Offenbarung 9
Und der fünfte Engel posaunte: und ich sah einen Stern, gefallen vom Himmel auf die Erde; und ihm ward der Schlüssel zum Brunnen des Abgrunds gegeben.
21 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Und der fünfte Engel posaunte: und ich sah einen Stern, gefallen vom Himmel auf die Erde; und ihm ward der Schlüssel zum Brunnen des Abgrunds gegeben.
- 2 Und er tat den Brunnen des Abgrunds auf; und es ging auf ein Rauch aus dem Brunnen wie ein Rauch eines großen Ofens, und es ward verfinstert die Sonne und die Luft von dem Rauch des Brunnens.
- 3 Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde; und ihnen ward Macht gegeben, wie die Skorpione auf Erden Macht haben.
- 4 Und es ward ihnen gesagt, daß sie nicht beschädigten das Gras auf Erden noch ein Grünes noch einen Baum, sondern allein die Menschen, die nicht haben das Siegel Gottes an ihren Stirnen.
- 5 Und es ward ihnen gegeben, daß sie sie nicht töteten, sondern sie quälten fünf Monate lang; und ihre Qual war wie eine Qual vom Skorpion, wenn er einen Menschen schlägt.
- 6 Und in den Tagen werden die Menschen den Tod suchen, und nicht finden; werden begehren zu sterben, und der Tod wird vor ihnen fliehen.
- 7 Und die Heuschrecken sind gleich den Rossen, die zum Kriege bereitet sind; und auf ihrem Haupt wie Kronen, dem Golde gleich, und ihr Antlitz gleich der Menschen Antlitz;
- 8 und hatten Haare wie Weiberhaare, und ihre Zähne waren wie die der Löwen;
- 9 und hatten Panzer wie eiserne Panzer, und das Rasseln ihrer Flügel wie das Rasseln an den Wagen vieler Rosse, die in den Krieg laufen;
- 10 und hatten Schwänze gleich den Skorpionen, und es waren Stacheln an ihren Schwänzen; und ihre Macht war, zu beschädigen die Menschen fünf Monate lang.
- 11 Und hatten über sich einen König, den Engel des Abgrunds, des Name heißt auf hebräisch Abaddon, und auf griechisch hat er den Namen Apollyon.
- 12 Ein Wehe ist dahin; siehe, es kommen noch zwei Wehe nach dem.
- 13 Und der sechste Engel posaunte: und ich hörte eine Stimme aus den vier Ecken des goldenen Altars vor Gott,
- 14 die sprach zu dem sechsten Engel, der die Posaune hatte: Löse die vier Engel, die gebunden sind an dem großen Wasserstrom Euphrat.
- 15 Und es wurden die vier Engel los, die bereit waren auf die Stunde und auf den Tag und auf den Monat und auf das Jahr, daß sie töteten den dritten Teil der Menschen.
- 16 Und die Zahl des reisigen Volkes war vieltausendmal tausend; und ich hörte ihre Zahl.
- 17 Und also sah ich die Rosse im Gesicht und die daraufsaßen, daß sie hatten feurige und bläuliche und schwefelige Panzer; und die Häupter der Rosse waren wie die Häupter der Löwen, und aus ihrem Munde ging Feuer und Rauch und Schwefel.
- 18 Von diesen drei Plagen ward getötet der dritte Teil der Menschen, von dem Feuer und Rauch und Schwefel, der aus ihrem Munde ging.
- 19 Denn ihre Macht war in ihrem Munde; und ihre Schwänze waren den Schlangen gleich und hatten Häupter, und mit denselben taten sie Schaden.
- 20 Und die übrigen Leute, die nicht getötet wurden von diesen Plagen, taten nicht Buße für die Werke ihrer Hände, daß sie nicht anbeteten die Teufel und goldenen, silbernen, ehernen, steinernen und hölzernen Götzen, welche weder sehen noch hören noch wandeln können;
- 21 und taten auch nicht Buße für ihre Morde, Zauberei, Hurerei und Dieberei.
Kapitelüberblick
Ein Stern fällt vom Himmel und öffnet den Brunnen des Abgrunds. Dichter Rauch steigt auf, und aus ihm kommen ungewöhnliche Heuschreckengestalten hervor. Sie dürfen weder die Pflanzen vernichten noch Menschen töten, sondern nur diejenigen quälen, die Gottes Siegel nicht tragen. Ihre Macht bleibt auf fünf Monate begrenzt. Über ihnen herrscht ein Engel des Abgrunds, dessen Name Abaddon beziehungsweise Apollyon lautet.
Mit der sechsten Posaune werden vier am Euphrat gebundene Engel freigelassen. Ein gewaltiges Reiterheer erscheint, dessen Angriffe ein Drittel der Menschen töten. Feuer, Rauch und Schwefel bringen Tod und Verderben.
Den Abschluss bildet eine ernste Feststellung: Die Menschen, die diese Gerichte überleben, kehren nicht von ihren Sünden um. Sie halten an ihrem Götzendienst und ihrem Unrecht fest. Damit zeigt das Kapitel nicht nur die Macht zerstörerischer Kräfte, sondern auch, wie weit sich das menschliche Herz gegen Gottes Warnungen verschließen kann.
Einführung
Mit dem dreifachen Weheruf am Ende von Offenbarung 8 hat Johannes einen neuen Abschnitt der sieben Posaunen angekündigt. Die ersten vier Posaunen waren durch eine gemeinsame Ordnung verbunden: Ihre Gerichte trafen Land, Meer, Wasserquellen und Himmelslichter. Nun verändert sich die Darstellung. Die verbleibenden Posaunen werden ausdrücklich als drei Wehe bezeichnet. Das erste und zweite Wehe entfalten sich in Kapitel 9, während das dritte erst im weiteren Verlauf der Offenbarung eintritt.
Für das Verständnis dieser Visionen ist ihre alttestamentliche Bildsprache besonders wichtig. Der Prophet Joel hatte bereits eine Heuschreckenplage mit Bildern eines anrückenden Heeres verbunden. In Joel 2 werden die Tiere durch ihre Bewegungen, ihre geschlossene Ordnung und die Verwüstung, die sie hinterlassen, auf eine Weise beschrieben, die an Krieger erinnert. Zugleich greifen die prophetischen Schriften immer wieder auf die Erfahrungen Israels in Ägypten zurück, wo Plagen die Macht des Pharaos erschütterten und Gottes Herrschaft sichtbar machten.
Johannes verwendet solche bekannten Bilder, verbindet sie jedoch mit Erscheinungen, die über gewöhnliche Naturereignisse hinausgehen. Seine Schilderungen dürfen deshalb nicht vorschnell wie Berichte über bestimmte Tierarten oder militärische Waffen gelesen werden. Ebenso wenig lässt sich jedes Einzelbild ohne Weiteres einem bestimmten geschichtlichen Ereignis zuordnen. Die verwendeten Symbole müssen zuerst aus ihrem biblischen Zusammenhang verstanden werden.
Eine weitere Grundlage liefert die Versiegelung aus Offenbarung 7. Dort wurden Menschen als Gottes Eigentum gekennzeichnet, bevor die angekündigte Schädigung eintrat. Dieser Zusammenhang gewinnt nun besondere Bedeutung. Die Visionen zeigen nicht nur bedrohliche Mächte, sondern auch, dass deren Handlungsmöglichkeiten Grenzen gesetzt sind. Johannes führt den Leser damit in eine Auseinandersetzung hinein, in der Gottes Herrschaft selbst dann bestehen bleibt, wenn zerstörerische Kräfte vorübergehend Macht erhalten.
Offenbarung 9,1–2
Der gefallene Stern und der geöffnete Abgrund
Mit dem fünften Posaunenstoß beginnt das erste der drei angekündigten Wehe. Johannes sieht einen Stern, der vom Himmel auf die Erde gefallen ist. Diesem Stern wird der Schlüssel zum Brunnen des Abgrunds gegeben. Als er den Brunnen öffnet, steigt dichter Rauch empor, wie aus einem gewaltigen Ofen. Schließlich werden die Sonne und die Luft durch diesen Rauch verfinstert (Offenbarung 9,1–2). Die Vision führt den Leser damit in eine neue Umgebung. Während die ersten vier Posaunen verschiedene Bereiche der Schöpfung trafen, erscheint nun ein verschlossener Abgrund, aus dem etwas Bedrohliches hervorkommt. Die Frage ist nicht nur, was dieser Abgrund bedeutet, sondern auch, wer ihn öffnen darf und weshalb seine Öffnung überhaupt möglich wird.
Zunächst fällt die besondere Beschreibung des Sterns auf. Johannes sieht nicht einfach einen leuchtenden Himmelskörper, der die Erde trifft. Er beschreibt einen Stern, der bereits vom Himmel gefallen ist und dem anschließend ein Schlüssel übergeben wird. Das griechische Wort für den gefallenen Stern bringt diesen bereits eingetretenen Zustand zum Ausdruck. Noch wichtiger ist, dass der Stern eine Handlung ausführt. Er erhält einen Schlüssel und öffnet damit einen Zugang. Ein gewöhnlicher Himmelskörper könnte solche Aufgaben nicht übernehmen. Die Darstellung legt deshalb nahe, dass Johannes hier eine persönliche Gestalt unter dem Bild eines Sterns sieht.
Eine solche Verwendung ist innerhalb der Bibel nicht ungewöhnlich. In Offenbarung 1,20 erklärt Jesus, dass die sieben Sterne in seiner rechten Hand die Engel der sieben Gemeinden darstellen. Sterne können in prophetischen Visionen also himmlische Wesen oder persönliche Boten bezeichnen. Auch in Hiob 38,7 werden die Morgensterne und die Söhne Gottes in einer dichterischen Beschreibung der Schöpfung miteinander verbunden. Diese Stellen zeigen, dass Johannes mit einem Stern nicht zwingend einen Gegenstand am Nachthimmel meinen muss. Dennoch lässt sich daraus noch nicht ableiten, wer die Gestalt aus Offenbarung 9 genau ist. Die Bibel verwendet Sternbilder in unterschiedlichen Zusammenhängen, und ihre Bedeutung muss jeweils aus der betreffenden Vision erschlossen werden.
Besonders häufig wird der gefallene Stern mit Satan in Verbindung gebracht. Jesus berichtet in Lukas 10,18, dass er Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen sah. In Offenbarung 12,7–9 beschreibt Johannes einen Kampf im Himmel, bei dem der Drache, der ausdrücklich als Satan bezeichnet wird, mit seinen Engeln auf die Erde geworfen wird. Diese Stellen machen die Verbindung verständlich. Sowohl das Herabfallen vom Himmel als auch der Zusammenhang mit zerstörerischen Mächten können an Satan erinnern. Allerdings bestehen wichtige Unterschiede. In Offenbarung 9 wird der Stern nicht ausdrücklich Satan genannt. Auch wird er nicht als Drache beschrieben, und Johannes berichtet hier keinen Kampf im Himmel. Die Identifikation ist deshalb möglich, aber nicht durch den Wortlaut der beiden Verse bewiesen.
Ein weiterer Unterschied zur dritten Posaune verdient Beachtung. Dort fiel ein großer Stern vom Himmel, der wie eine Fackel brannte und die Wasserquellen bitter machte (Offenbarung 8,10–11). Bei der fünften Posaune steht dagegen ein bereits gefallener Stern im Mittelpunkt, der einen Schlüssel erhält. Beide Visionen verwenden dasselbe Grundbild eines gefallenen Sterns, verbinden es jedoch mit unterschiedlichen Handlungen. Deshalb dürfen die beiden Sterne nicht ohne Weiteres als dieselbe Gestalt verstanden werden. In der dritten Posaune lag der Schwerpunkt auf dem Verderben des Wassers. Hier geht es um die Öffnung eines verschlossenen Bereichs und um die Freisetzung dessen, was sich darin befindet.
Der Schlüssel besitzt dabei eine besondere Bedeutung. In der Bibel steht ein Schlüssel häufig für die Vollmacht, einen Zugang zu öffnen oder zu verschließen. In Offenbarung 3,7 beschreibt Jesus sich als denjenigen, der den Schlüssel Davids besitzt und dessen Entscheidung niemand aufheben kann. In Offenbarung 1,18 erklärt der auferstandene Christus, dass er die Schlüssel des Todes und des Totenreichs besitzt. In beiden Fällen geht es um Herrschaft und Verfügungsgewalt. Der Schlüssel zum Abgrund gehört zu derselben Bildwelt: Wer ihn besitzt, darf über den Zugang zu diesem Bereich verfügen. Entscheidend ist allerdings, dass Johannes ausdrücklich sagt, der Schlüssel sei dem gefallenen Stern gegeben worden. Die Gestalt verfügt somit nicht einfach aus eigener Macht über den Abgrund, sondern erhält die Vollmacht, ihn zu öffnen.
Diese Einzelheit ist für das Verständnis der gesamten fünften Posaune von großer Bedeutung. Selbst wenn der Stern eine widergöttliche Macht darstellt, handelt er nicht unabhängig von Gottes Herrschaft. Die Offenbarung beschreibt an vielen Stellen, dass zerstörerischen Mächten bestimmte Handlungsmöglichkeiten eingeräumt werden, ihre Macht aber begrenzt bleibt. Das bedeutet nicht, dass Gott selbst das Böse hervorbringt oder dessen Absichten gutheißt. Es zeigt vielmehr, dass auch das Wirken des Bösen nicht außerhalb seiner letztgültigen Herrschaft steht. Der Text nennt nicht ausdrücklich, wer dem Stern den Schlüssel übergibt. Innerhalb der himmlischen Gerichtsszene spricht die Formulierung jedoch stark für eine verliehene, nicht selbstständige Vollmacht.
Doch was ist mit dem Abgrund gemeint? Das griechische Wort abyssos bezeichnet eine unergründliche Tiefe. In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments kann es auch für die gewaltigen Wasser der Tiefe verwendet werden, wie sie zu Beginn der Schöpfungsgeschichte begegnen (1. Mose 1,2). Das Wort bedeutet also nicht an jeder Bibelstelle automatisch einen Aufenthaltsort böser Geister. Im Neuen Testament erhält es jedoch in bestimmten Zusammenhängen eine besondere Bedeutung. Als Jesus einen Besessenen von Dämonen befreit, bitten ihn diese, sie nicht in den Abgrund zu schicken (Lukas 8,31). Dort erscheint der Abgrund als ein Bereich, vor dem sich selbst die Dämonen fürchten. Diese Verbindung ist für Offenbarung 9 besonders wichtig, weil aus dem geöffneten Abgrund anschließend außergewöhnliche, zerstörerische Wesen hervorkommen.
Auch die Offenbarung selbst greift das Bild später wieder auf. In Offenbarung 11,7 und 17,8 wird ein Tier beschrieben, das aus dem Abgrund heraufsteigt. In Offenbarung 20,1–3 dagegen steigt ein Engel vom Himmel herab, der den Schlüssel des Abgrunds besitzt und Satan darin einschließt. Die gemeinsamen Bilder zeigen, dass der Abgrund mit der Begrenzung und dem Auftreten widergöttlicher Mächte verbunden ist. Gleichzeitig unterscheiden sich die Handlungen deutlich. In Kapitel 9 wird der Zugang geöffnet, sodass zerstörerische Wesen hervorkommen können. In Kapitel 20 wird Satan in den Abgrund geworfen und eingeschlossen. Die Gemeinsamkeit besteht in der Herrschaft über den Zugang; die jeweiligen Ereignisse dürfen deshalb nicht einfach gleichgesetzt werden.
Johannes spricht ausdrücklich vom Brunnen oder Schacht des Abgrunds. Gemeint ist damit die Öffnung, durch die der Zugang zu jener Tiefe hergestellt wird. Die Vorstellung eines Schachtes macht die Szene besonders anschaulich: Etwas, das bisher verschlossen war, wird geöffnet, und aus der Tiefe dringt eine bedrohliche Erscheinung hervor. Diese Sprache muss nicht bedeuten, dass Johannes einen gewöhnlichen unterirdischen Hohlraum beschreibt, dessen geografische Lage sich bestimmen ließe. Die Vision verwendet räumliche Bilder, um das Wirken und die Begrenzung von Mächten sichtbar zu machen, die dem menschlichen Blick normalerweise verborgen bleiben.
Als der Brunnen geöffnet wird, steigt Rauch auf, den Johannes mit dem Rauch eines großen Ofens vergleicht. Ein ähnliches Bild begegnet in 1. Mose 19,28. Nachdem Gott Sodom und Gomorra gerichtet hatte, sah Abraham Rauch aus dem Land aufsteigen, wie aus einem Schmelzofen. Dort begleitet das Bild die Verwüstung einer Stadt, deren Bosheit zuvor beschrieben worden war. Auch beim Erscheinen Gottes am Sinai stieg Rauch wie aus einem Ofen auf, weil der HERR im Feuer auf den Berg herabkam (2. Mose 19,18). Diese unterschiedlichen Zusammenhänge zeigen, dass Rauch und Feuer in der Bibel nicht ausschließlich für das Böse stehen. Sie können auch Gottes Gegenwart oder sein Gericht begleiten. Für Offenbarung 9 ist deshalb entscheidend, was aus der geöffneten Tiefe hervorkommt und welche Folgen der Rauch hat.
Die erste ausdrücklich genannte Folge ist die Verdunkelung der Sonne und der Luft. Bei der vierten Posaune waren bereits die Himmelslichter getroffen worden. Nun entsteht die Finsternis jedoch auf andere Weise. Johannes beschreibt nicht, dass die Sonne selbst geschlagen wird, sondern dass dichter Rauch aufsteigt und ihr Licht verdunkelt. Auch die Luft wird von ihm erfüllt. Die Ursache der Finsternis liegt somit innerhalb der Vision in dem, was aus dem geöffneten Abgrund hervordringt. Dieser Unterschied ist wichtig, weil er verhindert, dass die vierte und fünfte Posaune allein aufgrund des gemeinsamen Motivs der Dunkelheit miteinander vermischt werden.
Eine weitere Verbindung führt zu den Gerichten über Ägypten. In 2. Mose 10,14–15 bedeckten Heuschrecken das Land in so großer Zahl, dass die Oberfläche verdunkelt wurde. Auch der Prophet Joel verbindet eine Heuschreckenplage mit Dunkelheit und einem bedrohlichen Heer, das wie eine gewaltige Macht heranrückt (Joel 2,1–11). Johannes greift diese bekannte Bildwelt auf, verändert jedoch ihren Ablauf. In seiner Vision steigt zuerst der Rauch aus dem Abgrund auf. Erst danach werden die ungewöhnlichen Heuschrecken sichtbar. So entsteht ein Zusammenhang zwischen der geöffneten Tiefe, der Verdunkelung und den Wesen, die aus ihr hervorkommen.
Darüber hinaus besitzt Finsternis in der Bibel auch eine geistliche Bedeutung. Jesus bezeichnet sich selbst als das Licht der Welt und verspricht, dass diejenigen, die ihm nachfolgen, nicht in der Finsternis wandeln werden (Johannes 8,12). In Johannes 3,19–21 wird Finsternis mit der menschlichen Ablehnung des Lichtes verbunden. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Verdunkelung in Offenbarung 9 auch als ein Bild für geistliche Verwirrung und den Einfluss zerstörerischer Täuschung verstehen. Doch diese Anwendung muss von der unmittelbaren Aussage des Textes unterschieden werden. Johannes nennt den Rauch nicht ausdrücklich eine falsche Lehre und erklärt die Sonne nicht als ein Symbol für Christus. Eine geistliche Deutung ist deshalb möglich, darf aber nicht als bereits feststehende Erklärung jedes Einzelbildes behandelt werden.
Die ersten beiden Verse der fünften Posaune eröffnen somit eine Gerichtsszene, in der ein bisher verschlossener Bereich zugänglich wird. Das Besondere liegt nicht allein in der bedrohlichen Erscheinung des Rauches, sondern in der wiederholt erkennbaren Frage nach der Vollmacht. Der Stern erhält einen Schlüssel. Er öffnet einen Zugang, über den er zuvor nicht selbstständig verfügen konnte. Auch die anschließenden Ereignisse stehen unter Beschränkungen, die Johannes im weiteren Verlauf ausdrücklich beschreibt.
