Psalmen 35
Ein Psalm Davids. HERR, hadere mit meinen Haderern; streite wider meine Bestreiter.
28 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Ein Psalm Davids. HERR, hadere mit meinen Haderern; streite wider meine Bestreiter.
- 2 Ergreife Schild und Waffen und mache dich auf, mir zu helfen!
- 3 Zücke den Spieß und schütze mich gegen meine Verfolger! Sprich zu meiner Seele: Ich bin deine Hilfe!
- 4 Es müssen sich schämen und gehöhnt werden, die nach meiner Seele stehen; es müssen zurückkehren und zu Schanden werden, die mir übelwollen.
- 5 Sie müssen werden wie Spreu vor dem Winde, und der Engel des Herrn stoße sie weg.
- 6 Ihr Weg müsse finster und schlüpfrig werden, und der Engel des HERRN verfolge sie.
- 7 Denn sie haben mir ohne Ursache ihr Netz gestellt, mich zu verderben, und haben ohne Ursache meiner Seele Gruben zugerichtet.
- 8 Er müsse unversehens überfallen werden; und sein Netz, das er gestellt hat, müsse ihn fangen; und er müsse darin überfallen werden.
- 9 Aber meine Seele müsse sich freuen des HERRN und sei fröhlich über seine Hilfe.
- 10 Alle meine Gebeine müssen sagen: HERR, wer ist deinesgleichen? Der du den Elenden errettest von dem, der ihm zu stark ist, und den Elenden und Armen von seinen Räubern.
- 11 Es treten frevle Zeugen auf; die zeihen mich, des ich nicht schuldig bin.
- 12 Sie tun mir Arges um Gutes, mich in Herzeleid zu bringen.
- 13 Ich aber, wenn sie krank waren, zog einen Sack an, tat mir wehe mit Fasten und betete stets von Herzen;
- 14 ich hielt mich, als wäre es mein Freund und Bruder; ich ging traurig wie einer, der Leid trägt über seine Mutter.
- 15 Sie aber freuen sich über meinen Schaden und rotten sich; es rotten sich die Hinkenden wider mich ohne meine Schuld; sie zerreißen und hören nicht auf.
- 16 Mit denen, die da heucheln und spotten um des Bauches willen, beißen sie ihre Zähne zusammen über mich.
- 17 Herr, wie lange willst du zusehen? Errette doch meine Seele aus ihrem Getümmel und meine einsame von den jungen Löwen!
- 18 Ich will dir danken in der großen Gemeinde, und unter vielem Volk will ich dich rühmen.
- 19 Laß sich nicht über mich freuen, die mir unbillig feind sind, noch mit Augen spotten, die mich ohne Ursache hassen!
- 20 Denn sie trachten Schaden zu tun und suchen falsche Anklagen gegen die Stillen im Lande
- 21 und sperren ihr Maul weit auf wider mich und sprechen: “Da, Da! das sehen wir gerne.”
- 22 HERR, du siehst es, schweige nicht; Herr, sei nicht ferne von mir!
- 23 Erwecke dich und wache auf zu meinem Recht und zu meiner Sache, mein Gott und Herr!
- 24 HERR, mein Gott, richte mich nach deiner Gerechtigkeit, daß sie sich über mich nicht freuen.
- 25 Laß sie nicht sagen in ihrem Herzen: “Da, da! das wollten wir.” Laß sie nicht sagen: “Wir haben ihn verschlungen.”
- 26 Sie müssen sich schämen und zu Schanden werden alle, die sich meines Übels freuen; sie müssen mit Schande und Scham gekleidet werden, die sich gegen mich rühmen.
- 27 Rühmen und freuen müssen sich, die mir gönnen, daß ich recht behalte, und immer sagen: Der HERR sei hoch gelobt, der seinem Knechte wohlwill.
- 28 Und meine Zunge soll reden von deiner Gerechtigkeit und dich täglich preisen.
