Markus 10

Und er machte sich auf und kam von dannen an die Örter des jüdischen Landes jenseit des Jordans. Und das Volk ging abermals in Haufen zu ihm, und wie seine Gewohnheit war, lehrte er sie abermals.

52 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Und er machte sich auf und kam von dannen an die Örter des jüdischen Landes jenseit des Jordans. Und das Volk ging abermals in Haufen zu ihm, und wie seine Gewohnheit war, lehrte er sie abermals.
  2. 2 Und die Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden möge von seinem Weibe; und versuchten ihn damit.
  3. 3 Er antwortete aber und sprach: Was hat euch Mose geboten?
  4. 4 Sie sprachen; Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden.
  5. 5 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härtigkeit willen hat er euch solches Gebot geschrieben;
  6. 6 aber von Anfang der Kreatur hat sie Gott geschaffen einen Mann und ein Weib.
  7. 7 Darum wird der Mensch Vater und Mutter verlassen und wird seinem Weibe anhangen,
  8. 8 und werden die zwei ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht zwei, sondern ein Fleisch.
  9. 9 Was denn Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.
  10. 10 Und daheim fragten ihn abermals seine Jünger darum.
  11. 11 Und er sprach zu ihnen: Wer sich scheidet von seinem Weibe und freit eine andere, der bricht die Ehe an ihr;
  12. 12 und so sich ein Weib scheidet von ihrem Manne und freit einen anderen, die bricht ihre Ehe.
  13. 13 Und sie brachten Kindlein zu ihm, daß er sie anrührte. Die Jünger aber fuhren die an, die sie trugen.
  14. 14 Da es aber Jesus sah, ward er unwillig und sprach zu ihnen: Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes.
  15. 15 Wahrlich ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kindlein, der wird nicht hineinkommen.
  16. 16 Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.
  17. 17 Und da er hinausgegangen war auf den Weg, lief einer herzu, kniete, vor ihn und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe?
  18. 18 Aber Jesus sprach zu ihm: Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der einige Gott.
  19. 19 Du weißt ja die Gebote wohl: “Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemand täuschen; ehre Vater und Mutter.”
  20. 20 Er aber antwortete und sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.
  21. 21 Und Jesus sah ihn an und liebte ihn und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Gehe hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach und nimm das Kreuz auf dich.
  22. 22 Er aber ward unmutig über die Rede und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.
  23. 23 Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!
  24. 24 Die Jünger aber entsetzten sich über seine Rede. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Liebe Kinder, wie schwer ist's, daß die, so ihr Vertrauen auf Reichtum setzen, ins Reich Gottes kommen!
  25. 25 Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme.
  26. 26 Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann denn selig werden?
  27. 27 Jesus aber sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.
  28. 28 Da sagte Petrus zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.
  29. 29 Jesus antwortete und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, so er verläßt Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kind oder Äcker um meinetwillen und um des Evangeliums willen,
  30. 30 der nicht hundertfältig empfange: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen, und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.
  31. 31 Viele aber werden die Letzten sein, die die Ersten sind, und die Ersten sein, die die Letzten sind.
  32. 32 Sie waren aber auf dem Wege und gingen hinauf gen Jerusalem; und Jesus ging vor ihnen, und sie entsetzten sich, folgten ihm nach und fürchteten sich. Und Jesus nahm abermals zu sich die Zwölf und sagte ihnen, was ihm widerfahren würde:
  33. 33 Siehe, wir gehen hinauf gen Jerusalem, und des Menschen Sohn wird überantwortet werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten; und sie werden ihn verdammen zum Tode und überantworten den Heiden.
  34. 34 Die werden ihn verspotten und geißeln und verspeien und töten; und am dritten Tag wird er auferstehen.
  35. 35 Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, daß du uns tuest, was wir dich bitten werden.
  36. 36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, daß ich euch tue?
  37. 37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, daß wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.
  38. 38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisset nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, und euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?
  39. 39 Sie sprachen zu ihm: Ja, wir können es wohl. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde;
  40. 40 zu sitzen aber zu meiner Rechten und zu meiner Linken stehet mir nicht zu, euch zu geben, sondern welchen es bereitet ist.
  41. 41 Und da das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.
  42. 42 Aber Jesus rief sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisset, daß die weltlichen Fürsten herrschen und die Mächtigen unter ihnen haben Gewalt.
  43. 43 Aber also soll es unter euch nicht sein. Sondern welcher will groß werden unter euch, der soll euer Diener sein;
  44. 44 und welcher unter euch will der Vornehmste werden, der soll aller Knecht sein.
  45. 45 Denn auch des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zur Bezahlung für viele.
  46. 46 Und sie kamen gen Jericho. Und da er aus Jericho ging, er und seine Jünger und ein großes Volk, da saß ein Blinder, Bartimäus, des Timäus Sohn, am Wege und bettelte.
  47. 47 Und da er hörte, daß es Jesus von Nazareth war, fing er an, zu schreien und zu sagen: Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich mein!
  48. 48 Und viele bedrohten ihn, er sollte stillschweigen. Er aber schrie viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich mein!
  49. 49 Und Jesus stand still und ließ ihn rufen. Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost! stehe auf, er ruft dich!
  50. 50 Und er warf sein Kleid von sich, stand auf und kam zu Jesu.
  51. 51 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was willst du, daß ich dir tun soll? Der Blinde sprach zu ihm: Rabbuni, daß ich sehend werde.
  52. 52 Jesus aber sprach zu ihm: Gehe hin; dein Glaube hat dir geholfen. Und alsbald ward er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege.

Kapitelüberblick

Eine Frage nach der Ehescheidung, Kinder, die zu Jesus gebracht werden, und ein wohlhabender Mann auf der Suche nach dem ewigen Leben machen sichtbar, wie unterschiedlich Menschen Gottes Willen begegnen. Jesus richtet den Blick über äußere Regeln und menschliche Sicherheiten hinaus auf das, was Gott von Anfang an wollte und was ein Mensch bereit ist, ihm anzuvertrauen. Er nimmt die Kinder liebevoll an, warnt vor der Macht des Reichtums und verheißt seinen Nachfolgern Gottes Fürsorge, ohne ihnen ein Leben ohne Verfolgungen zu versprechen.

Während Jesus seinen bevorstehenden Tod und seine Auferstehung erneut ankündigt, beschäftigen sich Jakobus und Johannes noch mit besonderen Ehrenplätzen. Jesus stellt ihrer Vorstellung von Größe das Dienen gegenüber und erklärt, dass er sein Leben als Lösegeld für viele hingeben wird. Am Ende erkennt der blinde Bartimäus in Jesus den Sohn Davids, empfängt sein Augenlicht und folgt ihm auf dem Weg. So verbindet das Kapitel die Frage nach dem rechten Leben mit dem Vertrauen auf Jesus und seiner bevorstehenden Hingabe am Kreuz.

Einführung

Seit dem Bekenntnis des Petrus bei Cäsarea Philippi (Markus 8,27–30) richtet Markus seine Erzählung zunehmend auf Jesu bevorstehendes Leiden aus. Zweimal hat Jesus seinen Jüngern bereits angekündigt, dass der Menschensohn leiden, getötet werden und auferstehen wird (Markus 8,31; 9,31). Dennoch fällt es ihnen schwer, seine Worte mit ihren Erwartungen an den verheißenen Messias zu verbinden. Unmittelbar zuvor hatten sie sogar darüber gestritten, wer unter ihnen der Größte sei (Markus 9,33–37). Dieser Gegensatz zwischen Jesu Unterweisung und dem Denken seiner Begleiter bildet einen wichtigen Hintergrund für die folgenden Ereignisse.

Zu Beginn befindet sich Jesus nicht mehr in Galiläa, sondern kommt in das Gebiet von Judäa und in die Gegend jenseits des Jordan. Markus beschreibt keinen lückenlosen Reiseverlauf, sondern konzentriert sich auf ausgewählte Begegnungen und Gespräche. Größere Menschenmengen versammeln sich erneut um Jesus, und wie gewohnt beginnt er, sie zu lehren. Gegen Ende der Reiseetappe erreicht er Jericho, eine bedeutende Stadt im Jordantal, von der aus der Weg hinauf nach Jerusalem führt.

Auffällig ist, wie Markus öffentliche Gespräche mit persönlichen Begegnungen und Unterweisungen im engeren Jüngerkreis verbindet. Jesus spricht zu Menschen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen: zu religiös gebildeten Fragestellern, zu seinen eigenen Nachfolgern und zu Menschen, die gesellschaftlich wenig Ansehen besitzen. Ihre jeweiligen Reaktionen helfen, seine Worte genauer zu verstehen. Deshalb müssen bei der Auslegung stets die konkrete Frage, die angesprochenen Personen und der unmittelbare Zusammenhang beachtet werden. Auf diese Weise erschließt sich nicht nur, was Jesus lehrt, sondern auch, weshalb seine Aussagen bei den Zuhörern so unterschiedliche Reaktionen hervorrufen.

Markus 10,1–5

Warum Mose die Scheidung zuließ

Jesus hat Galiläa verlassen und ist auf seinem Weg nach Jerusalem in das Gebiet von Judäa und die Gegend jenseits des Jordan gekommen. Wieder versammeln sich zahlreiche Menschen um ihn, und Markus erwähnt ausdrücklich, dass Jesus sie wie gewohnt lehrt. Trotz der wachsenden Spannungen mit den religiösen Führern bleibt die Unterweisung der Menschen ein wesentlicher Bestandteil seines Wirkens. In dieser Situation treten Pharisäer an ihn heran und stellen eine Frage, die tief in das persönliche Leben der Menschen hineinreicht: Darf ein Mann seine Frau entlassen? Markus fügt hinzu, dass sie Jesus damit versuchen wollen (Markus 10,1–2). Es geht also nicht nur um eine ernsthafte Bitte um Orientierung. Die Fragesteller wollen seine Antwort auf die Probe stellen und möglicherweise einen Widerspruch zwischen seiner Lehre und dem mosaischen Gesetz aufdecken.

Die Frage war im damaligen Judentum keineswegs bedeutungslos. Dass ein Mann unter bestimmten Voraussetzungen seine Frau entlassen konnte, war grundsätzlich bekannt. Umstritten war jedoch, welche Gründe dafür ausreichten. Ausgangspunkt war eine Formulierung in 5. Mose 24,1, nach der ein Mann an seiner Frau etwas Anstößiges finden konnte. Wie weit diese Bezeichnung reichte, wurde unterschiedlich verstanden. Manche jüdischen Gesetzesausleger vertraten eine engere Auffassung und bezogen sie vor allem auf schwerwiegendes sexuelles Fehlverhalten. Andere ließen wesentlich weiter gefasste Gründe gelten. Die Parallelüberlieferung in Matthäus 19,3 macht diese Auseinandersetzung besonders deutlich, indem sie die Frage ausdrücklich darauf zuspitzt, ob ein Mann seine Frau aus jedem beliebigen Grund entlassen dürfe. Markus selbst überliefert die allgemeinere Frage nach der grundsätzlichen Erlaubnis. Jesus soll sich damit zu einem Thema äußern, bei dem unterschiedliche Auslegungen des Gesetzes bereits aufeinandertrafen.

Anstatt unmittelbar mit Ja oder Nein zu antworten, stellt Jesus eine Gegenfrage: „Was hat euch Mose geboten?“ (Markus 10,3). Damit führt er das Gespräch zunächst auf die gemeinsame Grundlage zurück, deren Autorität auch seine Fragesteller anerkennen. Jesus weist das Gesetz des Mose nicht zurück und versucht auch nicht, die Frage durch eine bloße persönliche Meinung zu entscheiden. Er fordert die Pharisäer vielmehr auf, selbst zu benennen, was Mose tatsächlich angeordnet hatte. Ihre Antwort lautet, dass Mose erlaubt habe, einen Scheidebrief zu schreiben und die Frau zu entlassen (Markus 10,4). Schon an dieser Stelle fällt ein wichtiger Unterschied auf: Jesus fragt nach dem, was Mose geboten hat, während die Pharisäer von dem sprechen, was Mose erlaubt hat. Diese Unterscheidung führt unmittelbar zur entscheidenden Frage, ob eine gesetzlich zugelassene Handlung deshalb schon Gottes ursprünglichem Willen entspricht.

Die Pharisäer beziehen sich auf 5. Mose 24,1–4. Dort wird beschrieben, dass ein Mann seiner Frau einen Scheidebrief ausstellt, ihn ihr übergibt und sie aus seinem Haus entlässt. Anschließend wird der Fall behandelt, dass die Frau einen anderen Mann heiratet und auch diese zweite Ehe endet, sei es durch eine weitere Scheidung oder durch den Tod des zweiten Mannes. Für diese Situation enthält das Gesetz eine ausdrückliche Bestimmung: Der erste Mann darf die Frau danach nicht erneut heiraten. Der eigentliche gesetzliche Schwerpunkt liegt somit nicht in einem allgemeinen Befehl zur Scheidung, sondern in der Regelung eines bestimmten Falles, der aus einer bereits vollzogenen Trennung entstehen konnte. Die Scheidung wird dabei als bestehende gesellschaftliche Wirklichkeit vorausgesetzt. Aus der Beschreibung ihrer Durchführung darf jedoch nicht geschlossen werden, Gott habe damit jede Scheidung gewünscht oder grundsätzlich gutgeheißen.

Auch der Scheidebrief muss in diesem Zusammenhang verstanden werden. Er machte die Entlassung zu einem erkennbaren rechtlichen Vorgang, anstatt sie lediglich einer mündlichen Behauptung oder einer unklaren persönlichen Entscheidung zu überlassen. Für eine Frau, deren gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellung damals häufig stark von ihrer Ehe abhing, war diese Unterscheidung von erheblicher Bedeutung. Eine schriftlich festgehaltene Trennung konnte ihren veränderten Familienstand nachweisbar machen. Dennoch darf die Bedeutung dieses Dokuments nicht überschätzt werden. Der Bibeltext behauptet nicht, dass dadurch alle Benachteiligungen oder Verletzungen beseitigt wurden. Ebenso wenig bestand der Sinn der Regelung darin, einem Mann unbegrenzte Verfügungsmacht über seine Frau zu verleihen. Das Gesetz ordnete einen problematischen Zustand und setzte ihm bestimmte rechtliche Grenzen, ohne dadurch bereits das Ideal einer gelingenden Ehe zu beschreiben.

Jesus erklärt nun, weshalb Mose eine solche Bestimmung überhaupt gegeben hatte: „Wegen der Härte eures Herzens hat er euch dieses Gebot geschrieben“ (Markus 10,5). Mit der Härte des Herzens meint Jesus mehr als eine vorübergehende Gefühllosigkeit. Im biblischen Sprachgebrauch bezeichnet das Herz den inneren Menschen, zu dem Denken, Wollen und Entscheiden gehören. Ein hartes Herz widersetzt sich dem, was Gott als gut erkannt wissen will, und hält an eigenen Interessen fest, selbst wenn dadurch andere verletzt werden. Bereits in der Geschichte Israels wird diese Haltung wiederholt als Ursache für Ungehorsam und gebrochene Treue beschrieben. Wenn Jesus die mosaische Scheidungsregelung mit der Herzenshärte verbindet, macht er deshalb eine grundlegende Unterscheidung: Eine Vorschrift kann notwendig werden, weil Menschen nicht so handeln, wie Gott es ursprünglich für sie vorgesehen hat. Sie kann die Folgen menschlicher Verfehlungen begrenzen, ohne die Verfehlung selbst zu Gottes Absicht zu erklären.

Damit stellt Jesus Mose nicht als Gegner Gottes dar. Er erklärt vielmehr, weshalb eine von Mose überlieferte Rechtsbestimmung nicht isoliert betrachtet werden darf. Gottes Gebote und seine rechtlichen Regelungen standen in einer Welt, in der Menschen schuldig wurden, Beziehungen zerbrachen und Unrecht geschah. Nicht jede Bestimmung, die einen solchen Zustand ordnete, beschrieb zugleich den Zustand, den Gott von Anfang an wollte. Gerade dieser Unterschied ist entscheidend, wenn man die Bibel richtig verstehen möchte. Aus der Tatsache, dass Gott im Umgang mit menschlicher Schuld bestimmte Handlungen zuließ und ihre Folgen regelte, folgt nicht, dass er diese Handlungen als Ausdruck seines vollkommenen Willens betrachtete.

So verändert Jesus die Richtung des gesamten Gesprächs. Die Pharisäer wollen wissen, welche Möglichkeit das Gesetz einem Mann eröffnet. Jesus fragt nach dem Grund, weshalb diese Möglichkeit überhaupt notwendig geworden war. Damit rückt er die innere Haltung des Menschen in den Mittelpunkt. Eine Ehe lässt sich nicht allein dadurch beurteilen, dass man nach einer rechtlichen Erlaubnis sucht. Ebenso wichtig ist die Frage, ob ein Mensch seinem Ehepartner mit Treue, Verantwortung und Achtung begegnet oder ob er die vorhandenen Regeln benutzt, um seine eigenen Wünsche durchzusetzen. Jesu Antwort zeigt, dass rechtliche Zulässigkeit und moralische Richtigkeit nicht immer dasselbe sind. Um zu erkennen, was Gott mit der Ehe eigentlich beabsichtigt hat, genügt es deshalb nicht, bei der Scheidungsregelung des Mose stehen zu bleiben. Genau aus diesem Grund führt Jesus seine Zuhörer im nächsten Schritt noch weiter zurück – bis an den Anfang der Schöpfung.

Markus 10,6–9

Gottes ursprünglicher Wille für die Ehe

Nachdem Jesus erklärt hat, weshalb Mose die Scheidung wegen der menschlichen Herzenshärte zuließ, führt er seine Zuhörer zu einer wesentlich älteren Grundlage zurück. Er sagt: „Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie erschaffen als Mann und Weib“ (Markus 10,6). Damit verweist er auf 1. Mose 1,27, wo die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau beschrieben wird. Dieser Rückgriff ist entscheidend für das Verständnis seiner Antwort. Jesus beurteilt die Ehe nicht zuerst danach, welche Möglichkeiten eine spätere Rechtsordnung für gescheiterte Beziehungen vorsieht, sondern danach, welche Absicht Gott bei der Erschaffung des Menschen verfolgte. Der Anfang der Schöpfung wird damit zum Maßstab, an dem sich menschliche Vorstellungen über die Ehe prüfen lassen.

In der Schöpfungserzählung werden Mann und Frau gemeinsam als Menschen beschrieben, die nach Gottes Bild geschaffen sind (1. Mose 1,27). Beide besitzen ihre Würde nicht aufgrund gesellschaftlicher Stellung, körperlicher Stärke oder ihrer jeweiligen Aufgaben, sondern weil sie von Gott geschaffen wurden. Diese gemeinsame Würde ist für Jesu Antwort besonders wichtig. Die Pharisäer hatten danach gefragt, unter welchen Voraussetzungen ein Mann seine Frau entlassen dürfe. Ihre Fragestellung betrachtet die Ehe zunächst aus der Perspektive seiner rechtlichen Handlungsmöglichkeiten. Jesus lenkt den Blick dagegen auf die ursprüngliche Beziehung zwischen Mann und Frau. Die Ehe ist nach seiner Argumentation nicht einfach eine Einrichtung, in der ein Mensch nach Belieben über den anderen verfügen kann. Sie gehört zu einer Schöpfungsordnung, in der beide Ehepartner vor Gott stehen und ihm gegenüber Verantwortung tragen.

Anschließend greift Jesus eine zweite Stelle aus dem Schöpfungsbericht auf: „Darum wird ein Mensch seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen; und die zwei werden ein Fleisch sein“ (Markus 10,7–8; vgl. 1. Mose 2,24). Die beiden alttestamentlichen Aussagen ergänzen einander. Während 1. Mose 1 die Erschaffung von Mann und Frau beschreibt, erklärt 1. Mose 2, wie aus ihrer Verbindung eine neue menschliche Lebensgemeinschaft entsteht. Dass ein Mensch Vater und Mutter verlässt, bedeutet dabei mehr als einen bloßen Wohnungswechsel. Es beschreibt den Beginn einer neuen, eigenständigen familiären Bindung. Die Beziehung zu den Eltern verliert dadurch nicht ihren Wert, doch die Ehe begründet eine eigene Gemeinschaft, für die Mann und Frau gemeinsam Verantwortung übernehmen. Die bisherige familiäre Zugehörigkeit wird um eine neue, besonders enge Verbindung erweitert, die nicht einfach von den Eltern oder anderen Menschen bestimmt werden soll.

Das anschließende Anhangen an den Ehepartner beschreibt die andere Seite dieser Veränderung. Der Mensch verlässt seine bisherige unmittelbare Familienbindung nicht, um anschließend ohne verbindliche Beziehung zu leben, sondern um sich mit seinem Ehepartner zu verbinden. Das zugrunde liegende Bild des Festhaltens und Sich-Verbindens betont Beständigkeit und Treue. Die Ehe ist deshalb nicht allein durch eine anfängliche gegenseitige Zuneigung gekennzeichnet, sondern durch eine Bindung, die das gemeinsame Leben tragen soll. Gefühle können sich verändern, Lebensumstände können schwierig werden und persönliche Erwartungen können enttäuscht werden. Die Bedeutung der ehelichen Verbindung erschöpft sich jedoch nicht in solchen wechselnden Erfahrungen. Jesus führt die Worte aus der Schöpfung gerade deshalb an, weil die Ehe nach Gottes Absicht mehr sein soll als eine Beziehung, die nur so lange besteht, wie sie den augenblicklichen Wünschen eines Menschen entspricht.

Besonders tief reicht die Aussage, dass die beiden „ein Fleisch“ werden. Damit ist die Ehe nicht lediglich als körperliche Vereinigung beschrieben, obwohl diese ausdrücklich zu ihr gehört. Der Ausdruck kennzeichnet eine Verbindung, in der zwei Menschen eine neue, gemeinsame Lebenswirklichkeit bilden. Ihre körperliche Gemeinschaft, ihre gegenseitige Zugehörigkeit und die Verantwortung füreinander stehen nicht beziehungslos nebeneinander. Sie gehören zu einer umfassenden Verbindung, die nach dem Schöpfungsbericht Gottes Absicht entspricht. Dabei ist wichtig, den Ausdruck nicht falsch zu verstehen. Mann und Frau verlieren durch ihre Ehe weder ihre Persönlichkeit noch ihre eigene Verantwortung vor Gott. Dass sie ein Fleisch werden, bedeutet nicht, dass der eine Mensch im anderen aufgeht oder seinen eigenen Willen grundsätzlich aufgeben muss. Vielmehr entsteht aus zwei eigenständigen Menschen eine Gemeinschaft, die beide miteinander verbindet und sie zu gegenseitiger Treue verpflichtet.

Jesus hebt diese Aussage noch einmal ausdrücklich hervor: „So sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch“ (Markus 10,8). Er wiederholt damit nicht nur den Schöpfungsbericht, sondern zieht eine Folgerung daraus. Die Ehe schafft nach Gottes Ordnung eine Verbindung, die nicht einfach mit dem vorherigen Zustand zweier voneinander unabhängiger Menschen gleichgesetzt werden kann. Gerade darin liegt die Bedeutung seiner Antwort auf die Scheidungsfrage. Wer eine Ehe ausschließlich danach beurteilt, ob eine Trennung rechtlich möglich ist, übersieht leicht, was durch diese Trennung überhaupt betroffen wird. Es geht nicht nur um das Ende eines gesellschaftlichen Vertrags oder die Auflösung einer gemeinsamen Haushaltsführung. Eine Beziehung, die nach Gottes Willen auf dauerhafte Zugehörigkeit angelegt ist, wird auseinandergerissen. Deshalb darf die Entscheidung über ihre Fortsetzung nicht allein vom augenblicklichen Wunsch eines Ehepartners abhängig gemacht werden.

Aus diesem Gedanken entwickelt Jesus seine abschließende Aussage: „Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!“ (Markus 10,9). Hier wird die göttliche Grundlage der Ehe besonders deutlich. Jesus betrachtet sie nicht bloß als menschliche Vereinbarung, sondern als eine Verbindung, deren Ordnung und grundlegende Bedeutung von Gott stammen. Das griechische Wort für das Zusammenfügen beschreibt ein Verbinden, durch das Getrenntes miteinander verbunden wird. Jesus stellt damit dem menschlichen Handeln des Scheidens das göttliche Handeln des Zusammenfügens gegenüber. Was Gott als verbindliche Lebensgemeinschaft vorgesehen hat, soll der Mensch nicht eigenmächtig wieder auseinanderreißen. Die Aussage richtet sich besonders gegen eine Haltung, die die Ehe als etwas betrachtet, das ein Ehepartner nach eigenem Ermessen auflösen kann, ohne die von Gott gewollte Bindung und die Verantwortung gegenüber dem anderen ernst zu nehmen.

Dabei muss die Aussage in ihrem tatsächlichen Zusammenhang bleiben. Jesus erklärt hier Gottes ursprünglichen Willen für die Ehe und begründet ihre auf Dauer angelegte Verbindung. Er behauptet damit nicht, dass Menschen innerhalb einer Ehe niemals schwere Schuld auf sich laden könnten oder dass jede bestehende eheliche Situation unabhängig von ihrem tatsächlichen Zustand bereits Gottes Willen vollkommen verwirkliche. Ebenso wäre es verfehlt, aus der Heiligkeit der Ehe eine Verpflichtung abzuleiten, Gewalt oder schwere Misshandlung schutzlos zu ertragen. Die Fragen, wie mit Ehebruch, Verlassenwerden und anderen schwerwiegenden Verletzungen der ehelichen Gemeinschaft umzugehen ist, müssen unter Berücksichtigung weiterer biblischer Aussagen sorgfältig beurteilt werden, besonders Matthäus 19 und 1. Korinther 7. Markus 10,6–9 konzentriert sich zunächst auf den grundlegenden Maßstab: Die Ehe soll nicht von menschlicher Willkür, sondern von Treue und Verantwortung gegenüber Gottes Schöpfungsabsicht bestimmt werden.

Damit erhält Jesu Antwort eine weitreichendere Bedeutung, als die ursprüngliche Frage der Pharisäer erwarten ließ. Sie hatten nach der Grenze einer rechtlichen Erlaubnis gefragt. Jesus weist auf den Wert einer von Gott geschaffenen Verbindung hin. Wer Gottes Willen für die Ehe verstehen möchte, soll deshalb nicht zuerst nach Möglichkeiten suchen, sich von der übernommenen Verantwortung zu lösen, sondern danach fragen, wie die von Gott beabsichtigte Gemeinschaft bewahrt werden kann. Diese Sicht führt über die bloße Einhaltung äußerer Vorschriften hinaus. Sie verlangt eine Haltung, in der Mann und Frau einander nicht als austauschbare Erfüllung persönlicher Wünsche betrachten, sondern als Menschen, denen sie in Treue und gegenseitiger Verantwortung verbunden sind. Wie verbindlich Jesus diese Ordnung versteht, wird im anschließenden Gespräch mit seinen Jüngern noch deutlicher, als er die Folgen von Scheidung und Wiederheirat ausdrücklich anspricht.

Markus 10,10–12

Jesu Warnung vor Scheidung und Ehebruch

Nachdem Jesus seine öffentliche Antwort auf die Frage der Pharisäer gegeben hat, setzt sich das Gespräch in einem anderen Rahmen fort. Markus berichtet, dass die Jünger ihn zu Hause nochmals auf dieses Thema ansprechen (Markus 10,10). Offenbar genügte ihnen die bisherige Erklärung noch nicht, um alle Konsequenzen seiner Worte zu verstehen. Jesus hatte die Ehe auf Gottes Schöpfungsabsicht zurückgeführt und erklärt, dass der Mensch nicht trennen solle, was Gott zusammengefügt hat. Nun wollen die Jünger genauer wissen, welche Bedeutung diese Aussage für das tatsächliche Verhalten verheirateter Menschen besitzt. Solche Gespräche im engeren Kreis begegnen im Markusevangelium mehrfach. Auch nach anderen öffentlichen Ereignissen fragen die Jünger Jesus um eine zusätzliche Erklärung, etwa nach der erfolglosen Austreibung eines bösen Geistes (Markus 9,28). Hier erhalten sie eine Antwort, die noch deutlicher macht, wie ernst Jesus die eheliche Treue nimmt.

Jesus erklärt: „Wer seine Frau entläßt und eine andere heiratet, der bricht an ihr die Ehe“ (Markus 10,11). Seine Aussage ist bemerkenswert, weil sie nicht lediglich die Scheidung als rechtlichen Vorgang behandelt. Sie verbindet das Entlassen der bisherigen Ehefrau mit der anschließenden Heirat einer anderen Frau. Gerade diese Verbindung ist für das Verständnis entscheidend. Nach der damals bekannten Scheidungspraxis konnte ein Mann davon ausgehen, dass seine erste Ehe durch einen ordnungsgemäßen Scheidebrief beendet und er damit frei für eine neue Verbindung sei. Jesus macht jedoch deutlich, dass die bloße rechtliche Durchführung einer Scheidung nicht automatisch beweist, dass die anschließende Beziehung auch vor Gott gerechtfertigt ist. Eine Ehe kann nach menschlichen Vorschriften für beendet erklärt werden, während die damit verbundenen Fragen nach Treue, Verantwortung und Schuld weiterhin bestehen. Deshalb genügt es nicht, auf die äußere Rechtmäßigkeit einer neuen Verbindung zu verweisen, wenn die vorherige Ehe aus Gründen aufgelöst wurde, die Gottes Willen widersprechen.

Besondere Beachtung verdient die Formulierung, dass der Mann durch sein Verhalten „an ihr“ die Ehe bricht. Damit ist die bisherige Ehefrau gemeint. Jesus bezeichnet den Ehebruch also nicht nur als abstrakte Übertretung eines göttlichen Gebotes, sondern stellt die Verletzung der ersten Ehefrau ausdrücklich heraus. Das war vor dem Hintergrund der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse von erheblicher Bedeutung. Während die rechtliche Diskussion häufig danach fragte, unter welchen Voraussetzungen ein Mann seine Frau entlassen durfte, macht Jesus ihn selbst für die Treue zu seiner Ehe verantwortlich. Er kann sich nicht allein auf seine rechtlichen Möglichkeiten berufen, um eine Handlung zu rechtfertigen, durch die er seiner bisherigen Frau untreu wird. Das Gebot gegen den Ehebruch aus 2. Mose 20,14 schützt die eheliche Gemeinschaft und richtet sich nicht ausschließlich gegen das Fehlverhalten einer Frau. Auch der Mann steht unter Gottes Gebot und muss sein Handeln daran messen lassen.

Im folgenden Vers erweitert Jesus die Aussage ausdrücklich auf die Frau. Wenn sie ihren Mann entlässt und einen anderen heiratet, begeht auch sie Ehebruch (Markus 10,12). Diese Ergänzung ist bemerkenswert, weil die Scheidungsbestimmung aus 5. Mose 24 zunächst aus der Perspektive des Mannes formuliert war. Im jüdischen Recht jener Zeit lag die unmittelbare Befugnis zur Ausstellung eines Scheidebriefes gewöhnlich beim Ehemann, während Frauen deutlich eingeschränkte Möglichkeiten hatten, eine Trennung herbeizuführen. Im griechisch-römischen Umfeld konnten dagegen auch Frauen unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen eine Scheidung veranlassen. Die Formulierung des Markus ist deshalb auch für Leser verständlich, deren gesellschaftliche Verhältnisse sich von denen der ursprünglichen Gesprächspartner Jesu unterschieden. Vor allem aber macht sie deutlich, dass die moralische Verantwortung für die eheliche Treue nicht vom Geschlecht abhängt. Weder der Mann noch die Frau darf die bestehende Bindung leichtfertig auflösen, um eine neue Beziehung einzugehen. Beide stehen vor demselben Gott, und für beide gilt die Verpflichtung zur Treue.

