3. Mose 16

Und der HERR redete mit Mose, nachdem die zwei Söhne Aarons gestorben waren, da sie vor dem HERRN opferten,

34 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Und der HERR redete mit Mose, nachdem die zwei Söhne Aarons gestorben waren, da sie vor dem HERRN opferten,
  2. 2 und sprach: Sage deinem Bruder Aaron, daß er nicht zu aller Zeit in das inwendige Heiligtum gehe hinter den Vorhang vor den Gnadenstuhl, der auf der Lade ist, daß er nicht sterbe; denn ich will in einer Wolke erscheinen auf dem Gnadenstuhl;
  3. 3 sondern damit soll er hineingehen: mit einem jungen Farren zum Sündopfer und mit einem Widder zum Brandopfer,
  4. 4 und soll den heiligen leinenen Rock anlegen und leinene Beinkleider an seinem Fleisch haben und sich mit einem leinenen Gürtel gürten und den leinenen Hut aufhaben, denn das sind die heiligen Kleider, und soll sein Fleisch mit Wasser baden und sie anlegen.
  5. 5 Und soll von der Gemeinde der Kinder Israel zwei Ziegenböcke nehmen zum Sündopfer und einen Widder zum Brandopfer.
  6. 6 Und Aaron soll den Farren, sein Sündopfer, herzubringen, daß er sich und sein Haus versöhne,
  7. 7 und darnach die zwei Böcke nehmen und vor den HERRN stellen vor der Tür der Hütte des Stifts,
  8. 8 und soll das Los werfen über die zwei Böcke: ein Los dem HERRN, das andere dem Asasel.
  9. 9 Und soll den Bock, auf welchen das Los des HERRN fällt, opfern zum Sündopfer.
  10. 10 Aber den Bock, auf welchen das Los für Asasel fällt, soll er lebendig vor den HERRN stellen, daß er über ihm versöhne, und lasse den Bock für Asasel in die Wüste.
  11. 11 Und also soll er denn den Farren seines Sündopfers herzubringen und sich und sein Haus versöhnen und soll ihn schlachten
  12. 12 und soll einen Napf voll Glut vom Altar nehmen, der vor dem HERRN steht, und die Hand voll zerstoßenen Räuchwerks und es hinein hinter den Vorhang bringen
  13. 13 und das Räuchwerk aufs Feuer tun vor dem HERRN, daß der Nebel vom Räuchwerk den Gnadenstuhl bedecke, der auf dem Zeugnis ist, daß er nicht sterbe.
  14. 14 Und soll von dem Blut des Farren nehmen und es mit seinem Finger auf den Gnadenstuhl sprengen vornean; vor den Gnadenstuhl aber soll er siebenmal mit seinem Finger vom Blut sprengen.
  15. 15 Darnach soll er den Bock, des Volkes Sündopfer, schlachten und sein Blut hineinbringen hinter den Vorhang und soll mit seinem Blut tun, wie er mit des Farren Blut getan hat, und damit auch sprengen auf den Gnadenstuhl und vor den Gnadenstuhl;
  16. 16 und soll also versöhnen das Heiligtum von der Unreinigkeit der Kinder Israel und von ihrer Übertretung in allen ihren Sünden. Also soll er auch tun der Hütte des Stifts; denn sie sind unrein, die umher lagern.
  17. 17 Kein Mensch soll in der Hütte des Stifts sein, wenn er hineingeht, zu versöhnen im Heiligtum, bis er herausgehe; und soll also versöhnen sich und sein Haus und die ganze Gemeinde Israel.
  18. 18 Und wenn er herausgeht zum Altar, der vor dem HERRN steht, soll er ihn versöhnen und soll vom Blut des Farren und vom Blut des Bocks nehmen und es auf des Altars Hörner umher tun;
  19. 19 und soll mit seinem Finger vom Blut darauf sprengen siebenmal und ihn reinigen und heiligen von der Unreinigkeit der Kinder Israel.
  20. 20 Und wenn er vollbracht hat das Versöhnen des Heiligtums und der Hütte des Stifts und des Altars, so soll er den lebendigen Bock herzubringen.
  21. 21 Da soll Aaron seine beiden Hände auf sein Haupt legen und bekennen auf ihn alle Missetat der Kinder Israel und alle ihre Übertretung in allen ihren Sünden, und soll sie dem Bock auf das Haupt legen und ihn durch einen Mann, der bereit ist, in die Wüste laufen lassen,
  22. 22 daß also der Bock alle ihre Missetat auf sich in eine Wildnis trage; und er lasse ihn in die Wüste.
  23. 23 Und Aaron soll in die Hütte des Stifts gehen und ausziehen die leinenen Kleider, die er anzog, da er in das Heiligtum ging, und soll sie daselbst lassen.
  24. 24 Und soll sein Fleisch mit Wasser baden an heiliger Stätte und seine eigenen Kleider antun und herausgehen und sein Brandopfer und des Volkes Brandopfer machen und beide, sich und das Volk, versöhnen,
  25. 25 und das Fett vom Sündopfer auf dem Altar anzünden.
  26. 26 Der aber den Bock für Asasel hat ausgeführt, soll seine Kleider waschen und sein Fleisch mit Wasser baden und darnach ins Lager kommen.
  27. 27 Den Farren des Sündopfers und den Bock des Sündopfers, deren Blut in das Heiligtum zu versöhnen gebracht ward, soll man hinausschaffen vor das Lager und mit Feuer verbrennen, Haut, Fleisch und Mist.
  28. 28 Und der sie verbrennt, soll seine Kleider waschen und sein Fleisch mit Wasser baden und darnach ins Lager kommen.
  29. 29 Auch soll euch das ein ewiges Recht sein: am zehnten Tage des siebenten Monats sollt ihr euren Leib kasteien und kein Werk tun, weder ein Einheimischer noch ein Fremder unter euch.
  30. 30 Denn an diesem Tage geschieht eure Versöhnung, daß ihr gereinigt werdet; von allen euren Sünden werdet ihr gereinigt vor dem HERRN.
  31. 31 Darum soll's euch ein großer Sabbat sein, und ihr sollt euren Leib kasteien. Ein ewiges Recht sei das.
  32. 32 Es soll aber solche Versöhnung tun ein Priester, den man geweiht und des Hand man gefüllt hat zum Priester an seines Vaters Statt; und er soll die leinenen Kleider antun, die heiligen Kleider,
  33. 33 und soll also versöhnen das heiligste Heiligtum und die Hütte des Stifts und den Altar und die Priester und alles Volk der Gemeinde.
  34. 34 Das soll euch ein ewiges Recht sein, daß ihr die Kinder Israel versöhnt von allen ihren Sünden, im Jahr einmal. Und Aaron tat, wie der HERR dem Mose geboten hatte.