Kapitel-Erklärung
Kurze Zusammenfassung
Psalm 35 ist ein Gebet Davids in einer Zeit schwerer Verfolgung. Er bittet Gott, für ihn zu kämpfen, weil er selbst ungerecht angegriffen wird. Der Psalm enthält eindringliche Bitten um Gottes Gericht über diejenigen, die bewusst Böses tun und Unschuldige verfolgen. Gleichzeitig bekennt David immer wieder sein Vertrauen auf Gott und verspricht, ihn öffentlich zu loben, wenn Rettung kommt.
Die Hauptbotschaft lautet: Der Gläubige soll seine Sache Gott überlassen. Gott sieht verborgene Ungerechtigkeit und wird zur richtigen Zeit gerecht handeln.
Historischer Hintergrund
Der Psalm nennt kein konkretes Ereignis. Viele Ausleger sehen einen Zusammenhang mit der Zeit, als David von König Saul verfolgt wurde oder später unter Verrat und falschen Anschuldigungen litt.
David hatte mehrfach Gelegenheit, Saul zu töten, tat es aber nicht (vgl. 1. Samuel 24 und 26). Statt selbst Rache zu üben, überließ er das Gericht Gott. Dieser Psalm spiegelt genau diese Haltung wider.
Im Alten Orient waren falsche Zeugen, politische Intrigen und persönliche Feindschaften häufig Mittel, um Gegner auszuschalten. David beschreibt deshalb eine Situation, in der Wahrheit und Gerechtigkeit scheinbar verloren gegangen sind.
Verse 1–3: Gott als Kämpfer
David beginnt:
„Herr, hadere mit meinen Haderern; streite wider meine Bestreiter“
Er fordert Gott nicht auf, aus persönlicher Rachsucht zu handeln. Vielmehr bittet er Gott, selbst Richter zu sein.
Die Bilder von Schild, Tartsche und Speer beschreiben Gott als Beschützer seines Volkes. Natürlich benötigt Gott keine menschlichen Waffen. Die Sprache macht deutlich, dass seine Macht größer ist als jede menschliche Gewalt.
David bittet außerdem um die Zusage:
„Ich bin deine Hilfe“
Das größte Bedürfnis eines Gläubigen ist letztlich die Gewissheit, dass Gott auf seiner Seite steht.
Verse 4–8: Das gerechte Gericht Gottes
David bittet darum, dass diejenigen, die ihm Böses wollen, zuschanden werden.
Diese Verse werden manchmal missverstanden. Sie sind keine Aufforderung, persönliche Feinde zu hassen. David legt die Angelegenheit gerade in Gottes Hände, statt selbst Vergeltung zu üben.
Die Bibel unterscheidet zwischen:
persönlicher Rache, die verboten ist,
und Gottes gerechtem Gericht, das vollkommen gerecht ist.
Auch im Neuen Testament heißt es:
„Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr“ (Römer 12,19)
Verse 9–10: Freude über Gottes Rettung
David erklärt:
„Aber meine Seele soll sich freuen des Herrn“
Seine Freude besteht nicht darin, dass andere leiden, sondern dass Gott rettet und Gerechtigkeit schafft.
Dann sagt er sinngemäß:
„Wer ist dir gleich?“
Die Antwort lautet: Niemand.
Gott schützt den Schwachen vor dem Starken und den Armen vor dem Räuber. Immer wieder zeigt die Bibel, dass Gott ein besonderer Verteidiger der Unterdrückten ist.
Verse 11–16: Falsche Anklagen und Undankbarkeit
David beschreibt nun die Art seiner Feinde.
Es treten falsche Zeugen gegen ihn auf.
Sie vergelten ihm Gutes mit Bösem.
Besonders bewegend ist seine Aussage, dass er für diese Menschen gebetet und getrauert hatte, als sie krank oder in Not waren. Er behandelte sie wie Brüder oder nahe Freunde.
Doch als David selbst litt, freuten sie sich über sein Unglück.
Hier zeigt sich die Tiefe des Verrats.
Auch heute erleben Menschen manchmal, dass diejenigen, denen sie geholfen haben, sich gegen sie wenden. David verschweigt diesen Schmerz nicht, sondern bringt ihn vor Gott.
Verse 17–18: Der Ruf nach Gottes Eingreifen
David fragt:
„Herr, wie lange willst du zusehen?“
Diese Frage findet sich in vielen Psalmen.
