Psalmen 137

An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.

9 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.
  2. 2 Unsere Harfen hingen wir an die Weiden, die daselbst sind.
  3. 3 Denn dort hießen uns singen, die uns gefangen hielten, und in unserm Heulen fröhlich sein: “Singet uns ein Lied von Zion!”
  4. 4 Wie sollten wir des HERRN Lied singen in fremden Landen?
  5. 5 Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde ich meiner Rechten vergessen.
  6. 6 Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wo ich nicht dein gedenke, wo ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein.
  7. 7 HERR, gedenke der Kinder Edom den Tag Jerusalems, die da sagten: “Rein ab, rein ab bis auf ihren Boden!”
  8. 8 Du verstörte Tochter Babel, wohl dem, der dir vergilt, wie du uns getan hast!
  9. 9 Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an dem Stein!

Kapitel-Erklärung

Kurze Zusammenfassung

Psalm 137 ist ein Psalm der Trauer, der Sehnsucht und des Verlangens nach Gottes Gerechtigkeit. Er entstand während oder nach der babylonischen Gefangenschaft und beschreibt den Schmerz der Juden, die fern von Jerusalem lebten. Sie weinten über den Verlust ihrer Heimat und des Tempels und weigerten sich, die heiligen Lieder des Herrn zur Unterhaltung ihrer Feinde zu singen. Der Psalm endet mit harten Worten über Babylon, die aus dem Ruf nach göttlicher Gerechtigkeit und nicht aus persönlicher Rachsucht verstanden werden müssen.

Dieser Psalm zeigt, wie tief die Folgen der Sünde reichen, aber auch, wie sehr Gottes Volk sich nach seiner Gegenwart und nach der Wiederherstellung sehnt.

Historischer Hintergrund

Im Jahr 586 v. Chr. zerstörten die Babylonier unter Nebukadnezar Jerusalem und den Tempel. Viele Juden wurden gefangen nach Babylon geführt. Was Gott durch die Propheten lange angekündigt hatte, war eingetroffen. Die Gefangenschaft war eine Folge des anhaltenden Ungehorsams Israels.

Die Juden lebten nun in einem fremden Land, umgeben von heidnischer Kultur und Götzendienst. Die Erinnerung an Jerusalem und den Tempel erfüllte sie mit Trauer.

Verse 1–4: Die Trauer in Babylon

„An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten“

Die Flüsse Babylons waren Orte des Lebens und der Bewässerung. Doch für die Gefangenen waren sie Orte der Trauer.

Sie dachten an:

  • Jerusalem,

  • den Tempel,

  • die Gottesdienste,

  • die verlorene Heimat.

„Unsere Harfen hingen wir an die Weiden“

Die Harfen waren Instrumente des Lobes. In ihrer Trauer konnten sie nicht singen.

„Singet uns ein Lied von Zion!“

Ihre Feinde wollten offenbar Unterhaltung. Doch für die Gefangenen waren die Lieder Zions heilig.

„Wie sollten wir des HERRN Lied singen in fremden Landen?“

Dies bedeutet nicht, dass man Gott außerhalb Jerusalems nicht anbeten konnte. Daniel betete in Babylon. Es zeigt vielmehr den tiefen Schmerz und die Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit Gott.

Auch Christen leben geistlich gesehen in einer fremden Welt und sehnen sich nach ihrer eigentlichen Heimat.

Hebräer 11 sagt, dass die Gläubigen Fremdlinge und Pilger auf Erden sind.

Verse 5–6: Die Liebe zu Jerusalem

„Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen“

Jerusalem war nicht nur eine Stadt. Es war der Ort des Tempels und das Zentrum der Anbetung Gottes.

Der Psalmist erklärt, dass er lieber seine Fähigkeit verlieren würde, Musik zu machen, als Jerusalem zu vergessen.

„Wenn ich dein nicht gedenke, wenn ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein“

Dies zeigt die Priorität Gottes im Leben des Gläubigen.