Allerdings muss sorgfältig zwischen dem unterschieden werden, was Jesus hier ausdrücklich sagt, und den weiterführenden Fragen, die sich daraus ergeben. Markus 10,11–12 beschreibt die Verbindung von Scheidung und anschließender Wiederheirat als Ehebruch. Daraus darf nicht ohne weitere Prüfung abgeleitet werden, dass jede denkbare Trennung bereits für sich genommen denselben Tatbestand erfüllt oder dass sämtliche möglichen Gründe für das Scheitern einer Ehe in diesen beiden Sätzen abschließend behandelt werden. Besonders wichtig ist der Vergleich mit Matthäus 19,9. Dort enthält Jesu Aussage eine zusätzliche Einschränkung, die auf sexuelle Unmoral bezogen ist. Das dafür verwendete griechische Wort porneia bezeichnet einen Bereich unerlaubten sexuellen Verhaltens, dessen genaue Reichweite in dieser Stelle unterschiedlich erklärt wird. Viele Ausleger verstehen die Ausnahme als Bezug auf schwerwiegende sexuelle Untreue innerhalb der Ehe. Andere beziehen sie enger auf bestimmte unerlaubte Verbindungen oder besondere Verhältnisse der damaligen Eheordnung. Da Markus diese Einschränkung nicht ausdrücklich überliefert, darf sie nicht als Bestandteil seines Wortlauts ausgegeben werden. Ebenso wenig darf der Bericht des Matthäus übergangen werden, wenn die gesamte biblische Lehre über Scheidung und Wiederheirat untersucht wird.

Eine weitere wichtige Ergänzung findet sich in 1. Korinther 7,10–16. Paulus erinnert dort ausdrücklich an das Gebot des Herrn, dass Ehepartner sich nicht voneinander trennen sollen. Zugleich berücksichtigt er Situationen, in denen eine Trennung bereits erfolgt ist, und spricht über die Möglichkeit der Versöhnung. Anschließend behandelt er einen besonderen Fall, der in Markus 10 nicht ausdrücklich angesprochen wird: Ein gläubiger Mensch lebt mit einem ungläubigen Ehepartner zusammen. Solange dieser bereit ist, die Ehe fortzusetzen, soll der gläubige Teil die Verbindung nicht allein wegen des unterschiedlichen Glaubens auflösen. Wenn der ungläubige Partner jedoch auf der Trennung besteht, soll er nicht gegen seinen Willen festgehalten werden. Paulus begründet diese Anweisung damit, dass Gott seine Kinder zum Frieden berufen hat. Wie weit die Formulierung, dass der gläubige Teil in einem solchen Fall nicht gebunden sei, hinsichtlich einer späteren Wiederheirat reicht, wird unterschiedlich ausgelegt. Jedenfalls zeigt dieser Abschnitt, dass die apostolische Unterweisung nicht bei einer einzigen allgemeinen Regel stehen bleibt, sondern konkrete Lebenssituationen berücksichtigt, ohne Gottes ursprüngliche Absicht für die Ehe aufzugeben.

Gerade deshalb dürfen Jesu Worte nicht zu einem Mittel werden, mit dem Menschen in schweren ehelichen Notlagen zusätzlich belastet werden. Eine Ehe soll von Treue, Liebe und gegenseitiger Verantwortung getragen sein. Wo dagegen Gewalt, schwere Misshandlung oder andere Formen ernsthafter Gefährdung stattfinden, wird diese Verantwortung grundlegend verletzt. Der Schutz eines gefährdeten Menschen ist nicht mit der leichtfertigen Auflösung einer Ehe gleichzusetzen. Auch eine notwendige räumliche Trennung zum Schutz vor Gewalt beantwortet nicht automatisch sämtliche Fragen nach Scheidung und Wiederheirat. Diese unterschiedlichen Sachverhalte müssen sorgfältig auseinandergehalten werden. Jesu Warnung vor Ehebruch darf weder dazu verwendet werden, eheliche Untreue zu verharmlosen, noch dazu, verletzte Menschen unter Druck zu setzen, sich weiterer Gefährdung auszusetzen. Ebenso wenig gibt der Text Anlass, Menschen, deren Ehe bereits zerbrochen ist, grundsätzlich jede Hoffnung auf Vergebung und einen neuen Anfang bei Gott abzusprechen. Die Bibel nimmt Schuld ernst, verkündigt aber ebenso die Möglichkeit aufrichtiger Umkehr und göttlicher Vergebung (1. Johannes 1,9).

Im Zusammenhang von Markus 10 liegt der Schwerpunkt deshalb auf einer grundlegenden Veränderung des menschlichen Denkens. Die Pharisäer hatten nach einer rechtlichen Erlaubnis gefragt, die eine Trennung möglich machte. Jesus zeigt seinen Jüngern nun, dass ein Mensch auch dann vor Gott schuldig werden kann, wenn er sich äußerlich auf eine anerkannte rechtliche Regelung beruft. Der Maßstab ist nicht allein, ob eine Handlung gesellschaftlich zugelassen wird, sondern ob sie der von Gott gewollten Treue und Verantwortung entspricht. Damit schützt Jesus die Ehe vor einer Haltung, die den eigenen Wunsch zum entscheidenden Maßstab macht und die Verpflichtung gegenüber dem anderen Menschen zurückstellt. Die Worte Jesu erinnern daran, dass Gottes Gebote nicht nur äußere Handlungen ordnen, sondern auch das menschliche Herz ansprechen. Wer Gottes Willen erfüllen möchte, soll deshalb nicht lediglich nach den Grenzen des Erlaubten suchen, sondern lernen, seine Beziehungen im Geist der Liebe, Verlässlichkeit und Rücksicht auf andere Menschen zu gestalten.

Markus 10,13–16

Warum das Reich Gottes wie ein Kind empfangen werden muss

Unmittelbar nach seiner Unterweisung über die Ehe berichtet Markus von Menschen, die kleine Kinder zu Jesus bringen, damit er sie berührt und segnet. Die Verbindung der beiden Ereignisse ist bemerkenswert. Nachdem Jesus über die von Gott gewollte Gemeinschaft von Mann und Frau gesprochen hat, richtet sich der Blick nun auf diejenigen, die innerhalb einer Familie besonders auf Fürsorge und Schutz angewiesen sind. Die Menschen, die ihre Kinder zu ihm bringen, wünschen sich offenbar, dass Jesus ihnen persönlich seine Zuwendung schenkt. Das Berühren und Auflegen der Hände war in der biblischen Überlieferung eine bekannte Ausdrucksform des Segnens. Bereits Jakob legte seine Hände auf die Söhne Josephs, als er sie segnete (1. Mose 48,13–20). Auch hier geht es nicht darum, dass eine körperliche Berührung an sich eine besondere Kraft besäße. Entscheidend ist die Person, von der der Segen ausgeht. Die Menschen vertrauen darauf, dass die Begegnung mit Jesus für ihre Kinder von Bedeutung sein wird, auch wenn diese die Tragweite einer solchen Begegnung möglicherweise noch gar nicht vollständig verstehen können.

Die Jünger reagieren jedoch anders, als die Menschen es erwarten. Markus berichtet, dass sie diejenigen zurechtweisen, die die Kinder zu Jesus bringen (Markus 10,13). Warum sie so handeln, wird nicht ausdrücklich erklärt. Möglicherweise wollen sie Jesus vor weiteren Unterbrechungen schützen oder halten die Kinder angesichts der vielen Menschen und seiner wichtigen Aufgaben für weniger bedeutend. Solche Überlegungen sind verständliche Möglichkeiten, dürfen aber nicht als ausdrücklich überlieferte Beweggründe ausgegeben werden. Sicher ist, dass die Jünger den Zugang zu Jesus verhindern wollen. Damit entscheiden sie selbst darüber, wessen Anliegen wichtig genug ist, um seine Aufmerksamkeit zu erhalten. Ausgerechnet diejenigen, die Jesus besonders nahe stehen und seine Botschaft weitergeben sollen, werden hier zu einem Hindernis für Menschen, die zu ihm kommen möchten.

Diese Reaktion erinnert an eine frühere Begebenheit. In Markus 9,33–37 hatten die Jünger darüber gestritten, wer unter ihnen der Größte sei. Jesus stellte daraufhin ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und erklärte, dass derjenige, der ein solches Kind in seinem Namen aufnimmt, damit auch ihn aufnimmt. Die Jünger hatten also bereits eine anschauliche Unterweisung darüber erhalten, welchen Wert Menschen besitzen, die nach menschlichen Maßstäben wenig Ansehen genießen. Dennoch handeln sie jetzt so, als könnten Kinder von der Begegnung mit Jesus ausgeschlossen werden. Dadurch wird sichtbar, wie schwer es ihnen fällt, seine Lehre in ihrem eigenen Verhalten umzusetzen. Sie haben gehört, dass wahre Größe nicht darin besteht, über anderen zu stehen, sondern darin, auch die Geringen anzunehmen. Als sich die Gelegenheit bietet, genau das zu tun, denken sie offenbar noch immer in anderen Kategorien.

Jesus nimmt dieses Verhalten keineswegs gleichgültig hin. Markus verwendet in Vers 14 ein griechisches Wort, das einen deutlichen Unwillen oder eine starke Empörung ausdrückt. Jesus missbilligt ausdrücklich, dass seine Jünger den Kindern den Zugang zu ihm verwehren. Seine Reaktion richtet sich nicht gegen die Kinder oder diejenigen, die sie bringen, sondern gegen das Verhalten seiner eigenen Nachfolger. Er fordert sie auf, die Kinder zu ihm kommen zu lassen und sie nicht daran zu hindern. Damit wird eine Grenze deutlich, die niemand überschreiten darf: Die Jünger besitzen keine Vollmacht, Menschen allein deshalb von Jesus fernzuhalten, weil sie deren Anliegen für unbedeutend halten. Seine Zuwendung hängt nicht davon ab, ob jemand gesellschaftliches Ansehen, besondere Fähigkeiten oder ein bestimmtes Maß an religiösem Wissen vorweisen kann. Gerade die Kinder, die auf die Hilfe und Entscheidung anderer angewiesen sind, werden von Jesus ausdrücklich willkommen geheißen.

Seine Begründung geht jedoch weit über eine freundliche Haltung gegenüber Kindern hinaus. Jesus erklärt, dass solchen Menschen das Reich Gottes gehört (Markus 10,14). Das Reich Gottes bezeichnet in seiner Verkündigung die Herrschaft Gottes, die durch sein Wirken bereits gegenwärtig wird und deren endgültige Vollendung noch aussteht. Wer zu diesem Reich gehört, steht unter Gottes rettender Herrschaft und darf an den Verheißungen teilhaben, die Gott seinem Volk gegeben hat. Jesus sagt damit nicht nur, dass auch Kinder einen Platz in der Gemeinschaft seiner Nachfolger haben dürfen. Er stellt sie ausdrücklich als Beispiel dafür vor, welche Menschen für Gottes Reich empfänglich sind. Das war eine weitreichende Aussage in einer Umgebung, in der gesellschaftliche Stellung, religiöse Bildung und öffentliche Anerkennung häufig darüber entschieden, wie viel Aufmerksamkeit jemand erhielt. Vor Gott gelten andere Maßstäbe. Kinder müssen nicht erst durch besondere Leistungen beweisen, dass sie seiner Zuwendung würdig sind.

Dabei wäre es ein Missverständnis, Jesu Worte so auszulegen, als besäßen Kinder von Natur aus keine Selbstsucht, keinen Eigenwillen oder keine Fähigkeit zum Ungehorsam. Die Bibel beschreibt auch die Notwendigkeit, Kinder zu erziehen und ihnen den rechten Weg zu zeigen (Sprüche 22,6; Epheser 6,4). Jesus erklärt die Kinder deshalb nicht zu moralisch vollkommenen Menschen. Ihr Beispiel liegt vielmehr in einer Lebensstellung, in der sie vieles nicht selbst erwerben, absichern oder kontrollieren können. Sie sind darauf angewiesen, dass andere für sie sorgen, ihnen helfen und ihnen etwas schenken. Gerade darin wird ein wichtiger Gegensatz zu menschlichen Vorstellungen religiöser Leistung sichtbar. Niemand kann sich Gottes Reich durch gesellschaftliches Ansehen, persönliche Macht oder eigene Verdienste sichern. Der Zugang zu Gott beginnt damit, dass der Mensch bereit ist, seine Gnade anzunehmen.

Jesus vertieft diesen Gedanken in Vers 15 mit einer besonders nachdrücklichen Erklärung. Er sagt, dass niemand in das Reich Gottes hineinkommen wird, der es nicht wie ein Kind annimmt. Das entscheidende Wort ist hier das Annehmen oder Empfangen. Jesus spricht nicht zuerst davon, dass ein Mensch Gottes Reich aufbauen, verdienen oder durch eigene Anstrengungen erwerben müsse. Er fordert vielmehr eine Haltung, in der Gottes Gabe vertrauensvoll angenommen wird. Das bedeutet keineswegs, dass Nachfolge ohne Umkehr, Gehorsam oder persönliche Entscheidung auskäme. Bereits zu Beginn seines öffentlichen Wirkens hatte Jesus zur Umkehr und zum Glauben an das Evangelium aufgerufen (Markus 1,15). Doch Glaube und Gehorsam sind nicht der Preis, mit dem sich ein Mensch Gottes Annahme erkauft. Sie gehören zur Antwort auf das, was Gott ihm in seiner Gnade eröffnet. Wie ein Kind, das eine Gabe empfängt, ohne sie zuvor verdient zu haben, soll der Mensch lernen, sich Gott anzuvertrauen.

Diese Aussage richtet sich besonders auch an Erwachsene, die gewohnt sind, sich durch eigene Fähigkeiten, Erfahrung oder Leistungen abzusichern. Mit zunehmender Selbstständigkeit kann leicht die Vorstellung entstehen, man müsse auch vor Gott zunächst etwas Besonderes vorweisen. Jesus stellt diesem Denken die Haltung des Empfangens gegenüber. Kindliches Vertrauen bedeutet dabei weder Gedankenlosigkeit noch den Verzicht auf verantwortliches Handeln. Es ist auch keine Aufforderung, jede menschliche Autorität unkritisch anzuerkennen. Der entscheidende Bezugspunkt ist Gott selbst, dessen Liebe und Treue das Vertrauen rechtfertigen. Wer das Reich Gottes wie ein Kind annimmt, erkennt an, dass er für sein ewiges Leben auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen ist. Diese Einsicht bereitet zugleich das folgende Gespräch mit dem reichen Mann vor. Dort wird ein Mensch Jesus nach dem ewigen Leben fragen, der bereits viele Gebote beachtet hat und dennoch vor einer Entscheidung steht, die seine bisherigen Sicherheiten infrage stellt.

Am Ende der Begegnung bleibt Jesus nicht bei Worten stehen. Markus berichtet ausdrücklich, dass er die Kinder in seine Arme nimmt, ihnen die Hände auflegt und sie segnet (Markus 10,16). Diese einzelnen Handlungen verleihen der Begebenheit ihre besondere Anschaulichkeit. Jesus gestattet nicht nur widerwillig, dass die Kinder in seiner Nähe bleiben. Er wendet sich ihnen persönlich zu und gibt ihnen die Aufmerksamkeit, die seine Jünger ihnen zuvor verweigern wollten. Das Aufnehmen in die Arme zeigt Nähe und Annahme; das Handauflegen verbindet die persönliche Zuwendung mit dem ausgesprochenen Segen. Der griechische Ausdruck für das Segnen ist hier besonders nachdrücklich formuliert und unterstreicht, dass Jesus sich den Kindern nicht nur flüchtig zuwendet. Markus berichtet allerdings nicht, welche einzelnen Worte Jesus dabei spricht oder wie sich das spätere Leben dieser Kinder entwickelt. Der Schwerpunkt liegt auf seiner Haltung und seinem Handeln: Er empfängt sie, nimmt sie ernst und schenkt ihnen seinen Segen.

Darin liegt zugleich eine wichtige Verantwortung für alle, die Kinder begleiten. Eltern und andere Menschen, denen Kinder anvertraut sind, sollen ihnen den Zugang zu Jesus nicht erschweren, sondern sie mit seiner Liebe und seinen Worten vertraut machen. Das geschieht nicht allein durch religiöse Unterweisung, sondern ebenso durch den Umgang mit ihnen. Wo Kinder nur als Störung empfunden, ihre Fragen abgewiesen oder ihre Bedürfnisse grundsätzlich für unwichtig gehalten werden, entsteht ein Verhalten, das dem Beispiel Jesu widerspricht. Zugleich darf sein Segen nicht als automatische Zusicherung verstanden werden, dass jedes Kind unabhängig von seiner späteren persönlichen Entscheidung bereits ein unverlierbares Anrecht auf das ewige Leben besitzt. Jesus zeigt vielmehr, dass Kinder von Anfang an Gegenstand seiner Liebe sind und dass die Beziehung zu Gott nicht erst dann bedeutsam wird, wenn ein Mensch erwachsen ist.

Die Begebenheit verändert schließlich auch den Blick auf die Nachfolge insgesamt. Die Jünger meinten, entscheiden zu können, wer Zugang zu Jesus erhalten sollte. Jesus zeigt ihnen dagegen, dass sie selbst etwas von den Kindern lernen müssen. Nicht die gesellschaftlich Anerkannten, die besonders Leistungsfähigen oder diejenigen, die sich ihrer eigenen religiösen Stellung sicher sind, besitzen deshalb einen bevorzugten Zugang zu Gottes Reich. Entscheidend ist die Bereitschaft, Gottes Gnade im Vertrauen zu empfangen. Die Kinder werden damit nicht nur zu Menschen, denen Jesus seine Zuwendung schenkt, sondern zugleich zu einem lebendigen Beispiel für seine Nachfolger. Wer vor Gott groß sein möchte, muss zuerst lernen, sich von ihm beschenken zu lassen. Gerade dieser Gedanke wird in der nächsten Begegnung erneut auf die Probe gestellt, wenn ein wohlhabender Mann Jesus fragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erben.

Markus 10,17–22

Der reiche Mann und die eine fehlende Sache

Als Jesus seinen Weg fortsetzen will, läuft ein Mann auf ihn zu, fällt vor ihm auf die Knie und stellt eine Frage, die sein ganzes Leben betrifft: „Guter Meister, was soll ich tun, um das ewige Leben zu ererben?“ (Markus 10,17). Die Einzelheiten dieser Begegnung sind bemerkenswert. Der Mann kommt nicht beiläufig zu Jesus, sondern läuft ihm nach und kniet vor ihm nieder. Sein Verhalten lässt erkennen, dass ihm die Frage wichtig ist und dass er Jesus mit besonderer Achtung begegnet. Markus erwähnt zunächst weder sein Alter noch seine gesellschaftliche Stellung. Erst am Ende erfahren wir, dass er viele Güter besitzt. Matthäus bezeichnet ihn als jungen Mann, während Lukas berichtet, dass er eine führende Stellung innehat (Matthäus 19,20; Lukas 18,18). Aus dem Vergleich der drei Evangelien stammt deshalb die geläufige Bezeichnung „reicher Jüngling“. Markus selbst lässt den Leser zunächst vor allem eines erkennen: Hier begegnet Jesus einem Menschen, der ernsthaft nach dem ewigen Leben fragt.

Die Formulierung seiner Frage verdient besondere Aufmerksamkeit. Der Mann möchte wissen, was er tun muss, um das ewige Leben zu erben. Im biblischen Sprachgebrauch bezeichnet das Erben nicht ausschließlich den Empfang eines materiellen Nachlasses. Israel wurde das verheißene Land als Erbe zugesagt, und die Hoffnung auf Gottes zukünftige Herrschaft konnte ebenfalls mit dem Gedanken des Erbens verbunden werden. Der Mann fragt somit nach seiner Teilhabe an dem Leben, das Gott seinen Menschen verheißt. Dass er dabei nach dem notwendigen Tun fragt, ist noch kein ausreichender Beweis dafür, dass er sich das Heil durch eigene Leistungen verdienen möchte. Auch an anderen Stellen spricht Jesus darüber, wie ein Mensch auf Gottes Willen antworten soll. Entscheidend ist vielmehr, was der weitere Verlauf über das Verständnis und die innere Bindung dieses Mannes offenbart. Er sucht nach dem ewigen Leben, doch er muss erst noch erkennen, was es bedeutet, Jesus ohne Vorbehalt nachzufolgen.

Jesus antwortet zunächst mit einer überraschenden Gegenfrage: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut, als Gott allein!“ (Markus 10,18). Damit weist er die Aufmerksamkeit des Mannes auf die eigentliche Bedeutung seiner Anrede. Der Ausdruck „gut“ soll nicht lediglich eine höfliche Bezeichnung für einen angesehenen Lehrer bleiben. Jesus erinnert daran, dass wahre Güte ihren vollkommenen Maßstab in Gott hat. Wer nach dem ewigen Leben fragt, muss deshalb Gottes Wesen und Willen ernst nehmen. Jesu Antwort bedeutet nicht, dass er seine eigene Sündlosigkeit bestreitet oder erklärt, selbst nicht gut zu sein. Eine solche Schlussfolgerung würde über den Wortlaut hinausgehen und anderen Aussagen des Neuen Testaments widersprechen, die seine Sündlosigkeit ausdrücklich bezeugen (Hebräer 4,15; 1. Petrus 2,22). Ebenso wenig spricht Jesus hier bereits ausdrücklich aus, dass der Mann ihn als Gott erkennen müsse. Seine Gegenfrage fordert vielmehr dazu heraus, nicht gedankenlos von menschlicher Güte zu sprechen, sondern zu bedenken, dass Gott selbst der Ursprung und Maßstab alles wahrhaft Guten ist.

Anschließend verweist Jesus auf die Gebote Gottes. Er nennt das Verbot des Tötens, des Ehebruchs, des Stehlens, des falschen Zeugnisses und des Beraubens sowie das Gebot, Vater und Mutter zu ehren (Markus 10,19). Damit greift er wesentliche Forderungen der Zehn Gebote auf, die Gott Israel am Sinai gegeben hatte (2. Mose 20,12–16). Besonders fällt auf, dass die genannten Gebote vor allem das Verhalten gegenüber anderen Menschen betreffen. Sie schützen das Leben, die Ehe, das Eigentum, die Wahrheit und die familiäre Verantwortung. Das Gesetz Gottes erscheint hier nicht als eine Sammlung willkürlicher religiöser Vorschriften, sondern als verbindlicher Maßstab für den Umgang mit dem Mitmenschen. Wer seinen Nächsten verletzt, betrügt oder seiner Verantwortung nicht gerecht wird, kann nicht behaupten, Gottes Willen ernst zu nehmen, nur weil er bestimmte religiöse Handlungen erfüllt.

Eine Besonderheit des Markusberichtes liegt in dem zusätzlichen Gebot: „Du sollst nicht rauben!“ Das zugrunde liegende griechische Verb kann das Berauben, Übervorteilen oder unrechtmäßige Vorenthalten dessen bezeichnen, was einem anderen zusteht. Diese Formulierung gehört nicht in genau dieser Gestalt zur klassischen Aufzählung der Zehn Gebote. Sie erinnert jedoch an alttestamentliche Vorschriften, die wirtschaftliches Unrecht verbieten. Nach 3. Mose 19,13 soll niemand seinen Nächsten unterdrücken oder berauben, und der Lohn eines Tagelöhners darf nicht unrechtmäßig zurückgehalten werden. Gerade im Gespräch mit einem wohlhabenden Mann gewinnt diese Ergänzung besondere Bedeutung. Jesus verbindet die Frage nach dem ewigen Leben auch mit wirtschaftlicher Gerechtigkeit und dem verantwortlichen Umgang mit anderen Menschen. Daraus folgt allerdings nicht, dass der Mann sein Vermögen nachweislich durch Betrug erworben hätte. Markus berichtet keine solche Tat. Die Gebotsliste erinnert vielmehr daran, dass Besitz und wirtschaftliches Verhalten nicht außerhalb der Verantwortung gegenüber Gottes Gesetz stehen.

Der Mann antwortet mit großer Bestimmtheit: „Meister, dies alles habe ich gehalten von meiner Jugend an“ (Markus 10,20). Damit beschreibt er sein bisheriges Leben als eines, in dem die Gebote Gottes eine verbindliche Rolle gespielt haben. Seine Aussage muss nicht von vornherein als bewusste Unwahrheit verstanden werden. Der Text nennt ihn weder einen Heuchler noch einen absichtlichen Betrüger. Es ist durchaus möglich, dass er nach seinem bisherigen Verständnis ernsthaft bemüht war, die genannten Gebote einzuhalten. Dennoch bleibt eine entscheidende Frage offen: Bedeutet die äußerlich erkennbare Befolgung einzelner Gebote bereits, dass Gottes Wille das ganze Herz eines Menschen bestimmt? Jesus hatte in anderen Zusammenhängen gezeigt, dass die Forderungen des Gesetzes tiefer reichen als das bloße Vermeiden bestimmter Handlungen. So erklärte er in Matthäus 5,21–28, dass Zorn, Verachtung und begehrliches Denken nicht unabhängig von den Geboten gegen Mord und Ehebruch betrachtet werden dürfen. Gottes Gesetz richtet sich nicht nur an das sichtbare Verhalten, sondern auch an die inneren Beweggründe.

Bemerkenswert ist nun, wie Markus Jesu Reaktion beschreibt. Bevor Jesus dem Mann seine entscheidende Forderung nennt, berichtet der Evangelist: „Da blickte ihn Jesus an und gewann ihn lieb“ (Markus 10,21). Diese persönliche Einzelheit findet sich in dieser ausdrücklichen Form nur bei Markus. Jesus begegnet dem Mann nicht mit Verachtung, obwohl dessen Verständnis seiner eigenen Gebotstreue unvollständig ist. Er sieht ihn an und liebt ihn. Das griechische Wort für das Anschauen beschreibt hier einen auf die Person gerichteten Blick. Markus verbindet diese Aufmerksamkeit unmittelbar mit Jesu Liebe. Der folgende Ruf zur Veränderung entspringt deshalb keiner feindseligen Haltung. Jesus will den Mann nicht bloßstellen oder ihm seine religiösen Bemühungen ausreden. Er möchte ihn zu etwas führen, das ihm trotz seines bisherigen Lebens noch fehlt. Gerade die Liebe Jesu macht es notwendig, die entscheidende Schwierigkeit nicht zu verschweigen.

Dann spricht Jesus die Worte, die dem Gespräch seine eigentliche Wendung geben: „Eins fehlt dir!“ (Markus 10,21). Diese eine fehlende Sache ist nicht einfach eine zusätzliche religiöse Leistung, mit der der Mann seine bisherige Gebotstreue vervollständigen könnte. Was Jesus anschließend fordert, betrifft vielmehr die Grundlage seiner bisherigen Lebenssicherheit. Er soll hingehen, alles verkaufen, was er besitzt, den Erlös den Armen geben und Jesus nachfolgen. Die Aufforderung ist ausgesprochen konkret. Jesus verlangt nicht nur, dass der Mann künftig etwas großzügiger sein oder gelegentlich einen Teil seines Vermögens spenden soll. Er ruft ihn dazu auf, sich von seinem bisherigen Besitz zu lösen und den Bedürftigen zu geben, was er durch den Verkauf erhält. Damit verbindet Jesus die Nachfolge unmittelbar mit einer Handlung, die tief in die wirtschaftlichen und persönlichen Lebensverhältnisse dieses Menschen eingreift.

Warum fordert Jesus gerade diesen Mann zu einem so weitreichenden Schritt auf? Der weitere Verlauf macht deutlich, dass sein Besitz für ihn ein entscheidendes Hindernis darstellt. Die Güter sind nicht einfach Gegenstände, über die er verfügt. Sie besitzen eine solche Bedeutung für ihn, dass er sich nicht von ihnen trennen kann, selbst als Jesus ihn persönlich zur Nachfolge einlädt. Darin liegt der geistliche Kern der Begegnung. Der Mann hatte erklärt, die Gebote Gottes seit seiner Jugend zu halten. Nun steht er vor einer Entscheidung, in der sichtbar wird, ob Gott tatsächlich den ersten Platz in seinem Leben einnimmt. Gerade die Gebote, die er kennt, verlangen mehr als eine äußerlich korrekte Lebensführung. Das erste Gebot verbietet, etwas anderes an Gottes Stelle zu setzen, und die Liebe zum Nächsten verlangt, die Bedürfnisse anderer nicht gleichgültig zu übergehen. Jesus nennt diese Zusammenhänge hier nicht ausdrücklich als eine Auslegung des ersten oder zehnten Gebotes. Seine konkrete Forderung macht jedoch sichtbar, wie eng Gottesverehrung, die innere Freiheit gegenüber dem Besitz und die tätige Liebe zum Mitmenschen miteinander verbunden sind.

Dabei darf Jesu Anweisung weder abgeschwächt noch unüberlegt verallgemeinert werden. Für diesen Mann war die Aufforderung, alles zu verkaufen und den Armen zu geben, tatsächlich ernst gemeint. Es wäre deshalb falsch, sie so zu erklären, als habe Jesus lediglich eine unverbindliche innere Bereitschaft verlangt. Gleichzeitig ergibt sich aus dieser Begegnung nicht automatisch, dass jeder Nachfolger Jesu unter allen Umständen genau denselben äußeren Schritt vollziehen müsse. Das Neue Testament kennt auch wohlhabende Gläubige, die ausdrücklich dazu aufgefordert werden, ihre Hoffnung nicht auf ihren Reichtum zu setzen, sondern reich an guten Werken, freigebig und bereit zum Teilen zu sein (1. Timotheus 6,17–19). Entscheidend ist deshalb nicht eine für alle Menschen identische Vermögensordnung, sondern die uneingeschränkte Bereitschaft, den eigenen Besitz Gottes Willen unterzuordnen. Diese Bereitschaft bleibt allerdings nicht bloß ein Gedanke. Wo Gott zur Hilfe für Bedürftige, zur Aufgabe ungerechten Gewinns oder zu einem tatsächlichen Verzicht ruft, muss sie im Handeln sichtbar werden.

Jesus verbindet seine Forderung zugleich mit einer Verheißung: Der Mann soll einen Schatz im Himmel haben. Damit stellt er zwei unterschiedliche Formen von Reichtum einander gegenüber. Der bisherige Besitz des Mannes ist sichtbar und unmittelbar verfügbar. Er kann Sicherheit vermitteln, gesellschaftliche Möglichkeiten eröffnen und das tägliche Leben erleichtern. Der verheißene himmlische Schatz dagegen ist nicht auf diese Weise greifbar. Er gehört zu dem, was Gott seinen Menschen schenkt und was über die Vergänglichkeit irdischer Güter hinaus Bestand hat. Auch in Matthäus 6,19–21 warnt Jesus davor, sich Schätze ausschließlich auf der Erde zu sammeln, wo sie zerstört oder verloren werden können. Der himmlische Schatz ist jedoch nicht als eine Art finanzieller Gegenwert zu verstehen, mit dem der Mensch durch eine große Spende das ewige Leben erwerben könnte. Jesus lädt den Mann vielmehr dazu ein, seine bisherige Sicherheit loszulassen und auf die Verheißung Gottes zu vertrauen. Die Frage lautet letztlich, ob ihm das, was Christus verheißt, wertvoller ist als das, was er bereits besitzt.

Den Höhepunkt der Aufforderung bildet deshalb der persönliche Ruf: „Komm, [...] folge mir nach!“ (Markus 10,21). Die Schlachter 1951 enthält hier zusätzlich die Worte „nimm das Kreuz auf dich“. Diese Formulierung ist aus Markus 8,34 als ausdrückliche Forderung der Nachfolge bekannt, fehlt jedoch in wichtigen frühen Handschriften von Markus 10,21 und wird in den heutigen kritischen Textausgaben überwiegend nicht als ursprünglicher Bestandteil dieses Verses betrachtet. Für die Bedeutung der Begegnung ist das entscheidende Wort ohnehin der Ruf, Jesus nachzufolgen. Der Mann soll nicht einfach sein Vermögen aufgeben und anschließend versuchen, sich durch eine besonders anspruchsvolle Lebensführung selbst zu retten. Er soll sich Jesus anschließen. Damit wird seine ursprüngliche Frage nach dem ewigen Leben auf die Beziehung zu Christus zugespitzt. Ihm fehlt nicht nur eine weitere gute Tat, sondern die Bereitschaft, dem Ruf Jesu auch dort zu vertrauen, wo dieser seine bisherige Lebensgrundlage infrage stellt.