Damit bereitet die Vision eine entscheidende Unterscheidung vor: Zerstörerische Mächte können wirksam werden, ohne deshalb die uneingeschränkte Herrschaft über die Welt zu besitzen. Ihre Macht erscheint erschreckend, bleibt aber nicht grenzenlos. Der gefallene Stern öffnet den Abgrund, doch er ist nicht der endgültige Herr über das, was nun geschieht.
Aus dem aufsteigenden Rauch kommen im nächsten Abschnitt Heuschrecken hervor. Ihre Erscheinung erinnert an die Plagen Ägyptens und die prophetischen Bilder Joels. Doch Johannes beschreibt Wesen, deren Auftrag den natürlichen Eigenschaften gewöhnlicher Heuschrecken widerspricht. Gerade dieser Gegensatz wird zeigen, weshalb die fünfte Posaune nicht einfach als eine weitere Naturkatastrophe verstanden werden kann.
Offenbarung 9,3–6
Die Heuschrecken und die Menschen ohne Gottes Siegel
Aus dem dichten Rauch, der den geöffneten Abgrund erfüllt, kommen Heuschrecken hervor. Doch Johannes beschreibt keine gewöhnliche Naturkatastrophe. Die Wesen erhalten eine Macht, die mit der Wirkung von Skorpionen verglichen wird. Sie dürfen weder Gras noch andere grüne Pflanzen noch Bäume beschädigen. Stattdessen richtet sich ihr Angriff ausschließlich gegen Menschen, die Gottes Siegel nicht auf ihrer Stirn tragen. Auch diesen Menschen dürfen sie nicht das Leben nehmen, sondern sie nur fünf Monate lang quälen. Die Qual wird so schwer, dass die Betroffenen den Tod suchen, ihn aber nicht finden (Offenbarung 9,3–6).
Die Erscheinung der Heuschrecken knüpft zunächst an eine der großen Plagen Ägyptens an. In 2. Mose 10,12–15 ließ Gott gewaltige Heuschreckenschwärme über das Land kommen. Sie fraßen die Pflanzen und vernichteten, was nach der vorhergehenden Hagelplage übrig geblieben war. Die Heuschrecken wurden damit zu einem Gericht, das die Versorgung des Landes unmittelbar bedrohte. Selbst der mächtige Pharao konnte diese Plage nicht durch seine eigene Autorität beenden. Erst als Mose zum HERRN betete, wurden die Tiere fortgeführt. Für Israel blieb dieses Ereignis ein eindrückliches Zeugnis davon, dass Gott über die Natur herrscht und sich menschliche Macht seinem Willen nicht dauerhaft widersetzen kann.
Noch deutlicher wird die prophetische Bedeutung der Heuschrecken im Buch Joel. Der Prophet schildert eine Verwüstung, bei der ein Schwarm nach dem anderen die Pflanzen des Landes vernichtet. Anschließend verwendet er die Sprache eines anrückenden Heeres. Die Wesen bewegen sich wie Krieger, überwinden Hindernisse und dringen mit erschreckender Geschlossenheit vor (Joel 2,4–9). Dabei verbindet Joel die Heuschreckenbilder mit dem kommenden Tag des HERRN. Was zunächst wie die Beschreibung einer Naturplage erscheint, wird so zu einer umfassenden Warnung vor dem Gericht Gottes. Johannes greift diese Bildsprache auf, verändert jedoch eine entscheidende Eigenschaft.
In Offenbarung 9 erhalten die Heuschrecken ausdrücklich den Befehl, keine Pflanzen zu beschädigen. Gerade das unterscheidet sie von ihren natürlichen Vorbildern. Gewöhnliche Heuschrecken ernähren sich von Pflanzen und können durch ihre große Zahl ganze Landschaften verwüsten. Die Wesen aus dem Abgrund sollen dagegen das Gras, alles Grüne und sämtliche Bäume unangetastet lassen. Ihr Auftrag richtet sich unmittelbar gegen Menschen. Dieser Gegensatz zeigt, dass die Vision nicht einfach eine weitere gewöhnliche Heuschreckenplage beschreibt. Die vertraute Erscheinung der Tiere dient vielmehr dazu, die Bedrohlichkeit einer außergewöhnlichen Macht verständlich zu machen.
Bemerkenswert ist dabei auch die Verbindung zur ersten Posaune. Dort hatte Johannes gesehen, wie ein Teil der Erde und der Bäume verbrannte und alles grüne Gras von der Zerstörung erfasst wurde (Offenbarung 8,7). Nun werden ausgerechnet diese Pflanzen ausdrücklich von der Schädigung ausgenommen. Das zeigt, dass die einzelnen Visionen unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Zugleich mahnt dieser Vergleich zur Vorsicht, wenn man sämtliche Gerichtsereignisse als eine lückenlose Beschreibung weltweiter, dauerhaft unveränderter Naturzustände lesen möchte. Die Offenbarung verwendet wiederkehrende Bilder und führt ihre Bedeutung in neuen Zusammenhängen weiter. Aus der Erwähnung des Grases allein lässt sich deshalb weder ein genauer geografischer Schauplatz noch eine zwingende zeitliche Abfolge sämtlicher Einzelheiten berechnen.
Eine weitere Besonderheit betrifft die Macht, welche die Heuschrecken erhalten. Johannes vergleicht sie mit Skorpionen. Anders als Heuschrecken besitzen Skorpione einen Giftstachel, mit dem sie ihre Beute angreifen oder sich verteidigen können. Ein Skorpionstich kann heftige Schmerzen auslösen und in bestimmten Fällen sogar lebensgefährlich sein. Der Vergleich verdeutlicht deshalb eine Qual, die weit über den Schaden hinausgeht, den gewöhnliche Heuschrecken verursachen. Allerdings beschreibt Johannes nicht ausdrücklich, welche Krankheit, Verletzung oder andere Form des Leidens die betroffenen Menschen erleben. Entscheidend ist zunächst die Wirkung: Die Macht der Heuschrecken besteht darin, Menschen schwer zu quälen.
Auch Jesus verwendet Skorpione als Bild gefährlicher Mächte. In Lukas 10,19 spricht er zu seinen Jüngern von der Vollmacht, auf Schlangen und Skorpione zu treten und über die Macht des Feindes zu triumphieren. Der Zusammenhang seiner Worte betrifft die Rückkehr der Jünger von ihrem Dienst, bei dem ihnen auch böse Geister untertan waren. Dadurch erhält das Bild der Skorpione eine mögliche geistliche Bedeutung. Die Wesen aus Offenbarung 9 könnten demnach Mächte darstellen, deren zerstörerische Wirkung über eine gewöhnliche körperliche Bedrohung hinausgeht. Die Verbindung ist nachvollziehbar, beweist jedoch nicht, dass jede Einzelheit der Vision ausschließlich unsichtbare Dämonen beschreibt. Johannes verwendet ein Bild, das sowohl körperliche Schmerzen als auch eine tiefergehende Bedrängnis veranschaulichen kann.
Die wichtigste Einschränkung folgt jedoch im vierten Vers. Die Heuschrecken dürfen nur diejenigen Menschen angreifen, die Gottes Siegel nicht auf ihrer Stirn tragen. Damit führt Johannes einen Gedanken weiter, der bereits in Offenbarung 7 ausführlich vorbereitet wurde. Dort sah er einen Engel, der die Versiegelung der Knechte Gottes anordnete, bevor die angekündigte Schädigung eintreten sollte. Das Siegel macht deutlich, dass diese Menschen Gott gehören. In Offenbarung 9 erhält diese Zugehörigkeit nun eine konkrete Bedeutung: Die zerstörerischen Wesen dürfen die Versiegelten nicht zum Ziel ihres Angriffs machen.
Diese Aussage erinnert an die Geschichte des Auszugs aus Ägypten. Vor der zehnten Plage sollten die Israeliten das Blut des Passahlammes an die Türpfosten und den oberen Türbalken ihrer Häuser streichen. Gott versprach, die entsprechend gekennzeichneten Häuser beim Gericht zu verschonen (2. Mose 12,7.12–13). Das Blut besaß dabei keine unabhängige magische Kraft. Entscheidend war Gottes Verheißung, der die Menschen im Vertrauen gehorchten. In ähnlicher Weise liegt die Bedeutung des Siegels in Offenbarung 9 nicht in einer äußerlichen Schutzformel, sondern in Gottes Anerkennung derer, die zu ihm gehören. Die Verbindung zum Passah hilft, den Unterschied zwischen göttlicher Bewahrung und einem bloßen religiösen Zeichen zu verstehen.
Allerdings sollte die Schutzverheißung nicht zu einer allgemeinen Behauptung ausgeweitet werden, dass versiegelte Menschen niemals körperlich leiden oder sterben könnten. Die Offenbarung berichtet an anderen Stellen ausdrücklich von Gläubigen, die wegen ihres Zeugnisses getötet werden (Offenbarung 6,9–11; 12,11). Gottes Zugehörige sind also nicht grundsätzlich von jeder irdischen Bedrängnis ausgenommen. In Offenbarung 9 geht es um eine bestimmte, von Gott begrenzte Gerichtshandlung, deren Zielgruppe ausdrücklich festgelegt wird. Die Versiegelten sind von diesem Angriff ausgeschlossen. Daraus folgt nicht, dass ihnen in jeder anderen Situation Leid erspart bleiben muss.
Auch die Frage, was genau das Siegel Gottes bedeutet, muss im Gesamtzusammenhang der Offenbarung betrachtet werden. In Offenbarung 7 werden Gottes Knechte an ihrer Stirn versiegelt. Offenbarung 14,1 beschreibt später Menschen, die mit dem Lamm auf dem Berg Zion stehen und seinen Namen sowie den Namen seines Vaters an ihrer Stirn tragen. Die Stirn wird damit zu einem Ort, an dem die Zugehörigkeit und Treue eines Menschen sichtbar gemacht werden. Dem steht im weiteren Verlauf das Malzeichen des Tieres gegenüber. Die Offenbarung entwickelt so einen grundlegenden Gegensatz zwischen der Zugehörigkeit zu Gott und der Unterordnung unter eine widergöttliche Macht. Für Offenbarung 9 ist zunächst entscheidend, dass Gott diejenigen kennt, die ihm gehören, und dass diese Zugehörigkeit für das angekündigte Gericht Folgen hat.
Der fünfte Vers nennt anschließend zwei weitere Grenzen. Die Heuschrecken dürfen die Menschen nicht töten, und ihre Macht ist auf fünf Monate beschränkt. Beide Einschränkungen sind ausdrücklich formuliert. Das Töten wird ihnen untersagt, obwohl sie über eine schwerwiegende zerstörerische Kraft verfügen. Gleichzeitig endet ihre Handlungsmöglichkeit nach einer bestimmten Zeit. Johannes beschreibt damit keine grenzenlose Herrschaft des Abgrunds. Selbst die erschreckenden Wesen, die aus ihm hervorkommen, können nicht beliebig handeln. Sie erhalten eine genau begrenzte Vollmacht.
Die Zeitangabe von fünf Monaten hat zu unterschiedlichen Erklärungen geführt. Eine naheliegende Beobachtung betrifft den natürlichen Lebensrhythmus von Heuschrecken, deren Auftreten in bestimmten Gegenden auf die wärmeren Monate des Jahres konzentriert ist. Die genannte Dauer könnte deshalb an die typische Zeit einer Heuschreckenplage erinnern. Eine weitere mögliche Verbindung besteht zur Sintflut, bei der das Wasser nach 1. Mose 7,24 hundertfünfzig Tage lang über der Erde mächtig war. Beide Beobachtungen zeigen, dass fünf Monate innerhalb der biblischen und natürlichen Vorstellungswelt eine verständliche Zeitspanne darstellen. Johannes selbst erklärt jedoch nicht, weshalb gerade diese Dauer gewählt wurde.
In der klassischen historistischen Auslegung wird die Angabe häufig nach dem Jahr-Tag-Prinzip verstanden. Dabei werden fünf prophetische Monate mit jeweils dreißig Tagen gerechnet und anschließend in 150 Jahre umgewandelt. Diese Berechnung wurde insbesondere auf eine Phase der osmanischen Geschichte angewendet. Doch Offenbarung 9 sagt nicht ausdrücklich, dass die fünf Monate symbolisch für 150 Jahre stehen. Ebenso wenig nennt der Text den historischen Anfangspunkt einer solchen Berechnung. Deshalb kann diese Erklärung innerhalb einer bestimmten prophetischen Gesamtauslegung untersucht werden, sollte aber nicht als unmittelbare und zwingende Aussage des Verses dargestellt werden.
Gerade die wiederholten Einschränkungen verdienen mehr Aufmerksamkeit als die Suche nach einer bestimmten Jahreszahl. Die Heuschrecken erhalten ihre Macht nicht aus eigener unbegrenzter Autorität. Ihnen wird gesagt, welche Bereiche sie verschonen müssen, welche Menschen sie angreifen dürfen, welche Grenze ihre Gewalt besitzt und wie lange sie wirksam sein können. Die Vision lässt dadurch erkennen, dass die Mächte des Abgrunds zwar erschreckend sind, aber nicht selbst über den endgültigen Verlauf der Geschichte bestimmen. Dieser Gedanke erinnert an das Buch Hiob. Dort darf Satan Hiob zunächst seinen Besitz und später seine Gesundheit nehmen, doch Gott setzt ihm jeweils eine Grenze (Hiob 1,12; 2,6). Die beiden Berichte beschreiben unterschiedliche Ereignisse, verdeutlichen aber denselben Grundgedanken: Das Böse besitzt keine uneingeschränkte Herrschaft über Gottes Schöpfung.
Besonders erschütternd ist schließlich der sechste Vers. Johannes beschreibt Menschen, die den Tod suchen und ihn nicht finden. Ihre Qual ist so groß, dass sie das Ende ihres Lebens als möglichen Ausweg betrachten. Doch selbst dieser Ausweg bleibt ihnen verschlossen. Die Worte bringen eine äußerste Form menschlicher Verzweiflung zum Ausdruck. Dabei wird nicht erklärt, durch welchen konkreten Vorgang der Tod den Betroffenen entzogen bleibt. Die Vision sagt lediglich, dass ihr Wunsch zu sterben nicht erfüllt wird.
Eine wichtige alttestamentliche Verbindung findet sich in Hiob 3,20–22. Dort fragt Hiob in seinem schweren Leiden, weshalb einem Menschen Licht gegeben wird, dessen Seele verbittert ist und der sich nach dem Tod sehnt. Auch in Jeremia 8,3 wird angekündigt, dass die verbliebenen Menschen unter den dort beschriebenen Gerichtsumständen den Tod dem Leben vorziehen werden. Diese Stellen zeigen, dass die Bibel eine solche Todessehnsucht als Ausdruck tiefster Not kennt. Sie verherrlicht diesen Zustand nicht, sondern schildert das Ausmaß menschlichen Leidens. In Offenbarung 9 dient dieselbe eindringliche Sprache dazu, die Schwere des ersten Wehes zu verdeutlichen.
Dabei darf aus der Verzweiflung der Betroffenen nicht geschlossen werden, dass sie automatisch zur Umkehr gelangen. Schweres Leiden kann Menschen ihre Hilflosigkeit vor Augen führen, verändert aber nicht zwangsläufig ihre innere Haltung. Diese Frage wird am Ende von Offenbarung 9 ausdrücklich aufgegriffen. Dort berichtet Johannes, dass die Überlebenden der späteren Gerichte nicht von ihren Sünden umkehren. Das Kapitel zeigt somit einen ernsten Unterschied zwischen der Erfahrung von Leid und einer wirklichen Hinwendung zu Gott. Äußere Erschütterungen können einen Menschen zum Nachdenken bringen, aber sie ersetzen nicht die persönliche Entscheidung, Gottes Wort anzunehmen.
Die fünfte Posaune enthält deshalb eine Warnung, die über die furchterregende Erscheinung der Heuschrecken hinausreicht. Menschen können in eine Lage geraten, in der ihre gewohnten Sicherheiten versagen und ihre eigenen Möglichkeiten erschöpft erscheinen. Gleichzeitig zeigt die Vision, dass zerstörerische Mächte nicht unabhängig von Gott handeln können. Gerade in dieser Spannung liegt ihre besondere Aussagekraft. Das Gericht ist schwer, aber begrenzt. Die betroffenen Menschen leiden, aber die Macht der Heuschrecken reicht nicht bis zu ihrer Tötung. Und diejenigen, die Gottes Siegel tragen, sind von diesem besonderen Angriff ausgenommen.
Noch bleibt offen, welche Gestalt diese außergewöhnlichen Heuschrecken genau besitzen. Johannes beschreibt ihre Erscheinung erst in den folgenden Versen ausführlicher. Dann verbindet er Merkmale von Kriegspferden, Menschen, Löwen und Skorpionen zu einem Bild, das sowohl an militärische Gewalt als auch an eine unheimliche zerstörerische Macht erinnert. Diese Einzelheiten werden helfen, die Besonderheit des ersten Wehes noch genauer zu verstehen.
Offenbarung 9,7–10
Das erschreckende Erscheinungsbild der Heuschrecken
Nachdem Johannes den ungewöhnlichen Auftrag der Heuschrecken beschrieben hat, richtet er seine Aufmerksamkeit auf ihr Aussehen. Die Wesen gleichen Pferden, die für den Krieg gerüstet sind. Auf ihren Köpfen tragen sie etwas, das wie goldene Kronen aussieht. Ihre Gesichter erinnern an Menschengesichter, ihre Haare an Frauenhaare und ihre Zähne an die Zähne von Löwen. Sie besitzen Brustpanzer wie aus Eisen, während ihre Flügel ein Geräusch verursachen, das dem Lärm vieler Streitwagen gleicht, die in die Schlacht ziehen. Schließlich beschreibt Johannes ihre Schwänze, die wie Skorpionschwänze mit Stacheln versehen sind. Durch sie können die Wesen den Menschen fünf Monate lang Schaden zufügen (Offenbarung 9,7–10). Die einzelnen Merkmale ergeben zusammen ein Bild, das mit keinem gewöhnlichen Tier vollständig übereinstimmt.
Besonders auffällig ist zunächst der Vergleich mit kampfbereiten Pferden. In der Antike waren Pferde ein entscheidender Bestandteil militärischer Macht. Reiter konnten große Entfernungen überwinden, schnell angreifen und gegnerische Truppen in Bedrängnis bringen. Wenn Johannes die Heuschrecken mit Pferden vergleicht, die für den Krieg vorbereitet sind, beschreibt er deshalb nicht nur ihre äußere Gestalt. Die Wesen erscheinen wie eine Streitmacht, die für einen Angriff bereitsteht. Das Bild vermittelt Bewegung, Entschlossenheit und eine Bedrohung, der sich Menschen nur schwer entziehen können.
Hier begegnet eine besonders deutliche Verbindung zum Propheten Joel. In Joel 2,4–5 wird das herannahende Heer ebenfalls mit Pferden verglichen. Seine Bewegung erinnert an Reiter, und sein Geräusch gleicht dem Lärm von Streitwagen, die über die Berge springen. Johannes übernimmt damit zwei auffällige Merkmale derselben alttestamentlichen Darstellung: das Aussehen von Kriegspferden und den Klang einer großen Streitmacht. Diese gemeinsame Bildsprache ist kaum zufällig. Sie zeigt, dass die Heuschrecken der fünften Posaune vor dem Hintergrund prophetischer Heeres- und Gerichtsbilder verstanden werden müssen. Zugleich verändert Johannes die Darstellung, indem er weitere Eigenschaften hinzufügt, die bei Joel in dieser Verbindung nicht vorkommen.
