Markus 5
Und sie kamen jenseits des Meers in die Gegend der Gadarener.
43 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Und sie kamen jenseits des Meers in die Gegend der Gadarener.
- 2 Und als er aus dem Schiff trat, lief ihm alsbald entgegen aus den Gräbern ein besessener Mensch mit einem unsaubern Geist,
- 3 der seine Wohnung in den Gräbern hatte; und niemand konnte ihn binden, auch nicht mit Ketten.
- 4 Denn er war oft mit Fesseln und Ketten gebunden gewesen, und hatte die Ketten abgerissen und die Fesseln zerrieben; und niemand konnte ihn zähmen.
- 5 Und er war allezeit, Tag und Nacht, auf den Bergen und in den Gräbern, schrie und schlug sich mit Steinen.
- 6 Da er aber Jesum sah von ferne, lief er zu und fiel vor ihm nieder, schrie laut und sprach:
- 7 Was habe ich mit dir zu tun, o Jesu, du Sohn Gottes, des Allerhöchsten? Ich beschwöre dich bei Gott, daß du mich nicht quälest!
- 8 Denn er sprach zu ihm: Fahre aus, du unsauberer Geist, von dem Menschen!
- 9 Und er fragte ihn: Wie heißt du? Und er antwortete und sprach: Legion heiße ich; denn wir sind unser viele.
- 10 Und er bat ihn sehr, daß er sie nicht aus der Gegend triebe.
- 11 Und es war daselbst an den Bergen eine große Herde Säue auf der Weide.
- 12 Und die Teufel baten ihn alle und sprachen: Laß uns in die Säue fahren!
- 13 Und alsbald erlaubte es ihnen Jesus. Da fuhren die unsauberen Geister aus und fuhren in die Säue; und die Herde stürzte sich von dem Abhang ins Meer (ihrer waren aber bei zweitausend) und ersoffen im Meer.
- 14 Und die Sauhirten flohen und verkündigten das in der Stadt und auf dem Lande. Und sie gingen hinaus, zu sehen, was da geschehen war,
- 15 und kamen zu Jesu und sahen den, der von den Teufeln besessen war, daß er saß und war bekleidet und vernünftig, und fürchteten sich.
- 16 Und die es gesehen hatten, sagten ihnen, was dem Besessenen widerfahren war, und von den Säuen.
- 17 Und sie fingen an und baten ihn, daß er aus ihrer Gegend zöge.
- 18 Und da er in das Schiff trat, bat ihn der Besessene, daß er möchte bei ihm sein.
- 19 Aber Jesus ließ es nicht zu, sondern sprach zu ihm: Gehe hin in dein Haus und zu den Deinen und verkündige ihnen, wie große Wohltat dir der HERR getan und sich deiner erbarmt hat.
- 20 Und er ging hin und fing an, auszurufen in den zehn Städten, wie große Wohltat ihm Jesus getan hatte; und jedermann verwunderte sich.
- 21 Und da Jesus wieder herüberfuhr im Schiff, versammelte sich viel Volks zu ihm, und er war an dem Meer.
- 22 Und siehe, da kam der Obersten einer von der Schule, mit Namen Jairus; und da er ihn sah, fiel er ihm zu Füßen
- 23 und bat ihn sehr und sprach: Meine Tochter ist in den letzten Zügen; Du wollest kommen und deine Hand auf sie legen, daß sie gesund werde und lebe.
- 24 Und er ging hin mit ihm; und es folgte ihm viel Volks nach, und sie drängten ihn.
- 25 Und da war ein Weib, das hatte den Blutgang zwölf Jahre gehabt
- 26 und viel erlitten von vielen Ärzten und hatte all ihr Gut darob verzehrt, und half ihr nichts, sondern vielmehr ward es ärger mit ihr.
- 27 Da die von Jesu hörte, kam sie im Volk von hintenzu und rührte sein Kleid an.
- 28 Denn sie sprach: Wenn ich nur sein Kleid möchte anrühren, so würde ich gesund.
- 29 Und alsbald vertrocknete der Brunnen ihres Bluts; und sie fühlte es am Leibe, daß sie von ihrer Plage war gesund geworden.
- 30 Und Jesus fühlte alsbald an sich selbst die Kraft, die von ihm ausgegangen war, und wandte sich um zum Volk und sprach: Wer hat meine Kleider angerührt?
- 31 Und die Jünger sprachen zu ihm: Du siehst, daß dich das Volk drängt, und sprichst: Wer hat mich angerührt?
- 32 Und er sah sich um nach der, die das getan hatte.
- 33 Das Weib aber fürchtete sich und zitterte (denn sie wußte, was an ihr geschehen war), kam und fiel vor ihm nieder und sagte die ganze Wahrheit.
- 34 Er sprach aber zu ihr; Meine Tochter, Dein Glaube hat dich gesund gemacht; gehe hin mit Frieden und sei gesund von deiner Plage!
- 35 Da er noch also redete, kamen etliche vom Gesinde des Obersten der Schule und sprachen: Deine Tochter ist gestorben; was bemühst du weiter den Meister?
- 36 Jesus aber hörte alsbald die Rede, die da gesagt ward, und sprach zu dem Obersten der Schule: Fürchte dich nicht, glaube nur!
- 37 Und ließ niemand ihm nachfolgen denn Petrus und Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus.
- 38 Und er kam in das Haus des Obersten der Schule und sah das Getümmel und die da weinten und heulten.
- 39 Und er ging hinein und sprach zu ihnen: Was tummelt und weinet ihr? Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft. Und sie verlachten ihn.
- 40 Und er trieb sie alle aus und nahm mit sich den Vater des Kindes und die Mutter die bei ihm waren, und ging hinein, da das Kind lag,
- 41 und ergriff das Kind bei der Hand und sprach zu ihr: Talitha kumi! das ist verdolmetscht: Mägdlein, ich sage dir stehe auf!
- 42 Und alsbald stand das Mägdlein auf und wandelte; es war aber zwölf Jahre alt. Und sie entsetzten sich über die Maßen.
- 43 Und er verbot ihnen hart, daß es niemand wissen sollte, und sagte, sie sollten ihr zu essen geben.
Kapitelüberblick
Ein Mann, der von unreinen Geistern beherrscht wird, lebt einsam zwischen den Gräbern. Niemand kann ihn mehr bändigen, doch Jesus befreit ihn und gibt ihm seine Würde zurück. Während die Bewohner der Gegend Jesus aus Furcht bitten, fortzugehen, soll der Geheilte zu seiner Familie zurückkehren und von Gottes Erbarmen erzählen.
Anschließend sucht Jairus, ein Synagogenvorsteher, Jesus auf, weil seine kleine Tochter im Sterben liegt. Auf dem Weg zu ihr begegnet Jesus einer Frau, die seit zwölf Jahren an Blutungen leidet. Sie berührt voller Vertrauen sein Gewand und wird geheilt. Jesus wendet sich ihr persönlich zu und spricht ihr Frieden zu. Unterdessen stirbt die Tochter des Jairus. Doch Jesus ermutigt den Vater, weiterhin zu glauben, und schenkt dem Mädchen das Leben zurück.
Markus 5 zeigt Jesus als denjenigen, dem weder dämonische Mächte noch langjähriges Leiden oder der Tod Grenzen setzen können. Zugleich wird seine persönliche Zuwendung sichtbar: Er begegnet Menschen in ihrer tiefsten Not, nimmt ihre Würde ernst und eröffnet ihnen neue Hoffnung.
Einführung
Die Ereignisse dieses Kapitels schließen unmittelbar an eine Überfahrt an, die für die Jünger zu einer erschütternden Erfahrung geworden war. Jesus hatte sie aufgefordert, mit ihm an das andere Ufer des Sees Genezareth zu fahren (Markus 4,35). Während der Fahrt gerieten sie in einen heftigen Sturm. Obwohl sie um ihr Leben fürchteten, schlief Jesus im Boot. Als sie ihn weckten, gebot er dem Wind und den Wellen, still zu werden. Daraufhin stellten sich die Jünger eine entscheidende Frage: Wer ist dieser Mann, dem sogar Wind und Meer gehorchen (Markus 4,41)? Diese Frage bleibt zunächst im Raum stehen und begleitet den Leser in die folgenden Ereignisse.
Das gegenüberliegende, östliche Ufer des Sees führte in eine Gegend, in der jüdische und nichtjüdische Einflüsse aufeinandertrafen. Schweinehaltung war dort möglich, obwohl Schweine nach den Reinheitsvorschriften Israels als unrein galten (3. Mose 11,7–8). Auch die Gräber, die Markus gleich zu Beginn erwähnt, gehören zum Verständnis des Schauplatzes. Grabstätten lagen häufig außerhalb der Wohngebiete und konnten als Höhlen oder in Felsen angelegte Kammern gestaltet sein. Ein Mensch, der sich dauerhaft an solchen Orten aufhielt, lebte damit weit entfernt von der gewöhnlichen Gemeinschaft.
Eine Besonderheit der weiteren Erzählung liegt in ihrer sorgfältigen Anordnung. Markus beginnt einen Bericht, unterbricht ihn durch eine andere Begegnung und führt anschließend die erste Geschichte zu Ende. Dieses Erzählverfahren lädt dazu ein, nicht nur die einzelnen Ereignisse zu betrachten, sondern auch auf ihre gegenseitigen Bezüge zu achten. Gerade scheinbar nebensächliche Einzelheiten erhalten dadurch zusätzliches Gewicht.
Zunächst aber richtet sich der Blick auf die Ankunft Jesu am anderen Ufer. Noch bevor von einer Stadt, einer Synagoge oder einer größeren Menschenmenge die Rede ist, führt Markus seine Leser an einen Ort außerhalb des gewohnten gesellschaftlichen Lebens.
Markus 5,1–5
Ein Mensch außerhalb jeder menschlichen Hilfe
Nach der Überfahrt erreicht Jesus mit seinen Jüngern das gegenüberliegende Ufer des Sees Genezareth. Markus bezeichnet die Gegend in der Schlachter-Bibel von 1951 als Landschaft der Gadarener. Andere alte Handschriften überliefern die Bezeichnungen Gerasener oder Gergesener. Die genaue Zuordnung des Ortes ist deshalb nicht völlig sicher. Für die Erzählung ist jedoch entscheidend, dass Jesus das vertraute Gebiet Galiläas verlassen hat und sich nun in einer Gegend aufhält, die stark von nichtjüdischen Einflüssen geprägt ist. Dort beginnt unmittelbar nach seiner Ankunft eine Begegnung, die auf ungewöhnliche Weise sichtbar macht, wie tief ein menschliches Leben zerstört werden kann.
Kaum ist Jesus aus dem Schiff gestiegen, läuft ihm ein Mann entgegen, den Markus als Menschen mit einem unreinen Geist beschreibt (Markus 5,2). Die Bezeichnung „unreiner Geist“ meint im Sprachgebrauch des Evangeliums eine böse geistliche Macht, die von dem betroffenen Menschen unterschieden wird. Bereits in Markus 1,23–27 war Jesus einem solchen Geist begegnet und hatte ihm befohlen, einen Menschen zu verlassen. Doch während dort die Begegnung in einer Synagoge stattfand, führt Markus seine Leser diesmal an einen Ort, an dem der Betroffene offenbar längst keinen gewöhnlichen Platz im menschlichen Zusammenleben mehr hat. Seine Umgebung wird von Gräbern bestimmt, und sein Zustand hat ihn weit von den Lebensverhältnissen anderer Menschen entfernt.
Markus betont ausdrücklich, dass dieser Mann seine Wohnung in den Gräbern hatte (Markus 5,3). Gemeint sind wahrscheinlich natürliche oder in den Felsen angelegte Grabhöhlen, wie sie in der damaligen Landschaft vorkamen. Solche Orte waren für die Bestattung der Toten bestimmt, nicht für das alltägliche Leben. Nach den Reinheitsbestimmungen Israels war zudem der unmittelbare Kontakt mit Toten oder mit einem Grab mit ritueller Unreinheit verbunden (4. Mose 19,16). Das bedeutete nicht automatisch persönliche Schuld, sondern betraf den kultischen Zustand eines Menschen im Zusammenhang mit der Begegnung mit dem Tod. Für die Erzählung verstärkt der Aufenthalt zwischen den Gräbern deshalb das Bild einer Existenz, die vom gewöhnlichen Leben getrennt ist. Lukas ergänzt in seinem Parallelbericht, dass der Mann seit längerer Zeit keine Kleider trug und nicht in einem Haus wohnte (Lukas 8,27). Damit wird noch deutlicher, wie umfassend ihm die äußeren Zeichen eines geordneten menschlichen Lebens verloren gegangen waren.
Anschließend richtet Markus die Aufmerksamkeit auf die vergeblichen Versuche, den Mann unter Kontrolle zu bringen. Niemand konnte ihn mehr binden, nicht einmal mit Ketten. Schon häufig hatte man ihm Fußfesseln und Ketten angelegt, doch er hatte sie zerrissen oder zerbrochen (Markus 5,3–4). Die wiederholten Versuche zeigen, dass sein Zustand den Menschen seiner Umgebung bekannt war und sie bereits Maßnahmen dagegen unternommen hatten. Warum sie ihn jeweils fesselten und welche Absichten dabei im Vordergrund standen, erklärt Markus nicht. Möglicherweise wollten sie sich und andere schützen; darüber hinausgehende Beweggründe bleiben offen. Entscheidend ist das Ergebnis: Selbst die stärksten verfügbaren Mittel hatten keine dauerhafte Kontrolle über ihn ermöglicht.
Die außergewöhnliche körperliche Kraft des Mannes steht dabei in einem bemerkenswerten Gegensatz zu seiner tatsächlichen Hilflosigkeit. Er kann Ketten zerreißen, aber nicht aus dem Zustand herausfinden, der sein Leben beherrscht. Er ist für andere Menschen unbezwingbar geworden und zugleich selbst nicht frei. Die wiederholte Feststellung, dass niemand ihn bändigen konnte, beschreibt deshalb mehr als ein Problem körperlicher Sicherheit. Sie unterstreicht die Grenzen menschlicher Möglichkeiten. Äußere Gewalt konnte seinen Zustand nicht überwinden, und die Fesseln konnten ihm das nicht zurückgeben, was er verloren hatte: ein Leben, in dem er wieder selbstbestimmt handeln und mit anderen Menschen zusammenleben konnte.
In Vers 5 erweitert Markus das Bild noch einmal. Tag und Nacht hält sich der Mann zwischen den Gräbern und auf den Bergen auf, schreit und schlägt sich mit Steinen. Die ausdrückliche Erwähnung von Tag und Nacht zeigt, dass sein Leiden nicht auf einzelne kurze Ausbrüche beschränkt war. Es prägte seinen gesamten Alltag. Selbst an den Orten, an denen er sich frei bewegen konnte, fand er offenbar keine Ruhe. Seine Schreie lassen erkennen, dass der Zustand mit schwerer Qual verbunden war. Besonders erschütternd ist die Selbstverletzung: Der Mann richtet Gewalt gegen seinen eigenen Körper. Aus dem Zusammenhang geht hervor, dass Markus dieses Verhalten als Teil seiner außergewöhnlichen Not beschreibt. Der Text erklärt jedoch weder, wie dieser Zustand entstanden war, noch macht er den Mann für sein Leiden verantwortlich.
Gerade bei dieser Beschreibung ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Die Evangelien stellen unreine Geister als geistliche Mächte dar, die Jesus erkennen, auf seine Befehle reagieren und von Menschen ausgetrieben werden können. Gleichzeitig erlaubt dieser konkrete Bericht nicht den Umkehrschluss, dass Selbstverletzungen, ungewöhnliches Verhalten oder seelische Erkrankungen grundsätzlich durch dämonische Mächte verursacht seien. Die Bibel kennt auch Krankheiten und Leiden, ohne sie als Besessenheit zu bezeichnen. So unterscheidet Matthäus 4,24 zwischen verschiedenen Kranken und Menschen, die von Dämonen besessen waren. Markus 5 erzählt einen bestimmten Fall außergewöhnlicher dämonischer Beherrschung, liefert aber keine allgemeine Anleitung, aus dem Verhalten leidender Menschen auf eine unsichtbare geistliche Ursache zu schließen.
Auffällig ist schließlich, dass Markus den Mann trotz seines erschreckenden Zustands durchgehend als Menschen wahrnehmbar bleiben lässt. Hinter den zerrissenen Ketten, den Schreien und den Selbstverletzungen steht keine bloße Verkörperung des Bösen, sondern ein Mensch, dessen Leben schwer gezeichnet ist. Die zerstörerische Macht, die ihn beherrscht, bestimmt seine gegenwärtige Lage, aber sie hebt seinen Wert als Mensch nicht auf. Diese Unterscheidung ist für den weiteren Verlauf wesentlich, denn Jesus wird sich nicht damit begnügen, die von ihm ausgehende Gefahr zu beenden. Das Ziel seiner Begegnung reicht bis zur Wiederherstellung des Betroffenen.
So endet die Beschreibung der ersten fünf Verse mit einem bedrückenden Gegensatz: Niemand in der Umgebung konnte diesem Mann helfen, obwohl man bereits wiederholt versucht hatte, ihn zu bezwingen. Nun aber steht Jesus vor ihm. Wie der Mann auf seine Gegenwart reagiert und was dabei über die Macht des unreinen Geistes sichtbar wird, schildert Markus unmittelbar anschließend.
Markus 5,6–10
Selbst viele unreine Geister müssen Jesu Vollmacht anerkennen
Als der Mann Jesus von Weitem sieht, läuft er auf ihn zu und wirft sich vor ihm nieder (Markus 5,6). Nach der Beschreibung seines bisherigen Verhaltens ist diese Reaktion bemerkenswert. Niemand konnte ihn bändigen, selbst Ketten hielten ihn nicht fest. Doch nun nähert er sich Jesus und fällt vor ihm zu Boden. Markus verwendet dafür ein griechisches Wort, das sowohl eine ehrerbietige Verbeugung als auch eine anbetende Niederwerfung bezeichnen kann. Welche Bedeutung im Einzelnen vorliegt, entscheidet der Zusammenhang. Hier folgt unmittelbar eine Äußerung des unreinen Geistes, der Jesus erkennt und sich seiner Macht nicht entziehen kann. Die Niederwerfung darf deshalb nicht ohne Weiteres als freiwillige Anbetung oder als persönliches Glaubensbekenntnis des gequälten Mannes verstanden werden. Zunächst wird sichtbar, dass die Macht, die ihn beherrscht, vor Jesus nicht unangefochten bestehen kann.
Mit lauter Stimme ruft der Mann: „Jesus, du Sohn Gottes, des Höchsten, was habe ich mit dir zu schaffen?“ (Markus 5,7). Die Worte zeigen, dass der unreine Geist Jesu Identität erkennt. Bereits in Markus 1,24 hatte ein unreiner Geist Jesus als den Heiligen Gottes bezeichnet. Nun wird er ausdrücklich als Sohn Gottes, des Höchsten, angesprochen. Der Ausdruck „der Höchste“ ist eine biblische Gottesbezeichnung, die Gottes einzigartige Stellung über alle anderen Mächte hervorhebt. Auch in Lukas 1,32 wird sie verwendet, wenn der Engel Gabriel ankündigt, dass Jesus Sohn des Höchsten genannt werden wird. In Markus 5 kommt diese Erkenntnis jedoch aus dem Mund einer feindlichen geistlichen Macht. Gerade darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen dem Wissen um Jesu Identität und einem vertrauensvollen Verhältnis zu ihm.
Die Frage „Was habe ich mit dir zu schaffen?“ ist keine Bitte um nähere Auskunft. Sie entspricht einer damals gebräuchlichen Ausdrucksweise, mit der jemand eine Einmischung zurückweist oder die Beziehung zu einem anderen abgrenzt. Der unreine Geist stellt Jesu Identität nicht infrage, sondern widersetzt sich seiner Gegenwart und seinem Eingreifen. Er weiß offenbar, dass Jesus nicht gekommen ist, um seine zerstörerische Herrschaft über den Menschen unangetastet zu lassen. Damit erscheint die Begegnung in einem anderen Licht als die bisherigen Versuche der Bewohner, den Mann zu fesseln. Während die Menschen ihn nicht unter Kontrolle bringen konnten, muss die Macht, die ihn beherrscht, nun selbst auf Jesus reagieren.
Anschließend beschwört der Geist Jesus bei Gott, ihn nicht zu peinigen (Markus 5,7). Diese Bitte ist besonders auffällig, weil sie aus dem Mund dessen kommt, der den Mann bisher schwer gequält hat. Nun fürchtet die zerstörerische Macht selbst, was Jesus mit ihr tun könnte. Der Parallelbericht in Matthäus 8,29 ergänzt, dass die Dämonen fragen, ob Jesus gekommen sei, sie vor der Zeit zu quälen. Dort wird ihre Furcht ausdrücklich mit einem noch nicht eingetretenen Zeitpunkt verbunden. Im Zusammenhang mit der biblischen Lehre vom zukünftigen Gericht lässt sich darin die Erwartung erkennen, dass ihre Macht nicht unbegrenzt bestehen bleibt. Markus selbst nennt an dieser Stelle allerdings keinen bestimmten Gerichtstermin. Sein Schwerpunkt liegt auf der unmittelbaren Begegnung mit Jesus und der Furcht der unreinen Geister vor seiner Autorität.