Diese Einladung hätte dem Mann eine neue Richtung für sein Leben eröffnet. Seine bisherigen Güter waren ihm vertraut, während der Weg mit Jesus eine Zukunft bedeutete, über die er nicht selbst verfügen konnte. Er musste entscheiden, ob er an dem festhalten wollte, was er bereits besaß, oder ob er bereit war, Jesus zu vertrauen und seinen bisherigen Lebensentwurf grundlegend zu verändern. Dabei ist bedeutsam, dass Jesus ihn nicht durch Zwang zur Nachfolge bringt. Er stellt ihm die Forderung und verbindet sie mit einer Verheißung, lässt ihm aber die Verantwortung für seine Entscheidung. Die Liebe Jesu nimmt dem Menschen die Freiheit nicht ab, auf seinen Ruf zu antworten. Gerade deshalb erhält die folgende Reaktion ein solches Gewicht.

Markus berichtet, dass der Mann über Jesu Worte traurig wird und betrübt fortgeht, weil er viele Güter besitzt (Markus 10,22). Seine Traurigkeit zeigt, dass er Jesu Antwort nicht gleichgültig aufnimmt. Die Begegnung berührt ihn, und die Forderung scheint ihn innerlich zu treffen. Dennoch ist er nicht bereit, den verlangten Schritt zu tun. Er hatte Jesus nach dem ewigen Leben gefragt und eine Antwort erhalten, die ihm einen Weg der Nachfolge eröffnete. Nun erkennt er offenbar, dass dieser Weg ihn etwas kosten würde, das er nicht aufgeben möchte. Seine Güter, die ihm bisher Sicherheit und Möglichkeiten verschafft hatten, werden in diesem Augenblick zum Hindernis. Der Mann geht nicht deshalb fort, weil Jesus ihn zurückgewiesen hätte. Im Gegenteil: Jesus hatte ihn angesehen, geliebt und ausdrücklich eingeladen. Die Entscheidung, nicht mitzugehen, trifft der Mann selbst.

Wie sein späteres Leben verlief, berichtet Markus nicht. Die Erzählung erlaubt deshalb weder die Behauptung, dass er niemals mehr umkehrte, noch die Vorstellung, er habe sich später sicher doch noch für Jesus entschieden. Der Evangelist lässt seinen weiteren Weg offen. Was er festhält, ist die Tragik dieses Augenblicks: Ein Mensch, der ernsthaft nach dem ewigen Leben sucht, steht unmittelbar vor Jesus und kann sich dennoch nicht von dem lösen, was ihn an sein bisheriges Leben bindet. Gerade weil Jesus ihn liebt, wird diese Begegnung besonders eindringlich. Nicht mangelnde göttliche Zuwendung hindert den Mann daran, Jesus nachzufolgen, sondern seine eigene Unfähigkeit, den vertrauten Besitz loszulassen.

Damit führt die Erzählung zu einer Frage, die weit über diesen einzelnen Menschen hinausreicht. Es ist möglich, Gottes Gebote zu kennen, religiös ernsthaft zu leben und dennoch etwas festzuhalten, das den eigenen Gehorsam gegenüber Christus begrenzt. Der reiche Mann wollte das ewige Leben, aber er wollte seinen Reichtum nicht verlieren. Seine Geschichte zeigt deshalb nicht nur die Gefahr des Besitzes, sondern auch die Schwierigkeit, Gottes Willen dann anzunehmen, wenn er den eigenen Vorstellungen und Sicherheiten widerspricht. Der Maßstab echter Nachfolge liegt nicht darin, wie viel ein Mensch bereits erreicht oder geleistet hat, sondern darin, ob er bereit ist, Jesus den entscheidenden Platz in seinem Leben einzuräumen. Die ernste Frage, die daraus entsteht, wird Jesus unmittelbar anschließend gegenüber seinen Jüngern aufgreifen: Wie schwer ist es für einen reichen Menschen, in das Reich Gottes einzugehen, und wer kann unter solchen Voraussetzungen überhaupt gerettet werden?

Markus 10,23–27

Die Grenzen menschlicher Möglichkeiten und Gottes rettende Macht

Nachdem der reiche Mann traurig fortgegangen ist, wendet sich Jesus seinen Jüngern zu. Markus berichtet, dass er um sich blickt und ihnen erklärt, wie schwer es für reiche Menschen ist, in das Reich Gottes einzugehen (Markus 10,23). Die Begegnung mit dem Mann wird damit zum Ausgangspunkt einer weiterführenden Unterweisung. Jesus lässt seine Jünger nicht lediglich über dessen Entscheidung nachdenken, sondern macht deutlich, dass sie an diesem Beispiel eine grundlegende Gefahr erkennen sollen. Der Mann hatte nach dem ewigen Leben gefragt, kannte die Gebote und war Jesus mit großer Achtung begegnet. Dennoch hatte er sich nicht dazu durchringen können, seinem Ruf zu folgen. Was zunächst wie eine persönliche Entscheidung eines einzelnen Menschen aussah, wird nun zu einer Warnung vor einer Gefahr, die mit großem Besitz verbunden ist. Jesus spricht nicht nur über den ungewöhnlichen Fall eines besonders wohlhabenden Mannes, sondern über die Schwierigkeit, die Reichtum für den Eintritt in Gottes Reich mit sich bringen kann.

Dabei fällt auf, dass Jesus seine Warnung nicht abschwächt. Er sagt nicht lediglich, dass manche Reiche aufgrund eines schlechten Charakters Schwierigkeiten haben könnten. Seine Aussage richtet sich ausdrücklich auf Menschen, die Reichtum besitzen. Das bedeutet nicht, dass jeder wohlhabende Mensch automatisch ungerecht oder von Gott getrennt wäre. Die Bibel berichtet beispielsweise von Abraham, der großen Besitz hatte und dennoch Gott vertraute (1. Mose 13,2; 15,6). Auch Hiob wird als vermögender Mann beschrieben, dessen Gottesfurcht nicht von seinem Wohlstand abhängig war (Hiob 1,1–3). Dennoch darf man diese Beispiele nicht benutzen, um Jesu Warnung bedeutungslos zu machen. Er spricht von einer wirklichen Schwierigkeit, die durch Reichtum entstehen kann. Wer über große materielle Möglichkeiten verfügt, besitzt häufig auch mehr Mittel, sein Leben abzusichern, eigene Wünsche zu erfüllen und unabhängig von der Hilfe anderer zu handeln. Gerade dadurch kann leicht die Vorstellung entstehen, man habe sein Leben selbst in der Hand. Eine solche Haltung erschwert es, die eigene Abhängigkeit von Gott zu erkennen.

Diese Gefahr hatte Gott seinem Volk bereits im Alten Testament vor Augen gestellt. In 5. Mose 8,11–18 warnt Mose die Israeliten davor, Gott zu vergessen, wenn sie in guten Häusern wohnen, ihre Herden wachsen und Silber und Gold sich vermehren. Wohlstand kann dazu führen, dass sich das Herz erhebt und der Mensch seinen Erfolg ausschließlich der eigenen Kraft und Geschicklichkeit zuschreibt. Das Problem besteht nicht darin, dass ausreichende Nahrung, ein gutes Zuhause oder wirtschaftliche Sicherheit an sich etwas Böses wären. Vielmehr kann der Mensch die Gaben so sehr in den Mittelpunkt stellen, dass er den Geber aus dem Blick verliert. Auch Sprüche 30,8–9 beschreibt diese Gefahr, wenn der Beter darum bittet, weder in äußerster Armut noch in großem Überfluss leben zu müssen. Er fürchtet, im Überfluss satt zu werden und seine Abhängigkeit von Gott zu vergessen. Jesu Warnung steht somit in einer längeren biblischen Linie: Materieller Reichtum kann eine besondere Form menschlicher Selbstgenügsamkeit hervorbringen, die dem Vertrauen auf Gott entgegensteht.

Dass die Jünger über Jesu Worte erstaunen, zeigt, wie ungewöhnlich ihnen seine Aussage erscheint (Markus 10,24). Ihre Reaktion lässt sich vor dem Hintergrund der alttestamentlichen Verheißungen besser verstehen. An verschiedenen Stellen wird materieller Wohlstand mit Gottes Fürsorge und Segen verbunden. Israel wurde beispielsweise verheißen, dass Gott seinen Gehorsam mit Versorgung und Fruchtbarkeit begleiten würde (5. Mose 28,1–12). Auch einzelne Glaubensmänner der alttestamentlichen Geschichte besaßen große Güter. Daraus konnte die Vorstellung entstehen, Reichtum sei ein besonders sichtbares Zeichen göttlichen Wohlgefallens. Allerdings wäre es falsch zu behaupten, alle Juden zur Zeit Jesu hätten Wohlstand grundsätzlich als sicheren Beweis für Gottes Anerkennung angesehen. Schon die Psalmen und die Propheten warnen eindringlich vor reichen Menschen, die Unrecht tun, und vor dem trügerischen Vertrauen auf Besitz (Psalm 49,7–21; Amos 6,1–7). Dennoch lässt sich die Bestürzung der Jünger gut verstehen, wenn sie Reichtum zumindest teilweise mit besonderem Segen und gesellschaftlicher Sicherheit verbanden. Jesus erschüttert die Erwartung, dass Menschen mit günstigen äußeren Lebensverhältnissen deshalb auch vor Gott besonders gut dastehen müssten.

Jesus antwortet auf ihr Erstaunen mit einer erneuten Erklärung und spricht sie dabei als Kinder an. Diese liebevolle Anrede zeigt, dass seine ernsten Worte nicht dazu dienen, die Jünger zu beschämen. Er möchte ihnen etwas verständlich machen, das ihren bisherigen Vorstellungen widerspricht. In der Schlachter-Bibel von 1951 enthält Markus 10,24 die zusätzliche Formulierung „für die, welche ihr Vertrauen auf Reichtum setzen“. Diese Worte beschreiben eine wirkliche geistliche Gefahr, die auch an anderen Stellen der Bibel ausdrücklich angesprochen wird. So warnt Paulus in 1. Timotheus 6,17 die Reichen davor, ihre Hoffnung auf den unsicheren Reichtum zu setzen. Für die genaue Auslegung von Markus ist jedoch ein wichtiger Unterschied zu beachten: Die längere Formulierung in Vers 24 fehlt in mehreren besonders frühen und gewichtigen griechischen Handschriften. Die heutigen kritischen Textausgaben bevorzugen deshalb den kürzeren Wortlaut, in dem Jesus allgemein erklärt, wie schwer es ist, in das Reich Gottes einzugehen. Die längere Lesart lässt sich gut als spätere Ergänzung verstehen, durch die die scharfe Aussage Jesu genauer auf diejenigen eingegrenzt wurde, die auf Reichtum vertrauen.

Dieser Unterschied ist keineswegs belanglos. Würde man ausschließlich die längere Fassung zugrunde legen, könnte leicht der Eindruck entstehen, Jesus warne eigentlich nur vor einer falschen inneren Einstellung, während großer Besitz selbst keine besondere Schwierigkeit darstelle. Doch schon Vers 23 richtet sich ausdrücklich an die Reichen, und Vers 25 wird diese Aussage noch einmal verschärfen. Der kritisch wahrscheinlichere Wortlaut von Vers 24 erweitert den Blick sogar über die Reichtumsfrage hinaus. Während Jesus zunächst die besondere Gefahr des Wohlstands beschreibt, spricht er nun davon, wie schwer der Eintritt in Gottes Reich überhaupt ist. Die beiden Gedanken gehören zusammen. Reichtum stellt eine besondere geistliche Gefahr dar, aber die grundlegende Schwierigkeit menschlicher Rettung reicht noch tiefer. Kein Mensch kann allein aufgrund seiner äußeren Lebensumstände, seiner religiösen Leistungen oder seiner persönlichen Möglichkeiten einen Anspruch auf das ewige Leben erheben. Zugleich bleibt die Warnung vor tatsächlichem Reichtum bestehen und darf nicht in eine unverbindliche Ermahnung zu einer bloß inneren Haltung verwandelt werden.

Um diese Schwierigkeit anschaulich zu machen, verwendet Jesus ein ungewöhnlich starkes Bild. Er erklärt, dass ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr gehen könne, als ein reicher Mensch in das Reich Gottes einzugehen (Markus 10,25). Der Gegensatz ist bewusst extrem. Ein Kamel gehörte zu den großen Tieren, die den Menschen im damaligen Alltag vertraut waren. Das Nadelöhr dagegen bezeichnet die winzige Öffnung, durch die ein Faden gezogen wird. Die Vorstellung, ein solches Tier könne durch diese Öffnung gelangen, ist offenkundig unmöglich. Jesus benutzt damit eine sprachliche Übertreibung, um eine Wahrheit besonders eindringlich hervorzuheben. Solche anschaulichen Übertreibungen begegnen auch an anderen Stellen seiner Lehre. Wenn er beispielsweise davon spricht, dass ein Mensch den Splitter im Auge seines Bruders bemerkt, während er den Balken im eigenen Auge übersieht, verwendet er ebenfalls einen bewusst unmöglichen Größenvergleich (Matthäus 7,3–5). Die Übertreibung soll nicht wörtlich ausgeführt werden, sondern die dahinterstehende Aussage unübersehbar machen.

Gerade dieses Bild wurde im Laufe der Zeit häufig zu entschärfen versucht. Nach einer verbreiteten Erklärung habe es in Jerusalem ein besonders enges Tor gegeben, das als Nadelöhr bezeichnet worden sei. Ein Kamel habe dieses Tor nur passieren können, nachdem es seine Last abgelegt und sich mühsam hindurchgezwängt habe. Auf diese Weise würde Jesu Aussage bedeuten, dass ein reicher Mensch zwar große Schwierigkeiten überwinden müsse, mit genügend Anstrengung aber schließlich doch in Gottes Reich gelangen könne. Für ein solches Jerusalemer Tor zur Zeit Jesu gibt es jedoch keinen belastbaren historischen Nachweis. Die entsprechende Erklärung lässt sich erst in deutlich späteren Auslegungstraditionen nachweisen. Auch die gelegentlich vertretene Vermutung, Jesus habe ursprünglich von einem dicken Seil statt von einem Kamel gesprochen, überzeugt textkritisch nicht. Zwar existieren einzelne griechische Textzeugen mit einer entsprechenden Wortform, doch die weitaus besser bezeugte Lesart bezeichnet tatsächlich ein Kamel. Die ursprüngliche Aussage sollte daher nicht durch die Vorstellung einer schwierigen, aber letztlich doch machbaren Aufgabe abgeschwächt werden. Jesus beschreibt nicht den mühsamen Weg eines entladenen Kamels durch ein enges Tor, sondern verwendet ein Bild menschlicher Unmöglichkeit.

Damit wird verständlich, weshalb die Jünger noch stärker erschrecken. Markus berichtet, dass sie sich sehr entsetzen und untereinander fragen, wer dann überhaupt gerettet werden könne (Markus 10,26). Ihre Reaktion zeigt, dass sie Jesu Worte nicht lediglich als Aufforderung zu größerer Bescheidenheit verstanden haben. Wäre der Eintritt in Gottes Reich durch eine besondere menschliche Anstrengung möglich, hätte ihre Frage anders ausfallen können. Sie hätten beispielsweise danach fragen können, welche Opfer ein reicher Mensch bringen müsse oder wie viel Besitz er aufgeben solle. Stattdessen weitet sich ihre Frage auf die Rettung überhaupt aus. Wenn selbst Menschen mit großen Möglichkeiten und einer möglicherweise angesehenen religiösen Lebensführung nicht sicher sein können, in Gottes Reich einzugehen, worauf kann sich dann irgendein Mensch verlassen? Der Fall des reichen Mannes führt die Jünger damit zu einer grundlegenden Erkenntnis über die Grenzen menschlicher Fähigkeiten.

Diese Frage berührt zugleich den Kern der vorausgegangenen Begegnung. Der reiche Mann hatte wissen wollen, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erben. Jesus hatte ihn auf Gottes Gebote verwiesen und anschließend zu einer konkreten Entscheidung gerufen. Dabei wurde sichtbar, dass der Mann zwar vieles richtig machen wollte, aber an einer entscheidenden Stelle nicht bereit war, seine bisherigen Sicherheiten aufzugeben. Die Jünger erkennen nun, dass es nicht genügt, nach einer weiteren religiösen Leistung zu suchen. Das eigentliche Problem liegt tiefer. Wenn ein Mensch so fest an seinen Besitz gebunden ist, dass er selbst dem persönlichen Ruf Jesu nicht folgen kann, lässt sich diese Bindung nicht einfach durch eine zusätzliche äußere Handlung überwinden. Auch wer weniger besitzt, kann an anderen Dingen festhalten, die für ihn wichtiger geworden sind als Gottes Wille. Die Erzählung handelt unmittelbar vom Reichtum, doch die Frage der Jünger führt darüber hinaus zur allgemeinen menschlichen Unfähigkeit, sich selbst das Heil zu sichern.

Jesus beantwortet diese Frage mit einer der grundlegendsten Aussagen über Gottes rettendes Handeln: „Bei den Menschen ist es unmöglich, aber nicht bei Gott; denn bei Gott sind alle Dinge möglich“ (Markus 10,27). Damit bestätigt er zunächst, dass die Jünger die Schwierigkeit nicht unterschätzen. Er sagt nicht, sie hätten lediglich zu wenig Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. Er erklärt vielmehr ausdrücklich, dass das, worum es geht, bei Menschen unmöglich ist. Die Rettung des Menschen kann nicht aus menschlichen Mitteln hervorgebracht werden. Weder großer Besitz noch gesellschaftlicher Einfluss, religiöse Erfahrung oder moralische Anstrengung besitzen die Macht, einem Menschen aus sich selbst heraus das ewige Leben zu geben. Erst danach richtet Jesus den Blick auf Gott, für den diese menschliche Grenze nicht besteht. Die Antwort verändert damit die Grundlage der Hoffnung. Nicht die Möglichkeiten des Menschen entscheiden letztlich darüber, ob Rettung möglich ist, sondern Gottes Macht und Gnade.

Wenn Jesus sagt, dass bei Gott alle Dinge möglich sind, bedeutet dies nicht, dass Gottes Handeln willkürlich wäre oder seinen eigenen heiligen und gerechten Willen aufheben könnte. Die Aussage steht in einem konkreten Zusammenhang: Was Menschen im Blick auf ihre Rettung nicht vermögen, kann Gott bewirken. Er kann ein Herz verändern, das an falschen Sicherheiten festhält. Er kann einen Menschen zur Umkehr führen, der aus eigener Kraft nicht bereit ist, seine bisherige Lebensrichtung aufzugeben. Er kann Glauben und Vertrauen wecken, wo Selbstgenügsamkeit und Angst vor Verlust den Menschen bestimmen. Bereits durch den Propheten Hesekiel hatte Gott angekündigt, seinem Volk ein neues Herz und einen neuen Geist zu geben und es dadurch zu einem Leben nach seinem Willen zu befähigen (Hesekiel 36,26–27). Diese Verheißung beschreibt eine Erneuerung, die der Mensch nicht selbst hervorbringen kann. Gottes rettendes Handeln beschränkt sich somit nicht darauf, eine äußere Möglichkeit bereitzustellen. Es reicht bis in das Innere des Menschen, wo seine Wünsche, Entscheidungen und Bindungen geprägt werden.

Damit wird zugleich deutlich, weshalb Gottes Gnade und menschlicher Gehorsam nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Jesus hat den reichen Mann tatsächlich aufgefordert, seinen Besitz zu verkaufen, den Armen zu geben und ihm nachzufolgen. Diese Forderung war ernst gemeint. Die anschließende Erklärung über Gottes rettende Macht macht den Gehorsam nicht bedeutungslos und verwandelt die Nachfolge auch nicht in eine bloß äußerliche Zustimmung. Sie zeigt vielmehr, dass die Fähigkeit zu einer solchen Nachfolge letztlich aus Gottes Wirken erwachsen muss. Der Mensch kann sich nicht selbst erlösen, doch Gottes Gnade ruft ihn zu einer wirklichen Antwort. Paulus beschreibt diesen Zusammenhang, wenn er erklärt, dass Gott in den Gläubigen sowohl das Wollen als auch das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen wirkt (Philipper 2,12–13). Der Mensch wird dadurch nicht zu einer willenlosen Person. Er wird vielmehr befähigt, auf Gottes Willen zu antworten und Schritte zu gehen, die ihm aus eigener Kraft unmöglich erschienen wären.

Diese Unterscheidung schützt zugleich vor zwei entgegengesetzten Missverständnissen. Einerseits wäre es falsch, aus Jesu Worten zu schließen, ein wohlhabender Mensch könne grundsätzlich niemals gerettet werden. Gerade weil Gott verändern kann, was dem Menschen unmöglich ist, besteht auch für den Reichen Hoffnung. Andererseits darf Gottes Macht nicht als Beruhigung dafür missverstanden werden, an einer erkannten falschen Bindung festzuhalten. Die Aussage, dass Gott alles möglich ist, bedeutet nicht, dass Besitzgier, Selbstsucht oder Ungerechtigkeit für die Nachfolge bedeutungslos geworden wären. Gottes Gnade rechtfertigt nicht das Festhalten an dem, was den Menschen von ihm trennt. Sie eröffnet vielmehr die Möglichkeit, davon frei zu werden. Die Hoffnung des Evangeliums besteht nicht darin, dass Gott jede menschliche Lebensweise unverändert bestätigt, sondern darin, dass er Menschen wirklich erneuern und zu einem Leben in seinem Willen befähigen kann.

Dabei besitzt die Warnung Jesu auch eine konkrete gesellschaftliche Bedeutung. Reichtum betrifft nicht allein das persönliche Gefühl von Sicherheit. Vermögen eröffnet Einflussmöglichkeiten und kann mit Entscheidungen verbunden sein, die andere Menschen unmittelbar betreffen. Deshalb fragt die Bibel nicht nur danach, ob jemand innerlich an seinem Geld hängt, sondern auch danach, wie er seinen Besitz erwirbt und verwendet. Jakobus verurteilt beispielsweise wohlhabende Menschen, die ihren Arbeitern den verdienten Lohn vorenthalten und zugleich in selbstbezogenem Luxus leben (Jakobus 5,1–6). Eine veränderte Beziehung zum Reichtum muss sich daher auch in Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Bereitschaft zum Teilen ausdrücken. Wer Gott vertraut, soll seinen Besitz nicht länger als uneingeschränktes Mittel zur Erfüllung eigener Wünsche betrachten, sondern als etwas, für dessen Gebrauch er Verantwortung trägt. Die Freiheit, die Gott schenkt, zeigt sich deshalb nicht nur darin, dass ein Mensch weniger an Geld denkt, sondern auch darin, dass er bereit wird, mit seinem Besitz Gutes zu tun.

Besonders bemerkenswert ist schließlich die Stellung dieser Unterweisung innerhalb des Kapitels. Kurz zuvor hatte Jesus erklärt, dass das Reich Gottes wie ein Kind angenommen werden müsse (Markus 10,15). Nun begegnet den Jüngern ein Mann, der über viele äußere Sicherheiten verfügt und dennoch nicht bereit ist, Jesu Einladung anzunehmen. Die Gegenüberstellung ist aufschlussreich. Ein Kind empfängt, was es sich nicht selbst verschaffen kann. Der reiche Mann dagegen steht vor der Schwierigkeit, sich von dem zu lösen, was ihm bisher Sicherheit verliehen hat. Die beiden Erzählungen behandeln unterschiedliche Lebenssituationen, führen aber zu einer gemeinsamen Erkenntnis: Gottes Reich kann nicht durch menschliche Vorzüge erworben werden. Es muss im Vertrauen auf Gott empfangen werden. Gerade wer vieles besitzt oder erreicht hat, muss lernen, dass seine größte Hoffnung nicht in dem liegt, was er festhalten kann, sondern in dem, was Gott ihm schenken möchte.

So endet Jesu Unterweisung nicht mit der Verzweiflung der Jünger, sondern mit einer Verheißung, die über menschliche Grenzen hinausweist. Der reiche Mann hatte gezeigt, wie mächtig eine Bindung an irdische Güter werden kann. Die Jünger hatten erkannt, dass die Schwierigkeit der Rettung nicht auf ihn allein beschränkt bleibt. Jesus führt sie nun zu der entscheidenden Grundlage aller Hoffnung zurück: Gott kann tun, was Menschen nicht vermögen. Diese Wahrheit nimmt die Ernsthaftigkeit der Nachfolge nicht zurück, sondern macht sie überhaupt erst möglich. Wer sich auf Gottes rettende Macht verlässt, muss seine eigene Schwäche nicht leugnen und kann zugleich darauf vertrauen, dass seine bisherigen Bindungen nicht stärker sein müssen als Gottes Gnade. Doch die Frage, was ein Mensch auf dem Weg der Nachfolge verliert und was er von Gott empfängt, ist damit noch nicht vollständig beantwortet. Genau diesen Gedanken greift Petrus im anschließenden Gespräch auf, als er Jesus daran erinnert, dass die Jünger alles verlassen haben, um ihm nachzufolgen.

Markus 10,28–31

Der Lohn der Nachfolge und die Umkehrung menschlicher Maßstäbe

Nachdem Jesus erklärt hat, dass die Rettung des Menschen bei Gott möglich ist, ergreift Petrus das Wort. Er erinnert Jesus daran, dass die Jünger alles verlassen haben, um ihm nachzufolgen (Markus 10,28). Seine Bemerkung steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Begegnung des reichen Mannes. Dieser war nicht bereit gewesen, seinen Besitz aufzugeben und sich Jesus anzuschließen. Petrus erkennt nun den Unterschied zwischen dessen Entscheidung und dem Weg, den er selbst mit den anderen Jüngern eingeschlagen hat. Sie hatten ihre bisherigen Tätigkeiten und vertrauten Lebensverhältnisse zurückgestellt, als Jesus sie in seine Nachfolge rief. Markus hatte bereits am Anfang seines Evangeliums berichtet, wie Simon und Andreas ihre Netze verließen und Jesus folgten. Auch Jakobus und Johannes ließen ihren Vater Zebedäus im Boot mit den Tagelöhnern zurück, als Jesus sie berief (Markus 1,16–20). Was Petrus jetzt ausspricht, erinnert somit an Entscheidungen, die tatsächlich zu ihrem bisherigen Weg mit Jesus gehörten.

Seine Worte können zunächst wie ein Hinweis auf die eigene Opferbereitschaft erscheinen. Während der reiche Mann traurig fortgegangen war, hatten die Jünger vieles zurückgelassen. Dennoch sollte man Petrus nicht vorschnell unterstellen, dass er sich selbstgerecht über andere erheben wollte. Markus berichtet lediglich seine Feststellung, ohne seine inneren Beweggründe ausdrücklich zu beschreiben. Die Parallelüberlieferung in Matthäus 19,27 macht die damit verbundene Frage deutlicher, indem Petrus anschließend wissen möchte, was die Jünger für ihre Nachfolge empfangen werden. Bei Markus bleibt diese Frage unausgesprochen, doch Jesu Antwort zeigt, dass er auf die Bedeutung des Verzichts und auf Gottes Verheißung für seine Nachfolger eingeht. Petrus steht damit vor einer Frage, die sich für jeden Menschen ergeben kann, der um Christi willen etwas Wertvolles aufgibt: Welchen Sinn hat ein solcher Verlust, und was bedeutet er im Blick auf die Zukunft, die Gott seinen Menschen verheißt?

Die Aussage, die Jünger hätten alles verlassen, muss dabei im Zusammenhang ihrer tatsächlichen Lebensgeschichte verstanden werden. Sie bedeutet nicht zwangsläufig, dass jeder von ihnen sämtliche persönlichen Gegenstände verkauft oder für immer jeden rechtlichen Anspruch auf Besitz aufgegeben hatte. Markus berichtet beispielsweise, dass Jesus das Haus von Simon und Andreas betrat, als er Simons Schwiegermutter heilte (Markus 1,29–31). Obwohl Simon Jesus nachgefolgt war, blieb also ein familiäres Zuhause in der Erzählung bestehen. Das Verlassen bezeichnet deshalb vor allem die grundlegende Neuordnung ihres Lebens. Sie hatten ihre bisherigen Tätigkeiten und Bindungen nicht mehr zum alleinigen Mittelpunkt gemacht, sondern waren dem Ruf Jesu gefolgt. Ihre Entscheidung war dennoch mit wirklichem Verzicht verbunden. Wer seinen bisherigen Lebensunterhalt zurückstellt, vertraute Sicherheiten verlässt und sich einem Lehrer anschließt, dessen Weg er noch nicht vollständig überblickt, nimmt erhebliche Veränderungen auf sich. Nachfolge bedeutete für die Jünger nicht nur, einer neuen Lehre zuzustimmen. Sie veränderte ihren Alltag, ihre Beziehungen und ihre Zukunft.

Jesus reagiert auf die Worte des Petrus nicht mit einer Zurückweisung. Er bestreitet weder, dass die Jünger tatsächlich etwas aufgegeben haben, noch erklärt er ihren Verzicht für bedeutungslos. Stattdessen beginnt er seine Antwort mit einer besonders nachdrücklichen Zusicherung: „Wahrlich, ich sage euch“ (Markus 10,29). Diese Einleitung kennzeichnet eine Aussage, deren Verlässlichkeit Jesus ausdrücklich hervorhebt. Seine folgende Verheißung gilt jedoch nicht nur Petrus und den übrigen Aposteln. Er spricht allgemein von jedem Menschen, der um seinetwillen und um des Evangeliums willen etwas verlassen hat. Dadurch erweitert er den Blick über den unmittelbaren Jüngerkreis hinaus. Was Jesus über Gottes Fürsorge und den Lohn der Nachfolge erklärt, betrifft grundsätzlich alle Menschen, die seinem Ruf folgen und dadurch wirkliche Verluste erfahren. Dabei ist entscheidend, dass die Verheißung an einen bestimmten Grund des Verzichts gebunden ist. Nicht jedes Aufgeben von Besitz oder Beziehungen wird automatisch zu einem Opfer für Gott. Jesus spricht ausdrücklich von einem Verlassen um seinetwillen und um des Evangeliums willen.

Diese doppelte Begründung ist für das Verständnis der Nachfolge besonders wichtig. Jesus nennt sich selbst und das Evangelium unmittelbar nebeneinander. Wer um Jesu willen etwas aufgibt, handelt aufgrund seiner Beziehung zu ihm. Wer um des Evangeliums willen etwas verlässt, stellt die Botschaft von Gottes rettender Herrschaft über andere Lebensziele. Beides gehört untrennbar zusammen. Bereits in Markus 1,14–15 hatte Jesus das Evangelium Gottes verkündigt und die Menschen zur Umkehr und zum Glauben aufgerufen. Nun zeigt sich, welche Folgen diese Botschaft für das konkrete Leben haben kann. Das Evangelium ist nicht lediglich eine religiöse Überzeugung, die neben allen bisherigen Prioritäten bestehen bleibt. Es kann Entscheidungen erforderlich machen, die wirtschaftliche Möglichkeiten verändern, gewohnte Sicherheiten infrage stellen oder bisherige Beziehungen belasten. Zugleich macht Jesus deutlich, dass solche Verluste nicht um des Verlustes selbst willen gesucht werden sollen. Ihr geistlicher Sinn liegt darin, dass ein Mensch Christus und seiner Botschaft treu bleiben möchte.

