünde und ihren Folgen und schließt die endgültige Errettung vor Gottes Gericht ein. Bereits in Römer 5,9–10 verbindet Paulus die gegenwärtige Rechtfertigung und Versöhnung mit der zukünftigen Rettung. Wenn er nun in Römer 10,10 Gerechtigkeit und Rettung nebeneinander nennt, spricht er daher nicht von zwei voneinander unabhängigen Heilswegen, sondern beschreibt zusammengehörige Seiten des einen göttlichen Erlösungswerkes.
Daraus ergibt sich eine wichtige Frage: Soll das Bekenntnis mit dem Mund als eine zusätzliche menschliche Leistung verstanden werden, durch die der Glaubende seine Rettung erst verdient? Eine solche Deutung würde nicht zu den bisherigen Ausführungen des Paulus passen. Er hat mehrfach erklärt, dass die Rechtfertigung nicht durch menschliche Werke erworben werden kann, sondern auf Gottes Gnade und dem Glauben beruht (Römer 3,27–28; 4,4–5). Gleichzeitig wäre es ebenso ungenau, das Bekenntnis aus Vers 10 für völlig bedeutungslos zu erklären. Paulus nennt es ausdrücklich als Bestandteil der Antwort auf Christus. Der Glaube und das Bekenntnis sind deshalb zu unterscheiden, aber nicht gegeneinander auszuspielen. Das öffentliche Anerkennen Jesu ist kein selbstständiger Verdienstpreis der Erlösung, sondern Ausdruck der Beziehung zu dem Herrn, auf den der Mensch sein Vertrauen setzt.
Diese Unterscheidung schützt auch vor einem anderen Missverständnis. Paulus legt hier kein starres religiöses Verfahren fest, bei dem ein Mensch zunächst bestimmte Worte in einer vorgeschriebenen Reihenfolge aussprechen müsste, damit Gott ihn retten könnte. Er erklärt vielmehr den Inhalt und die Gestalt des christlichen Glaubens. Die Worte „Jesus ist Herr“ besitzen ihre Bedeutung nicht durch einen besonderen sprachlichen Klang, sondern durch die Person, auf die sie sich beziehen, und durch den Glauben, aus dem sie hervorgehen. Auch Menschen, deren Möglichkeiten zu sprechen oder ihren Glauben öffentlich auszudrücken eingeschränkt sind, dürfen aus diesem Vers nicht vorschnell von Gottes Rettung ausgeschlossen werden. Paulus behandelt das normale Zusammenspiel von innerem Glauben und äußerem Bekenntnis, nicht sämtliche denkbaren Ausnahmesituationen menschlichen Lebens.
Bemerkenswert ist schließlich, dass Paulus seine Rettungsverheißung unmittelbar an den einzelnen Menschen richtet. Er spricht nicht von einer besonderen religiösen Elite, die über außergewöhnliche Kenntnisse oder Leistungen verfügen müsste. Die entscheidende Frage lautet, wie ein Mensch auf Jesus Christus antwortet. Wer ihn als den auferstandenen Herrn anerkennt und auf Gottes rettendes Handeln vertraut, darf sich auf die Verheißung seiner Rettung verlassen. Diese Gewissheit gründet nicht in der eigenen Fehlerlosigkeit. Sie ruht auf Christus, der gestorben und auferstanden ist und für die Seinen eintritt (Römer 8,33–34). Gerade deshalb führt echter Glaube nicht zu geistlichem Hochmut, sondern zu Dankbarkeit, Vertrauen und der Bereitschaft, unter der Herrschaft Jesu zu leben.
Die Verse 9–10 zeigen somit, dass die Antwort auf das Evangelium den ganzen Menschen betrifft. Das Herz soll der von Gott verkündigten Wahrheit glauben, und der Mund soll den auferstandenen Jesus als Herrn bekennen. Inneres Vertrauen und äußeres Bekenntnis gehören zusammen, ohne dass dadurch aus Gottes freier Gnade eine vom Menschen verdiente Leistung wird. Nachdem Paulus diesen persönlichen Glaubensweg beschrieben hat, wird er nun zeigen, warum die Verheißung der Rettung weder durch Abstammung noch durch nationale Zugehörigkeit begrenzt ist. Denn derselbe Herr, zu dem sich der Glaubende bekennt, ist bereit, jeden zu retten, der ihn im Glauben anruft.
Römer 10,11–13
Gottes Rettungsverheißung gilt jedem Glaubenden
Nachdem Paulus erklärt hat, dass der Mensch durch den Glauben an den auferstandenen Jesus Christus gerettet wird, begründet er diese Verheißung nun mit zwei Aussagen aus dem Alten Testament. Dabei geht es um eine Frage, die für seine bisherigen Ausführungen über Israel von besonderer Bedeutung ist: Gilt Gottes Rettung nur den Angehörigen seines erwählten Volkes, oder steht sie auch Menschen offen, die nicht zu Israel gehören? Paulus beantwortet diese Frage mit einer bemerkenswert umfassenden Zusage. Entscheidend ist nicht die nationale Herkunft eines Menschen, sondern sein Vertrauen auf den Herrn, durch den Gott seine Rettung schenkt.
In Römer 10,11 greift Paulus zunächst eine Aussage aus Jesaja 28,16 auf: „Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden!“ Diese Worte hatte er bereits in Römer 9,33 verwendet, als er erklärte, weshalb viele Israeliten an Christus Anstoß nahmen. Nun nimmt er dieselbe Verheißung erneut auf, richtet den Blick jedoch stärker auf ihre positive Bedeutung. Wer sein Vertrauen auf Christus setzt, wird mit dieser Hoffnung nicht am Ende beschämt dastehen. Sein Glaube gründet sich auf denjenigen, den Gott selbst zum Fundament der Rettung bestimmt hat.
Um die Bedeutung dieser Verheißung zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf ihren ursprünglichen Zusammenhang. In Jesaja 28 spricht Gott zu den verantwortlichen Führern Jerusalems, die sich angesichts drohender Gefahren auf trügerische Sicherheiten verlassen. Sie meinen, durch ihre eigenen politischen und menschlichen Vorkehrungen geschützt zu sein. Gott stellt diesem falschen Vertrauen jedoch ein anderes Fundament gegenüber: Er legt in Zion einen bewährten und kostbaren Eckstein, auf den man sich verlassen kann. Der Eckstein war im Bauwesen von besonderer Bedeutung, weil er für die Ausrichtung und Festigkeit des Bauwerks wichtig war. Das Bild beschreibt deshalb eine von Gott selbst geschaffene zuverlässige Grundlage, die dem Menschen Sicherheit geben soll.
Im hebräischen Wortlaut von Jesaja 28,16 wird dem Glaubenden zugesagt, dass er nicht in ängstliche Hast geraten muss. Die alte griechische Übersetzung gibt diesen Gedanken mit einer Formulierung wieder, die das Nichtbeschämtwerden betont. Paulus verwendet diese griechische Ausdrucksweise und bezieht den von Gott gelegten Stein auf Jesus Christus. Damit macht er deutlich, dass sich die Verheißung aus Jesaja in der Beziehung zu Christus auf entscheidende Weise erfüllt. Während manche an Jesus Anstoß nehmen und ihn verwerfen, finden andere gerade in ihm die feste Grundlage ihres Vertrauens. Entscheidend ist somit nicht, ob ein Mensch nach außen religiöse Sicherheit besitzt, sondern ob seine Hoffnung auf dem von Gott gegebenen Retter ruht.
Die Aussage, dass der Glaubende nicht zuschanden werden wird, bedeutet dabei mehr als die Zusicherung, niemals eine Enttäuschung zu erleben. Menschen, die Christus vertrauen, können weiterhin leiden, verfolgt werden, schwere Verluste erfahren oder von anderen verspottet werden. Paulus selbst hatte solche Erfahrungen gemacht (2. Korinther 11,23–27). Die Verheißung aus Römer 10,11 garantiert deshalb kein leidfreies Leben und keinen ständigen äußerlichen Erfolg. Sie richtet den Blick vielmehr auf das endgültige Ergebnis des Vertrauens auf Christus. Wer seine Hoffnung auf ihn setzt, wird am Ende nicht feststellen müssen, dass Gottes Rettungsverheißung leer oder unzuverlässig gewesen wäre. Besonders angesichts des kommenden Gerichts besitzt diese Zusage eine tiefe Bedeutung: Die Hoffnung des Glaubenden ruht nicht auf einer trügerischen menschlichen Grundlage, sondern auf Gottes Treue.
Bemerkenswert ist außerdem, dass Paulus die Verheißung in einen umfassenden Zusammenhang stellt. Im Griechischen betont er ausdrücklich, dass jeder, der an Christus glaubt, nicht zuschanden werden wird. Damit bereitet er den folgenden Vers vor. Bereits in Römer 1,16 hatte Paulus erklärt, dass das Evangelium Gottes Kraft zur Rettung für jeden Glaubenden ist, für den Juden zuerst und ebenso für den Griechen. Nun zeigt er, weshalb diese Aussage gerade im Zusammenhang mit Israels besonderer Geschichte wichtig ist. Gottes Verheißungen waren zunächst Israel anvertraut worden, doch der Zugang zur Rettung durch Christus ist nicht auf Menschen israelitischer Abstammung beschränkt.
In Vers 12 formuliert Paulus diesen Gedanken ausdrücklich: „Denn es ist kein Unterschied zwischen Juden und Griechen: alle haben denselben Herrn, der reich ist für alle, die ihn anrufen.“ Mit den Begriffen „Juden“ und „Griechen“ unterscheidet Paulus hier grundlegend zwischen Menschen aus dem Volk Israel und Menschen aus den übrigen Völkern. „Griechen“ bezeichnet deshalb nicht nur Einwohner Griechenlands, sondern steht im Zusammenhang des Römerbriefes häufig stellvertretend für die nichtjüdische Welt. Paulus erklärt, dass diese unterschiedliche Herkunft keinen unterschiedlichen Zugang zur Gerechtigkeit und Rettung durch Christus begründet.
Diese Aussage darf jedoch nicht so verstanden werden, als hätte Israel niemals eine besondere Stellung in Gottes Heilsgeschichte besessen. Paulus hatte in Römer 9,4–5 ausdrücklich die Vorrechte Israels genannt: die Bundesschlüsse, die Gesetzgebung, den Gottesdienst und die Verheißungen. Auch die menschliche Herkunft Christi aus Israel gehört zu dieser Geschichte. Der Unterschied, den Paulus in Römer 10,12 aufhebt, betrifft deshalb nicht sämtliche geschichtlichen Besonderheiten zwischen Juden und Nichtjuden. Es geht um die entscheidende Frage der Rettung. Niemand wird allein aufgrund seiner israelitischen Abstammung gerechtfertigt, und niemand ist allein wegen seiner nichtjüdischen Herkunft von Gottes Gnade ausgeschlossen. Vor dem Evangelium stehen beide gleichermaßen als Menschen, die Gottes Barmherzigkeit brauchen und durch den Glauben Zugang zu ihr erhalten.
Schon in Römer 3,22–24 hatte Paulus diesen Zusammenhang aus einer anderen Richtung erklärt. Dort begründet er das Fehlen eines entscheidenden Unterschiedes damit, dass alle Menschen gesündigt haben und Gottes Herrlichkeit verfehlen. Juden und Nichtjuden besitzen deshalb keinen Grund, sich aufgrund ihrer eigenen Gerechtigkeit über andere zu erheben. In Römer 10,12 tritt nun die andere Seite derselben Wahrheit hervor: Weil beide Menschengruppen denselben Herrn haben, können sie sich auch an denselben Retter wenden. Die gemeinsame Bedürftigkeit des Menschen wird durch die gemeinsame Rettungsmöglichkeit beantwortet. Gottes Gnade schafft damit eine Grundlage der Gemeinschaft, die nationale und religiöse Herkunftsgrenzen übersteigt, ohne die geschichtliche Herkunft der Menschen auszulöschen.
Besonders aufschlussreich ist die Beschreibung des Herrn als jemand, der „reich ist für alle, die ihn anrufen“. Paulus spricht hier nicht von materiellem Reichtum und verspricht auch nicht, dass jeder Glaubende durch sein Gebet finanziellen Wohlstand erhalten werde. Gemeint ist vielmehr der Reichtum göttlicher Gnade und Barmherzigkeit. Der Herr besitzt keinen begrenzten Vorrat an Rettung, der durch die große Zahl der Menschen erschöpft werden könnte. Seine rettende Güte ist nicht auf eine einzelne Nation oder eine bevorzugte gesellschaftliche Gruppe beschränkt. Ein ähnlicher Gedanke findet sich in Epheser 2,4–8, wo Gottes großes Erbarmen und der überwältigende Reichtum seiner Gnade mit der Erlösung durch Christus verbunden werden. Der Mensch darf sich deshalb nicht an Gott wenden, als müsse er ihn erst durch besondere Leistungen zur Barmherzigkeit bewegen. Gottes Bereitschaft zu retten entspringt seinem eigenen gnädigen Wesen.
Dabei verbindet Paulus diese Großzügigkeit ausdrücklich mit dem Anrufen des Herrn. Das griechische Verb epikaleomai kann bedeuten, jemanden anzurufen, sich auf seinen Namen zu berufen oder ihn um Hilfe anzuflehen. Im biblischen Sprachgebrauch besitzt das Anrufen Gottes eine lange Geschichte. Schon in den Psalmen wenden sich Menschen in ihrer Not an den Herrn, weil sie auf seine Hilfe vertrauen. In Psalm 116,4 beispielsweise ruft der Beter den Namen des Herrn an und bittet um Rettung. Ein solches Anrufen ist mehr als das bloße Aussprechen eines religiösen Namens. Es ist Ausdruck des Vertrauens, dass Gott hört, helfen kann und seinem Volk zugewandt ist.
Diese Bedeutung wird in Vers 13 noch deutlicher. Paulus begründet seine Aussage mit einem weiteren Schriftwort: „Denn ‚wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden‘.“ Dieses Zitat stammt aus Joel 3,5, einer alttestamentlichen Verheißung, die in manchen Bibelausgaben als Joel 2,32 gezählt wird. Der Prophet spricht dort von Gottes zukünftigem Handeln, der Ausgießung seines Geistes und dem kommenden Tag des Herrn. Mitten in der Ankündigung ernster Gerichtsereignisse steht die Verheißung, dass Rettung für diejenigen möglich ist, die den Namen des Herrn anrufen. Der ursprüngliche Zusammenhang verbindet diese Zusage mit Zion, Jerusalem und den von Gott Berufenen. Es handelt sich also nicht um eine beliebige allgemeine Aussage über religiöse Gefühle, sondern um eine konkrete göttliche Rettungsverheißung angesichts des kommenden Gerichts.
Im Buch Joel bezeichnet der Ausdruck „Herr“ den Gott Israels, dessen Name im hebräischen Text mit den vier Buchstaben JHWH wiedergegeben wird. Gerade deshalb ist die Verwendung dieser Stelle durch Paulus von großer theologischer Bedeutung. In Römer 10,9 hatte er ausdrücklich vom Bekenntnis gesprochen, dass Jesus Herr ist. In Vers 12 erklärt er, dass alle denselben Herrn besitzen und ihn anrufen können. Unmittelbar danach verwendet er die Joel-Verheißung über das Anrufen des göttlichen Namens. Der Gedankengang legt deshalb stark nahe, dass Paulus die alttestamentliche Rettungsverheißung im Licht der Herrschaft Jesu Christi versteht und das Anrufen des Herrn auf Christus bezieht.
Diese Verbindung wird auch durch den weiteren neutestamentlichen Sprachgebrauch gestützt. In 1. Korinther 1,2 beschreibt Paulus die Christen als Menschen, die an allen Orten den Namen Jesu Christi, ihres Herrn, anrufen. Das Anrufen Jesu war somit ein charakteristischer Ausdruck frühchristlichen Glaubens. Zugleich unterscheidet Paulus in Römer 10,9 weiterhin zwischen Jesus, dem Herrn, und Gott, der ihn von den Toten auferweckt hat. Seine Aussagen dürfen deshalb nicht so vereinfacht werden, als wären Vater und Sohn dieselbe Person. Vielmehr nimmt Jesus als der auferstandene und erhöhte Herr an der göttlichen Rettung teil, die das Alte Testament mit dem Namen des Herrn verbindet. Das verleiht dem christlichen Bekenntnis zu Jesus eine außergewöhnliche Bedeutung: Der Retter, den die Apostel verkündigen, ist nicht lediglich ein menschlicher Vermittler, sondern der Herr, durch den Gott seine verheißene Erlösung zugänglich macht.