Warum der Geist so reagiert, erklärt Markus im folgenden Vers: Jesus hatte ihm bereits befohlen, aus dem Menschen auszufahren (Markus 5,8). Diese nachträglich mitgeteilte Einzelheit ist entscheidend für das Verständnis der bisherigen Handlung. Der Schrei entsteht nicht einfach deshalb, weil Jesus in der Nähe ist, sondern steht im Zusammenhang mit seinem ausdrücklichen Befehl. Jesus spricht den unreinen Geist direkt an und verlangt, dass er den Menschen verlässt. Dabei unterscheidet er klar zwischen der zerstörerischen Macht und der Person, die unter ihr leidet. Der Mann ist nicht mit dem unreinen Geist gleichzusetzen. Er ist derjenige, aus dem diese Macht weichen soll. Damit richtet sich Jesu Handeln gegen die Ursache seiner Gefangenschaft und auf die Befreiung des Betroffenen.
Daraufhin fragt Jesus: „Wie heißest du?“ Die Antwort lautet: „Legion heiße ich; denn wir sind viele!“ (Markus 5,9). Das Wort „Legion“ stammt aus der römischen Militärsprache und bezeichnete einen großen Truppenverband, dessen Sollstärke je nach Zeit und Organisation mehrere Tausend Soldaten umfassen konnte. Der Begriff vermittelt deshalb die Vorstellung einer großen, geballten Macht. Entscheidend ist jedoch, dass Markus die Bedeutung im Bericht selbst erklärt: Es handelt sich um viele unreine Geister. Der Wechsel von der Einzahl „ich“ zur Mehrzahl „wir“ macht dies besonders deutlich. Was zunächst wie die Äußerung einer einzelnen Macht klingt, erweist sich als die Stimme einer Vielzahl von Dämonen, die denselben Menschen beherrschen.
Daraus lässt sich allerdings keine genaue Zahl ableiten. Auch wenn eine römische Legion mehrere Tausend Soldaten umfassen konnte, bedeutet der Name nicht, dass exakt ebenso viele Dämonen in diesem Mann waren. Ebenso wenig muss die militärische Bezeichnung zwingend als verschlüsselte Aussage über eine bestimmte römische Besatzungstruppe verstanden werden. Eine solche politische Anspielung wird zwar diskutiert, doch der Erzähltext erklärt den Namen ausdrücklich durch die Vielzahl der Geister. Für das Verständnis der Begegnung ist dieser Punkt entscheidend: Hinter dem Leiden des Mannes steht nicht nur eine einzelne feindliche Macht, sondern eine große Zahl unreiner Geister. Dennoch begegnen sie Jesus nicht als überlegene Gegner.
Auch Jesu Frage nach dem Namen darf nicht zu einer allgemeinen Methode für den Umgang mit dämonischen Mächten gemacht werden. Markus berichtet nicht, dass Jesus jeden einzelnen Geist identifizieren, seine Stellung bestimmen oder durch besondere Beschwörungsformeln unter Kontrolle bringen müsste. Bereits vor der Namensnennung hatte er den Befehl zum Ausfahren ausgesprochen. Die Frage macht in diesem Bericht die außergewöhnliche Schwere der Beherrschung erkennbar, ohne dass Jesus von der Antwort abhängig wäre. Seine Autorität beruht nicht auf geheimem Wissen über die Dämonen, sondern auf seiner eigenen Macht. Das entspricht auch seinem früheren Auftreten in Kapernaum, wo die unreinen Geister seinem Befehl gehorchen mussten (Markus 1,27).
Vers 10 berichtet schließlich, dass der Geist Jesus eindringlich bittet, die Dämonen nicht aus dem Land zu verweisen. Wieder fällt der Wechsel zwischen Einzahl und Mehrzahl auf: Einer spricht, aber die Bitte betrifft alle. Der Ausdruck „Land“ kann hier auch die betreffende Gegend oder das Gebiet bezeichnen. Warum die Dämonen gerade dort bleiben wollen, erklärt Markus nicht. Lukas 8,31 überliefert ergänzend die Bitte, nicht in den Abgrund geschickt zu werden. Beide Berichte zeigen die Furcht vor Jesu Verfügungsmacht, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte. Aus dem Wunsch, in der Gegend zu bleiben, lässt sich keine gesicherte Lehre ableiten, nach der bestimmte Dämonen grundsätzlich an festgelegte geografische Gebiete gebunden wären.
Bemerkenswert ist vielmehr, dass die unreinen Geister wiederholt bitten müssen. Sie können ihre weitere Existenzweise nicht selbst bestimmen, sondern sind auf Jesu Entscheidung angewiesen. Ihre Vielzahl, ihre zerstörerische Kraft und ihre Kenntnis seiner Identität ändern daran nichts. Vor Jesus können sie Forderungen äußern, aber sie können ihm ihren Willen nicht aufzwingen.
Damit ist die entscheidende Voraussetzung für die Befreiung des Mannes geschaffen. Die Macht, die für seine Mitmenschen unüberwindbar erschien, muss sich nun demjenigen stellen, dessen Wort bereits Wind und Meer zum Schweigen gebracht hatte. Noch ist der Mann nicht sichtbar wiederhergestellt. Doch die Dämonen wissen bereits, dass sie seiner Herrschaft über diesen Menschen nicht aus eigener Kraft festhalten können. Ihre anschließende Bitte, in eine nahe Schweineherde fahren zu dürfen, führt die Begegnung zu einer überraschenden und schwierigen Wendung.
Markus 5,11–13
Die Dämonen, die Schweine und die Grenzen ihrer Macht
Während Jesus den unreinen Geistern gegenübersteht, weidet in der Nähe an den Berghängen eine große Schweineherde (Markus 5,11). Diese Einzelheit führt ein neues Element in die Erzählung ein, das sowohl für den Schauplatz als auch für den weiteren Verlauf bedeutsam ist. Nach den Reinheitsvorschriften Israels gehörten Schweine zu den unreinen Tieren und durften nicht gegessen werden (3. Mose 11,7–8). Dass in dieser Gegend eine große Herde gehalten wurde, passt deshalb zu einer Bevölkerung, die nicht ausschließlich nach den jüdischen Speisevorschriften lebte. Das Gebiet östlich des Sees Genezareth stand unter starken griechisch-römischen Einflüssen, und die Schweinehaltung war in einer solchen Umgebung nichts Ungewöhnliches. Markus erklärt nicht, wem die Tiere gehörten oder welche wirtschaftliche Bedeutung die Herde für ihre Besitzer hatte. Ihre Größe lässt jedoch erkennen, dass es sich nicht um einige wenige Haustiere, sondern um einen beträchtlichen Tierbestand handelte.
Die unreinen Geister richten nun eine neue Bitte an Jesus: Er soll ihnen erlauben, in die Schweine zu fahren (Markus 5,12). Nachdem ihre vorherige Bitte, nicht aus der Gegend vertrieben zu werden, erwähnt worden ist, wird damit deutlicher, welche Möglichkeit sie suchen. Sie wollen den Menschen verlassen, aber weiterhin auf andere Lebewesen einwirken können. Weshalb sie gerade die Schweine wählen, sagt der Bericht nicht ausdrücklich. Dass Schweine nach dem Gesetz Israels als unrein galten, bildet zwar einen auffälligen sprachlichen Zusammenhang mit der Bezeichnung „unreine Geister“. Daraus folgt jedoch nicht, dass Schweine von Natur aus dämonische Tiere wären oder dass rituelle Unreinheit mit dämonischer Besessenheit gleichzusetzen sei. Die biblischen Reinheitsbestimmungen und die hier beschriebene geistliche Macht gehören zu unterschiedlichen Bedeutungsbereichen, auch wenn Markus beide Begriffe in derselben Erzählung verwendet.
Bemerkenswert ist, dass die Dämonen Jesus um Erlaubnis bitten müssen. Sie können den Menschen nicht einfach verlassen und sich ohne Weiteres einen neuen Aufenthaltsort nehmen. Nachdem sie Jesu Befehl zum Ausfahren gehört haben, bleibt ihnen nur, eine Bitte an ihn zu richten. Vers 13 berichtet, dass Jesus ihnen die Erlaubnis gibt. Der Wortlaut unterscheidet dabei zwischen der Entscheidung Jesu und dem anschließenden Handeln der unreinen Geister. Jesus erlaubt ihnen, in die Schweine zu fahren; die Geister verlassen daraufhin den Mann und fahren in die Tiere. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil der Text Jesus nicht als denjenigen beschreibt, der die Schweine selbst in den See treibt. Zugleich verschweigt der Bericht nicht, dass er den Wechsel in die Herde zugelassen hat. Beides muss bei der Auslegung berücksichtigt werden.
Unmittelbar danach geschieht etwas Erschütterndes. Die gesamte Herde stürzt den steilen Abhang hinunter in den See und ertrinkt. Markus nennt ungefähr zweitausend Tiere (Markus 5,13). Diese Zahl verdeutlicht das Ausmaß des Geschehens. Sie darf allerdings nicht mit der Zahl der Dämonen gleichgesetzt werden. Der Bericht sagt weder, dass jeder Geist in ein einzelnes Schwein gefahren sei, noch dass die Zahl der Tiere die genaue Stärke der zuvor genannten Legion offenbare. Markus beschreibt vielmehr zwei zusammenhängende Ereignisse: Die unreinen Geister verlassen den Menschen und fahren in die Schweine; anschließend geht die Herde im Wasser zugrunde. Was die Dämonen mit ihrem Wunsch ursprünglich bezweckten und ob sie den Untergang der Tiere vorausgesehen hatten, wird nicht erklärt.
Der plötzliche Tod einer so großen Herde wirft verständlicherweise schwierige Fragen auf. Warum gestattet Jesus überhaupt, dass die unreinen Geister in die Schweine fahren? Weshalb verhindert er den daraus entstehenden Verlust nicht? Der Text beantwortet diese Fragen nicht ausdrücklich. Eine häufige Erklärung lautet, Jesus habe durch das Geschehen die zerstörerische Natur der Dämonen sichtbar machen wollen. Diese Deutung besitzt einen nachvollziehbaren Anhaltspunkt: Dieselben Mächte, die zuvor das Leben eines Menschen schwer gezeichnet hatten, stehen nun im Zusammenhang mit dem Untergang der Tiere. Das Geschehen führt ihre zerstörerische Wirkung in einer Weise vor Augen, die auch von den Bewohnern der Gegend wahrgenommen werden kann. Dennoch sagt Markus nicht, dass Jesus den Tod der Schweine eigens zu diesem Zweck herbeigeführt habe. Deshalb sollte diese Erklärung als mögliche Deutung verstanden werden und nicht als ausdrücklich genannte Absicht Jesu.
Ebenso wenig lässt sich zuverlässig behaupten, die Vernichtung der Schweine sei eine gezielte Bestrafung ihrer Besitzer gewesen, weil sie unreine Tiere hielten. Zwar untersagte das Gesetz Israels den Verzehr von Schweinefleisch, doch daraus folgt nicht, dass jede Schweineherde außerhalb Israels unter einem besonderen göttlichen Strafurteil stand. Hinzu kommt, dass die Eigentümer der Tiere im Bericht überhaupt nicht näher vorgestellt werden. Ihre Herkunft, ihre religiöse Zugehörigkeit und ihr persönliches Verhalten bleiben unbekannt. Wer aus dem Untergang der Tiere ein bestimmtes Strafgericht über ihre Besitzer ableitet, muss dem Text daher Beweggründe und Umstände hinzufügen, die Markus selbst nicht nennt.
Der Verlust der Herde bleibt dennoch ein ernst zu nehmender Bestandteil der Erzählung. Zweitausend Tiere stellten einen beträchtlichen wirtschaftlichen Wert dar. Ihr Tod konnte für die Menschen, denen sie gehörten oder die von ihrer Haltung lebten, schwerwiegende Folgen haben. Das Geschehen darf deshalb nicht dadurch verharmlost werden, dass man den Verlust von Tieren oder Eigentum grundsätzlich für bedeutungslos erklärt. Die Heilige Schrift beschreibt Gottes Fürsorge auch gegenüber seinen Geschöpfen. Nach Psalm 104,10–14 sorgt Gott für die Lebensbedingungen der Tiere, und nach Sprüche 12,10 achtet der Gerechte auf das Wohl seines Viehs. Die Tiere besitzen somit innerhalb der Schöpfung einen Wert, auch wenn der Mensch nach 1. Mose 1,26–27 eine besondere Stellung trägt. Markus 5 stellt diese Grundsätze nicht gegeneinander, sondern erzählt ein außergewöhnliches Befreiungsgeschehen, dessen einzelne Folgen nicht vollständig erklärt werden.
Dabei hilft es, den eigentlichen Verlauf im Blick zu behalten. Die unreinen Geister wollten ihren Einfluss auf den Mann nicht aufgeben. Auf Jesu Befehl hin müssen sie ihn dennoch verlassen. Was sie anschließend erbitten und was mit der Herde geschieht, zeigt, dass ihre Macht zwar noch zerstörerisch wirken kann, aber nicht unabhängig von Jesu Autorität ist. Gleichzeitig liefert der Bericht keinen eindeutigen Beleg dafür, dass die Dämonen selbst im See vernichtet wurden. Markus sagt ausdrücklich, dass die Schweine ertranken. Über das weitere Schicksal der unreinen Geister macht er an dieser Stelle keine zusätzliche Aussage. Es wäre deshalb nicht gerechtfertigt, aus dem Untergang der Tiere eine vollständige Lehre über die endgültige Vernichtung oder Gefangenschaft dämonischer Mächte abzuleiten.
Für den gequälten Mann bedeutet das Geschehen jedoch eine entscheidende Wende. Die Macht, die ihn bisher beherrscht hatte, ist aus ihm ausgefahren. Noch berichtet Markus nicht ausführlich, wie sein verändertes Leben aussieht. Stattdessen folgt die Erzählung zunächst den Auswirkungen des außergewöhnlichen Ereignisses auf die Menschen der Umgebung. Die Schweinehirten werden zu Überbringern einer Nachricht, die niemand unbeachtet lassen kann. Die Bewohner werden bald vor einem Geschehen stehen, das sie sowohl mit einem schweren Verlust als auch mit der Befreiung eines Menschen konfrontiert. Wie sie auf diese beiden Tatsachen reagieren, wird zum entscheidenden Thema der folgenden Verse.
Markus 5,14–20
Die wiedergewonnene Würde und der Auftrag zum Zeugnis
Die Hirten, die den Untergang der Schweineherde miterlebt haben, fliehen und verbreiten die Nachricht in der Stadt und auf dem Land (Markus 5,14). Was sie gesehen haben, ist so außergewöhnlich, dass es nicht verborgen bleibt. Die Menschen der Umgebung machen sich auf den Weg, um selbst festzustellen, was geschehen ist. Markus beschreibt damit eine bemerkenswerte Entwicklung: Während Jesus zunächst nur dem gequälten Mann begegnet war, wird nun die gesamte Umgebung mit den Folgen seiner Befreiung konfrontiert. Die Aufmerksamkeit der Bewohner richtet sich allerdings nicht allein auf den Mann. Auch der Verlust der großen Schweineherde gehört zu dem Ereignis, über das die Hirten berichten. Beide Tatsachen werden die anschließende Reaktion der Menschen beeinflussen.
Als die Bewohner zu Jesus kommen, sehen sie den ehemals Besessenen dasitzen, bekleidet und bei klarem Verstand (Markus 5,15). Diese wenigen Angaben bilden einen starken Gegensatz zu seinem früheren Zustand. Zuvor hatte er zwischen den Gräbern gelebt, geschrien, sich selbst verletzt und sich jeder menschlichen Kontrolle entzogen. Jetzt sitzt er ruhig da. Die äußere Veränderung ist offensichtlich, doch Markus beschreibt mehr als die Abwesenheit auffälligen Verhaltens. Der Mann trägt wieder Kleidung, und sein Denken ist geordnet. Das griechische Wort, das hier mit „vernünftig“ wiedergegeben wird, bezeichnet einen Zustand verständigen, besonnenen Denkens. Damit wird deutlich, wie umfassend sich sein Leben verändert hat. Er ist nicht nur von einer zerstörerischen Macht befreit worden, sondern hat Fähigkeiten zurückgewonnen, die für ein selbstbestimmtes Leben und die Gemeinschaft mit anderen Menschen wesentlich sind.
Gerade die Erwähnung seiner Kleidung verdient Aufmerksamkeit. Lukas berichtet ausdrücklich, dass der Mann vor seiner Befreiung lange Zeit keine Kleider getragen hatte (Lukas 8,27). Markus nennt diesen früheren Zustand nicht eigens, hebt aber hervor, dass der Geheilte nun bekleidet dasitzt. Kleidung gehört zu den gewöhnlichen Zeichen menschlicher Würde und gesellschaftlicher Zugehörigkeit. In der vorliegenden Erzählung verstärkt sie deshalb das Bild seiner Wiederherstellung. Der Mann, der bisher durch sein erschreckendes Verhalten und seine Isolation auffiel, begegnet den Menschen nun in einer Weise, die ein normales Zusammenleben wieder möglich erscheinen lässt. Wie er zu seiner Kleidung gekommen ist, erklärt der Bericht nicht. Für Markus ist nicht dieser Vorgang entscheidend, sondern das sichtbare Ergebnis der Begegnung mit Jesus.
Überraschenderweise reagieren die Bewohner nicht zuerst mit Freude, sondern mit Furcht. Gerade nachdem sie den ehemals Besessenen in seinem wiederhergestellten Zustand gesehen haben, berichtet Markus, dass sie sich fürchten (Markus 5,15). Diese Reaktion erinnert an die Jünger nach der Stillung des Sturmes. Auch sie waren von großer Furcht ergriffen worden, als sie erkannten, dass Jesus sogar Wind und Meer gebieten konnte (Markus 4,41). In beiden Fällen begegnen Menschen einer Macht, die ihre bisherigen Erfahrungen übersteigt. Furcht muss dabei nicht ausschließlich Ablehnung bedeuten. Sie kann auch aus dem Bewusstsein entstehen, etwas Außergewöhnlichem gegenüberzustehen, das man nicht einordnen oder kontrollieren kann. Doch wie Menschen mit dieser Furcht umgehen, kann sehr unterschiedlich sein.
Die Augenzeugen erklären den Bewohnern daraufhin genauer, was mit dem Besessenen geschehen ist und was sich mit den Schweinen ereignet hat (Markus 5,16). Markus führt beide Berichte ausdrücklich zusammen. Die Menschen erhalten somit nicht nur die Nachricht von einem großen wirtschaftlichen Verlust, sondern auch die Erklärung, dass ein zuvor schwer leidender Mensch befreit worden ist. Sie stehen vor zwei sichtbaren Folgen desselben Geschehens. Einerseits ist eine beträchtliche Tierherde zugrunde gegangen. Andererseits sitzt ein Mann vor ihnen, den zuvor niemand bändigen konnte und dessen Zustand sich vollständig verändert hat. Wie die einzelnen Bewohner diese Ereignisse bewerten, beschreibt Markus nicht im Detail. Ihre gemeinsame Reaktion wird jedoch unmittelbar danach genannt.
Sie beginnen Jesus zu bitten, ihr Gebiet zu verlassen (Markus 5,17). Damit erreicht die Erzählung einen unerwarteten Punkt. Die Menschen haben einen Mann vor sich, dessen Befreiung sie nicht bestreiten können. Dennoch wünschen sie nicht, dass Jesus länger bei ihnen bleibt. Häufig wird diese Entscheidung damit erklärt, dass ihnen ihre wirtschaftlichen Interessen wichtiger gewesen seien als das Wohlergehen des Geheilten. Der Verlust der Schweineherde kann tatsächlich zu ihrer ablehnenden Haltung beigetragen haben. Doch Markus nennt ihn nicht ausdrücklich als einzigen oder ausschlaggebenden Beweggrund. Weil unmittelbar zuvor ihre Furcht betont wurde, muss auch diese ernst genommen werden. Sicher ist, dass die Bewohner Jesu außergewöhnliche Macht erleben und seine weitere Anwesenheit trotzdem nicht wünschen.
Die Bitte der Bevölkerung steht in einem auffälligen Zusammenhang mit den vorherigen Bitten innerhalb derselben Erzählung. Zunächst hatten die unreinen Geister Jesus angefleht, sie nicht aus der Gegend zu vertreiben (Markus 5,10). Nun bitten die Bewohner Jesus selbst, die Gegend zu verlassen. Wenig später wird der befreite Mann wiederum darum bitten, bei ihm bleiben zu dürfen. Markus verwendet für diese Bitten verwandte sprachliche Ausdrucksweisen. Dadurch entsteht eine eindrucksvolle Gegenüberstellung: Die Dämonen möchten in dem Gebiet bleiben, die Menschen möchten Jesus nicht dort haben, und der Geheilte möchte mit Jesus gehen. Die Bitten sind nicht gleichwertig und entspringen unterschiedlichen Situationen. Doch gerade ihre Abfolge lenkt den Blick darauf, wie verschieden die Beteiligten auf Jesu Gegenwart reagieren.