Die Aufzählung dessen, was jemand verlassen haben kann, reicht tief in die menschlichen Lebensverhältnisse hinein. Jesus nennt Häuser, Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder und Äcker. Damit spricht er sowohl materielle Lebensgrundlagen als auch die engsten familiären Beziehungen an. Ein Haus war nicht nur ein Gebäude, sondern häufig der Mittelpunkt des familiären Zusammenlebens und ein wichtiger Ort wirtschaftlicher Sicherheit. Äcker bildeten für viele Menschen die Grundlage ihres Lebensunterhalts. Wer solche Güter verlor oder zurückließ, konnte dadurch in eine schwierige Lage geraten. Noch einschneidender konnte die Trennung von nahen Angehörigen sein. Familie bedeutete in der damaligen Gesellschaft nicht nur persönliche Nähe und Zuneigung, sondern auch Zugehörigkeit, Schutz und gegenseitige Versorgung. Jesus verschweigt deshalb nicht, dass seine Nachfolge Menschen an Stellen treffen kann, die für ihre persönliche und wirtschaftliche Existenz von großer Bedeutung sind.

Allerdings darf diese Aufzählung nicht als allgemeine Aufforderung verstanden werden, die eigene Familie grundlos zu verlassen oder bestehende Verpflichtungen leichtfertig aufzugeben. Gerade in diesem Kapitel hat Jesus die von Gott gestiftete Ehegemeinschaft ausdrücklich geschützt (Markus 10,6–9). An anderer Stelle kritisiert er Menschen, die sich unter einem religiösen Vorwand ihrer Verantwortung gegenüber den Eltern entziehen (Markus 7,9–13). Seine Verheißung in Markus 10,29 hebt diese Gebote nicht auf. Der entscheidende Punkt ist vielmehr, dass die Treue zu Christus auch dann Bestand haben soll, wenn vertraute Beziehungen oder Lebensverhältnisse dadurch gefährdet werden. Ein Mensch kann beispielsweise wegen seines Glaubens Ablehnung durch Angehörige erfahren oder gezwungen sein, eine bisherige Lebensstellung aufzugeben, weil sie mit der Nachfolge Jesu unvereinbar geworden ist. Nicht die Vernachlässigung der Familie wird gesegnet, sondern die Treue zu Christus unter Umständen, in denen diese Treue wirkliche Opfer verlangt. Auch die in einigen griechischen Textüberlieferungen zusätzlich genannte Ehefrau verändert diesen Grundgedanken nicht; wichtige frühe Textzeugen und die Schlachter 1951 enthalten diesen Zusatz nicht.

Die anschließende Verheißung ist außergewöhnlich weitreichend. Jesus erklärt, dass niemand, der um seinetwillen und um des Evangeliums willen solche Dinge verlassen hat, ohne hundertfältigen Empfang bleiben wird (Markus 10,30). Dabei unterscheidet er ausdrücklich zwischen der gegenwärtigen Zeit und der zukünftigen Weltzeit. Schon jetzt sollen seine Nachfolger Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker empfangen, während ihnen in der kommenden Weltzeit das ewige Leben verheißen wird. Diese zeitliche Unterscheidung darf nicht übersehen werden. Jesus verschiebt die gesamte Verheißung nicht ausschließlich in eine ferne Zukunft. Er spricht von Segnungen, die bereits innerhalb des gegenwärtigen Lebens erfahrbar werden können. Gleichzeitig unterscheidet er sie vom ewigen Leben, dessen endgültige Erfüllung zur zukünftigen Weltzeit gehört. Die Nachfolge besitzt damit sowohl eine gegenwärtige als auch eine zukünftige Verheißung.

Wie ist jedoch die Zusage des hundertfältigen Empfangens zu verstehen? Eine rein rechnerische Deutung würde bedeuten, dass jemand für jedes aufgegebene Haus hundert neue Häuser als persönliches Eigentum erhalten müsse und für jeden verlassenen Acker hundert neue Äcker. Eine solche Vorstellung passt weder zum Zusammenhang noch zur ausdrücklichen Erwähnung von Verfolgungen im selben Vers. Zugleich wäre es verfehlt, die genannten Häuser und Äcker vollständig zu vergeistigen, als ginge es ausschließlich um innere Freude oder um unsichtbare geistliche Güter. Jesus nennt ausdrücklich auch materielle Lebensgrundlagen. Seine Verheißung beschreibt eine Fülle, die weit über den ursprünglichen Verlust hinausreichen kann, ohne dass daraus eine Garantie auf die mathematische Vermehrung des persönlichen Vermögens folgt. Die Zahl hundert unterstreicht den außergewöhnlichen Reichtum dessen, was Gott seinen Nachfolgern eröffnet. Die genaue Gestalt dieses Empfangens muss jedoch aus dem Zusammenhang der Jüngergemeinschaft verstanden werden.

Bereits zuvor hatte Jesus den Kreis seiner wahren Angehörigen neu beschrieben. Als seine Mutter und seine Brüder ihn suchten, blickte er auf die Menschen, die um ihn versammelt waren, und erklärte, dass diejenigen seine Brüder, Schwestern und seine Mutter seien, die Gottes Willen tun (Markus 3,31–35). Damit wertete er seine leibliche Familie nicht grundsätzlich ab. Er machte vielmehr deutlich, dass durch die Beziehung zu ihm eine neue Gemeinschaft entsteht, deren Zusammengehörigkeit nicht allein auf Abstammung beruht. Diese frühere Aussage hilft, die Verheißung aus Markus 10,30 zu verstehen. Wer wegen seiner Treue zu Christus familiäre Ablehnung erfährt, kann in der Gemeinschaft der Glaubenden neue Brüder, Schwestern und Menschen finden, die ihm mit mütterlicher Fürsorge begegnen. Solche Beziehungen sind nicht einfach ein Ersatz, der jeden persönlichen Verlust ungeschehen macht. Sie eröffnen jedoch eine neue Zugehörigkeit, die weit über die Grenzen der bisherigen Familie hinausreicht.

Auffällig ist dabei, dass Jesus in der Aufzählung des hundertfältigen Empfangens keine Väter nennt, obwohl der Vater unter den möglichen Verlusten ausdrücklich erwähnt wurde. Der Text erklärt diesen Unterschied nicht unmittelbar. Deshalb wäre es zu weitgehend, daraus eine vollständige Lehre über die Ordnung der christlichen Gemeinschaft abzuleiten. Dennoch passt die Beobachtung zu Jesu Unterweisung, dass die neue Gemeinschaft der Glaubenden letztlich unter der gemeinsamen Herrschaft und Fürsorge Gottes steht. Die Nachfolger Jesu erhalten nicht einfach ein neues System menschlicher Oberhäupter, durch das die alten Abhängigkeiten vollständig ersetzt werden. Sie werden vielmehr Teil einer Gemeinschaft, in der Menschen einander als Geschwister begegnen sollen. Gerade im weiteren Verlauf des Kapitels wird Jesus erklären, dass seine Jünger nicht nach Herrschaft über andere streben, sondern einander dienen sollen (Markus 10,42–44). Auch die Verheißung neuer Beziehungen muss deshalb im Geist gegenseitiger Fürsorge und nicht im Sinne neuer menschlicher Machtansprüche verstanden werden.

Dass diese Gemeinschaft auch materielle Bedeutung besitzt, wird in der Apostelgeschichte besonders anschaulich. Nach der Ausgießung des Heiligen Geistes entstand in Jerusalem eine Gemeinschaft von Gläubigen, die einander unterstützten und bereit waren, ihren Besitz zur Versorgung Bedürftiger einzusetzen (Apostelgeschichte 2,44–47; 4,32–35). Menschen stellten Häuser zur Verfügung, teilten ihre Mittel und sorgten dafür, dass andere nicht ohne Hilfe blieben. Diese Berichte zeigen, wie der hundertfältige Empfang innerhalb einer durch Christus verbundenen Gemeinschaft konkrete Gestalt gewinnen kann. Wer um des Evangeliums willen ein vertrautes Zuhause verloren hat, kann durch die Gastfreundschaft anderer Glaubender Aufnahme finden. Wer seine bisherige familiäre Unterstützung nicht mehr besitzt, kann in einer größeren Gemeinschaft Menschen begegnen, die ihn tragen und für ihn sorgen. Die materielle Dimension der Verheißung bleibt damit erhalten, ohne dass jeder Einzelne persönlich hundert Häuser oder Äcker besitzen müsste. Es geht um eine neue Form gemeinsamer Zugehörigkeit und Versorgung, in der Gottes Fürsorge auch durch das Handeln anderer Menschen sichtbar wird.

Diese Sicht enthält allerdings zugleich eine ernste Verantwortung für die Gemeinschaft der Gläubigen. Wenn Jesus seinen Nachfolgern neue Beziehungen und reale Versorgung verheißt, darf die christliche Gemeinschaft Bedürftige nicht mit bloßen Worten abspeisen. Jakobus warnt ausdrücklich davor, Menschen, denen Kleidung und tägliche Nahrung fehlen, lediglich gute Wünsche mitzugeben, ohne ihnen die notwendige Hilfe zukommen zu lassen (Jakobus 2,15–17). Die Verheißung aus Markus 10 ist deshalb nicht nur eine persönliche Ermutigung für diejenigen, die um Christi willen etwas verlieren. Sie erinnert auch daran, dass die Nachfolger Jesu füreinander Verantwortung tragen. Die Bereitschaft, Häuser zu öffnen, Mittel zu teilen und Menschen in schwierigen Lebensverhältnissen beizustehen, gehört zu den konkreten Ausdrucksformen einer Gemeinschaft, in der Gottes Reich bereits wirksam wird. Wo Menschen einander auf diese Weise dienen, bleibt die Verheißung nicht eine abstrakte Vorstellung, sondern gewinnt im gemeinsamen Leben eine erkennbare Gestalt.

Mitten in diese weitreichende Zusage fügt Jesus jedoch zwei Worte ein, die jede einseitige Vorstellung von einer ausschließlich angenehmen Nachfolge durchbrechen: „unter Verfolgungen“ (Markus 10,30). Markus überliefert diese Einschränkung ausdrücklich innerhalb der gegenwärtigen hundertfältigen Verheißung. Jesus spricht also nicht zuerst von einer ungestörten Zeit des Segens und anschließend von einer davon getrennten Möglichkeit des Leidens. Beides gehört in seiner Aussage zusammen. Seine Nachfolger können neue Beziehungen, Hilfe und Versorgung empfangen und zugleich Ablehnung, Feindschaft und Verfolgung erleben. Gerade darin unterscheidet sich Jesu Verheißung von der Vorstellung, ein Leben mit Gott müsse sich notwendigerweise in wachsendem Wohlstand, gesellschaftlicher Anerkennung und äußerer Sicherheit zeigen. Wer Christus folgt, besitzt keine Zusicherung, dass ihm Schwierigkeiten erspart bleiben. Im Gegenteil: Die Treue zum Evangelium kann selbst der Grund dafür werden, dass ein Mensch Widerstand erfährt.

Diese Verbindung von Segen und Verfolgung erklärt zugleich, weshalb die hundertfältige Verheißung nicht als Versprechen materiellen Reichtums missverstanden werden darf. Jesus hatte unmittelbar zuvor vor den geistlichen Gefahren großen Besitzes gewarnt. Es wäre ein Widerspruch zum Zusammenhang, wenn er nun erklären würde, jeder Nachfolger könne durch den Verzicht auf seinen bisherigen Besitz zuverlässig ein wesentlich größeres Privatvermögen erwerben. Die Nachfolge wäre dann nur ein anderer Weg, um genau jene materielle Sicherheit zu gewinnen, vor deren Macht Jesus gerade gewarnt hatte. Stattdessen verheißt er eine neue Zugehörigkeit und Gottes Fürsorge innerhalb eines Lebens, das weiterhin von Schwierigkeiten betroffen sein kann. Der Segen Gottes besteht nicht darin, dass seine Kinder von jeder Bedrängnis befreit wären. Er zeigt sich vielmehr darin, dass sie auch inmitten solcher Erfahrungen nicht ohne seine Gegenwart und Fürsorge bleiben müssen.

Über die gegenwärtige Zeit hinaus richtet Jesus den Blick auf die zukünftige Weltzeit. Dort verheißt er seinen Nachfolgern das ewige Leben. Damit greift er die Frage wieder auf, mit der die gesamte Begegnung des reichen Mannes begonnen hatte. Dieser hatte wissen wollen, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erben. Nun erklärt Jesus seinen Jüngern, dass das ewige Leben zu der Zukunft gehört, die Gott denen verheißt, die ihm nachfolgen. Das bedeutet nicht, dass die gegenwärtige Beziehung zu Gott ohne Bedeutung wäre. Das Neue Testament spricht bereits vom gegenwärtigen Anteil der Glaubenden am ewigen Leben (Johannes 5,24; 1. Johannes 5,11–13). Zugleich erwartet es dessen endgültige Vollendung bei der Wiederkunft Christi und der Auferstehung der Toten (Johannes 6,39–40; 1. Korinther 15,51–54). Die Verheißung Jesu hält diese beiden Perspektiven zusammen: Schon jetzt erfahren seine Nachfolger Gottes Fürsorge und die Gemeinschaft seines Volkes, doch ihre endgültige Hoffnung reicht über das vergängliche Leben hinaus.

Gerade diese zukünftige Hoffnung verändert den Maßstab, nach dem gegenwärtige Verluste beurteilt werden. Wer sein Leben ausschließlich aus der Perspektive seiner verfügbaren Jahre betrachtet, kann den Verlust von Besitz, Anerkennung oder vertrauten Sicherheiten als endgültigen Rückschlag empfinden. Jesus eröffnet dagegen einen größeren Horizont. Das gegenwärtige Leben ist nicht die letzte Grenze dessen, was Gott seinen Menschen schenken möchte. Die kommende Weltzeit wird nicht von der Vergänglichkeit und Unsicherheit bestimmt sein, die das gegenwärtige Dasein prägen. Deshalb kann ein Mensch auf Christus vertrauen, auch wenn seine Nachfolge gegenwärtig mit Einschränkungen verbunden ist. Diese Hoffnung macht menschliche Verluste nicht bedeutungslos und verwandelt Leiden nicht in etwas Erstrebenswertes. Sie zeigt vielmehr, dass der Wert einer Entscheidung nicht allein nach ihren unmittelbaren äußeren Folgen beurteilt werden darf. Was um Christi willen aufgegeben wird, steht unter einer Verheißung, deren endgültige Erfüllung über die Möglichkeiten dieser Welt hinausreicht.

Jesus beendet seine Antwort mit einer überraschenden Warnung: „Viele der Ersten aber werden Letzte sein und Letzte die Ersten“ (Markus 10,31). Dieser Satz steht nicht zufällig am Ende der Unterweisung. Nach der Begegnung mit dem reichen Mann und der Frage des Petrus könnte leicht eine neue Form menschlicher Rangordnung entstehen. Der Reiche hatte vieles besessen und war traurig fortgegangen. Die Jünger dagegen hatten ihre bisherigen Sicherheiten verlassen und waren Jesus gefolgt. Daraus könnten sie schließen, dass ihre Opferbereitschaft ihnen nun einen besonders hohen Rang gegenüber anderen Menschen sichere. Jesu abschließende Aussage verhindert eine solche Selbstüberhebung. Die Maßstäbe, nach denen Menschen Größe, Erfolg und Bedeutung beurteilen, gelten vor Gott nicht in derselben Weise. Wer in den Augen der Menschen einen hohen Rang besitzt, muss deshalb vor Gott nicht an erster Stelle stehen. Umgekehrt können Menschen, die wenig Ansehen genießen oder äußerlich unbedeutend erscheinen, in Gottes Reich eine Stellung erhalten, die menschlichen Erwartungen widerspricht.

Dabei ist zu beachten, dass Jesus von vielen Ersten und Letzten spricht, nicht davon, dass ausnahmslos jeder gesellschaftlich angesehene Mensch am Ende verworfen und jeder äußerlich Benachteiligte automatisch gerettet werde. Der Satz ist eine Warnung vor falscher Sicherheit und selbstgerechten Rangansprüchen, keine vollständige Einteilung aller Menschen nach ihrem Besitz oder ihrer gesellschaftlichen Stellung. Ebenso wenig verrät er das endgültige Schicksal des reichen Mannes, dessen weiterer Lebensweg nicht berichtet wird. Seine Bedeutung liegt vielmehr darin, dass menschliche Vorzüge und selbst die Bereitschaft zu großen Opfern nicht zu einem Anspruch auf Vorrang vor Gott werden dürfen. Niemand kann sich aufgrund seines Reichtums, seiner religiösen Leistungen oder seiner bisherigen Nachfolge über andere erheben. Das Reich Gottes bleibt ein Geschenk göttlicher Gnade, und die Stellung eines Menschen darin wird nicht durch die Rangordnungen bestimmt, die in der gegenwärtigen Welt gelten.

Dieser Gedanke verbindet sich unmittelbar mit einer früheren Unterweisung Jesu. Als die Jünger darüber gestritten hatten, wer unter ihnen der Größte sei, erklärte Jesus, dass derjenige, der der Erste sein wolle, der Letzte von allen und der Diener aller sein solle (Markus 9,33–35). Die Warnung aus Markus 10,31 greift dieselbe Umkehrung menschlicher Maßstäbe erneut auf. Sie bereitet zugleich die folgende Auseinandersetzung vor, in der Jakobus und Johannes besondere Ehrenplätze im Reich Christi erbitten werden. Obwohl die Jünger bereits vieles verlassen haben, ist ihr Verständnis wahrer Größe noch nicht vollendet. Sie müssen weiter lernen, dass Nachfolge nicht dadurch ausgezeichnet wird, dass ein Mensch seinen bisherigen gesellschaftlichen Rang gegen eine höhere religiöse Stellung eintauscht. Jesus ruft sie vielmehr zu einem Leben, in dem Vertrauen, Demut und Dienst an anderen den Vorrang erhalten.

So beantwortet Jesus die unausgesprochene Frage des Petrus auf eine Weise, die sowohl ermutigt als auch vor Selbstüberschätzung schützt. Er versichert seinen Nachfolgern, dass ihr Verzicht nicht bedeutungslos ist und dass Gott ihnen sowohl in der gegenwärtigen Zeit als auch in der kommenden Welt eine reiche Verheißung gegeben hat. Gleichzeitig macht er deutlich, dass diese Verheißung nicht nach menschlichen Vorstellungen von Besitzvermehrung oder persönlichem Vorrang verstanden werden darf. Die neue Gemeinschaft der Glaubenden, die Fürsorge Gottes mitten unter Verfolgungen und die Hoffnung auf das ewige Leben zeigen, dass Nachfolge einen Wert besitzt, der sich nicht in äußeren Gewinnen ausdrücken lässt. Doch wer Jesus folgt, soll daraus keinen Anspruch auf eine höhere Stellung gegenüber anderen ableiten. Der Weg, auf dem Christus seine Jünger führt, ist kein Aufstieg zu menschlicher Macht, sondern eine Schule des Vertrauens und der selbstlosen Liebe. Wie weit dieser Weg reicht, wird unmittelbar danach sichtbar, als Jesus seinen Jüngern erneut erklärt, welches Leiden ihn in Jerusalem erwartet.

Markus 10,32–34

Jesus kündigt sein Leiden und seine Auferstehung an

Nach seiner Unterweisung über den Reichtum, die Nachfolge und den Lohn der Jünger richtet Markus den Blick wieder auf den Weg nach Jerusalem. Die Reise nähert sich ihrem entscheidenden Ziel. Dabei berichtet der Evangelist eine Einzelheit, die für das Verständnis des folgenden Geschehens besonders wichtig ist: Jesus geht seinen Begleitern voran (Markus 10,32). Er wird nicht von seinen Jüngern nach Jerusalem gedrängt und lässt sich auch nicht widerwillig von den Ereignissen mitreißen. Vielmehr übernimmt er selbst die Führung auf einem Weg, von dem er bereits mehrfach erklärt hat, dass er ihn in Leiden und Tod führen wird. Die räumliche Bewegung nach Jerusalem erhält dadurch eine tiefere Bedeutung. Jesus geht nicht nur einer bestimmten Stadt entgegen, sondern nähert sich bewusst den Ereignissen, die zum Mittelpunkt seines Erlösungswerkes werden sollen.

Markus beschreibt die Reaktion seiner Begleiter mit zwei auffälligen Aussagen. Die einen sind bestürzt oder erstaunt, während diejenigen, die ihm folgen, sich fürchten. Der griechische Text verwendet hier unterschiedliche Wörter, von denen das erste eine starke Erschütterung oder ein betroffenes Erstaunen bezeichnet und das zweite ausdrücklich von Furcht spricht. Nicht völlig eindeutig ist, ob Markus damit zwei klar voneinander getrennte Gruppen unterscheidet oder verschiedene Reaktionen innerhalb der gesamten Reisegemeinschaft beschreibt. Die Bedeutung der Aussage bleibt jedoch erkennbar: Während Jesus entschlossen vorangeht, sind seine Begleiter von Unsicherheit und Furcht erfüllt. Der Evangelist erklärt nicht ausdrücklich, was diese Gefühle im Einzelnen ausgelöst hat. Doch der bisherige Verlauf des Evangeliums liefert einen naheliegenden Hintergrund. Jesus hatte bereits von seiner bevorstehenden Verwerfung und Tötung gesprochen, und die Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern waren zunehmend ernster geworden. Die Reise nach Jerusalem konnte deshalb kaum noch als gewöhnliche Wanderung verstanden werden.

Jerusalem war für das jüdische Volk das religiöse Zentrum, in dem der Tempel stand und die großen Feste gefeiert wurden. Zugleich hatten dort führende religiöse Autoritäten ihren Einflussbereich, die Jesu Wirken bereits kritisch beobachteten. Markus hatte mehrfach berichtet, dass Schriftgelehrte aus Jerusalem seine Vollmacht infrage stellten oder ihm schwere Vorwürfe machten (Markus 3,22; 7,1–5). Schon früh hatten sich außerdem Pharisäer und Anhänger des Herodes darüber beraten, wie sie Jesus beseitigen könnten (Markus 3,6). Vor diesem Hintergrund erhält der Weg nach Jerusalem eine besondere Spannung. Jesus bewegt sich auf den Ort zu, an dem die bestehenden Konflikte ihren Höhepunkt erreichen werden. Dass er dennoch vorangeht, zeigt seine Bereitschaft, den Weg fortzusetzen, obwohl er die bevorstehenden Leiden kennt. Seine Entschlossenheit darf dabei nicht mit menschlicher Gefühllosigkeit verwechselt werden. Später wird Markus berichten, wie Jesus in Gethsemane von tiefer Angst und innerer Bedrängnis ergriffen wird (Markus 14,33–36). Schon hier steht jedoch fest, dass die Aussicht auf das Leiden ihn nicht von seinem Weg abbringt.

In dieser Situation nimmt Jesus die zwölf Apostel erneut beiseite und beginnt ihnen zu erklären, was mit ihm geschehen wird. Markus unterscheidet damit die größere Reisegemeinschaft von dem engeren Kreis der Zwölf, die Jesus besonders auf die kommenden Ereignisse vorbereitet. Das Wort „abermals“ erinnert daran, dass dies nicht seine erste Unterweisung über sein Leiden ist. Bereits nach dem Bekenntnis des Petrus hatte Jesus angekündigt, dass der Menschensohn vieles leiden, von den führenden religiösen Autoritäten verworfen, getötet und nach drei Tagen auferstehen werde (Markus 8,31). Später hatte er erneut erklärt, dass der Menschensohn in die Hände der Menschen übergeben und getötet werden würde, aber danach auferstehen werde (Markus 9,31). Nun folgt die dritte ausführliche Leidensankündigung. Jede dieser Ankündigungen führt die Jünger näher an das Verständnis dessen heran, was Jesus erwartet. Während die früheren Aussagen das Leiden, den Tod und die Auferstehung grundsätzlich beschrieben, nennt Jesus jetzt zusätzliche Einzelheiten über die beteiligten Verantwortlichen und die Art der Misshandlungen.

Die wiederholte Unterweisung ist besonders bemerkenswert, weil die Jünger bereits gezeigt hatten, wie schwer ihnen diese Botschaft verständlich wurde. Als Jesus sein Leiden zum ersten Mal offen ankündigte, nahm Petrus ihn beiseite und begann, ihm zu widersprechen. Jesus wies ihn scharf zurecht, weil sein Denken nicht auf das gerichtet war, was Gott wollte, sondern auf menschliche Vorstellungen (Markus 8,32–33). Nach der zweiten Leidensankündigung berichtet Markus, dass die Jünger Jesu Worte nicht verstanden und sich fürchteten, ihn danach zu fragen. Stattdessen beschäftigten sie sich unterwegs mit der Frage, wer unter ihnen der Größte sei (Markus 9,32–34). Diese Reaktionen erklären, weshalb Jesus seine Jünger erneut vorbereitet. Sie sind ihm zwar gefolgt, doch ihre Erwartungen an den Messias stimmen noch immer nicht vollständig mit dem Weg überein, den er ihnen beschreibt. Seine wiederholten Ankündigungen sollen ihnen helfen, die kommenden Ereignisse nicht lediglich als unerwartete Niederlage zu betrachten.

Jesus beginnt seine Erklärung mit den Worten: „Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem“ (Markus 10,33). Die Formulierung besitzt zunächst eine geografische Bedeutung. Jerusalem liegt im judäischen Bergland, weshalb der Weg aus dem Jordantal tatsächlich einen erheblichen Aufstieg bedeutet. Im biblischen Sprachgebrauch ist das Hinaufziehen nach Jerusalem zugleich eine vertraute Bezeichnung für den Weg zur heiligen Stadt. Hier verbindet sich diese gewöhnliche Reisebeschreibung jedoch mit einer außergewöhnlichen Ankündigung. Jesus spricht zunächst von einem gemeinsamen Weg: „Wir ziehen hinauf.“ Die Jünger begleiten ihn und gehören zu dieser Reisegemeinschaft. Was unmittelbar danach folgt, betrifft jedoch in besonderer Weise ihn selbst. Während sie gemeinsam nach Jerusalem gehen, wird der Menschensohn dort Leiden erfahren, das keiner seiner Begleiter in derselben Weise auf sich nehmen kann.

Jesus bezeichnet sich dabei erneut als Menschensohn. Dieser Ausdruck begegnet im Markusevangelium mehrfach und verbindet unterschiedliche Aspekte seiner Person und seines Auftrags. Jesus hatte sich als Menschensohn bezeichnet, als er von seiner Vollmacht zur Sündenvergebung sprach (Markus 2,10). Ebenso erklärte er, dass der Menschensohn Herr auch über den Sabbat sei (Markus 2,28). Andererseits verwendet er denselben Titel, wenn er seine Verwerfung, seinen Tod und seine Auferstehung ankündigt. Diese Verbindung ist theologisch bedeutsam. Derjenige, der göttliche Vollmacht besitzt, wird zugleich von Menschen verworfen und getötet werden. Der Titel erinnert außerdem an Daniel 7,13–14, wo einer wie eines Menschen Sohn vor den Alten an Tagen kommt und Herrschaft, Herrlichkeit und ein unvergängliches Reich empfängt. Markus 10 erklärt diese Verbindung noch nicht vollständig. Später wird Jesus jedoch vor dem Hohen Rat ausdrücklich auf das Kommen des Menschensohnes mit den Wolken des Himmels Bezug nehmen (Markus 14,61–62). Vor diesem größeren biblischen Hintergrund wird verständlich, weshalb die Leidensankündigungen eine so überraschende Spannung enthalten: Der verheißene Herrscher geht zunächst den Weg tiefster Erniedrigung.

Jesus erklärt nun, dass der Menschensohn den Hohenpriestern und Schriftgelehrten ausgeliefert werden wird. Diese Ankündigung bezeichnet konkrete Gruppen innerhalb der damaligen religiösen Führung. Die Hohenpriester gehörten zur leitenden Priesterschaft, die insbesondere mit dem Tempel und seinen Einrichtungen verbunden war. Die Schriftgelehrten waren Fachkundige in der Auslegung und Anwendung des jüdischen Gesetzes. Jesus spricht damit nicht von einer unterschiedslosen Schuld des gesamten jüdischen Volkes. Er benennt bestimmte Autoritäten, die später in seinem Verfahren eine maßgebliche Rolle spielen werden. Ebenso wenig bedeutet seine Aussage, dass alle Mitglieder dieser Gruppen in gleicher Weise persönlich an seinem Tod beteiligt waren. Die folgenden Passionsberichte beschreiben konkrete Personen, Entscheidungen und Handlungen. Für die Auslegung ist entscheidend, diese Angaben ernst zu nehmen, ohne daraus eine pauschale Verurteilung eines ganzen Volkes abzuleiten.

Das wiederholte Wort des Auslieferns bildet einen wichtigen Bestandteil der Ankündigung. Zunächst wird der Menschensohn den religiösen Autoritäten übergeben. Anschließend werden diese ihn zum Tod verurteilen und ihrerseits den Heiden ausliefern. Das griechische Verb, das Markus hier verwendet, kann je nach Zusammenhang ein Übergeben oder Ausliefern bezeichnen. An anderen Stellen erhält es auch die Bedeutung des Verratens. In Markus 10,33 wird jedoch zunächst die Abfolge beschrieben, in der Jesus in die Gewalt verschiedener Verantwortlicher gelangt. Der Vers nennt noch nicht ausdrücklich Judas als denjenigen, der die erste Auslieferung ermöglichen wird. Erst später berichtet Markus von dessen Vereinbarung mit den Hohenpriestern (Markus 14,10–11). Die Ankündigung erhält dadurch einen doppelten Ernst. Jesus weiß nicht nur, dass ihm allgemein Widerstand bevorsteht, sondern beschreibt eine Entwicklung, in der Menschen ihn bewusst der Gewalt anderer übergeben werden.

Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen dem Todesurteil der religiösen Autoritäten und der anschließenden Übergabe an die Heiden. Im historischen Zusammenhang sind damit die römischen Machthaber gemeint, unter deren politischer Herrschaft Judäa stand. Die römische Besatzungsmacht besaß die entscheidende staatliche Gewalt zur Durchführung der Hinrichtung, wie der spätere Bericht über Pontius Pilatus erkennen lässt (Markus 15,1–15). Jesus kündigt somit nicht nur einen religiösen Konflikt an, sondern ein Geschehen, in dem religiöse und politische Verantwortliche zusammenwirken. Die führenden Gegner Jesu werden seine Tötung verlangen, während die römische Gewalt den Weg zur Hinrichtung eröffnet. Markus entfaltet diese Zusammenhänge später ausführlicher. Hier ist vor allem bedeutsam, dass Jesu angekündigtes Leiden konkrete geschichtliche Gestalt annehmen wird. Er spricht nicht lediglich in allgemeinen Bildern von Schwierigkeiten, sondern benennt eine Reihe von Handlungen, die ihm tatsächlich bevorstehen.

In Vers 34 werden diese Handlungen noch genauer beschrieben. Jesus kündigt an, dass er verspottet, angespuckt, gegeißelt und getötet werden wird. Damit tritt neben die Erwartung seines Todes die ausdrückliche Ankündigung öffentlicher Erniedrigung und körperlicher Misshandlung. Der Spott richtet sich gegen seine Würde und seine Ansprüche. Das Anspucken war eine besonders demütigende Handlung, durch die Verachtung zum Ausdruck gebracht wurde. Die Geißelung bezeichnet eine schwere körperliche Misshandlung, wie sie im Zusammenhang römischer Strafverfahren vorkommen konnte. Jesus weiß also, dass sein Weg nicht nur mit dem Verlust seines Lebens enden wird, sondern dass er zuvor Demütigung und Schmerzen ertragen muss. Diese Einzelheiten werden im späteren Passionsbericht erneut erscheinen, wenn römische Soldaten ihn verspotten, schlagen und erniedrigen (Markus 15,15–20). Die Leidensankündigung bereitet den Leser darauf vor, die folgenden Ereignisse nicht als zufällige Aneinanderreihung feindlicher Handlungen zu verstehen.