Als Nächstes erwähnt Johannes die kronenähnlichen Gebilde auf den Köpfen der Heuschrecken. Sie sehen aus wie Kronen und gleichen Gold. Im griechischen Text wird dabei zweimal eine Ähnlichkeit beschrieben. Johannes bezeichnet die Gegenstände nicht eindeutig als wirkliche Goldkronen, sondern schildert ihren sichtbaren Eindruck. Das ist wichtig, weil prophetische Bilder gerade durch solche Vergleiche eine Erscheinung beschreiben können, die dem Seher vertraut vorkommt, ohne mit dem genannten Gegenstand vollständig identisch zu sein.
Das griechische Wort für Krone lautet hier stephanos. Es bezeichnet häufig einen Siegeskranz oder ein Zeichen empfangener Ehre. In Offenbarung 2,10 verheißt Jesus dem treuen Gläubigen die Krone des Lebens. Auch die vierundzwanzig Ältesten vor Gottes Thron tragen goldene Kronen, die sie bei der Anbetung Gottes niederlegen (Offenbarung 4,4.10). Bei den Heuschrecken erscheint nun ein ähnliches Bild in einem völlig anderen Zusammenhang. Die Wesen kommen aus dem Abgrund und bringen Qual über Menschen. Ihre kronenähnlichen Zeichen können daher den Eindruck von Macht, Erfolg oder Überlegenheit vermitteln, ohne dass damit eine von Gott anerkannte Würde verbunden sein muss. Allerdings bedeutet das griechische Wort für „wie“ nicht von sich aus „gefälscht“. Die Bewertung ergibt sich aus dem Zusammenhang der Vision, nicht aus einer besonderen verborgenen Bedeutung dieses einzelnen Wortes.
Daraufhin beschreibt Johannes die Gesichter der Heuschrecken als menschenähnlich. Dieses Merkmal unterscheidet die Wesen erneut von gewöhnlichen Insekten. Menschliche Gesichtszüge können innerhalb einer prophetischen Darstellung den Eindruck bewussten und zielgerichteten Handelns verstärken. Die Heuschrecken wirken nicht wie Tiere, die allein ihrem natürlichen Instinkt folgen. Sie erscheinen vielmehr als eine Macht, die nach einem bestimmten Auftrag handelt. Ihre menschenähnlichen Gesichter könnten deshalb darauf hinweisen, dass hinter ihrem Wirken mehr steht als eine ungerichtete Naturgewalt. Dennoch erklärt Johannes nicht ausdrücklich, dass diese Gesichter menschliche Vernunft oder eine bestimmte Gruppe von Menschen symbolisieren. Der Vergleich macht die Erscheinung anschaulich, ohne ihre Identität bereits vollständig aufzudecken.
Besonders ungewöhnlich sind die Haare, die Johannes mit Frauenhaaren vergleicht. Gemeint ist naheliegend der Eindruck längerer Haare, die an das damalige Erscheinungsbild von Frauen erinnern. Innerhalb der Vision entsteht dadurch ein weiterer auffälliger Gegensatz: Wesen, die wie kampfbereite Pferde auftreten, besitzen zugleich ein Merkmal, das Johannes mit weiblichem Haar vergleicht. Die Darstellung verbindet Eigenschaften, die normalerweise nicht zusammengehören. Das verstärkt ihren fremdartigen Charakter.
In der Auslegungsgeschichte wurden diese Haare häufig als Hinweis auf bestimmte Völker verstanden, deren Männer lange Haare trugen. Auch die klassische Deutung der fünften Posaune auf arabische beziehungsweise sarazenische Heere greift dieses Merkmal auf. Solche geschichtlichen Vergleiche können untersucht werden, doch der Vers selbst nennt weder Araber noch einen bestimmten Volksstamm. Lange Haare waren zudem kein ausschließliches Kennzeichen eines einzigen Volkes. Deshalb wäre es nicht ausreichend, allein aus dieser Beschreibung eine sichere historische Identifikation abzuleiten. Das Bild muss gemeinsam mit allen übrigen Merkmalen und dem Gesamtzusammenhang der Posaune beurteilt werden.
Noch bedrohlicher wirkt die Aussage, dass die Heuschrecken Zähne wie Löwen besitzen. Der Löwe gehört in der biblischen Bildsprache zu den Tieren, die große Kraft und gefährliche Angriffsmöglichkeiten verkörpern. Bereits Joel 1,6 beschreibt die zerstörerischen Heuschrecken mit Löwenzähnen und dem Gebiss einer Löwin. Diese Übereinstimmung ist besonders bedeutsam. Johannes greift nicht irgendeine zufällige Eigenschaft auf, sondern verwendet erneut ein bereits bekanntes prophetisches Bild. Bei Joel dient es dazu, die verheerende Wirkung der Plage zu verdeutlichen. In Offenbarung 9 unterstreicht es die Gefährlichkeit der ungewöhnlichen Wesen. Ihre Erscheinung verbindet die Beweglichkeit einer Reiterstreitmacht mit der Angriffskraft eines Raubtiers.
Anschließend sieht Johannes Brustpanzer, die wie eiserne Panzer aussehen. Ein Brustpanzer gehörte zur Schutzausrüstung eines Kriegers und sollte lebenswichtige Körperteile gegen Angriffe bewahren. Eisen war im Altertum ein wichtiges Material für Waffen und militärische Ausrüstung. Wenn die Heuschrecken Brustpanzer wie aus Eisen tragen, entsteht deshalb der Eindruck großer Widerstandsfähigkeit. Die Wesen erscheinen nicht nur zum Angriff vorbereitet, sondern auch schwer angreifbar. Zusammen mit den Pferde- und Löwenbildern ergibt sich eine Streitmacht, die sowohl durch ihre Angriffskraft als auch durch ihre geschützte Erscheinung Schrecken verbreitet.
Dabei sollte die Formulierung nicht so verstanden werden, als müsse Johannes tatsächlich metallene Insekten mit einer bestimmten historischen Rüstungsform gesehen haben. Auch hier verwendet er ausdrücklich einen Vergleich. Die Panzer sind wie eiserne Panzer. Die Vision beschreibt den Eindruck einer ungewöhnlich widerstandsfähigen Macht, ohne das verwendete Material oder eine konkrete militärische Ausrüstung eindeutig festzulegen. Eine spätere Zuordnung zu bestimmten Rüstungen kann deshalb höchstens eine historische Anwendung darstellen, nicht aber die unmittelbare Erklärung des biblischen Wortlautes.
Mit dem Geräusch ihrer Flügel erreicht die Beschreibung einen weiteren Höhepunkt. Johannes vergleicht es mit dem Lärm vieler Streitwagen und Pferde, die in die Schlacht ziehen. Eine große Streitmacht war in der Antike nicht nur durch ihre sichtbare Erscheinung furchterregend. Auch das Stampfen der Pferde, die Bewegung der Wagen und das Geräusch der Waffen konnten schon aus der Entfernung Angst auslösen. Johannes verwendet diesen Eindruck, um die Gewaltigkeit der herannahenden Heuschrecken zu verdeutlichen. Ihr Auftreten lässt sich nicht übersehen und ebenso wenig überhören.
Die Verbindung zu Joel 2,5 tritt hier erneut deutlich hervor. Dort wird das Geräusch des anrückenden Heeres ebenfalls mit Streitwagen verglichen. Die wiederkehrende Verbindung von Heuschrecken, Pferden und Wagenlärm zeigt, wie eng Johannes an die alttestamentliche Prophetensprache anknüpft. Bei Joel ruft die Beschreibung zur Umkehr auf, weil der Tag des HERRN naht. In Offenbarung 9 steht ebenfalls ein göttliches Gericht im Mittelpunkt. Die bedrohlichen Wesen erinnern an eine Streitmacht, doch die Frage nach ihrer genauen Natur bleibt zunächst offen. Die Ähnlichkeit zu einem Heer ist ausdrücklich. Dass jedes einzelne Merkmal deshalb eine bestimmte Waffe oder militärische Einheit bezeichnen müsse, folgt daraus nicht.
Der zehnte Vers lenkt den Blick schließlich auf die Schwänze der Heuschrecken. Sie gleichen Skorpionschwänzen und besitzen Stacheln, mit denen die Wesen den Menschen schaden können. Damit kehrt Johannes zu der besonderen Macht zurück, die bereits zu Beginn der Beschreibung genannt wurde. Das entscheidende Mittel ihrer Qual liegt nicht ausdrücklich in den Löwenzähnen oder in den eisernen Brustpanzern, sondern in den skorpionähnlichen Schwänzen. Gerade diese ungewöhnliche Verbindung unterscheidet die Wesen von einer gewöhnlichen menschlichen Streitmacht. Sie sehen aus wie kampfbereite Pferde, besitzen menschenähnliche Gesichter und gefährliche Löwenzähne, doch ihre ausdrücklich genannte Fähigkeit, Menschen zu quälen, wird mit dem Stachel eines Skorpions verbunden.
Diese Beobachtung ist wichtig, weil sie die gesamte Beschreibung zusammenhält. Die Heuschrecken besitzen zahlreiche Merkmale, die an militärische Gewalt erinnern. Dennoch besteht ihr eigentlicher Auftrag nicht darin, Menschen im Kampf zu töten. Sie sollen Qual verursachen, ohne das Leben der Betroffenen zu beenden. Die kriegerische Erscheinung darf daher nicht dazu führen, dass die ausdrücklich genannte Grenze ihrer Macht übersehen wird. Johannes beschreibt ein Gericht, bei dem militärische und tierische Bilder zusammenwirken, dessen Wirkung aber eigenen Regeln folgt. Eine Erklärung, die sämtliche Einzelheiten ausschließlich als Beschreibung einer gewöhnlichen Armee versteht, würde diesem Unterschied nicht ausreichend gerecht.
In der klassischen historistischen Auslegung wurden die Heuschrecken häufig mit den arabischen beziehungsweise sarazenischen Eroberungsheeren verbunden. Nach dem Aufstieg des Islam im siebten Jahrhundert breiteten sich diese Heere innerhalb weniger Jahrzehnte über große Gebiete des Nahen Ostens und Nordafrikas aus. Sie brachten insbesondere dem Byzantinischen Reich schwere territoriale Verluste bei, ohne dessen Hauptstadt Konstantinopel während dieser frühen Eroberungsphase dauerhaft einzunehmen. Die schnelle Bewegung berittener Truppen, die militärische Stärke und die tiefgreifenden Auswirkungen auf bestehende Herrschaftsgebiete bilden nachvollziehbare historische Vergleichspunkte.
Einzelne ältere Ausleger ordneten darüber hinaus die kronenähnlichen Gebilde arabischen Kopfbedeckungen, die Haare dem Erscheinungsbild der Krieger und die Panzer ihrer militärischen Schutzausrüstung zu. Auch der Lärm der Flügel wurde mit dem Auftreten großer Reiterheere verbunden. Solche Vergleiche zeigen, weshalb diese geschichtliche Deutung über einen langen Zeitraum vertreten wurde. Allerdings lässt sich nicht jedes Merkmal auf diese Weise eindeutig erklären. Vor allem die Herkunft aus dem Abgrund, die skorpionähnlichen Schwänze, der ausdrückliche Schutz der Versiegelten und die Begrenzung auf fünf Monate gehen über eine gewöhnliche Beschreibung arabischer Truppen hinaus. Die historische Parallele ist deshalb nicht mit einem vollständigen biblischen Beweis gleichzusetzen.
Ein weiterer Deutungsansatz versteht die Heuschrecken vor allem als Darstellung dämonischer Mächte. Dafür sprechen ihre Herkunft aus dem Abgrund, ihre ungewöhnliche Gestalt und die Art ihrer zerstörerischen Wirkung. Im Neuen Testament steht der Abgrund mehrfach im Zusammenhang mit bösen geistlichen Mächten, und auch der König der Heuschrecken wird im nächsten Vers ausdrücklich als Engel des Abgrunds bezeichnet. Diese Verbindung verdient besonderes Gewicht. Sie bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die Vision keinerlei Auswirkungen innerhalb der menschlichen Geschichte besitzen könnte. Die Bibel beschreibt an verschiedenen Stellen, wie geistliche Mächte das Handeln von Menschen und politischen Herrschaften beeinflussen können. Beispielsweise begegnen in Daniel 10 geistliche Mächte im Zusammenhang mit den Reichen Persien und Griechenland. Eine geistliche und eine geschichtliche Ebene müssen sich deshalb nicht grundsätzlich ausschließen. Welche konkrete geschichtliche Anwendung vorliegt, bleibt dennoch gesondert zu prüfen.
Betrachtet man alle Merkmale gemeinsam, entsteht ein sorgfältig aufgebautes Bild. Die Heuschrecken wirken wie eine kriegerische Macht, die mit großer Entschlossenheit vorgeht. Ihre kronenähnlichen Zeichen vermitteln Autorität, ihre menschenähnlichen Gesichter verleihen ihnen eine ungewöhnliche persönliche Erscheinung, ihre Löwenzähne verdeutlichen Angriffskraft und ihre eisernen Brustpanzer Widerstandsfähigkeit. Der Lärm ihrer Flügel erinnert an ein gewaltiges Heer, während ihre Skorpionschwänze auf die besondere Art ihres Angriffs hinweisen. Keine dieser Eigenschaften sollte isoliert zum alleinigen Schlüssel der Auslegung gemacht werden. Erst ihr Zusammenspiel zeigt, wie bedrohlich und außergewöhnlich die Macht erscheint, die Johannes in seiner Vision sieht.
Dabei bleibt eine entscheidende Frage noch unbeantwortet: Wer führt diese Wesen an? Die zahlreichen militärischen Merkmale lassen sie wie ein geordnetes Heer erscheinen. Doch im Gegensatz zu gewöhnlichen Heuschrecken besitzen sie tatsächlich einen König. Johannes nennt im folgenden Vers sowohl dessen hebräischen als auch dessen griechischen Namen. Beide Namen weisen auf Zerstörung hin und vertiefen damit den Zusammenhang zwischen dem Abgrund und der Macht, die aus ihm hervorgekommen ist.
Die Beschreibung der Heuschrecken bereitet somit die Enthüllung ihres Herrschers vor. Erst wenn seine Stellung und sein Name betrachtet werden, lässt sich die Bedeutung des ersten Wehes weiter erschließen.
Offenbarung 9,11–12
Abaddon, Apollyon und das erste Wehe
Nachdem Johannes das ungewöhnliche Aussehen der Heuschrecken beschrieben hat, nennt er eine weitere Eigenschaft, die für das Verständnis der Vision entscheidend ist: Die Wesen besitzen einen König. Dieser wird ausdrücklich als Engel des Abgrunds bezeichnet. Johannes nennt seinen Namen in zwei Sprachen. Auf Hebräisch heißt er Abaddon, auf Griechisch Apollyon. Beide Namen stehen mit Zerstörung und Verderben in Verbindung. Anschließend erklärt Johannes, dass das erste Wehe vorüber ist, während zwei weitere noch bevorstehen (Offenbarung 9,11–12). Damit erreicht die fünfte Posaune ihren Abschluss. Die bedrohlichen Wesen erscheinen nun nicht mehr nur als außergewöhnlicher Schwarm, sondern als eine Macht, die unter einer bestimmten Herrschaft steht.
Die Aussage über den König der Heuschrecken ist besonders bemerkenswert, weil sie einen deutlichen Gegensatz zu den natürlichen Vorbildern bildet. In Sprüche 30,27 heißt es, dass die Heuschrecken keinen König haben und dennoch alle in geordneten Scharen ausziehen. Diese Beobachtung beschreibt eine besondere Eigenschaft der Tiere: Obwohl sie keinen sichtbaren Herrscher besitzen, bewegen sie sich in großen Schwärmen und können gemeinsam eine gewaltige Wirkung entfalten. Johannes beschreibt dagegen Heuschrecken, über denen ausdrücklich ein König steht. Damit verstärkt er den Eindruck, dass seine Vision nicht einfach eine gewöhnliche Naturplage darstellt.
Dieser Unterschied passt zu den bereits genannten Eigenschaften der Wesen. Sie kommen aus dem Abgrund, besitzen Merkmale kampfbereiter Pferde und verursachen Qualen, die mit Skorpionstichen verglichen werden. Ihre Aufgabe und ihre Handlungsmöglichkeiten sind genau festgelegt. Nun erfahren wir, dass sie außerdem einem Herrscher unterstehen. Die Vision beschreibt somit eine geordnete zerstörerische Macht. Allerdings bedeutet das nicht automatisch, dass Johannes ein gewöhnliches menschliches Heer mit einem irdischen König vor Augen hat. Die Bezeichnung seines Herrschers als Engel des Abgrunds führt die Darstellung vielmehr in einen Bereich, der über rein menschliche Machtverhältnisse hinausgeht.
Besondere Aufmerksamkeit verdient deshalb die Herkunft dieses Königs. Johannes nennt ihn nicht einfach einen König der Erde, sondern den Engel des Abgrunds. Schon zu Beginn der fünften Posaune wurde der Abgrund als ein verschlossener Bereich beschrieben, aus dem nach seiner Öffnung Rauch und Heuschrecken hervorkamen. Im Neuen Testament wird dieser Bereich mehrfach mit widergöttlichen Mächten verbunden. In Lukas 8,31 bitten böse Geister Jesus, sie nicht in den Abgrund zu schicken. In Offenbarung 20,1–3 wird Satan durch einen Engel in den Abgrund eingeschlossen. Diese Stellen zeigen, dass der Abgrund innerhalb der biblischen Bildsprache mit der Begrenzung und dem Wirken feindlicher geistlicher Mächte verbunden sein kann.
Wenn der König der Heuschrecken ausdrücklich als Engel dieses Abgrunds bezeichnet wird, liegt deshalb eine Verbindung zur geistlichen Welt des Bösen nahe. Seine Herrschaft ist nicht einfach mit der eines gewöhnlichen politischen Machthabers vergleichbar. Er steht an der Spitze von Wesen, deren Herkunft und Erscheinung bereits auf eine außergewöhnliche zerstörerische Macht hinweisen. Die Bezeichnung als Engel bedeutet dabei zunächst, dass Johannes ihn als ein entsprechendes geistliches Wesen beschreibt. Sie besagt nicht, dass dieser Engel Gott treu ist. Auch Satan und seine Engel werden in Offenbarung 12,7–9 ausdrücklich als Engel bezeichnet.
Doch lässt sich dieser König unmittelbar mit Satan gleichsetzen? Die Verbindung ist nachvollziehbar. Satan wird im Neuen Testament als Widersacher Gottes beschrieben, der Menschen verführt und gegen Gottes Volk kämpft. In Offenbarung 12,9 erscheint er als der große Drache, der die ganze Welt verführt. Sein Wirken ist auf Täuschung und Verderben ausgerichtet. Der König der Heuschrecken trägt Namen, die seine zerstörerische Bedeutung hervorheben, und herrscht über Wesen, die aus dem Abgrund hervorkommen. Diese Gemeinsamkeiten sprechen dafür, dass er zur widergöttlichen Machtwelt gehört, deren oberster Widersacher Satan ist.
Dennoch sagt Offenbarung 9,11 nicht ausdrücklich: Dieser König ist Satan. Auch erklärt Johannes nicht, ob der gefallene Stern aus Vers 1 und der König der Heuschrecken dieselbe Gestalt darstellen. Der Stern erhält den Schlüssel und öffnet den Abgrund. Der König wird dagegen als Herrscher über die Heuschrecken bezeichnet. Beide stehen in engem Zusammenhang mit derselben Vision, übernehmen jedoch unterschiedliche beschriebene Aufgaben. Ihre Identität darf deshalb nicht allein aufgrund dieser Verbindung als bewiesen gelten. Möglich ist, dass Johannes dieselbe Macht unter verschiedenen Bildern darstellt. Ebenso möglich ist, dass verschiedene Gestalten am Geschehen beteiligt sind. Eine eindeutige Entscheidung liefert der Text nicht.