Jesus bleibt nicht gegen den ausdrücklich geäußerten Wunsch der Bewohner in ihrer Gegend. Als er wieder in das Schiff steigt, tritt der ehemals Besessene mit einer eigenen Bitte an ihn heran: Er möchte bei ihm bleiben (Markus 5,18). Dieser Wunsch ist nach allem, was der Mann erlebt hat, gut nachvollziehbar. Jesus hat ihn aus einer Lage befreit, aus der ihn niemand sonst herausführen konnte. Nun möchte er offenbar seine Nähe nicht wieder verlieren. Die Formulierung, bei Jesus zu sein, erinnert zudem an Markus 3,14. Dort heißt es, dass Jesus die Zwölf berief, damit sie bei ihm seien und er sie zum Predigen aussende. Der Geheilte bittet also um etwas, das dem Leben der Jünger nahekommt: Er möchte Jesus begleiten und in seiner unmittelbaren Gemeinschaft bleiben.
Umso überraschender ist Jesu Antwort. Er erlaubt dem Mann nicht, mit ihm in das Schiff zu steigen (Markus 5,19). Diese Ablehnung bedeutet jedoch nicht, dass Jesus seine Gemeinschaft oder seinen Glauben zurückweist. Vielmehr gibt er ihm einen anderen Auftrag. Er soll nach Hause zurückkehren, zu den Seinen gehen und ihnen erzählen, wie Großes der Herr an ihm getan und wie er sich seiner erbarmt hat. Damit weist Jesus ihm einen Weg, der sich vom äußeren Leben der mitreisenden Jünger unterscheidet. Der Mann soll Jesus nicht auf seinen weiteren Reisen begleiten, sondern dort von ihm sprechen, wo sein früherer Zustand bekannt war und seine Veränderung besonders deutlich wahrgenommen werden konnte.
Der Auftrag, nach Hause zurückzukehren, enthält eine Bedeutung, die leicht übersehen werden kann. Zu Beginn der Erzählung hatte Markus berichtet, dass der Mann seine Wohnung zwischen den Gräbern hatte. Nun wird er ausdrücklich in sein Haus und zu den Seinen geschickt. Das ist mehr als eine Ortsangabe. Jesus führt ihn auf einen Weg zurück, der wieder in menschliche Beziehungen hineinführt. Derjenige, der zuvor außerhalb des gewöhnlichen Zusammenlebens existierte, erhält einen Auftrag innerhalb seiner eigenen Gemeinschaft. Ob alle familiären Beziehungen tatsächlich noch bestanden und wie seine Angehörigen später reagierten, erfahren wir nicht. Dennoch ist die Richtung eindeutig: Seine Befreiung soll nicht in einer neuen Absonderung enden, sondern ihn wieder mit Menschen verbinden.
Auch der Inhalt seines Zeugnisses wird von Jesus sorgfältig bestimmt. Er soll nicht zuerst über die Macht der Dämonen, ihre Zahl oder ihre Namen sprechen. Ebenso wenig fordert Jesus ihn auf, die erschreckenden Einzelheiten seiner früheren Gefangenschaft immer wieder zu schildern. Im Mittelpunkt sollen vielmehr die großen Taten des Herrn und seine Barmherzigkeit stehen. Das griechische Wort für Erbarmen bezeichnet hier die zugewandte Hilfe, die dem Mann in seiner Not widerfahren ist. Er soll berichten, was Gott für ihn getan hat, und darin erkennen lassen, dass seine Wiederherstellung nicht bloß ein außergewöhnliches Machtereignis war. Sie war ein Ausdruck göttlicher Barmherzigkeit gegenüber einem Menschen, dessen Leben zuvor schwer gezeichnet gewesen war.
An dieser Stelle verbindet Markus zwei Aussagen auf bemerkenswerte Weise. In Vers 19 fordert Jesus den Mann auf, zu erzählen, wie Großes „der Herr“ an ihm getan hat. Im folgenden Vers berichtet Markus, dass der Mann verkündigte, wie Großes Jesus an ihm getan hatte (Markus 5,20). Die fast gleiche Formulierung stellt das Handeln des Herrn und das Handeln Jesu unmittelbar nebeneinander. Lukas verwendet im Parallelbericht ausdrücklich die Formulierung, dass der Mann erzählen sollte, was Gott an ihm getan habe, und berichtet anschließend ebenfalls, dass er verkündigte, was Jesus für ihn getan hatte (Lukas 8,39). Diese Verbindung ist theologisch bedeutsam. Das Wirken Jesu erscheint nicht als etwas, das von Gottes Handeln getrennt wäre. Vielmehr wird Gottes rettende Barmherzigkeit gerade durch das sichtbar, was Jesus an dem Menschen getan hat. Markus entfaltet an dieser Stelle keine ausführliche Lehre über das Verhältnis zwischen dem Vater und dem Sohn, aber seine Erzählweise verbindet die göttliche Hilfe eng mit der Person Jesu.
Der Geheilte folgt dem Auftrag und beginnt, im Gebiet der Zehn Städte zu verkündigen, was Jesus für ihn getan hat (Markus 5,20). Die Zehn Städte, auch Dekapolis genannt, bildeten keine einzige Stadt, sondern bezeichneten eine Gruppe griechisch geprägter Städte und deren regionales Umfeld östlich und südöstlich des Sees Genezareth. Die genaue Zusammensetzung dieser Städtegruppe konnte je nach historischer Quelle und Zeitstellung unterschiedlich angegeben werden. Für Markus ist wesentlich, dass das Zeugnis des Mannes über seinen unmittelbaren Wohnort hinaus bekannt wird. Der Bericht behauptet nicht, dass er nachweislich jede einzelne Stadt besucht habe. Er zeigt aber, dass die Nachricht von Jesu Handeln in einem größeren, überwiegend nichtjüdisch geprägten Gebiet verbreitet wurde.
Dabei ist bemerkenswert, dass Jesus diesem Mann die öffentliche Bekanntmachung seiner Befreiung ausdrücklich aufträgt. An anderen Stellen des Markusevangeliums fordert er Geheilte dagegen zur Zurückhaltung auf, etwa in Markus 1,44 oder später in Markus 5,43. Dieser Unterschied darf nicht übergangen werden. Eine naheliegende Erklärung liegt in den verschiedenen Umständen. Jesus verlässt die Gegend auf Wunsch der Bewohner, während der Geheilte dort zurückbleibt und von Gottes Erbarmen erzählen kann. Außerdem befindet sich die Begegnung in einer Umgebung, in der andere religiöse und gesellschaftliche Voraussetzungen bestanden als in den jüdischen Gebieten Galiläas. Diese Unterschiede können helfen, Jesu Anweisung zu verstehen. Markus erklärt jedoch nicht ausdrücklich sämtliche Gründe für sein unterschiedliches Vorgehen.
Am Ende berichtet Markus, dass sich alle verwunderten, die von dem Mann hörten (Markus 5,20). Das ist ein bedeutsamer, aber sorgfältig zu begrenzender Abschluss. Die Verwunderung zeigt, dass sein Zeugnis Aufmerksamkeit erregte. Sie beweist jedoch noch nicht, dass alle Zuhörer zum Glauben kamen oder Jesus als ihren Retter annahmen. Markus berichtet weder von einer allgemeinen Bekehrung noch von der Gründung einer Gemeinde. Er hält fest, dass das Wirken Jesu durch das Zeugnis dieses Menschen bekannt wurde und bei seinen Zuhörern Staunen hervorrief.
Damit erhält die gesamte Begegnung einen bemerkenswerten Abschluss. Die Bewohner haben Jesus gebeten, ihre Gegend zu verlassen, und Jesus ist dieser Bitte nachgekommen. Doch die Nachricht von seinem Erbarmen bleibt zurück. Nicht durch die dauerhafte Anwesenheit Jesu, sondern durch das persönliche Zeugnis eines wiederhergestellten Menschen wird sie weitergetragen. Der Mann, dessen frühere Schreie von seinem Elend zeugten, spricht nun öffentlich von der Hilfe, die ihm widerfahren ist. Er muss nicht mehr durch sein zerstörerisches Verhalten Aufmerksamkeit erregen; er kann verständlich erzählen, was geschehen ist. Seine eigene Lebensgeschichte ist zum Ausgangspunkt seines Zeugnisses geworden.
So zeigt der Schluss dieser ersten großen Erzählung, dass Jesu Handeln nicht mit dem Augenblick der Befreiung endet. Der Mann erhält nicht nur sein geordnetes Leben zurück, sondern auch eine Aufgabe, die seinem neuen Zustand entspricht. Er darf wieder unter Menschen leben und ihnen von Gottes Barmherzigkeit erzählen. Während Jesus mit seinen Jüngern den See erneut überquert, bleibt in der Landschaft der Zehn Städte ein Mensch zurück, dessen verändertes Leben von der Macht und dem Erbarmen Jesu Zeugnis gibt.
Markus 5,21–24
Jairus bringt die Not seiner Tochter zu Jesus
Nachdem Jesus mit seinen Jüngern wieder über den See gefahren ist, versammelt sich eine große Menschenmenge um ihn (Markus 5,21). Die Erzählung führt damit zurück an das Ufer, von dem die Reise zuvor ausgegangen war. Während die Bewohner auf der anderen Seite Jesus gebeten hatten, ihre Gegend zu verlassen, wird er hier von zahlreichen Menschen erwartet oder zumindest unmittelbar nach seiner Ankunft aufgesucht. Markus berichtet, dass Jesus sich noch am See befindet, als die nächste entscheidende Begegnung beginnt. Er beschreibt weder einen längeren Aufenthalt noch eine vorausgehende öffentliche Predigt. Vielmehr tritt ein Mann aus der Menge hervor, dessen persönliche Not die Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Dieser Mann heißt Jairus und gehört zu den Vorstehern der Synagoge (Markus 5,22). Die Synagoge war im jüdischen Leben ein wichtiger Ort gemeinsamer Gebete, der Schriftlesung und der Unterweisung. Ein Synagogenvorsteher trug Verantwortung für die Ordnung des Gemeindelebens und die Durchführung der Versammlungen. Zu seinen Aufgaben konnte es gehören, die Lesungen und Beiträge im Gottesdienst zu organisieren und für den geregelten Ablauf zu sorgen. Die Bezeichnung bedeutete jedoch nicht automatisch, dass er Priester war oder sämtliche religiösen Aufgaben selbst ausführte. Jairus bekleidete damit eine anerkannte Stellung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Sein Name wird ausdrücklich genannt, während der zuvor befreite Mann namenlos geblieben war. Über sein bisheriges Leben, seine persönliche Frömmigkeit und seine frühere Haltung gegenüber Jesus erfahren wir allerdings nichts Näheres.
Seine Stellung macht die folgende Handlung besonders bemerkenswert. Als Jairus Jesus sieht, wirft er sich ihm zu Füßen. Ein solcher Kniefall oder eine Niederwerfung konnte in der damaligen Kultur tiefe Ehrfurcht, Unterordnung oder eine dringende Bitte ausdrücken. Er muss deshalb nicht zwangsläufig als vollständiges Bekenntnis zur Göttlichkeit Jesu verstanden werden. Der unmittelbare Zusammenhang zeigt vor allem einen Vater, der sich in seiner Verzweiflung an denjenigen wendet, von dem er Hilfe erwartet. Jairus tritt Jesus nicht mit dem Anspruch entgegen, aufgrund seines Amtes besondere Rechte zu besitzen. Er bittet ihn in einer Haltung, die seine eigene Bedürftigkeit erkennen lässt. Die Verantwortung, die er innerhalb der Synagoge trägt, gibt ihm keine Macht über die Krankheit seiner Tochter.
Dabei darf seine Niederwerfung nicht vorschnell als Gegensatz zwischen einem angeblich stolzen religiösen Amtsträger und einem demütigen Glaubenden ausgelegt werden. Markus berichtet nicht, dass Jairus zuvor hochmütig gewesen sei oder Jesus abgelehnt habe. Auch macht ihn sein Amt nicht automatisch zu einem Gegner Jesu. Zwar hatte es bereits Auseinandersetzungen zwischen Jesus und bestimmten religiösen Autoritäten gegeben (Markus 2,6–7; 3,1–6), doch daraus lässt sich keine feindliche Haltung sämtlicher Synagogenvorsteher ableiten. Jairus wird hier als einzelner Mensch vorgestellt, dessen Verhalten aus seiner konkreten Not verstanden werden muss. Gerade dadurch zeigt die Erzählung, dass die Beziehung zu Jesus nicht allein durch die gesellschaftliche oder religiöse Stellung eines Menschen bestimmt wird.
Mit großer Eindringlichkeit trägt Jairus seine Bitte vor. Seine kleine Tochter liegt im Sterben. In der Schlachter-Bibel von 1951 beschreibt er ihren Zustand mit den Worten, sie liege „in den letzten Zügen“ (Markus 5,23). Diese Formulierung bezeichnet eine äußerste Lebensgefahr. Es geht nicht um eine gewöhnliche Erkrankung, bei der zunächst abgewartet werden könnte. Jairus sieht das Leben seines Kindes unmittelbar bedroht. Das griechische Wort, mit dem er seine Tochter bezeichnet, besitzt eine liebevolle Verkleinerungsform. Es lässt erkennen, dass er nicht distanziert über eine Erkrankte spricht, sondern über sein eigenes Kind. Später wird Markus mitteilen, dass das Mädchen zwölf Jahre alt ist (Markus 5,42). An dieser Stelle steht zunächst die Nähe zwischen Vater und Tochter im Vordergrund, die sich in seiner dringenden Bitte ausdrückt.
Die Formulierung des Jairus zeigt, wie ernst er die Lage einschätzt. Er bittet Jesus nicht lediglich um einen Rat oder um eine Erklärung für die Krankheit. Er möchte, dass Jesus persönlich mit ihm kommt und die Hände auf seine Tochter legt. Im jüdischen und frühchristlichen Umfeld konnte das Auflegen der Hände verschiedene Bedeutungen haben, darunter Segnung, Beauftragung und Heilung. Auch Jesus hatte bereits Kranke durch unmittelbare Berührung geheilt. Bei der Heilung des Aussätzigen hatte er die Hand ausgestreckt und den Mann angerührt (Markus 1,41). Jairus verbindet deshalb seine Bitte mit einer konkreten Handlung, von der er erwartet, dass sie seiner Tochter helfen wird.
Dabei ist entscheidend, dass Jairus die Berührung nicht von der Person Jesu trennt. Er bittet nicht um einen beliebigen Gegenstand, dem eine eigenständige Heilkraft zugeschrieben wird. Er möchte, dass Jesus selbst kommt und handelt. Seine Worte lassen erkennen, dass er Jesus die Fähigkeit zutraut, den lebensbedrohlichen Zustand seines Kindes zu verändern. Zugleich besitzt sein Vertrauen eine bestimmte Vorstellung davon, wie diese Hilfe geschehen soll: Jesus soll zu dem Mädchen gehen und ihm die Hände auflegen. Markus berichtet an dieser Stelle noch nicht, ob Jairus bereits an eine Auferweckung von Toten glaubt. Seine Bitte richtet sich zunächst auf die Heilung eines Kindes, das nach seiner Einschätzung noch lebt, aber unmittelbar vor dem Tod steht.
Die Zielrichtung seiner Bitte wird durch zwei eng miteinander verbundene Aussagen deutlich. Seine Tochter soll gesund werden und am Leben bleiben (Markus 5,23). Gesundheit und Leben gehören hier untrennbar zusammen. Jairus sucht keine bloße Linderung einzelner Beschwerden, sondern die Rettung seines Kindes aus einer Situation, in der sein Leben zu Ende zu gehen droht. Im griechischen Text steht dabei ein Verb, das je nach Zusammenhang mit retten, bewahren oder heilen wiedergegeben werden kann. An dieser Stelle bezeichnet es die Rettung aus einer lebensbedrohlichen Krankheit. Dasselbe Wort wird im weiteren Verlauf erneut eine wichtige Rolle spielen, wenn Jesus der geheilten Frau erklärt, dass ihr Glaube sie gerettet beziehungsweise gesund gemacht hat (Markus 5,34). Die sprachliche Verbindung unterstreicht, dass beide Begegnungen von Menschen handeln, die ihre Hoffnung auf Jesu rettendes Eingreifen setzen.
Jairus bringt seine Bitte mit großer Dringlichkeit vor. Der Text betont, dass er Jesus sehr bittet, also eindringlich und wiederholt auf seine Hilfe drängt. Das ist angesichts der geschilderten Lebensgefahr verständlich. Für den Vater ist die verfügbare Zeit von entscheidender Bedeutung. Jeder weitere Augenblick kann den Unterschied zwischen dem Leben und dem Tod seiner Tochter bedeuten. Markus beschreibt keine medizinischen Einzelheiten, die eine sichere Diagnose erlauben würden. Er lässt vielmehr die Worte des Vaters selbst das Gewicht der Situation vermitteln. Jairus weiß, dass er sein Kind verlieren könnte, und sucht deshalb Jesus auf.
Jesu Reaktion wird in Vers 24 auffallend schlicht wiedergegeben: Er geht mit Jairus. Markus berichtet an dieser Stelle weder von einer längeren Prüfung des Vaters noch von einer vorausgehenden Belehrung. Jesus hört seine Bitte und macht sich auf den Weg. Gerade diese Kürze verleiht seiner Antwort Gewicht. Die Bereitschaft, Jairus zu begleiten, entspricht seiner bisherigen Zuwendung zu Menschen in Not. Zuvor hatte er einen Mann befreit, den die Gesellschaft nicht mehr bändigen konnte. Nun wendet er sich der Bitte eines angesehenen Synagogenvorstehers zu. Die beiden Männer unterscheiden sich erheblich in ihren Lebensumständen, doch beide begegnen Jesus in einer Situation, in der menschliche Möglichkeiten an ihre Grenzen gelangen.
Die Entscheidung Jesu bedeutet für Jairus eine erste konkrete Antwort auf seine Bitte. Er hat den Mann gefunden, von dessen Hilfe er sich die Rettung seiner Tochter erhofft, und Jesus ist bereit, mit ihm zu gehen. Dennoch ist die Gefahr damit noch nicht überwunden. Das Kind liegt weiterhin im Sterben, und der Weg zu seinem Haus muss erst zurückgelegt werden. Jairus befindet sich deshalb in einer Lage, in der er bereits eine Antwort auf sein Bitten erhalten hat, deren erhofftes Ergebnis aber noch aussteht. Die Erzählung unterscheidet damit zwischen Jesu Bereitschaft zu helfen und dem Zeitpunkt, an dem diese Hilfe tatsächlich sichtbar wird.
Während Jesus mit Jairus geht, folgt ihm eine große Menschenmenge. Markus fügt ausdrücklich hinzu, dass die Menschen ihn bedrängen (Markus 5,24). Damit verändert sich die Situation auf dem Weg zum Haus des Synagogenvorstehers. Die Menge begleitet Jesus nicht nur aus einiger Entfernung, sondern rückt so dicht an ihn heran, dass Körperkontakt kaum zu vermeiden ist. Weshalb jeder Einzelne mitgeht, erklärt Markus nicht. Manche mögen aus Neugier folgen, andere aufgrund früherer Berichte über seine Wunder oder aus dem Wunsch, selbst Hilfe zu erhalten. Für Jairus entsteht jedenfalls eine Situation, in der Jesus von vielen Menschen umgeben ist, während er selbst wegen seiner Tochter auf rasche Hilfe angewiesen bleibt.
Die Erwähnung der dicht gedrängten Menge ist zugleich eine wichtige Vorbereitung auf das folgende Geschehen. Markus wird die Erzählung über Jairus nun unterbrechen und die Aufmerksamkeit auf eine Frau richten, die sich Jesus unbemerkt nähern möchte. Gerade weil so viele Menschen ihn berühren oder ihm nahekommen, erhält ihre spätere Berührung eine besondere Bedeutung. Der Bericht unterscheidet dann zwischen dem gewöhnlichen körperlichen Kontakt innerhalb der Menge und der vertrauensvollen Hinwendung dieser Frau zu Jesus. Zugleich wird die Begegnung den Weg zum Haus des Jairus aufhalten. Was zunächst wie ein nebensächliches Ereignis erscheinen könnte, wird dadurch zu einem entscheidenden Bestandteil der gesamten Erzählung.
Am Ende dieser Verse bleibt die Bitte des Jairus noch unerfüllt. Jesus hat sich auf den Weg gemacht, aber die ersehnte Heilung ist noch nicht geschehen. Der Vater muss ihm weiter folgen und darauf vertrauen, dass seine Bereitschaft zur Hilfe nicht vergeblich ist. Während das Leben seiner Tochter bedroht bleibt, wird Jesus seine Aufmerksamkeit einem anderen leidenden Menschen zuwenden. Gerade durch diese unerwartete Unterbrechung entwickelt Markus eine tiefere Verbindung zwischen den beiden Geschichten. Die Frage wird nicht nur sein, ob Jesus helfen kann, sondern auch, was Vertrauen bedeutet, wenn seine Hilfe anders und zu einem anderen Zeitpunkt geschieht, als der Mensch es erwartet.