Im weiteren Sinn weist Jerusalem auf das himmlische Jerusalem hin.

Offenbarung 21 beschreibt die heilige Stadt, die Gott für sein Volk bereitet hat.

Verse 7–9: Der Ruf nach Gerechtigkeit

„HERR, gedenke der Kinder Edom am Tage Jerusalems“

Die Edomiter hatten sich über den Untergang Jerusalems gefreut und den Babyloniern geholfen.

Danach richtet sich der Psalm gegen Babylon:

„Wohl dem, der dir vergilt, wie du uns getan hast!“

Und schließlich folgt Vers 9, einer der schwierigsten Verse der Psalmen:

„Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an dem Stein“

Dieser Vers ist keine göttliche Anweisung und kein Aufruf zur persönlichen Rache.

Er drückt den tiefen Schmerz eines Volkes aus, das selbst Grausamkeit erlebt hatte. Die Babylonier hatten genau solche Taten begangen.

Außerdem spricht der Psalm von der Gewissheit, dass Gottes Gericht über Babylon kommen würde. Tatsächlich wurde Babylon später durch die Meder und Perser besiegt.

Die Bibel berichtet oft ehrlich über menschliche Gefühle, ohne jede Äußerung als Vorbild zu bestätigen.

Paulus schreibt:

„Rächet euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes“ (Römer 12,19)

Gott allein ist der gerechte Richter.

Geistliche Bedeutung

Babylon wird in der Bibel nicht nur als historische Macht dargestellt. Es wird auch zu einem Symbol für die Rebellion gegen Gott.

So wie Israel in Babylon gefangen war, lebt die Menschheit in einer Welt, die durch die Sünde geprägt ist.

Der Gläubige soll nicht vergessen, wo seine eigentliche Heimat ist.

Hebräer 13,14 sagt:

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“

Die Sehnsucht nach Jerusalem weist letztlich auf die Sehnsucht nach Gottes Reich hin.

Babylon wird in der Offenbarung zum Bild für das weltweite System der Rebellion gegen Gott, das am Ende gerichtet werden wird.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

  1. Könige 25 beschreibt die Zerstörung Jerusalems.

Jeremia 29 enthält Gottes Verheißung für die Gefangenen in Babylon.

Daniel zeigt die Treue gläubiger Menschen in Babylon.

Hebräer 11 spricht von den Pilgern des Glaubens.

Offenbarung 17 und 18 beschreiben den endgültigen Fall des geistlichen Babylon.

Offenbarung 21 zeigt das neue Jerusalem.

Praktische Anwendung

Gottes Volk sollte niemals vergessen, dass diese Welt nicht die endgültige Heimat ist.

Trauer und Schmerz dürfen vor Gott ausgesprochen werden. Er verwirft den zerbrochenen Menschen nicht.

Der Wunsch nach Gerechtigkeit ist berechtigt, aber persönliche Rache gehört Gott.

Gläubige sollen ihre Hoffnung auf die Wiederkunft Christi und das himmlische Jerusalem richten.

Die Werte dieser Welt dürfen nicht wichtiger werden als die Gemeinschaft mit Gott.

Wichtige Lektionen

Die Folgen der Sünde sind tief und schmerzhaft.

Gottes Volk lebt als Pilger in einer fremden Welt.

Die Hoffnung auf Gottes Reich darf niemals verloren gehen.

Gott ist der gerechte Richter.

Babylon wird nicht für immer bestehen; Gottes Reich wird siegen.

Psalm 137 ist ein Psalm der Tränen. Er erinnert daran, dass die Welt, wie sie jetzt ist, nicht unsere endgültige Heimat ist. Wie die Gefangenen Israels sich nach Jerusalem sehnten, so darf der Gläubige sich nach der neuen Erde und der Gegenwart Gottes sehnen. Eines Tages wird das geistliche Babylon fallen, und die Erlösten werden nicht mehr an den Flüssen der Gefangenschaft sitzen und weinen, sondern im neuen Jerusalem mit Freude vor ihrem Gott stehen.