Die Beschreibung erinnert zugleich an alttestamentliche Texte über das Leiden des Gerechten und besonders an die Gottesknechtsworte des Propheten Jesaja. In Jesaja 50,6 spricht der Knecht davon, dass er seinen Rücken den Schlagenden und sein Gesicht den Schmähungen und dem Speichel nicht entzog. Die Verbindung zu Markus 10 ist auffällig, weil beide Texte Misshandlung und Erniedrigung mit der Bereitschaft verbinden, Gottes Weg treu zu gehen. Auch Jesaja 53 beschreibt einen Gottesknecht, der verachtet wird, Leiden trägt und schließlich sein Leben hingibt. Diese Parallelen besitzen im größeren Zusammenhang der Evangelien erhebliches Gewicht. Dennoch sollte man nicht behaupten, Jesus zitiere in Markus 10,34 bereits ausdrücklich Jesaja 50 oder 53. Markus kennzeichnet seine Worte hier nicht als unmittelbares Schriftzitat. Die Übereinstimmungen helfen jedoch, Jesu Leiden im Licht der alttestamentlichen Verheißungen zu verstehen. Besonders die anschließende Erklärung, dass der Menschensohn sein Leben als Lösegeld für viele hingibt (Markus 10,45), wird die Verbindung zwischen seinem Leiden und der Rettung anderer noch deutlicher machen.

Gerade hier muss zwischen der Schuld der handelnden Menschen und Gottes Erlösungsabsicht unterschieden werden. Dass Jesus sein Leiden im Voraus ankündigt, bedeutet nicht, dass Verrat, Verurteilung, Spott oder Gewalt dadurch moralisch gerechtfertigt würden. Diejenigen, die ihn misshandeln, bleiben für ihr Handeln verantwortlich. Zugleich zeigen die wiederholten Ankündigungen, dass Jesu Tod nicht als Scheitern eines ursprünglich anderen göttlichen Vorhabens verstanden werden darf. Bereits in Markus 8,31 hatte Jesus erklärt, dass der Menschensohn vieles leiden müsse. Dieses Müssen weist im Zusammenhang seiner Verkündigung auf die Notwendigkeit seines Weges innerhalb von Gottes Erlösungsabsicht hin. Die menschlichen Entscheidungen sind wirklich schuldhaft, doch sie verhindern nicht, dass Gott durch die freiwillige Hingabe seines Sohnes die Rettung der Menschen ermöglicht. Wie dieses Verhältnis genauer zu verstehen ist, wird die weitere Passionsgeschichte entfalten. An dieser Stelle wird vor allem deutlich, dass Jesus dem Leiden nicht unwissend entgegengeht, sondern es als Bestandteil seines Auftrags kennt.

Besonders bedeutsam ist deshalb, dass Jesus seine Ankündigung nicht mit dem Tod beendet. Er erklärt ausdrücklich, dass der Menschensohn wieder auferstehen wird (Markus 10,34). Die Auferstehung gehört in allen drei Leidensankündigungen zum angekündigten Geschehen. Sie ist keine spätere Ergänzung, mit der die Jünger nachträglich versucht hätten, einem unerwarteten Tod doch noch einen positiven Sinn zu geben. Innerhalb der Erzählung kündigt Jesus selbst an, dass sein Leiden und seine Tötung nicht das letzte Wort behalten werden. Der Tod wird tatsächlich geschehen, doch Gott wird ihn überwinden. Damit unterscheidet sich die Hoffnung Jesu grundlegend von der Vorstellung, er könne den bevorstehenden Konflikt durch eine erfolgreiche politische oder militärische Auseinandersetzung gewinnen. Sein angekündigter Sieg führt nicht an Leiden und Tod vorbei, sondern durch sie hindurch zur Auferstehung.

Bei der Zeitangabe ist eine kleine, aber bemerkenswerte Besonderheit des überlieferten Bibeltextes zu beachten. Die Schlachter 1951 spricht in Markus 10,34 von einer Auferstehung „am dritten Tage“. In wichtigen frühen griechischen Handschriften steht jedoch die Formulierung „nach drei Tagen“, die auch in Markus 8,31 und 9,31 begegnet. Die kürzere Zeitformel „am dritten Tag“ ist besonders aus den parallelen Berichten bei Matthäus und Lukas bekannt und wurde wahrscheinlich in manchen Abschriften des Markusevangeliums an diese Ausdrucksweise angeglichen. Die unterschiedlichen Formulierungen müssen nicht zwangsläufig zwei verschiedene Auferstehungstage bezeichnen. Im biblischen Sprachgebrauch konnten entsprechende Zeitangaben unter bestimmten Voraussetzungen überlappend verwendet werden. Entscheidend für Markus 10 ist jedoch nicht eine genaue Stundenberechnung, sondern die wiederholte Zusicherung, dass Jesus nach seinem wirklichen Tod auferstehen wird. Sein Leiden ist gewiss, aber ebenso bestimmt kündigt er die Überwindung des Todes an.

Wie schwer den Jüngern dieses Verständnis fällt, wird durch den Vergleich mit Lukas 18,34 deutlich. Lukas berichtet ausdrücklich, dass sie nichts davon verstanden und dass ihnen der Sinn der Worte verborgen blieb. Markus gibt an dieser Stelle keine ebenso direkte Erklärung ihres Verständnisses, doch die unmittelbar folgende Begebenheit macht das Problem sichtbar. Kaum hat Jesus sein bevorstehendes Leiden angekündigt, treten Jakobus und Johannes mit dem Wunsch an ihn heran, in seiner Herrlichkeit besondere Ehrenplätze zu erhalten. Darin liegt ein auffälliger Gegensatz. Jesus spricht von Auslieferung, Erniedrigung und Tod, während seine Jünger bereits über ihre zukünftige Stellung nachdenken. Sie hören seine Worte über das kommende Reich, verstehen aber noch nicht ausreichend, dass der Weg zu seiner Herrlichkeit durch Leiden und selbstlosen Dienst führt. Diese Spannung begleitet die gesamte mittlere Erzählung des Markusevangeliums und zeigt, dass die Jünger noch lernen müssen, das Wesen der messianischen Herrschaft richtig zu begreifen.

Die dritte Leidensankündigung erhält dadurch eine Bedeutung, die weit über die bloße Vorhersage zukünftiger Ereignisse hinausreicht. Sie offenbart, wie Jesus seinen eigenen Auftrag versteht. Er geht nicht nach Jerusalem, um sich durch äußere Macht vor seinen Gegnern zu behaupten. Er weiß, dass man ihn verwerfen, misshandeln und töten wird, und setzt seinen Weg dennoch fort. Seine Bereitschaft zum Leiden ist dabei kein Ausdruck der Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Leben. Sie gehört zu seiner Treue gegenüber dem Willen des Vaters und zu seiner Liebe zu den Menschen, deren Rettung er sucht. Auch für seine Nachfolger verändert dieser Weg den Maßstab. Wer Jesus folgen möchte, darf nicht erwarten, dass Gottes Führung grundsätzlich nur auf Wege führt, die von Anerkennung, Sicherheit und äußerem Erfolg geprägt sind. Treue zu Gott kann mit Schwierigkeiten verbunden sein, ohne dadurch ihre Bedeutung zu verlieren. Allerdings folgt daraus nicht, dass jedes menschliche Leiden automatisch von Gott verlangt oder jede schwierige Lebensentscheidung deshalb richtig wäre. Entscheidend ist die Übereinstimmung mit dem offenbarten Willen Gottes.

So steht Jesus am Anfang dieses Abschnitts als derjenige vor seinen Begleitern, der den Weg kennt und ihn dennoch entschlossen weitergeht. Am Ende seiner Worte steht die Verheißung der Auferstehung. Zwischen diesen beiden Punkten liegt die Ankündigung tiefster menschlicher Erniedrigung. Damit eröffnet Markus einen Blick auf die besondere Art der Herrschaft Christi: Seine Vollmacht zeigt sich nicht darin, dass er sich jedem Leiden entzieht, sondern darin, dass er Gottes Auftrag auch angesichts von Verrat, Gewalt und Tod treu erfüllt. Für die Jünger bleibt diese Wahrheit zunächst schwer verständlich. Sie müssen noch lernen, dass der Weg Jesu nicht nach den Maßstäben menschlicher Macht und Ehre beurteilt werden kann. Wie tief ihre bisherigen Vorstellungen noch verwurzelt sind, zeigt sich unmittelbar anschließend, als zwei von ihnen um die höchsten Plätze in seiner zukünftigen Herrlichkeit bitten.

Markus 10,35–40

Der Wunsch nach Ehre und der Weg durch das Leiden

Unmittelbar nachdem Jesus seinen Jüngern zum dritten Mal sein bevorstehendes Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung angekündigt hat, treten Jakobus und Johannes an ihn heran. Die beiden Brüder sind Söhne des Zebedäus und gehören zu den ersten Jüngern, die Jesus in seine Nachfolge gerufen hatte. Gemeinsam mit Petrus zählen sie zu dem engeren Kreis, der bei mehreren besonderen Ereignissen anwesend sein durfte. So hatten sie die Auferweckung der Tochter des Jairus miterlebt und waren auf dem Berg der Verklärung Zeugen der Herrlichkeit Jesu geworden (Markus 5,37–43; 9,2–8). Sie hatten also bereits außergewöhnliche Einblicke in seine Vollmacht und seine besondere Stellung erhalten. Umso bemerkenswerter ist die Bitte, mit der sie sich nun an ihn wenden. Während Jesus gerade ausführlich beschrieben hat, welche Erniedrigung und welches Leiden ihn erwarten, beschäftigen sich die beiden mit ihrer zukünftigen Stellung in seiner Herrlichkeit.

Ihre Bitte beginnt mit einer ungewöhnlichen Formulierung. Sie möchten, dass Jesus ihnen zunächst zusichert, ihren Wunsch zu erfüllen, bevor sie diesen überhaupt ausgesprochen haben (Markus 10,35). Damit versuchen sie gewissermaßen, eine Zusage zu erhalten, deren konkreten Inhalt Jesus erst anschließend erfahren soll. Ihr Verhalten muss nicht bedeuten, dass sie ihn bewusst täuschen wollen. Es zeigt jedoch, wie stark sie auf die Erfüllung ihres eigenen Wunsches ausgerichtet sind. Sie kommen nicht zunächst mit der Frage, wie sie Jesus auf seinem bevorstehenden schweren Weg unterstützen können. Stattdessen möchten sie sich eine besondere Stellung sichern. Gerade der unmittelbare Zusammenhang macht diese Haltung so auffällig. Jesus hat von Auslieferung, Misshandlung und Tod gesprochen; seine Jünger denken bereits an die Plätze, die sie in seinem zukünftigen Reich einnehmen könnten.

Jesus geht auf diese ungewöhnliche Einleitung nicht ein, indem er ihnen die gewünschte Zusage gibt. Stattdessen fragt er, was sie von ihm erwarten (Markus 10,36). Damit veranlasst er sie, ihr eigentliches Anliegen auszusprechen. Diese Frage ist zugleich eine bemerkenswerte Verbindung zu einer späteren Begegnung innerhalb desselben Kapitels. Als der blinde Bartimäus Jesus um Hilfe bittet, wird Jesus ihm eine sehr ähnliche Frage stellen (Markus 10,51). Bei Jakobus und Johannes richtet sich der Wunsch auf besondere Ehrenplätze; bei Bartimäus auf die Wiederherstellung seines Augenlichts. Die beiden Begegnungen zeigen auf unterschiedliche Weise, was Menschen von Jesus erwarten und welche Vorstellungen sie mit seiner Macht verbinden. Während die Brüder bereits darüber nachdenken, welche Stellung sie einmal einnehmen werden, muss der blinde Mann zunächst darum bitten, überhaupt sehen zu können. Dieser Gegensatz erhält am Ende des Kapitels eine besondere Bedeutung.

Jakobus und Johannes erklären nun, dass sie in Jesu Herrlichkeit die Plätze unmittelbar zu seiner Rechten und zu seiner Linken erhalten möchten (Markus 10,37). Diese Bitte setzt voraus, dass sie an eine zukünftige Herrschaft Jesu glauben. Obwohl Jesus gerade von seiner bevorstehenden Tötung gesprochen hat, rechnen sie offenbar damit, dass er schließlich in Herrlichkeit herrschen wird. Darin liegt ein bemerkenswerter Zug ihres Glaubens. Sie haben die Hoffnung auf seine messianische Herrschaft nicht einfach aufgegeben. Ihr Problem besteht vielmehr darin, dass sie diese Herrschaft noch immer nach menschlichen Vorstellungen von Rang und Ansehen verstehen. Sie erwarten, dass die zukünftige Größe Jesu auch ihnen eine besonders hervorragende Stellung eröffnen könnte.

Die Plätze zur Rechten und zur Linken eines Herrschers waren in der antiken Welt keine belanglosen Sitzgelegenheiten. Wer in unmittelbarer Nähe eines Königs sitzen durfte, besaß eine herausgehobene Stellung und konnte damit besondere Ehre, Nähe und Einfluss zum Ausdruck bringen. Die rechte Seite wurde dabei häufig mit besonderer Auszeichnung verbunden. Wenn die beiden Brüder diese Plätze erbitten, geht es also nicht lediglich darum, möglichst nah bei Jesus zu sein. Sie wünschen sich eine herausragende Stellung in seiner zukünftigen Herrschaft. Ihre Bitte lässt erkennen, dass sie zwischen Jesus und sich selbst bereits eine feste Rangordnung erwarten, in der sie unmittelbar nach ihm die höchsten Plätze einnehmen möchten. Damit sind sie noch immer von jener Frage beschäftigt, die unter den Jüngern bereits zuvor zu einem Streit geführt hatte: Wer ist der Größte? (Markus 9,33–35).

Der Vergleich mit Matthäus 20,20–23 ergänzt eine weitere Einzelheit. Dort tritt die Mutter der beiden Zebedäussöhne mit ihnen zu Jesus und bringt die Bitte um ihre zukünftigen Ehrenplätze vor. Markus konzentriert sich dagegen auf Jakobus und Johannes selbst. Die beiden Berichte müssen sich nicht widersprechen. Die Mutter kann die Bitte vorgetragen haben, während ihre Söhne sie ausdrücklich unterstützten. Entscheidend ist, dass Jesus in beiden Überlieferungen die beiden Brüder selbst anspricht und sie für ihren Wunsch verantwortlich macht. Eine familiäre Fürsprache verändert nichts daran, dass die Jünger noch immer lernen müssen, die Herrlichkeit seines Reiches anders zu verstehen. Niemand erhält eine bevorzugte Stellung bei Christus allein deshalb, weil Angehörige sich dafür einsetzen oder weil er innerhalb der Jüngergemeinschaft bereits besondere Erfahrungen gemacht hat.

Jesus beantwortet die Bitte zunächst mit einer ernsten Feststellung: Die beiden wissen nicht, worum sie bitten (Markus 10,38). Damit bestreitet er nicht, dass seine zukünftige Herrlichkeit Wirklichkeit werden wird. Er stellt vielmehr infrage, ob sie die Bedeutung ihrer eigenen Bitte verstanden haben. Sie sehen die begehrten Plätze, ohne den Weg zu begreifen, der zu dieser Herrlichkeit führt. Ihre Vorstellung richtet sich auf die zukünftige Ehre, während Jesus unmittelbar zuvor von seinem Leiden gesprochen hat. Darin liegt der grundlegende Gegensatz. Die Jünger möchten am Ziel Anteil haben, ohne ausreichend zu verstehen, was Jesu Weg bis dorthin bedeutet. Sie rechnen mit einer herrlichen Zukunft, haben aber noch nicht erfasst, dass die Herrschaft Christi nicht nach den Maßstäben menschlicher Macht und Selbstbehauptung verwirklicht wird.

Anstatt nun die Rangordnung seines Reiches ausführlich zu erklären, stellt Jesus ihnen zwei Fragen. Er möchte wissen, ob sie den Kelch trinken können, den er trinkt, und ob sie mit der Taufe getauft werden können, mit der er getauft wird. Beide Bilder beschreiben Erfahrungen, die Jesus bevorstehen und die mit seinem Leiden verbunden sind. Die Jünger haben nach den Ehrenplätzen gefragt, Jesus spricht von einem Kelch und einer Taufe. Damit lenkt er ihre Aufmerksamkeit von der gewünschten Auszeichnung auf den Preis der Nachfolge. Bevor sie über ihre zukünftige Stellung nachdenken, sollen sie begreifen, welchen Weg ihr Meister geht und welche Folgen die Zugehörigkeit zu ihm für ihr eigenes Leben haben kann.

Das Bild des Kelches besitzt im Alten Testament eine weitreichende Bedeutung. Ein Kelch kann für das stehen, was einem Menschen zugeteilt wird und was er durchleben oder erfahren muss. In Psalm 16,5 wird der HERR selbst als Anteil und Kelch des Glaubenden beschrieben. An anderen Stellen steht der Kelch dagegen für Gottes Gericht und für eine Erfahrung schweren Leidens. Psalm 75,9 beschreibt einen Kelch in Gottes Hand, aus dem die Gottlosen trinken müssen. In Jesaja 51,17 begegnet der Kelch als Bild des göttlichen Zorns, den Jerusalem erfahren hat. Auch Jeremia 25,15 verwendet einen Kelch, um das Gericht Gottes über die Völker darzustellen. Diese unterschiedlichen Verwendungen zeigen, dass die Bedeutung des Bildes nicht allein durch das Wort selbst festgelegt wird. Der Zusammenhang entscheidet darüber, welche Erfahrung gemeint ist.

In Markus 10 ist der unmittelbare Zusammenhang besonders eindeutig. Jesus hat gerade seine bevorstehende Auslieferung, Erniedrigung und Tötung angekündigt. Wenn er nun vom Kelch spricht, den er trinken wird, bezeichnet er damit den schweren Weg des Leidens, der vor ihm liegt. Das Bild gewinnt zusätzliches Gewicht durch die alttestamentlichen Aussagen über Gottes Gericht. Später, im Garten Gethsemane, wird Jesus seinen Vater bitten, diesen Kelch an ihm vorübergehen zu lassen, wenn es möglich ist (Markus 14,36). Dort wird besonders eindringlich sichtbar, welche innere Bedrängnis mit seinem bevorstehenden Tod verbunden ist. Im größeren Zusammenhang seines Erlösungswerkes umfasst dieser Weg mehr als gewöhnlichen körperlichen Schmerz. Jesus gibt sein Leben für die Rettung anderer Menschen hin und nimmt die Folgen der Sünde auf sich. Dennoch darf das Bild des Kelches in Markus 10 nicht vorschnell so ausgelegt werden, als würden auch die Jünger in genau derselben erlösenden Weise die Sünde der Welt tragen. Jesus wird ihnen Anteil am Leiden ankündigen, nicht aber denselben einzigartigen Erlösungsauftrag übertragen.

Neben dem Kelch verwendet Jesus das Bild der Taufe. Für seine Jünger muss dieses Wort zunächst eine vertraute Bedeutung gehabt haben. Bereits zu Beginn seines öffentlichen Wirkens war Jesus von Johannes im Jordan getauft worden (Markus 1,9–11). Dort bezeichnete die Taufe ein tatsächliches Geschehen im Wasser. In Markus 10 verwendet Jesus denselben Begriff jedoch bildlich. Er spricht nicht von einer zweiten gewöhnlichen Wassertaufe, die ihm noch bevorstünde. Die Taufe wird zum Ausdruck einer überwältigenden Erfahrung, in die er hineingehen wird. Das griechische Wort für Taufen besitzt die Grundvorstellung des Eintauchens. Im gegenwärtigen Zusammenhang beschreibt es anschaulich, dass Jesus von seinem bevorstehenden Leiden umfassend erfasst werden wird. Es handelt sich nicht um eine kurze oder oberflächliche Schwierigkeit, sondern um eine tiefgreifende Erfahrung, die seinen gesamten weiteren Weg bestimmt.

Diese Deutung wird durch Lukas 12,50 bestätigt. Dort spricht Jesus ebenfalls von einer Taufe, die er noch empfangen müsse, und beschreibt, wie sehr ihn deren Vollendung beschäftigt. Der Zusammenhang zeigt, dass er von einer zukünftigen Erfahrung spricht, die mit seinem göttlichen Auftrag verbunden ist. Markus 10 und Lukas 12 verwenden deshalb dieselbe ungewöhnliche Bildsprache, um auf das kommende Leiden Jesu hinzuweisen. Während der Kelch besonders das bezeichnet, was Jesus zu tragen und zu erdulden hat, betont die Taufe bildlich die umfassende Erfahrung, in die er hineingehen wird. Die beiden Bilder müssen nicht zu zwei streng getrennten theologischen Vorgängen gemacht werden. Sie ergänzen einander und verdeutlichen gemeinsam, dass der Weg zur Herrlichkeit für Jesus durch schweres Leiden führt.

Jakobus und Johannes antworten auf Jesu Fragen ohne erkennbare Einschränkung: Sie erklären, dass sie dazu fähig seien (Markus 10,39). Ihre Antwort kann Ausdruck aufrichtiger Treuebereitschaft sein. Es gibt keinen zwingenden Grund anzunehmen, dass sie Jesus bewusst eine falsche Zusicherung geben wollen. Dennoch zeigt der Zusammenhang, dass sie das Ausmaß dessen, was Jesus meint, noch nicht vollständig begreifen. Sie haben gerade eine dritte ausführliche Leidensankündigung gehört, beschäftigen sich aber weiterhin mit besonderen Ehrenplätzen. Ihre Bereitschaft, den Kelch zu trinken und die Taufe zu empfangen, steht deshalb in einem deutlichen Spannungsverhältnis zu ihrem bisherigen Verständnis des messianischen Weges. Sie halten sich offenbar für bereit, Prüfungen zu bestehen, deren wirkliche Tiefe sie noch nicht überschauen.

Diese Haltung erinnert an eine Gefahr, die sich auch später im Verhalten der Jünger zeigen wird. Kurz vor Jesu Gefangennahme wird Petrus mit großer Überzeugung erklären, dass er Jesus selbst dann nicht verleugnen werde, wenn alle anderen ihn verlassen sollten. Auch die übrigen Jünger werden ähnliche Versicherungen abgeben (Markus 14,29–31). Als Jesus tatsächlich gefangen genommen wird, fliehen sie jedoch zunächst (Markus 14,50). Ihre damaligen Worte waren also keine sichere Garantie für ihre spätere Standhaftigkeit. Menschliche Entschlossenheit kann aufrichtig sein und dennoch die eigene Schwäche unterschätzen. Der Wille, Jesus treu zu bleiben, ist wichtig, aber er darf nicht mit der Fähigkeit verwechselt werden, jede kommende Prüfung aus eigener Kraft zu bestehen. Gerade deshalb hatte Jesus zuvor erklärt, dass das, was bei Menschen unmöglich ist, bei Gott möglich bleibt (Markus 10,27).

Bemerkenswert ist nun, dass Jesus die Antwort der beiden Brüder nicht einfach zurückweist. Er erklärt ihnen vielmehr, dass sie tatsächlich den Kelch trinken und mit der Taufe getauft werden werden, von der er gesprochen hat (Markus 10,39). Damit bestätigt er, dass auch ihr Weg als seine Nachfolger mit Leiden verbunden sein wird. Die beiden werden nicht lediglich Zuschauer seiner Herrlichkeit bleiben, sondern auch Erfahrungen machen, die sie mit seinem Leiden verbinden. Ihre anfängliche Selbstsicherheit wird dadurch allerdings nicht nachträglich gerechtfertigt. Jesus verheißt ihnen keine ungebrochene menschliche Stärke und erklärt auch nicht, dass sie jede Prüfung ohne Versagen bestehen würden. Seine Aussage richtet den Blick vielmehr auf ihre zukünftige Teilnahme an den Leiden, die mit der Treue zu ihm verbunden sind.

Die Apostelgeschichte berichtet ausdrücklich, dass Jakobus, der Bruder des Johannes, später auf Befehl des Königs Herodes Agrippa I. mit dem Schwert getötet wurde (Apostelgeschichte 12,1–2). Sein Weg als Nachfolger Jesu führte somit tatsächlich bis in den gewaltsamen Tod. Auch Johannes erlebte Widerstand und Verfolgung. Gemeinsam mit Petrus wurde er wegen der Verkündigung Jesu festgenommen und vor die religiösen Autoritäten gestellt (Apostelgeschichte 4,1–21). Die weitere kirchliche Überlieferung berichtet von zusätzlichen Leiden des Johannes, doch nicht alle Einzelheiten seines späteren Lebens sind durch die neutestamentlichen Geschichtsberichte gleichermaßen gesichert. Für die Auslegung von Markus 10 genügt die klare Feststellung, dass beide Brüder an den Leiden teilhatten, die mit ihrem Bekenntnis zu Christus verbunden waren. Dabei mussten ihre Lebenswege nicht in allen Einzelheiten gleich verlaufen. Die Verheißung Jesu verlangt nicht, dass beide auf dieselbe Weise sterben oder dieselben Verfolgungen durchmachen.

An dieser Stelle ist eine weitere Unterscheidung notwendig. Die Jünger können an den Leiden Christi teilhaben, aber sie können sein einzigartiges Erlösungswerk nicht wiederholen. Jesus wird im weiteren Verlauf des Kapitels ausdrücklich erklären, dass der Menschensohn gekommen ist, um sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben (Markus 10,45). Diese Lebenshingabe besitzt eine Bedeutung, die über das Leiden seiner Nachfolger hinausgeht. Jakobus und Johannes können um ihres Glaubens willen verfolgt werden und sogar ihr Leben verlieren. Ihr Leiden kann Zeugnis ihrer Treue sein und andere Menschen im Glauben ermutigen. Es ist jedoch kein zusätzliches Lösegeld, das neben Christi Opfer für die Sünden der Welt entrichtet werden müsste. Die Gemeinschaft mit Christus schließt die Bereitschaft ein, auf seinem Weg zu leiden; die Grundlage der Erlösung bleibt dennoch seine eigene, einmalige Hingabe.

Nachdem Jesus den beiden Brüdern ihre zukünftige Teilnahme am Leiden angekündigt hat, beantwortet er schließlich die ursprüngliche Bitte um die Ehrenplätze. Er erklärt, dass es nicht ihm zustehe, die Plätze zu seiner Rechten und zu seiner Linken nach ihrem Wunsch zu vergeben. Sie seien vielmehr für diejenigen bestimmt, denen sie bereitet wurden (Markus 10,40). Diese Aussage muss sorgfältig verstanden werden. Jesus bestreitet damit nicht seine königliche Würde und behauptet auch nicht, seine zukünftige Herrschaft sei ohne wirkliche Vollmacht. Er macht vielmehr deutlich, dass die Ehrenplätze seines Reiches nicht nach persönlichen Wünschen, menschlichem Ehrgeiz oder besonderen Beziehungen verteilt werden. Die beiden Jünger können sich diese Stellung weder durch ihre bisherige Nähe zu Jesus sichern noch durch die selbstbewusste Versicherung, jedes Leiden ertragen zu können.

Der Vergleich mit Matthäus 20,23 hilft, die Aussage genauer einzuordnen. Dort wird ausdrücklich gesagt, dass die Plätze für diejenigen bereitet sind, denen der Vater sie bestimmt hat. Markus nennt den Vater an dieser Stelle nicht ausdrücklich, beschreibt aber ebenfalls eine bereits bestehende göttliche Bestimmung. Jesu Antwort verweist damit auf die Ordnung seines Reiches, die nicht durch menschliche Ansprüche verändert werden kann. Wer dort welche Stellung einnehmen wird, liegt nicht in der Verfügung der Jünger. Auch Jesus behandelt die erbetenen Ehrenplätze nicht als persönliche Gunst, die er nach Belieben vergeben könnte. Seine Herrschaft steht in vollkommener Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters. Diese Übereinstimmung wird später in Gethsemane besonders eindringlich sichtbar, wenn Jesus angesichts seines Leidens nicht seinen eigenen Wunsch, sondern den Willen des Vaters zur entscheidenden Grundlage seines Handelns macht (Markus 14,36).

Dabei sagt Jesus nicht, dass Jakobus und Johannes grundsätzlich von jeder zukünftigen Ehre ausgeschlossen seien. Ebenso wenig bestätigt er, dass sie die gewünschten Plätze tatsächlich erhalten werden. Er lässt die konkrete Zuteilung offen und weist ihren Versuch zurück, sie bereits jetzt für sich zu sichern. Gerade diese Zurückhaltung besitzt eine wichtige Bedeutung. Die Jünger sollen ihre Nachfolge nicht als Wettbewerb verstehen, bei dem sich diejenigen mit den größten Opfern oder den engsten persönlichen Beziehungen die höchsten Positionen verdienen. Auch ihre Bereitschaft zum Leiden wird nicht zu einem Mittel, mit dem sie sich besondere Ansprüche gegenüber Gott erwerben könnten. Der Wert ihrer Nachfolge liegt nicht in einer zukünftigen Rangstellung, sondern in ihrer Zugehörigkeit zu Christus und in der Treue zu seinem Auftrag.

Eine besonders eindringliche Verbindung ergibt sich schließlich aus dem weiteren Verlauf des Markusevangeliums. Jakobus und Johannes möchten in Jesu Herrlichkeit zu seiner Rechten und zu seiner Linken sitzen. Als Markus später die Kreuzigung beschreibt, berichtet er, dass zwei Verbrecher mit Jesus gekreuzigt werden, einer zu seiner Rechten und einer zu seiner Linken (Markus 15,27). Die gleiche räumliche Anordnung begegnet also an einem Ort äußerster Erniedrigung. Daraus folgt nicht, dass die beiden Verbrecher die von Jakobus und Johannes erbetenen Ehrenplätze im zukünftigen Reich erhalten hätten. Die erzählerische Gegenüberstellung ist dennoch bemerkenswert. Während die Jünger ihre Vorstellung von Herrlichkeit mit einer herausgehobenen Stellung verbinden, wird Jesus zunächst am Kreuz zwischen zwei Verurteilten hängen. Seine königliche Würde wird auf einem Weg sichtbar, der menschlichen Erwartungen an Macht und Ehre vollständig widerspricht.

Damit erklärt sich, weshalb Jesu erste Antwort so ernst war. Jakobus und Johannes wussten tatsächlich noch nicht, worum sie baten. Sie erkannten etwas von seiner zukünftigen Herrlichkeit, verstanden aber noch nicht ausreichend den Weg, auf dem diese Herrlichkeit erreicht werden würde. Ihre Hoffnung war nicht grundsätzlich falsch, doch ihre Vorstellung von Größe blieb unvollständig. Jesus nimmt ihnen deshalb nicht die Hoffnung auf sein Reich. Er verändert den Blick auf das, was die Zugehörigkeit zu diesem Reich bedeutet. Wer ihm folgt, soll nicht zuerst nach Auszeichnung und Vorrang suchen, sondern bereit sein, seinen Weg auch dort mitzugehen, wo dieser Leiden und Verzicht einschließt.

Die Begegnung macht zugleich deutlich, wie geduldig Jesus seine Jünger unterweist. Obwohl sie unmittelbar nach seiner Leidensankündigung erneut ihre eigenen Wünsche in den Mittelpunkt stellen, weist er sie nicht als unbrauchbar zurück. Er spricht offen über ihr mangelndes Verständnis, kündigt ihnen kommende Prüfungen an und korrigiert ihre Vorstellung von den Ehrenplätzen. Seine Antwort verbindet Wahrheit mit Geduld. Die beiden Brüder werden noch lernen müssen, dass die Größe des Reiches Gottes nicht nach menschlichen Rangordnungen beurteilt werden kann. Doch Jesus begleitet sie auf diesem Lernweg und bereitet sie darauf vor, ihm auch unter schwierigen Umständen treu zu bleiben.