Markus 5,25–29
Zwölf Jahre Leiden und eine Berührung im Vertrauen
Während Jesus mit Jairus auf dem Weg zu dessen sterbender Tochter ist, richtet Markus die Aufmerksamkeit plötzlich auf eine Frau, die sich mitten in der Menschenmenge befindet. Ihre Begegnung mit Jesus wird nicht als eigenständiges Ereignis nach der Geschichte des Jairus erzählt, sondern unterbricht den begonnenen Weg zu seinem Haus. Diese Anordnung ist bedeutsam, weil beide Menschen in einer verzweifelten Lage nach Jesu Hilfe suchen. Während Jairus offen vor Jesus getreten ist und seine Bitte ausgesprochen hat, nähert sich die Frau zunächst unbemerkt. Sie trägt ihre Not nicht öffentlich vor, sondern versucht, Jesus innerhalb der dicht gedrängten Menge zu erreichen.
Markus berichtet, dass die Frau seit zwölf Jahren an einem Blutfluss litt (Markus 5,25). Der griechische Ausdruck beschreibt eine länger anhaltende Blutung, die im Zusammenhang mit den entsprechenden alttestamentlichen Bestimmungen wahrscheinlich eine ungewöhnliche Blutung aus dem weiblichen Genitalbereich meint. Eine genaue medizinische Diagnose lässt sich daraus nicht ableiten. Ebenso wenig muss angenommen werden, dass die Frau während sämtlicher zwölf Jahre ununterbrochen dieselbe Menge Blut verlor. Der Bericht beschreibt eine Erkrankung, die über diesen gesamten Zeitraum bestand und nicht dauerhaft geheilt werden konnte. Zwölf Jahre sind eine außerordentlich lange Zeit, wenn ein Mensch unter einer körperlichen Belastung lebt, die seinen Alltag immer wieder bestimmt. Was zunächst möglicherweise als vorübergehende Erkrankung begonnen hatte, war längst zu einem beständigen Bestandteil ihres Lebens geworden.
Die Zahl zwölf erhält innerhalb der Erzählung eine zusätzliche Bedeutung. Später wird Markus mitteilen, dass die Tochter des Jairus zwölf Jahre alt war (Markus 5,42). Damit entspricht die gesamte Lebenszeit des Mädchens der Dauer, während der die Frau bereits unter ihrer Krankheit litt. Diese Verbindung ist kaum zufällig, weil Markus beide Geschichten bewusst miteinander verflicht. Während das Mädchen zwölf Jahre gelebt hat und nun dem Tod entgegengeht, hat die Frau dieselben zwölf Jahre unter einer schweren gesundheitlichen Beeinträchtigung verbracht. Die gleiche Zahl verbindet damit zwei unterschiedliche Lebensgeschichten, in denen das menschliche Leben bedroht oder schwer eingeschränkt ist. Daraus folgt allerdings nicht, dass zwölf hier eine geheime Zahlenbotschaft enthalten müsste. Seine erzählerische Bedeutung liegt zunächst in dieser auffälligen zeitlichen Übereinstimmung.
Zur körperlichen Erkrankung kam ein weiterer Umstand, der das Leben der Frau beeinflussen konnte. Nach 3. Mose 15,25–30 galten besondere Reinheitsbestimmungen für eine Frau, deren Blutfluss außerhalb des gewöhnlichen Monatszyklus auftrat oder ungewöhnlich lange anhielt. Solange dieser Zustand bestand, war sie rituell unrein. Auch Gegenstände, auf denen sie lag oder saß, unterlagen entsprechenden Bestimmungen. Diese Vorschriften gehören zum alttestamentlichen Reinheitsrecht, das den Umgang mit verschiedenen körperlichen Zuständen im Zusammenhang mit dem heiligen Gottesdienst regelte. Rituelle Unreinheit bedeutete dabei nicht automatisch, dass ein Mensch persönlich gesündigt hatte. Auch gewöhnliche körperliche Vorgänge konnten solche Reinheitszustände hervorrufen. Die Erkrankung der Frau darf deshalb weder als Strafe Gottes noch als Hinweis auf eine besondere moralische Schuld verstanden werden.
Dieser Hintergrund macht ihre Lebenssituation dennoch schwerwiegender, als eine rein medizinische Betrachtung erkennen lässt. Die Reinheitsbestimmungen betrafen nicht ausschließlich den persönlichen Gesundheitszustand, sondern auch bestimmte Formen des Kontakts mit anderen Menschen und Gegenständen. Eine langjährige Blutung konnte deshalb zusätzliche Schwierigkeiten für das religiöse und gemeinschaftliche Leben mit sich bringen. Allerdings berichtet Markus nicht, dass die Frau zwölf Jahre lang vollständig von ihrer Familie getrennt gewesen sei, niemanden berühren durfte oder grundsätzlich aus jeder menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen war. Solche Behauptungen gehen über seine ausdrücklichen Angaben hinaus. Wie die Reinheitsvorschriften in ihrem persönlichen Umfeld konkret angewendet wurden, erfahren wir nicht. Sicher ist, dass ihre Erkrankung nach dem jüdischen Reinheitsrecht eine besondere Bedeutung hatte und dass ihr Leiden nicht allein anhand seiner körperlichen Symptome verstanden werden muss.
In Vers 26 beschreibt Markus, wie viel die Frau bereits unternommen hatte, um gesund zu werden. Sie hatte zahlreiche Ärzte aufgesucht, unter ihren Behandlungen viel erlitten und schließlich ihren gesamten Besitz dafür aufgewendet. Trotzdem hatte sich ihr Zustand nicht gebessert. Im Gegenteil: Ihre Krankheit war schlimmer geworden. Der Evangelist schildert damit eine Entwicklung, in der sich mehrere Belastungen miteinander verbinden. Die Frau leidet weiterhin unter ihrer ursprünglichen Erkrankung, hat zusätzliche Beschwerden im Zusammenhang mit den Behandlungsversuchen erfahren und verfügt schließlich nicht mehr über die Mittel, die sie zuvor besessen hatte. Jede neue Behandlung konnte Hoffnung auf Besserung geweckt haben, doch nach zwölf Jahren steht sie gesundheitlich schlechter da als zuvor.
Die Erwähnung der Ärzte sollte nicht als grundsätzliche Verurteilung medizinischer Hilfe missverstanden werden. Markus behauptet weder, ärztliche Behandlung sei grundsätzlich nutzlos, noch fordert er Menschen dazu auf, bei Krankheit auf medizinische Versorgung zu verzichten. Er beschreibt vielmehr die konkrete Erfahrung dieser Frau. Die Heilkunde der damaligen Zeit verfügte über wesentlich begrenztere Möglichkeiten als die heutige Medizin. Manche Behandlungen konnten helfen, andere blieben wirkungslos oder verursachten zusätzliche Beschwerden. Über die einzelnen Verfahren, die bei dieser Frau angewendet wurden, berichtet Markus nichts. Es wäre daher spekulativ, bestimmte antike Heilmittel als tatsächlich von ihr erprobte Behandlungen auszugeben. Entscheidend ist, dass sie die ihr zugänglichen Möglichkeiten ausgeschöpft hatte, ohne die ersehnte Heilung zu finden.
Bemerkenswert ist auch die Formulierung, dass sie alles aufgewendet hatte, was sie besaß. Ihre Krankheit hatte sie nicht nur körperlich belastet, sondern auch wirtschaftlich erschöpft. Damit unterscheidet sie sich in ihrer äußeren Lebenssituation deutlich von Jairus, der als Synagogenvorsteher eine anerkannte gesellschaftliche Stellung innehatte. Über den ursprünglichen Besitz der Frau oder ihre genaue soziale Herkunft lässt sich allerdings nichts Sicheres sagen. Markus nennt keinen Namen, keine Familie und keinen Beruf. Er führt sie ausschließlich durch ihre lange Krankheitsgeschichte und ihre bisherigen vergeblichen Bemühungen ein. Dennoch erscheint sie nicht als bloß hilflose Gestalt. Bereits im nächsten Vers wird deutlich, dass sie selbst eine Entscheidung trifft und handelt.
Der Wendepunkt beginnt damit, dass die Frau von Jesus hört (Markus 5,27). Markus berichtet nicht, wer ihr von ihm erzählt hat oder welche Einzelheiten sie bereits über seine bisherigen Heilungen wusste. Doch die Nachricht von Jesus weckt in ihr eine Hoffnung, die trotz ihrer langen Enttäuschungen noch zu einer Handlung führt. Sie bleibt nicht dabei stehen, über seine Möglichkeiten nachzudenken. Sie begibt sich dorthin, wo er sich aufhält, und nähert sich ihm in der Menschenmenge. Ihre Entscheidung steht damit in einem auffälligen Gegensatz zu den vielen erfolglosen Behandlungsversuchen, die zuvor beschrieben wurden. Bisher hatte sie Hilfe bei verschiedenen Ärzten gesucht und ihr Vermögen dafür eingesetzt. Nun richtet sie ihre Hoffnung auf Jesus, von dem sie gehört hat.
Markus schildert ihre Annäherung sehr genau. Sie kommt von hinten an Jesus heran und berührt sein Gewand. Dass sie sich von hinten nähert, lässt erkennen, dass sie zunächst keine öffentliche Begegnung sucht. Welche persönlichen Beweggründe dabei ausschlaggebend sind, erklärt der Text nicht. Möglicherweise möchte sie angesichts ihrer Krankheit und der Reinheitsbestimmungen keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ebenso könnte sie befürchten, Jesus auf seinem Weg aufzuhalten oder in der dicht gedrängten Menge keine Gelegenheit zu einer persönlichen Bitte zu erhalten. Solche Überlegungen sind nachvollziehbar, bleiben aber Vermutungen. Sicher ist nur, dass sie einen Weg wählt, auf dem sie Jesus erreichen kann, ohne ihn zuvor anzusprechen.
Der Evangelist lässt den Leser anschließend erfahren, was die Frau innerlich bewegt. Sie sagt sich, dass sie gesund werden wird, wenn sie nur Jesu Kleider berührt (Markus 5,28). Ihre Überzeugung ist erstaunlich, weil sie nach zwölf Jahren erfolgloser Behandlungen nicht mehr viel besitzt, worauf sie ihre Hoffnung stützen könnte. Dennoch erwartet sie von der Begegnung mit Jesus eine Wirkung, die alle bisherigen Bemühungen nicht erreichen konnten. Sie verlangt keine besondere öffentliche Aufmerksamkeit, keine lange Unterredung und keine aufwendige Handlung. Für sie genügt die Möglichkeit, mit seinem Gewand in Berührung zu kommen.
Gerade diese Vorstellung wirft eine wichtige Frage auf: Glaubt die Frau an Jesus selbst oder schreibt sie seinem Kleidungsstück eine besondere Kraft zu? Markus berichtet zunächst nur ihre Erwartung. Er erklärt an dieser Stelle noch nicht, wie vollständig ihr Verständnis von Jesu Wirken war. Im weiteren Verlauf wird Jesus jedoch ausdrücklich ihren Glauben hervorheben (Markus 5,34). Damit wird die Heilung nicht als eine magische Wirkung des Stoffes dargestellt. Die Frau vertraut darauf, dass Jesus ihr helfen kann, und verbindet dieses Vertrauen mit der Berührung seines Gewandes. Das Kleidungsstück ist nicht eine von Jesus unabhängige Quelle heilender Macht. Es ist vielmehr der Gegenstand, durch dessen Berührung sie ihre Hoffnung auf seine Hilfe zum Ausdruck bringt.
Die Parallelberichte enthalten hierzu eine zusätzliche Einzelheit. Matthäus 9,20 und Lukas 8,44 erwähnen, dass die Frau den Saum beziehungsweise die Quaste des Gewandes Jesu berührte. Das dort verwendete griechische Wort kann den Rand eines Kleidungsstücks und im jüdischen Zusammenhang auch die vorgeschriebenen Gewandquasten bezeichnen. Solche Quasten wurden den Israeliten nach 4. Mose 15,37–41 als sichtbares Erinnerungszeichen an Gottes Gebote vorgeschrieben. Markus selbst verwendet in Kapitel 5 jedoch nur die allgemeinere Bezeichnung für das Gewand. Deshalb darf die genauere Angabe aus Matthäus und Lukas zur Erklärung herangezogen werden, ohne zu behaupten, Markus habe die Quaste ausdrücklich erwähnt. Ebenso wenig lässt sich aus dieser Berührung ableiten, die Heilung sei durch eine besondere magische Eigenschaft der vorgeschriebenen Gewandquasten bewirkt worden.
In der Erwartung der Frau begegnet zudem ein griechisches Wort, das eine bemerkenswerte Bedeutungsbreite besitzt. Das Verb, mit dem sie ihre erhoffte Heilung beschreibt, kann je nach Zusammenhang retten, bewahren oder gesund machen bedeuten. Es ist dasselbe Wortfeld, das bereits in der Bitte des Jairus vorkam, als er Jesus ersuchte, seine Tochter zu retten, damit sie am Leben bleibe. Hier bezieht sich die Hoffnung zunächst eindeutig auf die Befreiung von einer körperlichen Erkrankung. Dennoch ist die Wortwahl bedeutsam, weil sie beide Geschichten auf sprachlicher Ebene miteinander verbindet. Sowohl der Vater als auch die Frau erwarten von Jesus eine Rettung, die ihnen aus eigener Kraft nicht möglich erscheint. Ob und in welchem Umfang damit noch weitergehende geistliche Bedeutung verbunden ist, wird erst durch Jesu spätere Worte genauer verständlich.
Vers 29 berichtet schließlich die unmittelbare Wirkung ihrer Berührung. Der Blutfluss hört auf, und die Frau spürt an ihrem eigenen Körper, dass sie von ihrer Krankheit geheilt worden ist. Markus verwendet dafür die bildhafte Formulierung, dass die Quelle ihres Blutes vertrocknete. Gemeint ist das vollständige Aufhören der Blutung, nicht die tatsächliche Austrocknung einer körperlichen Blutquelle im medizinischen Sinn. Der Evangelist betont außerdem, dass die Veränderung sogleich geschieht. Nach zwölf Jahren, in denen keine Behandlung ihr dauerhaft geholfen hatte, tritt die Heilung im Augenblick der Begegnung mit Jesus ein.
Dass die Frau die Heilung selbst an ihrem Körper wahrnimmt, ist eine weitere wichtige Einzelheit. Sie muss nicht erst auf die Erklärung eines anderen Menschen warten, um festzustellen, dass sich ihr Zustand verändert hat. Ihr bisheriges Leiden war körperlich erfahrbar gewesen; nun erkennt sie ebenso unmittelbar, dass die Krankheit aufgehört hat. Markus verwendet für ihr Leiden in Vers 29 ein Wort, das auch eine schwere Plage oder Geißel bezeichnen kann. Dadurch wird die Belastung ihrer Erkrankung unterstrichen. Der Ausdruck bedeutet hier jedoch nicht, dass Gott sie persönlich bestraft hätte. Er beschreibt die Schwere des Leidens, von dem sie nun befreit ist.
In diesem Augenblick scheint die Frau alles erreicht zu haben, weshalb sie gekommen war. Sie hat von Jesus gehört, sich ihm genähert, sein Gewand berührt und die ersehnte Heilung erfahren. Niemand in der Menge muss zunächst bemerkt haben, was geschehen ist. Für sie selbst ist die Veränderung dagegen unmittelbar und eindeutig. Der Weg, der mit der Nachricht von Jesus begann, hat zu einer Befreiung geführt, die ihre bisherigen Bemühungen nicht erreichen konnten.
Doch die Erzählung endet nicht mit dieser körperlichen Heilung. Markus wird im nächsten Vers berichten, dass auch Jesus wahrnimmt, was geschehen ist. Er bleibt stehen und stellt mitten in der Menschenmenge eine Frage. Damit wird die bisher verborgene Begegnung öffentlich, und die Frau muss sich entscheiden, ob sie hervortritt. Was zunächst nur zwischen ihrer Hoffnung und der erfahrenen Heilung zu liegen schien, wird zu einer persönlichen Begegnung mit Jesus. Erst dort wird ausdrücklich ausgesprochen werden, welche Bedeutung ihr Vertrauen hatte und mit welchem Frieden sie ihren Weg fortsetzen darf.
Markus 5,30–34
Jesus führt die verborgene Heilung zu einem persönlichen Zuspruch
Unmittelbar nachdem die Frau ihre Heilung wahrgenommen hat, berichtet Markus, dass auch Jesus eine Veränderung bemerkt. Er erkennt, dass Kraft von ihm ausgegangen ist, wendet sich in der Menschenmenge um und fragt: „Wer hat meine Kleider angerührt?“ (Markus 5,30). Damit beginnt eine neue Phase der Begegnung. Bis zu diesem Augenblick hatte die Frau selbst gehandelt, ohne Jesus unmittelbar anzusprechen. Nun geht die Initiative von ihm aus. Was sie zunächst unbemerkt erfahren wollte, wird zum Anlass einer persönlichen Zuwendung. Die Heilung ist bereits geschehen, doch Jesus lässt die Begegnung damit noch nicht enden.
Die Formulierung, dass Kraft von Jesus ausgegangen sei, verdient besondere Aufmerksamkeit. Markus verwendet das griechische Wort dynamis, das Macht, Kraft oder Wirksamkeit bezeichnen kann. Im Zusammenhang mit Jesu Wundertaten begegnet dieser Begriff mehrfach und beschreibt seine außergewöhnliche Fähigkeit, Dinge zu bewirken, die menschliche Möglichkeiten übersteigen. Bereits in Markus 5,29 hatte die Frau an ihrem eigenen Körper erkannt, dass ihre Krankheit geheilt war. Nun beschreibt Vers 30 eine entsprechende Wahrnehmung aufseiten Jesu: Er erkennt an sich selbst, dass heilende Kraft von ihm ausgegangen ist. Diese unmittelbare Gegenüberstellung verbindet die körperliche Erfahrung der Frau mit dem Wirken Jesu, das ihre Heilung ermöglicht hat.
Dabei darf die Aussage nicht so verstanden werden, als besäße Jesu Gewand eine eigenständige magische Kraft, die durch Berührung automatisch aktiviert würde. Ebenso wenig beschreibt Markus Jesus als jemanden, dessen Kraft wie ein begrenzter Vorrat durch jede Heilung erschöpft wird. Der Evangelist berichtet vielmehr von der tatsächlichen Wirksamkeit, die von Jesus ausgeht. Einen ähnlichen Zusammenhang beschreibt Lukas 6,19, wo die Menschen Jesus zu berühren suchen, weil Kraft von ihm ausgeht und er sie heilt. In beiden Fällen steht die Person Jesu im Mittelpunkt. Die Heilung geschieht durch seine Macht und nicht durch eine unabhängig wirkende Eigenschaft seiner Kleidung.
Jesu anschließende Frage erscheint zunächst überraschend. Wenn er erkannt hat, dass Kraft von ihm ausgegangen ist, weshalb fragt er dann, wer sein Gewand berührt hat? Der Text beantwortet nicht ausdrücklich, welche Kenntnis Jesus zu diesem Zeitpunkt über die betreffende Person besitzt. Es wäre deshalb vorschnell, aus seiner Frage entweder eine völlige Unwissenheit oder umgekehrt eine bereits vollständig bekannte Antwort als ausdrücklich feststehende Tatsache abzuleiten. Markus schildert, dass Jesus die geschehene Heilung wahrnimmt, sich umwendet und nach der Person fragt, die ihn berührt hat. Damit richtet er die Aufmerksamkeit auf eine Begegnung, die bisher innerhalb der Menschenmenge verborgen geblieben ist.
Die Jünger reagieren mit Verwunderung. Sie weisen Jesus darauf hin, dass die Menschen ihn von allen Seiten bedrängen. Unter solchen Umständen erscheint ihnen die Frage, wer ihn berührt habe, kaum sinnvoll (Markus 5,31). Schließlich kommen zahlreiche Menschen mit ihm in Berührung oder befinden sich unmittelbar neben ihm. Wie sollte unter diesen Bedingungen eine einzelne Berührung herausgefunden werden? Die Antwort der Jünger ist aus ihrer Wahrnehmung der Situation verständlich. Sie betrachten die Berührung als eine gewöhnliche Folge des Gedränges. Jesus weiß dagegen, dass sich inmitten dieser Menschenmenge etwas Besonderes ereignet hat.
Hier entsteht ein wesentlicher Unterschied zwischen äußerer Nähe und vertrauensvoller Hinwendung. Viele Menschen befinden sich körperlich nahe bei Jesus, doch Markus berichtet nur von dieser Frau, die sich mit einer ganz bestimmten Hoffnung an ihn gewandt hat und geheilt worden ist. Das bedeutet nicht, dass alle anderen Menschen in der Menge grundsätzlich ungläubig waren. Über ihren persönlichen Glauben sagt der Bericht nichts Näheres. Entscheidend ist vielmehr, dass dieselbe äußerliche Handlung unterschiedliche Bedeutungen besitzen kann. Eine zufällige Berührung im Gedränge ist nicht dasselbe wie die bewusste Hinwendung eines Menschen, der von Jesus Hilfe erwartet. Das eigentliche Gewicht der Handlung liegt deshalb nicht in der körperlichen Berührung allein, sondern in dem Vertrauen, mit dem die Frau zu Jesus gekommen ist.