Aufschlussreicher als eine vorschnelle Identifikation ist zunächst die Bedeutung der beiden Namen. Abaddon ist ein hebräisches Wort, das mit Verderben oder Vernichtung verbunden ist. Es geht auf eine Wortwurzel zurück, die den Gedanken des Verlorengehens oder Zugrundegehens ausdrückt. Im Alten Testament begegnet Abaddon mehrfach in Verbindung mit dem Tod und dem Totenreich. In Hiob 26,6 werden das Totenreich und der Ort des Verderbens gemeinsam genannt. Auch Sprüche 15,11 verbindet das Totenreich und Abaddon miteinander. Dort wird betont, dass selbst diese verborgenen Bereiche vor Gott offenliegen. Die Verwendung zeigt, dass Abaddon ursprünglich nicht ausschließlich als Eigenname einer bestimmten Person erscheint, sondern einen Bereich oder Zustand des Verderbens bezeichnen kann.
Besonders interessant ist Hiob 28,22. Dort werden Abaddon und der Tod in einer dichterischen Darstellung so beschrieben, als könnten sie sprechen. Sie sagen, dass sie von der Weisheit Gottes nur ein Gerücht gehört hätten. Dieser Vers zeigt, dass das Alte Testament Begriffe wie Tod und Verderben gelegentlich persönlich auftreten lässt, ohne dass damit zwingend eine selbstständige geistliche Gestalt gemeint sein muss. In Offenbarung 9 geschieht jedoch etwas Weitergehendes. Johannes spricht ausdrücklich von einem König und nennt anschließend Abaddon als seinen Namen. Der Begriff wird damit innerhalb der Vision auf eine persönliche Herrschergestalt angewendet. Seine frühere Bedeutung hilft zu verstehen, weshalb dieser Name zu einem solchen König passt.
Der griechische Name Apollyon führt denselben Gedanken weiter. Er ist mit dem griechischen Verb apollymi verwandt, das unter anderem zerstören, verderben oder zugrunde richten bedeuten kann. Apollyon lässt sich deshalb als „Zerstörer“ wiedergeben. Die beiden Namen sind keine völlig bedeutungsgleichen Wörter, da Abaddon ursprünglich vor allem den Gedanken des Verderbens bezeichnet, während Apollyon die zerstörende Person hervorhebt. Innerhalb der Vision stehen sie jedoch in einem gemeinsamen Bedeutungsfeld. Johannes macht dadurch auch seinen griechischsprachigen Lesern deutlich, welche Eigenschaft diesen König kennzeichnet: Sein Herrschaftsbereich ist mit Zerstörung verbunden.
Dass Johannes beide Namen ausdrücklich nennt, ist innerhalb der Offenbarung bemerkenswert. Er hätte den König lediglich als Engel des Abgrunds bezeichnen können. Stattdessen fügt er eine hebräische und eine griechische Benennung hinzu. Dadurch erhält die Gestalt eine eindeutige Charakterisierung, die auch Leser verstehen können, die mit der hebräischen Sprache nicht vertraut sind. Die Bedeutung des Namens ist für die Auslegung deshalb wichtiger als der Versuch, darin einen versteckten Hinweis auf eine bestimmte Person der späteren Weltgeschichte zu finden.
Ein weiterer biblischer Zusammenhang hilft, den zerstörerischen Charakter dieses Königs einzuordnen. Jesus beschreibt in Johannes 10,10 den Dieb als jemanden, der kommt, um zu stehlen, zu töten und zu verderben. Dem stellt er sein eigenes Kommen gegenüber: Er schenkt seinen Schafen Leben und zwar in Fülle. Der unmittelbare Zusammenhang handelt vom guten Hirten und von solchen, die den Schafen schaden. Der Vers identifiziert den Dieb nicht ausdrücklich mit Apollyon. Dennoch tritt ein grundlegender Gegensatz hervor, der auch zum Verständnis der Offenbarung beiträgt. Christus führt zum Leben, während widergöttliche Mächte Menschen ins Verderben bringen. Die Herrschaft Jesu ist auf Rettung und Bewahrung ausgerichtet. Der Name Apollyon dagegen kennzeichnet eine Herrschaft, deren Wirkung Zerstörung ist.
Dieser Gegensatz erhält durch Offenbarung 1,17–18 eine weitere Bedeutung. Dort erklärt der auferstandene Jesus, dass er lebt und die Schlüssel des Todes und des Totenreichs besitzt. Sein Sieg über den Tod bildet eine Grundlage der christlichen Hoffnung. In Offenbarung 9 begegnet dagegen ein Herrscher, dessen Name mit dem Verderben verbunden ist. Doch obwohl seine Heuschrecken Menschen furchtbar quälen können, dürfen sie diese nicht töten. Gerade diese Grenze zeigt, dass der König des Abgrunds nicht die endgültige Verfügungsgewalt über Leben und Tod besitzt. Die zerstörerische Macht ist real, aber sie bleibt einer höheren Herrschaft untergeordnet.
Die Beschreibung des Königs hat in der Geschichte der Bibelauslegung unterschiedliche Erklärungen hervorgebracht. Innerhalb der klassischen historistischen Auslegung wurden die Heuschrecken häufig mit den arabischen Eroberungsheeren verbunden. Manche Ausleger suchten deshalb auch für Abaddon und Apollyon eine geschichtliche Entsprechung innerhalb der islamischen Expansion. Dabei wurde der König gelegentlich mit Mohammed oder späteren militärischen und politischen Führern in Verbindung gebracht.
Solche Zuordnungen müssen jedoch besonders sorgfältig geprüft werden. Der Text nennt weder Mohammed noch einen Kalifen oder einen osmanischen Herrscher. Auch die hebräische und griechische Bedeutung der Namen liefert keine eindeutige Verbindung zu einer dieser Personen. Hinzu kommt, dass Johannes seinen König ausdrücklich als Engel des Abgrunds bezeichnet. Wer daraus einen bestimmten menschlichen Herrscher ableiten möchte, müsste erklären, weshalb gerade diese Person gemeint sein soll und wie sämtliche wesentlichen Merkmale der Vision zusammenpassen. Eine bloße Ähnlichkeit zwischen militärischer Zerstörung und dem Namen „Zerstörer“ reicht dafür nicht aus.
Eine andere Auslegung versteht Abaddon beziehungsweise Apollyon als dämonischen Herrscher, der unter Satan wirkt oder möglicherweise Satan selbst darstellt. Diese Erklärung besitzt einen engeren Bezug zur Bildsprache des Abgrunds und zur geistlichen Natur des beschriebenen Königs. Auch hier bleibt allerdings die Frage nach seiner genauen Identität offen. Die Bibel bezeichnet Satan an anderen Stellen ausdrücklich mit seinen bekannten Namen und Titeln. Johannes verzichtet in Offenbarung 9,11 auf eine solche eindeutige Erklärung. Deshalb lässt sich mit größerer Sicherheit sagen, dass die Gestalt die Herrschaft zerstörerischer widergöttlicher Mächte verkörpert, als dass sie zweifelsfrei mit einer bestimmten Person gleichgesetzt werden könnte.
Eine wichtige Beobachtung betrifft außerdem das Verhältnis zwischen dem König und seinen Heuschrecken. Die Wesen handeln nicht wie eine vollkommen unkontrollierte Masse. Sie besitzen einen Herrscher und folgen einem genau begrenzten Auftrag. Gleichzeitig stammt die Begrenzung ihrer Macht nicht aus einer ausdrücklich beschriebenen barmherzigen Entscheidung ihres Königs. Ihnen wird von Anfang an vorgeschrieben, wen sie angreifen dürfen, dass sie niemanden töten dürfen und wie lange ihre Macht bestehen darf. Die Vision unterscheidet damit zwischen dem zerstörerischen Wesen dieser Macht und den Grenzen, die ihrem Handeln gesetzt werden.
Diese Unterscheidung ist auch für das Gottesbild der Offenbarung entscheidend. Die Gerichte offenbaren Gottes Herrschaft, doch nicht jede beteiligte Macht teilt seinen Charakter oder verfolgt seine guten Absichten. Die Bibel zeigt wiederholt, dass Gott selbst das Handeln böser Mächte begrenzen und in seinen größeren Plan einordnen kann, ohne dadurch zum Urheber ihrer Bosheit zu werden. Schon in der Geschichte Josephs wird diese Unterscheidung deutlich. Seine Brüder hatten Böses gegen ihn geplant, doch Gott führte die Ereignisse schließlich so, dass viele Menschen am Leben erhalten wurden (1. Mose 50,20). Die Absichten der beteiligten Menschen waren böse, während Gottes übergeordneter Plan auf Bewahrung gerichtet war. Ebenso bedeutet die begrenzte Zulassung der Heuschreckenmacht nicht, dass deren zerstörerisches Wesen Gottes eigenes Wesen widerspiegelt.
Nachdem Johannes den König des Abgrunds genannt hat, beendet er die fünfte Posaune mit einer kurzen, aber bedeutenden Aussage: Das erste Wehe ist vorüber, doch zwei weitere werden noch kommen. Damit wird deutlich, dass die zuvor angekündigten drei Wehe tatsächlich mit den letzten drei Posaunen verbunden sind. Die fünfte Posaune bildet das erste Wehe. Die sechste und siebte werden die Reihe fortsetzen. Der Ausdruck „Wehe“ unterstreicht den Ernst der bevorstehenden Ereignisse und macht zugleich deutlich, dass die bisher beschriebene Bedrängnis noch nicht den Abschluss der prophetischen Gerichte darstellt.
Die Einteilung wird später ausdrücklich weitergeführt. In Offenbarung 11,14 erklärt Johannes, dass das zweite Wehe vorüber ist und das dritte bald kommt. Unmittelbar danach erklingt die siebte Posaune. Damit entsteht eine erkennbare Verbindung zwischen den einzelnen Visionen. Die Weherufe dienen als Wegweiser durch die prophetische Darstellung. Sie zeigen, wie Johannes die letzten drei Posaunen innerhalb seines Berichtes voneinander unterscheidet.
Allerdings sollte diese Gliederung nicht vorschnell mit einer lückenlosen historischen Zeitrechnung gleichgesetzt werden. Der Text kennzeichnet eindeutig die Reihenfolge der Visionen und der angekündigten Wehe. Ob ihre geschichtlichen Auswirkungen sich in jedem Punkt zeitlich vollständig voneinander trennen lassen, muss anhand weiterer Hinweise geprüft werden. Die Aussage, dass das erste Wehe vorüber ist, bedeutet zunächst, dass Johannes die entsprechende Vision abgeschlossen hat und nun zur nächsten übergeht.
Mit Abaddon und Apollyon endet somit die Darstellung einer Macht, deren Erscheinung erschreckend und deren Wirkung zerstörerisch ist. Doch gerade ihre Grenzen gehören zur eigentlichen Botschaft der fünften Posaune. Die Heuschrecken dürfen nicht beliebig handeln, ihre Qual ist zeitlich begrenzt, und die Menschen mit Gottes Siegel stehen außerhalb ihres ausdrücklich genannten Angriffsbereiches. Der König des Abgrunds erscheint mächtig, besitzt aber keine uneingeschränkte Herrschaft über Gottes Schöpfung.
Nun beginnt das zweite Wehe. Johannes hört eine Stimme, die von den vier Hörnern des goldenen Altars vor Gott ausgeht. Sie befiehlt dem sechsten Posaunenengel, vier gebundene Engel am großen Strom Euphrat freizulassen. Damit richtet sich die Vision erneut auf eine zerstörerische Macht, die zunächst zurückgehalten wird und erst auf einen bestimmten Befehl hin handeln darf. Doch während die Heuschrecken der fünften Posaune ausdrücklich niemanden töten durften, wird das folgende Gericht eine noch schwerwiegendere Grenze überschreiten: Ein Drittel der Menschen wird sein Leben verlieren.
Offenbarung 9,13–15
Die sechste Posaune und die vier Engel am Euphrat
Als der sechste Engel seine Posaune bläst, hört Johannes eine Stimme, die von den vier Hörnern des goldenen Altars vor Gott ausgeht. Sie befiehlt dem Engel mit der Posaune, vier Engel freizulassen, die am großen Strom Euphrat gebunden sind. Diese vier Engel waren für eine bestimmte Stunde, einen bestimmten Tag, einen Monat und ein Jahr bereitgehalten worden, um ein Drittel der Menschen zu töten (Offenbarung 9,13–15). Damit beginnt das zweite der drei angekündigten Wehe. Während die Heuschrecken der fünften Posaune Menschen lediglich quälen durften, besitzt das folgende Gericht eine noch schwerwiegendere Wirkung. Nun wird ausdrücklich der Tod eines Drittels der Menschen angekündigt.
Die sechste Posaune beginnt jedoch nicht unmittelbar mit der Beschreibung eines angreifenden Heeres. Johannes hört zunächst eine Stimme vom goldenen Altar. Diese Reihenfolge ist bedeutsam, weil sie den Leser an eine Szene erinnert, die bereits zu Beginn der Posaunen eine wichtige Rolle spielte. In Offenbarung 8,3–5 stand ein Engel mit einem goldenen Räuchergefäß am Altar. Dort wurden die Gebete der Heiligen zusammen mit dem Räucherwerk vor Gott gebracht. Anschließend nahm der Engel Feuer vom Altar und warf es auf die Erde. Erst danach bereiteten sich die sieben Posaunenengel darauf vor, ihre Instrumente zu blasen. Nun erscheint derselbe himmlische Bereich erneut. Die Gerichte werden dadurch mit dem Heiligtum und der Gegenwart Gottes verbunden.
Besonders bemerkenswert ist, dass Johannes die vier Hörner des goldenen Altars ausdrücklich erwähnt. Um diese Einzelheit zu verstehen, müssen wir zum Heiligtumsdienst Israels zurückkehren. Nach 2. Mose 30,1–3 sollte Mose einen Räucheraltar aus Akazienholz anfertigen lassen, der mit reinem Gold überzogen wurde. An seinen vier Ecken befanden sich Hörner, die aus demselben Stück wie der Altar hervorgingen. Der Räucheraltar stand im Heiligen vor dem Vorhang, hinter dem sich die Bundeslade befand. Auf ihm wurde regelmäßig wohlriechendes Räucherwerk dargebracht. Dadurch gehörte er zu den wichtigsten Gegenständen des täglichen Heiligtumsdienstes.
Die Hörner des Altars hatten innerhalb dieses Dienstes ebenfalls eine besondere Bedeutung. In 2. Mose 30,10 wird angeordnet, dass Aaron einmal im Jahr an den Hörnern des Räucheraltars Sühnung vollziehen sollte. Auch 3. Mose 4,7 beschreibt, wie bei einem Sündopfer Blut an die Hörner dieses Altars gebracht wurde. Die Hörner waren somit nicht bloß ein schmückender Bestandteil. Sie gehörten zu einem Gegenstand, an dem Räucherwerk, Gebet und sühnendes Handeln miteinander verbunden waren. Wenn Johannes nun eine Stimme von diesen Hörnern hört, führt die Vision den Leser an einen Ort, der im biblischen Heiligtumsdienst eng mit der Begegnung zwischen Gott und seinem Volk verbunden war.
Dabei ist eine Unterscheidung wichtig. Im irdischen Heiligtum gab es sowohl einen Räucheraltar aus Gold als auch einen Brandopferaltar. Beide besaßen Hörner, doch sie erfüllten unterschiedliche Aufgaben. Johannes bezeichnet den Altar ausdrücklich als golden. Das passt besonders zum Räucheraltar, der bereits in Offenbarung 8 im Zusammenhang mit den Gebeten der Heiligen erschien. Die Stimme geht somit aus einem Bereich hervor, der zuvor mit Fürbitte verbunden war. Gerade diese Verbindung zwischen Gebet und Gericht verleiht der sechsten Posaune eine besondere Tiefe.
Die Bibel zeigt wiederholt, dass Gottes Gerechtigkeit und seine Aufmerksamkeit für die Gebete der Gläubigen nicht voneinander getrennt werden dürfen. Bereits beim fünften Siegel hatten die Märtyrer unter dem Altar gefragt, wie lange Gott mit seinem Gericht warten werde (Offenbarung 6,9–10). Ihre Bitte richtete sich nicht auf eine eigenmächtige Vergeltung, sondern an den heiligen und wahrhaftigen Herrn, dem das endgültige Urteil zusteht. Die Altarszene der sechsten Posaune erinnert daran, dass das Leiden der Gerechten und die Verantwortung der gottfeindlichen Welt vor Gott nicht vergessen sind.
Dennoch erklärt Johannes nicht ausdrücklich, dass die Stimme aus Offenbarung 9,13 eine unmittelbare Antwort auf genau diese Märtyrergebete darstellt. Ebenso wenig nennt er den Sprecher. Der Text berichtet von einer Stimme, die von den vier Hörnern des Altars ausgeht. Ob Gott selbst spricht oder die Anweisung durch einen himmlischen Boten vermittelt wird, bleibt offen. Entscheidend ist zunächst ihre Herkunft aus dem Bereich des himmlischen Heiligtums. Der folgende Befehl erscheint deshalb nicht als zufälliges Geschehen, sondern steht innerhalb der von Johannes beschriebenen göttlichen Gerichtsordnung.
Der Inhalt des Befehls ist eindeutig: Die vier am Euphrat gebundenen Engel sollen freigelassen werden. Damit tritt ein Bild hervor, das bereits bei der fünften Posaune eine wichtige Rolle spielte. Dort erhielt ein gefallener Stern den Schlüssel zum Abgrund und durfte dessen Zugang öffnen. Nun werden vier Engel aus ihrer bisherigen Bindung gelöst. Beide Szenen beschreiben zerstörerische Mächte, deren Wirken zunächst zurückgehalten wird und erst nach einer ausdrücklichen Anordnung beginnen darf. Ihre Freilassung bedeutet deshalb nicht, dass sie sich selbstständig gegen Gottes Herrschaft durchgesetzt hätten. Vielmehr zeigt die Vision erneut, dass ihre Handlungsmöglichkeiten begrenzt sind.
Doch wer sind diese vier Engel? Johannes nennt weder ihre Namen noch ihre ursprüngliche Aufgabe. Die Tatsache, dass sie gebunden sind, könnte auf gefährliche oder widergöttliche Wesen hinweisen, die zurückgehalten werden. Im Neuen Testament begegnet eine solche Vorstellung beispielsweise in Judas 6, wo von Engeln berichtet wird, die für das Gericht in Fesseln aufbewahrt werden. Allerdings besteht ein deutlicher Unterschied: Judas spricht von bestimmten Engeln, die ihre eigene Behausung verlassen haben, während Offenbarung 9 vier am Euphrat gebundene Engel beschreibt. Es wird nicht gesagt, dass es sich um dieselben Wesen handelt.
Auch die Möglichkeit, dass die vier Engel als Vollstrecker eines göttlich angeordneten Gerichts auftreten, muss berücksichtigt werden. In der Offenbarung führen Engel mehrfach Gerichtshandlungen aus, ohne dass sie deshalb selbst böse wären. Die Bindung allein entscheidet somit noch nicht endgültig über ihren Charakter. Sicher ist, dass sie bisher nicht handeln konnten und nun für eine ausdrücklich beschriebene Aufgabe freigelassen werden. Ihre genaue Identität bleibt offen.
An dieser Stelle bietet sich ein Vergleich mit Offenbarung 7,1–3 an. Dort sah Johannes vier Engel an den vier Ecken der Erde stehen. Sie hielten die vier Winde zurück, damit diese der Erde, dem Meer und den Bäumen vorläufig keinen Schaden zufügten. Erst die Versiegelung der Knechte Gottes sollte abgeschlossen werden. Auch in Offenbarung 9 begegnen vier Engel, deren zerstörerische Handlungsmöglichkeiten zunächst eingeschränkt sind. Die Gemeinsamkeit liegt somit in der Vierzahl und in der Begrenzung einer bevorstehenden Schädigung.
Trotzdem unterscheiden sich die beiden Szenen deutlich. Die Engel aus Kapitel 7 stehen an den vier Ecken der Erde und halten Winde zurück. Die Engel der sechsten Posaune befinden sich dagegen am Euphrat und sind selbst gebunden. Auch ihre jeweilige Aufgabe wird unterschiedlich beschrieben. Johannes sagt nicht, dass die vier Engel aus Kapitel 7 nun am Euphrat wiedererscheinen. Deshalb wäre es zu weitgehend, beide Gruppen allein aufgrund der gleichen Zahl als identisch zu erklären. Die Verbindung zeigt vielmehr, dass Gott zerstörerische Kräfte zurückhalten kann und dass deren Freigabe nicht unabhängig von seiner Entscheidung erfolgt.