Kapitelüberblick

Gott legt fest, wie der Hohepriester einmal im Jahr das Allerheiligste betreten darf, um für sich selbst und das Volk Israel Sühne zu erwirken. Nachdem Aarons Söhne gestorben sind, macht der HERR deutlich, dass der Zugang zu seiner unmittelbaren Gegenwart besonderen Vorschriften unterliegt. Aaron muss sich vorbereiten, die vorgeschriebenen Opfer darbringen und das Heiligtum durch bestimmte Handlungen mit Opferblut reinigen.

Eine besondere Rolle spielen zwei Böcke. Einer wird dem HERRN als Sündopfer dargebracht, während der andere lebendig in die Wüste geschickt wird, nachdem Aaron die Sünden Israels über ihm bekannt hat. Auf diese Weise werden die Reinigung des Heiligtums und die Entfernung der Sünden des Volkes miteinander verbunden.

Abschließend ordnet Gott an, diesen Versöhnungstag jedes Jahr zu begehen. Das gesamte Volk soll sich demütigen und von seiner Arbeit ruhen. Der Tag dient der Versöhnung und Reinigung Israels vor dem HERRN.

Einführung

Zwei Priester hatten ihr Leben verloren, als sie sich Gott auf eine Weise näherten, die er ihnen nicht geboten hatte. Nadab und Abihu, die Söhne Aarons, hatten nach 3. Mose 10,1–2 fremdes Feuer vor den HERRN gebracht. Dieses Ereignis bildet den ernsten Hintergrund der nun folgenden Anweisungen. Es wirft eine grundlegende Frage auf: Wie kann selbst der Hohepriester vor den heiligen Gott treten, ohne sein Leben zu verlieren?

Um die Bedeutung dieser Frage zu verstehen, hilft ein Blick auf den Aufbau der Stiftshütte. Sie bestand aus einem Vorhof und einem Zelt mit zwei Bereichen. Im ersten Raum, dem Heiligen, verrichteten die Priester ihren regelmäßigen Dienst. Dahinter befand sich, durch einen Vorhang abgetrennt, das Allerheiligste mit der Bundeslade. Über ihrem Deckel, zwischen den Cherubim, wollte Gott Mose begegnen und mit ihm reden (2. Mose 25,21–22). Dieser innerste Bereich war daher kein gewöhnlicher Raum, den die Priester nach Belieben betreten konnten.

Die vorherigen Kapitel haben bereits gezeigt, dass Israel zwischen verschiedenen Formen kultischer Reinheit und Unreinheit unterscheiden musste. Selbst natürliche körperliche Vorgänge konnten Auswirkungen auf die Teilnahme am Heiligtumsdienst haben. Zugleich gehörte zum Leben des Volkes auch persönliche Schuld, für die Gott eigene Opferordnungen vorgesehen hatte.

Vor diesem Hintergrund erhält der nun beschriebene jährliche Gottesdienst seine besondere Bedeutung. Er steht innerhalb eines größeren Zusammenhangs, in dem es um Gottes Heiligkeit, menschliche Unreinheit und Sühne geht. Die ersten Verse führen den Leser deshalb nicht unmittelbar zu den Opferhandlungen, sondern zunächst zu der Frage, unter welchen Voraussetzungen Aaron überhaupt in Gottes unmittelbare Gegenwart treten darf.

3. Mose 16,1–2

Warum Gottes heilige Gegenwart nicht jederzeit betreten werden darf

Die Anweisungen zum großen Versöhnungstag beginnen mit der Erinnerung an ein erschütterndes Ereignis. Zwei Söhne Aarons waren gestorben, als sie vor den HERRN traten. Der Verweis führt zurück zu 3. Mose 10,1–2, wo Nadab und Abihu eigenmächtig Räucherwerk darbrachten und dabei Feuer verwendeten, das Gott ihnen nicht geboten hatte. Feuer ging daraufhin vom HERRN aus und verzehrte sie. Ihr Tod bildet nun den Ausgangspunkt für eine Anweisung, die besonders Aaron betrifft. Als Hoherpriester trägt er eine herausragende Verantwortung, doch auch seine Stellung gibt ihm nicht das Recht, sich Gott nach eigenen Vorstellungen zu nähern.

Bemerkenswert ist, dass Vers 1 das frühere Geschehen nur kurz in Erinnerung ruft. Er wiederholt nicht sämtliche Einzelheiten des Fehlverhaltens der beiden Priester, sondern betont, dass sie starben, als sie vor den HERRN traten. Dadurch richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Gefahr, die mit einem unberechtigten Zugang zu Gottes heiliger Gegenwart verbunden ist. Die anschließende Vorschrift beantwortet deshalb nicht nur die Frage, welche Opfer Aaron darbringen soll. Zunächst wird festgelegt, unter welchen Voraussetzungen er überhaupt den innersten Bereich des Heiligtums betreten darf. Ob die folgenden Anweisungen unmittelbar nach dem Tod der beiden Söhne gegeben wurden oder ob der Text das Ereignis vor allem als begründenden Rückblick aufgreift, lässt sich aus Vers 1 allein nicht sicher bestimmen.

Gott spricht erneut zu Mose und beauftragt ihn, seinem Bruder Aaron eine ausdrückliche Grenze mitzuteilen. Aaron darf nicht zu jeder beliebigen Zeit hinter den Vorhang treten, der das Heilige vom Allerheiligsten trennt. Dieser Vorhang war nach 2. Mose 26,31–33 eigens dafür vorgesehen, die beiden Bereiche voneinander abzusondern. Im Heiligen verrichteten die Priester ihren regelmäßigen Dienst. Das Allerheiligste hingegen durfte nicht auf dieselbe Weise betreten werden. Selbst der Hohepriester konnte dort nicht erscheinen, wann immer er es für angemessen hielt. Der Zugang war an die Ordnung gebunden, die Gott selbst festlegte.

Hinter dem Vorhang stand die Bundeslade mit ihrem goldenen Deckel, den die Schlachter 1951 als „Sühndeckel“ bezeichnet. Das entsprechende hebräische Wort kapporet steht in engem sprachlichem Zusammenhang mit dem Begriff der Sühne. Nach 2. Mose 25,17–22 befanden sich auf diesem Deckel zwei Cherubim, deren Flügel darüber ausgebreitet waren. Gott hatte Mose zugesagt, ihm dort über dem Sühndeckel, zwischen den Cherubim, zu begegnen und mit ihm zu reden. Die Bundeslade war damit nicht bloß ein kostbarer Gegenstand innerhalb des Heiligtums. Dieser Ort hatte eine besondere Bedeutung als Stätte der göttlichen Begegnung. Gerade deshalb verlangte der Zugang dorthin eine eigene, von Gott bestimmte Ordnung.