Was zunächst wie eine persönliche Bitte zweier ehrgeiziger Jünger erscheint, berührt damit eine grundlegende Frage der Nachfolge: Sucht ein Mensch die Nähe zu Christus, weil er an seiner Herrlichkeit Anteil haben möchte, oder ist er bereit, ihm auch dann zu vertrauen, wenn der Weg zunächst durch Verzicht, Ablehnung und Leiden führt? Jesus stellt die Hoffnung auf zukünftige Herrlichkeit nicht infrage. Er zeigt jedoch, dass sie nicht von der Bereitschaft getrennt werden darf, Gottes Willen auf seinem Weg zu folgen. Seine Herrlichkeit ist kein Preis, den Menschen durch Ehrgeiz oder besondere Selbsteinschätzung für sich beanspruchen können. Sie gehört zu einer Herrschaft, deren Wesen die Jünger erst noch vollständig verstehen müssen.

Die Antwort Jesu beendet allerdings nicht den Konflikt innerhalb der Jüngergemeinschaft. Als die übrigen zehn Apostel von der Bitte der beiden Brüder erfahren, reagieren sie mit Unwillen. Damit zeigt sich, dass nicht nur Jakobus und Johannes mit menschlichen Vorstellungen von Größe und Vorrang zu kämpfen haben. Die gesamte Gemeinschaft benötigt eine neue Unterweisung darüber, wie wahre Autorität und Größe im Reich Gottes aussehen. Genau darauf richtet Jesus im folgenden Abschnitt seine Aufmerksamkeit, wenn er den Umgang weltlicher Herrscher mit ihren Untergebenen der selbstlosen Haltung gegenüberstellt, die seine eigenen Nachfolger kennzeichnen soll.

Markus 10,41–45

Die wahre Größe des Dienens und Jesu Lebenshingabe

Als die übrigen zehn Jünger von der Bitte des Jakobus und Johannes erfahren, reagieren sie mit Unwillen (Markus 10,41). Die beiden Brüder hatten versucht, sich die Plätze unmittelbar zur Rechten und zur Linken Jesu in seiner zukünftigen Herrlichkeit zu sichern. Nun wird sichtbar, dass ihr Wunsch nicht nur sie selbst betrifft, sondern auch die Gemeinschaft der Zwölf belastet. Die anderen Jünger empfinden das Verhalten der Brüder offenbar als anmaßend oder ungerecht. Markus erklärt allerdings nicht ausdrücklich, weshalb sie sich darüber ärgern. Es wäre deshalb zu weitgehend, ihnen ohne Einschränkung denselben Ehrgeiz zu unterstellen. Der bisherige Verlauf des Evangeliums zeigt jedoch, dass die Frage nach persönlicher Größe keineswegs nur Jakobus und Johannes beschäftigt hatte. Schon früher hatten die Jünger unterwegs darüber gestritten, wer unter ihnen der Größte sei (Markus 9,33–34). Deshalb liegt es nahe, ihren jetzigen Unwillen auch vor diesem Hintergrund zu verstehen. Die Bitte der beiden Brüder bringt eine Frage erneut zum Vorschein, die innerhalb der Jüngergemeinschaft noch nicht geklärt ist: Welche Bedeutung haben Rang, Ansehen und Vorrang unter den Nachfolgern Jesu?

Jesus reagiert auf die entstandene Spannung, indem er alle Jünger zu sich ruft. Er spricht nicht nur mit Jakobus und Johannes, obwohl deren Bitte den unmittelbaren Anlass gegeben hat. Seine folgende Unterweisung richtet sich an die gesamte Gemeinschaft. Das ist bedeutsam, weil die Gefahr des Ehrgeizes nicht auf einzelne Menschen beschränkt bleibt. Auch diejenigen, die sich über das Verhalten anderer empören, können von ähnlichen Vorstellungen über Größe und Anerkennung geprägt sein. Jesus behandelt den Konflikt deshalb nicht als bloßen Streit zwischen zwei Brüdern und den übrigen Aposteln. Er führt die Jünger zu einer grundsätzlichen Frage zurück: Nach welchem Maßstab soll das Zusammenleben der Menschen bestimmt werden, die zu seinem Reich gehören?

Als Ausgangspunkt verweist Jesus auf die Herrschaftsverhältnisse, die seinen Jüngern aus der Welt der Völker bekannt sind. Er spricht von denen, die als Herrscher gelten und über andere herrschen, sowie von den Großen, die ihre Macht ausüben (Markus 10,42). Die verwendeten griechischen Verben betonen ein Herrschen über andere, bei dem Macht und Überlegenheit im Vordergrund stehen. Dabei ist zu beachten, dass Jesus nicht einfach jede Form politischer Ordnung oder jede Ausübung notwendiger Verantwortung verurteilt. Sein unmittelbares Anliegen ist die Art, wie Macht eingesetzt wird. Herrschaft kann sich auf den Anspruch stützen, anderen überlegen zu sein und ihnen den eigenen Willen aufzuzwingen. Wer eine hohe Stellung besitzt, kann versucht sein, diese Stellung vor allem als Recht auf besondere Behandlung, Gehorsam und persönliche Vorteile zu verstehen.

Die Jünger lebten in einer Welt, in der solche Verhältnisse deutlich sichtbar waren. Das Römische Reich beruhte auf einer ausgeprägten politischen und militärischen Machtordnung. Könige, Statthalter und andere führende Personen konnten über weitreichende Befugnisse verfügen, während viele Menschen nur geringen Einfluss auf die Entscheidungen hatten, die ihr Leben bestimmten. Auch innerhalb kleinerer Gemeinschaften spielten Rang und gesellschaftliches Ansehen eine große Rolle. Wer über Reichtum, politische Beziehungen oder eine herausgehobene Stellung verfügte, besaß häufig mehr Möglichkeiten, die eigenen Interessen durchzusetzen. Jesus greift diese bekannte Wirklichkeit auf, weil die Jünger im Begriff stehen, vergleichbare Vorstellungen auf sein Reich zu übertragen. Sie erwarten eine zukünftige Herrschaft Christi und denken dabei zugleich an besondere Positionen für sich selbst. Jesus zeigt ihnen, dass sie das Wesen seiner Herrschaft noch nicht ausreichend verstanden haben.

Seine Antwort enthält einen ausdrücklichen Gegensatz: „Unter euch aber soll es nicht so sein“ (Markus 10,43). Dieser Satz bildet den entscheidenden Wendepunkt der Unterweisung. Die Gemeinschaft der Nachfolger Jesu soll sich gerade darin von den üblichen Vorstellungen menschlicher Größe unterscheiden, dass Macht und Rang nicht zum Maßstab ihres Zusammenlebens werden. Jesus sagt nicht lediglich, seine Jünger sollten ihre Herrschaft etwas freundlicher ausüben als andere Menschen. Er stellt die grundlegende Richtung ihres Denkens infrage. Während menschliche Größe häufig daran gemessen wird, wie viele Menschen jemand beeinflussen oder über wie viele Menschen er verfügen kann, soll unter seinen Nachfolgern eine andere Haltung gelten. Wer zu Christus gehört, soll seine Bedeutung nicht daraus ableiten, dass andere ihm untergeordnet sind. Seine Stellung muss vielmehr daran erkennbar werden, wie er anderen Menschen dient.

Diesen Gedanken formuliert Jesus zunächst mit den Worten, dass derjenige, der unter den Jüngern groß werden möchte, ihr Diener sein soll (Markus 10,43). Das griechische Wort diákonos bezeichnet einen Menschen, der einen Dienst übernimmt oder für andere tätig wird. Es steht nicht ausschließlich für ein kirchliches Amt, sondern kann allgemein jemanden beschreiben, der anderen hilft und sich um ihre Bedürfnisse kümmert. Die Bedeutung des Wortes ergibt sich hier aus dem Gegensatz zur Machtausübung. Wer groß sein möchte, soll nicht danach streben, dass möglichst viele Menschen seine Wünsche erfüllen. Er soll bereit werden, Verantwortung zugunsten anderer zu übernehmen. Jesus verändert damit den Maßstab menschlicher Größe. Nicht das Ausmaß der eigenen Vorteile entscheidet, sondern die Bereitschaft, die eigene Kraft, Zeit und Stellung zum Wohl anderer einzusetzen.

Dabei ist bemerkenswert, dass Jesus den Wunsch nach Größe nicht einfach durch ein Verbot beantwortet. Er sagt nicht, seine Jünger dürften unter keinen Umständen danach streben, etwas Bedeutendes zu tun. Vielmehr erklärt er, worin wahre Größe besteht. Der Wunsch, ein wertvolles Leben zu führen oder im Dienst Gottes eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, ist nicht dasselbe wie selbstsüchtiger Ehrgeiz. Entscheidend ist, welchem Ziel diese Wünsche dienen. Wer groß sein möchte, um Bewunderung zu erhalten und über andere zu stehen, richtet sein Leben auf sich selbst aus. Wer dagegen Verantwortung übernimmt, um anderen zu helfen und Gottes Willen zu erfüllen, bewegt sich in einer anderen Richtung. Jesus verwirft also nicht den Wert verantwortlichen Handelns, sondern die Vorstellung, der Wert eines Menschen steige mit seiner Macht über andere.

Im folgenden Vers verschärft Jesus die Aussage noch einmal: Wer der Erste sein will, soll der Knecht aller sein (Markus 10,44). Während zuvor vom Diener die Rede war, verwendet Jesus jetzt ein anderes griechisches Wort: doúlos. Es bezeichnet gewöhnlich einen Sklaven oder einen Menschen in einem Verhältnis weitreichender Abhängigkeit und Dienstverpflichtung. Für die damaligen Zuhörer war diese Wortwahl besonders eindringlich. Ein Sklave nahm in der gesellschaftlichen Rangordnung keinen Ehrenplatz ein, sondern stand unter der Verfügung anderer. Jesus verwendet diese niedrige Stellung als bewusstes Gegenbild zu dem Vorrang, den seine Jünger suchen. Wer unter ihnen der Erste sein möchte, soll nicht möglichst viele Menschen unter sich haben wollen, sondern bereit sein, sich selbst in den Dienst anderer zu stellen.

Dieses Bild darf jedoch nicht missverstanden werden. Jesus rechtfertigt damit weder die Ausbeutung von Menschen noch die Vorstellung, dass ein Nachfolger Christi seine eigene Würde aufgeben oder sich jeder ungerechten Forderung widerspruchslos unterwerfen müsse. Das historische Verhältnis der Sklaverei war von tiefgreifender rechtlicher und gesellschaftlicher Ungleichheit geprägt. Jesus verwendet dessen niedrige Stellung als Bild, um die menschliche Rangordnung umzukehren; er macht die Versklavung anderer dadurch nicht zu einem christlichen Ideal. Ebenso wenig bedeutet selbstloser Dienst, dass Menschen ihre Verantwortung für die eigene Gesundheit, ihre Familie oder den Schutz vor Gewalt vernachlässigen sollen. Der Sinn seiner Worte liegt darin, dass wahre Größe mit der freiwilligen Bereitschaft verbunden ist, das Wohl anderer über den eigenen Anspruch auf Vorrang zu stellen. Ein solcher Dienst entspringt der Liebe und darf nicht zu einem Mittel werden, mit dem andere Menschen Macht über den Dienenden missbrauchen.

Gerade deshalb unterscheidet sich die von Jesus geforderte Haltung von bloßer Unterwürfigkeit. Wer aus Angst vor Ablehnung jedem Wunsch anderer nachgibt, handelt nicht notwendigerweise aus selbstloser Liebe. Ebenso kann ein Mensch äußerlich dienen und dabei innerlich nach Anerkennung oder persönlichem Einfluss streben. Jesus fordert dagegen einen Dienst, der aus einer veränderten Haltung erwächst. Die Bedürfnisse anderer sollen ernst genommen werden, ohne dass daraus ein Wettbewerb um besondere Frömmigkeit entsteht. Ein Mensch kann eine hohe Verantwortung tragen und dennoch ein Diener sein, wenn er seine Stellung nicht zur persönlichen Bereicherung oder zur Unterdrückung anderer verwendet. Umgekehrt kann jemand eine äußerlich geringe Aufgabe übernehmen und dabei von Stolz und dem Wunsch nach Anerkennung bestimmt werden. Der entscheidende Unterschied liegt nicht allein in der sichtbaren Tätigkeit, sondern in der Haltung und dem Ziel des Handelns.

Diese Lehre besitzt besondere Bedeutung für jede Gemeinschaft, in der Menschen unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Auch unter den Nachfolgern Jesu müssen Entscheidungen getroffen, Aufgaben verteilt und Verantwortung getragen werden. Die Aufforderung zum Dienen bedeutet nicht, dass alle Unterschiede zwischen Aufgaben und Zuständigkeiten aufgehoben würden. Sie bestimmt jedoch den Charakter jeder Verantwortung. Wer leitet, soll sich nicht als Eigentümer der Menschen betrachten, die ihm anvertraut sind. Wer unterweist, soll seine Kenntnisse nicht dazu benutzen, andere kleinzumachen. Wer über Mittel oder Einfluss verfügt, soll sie nicht ausschließlich für sich selbst einsetzen. Gerade dort, wo Menschen Verantwortung tragen, wird sichtbar, ob sie die Worte Jesu verstanden haben. Die ihnen gegebenen Möglichkeiten sollen anderen dienen, statt sie von anderen abhängig zu machen.

Die Apostel werden diese Unterweisung später selbst aufgreifen. Petrus ermahnt die Ältesten der Gemeinde, die Herde Gottes nicht aus Gewinnsucht zu betreuen und nicht als Herren über diejenigen aufzutreten, die ihnen anvertraut sind. Stattdessen sollen sie Vorbilder für die Gemeinschaft sein (1. Petrus 5,2–3). Diese Anweisung entspricht dem Grundgedanken Jesu: Geistliche Verantwortung ist kein Anspruch auf persönliche Herrschaft, sondern ein Auftrag zur Fürsorge. Auch Paulus beschreibt seinen apostolischen Dienst nicht als Gelegenheit, sich selbst zum Mittelpunkt zu machen, sondern als Dienst an anderen um Jesu willen (2. Korinther 4,5). Die spätere Gemeinde soll dadurch erkennen, dass die Worte Jesu nicht nur für den damaligen Streit unter den Zwölf gelten. Sie bestimmen grundsätzlich, wie Menschen miteinander umgehen sollen, die sich zu Christus bekennen.

Die entscheidende Begründung für diese neue Ordnung folgt in Vers 45. Jesus stellt sich selbst als Vorbild vor und erklärt, dass auch der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben. Das einleitende „denn“ verbindet seine eigene Sendung unmittelbar mit der vorausgehenden Aufforderung an die Jünger. Sie sollen dienen, weil ihr Meister selbst den Weg des Dienens geht. Jesus verlangt von ihnen also keine Haltung, die er lediglich anderen auferlegt, während er selbst besondere Vorrechte beansprucht. Seine eigene Lebensführung begründet den Maßstab, den er für seine Nachfolger aufstellt. Gerade weil er der Menschensohn ist, dessen Vollmacht Markus wiederholt beschrieben hat, besitzt diese Aussage ein besonderes Gewicht. Derjenige, dem göttliche Autorität zukommt, macht seine Stellung nicht zum Anlass selbstbezogener Machtausübung.

Der Titel Menschensohn verbindet hier erneut Hoheit und Erniedrigung. In Daniel 7,13–14 erscheint einer wie eines Menschen Sohn, dem Herrschaft, Ehre und ein ewiges Reich gegeben werden. Jesus verwendet denselben Titel, um von seinem kommenden Leiden und von seiner dienenden Lebenshingabe zu sprechen. Darin liegt ein grundlegender Unterschied zu den Erwartungen der Jünger. Sie denken bei der Herrlichkeit des Messias an hervorragende Positionen innerhalb seiner Herrschaft. Jesus erklärt dagegen, dass sein Auftrag gerade darin besteht, sich zugunsten anderer hinzugeben. Die Autorität des Menschensohnes und seine Bereitschaft zum Dienen widersprechen einander nicht. In seinem Leben gehören sie zusammen. Seine Größe wird nicht dadurch vermindert, dass er anderen hilft; vielmehr offenbart sein Dienst das Wesen seiner Herrschaft.

Schon während seines bisherigen Wirkens hatte Jesus diese Haltung auf vielfältige Weise gezeigt. Er wandte sich Menschen zu, die krank waren, unter gesellschaftlicher Ablehnung litten oder von anderen gemieden wurden. Er berührte einen Aussätzigen, heilte Kranke und nahm Kinder in seine Arme, obwohl seine eigenen Jünger sie zunächst zurückweisen wollten (Markus 1,40–42; 10,13–16). Seine Zuwendung richtete sich nicht ausschließlich auf einflussreiche Persönlichkeiten, von denen er Vorteile erwarten konnte. Auch Menschen ohne gesellschaftliche Macht fanden bei ihm Gehör. Diese Handlungen waren nicht bloß gelegentliche Beweise seiner Freundlichkeit. Sie gehörten zu seinem Auftrag, den Menschen die rettende Herrschaft Gottes nahebringen. Wenn Jesus nun sagt, dass der Menschensohn gekommen ist, um zu dienen, fasst er damit einen grundlegenden Zug seines bisherigen Wirkens zusammen.

Allerdings bleibt Jesus nicht bei der Aussage stehen, dass er anderen geholfen hat. Er führt den Gedanken des Dienens zu seinem äußersten Ausdruck und erklärt, dass er sein Leben als Lösegeld für viele geben wird. Damit erhält seine Unterweisung eine Tiefe, die über ein allgemeines Vorbild selbstloser Lebensführung hinausgeht. Jesus zeigt nicht nur, wie Menschen miteinander umgehen sollen. Er erklärt zugleich, weshalb sein eigener bevorstehender Tod für andere Menschen eine rettende Bedeutung besitzt. Der Abschnitt verbindet somit zwei eng zusammengehörige Gedanken: Die Jünger sollen einander dienen, weil Jesus ihnen diesen Weg vorlebt; und Jesu Dienst erreicht einen einzigartigen Höhepunkt darin, dass er sein Leben zur Befreiung anderer hingibt.

Das Wort Lösegeld bezeichnet ursprünglich einen Preis oder ein Mittel, durch das jemand aus einer gebundenen Lage freigekauft oder befreit wird. Im damaligen Sprachgebrauch konnte solche Sprache beispielsweise im Zusammenhang mit der Freilassung eines Menschen verwendet werden. Auch das Alte Testament kennt Vorstellungen des Loskaufs und der Erlösung, bei denen jemand aus einer bestehenden Abhängigkeit oder Notlage befreit wird. Wenn Jesus nun sein eigenes Leben als Lösegeld bezeichnet, greift er eine solche Befreiungsvorstellung auf. Er spricht nicht von Silber, Gold oder anderen materiellen Gütern, die für die Freiheit der Menschen aufgebracht werden müssten. Das, was er gibt, ist sein eigenes Leben. Dadurch macht er deutlich, dass die Rettung anderer nicht ohne seine persönliche Hingabe geschieht.

Der griechische Ausdruck lautet lýtron antì pollōn. Das Wort lýtron bezeichnet das Lösegeld, während antí hier den Gedanken des Handelns zugunsten anderer mit einer stellvertretenden Bedeutung verbindet. Jesu Leben wird für viele hingegeben. Diese Formulierung zeigt, dass sein Tod nicht ausschließlich als Beispiel für mutiges Erdulden von Unrecht verstanden werden darf. Er geschieht für andere und hat eine befreiende Wirkung, die diese Menschen nicht durch eigene Leistungen hervorbringen können. Gerade darin unterscheidet sich seine Lebenshingabe vom Leiden seiner Jünger. Sie können um ihres Glaubens willen verfolgt werden und ihr Leben verlieren. Doch Jesus erklärt von seinem eigenen Tod, dass er als Lösegeld für viele dient. Sein Leiden besitzt damit eine einzigartige Bedeutung innerhalb von Gottes Erlösungswerk.

Eine wichtige alttestamentliche Verbindung findet sich in Jesaja 53. Dort wird der Knecht des HERRN als einer beschrieben, der die Leiden und Schuld anderer trägt. Besonders deutlich wird dieser Gedanke in Jesaja 53,5–6, wo sein Leiden mit den Übertretungen und der Schuld anderer Menschen verbunden wird. In den Versen 10–12 wird seine Lebenshingabe mit der Rechtfertigung vieler und dem Tragen ihrer Schuld in Beziehung gesetzt. Die Verbindung zu Markus 10,45 ist deshalb besonders tragfähig. Beide Texte sprechen von einer hingebungsvollen Gestalt, deren Leiden nicht nur sie selbst betrifft, sondern vielen anderen zugutekommt. Markus zitiert Jesaja 53 an dieser Stelle nicht ausdrücklich. Die inhaltliche Nähe ist jedoch so deutlich, dass der Gottesknechttext einen wichtigen Hintergrund für das Verständnis des Lösegeldwortes bildet. Jesus beschreibt seinen Tod damit als einen Dienst, durch den anderen Menschen Rettung eröffnet wird.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Formulierung „für viele“. Sie darf nicht vorschnell so verstanden werden, als hätte Jesus damit ausdrücklich erklärt, sein Opfer sei nur für eine kleine, im Voraus abgegrenzte Menschengruppe bestimmt. Der Ausdruck erinnert an die Sprache von Jesaja 53, wo ebenfalls von den Vielen gesprochen wird, deren Schuld der Knecht trägt. Die Formulierung hebt die große Zahl der Menschen hervor, denen seine Hingabe zugutekommt, und stellt zugleich den einen Handelnden den vielen Begünstigten gegenüber. Für die Frage nach der Reichweite des Erlösungsangebotes müssen auch die weiteren Aussagen des Neuen Testaments berücksichtigt werden. So erklärt 1. Timotheus 2,5–6, dass Christus sich als Lösegeld für alle gegeben hat, und Hebräer 2,9 spricht davon, dass er durch Gottes Gnade für jeden den Tod schmeckte. Diese Texte widersprechen nicht der Aussage des Markus, sondern verdeutlichen, dass das Wort „viele“ nicht notwendig als Ausschluss aller übrigen Menschen zu verstehen ist. Gleichzeitig bedeutet die Bereitstellung der Erlösung nicht, dass jeder Mensch unabhängig von seinem Verhältnis zu Christus automatisch gerettet wird. Das Evangelium ruft weiterhin zu Umkehr und Glauben.

Die Lösegeldsprache wirft allerdings eine Frage auf, die Jesus in diesem Vers nicht ausdrücklich beantwortet: Wem wird dieses Lösegeld gegeben? Der Text nennt denjenigen, der sein Leben hingibt, nämlich den Menschensohn. Er nennt das Gegebene, Jesu eigenes Leben, und die Menschen, denen diese Hingabe zugutekommt. Einen bestimmten Empfänger des Lösegeldes bezeichnet er jedoch nicht. Deshalb wäre es unbegründet, aus Markus 10,45 allein abzuleiten, Christus habe Satan einen rechtmäßig geschuldeten Preis bezahlen müssen. Die Bibel beschreibt Satan als Widersacher, Versucher und Ankläger, dessen Macht durch Christus überwunden wird (Hebräer 2,14–15; Offenbarung 12,10–11). Daraus folgt nicht, dass Satan ein berechtigter Eigentümer der Menschen gewesen wäre, dem Gott ihre Erlösung erst durch eine Zahlung hätte abkaufen müssen. Das Bild des Lösegeldes erklärt die kostspielige und befreiende Bedeutung von Jesu Hingabe, ohne jede Einzelheit eines buchstäblichen Kaufvorgangs festzulegen.

Andere neutestamentliche Texte helfen, diesen Befreiungsgedanken weiter zu verstehen. Nach 1. Petrus 1,18–19 wurden die Gläubigen nicht mit vergänglichen Werten wie Silber oder Gold erlöst, sondern durch das kostbare Blut Christi. Paulus erklärt in Galater 3,13, dass Christus Menschen vom Fluch des Gesetzes erlöst hat, indem er für sie zum Fluch wurde. Diese Aussagen beschreiben unterschiedliche Aspekte derselben Rettung: Die Befreiung geschieht nicht durch menschliche Bezahlung oder eigene religiöse Verdienste, sondern durch die Hingabe Christi. Die Sünde hat den Menschen in eine Lage gebracht, aus der er sich nicht selbst befreien kann. Jesus nimmt die Last dieses Erlösungswerkes auf sich. Damit beantwortet das Lösegeldwort zugleich eine Frage, die wenige Verse zuvor aufgeworfen worden war. Nachdem Jesus erklärt hatte, dass Rettung bei Menschen unmöglich, bei Gott aber möglich ist (Markus 10,27), zeigt er nun, wie weit Gottes rettende Liebe geht. Der Menschensohn gibt sein Leben, damit anderen Befreiung und ewiges Leben eröffnet werden.

Dass Jesus davon spricht, sein Leben zu geben, ist ebenfalls von Bedeutung. Er beschreibt seinen Tod nicht nur als etwas, das andere Menschen ihm antun werden. In der vorausgehenden Leidensankündigung hatte er zwar ausführlich von Auslieferung, Misshandlung und Tötung gesprochen (Markus 10,33–34). Jetzt macht er jedoch deutlich, dass er sein Leben selbst hingibt. Beides gehört zusammen. Menschen werden ihn tatsächlich verwerfen und töten, und ihre Verantwortung wird dadurch nicht aufgehoben. Dennoch ist Jesus nicht lediglich ein hilfloses Opfer fremder Entscheidungen. Er geht bewusst den Weg, auf dem er sein Leben für andere hingeben wird. Diese freiwillige Hingabe wird im Johannesevangelium ausdrücklich hervorgehoben, wenn Jesus erklärt, dass er sein Leben lässt und die Vollmacht besitzt, es wiederzunehmen (Johannes 10,17–18). Seine Liebe zeigt sich nicht nur darin, dass er das Leiden erträgt, sondern darin, dass er diesen Weg in Treue zum Willen des Vaters und zugunsten der Menschen geht.

Gerade dadurch erhält der Zusammenhang zwischen Dienst und Erlösung seine besondere Bedeutung. In menschlichen Herrschaftsordnungen wird Größe häufig daran erkannt, wie viele andere Menschen einem Herrscher dienen und welche Opfer sie für ihn bringen müssen. Jesus kehrt diese Vorstellung um. Er, der Menschensohn, kommt nicht, um die Menschen für die Sicherung seiner eigenen Stellung einzusetzen. Er gibt vielmehr sein Leben, um Menschen zu retten, die sich selbst nicht erlösen können. Seine Herrschaft ist deshalb nicht selbstbezogen, sondern von selbstloser Liebe bestimmt. Der höchste Ausdruck dieser Liebe ist nicht die Forderung nach dem Opfer anderer, sondern seine eigene Hingabe. Damit wird verständlich, weshalb die Jünger ihre Vorstellungen von Größe grundlegend verändern müssen. Sie folgen einem Herrn, dessen Königtum sich gerade darin offenbart, dass er sich selbst für andere einsetzt.

Diese Wahrheit verhindert zugleich, dass die Aufforderung zum Dienen auf eine bloße soziale Tugend reduziert wird. Gewiss sollen die Nachfolger Jesu einander helfen, Verantwortung übernehmen und ihre Möglichkeiten zum Wohl anderer einsetzen. Doch ihre dienende Haltung erwächst aus einer tieferen Grundlage. Sie sind Menschen, denen Christus selbst durch seine Lebenshingabe gedient hat. Niemand steht vor ihm als einer, der sich seine Rettung durch persönliche Größe oder besondere Leistungen sichern könnte. Die Jünger, die eben noch über Ehrenplätze gestritten haben, sind selbst auf denselben Erlöser angewiesen wie alle anderen Menschen. Deshalb gibt es keinen Grund, aus der eigenen Nähe zu Jesus einen Anspruch auf Überlegenheit abzuleiten. Wer begreift, was Christus für ihn getan hat, erhält einen neuen Maßstab für den Umgang mit anderen.

Später wird Jesus diese Haltung auch durch eine sichtbare Handlung verdeutlichen. Nach Johannes 13,1–17 wäscht er seinen Jüngern die Füße, obwohl er ihr Herr und Meister ist. Gerade aus seiner anerkannten Stellung leitet er dort die Verpflichtung ab, einander ebenfalls zu dienen. Die Handlung macht anschaulich, was Markus 10,42–45 in Worten erklärt: Wahre Autorität und selbstloser Dienst schließen einander nicht aus. Jesus hört nicht auf, der Herr seiner Jünger zu sein, weil er ihnen dient. Vielmehr zeigt er gerade als ihr Herr, wie sie miteinander umgehen sollen. Seine Nachfolger sollen deshalb nicht nach einer Stellung suchen, in der sie von der Rücksichtnahme auf andere befreit wären. Je mehr Verantwortung ihnen anvertraut wird, desto ernster müssen sie die Aufgabe nehmen, diese Verantwortung im Geist Christi auszuüben.

So führt Jesus den Streit über die höchsten Plätze zu einer Antwort, die weit über die ursprüngliche Frage hinausreicht. Jakobus und Johannes wollten wissen, welche Ehrenstellungen sie in seiner Herrlichkeit erhalten könnten. Die übrigen Jünger reagierten verärgert, weil die beiden Brüder sich solche Plätze sichern wollten. Jesus erklärt nun, dass ihre Vorstellungen von Rang und Vorrang am Wesen seines Reiches vorbeigehen. Größe besteht nicht darin, anderen überlegen zu sein, sondern darin, ihnen zu dienen. Der Erste soll bereit sein, sich für alle einzusetzen. Und der entscheidende Maßstab dafür ist Jesus selbst: Er kommt nicht, um seine Macht zu seinem eigenen Vorteil einzusetzen, sondern um sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben.

Damit erreicht die Unterweisung über wahre Größe ihren tiefsten Punkt. Die Jünger sollen nicht nur eine andere Form menschlicher Führung lernen, sondern erkennen, wer ihr Meister wirklich ist und was seine bevorstehende Lebenshingabe bedeutet. Sein Kreuz wird nicht das Ende eines gescheiterten Anspruchs auf Herrschaft sein, sondern der äußerste Ausdruck seiner rettenden Liebe. Aus dieser Liebe erwächst auch die Berufung seiner Nachfolger, einander mit Demut, Verantwortung und selbstlosem Einsatz zu begegnen. Die nächste Begegnung auf dem Weg nach Jerusalem wird zeigen, wie ein Mensch auf Jesu Zuwendung antwortet, ohne nach einem Ehrenplatz zu verlangen. Vor den Toren Jerichos wird ein blinder Bettler nach ihm rufen, und Jesus wird sich ihm persönlich zuwenden.

Markus 10,46–52

Bartimäus erkennt Jesus und folgt ihm nach

Auf seinem Weg nach Jerusalem erreicht Jesus mit seinen Jüngern die Stadt Jericho. Markus berichtet nur kurz von ihrer Ankunft und richtet die Aufmerksamkeit anschließend auf ein Ereignis, das sich beim Verlassen der Stadt zuträgt. Jesus ist von einer großen Volksmenge begleitet, als am Wegesrand ein blinder Bettler auf ihn aufmerksam wird (Markus 10,46). Der Schauplatz besitzt eine besondere Bedeutung. Jericho liegt im Jordantal, östlich von Jerusalem, und war ein wichtiger Ort an den Verkehrswegen durch diese Region. Von dort führte der Weg hinauf in das judäische Bergland. Jesus befindet sich somit auf der letzten Wegstrecke vor der Stadt, in der sich sein angekündigtes Leiden erfüllen wird. Gerade an diesem Punkt erzählt Markus noch einmal von einer persönlichen Begegnung, in der Jesu Erbarmen und seine rettende Vollmacht sichtbar werden. Während die Jünger sich unmittelbar zuvor mit Fragen nach Ehre und Größe beschäftigt haben, begegnet Jesus nun einem Menschen, der nach gesellschaftlichen Maßstäben kaum Bedeutung besitzt und doch in besonderer Weise auf ihn vertraut.