Dass Paulus gerade Joel 3,5 zitiert, ist auch deshalb bemerkenswert, weil dieselbe Verheißung in Apostelgeschichte 2,17–21 eine wichtige Rolle spielt. Am Pfingsttag verwendet Petrus die Worte des Propheten, um die Ausgießung des Heiligen Geistes zu erklären. Anschließend verkündigt er Jesus als den von Gott auferweckten und erhöhten Herrn (Apostelgeschichte 2,32–36). Die beiden neutestamentlichen Zusammenhänge ergänzen sich: Gott erfüllt seine Verheißungen, indem er durch Christus handelt, seinen Geist ausgießt und Menschen zur Umkehr und zum Glauben ruft. Damit wird die ursprüngliche prophetische Hoffnung nicht bedeutungslos, sondern erhält in der Verkündigung Jesu Christi eine neue heilsgeschichtliche Entfaltung.
Eine wichtige Frage bleibt jedoch: Bedeutet die Formulierung „wer den Namen des Herrn anrufen wird“, dass jeder Mensch unabhängig von seinem Glauben und seiner persönlichen Antwort automatisch gerettet wird? Der unmittelbare Zusammenhang spricht dagegen. Paulus hatte gerade erklärt, dass der Mensch im Herzen glauben und Jesus als Herrn bekennen soll. Auch in Vers 11 ist die Verheißung ausdrücklich auf den Glaubenden bezogen. Das Wort „jeder“ beschreibt deshalb die uneingeschränkte Reichweite der Einladung, nicht die automatische Rettung ohne Glauben. Niemand wird wegen seiner Herkunft vom Zugang zur göttlichen Gnade ausgeschlossen. Zugleich wird die Rettung denen zugesagt, die den Herrn tatsächlich im Glauben anrufen. Gottes Erbarmen ist frei und großzügig, doch Paulus behandelt die persönliche Glaubensantwort als wirklich bedeutsam.
Ebenso wenig sollte aus dieser offenen Einladung geschlossen werden, dass Gottes vorausgehendes Wirken keine Rolle spiele. Schon im Zusammenhang von Joel 3,5 ist von Menschen die Rede, die der Herr beruft. Auch Paulus hatte in Römer 9 Gottes erbarmende Initiative betont. Seine Aussagen über Gottes Gnade und die menschliche Glaubensantwort stehen deshalb nicht einfach im Widerspruch zueinander. Der Mensch kann sich nicht selbst erlösen und besitzt keinen Anspruch auf Gottes Rettung. Dennoch wird er ernsthaft eingeladen, der verkündigten Botschaft zu glauben und sich im Vertrauen an Christus zu wenden. Wie Gottes Berufung und die Antwort des Menschen in allen Einzelheiten zusammenwirken, wird durch diese drei Verse allein nicht abschließend erklärt. Sicher ist jedoch, dass Paulus Gottes Rettungsverheißung ausdrücklich jedem Glaubenden zuspricht.
Für die ursprünglichen Leser des Römerbriefes musste diese Aussage besondere Bedeutung haben. Die christliche Gemeinde in Rom bestand aus Menschen unterschiedlicher Herkunft. Zwischen jüdischen und nichtjüdischen Christusgläubigen konnten Fragen nach dem Gesetz, den Verheißungen und der Zugehörigkeit zum Volk Gottes zu Spannungen führen. Paulus stellt ihnen deshalb nicht zwei unterschiedliche Wege zu Gott vor. Weder die jüdische Herkunft noch die nichtjüdische Vergangenheit begründet vor Christus einen besonderen Anspruch auf Erlösung. Beide begegnen demselben Herrn, empfangen dieselbe Gnade und leben von derselben Rettungsverheißung. Diese gemeinsame Abhängigkeit von Christus nimmt jeder Form religiöser Überheblichkeit ihre Grundlage.
Damit erreicht Paulus in Römer 10,11–13 einen wichtigen Höhepunkt. Die Heilige Schrift bezeugt nach seiner Auslegung, dass der Glaube an Christus nicht enttäuscht werden wird. Gottes Rettung ist nicht an nationale Zugehörigkeit gebunden, und der Reichtum seiner Gnade steht allen offen, die den Herrn im Glauben anrufen. Doch gerade aus dieser umfassenden Verheißung ergibt sich eine weitere Frage. Wenn Menschen den Herrn anrufen sollen, müssen sie wissen, wer er ist und was Gott durch ihn getan hat. Wie sollen sie jedoch glauben, wenn sie die Botschaft niemals gehört haben? Mit dieser Frage geht Paulus nun von der persönlichen Glaubensantwort zur Verantwortung über, das Evangelium anderen Menschen zu verkündigen.
Römer 10,14–15
Warum Menschen die Botschaft von Christus hören müssen
Nachdem Paulus erklärt hat, dass jeder Mensch gerettet werden kann, der den Namen des Herrn im Glauben anruft, stellt er eine Reihe von Fragen, die den Blick auf eine entscheidende Voraussetzung dieser Verheißung richten. Wie soll ein Mensch den Herrn anrufen, wenn er nicht an ihn glaubt? Wie soll er glauben, wenn er noch nichts von ihm gehört hat? Und wie soll er von Christus erfahren, wenn ihm niemand die Botschaft verkündigt? Mit diesen Fragen macht Paulus deutlich, dass Gottes umfassendes Heilsangebot und die Verkündigung des Evangeliums untrennbar miteinander verbunden sind. Die Rettung steht nicht nur einer bestimmten Nation offen, doch damit Menschen diese Einladung annehmen können, muss ihnen die Botschaft von Jesus Christus auch zugänglich gemacht werden.
In Römer 10,14 beginnt Paulus mit der Frage, wie Menschen jemanden anrufen sollen, an den sie nicht glauben. Damit knüpft er unmittelbar an die Verheißung aus Joel 3,5 an, die er im vorherigen Vers zitiert hat. Das Anrufen des Herrn setzt voraus, dass der Mensch weiß, an wen er sich wendet und weshalb er diesem Herrn vertrauen darf. Paulus spricht hier nicht von einem beliebigen Hilferuf an eine unbekannte höhere Macht. Gemeint ist das bewusste Vertrauen auf den Herrn, der sich durch sein rettendes Handeln offenbart hat. Wer Jesus als Retter anruft, wendet sich an denjenigen, von dem er glaubt, dass Gott ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrschaft übertragen hat. Der Glaube bildet deshalb die innere Grundlage des Anrufens. Ohne dieses Vertrauen könnte der Name Jesu zwar äußerlich ausgesprochen werden, doch die persönliche Glaubensbeziehung, von der Paulus spricht, wäre damit noch nicht gegeben.
Mit seiner nächsten Frage geht Paulus einen Schritt weiter zurück. Wie sollen Menschen an Christus glauben, wenn sie nichts von ihm gehört haben? Damit berührt er eine grundlegende Eigenschaft des christlichen Glaubens: Er richtet sich nicht auf eine selbst ausgedachte Vorstellung von Gott, sondern auf Gottes tatsächliche Offenbarung in Jesus Christus. Menschen können sich viele Gedanken über Gott machen, seine Existenz vermuten oder nach dem Sinn ihres Lebens fragen. Doch die konkrete Botschaft, dass Jesus für die Sünden gestorben und von Gott auferweckt worden ist, entsteht nicht einfach durch menschliches Nachdenken über die Natur oder die eigenen Gefühle. Sie muss bekannt gemacht werden. Der Glaube, den Paulus beschreibt, hat deshalb einen bestimmten Inhalt und eine Grundlage, von der Menschen erfahren müssen.
Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, weil Paulus an anderer Stelle erklärt, dass Gott sich auch durch seine Schöpfung bezeugt. In Römer 1,19–20 spricht er davon, dass Gottes unsichtbare Eigenschaften an seinen Werken wahrgenommen werden können. Eine solche Erkenntnis ist jedoch nicht dasselbe wie die konkrete Kenntnis des Evangeliums von Jesus Christus. Aus der Ordnung der Natur lässt sich beispielsweise nicht unmittelbar erschließen, dass Jesus von Nazareth gekreuzigt und am dritten Tag auferweckt wurde. Diese Ereignisse gehören zur Geschichte des göttlichen Erlösungsplans und werden durch das apostolische Zeugnis bekannt gemacht. Paulus stellt damit nicht die Möglichkeit infrage, dass Gott Menschen auch außerhalb ihrer bisherigen religiösen Kenntnisse begegnen kann. Er erklärt vielmehr, weshalb die Verkündigung der Botschaft von Christus für den Glauben, zu dem das Evangelium einlädt, von grundlegender Bedeutung ist.
Auch die sprachliche Formulierung von Vers 14 verdient Beachtung. Die griechische Frage lässt sich nicht nur im Sinn von „Wie sollen sie glauben, wenn sie nichts von ihm gehört haben?“ verstehen. Sprachlich ist auch die Nuance möglich, dass Menschen den Herrn selbst hören, wenn seine Botschaft verkündigt wird. Diese Deutung passt zu anderen neutestamentlichen Aussagen, in denen Christus durch die von ihm gesandten Zeugen spricht. Als Jesus seine Jünger aussandte, erklärte er beispielsweise, dass derjenige, der sie hört, ihn hört (Lukas 10,16). Auch Paulus beschreibt seinen Dienst in 2. Korinther 5,20 so, dass Gott durch die Botschafter Christi zur Versöhnung aufruft. Damit erhält die Verkündigung eine besondere Bedeutung: Sie ist nicht bloß die Weitergabe religiöser Informationen, sondern soll den Menschen Gottes eigene Einladung durch Christus nahebringen.
Allerdings bedeutet das nicht, dass jedes Wort eines Predigers automatisch mit dem Wort Christi gleichgesetzt werden dürfte. Gerade weil die Botschaft von Christus stammt, muss sich ihre Verkündigung an der Wahrheit orientieren, die Gott offenbart hat. Paulus warnt in Galater 1,6–9 eindringlich davor, ein anderes Evangelium an die Stelle der ursprünglichen Botschaft treten zu lassen. Auch die Christen in Beröa werden in Apostelgeschichte 17,11 dafür gewürdigt, dass sie die verkündigte Lehre sorgfältig anhand der Schriften prüften. Deshalb besteht die Autorität eines christlichen Verkündigers nicht darin, dass er persönlich unfehlbar wäre. Entscheidend ist, ob er die Botschaft Jesu Christi zuverlässig weitergibt. Der Mensch soll letztlich nicht an die Person des Predigers gebunden werden, sondern zum Vertrauen auf Christus gelangen.
Anschließend fragt Paulus, wie Menschen überhaupt hören sollen, wenn niemand ihnen die Botschaft verkündigt. Hier verwendet er eine Form des griechischen Verbs kēryssō, das ursprünglich das öffentliche Ausrufen einer Nachricht bezeichnet. Ein solcher Verkündiger war jemand, der eine Botschaft bekannt machte, die nicht von ihm selbst stammte. Diese Vorstellung passt besonders gut zum apostolischen Dienst. Die Apostel sollten nicht ihre eigenen religiösen Theorien verbreiten, sondern bezeugen, was Gott durch Jesus Christus getan hatte. Paulus fasst den Inhalt dieser Botschaft in 1. Korinther 15,3–5 zusammen: Christus ist für unsere Sünden gestorben, wurde begraben, ist auferweckt worden und erschien Zeugen. Die öffentliche Verkündigung macht diese Ereignisse und ihre rettende Bedeutung für andere Menschen zugänglich.
Dabei beschränkt Paulus die grundsätzliche Bedeutung der Weitergabe des Evangeliums nicht auf die Vorstellung, dass jeder Mensch ausschließlich durch eine Predigt innerhalb eines Gottesdienstes von Christus erfahren könnte. Im Neuen Testament geschieht die Verkündigung auf unterschiedliche Weise. Petrus spricht öffentlich zu einer großen Menschenmenge (Apostelgeschichte 2,14–41). Philippus erklärt einem einzelnen Reisenden die Schriften und verkündigt ihm Jesus (Apostelgeschichte 8,26–35). Paulus unterrichtet sowohl in Synagogen als auch in Häusern und an öffentlichen Orten (Apostelgeschichte 17,2–4; 20,20–21). Die äußeren Situationen unterscheiden sich, doch der gemeinsame Mittelpunkt bleibt die verständliche Weitergabe der Botschaft von Christus. Entscheidend ist nicht eine bestimmte Veranstaltungsform, sondern dass Menschen die Wahrheit hören und Gelegenheit erhalten, darauf zu antworten.
In Römer 10,15 führt Paulus seine Fragen schließlich bis zum Ursprung der Verkündigung zurück: Wie sollen Menschen predigen, wenn sie nicht ausgesandt werden? Damit macht er deutlich, dass die Weitergabe des Evangeliums nicht lediglich aus menschlichem Unternehmungsgeist hervorgeht. Hinter dem apostolischen Auftrag steht die Initiative Gottes. Paulus selbst bezeichnet sich zu Beginn des Römerbriefes als berufenen Apostel, der für das Evangelium Gottes ausgesondert wurde (Römer 1,1). Seine Botschaft betrachtet er deshalb nicht als eine Lehre, die er aus eigener Überzeugungskraft entwickelt hätte, sondern als einen Auftrag, den er von Christus empfangen hat. In Galater 1,11–12 betont er ausdrücklich den göttlichen Ursprung des von ihm verkündigten Evangeliums.
Die Sendung der Verkündiger steht zugleich in Verbindung mit dem Auftrag Jesu an seine Jünger. Nach seiner Auferstehung erklärte Christus, dass ihm alle Vollmacht im Himmel und auf Erden gegeben sei, und beauftragte seine Nachfolger, Menschen aus allen Völkern zu Jüngern zu machen, sie zu taufen und sie zu lehren, seine Gebote zu halten (Matthäus 28,18–20). Auch in Apostelgeschichte 1,8 verbindet Jesus den Empfang des Heiligen Geistes mit dem Auftrag, seine Zeugen bis an das Ende der Erde zu sein. Die Verkündigung soll demnach nicht allein auf menschlicher Begabung oder persönlicher Begeisterung beruhen. Sie geschieht unter der Autorität des auferstandenen Herrn und in der Abhängigkeit von Gottes Wirken.
Ein anschauliches Beispiel dafür findet sich in Apostelgeschichte 13,1–4. Während die Gemeinde in Antiochia dem Herrn diente und fastete, wurden Barnabas und Saulus durch den Heiligen Geist für einen besonderen Dienst ausgesondert. Die Gemeinde betete für sie und entließ sie zu ihrer Aufgabe. Anschließend berichtet Lukas ausdrücklich, dass sie vom Heiligen Geist ausgesandt wurden. Hier werden zwei Seiten des missionarischen Dienstes sichtbar: Gottes Berufung und die Beteiligung der Glaubensgemeinschaft. Der Auftrag zur Verkündigung ist deshalb weder bloß eine private Entscheidung eines ehrgeizigen Menschen noch ausschließlich das Ergebnis einer menschlichen Organisation. Gott gebraucht Menschen und Gemeinden, um seine Botschaft weiterzutragen.
Aus der Frage nach der Sendung darf jedoch nicht geschlossen werden, dass nur Menschen mit einem besonderen kirchlichen Amt überhaupt von Christus sprechen dürften. Das Neue Testament unterscheidet verschiedene Dienste und Verantwortungen innerhalb der Gemeinde, aber es zeigt auch, dass die Botschaft von Jesus durch viele Glaubende weitergegeben wurde. Als die ersten Christen wegen der Verfolgung in Jerusalem zerstreut wurden, zogen sie umher und verkündigten das Wort (Apostelgeschichte 8,1–4). Die konkrete Berufung zum apostolischen Dienst ist dabei nicht mit jeder persönlichen Glaubensweitergabe gleichzusetzen. Dennoch wird deutlich, dass Gott seine Botschaft durch unterschiedliche Menschen verbreitet. Das Wesentliche bleibt, dass die Verkündigung ihrem Ursprung und Inhalt nach an Gottes Auftrag und das Evangelium Christi gebunden ist.
Nachdem Paulus die Notwendigkeit der Sendung erklärt hat, greift er auf eine Aussage aus Jesaja 52,7 zurück. Dort wird beschrieben, wie willkommen die Füße eines Boten auf den Bergen sind, der gute Nachricht bringt, Frieden verkündigt und Heil bekannt macht. Das Bild wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich, weil ausgerechnet die Füße des Boten als schön bezeichnet werden. Seine Bedeutung erschließt sich jedoch aus der Situation, in der eine lang ersehnte Nachricht eintrifft. Wer auf die Mitteilung einer Befreiung oder Rettung wartet, empfängt den herannahenden Boten mit großer Freude. Seine Füße sind nicht aufgrund ihrer äußeren Beschaffenheit schön, sondern weil sie ihn zu den Menschen tragen, die sehnsüchtig auf die gute Nachricht warten.
Der ursprüngliche Zusammenhang von Jesaja 52 ist dabei besonders wichtig. Der Prophet spricht von der Wiederherstellung Zions und von Gottes rettendem Eingreifen zugunsten seines bedrängten Volkes. Jerusalem soll aus seiner Erniedrigung aufgerichtet werden, und Gottes Volk soll erkennen, dass der Herr seine Verheißungen erfüllt. Der Freudenbote verkündet deshalb nicht irgendeine erfreuliche Neuigkeit. Seine Botschaft betrifft Frieden, Rettung und die Herrschaft Gottes. Besonders bedeutsam sind die Worte, mit denen der Bote Zion anspricht: „Dein Gott ist König!“ (Jesaja 52,7). Die angekündigte Rettung beruht darauf, dass Gott selbst als König handelt und die Zukunft seines Volkes bestimmt.
