Psalmen 123
Ein Lied im höhern Chor. Ich hebe meine Augen auf zu dir, der du im Himmel sitzest.
4 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Ein Lied im höhern Chor. Ich hebe meine Augen auf zu dir, der du im Himmel sitzest.
- 2 Siehe! wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren sehen, wie die Augen der Magd auf die Hände ihrer Frau, also sehen unsre Augen auf den HERRN, unsern Gott, bis er uns gnädig werde.
- 3 Sei uns gnädig, HERR, sei uns gnädig! denn wir sind sehr voll Verachtung.
- 4 Sehr voll ist unsre Seele von der Stolzen Spott und der Hoffärtigen Verachtung.
Kapitel-Erklärung
Kurze Zusammenfassung
Psalm 123 ist ein kurzes, aber tiefes Gebet um Erbarmen. Der Psalmist blickt inmitten von Verachtung, Spott und Demütigung nicht auf Menschen, sondern auf Gott. Wie Knechte auf die Hand ihres Herrn schauen, so richtet er seine Augen auf den Herrn und wartet auf seine Hilfe. Der Psalm zeigt, dass Gottes Volk in einer gefallenen Welt oft Verachtung erfährt, aber seine Hoffnung nicht auf Menschen, sondern auf Gottes Gnade setzen soll.
Historischer Hintergrund
Psalm 123 ist das vierte Wallfahrtslied. Die Israeliten sangen diese Psalmen auf dem Weg nach Jerusalem. Der Psalm verrät nicht genau, welche Bedrängnis der Verfasser erlebte. Offenbar waren er und andere Gläubige Ziel von Spott und Verachtung geworden.
Im Alten Orient waren Knechte und Mägde völlig von ihren Herren abhängig. Sie achteten aufmerksam auf deren Hand, um Weisungen oder Hilfe zu empfangen. Dieses Bild benutzt der Psalm, um die völlige Abhängigkeit von Gott zu beschreiben.
Verse 1–2
„Ich hebe meine Augen auf zu dir, der du im Himmel sitzest“
Wie schon Psalm 121 beginnt auch dieser Psalm mit einem Blick nach oben.
Der Psalmist blickt nicht auf seine Feinde, nicht auf seine Probleme und nicht auf menschliche Lösungen, sondern auf Gott.
„Siehe, wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren sehen und wie die Augen der Magd auf die Hände ihrer Frau sehen, also sehen unsere Augen auf den HERRN, unsern Gott, bis er uns gnädig werde“
Dieses Bild spricht von Vertrauen, Geduld und Abhängigkeit.
Ein Knecht wartete auf die Weisung seines Herrn.
Ebenso soll der Gläubige auf Gottes Führung warten.
Der Psalmist verlangt nicht selbstbewusst seine Rechte. Er bittet um Gnade.
Das zeigt eine demütige Haltung. Kein Mensch hat Anspruch auf Gottes Segen. Alles ist Gnade.
Verse 3–4
„Sei uns gnädig, HERR, sei uns gnädig; denn wir sind sehr voll Verachtung“
Die doppelte Bitte zeigt die Tiefe der Not.
Es geht nicht um körperliche Feinde oder Krieg, sondern um Verachtung und Spott.
„Sehr voll ist unsere Seele von der Schmach der Stolzen und der Verachtung der Hoffärtigen“
Stolz und Überheblichkeit gehören zu den Kennzeichen einer gefallenen Welt.
Menschen, die Gott nicht kennen, verspotten oft diejenigen, die ihm treu bleiben.
Das geschah:
Noah vor der Sintflut.
Elia vor den Baalspriestern.
Jeremia durch seine Gegner.
Daniel in Babylon.
Jesus durch die religiösen Führer und Soldaten.
Die Apostel durch ihre Verfolger.
Auch heute erfahren Menschen Verachtung, wenn sie Gottes Wahrheit ernst nehmen.
Geistliche Bedeutung
Der Psalm zeigt, dass Gläubige nicht überrascht sein sollten, wenn sie Ablehnung erleben.
Jesus sagte:
„Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen“ (Johannes 15,20)
Die Welt versteht den Geist Christi nicht.
Während Stolz, Selbstverherrlichung und Eigenwille gefördert werden, ruft Gott zu Demut, Wahrheit und Gehorsam.
Der Psalm lehrt außerdem Geduld.
„Bis er uns gnädig werde“
Manchmal beantwortet Gott Gebete nicht sofort. Aber seine Verzögerung bedeutet nicht Gleichgültigkeit.
Wie ein Knecht auf seinen Herrn schaut, so sollen Gläubige lernen, auf Gottes Zeit zu vertrauen.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Psalm 121 zeigt, woher unsere Hilfe kommt.
Jesaja 40,31 sagt:
„Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft“
Micha 7,7 erklärt:
„Ich aber will auf den HERRN schauen und des Gottes meines Heils warten“
Matthäus 5,10–12 spricht von denen, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden.
Johannes 15,18–20 erinnert daran, dass die Welt Christus gehasst hat.
Hebräer 12,2 fordert dazu auf, auf Jesus zu sehen, den Anfänger und Vollender des Glaubens.
Praktische Anwendung
Psalm 123 erinnert daran, wohin wir unseren Blick richten sollen.
Wenn Menschen uns missverstehen, verspotten oder ablehnen, besteht die Gefahr, auf die Umstände oder auf die Menschen zu schauen.
Der Psalm lädt dazu ein, die Augen auf Gott zu richten.
Er erinnert auch daran, dass Stolz und Verachtung nicht das letzte Wort haben. Gott sieht die Not seines Volkes.
Manchmal besteht die größte Prüfung nicht in körperlichem Leid, sondern darin, missverstanden oder geringgeschätzt zu werden.
Doch Jesus kennt diesen Weg. Er wurde verspottet, verleumdet und verworfen.
Darum kann er mit denen mitfühlen, die ähnliches erleben.
Letztlich ist Psalm 123 ein Psalm der Hoffnung. Der Gläubige richtet seinen Blick nicht nach unten, sondern nach oben.
Er wartet nicht auf die Zustimmung der Menschen, sondern auf die Gnade Gottes.
Und diese Gnade wird niemals versagen.
Wie die Augen der Knechte auf ihren Herrn gerichtet sind, so darf auch der Gläubige seine Augen auf Gott richten, in dem Wissen, dass seine Hilfe, sein Trost und seine Rettung von ihm kommen.