Der Evangelist nennt den Mann ausdrücklich beim Namen: Bartimäus, der Sohn des Timäus. Diese doppelte Bezeichnung ist auffällig, denn das aramäische Wort bar bedeutet „Sohn“. Der Name Bartimäus enthält also bereits die Bedeutung „Sohn des Timäus“, die Markus für seine Leser noch einmal erklärt. Dass der Evangelist den Namen überliefert, unterscheidet diese Begebenheit von vielen anderen Heilungsberichten, in denen die hilfesuchenden Menschen namenlos bleiben. Möglicherweise war Bartimäus den ersten christlichen Lesern als Person bekannt, doch das wird im Text nicht ausdrücklich erklärt. Sicher ist, dass Markus ihn nicht nur als einen beliebigen Blinden beschreibt, sondern als einen konkreten Menschen mit einer eigenen Geschichte. Über seine Familie, sein Alter und die Ursache seiner Blindheit erfahren wir allerdings nichts. Jede weitergehende Lebensbeschreibung würde über die Angaben des Evangeliums hinausgehen.

Markus bezeichnet Bartimäus zugleich als blinden Bettler. Beide Angaben gehören zu seiner schwierigen Lebenslage. Eine Sehbehinderung konnte in der antiken Welt erhebliche Einschränkungen mit sich bringen, besonders wenn ein Mensch dadurch seinen Lebensunterhalt nicht selbst sichern konnte. Ohne die heutigen medizinischen Hilfsmittel und gesellschaftlichen Unterstützungssysteme waren viele Betroffene in hohem Maße auf Angehörige oder die Hilfe anderer angewiesen. Dass Bartimäus am Weg sitzt und bettelt, lässt erkennen, dass er zumindest in dieser Situation auf die Unterstützung vorbeikommender Menschen angewiesen ist. Der Straßenrand bietet ihm die Möglichkeit, Reisende um Hilfe zu bitten. Zugleich macht seine Stellung am Weg deutlich, wie wenig Einfluss er auf das Geschehen um sich herum besitzt. Während viele Menschen Jesus begleiten und mit ihm weiterziehen können, sitzt Bartimäus zunächst an seinem gewohnten Platz und kann die vorübergehende Menge nicht sehen.

Die Schilderung des Markus lässt sich mit den entsprechenden Berichten der anderen Evangelien vergleichen. Matthäus berichtet ebenfalls von einer Heilung beim Verlassen Jerichos, erwähnt jedoch zwei blinde Männer (Matthäus 20,29–34). Lukas spricht wie Markus von einem blinden Bettler, beschreibt die Begegnung aber im Zusammenhang mit Jesu Annäherung an Jericho (Lukas 18,35–43). Die unterschiedlichen Angaben sind nicht einfach zu übergehen. Dass Markus und Lukas einen Mann hervorheben, während Matthäus von zweien berichtet, muss nicht bedeuten, dass sie einander unmittelbar widersprechen. Ein Evangelist kann sich auf eine bestimmte Person konzentrieren, während ein anderer beide Beteiligten erwähnt. Allerdings erklärt diese Möglichkeit allein noch nicht die unterschiedliche Ortsangabe. Zur Frage, ob die Begegnung beim Betreten oder Verlassen Jerichos stattfand, wurden verschiedene Erklärungen vorgeschlagen. So wird gelegentlich auf die ältere Stadtanlage und die späteren Siedlungsbereiche Jerichos verwiesen. Eine eindeutige Zuordnung des Geschehens zu einer solchen Wegstrecke lässt sich aus den Evangelientexten jedoch nicht beweisen. Für den Bericht des Markus bleibt seine ausdrückliche Ortsangabe maßgeblich: Die Begegnung geschieht, als Jesus Jericho verlässt.

Als Bartimäus hört, dass Jesus von Nazareth vorüberkommt, beginnt er laut zu rufen: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ (Markus 10,47). Da er Jesus nicht sehen kann, ist er zunächst auf das angewiesen, was andere über die vorbeiziehende Menge sagen. Er erfährt, wer sich in seiner Nähe befindet, und reagiert sofort. Sein Ruf zeigt, dass er mehr als nur die Anwesenheit eines bekannten Wanderpredigers wahrnimmt. Die Bezeichnung „Jesus von Nazareth“ benennt die Herkunft des Mannes, von dem die Menge spricht. Bartimäus verwendet dagegen den Titel „Sohn Davids“. Damit verbindet er Jesus mit den alttestamentlichen Verheißungen über den kommenden König aus der Nachkommenschaft Davids. Seine Worte sind daher nicht bloß ein lauter Hilferuf. Sie enthalten zugleich ein Bekenntnis zu der besonderen Stellung Jesu.

Die Hoffnung auf einen Nachkommen Davids reicht weit in die Geschichte Israels zurück. Gott hatte David durch den Propheten Nathan verheißen, dass seine königliche Linie Bestand haben und sein Königtum auf besondere Weise mit Gottes Verheißung verbunden bleiben werde (2. Samuel 7,12–16). Spätere Propheten griffen diese Hoffnung auf und kündigten einen gerechten Herrscher an, der aus Davids Geschlecht hervorgehen sollte. Jesaja 11,1–5 spricht beispielsweise von einem Spross aus dem Stamm Isais, der mit Gottes Geist erfüllt sein und in Gerechtigkeit richten wird. Auch Jeremia 23,5–6 verbindet die zukünftige Hoffnung Israels mit einem gerechten Nachkommen Davids. Im Judentum der Zeit Jesu konnte deshalb die Bezeichnung „Sohn Davids“ eine messianische Bedeutung besitzen. Wer Jesus so ansprach, verband ihn mit der Erwartung des von Gott verheißenen Königs.

Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet ein blinder Bettler diesen Titel in der Öffentlichkeit verwendet. Die religiösen Führer haben Jesu Vollmacht wiederholt infrage gestellt, und selbst seine Jünger verstehen den Weg seines messianischen Auftrags noch nicht vollständig. Bartimäus dagegen ruft Jesus als Sohn Davids an und bittet ihn um Erbarmen. Daraus darf nicht abgeleitet werden, dass er bereits die gesamte Bedeutung von Jesu bevorstehendem Kreuzestod und seiner Auferstehung verstanden hätte. Markus berichtet nicht, welche einzelnen Erwartungen Bartimäus mit dem messianischen Titel verband. Sein Ruf zeigt jedoch, dass er Jesus zutraut, ihm in seiner Not zu helfen, und dass er in ihm mehr erkennt als einen gewöhnlichen Menschen. Obwohl er körperlich nicht sehen kann, besitzt er ein Vertrauen, das sich auf Jesu Person richtet.

Seine Bitte ist zugleich auffallend einfach. Er verlangt weder besondere Ehre noch eine hohe Stellung. Er bittet um Erbarmen. Dieser Ausdruck bezeichnet die Zuwendung eines Menschen, der die Not eines anderen erkennt und bereit ist, ihm zu helfen. Wer um Erbarmen ruft, beruft sich nicht in erster Linie auf einen eigenen Anspruch, sondern auf die Güte dessen, von dem er Hilfe erwartet. Bartimäus tritt Jesus deshalb nicht mit einer Aufzählung seiner Verdienste gegenüber. Er sagt nicht, weshalb er eine Heilung besonders verdient hätte, und versucht auch nicht, seine eigene Bedeutung hervorzuheben. Er wendet sich an Jesus, weil er Hilfe braucht und darauf vertraut, dass dieser ihm helfen kann. Sein Ruf bringt damit eine Haltung zum Ausdruck, die Jesus im selben Kapitel bereits anhand der Kinder beschrieben hatte: Das Reich Gottes muss empfangen werden, statt durch menschliche Vorzüge erworben zu werden (Markus 10,13–16).

Die Reaktion der Umstehenden ist zunächst abweisend. Viele bedrohen Bartimäus und fordern ihn auf zu schweigen (Markus 10,48). Markus nennt keine ausdrückliche Begründung für dieses Verhalten. Vielleicht empfinden die Menschen sein lautes Rufen als störend, vielleicht halten sie sein Anliegen angesichts der großen Menge für unbedeutend. Solche Vermutungen können die Situation veranschaulichen, bleiben aber Möglichkeiten. Der Text selbst zeigt vor allem, dass Menschen versuchen, ihn zum Schweigen zu bringen. Seine Blindheit und seine wirtschaftlich abhängige Stellung machen ihn offenbar nicht zu einer Person, deren Bitte die Menge bereitwillig unterstützt. Während Jesus von vielen begleitet wird, muss Bartimäus darum kämpfen, überhaupt gehört zu werden.

Hier entsteht eine deutliche Parallele zur Begegnung Jesu mit den Kindern. Auch dort hatten Menschen versucht, den Zugang zu Jesus zu verhindern. Die Jünger hatten diejenigen zurechtgewiesen, die ihre Kinder zu ihm bringen wollten. Jesus hatte dieses Verhalten ausdrücklich missbilligt und die Kinder willkommen geheißen. Nun trifft ein ähnliches Hindernis einen blinden Bettler. Wieder versuchen Menschen, die Nähe Jesu nach ihren eigenen Vorstellungen zu ordnen und einen Hilfesuchenden zurückzuhalten. Die beiden Situationen zeigen, wie leicht Menschen die Bedeutung anderer nach äußeren Maßstäben beurteilen können. Wer wenig Ansehen besitzt oder besonders auf Hilfe angewiesen ist, kann gerade dort übersehen werden, wo er Zuwendung und Unterstützung am dringendsten benötigt.

Bartimäus lässt sich von den Aufforderungen der Menge jedoch nicht einschüchtern. Markus berichtet ausdrücklich, dass er noch viel lauter ruft: „Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ (Markus 10,48). Der Widerstand führt nicht dazu, dass er seine Hoffnung aufgibt. Er wiederholt seine Bitte und hält daran fest, dass Jesus ihm helfen kann. Darin zeigt sich die Beharrlichkeit seines Vertrauens. Er hat keine sichtbare Zusicherung erhalten, dass Jesus ihn bereits bemerkt hat, und die Menschen um ihn herum versuchen, ihn zum Schweigen zu bringen. Dennoch richtet er seinen Ruf weiterhin an Jesus. Sein Verhalten macht deutlich, dass sein Vertrauen nicht allein von der Zustimmung anderer Menschen abhängt.

Diese Beharrlichkeit darf allerdings nicht zu einer mechanischen Regel gemacht werden, nach der ein Mensch nur lange oder laut genug beten müsse, um jede gewünschte Hilfe sicher zu erhalten. Markus beschreibt eine konkrete Begegnung, in der Bartimäus trotz menschlichen Widerstands an seiner Bitte festhält. Daraus folgt nicht, dass Gott menschliche Gebete erst erhört, wenn sie eine bestimmte Lautstärke oder Dauer erreicht haben. Jesus selbst warnt an anderer Stelle davor, Gebet durch viele Worte zu einer Art Leistung machen zu wollen (Matthäus 6,7–8). Der geistliche Wert von Bartimäus' Verhalten liegt deshalb nicht in der Lautstärke seines Rufens, sondern in dem Vertrauen, das ihn trotz der Zurückweisung weiter zu Jesus führt. Er lässt sich durch Menschen, die ihn zum Schweigen bringen möchten, nicht davon abhalten, die Hilfe Christi zu suchen.

Dann geschieht etwas Entscheidendes: Jesus bleibt stehen (Markus 10,49). Diese kurze Mitteilung besitzt innerhalb der Erzählung ein besonderes Gewicht. Jesus befindet sich auf dem Weg nach Jerusalem, wo ihn die bereits angekündigten Ereignisse erwarten. Er ist von einer großen Menschenmenge umgeben, und dennoch wird der Hilferuf eines einzelnen Bettlers nicht überhört. Jesus lässt den Mann rufen. Damit verändert sich die Situation grundlegend. Derjenige, den viele zum Schweigen bringen wollten, wird nun ausdrücklich zu Jesus eingeladen. Die Bewegung der großen Menge wird für einen Augenblick unterbrochen, weil Jesus sich einem Menschen zuwendet, dessen Anliegen andere zurückgewiesen haben.

Dabei fällt auf, dass Jesus Bartimäus nicht einfach durch einen Zuruf aus der Ferne heilt. Er lässt ihn zu sich kommen. Dadurch wird der Mann selbst in das Geschehen einbezogen. Jesus begegnet ihm nicht nur als einem anonymen Empfänger einer wunderbaren Handlung, sondern als einer Person, die er persönlich ansprechen möchte. Zugleich beauftragt er die Umstehenden, den Blinden zu rufen. Gerade diejenigen, die zuvor versucht hatten, ihn zum Schweigen zu bringen, werden nun zu Überbringern der Einladung Jesu. Der Text sagt nicht ausdrücklich, ob dieselben Personen, die ihn zurechtgewiesen hatten, ihn anschließend ermutigen. Die auffällige Veränderung innerhalb der Menge bleibt jedoch bestehen: An die Stelle der Abweisung tritt eine Einladung.

Die Worte der Menschen lauten nun: „Sei getrost, steh auf; er ruft dich!“ (Markus 10,49). Der Gegensatz zu ihrer vorherigen Haltung ist eindringlich. Zunächst sollte Bartimäus schweigen; nun wird ihm Mut zugesprochen. Vorher war sein Ruf unerwünscht; jetzt soll er aufstehen und zu Jesus kommen. Die Veränderung geht von Jesus aus. Seine Entscheidung, den Bettler zu rufen, bestimmt das weitere Verhalten der Menschen. Darin liegt eine wichtige Beobachtung für den Umgang mit Hilfesuchenden. Wer sich an Jesus orientieren möchte, darf nicht allein danach fragen, wie andere Menschen eine Person beurteilen. Maßgeblich ist, wie Jesus selbst ihr begegnet. Seine Aufmerksamkeit richtet sich nicht nur auf diejenigen, die bereits anerkannt sind oder problemlos an ihn herantreten können.

Bartimäus reagiert ohne Zögern. Er wirft seinen Mantel ab, steht auf und kommt zu Jesus (Markus 10,50). Markus beschreibt diese Bewegung mit wenigen Worten, doch sie ist voller Anschaulichkeit. Der Mann, der zuvor am Weg gesessen hatte, erhebt sich und geht auf den Ruf Jesu ein. Sein Mantel war vermutlich ein wichtiger Teil seiner persönlichen Habe. Für arme Menschen konnte ein solches Kleidungsstück nicht nur zum Schutz vor Kälte dienen, sondern auch nachts als Decke verwendet werden. Bereits das Gesetz des Mose berücksichtigte die besondere Bedeutung eines Mantels für bedürftige Menschen und schützte ihn vor unangemessener Pfändung (2. Mose 22,25–26). Wenn Bartimäus seinen Mantel abwirft, zeigt dies deshalb anschaulich die Entschlossenheit, mit der er Jesu Einladung folgt.

Dennoch muss die Bedeutung dieser Handlung sorgfältig begrenzt werden. Markus sagt nicht, Bartimäus habe seinen Mantel endgültig zurückgelassen oder später bewusst auf seinen Besitz verzichtet. Es wäre deshalb eine unbelegte Ausweitung, aus dem Abwerfen des Mantels eine vollständige Entsprechung zu Jesu Aufforderung an den reichen Mann zu machen, sein ganzes Vermögen zu verkaufen. Die beiden Begegnungen unterscheiden sich in ihren konkreten Umständen deutlich. Dennoch entsteht ein bemerkenswerter erzählerischer Gegensatz. Der reiche Mann war von Jesus zur Nachfolge eingeladen worden und ging traurig fort, weil er viele Güter besaß. Bartimäus dagegen erhebt sich auf Jesu Ruf hin und kommt zu ihm. Während die erste Begegnung die Schwierigkeit zeigt, sich von vertrauten Sicherheiten zu lösen, wird hier die unmittelbare Bereitschaft sichtbar, auf Jesu Einladung zu antworten. Diese Gegenüberstellung muss nicht auf eine genaue Gleichsetzung der jeweiligen Besitzverhältnisse gestützt werden. Sie ergibt sich aus den unterschiedlichen Reaktionen der beiden Männer.

Als Bartimäus vor Jesus steht, fragt dieser ihn: „Was willst du, daß ich dir tun soll?“ (Markus 10,51). Die Frage ist besonders auffällig, weil Jesus wenige Verse zuvor Jakobus und Johannes mit nahezu denselben Worten angesprochen hatte (Markus 10,36). Damals wollten die beiden Jünger besondere Ehrenplätze in seiner zukünftigen Herrlichkeit erhalten. Jetzt steht ein blinder Bettler vor ihm, der um die Wiederherstellung seines Augenlichts bitten möchte. Durch die ähnliche Frage werden zwei sehr unterschiedliche Wünsche einander gegenübergestellt. Die Jünger begehrten eine hohe Stellung; Bartimäus sucht Hilfe für seine Not. Die Gegenüberstellung zeigt, wie verschieden Menschen die Nähe zu Jesus verstehen können.

Dass Jesus den Blinden ausdrücklich nach seinem Wunsch fragt, ist nicht selbstverständlich. Bereits sein lautes Rufen hatte erkennen lassen, dass er Hilfe brauchte. Auch seine Blindheit wird als Grund seiner Not beschrieben. Dennoch lässt Jesus ihn selbst sagen, was er möchte. Er handelt nicht einfach über den Kopf des Betroffenen hinweg. Bartimäus darf sein Anliegen in eigenen Worten aussprechen. Diese persönliche Zuwendung zeigt, dass Jesus den Menschen nicht nur nach seiner sichtbaren Bedürftigkeit beurteilt. Er nimmt ihn als jemanden ernst, der seine Not kennt, eine Bitte formulieren kann und im Vertrauen zu ihm gekommen ist.

Bartimäus antwortet mit der Anrede „Rabbuni“ und bittet darum, wieder sehen zu können. Das Wort Rabbuni ist eine ehrfurchtsvolle Anrede, die mit „mein Meister“ oder „mein Lehrer“ wiedergegeben werden kann. Sie bringt persönliche Achtung zum Ausdruck und unterscheidet sich von einer bloß distanzierten Bezeichnung. Bartimäus hatte Jesus zuvor als Sohn Davids angerufen. Nun spricht er ihn unmittelbar an und nennt sein konkretes Anliegen. Der messianische Titel und die persönliche Anrede stehen nicht gegeneinander. Er verbindet die Hoffnung auf Jesu besondere Vollmacht mit dem Vertrauen, dass dieser sich gerade seiner Not zuwenden wird.

Seine Bitte ist klar und ohne zusätzliche Forderungen. Er möchte sehen können. Die Schlachter 1951 formuliert, dass er „wieder sehend“ werden möchte. Das griechische Verb kann das Wiedererlangen des Augenlichts bezeichnen, aber auch allgemeiner für das Sehendwerden verwendet werden. Aus dieser Formulierung allein lässt sich deshalb nicht mit letzter Sicherheit erschließen, ob Bartimäus früher einmal sehen konnte und erst später erblindete. Markus erzählt weder die Ursache noch den Zeitpunkt seiner Blindheit. Im Mittelpunkt steht vielmehr die gegenwärtige Not des Mannes und sein Vertrauen auf Jesu Fähigkeit, diese zu überwinden.

Jesu Antwort ist kurz, aber von großer Bedeutung: „Gehe hin; dein Glaube hat dir geholfen!“ (Markus 10,52). Anders als bei manchen anderen Heilungen berichtet Markus hier nicht, dass Jesus den Kranken berührt, ihm die Hände auflegt oder eine besondere äußerliche Handlung vollzieht. Jesus spricht ein Wort, und die Heilung geschieht. Damit tritt seine Vollmacht besonders deutlich hervor. Der Bettler ist nicht auf eine bestimmte Heilungsmethode angewiesen. Entscheidend ist die Macht Jesu, der ihm das Augenlicht wiedergeben kann.

Die Formulierung über den Glauben verdient eine genauere Betrachtung. Das zugrunde liegende griechische Verb sōzō besitzt im Neuen Testament einen breiten Bedeutungsbereich. Es kann von Rettung aus einer Gefahr, von körperlicher Heilung und auch vom Heil im umfassenden geistlichen Sinn sprechen. In Markus 10,52 ist die unmittelbare Bedeutung durch den Zusammenhang klar bestimmt: Bartimäus wird von seiner Blindheit geheilt. Die Schlachter 1951 gibt den Satz deshalb mit „dein Glaube hat dir geholfen“ wieder. Andere Übersetzungen verwenden Formulierungen wie „dein Glaube hat dich gerettet“ oder „dein Glaube hat dich geheilt“. Diese unterschiedlichen Wiedergaben greifen verschiedene Aspekte desselben griechischen Wortes auf. Der weitere Zusammenhang lässt zugleich eine geistliche Bedeutung erkennen, weil Bartimäus nicht nur geheilt wird, sondern Jesus anschließend nachfolgt. Dennoch darf die körperliche Heilung nicht in eine bloß bildliche Aussage über geistliche Erleuchtung aufgelöst werden. Markus berichtet ausdrücklich, dass der Mann tatsächlich sehen kann.

Wenn Jesus den Glauben des Bartimäus hervorhebt, bedeutet dies nicht, dass der Glaube selbst eine eigenständige heilende Kraft besäße. Bartimäus wird nicht durch die Stärke seiner Gefühle oder durch die besondere Lautstärke seiner Stimme gesund. Sein Glaube richtet sich auf Jesus. Er vertraut darauf, dass Jesus Erbarmen hat und ihm helfen kann. Die Heilung wird durch die Vollmacht Christi möglich, während der Glaube die vertrauensvolle Hinwendung zu ihm bezeichnet. Diese Unterscheidung ist wesentlich. Andernfalls könnte der Eindruck entstehen, ein Mensch müsse lediglich genügend Glaubenskraft entwickeln, um jede Krankheit überwinden zu können. Das wäre weder die Aussage dieses Abschnitts noch die gesamte Lehre der Bibel.

Ebenso wenig lässt sich aus der Heilung des Bartimäus die allgemeine Regel ableiten, jeder aufrichtig glaubende Mensch müsse bereits im gegenwärtigen Leben von jeder körperlichen Beeinträchtigung geheilt werden. Das Neue Testament berichtet auch von treuen Gläubigen, die weiterhin körperliche Schwächen oder Krankheiten ertragen mussten. Paulus beschreibt beispielsweise ein schweres Leiden, dessen Wegnahme er mehrfach von Gott erbat, ohne dass ihm diese Bitte in der gewünschten Weise erfüllt wurde (2. Korinther 12,7–10). Sein Glaube wird dadurch nicht grundsätzlich infrage gestellt. Die Begegnung mit Bartimäus zeigt, dass Jesus die Macht besitzt, einen Blinden zu heilen, und dass sich der Mann vertrauensvoll an ihn wenden durfte. Sie berechtigt jedoch nicht dazu, kranken Menschen mangelnden Glauben vorzuwerfen, wenn die von ihnen erbetene Heilung ausbleibt. Gottes Fürsorge ist nicht auf eine einzige Form sichtbarer Hilfe begrenzt.

Markus berichtet, dass Bartimäus sofort wieder sehen kann. Die Heilung erfolgt unmittelbar nach Jesu Wort und wird nicht als allmähliche Besserung beschrieben. Dadurch unterscheidet sich die Begebenheit von einer früheren Blindenheilung in Bethsaida (Markus 8,22–26). Dort hatte Jesus einen blinden Mann zunächst berührt, worauf dieser Menschen noch undeutlich wahrnahm. Erst nach einer weiteren Berührung konnte er klar sehen. Bei Bartimäus dagegen genügt das Wort Jesu, und die Wiederherstellung des Augenlichts geschieht augenblicklich. Die unterschiedlichen Abläufe zeigen, dass Jesu heilende Vollmacht nicht an eine einheitliche äußere Vorgehensweise gebunden ist. Der Text bietet keinen Anlass, daraus unterschiedliche Stufen göttlicher Macht abzuleiten. Beide Berichte bezeugen, dass Jesus Menschen das Augenlicht schenken kann.

Die Stellung dieser beiden Blindenheilungen innerhalb des Markusevangeliums ist bemerkenswert. Die Heilung in Bethsaida steht unmittelbar vor dem Bekenntnis des Petrus und der ersten ausführlichen Leidensankündigung Jesu. Die Heilung des Bartimäus bildet nun den Abschluss der Wegstrecke, auf der Jesus seinen Jüngern wiederholt sein bevorstehendes Leiden erklärt hat. Zwischen beiden Ereignissen wird deutlich, wie schwer es den Jüngern fällt, seinen Auftrag zu verstehen. Sie erkennen ihn zwar als Christus, können seine Worte über Leiden und Kreuz aber zunächst nur unvollständig einordnen. Vor diesem Hintergrund erhält die Heilung des Bartimäus eine zusätzliche erzählerische Bedeutung. Ein körperlich blinder Mensch wird sehend und folgt Jesus auf seinem Weg, während diejenigen, die ihm bereits längere Zeit nachfolgen, sein Wesen und seinen Auftrag noch immer besser verstehen lernen müssen.

Diese Verbindung darf allerdings nicht so weit getrieben werden, dass die konkrete Heilung nur noch als verschlüsseltes Gleichnis über die Unwissenheit der Jünger erscheint. Bartimäus ist kein bloßes Symbol. Er ist ein Mensch, dessen tatsächliche Not Jesus begegnet und dem er hilft. Dennoch lässt Markus durch die Anordnung seiner Erzählung einen bedeutsamen Zusammenhang erkennen. Das Sehen kann in der Bibel auch mit dem Erkennen geistlicher Wahrheit verbunden sein. Wenn Jesaja davon spricht, dass die Augen der Blinden geöffnet werden sollen, gehört dies zu einer umfassenden Verheißung göttlicher Rettung und Wiederherstellung (Jesaja 35,5–6). Ebenso wird der kommende Knecht des HERRN in Jesaja 42,6–7 mit dem Auftrag verbunden, blinde Augen zu öffnen und Menschen aus ihrer Gebundenheit zu befreien. Solche Verheißungen helfen zu verstehen, weshalb die Heilungen Jesu im größeren Zusammenhang seines messianischen Wirkens Bedeutung besitzen. Sie zeigen Gottes Zuwendung zu Menschen, deren Lebensmöglichkeiten schwer eingeschränkt sind, und verweisen zugleich auf die umfassende Erneuerung, die mit seinem Heil verbunden ist.

Eine weitere wichtige Beobachtung ergibt sich aus dem Verhalten Jesu gegenüber Bartimäus. Weder der Evangelist noch Jesus selbst stellen seine Blindheit als Beweis einer besonderen persönlichen Sünde dar. Der Text enthält keinen Hinweis darauf, dass Bartimäus wegen einer konkreten Verfehlung erblindet wäre. Die Bibel warnt an anderer Stelle ausdrücklich davor, aus einem körperlichen Leiden unmittelbar auf besondere Schuld zu schließen. Als die Jünger Jesus nach einem blind geborenen Mann fragen, wer gesündigt habe, weist er ihre vereinfachende Verbindung zwischen Blindheit und persönlicher Schuld zurück (Johannes 9,1–3). Auch im Bericht über Bartimäus liegt der Schwerpunkt nicht auf einer vermuteten Ursache seines Leidens, sondern auf der Barmherzigkeit Jesu. Der Mann muss seine Würdigkeit nicht beweisen, bevor Jesus ihn zu sich ruft.

Besonders auffällig ist schließlich das Ende der Erzählung. Nachdem Jesus Bartimäus erklärt hat, dass sein Glaube ihm geholfen hat, sagt er zu ihm, er solle hingehen. Markus berichtet jedoch nicht, dass der Geheilte einfach zu seinem bisherigen Platz zurückkehrt oder sich von Jesus verabschiedet. Stattdessen folgt Bartimäus ihm auf dem Weg (Markus 10,52). Diese letzte Aussage ist für den Aufbau des gesamten Kapitels von großer Bedeutung. Der Mann hatte zunächst blind am Weg gesessen. Nun kann er sehen und bewegt sich mit Jesus auf dem Weg weiter. Seine Situation hat sich damit in zweifacher Hinsicht verändert. Er besitzt das Augenlicht wieder, und er schließt sich Jesus an.

Die Formulierung „auf dem Wege“ gewinnt im Markusevangelium eine besondere Bedeutung. Seit dem Bekenntnis des Petrus ist der Weg Jesu zunehmend mit seinen Ankündigungen von Leiden und Auferstehung verbunden (Markus 8,27–31). Unterwegs hat er seine Jünger über wahre Größe, über die Nachfolge und über den kommenden Tod des Menschensohnes belehrt. Nun endet diese Erzählstrecke mit einem Menschen, der Jesus tatsächlich auf diesem Weg folgt. Das ist mehr als die Feststellung, dass Bartimäus sich nach seiner Heilung in dieselbe Richtung bewegt. Im Zusammenhang des Evangeliums erhält sein Verhalten den Charakter einer Nachfolgeantwort. Jesus hat ihm geholfen, und der Geheilte bleibt nicht bei der empfangenen Gabe stehen, sondern geht mit demjenigen weiter, der sie ihm geschenkt hat.

Dadurch entsteht zugleich ein bemerkenswerter Gegensatz zur Begegnung mit dem reichen Mann. Beide wenden sich an Jesus, beide erhalten eine persönliche Antwort und beide stehen vor der Frage, wie sie auf ihn reagieren. Der reiche Mann besitzt viele Güter und möchte das ewige Leben erlangen, kann sich jedoch in diesem Augenblick nicht dazu entschließen, Jesu Ruf zur Nachfolge anzunehmen. Bartimäus besitzt offensichtlich weit weniger äußere Sicherheit und bittet zunächst nur um Erbarmen. Nachdem Jesus ihm geholfen hat, folgt er ihm nach. Der Unterschied besteht nicht darin, dass Armut einen Menschen automatisch gläubig und Reichtum grundsätzlich ungläubig machen würde. Das Kapitel selbst hat bereits deutlich gezeigt, dass Gottes Rettung nicht von menschlichen Voraussetzungen abhängt. Entscheidend sind vielmehr die unterschiedlichen Antworten auf Jesu Zuwendung. Der eine geht traurig fort, der andere folgt ihm auf dem Weg.

Dabei bleibt auch beim Geheilten manches offen. Markus berichtet nicht, wie lange Bartimäus Jesus begleitete, welche weiteren Ereignisse er persönlich miterlebte oder welche Aufgaben er später übernahm. Es wäre deshalb unbegründet, ihn ohne weitere Belege zu einem Angehörigen des engeren Apostelkreises zu erklären. Was der Evangelist ausdrücklich festhält, reicht jedoch aus, um die Bedeutung seiner Entscheidung zu erkennen. Bartimäus empfängt das Augenlicht und folgt Jesus nach. Die Erzählung endet nicht allein mit der Wiederherstellung seiner körperlichen Fähigkeiten, sondern mit einer Bewegung, die ihn mit Christus verbindet.

Gerade dadurch erhält die Begegnung ihre abschließende geistliche Tiefe. Bartimäus hatte den Weg Jesu zunächst nicht sehen können, aber er hatte von ihm gehört und sich vertrauensvoll an ihn gewandt. Die Menschen um ihn herum wollten ihn zum Schweigen bringen, doch er hielt an seiner Bitte fest. Als Jesus ihn rief, stand er auf und kam zu ihm. Nachdem er geheilt worden war, nutzte er seine neu gewonnene Fähigkeit, Jesus auf dessen Weg zu folgen. Sein Verhalten zeigt, wie aus dem Hören auf Jesus, dem Vertrauen zu ihm und dem Empfang seiner Hilfe eine wirkliche Nachfolge erwachsen kann.

Die Begegnung offenbart zugleich etwas Wesentliches über Jesus selbst. Er ist auf dem Weg zu seinem bevorstehenden Leiden, lässt sich jedoch durch die Not eines einzelnen Menschen aufhalten. Die große Aufgabe, die vor ihm liegt, macht ihn nicht unzugänglich für die Bitte eines Bettlers. Seine Vollmacht zeigt sich nicht nur darin, dass er das Augenlicht wiederherstellen kann, sondern auch in der Art, wie er dem Menschen begegnet. Er hört den Ruf, den andere unterdrücken möchten, lässt den Blinden zu sich kommen und nimmt sein Anliegen ernst. Die Barmherzigkeit, mit der Jesus Bartimäus begegnet, gehört zu demselben Wesen seiner Sendung, das er unmittelbar zuvor beschrieben hat: Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.