Besondere Aufmerksamkeit verdient nun der Ort, an dem die Engel gebunden sind. Johannes nennt ausdrücklich den großen Strom Euphrat. Dieser Fluss gehörte zu den bedeutendsten Wasserläufen des Alten Orients. Zusammen mit dem Tigris prägte er die Geschichte Mesopotamiens, einer Region, in der mächtige Reiche entstanden. Bereits in 1. Mose 2,14 wird der Euphrat unter den Flüssen genannt, die mit der ursprünglichen Schöpfungswelt verbunden sind. Später erscheint er als bedeutende geografische Grenze. In 1. Mose 15,18 nennt Gott den großen Strom Euphrat im Zusammenhang mit der Verheißung des Landes an Abrahams Nachkommen.
Innerhalb der Geschichte Israels erhielt dieser Fluss jedoch noch eine weitere Bedeutung. Aus den Gebieten jenseits beziehungsweise entlang des Euphrat gingen mächtige Reiche hervor, die Israel und Juda bedrohten. Besonders Assyrien und Babylon prägten die Geschichte des Gottesvolkes durch Eroberungen, Unterdrückung und Wegführung. Der Euphrat konnte deshalb im prophetischen Denken mit der Gefahr verbunden werden, die von großen östlichen und nordöstlichen Mächten ausging.
Ein eindrückliches Beispiel findet sich in Jesaja 8,7–8. Dort kündigt Gott an, die mächtigen Wasser des Stromes über das Land kommen zu lassen. Der Text erklärt ausdrücklich, dass damit der König von Assyrien und seine ganze Herrlichkeit verbunden sind. Die Fluten steigen über ihre Ufer, überströmen ihre Begrenzungen und dringen bis nach Juda vor. Der Fluss wird somit zu einem Bild für eine gewaltige politische und militärische Bedrohung. Die Menschen sollen verstehen, dass die Macht Assyriens wie eine Flut über sie hereinbrechen kann. Diese Verbindung zeigt, wie ein realer geografischer Fluss innerhalb der Prophetie eine zusätzliche Bedeutung erhält.
Auch Babylon war eng mit dem Euphrat verbunden. Die Stadt lag an diesem Fluss und entwickelte sich zum Mittelpunkt eines mächtigen Reiches. In Jeremia 51 kündigt Gott das Gericht über Babylon an. Der Prophet beschreibt eine Herrschaft, deren Gewalt viele Völker getroffen hatte und deren Macht dennoch nicht bestehen bleiben würde. In Jeremia 51,63–64 soll eine Schriftrolle mit den Gerichtsworten gegen Babylon mit einem Stein beschwert und in den Euphrat geworfen werden. Dadurch wird der angekündigte Untergang Babylons sichtbar gemacht. Der Euphrat gehört somit nicht nur zur geografischen Umgebung dieses Reiches, sondern erscheint auch innerhalb einer prophetischen Zeichenhandlung über dessen Ende.
Diese Zusammenhänge sind für Offenbarung 9 bedeutsam. Wenn Johannes den Euphrat nennt, konnte dieser Name bei bibelkundigen Lesern Erinnerungen an mächtige Reiche, feindliche Angriffe und Gottes Gericht hervorrufen. Der Fluss steht damit innerhalb einer langen biblischen Geschichte, in der menschliche Großmächte immer wieder mit Gottes Herrschaft in Konflikt geraten. Dennoch sollte aus diesen Verbindungen nicht vorschnell geschlossen werden, dass jeder Hinweis auf den Euphrat ausschließlich symbolisch gemeint sein muss. Johannes nennt einen wirklichen Fluss, der zugleich einen reichen prophetischen Hintergrund besitzt. Welche Bedeutung in seiner Vision überwiegt, muss aus dem weiteren Zusammenhang erschlossen werden.
Eine zusätzliche Verbindung entsteht zu Offenbarung 16,12. Dort trifft die sechste Schale ebenfalls den Euphrat. Allerdings wird bei diesem späteren Gericht nicht die Freilassung gebundener Engel beschrieben. Stattdessen vertrocknet das Wasser des Flusses, damit den Königen vom Aufgang der Sonne ein Weg bereitet wird. Beide Visionen stehen an sechster Stelle innerhalb ihrer jeweiligen Gerichtsreihe und nennen denselben Fluss. Das ist eine auffällige Gemeinsamkeit. Gleichzeitig unterscheiden sich ihre Handlungen und ihre unmittelbar genannten Ziele. Bei der sechsten Posaune werden Engel freigelassen; bei der sechsten Schale wird das Wasser entfernt. Deshalb dürfen beide Ereignisse nicht allein aufgrund ihrer Stellung und des gemeinsamen Flussnamens als vollständig identisch erklärt werden.
In der klassischen historistischen Auslegung wurde die sechste Posaune häufig auf die Ausbreitung des Osmanischen Reiches bezogen. Der Euphrat galt dabei als Hinweis auf den östlichen Raum, aus dem türkische Mächte gegen das Byzantinische Reich vordrangen. Die vier Engel wurden teilweise mit verschiedenen türkischen Herrschaftsgebieten oder politischen Mächten verbunden. Diese Deutung entstand aus dem Versuch, die prophetischen Bilder mit einer geschichtlichen Entwicklung zu verbinden, die das östliche Römische Reich tiefgreifend erschütterte und schließlich zur Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 führte.
Die geografische Verbindung ist nachvollziehbar, weil sich die türkischen Reiche in Anatolien und den angrenzenden Gebieten entwickelten und ihre militärische Expansion das Byzantinische Reich entscheidend veränderte. Dennoch nennt Johannes weder die Türken noch die Osmanen. Auch sagt er nicht, dass die vier Engel vier bestimmte Sultanate darstellen. Die Versuche, vier entsprechende politische Mächte eindeutig zu bestimmen, unterscheiden sich innerhalb der älteren Auslegungstradition. Der Euphrat kann deshalb als möglicher historischer Anknüpfungspunkt dienen, beweist aber für sich genommen keine ausschließliche osmanische Deutung.
Die nächste Einzelheit betrifft den Zeitpunkt der Freilassung. Johannes erklärt, dass die vier Engel für eine Stunde, einen Tag, einen Monat und ein Jahr bereitgehalten worden waren. Diese ungewöhnlich genaue Aufzählung hat in der Auslegungsgeschichte große Aufmerksamkeit erhalten. Sie macht deutlich, dass das folgende Gericht nicht zu einem beliebigen Zeitpunkt beginnt. Die Engel werden nicht zufällig freigelassen, sondern sind für eine vorher bestimmte Zeit bereitgehalten worden.
Dabei muss jedoch sorgfältig zwischen zwei möglichen Erklärungen unterschieden werden. Die erste versteht die vier Angaben als Beschreibung eines genau festgesetzten Zeitpunktes. Danach bedeutet die Formulierung, dass Gott die Stunde, den Tag, den Monat und das Jahr dieses Ereignisses bestimmt hat. Die Genauigkeit der Aufzählung unterstreicht dann Gottes Kenntnis und Herrschaft über den Zeitpunkt des Gerichts. Diese Deutung ist mit der griechischen Satzstruktur gut vereinbar.
Eine zweite Erklärung stammt aus der historistischen Auslegung. Sie versteht die vier Zeitangaben als prophetische Dauer und rechnet sie nach dem Jahr-Tag-Prinzip um. Ein prophetisches Jahr mit 360 Tagen wird dabei als 360 Jahre verstanden. Ein Monat entspricht 30 Jahren, ein Tag einem Jahr und eine Stunde einem vierundzwanzigsten Teil eines Jahres, also 15 Tagen. Addiert ergibt dies 391 Jahre und 15 Tage. Diese Rechnung wurde insbesondere in der älteren protestantischen und späteren adventistischen Prophetieauslegung mit der Geschichte des Osmanischen Reiches verbunden.
Die Rechnung ist mathematisch nachvollziehbar, sobald ihre Voraussetzungen angenommen werden. Die entscheidende Frage lautet jedoch, ob Johannes selbst diese Voraussetzungen für Offenbarung 9,15 vorgibt. Der Vers erklärt weder die Umrechnung der einzelnen Zeitangaben noch fordert er ausdrücklich ihre Addition. Auch wird kein geschichtlicher Anfangspunkt genannt, von dem aus die berechnete Zeit gezählt werden soll. Deshalb besitzt die Erklärung als festgesetzter Zeitpunkt eine eigenständige grammatische Grundlage. Die Umrechnung auf 391 Jahre und 15 Tage bleibt dagegen eine zusätzliche Auslegungsentscheidung, die sich nicht allein aus der Formulierung beweisen lässt.
Die traditionelle historistische Berechnung wurde unter anderem von Josiah Litch verwendet, der das Ende eines bestimmten Abschnitts osmanischer Vorherrschaft für den August 1840 erwartete. Diese Auslegung gewann innerhalb der frühen Adventbewegung große Bedeutung. Ihre historische Bewertung erfordert allerdings die sorgfältige Prüfung mehrerer Voraussetzungen: des gewählten Anfangsdatums, der tatsächlichen politischen Abhängigkeit des Byzantinischen Reiches, der Ereignisse des Jahres 1840 und der Frage, ob die biblischen Zeitangaben überhaupt als addierbare prophetische Jahre gemeint sind. Die Bedeutung dieser historischen Tradition sollte nicht übergangen werden. Ebenso wenig darf ihre Bekanntheit die notwendige Prüfung des Bibeltextes ersetzen.
Für die unmittelbare Erklärung der drei Verse steht zunächst eine andere Aussage im Mittelpunkt. Die vier Engel sind für einen festgelegten Zeitpunkt bereitgehalten worden. Erst der Befehl vom goldenen Altar führt zu ihrer Freilassung. Das Gericht beginnt deshalb nicht aus einer unkontrollierten Entwicklung heraus. Die Vision stellt die Zeit selbst unter Gottes Herrschaft. Auch wenn Menschen den Zeitpunkt seines Eingreifens nicht kennen oder die geschichtlichen Zusammenhänge nur unvollständig verstehen, bleibt er nach dem Zeugnis der Offenbarung nicht unbestimmt.
Am Ende des fünfzehnten Verses nennt Johannes schließlich den Zweck der Freilassung: Ein Drittel der Menschen soll getötet werden. Damit wird der Unterschied zur fünften Posaune besonders deutlich. Dort war den Heuschrecken das Töten ausdrücklich verboten. Die vier Engel der sechsten Posaune werden dagegen für ein Gericht freigelassen, dessen tödliche Wirkung bereits angekündigt wird. Die Veränderung ist erheblich. Johannes beschreibt nun nicht mehr nur äußerste Qual, sondern den Verlust menschlichen Lebens in einem erschreckenden Ausmaß.
Dennoch bleibt auch dieses Gericht begrenzt. Ein Drittel der Menschen wird genannt, nicht die gesamte Menschheit. Die wiederkehrende Drittelangabe verbindet die sechste Posaune mit den vorangegangenen Gerichten und unterscheidet sie von einer vollständigen Vernichtung allen Lebens. Dabei erklärt Johannes nicht, welche geografischen Grenzen dieses Drittel besitzt oder wie die Zahl bei einer historischen Anwendung genau zu berechnen wäre. Eine solche Bestimmung muss aus weiteren Hinweisen erschlossen werden und kann nicht einfach vorausgesetzt werden.
Die Ankündigung des Todes wirft zugleich eine ernste Frage auf: Warum lässt Gott ein Gericht von solcher Schwere zu? Die Antwort lässt sich nicht allein aus diesen drei Versen vollständig erschließen. Der Zusammenhang des Kapitels zeigt jedoch, dass die Gerichte mit der fortgesetzten Weigerung der Menschen verbunden sind, sich von ihrem gottwidrigen Handeln abzuwenden. Am Ende der sechsten Posaune wird Johannes ausdrücklich berichten, dass selbst die Überlebenden nicht Buße tun. Die Vision richtet den Blick damit nicht nur auf die Macht des Gerichts, sondern auch auf die Verantwortung des Menschen gegenüber Gottes Warnungen.
Bis hierher hat Johannes vor allem den himmlischen Befehl, den Ort der gebundenen Engel und die Begrenzung ihres Auftrags beschrieben. Wie das angekündigte Gericht ausgeführt wird, erfahren wir erst im nächsten Abschnitt. Dort erscheint ein gewaltiges Reiterheer, dessen Zahl Johannes ausdrücklich nennt. Die Reiter und Pferde besitzen ein ungewöhnliches Aussehen, und aus den Mäulern der Pferde kommen Feuer, Rauch und Schwefel hervor. Ihre zerstörerische Wirkung wird zeigen, wie sich das zweite Wehe von der begrenzten Qual der fünften Posaune unterscheidet.
Offenbarung 9,16–19
Das gewaltige Reiterheer und seine tödliche Macht
Nachdem die vier Engel am Euphrat freigelassen worden sind, sieht Johannes ein gewaltiges Reiterheer. Seine Zahl beträgt zweimal zehntausendmal zehntausend, also zweihundert Millionen. Johannes betont ausdrücklich, dass er diese Zahl gehört hat. Anschließend beschreibt er die Reiter und ihre Pferde. Die Reiter tragen feuerrote, hyazinthblaue und schwefelgelbe Brustpanzer. Die Pferde besitzen Köpfe wie Löwen, und aus ihren Mäulern kommen Feuer, Rauch und Schwefel. Durch diese drei Plagen wird ein Drittel der Menschen getötet. Doch auch die Schwänze der Pferde sind gefährlich: Sie gleichen Schlangen, besitzen Köpfe und können damit Schaden anrichten (Offenbarung 9,16–19).
Die Vision unterscheidet sich deutlich vom ersten Wehe. Bei der fünften Posaune kamen Heuschrecken aus dem Abgrund, deren Erscheinung an kampfbereite Pferde erinnerte. Sie besaßen menschenähnliche Gesichter, Löwenzähne und Skorpionschwänze. Ihre Macht war jedoch ausdrücklich darauf beschränkt, Menschen zu quälen, ohne sie zu töten. Nun sieht Johannes tatsächliche Reiter und Pferde innerhalb seiner Vision, deren ungewöhnliche Eigenschaften noch bedrohlicher erscheinen. Vor allem verändert sich die Wirkung ihres Angriffs. Während die Heuschrecken Qual verursachten, geht von den Pferden eine tödliche Macht aus. Dadurch wird deutlich, weshalb die sechste Posaune als zweites Wehe eine neue Stufe des Gerichts darstellt.
Zunächst verdient die außergewöhnliche Zahl der Reiter Aufmerksamkeit. Johannes nennt nicht einfach eine große oder unzählbare Streitmacht. Er verwendet eine konkrete Zahlenangabe, die sich als zweihundert Millionen wiedergeben lässt. Das griechische Wort myrias bezeichnet eine Menge von zehntausend. Die Verbindung von zweimal zehntausend mit weiteren Zehntausendern ergibt die gewaltige Gesamtsumme. Für die Menschen der Antike lag eine solche Zahl weit außerhalb der gewöhnlichen Vorstellung eines militärischen Heeres. Selbst mächtige Reiche verfügten nicht annähernd über eine entsprechende Zahl gleichzeitig eingesetzter berittener Soldaten. Die Angabe vermittelt deshalb unmittelbar den Eindruck einer Streitmacht von überwältigendem Ausmaß.
Eine wichtige Parallele findet sich in Daniel 7,10. Dort sieht Daniel Gottes himmlischen Gerichtsthron. Tausendmal Tausende dienen ihm, und zehntausendmal Zehntausende stehen vor ihm. Die gewaltigen Zahlen verdeutlichen die Größe und Herrlichkeit des himmlischen Hofstaates. Auch Johannes verwendet in Offenbarung 5,11 ähnliche Zahlen, als er die unzähligen Engel um Gottes Thron sieht. Diese Stellen zeigen, dass außerordentlich große Zahlen innerhalb prophetischer Visionen die überwältigende Größe einer himmlischen Versammlung hervorheben können. Daraus folgt jedoch nicht, dass die Reiter aus Offenbarung 9 dieselben Wesen wie die Engel vor Gottes Thron darstellen. Der Vergleich hilft zunächst zu verstehen, welche Wirkung eine solche Zahlenangabe auf den Leser haben soll.
Besonders interessant ist die Bemerkung, dass Johannes die Zahl des Heeres gehört hat. Er beschreibt nicht, wie er die einzelnen Reiter zählt. Vielmehr wird ihm die Zahl innerhalb seiner Vision mitgeteilt. Eine ähnliche Formulierung findet sich in Offenbarung 7,4, wo Johannes die Zahl der Versiegelten hört. Dadurch unterscheidet die Offenbarung zwischen dem, was Johannes sieht, und dem, was er als Mitteilung empfängt. Die Zahl des Reiterheeres soll also bewusst wahrgenommen werden. Dennoch erklärt der Text nicht, ob sie als buchstäbliche Anzahl einzelner Reiter oder als prophetische Darstellung einer überwältigenden Macht verstanden werden muss. Eine genaue historische Identifikation kann daher nicht allein von der Zahl abhängig gemacht werden.
Anschließend beschreibt Johannes die ungewöhnliche Erscheinung der Reiter und ihrer Pferde. Zunächst erwähnt er die Brustpanzer. Sie besitzen Farben, die mit Feuer, Hyazinth und Schwefel verbunden werden. Das mit Hyazinth bezeichnete Farbbild weist auf einen dunklen blauen beziehungsweise bläulich-violetten Farbton hin. Zusammen mit dem feurigen Rot und dem schwefelartigen Gelb entsteht ein auffälliges Bild. Die Reiter erscheinen nicht in gewöhnlicher Kleidung, sondern tragen eine Rüstung, deren Farben unmittelbar an die zerstörerischen Erscheinungen erinnern, die Johannes anschließend beschreibt.
Diese Verbindung zwischen den Brustpanzern und dem aus den Pferdemäulern hervorkommenden Feuer, Rauch und Schwefel verdient besondere Aufmerksamkeit. Die Farben der Rüstung stehen vor der Beschreibung jener drei Plagen, die den Menschen den Tod bringen. Das lässt eine bewusste Abstimmung innerhalb der Vision erkennen. Feuer und Schwefel sind ausdrücklich miteinander verbunden. Die dunklere Farbe der Hyazinthdarstellung kann zum Rauchbild passen, auch wenn Johannes diese Zuordnung nicht einzeln erklärt. Die gesamte Erscheinung der Reiter ist somit von einer Bildwelt geprägt, die auf Feuer, Verdunkelung und Verderben hinweist.
Dabei müssen wir unterscheiden, was Johannes tatsächlich sagt und welche Erklärungen darüber hinausgehen. Er nennt die Farben der Brustpanzer, erklärt aber nicht, dass sie die Uniformen eines bestimmten Volkes darstellen. Ebenso wenig führt er aus, dass jede Farbe eine eigene religiöse oder politische Bedeutung besitzt. Die Beschreibung gehört zunächst zur Erscheinung des gewaltigen Heeres. Eine historische Auslegung darf mögliche Parallelen untersuchen, sollte jedoch nicht voraussetzen, dass Johannes damit eine konkrete Kleiderordnung späterer Jahrhunderte vorhersagt.
Noch ungewöhnlicher sind die Köpfe der Pferde. Johannes vergleicht sie mit Löwenköpfen. Schon bei der fünften Posaune waren Löwenzähne erwähnt worden, doch nun besitzen die Pferde selbst löwenähnliche Köpfe. Dadurch entsteht ein Bild von besonderer Angriffskraft. Der Löwe gehört zu den stärksten Raubtieren, die den Menschen des Alten Orients bekannt waren. Seine Zähne und sein Rachen verkörpern eine unmittelbare Gefahr. Wenn Johannes Pferde mit Löwenköpfen beschreibt, verbindet er die Schnelligkeit und militärische Bedeutung von Pferden mit der Stärke eines gefährlichen Raubtiers.