Während die Jünger noch auf die unübersichtliche Situation hinweisen, lässt Jesus seine Frage nicht fallen. Markus berichtet, dass er sich umsieht, um die Person zu entdecken, die ihn berührt hat (Markus 5,32). Der griechische Text richtet den Blick dabei bereits auf die Frau, die es getan hatte. Für den Leser ist ihre Identität bekannt, während die Jünger die Bedeutung des Geschehens noch nicht erfasst haben. Durch Jesu beharrliches Umschauen wird aus einer verborgenen Heilung eine Begegnung, die nicht länger unbemerkt bleibt. Die Frage dient im Erzählverlauf dazu, die Frau aus der Anonymität der Menge hervortreten zu lassen.
Für sie selbst verändert sich damit die Situation grundlegend. Sie hatte Jesus von hinten berührt und offenbar nicht beabsichtigt, öffentlich über ihre Krankheit zu sprechen. Nun erkennt sie, dass die Begegnung nicht verborgen bleiben wird. Markus beschreibt ihre Reaktion mit den Worten, dass sie mit Furcht und Zittern zu Jesus kommt, weil sie weiß, was an ihr geschehen ist (Markus 5,33). Die beiden Ausdrücke unterstreichen ihre starke innere Erregung. Sie steht vor demjenigen, durch dessen Kraft sie nach zwölf Jahren von ihrer Krankheit befreit worden ist, und muss sich nun persönlich zu ihrer Handlung bekennen.
Warum sie sich genau fürchtet, erklärt Markus nicht. Es ist denkbar, dass ihre Sorge mit den Reinheitsbestimmungen zusammenhängt, die bei einem anhaltenden Blutfluss von Bedeutung waren (3. Mose 15,25–27). Vielleicht befürchtet sie eine ablehnende Reaktion, weil sie Jesus ohne vorherige Bitte berührt hat. Ebenso kann ihre Furcht aus dem Bewusstsein entstehen, gerade etwas Außergewöhnliches erfahren zu haben. Doch diese Möglichkeiten dürfen nicht als ausdrücklich berichtete Beweggründe ausgegeben werden. Der Text sagt lediglich, dass sie weiß, was an ihr geschehen ist, und sich mit Furcht und Zittern Jesus nähert. Ihre Reaktion ist damit sowohl von der Wirklichkeit ihrer Heilung als auch von der außergewöhnlichen Situation geprägt, in der sie nun vor Jesus steht.
Wie zuvor Jairus fällt auch die Frau vor Jesus nieder. Während der Synagogenvorsteher dies getan hatte, um um Hilfe für seine Tochter zu bitten, geschieht es bei ihr nach der bereits erfahrenen Heilung. Die beiden Begegnungen besitzen dadurch eine auffällige Gemeinsamkeit und zugleich einen wichtigen Unterschied. Beide Menschen kommen zu Jesus in einer Lage, in der sie auf seine Hilfe angewiesen sind. Doch während Jairus seine Not von Anfang an offen ausspricht, erzählt die Frau erst jetzt, was sie bewegt hat und was geschehen ist. Markus fasst ihre Worte mit der bemerkenswerten Aussage zusammen, dass sie Jesus die ganze Wahrheit sagt.
Was diese vollständige Wahrheit im Einzelnen umfasste, wird nicht wiedergegeben. Wahrscheinlich gehört dazu die Schilderung ihres Leidens, ihrer Hoffnung auf Heilung, ihrer Berührung und der unmittelbar erfahrenen Veränderung. Markus lässt sie jedoch keine längere Rede halten und erfindet auch keine zusätzlichen Einzelheiten. Entscheidend ist, dass sie nichts mehr verbergen muss. Was sie zunächst allein und unbemerkt erfahren wollte, spricht sie nun vor Jesus aus. Die Frau, deren bisherige Geschichte von langjährigem Leiden und erfolglosen Behandlungen geprägt war, erhält die Möglichkeit, selbst über ihre Erfahrung zu sprechen. Sie bleibt nicht lediglich Gegenstand eines außergewöhnlichen Wunders, sondern tritt als Mensch hervor, dessen eigene Worte Bedeutung besitzen.
Jesu Antwort zeigt, dass dieses Hervortreten nicht zu einer Zurückweisung führt. Er begegnet ihr weder mit einem Vorwurf wegen ihrer Berührung noch mit einer Forderung, ihre Handlung zu rechtfertigen. Stattdessen spricht er sie mit dem Wort „Tochter“ an (Markus 5,34). Diese Anrede ist im unmittelbaren Zusammenhang besonders bewegend. Jesus ist gerade auf dem Weg zur Tochter des Jairus, deren Leben bedroht ist. Nun begegnet er einer anderen Frau und nennt auch sie Tochter. Das griechische Wort ist eine vertraute, zugewandte Anrede und lässt seine persönliche Wertschätzung erkennen. Es begründet keine ausdrückliche Aussage über ein verwandtschaftliches Verhältnis, verleiht seiner Antwort aber einen warmen und anerkennenden Charakter.
Die Anrede besitzt darüber hinaus einen wichtigen Stellenwert innerhalb der gesamten Erzählung. Jairus ist als Vater gekommen und hat um die Rettung seines Kindes gebeten. Die kranke Frau dagegen wird ohne Namen, Familie oder gesellschaftliche Stellung vorgestellt. Trotzdem erhält sie aus dem Mund Jesu eine persönliche Anrede, die ihre Würde hervorhebt. Sie ist für ihn nicht nur eine unbekannte Person aus einer großen Menge, deren Krankheit gerade verschwunden ist. Er spricht sie unmittelbar an und bestätigt damit, dass sie als Mensch im Mittelpunkt seiner Zuwendung steht. Die Heilung bleibt nicht auf einen körperlichen Vorgang beschränkt, sondern führt zu einer persönlichen Begegnung.
Anschließend erklärt Jesus: „Dein Glaube hat dir geholfen!“ (Markus 5,34). Der griechische Wortlaut verwendet ein Verb, das sowohl retten als auch heilen oder bewahren bedeuten kann. Es begegnete bereits in der Hoffnung der Frau, durch die Berührung gesund zu werden. Nun greift Jesus diesen Gedanken auf und erklärt ausdrücklich, welche Bedeutung ihrem Glauben zukam. Sie hatte nicht einfach zufällig von seiner Kraft profitiert, sondern war im Vertrauen auf seine Fähigkeit zur Heilung zu ihm gekommen. Ihre Erwartung richtete sich auf ihn, auch wenn sie zunächst nur sein Gewand zu berühren wagte.
Dabei entsteht eine wichtige Unterscheidung zwischen der Ursache der Heilung und der menschlichen Antwort darauf. Jesus sagt nicht, dass die Frau durch eine besondere innere Kraft ihres Glaubens ihre Krankheit selbst überwunden hätte. Ebenso wenig wird der Glaube als eine Leistung beschrieben, durch die sie sich Heilung verdient hat. Die Kraft ging von Jesus aus. Ihr Glaube bestand darin, sich ihm zuzuwenden und von ihm Hilfe zu erwarten. Das zeigt, weshalb der Glaube im biblischen Verständnis nicht mit einer eigenständigen übernatürlichen Fähigkeit des Menschen verwechselt werden darf. Er vertraut auf denjenigen, der helfen kann, statt selbst die Macht hervorzubringen, durch die Hilfe geschieht.
Auch die Vorstellung, der Glaube müsse immer eine bestimmte Stärke erreichen, bevor Gott eingreifen könne, lässt sich aus diesem Bericht nicht ableiten. Die Frau kommt mit einer Hoffnung zu Jesus, die sie zunächst in einer heimlichen Berührung ausdrückt. Sie besitzt offenbar Vertrauen in seine heilende Macht, aber ihr Verständnis ist nicht notwendigerweise in jeder Hinsicht vollständig. Gerade deshalb ist Jesu abschließendes Wort so bedeutsam. Er bestätigt ihren Glauben, ohne ihre anfängliche Zurückhaltung zum Vorwurf zu machen. Die Erzählung legt den Schwerpunkt nicht auf die Vollkommenheit ihres religiösen Wissens, sondern auf die vertrauensvolle Hinwendung zu Jesus.
Allerdings darf aus dieser besonderen Heilung auch keine allgemeine Zusage abgeleitet werden, jeder kranke Mensch werde bei ausreichendem Glauben sofort körperlich gesund. Markus erzählt ein konkretes Wunder Jesu. Er formuliert keine allgemeine Regel, nach der fortdauernde Krankheit zwangsläufig auf mangelnden Glauben zurückzuführen wäre. Eine solche Schlussfolgerung würde anderen biblischen Berichten widersprechen. Paulus beispielsweise berichtet in 2. Korinther 12,7–10 von einem schweren Leiden, um dessen Beseitigung er wiederholt gebetet hatte, ohne dass Gott seiner Bitte in der erwarteten Weise entsprach. Der Glaube an Gottes Macht und die Zusage, dass jede Krankheit bereits im gegenwärtigen Leben geheilt wird, sind deshalb sorgfältig zu unterscheiden.
Mit den Worten „Gehe hin im Frieden“ führt Jesus seine Antwort weiter (Markus 5,34). Im jüdischen Sprachgebrauch war eine solche Wendung mehr als ein beiläufiger Abschiedsgruß. Der Begriff Frieden, der dem hebräischen Schalom entspricht, konnte Wohlergehen, Unversehrtheit und ein geordnetes Verhältnis zu Gott und den Menschen umfassen. Eine vergleichbare Abschiedsformel begegnet in 1. Samuel 1,17, als der Priester Eli Hanna nach ihrem bewegten Gebet Frieden zuspricht. Im Zusammenhang mit Markus 5 ist besonders wichtig, dass die Frau nicht mit Furcht und Unsicherheit fortgeschickt wird. Jesus bestätigt ihre Heilung und entlässt sie mit einem ausdrücklichen Friedenszuspruch.
Damit erhält die zuvor heimliche Begegnung einen neuen Abschluss. Die Frau hatte bereits körperlich gespürt, dass ihre Blutung aufgehört hatte. Nun hört sie aus Jesu eigenem Mund, dass ihr Glaube sie zur Hilfe geführt hat und dass sie im Frieden weitergehen darf. Ihre Heilung wird dadurch nicht erst nachträglich wirksam. Sie war nach Vers 29 bereits eingetreten. Doch Jesu Worte geben der Erfahrung eine eindeutige persönliche Bestätigung. Die Frau muss nicht bei der Frage stehen bleiben, ob sie etwas Unerlaubtes getan oder eine Kraft empfangen habe, die Jesus ihr nicht geben wollte. Seine Antwort zeigt, dass er sie nicht zurückweist, sondern ihre vertrauensvolle Hinwendung anerkennt.
Schließlich fügt Jesus hinzu, dass sie von ihrer Plage gesund sein soll. Markus verwendet hier erneut den Ausdruck, mit dem zuvor ihr schweres Leiden bezeichnet worden war. Das Wort kann eine Geißel, eine schwere Belastung oder eine quälende Krankheit meinen. In dieser Erzählung bezeichnet es die Erkrankung, die zwölf Jahre ihres Lebens bestimmt hatte. Jesus spricht deshalb nicht nur allgemein von Frieden, sondern bestätigt ausdrücklich ihre Befreiung von dem konkreten Leiden. Der Zuspruch enthält zugleich den Gedanken, dass sie in dem nun erreichten Zustand der Gesundheit bleiben darf. Wie ihr weiteres Leben tatsächlich verlief, berichtet Markus nicht. Doch innerhalb der Erzählung ist ihre Heilung vollständig bestätigt.
Die Verbindung von körperlicher Heilung, persönlicher Ansprache und Friedenszuspruch ist für das Verständnis dieser Verse entscheidend. Die Frau hatte zunächst nur die Befreiung von ihrer Krankheit gesucht. Jesus begegnet ihr darüber hinaus als einer Person, die gehört, angesprochen und ernst genommen wird. Ihre zwölfjährige Leidensgeschichte wird nicht ausgelöscht, aber sie bestimmt nicht länger allein ihre Gegenwart. Nachdem sie die ganze Wahrheit ausgesprochen hat, darf sie mit dem Wissen fortgehen, dass Jesus ihre Hoffnung nicht zurückgewiesen hat. Sie verlässt die Begegnung nicht nur mit der Erfahrung einer veränderten körperlichen Verfassung, sondern auch mit seinem ausdrücklichen Zuspruch.
Für Jairus besitzt dieses Geschehen eine ganz andere unmittelbare Bedeutung. Während Jesus mit der Frau spricht, bleibt der Vater auf dem Weg zu seiner sterbenden Tochter stehen. Er erlebt, dass Jesus einem anderen Menschen geholfen hat, doch seine eigene Bitte ist weiterhin unerfüllt. Die Worte Jesu über den Glauben der Frau werden dadurch zu einer wichtigen Vorbereitung auf das, was gleich geschehen wird. Denn unmittelbar nachdem Jesus zu ihr gesprochen hat, erreicht Jairus eine Nachricht, die seine bisherige Hoffnung erschüttert: Seine Tochter ist gestorben.
So verbindet Markus die beiden Erzählungen nicht nur durch ihre Anordnung, sondern durch eine gemeinsame Frage nach dem Vertrauen auf Jesus. Die Frau ist im Glauben zu ihm gekommen und hat Heilung erfahren. Jairus wird nun vor die Herausforderung gestellt, an Jesus festzuhalten, obwohl sich seine Lage noch weiter verschlimmert hat. Jesu Worte an die Frau bereiten damit den Übergang zu seiner nächsten Aufforderung vor: „Fürchte dich nicht, glaube nur!“ (Markus 5,36).
Markus 5,35–40
Wenn die Todesnachricht das Vertrauen herausfordert
Noch während Jesus mit der geheilten Frau spricht, treffen Menschen aus dem Haus des Jairus ein. Ihre Nachricht verändert die Situation mit einem einzigen Satz: „Deine Tochter ist gestorben, was bemühst du den Meister noch?“ (Markus 5,35). Bis zu diesem Augenblick hatte Jairus darauf gehofft, dass Jesus sein schwer krankes Kind rechtzeitig erreichen und heilen würde. Nun scheint diese Hoffnung jede Grundlage verloren zu haben. Die Menschen, die aus seinem Haus kommen, berichten nicht von einer weiteren Verschlechterung oder einer unsicheren Entwicklung. Sie teilen ihm mit, dass seine Tochter gestorben ist. Damit ist genau das eingetreten, was er durch seine dringende Bitte an Jesus verhindern wollte.
Die anschließende Frage der Boten ist ebenso bedeutsam wie die Todesnachricht selbst. Warum sollte Jairus den Meister noch bemühen? Aus ihrer Sicht hatte der Tod die Situation endgültig entschieden. Solange das Mädchen lebte, konnte man Jesus um Heilung bitten. Jetzt aber schien es keinen Sinn mehr zu haben, ihn weiter zum Haus kommen zu lassen. Das griechische Wort, das hier mit „bemühen“ wiedergegeben wird, kann das Belästigen oder Beanspruchen einer anderen Person bezeichnen. Die Boten wollen offenbar verhindern, dass Jesus wegen einer bereits hoffnungslos gewordenen Angelegenheit weitere Mühe auf sich nimmt. Ihr Verhalten muss deshalb nicht aus Gleichgültigkeit gegenüber Jairus erklärt werden. Es entspricht vielmehr der menschlich verständlichen Annahme, dass für ärztliche oder heilende Hilfe nun keine Möglichkeit mehr besteht.
Gerade an dieser Stelle wird deutlich, weshalb Markus die Begegnung mit der blutflüssigen Frau mitten in die Geschichte des Jairus eingefügt hat. Während Jesus stehen geblieben war, um sich ihr zuzuwenden und ihre Heilung persönlich zu bestätigen, hatte sich der Zustand des Mädchens offenbar weiter verschlechtert. Nun kommt die Nachricht, dass es gestorben ist. Der Text sagt nicht, dass die Frau oder Jesu Aufenthalt bei ihr die Ursache des Todes gewesen seien. Ebenso wenig lässt sich beweisen, dass Jesus bei einem früheren Eintreffen den Tod des Kindes hätte verhindern müssen. Dennoch stellt die Erzählung die beiden Ereignisse bewusst nebeneinander. Jairus hat gerade erlebt, wie Jesus einer Frau nach zwölf Jahren schwerer Krankheit geholfen hat. Unmittelbar darauf muss er hören, dass für seine eigene Tochter angeblich jede Hilfe zu spät kommt.
Damit verändert sich auch die Art des Vertrauens, zu dem Jairus herausgefordert wird. Seine ursprüngliche Bitte war von der Erwartung getragen, dass Jesus ein noch lebendes Kind heilen könnte. Die neue Nachricht stellt diese Hoffnung infrage. Es geht nicht länger nur darum, ob Jesus eine schwere Krankheit überwinden kann, sondern ob Jairus ihm auch dann vertrauen kann, wenn der Tod bereits eingetreten ist. Markus beschreibt die inneren Gedanken des Vaters nicht. Wir erfahren nicht, welche Gefühle ihn in diesem Augenblick genau erfüllen oder welche Vorstellungen er von einer möglichen Auferweckung besitzt. Die Spannung entsteht vielmehr aus dem Gegensatz zwischen der Nachricht der Boten und der Antwort, die Jesus unmittelbar darauf gibt.
Jesus hört die Worte und wendet sich an Jairus: „Fürchte dich nicht, glaube nur!“ (Markus 5,36). Der griechische Text enthält an dieser Stelle ein Verb, das sowohl ein Mithören als auch ein Nichtbeachten des Gehörten ausdrücken kann. In der überlieferten Textgestalt gibt es zudem kleinere Unterschiede. Für das Verständnis ist entscheidend, dass Jesus die Todesnachricht wahrnimmt, ihr aber nicht die Schlussfolgerung zugesteht, seine Hilfe sei nun überflüssig. Er widerspricht nicht ausdrücklich den Boten hinsichtlich der Tatsache, dass das Kind gestorben ist. Vielmehr richtet er seine Worte an den Vater und verhindert, dass die Nachricht für ihn zum letzten Maßstab seiner Hoffnung wird.
Die Aufforderung Jesu besteht aus zwei eng verbundenen Teilen. Zuerst sagt er: „Fürchte dich nicht.“ Furcht ist angesichts der Nachricht vom Tod des eigenen Kindes eine verständliche menschliche Reaktion. Jesus behandelt den Vater jedoch nicht mit einem Vorwurf, sondern spricht ihn unmittelbar in dieser erschütternden Situation an. Die anschließenden Worte „glaube nur“ richten seine Aufmerksamkeit auf das Vertrauen, das ihn ursprünglich zu Jesus geführt hatte. Besonders bemerkenswert ist, dass Jesus nicht erklärt, was er gleich tun wird. Er verspricht an dieser Stelle nicht ausdrücklich die Auferweckung des Mädchens und erläutert auch nicht, weshalb die Nachricht der Boten nicht das Ende seiner Hilfe bedeutet. Er fordert Jairus vielmehr auf, ihm weiterhin zu vertrauen, obwohl der Vater den Ausgang noch nicht sehen kann.
Dabei darf Jesu Aufforderung nicht so verstanden werden, als müsse Jairus durch eine ausreichend starke innere Überzeugung selbst die Auferweckung seiner Tochter ermöglichen. Die spätere Wiederherstellung ihres Lebens wird nicht durch eine besondere geistliche Leistung des Vaters bewirkt. Die Macht zum Handeln liegt bei Jesus. Jairus wird aufgefordert, an ihm festzuhalten, auch wenn die äußeren Umstände seiner ursprünglichen Hoffnung widersprechen. Der Glaube ist hier keine Kraft, die den Tod aus eigener Fähigkeit überwindet, sondern das Vertrauen auf denjenigen, dessen Möglichkeiten Jairus noch nicht vollständig kennt. Gerade darin liegt der Unterschied zwischen Glauben und dem Versuch, durch die eigene Gewissheit ein bestimmtes Ergebnis herbeizuführen.
Auch die Verbindung zur vorherigen Heilungsgeschichte wird nun noch deutlicher. Zur Frau hatte Jesus gesagt, dass ihr Glaube ihr geholfen habe. Dem Vater sagt er jetzt, dass er weiter glauben soll. Die Frau konnte sich Jesus mit der Erwartung nähern, geheilt zu werden, und erfuhr die Hilfe unmittelbar. Jairus dagegen muss sein Vertrauen bewahren, obwohl die erwartete Hilfe nicht zur erhofften Zeit eingetreten ist. Beide Begegnungen handeln vom Glauben, aber sie zeigen ihn unter unterschiedlichen Voraussetzungen. Bei der Frau steht die vertrauensvolle Annäherung im Mittelpunkt; bei Jairus wird das Festhalten an Jesus angesichts einer erschütternden Nachricht entscheidend. Dadurch erweitert Markus das Verständnis des Glaubens, ohne daraus eine allgemeine Garantie für einen bestimmten zeitlichen Verlauf göttlicher Hilfe zu machen.