Wenn Paulus diese Aussage auf die Verkündigung des Evangeliums anwendet, nimmt er ein bereits vorhandenes biblisches Bild auf und führt es im Licht Jesu Christi weiter. Ursprünglich beschreibt Jesaja die gute Nachricht von Gottes rettendem Handeln für Zion. Paulus erkennt in diesem Bild eine passende Grundlage, um die Boten des Evangeliums zu beschreiben, die nun die durch Christus eröffnete Rettung bekannt machen. Damit behauptet er nicht, dass Jesaja 52,7 bereits ausdrücklich jedes Einzelereignis des Todes und der Auferstehung Jesu beschrieben hätte. Vielmehr verbindet die beiden Zusammenhänge ein entscheidender Gedanke: Gott handelt zur Rettung, und Menschen dürfen diese Rettung als frohe Botschaft verkündigen. Die christliche Verkündigung steht dadurch nicht außerhalb der alttestamentlichen Hoffnung, sondern bezeugt deren entscheidende Entfaltung durch den gekommenen Messias.
Auch das Wort „Evangelium“ erhält durch diesen Zusammenhang eine besondere Tiefe. Der griechische Begriff euangelion bezeichnet eine gute Nachricht. Er beschreibt nicht zuerst eine Sammlung religiöser Vorschriften oder einen Katalog menschlicher Leistungen, sondern eine Botschaft über etwas, das geschehen ist beziehungsweise von Gott zugesagt wird. Das Evangelium verkündigt, dass Gott durch Jesus Christus gehandelt hat, um Sünder zu retten. Gerade deshalb kann es als eine frohe Botschaft bezeichnet werden. Menschen erfahren nicht nur, was ihnen fehlt oder welche Schuld sie tragen, sondern auch, welchen Weg Gott selbst zur Vergebung, Versöhnung und zu einem neuen Leben eröffnet hat. Darin unterscheidet sich das Evangelium von einer Verkündigung, die ausschließlich Forderungen an den Menschen stellt, ohne ihm Gottes rettende Gnade bekannt zu machen.
Paulus übernimmt aus Jesaja besonders die Verbindung von guter Nachricht und Frieden. Im Römerbrief hatte er bereits erklärt, dass Menschen, die durch den Glauben gerechtfertigt worden sind, Frieden mit Gott durch Jesus Christus haben (Römer 5,1). Dieser Friede bezeichnet zuerst die wiederhergestellte Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Die Feindschaft, die durch die Sünde entstanden ist, wird nicht durch menschliche Anstrengung beseitigt, sondern durch die Versöhnung, die Christus ermöglicht hat (Römer 5,10–11). Der Friede des Evangeliums ist deshalb mehr als ein angenehmes Gefühl oder eine vorübergehende innere Ruhe. Er gründet auf Gottes rettendem Handeln und eröffnet eine neue Beziehung zu ihm. Daraus erwächst auch die Verpflichtung, mit anderen Menschen in Frieden zu leben, wie Paulus später in Römer 12,18 erklärt.
Gleichzeitig darf die Friedensbotschaft aus Jesaja nicht auf eine rein innerliche Erfahrung verkürzt werden. Im ursprünglichen prophetischen Zusammenhang geht es um Befreiung, Wiederherstellung und die sichtbare Offenbarung der Herrschaft Gottes. Auch das Neue Testament verbindet die gegenwärtige Versöhnung mit einer noch ausstehenden Vollendung der Erlösung. Die Glaubenden besitzen bereits Frieden mit Gott, erwarten aber weiterhin die endgültige Befreiung von Sünde, Tod und Vergänglichkeit (Römer 8,18–25). Das Evangelium umfasst somit sowohl die gegenwärtige Gnade als auch die zukünftige Hoffnung, dass Gottes rettendes Handeln seine Vollendung erreichen wird. Eine Verkündigung, die nur gegenwärtigen Wohlstand oder die sofortige Lösung aller Lebensprobleme verspricht, würde diese umfassendere Hoffnung verengen.
Bemerkenswert ist außerdem, dass Paulus das Bild des einzelnen Freudenboten aus Jesaja auf die Verkündiger des Evangeliums überträgt. Er spricht von den Füßen derer, die die gute Nachricht bekannt machen. Dadurch bleibt die Verheißung nicht auf eine einzige spätere Persönlichkeit beschränkt. Die Botschaft Gottes soll durch viele gesandte Menschen weitergetragen werden. Das entspricht auch dem weiteren Zusammenhang von Jesaja 52,10, wo angekündigt wird, dass die Enden der Erde Gottes Heil sehen werden. Paulus erkennt in der weltweiten Verkündigung des Evangeliums eine Entfaltung dieser weitreichenden Rettungshoffnung. Menschen aus Israel und aus den übrigen Völkern sollen erfahren, was Gott durch Christus getan hat.
Dabei liegt der Wert eines Verkündigers letztlich nicht in seinem gesellschaftlichen Ansehen, seiner persönlichen Beredsamkeit oder seiner Fähigkeit, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Paulus hatte den Korinthern erklärt, dass Gott gerade das menschlich Schwache gebrauchen kann, damit die rettende Kraft nicht dem Menschen, sondern Gott zugeschrieben wird (1. Korinther 1,26–31; 2,1–5). Im Bild der schönen Füße steht ebenfalls nicht die außergewöhnliche Persönlichkeit des Boten im Mittelpunkt, sondern die Nachricht, die er bringt. Seine Aufgabe besteht darin, auf Gottes Handeln hinzuweisen. Je klarer die Botschaft auf Christus ausgerichtet bleibt, desto deutlicher wird, dass die Hoffnung des Hörers nicht vom Prediger abhängig ist.
Aus den Fragen des Paulus ergibt sich schließlich eine besondere Verantwortung für die christliche Gemeinde. Wenn Menschen das Evangelium hören sollen, muss es ihnen in einer Weise zugänglich gemacht werden, die sie tatsächlich verstehen können. Es genügt nicht, dass eine Botschaft theoretisch vorhanden ist, wenn sie die Menschen nicht erreicht. Die Gemeinde ist deshalb berufen, das Evangelium weiterzugeben, Menschen mit Geduld zu unterweisen und von Christus Zeugnis abzulegen. Dazu gehören nicht nur öffentliche Predigten, sondern auch persönliche Gespräche und das verständliche Erklären der Heiligen Schrift. Ein glaubwürdiges Leben kann die verkündigte Botschaft unterstützen und ihre Wirkung veranschaulichen. Es ersetzt jedoch nicht vollständig die Mitteilung dessen, was Gott durch Jesus Christus getan hat, denn gerade diesen Inhalt sollen Menschen nach Paulus kennenlernen.
Dennoch dürfen die Fragen von Römer 10,14–15 nicht vorschnell zu einem endgültigen Urteil über jeden Menschen gemacht werden, der niemals Gelegenheit hatte, die christliche Botschaft zu hören. Paulus entwickelt hier keine vollständige Lehre darüber, wie Gott Menschen beurteilt, denen das Evangelium ohne eigenes Verschulden unbekannt geblieben ist. In Römer 2,14–16 hatte er bereits weitere Fragen nach Gewissen, Erkenntnis und Gottes gerechtem Gericht angesprochen. Die vorliegenden Verse behandeln dagegen den von Gott eröffneten Weg, durch den Menschen von Christus erfahren und zum Glauben gelangen sollen. Ihre besondere Betonung liegt auf der Verantwortung zur Verkündigung, nicht auf einer abschließenden Beschreibung sämtlicher möglichen Lebenssituationen.
Ebenso wenig bedeutet die Notwendigkeit der Verkündigung, dass Menschen allein durch eine überzeugende Predigt zum Glauben gezwungen werden könnten. Die Botschaft soll bekannt gemacht und verständlich erklärt werden, doch ihre Annahme bleibt eine persönliche Glaubensantwort. Paulus unterscheidet deshalb zwischen dem Verkündigen des Evangeliums und dem tatsächlichen Glauben der Hörer. Der Prediger kann die Botschaft weitergeben, aber er kann das Herz eines anderen Menschen nicht aus eigener Macht erneuern. Die rettende Kraft liegt bei Gott, der durch sein Wort und seinen Geist wirkt. Schon in 1. Korinther 3,6–7 beschreibt Paulus diesen Unterschied mit dem Bild von Pflanzen und Wachstum: Menschen können pflanzen und begießen, aber Gott gibt das Gedeihen.
Damit führen die Verse 14–15 von der umfassenden Rettungsverheißung zu der Frage, wie diese Botschaft die Menschen erreicht. Gott hat durch Christus den Weg zur Erlösung eröffnet und gebraucht gesandte Zeugen, um ihn bekannt zu machen. Die Verkündigung erhält ihre Bedeutung aus dem göttlichen Auftrag und aus dem Inhalt der guten Nachricht. Deshalb sind die Füße der Freudenboten im Bild des Propheten so willkommen: Durch ihre Ankunft erfahren Menschen von Gottes rettendem Handeln.
Doch mit dem Hören der Botschaft ist noch nicht entschieden, wie die Menschen darauf antworten. Auch eine wahrheitsgemäß verkündigte Nachricht kann abgelehnt werden. Gerade diese ernste Unterscheidung zwischen dem Hören des Evangeliums und dem Gehorsam des Glaubens wird Paulus in den folgenden Versen erklären.
Römer 10,16–17
Warum das Hören allein noch keinen Glauben garantiert
Nachdem Paulus die Bedeutung der Evangeliumsverkündigung erklärt hat, spricht er nun eine ernste Schwierigkeit an. Obwohl Gottes rettende Botschaft verkündigt wird, nehmen nicht alle Menschen sie im Glauben an. In Römer 10,16 stellt er deshalb fest, dass nicht alle dem Evangelium gehorcht haben. Diese Aussage bildet einen wichtigen Wendepunkt seiner Argumentation. Bisher hatte Paulus gezeigt, weshalb Menschen die Botschaft von Christus hören müssen. Nun macht er deutlich, dass das Hören allein noch nicht bedeutet, dass ein Mensch Gottes Wahrheit tatsächlich annimmt. Zwischen dem Bekanntwerden des Evangeliums und seiner persönlichen Annahme besteht ein Unterschied, der für das Verständnis des Glaubens von grundlegender Bedeutung ist.
Besonders bemerkenswert ist die Formulierung, die Paulus verwendet. Er schreibt nicht einfach, dass manche Menschen das Evangelium nicht verstanden oder ihm nicht geglaubt hätten. Stattdessen spricht er davon, dass sie dem Evangelium nicht gehorcht haben. Das griechische Verb hypakouō bedeutet, auf jemanden zu hören, seiner Aufforderung Folge zu leisten oder ihm zu gehorchen. Im Zusammenhang von Römer 10 geht es dabei um die Antwort auf Gottes verkündigte Rettungsbotschaft. Das Evangelium ist nicht nur eine religiöse Information, über die man sich eine unverbindliche Meinung bilden könnte. Es enthält zugleich Gottes Aufforderung, sich von der Sünde abzuwenden und sein Vertrauen auf Jesus Christus zu setzen. Wer diese Botschaft bewusst zurückweist, lehnt deshalb nicht lediglich eine menschliche Theorie ab, sondern verweigert sich dem göttlichen Ruf, der durch das Evangelium an ihn ergeht.
Damit verbindet Paulus zwei Begriffe, die manchmal fälschlicherweise gegeneinander ausgespielt werden: Glauben und Gehorsam. Bereits am Anfang des Römerbriefes hatte er erklärt, dass er zum Apostel berufen wurde, um unter den Völkern den „Gehorsam des Glaubens“ zu fördern (Römer 1,5). Eine ähnliche Formulierung erscheint am Ende des Briefes in Römer 16,26. Damit beschreibt Paulus keinen Gegensatz zwischen dem Vertrauen auf Christus und der Bereitschaft, Gottes Willen anzunehmen. Der Glaube ist vielmehr selbst eine Antwort auf Gottes Offenbarung. Wenn Gott den Menschen zur Umkehr und zum Vertrauen auf seinen Sohn ruft, besteht eine angemessene Antwort gerade darin, diesem Ruf zu folgen. Der Gehorsam des Glaubens beginnt deshalb nicht mit dem Versuch, sich die Rettung durch eigene Leistungen zu verdienen, sondern damit, Gottes rettende Botschaft anzunehmen.
Dennoch muss sorgfältig unterschieden werden, in welchem Sinn Paulus hier von Gehorsam spricht. Er behandelt in Römer 10,16 nicht unmittelbar die Frage, welche einzelnen Gebote ein Christ beachten soll. Sein Thema ist die Annahme oder Ablehnung des Evangeliums. Der Ungehorsam, den er beschreibt, besteht daher zunächst darin, der verkündigten Botschaft von Christus nicht zu glauben. Das bedeutet keineswegs, dass das spätere Verhalten eines Glaubenden unwichtig wäre. Bereits in Römer 6,17–18 hat Paulus erklärt, dass Menschen, die von der Sünde befreit wurden, der ihnen überlieferten Lehre von Herzen gehorsam geworden sind. Aber der Gehorsam, der aus dem Glauben erwächst, darf nicht mit einer selbst erworbenen Gerechtigkeit verwechselt werden. Paulus spricht von einer neuen Beziehung zu Gott, in der das Vertrauen auf Christus und die Bereitschaft, seinem Willen zu folgen, zusammengehören.
Um zu zeigen, dass die Ablehnung der göttlichen Botschaft keine völlig neue Erscheinung ist, greift Paulus erneut auf den Propheten Jesaja zurück. Er zitiert die Frage aus Jesaja 53,1: „Herr, wer hat unsrer Predigt geglaubt?“ Dieses Schriftwort besitzt im Zusammenhang des Römerbriefes eine besondere Bedeutung. Gerade zuvor hatte Paulus in Römer 10,15 Jesaja 52,7 verwendet, um die Schönheit und Bedeutung der guten Nachricht zu beschreiben. Nun führt er seine Leser unmittelbar zu dem Abschnitt, in dem Jesaja von dem leidenden Knecht des Herrn spricht. Dadurch entsteht eine bemerkenswerte Verbindung: Gottes rettendes Handeln wird verkündigt, aber die Menschen erkennen seine Bedeutung nicht unbedingt und reagieren keineswegs immer mit Glauben.
Der ursprüngliche Zusammenhang von Jesaja 53 beginnt bereits in Jesaja 52,13–15. Dort kündigt Gott an, dass sein Knecht erhöht werden wird, obwohl seine Erniedrigung und sein Leiden zunächst großes Erstaunen hervorrufen. In Jesaja 53,1 folgt dann die Frage, wer der Botschaft geglaubt habe und wem der Arm des Herrn offenbart worden sei. Der Ausdruck „Arm des Herrn“ beschreibt in diesem Zusammenhang Gottes machtvolles rettendes Handeln. Bereits in Jesaja 52,10 wird angekündigt, dass Gott seinen heiligen Arm vor den Augen der Völker sichtbar machen wird. Doch die anschließende Darstellung des leidenden Knechtes zeigt, wie unerwartet Gottes Rettung erscheinen kann. Das, was Gott zur Erlösung bestimmt hat, entspricht nicht unbedingt den Vorstellungen, die Menschen mit göttlicher Macht und Herrlichkeit verbinden.
Gerade darin liegt die Bedeutung der Frage aus Jesaja 53,1. Sie bringt das Erstaunen darüber zum Ausdruck, dass Gottes Offenbarung nicht in der Weise erkannt und angenommen wird, wie man es erwarten könnte. Der leidende Knecht erscheint zunächst unscheinbar, wird verachtet und falsch beurteilt. Erst im weiteren Verlauf des Liedes wird beschrieben, dass sein Leiden mit der Schuld anderer verbunden ist und dass Gottes Handeln eine tiefere Bedeutung besitzt, als die Menschen zunächst verstanden hatten (Jesaja 53,4–6). Die genaue Identität der Sprecher in diesem prophetischen Abschnitt wird unterschiedlich ausgelegt. Für den Gedankengang des Paulus ist jedoch entscheidend, dass die Botschaft von Gottes rettendem Handeln auf Unglauben und fehlende Erkenntnis stoßen kann.
Wenn Paulus diese Worte auf die Verkündigung von Christus bezieht, erkennt er darin eine Verbindung zur Situation seiner eigenen Zeit. Jesus war von vielen Menschen nicht als der verheißene Messias angenommen worden. Besonders sein Leiden und sein Tod am Kreuz widersprachen den Erwartungen derer, die sich einen machtvollen Befreier vorstellten. Paulus erklärt in 1. Korinther 1,23–24, dass die Verkündigung des gekreuzigten Christus für viele Juden ein Ärgernis und für viele Nichtjuden eine Torheit war, während die Berufenen gerade in ihm Gottes Kraft und Weisheit erkannten. Die Schwierigkeit lag also nicht darin, dass das Evangelium überhaupt keine rettende Wahrheit enthielt. Vielmehr erschien Gottes Erlösungsweg vielen Menschen so unerwartet, dass sie seine Bedeutung nicht anerkannten.