Eine ähnliche Bildsprache begegnet bereits in den prophetischen Schriften. In Joel 2,4–5 werden die angreifenden Scharen mit Pferden und Streitwagen verglichen. Auch Jeremia 4,13 verwendet schnelle Pferde im Zusammenhang mit einer herannahenden militärischen Bedrohung. Diese Beispiele zeigen, dass Tiere in prophetischen Gerichtsbildern nicht nur als gewöhnliche Lebewesen erscheinen, sondern Eigenschaften einer angreifenden Macht veranschaulichen können. Die Pferde der sechsten Posaune gehen jedoch noch weiter. Ihre Köpfe gleichen nicht einfach den Köpfen gewöhnlicher Kriegspferde, sondern denen von Löwen. Damit erhält das Heer eine Erscheinung, die über bekannte militärische Erfahrungen hinausreicht.
Die eigentliche tödliche Wirkung geht aus den Mäulern der Pferde hervor. Johannes nennt drei Erscheinungen: Feuer, Rauch und Schwefel. Diese Kombination besitzt einen bedeutenden alttestamentlichen Hintergrund. In 1. Mose 19,24 wird berichtet, dass der HERR Schwefel und Feuer auf Sodom und Gomorra regnen ließ. Die Städte wurden durch Gottes Gericht zerstört. Wenig später sah Abraham Rauch aus dem Land aufsteigen, der wie der Rauch eines Schmelzofens aussah (1. Mose 19,28). Die Verbindung von Feuer, Schwefel und aufsteigendem Rauch gehört somit bereits zur biblischen Beschreibung eines vernichtenden Gerichts.
Auch Hesekiel 38,22 verwendet diese Bildsprache. Dort kündigt Gott an, über Gog Gericht zu halten und unter anderem Feuer und Schwefel auf die angreifenden Scharen kommen zu lassen. Die Stelle beschreibt eine Macht, die gegen Gottes Volk heranzieht und schließlich Gottes Gericht erfährt. In Psalm 11,6 werden ebenfalls Feuer und Schwefel im Zusammenhang mit dem Gericht über die Gottlosen genannt. Diese Texte machen deutlich, dass Johannes keine völlig neue Symbolsprache entwickelt. Er greift Bilder auf, mit denen die Bibel bereits Gottes Eingreifen gegen das Böse beschrieben hat.
Allerdings erscheint die Kombination in Offenbarung 9 in einer besonderen Form. Feuer, Rauch und Schwefel fallen nicht einfach vom Himmel herab. Sie kommen aus den Mäulern der Pferde. Dadurch werden die ungewöhnlichen Tiere selbst zu Trägern der zerstörerischen Macht. Was normalerweise der Nahrungsaufnahme, dem Atmen oder der Lautäußerung dient, wird innerhalb der Vision zu einer Quelle des Todes. Der Angriff geht also unmittelbar von den Wesen aus, die Johannes sieht. Diesen Unterschied dürfen wir nicht übergehen, wenn wir die biblischen Parallelen betrachten.
Die Wirkung wird im achtzehnten Vers ausdrücklich erklärt. Durch diese drei Plagen wird ein Drittel der Menschen getötet. Der Text bezeichnet Feuer, Rauch und Schwefel somit als drei Plagen, die gemeinsam zur tödlichen Wirkung des Gerichts gehören. Johannes beschreibt nicht lediglich eine bedrohliche Erscheinung, die den Menschen Angst macht. Die Folgen sind wirklich schwerwiegend: Zahlreiche Menschen verlieren ihr Leben.
Diese Aussage führt den Gegensatz zur fünften Posaune weiter. Dort durften die Heuschrecken die Menschen quälen, aber nicht töten. Hier ist das Töten ausdrücklich Bestandteil des angekündigten Gerichts. Zugleich bleibt die Reichweite begrenzt. Johannes nennt ein Drittel der Menschen und nicht die gesamte Menschheit. Die wiederkehrende Drittelangabe verbindet die sechste Posaune mit den vorangegangenen Gerichten. Bereits bei der ersten Posaune war ein Drittel der Bäume betroffen, bei der zweiten ein Drittel des Meeres und seiner Lebewesen und bei der dritten ein Drittel der Wasserquellen. Nun wird diese Begrenzung auf das menschliche Leben bezogen.
Die genaue Bedeutung dieses Drittels bleibt allerdings erklärungsbedürftig. Johannes nennt weder bestimmte Völker noch eine geografische Region, innerhalb derer die Zahl zu berechnen wäre. Auch sagt er nicht, ob die Angabe einen mathematisch exakt bestimmten Anteil der gesamten Weltbevölkerung oder eine prophetisch begrenzte Größe des Gerichts bezeichnet. Sicher ist zunächst, dass die Vision eine gewaltige, aber nicht vollständige Vernichtung beschreibt. Daraus lässt sich keine konkrete Bevölkerungszahl einer bestimmten geschichtlichen Epoche ableiten, solange der Text selbst keinen eindeutigen Bezugspunkt liefert.
Eine weitere Besonderheit folgt im neunzehnten Vers. Johannes erklärt, dass die Macht der Pferde nicht nur in ihren Mäulern, sondern auch in ihren Schwänzen liegt. Diese Schwänze gleichen Schlangen, besitzen Köpfe und können damit Schaden anrichten. Das ungewöhnliche Erscheinungsbild wird dadurch noch eindringlicher. Die Pferde sind nicht nur von vorn gefährlich, wo sie mit löwenähnlichen Köpfen auftreten und tödliche Plagen aus ihren Mäulern hervorkommen lassen. Auch hinter ihnen befindet sich eine angreifende Macht.
Der Vergleich mit Schlangen erinnert an ein Tier, das innerhalb der Bibel unterschiedliche Bedeutungen besitzt. Schon in 1. Mose 3 erscheint die Schlange als Werkzeug der Versuchung, durch die der Mensch zum Ungehorsam gegenüber Gott verleitet wird. In Offenbarung 12,9 wird Satan ausdrücklich als die alte Schlange bezeichnet, die die ganze Welt verführt. Dadurch kann das Bild der Schlange innerhalb der Offenbarung an Täuschung und widergöttliches Handeln erinnern. Allerdings verwendet Johannes Schlangenbilder nicht ausschließlich in diesem Sinn. Hier beschreibt er zunächst die gefährliche Beschaffenheit der Schwänze. Die bloße Ähnlichkeit mit einer Schlange beweist noch nicht, dass jeder dieser Schwänze einen bestimmten Dämon oder eine konkrete satanische Handlung symbolisiert.
Bemerkenswert ist außerdem der Unterschied zwischen den Schwänzen der Heuschrecken und denen der Pferde. Bei der fünften Posaune glichen die Schwänze Skorpionschwänzen mit Stacheln. Ihre Aufgabe bestand darin, Menschen fünf Monate lang zu quälen. Bei der sechsten Posaune gleichen die Schwänze dagegen Schlangen, die selbst Köpfe besitzen. Johannes verwendet somit in zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Visionen ähnliche Körperteile, verändert aber ihr Erscheinungsbild. Dadurch entstehen verwandte, jedoch nicht identische Bilder zerstörerischer Macht.
Eine sorgfältige Betrachtung zeigt auch, dass die tödliche Wirkung in den Versen unterschiedlich zugeordnet wird. Johannes sagt ausdrücklich, dass das Drittel der Menschen durch Feuer, Rauch und Schwefel getötet wird, die aus den Mäulern der Pferde hervorkommen. Von den schlangenähnlichen Schwänzen heißt es dagegen, dass sie Schaden anrichten. Zwar gehören beide Eigenschaften zur Gefährlichkeit der Pferde, doch der Text beschreibt ihre Wirkung nicht mit denselben Worten. Eine Auslegung sollte diesen Unterschied bewahren, anstatt sämtliche Angriffsmerkmale unterschiedslos als Todesursache zusammenzufassen.
Gerade diese ungewöhnlichen Eigenschaften haben in der Auslegungsgeschichte zahlreiche Erklärungsversuche hervorgerufen. Innerhalb der klassischen historistischen Deutung wurde die sechste Posaune insbesondere mit der militärischen Macht des Osmanischen Reiches verbunden. Die osmanischen Heere verfügten über Kavallerie und entwickelten zugleich den Einsatz von Feuerwaffen und Artillerie weiter. Bei der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 spielte schwere Artillerie eine bedeutende Rolle. Für frühere Ausleger lag deshalb der Gedanke nahe, dass das aus den Mäulern der Pferde hervorkommende Feuer, der Rauch und der Schwefel auf Schießpulverwaffen hinweisen könnten.
Diese Verbindung hat einen nachvollziehbaren geschichtlichen Hintergrund. Schwarzpulver enthält unter anderem Schwefel und erzeugt beim Abbrennen Feuer und Rauch. Der Einsatz entsprechender Waffen veränderte die Kriegsführung erheblich und trug dazu bei, bisher mächtige Befestigungen und militärische Ordnungen zu überwinden. Innerhalb einer historistischen Deutung, die bereits die fünfte Posaune mit der islamischen Expansion verbindet, erscheint deshalb die Zuordnung der sechsten Posaune zur osmanischen Militärmacht als eine mögliche Fortsetzung.
Auch die Schlangenschwänze der Pferde wurden innerhalb dieser Tradition geschichtlich erklärt. Türkisch-osmanische Herrscher und militärische Befehlshaber verwendeten Pferdeschweife als Rang- und Herrschaftszeichen. Solche Standarten konnten die Autorität eines Befehlshabers sichtbar machen. Ältere Ausleger stellten deshalb eine Verbindung zwischen diesen Zeichen und den ungewöhnlichen Schwänzen der Pferde her. Auch die Farben der Brustpanzer wurden gelegentlich mit bestimmten Erscheinungsformen türkischer Krieger in Verbindung gebracht.
Doch diese Vergleiche besitzen deutliche Grenzen. Johannes spricht nicht von Kanonen, Musketen oder Schießpulver. Die Feuererscheinungen kommen ausdrücklich aus den Mäulern der Pferde, nicht aus Waffen, die ihre Reiter tragen. Ebenso beschreibt der Text die Schwänze als schlangenähnlich und mit eigenen Köpfen versehen. Eine Pferdeschweifstandarte besitzt diese Eigenschaft nicht. Auch die Farben der Brustpanzer reichen nicht aus, um ein bestimmtes Volk eindeutig zu identifizieren. Deshalb können die historischen Parallelen eine mögliche Anwendung veranschaulichen, aber keine vollständige Erklärung jedes Einzelbildes liefern.
Hinzu kommt die gewaltige Zahl der Reiter. Ein buchstäblich verstandenes Heer von zweihundert Millionen berittenen Soldaten lässt sich nicht ohne Weiteres mit einer bestimmten osmanischen Armee gleichsetzen. Die klassische historische Auslegung müsste deshalb erklären, weshalb manche Bilder symbolisch verstanden werden, während andere Angaben für eine genaue Zeitrechnung verwendet werden. Eine solche Vorgehensweise kann begründet werden, darf aber nicht allein davon abhängen, welche Erklärung am besten zu einer bereits angenommenen geschichtlichen Zuordnung passt. Die einzelnen Entscheidungen müssen aus dem biblischen Text und seinem Zusammenhang hervorgehen.
Andere Ausleger verstehen das Reiterheer als eine zukünftige gewaltige Streitmacht oder als prophetisches Bild einer umfassenden zerstörerischen Macht. Wieder andere betonen besonders den dämonischen Hintergrund der Visionen, weil die sechste Posaune unmittelbar auf die Öffnung des Abgrunds und die Herrschaft des Zerstörers folgt. Für eine solche geistliche Deutung spricht die ungewöhnliche Verbindung verschiedener Tiergestalten und die Art der aus ihnen hervorkommenden Plagen. Dennoch nennt Johannes das Heer nicht ausdrücklich dämonisch. Ebenso wenig bezeichnet er es als eine Armee eines bestimmten zukünftigen Staates. Auch moderne Vergleiche mit Panzern, Flugzeugen oder anderen Waffen können deshalb nicht als bewiesene Identifikation gelten.
Für das Verständnis der Verse ist es entscheidend, die Aussagekraft der Bilder nicht durch eine zu enge historische Festlegung zu verlieren. Johannes beschreibt eine überwältigende Streitmacht, deren Erscheinung von Feuer, Rauch, Schwefel und gefährlichen Tiergestalten geprägt ist. Sie bringt Tod über einen erheblichen Teil der Menschen. Ihre Macht wirkt erschreckend, doch auch hier bleibt das Gericht begrenzt. Zugleich steht das Geschehen innerhalb der sechsten Posaune, deren Beginn ausdrücklich durch einen Befehl vom himmlischen Altar bestimmt wurde. Die Vision stellt damit selbst diese gewaltige Zerstörung nicht als ein Ereignis dar, das außerhalb von Gottes Herrschaft geschieht.
Eine wichtige Frage bleibt jedoch bestehen: Was bewirkt ein solches Gericht im Herzen der Menschen, die es überleben? Man könnte erwarten, dass der Anblick schwerer Zerstörung und die Erfahrung äußerster Hilflosigkeit die Menschen dazu bringen, über ihr eigenes Leben nachzudenken und sich Gott zuzuwenden. Genau diese Erwartung greift Johannes im nächsten Abschnitt auf. Doch seine Antwort ist erschütternd. Obwohl ein Drittel der Menschen getötet worden ist, halten die Überlebenden weiterhin an ihrem Götzendienst und ihrem Unrecht fest.
Damit führt die sechste Posaune zu einer Frage, die noch tiefer reicht als die Herkunft des Reiterheeres oder die geschichtliche Bedeutung seiner Waffen: Warum bleibt der Mensch manchmal selbst dann an seine Sünde gebunden, wenn er deren zerstörerische Folgen unmittelbar vor Augen hat? Die letzten beiden Verse des Kapitels zeigen, dass äußere Gerichte allein noch keine echte Umkehr des Herzens bewirken.
Offenbarung 9,20–21
Warum die Menschen trotz der Gerichte nicht umkehren
Nachdem Johannes das gewaltige Reiterheer und seine zerstörerische Macht beschrieben hat, richtet er den Blick auf die Menschen, die das Gericht überlebt haben. Ein Drittel der Menschen war durch Feuer, Rauch und Schwefel getötet worden. Doch die Übrigen ändern ihr Leben nicht. Sie kehren weder von der Anbetung der Dämonen und ihrer Götzenbilder um noch von ihren Morden, ihrer Zauberei, ihrer Unzucht und ihren Diebstählen (Offenbarung 9,20–21). Damit endet das Kapitel mit einer Aussage, die mindestens ebenso erschütternd ist wie die vorangegangenen Gerichtsvisionen. Nicht die Größe des Heeres oder die Gewalt seiner Angriffe bildet den eigentlichen Abschluss, sondern die Frage, weshalb Menschen selbst angesichts schwerster Warnungen an ihrem bisherigen Weg festhalten.
Zunächst fällt auf, dass Johannes ausdrücklich von den übrigen Menschen spricht, die durch diese Plagen nicht getötet wurden. Gemeint sind diejenigen, die das zuvor beschriebene Gericht überlebt haben. Der Text sagt nicht, dass jeder Mensch auf der gesamten Erde zu diesem Zeitpunkt dieselben Erfahrungen gemacht haben müsse. Ebenso wenig lässt sich daraus unmittelbar schließen, dass während der gesamten Geschichte der Posaunen kein einziger Mensch zur Umkehr gelangt sei. Johannes beschreibt die Reaktion der Überlebenden innerhalb dieser Vision. Ihre Haltung steht im Mittelpunkt, weil sie zeigt, dass selbst außergewöhnliche Ereignisse nicht zwangsläufig zu einer Veränderung des Herzens führen.
Diese Beobachtung erinnert an den Pharao zur Zeit des Auszugs Israels aus Ägypten. Wiederholt erlebte er, wie die angekündigten Plagen eintrafen. Er musste erkennen, dass Mose nicht aus eigener Macht handelte und dass seine ägyptischen Götter die Gerichte nicht aufhalten konnten. Während einzelner Plagen zeigte er sogar Anzeichen von Einsicht. In 2. Mose 9,27 bekannte er, gesündigt zu haben, und bezeichnete den HERRN als gerecht. Doch sobald die Bedrängnis nachließ, verhärtete er erneut sein Herz und weigerte sich, Israel ziehen zu lassen. Sein Verhalten zeigt einen wichtigen Unterschied: Ein Mensch kann die Folgen seines Handelns fürchten und dennoch nicht bereit sein, seine bisherige Haltung wirklich aufzugeben.
Gerade dieser Unterschied hilft, Offenbarung 9 zu verstehen. Die Überlebenden haben eine gewaltige Erschütterung erlebt. Doch ihre Erfahrung führt nicht zur Abkehr von den Dingen, denen sie zuvor vertraut haben. Äußere Not kann Menschen ihre Grenzen zeigen, aber sie bringt nicht automatisch Liebe zur Wahrheit, Vertrauen auf Gott oder den Wunsch nach einem neuen Leben hervor. Wer ausschließlich darum bittet, dass eine Gefahr vorübergeht, muss deshalb noch nicht bereit sein, die Ursachen seines eigenen falschen Handelns zu erkennen. Wirkliche Umkehr reicht tiefer als der Wunsch, von unangenehmen Folgen verschont zu bleiben.
Johannes nennt zunächst die Werke ihrer Hände. Diese Formulierung ist innerhalb der Bibel besonders bedeutungsvoll. Einerseits kann sie ganz allgemein das bezeichnen, was Menschen durch ihr Handeln hervorbringen. Andererseits wird sie im Alten Testament wiederholt mit selbst angefertigten Götzenbildern verbunden. In 5. Mose 4,28 kündigt Mose an, dass Israel im Fall seiner Untreue unter fremden Völkern Göttern dienen werde, die von Menschenhänden gemacht sind. Diese Götter bestehen aus Holz und Stein und können weder sehen noch hören noch essen oder riechen. Sie besitzen keine göttliche Macht, sondern sind Erzeugnisse menschlicher Arbeit.
Darin liegt ein grundlegender Widerspruch des Götzendienstes. Der Mensch fertigt einen Gegenstand mit seinen eigenen Händen an und beginnt anschließend, ihn als eine höhere Macht zu verehren. Was von ihm selbst geschaffen wurde, soll nun sein Leben bestimmen, seine Gebete erhören und ihm Sicherheit geben. Der lebendige Gott dagegen hat den Menschen erschaffen und erhält sein Leben. Wer das Werk seiner eigenen Hände an die Stelle des Schöpfers setzt, kehrt somit die ursprüngliche Beziehung zwischen Gott und Mensch um. Nicht mehr der Schöpfer wird verehrt, sondern etwas Geschaffenes.
Besonders anschaulich beschreibt Psalm 115,4–8 diesen Gegensatz. Dort werden Götzenbilder aus Silber und Gold als Werke von Menschenhänden bezeichnet. Sie besitzen Münder, können aber nicht sprechen. Sie haben Augen, können jedoch nicht sehen, und Ohren, mit denen sie nichts hören. Auch ihre Füße ermöglichen ihnen keine Bewegung. Der Psalm macht damit deutlich, wie sinnlos es ist, sich von solchen Gegenständen göttliche Hilfe zu erwarten. Besonders ernst ist die anschließende Aussage, dass diejenigen, die solche Götzen herstellen und auf sie vertrauen, ihnen ähnlich werden. Damit ist nicht gemeint, dass sie äußerlich zu Statuen werden. Vielmehr führt die Hinwendung zu machtlosen Götzen in eine geistliche Verblendung, bei der Menschen die Wirklichkeit des lebendigen Gottes aus dem Blick verlieren.
Johannes greift diese Sprache nahezu unmittelbar auf. Er nennt Götzenbilder aus Gold, Silber, Erz, Stein und Holz und betont, dass sie weder sehen noch hören noch gehen können. Diese Aufzählung erinnert außerdem an Daniel 5,23. Dort wird dem babylonischen König Belsazar vorgeworfen, Götter aus Silber, Gold, Erz, Eisen, Holz und Stein gepriesen zu haben, obwohl diese weder sehen noch hören noch etwas erkennen können. Gleichzeitig hatte er den Gott nicht geehrt, in dessen Hand sein Lebensodem und alle seine Wege standen. Die Verbindung ist bemerkenswert: Sowohl bei Daniel als auch in der Offenbarung steht der Götzendienst im Zusammenhang mit menschlichem Hochmut und einem bevorstehenden beziehungsweise bereits wirksamen Gericht.