Die Begründung in Vers 2 ist unmissverständlich: Aaron soll nicht beliebig eintreten, damit er nicht stirbt. Gott fügt hinzu, dass er über dem Sühndeckel in einer Wolke erscheinen werde. Die Wolke erinnert an die sichtbaren Zeichen seiner Gegenwart während der Wüstenwanderung. Bereits bei der Vollendung der Stiftshütte hatte die Wolke das Zelt bedeckt und die Herrlichkeit des HERRN die Wohnung erfüllt, sodass selbst Mose zunächst nicht hineingehen konnte (2. Mose 40,34–35). In diesem Zusammenhang ist die Wolke ein Zeichen dafür, dass Gott tatsächlich unter seinem Volk gegenwärtig ist, seine Heiligkeit aber nicht den gewöhnlichen Bedingungen menschlicher Begegnungen unterliegt.

Eine interessante Frage entsteht durch den späteren Verlauf des Kapitels. In den Versen 12–13 wird Aaron angewiesen, Räucherwerk hinter den Vorhang zu bringen, damit dessen Rauch den Sühndeckel verhüllt und er nicht stirbt. Manche Ausleger verbinden daher die Wolke aus Vers 2 unmittelbar mit der später erzeugten Räucherwolke. Andere verstehen sie zunächst als Erscheinungszeichen der göttlichen Gegenwart, zu dem die Räucherwolke während des priesterlichen Dienstes hinzutritt. Beide Erklärungen berücksichtigen wichtige Textbeobachtungen. Sicher ist jedenfalls, dass Vers 2 Gottes Gegenwart über dem Sühndeckel beschreibt, während Vers 13 ausdrücklich die schützende Funktion der Räucherwolke nennt. Diese beiden Aussagen sollten nicht vorschnell gleichgesetzt werden.

Die Einschränkung des Zugangs bedeutet allerdings nicht, dass Gott Aaron grundsätzlich aus seiner Gegenwart fernhalten möchte. Das Verbot lautet nicht, dass er niemals hinter den Vorhang treten dürfe, sondern dass er es nicht zu jeder beliebigen Zeit tun soll. Damit wird bereits angedeutet, dass es einen rechtmäßigen Zugang geben wird. Die Heiligkeit Gottes und die Möglichkeit, ihm zu begegnen, stehen hier nicht gegeneinander. Vielmehr ist Gottes eigene Anweisung die Voraussetzung dafür, dass der Hohepriester sich ihm nähern kann, ohne sein Leben zu verlieren.

So liegt in diesen beiden Versen eine entscheidende Grundlage für das Verständnis des gesamten Versöhnungstages. Nicht Aaron bestimmt, wie er vor Gott erscheint, sondern Gott eröffnet ihm einen Weg in seine Gegenwart. Der Zugang zum Allerheiligsten ist weder ein persönliches Vorrecht, über das Aaron frei verfügen kann, noch eine gewöhnliche priesterliche Handlung. Er gehört zu einem heiligen Dienst, dessen Bedingungen genau festgelegt werden. Welche Opfer, welche Kleidung und welche vorbereitenden Reinigungshandlungen dafür erforderlich sind, erklärt Gott unmittelbar anschließend in den Versen 3–5.

3. Mose 16,3–5

Die Vorbereitung Aarons, seine Kleidung und die vorgeschriebenen Opfer

Nachdem Gott den Zugang zum Allerheiligsten eingeschränkt hat, erklärt er nun, unter welchen Voraussetzungen Aaron diesen heiligen Dienst ausüben darf. Vers 3 nennt zunächst einen jungen Stier zum Sündopfer und einen Widder zum Brandopfer. Diese Tiere gehören zu den Opfern, die Aaron für sich selbst darbringen muss, bevor er stellvertretend für das gesamte Volk handelt. Die ausdrückliche Zuordnung des Stieres zu Aaron und seinem Haus erfolgt in Vers 6. Schon hier wird jedoch vorbereitet, was für den gesamten Versöhnungstag von grundlegender Bedeutung ist: Auch der Hohepriester steht als Mensch vor Gott und benötigt selbst Sühne. Seine besondere Berufung hebt seine eigene Stellung als sündiger Mensch nicht auf.

Die Formulierung, Aaron solle mit diesen Opfertieren in das Heiligtum kommen, darf nicht so verstanden werden, als müsste er die Tiere lebendig hinter den Vorhang in das Allerheiligste führen. Die folgenden Verse erklären vielmehr, wie die Opfer im vorgeschriebenen Ablauf dargebracht werden und wie Aaron später mit Opferblut und Räucherwerk den innersten Bereich des Heiligtums betritt. Vers 3 nennt zunächst die notwendigen Opfergaben, bevor ihre Verwendung im Einzelnen beschrieben wird. Dabei erfüllen der Stier und der Widder unterschiedliche Aufgaben. Der Stier ist als Sündopfer vorgesehen, während der Widder als Brandopfer dargebracht wird. Das Brandopfer wurde nach der Opferordnung vollständig auf dem Altar verbrannt und gehörte zu den von Gott bestimmten Formen der Anbetung und Hingabe. Die beiden Opferarten dürfen deshalb nicht einfach als austauschbar verstanden werden.

Bevor Aaron seinen Dienst beginnt, muss er außerdem besondere Kleidung anlegen. Vers 4 nennt einen heiligen leinenen Leibrock, ein leinenes Unterkleid, einen leinenen Gürtel und einen leinenen Kopfbund. Es handelt sich um vier Kleidungsstücke, die ausdrücklich für diesen heiligen Dienst bestimmt sind. Das Unterkleid bedeckt dabei auch den unteren Körperbereich und entspricht der bereits in 2. Mose 28,42–43 vorgeschriebenen priesterlichen Bekleidung. Diese genaue Beschreibung zeigt, dass Gott nicht nur die Opferhandlungen, sondern auch die Vorbereitung und das äußere Auftreten des Hohenpriesters festgelegt hatte.

Besonders bemerkenswert ist der Unterschied zur gewöhnlichen hohenpriesterlichen Amtskleidung. Nach 2. Mose 28 gehörten dazu unter anderem ein kunstvoll gearbeitetes Ephod, das Brustschild mit den zwölf Edelsteinen und weitere kostbare Bestandteile. Für den hier beschriebenen Dienst werden dagegen ausschließlich Kleidungsstücke aus Leinen genannt. Die sonst charakteristischen goldenen und farbenprächtigen Elemente der hohenpriesterlichen Kleidung fehlen. Aaron tritt also nicht in der vollständigen prächtigen Amtskleidung in das Allerheiligste, sondern in den ausdrücklich vorgeschriebenen heiligen Leinengewändern. Darin kann man eine angemessene Zurückhaltung vor Gottes heiliger Gegenwart erkennen. Der Bibeltext selbst erklärt diesen Unterschied jedoch nicht ausdrücklich als Zeichen der Demut oder als Ablegen menschlicher Würde. Sicher ist zunächst, dass gerade diese Kleidung für den besonderen Dienst vorgeschrieben ist.

