Psalmen 70
Ein Psalm Davids, vorzusingen, zum Gedächtnis. Eile, Gott, mich zu erretten, HERR, mir zu helfen!
5 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Ein Psalm Davids, vorzusingen, zum Gedächtnis. Eile, Gott, mich zu erretten, HERR, mir zu helfen!
- 2 Es müssen sich schämen und zu Schanden werden, die nach meiner Seele stehen; sie müssen zurückkehren und gehöhnt werden, die mir Übles wünschen,
- 3 daß sie müssen wiederum zu Schanden werden, die da über mich schreien: “Da, da!”
- 4 Sich freuen und fröhlich müssen sein an dir, die nach dir fragen, und die dein Heil lieben, immer sagen: Hoch gelobt sei Gott!
- 5 Ich aber bin elend und arm. Gott, eile zu mir, denn du bist mein Helfer und Erretter; mein Gott verziehe nicht!
Kapitel-Erklärung
Kurze Zusammenfassung
Psalm 70 ist einer der kürzesten Psalmen, aber zugleich einer der eindringlichsten. Er ist ein dringender Hilferuf an Gott. David befindet sich in einer Situation großer Not und bittet den Herrn ohne lange Einleitung um schnelles Eingreifen. Gleichzeitig endet der Psalm nicht mit Verzweiflung, sondern mit Vertrauen und Hoffnung.
Die zentrale Botschaft lautet:
Wenn der Mensch erkennt, dass er sich selbst nicht retten kann, darf er ohne Zögern zu Gott rufen. Gott hört die Gebete seiner Kinder, und seine Hilfe kommt zur rechten Zeit.
Dieser Psalm zeigt, dass Gott keine langen oder kunstvollen Gebete verlangt. Ein aufrichtiges Herz genügt.
Historischer und kultureller Hintergrund
Der Psalm wird David zugeschrieben. Er ähnelt sehr stark dem Schlussabschnitt von Psalm 40,13–17 und könnte bewusst als eigenständiges Gebet für Zeiten akuter Not zusammengestellt worden sein.
David hatte in seinem Leben zahlreiche Feinde:
König Saul verfolgte ihn über Jahre.
Sein Sohn Absalom führte eine Rebellion gegen ihn.
Immer wieder wurde er verleumdet und bedroht.
Deshalb kennt David Situationen, in denen menschliche Hilfe nicht ausreicht.
Vers 1: Die Dringlichkeit des Gebets
David beginnt:
„Eile, Gott, mich zu erretten; HERR, mir zu helfen“
Er verliert keine Zeit mit langen Vorreden.
Das zeigt:
Es gibt Momente, in denen ein einfaches Gebet aus tiefstem Herzen genügt.
Auch andere Personen der Bibel beteten ähnlich kurz:
Petrus rief auf dem Wasser: „Herr, hilf mir!“
Der Zöllner betete: „Gott, sei mir Sünder gnädig“
Die Kraft eines Gebets liegt nicht in seiner Länge, sondern in der Aufrichtigkeit des Glaubens.
Verse 2–3: Die Feinde sollen zuschanden werden
David bittet:
„Es müssen sich schämen und zuschanden werden, die mir nach dem Leben stehen“
Auf den ersten Blick wirken solche Verse hart.
Wichtig ist jedoch:
David bittet Gott um Gerechtigkeit. Er nimmt die Vergeltung nicht selbst in die Hand.
Die Bibel unterscheidet zwischen:
persönlicher Rache, die dem Menschen verboten ist,
göttlichem Gericht, das Gott allein zusteht.
David übergibt seine Sache dem gerechten Richter.
Das Prinzip der Gerechtigkeit
Wenn Gott niemals richten würde, gäbe es letztlich keine Gerechtigkeit.
Die Bibel lehrt deshalb:
Gott ist Liebe.
Gott ist zugleich gerecht.
Seine Gerechtigkeit schützt das Gute und stellt das Böse letztlich zur Rechenschaft.
Vers 3: Die Freude der Spötter endet
David spricht von denen, die sagen:
„Da, da!“
Das ist eine spöttische Ausdrucksweise.