Damit erhält die Aussage über die Werke der Hände eine besondere Tiefe. Die Menschen halten an etwas fest, das sie nicht retten kann. Obwohl sie die Grenzen irdischer Macht erfahren haben, wenden sie sich weiterhin an Bilder, die nicht einmal die einfachsten Fähigkeiten lebender Geschöpfe besitzen. Johannes beschreibt somit nicht nur eine falsche religiöse Handlung. Er stellt die Frage, weshalb Menschen ihre Hoffnung auf etwas setzen, das von ihnen selbst abhängig ist und keine eigene Macht über Leben und Tod besitzt.
Besonders auffällig ist dabei der Gegensatz zur Altarszene am Anfang der sieben Posaunen. In Offenbarung 8,3–4 stiegen die Gebete der Gläubigen vor den lebendigen Gott auf. Ihre Bitten blieben nicht außerhalb seiner Gegenwart. Nun beschreibt Johannes Menschen, die Bilder anbeten, welche nicht einmal hören können. Die eine Gruppe richtet sich an den Schöpfer, der ihre Gebete kennt. Die andere hält an Gegenständen fest, die selbst von menschlichen Händen hergestellt wurden. Dieser Gegensatz zeigt, wie grundlegend die Frage der Anbetung für die Offenbarung ist. Entscheidend ist nicht allein, ob Menschen religiöse Handlungen ausführen, sondern wem sie ihre Verehrung entgegenbringen.
Johannes geht jedoch noch weiter. Er spricht nicht nur von der Anbetung der Götzenbilder, sondern auch von der Anbetung der Dämonen. Damit zeigt die Vision, dass Götzendienst nach biblischem Verständnis mehr sein kann als ein Irrtum über die Eigenschaften eines Gegenstandes. Ein wichtiger Zusammenhang findet sich in 5. Mose 32,16–17. Dort wird Israel vorgeworfen, fremden Göttern geopfert und dadurch den HERRN zur Eifersucht gereizt zu haben. Die Opfer werden ausdrücklich mit dämonischen Mächten in Verbindung gebracht. Das Problem liegt demnach nicht allein im Material der Götzenbilder, sondern in der geistlichen Abwendung von dem Gott, der Israel erlöst und versorgt hatte.
Paulus greift diesen Gedanken in 1. Korinther 10,19–21 auf. Er erklärt zunächst, dass ein Götzenbild an sich keine wirkliche göttliche Macht besitzt. Dennoch warnt er davor, sich durch den Götzendienst mit Dämonen einzulassen. Seine Aussage unterscheidet zwischen dem leblosen Gegenstand und der geistlichen Bedeutung der damit verbundenen Verehrung. Das Bild ist kein lebendiger Gott. Doch die bewusste Hinwendung zu falschen Göttern kann Menschen in einen geistlichen Zusammenhang führen, der dem wahren Gott entgegensteht.
Diese Unterscheidung ist auch für Offenbarung 9 entscheidend. Johannes behauptet nicht, dass die Statuen selbst lebendig wären oder aus eigener Kraft handelten. Im Gegenteil: Er betont ausdrücklich ihre Unfähigkeit zu sehen, zu hören und zu gehen. Gleichzeitig nennt er die dämonische Anbetung. Der sichtbare Götzendienst und die dahinterstehende geistliche Verirrung gehören somit innerhalb der Vision zusammen. Die Menschen haben den lebendigen Gott verlassen und halten an einer Verehrung fest, die sie nicht zu ihm führt.
Daraus ergibt sich auch eine geistliche Anwendung für Menschen, die keine Götzenstatuen anbeten. Götzendienst beginnt nach dem biblischen Zeugnis nicht ausschließlich dort, wo sich jemand vor einem geschnitzten Bild niederwirft. Er kann auch dort entstehen, wo etwas Geschaffenes den Platz einnimmt, der Gott allein zusteht. Paulus bezeichnet beispielsweise die Habsucht als Götzendienst (Kolosser 3,5). Wenn Besitz, Macht, Erfolg oder die Anerkennung anderer Menschen zum höchsten Maßstab des Lebens werden, kann daraus eine Bindung entstehen, die Gottes Willen verdrängt. Diese Anwendung erweitert den Gedanken des biblischen Götzendienstes, darf jedoch nicht mit der unmittelbaren Aussage von Offenbarung 9 verwechselt werden. Johannes spricht dort ausdrücklich auch über die Verehrung von Dämonen und Götzenbildern.
Nachdem er die falsche Anbetung genannt hat, wendet sich Johannes dem Verhalten der Menschen zu. Sie kehren nicht von ihren Morden, ihrer Zauberei, ihrer Unzucht und ihren Diebstählen um. Damit zeigt sich ein wichtiger Zusammenhang: Die Abwendung von Gott bleibt nicht ohne Folgen für den Umgang mit anderen Menschen. Falsche Anbetung und schuldhaftes Handeln erscheinen nicht als zwei voneinander unabhängige Probleme. Wenn Gottes Wille zurückgewiesen wird, verliert auch sein Maßstab für das menschliche Zusammenleben seine verbindliche Stellung.
Das erste genannte Vergehen ist Mord. Bereits nach der Sintflut erklärte Gott gegenüber Noah, dass das Leben des Menschen besonders geschützt werden müsse, weil er nach Gottes Bild geschaffen ist (1. Mose 9,6). Das sechste Gebot verbietet ausdrücklich das Töten im Sinne des Mordes (2. Mose 20,13). Wer vorsätzlich unschuldiges Leben nimmt, greift damit nicht nur einen anderen Menschen an, sondern missachtet zugleich dessen Würde als Geschöpf Gottes. Dass Johannes ausgerechnet nach der Beschreibung eines Gerichts mit zahlreichen Toten den fortgesetzten Mord nennt, ist erschütternd. Die Menschen haben den Tod in gewaltigem Ausmaß erlebt und halten dennoch an einer Lebensweise fest, in der menschliches Leben missachtet wird.
Als Nächstes nennt Johannes die Zauberei. Im griechischen Text steht ein Wort aus dem Bedeutungsfeld von pharmakeia. In der antiken Welt konnte dieser Ausdruck im Zusammenhang mit Zauberei, magischen Praktiken und der Verwendung bestimmter Stoffe stehen. Innerhalb der biblischen Aufzählung geht es jedoch um verbotene magische Handlungen und deren Verbindung mit geistlicher Verführung. Der Begriff darf deshalb nicht einfach mit der modernen medizinischen Verwendung von Arzneimitteln gleichgesetzt werden. Johannes verurteilt hier nicht ärztliche Behandlung oder den verantwortungsvollen Gebrauch von Medikamenten. Im Mittelpunkt steht vielmehr eine Praxis, durch die Menschen außerhalb Gottes nach verborgener Macht und übernatürlicher Einflussnahme suchen.
Schon im Alten Testament hatte Gott Israel davor gewarnt, sich Wahrsagerei, Beschwörung und anderen magischen Praktiken zuzuwenden (5. Mose 18,9–14). Diese Warnungen standen im Zusammenhang mit der Aufforderung, auf den HERRN zu hören und sich nicht an die religiösen Praktiken der umliegenden Völker anzupassen. In Offenbarung 9 erscheint die Zauberei nun unter den Vergehen, von denen die Menschen trotz der Gerichte nicht umkehren. Die Verbindung zum Götzendienst liegt nahe: Wer sich von Gottes Wahrheit entfernt, kann versucht sein, Sicherheit, Erkenntnis oder Macht auf Wegen zu suchen, die ihn noch weiter von Gott entfernen.
Das dritte Vergehen ist Unzucht. Das zugrunde liegende griechische Wort porneia bezeichnet unerlaubtes sexuelles Verhalten und wird im Neuen Testament als Sammelbegriff für sexuelle Unmoral verwendet. Johannes nennt es hier als einen Bereich, in dem Menschen Gottes Willen weiterhin missachten. Die Bibel betrachtet die menschliche Sexualität nicht grundsätzlich als etwas Schlechtes. Nach der Schöpfungsgeschichte gehört die Verbindung von Mann und Frau zur von Gott gewollten Ordnung des menschlichen Lebens (1. Mose 2,24). Problematisch wird sexuelles Verhalten dort, wo diese Ordnung verletzt wird und Menschen ihre Wünsche über Gottes Maßstab stellen. Die Aufnahme der Unzucht in die Aufzählung zeigt deshalb, dass echte Umkehr nicht allein die äußere Religionsausübung betrifft. Sie schließt auch den persönlichen Lebenswandel ein.
Schließlich nennt Johannes den Diebstahl. Bereits das achte Gebot verbietet, sich widerrechtlich anzueignen, was einem anderen Menschen gehört (2. Mose 20,15). Hinter einem solchen Verhalten können Habgier, Rücksichtslosigkeit und die Bereitschaft stehen, den eigenen Vorteil auf Kosten anderer zu suchen. Wer stiehlt, missachtet die Rechte seines Mitmenschen und verletzt das Vertrauen, auf dem menschliches Zusammenleben beruht. Auch dieses Vergehen bleibt nach der Vision bestehen, obwohl die Betroffenen bereits schwere Gerichte erlebt haben. Die äußere Bedrohung hat ihre innere Haltung offenbar nicht grundlegend verändert.
Auffällig ist, dass Johannes sowohl die falsche Anbetung als auch das fortgesetzte Unrecht ausdrücklich mit fehlender Buße verbindet. Er beschreibt nicht lediglich, dass die Menschen weiterhin sündigen. Zweimal stellt er fest, dass sie nicht umkehren. Dadurch erhält die Aufzählung ihren eigentlichen Schwerpunkt. Die Menschen bleiben nicht deshalb unter Gottes Urteil, weil sie nie einen Fehler gemacht hätten und nun trotz eines ansonsten guten Lebens eine einzelne Schwäche zeigen. Johannes schildert vielmehr eine anhaltende Weigerung, sich von einer Lebensweise abzuwenden, die Gottes Willen widerspricht.
Um die Bedeutung dieser Aussage zu verstehen, müssen wir beachten, was die Bibel unter Buße versteht. Der griechische Begriff metanoia bezeichnet eine Veränderung des Denkens beziehungsweise der inneren Haltung, die sich in einer neuen Lebensrichtung ausdrückt. Buße ist deshalb mehr als Angst vor Strafe oder ein vorübergehendes Bedauern unangenehmer Folgen. Sie bedeutet, die eigene Schuld vor Gott anzuerkennen, sich von ihr abzuwenden und sich seiner Wahrheit zuzuwenden. Johannes der Täufer forderte seine Zuhörer auf, Früchte hervorzubringen, die der Buße entsprechen (Matthäus 3,8). Daran wird deutlich, dass eine wirkliche innere Umkehr auch im äußeren Verhalten erkennbar werden soll.
Der Prophet Hesekiel verbindet diesen Gedanken ausdrücklich mit Gottes Wunsch, Menschen vor dem Verderben zu bewahren. In Hesekiel 33,11 erklärt Gott, dass er kein Gefallen am Tod des Gottlosen hat, sondern daran, dass dieser von seinem Weg umkehrt und lebt. Die Aufforderung zur Umkehr entspringt somit nicht dem Wunsch, Menschen zu vernichten. Sie zeigt vielmehr, dass Gott ihnen einen Weg zum Leben eröffnet. Auch im Neuen Testament wird seine Geduld als Gelegenheit zur Buße beschrieben. Paulus erklärt in Römer 2,4, dass Gottes Güte den Menschen zur Umkehr führen will.
Gerade vor diesem Hintergrund wird das Ende von Offenbarung 9 besonders ernst. Die Überlebenden haben erfahren, wie begrenzt menschliche Macht ist. Sie haben gesehen, dass ihre Lebensumstände erschüttert werden können und dass selbst das eigene Leben nicht selbstverständlich ist. Doch sie nehmen diese Erfahrung nicht zum Anlass, sich von ihrer falschen Anbetung und ihrem Unrecht abzuwenden. Die Vision zeigt damit, dass äußere Erschütterungen allein das menschliche Herz nicht erneuern. Ein Mensch kann Gottes Warnungen wahrnehmen und dennoch an einer Haltung festhalten, die ihn von Gott trennt.
Diese Beobachtung begegnet später erneut. In Offenbarung 16,9 werden Menschen beschrieben, die unter schweren Plagen leiden und dennoch nicht Buße tun, um Gott die Ehre zu geben. Stattdessen lästern sie seinen Namen. Auch in Offenbarung 16,11 verbindet Johannes die Verhärtung der Menschen mit ihrer Weigerung, von ihren Werken umzukehren. Die wiederholte Aussage macht deutlich, dass das Problem nicht allein darin besteht, dass Menschen zu wenig von Gottes Macht gesehen hätten. Ihr Widerstand kann so tief reichen, dass selbst erschütternde Erfahrungen nicht zu Vertrauen, Gehorsam und einer neuen Lebensrichtung führen.
Daraus darf jedoch keine allgemeine Regel abgeleitet werden, dass Leiden niemals zur Umkehr beitragen könne. Die Bibel berichtet an anderen Stellen durchaus von Menschen, die in einer Notlage zur Besinnung gelangen. Der verlorene Sohn kommt beispielsweise zur Einsicht, als er in großer Armut lebt und erkennt, wie weit er sich von seinem Vater entfernt hat (Lukas 15,17–20). Entscheidend ist also nicht die äußere Erfahrung allein, sondern die Reaktion des Menschen darauf. Dieselbe Not kann einen Menschen dazu bringen, seine Hilflosigkeit anzuerkennen und zu Gott zurückzukehren, während ein anderer sich noch stärker gegen ihn verschließt.
Auch das Ende der Gnadenzeit lässt sich aus diesen beiden Versen allein nicht bestimmen. Johannes beschreibt eine Gruppe von Überlebenden, die nicht Buße tut. Er erklärt jedoch nicht ausdrücklich, dass in diesem Augenblick die Möglichkeit zur Umkehr für sämtliche Menschen endgültig vorüber sei. Die Aussage sollte deshalb nicht über ihren unmittelbaren Zusammenhang hinaus ausgedehnt werden. Ihr ernster Inhalt bleibt auch ohne eine solche Schlussfolgerung bestehen: Gottes Warnungen werden erlebt, aber nicht angenommen.
Für die Auslegung der sechsten Posaune besitzt dieser Abschluss eine besondere Bedeutung. Wer ausschließlich nach dem historischen Ursprung des Reiterheeres, nach möglichen Waffen oder nach der Berechnung prophetischer Zeiträume sucht, kann leicht übersehen, worauf Johannes seinen Bericht zuletzt richtet. Er beendet das Kapitel nicht mit dem Sieg einer bestimmten Armee. Er nennt keinen Kaiser, keinen Sultan und kein geschichtliches Enddatum. Stattdessen spricht er über den geistlichen Zustand der Menschen. Damit legt die Offenbarung selbst einen Schwerpunkt fest, der für jede historische Deutung verbindlich bleibt.
Die Frage lautet deshalb nicht nur, welche geschichtlichen Ereignisse den Bildern der sechsten Posaune entsprechen könnten. Ebenso wichtig ist, weshalb Johannes die Gerichte mit der fortgesetzten Verehrung falscher Götter und mit menschlichem Unrecht verbindet. Eine Erklärung, die zwar jedes Pferd und jede Waffe einer bestimmten historischen Macht zuordnet, aber die abschließende Aussage über die fehlende Buße kaum berücksichtigt, würde einen wesentlichen Teil des Kapitels verfehlen.
Offenbarung 9 endet damit ohne die Beschreibung einer allgemeinen Umkehr. Die überlebenden Menschen erkennen ihre Abhängigkeit von Gott nicht an und halten weiterhin an den Werken ihrer Hände fest. Gerade darin offenbart sich die erschreckende Macht eines verhärteten Herzens. Der Mensch kann die Folgen des Bösen erleben und dennoch an ihm festhalten. Er kann erfahren, wie vergänglich seine Sicherheiten sind, und trotzdem seine Hoffnung auf Dinge setzen, die ihn nicht retten können.
Doch die Offenbarung schildert diese Haltung nicht, um ihre Leser in Hoffnungslosigkeit zurückzulassen. Wer ihre Warnungen hört, soll gerade nicht den Weg der beschriebenen Menschen einschlagen. Er ist eingeladen, Gottes Stimme ernst zu nehmen, seine eigene Haltung zu prüfen und sich nicht erst durch immer schwerere Erfahrungen zur Wahrheit drängen zu lassen. Denn die eigentliche Antwort auf Gottes Warnungen besteht nicht in der bloßen Angst vor dem Gericht, sondern in einer bewussten Hinwendung zu ihm.
Mit dieser ernsten Feststellung endet das neunte Kapitel. Das zweite Wehe ist damit innerhalb der Darstellung noch nicht ausdrücklich für abgeschlossen erklärt. Bevor Johannes in Offenbarung 11,14 dessen Ende verkündet, führt ihn die nächste Vision zunächst zu einem mächtigen Engel mit einem geöffneten Büchlein. Damit wird die fortlaufende Darstellung der Posaunen unterbrochen und der Blick auf den prophetischen Auftrag gelenkt, den Johannes selbst empfängt.
Die abschließenden Worte von Offenbarung 9 bleiben dabei im Gedächtnis: Nicht jede Erschütterung verändert einen Menschen. Entscheidend ist, ob er bereit ist, Gottes Wahrheit anzunehmen und sich von dem abzuwenden, was ihn von seinem Schöpfer trennt.
Geistliche Kernbotschaft
Offenbarung 9 führt den Leser in eine Welt voller bedrohlicher Erscheinungen. Ein gefallener Stern öffnet den Abgrund, ungewöhnliche Heuschrecken bringen schweres Leid über Menschen, und ein gewaltiges Reiterheer verursacht Tod und Zerstörung. Doch hinter diesen erschütternden Bildern steht eine Wahrheit, die für das Verständnis des gesamten Kapitels entscheidend ist: Auch zerstörerische Mächte besitzen keine uneingeschränkte Herrschaft. Ihre Macht ist begrenzt, ihre Handlungsmöglichkeiten sind festgelegt, und sie können nicht unabhängig von Gottes übergeordneter Herrschaft handeln.
Bereits bei der fünften Posaune wird diese Grenze deutlich. Der Stern erhält den Schlüssel zum Abgrund. Die Heuschrecken bekommen eine bestimmte Macht, dürfen jedoch weder die Pflanzen beschädigen noch Menschen töten. Außerdem ist ihr Angriff auf diejenigen beschränkt, die Gottes Siegel nicht tragen. Auch die Dauer ihrer Bedrängnis wird begrenzt. Bei der sechsten Posaune begegnet derselbe Grundgedanke erneut. Die vier Engel am Euphrat werden erst freigelassen, nachdem der entsprechende Befehl vom goldenen Altar ausgegangen ist. Johannes beschreibt damit keine Welt, die Gott aus den Händen geglitten wäre. Selbst dort, wo furchtbare Mächte auftreten, bleibt ihr Handeln innerhalb festgesetzter Grenzen.
Diese Aussage ist besonders wichtig, weil die Bibel das Böse nicht verharmlost. Die Heuschrecken bringen wirkliche Qual, und das Reiterheer verursacht den Tod zahlreicher Menschen. Die Vision stellt diese Ereignisse nicht als harmlose Schwierigkeiten dar, die der Mensch aus eigener Kraft leicht überwinden könnte. Zugleich zeigt sie aber, dass das Böse keine unabhängige Macht besitzt, die Gott ebenbürtig wäre. Es kann Menschen schwer bedrängen, doch es entscheidet nicht selbst über das endgültige Schicksal der Schöpfung. Für Gläubige liegt darin eine wichtige Grundlage ihrer Hoffnung: Ihr Leben steht nicht letztlich unter der Herrschaft des Zerstörers, sondern unter der Herrschaft Gottes.