Anschließend schränkt Jesus den Kreis der Menschen ein, die ihn weiter begleiten dürfen. Er lässt niemanden mitgehen außer Petrus, Jakobus und Johannes, dem Bruder des Jakobus (Markus 5,37). Diese drei Jünger gehören zu den Männern, die Jesus bereits früh in seine Nachfolge berufen hatte (Markus 1,16–20). Auch bei späteren Ereignissen werden sie in besonders engem Zusammenhang mit ihm genannt, etwa bei seiner Verklärung (Markus 9,2) und während seines Ringens in Gethsemane (Markus 14,33). Hier werden sie Zeugen einer Begegnung, in der Jesu Macht über den Tod sichtbar werden soll. Warum Jesus gerade diese drei auswählt, erklärt Markus nicht ausdrücklich. Eine besondere Nähe zu Jesus ist erkennbar, doch daraus lässt sich keine geheime Rangordnung oder eine zusätzliche Lehre über unterschiedliche geistliche Wertigkeit der Jünger ableiten.
Die große Menschenmenge, die Jesus zuvor begleitet hatte, tritt damit in den Hintergrund. Während seine Heilungstätigkeit häufig öffentlich stattfindet, führt er die folgende Begegnung unter begrenzten Bedingungen fort. Diese Entscheidung ist bedeutsam, weil das Geschehen nun nicht mehr von der allgemeinen Aufmerksamkeit der Menge bestimmt werden soll. Jesus richtet sein Handeln auf das Haus des Jairus und die konkrete Not der Familie aus. Die drei Jünger begleiten ihn als Zeugen, während die übrigen Menschen zurückbleiben. Markus deutet damit bereits an, dass die bevorstehende Handlung nicht als öffentliches Schauspiel gestaltet wird.
Als Jesus das Haus des Synagogenvorstehers erreicht, findet er dort eine völlig andere Atmosphäre vor als auf dem Weg. Markus beschreibt ein großes Getümmel. Menschen weinen und klagen laut (Markus 5,38). Die Nachricht vom Tod des Mädchens hat offenbar bereits das Haus erreicht, und die Trauer ist unüberhörbar. Im damaligen jüdischen Umfeld konnte die Trauer um einen Verstorbenen durch lautes Weinen, Klagen und gemeinschaftliche Trauerhandlungen zum Ausdruck gebracht werden. Matthäus erwähnt im Parallelbericht sogar Flötenspieler und eine aufgeregte Menschenmenge (Matthäus 9,23). Solche Angaben passen zu den damaligen Trauerbräuchen, bei denen auch eigens hinzugezogene Klagepersonen beteiligt sein konnten. Markus selbst unterscheidet jedoch nicht genauer, welche Anwesenden Familienangehörige, Nachbarn oder möglicherweise berufsmäßige Trauernde waren. Deshalb wäre es unangebracht, sämtliche Trauernden pauschal als bezahlte Schauspieler zu bezeichnen.
Das laute Weinen bestätigt innerhalb der Erzählung die Wirklichkeit des Geschehens, das Jairus bereits durch die Boten mitgeteilt worden war. Das Mädchen ist gestorben, und sein Tod hat Bestürzung und Trauer ausgelöst. Die Menschen im Haus verhalten sich deshalb zunächst entsprechend ihrer Erfahrung mit dem Tod. Sie können den Verlust beklagen, aber sie besitzen keine Möglichkeit, das Leben des Kindes wiederherzustellen. Während Jairus Jesus um Hilfe gebeten hatte, als seine Tochter noch lebte, begegnet Jesus nun einem Haus, in dem die Trauer bereits begonnen hat. Die außergewöhnliche Spannung entsteht nicht dadurch, dass jemand den Tod des Kindes leugnet, sondern dadurch, dass Jesus anders auf ihn reagiert als alle übrigen Anwesenden.
Als er hineingeht, fragt er die Trauernden nach dem Grund ihres Getümmels und Weinens. Anschließend erklärt er: „Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft“ (Markus 5,39). Diese Worte gehören zu den besonders erklärungsbedürftigen Aussagen des Abschnitts. Auf den ersten Blick könnten sie den Eindruck erwecken, das Mädchen sei überhaupt nicht wirklich gestorben, sondern befinde sich lediglich in einem tiefen Schlaf oder einem Zustand der Bewusstlosigkeit. Eine solche Erklärung passt jedoch nicht gut zum gesamten Erzählzusammenhang. Die Boten hatten seinen Tod ausdrücklich gemeldet, die Trauernden waren bereits versammelt, und die folgende Handlung wird als außergewöhnliche Wiederherstellung des Lebens dargestellt. Jesu Aussage muss deshalb im Zusammenhang mit der biblischen Rede vom Tod als Schlaf verstanden werden.
Eine wichtige Erklärung findet sich in Johannes 11,11–14. Dort spricht Jesus über Lazarus zunächst so, als sei dieser eingeschlafen und müsse aufgeweckt werden. Die Jünger verstehen seine Worte zunächst als Hinweis auf gewöhnlichen Schlaf. Daraufhin erklärt Jesus ausdrücklich, dass Lazarus gestorben ist. Die Schlafbezeichnung bedeutet dort also keineswegs, dass der Tod nicht wirklich eingetreten wäre. Vielmehr verwendet Jesus das Bild des Schlafes für einen Zustand, aus dem er den Verstorbenen wieder zum Leben rufen wird. Dieser Zusammenhang hilft auch bei Markus 5,39. Für die Menschen im Haus ist der Tod des Kindes endgültig. Jesus spricht dagegen von Schlaf, weil der Tod angesichts seiner Macht nicht das letzte Wort behalten wird.
Die Bildsprache besitzt bereits im Alten Testament einen wichtigen Hintergrund. Daniel 12,2 spricht von Menschen, die im Staub der Erde schlafen und eines Tages erwachen werden. Dort bezeichnet der Schlaf eindeutig den Tod, während das Erwachen die zukünftige Auferstehung beschreibt. Auch Hiob 14,12–15 verbindet die Wirklichkeit des Todes mit der Hoffnung auf Gottes späteres Handeln. Die Vorstellung des Schlafes verharmlost den Tod deshalb nicht. Sie eröffnet vielmehr eine Perspektive, in der Gott die Macht besitzt, den Zustand des Todes zu beenden. Wie ein Schlafender durch einen Ruf geweckt werden kann, so kann Gott einem Verstorbenen wieder Leben schenken. Die Bibel verwendet dieses Bild nicht deshalb, weil Sterben und gewöhnliches Schlafen körperlich dasselbe wären, sondern weil die Auferweckung den Tod aus der Perspektive göttlicher Macht in einem neuen Licht erscheinen lässt.
Für Markus 5 ist dabei eine Unterscheidung besonders wichtig. Jesus spricht nicht allgemein über sämtliche Fragen des Zustands der Toten zwischen Tod und Auferstehung. Er hält an dieser Stelle auch keine ausführliche Belehrung über die zukünftige Auferstehung. Vielmehr begegnet er einem konkret gestorbenen Kind, das er unmittelbar darauf wieder zum Leben rufen wird. Seine Aussage vom Schlaf erhält ihre Bedeutung durch die Handlung, die anschließend folgt. Was die Menschen als endgültigen Verlust betrachten, wird sich angesichts seiner Autorität als nicht endgültig erweisen. Gerade deshalb ist es nicht notwendig, aus diesem einzelnen Satz eine vollständige Lehre über alle Einzelheiten des Todeszustandes abzuleiten. Die klare Aussage des Abschnitts liegt darin, dass Jesus Macht besitzt, einen tatsächlich verstorbenen Menschen wieder lebendig zu machen.
Die Anwesenden reagieren auf seine Worte mit Spott. Markus berichtet ausdrücklich, dass sie ihn auslachen (Markus 5,40). Aus ihrer Sicht erscheint Jesu Aussage offenbar widersinnig. Sie wissen, dass das Mädchen gestorben ist, und verstehen seine Worte vom Schlaf nicht in dem Sinn, in dem er sie verwendet. Der Wechsel von lautem Weinen zu spöttischem Lachen ist auffällig. Beide Reaktionen entstehen aus derselben Überzeugung: Der Tod des Kindes ist eine feststehende Wirklichkeit, die durch Jesu Worte nicht verändert werden kann. Das bedeutet nicht, dass ihre vorherige Trauer grundsätzlich unecht gewesen wäre. Menschen können auf eine unerwartete und unverständliche Aussage mit Spott reagieren, obwohl sie zuvor aufrichtig traurig waren. Markus bewertet hier nicht die Echtheit jeder einzelnen Gefühlsäußerung, sondern zeigt den Gegensatz zwischen der menschlichen Einschätzung der Lage und Jesu bevorstehendem Handeln.
Jesus lässt sich durch den Spott nicht von seinem Weg abbringen. Er weist die übrigen Anwesenden hinaus und nimmt nur den Vater, die Mutter und die drei Jünger mit sich in den Raum, in dem das Kind liegt. Damit wird die Zahl der unmittelbar Beteiligten noch einmal begrenzt. Die Eltern, deren Leben durch den Tod ihrer Tochter erschüttert worden ist, dürfen bei dem Geschehen anwesend sein. Zugleich sind Petrus, Jakobus und Johannes als Zeugen dabei. Dass Jesus die Trauernden hinausschickt, darf nicht als allgemeine Vorschrift verstanden werden, nach der Menschen mit Zweifeln oder Trauer grundsätzlich von Gottes Hilfe ausgeschlossen werden müssten. Markus berichtet eine konkrete Entscheidung Jesu innerhalb dieses besonderen Geschehens. Seine Motive werden nicht vollständig erläutert, doch das Ergebnis ist eindeutig: Die kommende Handlung findet nicht vor der großen Öffentlichkeit statt, sondern in der unmittelbaren Gegenwart der betroffenen Familie und weniger ausgewählter Jünger.
Auch der Gang in den Raum, in dem das Kind liegt, besitzt erzählerisches Gewicht. Bis zu diesem Augenblick wurde über das Mädchen gesprochen. Jairus hatte seine Not geschildert, die Boten hatten ihren Tod gemeldet, und die Trauernden hatten seinen Verlust beklagt. Nun führt Markus seine Leser unmittelbar an den Ort, an dem das Kind liegt. Die Erzählung nähert sich damit ihrem entscheidenden Höhepunkt. Jesus bleibt nicht bei einer allgemeinen Zusage stehen und erklärt auch nicht lediglich, dass Gott irgendwann einmal Tote auferwecken werde. Er tritt zu diesem konkreten Mädchen, dessen Leben zu Ende gegangen ist.
Am Ende von Vers 40 ist die Spannung deshalb noch nicht aufgelöst. Die Todesnachricht steht weiterhin im Raum, die Trauer des Hauses ist verständlich, und die Worte Jesu wurden von den Umstehenden verspottet. Dennoch ist Jesus nicht umgekehrt. Er hat Jairus aufgefordert, ihm zu vertrauen, und ist bis zu dem Kind gegangen. Der entscheidende Unterschied liegt somit nicht in einer Veränderung der äußeren Umstände, sondern in seiner Gegenwart und in dem, was er nun tun wird. Während alle anderen Menschen den Tod des Mädchens nur feststellen und beklagen konnten, steht Jesus vor ihm als derjenige, der es wieder zum Leben rufen kann.
So bereitet Markus mit großer Sorgfalt den Höhepunkt der Erzählung vor. Die Hoffnung des Jairus war durch die Todesnachricht erschüttert worden, doch Jesus hat sie nicht aufgegeben. Seine Worte vom Schlaf waren für die Umstehenden unverständlich geblieben, aber die folgende Handlung wird ihren Sinn offenbaren. Nun befindet sich Jesus unmittelbar bei dem gestorbenen Mädchen. Was er als Nächstes sagt und tut, wird zeigen, weshalb er den Vater gerade in diesem Augenblick aufgefordert hatte, sich nicht zu fürchten, sondern weiterhin zu glauben.
Markus 5,41–43
Jesu Wort schenkt dem gestorbenen Mädchen neues Leben
Nachdem Jesus die Trauernden hinausgeschickt hat, befindet er sich mit den Eltern des Mädchens und seinen drei Jüngern in dem Raum, in dem das Kind liegt. Die Erzählung hat ihren entscheidenden Augenblick erreicht. Jairus hatte Jesus zunächst um Heilung gebeten, weil seine Tochter im Sterben lag. Auf dem Weg zu seinem Haus war die Nachricht eingetroffen, dass sie bereits gestorben sei. Nun steht Jesus unmittelbar vor dem Mädchen, dessen Leben nach menschlichem Ermessen zu Ende gegangen ist. Markus beschreibt die folgende Handlung mit auffallender Schlichtheit. Jesus ergreift die Hand des Kindes und spricht zu ihm (Markus 5,41). Keine aufwendige Vorbereitung, kein langes Gebet und keine besondere Zeremonie werden erwähnt. Die gesamte Aufmerksamkeit richtet sich auf die unmittelbare Handlung Jesu und auf das Wort, das er an das gestorbene Mädchen richtet.
Dass Jesus die Hand des Kindes ergreift, ist eine bedeutsame Einzelheit. Bereits bei früheren Heilungen hatte er Menschen berührt oder ihnen durch eine Berührung geholfen. In Markus 1,31 nahm er die fieberkranke Schwiegermutter des Petrus bei der Hand und richtete sie auf. Bei der Heilung eines Aussätzigen streckte er ebenfalls seine Hand aus und berührte den Mann (Markus 1,41). In beiden Fällen verband sich die persönliche Zuwendung Jesu mit seiner heilenden Macht. Nun wiederholt sich eine ähnliche Handlung in einer noch ernsteren Situation. Das Mädchen ist nicht lediglich krank oder körperlich geschwächt, sondern gestorben. Dennoch ergreift Jesus seine Hand, als wolle er ihm beim Aufstehen helfen. Seine Berührung unterstreicht die Nähe zu dem Kind, während das unmittelbar folgende Wort seine Vollmacht sichtbar macht.
Dieser Vorgang besitzt auch im Zusammenhang mit den alttestamentlichen Reinheitsbestimmungen eine besondere Bedeutung. Nach 4. Mose 19,11–16 führte die Berührung eines Toten zu ritueller Unreinheit. Diese Vorschrift bezog sich auf den kultischen Zustand eines Menschen und bedeutete nicht, dass der Verstorbene moralisch verwerflich oder die notwendige Fürsorge für Tote sündhaft gewesen wäre. In der Begegnung mit dem Mädchen steht Jesus nun unmittelbar vor einer Situation, die nach diesen Bestimmungen mit Unreinheit verbunden war. Markus berichtet jedoch keine anschließende Diskussion über Reinheitsvorschriften und erklärt auch nicht, dass durch diese Berührung sämtliche bisherigen Bestimmungen aufgehoben würden. Sein eigentliches Interesse gilt dem außergewöhnlichen Geschehen, das nun eintritt: Jesus begegnet dem Tod nicht als einer Macht, vor der er zurückweichen müsste, sondern als derjenige, der das Kind ins Leben zurückrufen wird.
Bemerkenswert ist, dass Markus die Worte Jesu in ihrer aramäischen Form bewahrt: „Talita kumi“ (Markus 5,41). Aramäisch war im jüdischen Palästina zur Zeit Jesu eine weitverbreitete Alltagssprache. Während das Markusevangelium auf Griechisch verfasst wurde, enthält es an mehreren Stellen aramäische Ausdrücke, die für seine griechischsprachigen Leser erläutert werden. Dazu gehören beispielsweise „Abba“ in Markus 14,36 und der Ausruf Jesu am Kreuz in Markus 15,34. Auch bei der Auferweckung des Mädchens wird die ursprüngliche Sprachform überliefert und unmittelbar übersetzt. Dadurch erhält der Leser einen besonders unmittelbaren Zugang zu dem Wort, das Jesus in dieser entscheidenden Situation gesprochen hat.
Die aramäische Anrede Talita bezeichnet ein Mädchen beziehungsweise ein junges weibliches Kind. Die folgende Aufforderung kumi bedeutet sinngemäß „Steh auf“. In den griechischen Handschriften begegnen die Formen kum und kumi, die auf unterschiedliche Wiedergaben beziehungsweise Formen des aramäischen Befehls zurückgehen. Diese kleine sprachliche Abweichung verändert die Bedeutung der Erzählung nicht. Beide Formen überliefern dieselbe grundlegende Aufforderung. Markus gibt die Worte auf Griechisch mit der Bedeutung wieder: „Mägdlein, ich sage dir, stehe auf!“ Die Wendung „ich sage dir“ erläutert dabei die persönliche Befehlsform ausführlicher, als es die beiden aramäischen Wörter für sich allein tun. Jesus richtet sich unmittelbar an das Mädchen und fordert es auf, aufzustehen.
Gerade die Schlichtheit dieser Worte ist bemerkenswert. Jesus verwendet keine geheimnisvolle Beschwörungsformel und ruft auch keine unbekannten Mächte an. Die aramäischen Wörter besitzen keine eigenständige magische Wirkung. Sie sind die gewöhnlichen Worte einer persönlichen Aufforderung, deren außergewöhnliche Bedeutung aus der Person dessen erwächst, der sie ausspricht. Ein lebender Mensch könnte einem schlafenden Kind sagen, es solle aufstehen. Jesus richtet eine entsprechende Aufforderung an ein tatsächlich gestorbenes Mädchen. Was unter gewöhnlichen Umständen keine Wirkung haben könnte, führt hier zur Wiederherstellung des Lebens. Die Macht liegt nicht in einer besonderen sprachlichen Zusammensetzung, sondern bei Jesus selbst.
Dadurch erhält auch seine vorherige Aussage, das Mädchen schlafe, ihren eigentlichen Sinn. Die Trauernden hatten seine Worte verspottet, weil sie den Tod des Kindes für unumkehrbar hielten. Jesus hatte jedoch bereits angedeutet, dass dieser Tod nicht endgültig bleiben würde. Nun spricht er zum Mädchen, als könnte es aus einem gewöhnlichen Schlaf geweckt werden. Diese Handlung bedeutet nicht, dass es in Wirklichkeit nur geschlafen hätte. Vielmehr zeigt sie, dass der Tod seiner Autorität nicht standhalten kann. Die biblische Bezeichnung des Todes als Schlaf gewinnt hier ihre besondere Anschaulichkeit: Derjenige, der das Leben schenken kann, vermag auch einen Verstorbenen wieder aufzurichten.
Ein Vergleich mit früheren biblischen Auferweckungen macht die Besonderheit des Geschehens verständlicher. In 1. Könige 17,17–24 berichtet die Schrift, wie der Prophet Elia für den verstorbenen Sohn einer Witwe zu Gott ruft. Elia bittet den Herrn ausdrücklich darum, das Leben des Kindes zurückkehren zu lassen, und Gott erhört sein Gebet. In 2. Könige 4,32–37 begegnet Elisa ebenfalls einem verstorbenen Kind. Auch dort gehören das Gebet zu Gott und weitere Handlungen des Propheten zur Erzählung. Bei Jesus wird dagegen kein vorausgehendes Bittgebet berichtet. Markus konzentriert sich auf seine unmittelbare Berührung und seinen Befehl. Diese unterschiedliche Erzählweise hebt seine außergewöhnliche Vollmacht hervor. Zugleich sollte aus dem Fehlen eines ausdrücklich berichteten Gebetes nicht geschlossen werden, Jesus habe unabhängig vom Vater gehandelt. Nach Johannes 5,19–21 steht sein lebenspendendes Wirken in engster Einheit mit dem Handeln des Vaters.
Die Wirkung seiner Worte tritt unverzüglich ein. Markus berichtet, dass das Mädchen sogleich aufsteht und umhergeht (Markus 5,42). Der unmittelbare Zusammenhang zwischen Jesu Aufforderung und der Handlung des Kindes steht im Mittelpunkt. Es wird keine längere Phase der Bewusstlosigkeit, keine allmähliche Wiedergewinnung der Kräfte und kein anschließender Heilungsprozess geschildert. Das Mädchen richtet sich auf und beginnt zu gehen. Damit zeigt Markus, dass die Wiederherstellung seines Lebens nicht lediglich behauptet wird, sondern an seinem eigenen Verhalten sichtbar ist.
Die Erwähnung des Gehens hat dabei besonderes Gewicht. Ein Mensch, dessen Leben erloschen ist, kann nicht aus eigener Kraft aufstehen und sich bewegen. Das Mädchen tut nun beides. Seine körperlichen Fähigkeiten werden wieder sichtbar, und die Menschen im Raum können wahrnehmen, dass es tatsächlich lebt. Zugleich bleibt die Beschreibung zurückhaltend. Markus berichtet keine ausführliche Schilderung der Gefühle des Kindes, keine Worte, die es nach seiner Auferweckung gesprochen hätte, und keinen Bericht über das, was es während seines Todeszustandes erlebt haben könnte. Diese Dinge gehören nicht zu dem, was der Evangelist überliefert. Der Schwerpunkt liegt ausschließlich auf dem sichtbaren Übergang vom Tod zum Leben durch Jesu Wort.