Eine weitere Voraussetzung betrifft Aarons körperliche Reinigung. Er soll seinen Körper mit Wasser baden, bevor er die heiligen Kleider anzieht. Die Reihenfolge ist ausdrücklich festgelegt: Zuerst erfolgt das Bad, anschließend legt er die vorgeschriebenen Gewänder an. Bereits in 3. Mose 8,6 hatte Mose Aaron und seine Söhne bei ihrer Einsetzung zum Priesterdienst mit Wasser gewaschen. Auch die Vorschriften in 2. Mose 30,17–21 verbinden priesterliche Waschungen mit dem Dienst am Heiligtum. Die Reinigung vor dem Betreten des Allerheiligsten steht somit innerhalb einer bereits bekannten Ordnung. Sie bedeutet nicht, dass Wasser persönliche Sünden vergeben könnte. Die körperliche Waschung gehört zur kultischen Vorbereitung, während die für Aaron erforderliche Sühne anschließend durch die vorgeschriebenen Opferhandlungen erfolgt.

In Vers 5 richtet sich der Blick erstmals ausdrücklich auf die Opfergaben des gesamten Volkes. Von der Gemeinde der Israeliten soll Aaron zwei Ziegenböcke zum Sündopfer und einen Widder zum Brandopfer nehmen. Damit werden die Opfer für Aaron und diejenigen für Israel voneinander unterschieden. Der Hohepriester handelt nicht aus eigener Vollkommenheit heraus, sondern muss zunächst selbst vor Gott Sühne erwirken, bevor er seinen Dienst für die Gemeinschaft vollzieht. Zugleich ist das Volk nicht bloß Zuschauer einer persönlichen religiösen Handlung Aarons. Die Opfergaben kommen aus seiner Mitte, denn die bevorstehende Versöhnung betrifft ganz Israel.

Eine sprachliche Besonderheit verdient dabei Aufmerksamkeit. Obwohl zwei Ziegenböcke genannt werden, spricht der hebräische Text von einem Sündopfer in der Einzahl. Das bedeutet jedoch nicht, dass beide Tiere auf dieselbe Weise geschlachtet werden. Erst die folgenden Verse erklären, dass über die beiden Böcke Lose geworfen werden und sie anschließend unterschiedliche Aufgaben erhalten. Der eine wird dem HERRN als Sündopfer dargebracht, während der andere lebendig bleibt und später in die Wüste geschickt wird. Beide gehören zur vorgeschriebenen Gesamtordnung des Versöhnungstages, dürfen aber hinsichtlich ihrer jeweiligen Funktion nicht miteinander verwechselt werden. Gerade deshalb ist es wichtig, die Formulierung aus Vers 5 zunächst stehen zu lassen und die besondere Bedeutung der beiden Böcke erst anhand der folgenden Anweisungen vollständig zu erklären.

Auch der Widder des Volkes ist von dem Widder zu unterscheiden, der bereits in Vers 3 für Aaron genannt wurde. Es handelt sich um zwei Brandopfer mit unterschiedlichen Zuordnungen. Diese Einzelheit zeigt, wie sorgfältig die Opfer für den Hohenpriester und diejenigen für die Gemeinde voneinander abgegrenzt werden. Der Versöhnungstag betrifft zwar das ganze Volk, doch die persönliche Verantwortung des Priesters wird dadurch nicht aufgehoben.

Die ersten Vorbereitungsvorschriften vermitteln damit ein klares Bild: Weder Aarons hohe Stellung noch seine besondere Berufung reichen aus, um ohne weitere Voraussetzungen in Gottes Gegenwart zu treten. Er benötigt die vorgeschriebenen Opfer, eine kultische Reinigung und die für diesen Dienst bestimmten heiligen Gewänder. Gleichzeitig hat Gott auch für das gesamte Volk Opfergaben vorgesehen. Die Frage ist nun, wie diese unterschiedlichen Opfer miteinander verbunden werden und weshalb zwei Böcke für eine gemeinsame Sündopferordnung bestimmt sind. Die Verse 6–10 führen deshalb vom allgemeinen Überblick über die Vorbereitung zu den ersten konkreten Handlungen Aarons und zur bedeutungsvollen Entscheidung durch das Los.

3. Mose 16,6–10

Die beiden Böcke und die Entscheidung durch das Los

Noch bevor Aaron den besonderen Dienst für das gesamte Volk ausführt, richtet sich die Aufmerksamkeit in Vers 6 erneut auf seine eigene Stellung vor Gott. Er soll den Stier für sein Sündopfer herbeibringen und für sich selbst sowie für sein Haus Sühne erwirken. Mit seinem Haus ist in diesem Zusammenhang insbesondere seine Familie gemeint, die eng mit dem priesterlichen Dienst verbunden ist. Dass Aaron selbst ein Opfer benötigt, macht deutlich, dass seine hohe Stellung ihn nicht von den menschlichen Grenzen befreit, die auch für die übrigen Israeliten gelten. Er ist von Gott zum Hohenpriester eingesetzt, steht aber nicht als sündloser Mensch vor ihm. Der hier genannte Auftrag wird in Vers 11 wieder aufgenommen und dort mit der Schlachtung des Stieres fortgesetzt. Deshalb darf Vers 6 nicht so verstanden werden, als wäre die gesamte Sühnehandlung bereits abgeschlossen.

Anschließend soll Aaron die beiden Ziegenböcke vor den HERRN stellen, und zwar an den Eingang der Stiftshütte. Diese Ortsangabe ist wichtig, weil die Tiere nicht in das Allerheiligste hineingeführt werden. Sie stehen am Eingang des Heiligtums, bevor ihre unterschiedlichen Aufgaben festgelegt werden. Beide Böcke stammen aus den Opfergaben der Gemeinde und gehören zur gemeinsamen Ordnung des Versöhnungstages. Zunächst wird keiner der beiden aufgrund besonderer äußerer Eigenschaften ausgewählt. Erst durch das Los entscheidet sich, welcher Bock geschlachtet wird und welcher am Leben bleibt.

In Vers 8 erhält Aaron die Anweisung, zwei Lose über die Böcke zu werfen. Das eine Los ist für den HERRN bestimmt, das andere für Asasel. Im Alten Testament begegnet das Los auch in anderen Situationen, in denen eine Entscheidung nicht durch persönliche Vorlieben oder menschliche Berechnung getroffen werden soll. Sprüche 16,33 verbindet den Ausgang des Loses ausdrücklich mit Gottes Verfügung. Allerdings beschreibt dieser Spruch einen allgemeinen Grundsatz und nicht unmittelbar die Einzelheiten des Versöhnungstages. Hier ist entscheidend, dass Gott selbst das Verfahren angeordnet hat. Aaron kann also nicht nach eigenem Ermessen bestimmen, welches Tier welche Aufgabe erhält. Die besondere Zuordnung der beiden Böcke geschieht innerhalb einer von Gott festgelegten Ordnung.