Besondere Bedeutung erhält in diesem Zusammenhang das Siegel Gottes. Johannes beschreibt Menschen, die mitten in einer bedrohten Welt zu Gott gehören und deshalb von dem ausdrücklich genannten Angriff der fünften Posaune ausgenommen sind. Ihre Zugehörigkeit wird nicht durch äußeren Wohlstand, politische Stärke oder menschliche Leistung begründet. Entscheidend ist, dass Gott sie als die Seinen kennt. Diese Gewissheit bedeutet nicht, dass gläubige Menschen grundsätzlich vor Krankheit, Verfolgung oder Tod geschützt wären. Die Offenbarung berichtet selbst von treuen Nachfolgern Jesu, die wegen ihres Glaubens leiden. Doch ihre Beziehung zu Gott bleibt auch dann bestehen, wenn ihre irdischen Lebensumstände erschüttert werden.
Darüber hinaus zeigt das Kapitel, wie eng die Frage nach Gottes Herrschaft mit der Frage nach menschlicher Anbetung verbunden ist. Am Ende beschreibt Johannes Menschen, die trotz schwerer Gerichte nicht von ihren Götzen umkehren. Sie halten an den Werken ihrer Hände fest, obwohl diese weder sehen noch hören noch gehen können. Darin liegt ein erschütternder Widerspruch. Der Mensch erlebt seine eigene Hilflosigkeit und vertraut dennoch weiterhin auf Dinge, die selbst keine Macht besitzen, ihn zu retten. Die eigentliche Gefahr besteht deshalb nicht nur in äußeren Bedrohungen. Sie liegt auch in einem Herzen, das sich weigert, den lebendigen Gott anzuerkennen.
Damit führt Offenbarung 9 zu einer Frage, die jeden Menschen betrifft: Was kann uns wirklich zur Umkehr bewegen? Die Vision zeigt, dass selbst schweres Leid nicht automatisch zu einer veränderten Haltung führt. Wer Gott nur deshalb sucht, weil er einer Gefahr entkommen möchte, kann sich erneut von ihm entfernen, sobald die Bedrängnis nachlässt. Wahre Umkehr reicht tiefer. Sie beginnt dort, wo der Mensch seine Schuld erkennt, Gottes Wahrheit annimmt und bereit wird, sich von seinem bisherigen falschen Weg abzuwenden.
Gerade an dieser Stelle wird die Bedeutung Jesu Christi sichtbar. Er ist nicht gekommen, um Menschen durch Schrecken zu einer äußerlichen Unterwerfung zu zwingen. Sein Erlösungswerk offenbart Gottes Liebe und eröffnet einen Weg zurück zum Vater. Jesus ruft Menschen zur Umkehr und schenkt ihnen durch seinen Tod und seine Auferstehung die Hoffnung auf Vergebung und neues Leben. Die schweren Gerichte der Offenbarung stehen deshalb innerhalb einer größeren biblischen Geschichte, deren Mittelpunkt nicht der Abgrund, sondern das Lamm Gottes ist.
So offenbart Offenbarung 9 zwei grundlegende Gegensätze. Auf der einen Seite stehen Mächte, deren Wirken von Verderben und Zerstörung geprägt ist. Auf der anderen Seite steht Gott, der Leben schenkt, Menschen zur Umkehr ruft und seine Erlösten nicht vergisst. Gleichzeitig zeigt sich der Gegensatz zwischen Menschen, die ihm gehören, und solchen, die trotz seiner Warnungen an falscher Anbetung festhalten. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein, wann und wie sich die beschriebenen Gerichte erfüllen. Wichtiger ist, zu wem der Mensch gehört und ob er bereit ist, Gottes Stimme zu hören.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Eine der wichtigsten Verbindungen führt zu den Heuschreckenplagen des Alten Testaments. In 2. Mose 10,12–15 vernichten Heuschrecken die Vegetation Ägyptens und zeigen damit die Grenzen der Macht des Pharaos. Der Prophet Joel verwendet später ebenfalls Heuschreckenbilder, verbindet sie jedoch mit der Erscheinung eines gewaltigen Heeres und dem nahenden Tag des HERRN. Besonders Joel 2,4–5 enthält auffällige Parallelen zu Offenbarung 9: Die Heuschrecken erscheinen wie Pferde, bewegen sich wie Reiter und verursachen einen Lärm, der an Streitwagen erinnert. Johannes übernimmt diese vertraute prophetische Sprache, gestaltet sie jedoch weiter. Seine Heuschrecken dürfen keine Pflanzen vernichten, sondern richten ihre Angriffe gegen bestimmte Menschen. Dadurch wird deutlich, dass die alttestamentlichen Berichte den Hintergrund der Vision bilden, ohne sämtliche Einzelheiten ihrer Bedeutung bereits festzulegen.
Eine zweite grundlegende Verbindung besteht zwischen Offenbarung 7 und Offenbarung 9,4. In Kapitel 7 werden Gottes Knechte an ihren Stirnen versiegelt, bevor die angekündigte Schädigung eintritt. Bei der fünften Posaune dürfen die Heuschrecken diejenigen Menschen nicht angreifen, die dieses Siegel tragen. Die beiden Stellen ergänzen einander unmittelbar. Während Kapitel 7 die Zugehörigkeit zu Gott hervorhebt, zeigt Kapitel 9 eine konkrete Folge dieser Zugehörigkeit. Ein verwandter Gedanke begegnet beim Passah in 2. Mose 12, wo die Israeliten durch das von Gott angeordnete Zeichen an ihren Häusern vor einem bestimmten Gericht bewahrt werden. Beide Berichte zeigen, dass göttliche Bewahrung auf Gottes Zusage beruht. Dabei unterscheiden sich das Blut des Passahlammes und das Siegel der Offenbarung in ihrer jeweiligen Darstellung und dürfen nicht einfach als identische Zeichen behandelt werden.
Besonders aufschlussreich ist auch der Vergleich mit dem Buch Hiob. In Hiob 1–2 wird beschrieben, dass Satan gegen Hiob vorgehen möchte, dabei aber Grenzen gesetzt bekommt. Zunächst darf er dessen Leben nicht antasten, später wird ihm ausdrücklich untersagt, Hiob zu töten. Das Böse besitzt somit Handlungsmöglichkeiten, aber keine uneingeschränkte Macht. Offenbarung 9 enthält eine verwandte Aussage. Die Heuschrecken dürfen Menschen quälen, aber nicht töten, und die Dauer ihrer Macht ist begrenzt. Beide Texte behandeln unterschiedliche Ereignisse, machen jedoch deutlich, dass Gott selbst dort die Oberhoheit behält, wo zerstörerische Mächte vorübergehend wirksam werden. Diese Verbindung hilft, die fünfte Posaune nicht als einen Kampf zweier gleich mächtiger Gegenspieler misszuverstehen.
Eine weitere Verbindung betrifft den Abgrund und den Engel, der über die Heuschrecken herrscht. In Lukas 8,31 bitten Dämonen Jesus, sie nicht in den Abgrund zu schicken. In Offenbarung 20,1–3 wird Satan durch einen Engel in den Abgrund eingeschlossen. Diese Stellen zeigen, dass der Abgrund im Neuen Testament mit der Macht und der Begrenzung böser geistlicher Wesen verbunden sein kann. Offenbarung 9 beschreibt dagegen die Öffnung des Abgrunds und das Hervorkommen zerstörerischer Wesen. Die Bilder stehen somit in einer erkennbaren Beziehung, besitzen jedoch unterschiedliche Funktionen. Ihre Gemeinsamkeit reicht aus, um den geistlichen Hintergrund der fünften Posaune ernst zu nehmen. Sie beweist aber nicht, dass sämtliche handelnden Gestalten in diesen Visionen identisch sind.
Der große Strom Euphrat verbindet die sechste Posaune mit der Geschichte der Reiche Assyrien und Babylon. In Jesaja 8,7–8 wird die Macht des assyrischen Königs mit den überströmenden Wassern des Euphrat verglichen. Das Bild veranschaulicht, wie eine feindliche Herrschaft über ein Land hereinbrechen kann. In Jeremia 51 erscheint der Euphrat im Zusammenhang mit dem Gericht über Babylon. Beide Texte zeigen, dass dieser Fluss weit mehr als eine geografische Angabe sein konnte. Er erinnerte zugleich an mächtige Reiche und an die Bedrohungen, die von ihnen ausgingen. Offenbarung 9 greift mit der Freilassung der vier Engel am Euphrat eine Bildwelt auf, die solche geschichtlichen Erinnerungen hervorrufen konnte. Dennoch nennt Johannes keine bestimmte Nation, sodass die genaue geschichtliche Anwendung weiterer Begründung bedarf.
Eine besonders wichtige Verbindung führt zu Offenbarung 8,3–5. Dort werden die Gebete der Heiligen zusammen mit Räucherwerk vor Gott gebracht. Der goldene Altar steht innerhalb dieser Szene für den himmlischen Zusammenhang von Gebet und Gottes gerechtem Handeln. Bei der sechsten Posaune geht nun eine Stimme von den vier Hörnern dieses Altars aus. Damit wird die Verbindung zwischen dem Heiligtum und den Gerichten weitergeführt. Die Ereignisse erscheinen nicht als ein Geschehen, das unabhängig von Gottes Thron abläuft. Zugleich bleibt offen, von wem die Stimme unmittelbar stammt. Der Text erlaubt deshalb eine klare Aussage über den himmlischen Ursprung des Befehls, ohne dass der Sprecher genauer identifiziert werden muss.
Auch die letzten beiden Verse des Kapitels besitzen bedeutende alttestamentliche Parallelen. In Psalm 115,4–8 werden Götzenbilder als Werke menschlicher Hände beschrieben, die weder sprechen noch sehen noch hören können. Daniel 5,23 verwendet eine ähnliche Sprache, als der babylonische König Belsazar wegen seines Hochmuts und seiner falschen Anbetung zurechtgewiesen wird. Offenbarung 9,20 greift dieselbe Gegenüberstellung auf. Menschen verehren Gegenstände, die sie selbst hergestellt haben, während sie den lebendigen Gott nicht anerkennen. Der Zusammenhang zwischen Götzendienst und dämonischer Verehrung wird außerdem in 5. Mose 32,16–17 und 1. Korinther 10,19–21 deutlich. Diese Stellen zeigen, weshalb die Bibel Götzendienst nicht nur als einen Irrtum über materielle Gegenstände betrachtet, sondern als eine ernsthafte geistliche Abwendung von Gott.
Schließlich ist Hesekiel 33,11 für das Verständnis des Kapitelendes besonders wichtig. Dort erklärt Gott, dass er kein Gefallen am Tod des Gottlosen hat, sondern daran, dass dieser von seinem Weg umkehrt und lebt. Offenbarung 9 berichtet dagegen von Menschen, die trotz schwerer Gerichte nicht zur Umkehr bereit sind. Die beiden Aussagen widersprechen sich nicht. Sie zeigen vielmehr die Spannung zwischen Gottes Ruf zum Leben und der menschlichen Möglichkeit, diesen Ruf zurückzuweisen. Gott offenbart seinen Willen zur Umkehr, doch er beschreibt Menschen nicht als willenlose Wesen, die durch äußeren Zwang automatisch gehorsam werden. Gerade deshalb besitzt die persönliche Entscheidung für oder gegen Gottes Wahrheit eine so ernste Bedeutung.
Wichtige Lektionen
Eine wichtige Lektion aus Offenbarung 9 betrifft den Umgang mit Angst. Die Bilder des Abgrunds, der Heuschrecken und des gewaltigen Reiterheeres können erschrecken. Wer sie liest, könnte versucht sein, sich ausschließlich mit den zerstörerischen Mächten zu beschäftigen. Doch Johannes beschreibt ebenso deutlich, dass deren Macht begrenzt wird. Für das persönliche Glaubensleben bedeutet das, dass der Blick nicht allein auf die Größe einer Bedrohung gerichtet bleiben sollte. Christen dürfen die Wirklichkeit des Bösen ernst nehmen, ohne ihm eine Macht zuzuschreiben, die Gottes Herrschaft übersteigen könnte. Vertrauen auf Gott bedeutet dabei nicht, Gefahren zu leugnen, sondern ihre Bedeutung im Licht seiner größeren Verheißungen zu beurteilen.
Eine zweite Lektion liegt in der Frage nach der eigenen Zugehörigkeit. Das Siegel Gottes erinnert daran, dass christlicher Glaube mehr umfasst als die Kenntnis biblischer Lehren. Entscheidend ist eine wirkliche Beziehung zu Gott, die sich im Vertrauen auf Jesus Christus und in der Bereitschaft zum Gehorsam ausdrückt. Niemand kann seine Zugehörigkeit zu Gott durch äußerliche religiöse Leistungen erzwingen. Ebenso wenig genügt es, sich selbst für gläubig zu halten, während Gottes Wille im eigenen Leben bewusst zurückgewiesen wird. Die Offenbarung lädt deshalb dazu ein, die eigene Beziehung zu Christus ernst zu nehmen und nicht nur nach den Zeichen der Endzeit zu fragen.
Eine weitere Lektion betrifft die Art, wie wir Gottes Warnungen verstehen. Nicht jede persönliche Notlage und nicht jede Naturkatastrophe darf unmittelbar als göttliche Strafe für eine bestimmte Sünde bezeichnet werden. Die Bibel zeigt selbst, dass auch gerechte Menschen schwer leiden können. Hiob wurde von großem Unglück getroffen, obwohl seine Freunde mit ihren vorschnellen Erklärungen über seine angebliche Schuld falschlagen. Jesus widerspricht in Lukas 13,1–5 ebenfalls der Vorstellung, Menschen, die durch tragische Ereignisse ums Leben kamen, müssten deshalb größere Sünder gewesen sein. Offenbarung 9 beschreibt ausdrücklich angekündigte Gerichte innerhalb einer prophetischen Vision. Daraus folgt keine Vollmacht, das Leiden heutiger Menschen ohne eindeutige biblische Grundlage als Gottes persönliche Bestrafung zu erklären.
Das Kapitel fordert außerdem dazu auf, Gottes Warnungen nicht aufzuschieben. Die Überlebenden der sechsten Posaune erleben schwere Erschütterungen und halten dennoch an ihrem bisherigen Verhalten fest. Darin liegt eine ernste Erinnerung, dass ein Mensch sich an falsche Entscheidungen gewöhnen kann. Wer immer wieder gegen sein besseres Wissen handelt, kann zunehmend unempfindlich gegenüber der eigenen Schuld werden. Deshalb ist es wichtig, erkannte Fehler nicht dauerhaft zu rechtfertigen. Wer bemerkt, dass sein Verhalten Gottes Willen widerspricht, sollte bereit sein, dies einzugestehen, um Vergebung zu bitten und konkrete Veränderungen vorzunehmen. Buße beginnt nicht erst dann, wenn sämtliche Folgen des eigenen Handelns unerträglich geworden sind.
Besondere Aufmerksamkeit verdient auch der Zusammenhang zwischen Anbetung und Lebensführung. Johannes nennt zunächst die falsche Verehrung von Dämonen und Götzenbildern und anschließend verschiedene Formen menschlichen Unrechts. Das zeigt, dass die Frage nach dem Glauben nicht vom Alltag getrennt werden kann. Wer Gott verehrt, soll diese Beziehung auch im Umgang mit anderen Menschen sichtbar werden lassen. Dazu gehören Ehrlichkeit, Achtung vor dem Leben, Treue und ein verantwortungsvoller Umgang mit fremdem Eigentum. Eine religiöse Haltung, die sich nur in Worten oder äußeren Handlungen zeigt, während bewusstes Unrecht unverändert fortgesetzt wird, entspricht nicht dem biblischen Verständnis echter Umkehr.
Eine weitere praktische Lehre betrifft den Umgang mit menschlichen Sicherheiten. Die Götzenbilder am Ende des Kapitels besitzen keinen eigenen Willen und keine Fähigkeit, ihre Verehrer zu retten. Dennoch setzen Menschen ihr Vertrauen auf sie. Auch heute besteht die Gefahr, dass Besitz, gesellschaftliche Stellung, politische Macht oder persönliche Fähigkeiten einen Platz erhalten, der Gott allein zusteht. Diese Dinge sind nicht grundsätzlich schlecht. Sie können sogar verantwortungsvoll zum Wohl anderer eingesetzt werden. Problematisch werden sie jedoch, wenn der Mensch seine gesamte Hoffnung auf sie gründet und bereit ist, dafür Gottes Willen zurückzustellen. Die Frage lautet deshalb nicht nur, was ein Mensch besitzt, sondern was sein Herz beherrscht.
Für das Studium der Prophetie enthält Offenbarung 9 ebenfalls eine wichtige Lektion. Die außergewöhnlichen Bilder haben im Laufe der Kirchengeschichte zahlreiche Auslegungsversuche hervorgebracht. Manche wurden mit bestimmten Völkern, Herrschern und militärischen Entwicklungen verbunden. Andere verstehen die Visionen stärker als Darstellung geistlicher Mächte oder zukünftiger Gerichte. Wer die Bibel sorgfältig erforschen möchte, sollte solche Erklärungen prüfen, ohne die Unterschiede zwischen ausdrücklicher Aussage und möglicher Anwendung zu verwischen. Gerade bei prophetischen Zeitrechnungen und geschichtlichen Zuordnungen ist diese Unterscheidung wichtig. Nicht jede auffällige Ähnlichkeit beweist bereits eine göttlich beabsichtigte Erfüllung.
Dabei muss wissenschaftliche und geschichtliche Sorgfalt nicht im Gegensatz zum Glauben stehen. Wer Gottes Wort ernst nimmt, hat keinen Grund, unsichere Behauptungen als Gewissheiten auszugeben. Die Bibel selbst fordert dazu auf, alles zu prüfen und das Gute zu behalten (1. Thessalonicher 5,21). Eine verantwortungsvolle Auslegung erkennt an, wo der Text eindeutig spricht, und lässt Fragen offen, die er nicht abschließend beantwortet. Diese Haltung schützt sowohl vor unbegründeter Spekulation als auch vor der Gefahr, den eigentlichen geistlichen Auftrag der Offenbarung aus den Augen zu verlieren.
Am Ende steht die persönliche Frage nach der Umkehr. Die Menschen in Offenbarung 9 halten trotz der Gerichte an ihren Sünden fest. Ihre Geschichte dient nicht dazu, dass wir uns über ihre Verhärtung erheben. Sie lädt vielmehr zur Selbstprüfung ein. Gibt es Bereiche im eigenen Leben, in denen Gottes Wille bekannt ist, aber bewusst verdrängt wird? Gibt es Verhaltensweisen, die immer wieder gerechtfertigt werden, obwohl sie anderen schaden? Und gibt es Dinge, von denen wir unser Glück so abhängig gemacht haben, dass sie wichtiger geworden sind als unsere Beziehung zu Gott?
Die Antwort auf diese Fragen liegt nicht darin, aus Angst vor kommenden Ereignissen ein äußerlich angepasstes Leben zu führen. Gott ruft Menschen zu einer aufrichtigen Beziehung mit ihm. Wer seine Schuld erkennt, darf sich an Jesus Christus wenden und auf seine Vergebung vertrauen. Gottes Gnade eröffnet die Möglichkeit eines neuen Anfangs und verändert zugleich den Maßstab, nach dem wir leben.
So hinterlässt Offenbarung 9 trotz seiner erschreckenden Bilder eine klare Einladung: Wir sollen die Macht des Bösen nicht unterschätzen, uns aber auch nicht von ihr beherrschen lassen. Wir sollen Gottes Warnungen ernst nehmen, ohne seinen Charakter auf Gericht und Strafe zu reduzieren. Vor allem sollen wir die Gelegenheit zur Umkehr nicht verstreichen lassen. Denn die entscheidende Frage dieses Kapitels ist nicht, wie groß das Heer des Verderbens ist, sondern ob der Mensch bereit ist, sich dem Gott des Lebens zuzuwenden.