Auch der Evangelist Johannes greift Jesaja 53,1 auf. In Johannes 12,37–38 erklärt er, dass viele Menschen trotz der Zeichen Jesu nicht an ihn glaubten, und verbindet diese Beobachtung mit der Frage des Propheten. Johannes führt anschließend die ernste Gerichtssprache aus Jesaja 6 über Verblendung und Verhärtung an. Damit wird deutlich, dass die Ablehnung göttlicher Offenbarung im Neuen Testament nicht ausschließlich als ein Mangel an verfügbaren Informationen beschrieben wird. Menschen können Gottes Handeln begegnen und dennoch Widerstand leisten. Zugleich darf daraus nicht gefolgert werden, dass jeder Mensch, der zunächst ungläubig bleibt, bereits endgültig verloren oder zur Umkehr unfähig wäre. Die biblischen Aussagen über menschlichen Widerstand und göttliche Verhärtung müssen im jeweiligen Zusammenhang betrachtet werden. Paulus selbst wird in Römer 11 erklären, dass Israels gegenwärtiger Unglaube nicht mit einer endgültigen Verwerfung des gesamten Volkes gleichgesetzt werden darf.
Bemerkenswert ist außerdem, dass Paulus mit den Worten „nicht alle“ eine begrenzte Aussage trifft. Er behauptet nicht, dass niemand aus Israel dem Evangelium geglaubt hätte. Er selbst war Israelit und hatte Christus angenommen. Auch die ersten Apostel und zahlreiche weitere Glaubende stammten aus dem jüdischen Volk. Schon in Römer 9,6 hatte Paulus zwischen der Zugehörigkeit zu Israel nach der Abstammung und der Zugehörigkeit zur Verheißung unterschieden. Die Ablehnung des Evangeliums durch viele seiner Volksgenossen war für ihn deshalb eine ernste geistliche Wirklichkeit, aber kein Grund, sämtliche Israeliten als ungläubig oder von Gott verlassen darzustellen. Diese Unterscheidung bewahrt seine Aussage vor einer pauschalen Verurteilung des jüdischen Volkes.
Die Worte aus Jesaja helfen außerdem, ein häufiges Missverständnis über die Wirksamkeit der Verkündigung zu vermeiden. Dass eine Botschaft von Gott stammt, bedeutet nicht, dass jeder Hörer sie automatisch annimmt. Selbst Jesus erlebte, dass Menschen seine Worte hörten und seine Werke sahen, ohne ihm zu vertrauen. Die Wahrheit einer Botschaft darf deshalb nicht allein daran gemessen werden, wie viele Menschen ihr unmittelbar zustimmen. Ebenso wenig beweist eine große Zahl begeisterter Zuhörer bereits, dass die verkündigte Lehre tatsächlich mit Gottes Wort übereinstimmt. Entscheidend ist zunächst die Treue zur göttlichen Offenbarung. Wie Menschen darauf antworten, bleibt eine weitere Frage, die nicht mit der Wahrheit des Evangeliums selbst verwechselt werden darf.
In Vers 17 zieht Paulus aus seiner bisherigen Argumentation eine grundlegende Schlussfolgerung: „Demnach kommt der Glaube aus der Predigt, die Predigt aber durch Gottes Wort.“ Dieser Satz gehört zu den bekanntesten Aussagen des Römerbriefes. Er erklärt, auf welchem Weg Menschen zum Glauben an Christus gelangen können. Dabei knüpft Paulus unmittelbar an die zuvor behandelte Frage an, wer der Verkündigung geglaubt habe. Derselbe griechische Ausdruck, akoē, steht sowohl hinter der in Vers 16 erwähnten Predigt beziehungsweise Nachricht als auch hinter dem Gedanken des Hörens in Vers 17. Das Wort kann je nach Zusammenhang den Vorgang des Hörens oder die gehörte Botschaft bezeichnen. Gerade diese sprachliche Verbindung ist wichtig: Es geht nicht nur darum, dass irgendein Geräusch an das menschliche Ohr gelangt, sondern darum, dass ein Mensch eine bestimmte Botschaft hört und sie als Gegenstand seines Glaubens erhält.
Wenn Paulus erklärt, dass der Glaube aus dem Hören kommt, beschreibt er deshalb nicht einfach die Wirkung gesprochener Worte auf die menschliche Psyche. Der christliche Glaube entsteht nicht dadurch, dass jemand häufig genug religiöse Sätze hört oder sich durch eine besonders eindrucksvolle Rede emotional bewegen lässt. Entscheidend ist der Inhalt dessen, was verkündigt wird. Die Botschaft soll den Menschen mit Gottes Offenbarung in Jesus Christus bekannt machen. Sie berichtet von seinem rettenden Handeln, erklärt die Bedeutung seines Todes und seiner Auferstehung und lädt dazu ein, ihm zu vertrauen. Dadurch erhält der Glaube eine Grundlage, die über persönliche Gefühle und menschliche Überzeugungskraft hinausgeht. Er richtet sich auf Christus und auf die Verheißungen Gottes.
In der zweiten Hälfte von Vers 17 nennt Paulus den Ursprung dieser Verkündigung. Die Schlachter-Bibel von 1951 spricht hier von „Gottes Wort“. In der griechischen Textüberlieferung findet sich jedoch eine bemerkenswerte Variante. Während zahlreiche spätere Handschriften „Wort Gottes“ lesen, bezeugen wichtige frühe Handschriften die Formulierung „Wort Christi“. Moderne textkritische Ausgaben bevorzugen überwiegend diese zweite Lesart. Der Unterschied betrifft die genaue Bezeichnung der Botschaft, verändert aber nicht den grundlegenden Gedanken des Verses. In beiden Fällen geht es um die göttlich begründete Verkündigung des Evangeliums. Die Formulierung „Wort Christi“ hebt besonders hervor, dass die Botschaft von Christus handelt beziehungsweise durch seine Autorität vermittelt wird.
Diese Verbindung ist bereits im unmittelbaren Zusammenhang vorbereitet. Paulus hatte in Römer 10,9 erklärt, dass Jesus als Herr bekannt und seine Auferstehung geglaubt werden soll. In den Versen 14–15 hatte er anschließend die Bedeutung der Prediger erläutert, durch die Menschen von diesem Herrn erfahren. Wenn er nun die Verkündigung mit dem Wort Christi verbindet, bezeichnet er damit nicht irgendeine beliebige religiöse Rede. Der Inhalt der Botschaft ist der gekreuzigte und auferstandene Jesus, durch den Gott seine Rettung schenkt. Zugleich kommt die Verkündigung nicht aus einer selbstständigen menschlichen Autorität. Sie ist an das gebunden, was Christus offenbart und seinen Zeugen aufgetragen hat. Darin liegt ein wichtiger Maßstab für jede christliche Predigt: Sie muss Menschen mit Christus und seiner Wahrheit bekannt machen, statt lediglich menschliche Meinungen religiös auszuschmücken.
Dabei ist zu beachten, dass Paulus den Glauben nicht ausschließlich an das persönliche Hören einer mündlichen Predigt in einem Gottesdienst bindet. Seine Aussage beschreibt den grundlegenden Zusammenhang zwischen Gottes Botschaft und ihrer Aufnahme durch den Menschen. Schon zur Zeit der Apostel wurden die Schriften öffentlich gelesen, erklärt und in persönlichen Gesprächen weitergegeben. In Apostelgeschichte 8,30–35 begegnet Philippus einem Mann, der den Propheten Jesaja liest, dessen Bedeutung jedoch noch nicht versteht. Philippus erklärt ihm den Schriftabschnitt und verkündigt ihm von dort aus Jesus. Dieses Ereignis veranschaulicht, wie das geschriebene Wort und seine verständliche Erklärung zusammenwirken können. Entscheidend ist, dass Gottes Botschaft den Menschen erreicht und er ihre Bedeutung verstehen kann.
Ebenso wenig darf Römer 10,17 so verstanden werden, als würde bereits das bloße Hören der richtigen Worte zwangsläufig einen lebendigen Glauben hervorbringen. Eine solche Deutung würde dem unmittelbar vorausgehenden Vers widersprechen. Gerade dort hat Paulus ausdrücklich festgestellt, dass nicht alle dem Evangelium gehorchten. Das Hören ist somit ein wesentlicher Zugang zum Glauben, aber keine mechanische Garantie für seine Entstehung. Jesus selbst beschreibt im Gleichnis vom Sämann verschiedene Reaktionen auf dieselbe Botschaft (Matthäus 13,18–23). Manche Menschen hören das Wort, ohne es zu verstehen. Andere nehmen es zunächst mit Freude auf, lassen es jedoch nicht dauerhaft in ihrem Leben wirksam werden. Wieder andere hören, verstehen und bringen Frucht. Die Unterschiede liegen nicht darin, dass verschiedene Evangelien verkündigt würden, sondern darin, wie die Menschen auf das empfangene Wort antworten.
Damit tritt auch die Bedeutung des Heiligen Geistes hervor. Der Mensch kann Gottes Botschaft hören und verstandesmäßig erfassen, doch ein lebendiger Glaube erschöpft sich nicht in einer bloßen Ansammlung richtiger Informationen. Jesus erklärt in Johannes 16,8–13, dass der Heilige Geist die Welt von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht überführt und die Jünger in die Wahrheit führt. Ein besonders anschauliches Beispiel findet sich in Apostelgeschichte 16,14, wo Lukas von Lydia berichtet. Während sie der Verkündigung des Paulus zuhörte, öffnete der Herr ihr Herz, sodass sie auf das achtete, was Paulus sagte. Hier werden die menschliche Verkündigung, das tatsächliche Hören und Gottes inneres Wirken miteinander verbunden. Der Prediger kann die Botschaft weitergeben, aber er besitzt nicht die Macht, aus eigener Kraft einen Menschen geistlich zu erneuern.
Aus dieser Verbindung ergibt sich eine wichtige Einsicht für das Verständnis christlicher Glaubensgewissheit. Der Glaube braucht eine tragfähige Grundlage, und diese Grundlage liegt nicht in der wechselnden Stärke menschlicher Gefühle. Ein Mensch kann Zeiten innerer Freude und großer Zuversicht erleben, aber auch Zweifel, Anfechtungen und geistliche Trockenheit durchmachen. Wenn sein Glaube ausschließlich von seiner augenblicklichen Empfindung abhängt, wird er entsprechend schwanken. Gottes Wort dagegen führt ihn immer wieder zu dem, was Christus getan hat und was Gott verheißen hat. Deshalb ist die Beschäftigung mit der Heiligen Schrift nicht lediglich eine religiöse Gewohnheit. Sie hilft dem Menschen, den Inhalt des Evangeliums tiefer zu verstehen, falsche Vorstellungen zu korrigieren und sein Vertrauen zunehmend auf Gottes Wahrheit zu gründen.
Zugleich zeigt die Aussage des Paulus, dass christliche Verkündigung mehr sein muss als die Weitergabe allgemeiner moralischer Ratschläge. Ein Mensch kann viele nützliche Lebensregeln kennenlernen, ohne dadurch bereits das Evangelium verstanden zu haben. Auch eine Predigt, die ausschließlich menschliche Fehler benennt und Gehorsam fordert, ohne Gottes rettendes Handeln durch Christus zu erklären, würde den Schwerpunkt von Römer 10 verfehlen. Paulus hat zuvor ausführlich gezeigt, dass der Mensch seine Rechtfertigung nicht selbst hervorbringen kann. Darum muss die Verkündigung nicht nur die Wirklichkeit der Sünde und die Bedeutung des göttlichen Willens erklären, sondern vor allem auf den Retter hinweisen, durch den Vergebung und neues Leben möglich werden. Erst von dieser Grundlage aus lässt sich auch der Gehorsam verstehen, der aus einem lebendigen Glauben erwächst.
Gerade für Menschen, die anderen die Bibel erklären, enthalten diese Verse deshalb eine ernsthafte Verantwortung. Die Aufgabe eines Verkündigers besteht nicht darin, möglichst starke Gefühle hervorzurufen oder seine Zuhörer durch rhetorischen Druck zu einer schnellen Entscheidung zu bewegen. Er soll Gottes Wort sorgfältig und verständlich weitergeben, damit Menschen erkennen können, wer Jesus Christus ist, was Gott durch ihn getan hat und weshalb sie ihm vertrauen dürfen. Das verlangt Treue zum biblischen Text, Geduld im Erklären und die Bereitschaft, schwierige Fragen ernst zu nehmen. Die Wirkung des Evangeliums kann nicht durch menschliche Methoden erzwungen werden. Doch gerade deshalb ist es wichtig, die Botschaft nicht durch ungenaue Erklärungen, persönliche Interessen oder unbegründete Behauptungen zu verdunkeln.
Die Verse 16–17 verbinden somit zwei Wahrheiten, die zusammengehalten werden müssen. Einerseits ist das Hören der göttlichen Botschaft von grundlegender Bedeutung, weil der Glaube einen bestimmten Inhalt und eine verlässliche Grundlage benötigt. Andererseits führt das Hören nicht automatisch zur Annahme dieser Botschaft. Menschen können die Wahrheit kennenlernen und ihr dennoch widerstehen. Paulus betrachtet den Glauben deshalb als eine wirkliche Antwort auf das verkündigte Evangelium, ohne ihn zu einer menschlichen Leistung zu machen, durch die Gottes Gnade verdient würde.
Damit entsteht eine weitere Frage, die Paulus im nächsten Vers ausdrücklich aufgreift. Wenn viele Israeliten dem Evangelium nicht geglaubt haben, könnte der Grund dafür sein, dass sie die Botschaft überhaupt nicht gehört hatten? War ihr Unglaube möglicherweise die Folge fehlender Verkündigung? Paulus wird diese Frage nun anhand der Heiligen Schrift untersuchen und dabei zwischen dem Hören der göttlichen Botschaft und ihrer tatsächlichen Annahme unterscheiden.
Römer 10,18
Hat Israel die Botschaft wirklich nicht gehört?
Nachdem Paulus erklärt hat, dass der Glaube aus dem Hören der göttlichen Botschaft entsteht, stellt er eine naheliegende Frage: Könnte der Unglaube vieler Israeliten damit zusammenhängen, dass sie das Evangelium überhaupt nicht gehört haben? Vielleicht fehlte ihnen die Gelegenheit, von Jesus Christus zu erfahren und die Bedeutung seines Todes und seiner Auferstehung zu verstehen. In Römer 10,18 greift Paulus diese Möglichkeit ausdrücklich auf. Seine Antwort fällt jedoch entschieden aus. Er verneint, dass das Ausbleiben der Verkündigung die grundsätzliche Erklärung für den Unglauben Israels sein könne, und begründet seine Aussage mit einem überraschenden Zitat aus Psalm 19.
Dabei ist zunächst wichtig, auf wen sich Paulus mit seiner Frage bezieht. Im unmittelbaren Zusammenhang spricht er über die Israeliten, deren religiösen Eifer er anerkennt, die aber zu einem großen Teil die Gerechtigkeit Gottes durch Christus nicht angenommen haben. Bereits in Römer 10,16 hatte er festgestellt, dass nicht alle dem Evangelium gehorchten. Nun untersucht er, ob dafür fehlende Kenntnis der Botschaft verantwortlich sein könnte. Es geht ihm also nicht darum, ob irgendwann irgendwo auf der Erde ein Mensch ohne Kenntnis des Evangeliums gelebt hat. Seine Frage richtet sich auf Israels Situation angesichts der inzwischen erfolgten Verkündigung von Jesus Christus. Hatte Gottes Volk überhaupt Gelegenheit erhalten, diese Botschaft kennenzulernen?
Paulus beantwortet diese Frage, indem er Psalm 19,5 zitiert. Dort ist davon die Rede, dass ein Schall über die ganze Erde ausgeht und Worte bis an die Enden des Erdkreises gelangen. Auf den ersten Blick scheint dieses Zitat die weltweite Verbreitung einer gesprochenen Botschaft zu beschreiben. Doch der ursprüngliche Zusammenhang des Psalms zeigt etwas anderes. David spricht dort zunächst nicht von menschlichen Predigern, sondern von der Schöpfung. Der Himmel erzählt die Herrlichkeit Gottes, und die Himmelsausdehnung verkündigt das Werk seiner Hände (Psalm 19,2). Tag und Nacht geben gewissermaßen Zeugnis von der Macht und Weisheit des Schöpfers. Die Natur wird dabei bildhaft als ein Zeuge beschrieben, dessen Botschaft die ganze Erde erreicht.