Menschen freuen sich manchmal über das Unglück anderer.
Die Bibel verurteilt diese Haltung.
Wer über den Fall anderer jubelt, offenbart ein Herz, das Gottes Liebe widerspricht.
Verse 4–5: Die Freude der Gottesfürchtigen
Nun verändert sich der Blick.
David sagt:
„Es müssen sich freuen und fröhlich sein alle, die nach dir fragen“
Hier stehen zwei Gruppen gegenüber:
Die einen
suchen das Böse,
freuen sich über den Fall anderer,
lehnen Gott ab.
Die anderen
suchen Gott,
lieben sein Heil,
preisen seine Größe.
Die Bibel zeigt immer wieder:
Die innere Freude des Gläubigen hängt letztlich nicht von äußeren Umständen ab, sondern von seiner Beziehung zu Gott.
„Gott ist groß“
David sagt:
„Gott ist groß“
Diese Aussage wirkt schlicht, enthält aber eine tiefe Wahrheit.
Menschen neigen dazu, ihre Probleme zu vergrößern und Gott zu verkleinern.
Die Bibel kehrt diese Perspektive um:
Gott ist größer als die Krankheit.
Gott ist größer als wirtschaftliche Sorgen.
Gott ist größer als menschliche Feindschaft.
Gott ist größer als der Tod.
Deshalb richtet David seinen Blick weg von den Feinden hin zu Gottes Größe.
Vers 5: Demut vor Gott
Der Psalm endet:
„Ich aber bin elend und arm; Gott, eile zu mir“
David war König Israels.
Trotzdem beschreibt er sich als arm und bedürftig.
Gemeint ist nicht in erster Linie materieller Mangel.
Er erkennt seine völlige Abhängigkeit von Gott.
Das ist ein Grundprinzip des Glaubens:
Wer meint, sich selbst retten zu können, wird Gottes Hilfe kaum suchen.
Wer seine Bedürftigkeit erkennt, öffnet sein Herz für Gottes Gnade.
„Du bist mein Helfer und Erretter“
Der letzte Satz fasst den ganzen Psalm zusammen:
David sagt nicht:
Meine Erfahrung rettet mich.
Mein Heer rettet mich.
Meine Weisheit rettet mich.
Er sagt:
„Du bist mein Helfer und mein Erretter“
Die Hoffnung des Gläubigen ruht auf Gott allein.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Psalm 40 enthält nahezu denselben Gebetsabschnitt.
Psalm 46 erklärt: „Gott ist unsere Zuflucht und Stärke“
Jesaja 41 verheißt: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir“
Matthäus 14 berichtet, wie Petrus ruft: „Herr, hilf mir!“
Philipper 4 fordert dazu auf, alle Anliegen im Gebet vor Gott zu bringen.
Praktische Anwendung für heute
Psalm 70 stellt jedem Leser wichtige Fragen:
Wende ich mich zuerst an Gott oder erst dann, wenn alle menschlichen Möglichkeiten erschöpft sind?
Vertraue ich Gottes Gerechtigkeit oder suche ich persönliche Vergeltung?
Freue ich mich über Gottes Heil mehr als über äußeren Erfolg?
Bin ich bereit anzuerkennen, dass ich Gottes Hilfe täglich brauche?
Viele Menschen glauben, sie müssten Gott mit besonders schönen Worten beeindrucken. Dieser Psalm zeigt das Gegenteil. Ein schlichtes, ehrliches Gebet kann tiefen Glauben ausdrücken.
Geistliche Kernbotschaft
Psalm 70 ist das Gebet eines Menschen, der seine eigene Hilflosigkeit erkannt hat und deshalb seine ganze Hoffnung auf Gott setzt. Seine Kürze macht ihn besonders kraftvoll: In Zeiten der Not darf der Gläubige ohne Umwege zu Gott rufen.
Der Psalm lehrt außerdem, dass wahre Größe nicht darin besteht, unabhängig zu sein, sondern die eigene Abhängigkeit von Gott zu erkennen. Wer Gott zu seinem Helfer und Retter macht, besitzt eine Hoffnung, die keine menschliche Macht nehmen kann.