Der Name Asasel gehört zu den schwierigsten Begriffen dieses Kapitels. Das hebräische Wort ʿazaʾzel erscheint im Alten Testament nur im Zusammenhang mit diesem Ritual. Seine genaue Bedeutung ist umstritten. Manche Ausleger verstehen es als Bezeichnung für die vollständige Wegschaffung der Sünden oder für den fortgeschickten Bock selbst. Andere sehen darin einen Hinweis auf einen abgelegenen Ort in der Wüste. Eine weitere, historisch ebenfalls gut belegte Erklärung versteht Asasel als personale, mit der Wüste verbundene feindliche Macht. Für diese Deutung spricht besonders die Gegenüberstellung der beiden Lose: eines für den HERRN und eines für Asasel. Allerdings reicht diese Beobachtung allein nicht aus, um die Identität Asasels abschließend zu bestimmen.

In der späteren jüdischen Überlieferung begegnet Asasel tatsächlich als eine mit dem Bösen verbundene Gestalt. Besonders das erste Henochbuch beschreibt ihn als Verführer der Menschen, der schließlich gebunden und dem Gericht übergeben wird. Diese Überlieferung ist für die Geschichte der Auslegung aufschlussreich, ersetzt aber nicht die Aussage des biblischen Textes. Eine weiterführende Deutung verbindet Asasel deshalb mit Satan, der nach anderen Bibelstellen als Verführer und Anstifter zur Sünde auftritt. Eine solche Verbindung lässt sich innerhalb einer größeren biblischen Betrachtung untersuchen. In 3. Mose 16 selbst wird Asasel jedoch nicht ausdrücklich Satan genannt. Für das unmittelbare Verständnis muss zunächst die unterschiedliche Aufgabe der beiden Böcke im Mittelpunkt bleiben.

Vers 9 beschreibt den ersten Bock. Derjenige, auf den das Los für den HERRN gefallen ist, soll als Sündopfer dargebracht werden. Damit steht fest, welches Tier für die eigentliche Blutopferhandlung bestimmt ist. Die Einzelheiten werden erst in den Versen 15–16 erklärt: Sein Blut wird in das Allerheiligste gebracht und für die Entsühnung des Heiligtums verwendet. Schon die Zuordnung in Vers 9 macht aber deutlich, dass dieser Bock unmittelbar zum Opferdienst vor dem HERRN gehört. Er wird nicht lediglich als Zeichen ausgewählt, sondern tatsächlich geschlachtet. Seine Aufgabe unterscheidet sich deshalb grundlegend von der des zweiten Bocks.

Der Bock für Asasel soll nach Vers 10 dagegen ausdrücklich am Leben bleiben. Auch er wird zunächst vor den HERRN gestellt. Diese Einzelheit verhindert ein wichtiges Missverständnis: Der Text beschreibt nicht, dass Aaron außerhalb der Herrschaft Gottes einem anderen Wesen ein eigenständiges Opfer darbringen dürfte. Beide Böcke stehen zunächst vor Gott, und der gesamte Ablauf geschieht auf seine Anweisung. Der zweite Bock wird nicht auf einem Altar geschlachtet und sein Blut wird nicht zur Reinigung des Heiligtums verwendet. Seine besondere Aufgabe besteht darin, später in die Wüste fortgeschickt zu werden.

Allerdings enthält gerade Vers 10 eine Formulierung, die sorgfältig behandelt werden muss. Die Schlachter 1951 spricht davon, dass über dem lebenden Bock Sühne vollzogen werden soll. Der hebräische Ausdruck lekhapper ʿalav lässt unterschiedliche Erklärungen zu. Er kann auf eine Sühnehandlung hinweisen, die mit dem Bock verbunden ist, während einzelne Übersetzungen stärker die Sühne für ihn oder über ihm betonen. Jedenfalls wäre es zu weitgehend, dem lebenden Bock überhaupt keine Funktion innerhalb des gesamten Versöhnungsrituals zuzuschreiben. Zugleich macht seine ausdrückliche Bestimmung zum lebendigen Fortgeschickten deutlich, dass er nicht dieselbe Aufgabe wie das geschlachtete Sündopfer erfüllt.

Wie diese besondere Funktion zu verstehen ist, erschließt sich aus der späteren Handlung in den Versen 20–22. Dort wird ausdrücklich berichtet, dass die Entsühnung des Heiligtums, der Stiftshütte und des Altars bereits abgeschlossen ist, bevor Aaron seine Hände auf den lebenden Bock legt und die Sünden des Volkes über ihm bekennt. Anschließend trägt der Bock diese Sünden in ein abgelegenes Land. Dadurch lassen sich zwei unterschiedliche Vorgänge erkennen: die Reinigung des Heiligtums durch die vorgeschriebenen Blutriten und die anschließende symbolische Entfernung der Sünden aus der Gemeinschaft. Beide gehören zum Gesamtgeschehen des Versöhnungstages, ohne deshalb dieselbe Bedeutung zu besitzen.

Die Lose haben somit eine entscheidende Unterscheidung geschaffen. Der eine Bock ist für das Sündopfer vor Gott bestimmt, der andere für die spätere Wegschaffung der Sünden. Noch ist jedoch keines dieser beiden Rituale ausgeführt worden. Zuerst muss Aaron die vorgeschriebene Sühne für sich selbst und sein Haus vollziehen. Dazu gehört nicht nur die Schlachtung des Stieres, sondern auch ein sorgfältig geregelter Eintritt hinter den Vorhang. Die folgenden Verse erklären deshalb, weshalb der Hohepriester Räucherwerk benötigt, bevor er mit dem Opferblut vor den Sühndeckel treten darf.

3. Mose 16,11–14

Die Räucherwolke, der Sühndeckel und das Blut des Stieres

Der erste Teil des eigentlichen Versöhnungsdienstes beginnt mit einem Opfer, das Aaron für sich selbst und sein Haus darbringen muss. In Vers 11 wird die bereits angekündigte Handlung aus Vers 6 wieder aufgenommen und nun ausdrücklich fortgesetzt: Aaron soll den Stier als Sündopfer schlachten. Bevor er die Unreinheiten und Sünden des Volkes im Heiligtum behandelt, muss er selbst durch die vorgeschriebene Sühnehandlung vor Gott treten. Seine Berufung zum Hohenpriester macht ihn nicht zu einem sündlosen Menschen. Auch derjenige, der stellvertretend für Israel handelt, benötigt die von Gott angeordnete Versöhnung.