Das Besondere an dieser Darstellung ist, dass die Schöpfung keine menschliche Sprache benötigt, um auf Gott hinzuweisen. Der Psalm spricht in poetischer Weise von einem Zeugnis, das über die Grenzen einzelner Sprachen und Völker hinausreicht. Die Menschen müssen nicht zuerst eine bestimmte menschliche Sprache erlernen, um den Himmel sehen und seine Ordnung wahrnehmen zu können. Sonne, Mond und Sterne gehören zur gemeinsamen Erfahrungswelt der Menschheit. Gerade deshalb eignet sich dieses Bild, um die umfassende Reichweite einer Botschaft zu beschreiben. Gottes Schöpfung ist nicht nur an einem bestimmten Ort sichtbar, sondern begegnet Menschen in den unterschiedlichsten Teilen der Erde.
In diesem Zusammenhang verwendet der hebräische Text von Psalm 19,5 ein Wort, das gewöhnlich „Messschnur“ oder „Linie“ bedeutet. Seine genaue Bedeutung innerhalb der poetischen Aussage wird unterschiedlich erklärt. Die alte griechische Übersetzung des Alten Testaments verwendet dagegen ein Wort für „Schall“ oder „Klang“. Paulus folgt in Römer 10,18 dieser griechischen Fassung. Diese sprachliche Besonderheit ist deshalb interessant, weil sie zeigt, dass der Apostel eine bereits vorhandene Schriftübersetzung aufgreift, deren Formulierung besonders gut zu seinem Gedanken von einer weithin vernehmbaren Botschaft passt. Die entscheidende Aussage bleibt unabhängig von dieser Übersetzungsfrage bestehen: Das Zeugnis, von dem der Psalm spricht, besitzt eine außergewöhnlich umfassende Reichweite.
Warum verwendet Paulus nun ausgerechnet einen Psalm über die Schöpfung, um seine Frage nach der Evangeliumsverkündigung zu beantworten? Hier müssen die ursprüngliche Bedeutung und die spätere Anwendung sorgfältig unterschieden werden. David beschreibt in Psalm 19 zunächst, wie Gottes Werke seine Herrlichkeit bezeugen. Paulus spricht dagegen von der Botschaft über Jesus Christus, die Menschen durch Verkündiger erreicht. Er behauptet damit nicht, dass Sonne, Mond und Sterne den Tod und die Auferstehung Jesu ausdrücklich bekannt machen würden. Ebenso wenig bedeutet das Zitat, dass der Psalm ursprünglich eine genaue Vorhersage über die geografischen Missionsreisen der Apostel enthalten hätte. Paulus verwendet vielmehr die umfassende Sprache des Psalms, um die weitreichende Ausbreitung der Evangeliumsbotschaft zu veranschaulichen.
Wie genau diese Verwendung zu verstehen ist, wird unterschiedlich erklärt. Nach einer verbreiteten Auslegung überträgt Paulus das Bild der weltweiten Schöpfungsverkündigung sinngemäß auf die Verbreitung des Evangeliums. So wie das Zeugnis der Himmelskörper über die Erde hinausreicht, ist auch die Botschaft von Christus weithin bekannt gemacht worden. Eine andere Auslegung betont stärker den Zusammenhang zwischen Gottes Offenbarung in der Schöpfung und seiner besonderen Offenbarung durch sein Wort. Schon Psalm 19 verbindet beide Bereiche miteinander: Zuerst beschreibt er die Herrlichkeit Gottes in der Schöpfung, anschließend spricht er von der Vollkommenheit und Zuverlässigkeit des göttlichen Gesetzes (Psalm 19,8–12). Paulus könnte deshalb auch an den umfassenderen Gedanken anknüpfen, dass Gott sich offenbart und Menschen nicht ohne Zeugnis lässt. Beide Erklärungen nehmen ernst, dass Psalm 19 ursprünglich von der Schöpfung handelt. Für den unmittelbaren Gedankengang von Römer 10 spricht jedoch besonders viel dafür, dass Paulus die Sprache des Psalms auf die weite Verbreitung der Evangeliumsverkündigung anwendet.
Dabei stellt sich eine weitere wichtige Frage: War das Evangelium zur Zeit des Paulus tatsächlich schon buchstäblich jedem Menschen auf der Erde verkündigt worden? Eine solche Behauptung lässt sich aus der Apostelgeschichte und den Briefen des Neuen Testaments nicht ableiten. Paulus selbst wusste, dass es noch zahlreiche Gebiete gab, in denen Christus nicht bekannt gemacht worden war. In Römer 15,20–24 erklärt er ausdrücklich seinen Wunsch, das Evangelium dort zu verkündigen, wo Christus bisher noch nicht genannt worden war. Er erwähnt außerdem seine Absicht, nach Spanien zu reisen. Wenn also derselbe Apostel in Römer 10,18 von einer Botschaft spricht, deren Schall bis an die Enden des Erdkreises gelangt, kann er damit nicht meinen, dass sein missionarischer Auftrag bereits geografisch vollständig abgeschlossen wäre.
Auch an anderen Stellen verwendet Paulus weitreichende Formulierungen, um die Ausbreitung des Evangeliums zu beschreiben. In Römer 1,8 erklärt er, dass der Glaube der Christen in Rom in der ganzen Welt verkündigt werde. Das bedeutet offensichtlich nicht, dass jeder einzelne Mensch auf sämtlichen Kontinenten persönlich von der römischen Gemeinde gehört hatte. Gemeint ist die große Bekanntheit ihres Glaubens innerhalb des weiten Horizonts, den Paulus und seine Leser vor Augen hatten. Ähnlich schreibt er in Kolosser 1,6, dass das Evangelium in der ganzen Welt Frucht bringe und wachse. In Kolosser 1,23 verwendet er sogar eine besonders umfassende Sprache über die Verkündigung in der Schöpfung unter dem Himmel. Solche Aussagen beschreiben die außerordentliche Ausbreitung der christlichen Botschaft, ohne notwendig eine vollständige geografische Erfassung sämtlicher Menschen vorauszusetzen.
Für die Frage nach Israel war diese weite Verbreitung besonders bedeutsam. Die jüdische Bevölkerung lebte im ersten Jahrhundert keineswegs ausschließlich im Land Israel. Zahlreiche jüdische Gemeinschaften befanden sich in verschiedenen Städten und Regionen des Mittelmeerraums. Die Apostelgeschichte berichtet, dass Paulus auf seinen Missionsreisen wiederholt zunächst die Synagogen aufsuchte, um dort die Schriften zu erklären und Jesus als den Christus zu verkündigen. Dieses Vorgehen begegnet beispielsweise in Antiochia in Pisidien, Thessalonich und Korinth (Apostelgeschichte 13,14–16; 17,1–3; 18,4–5). Dadurch gelangte die Botschaft von Jesus nicht nur zu Menschen aus den nichtjüdischen Völkern, sondern ausdrücklich auch zu vielen Angehörigen Israels, die außerhalb Judäas lebten.
Schon am Pfingsttag in Jerusalem wird sichtbar, wie weit die jüdische Zerstreuung damals reichte. In Apostelgeschichte 2,5–11 beschreibt Lukas Menschen aus zahlreichen Regionen, die zum Fest nach Jerusalem gekommen waren und dort die Verkündigung der Apostel hörten. Sie stammten unter anderem aus Gebieten Mesopotamiens, Kleinasiens, Ägyptens und der Umgebung Roms. Diese Aufzählung macht verständlich, wie die Nachricht von Jesus Christus bereits früh Menschen aus unterschiedlichen Teilen der damaligen Welt erreichen konnte. Die Besucher konnten das Gehörte außerdem in ihre Heimatregionen mitnehmen. Daraus lässt sich zwar nicht beweisen, dass jeder dieser Menschen später selbst als Verkündiger tätig wurde. Dennoch zeigt der Bericht, wie eng die ersten Ereignisse der christlichen Mission mit dem weitverzweigten jüdischen Leben außerhalb des Landes Israel verbunden waren.
Hinzu kommt, dass Jesus selbst während seines irdischen Wirkens besonders unter den Menschen Israels gelehrt hatte. Seine Jünger waren Zeugen seines Lebens, seiner Worte, seines Todes und seiner Auferstehung geworden. Nach seiner Auferstehung begann die apostolische Verkündigung in Jerusalem und breitete sich von dort aus weiter aus (Apostelgeschichte 1,8). Damit war die Botschaft von Christus nicht eine ferne Lehre geblieben, von der Israel grundsätzlich keine Kenntnis erhalten konnte. Vielmehr hatte die Verkündigung gerade inmitten des jüdischen Volkes begonnen. Dass nicht alle diese Botschaft annahmen, konnte daher nicht einfach mit der Behauptung erklärt werden, Gott habe Israel überhaupt keine Gelegenheit gegeben, vom Messias zu erfahren.
Dennoch darf die Aussage des Paulus nicht überdehnt werden. Aus Römer 10,18 folgt nicht, dass jeder einzelne Israelit seiner Zeit eine persönliche und vollständig verständliche Darstellung des Evangeliums gehört hatte. Ebenso wenig lässt sich daraus schließen, dass alle Menschen, die Jesus noch nicht angenommen hatten, bereits bewusst und endgültig gegen eine von ihnen vollständig verstandene Wahrheit entschieden waren. Paulus beschreibt die geschichtliche Wirklichkeit der weitreichenden Verkündigung und beantwortet damit eine grundsätzliche Frage nach Israels Situation. Er erstellt keine Statistik darüber, wie viele Menschen in jeder Stadt oder jedem Dorf das Evangelium gehört hatten und wie umfassend ihr persönliches Verständnis gewesen war. Solche Einzelheiten stehen nicht im Text.
Diese Unterscheidung ist auch deshalb wichtig, weil das Neue Testament selbst verschiedene Gründe beschreibt, weshalb Menschen eine göttliche Botschaft nicht annehmen. Manche verstehen nicht, was ihnen gesagt wird. Andere begegnen ihr mit Vorurteilen oder fürchten gesellschaftliche Folgen. Wieder andere erkennen ihre Bedeutung, wollen jedoch nicht von bisherigen Überzeugungen und Lebensweisen ablassen. Jesus beschreibt im Gleichnis vom Sämann, dass dasselbe Wort auf unterschiedliche Weise aufgenommen wird (Matthäus 13,18–23). Paulus erklärt in Römer 10 nicht die persönlichen Beweggründe jedes einzelnen ungläubigen Israeliten. Er macht vielmehr deutlich, dass Israels gegenwärtige Lage nicht allein aus einem allgemeinen Fehlen der Evangeliumsverkündigung erklärt werden kann.
Damit gewinnt die Frage nach der Verantwortung des Hörers an Bedeutung. Wer Gottes Wort hört, ist eingeladen, es ernsthaft zu prüfen und auf die erkannte Wahrheit zu antworten. Schon Mose hatte Israel wiederholt dazu aufgerufen, auf Gottes Stimme zu hören und seine Weisungen nicht zu verachten (5. Mose 6,3–6). Auch die Propheten beklagten, dass Gottes Volk seine Worte zwar hören konnte, sich aber häufig weigerte, ihnen zu folgen. Paulus greift diese alttestamentliche Geschichte nun im Licht der Christusverkündigung auf. Gottes Offenbarung ist nicht allein dazu bestimmt, das Wissen des Menschen zu erweitern. Sie ruft ihn dazu auf, sein Vertrauen und sein Leben nach der erkannten Wahrheit auszurichten.
Dabei darf die Verantwortung des Menschen nicht von Gottes geduldigem Handeln getrennt werden. Gerade die Geschichte Israels zeigt, wie oft Gott durch seine Propheten gesprochen, gewarnt und zur Umkehr eingeladen hat. Sein Handeln erschöpft sich nicht in einer einmaligen Mitteilung, nach deren Ablehnung er grundsätzlich jede weitere Möglichkeit zur Rückkehr verweigern müsste. Paulus selbst ist dafür ein eindrückliches Beispiel. Bevor er Christus annahm, hatte er die Gemeinde verfolgt. Dennoch begegnete ihm der auferstandene Herr und führte ihn zu einer grundlegenden Veränderung seines Lebens (Apostelgeschichte 9,1–22). Seine persönliche Geschichte bewahrt deshalb davor, die Ablehnung der göttlichen Botschaft vorschnell mit einer unveränderlichen und endgültigen Entscheidung gleichzusetzen.
Eine weitere wichtige Verbindung besteht zu Römer 1,19–23. Dort hatte Paulus erklärt, dass Gottes Schöpfung seine Macht und Göttlichkeit bezeugt, Menschen aber dennoch dazu gelangen können, den Schöpfer nicht angemessen zu ehren. In Römer 10,18 greift er nun ausgerechnet einen Psalm auf, der ebenfalls von diesem universalen Zeugnis der Schöpfung spricht. Beide Stellen berühren die Frage, wie Menschen auf eine Offenbarung Gottes antworten. Dennoch besitzen sie unterschiedliche Schwerpunkte. Römer 1 beschreibt zunächst Gottes Offenbarung durch die geschaffene Welt und die Verfehlungen der Menschheit im Umgang mit dieser Erkenntnis. Römer 10 behandelt dagegen die konkrete Verkündigung der rettenden Botschaft von Jesus Christus. Die beiden Formen göttlicher Offenbarung dürfen deshalb nicht gleichgesetzt werden. Die Schöpfung weist auf den Schöpfer hin; das Evangelium verkündigt, was dieser Gott durch seinen Sohn zur Rettung der Sünder getan hat.
Gerade daraus ergibt sich auch eine wichtige Erkenntnis über Gottes missionarisches Handeln. Die weltweite Ausbreitung des Evangeliums ist nicht nur eine menschliche Unternehmung, sondern steht im Zusammenhang mit Gottes Absicht, seine Rettung über die Grenzen Israels hinaus bekannt zu machen. Bereits in Jesaja 49,6 wird dem Knecht des Herrn eine Aufgabe übertragen, die nicht bei der Wiederherstellung Israels stehen bleiben soll: Gottes Heil soll bis an die Enden der Erde reichen. Paulus greift diese Verheißung in Apostelgeschichte 13,46–47 gemeinsam mit Barnabas auf, als sie ihren Dienst unter den nichtjüdischen Völkern erklären. Der weite Horizont aus Psalm 19 erhält dadurch einen zusätzlichen biblischen Zusammenhang. Gottes Rettungsbotschaft soll nicht auf einen kleinen geografischen Raum beschränkt bleiben, sondern Menschen aus allen Völkern erreichen.
Trotz dieser umfassenden Perspektive darf die missionarische Aufgabe nicht als bereits beendet betrachtet werden. Gerade weil Paulus die Botschaft von Christus möglichst vielen Menschen bekannt machen wollte, suchte er weiterhin neue Wirkungsfelder. Die weite Verbreitung des Evangeliums in seiner eigenen Zeit war für ihn deshalb keine Begründung, die weitere Verkündigung einzustellen. Vielmehr zeigte sie, wie Gottes Botschaft bereits wirksam geworden war und wie viele Menschen noch erreicht werden sollten. Die Beschreibung ihrer Ausbreitung und der Auftrag zur weiteren Mission stehen nicht im Gegensatz zueinander.
Für den Leser entsteht daraus eine persönliche Frage, die über die geschichtliche Situation Israels hinausreicht. Es macht einen Unterschied, ob ein Mensch die Möglichkeit hat, Gottes Wort kennenzulernen, oder ob er diese Möglichkeit tatsächlich nutzt. Ebenso besteht ein Unterschied zwischen dem bloßen Bekanntsein biblischer Aussagen und der Bereitschaft, sich von ihnen korrigieren zu lassen. Wer die Heilige Schrift liest, sollte deshalb nicht ausschließlich nach Bestätigungen seiner bisherigen Ansichten suchen. Gottes Wort kann auch Vorstellungen infrage stellen, die ein Mensch lange für selbstverständlich gehalten hat. Gerade das Beispiel des Paulus zeigt, dass selbst große religiöse Überzeugung mit einer falschen Beurteilung von Christus verbunden sein kann. Erkenntnis wächst dort, wo ein Mensch bereit ist, sich der Wahrheit Gottes zu öffnen.
Römer 10,18 beantwortet somit die Frage, ob Israels Unglaube grundsätzlich durch fehlende Verkündigung erklärt werden könne. Paulus verneint dies und verwendet die umfassende Sprache von Psalm 19, um die weite Ausbreitung der Botschaft zu beschreiben. Dabei bleibt die ursprüngliche Aussage des Psalms über Gottes Schöpfung bestehen, während Paulus ihre Bildsprache auf den Zusammenhang der Evangeliumsverkündigung anwendet. Die Botschaft von Christus war bereits weithin bekannt gemacht worden und hatte insbesondere auch zahlreiche jüdische Gemeinschaften erreicht.
Damit ist jedoch noch nicht jede Frage nach Israels Reaktion beantwortet. Selbst wenn Menschen eine Botschaft gehört haben, könnten sie ihre Bedeutung missverstanden oder Gottes Absicht darin nicht erkannt haben. Deshalb geht Paulus im nächsten Vers einen Schritt weiter. Er fragt nun ausdrücklich, ob Israel nicht verstanden beziehungsweise erkannt habe. Seine Antwort wird erneut aus den Schriften des Alten Testaments kommen und zeigen, dass bereits Mose und die Propheten von Gottes Handeln an Menschen außerhalb Israels gesprochen hatten.
