Psalmen 120

Ein Lied im höhern Chor. Ich rufe zu dem HERRN in meiner Not, und er erhört mich.

7 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Ein Lied im höhern Chor. Ich rufe zu dem HERRN in meiner Not, und er erhört mich.
  2. 2 HERR, errette meine Seele von den Lügenmäulern, von den falschen Zungen.
  3. 3 Was kann mir die falsche Zunge tun, was kann sie ausrichten?
  4. 4 Sie ist wie scharfe Pfeile eines Starken, wie Feuer in Wachholdern.
  5. 5 Wehe mir, daß ich ein Fremdling bin unter Mesech; ich muß wohnen unter den Hütten Kedars.
  6. 6 Es wird meiner Seele lang, zu wohnen bei denen, die den Frieden hassen.
  7. 7 Ich halte Frieden; aber wenn ich rede, so fangen sie Krieg an.

Kapitel-Erklärung

Kurze Zusammenfassung

Psalm 120 ist der erste der fünfzehn Wallfahrtspsalmen (Psalm 120–134). Er ist ein Gebet eines Gläubigen, der sich in einer Umgebung voller Lüge, Streit und Gottlosigkeit befindet. Der Psalmist sehnt sich nach Frieden, lebt aber unter Menschen, die den Streit lieben. In seiner Bedrängnis ruft er zum Herrn und erfährt, dass Gott seine Gebete hört. Der Psalm zeigt den inneren Konflikt eines Menschen, der nach Gottes Wegen leben möchte, aber in einer gefallenen Welt lebt.

Historischer Hintergrund

Die Überschrift lautet „Ein Lied im höhern Chor“ (Luther 1912), wörtlich „Ein Wallfahrtslied“. Diese Psalmen wurden wahrscheinlich von den Israeliten gesungen, wenn sie zu den großen Festen nach Jerusalem hinaufzogen.

Psalm 120 beginnt diese Reihe mit einer Erfahrung, die viele Gläubige kennen: Man lebt in einer Welt, die nicht nach Gottes Maßstäben denkt. Der Psalm beschreibt das Gefühl eines Fremdlings, der sich nach Frieden und Wahrheit sehnt.

Verse 1–2

„Ich rufe zu dem HERRN in meiner Not, und er erhört mich“

Der Psalm beginnt mit einer Erfahrung, nicht mit einer Theorie. Der Psalmist weiß aus eigener Erfahrung, dass Gott Gebete hört.

Nicht jede Antwort kommt sofort oder so, wie der Mensch es erwartet. Aber Gott verschließt sein Ohr nicht vor denen, die ihn aufrichtig suchen.

„HERR, errette meine Seele von den Lügenmäulern, von den falschen Zungen“

Die Not des Psalmisten kommt nicht durch Krieg oder Krankheit, sondern durch Worte.

Lügen, Verleumdung und falsche Anschuldigungen können tiefe Wunden verursachen.

Jakobus 3 beschreibt die Zunge als ein kleines Glied, das großen Schaden anrichten kann.

Auch Jesus wurde durch falsche Zeugenaussagen angeklagt.

Verse 3–4

„Was kann dir die falsche Zunge tun, und was kann sie ausrichten?“

Hier folgt die Antwort:

„Scharfe Pfeile eines Starken mit glühenden Wacholderkohlen“

Der Psalm macht deutlich, dass Gott die Lüge nicht übersieht. Wer andere durch Worte verletzt, wird letztlich vor Gott Rechenschaft ablegen.

Die Bibel zeigt immer wieder, dass Worte Macht besitzen:

  • Sie können aufbauen.

  • Sie können zerstören.

  • Sie können Wahrheit verbreiten.

  • Sie können täuschen.

Deshalb fordert Gott seine Kinder auf, die Wahrheit zu reden.

Verse 5–7

„Weh mir, dass ich ein Fremdling bin unter Mesech; ich muss wohnen unter den Hütten Kedars!“

Mesech und Kedar waren Völker, die weit entfernt von Israel lebten und für ihre raue und kriegerische Lebensweise bekannt waren.

Ob der Psalmist tatsächlich dort lebte oder diese Namen bildhaft verwendet, ist nicht entscheidend. Der Gedanke ist klar:

Er fühlt sich wie ein Fremder unter Menschen, die nicht nach Gottes Wegen leben.

„Es wird meiner Seele lang, zu wohnen bei denen, die den Frieden hassen“

Der Psalmist liebt Frieden, aber seine Umgebung liebt Streit.

„Ich halte Frieden; aber wenn ich rede, so fangen sie Krieg an“

Das bedeutet nicht, dass er fehlerlos war. Aber sein Wunsch war Frieden, während andere auf Konflikte aus waren.

Geistliche Bedeutung

Psalm 120 beschreibt die Lage jedes treuen Gläubigen in dieser Welt.

Jesus sagte:

„Sie sind nicht von der Welt, gleichwie ich auch nicht von der Welt bin“ (Johannes 17,16)

Petrus nennt die Gläubigen:

„Fremdlinge und Pilger“

Der Christ lebt zwar in dieser Welt, aber seine Werte, seine Hoffnung und seine wahre Heimat liegen im Reich Gottes.

Deshalb entsteht oft ein Gegensatz zwischen dem Geist der Welt und dem Geist Christi.

Die Welt sucht oft:

  • Selbstverwirklichung,

  • Stolz,

  • Macht,

  • Vergeltung.

Christus ruft dagegen zu:

  • Wahrheit,

  • Demut,

  • Vergebung,

  • Frieden.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Psalm 15 beschreibt den Menschen, der keine falsche Zunge gebraucht.

Jesaja 57,20–21 zeigt, dass die Gottlosen keinen Frieden haben.

Matthäus 5,9 sagt:

„Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen“

Johannes 17,14–16 beschreibt, dass Gottes Volk zwar in der Welt lebt, aber nicht von der Welt ist.

Jakobus 3 warnt vor der Macht der Zunge.

  1. Petrus 2,11 bezeichnet die Gläubigen als Fremdlinge und Pilger.

Praktische Anwendung

Psalm 120 erinnert daran, dass ein Leben mit Gott nicht bedeutet, immer von Harmonie umgeben zu sein. Wer Wahrheit liebt, wird manchmal auf Widerstand stoßen.

Lügen, Verleumdung und Missverständnisse gehören zu den schmerzhaftesten Erfahrungen des Lebens. Doch Gott sieht alles und hört die Gebete seiner Kinder.

Der Psalm fordert dazu auf, selbst keine falschen Worte zu gebrauchen. Christen sollen Friedensstifter sein, auch wenn andere Streit suchen.

Gleichzeitig macht der Psalm deutlich, dass die Sehnsucht nach einer besseren Welt berechtigt ist. Diese Welt ist nicht die endgültige Heimat des Gläubigen.

Wie die Wallfahrer auf dem Weg nach Jerusalem waren, so befindet sich auch Gottes Volk auf einer Reise. Es lebt inmitten einer gefallenen Welt, aber sein Ziel liegt höher.

Psalm 120 beginnt die Wallfahrtslieder mit einem Seufzer aus einer Welt voller Unruhe. Doch gerade dieser Seufzer richtet den Blick nach oben. Der Weg beginnt mit der Erkenntnis, dass wahre Ruhe, wahrer Frieden und die endgültige Heimat nicht in dieser Welt gefunden werden, sondern bei Gott.