Diese Reihenfolge ist bedeutsam. Aaron darf nicht allein aufgrund seines Amtes hinter den Vorhang treten, sondern muss sich an die Voraussetzungen halten, die Gott festgelegt hat. Dabei unterscheidet das Gesetz zwischen dem Schlachten des Opfertieres und der anschließenden Verwendung seines Blutes. Mit der Schlachtung in Vers 11 ist der gesamte Sühnevorgang noch nicht abgeschlossen. Erst die folgenden Handlungen führen Aaron an den Ort, an dem das Blut des Opfers seine besondere Bedeutung erhält. Dazwischen steht jedoch eine weitere Vorschrift, ohne die der Hohepriester das Allerheiligste nicht betreten darf.

Nach Vers 12 soll Aaron eine Räucherpfanne mit glühenden Kohlen von dem Altar nehmen, der vor dem HERRN steht. Dazu kommt fein zerstoßenes, wohlriechendes Räucherwerk, das er hinter den Vorhang bringen muss. Der Zusammenhang legt nahe, dass die glühenden Kohlen vom Brandopferaltar stammen, während das Räucherwerk zu der besonderen Mischung gehört, deren Herstellung und Verwendung bereits in 2. Mose 30,34–38 geregelt wurde. Dort hatte Gott ausdrücklich bestimmt, dass diese Mischung heilig sein und nicht für gewöhnliche persönliche Zwecke nachgemacht werden durfte. Auch das Räucherwerk unterlag somit einer festen Ordnung. Seine Verwendung war keine beliebige religiöse Handlung, sondern gehörte zum von Gott eingesetzten Priesterdienst.

Besonders wichtig ist die Reihenfolge in Vers 13. Erst hinter dem Vorhang legt Aaron das Räucherwerk auf die glühenden Kohlen. Dabei entsteht eine Wolke, die den Sühndeckel auf der Bundeslade verhüllen soll. Der Text nennt ausdrücklich den Grund: Aaron soll nicht sterben. Die Wolke erfüllt hier also zunächst eine Schutzfunktion. Sie bedeckt den Ort, an dem Gottes besondere Gegenwart offenbar wird, und ermöglicht dem Hohenpriester, seinen Dienst in unmittelbarer Nähe dieses heiligen Bereichs auszuüben. Das erinnert an die ernste Warnung zu Beginn des Kapitels, dass Aaron nicht jederzeit und nicht nach eigenem Ermessen vor den Sühndeckel treten darf. Nun wird erkennbar, welche konkrete Schutzmaßnahme Gott für diesen Zugang vorgesehen hat.

Im weiteren Verlauf der Bibel erhält Räucherwerk auch eine geistliche Bedeutung im Zusammenhang mit Gebet. Psalm 141,2 vergleicht das Gebet mit Räucherwerk, und Offenbarung 5,8 verbindet Räucherwerk ausdrücklich mit den Gebeten der Heiligen. Diese Verbindungen sind wichtig, dürfen jedoch nicht unbemerkt in den ursprünglichen Wortlaut von 3. Mose 16 hineingelesen werden. Hier erklärt Gott zunächst, dass die Räucherwolke den Sühndeckel bedecken soll, damit Aaron am Leben bleibt. Der weitere biblische Zusammenhang eröffnet eine tiefere Betrachtung über Gebet und priesterliche Vermittlung, ersetzt aber nicht die unmittelbare Bedeutung dieser Vorschrift.

Der Sühndeckel befindet sich nach Vers 13 über dem „Zeugnis“. Damit sind die Gesetzestafeln gemeint, die in der Bundeslade aufbewahrt wurden. Nach 2. Mose 25,16 und 5. Mose 10,1–5 gehörten die von Gott beschriebenen Steintafeln in die Lade. Gerade an diesem Ort hatte Gott zugesagt, Mose zu begegnen. Die Verbindung zwischen Bundeslade, Zeugnis und Sühndeckel ist deshalb besonders bemerkenswert. Das Zeugnis erinnert an Gottes verbindlichen Willen für sein Volk, während der darüberliegende Sühndeckel zum Mittelpunkt des jährlichen Versöhnungsdienstes wird. Der Text stellt damit Gottes Bundesordnung und die von ihm angeordnete Sühnehandlung in einen unmittelbaren räumlichen Zusammenhang. Daraus darf jedoch nicht abgeleitet werden, dass bereits jedes einzelne Gegenstandsdetail eine ausdrücklich erklärte geistliche Symbolbedeutung besitzt.

Nachdem die Räucherwolke den Sühndeckel verhüllt hat, beschreibt Vers 14 die Verwendung des Blutes vom geschlachteten Stier. Aaron soll etwas von diesem Blut nehmen und es mit seinem Finger gegen den Sühndeckel sprengen, und zwar in der angegebenen östlichen Richtung. Anschließend soll er siebenmal Blut vor den Sühndeckel sprengen. Die Ortsangabe verdient besondere Aufmerksamkeit. Der hebräische Text verbindet die Vorderseite des Sühndeckels mit der Richtung nach Osten. Nicht vollständig eindeutig ist, ob die Formulierung vor allem die östliche Seite des Sühndeckels bezeichnet oder die Richtung der Sprenghandlung näher bestimmt. Für das Verständnis der vorgeschriebenen Handlung genügt zunächst die Feststellung, dass Gott den Ort und die Ausführung der Blutbesprengung genau festlegt.

Auch die beiden Sprenghandlungen sollten nicht einfach zusammengezogen werden. Der erste Teil des Verses beschreibt eine Besprengung im Bereich des Sühndeckels, während der zweite Teil ausdrücklich sieben Besprengungen vor ihm verlangt. Die siebenfache Wiederholung gehört zur festgelegten Durchführung des Rituals. Da die Zahl Sieben in der Bibel häufig in Zusammenhang mit abgeschlossenen Ordnungen und heiligen Zeiten begegnet, liegt eine symbolische Deutung nahe. Der vorliegende Vers erklärt jedoch nicht ausdrücklich, weshalb gerade sieben Sprengungen erforderlich sind. Eine weitreichende Zahlenlehre lässt sich deshalb aus dieser Einzelheit nicht sicher ableiten.

Entscheidend ist, dass Aaron das Blut des für ihn geschlachteten Sündopfers an den innersten Ort des Heiligtums bringt. In 3. Mose 17,11 wird das Blut mit dem Leben des Geschöpfes verbunden und ausdrücklich als das Mittel bezeichnet, das Gott für die Sühne auf dem Altar gegeben hat. Vor diesem Hintergrund ist die Blutbesprengung keine gewöhnliche Reinigung mit einer besonderen Flüssigkeit. Sie gehört zu einer von Gott eingesetzten Opferhandlung, bei der das Leben des Opfertieres eine wesentliche Rolle spielt. Dennoch sollte der genaue Vorgang nicht vorschnell so erklärt werden, als beschreibe der Text bereits alle späteren neutestamentlichen Aussagen über die Erlösung durch Christus. Zunächst geht es um die konkrete Sühnehandlung, die Aaron innerhalb des israelitischen Heiligtumsdienstes vollziehen muss.