Römer 10,19–21
Gottes Offenbarung an die Völker und seine Geduld mit Israel
Mit den letzten drei Versen des zehnten Kapitels führt Paulus seine Untersuchung über Israels Reaktion auf das Evangelium zu einem eindringlichen Abschluss. Er hatte bereits erklärt, dass die Botschaft von Christus weithin verkündigt worden war. Nun stellt er eine weiterführende Frage: Hatte Israel möglicherweise nicht verstanden, dass Gott seine Rettung auch Menschen außerhalb seines Bundesvolkes zugänglich machen würde? Paulus antwortet darauf mit Aussagen aus den Schriften des Mose und des Propheten Jesaja. Beide zeigen, dass Gottes Handeln an den Völkern und Israels Widerstand gegen seine Offenbarung keine völlig unvorhersehbaren Entwicklungen sind. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass Paulus das Kapitel nicht mit einer Erklärung über Gottes endgültige Abkehr von Israel beendet, sondern mit dem Bild eines Gottes, der einem widerspenstigen Volk beharrlich seine Hände entgegenstreckt.
In Römer 10,19 fragt Paulus zunächst, ob Israel nicht gewusst beziehungsweise erkannt habe, was Gott vorhatte. Die griechische Formulierung lässt sich im Zusammenhang sowohl auf fehlendes Wissen als auch auf mangelndes Verstehen beziehen. Paulus untersucht damit eine andere Möglichkeit als im vorherigen Vers. Dort ging es darum, ob die Botschaft überhaupt gehört worden war. Jetzt steht die Frage im Vordergrund, ob Gottes Volk seine Absicht erkennen konnte, Menschen aus den übrigen Völkern in sein rettendes Handeln einzubeziehen. Paulus beantwortet diese Frage nicht mit einer persönlichen Vermutung, sondern verweist ausdrücklich auf Mose. Gerade in den Schriften, die für Israels Glauben von grundlegender Bedeutung waren, findet er eine Aussage, die den späteren Verlauf der Heilsgeschichte verständlicher macht.
Paulus zitiert dazu 5. Mose 32,21: „Ich will euch zur Eifersucht reizen durch das, was kein Volk ist, durch ein unverständiges Volk will ich euch erzürnen.“ Diese Worte stammen aus dem sogenannten Lied des Mose, das sich im letzten Teil des fünften Mosebuches befindet. Mose erinnert Israel darin an Gottes Treue, seine Fürsorge und die besondere Beziehung, die er zu seinem Volk aufgebaut hat. Gleichzeitig warnt er vor einer zukünftigen Entwicklung, in der Israel seinen Gott verlassen und sich fremden Göttern zuwenden würde. Das Lied beschreibt damit nicht nur Gottes Wohltaten, sondern auch die Gefahr, dass sein Volk auf seine empfangenen Segnungen mit Undankbarkeit und Untreue antwortet.
Der ursprüngliche Zusammenhang ist entscheidend, weil Paulus nur einen Teil eines längeren Gedankens zitiert. In 5. Mose 32,16–18 wird beschrieben, wie Israel Gott durch fremde Götter und Götzendienst zur Eifersucht reizt. Das Volk wendet sich von dem Gott ab, der es geschaffen, bewahrt und geführt hat. In Vers 21 folgt darauf eine auffällige Gegenüberstellung: Israel hat Gott durch Wesenheiten herausgefordert, die in Wahrheit keine Götter sind. Darauf kündigt Gott an, Israel seinerseits durch Menschen herauszufordern, die als „kein Volk“ beziehungsweise als „törichtes Volk“ bezeichnet werden. Das Wortspiel ist bewusst gestaltet. So wie Israel sein Vertrauen auf etwas richtet, das keine wirkliche Gottheit besitzt, wird es erleben, dass Gott Menschen außerhalb seiner bisherigen besonderen Bundesgemeinschaft gebraucht, um es zur Eifersucht zu reizen.
Dabei muss der Ausdruck „kein Volk“ sorgfältig verstanden werden. Er bedeutet nicht, dass Menschen anderer Herkunft weniger wert wären oder keine wirkliche menschliche Gemeinschaft bildeten. Die Formulierung steht im Zusammenhang mit Israels besonderer Stellung als Gottes Bundesvolk. Aus dieser Perspektive werden Menschen bezeichnet, die nicht zu Israel und seinen Bundesvorrechten gehören. Ebenso ist die Bezeichnung „unverständiges Volk“ kein zeitloses Urteil, wonach sämtliche nichtjüdischen Menschen grundsätzlich weniger intelligent wären. Das Bild gehört zur alttestamentlichen Gegenüberstellung von der Erkenntnis des wahren Gottes und einem Leben ohne diese Erkenntnis. Wer Gott noch nicht kennt, kann dennoch von ihm angesprochen und zu einer neuen Beziehung mit ihm gerufen werden.
Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass das Wort „Eifersucht“ in der Bibel unterschiedliche Zusammenhänge besitzt. Menschliche Eifersucht kann aus verletztem Stolz, Besitzdenken oder Neid entstehen. Wenn Gott im Alten Testament als ein eifernder Gott beschrieben wird, steht dagegen besonders seine Treue zur Bundesbeziehung und sein Anspruch auf ausschließliche Anbetung im Mittelpunkt (2. Mose 20,3–5). Israel sollte nicht gleichzeitig den Herrn und andere Götter verehren. Der göttliche Eifer richtet sich deshalb gegen die Untreue, durch die das Volk die Beziehung zu seinem Befreier verletzt. In 5. Mose 32,21 nimmt Gott die von Israel ausgelöste Eifersucht auf und kündigt eine entsprechende Antwort an.
Allerdings muss zwischen der ursprünglichen Warnung des Mose und ihrer Verwendung durch Paulus unterschieden werden. In 5. Mose 32 gehört die Ankündigung zunächst zu einer ernsten Gerichtsrede über Israels Untreue. Der folgende Abschnitt beschreibt drohendes Unheil und Gottes Gericht (5. Mose 32,22–25). Dort wird noch nicht ausdrücklich die spätere christliche Gemeinde aus Juden und Nichtjuden beschrieben. Paulus verwendet die Aussage jedoch im Licht der inzwischen erfolgten Verkündigung des Evangeliums. Er erkennt in dem angekündigten Handeln Gottes durch ein anderes Volk eine Verbindung dazu, dass nun zahlreiche Menschen aus den nichtjüdischen Völkern an Christus glauben und Anteil an Gottes Heil erhalten, während viele Israeliten diese Botschaft noch zurückweisen.
Gerade darin liegt die besondere Bedeutung des Zitats. Israel konnte sich nicht einfach darauf berufen, Gottes Handeln an anderen Völkern sei grundsätzlich unvereinbar mit seinen früheren Verheißungen. Bereits Mose hatte angekündigt, dass Gott Menschen außerhalb der bisherigen Bundesgemeinschaft in einer Weise gebrauchen könnte, die Israel herausfordern würde. Paulus sieht in der Aufnahme nichtjüdischer Glaubender deshalb nicht die Niederlage Gottes oder das Scheitern seiner Verheißungen. Vielmehr zeigt sich, dass Gottes Handeln größer ist als die Grenzen, die Menschen aufgrund ihrer bisherigen religiösen Zugehörigkeit erwarten.
Was aber soll diese Eifersucht bewirken? Ist sie ausschließlich als Ausdruck göttlichen Gerichts zu verstehen, oder kann sie auch dazu beitragen, Israel zur Umkehr zu führen? Der ursprüngliche Zusammenhang in 5. Mose 32 enthält eine deutliche Gerichtsdrohung. Paulus greift das Motiv jedoch später noch einmal auf und gibt dabei eine wichtige zusätzliche Erklärung. In Römer 11,11 fragt er, ob Israel etwa gestrauchelt sei, damit es endgültig fallen sollte. Seine Antwort lautet ausdrücklich: „Das sei ferne!“ Anschließend erklärt er, dass durch Israels Verfehlung das Heil zu den Heiden gekommen sei, um Israel zur Eifersucht zu reizen. Noch deutlicher beschreibt er in Römer 11,13–14 seine Hoffnung, durch seinen Dienst unter den nichtjüdischen Völkern einige seiner eigenen Volksgenossen zur Eifersucht zu reizen und dadurch zu retten.
Damit erhält das Motiv eine bemerkenswerte heilsgeschichtliche Tiefe. Die Annahme der nichtjüdischen Glaubenden stellt Israels bisherigen Vorrang nicht einfach als eine bedeutungslose Vergangenheit dar. Sie soll vielmehr auch Israel darauf aufmerksam machen, dass Gott seine rettenden Verheißungen durch Christus erfüllt. Wenn Menschen, die zuvor nicht zur besonderen Bundesgemeinschaft gehörten, nun Gottes Gnade erfahren und in einer lebendigen Beziehung zu ihm stehen, kann dies diejenigen zum Nachdenken bringen, die Christus bisher abgelehnt haben. Die Eifersucht muss deshalb nicht bei Neid oder Ablehnung stehen bleiben. Sie kann nach der ausdrücklichen Hoffnung des Paulus auch zum Anlass werden, die eigene Stellung zu überdenken und sich dem Evangelium zuzuwenden.
Diese Erklärung schützt zugleich vor einer gefährlichen Fehlinterpretation. Menschen aus den nichtjüdischen Völkern dürfen ihre Aufnahme in Gottes Heil nicht dazu benutzen, sich über Israel zu erheben. Paulus wird im elften Kapitel ausdrücklich davor warnen. Er vergleicht die Glaubenden aus den Völkern mit Zweigen, die in einen Ölbaum eingepfropft wurden, dessen Wurzel sie selbst nicht geschaffen haben (Römer 11,17–18). Die neuen Zweige dürfen sich nicht über die natürlichen Zweige rühmen. Sie verdanken ihre Stellung nicht einer angeborenen Überlegenheit, sondern Gottes Gnade. Deshalb ist Römer 10,19 keine Rechtfertigung religiöser Geringschätzung oder Feindschaft gegenüber Juden. Paulus spricht selbst als Israelit und hofft auf die Rettung seiner Volksgenossen. Seine Ausführungen sollen Gottes Barmherzigkeit verständlich machen, nicht menschlichen Hochmut fördern.
In Vers 20 führt Paulus einen zweiten Zeugen aus dem Alten Testament an. Nachdem er Mose zitiert hat, verweist er nun auf Jesaja. Dabei verwendet er eine auffällige Formulierung: Jesaja „wagt sogar“ zu sprechen. Paulus hebt damit hervor, wie deutlich und überraschend die prophetische Aussage ist. Er zitiert Jesaja 65,1: „Ich bin von denen gefunden worden, welche mich nicht suchten, bin denen offenbar geworden, die nicht nach mir fragten.“ Der Gedanke geht über die vorherige Ankündigung hinaus. Gott lässt nicht nur zu, dass Menschen außerhalb Israels eine Rolle in seinem Handeln spielen. Er wird von Menschen gefunden, die zuvor gar nicht nach ihm gesucht hatten, und offenbart sich denen, die nicht nach ihm fragten.
Diese Aussage zeigt besonders deutlich, dass der Ursprung der Rettung in Gottes Initiative liegt. Die Menschen, von denen Paulus spricht, hatten sich nicht durch besondere religiöse Leistungen einen Anspruch auf Gottes Offenbarung erworben. Sie gehörten zuvor nicht zu denen, die Gottes Verheißungen in derselben Weise wie Israel kannten. Dennoch lässt Gott sich ihnen erkennen. Damit tritt erneut der Gedanke hervor, der bereits die vorherigen Abschnitte des Kapitels geprägt hat: Gottes Gnade beginnt nicht erst dort zu wirken, wo der Mensch aus eigener Kraft einen Weg zu ihm gefunden hat. Vielmehr geht Gott selbst auf Menschen zu und eröffnet ihnen die Möglichkeit, ihn kennenzulernen.
Der ursprüngliche Zusammenhang von Jesaja 65 verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Das Kapitel folgt auf das eindringliche Gebet in Jesaja 63–64, in dem Gottes Volk seine Not beschreibt und um Gottes Eingreifen bittet. In Jesaja 65 antwortet Gott und stellt dabei seine Offenheit gegenüber den Menschen ihrer Widerspenstigkeit gegenüber. Der hebräische Wortlaut von Jesaja 65,1 besitzt einige sprachliche Besonderheiten, weshalb die genaue Zuordnung der angesprochenen Menschen unterschiedlich verstanden wird. Manche Auslegungen beziehen den Vers im ursprünglichen Zusammenhang vor allem auf Israel selbst, das Gottes Nähe nicht in angemessener Weise gesucht hatte. Andere betonen die Möglichkeit, dass hier bereits Menschen außerhalb Israels im Blick sind. Die unmittelbar folgende Beschreibung eines widerspenstigen Volkes gehört jedenfalls in den Zusammenhang von Israels Untreue und Gottes Auseinandersetzung mit seinem Volk.
Paulus verwendet die Worte des Propheten jedoch in einer erkennbaren Gegenüberstellung. In Römer 10,20 spricht er von Menschen, die Gott gefunden haben, obwohl sie ihn zuvor nicht suchten. Anschließend leitet er Vers 21 ausdrücklich mit den Worten ein: „In bezug auf Israel aber spricht er“. Dadurch wird deutlich, wie Paulus die beiden Jesajaaussagen für seine Argumentation verwendet. Vers 20 dient ihm als biblischer Beleg für Gottes Offenbarung an Menschen außerhalb der bisherigen besonderen Bundesgemeinschaft. Vers 21 beschreibt dagegen die Haltung Israels gegenüber Gottes Einladung. Diese paulinische Anwendung ist im Römerbrief klar erkennbar, auch wenn sie nicht jede Frage nach der ursprünglichen Adressierung von Jesaja 65,1 im hebräischen Zusammenhang abschließend entscheidet.
Gerade dieser Unterschied zwischen dem ursprünglichen Prophetenwort und seiner späteren Verwendung ist wichtig. Paulus liest Jesaja im Licht des inzwischen geschehenen Erlösungswerkes Christi und der weltweiten Evangeliumsverkündigung. Was der Prophet über Gottes überraschende Offenbarung und die Widerspenstigkeit seines Volkes gesagt hatte, hilft nun, die Aufnahme vieler Nichtjuden und den Unglauben vieler Israeliten zu erklären. Der Apostel ersetzt dabei nicht einfach die ganze ursprüngliche Aussage durch eine völlig andere Botschaft. Er greift vielmehr einen grundlegenden Gegensatz auf, der bereits im Prophetenbuch vorhanden ist: Gott ist bereit, sich erkennen zu lassen, während Menschen seiner Offenbarung widerstehen können.
Besonders bemerkenswert ist außerdem, dass Paulus den nichtjüdischen Glaubenden ihre frühere Gottesferne nicht als etwas vorhält, das ihre Aufnahme in Gottes Heil unmöglich machen würde. Dass sie Gott zuvor nicht suchten, ist gerade der Ausgangspunkt seiner Aussage über die göttliche Gnade. Ähnlich erklärt er in Epheser 2,11–13, dass Menschen aus den Völkern früher den Bündnissen der Verheißung fremd und ohne die entsprechende Hoffnung waren, nun aber durch Christus nahegebracht worden sind. Diese Veränderung beruht nicht darauf, dass sie rückwirkend eine israelitische Abstammung erhalten hätten. Sie erfahren vielmehr durch Christus Zugang zu den Verheißungen Gottes. Ihre neue Stellung ist deshalb ein Ausdruck seiner Barmherzigkeit.
Damit wird zugleich deutlich, dass niemand seine bisherige religiöse Unkenntnis als einen unveränderlichen Zustand betrachten muss. Menschen können in einer Umgebung aufwachsen, in der ihnen die biblische Botschaft unbekannt ist. Sie können Überzeugungen übernommen haben, die dem Evangelium widersprechen, oder sich lange Zeit überhaupt nicht mit Gott beschäftigt haben. Doch daraus folgt nicht, dass Gottes Gnade sie grundsätzlich nicht erreichen könnte. Paulus selbst war von der Vorstellung überzeugt, Gott durch die Verfolgung der Gemeinde zu dienen, bis Christus ihm begegnete und sein Leben veränderte. Gottes Offenbarung kann deshalb menschliche Erwartungen durchbrechen und Menschen auf einen Weg führen, den sie vorher nicht gesucht hätten. Gerade darin zeigt sich die Freiheit und Größe seiner rettenden Gnade.