Sie bedeutet nicht, dass David an Gott zweifelt, sondern dass er auf Gottes Eingreifen wartet.
Viele Gläubige kennen diese Erfahrung:
Man betet.
Man wartet.
Die Situation verändert sich scheinbar nicht.
Die Bibel zeigt jedoch, dass Gottes Zeitplan oft anders ist als der menschliche.
David verspricht, Gott öffentlich zu loben, wenn Rettung kommt.
Verse 19–21: Die Bosheit der Feinde
Seine Gegner lachen über ihn und schmieden Pläne gegen ihn.
Sie behaupten, endlich einen Grund gefunden zu haben, ihn anzuklagen.
Dieses Verhalten erinnert an die Behandlung Jesu. Auch gegen ihn wurden falsche Zeugen aufgestellt und seine Gegner suchten nach Möglichkeiten, ihn zu verurteilen.
Der Psalm erhält dadurch eine prophetische Dimension: Der gerechte Leidende weist auf Christus hin, der ohne Schuld verfolgt wurde.
Verse 22–26: Gott kennt die Wahrheit
David erklärt:
„Herr, du hast es gesehen“
Das ist ein entscheidender Satz.
Menschen können täuschen.
Gerichte können irren.
Zeugen können lügen.
Doch Gott sieht alles.
Deshalb bittet David Gott, ihn nach seiner Gerechtigkeit zu richten.
Er möchte nicht durch Lüge besiegt werden.
Diese Bitte zeigt ein reines Gewissen: David weiß, dass Gott die Wahrheit kennt.
Verse 27–28: Das Ende des Psalms
David wünscht, dass diejenigen sich freuen, die seine gerechte Sache unterstützen.
Der Psalm endet nicht mit Bitterkeit, sondern mit Lob:
„Meine Zunge soll reden von deiner Gerechtigkeit und dich täglich preisen“
Das Ziel seines Gebets ist also nicht persönliche Vergeltung, sondern die Verherrlichung Gottes.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
1. Samuel 24 und 26 zeigen, dass David Saul verschonte, obwohl er ihn hätte töten können.
Römer 12,19 lehrt, dass die Rache Gott gehört.
Matthäus 26 berichtet von den falschen Zeugen gegen Jesus.
1. Petrus 2,23 beschreibt, dass Christus sich dem anvertraute, der gerecht richtet.
Psalm 37 ergänzt dieselbe Botschaft: Vertraue auf den Herrn und überlasse ihm das Gericht.
Kultureller und theologischer Hintergrund
Im Alten Israel spielte das Zeugnis vor Gericht eine entscheidende Rolle. Falsche Zeugen konnten über Leben und Tod entscheiden. Deshalb verbietet das neunte Gebot ausdrücklich das falsche Zeugnis gegen den Nächsten.
Die sogenannten Gerichtswünsche in den Psalmen entspringen dem Wunsch nach Gottes gerechter Herrschaft. Sie sind kein Freibrief für persönlichen Hass, sondern Ausdruck des Vertrauens, dass Gott das Böse nicht für immer ungestraft lässt.
Praktische Anwendung für heute
Psalm 35 lehrt, dass Christen Ungerechtigkeit nicht verdrängen müssen. Sie dürfen Gott ihren Schmerz, ihre Enttäuschung und sogar ihren Wunsch nach Gerechtigkeit bringen.
Gleichzeitig fordert die Bibel dazu auf, persönliche Vergeltung Gott zu überlassen. Der Gläubige kämpft nicht mit Hass, sondern mit Vertrauen.
Wenn Menschen lügen, verleumden oder ungerecht handeln, erinnert dieser Psalm daran:
Gott kennt die Wahrheit.
Gott vergisst keine Tat.
Gottes Gericht ist vollkommen gerecht.
Gottes Kinder dürfen ihre Sache ihm anvertrauen.
Die zentrale Botschaft des Psalms lautet: Der Herr ist der gerechte Richter und der starke Verteidiger derer, die auf ihn vertrauen. Deshalb ist es besser, Gottes Eingreifen abzuwarten, als selbst nach Rache zu greifen.