Damit wird zugleich ein grundlegender Unterschied zwischen dem irdischen Hohenpriester und Jesus Christus erkennbar, den der Hebräerbrief später ausdrücklich entfaltet. Nach Hebräer 7,26–27 benötigt Christus im Gegensatz zu den früheren Hohenpriestern kein Opfer für eigene Sünden. Er ist sündlos und hat sich selbst ein für alle Mal dargebracht. Aaron dagegen beginnt den besonderen Dienst am Versöhnungstag mit einem Opfer für sich und sein Haus. Dieser Unterschied ist wichtig, weil der alttestamentliche Hohepriester zwar auf Christi größeren Priesterdienst vorausweist, ihm aber nicht in jeder Eigenschaft gleichgesetzt werden kann.

Mit der Besprengung des Stierblutes ist der erste Teil des Blutrituals im Allerheiligsten beschrieben. Doch Aaron handelt an diesem Tag nicht nur für sich und seine Familie. Das gesamte Volk Israel benötigt Sühne, und auch die Unreinheiten, die das Heiligtum betreffen, müssen nach Gottes Anweisung behandelt werden. Deshalb folgt nun die Schlachtung des Bockes, auf den das Los für den HERRN gefallen ist. Sein Blut wird ebenfalls hinter den Vorhang gebracht. Erst die folgenden Verse erklären ausdrücklich, wie diese Handlungen mit der Reinigung des Allerheiligsten und der Stiftshütte zusammenhängen.

3. Mose 16,15–17

Die Entsühnung des Allerheiligsten und der Stiftshütte

Nachdem Aaron das Blut des Stieres für sich selbst und sein Haus verwendet hat, beginnt nun die entsprechende Opferhandlung für das gesamte Volk Israel. In Vers 15 soll er den Ziegenbock schlachten, auf den zuvor das Los für den HERRN gefallen ist. Anschließend bringt er dessen Blut hinter den Vorhang in das Allerheiligste. Dort führt er dieselben Besprengungen aus, die bereits für das Blut des Stieres vorgeschrieben wurden: Er sprengt Blut auf den Sühndeckel und vor ihn. Damit wird der innerste Bereich des Heiligtums zum Ort einer Handlung, die nicht mehr nur Aaron und seine Familie, sondern die ganze Gemeinde Israels betrifft.

Besonders auffällig ist, dass Gott für beide Sündopfer dieselbe Art der Blutbesprengung anordnet. Der Hohepriester benötigt eine Sühnehandlung für sich und sein Haus, während der Bock des Volkes für die gesamte Gemeinschaft bestimmt ist. Die Opfer unterscheiden sich also hinsichtlich der Menschen, für die sie dargebracht werden, nicht aber in der beschriebenen Verwendung ihres Blutes im Allerheiligsten. Diese Übereinstimmung zeigt, dass selbst der Hohepriester keine grundsätzlich andere Möglichkeit besitzt, vor dem heiligen Gott Sühne zu erlangen. Sein besonderes Amt erlaubt ihm, den Dienst auszuführen, hebt aber die Notwendigkeit der von Gott eingesetzten Opferhandlung nicht auf.

Erst Vers 16 erklärt ausdrücklich, welchem Zweck die Blutriten im Allerheiligsten dienen. Aaron soll Sühne für das Heiligtum erwirken, weil es durch die Unreinheiten, Übertretungen und Sünden der Israeliten betroffen ist. Diese Aussage ist bemerkenswert, denn sie richtet die Aufmerksamkeit nicht allein auf Menschen, die Vergebung benötigen, sondern auf Gottes Wohnung selbst. Das Heiligtum ist der Ort, an dem der HERR seinem Volk begegnet. Dennoch bleibt dieser heilige Ort nicht völlig unberührt von der Unreinheit und Schuld der Gemeinschaft, in deren Mitte er steht. Deshalb ist am Versöhnungstag eine besondere Entsühnung des Heiligtums vorgeschrieben.

Der hebräische Text verwendet hier das Verb kippēr, das je nach Zusammenhang mit „Sühne erwirken“, „entsühnen“ oder im Zusammenhang kultischer Gegenstände auch mit einer reinigenden Handlung wiedergegeben werden kann. Die Bedeutung ergibt sich aus dem jeweiligen Gegenstand der Handlung. Wenn für einen schuldigen Menschen Sühne erwirkt wird, betrifft dies seine Stellung vor Gott. Wenn dagegen das Heiligtum entsühnt wird, geht es darum, die durch die Unreinheiten und Sünden des Volkes entstandene kultische Verunreinigung zu beseitigen. Diese Unterscheidung ist notwendig, weil das Heiligtum selbst keine persönliche Sünde begeht und deshalb auch keiner Vergebung im menschlichen Sinne bedarf.

Bemerkenswert ist außerdem, wie umfassend Vers 16 die Ursachen dieser Verunreinigung beschreibt. Zunächst nennt der Text die Unreinheiten der Israeliten. Damit besteht eine unmittelbare Verbindung zu den vorausgegangenen Kapiteln, in denen verschiedene körperliche und kultische Zustände behandelt wurden. Daneben werden ausdrücklich ihre Übertretungen genannt. Das hebräische Wort peschaʿ gehört zum Bedeutungsbereich von Auflehnung und bewusster Verletzung einer bestehenden Verpflichtung. Schließlich spricht der Vers von allen ihren Sünden. Der Versöhnungstag betrifft somit nicht nur körperlich bedingte Unreinheit oder einzelne versehentliche Verfehlungen, sondern berücksichtigt ausdrücklich auch schwerwiegende Übertretungen des göttlichen Bundes.

Daraus darf allerdings nicht geschlossen werden, dass jede vorsätzliche Auflehnung unabhängig von der inneren Haltung des Menschen automatisch vergeben wurde. Bereits 4. Mose 15,30–31 unterscheidet zwischen unbeabsichtigten Verfehlungen und einer trotzigen Missachtung des HERRN. Auch die Vorschriften für den Versöhnungstag verlangen von den Israeliten, sich vor Gott zu demütigen (3. Mose 16,29–31). Diese Aussagen müssen gemeinsam berücksichtigt werden. Die umfassende Formulierung in Vers 16 zeigt, wie weit die Entsühnung des Heiligtums reicht. Sie beantwortet jedoch nicht für sich allein sämtliche Fragen nach persönlicher Umkehr, bewusster Schuld und Vergebung.