In Vers 21 richtet Paulus den Blick schließlich wieder ausdrücklich auf Israel. Er zitiert Jesaja 65,2: „Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt nach einem ungehorsamen und widerspenstigen Volk!“ Diese Worte bilden den Abschluss des zehnten Kapitels und gehören zu seinen eindringlichsten Aussagen. Nachdem Paulus vom religiösen Eifer ohne rechte Erkenntnis, von der Gerechtigkeit durch den Glauben und von der Verkündigung des Evangeliums gesprochen hat, lässt er nun Gott selbst in einem bewegenden Bild erscheinen. Er beschreibt sich als denjenigen, der seine Hände ausstreckt, während die angesprochenen Menschen sich seinem Willen widersetzen.
Das Bild der ausgestreckten Hände vermittelt zunächst eine Haltung der Zuwendung. Wer einem anderen Menschen seine Hände entgegenstreckt, kann damit Bereitschaft zum Empfang, zur Hilfe oder zur Versöhnung ausdrücken. Im prophetischen Zusammenhang wird dieses Bild verwendet, um Gottes beharrliche Hinwendung zu seinem Volk sichtbar zu machen. Gott erscheint nicht als jemand, der jede Beziehung zu Israel von Anfang an verweigern würde. Er hat sich vielmehr wiederholt offenbart, durch seine Propheten gesprochen, seine Gebote gegeben und zur Umkehr gerufen. Dass sein Volk dennoch ungehorsam bleibt, macht die Aussage besonders tragisch. Die göttliche Bereitschaft zur Zuwendung trifft auf menschlichen Widerstand.
Auch die Formulierung „den ganzen Tag“ besitzt eine besondere Bedeutung. Sie ist nicht als Angabe eines bestimmten Zeitraums von vierundzwanzig Stunden zu verstehen. Im Zusammenhang handelt es sich um ein anschauliches Bild für die Dauer und Beharrlichkeit von Gottes Handeln. Seine Einladung ist nicht auf einen kurzen Augenblick beschränkt. Er hat seinem Volk immer wieder Gelegenheit gegeben, seine Stimme zu hören und zu ihm zurückzukehren. Diese Geduld begegnet bereits in der Geschichte Israels. In 2. Chronik 36,15–16 wird beispielsweise beschrieben, wie Gott wiederholt seine Boten sandte, weil er Erbarmen mit seinem Volk hatte. Dennoch verspotteten viele die Boten und verachteten seine Worte. Die prophetische Darstellung der ausgestreckten Hände steht in derselben Linie göttlicher Geduld gegenüber fortgesetztem Widerstand.
Eine ähnliche Vorstellung findet sich in Jeremia 7,23–26. Dort erinnert Gott daran, dass er seinem Volk geboten hatte, auf seine Stimme zu hören und auf seinen Wegen zu gehen. Doch die Menschen hörten nicht, sondern folgten ihren eigenen Vorstellungen. Auch die wiederholte Sendung der Propheten führte nicht automatisch zur Umkehr. Diese alttestamentlichen Aussagen helfen, Römer 10,21 zu verstehen. Israels Problem bestand nach Paulus nicht darin, dass Gott grundsätzlich geschwiegen oder sein Volk ohne Offenbarung gelassen hätte. Vielmehr hatte Gott gesprochen, und viele Menschen hatten sich seiner Botschaft widersetzt. Gerade deshalb verbindet Paulus das Hören des Evangeliums zuvor mit der Frage, ob die Hörer ihm tatsächlich gehorchen.
Das griechische Wort, das in Römer 10,21 mit „ungehorsam“ wiedergegeben wird, gehört zu einem Wortfeld, das auch die Weigerung bezeichnet, sich überzeugen zu lassen oder zu glauben. Der anschließende Ausdruck „widerspenstig“ beschreibt Menschen, die widersprechen oder sich einer Aufforderung widersetzen. Paulus zeichnet damit kein Bild bloßer Unwissenheit. Es geht um Menschen, die sich dem göttlichen Ruf entgegenstellen. Die beiden Begriffe ergänzen sich: Das Volk hört nicht auf Gottes Stimme und widerspricht seiner Offenbarung. Dennoch bleibt bemerkenswert, dass Paulus diese Haltung gerade mit dem Bild der ausgestreckten Hände Gottes verbindet. Menschlicher Widerstand und göttliche Geduld stehen unmittelbar nebeneinander.
Dabei darf die Aussage nicht als Verurteilung jedes einzelnen Israeliten zu jeder Zeit verstanden werden. Paulus selbst gehört zu Israel, und zahlreiche andere Juden hatten Jesus als Messias angenommen. Außerdem wird er in Römer 11,1–5 ausdrücklich erklären, dass Gott sein Volk nicht verworfen hat und dass es einen Überrest nach der Wahl der Gnade gibt. Die Aussage aus Jesaja beschreibt daher einen ernsten Zustand des Ungehorsams innerhalb der Geschichte Israels, ohne sämtliche Angehörigen des Volkes unterschiedslos unter ein endgültiges Verdammungsurteil zu stellen. Ebenso wenig rechtfertigt sie eine feindselige Haltung gegenüber jüdischen Menschen. Paulus spricht über den geistlichen Zustand seiner Volksgenossen gerade deshalb so eindringlich, weil er ihre Rettung ersehnt und für sie betet.
Die ausgestreckten Hände Gottes dürfen allerdings auch nicht so verstanden werden, als spiele menschlicher Ungehorsam letztlich keine Rolle. Schon der ursprüngliche Zusammenhang von Jesaja 65 zeigt, dass Gottes Geduld und sein gerechtes Gericht zusammengehören. In Jesaja 65,3–7 beschreibt der Prophet konkrete Formen des Götzendienstes und der Rebellion gegen Gott. Diese Verhaltensweisen bleiben nicht ohne Folgen. Gott kündigt an, dass er die Schuld nicht einfach übergehen wird. Seine Geduld bedeutet also nicht Gleichgültigkeit gegenüber dem Bösen. Er ruft die Menschen zur Umkehr und gibt ihnen Gelegenheit, seine Gnade anzunehmen. Zugleich nimmt er ihre Entscheidungen und ihre Verantwortung ernst.
Gerade an dieser Stelle ist es wichtig, Römer 10 nicht gegen Römer 9 oder Römer 11 auszuspielen. Im neunten Kapitel hatte Paulus nachdrücklich Gottes Freiheit und Souveränität betont, unter anderem auch mit Aussagen über göttliche Verhärtung. Im zehnten Kapitel beschreibt er nun Israels Unglauben und Ungehorsam und stellt ihm die beharrliche Einladung Gottes gegenüber. Beide Gedanken gehören zur Argumentation des Apostels. Gottes souveränes Handeln darf nicht so erklärt werden, dass die im Text ausdrücklich genannte Verantwortung Israels bedeutungslos wird. Umgekehrt darf die menschliche Verantwortung nicht dazu benutzt werden, die Aussagen über Gottes Gericht und Verhärtung einfach aus dem Römerbrief zu entfernen. Paulus hält diese unterschiedlichen Perspektiven zusammen und wird ihre heilsgeschichtliche Bedeutung im folgenden Kapitel weiter entfalten.
Besonders wichtig ist deshalb der Blick auf Römer 11,20–23. Dort erklärt Paulus, dass einige natürliche Zweige des Ölbaums wegen ihres Unglaubens ausgebrochen wurden. Gleichzeitig sagt er ausdrücklich, dass sie wieder eingepfropft werden können, wenn sie nicht im Unglauben bleiben. Damit wird deutlich, dass der gegenwärtige Widerstand gegen das Evangelium nicht ohne Weiteres mit einer endgültigen und unumkehrbaren Verwerfung gleichgesetzt werden darf. Gottes Gericht ist ernst, aber Paulus lässt auch die Möglichkeit erneuter Annahme und göttlichen Erbarmens erkennen. Die ausgestreckten Hände aus Römer 10,21 passen deshalb zu seiner anschließenden Hoffnung, dass Gott weiterhin an Israel handelt.
Eine besondere geistliche Bedeutung erhält dieses Bild schließlich dadurch, dass Gottes Haltung und das Verhalten des Menschen so deutlich voneinander unterschieden werden. Gottes Volk kann religiöse Vorrechte besitzen, die Heilige Schrift kennen und auf eine lange Geschichte göttlicher Führung zurückblicken. Dennoch bleibt entscheidend, wie es auf Gottes gegenwärtige Offenbarung antwortet. Frühere Erfahrungen mit Gott können den lebendigen Glauben nicht ersetzen. Ebenso wenig garantiert die Kenntnis seiner Gebote, dass ein Mensch bereit ist, sich seinem Willen tatsächlich unterzuordnen. Gerade deshalb ist die Warnung des Paulus nicht nur für seine damaligen Volksgenossen bedeutsam. Auch spätere Glaubende müssen sich fragen, ob sie Gottes Wort wirklich annehmen oder ob sie sich nur auf ihre religiöse Zugehörigkeit und ihre bisherigen Überzeugungen verlassen.
Dabei liegt die eigentliche Gefahr nicht darin, dass ein Mensch Fragen stellt oder schwierige biblische Aussagen sorgfältig prüfen möchte. Die Heilige Schrift ermutigt dazu, Gottes Wahrheit zu erforschen und Lehren zu prüfen (Apostelgeschichte 17,11; 1. Thessalonicher 5,21). Problematisch wird es dort, wo der Mensch von vornherein nicht bereit ist, seine Vorstellungen durch Gottes Wort korrigieren zu lassen. Israels Geschichte zeigt, wie religiöser Eifer und Widerstand gegen Gottes Offenbarung nebeneinander bestehen können. Diese Warnung trifft nicht eine bestimmte ethnische Herkunft, sondern beschreibt eine geistliche Gefahr, der jeder Mensch begegnen kann.
Gleichzeitig vermittelt das Bild der ausgestreckten Hände eine tiefe Hoffnung. Gott lässt sich von der Untreue seines Volkes nicht als unbeteiligter Beobachter darstellen. Er spricht, ruft, warnt und lädt ein. Seine Gnade ist nicht das Ergebnis menschlicher Würdigkeit, sondern Ausdruck seiner eigenen Barmherzigkeit. Das zeigt sich besonders daran, dass er sich nach Vers 20 auch Menschen offenbart, die ihn zuvor nicht gesucht hatten. Während die einen trotz ihrer religiösen Vorrechte widerstehen, erfahren andere überraschend seine rettende Zuwendung. Beide Entwicklungen machen deutlich, dass niemand sich vor Gott auf seine Herkunft oder seine bisherigen Leistungen berufen kann. Entscheidend bleibt die Beziehung zu dem Herrn, der seine Gnade schenkt und zur Antwort des Glaubens ruft.
Damit endet Römer 10 in einer bewusst offenen Spannung. Paulus hat gezeigt, dass Gottes Rettungsverheißung jedem Glaubenden gilt, dass die Botschaft von Christus verkündigt werden muss und dass Israels Unglaube nicht einfach durch das völlige Fehlen göttlicher Offenbarung erklärt werden kann. Mose hatte bereits angekündigt, dass Gott durch Menschen außerhalb der bisherigen Bundesgemeinschaft handeln würde. Jesaja hatte von Gottes Offenbarung an solche Menschen gesprochen, die ihn zuvor nicht suchten, und zugleich Israels Ungehorsam beschrieben. Doch das letzte Bild ist nicht das eines Gottes, der sein Volk endgültig aufgegeben hätte. Es ist das Bild ausgestreckter Hände.
Gerade deshalb darf das zehnte Kapitel nicht vom elften getrennt werden. Paulus wird unmittelbar anschließend fragen, ob Gott sein Volk etwa verstoßen habe, und diese Frage ausdrücklich verneinen (Römer 11,1–2). Er wird über den Überrest Israels, die Aufnahme der Völker, die Warnung vor geistlichem Hochmut und Gottes noch nicht ausgeschöpfte Barmherzigkeit sprechen. Die ausgestreckten Hände aus Römer 10,21 bilden dafür einen wichtigen Übergang. Sie zeigen einen Gott, dessen gerechtes Urteil über den Unglauben ernst bleibt, dessen rettende Zuwendung aber nicht durch die Grenzen menschlicher Erwartungen eingeschränkt werden darf.
Geistliche Kernbotschaft
Der Mensch findet seine Rettung nicht dadurch, dass er sich aus eigener Kraft eine Gerechtigkeit vor Gott erarbeitet, sondern indem er die Gerechtigkeit annimmt, die Gott durch Jesus Christus schenkt. Diese Wahrheit bildet das geistliche Fundament von Römer 10. Paulus macht deutlich, dass selbst großer religiöser Eifer nicht ausreicht, wenn er den Menschen daran hindert, Gottes rettendes Handeln anzuerkennen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viele religiöse Leistungen jemand vorweisen kann, sondern worauf er seine Hoffnung setzt. Wer auf seine eigene Gerechtigkeit vertraut, bleibt letztlich auf die unvollkommenen Möglichkeiten eines sündigen Menschen angewiesen. Wer dagegen Christus vertraut, gründet seine Hoffnung auf das, was Gott selbst vollbracht hat.
Darin wird eine wesentliche Eigenschaft Gottes sichtbar: Er verlangt vom Menschen nicht, durch unerreichbare Anstrengungen einen Weg zur Erlösung zu schaffen. Er selbst hat diesen Weg eröffnet. Christus ist gekommen, hat sein Leben für die Sünder gegeben und ist von den Toten auferweckt worden. Die Rettung beginnt somit nicht mit dem Versuch des Menschen, sich bis zu Gott emporzuarbeiten, sondern mit Gottes gnädiger Hinwendung zum Menschen. Gerade deshalb kann der Glaube zur Grundlage einer neuen Beziehung zu Gott werden. Er vertraut auf eine göttliche Verheißung, deren Erfüllung nicht von der eigenen Vollkommenheit abhängt.
Diese Gnade macht den Menschen jedoch nicht zu einem bloß unbeteiligten Empfänger religiöser Informationen. Paulus spricht von einem Glauben, der im Herzen verwurzelt ist und sich im Bekenntnis zu Jesus als Herrn ausdrückt. Wer Christus vertraut, erkennt damit zugleich an, dass sein Leben nicht länger ausschließlich seinen eigenen Vorstellungen unterstehen soll. Der Glaube nimmt Gottes Rettung an und öffnet den Menschen für die Herrschaft Jesu. Dabei ist der daraus erwachsende Gehorsam nicht der Preis, mit dem die Erlösung erworben wird, sondern eine Folge der neuen Beziehung zu Gott. Gottes Gnade befreit den Menschen nicht dazu, die Sünde gleichgültig hinzunehmen, sondern dazu, unter der Führung Christi ein verändertes Leben zu führen.
Besonders eindrucksvoll ist die Offenheit der göttlichen Einladung. Paulus erklärt, dass zwischen Juden und Nichtjuden hinsichtlich des Zugangs zur Rettung durch Christus kein Unterschied besteht. Beide sind auf dieselbe Barmherzigkeit angewiesen und dürfen denselben Herrn anrufen. Gott ist nicht der Retter einer bevorzugten gesellschaftlichen Schicht oder ausschließlich einer bestimmten Nation. Seine Gnade reicht über menschliche Herkunft, religiöse Vorgeschichte und soziale Grenzen hinaus. Diese Wahrheit nimmt jedem Menschen den Grund, sich wegen seiner Abstammung, seiner religiösen Bildung oder seiner bisherigen Stellung über andere zu erheben. Zugleich schenkt sie Hoffnung für Menschen, die sich bisher weit von Gott entfernt fühlten.
Die umfassende Einladung Gottes macht die menschliche Antwort allerdings nicht bedeutungslos. Römer 10 zeigt, dass Menschen die Wahrheit hören und dennoch zurückweisen können. Religiöse Vertrautheit mit Gottes Wort garantiert noch nicht, dass ein Mensch seiner Offenbarung tatsächlich vertraut. Gerade die Geschichte Israels verdeutlicht, wie eng empfangene Vorrechte und persönliche Verantwortung miteinander verbunden sind. Wer Gottes Wahrheit kennt, steht vor der Frage, ob er bereit ist, sich von ihr verändern zu lassen. Die Gefahr liegt nicht nur in offener Gleichgültigkeit gegenüber Gott. Sie kann ebenso dort entstehen, wo ein Mensch so sehr an seinen religiösen Überzeugungen festhält, dass er Gottes weiteres Handeln nicht mehr erkennen möchte.
Dennoch endet das Kapitel nicht mit dem Bild eines Gottes, der sich von widerspenstigen Menschen grundsätzlich abgewandt hätte. Die ausgestreckten Hände aus Jesaja 65,2 offenbaren seine beharrliche Zuwendung. Gott spricht, warnt und lädt zur Umkehr ein, obwohl Menschen seiner Stimme widerstehen. Seine Geduld macht die Sünde nicht harmlos, zeigt aber, dass sein rettendes Handeln von echter Barmherzigkeit getragen wird. Auch dort, wo Menschen zunächst nicht glauben, darf ihre Geschichte nicht vorschnell für abgeschlossen erklärt werden. Paulus selbst betet für die Rettung seiner Volksgenossen und wird im folgenden Kapitel ausdrücklich von Gottes weiterem Handeln an Israel sprechen.