An dieser Stelle fügt Markus die Altersangabe hinzu: Das Mädchen war zwölf Jahre alt. Damit schließt sich die Verbindung zur vorherigen Heilungsgeschichte. Die Frau hatte zwölf Jahre lang an ihrer Krankheit gelitten, und das Mädchen hatte zwölf Jahre gelebt. Für die Frau war dieser Zeitraum von lang anhaltendem Leiden geprägt gewesen, während das Mädchen nach zwölf Lebensjahren plötzlich dem Tod gegenübergestanden hatte. Beide Geschichten besitzen unterschiedliche Voraussetzungen, doch sie begegnen sich in der Erfahrung menschlicher Hilflosigkeit und in der rettenden Macht Jesu. Die Altersangabe ist deshalb nicht nur eine nebensächliche biografische Information, sondern verstärkt die literarische Verbindung der beiden Ereignisse.
Gleichzeitig hilft das Alter, die Handlung des Mädchens richtig einzuordnen. Ein zwölfjähriges Kind ist grundsätzlich alt genug, um selbstständig aufzustehen und umherzugehen. Markus beschreibt deshalb keine ungewöhnliche Fähigkeit, die dem Alter des Mädchens widersprechen würde. Das Wunder besteht nicht darin, dass es plötzlich gehen kann, obwohl es diese Fähigkeit vorher nie besessen hätte. Vielmehr liegt die außergewöhnliche Veränderung darin, dass ein gestorbenes Kind wieder lebt und die gewöhnlichen Fähigkeiten eines lebendigen Menschen ausübt. Die Handlung zeigt die Wiederherstellung seines tatsächlichen Lebens, nicht die Verwandlung in eine völlig andere Art von Existenz.
Damit ist auch eine wichtige Unterscheidung gegenüber der späteren Auferstehung Jesu notwendig. Das Mädchen wird in sein bisheriges irdisches Leben zurückgerufen. Markus sagt nicht, dass es bereits einen unvergänglichen Auferstehungsleib erhalten oder die endgültige Unsterblichkeit empfangen hätte. Über sein weiteres Leben und seinen späteren Tod erfahren wir nichts. Das Neue Testament unterscheidet jedoch grundsätzlich zwischen solchen früheren Totenerweckungen und der Auferstehung Christi. Nach Römer 6,9 stirbt der auferstandene Christus nicht mehr, und der Tod hat keine Herrschaft mehr über ihn. In 1. Korinther 15,20–23 bezeichnet Paulus Christus als den Erstling der Entschlafenen, dessen Auferstehung den Beginn und die Gewähr der zukünftigen Auferstehung der zu ihm Gehörenden bildet. Die Auferweckung der Tochter des Jairus ist deshalb ein machtvolles Zeichen für Jesu lebenspendende Autorität, aber noch nicht die endgültige Auferstehung zum unvergänglichen Leben.
Die Menschen, die bei dem Geschehen anwesend sind, reagieren mit außerordentlichem Staunen. Markus verwendet eine nachdrückliche griechische Formulierung, die ihre überwältigende Erschütterung zum Ausdruck bringt. Nach der Todesnachricht, dem Weinen und dem Spott erleben sie nun etwas, das ihre bisherigen Erwartungen vollständig übersteigt. Diejenigen, die Jesus in den Raum begleitet haben, sehen das Mädchen lebendig vor sich. Für Jairus und seine Frau bedeutet dies die Rückkehr ihrer Tochter. Die Jünger werden Zeugen einer weiteren Offenbarung der Macht Jesu. Doch Markus schildert ihre Reaktion nicht als ausführliches Glaubensbekenntnis. Er berichtet zunächst schlicht, dass sie von großem Staunen ergriffen werden.
Gerade dieses Staunen verbindet den Abschluss der Geschichte mit früheren Ereignissen des Markusevangeliums. Nach der Stillung des Sturmes hatten die Jünger voller Furcht gefragt, wer Jesus sei, dass ihm sogar Wind und Meer gehorchten (Markus 4,41). Im Gebiet der Gadarener hatten die Bewohner die Befreiung eines Mannes erlebt, den niemand mehr bändigen konnte. Bei der blutflüssigen Frau war eine Krankheit überwunden worden, die zwölf Jahre lang allen bisherigen Behandlungen widerstanden hatte. Nun wird sichtbar, dass selbst der Tod Jesu lebenspendendem Wort nicht die letzte Grenze setzt. Diese Ereignisse beantworten die Frage nach seiner Identität nicht durch eine abstrakte Definition, sondern durch sein tatsächliches Handeln. Seine Autorität wird in unterschiedlichen Bereichen sichtbar, in denen Menschen mit ihren eigenen Möglichkeiten nicht weiterkommen.
Nach diesem außergewöhnlichen Ereignis folgt eine Anweisung, die zunächst ebenso überraschend erscheint wie die vorherigen Worte Jesu. Markus berichtet, dass er den Anwesenden ernstlich gebietet, niemand solle davon erfahren (Markus 5,43). Die Formulierung betont die Eindringlichkeit seines Auftrags. Jesus möchte offenbar nicht, dass die unmittelbar Beteiligten das Geschehen öffentlich bekannt machen. Das steht in einem auffälligen Gegensatz zu der Anweisung an den zuvor befreiten Mann im Gebiet der Zehn Städte. Dort hatte Jesus ausdrücklich verlangt, dass der Geheilte zu seinen Angehörigen zurückkehrt und von Gottes Erbarmen erzählt. Hier fordert er dagegen Zurückhaltung.
Der Unterschied zeigt, dass Jesus nicht bei jeder außergewöhnlichen Tat dieselbe Anweisung gibt. Die Gründe dafür müssen aus dem jeweiligen Zusammenhang erschlossen werden. Im Markusevangelium begegnen mehrfach Aufforderungen, bestimmte Heilungen oder Erkenntnisse über Jesus nicht öffentlich zu verbreiten (Markus 1,44; 3,12; 8,30). Diese Zurückhaltung steht im Zusammenhang mit der Frage, wie seine Identität und sein Auftrag verstanden werden sollen. Jesus lässt sich nicht einfach auf die Rolle eines öffentlich gefeierten Wundertäters reduzieren. Sein Weg führt schließlich zum Kreuz und zur Auferstehung, und erst in diesem größeren Zusammenhang wird die Bedeutung seines Wirkens vollständig erkennbar. Dass diese umfassendere Perspektive für das Markusevangelium wichtig ist, zeigt besonders Markus 9,9, wo Jesus den Jüngern nach seiner Verklärung gebietet, erst nach seiner Auferstehung darüber zu sprechen.
Ob genau diese Überlegung im Haus des Jairus der ausschlaggebende Grund für das Schweigegebot war, wird allerdings nicht ausdrücklich gesagt. Auch der Wunsch, die Familie vor zusätzlicher öffentlicher Aufmerksamkeit zu schützen, ist als Erklärung denkbar. Doch die Beweggründe Jesu werden an dieser Stelle nicht vollständig offengelegt. Eine sorgfältige Auslegung muss deshalb zwischen dem eindeutig berichteten Befehl und möglichen Erklärungen unterscheiden.
Hinzu kommt eine weitere Schwierigkeit: Der Tod des Mädchens war den Menschen im Haus bereits bekannt. Die Trauernden waren versammelt gewesen, und die Nachricht von seinem Tod hatte Jairus schon unterwegs erreicht. Es ist deshalb kaum vorstellbar, dass das weitere Leben des Kindes dauerhaft völlig verborgen bleiben konnte. Der Befehl Jesu sollte daher nicht als die Behauptung verstanden werden, niemand werde jemals erfahren, dass das Mädchen wieder lebendig sei. Näher liegt die Auffassung, dass Jesus die Beteiligten davon abhalten wollte, das Geschehen selbst öffentlich zu verbreiten oder zu einer großen Sensation zu machen. Wie lange diese Zurückhaltung gelten sollte und wie die Familie später mit dem Ereignis umging, erfahren wir nicht.
Noch bemerkenswerter ist die letzte Anweisung Jesu: Man soll dem Mädchen etwas zu essen geben (Markus 5,43). Nach der außerordentlichen Auferweckung richtet sich seine Aufmerksamkeit auf eine gewöhnliche menschliche Notwendigkeit. Das Kind lebt wieder und benötigt Nahrung. Markus berichtet nicht, wann es zuletzt gegessen hatte oder wie lange es krank gewesen war. Deshalb lässt sich aus der Aufforderung weder eine bestimmte Dauer seiner Erkrankung noch eine konkrete körperliche Mangelerscheinung ableiten. Die Anweisung zeigt vielmehr, dass Jesus das Mädchen als einen lebendigen Menschen behandelt, dessen gewöhnliche Bedürfnisse weiterhin ernst genommen werden müssen.
Die Bitte um Nahrung bestätigt zugleich den körperlichen Charakter seiner Wiederherstellung. Jesus hat nicht lediglich eine Erscheinung hervorgerufen oder den Eltern einen tröstenden Eindruck vermittelt. Das Mädchen steht auf, geht umher und soll nun essen. Die Erzählung beschreibt damit einen Menschen, der tatsächlich wieder am gewöhnlichen Leben teilnehmen kann. Ähnlich wird auch nach der Auferstehung Jesu im Lukasevangelium das Essen erwähnt, um die Wirklichkeit seines leiblichen Lebens hervorzuheben (Lukas 24,41–43). Die beiden Ereignisse dürfen zwar nicht in jeder Hinsicht gleichgesetzt werden, doch die gemeinsame Aufmerksamkeit für das Essen unterstreicht, dass die biblische Auferstehungshoffnung nicht auf eine bloß geistige Vorstellung reduziert werden darf.
Besonders eindrucksvoll ist die Verbindung zwischen der gewaltigen Macht Jesu und seiner Aufmerksamkeit für ein alltägliches Bedürfnis. Derjenige, der dem Tod gebieten kann, übersieht nicht, dass ein zwölfjähriges Mädchen Nahrung braucht. Die Größe seines Handelns steht nicht im Gegensatz zur Fürsorge für die scheinbar kleinen Dinge des Lebens. Gerade darin unterscheidet sich die Erzählung von einer bloßen Demonstration übernatürlicher Macht. Jesus stellt nicht nur das Leben des Kindes wieder her, sondern sorgt dafür, dass es anschließend die notwendige Versorgung erhält.
Die Eltern werden damit erneut in ihre Verantwortung hineingenommen. Sie konnten den Tod ihrer Tochter nicht verhindern und ihr das Leben nicht zurückgeben. Doch nachdem Jesus sie auferweckt hat, sollen sie wieder das tun, was zu ihrer gewöhnlichen Fürsorge gehört: ihrem Kind Nahrung geben. Das außergewöhnliche Handeln Jesu ersetzt nicht die alltägliche Verantwortung der Menschen. Vielmehr eröffnet es die Möglichkeit, diese Verantwortung erneut wahrzunehmen. Die Familie darf wieder für das Mädchen sorgen, das sie bereits verloren glaubte.
Mit dieser schlichten Anweisung endet die Erzählung. Markus beschreibt keine große öffentliche Feier, keine ausführliche Ansprache an die Eltern und keine weitere Begegnung mit den Menschen, die Jesus zuvor verspottet hatten. Er lässt das Geschehen dort ausklingen, wo das Mädchen wieder lebt und versorgt werden soll. Gerade diese Zurückhaltung bewahrt die Aufmerksamkeit beim Wesentlichen. Die Macht Jesu wird nicht durch zusätzliche Ausschmückungen vergrößert. Sie zeigt sich bereits vollständig darin, dass das zuvor gestorbene Kind auf sein Wort hin aufsteht und in sein gewöhnliches Leben zurückkehrt.
Damit erreicht zugleich das gesamte fünfte Kapitel einen entscheidenden Höhepunkt. Am Anfang stand ein Mensch, dessen Leben von unreinen Geistern beherrscht wurde und den niemand mehr bändigen konnte. Danach begegnete Jesus einer Frau, deren langjähriges Leiden durch keine ihrer bisherigen Behandlungen geheilt worden war. Schließlich stand er vor einem Mädchen, dessen Tod bereits eingetreten war. Die drei Begegnungen unterscheiden sich in ihren Umständen, doch in allen wird sichtbar, dass menschliche Hilflosigkeit nicht die Grenze der Macht Jesu bildet.
Dabei bleibt sein Handeln von persönlicher Zuwendung geprägt. Dem befreiten Mann gibt er einen Auftrag, der ihn wieder mit anderen Menschen verbindet. Die geheilte Frau spricht er als Tochter an und entlässt sie im Frieden. Das auferweckte Mädchen ergreift er bei der Hand und sorgt anschließend dafür, dass es Nahrung erhält. Jesu Vollmacht erscheint dadurch nicht als unpersönliche Überlegenheit, sondern als Macht, die dem Leben dient und sich in Barmherzigkeit dem einzelnen Menschen zuwendet.
Die Auferweckung der Tochter des Jairus ist schließlich mehr als die glückliche Wendung einer Familiengeschichte. Sie eröffnet einen Ausblick auf die größere biblische Hoffnung, dass der Tod nicht für immer über den Menschen herrschen wird. Was Jesus hier an einem einzelnen Kind tut, weist auf die Macht hin, die in seiner eigenen Auferstehung und in der zukünftigen Auferweckung der Toten ihre umfassendere Bedeutung erhält. Nach Johannes 5,28–29 wird eine Stunde kommen, in der die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören und hervorgehen werden. Markus 5 beschreibt noch nicht diese endgültige Auferstehung, aber die Begegnung mit Jairus und seiner Tochter lässt bereits erkennen, weshalb die Hoffnung auf das Leben über den Tod hinaus untrennbar mit Jesus Christus verbunden ist.
Geistliche Kernbotschaft
Markus 5 offenbart Jesus Christus als denjenigen, dessen Macht dort wirksam wird, wo menschliche Möglichkeiten an ihre Grenzen gelangen. Ein Mensch kann nicht mehr aus der Herrschaft unreiner Geister befreit werden. Eine Frau findet trotz jahrelanger Bemühungen keine Heilung. Ein Vater muss erfahren, dass seine Tochter gestorben ist. Die Erzählungen führen in unterschiedliche Formen menschlicher Not hinein, doch sie richten die Aufmerksamkeit auf dieselbe entscheidende Frage: Wer ist Jesus, und was bedeutet seine Gegenwart für Menschen, die sich selbst nicht mehr helfen können?
Bereits am Ende des vorherigen Kapitels hatten die Jünger gefragt, wer dieser Mann sei, dem sogar Wind und Meer gehorchen (Markus 4,41). Markus 5 entfaltet diese Frage weiter. Die unreinen Geister können Jesu Befehl nicht widerstehen, eine langjährige Krankheit endet durch seine heilende Macht, und selbst der Tod eines Kindes bleibt nicht endgültig. Diese Ereignisse zeigen die außergewöhnliche Autorität Jesu. Doch Markus beschreibt seine Vollmacht nicht als bloße Überlegenheit über bedrohliche Mächte. Entscheidend ist, wem sie zugutekommt: Menschen, deren Leben durch Angst, Krankheit, Ausgrenzung oder Tod zutiefst erschüttert wurde.
Damit verbindet das Kapitel göttliche Macht untrennbar mit Barmherzigkeit. Jesus befreit den gequälten Mann nicht lediglich, um seine Autorität über Dämonen zu beweisen. Der Mann erhält seine Selbstbestimmung zurück und kann wieder unter Menschen leben. Jesus heilt die Frau nicht nur körperlich, sondern spricht sie persönlich an und entlässt sie im Frieden. Dem auferweckten Mädchen lässt er Nahrung geben. In jeder dieser Begegnungen wird deutlich, dass der einzelne Mensch für Jesus mehr ist als der Anlass eines außergewöhnlichen Wunders. Seine Zuwendung umfasst die Person mit ihrer Geschichte, ihrer Würde und ihren alltäglichen Bedürfnissen.
Besonders eindrücklich ist, dass die Menschen in diesen Erzählungen weder aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung noch aufgrund ihrer bisherigen Möglichkeiten bevorzugt oder zurückgewiesen werden. Der Mann aus den Gräbern befindet sich außerhalb der gewöhnlichen Gemeinschaft. Die Frau wird ohne Namen oder soziale Stellung vorgestellt. Jairus dagegen ist ein angesehener Synagogenvorsteher. Ihre Lebensumstände unterscheiden sich erheblich, doch niemand muss zunächst einen bestimmten gesellschaftlichen Rang vorweisen, um von Jesus wahrgenommen zu werden. Das Kapitel zeigt darin eine Barmherzigkeit, die sich nicht an menschlichen Ansehensunterschieden orientiert.
Gleichzeitig wird deutlich, dass die Begegnung mit Jesu Macht nicht bei allen Menschen dieselbe Antwort hervorruft. Die Bewohner auf der anderen Seite des Sees sehen die Befreiung des Mannes, bitten Jesus aber dennoch, ihre Gegend zu verlassen. Der Geheilte möchte dagegen bei ihm bleiben. Die Frau vertraut darauf, dass Jesus ihr helfen kann, und Jairus sucht seine Nähe in einer Situation größter Verzweiflung. Außergewöhnliche Ereignisse können Menschen erschüttern und zum Staunen bringen, doch sie erzwingen keine vertrauensvolle Beziehung zu Jesus. Der entscheidende Unterschied liegt nicht allein darin, was jemand gesehen hat, sondern auch darin, wie er auf Christus antwortet.
Ein weiterer Grundgedanke des Kapitels betrifft das Wesen des Glaubens. Die Frau nähert sich Jesus in der Hoffnung auf Heilung. Jairus muss an ihm festhalten, obwohl sich seine Lage während des Weges zu seinem Haus dramatisch verändert. In beiden Fällen richtet sich der Glaube auf Jesus selbst. Er erscheint weder als magische Kraft noch als menschliche Leistung, durch die ein bestimmtes Ergebnis erzwungen werden könnte. Die Frau wird nicht durch eine geheimnisvolle Wirkung des Gewandes geheilt, und Jairus erweckt seine Tochter nicht durch die Stärke seiner inneren Überzeugung. Die rettende Macht liegt bei Jesus. Der Glaube vertraut auf ihn und wendet sich ihm zu.
Die beiden miteinander verflochtenen Geschichten zeigen darüber hinaus, dass Vertrauen nicht immer unter denselben Bedingungen gelebt wird. Die Frau erfährt unmittelbar, dass ihre Hoffnung nicht vergeblich war. Jairus dagegen sieht sich zunächst mit einer Nachricht konfrontiert, die seine Erwartungen zunichtemacht. Jesu Aufforderung „Fürchte dich nicht, glaube nur!“ bedeutet deshalb nicht, dass die Todesnachricht unwirklich oder die Trauer unbegründet wäre. Sie fordert den Vater auf, Jesu Möglichkeiten nicht ausschließlich nach dem zu beurteilen, was er selbst noch für denkbar hält. Der Glaube wird hier gerade dort herausgefordert, wo er keine Kontrolle über den Verlauf der Ereignisse besitzt.
Diese Erzählung darf jedoch nicht in das Versprechen umgewandelt werden, jeder Glaubende werde bei ausreichendem Vertrauen sofort von Krankheit, Leid oder Tod befreit. Markus berichtet konkrete Machttaten Jesu und keine allgemeine Regel, nach der der Ausgang jedes menschlichen Leidens vorherbestimmt werden könnte. Menschen, deren Gebete nicht in der erhofften Weise beantwortet werden, dürfen deshalb nicht mit dem Vorwurf belastet werden, ihr Glaube sei unzureichend. Die Erzählungen bezeugen, wer Jesus ist und welche Macht ihm zukommt. Sie machen die Hoffnung auf ihn begründet, ohne dem Menschen die Verfügung über Zeitpunkt und Weise seines Handelns zu übertragen.
Im letzten Abschnitt erreicht die Botschaft des Kapitels ihre größte Tiefe. Jesus steht vor einem tatsächlich gestorbenen Mädchen und ruft es durch sein Wort wieder zum Leben. Damit wird die Macht des Todes nicht geleugnet, sondern durch Jesu Handeln überwunden. Die Auferweckung ist noch nicht die endgültige Auferstehung zum unvergänglichen Leben. Sie weist jedoch auf die größere Hoffnung hin, die im Neuen Testament mit Christi eigener Auferstehung verbunden ist. Der Tod ist eine wirkliche Macht, die das irdische Leben beendet. Aber er ist nicht stärker als derjenige, dem Gott die Macht gegeben hat, Leben zu schenken.