So schließt Markus das zehnte Kapitel mit einem Menschen, der nicht nach Macht, Besitz oder besonderer Ehre verlangt, sondern Jesus um Erbarmen bittet und ihm anschließend folgt. Auf dem Weg nach Jerusalem hat Jesus erklärt, wie schwer es Menschen fällt, ihre bisherigen Sicherheiten loszulassen und Gottes Reich vertrauensvoll anzunehmen. Bartimäus zeigt nun in einer konkreten Begegnung, wie eine solche Antwort aussehen kann. Er hört, vertraut, empfängt und folgt nach. Damit endet die letzte große Wegstrecke vor Jerusalem nicht mit einem Streit über Rang und Vorrang, sondern mit dem Bild eines geheilten Menschen, der sich Jesus anschließt. Als die Erzählung im folgenden Kapitel mit Jesu Einzug in Jerusalem fortgesetzt wird, bleibt dieser Gedanke bestehen: Entscheidend ist nicht, welche Stellung ein Mensch für sich beansprucht, sondern ob er Jesus erkennt, sich seiner Barmherzigkeit anvertraut und bereit ist, ihm auf seinem Weg zu folgen.

Geistliche Kernbotschaft

Gottes Reich stellt den Menschen vor eine grundlegende Entscheidung: Will er sein Leben nach den Maßstäben dieser Welt gestalten, oder ist er bereit, sich von Jesus zeigen zu lassen, was vor Gott wirklich zählt? Markus 10 macht deutlich, dass zwischen diesen beiden Wegen ein tiefer Unterschied besteht. Menschen suchen nach rechtlichen Möglichkeiten, ihre eigenen Wünsche durchzusetzen, nach Sicherheit durch Besitz oder nach einer Stellung, die ihnen Anerkennung verschafft. Jesus richtet ihren Blick dagegen auf Gottes ursprünglichen Willen, auf das vertrauensvolle Empfangen seiner Gnade und auf eine Liebe, die bereit ist, anderen zu dienen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viel ein Mensch besitzt, wie angesehen er ist oder welche religiösen Leistungen er vorweisen kann. Entscheidend ist, welchen Platz Gott in seinem Leben einnimmt und ob er bereit ist, seinem Willen zu vertrauen.

Dabei zeigt das Kapitel, dass Gottes Wille nicht allein durch äußere Regeln verstanden werden kann. Die Gebote Gottes besitzen bleibende Bedeutung, doch ihr Ziel erschöpft sich nicht darin, bestimmte Handlungen zu erlauben oder zu verbieten. Sie schützen Beziehungen, bewahren die Würde des Menschen und weisen auf ein Leben hin, das von Liebe und Treue geprägt ist. Deshalb führt Jesus die Frage nach der Ehescheidung auf die Schöpfung zurück. Ebenso zeigt er dem reichen Mann, dass die Kenntnis und äußerliche Beachtung der Gebote noch nicht jede innere Bindung überwunden haben. Ein Mensch kann sich um ein richtiges Leben bemühen und dennoch an etwas festhalten, das ihn hindert, Gottes Ruf uneingeschränkt zu folgen. Wahrer Gehorsam beginnt dort, wo der Mensch nicht nur einzelne Vorschriften anerkennt, sondern Gott die Führung über seine Wünsche, Entscheidungen und Beziehungen überlässt.

Eine besonders wichtige Wahrheit liegt in der Art, wie Jesus den Menschen begegnet. Er nimmt Kinder an, denen andere seine Aufmerksamkeit verwehren möchten. Er blickt den reichen Mann liebevoll an, obwohl dieser schließlich traurig fortgeht. Er hört den Ruf des blinden Bartimäus, den die Menge zum Schweigen bringen will. Seine Zuwendung hängt weder von gesellschaftlichem Ansehen noch von wirtschaftlichen Möglichkeiten oder religiöser Selbstsicherheit ab. Niemand muss erst eine hohe Stellung erreichen, um für Jesus wertvoll zu sein. Zugleich bedeutet seine Liebe nicht, dass er den Menschen jede notwendige Veränderung erspart. Gerade weil Jesus den reichen Mann liebt, spricht er offen über das, was ihm fehlt. Gottes Liebe nimmt den Menschen an und ruft ihn zugleich aus Bindungen heraus, die seinem Leben unter Gottes Herrschaft entgegenstehen.

Darin zeigt sich ein wesentliches Merkmal des Evangeliums: Gottes Gnade ist keine Belohnung für menschliche Überlegenheit. Sie wird Menschen geschenkt, die auf seine Hilfe angewiesen sind. Jesus erklärt seinen Jüngern, dass das Reich Gottes wie ein Kind empfangen werden muss. Später führt er sie zu der noch tieferen Erkenntnis, dass die Rettung des Menschen mit menschlichen Mitteln unmöglich ist, bei Gott aber möglich bleibt. Diese beiden Aussagen gehören zusammen. Der Mensch kann sich das ewige Leben nicht durch Besitz, Ansehen oder religiöse Leistungen sichern. Er kann es nur aus Gottes Hand empfangen. Das macht verantwortliches Handeln nicht bedeutungslos. Vielmehr erhält Gehorsam dadurch seinen richtigen Platz: Er ist nicht der Kaufpreis der Erlösung, sondern die Antwort eines Menschen, der Gottes Güte erkennt und sich von ihm verändern lässt.

Eine solche Veränderung betrifft besonders das Verhältnis zu dem, worauf Menschen ihre Sicherheit gründen. Reichtum kann wertvolle Möglichkeiten eröffnen und zur Hilfe für andere eingesetzt werden. Er kann jedoch auch die Vorstellung fördern, der Mensch könne sein Leben unabhängig von Gott absichern. Der reiche Mann macht sichtbar, wie schwer es werden kann, einer solchen Bindung zu entkommen. Sein Besitz war ihm so wichtig geworden, dass er dem persönlichen Ruf Jesu in diesem Augenblick nicht folgen konnte. Die geistliche Gefahr besteht nicht allein darin, viele Güter zu besitzen, sondern darin, dass diese Güter einen Platz einnehmen, der Gott zusteht. Zugleich darf diese Warnung nicht auf ein bloß inneres Gefühl reduziert werden. Wer seinen Besitz Gottes Willen unterordnet, muss auch bereit sein, damit anderen zu helfen und auf Vorteile zu verzichten, die mit Gerechtigkeit und Liebe unvereinbar sind.

Markus 10 zeigt außerdem, dass die Nachfolge Jesu nicht nach menschlichen Vorstellungen von Erfolg beurteilt werden darf. Die Jünger haben vieles verlassen und möchten wissen, welche Zukunft sie erwartet. Jesus verheißt ihnen Gottes Fürsorge und das ewige Leben, verschweigt aber weder Verluste noch Verfolgungen. Die Beziehung zu Christus befreit nicht automatisch von Schwierigkeiten. Sie gibt dem Leben vielmehr eine neue Grundlage, die auch dann Bestand haben kann, wenn äußere Sicherheiten verloren gehen. Gottes Treue wird nicht dadurch widerlegt, dass ein Mensch um des Evangeliums willen Ablehnung erfährt. Gleichzeitig macht die Verheißung zukünftiger Herrlichkeit gegenwärtiges Leid nicht bedeutungslos. Jesus selbst nimmt das Leiden ernst. Seine Nachfolger dürfen deshalb sowohl auf seine Hilfe vertrauen als auch ihre Not ehrlich vor ihn bringen.

Der tiefste Gedanke des Kapitels liegt jedoch in der Person Jesu selbst. Während seine Jünger noch nach besonderen Ehrenplätzen fragen, geht er bewusst seinem Leiden entgegen. Er kennt die bevorstehende Erniedrigung und den Tod, lässt sich aber nicht von seinem Auftrag abbringen. Schließlich erklärt er, dass der Menschensohn gekommen ist, um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben. Damit wird deutlich, weshalb das Reich Gottes andere Maßstäbe besitzt als menschliche Herrschaftsordnungen. Jesus fordert nicht nur selbstlose Liebe; er offenbart sie in ihrer vollkommenen Gestalt. Seine königliche Würde zeigt sich nicht darin, dass er Menschen zu seinem eigenen Vorteil unterwirft, sondern darin, dass er sich für ihre Rettung hingibt.

Sein Opfer unterscheidet sich dabei grundlegend von allem, was seine Nachfolger für andere tun können. Menschen können einander helfen, füreinander sorgen und große Opfer aus Liebe bringen. Sie können jedoch niemanden aus eigener Kraft von der Schuld der Sünde erlösen. Das Lösegeld, von dem Jesus spricht, ist seine eigene Lebenshingabe. Hier begegnen sich Gottes Gerechtigkeit und seine rettende Liebe. Die Sünde wird nicht verharmlost, und die menschliche Schuld wird nicht als unbedeutend behandelt. Zugleich lässt Gott den Menschen nicht ohne Hoffnung. In Christus handelt er selbst, um die Rettung zu ermöglichen, die der Mensch nicht hervorbringen kann. Deshalb steht im Mittelpunkt des Kapitels letztlich nicht die Forderung, dass Menschen sich durch besondere Opfer als würdig erweisen müssten, sondern die unverdiente Hingabe dessen, der gekommen ist, sie zu retten.

Aus dieser Hingabe ergibt sich ein neues Verständnis wahrer Größe. Wer Jesus nachfolgt, soll nicht danach streben, möglichst viele Menschen unter sich zu haben, sondern bereit sein, Verantwortung für andere zu übernehmen. Das bedeutet keine Geringschätzung der eigenen Würde und keine Rechtfertigung von Unterdrückung. Es bedeutet, Macht, Fähigkeiten und Einfluss nicht zur Selbstüberhöhung einzusetzen. Der Dienst Jesu ist freiwillig, von Liebe bestimmt und auf das Wohl anderer gerichtet. Gerade darin wird seine Größe sichtbar. Seine Nachfolger sollen lernen, anderen mit derselben Grundhaltung zu begegnen, statt aus ihrer Stellung Ansprüche auf besondere Behandlung abzuleiten.

So führt Markus 10 zu einer Hoffnung, die zugleich demütig und zuversichtlich macht. Demütig, weil kein Mensch sich aufgrund seiner Verdienste über andere erheben kann. Zuversichtlich, weil Gottes Möglichkeiten dort nicht enden, wo menschliche Kraft versagt. Wer Jesus vertraut, muss weder seine Bedürftigkeit verbergen noch seine Rettung selbst bewirken. Er darf seine Barmherzigkeit empfangen und lernen, ihm zu folgen. Das Ziel dieser Nachfolge besteht nicht in der Vergrößerung des eigenen Ansehens, sondern in einer immer tieferen Gemeinschaft mit Christus, dessen Liebe das Herz verändert und dessen Hingabe den Weg zum ewigen Leben eröffnet.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Die Aussagen über Ehe und Treue in Markus 10,6–9 stehen in unmittelbarer Verbindung mit dem Schöpfungsbericht in 1. Mose 1,27 und 2,24. Jesus führt die Ehe auf Gottes ursprüngliche Absicht zurück, nach der Mann und Frau in einer verbindlichen Lebensgemeinschaft zusammengehören. Diese Grundlage greift Paulus in Epheser 5,21–33 auf. Er verbindet die Ehe mit der Liebe Christi zu seiner Gemeinde und fordert die Ehepartner zu einem Umgang auf, der von Liebe, Achtung und Verantwortung geprägt ist. Besonders deutlich wird dabei, dass christliche Ehe nicht als Recht zur selbstsüchtigen Machtausübung verstanden werden darf. Christus liebt seine Gemeinde und gibt sich für sie hin. Die Verbindung zu Markus 10 zeigt deshalb, dass eheliche Treue mehr bedeutet als das bloße Aufrechterhalten einer äußeren Ordnung. Sie soll Ausdruck einer Liebe sein, die den anderen Menschen ernst nimmt und sein Wohl sucht. Für schwierige Fragen von Trennung und Wiederheirat müssen darüber hinaus Matthäus 19,3–12 und 1. Korinther 7,10–16 berücksichtigt werden. Diese Texte ergänzen die grundlegende Schöpfungsordnung um Aussagen zu konkreten Situationen, ohne ihren Wert aufzuheben.

Eine zweite Verbindung besteht zwischen Jesu Annahme der Kinder und seiner früheren Unterweisung in Markus 9,33–37. Dort hatte Jesus ein Kind in die Mitte seiner Jünger gestellt, nachdem sie darüber gestritten hatten, wer der Größte sei. In Markus 10,13–16 wird dieser Gedanke weitergeführt: Das Kind ist nicht nur ein Mensch, den die Jünger aufnehmen sollen, sondern wird zum Beispiel dafür, wie Gottes Reich empfangen werden muss. Matthäus 18,3–4 verbindet diesen Gedanken ausdrücklich mit Umkehr und Demut. Ein Mensch soll nicht kindisch oder gedankenlos werden, sondern seine vermeintliche Selbstgenügsamkeit aufgeben und sich Gottes Führung anvertrauen. Die Verbindung dieser Stellen zeigt, dass Demut im Reich Gottes nicht eine nebensächliche Tugend ist. Sie gehört zur grundlegenden Haltung des Menschen gegenüber seinem Schöpfer. Niemand kommt aufgrund eigener Größe zu Gott; jeder ist darauf angewiesen, von ihm angenommen zu werden.

Die Begegnung mit dem reichen Mann steht in einer engen Beziehung zu 5. Mose 8,11–18. Dort wird Israel gewarnt, im Wohlstand Gott zu vergessen und die eigenen Güter ausschließlich der eigenen Kraft zuzuschreiben. Markus 10,17–27 zeigt an einem einzelnen Menschen, welche Macht eine solche Bindung gewinnen kann. Diese Linie wird in 1. Timotheus 6,17–19 weitergeführt. Paulus fordert wohlhabende Christen auf, nicht hochmütig zu werden und ihre Hoffnung nicht auf den unsicheren Reichtum zu setzen, sondern auf Gott. Zugleich verlangt er konkrete Großzügigkeit und Bereitschaft zum Teilen. Damit entsteht ein ausgewogenes Gesamtbild: Besitz ist nicht grundsätzlich Sünde, aber er kann zur geistlichen Gefahr werden und verpflichtet zu verantwortlichem Handeln. Jakobus 5,1–6 ergänzt diese persönliche Warnung um die Frage wirtschaftlicher Gerechtigkeit. Dort werden insbesondere Menschen verurteilt, die ihren Reichtum durch ungerechtes Verhalten gegenüber anderen sichern. Die biblische Reichtumslehre fragt deshalb sowohl nach dem Vertrauen des Herzens als auch nach der Herkunft und Verwendung des Vermögens.

Eine aufschlussreiche Ergänzung zur Begegnung mit dem reichen Mann findet sich in Lukas 19,1–10. Dort berichtet Lukas von Zachäus, einem wohlhabenden Oberzöllner, der Jesus begegnet. Auch hier verbindet sich die persönliche Zuwendung Jesu mit der Frage, welchen Platz der Besitz im Leben eines Menschen einnimmt. Zachäus spricht von großzügiger Hilfe für Arme und von Wiedergutmachung dort, wo Menschen geschädigt wurden. Ob seine Worte in Lukas 19,8 vollständig als Ankündigung neuer Handlungen oder teilweise als Beschreibung bereits bestehender Praxis zu verstehen sind, wird unterschiedlich beurteilt. In jedem Fall macht die Erzählung deutlich, dass die Begegnung mit Jesus nicht ohne Bedeutung für das wirtschaftliche Verhalten eines Menschen bleibt. Vor allem zeigt sie, dass Reichtum die Möglichkeit der Rettung nicht grundsätzlich ausschließt. Das entspricht Jesu Aussage in Markus 10,27: Was für Menschen unmöglich ist, bleibt bei Gott möglich.

Die dritte Leidensankündigung und das Wort vom Lösegeld erhalten besondere Tiefe durch Jesaja 52,13–53,12. Dort wird ein Knecht des HERRN beschrieben, dessen Leiden anderen zugutekommt. Er trägt Schuld, wird verworfen und gibt sein Leben hin, während Gott durch sein Leiden vielen Gerechtigkeit eröffnet. Markus 10,45 greift diesen Zusammenhang auf, wenn Jesus erklärt, dass der Menschensohn sein Leben als Lösegeld für viele geben wird. Beide Texte verbinden die Hingabe eines Einzelnen mit der Rettung vieler. Eine weitere wichtige Ergänzung bietet 1. Timotheus 2,5–6, wo Christus als der eine Mittler zwischen Gott und Menschen beschrieben wird, der sich selbst als Lösegeld für alle gegeben hat. Hebräer 9,11–15 entfaltet die einzigartige Bedeutung seines Opfers und seines Mittlerdienstes. Die Verbindung dieser Stellen zeigt, dass Jesu Tod nicht bloß als Beispiel menschlicher Leidensbereitschaft verstanden werden darf. Sein Opfer besitzt eine erlösende Bedeutung, die kein anderer Mensch durch sein eigenes Leiden ersetzen oder ergänzen kann.

Zugleich verbindet Markus 10 zwei alttestamentliche Erwartungslinien, die zunächst unterschiedlich erscheinen. Daniel 7,13–14 beschreibt einen wie eines Menschen Sohn, dem Herrschaft, Herrlichkeit und ein unvergängliches Reich gegeben werden. Jesaja 53 spricht dagegen von einem verachteten und leidenden Knecht. Jesus bezeichnet sich als Menschensohn und erklärt zugleich, dass er leiden und sein Leben hingeben wird. In ihm begegnen sich damit königliche Würde und freiwillige Erniedrigung. Diese Verbindung wird in Philipper 2,5–11 weiter entfaltet. Paulus beschreibt dort Christus, der sich erniedrigte und gehorsam wurde bis zum Tod am Kreuz, worauf Gott ihn erhöhte. Die geistliche Bedeutung für Markus 10 liegt darin, dass Jesu Herrlichkeit nicht von seiner dienenden Hingabe getrennt werden kann. Seine Herrschaft ist nicht das Gegenteil seiner Liebe, sondern offenbart sich gerade durch sie.

Auch die Heilung des Bartimäus steht in einem größeren biblischen Zusammenhang. Jesaja 35,5–6 verheißt, dass bei Gottes rettendem Eingreifen die Augen der Blinden geöffnet und die Ohren der Tauben aufgetan werden. Jesaja 42,6–7 verbindet den Auftrag des Knechtes Gottes ebenfalls mit der Öffnung blinder Augen und der Befreiung gebundener Menschen. Diese Aussagen helfen, Jesu Heilungswunder als Zeichen seiner messianischen Sendung zu verstehen. Die körperliche Heilung bleibt dabei eine wirkliche Hilfe für einen leidenden Menschen und darf nicht in eine bloße Sinnbildsprache aufgelöst werden. Zugleich eröffnet sie einen weiteren Blick auf die Nachfolge. In Johannes 9,35–38 führt die Heilung eines Blindgeborenen zu einer Begegnung, in der der Geheilte Jesus zunehmend erkennt und sich zu ihm bekennt. Bartimäus folgt Jesus nach der Heilung auf dem Weg. In beiden Erzählungen reicht die Bedeutung des Geschehens über die Wiederherstellung des Augenlichts hinaus: Die Menschen begegnen demjenigen, der ihnen hilft, und antworten auf seine Zuwendung mit Vertrauen.

Schließlich verbinden Apostelgeschichte 2,44–47 und 4,32–35 die Verheißung Jesu über den hundertfältigen Empfang mit dem späteren Leben der Gemeinde. Markus 10,29–30 kündigt neue Beziehungen und Versorgung für Menschen an, die um Christi willen bisherige Sicherheiten verlieren. Die Apostelgeschichte beschreibt, wie Glaubende einander aufnehmen, ihre Mittel teilen und für Bedürftige sorgen. Damit wird erkennbar, dass Jesu Verheißung nicht ausschließlich auf unsichtbare geistliche Segnungen bezogen werden darf. Gottes Fürsorge gewinnt innerhalb der Gemeinschaft seiner Nachfolger konkrete Gestalt. Gleichzeitig bleibt die Einschränkung aus Markus 10,30 bestehen: Diese neue Zugehörigkeit wird ausdrücklich „unter Verfolgungen“ verheißen. Die Gemeinde ist deshalb nicht dazu berufen, ein Leben ohne Schwierigkeiten zu versprechen, sondern Menschen auch in ihren Schwierigkeiten beizustehen.

Wichtige Lektionen

Wer Gottes Willen erkennen möchte, sollte nicht nur danach fragen, was ihm gerade noch erlaubt ist. Die Frage der Pharisäer nach der Scheidung zeigt, wie leicht religiöse Regeln benutzt werden können, um persönliche Wünsche zu rechtfertigen. Jesus fordert dazu heraus, tiefer zu fragen: Welches Ziel verfolgt Gott mit seinen Geboten, und wie kann dieses Ziel im eigenen Verhalten sichtbar werden? Für Beziehungen bedeutet das, Treue und Verantwortung nicht erst dann ernst zu nehmen, wenn Schwierigkeiten entstehen. Wer seinem Ehepartner mit Achtung begegnet, Konflikte ehrlich anspricht und bereit ist, eigene Fehler einzugestehen, handelt im Sinne einer Verbindung, die nicht von Selbstsucht, sondern von gegenseitiger Verantwortung getragen werden soll. Wo jedoch Gewalt oder schwere Gefährdung bestehen, darf das Gebot der Treue nicht zur Rechtfertigung weiterer Misshandlung missbraucht werden. Der Schutz des betroffenen Menschen muss ernst genommen werden.

Eine weitere Lektion betrifft den Umgang mit Menschen, die wenig gesellschaftliche Anerkennung besitzen. Die Jünger wollten Kinder zurückhalten, und später versuchte die Menge, einen blinden Bettler zum Schweigen zu bringen. In beiden Situationen handelte Jesus anders. Für das eigene Leben ergibt sich daraus eine konkrete Frage: Wem schenken wir Aufmerksamkeit, und wen übersehen wir? Kinder, ältere Menschen, Kranke, Menschen mit Behinderungen oder Personen in wirtschaftlicher Not dürfen nicht erst dann ernst genommen werden, wenn sie etwas leisten oder andere beeindrucken können. Wer sich am Verhalten Jesu orientiert, hört zu, nimmt Bedürfnisse wahr und bemüht sich, niemandem unnötige Hindernisse in den Weg zu stellen. Das kann bedeuten, einem Kind Zeit für seine Fragen zu geben, einem Hilfesuchenden geduldig zuzuhören oder einem Menschen beizustehen, den andere übergehen. Solche Handlungen sind keine Nebensache des Glaubens, sondern Ausdruck der Liebe, die Jesus vorlebt.

Besonders wichtig ist auch, sich der eigenen Abhängigkeit von Gottes Gnade bewusst zu bleiben. Der reiche Mann konnte auf ein ernsthaftes religiöses Leben zurückblicken, doch er musste erkennen, dass ihm noch etwas Entscheidendes fehlte. Deshalb sollte ein Mensch seine Beziehung zu Gott nicht allein daran messen, welche Regeln er äußerlich beachtet oder welche guten Leistungen er vorweisen kann. Eine ehrliche Selbstprüfung fragt ebenso danach, welche Wünsche und Bindungen das eigene Herz bestimmen. Gibt es etwas, das wichtiger geworden ist als Gottes Wille? Wird eine erkannte Verpflichtung immer wieder zurückgestellt, weil sie persönliche Nachteile mit sich bringen könnte? Solche Fragen sollen nicht zu ständiger Unsicherheit führen, sondern helfen, das eigene Leben offen vor Gott zu betrachten. Wer eine falsche Bindung erkennt, darf sie bekennen und Gott um die Kraft bitten, sich davon zu lösen.

Der Umgang mit Geld und Besitz verlangt dabei besondere Wachsamkeit. Vermögen kann zur Versorgung der Familie, zur Hilfe für Bedürftige und zur Unterstützung guter Aufgaben eingesetzt werden. Gleichzeitig kann sich ein Mensch so sehr auf finanzielle Sicherheit verlassen, dass Gott im praktischen Leben zunehmend an Bedeutung verliert. Deshalb ist es hilfreich, die eigenen Entscheidungen regelmäßig zu prüfen: Werden wirtschaftliche Vorteile wichtiger als Ehrlichkeit und Gerechtigkeit? Bleibt Raum für Großzügigkeit, oder wird jeder verfügbare Betrag ausschließlich zur Vergrößerung des eigenen Wohlstands eingesetzt? Werden Menschen, die wirtschaftlich weniger Möglichkeiten haben, mit Respekt behandelt? Markus 10 fordert nicht dazu auf, Besitz gedankenlos aufzugeben. Es macht jedoch deutlich, dass die Nachfolge Jesu auch konkrete Entscheidungen über den Gebrauch materieller Mittel einschließt.

Wer Verantwortung trägt, soll sie als Gelegenheit zum Dienen verstehen. Das gilt in der Familie, am Arbeitsplatz, in einer Gemeinde und überall dort, wo Menschen Einfluss auf andere besitzen. Die Worte Jesu über wahre Größe stellen die Frage, wofür diese Möglichkeiten eingesetzt werden. Dient eine Entscheidung vor allem dem eigenen Ansehen, oder berücksichtigt sie auch das Wohl der Betroffenen? Werden Menschen nur als Mittel zur Erreichung persönlicher Ziele behandelt, oder dürfen sie mit ihren Bedürfnissen und Anliegen ernst genommen werden? Wer leitet, muss deshalb nicht auf klare Entscheidungen verzichten. Er soll sie jedoch mit Gerechtigkeit, Rücksicht und Verantwortungsbewusstsein treffen. Dienen bedeutet nicht, jede Forderung anderer zu erfüllen. Es bedeutet, die eigene Stellung nicht zur Selbstüberhöhung oder zur Unterdrückung anderer zu verwenden.

Eine besondere Warnung liegt im Wunsch der Jünger nach den höchsten Ehrenplätzen. Selbst Menschen, die Jesus aufrichtig nachfolgen, können versucht sein, Anerkennung, Einfluss oder eine herausgehobene Stellung zu suchen. Religiöser Einsatz schützt nicht automatisch vor Ehrgeiz. Deshalb ist es wichtig, auch bei guten Aufgaben die eigenen Beweggründe zu prüfen. Eine Tätigkeit kann für andere wertvoll sein und dennoch zunehmend von dem Wunsch bestimmt werden, dafür bewundert zu werden. Jesu Unterweisung hilft, den Blick wieder auf die eigentliche Aufgabe zu richten. Nicht jede Arbeit wird öffentlich wahrgenommen, und nicht jeder Dienst führt zu einer angesehenen Stellung. Dennoch kann gerade das unscheinbare Handeln für einen einzelnen Menschen von großer Bedeutung sein. Der Wert eines Dienstes hängt nicht davon ab, wie viel Aufmerksamkeit er erhält.

Die Verheißung Jesu über den Lohn der Nachfolge ermutigt dazu, bei notwendigen Entscheidungen nicht ausschließlich den unmittelbaren Verlust zu betrachten. Wer seinem Gewissen und Gottes offenbartem Willen treu bleiben möchte, kann dadurch Nachteile erfahren. Manchmal verändert sich eine Beziehung, eine berufliche Möglichkeit geht verloren oder eine bisher vertraute Sicherheit steht nicht mehr zur Verfügung. Daraus folgt nicht, dass jede schwierige Entscheidung automatisch von Gott verlangt wird oder dass auftretender Widerstand stets die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges bestätigt. Persönliche Entscheidungen müssen weiterhin sorgfältig geprüft werden. Wo jedoch Gottes Wille klar erkannt ist, soll die Angst vor möglichen Nachteilen nicht zum entscheidenden Maßstab werden. Jesu Verheißung richtet den Blick auf eine größere Zukunft und auf die Fürsorge Gottes, die auch in schwierigen Umständen trägt.

Ebenso wichtig ist die Bereitschaft, innerhalb der Glaubensgemeinschaft Verantwortung füreinander zu übernehmen. Wer von der Verheißung neuer Brüder, Schwestern und Häuser spricht, sollte auch bereit sein, anderen solche Gemeinschaft erfahrbar zu machen. Das kann durch Gastfreundschaft, praktische Unterstützung, das Teilen vorhandener Mittel oder durch beständige Begleitung in schwierigen Lebenssituationen geschehen. Eine Gemeinde erfüllt ihren Auftrag nicht allein dadurch, dass sie über Gottes Liebe spricht. Diese Liebe soll im Umgang miteinander erkennbar werden. Menschen, die wegen ihres Glaubens Ablehnung erfahren oder in eine schwierige Lebenslage geraten, brauchen häufig mehr als allgemeine Ermutigung. Sie benötigen verlässliche Beziehungen und konkrete Hilfe. Die Verheißung Jesu wird dort besonders anschaulich, wo seine Nachfolger bereit sind, füreinander einzustehen.

Die Begegnung mit Bartimäus ermutigt schließlich dazu, die eigene Not nicht vor Jesus zu verbergen. Der blinde Mann konnte seine Situation nicht selbst verändern. Er hörte jedoch von Jesus und wandte sich vertrauensvoll an ihn. Daraus lässt sich für das Gebet lernen, dass Menschen ihre Bedürfnisse ehrlich vor Gott bringen dürfen. Es ist nicht notwendig, die eigene Schwäche hinter einer äußeren Fassade religiöser Stärke zu verstecken. Wer Hilfe braucht, darf darum bitten. Zugleich muss er Gott nicht vorschreiben, auf welche Weise diese Hilfe erfolgen soll. Vertrauen bedeutet, sich an ihn zu wenden und seine Güte ernst zu nehmen, auch wenn die Antwort anders ausfällt als erwartet. Der Glaube des Bartimäus bestand nicht darin, dass er seine Heilung selbst bewirkte, sondern darin, dass er sich auf Jesus verließ.

Sein Verhalten erinnert außerdem daran, dass die Begegnung mit Christus nicht beim Empfang einer erbetenen Hilfe enden sollte. Bartimäus erhielt sein Augenlicht und folgte Jesus auf dem Weg. Darin liegt eine wichtige Frage für jeden Glaubenden: Was geschieht, nachdem Gott geholfen, getröstet oder eine Tür geöffnet hat? Wird seine Güte lediglich als Lösung eines einzelnen Problems betrachtet, oder führt sie zu größerer Dankbarkeit, zu Vertrauen und zur Bereitschaft, seinem Willen zu folgen? Die Beziehung zu Christus ist mehr als die Hoffnung, in schwierigen Augenblicken Unterstützung zu erhalten. Sie umfasst das ganze Leben und verändert die Richtung, in der ein Mensch gehen möchte.

Über allen diesen Lektionen steht die Erkenntnis, dass der Mensch seine Rettung nicht selbst hervorbringen kann. Das Wissen um die eigenen Grenzen muss deshalb weder zur Verzweiflung noch zu einer passiven Haltung führen. Jesus hat ausdrücklich erklärt, dass bei Gott möglich ist, was Menschen nicht vermögen. Wer eigene Schuld, mangelnde Liebe oder eine tief verwurzelte falsche Bindung erkennt, darf sich deshalb an Gott wenden und um Erneuerung bitten. Zugleich bleibt er eingeladen, auf Gottes Wirken mit konkreten Schritten des Glaubens und Gehorsams zu antworten.

Der entscheidende Maßstab für diese Nachfolge ist Jesus selbst. Er hat den Menschen nicht nur gesagt, dass sie einander dienen sollen. Er ist ihnen in selbstloser Liebe begegnet und hat sein Leben für ihre Rettung hingegeben. Wer begreift, wie viel Christus für ihn getan hat, erhält einen neuen Grund, anderen Menschen mit Geduld, Achtung und Barmherzigkeit zu begegnen. So führt die Botschaft von Markus 10 nicht zu einer Religion des persönlichen Ansehens oder der selbst erworbenen Verdienste, sondern zu einem Leben aus der Gnade Gottes. Der Mensch darf Christus vertrauen, von ihm lernen und auf seinem Weg bleiben – in der Gewissheit, dass seine rettende Liebe größer ist als menschliche Schwäche und dass die von ihm verheißene Zukunft weit über alles hinausreicht, was diese Welt an Sicherheit und Anerkennung bieten kann.