Die geistliche Mitte von Römer 10 besteht somit in der Verbindung von Gottes unverdienter Gnade, seiner umfassenden Einladung und der wirklichen Glaubensantwort des Menschen. Gott hat durch Christus gehandelt und lässt seine Rettung verkündigen. Der Mensch ist eingeladen, die Wahrheit nicht nur zu hören, sondern ihr im Herzen zu vertrauen und sich zu Jesus als Herrn zu bekennen. Diese Beziehung beginnt nicht mit menschlichem Verdienst, sondern mit Gottes Liebe. Sie soll jedoch das gesamte Leben prägen. Wer die göttliche Gnade erkennt, erhält damit nicht nur eine Hoffnung für das kommende Gericht, sondern auch einen neuen Grund, Gott zu lieben, seinem Wort zu vertrauen und anderen Menschen mit Geduld und Barmherzigkeit zu begegnen.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Eine grundlegende Verbindung besteht zwischen Römer 10 und den Verheißungen des Alten Testaments über Gottes rettende Gerechtigkeit. Bereits in 1. Mose 15,6 wird von Abraham gesagt, dass er Gott glaubte und ihm dies zur Gerechtigkeit gerechnet wurde. Paulus hatte diese Aussage in Römer 4,1–8 ausführlich aufgegriffen, um zu zeigen, dass die Rechtfertigung aus Glauben nicht erst mit der christlichen Verkündigung als völlig fremder Gedanke entstanden ist. Auch Habakuk 2,4, den Paulus in Römer 1,17 zitiert, verbindet das Leben des Gerechten mit dem Glauben beziehungsweise seiner Treue. Diese Stellen zeigen, weshalb Paulus die Gerechtigkeit durch Christus nicht als willkürlichen Bruch mit Gottes früherem Handeln versteht. Das Evangelium offenbart auf entscheidende Weise, wie Gott seine bereits bezeugte Absicht verwirklicht, Menschen durch den Glauben in die rechte Beziehung zu ihm zu führen.
Eng damit verbunden sind Römer 3,21–31 und Römer 8,1–4. Im dritten Kapitel erklärt Paulus, dass Gottes Gerechtigkeit durch Jesus Christus offenbart wird und der Mensch durch die Gnade Gottes gerechtfertigt wird, nicht aufgrund eigener Gesetzeswerke. Im achten Kapitel zeigt er, dass Gott durch seinen Sohn getan hat, was das Gesetz wegen der menschlichen Sünde nicht bewirken konnte. Damit wird Römer 10,4 verständlicher. Die Aussage, dass Christus das Ziel beziehungsweise Ende des Gesetzes zur Gerechtigkeit ist, darf weder zur Behauptung einer Rettung durch eigene Gesetzeserfüllung noch zu einer pauschalen Aufhebung jedes göttlichen Gebotes verkürzt werden. Christus steht im Mittelpunkt von Gottes rettendem Handeln. Durch ihn erhalten die Glaubenden einen neuen Stand vor Gott und werden zu einem Leben unter der Führung des Heiligen Geistes berufen.
Eine weitere wichtige Verbindung führt zu 5. Mose 30,11–14 und Jeremia 31,31–34. Mose erklärt, dass Gottes Wort seinem Volk nahe ist und nicht erst aus unerreichbarer Ferne beschafft werden muss. Paulus nimmt diese Sprache auf und bezieht sie in Römer 10,6–8 auf die verkündigte Botschaft von Christus. Jeremia kündigt darüber hinaus einen neuen Bund an, in dem Gott seine Weisung in das Innere der Menschen legen und auf ihre Herzen schreiben wird. Beide alttestamentlichen Zusammenhänge zeigen, dass Gottes Offenbarung nicht bei äußerlicher Kenntnis stehen bleiben soll. Das göttliche Wort soll das Herz erreichen und das Leben bestimmen. Dabei handelt es sich nicht um identische Aussagen: Mose spricht ursprünglich von der Nähe des Gebotes, Jeremia von der verheißenen inneren Erneuerung, Paulus von der Nähe des Evangeliums. Zusammengelesen verdeutlichen sie jedoch, dass Gottes rettendes Handeln auf eine wirkliche Beziehung zwischen ihm und dem Menschen zielt.
Besonders bedeutsam ist die Verbindung zu Joel 3,1–5 und Apostelgeschichte 2,16–39. Joel kündigt die Ausgießung des Geistes und die Verheißung an, dass jeder gerettet werden soll, der den Namen des Herrn anruft. Petrus greift diese Worte am Pfingsttag ausdrücklich auf und verbindet sie mit dem Tod, der Auferstehung und der Erhöhung Jesu Christi. Paulus verwendet dieselbe Verheißung in Römer 10,13, um den umfassenden Zugang zur Rettung zu begründen. Dadurch zeigt sich eine deutliche Verbindung zwischen Gottes prophetischer Verheißung, dem Wirken des auferstandenen Christus und der Verkündigung des Evangeliums. Dass Christen den Namen Jesu anrufen, wird außerdem in 1. Korinther 1,2 ausdrücklich bezeugt. So erhält das Bekenntnis „Jesus ist Herr“ seinen Platz innerhalb der größeren biblischen Hoffnung auf Gottes rettendes Eingreifen.
Die Verbindung zu Jesaja 52,7–53,12 erschließt einen weiteren bedeutenden Zusammenhang. Jesaja 52,7 beschreibt den willkommenen Boten, der Frieden, Heil und Gottes Königsherrschaft verkündigt. In Jesaja 53,1 folgt die ernste Frage, wer dieser Botschaft geglaubt habe. Paulus verwendet beide Aussagen in Römer 10,15–16 unmittelbar nacheinander. Dadurch wird sichtbar, dass die Verkündigung einer guten Nachricht und ihre Ablehnung durch viele Hörer zusammengehören können. Das Evangelium ist Gottes rettende Botschaft, doch nicht jeder Mensch erkennt oder akzeptiert den Weg, auf dem Gott seine Rettung verwirklicht. Johannes 12,37–38 greift Jesaja 53,1 ebenfalls auf und bezieht die prophetische Frage auf den Unglauben vieler Menschen gegenüber Jesus. Während Paulus besonders den Zusammenhang von Verkündigung und Glaubensantwort hervorhebt, verbindet Johannes dieselbe Schriftstelle mit Jesu öffentlichem Wirken und den Reaktionen auf seine Zeichen.
Psalm 19,2–5 und Römer 1,19–20 verdeutlichen außerdem, dass Gott sich Menschen auf unterschiedliche Weise offenbart. Der Psalm beschreibt, wie die Schöpfung die Herrlichkeit Gottes bezeugt. Römer 1 erklärt, dass Gottes Macht und Göttlichkeit an seinen Werken wahrgenommen werden können. In Römer 10,18 verwendet Paulus die weitreichende Sprache von Psalm 19, um den Gedanken einer weithin vernehmbaren Botschaft aufzugreifen. Dabei muss zwischen der allgemeinen Offenbarung Gottes durch die Schöpfung und der besonderen Verkündigung Jesu Christi unterschieden werden. Die Schöpfung weist auf den Schöpfer hin; das Evangelium macht bekannt, was Gott durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes zur Rettung der Menschen getan hat. Beide Zusammenhänge bezeugen Gottes Offenbarung, erfüllen aber nicht dieselbe Aufgabe.
Schließlich bilden Römer 10,19–21 und Römer 11,1–32 eine untrennbare Einheit. Paulus verwendet zunächst 5. Mose 32,21 und Jesaja 65,1–2, um Gottes Handeln an den Völkern und Israels Widerstand zu erklären. Im folgenden Kapitel weist er jedoch ausdrücklich die Vorstellung zurück, Gott habe sein Volk insgesamt und endgültig verworfen. Er spricht von einem Überrest, warnt die nichtjüdischen Glaubenden vor Überheblichkeit und beschreibt die Möglichkeit, dass natürliche Zweige wieder in den Ölbaum eingepfropft werden. Diese Fortsetzung ist entscheidend, damit der Schluss von Römer 10 richtig verstanden wird. Gottes gerechtes Urteil über den Unglauben steht nicht im Gegensatz zu seiner Barmherzigkeit, und die Aufnahme der Völker berechtigt niemanden, Israel zu verachten. Vielmehr führt Paulus seine Leser zu der Erkenntnis, dass Gottes Heilsplan größer ist als menschliche Erwartungen und dass alle auf seine Gnade angewiesen bleiben.
Wichtige Lektionen
Eine erste wichtige Lektion besteht darin, die eigenen religiösen Überzeugungen immer wieder am Wort Gottes zu prüfen. Paulus zeigt, dass großer Eifer und aufrichtige Überzeugung nicht automatisch bedeuten, dass ein Mensch Gottes Wahrheit richtig versteht. Deshalb genügt es nicht, eine Lehre allein deswegen für richtig zu halten, weil sie seit vielen Jahren vertraut ist oder von angesehenen Menschen vertreten wird. Wer Gott ernsthaft kennenlernen möchte, sollte bereit sein, die Heilige Schrift sorgfältig zu untersuchen, schwierige Fragen zuzulassen und erkannte Irrtümer zu korrigieren. Eine solche Haltung ist kein Zeichen schwachen Glaubens. Sie drückt vielmehr die Bereitschaft aus, Gottes Offenbarung höher zu achten als die eigene Unfehlbarkeit.
Ebenso wichtig ist es, die eigene Hoffnung auf Christus statt auf persönliche Leistungen zu gründen. Gute Werke, Gebet, Bibelstudium und Gehorsam sind bedeutsame Bestandteile eines gläubigen Lebens. Sie dürfen jedoch nicht zur Grundlage der Vorstellung werden, der Mensch könne sich dadurch Gottes Vergebung verdienen. Wer seine Rettung von der Fehlerlosigkeit seiner eigenen Leistungen abhängig macht, wird entweder entmutigt oder gerät in die Gefahr geistlichen Stolzes. Das Evangelium lädt dagegen dazu ein, die eigene Schuld ehrlich anzuerkennen und Gottes Verheißung zu vertrauen. Aus der Gewissheit seiner Gnade kann dann der Wunsch erwachsen, seinen Willen aus Liebe zu tun. Gehorsam erhält so seinen angemessenen Platz als Frucht des Glaubens.
Römer 10 fordert außerdem dazu auf, den Glauben an Jesus nicht auf eine private Überzeugung zu beschränken, die für das übrige Leben bedeutungslos bleibt. Wer Christus als Herrn bekennt, erkennt seine Autorität an und soll bereit sein, sich auch in seinen Entscheidungen von ihm leiten zu lassen. Das betrifft beispielsweise den Umgang mit anderen Menschen, die Wahrhaftigkeit im eigenen Reden, die Bereitschaft zur Vergebung und das Verhalten in Situationen, in denen persönliche Vorteile mit Gottes Willen in Konflikt geraten. Ein glaubwürdiges Bekenntnis besteht nicht darin, möglichst häufig religiöse Formeln auszusprechen. Es zeigt sich vielmehr darin, dass der ausgesprochene Glaube und die tatsächliche Lebensführung zunehmend miteinander übereinstimmen.
Eine weitere Lektion betrifft den Umgang mit der Heiligen Schrift. Paulus erklärt, dass der Glaube aus der gehörten Botschaft erwächst. Deshalb ist es wichtig, Gottes Wort nicht nur gelegentlich und oberflächlich wahrzunehmen, sondern sich regelmäßig und aufmerksam mit seinem Inhalt zu beschäftigen. Dabei sollte der Leser stets nach dem Zusammenhang einer Aussage fragen: Wer spricht? An wen richtet sich der Text? Welche Situation wird beschrieben? Und wie fügt sich die Aussage in das gesamte biblische Zeugnis ein? Ein solcher Umgang mit der Schrift hilft, einzelne Verse nicht aus ihrem Zusammenhang zu lösen oder für Vorstellungen zu verwenden, die sie gar nicht begründen. Er fördert einen Glauben, der nicht nur von augenblicklichen Gefühlen getragen wird, sondern auf Gottes Offenbarung gegründet ist.
Das Kapitel macht zugleich deutlich, dass das Weitergeben des Evangeliums eine Verantwortung der Glaubenden ist. Wenn Menschen von Christus erfahren sollen, braucht es Menschen, die bereit sind, seine Botschaft verständlich und wahrheitsgetreu weiterzugeben. Dazu muss nicht jeder dieselbe Begabung oder dieselbe Aufgabe besitzen. Manche können anderen in persönlichen Gesprächen helfen, biblische Fragen zu verstehen. Andere können die Heilige Schrift unterrichten, Menschen ermutigen oder durch ihren Dienst Gelegenheiten schaffen, über den Glauben zu sprechen. Entscheidend ist, dass die eigene Person nicht in den Mittelpunkt gestellt wird. Die Botschaft soll auf Jesus Christus hinweisen und anderen helfen, Gottes rettende Gnade kennenzulernen.
Dabei gehört Geduld zu einer verantwortungsvollen Glaubensweitergabe. Paulus erklärt ausdrücklich, dass nicht alle Menschen dem Evangelium gehorchen. Deshalb darf niemand versuchen, Glauben durch Angst, persönlichen Druck oder gesellschaftliche Abhängigkeit zu erzwingen. Gottes Wahrheit soll klar verkündigt werden, aber die persönliche Antwort eines anderen Menschen kann nicht erzwungen werden. Wer das Evangelium weitergibt, sollte Fragen ernst nehmen, aufmerksam zuhören und zwischen bewusster Ablehnung und ehrlicher Unsicherheit unterscheiden. Auch Menschen, die zunächst widersprechen, dürfen nicht vorschnell als hoffnungslos betrachtet werden. Paulus selbst hatte Christus einst bekämpft, bevor er zu einem seiner entschiedensten Verkündiger wurde.
Eine besondere Lektion liegt im Umgang mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und religiöser Vorgeschichte. Weil Gott seine Rettung allen Glaubenden zugänglich macht, gibt es keinen Grund für ethnischen oder religiösen Hochmut. Niemand ist aufgrund seiner Herkunft ein wertvollerer Mensch vor Gott. Ebenso wenig darf die Ablehnung des Evangeliums durch einen Teil Israels als Rechtfertigung für Geringschätzung jüdischer Menschen verwendet werden. Paulus begegnet seinen Volksgenossen trotz seiner deutlichen theologischen Kritik mit tiefer Sorge und dem Wunsch nach ihrer Rettung. Diese Haltung zeigt, dass Überzeugung und Liebe zusammengehören müssen. Ein Christ kann von der Wahrheit des Evangeliums überzeugt sein und dennoch Menschen mit anderen Überzeugungen respektvoll, geduldig und ohne Feindseligkeit begegnen.
Auch das Gebet für andere Menschen erhält durch Römer 10 eine besondere Bedeutung. Paulus beginnt das Kapitel mit seinem Wunsch und Flehen für die Rettung Israels. Er begnügt sich nicht damit, den Unglauben anderer festzustellen oder ihre Fehler zu erklären. Er bringt ihre geistliche Situation vor Gott. Darin liegt ein Vorbild für den Umgang mit Angehörigen, Freunden und anderen Menschen, die den eigenen Glauben nicht teilen. Statt ausschließlich zu kritisieren oder sie unter Druck zu setzen, können Glaubende für sie beten, ihnen mit aufrichtiger Liebe begegnen und geduldig Zeugnis von ihrer Hoffnung geben. Dabei dürfen sie darauf vertrauen, dass Gottes Wirken nicht auf die Möglichkeiten menschlicher Überzeugungskraft beschränkt ist.
Schließlich enthält das Bild der ausgestreckten Hände Gottes eine ernste persönliche Einladung. Gottes Geduld sollte nicht als Grund verstanden werden, erkannte Wahrheit dauerhaft aufzuschieben. Wer merkt, dass Gottes Wort eine Veränderung seines Denkens oder Handelns verlangt, sollte diese Erkenntnis nicht aus Bequemlichkeit verdrängen. Die Erfahrung Israels zeigt, dass selbst wiederholte Offenbarungen Gottes wirkungslos bleiben können, wenn der Mensch sich ihnen beharrlich verschließt. Zugleich macht das Kapitel Mut, sich auch nach früherem Versagen erneut an Gott zu wenden. Sein rettendes Handeln entspringt seiner Barmherzigkeit, nicht der bisherigen Fehlerlosigkeit des Menschen.
Römer 10 lädt deshalb zu einem Glauben ein, der Gottes Gnade dankbar annimmt, sich auf Jesus Christus verlässt und bereit ist, seinem Wort zu folgen. Dieser Glaube bleibt nicht bei religiösem Wissen stehen. Er führt zu einem aufrichtigen Bekenntnis, zu einem Leben unter der Herrschaft Christi und zu einer liebevollen Verantwortung gegenüber anderen Menschen. Die Hoffnung des Glaubenden liegt dabei nicht in seiner eigenen Vollkommenheit, sondern in dem auferstandenen Herrn, dessen Rettungsverheißung jedem gilt, der ihn im Glauben anruft.