Die geistliche Mitte von Markus 5 liegt somit in der Verbindung von Jesu Vollmacht, seinem Erbarmen und der Einladung zum Vertrauen. Der Mensch wird nicht aufgefordert, seine eigene Stärke zu beweisen, bevor er zu Christus kommen darf. Er darf sich vielmehr gerade in seiner Hilflosigkeit an ihn wenden. Und wo Jesus eingreift, geschieht dies nicht um der äußeren Sensation willen, sondern zugunsten des Lebens und der Würde des Menschen. Markus lässt seine Leser deshalb nicht nur über außergewöhnliche Wunder staunen. Er lädt sie ein, in diesen Taten den Charakter dessen zu erkennen, der seine Macht zum Heil anderer einsetzt.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Die Bedeutung von Markus 5 wird noch deutlicher, wenn man das Kapitel im Zusammenhang mit der übrigen Heiligen Schrift betrachtet. Mehrere biblische Texte greifen dieselben Grundfragen auf: Wer besitzt die Macht, den Menschen aus zerstörerischer Herrschaft zu befreien? Was bedeutet es, Gott im Leiden zu vertrauen? Und worauf gründet sich die Hoffnung, dass der Tod nicht endgültig über das menschliche Leben bestimmen wird?
Eine erste wichtige Verbindung besteht zu Markus 3,22–27. Dort wird Jesus vorgeworfen, er treibe Dämonen durch die Macht des Obersten der Dämonen aus. Jesus weist diesen Vorwurf zurück und verwendet das Bild eines starken Mannes, dessen Haus nur dann geplündert werden kann, wenn zuvor seine Macht gebrochen wird. Dieses Bild erklärt den geistlichen Zusammenhang seiner Befreiungstaten. Jesus handelt nicht im Auftrag der zerstörerischen Mächte, sondern tritt ihnen als der Stärkere entgegen. Die Befreiung des Mannes in Markus 5 macht diese Aussage anschaulich. Eine Macht, die von Menschen nicht überwunden werden konnte, muss Jesu Befehl weichen. Die Verbindung zeigt, dass seine Befreiungstaten zum sichtbaren Wirken der Gottesherrschaft gehören.
Lukas 11,20 vertieft denselben Gedanken. Jesus erklärt dort, dass das Reich Gottes zu den Menschen gekommen ist, wenn er die Dämonen durch Gottes Kraft austreibt. Das Reich Gottes erscheint somit nicht nur als eine zukünftige Wirklichkeit, sondern wird bereits im gegenwärtigen Handeln Jesu sichtbar. Die Befreiung des Mannes in Markus 5 ist ein konkretes Beispiel dafür, dass Gottes rettende Herrschaft in eine Welt hineinwirkt, in der Menschen unter zerstörerischen Mächten leiden. Dabei steht nicht die Erforschung einer dämonischen Hierarchie im Mittelpunkt, sondern die Überlegenheit Gottes und die Befreiung des Menschen.
Eine weitere Verbindung findet sich in Jesaja 35,4–6. Dort werden Menschen, die sich fürchten, auf Gottes kommendes Heil hingewiesen. Die prophetische Hoffnung verbindet Gottes Eingreifen mit der Wiederherstellung menschlichen Lebens: Blinde werden sehen, Taube hören und Lahme springen. Markus 5 zitiert diese Prophetie nicht ausdrücklich. Dennoch gehören Jesu Heilungen in denselben biblischen Erwartungshorizont. Gott lässt die Not des Menschen nicht gleichgültig bestehen, sondern verheißt eine Zukunft, in der sein rettendes Handeln sichtbar wird. Nach Matthäus 11,4–6 verweist Jesus selbst auf Heilungen und andere Zeichen, wenn die Boten Johannes des Täufers nach seiner messianischen Identität fragen. Dadurch wird deutlich, weshalb die körperlichen Heilungen Jesu innerhalb der Evangelien mehr sind als isolierte außergewöhnliche Ereignisse: Sie verweisen auf die anbrechende Erfüllung der göttlichen Heilsverheißungen.
Für die Begegnung mit der blutflüssigen Frau ist 3. Mose 15,25–30 eine wichtige alttestamentliche Grundlage. Dort werden die Reinheitsbestimmungen für einen ungewöhnlich langen Blutfluss beschrieben. Dieser Hintergrund hilft zu verstehen, dass ihre Erkrankung nicht nur eine gesundheitliche, sondern auch eine kultische Bedeutung besaß. Zugleich zeigt die Tora selbst, dass rituelle Unreinheit nicht automatisch mit persönlicher moralischer Schuld gleichgesetzt werden darf. Der gesetzlich geregelte Zustand der Unreinheit und das Urteil über die persönliche Verantwortung eines Menschen sind unterschiedliche Fragen. Im Evangelium wird deshalb nicht die Schuld der Frau behandelt, sondern ihre lange Krankheit und ihre vertrauensvolle Hinwendung zu Jesus. Der Bericht zeigt die Wiederherstellung ihrer Gesundheit; er erzählt keine vollständige Durchführung aller nach der Heilung vorgesehenen Reinheitsvorschriften.
Eine besonders hilfreiche Verbindung besteht zu Psalm 103,2–4. Dort wird Gott als derjenige gepriesen, der Schuld vergibt, Krankheiten heilt, das Leben erlöst und den Menschen mit Gnade und Barmherzigkeit krönt. Der Psalm unterscheidet verschiedene Formen göttlicher Hilfe, verbindet sie aber in Gottes erbarmendem Wesen. Das entspricht dem Grundton von Markus 5. Jesu Handeln dient nicht einer unpersönlichen Demonstration von Macht. Gerade indem er Menschen aus ihrer Not herausführt, wird Gottes Barmherzigkeit erkennbar. Zugleich muss berücksichtigt werden, dass der Psalm ein Lobpreis Gottes ist und kein Versprechen, jeder Mensch werde zu jedem gewünschten Zeitpunkt von sämtlichen Krankheiten geheilt.
Die Auferweckung der Tochter des Jairus steht zudem in einer langen biblischen Überlieferung. Nach 1. Könige 17,17–24 erweckt Gott den Sohn einer Witwe, nachdem Elia zu ihm gebetet hat. In 2. Könige 4,32–37 wird durch den Dienst Elisas ebenfalls ein verstorbenes Kind wieder lebendig. Diese Erzählungen zeigen bereits im Alten Testament, dass die Macht über Leben und Tod bei Gott liegt. Zugleich fällt bei Markus 5 die unmittelbare Befehlsgewalt Jesu auf. Während die Propheten zu Gott rufen, spricht Jesus das gestorbene Mädchen selbst an. Diese unterschiedliche Darstellung unterstreicht, wie eng die Evangelien das lebenspendende Handeln Gottes mit der Person Jesu verbinden.
Johannes 5,21–29 entfaltet diesen Zusammenhang ausdrücklich. Jesus erklärt dort, dass der Vater Tote auferweckt und lebendig macht und dass auch der Sohn lebendig macht. Später spricht er davon, dass die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden. Diese Worte geben der Auferweckung des Mädchens eine größere Perspektive. Die Macht, die Jesus an einem einzelnen Kind offenbart, gehört zu seiner umfassenderen Vollmacht, Leben zu schenken und die Toten aufzuerwecken. Markus erzählt die konkrete Begegnung, während Johannes ihre theologische Tragweite deutlicher ausspricht.
Eine weitere entscheidende Verbindung besteht zu Johannes 11,25–26. Vor der Auferweckung des Lazarus sagt Jesus zu Martha, dass er die Auferstehung und das Leben ist. Damit wird die Hoffnung auf die Überwindung des Todes unmittelbar an seine Person gebunden. Sie gründet sich nicht lediglich auf die Erwartung eines zukünftigen Ereignisses, sondern auf denjenigen, durch den Gott dieses Ereignis herbeiführen wird. Die Auferweckungen im Evangelium sind deshalb wichtige Zeichen seiner Macht, aber sie verweisen über sich selbst hinaus.
Die endgültige Bedeutung dieser Hoffnung entfaltet Paulus in 1. Korinther 15,20–26. Christus wird dort als der Erstling der Entschlafenen bezeichnet. Seine Auferstehung steht am Anfang der endgültigen Auferstehungsernte, zu der die gehören, die bei seiner Wiederkunft auferweckt werden. Zugleich erklärt Paulus, dass der Tod als letzter Feind beseitigt wird. Hier liegt der entscheidende Unterschied zur Tochter des Jairus: Sie wurde in ihr bisheriges sterbliches Leben zurückgerufen, während Christus nach seiner Auferstehung nicht mehr stirbt (Römer 6,9). Seine Auferstehung begründet die Hoffnung auf ein Leben, über das der Tod keine Herrschaft mehr besitzt.
Auch Hebräer 2,14–15 vertieft diesen Zusammenhang. Dort wird erklärt, dass Christus durch seinen eigenen Tod die Macht dessen bricht, der die Gewalt des Todes besitzt, und Menschen aus der Knechtschaft der Todesfurcht befreit. Damit wird die in Markus 5 sichtbar gewordene Autorität Jesu in den größeren Zusammenhang seines Erlösungswerkes gestellt. Sein endgültiger Sieg besteht nicht darin, jeden Todesfall bereits während seines irdischen Wirkens rückgängig zu machen. Durch seinen Tod und seine Auferstehung eröffnet er vielmehr die Grundlage für die endgültige Überwindung des Todes. Offenbarung 21,4 beschreibt diese Zukunft mit der Verheißung, dass Gott alle Tränen abwischen wird und Tod, Leid und Schmerz nicht mehr sein werden.
Schließlich besteht eine wichtige Verbindung zwischen dem Auftrag an den befreiten Mann und der späteren Sendung der Jünger. In Markus 6,7–13 sendet Jesus die Zwölf aus, gibt ihnen Vollmacht und beauftragt sie, zur Umkehr zu rufen und Menschen zu helfen. Der Mann aus Markus 5 erhält keinen identischen Auftrag und wird nicht zu einem der Zwölf gemacht. Dennoch besteht eine grundlegende Gemeinsamkeit: Was Gott an einem Menschen getan hat, soll nicht notwendigerweise verborgen bleiben, sondern kann zum Zeugnis für andere werden. Besonders bemerkenswert ist, dass dieser Auftrag zunächst in seinem eigenen Haus beginnt. Die Weitergabe der Botschaft von Gottes Erbarmen ist damit nicht ausschließlich an ein öffentliches Amt oder eine besondere gesellschaftliche Stellung gebunden.
Diese Verbindungen zeigen, wie Markus 5 in die umfassende biblische Geschichte von Gottes rettendem Handeln eingebettet ist. Die Befreiung aus dämonischer Herrschaft verweist auf die Überlegenheit der Gottesherrschaft. Die Heilung einer langjährig leidenden Frau steht im Zusammenhang mit Gottes Verheißungen der Wiederherstellung. Die Auferweckung des Mädchens führt zur Hoffnung auf die endgültige Auferstehung. Alle drei Erzählungen weisen damit über den Augenblick hinaus, in dem sie geschehen sind, und lenken den Blick auf Christus als denjenigen, durch den Gottes Heil sichtbar und wirksam wird.
Wichtige Lektionen
Eine erste praktische Lektion dieses Kapitels besteht darin, den Wert eines Menschen nicht nach seinem gegenwärtigen Zustand zu beurteilen. Der Mann aus den Gräbern war für seine Umgebung zu einer erschreckenden und offenbar kaum beherrschbaren Person geworden. Doch Jesus begegnete ihm nicht so, als sei er nur noch die Summe seines zerstörerischen Verhaltens. Er handelte zu seiner Befreiung und ermöglichte ihm damit einen neuen Zugang zum gemeinschaftlichen Leben. Daraus erwächst für den Umgang mit schwer belasteten Menschen eine klare Verpflichtung: Ihre Würde darf nicht hinter den Problemen verschwinden, die ihre Lebenssituation prägen. Selbst wo besondere Schutzmaßnahmen notwendig sind, bleibt der Mensch ein Mensch, der Achtung, Fürsorge und Hilfe benötigt.
Damit verbunden ist die Verantwortung, Leiden nicht durch unbegründete geistliche Urteile zu verschärfen. Markus beschreibt bei dem Mann ausdrücklich die Wirkung unreiner Geister. Daraus folgt jedoch nicht, dass ähnliche äußere Verhaltensweisen bei heutigen Menschen dieselbe Ursache besitzen. Selbstverletzung, schwere seelische Krisen oder ungewöhnliches Verhalten dürfen nicht vorschnell als Zeichen dämonischer Beherrschung eingestuft werden. Wer leidenden Menschen helfen möchte, sollte ihre Situation sorgfältig wahrnehmen, geeignete medizinische und psychologische Unterstützung ernst nehmen und vorsichtige, respektvolle Wege der Begleitung suchen. Geistliche Zuwendung darf notwendige fachliche Hilfe nicht ersetzen oder verhindern.
Eine zweite Lektion betrifft den Umgang mit Menschen, deren Leiden lange andauert. Die Frau hatte zwölf Jahre ihrer Gesundheit und einen großen Teil ihrer Lebensmöglichkeiten verloren. Ihre Geschichte erinnert daran, dass nicht jedes Leiden rasch überwunden wird und dass Menschen durch eine langjährige Erkrankung auch wirtschaftlich, sozial und innerlich schwer belastet werden können. Für andere bedeutet dies, nicht nur auf eine schnelle Lösung zu drängen, sondern auch dort verlässlich zu bleiben, wo eine Situation schwierig und langwierig ist. Wirkliche Barmherzigkeit zeigt sich oft in wiederholter Unterstützung, geduldigem Zuhören und konkreter Hilfe, die den Alltag eines leidenden Menschen erleichtert.
Dabei ist besonders wichtig, dass die Frau von Jesus nicht auf ihre Krankheit reduziert wird. Er lässt ihre verborgene Begegnung nicht lediglich mit einem körperlichen Ergebnis enden, sondern spricht sie persönlich an. Auch im Umgang mit Kranken, Hilfsbedürftigen oder gesellschaftlich übersehenen Menschen genügt es deshalb nicht, nur das sichtbare Problem zu betrachten. Wer hilft, sollte die betroffene Person selbst wahrnehmen, ihre Worte ernst nehmen und ihre Entscheidungen respektieren. Hilfe darf nicht dazu führen, dass jemand nur noch als Gegenstand fremder Fürsorge behandelt wird. Die persönliche Würde bleibt auch dann bestehen, wenn ein Mensch in erheblichem Umfang auf Unterstützung angewiesen ist.
Eine weitere Lektion liegt in der Art, wie Jairus Jesus begegnet. Obwohl er ein anerkanntes religiöses Amt innehat, sucht er Hilfe für seine Tochter. Seine Stellung bewahrt ihn nicht vor Angst, Krankheit oder Verlust. Der Bericht erinnert daran, dass gesellschaftliche Verantwortung, religiöse Erfahrung und persönliches Ansehen einen Menschen nicht unabhängig von Gottes Hilfe machen. Auch wer für andere Verantwortung trägt, darf seine eigene Bedürftigkeit anerkennen und um Hilfe bitten. Glaube verlangt nicht, jede Schwierigkeit allein bewältigen zu können. Er schließt vielmehr die Bereitschaft ein, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und sich Gott anzuvertrauen.
Besonders herausfordernd ist die Erfahrung des Jairus, dass sich seine Situation verschlimmert, während Jesus bereits auf dem Weg ist. Diese Erfahrung besitzt eine deutliche Nähe zu vielen Lebenssituationen, in denen Menschen um Hilfe bitten, aber nicht sofort eine Veränderung erkennen. Der Bericht erlaubt nicht die Schlussfolgerung, jede Verzögerung werde am Ende zu einer sichtbaren Wunderheilung führen. Er zeigt jedoch, dass Vertrauen auf Jesus nicht ausschließlich davon abhängen sollte, ob der bisherige Verlauf den eigenen Erwartungen entspricht. Wo die Zukunft ungewiss bleibt, darf der Mensch seine Not weiterhin vor Gott bringen. Das bedeutet nicht, Angst oder Trauer zu verleugnen, sondern sich von ihnen nicht vollständig bestimmen zu lassen.
Jesu Worte „Fürchte dich nicht, glaube nur!“ dürfen deshalb nicht als Verbot menschlicher Gefühle missverstanden werden. Die Angst eines Vaters um sein Kind und die Trauer über einen Todesfall sind keine Zeichen moralischen Versagens. Jesus verurteilt Jairus nicht wegen seiner bedrängenden Lage, sondern richtet sein Vertrauen neu auf sich. Auch heute kann ein glaubender Mensch erschüttert sein, Fragen stellen und um einen Verlust trauern. Biblisches Vertrauen besteht nicht darin, solche Empfindungen zu unterdrücken. Es bedeutet, sich trotz dieser Erfahrungen an Gott zu wenden und seine Hoffnung nicht allein auf die eigene Fähigkeit zur Bewältigung zu gründen.
Eine weitere praktische Folgerung betrifft den Unterschied zwischen dem Wunsch nach einem Wunder und dem Vertrauen auf Christus selbst. Die Frau berührt Jesu Gewand, doch Jesus spricht anschließend von ihrem Glauben. Dadurch wird deutlich, dass die eigentliche Bedeutung der Begegnung nicht in einem besonderen Gegenstand liegt. Für den Glauben folgt daraus, religiöse Handlungen, Symbole oder Gegenstände nicht mit einer eigenständigen Macht auszustatten, die unabhängig von Gott wirken soll. Gebet, Gottesdienst und andere Formen gelebten Glaubens sind nicht dazu bestimmt, göttliche Hilfe mechanisch verfügbar zu machen. Ihr Wert liegt darin, den Menschen in eine bewusste Beziehung zu Gott zu führen.
Ebenso wichtig ist der Umgang mit persönlichen Zeugnissen. Der befreite Mann erhält von Jesus ausdrücklich den Auftrag, zu seinen Angehörigen zurückzukehren und von Gottes Erbarmen zu erzählen. Daraus lässt sich lernen, dass ein glaubwürdiges Zeugnis nicht zuerst außergewöhnliche Einzelheiten oder erschreckende Erfahrungen hervorheben muss. Im Mittelpunkt sollte stehen, was Gottes Hilfe für einen Menschen bedeutet hat. Ein solches Zeugnis braucht weder Übertreibung noch Ausschmückung. Gerade die ehrliche Darstellung dessen, was tatsächlich geschehen ist, besitzt einen eigenen Wert.
Gleichzeitig zeigt die unterschiedliche Anweisung Jesu an den befreiten Mann und an die Familie des Jairus, dass nicht jede persönliche Erfahrung öffentlich gemacht werden muss. Der Mann soll berichten, während die Menschen im Haus des Jairus zunächst schweigen sollen. Daraus ergibt sich eine wichtige Verantwortung im Umgang mit den Geschichten anderer Menschen. Wer Hilfe, Heilung oder Befreiung erfahren hat, besitzt nicht automatisch die Pflicht, sämtliche Einzelheiten seines Lebens öffentlich preiszugeben. Ebenso wenig haben andere das Recht, persönliche Notgeschichten gegen den Willen der Betroffenen zur religiösen Werbung zu verwenden. Wahrhaftiges Zeugnis und ein respektvoller Schutz persönlicher Lebensbereiche gehören zusammen.
Die abschließende Aufforderung Jesu, dem auferweckten Mädchen etwas zu essen zu geben, führt zu einer weiteren sehr konkreten Lektion. Auch nach einem außergewöhnlichen Ereignis bleiben die gewöhnlichen Bedürfnisse eines Menschen wichtig. Das geistliche Leben darf deshalb nicht gegen praktische Fürsorge ausgespielt werden. Wer für andere betet, sollte zugleich bereit sein, ihnen im Rahmen seiner Möglichkeiten Nahrung, Begleitung, Schutz oder notwendige Unterstützung zukommen zu lassen. Diese Verbindung entspricht Jakobus 2,15–17, wo ausdrücklich davor gewarnt wird, bedürftigen Menschen lediglich gute Worte mitzugeben, ohne ihnen bei ihren wirklichen Bedürfnissen zu helfen.
Schließlich erinnert Markus 5 daran, dass die Hoffnung des Glaubens weiter reicht als die gegenwärtigen Möglichkeiten menschlichen Lebens. Krankheit, Leid und Tod sind wirkliche Erfahrungen, die nicht durch fromme Worte bedeutungslos werden. Doch die Auferweckung des Mädchens zeigt, dass Jesus nicht auf dieselben Grenzen festgelegt ist wie der Mensch. Seine spätere Auferstehung begründet die Verheißung einer Zukunft, in der Gott den Tod endgültig überwinden wird. Diese Hoffnung nimmt die gegenwärtige Trauer ernst, ohne sie für das letzte Wort zu halten.
So führt Markus 5 zu einer Lebenshaltung, in der Vertrauen auf Christus, Achtung vor dem Menschen und praktische Barmherzigkeit zusammengehören. Wer Jesus nachfolgt, ist eingeladen, leidende Menschen nicht zu übersehen, ihren Wert nicht von ihrem Zustand abhängig zu machen, sie nicht mit vorschnellen Urteilen zu belasten und ihnen im Rahmen der eigenen Möglichkeiten beizustehen. Zugleich darf er seine eigene Not vor Gott bringen und an der Hoffnung festhalten, die Christus durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung eröffnet hat. Der Glaube richtet sich damit nicht auf eine Welt ohne gegenwärtige Schwierigkeiten, sondern auf den lebendigen Herrn, dessen Macht dem Leben dient und dessen endgültiger Sieg über den Tod noch eine größere Zukunft verheißt.