Anschließend erhält Aaron die Anweisung, in entsprechender Weise mit der Stiftshütte zu verfahren. Damit erweitert sich der Blick über das Allerheiligste hinaus. Die Blutriten betreffen nicht nur den innersten Raum mit der Bundeslade, sondern auch den übrigen heiligen Bereich des Zeltes. Die genauen Einzelhandlungen für diesen weiteren Bereich werden in Vers 16 nicht mit derselben Ausführlichkeit beschrieben wie die Besprengungen am Sühndeckel. Deshalb ist Vorsicht geboten, wenn spätere Rekonstruktionen einen vollständig feststehenden Ablauf für jede einzelne Bewegung des Hohenpriesters voraussetzen. Sicher ist, dass das Gesetz ausdrücklich eine Entsühnung des Allerheiligsten und der Stiftshütte verlangt.

Die Begründung für diese Handlung enthält einen besonders tiefgehenden Gedanken: Die Stiftshütte befindet sich mitten unter den Unreinheiten der Israeliten. Gott hatte sein Heiligtum nicht fernab des menschlichen Lebens errichten lassen, sondern inmitten seines Volkes. Bereits 2. Mose 25,8 hatte er den Wunsch ausgesprochen, unter Israel zu wohnen. Nun zeigt sich, welche besondere Verantwortung mit dieser Nähe verbunden ist. Obwohl Gottes Gegenwart heilig ist, lebt das Volk weiterhin unter Bedingungen, in denen Unreinheit und Sünde auftreten. Die jährliche Entsühnung berücksichtigt gerade dieses Spannungsverhältnis zwischen der Heiligkeit Gottes und dem tatsächlichen Zustand seines Volkes.

Dabei sollten wir uns die Verunreinigung nicht vorschnell wie gewöhnlichen Schmutz vorstellen, der sich sichtbar an Wänden oder Gegenständen ablagert. Der Text beschreibt keine naturwissenschaftlich messbare Ausbreitung von Sünde. Vielmehr verwendet er die Sprache des israelitischen Heiligtumsdienstes, in dem Unreinheit und Übertretungen Auswirkungen auf die kultische Ordnung besitzen. Wie genau diese Auswirkungen zu erklären sind, wird unter Bibelauslegern unterschiedlich beurteilt. Manche verstehen die Verunreinigung als eine Folge der Sünden des Volkes, die das Heiligtum unabhängig von dessen unmittelbarer Betretung betreffen können. Andere betonen stärker die tatsächliche Übertragung kultischer Unreinheit durch Menschen und Handlungen. Die unterschiedlichen Erklärungen ändern nichts an der ausdrücklichen Aussage von Vers 16: Das Heiligtum benötigt eine von Gott angeordnete jährliche Entsühnung.

Vers 17 fügt eine weitere Vorschrift hinzu. Während Aaron im Heiligtum die Sühne vollzieht, darf sich kein anderer Mensch in der Stiftshütte aufhalten. Erst wenn er seinen Dienst abgeschlossen hat und wieder herausgekommen ist, endet diese Einschränkung. Damit wird der besondere Charakter dieser Handlung nochmals hervorgehoben. Obwohl Israel zahlreiche Priester besitzt, die zu anderen Zeiten unterschiedliche Aufgaben erfüllen, ist dieser Dienst dem Hohenpriester allein anvertraut. Niemand darf ihn während der vorgeschriebenen Handlung innerhalb des Zeltes begleiten oder dort eigene priesterliche Aufgaben verrichten.

Diese Vorschrift bedeutet jedoch nicht, dass sämtliche Israeliten das ganze Lager verlassen mussten oder dass außerhalb der Stiftshütte überhaupt kein Mensch anwesend sein durfte. Die Einschränkung betrifft ausdrücklich den Aufenthalt im Zelt der Begegnung während des beschriebenen Sühnevorgangs. Gerade diese räumliche Begrenzung macht den Unterschied zwischen der gewöhnlichen priesterlichen Tätigkeit und dem außergewöhnlichen Dienst am Versöhnungstag deutlich. An diesem Tag vollzieht der Hohepriester eine Handlung, die kein anderer Priester stellvertretend für ihn übernehmen darf.

Am Ende von Vers 17 werden nochmals drei Bereiche der Verantwortung genannt: Aaron selbst, sein Haus und die gesamte Gemeinde Israels. Die Reihenfolge erinnert daran, dass der Hohepriester zunächst seine eigene Stellung vor Gott berücksichtigen muss, bevor er für andere handelt. Zugleich umfasst der Versöhnungsdienst die gesamte Gemeinschaft. Kein einzelner Stamm und keine besondere gesellschaftliche Gruppe wird als alleiniger Empfänger dieser Handlung genannt. Die Gemeinde Israels steht gemeinsam vor Gott und ist auf die von ihm eingesetzte Sühne angewiesen.

Damit erhält der spätere Vergleich mit Jesus Christus im Hebräerbrief eine wichtige Grundlage. In Hebräer 9,7 wird ausdrücklich auf den jährlich begrenzten Zugang des Hohenpriesters zum innersten Heiligtum Bezug genommen. Der Verfasser stellt diesem wiederkehrenden Dienst anschließend das einmalige und endgültig wirksame Opfer Christi gegenüber. Dabei bedeutet die Aussage, dass der Hohepriester einmal im Jahr hineinging, nicht zwingend, dass er an diesem Tag den Vorhang nur ein einziges Mal durchschritt. Der Ablauf von 3. Mose 16 unterscheidet mehrere Handlungen mit Räucherwerk und Opferblut. Der entscheidende Gegensatz liegt vielmehr zwischen dem jährlich wiederkehrenden alttestamentlichen Dienst und dem bleibenden Zugang, den Christus durch sein eigenes Opfer eröffnet.

Die Verse 15–17 zeigen somit, dass der große Versöhnungstag nicht lediglich der Vergebung einzelner Menschen gewidmet ist. Das Heiligtum selbst steht im Mittelpunkt einer umfassenden Entsühnung, weil Gottes Wohnung mitten unter einem Volk besteht, dessen Leben von Unreinheit, Übertretungen und Sünden betroffen ist. Nachdem die Handlungen für das Allerheiligste und die Stiftshütte beschrieben wurden, richtet sich der Blick auf einen weiteren Bereich des Gottesdienstes. Auch der Altar, an dem die vorgeschriebenen Opferhandlungen vollzogen werden, muss nach Gottes Anweisung gereinigt und geheiligt werden. Genau diesen nächsten Schritt behandeln die Verse 18–19.

3. Mose 16,18–19

Die Reinigung und Heiligung des Altars

Nachdem die vorgeschriebenen Blutriten im innersten Bereich des Heiligtums vollzogen wurden, richtet sich die Aufmerksamkeit auf den Altar. Vers 18 beschreibt, wie Aaron hinausgeht und auch für diesen Sühne erwirken soll. Damit wird der Reinigungsdienst über die zuvor genannten Bereiche hinaus fortgesetzt. Nicht nur das Allerheiligste und die Stiftshütte sind von den Unreinheiten des Volkes betroffen. Auch der Altar, der eine zentrale Aufgabe im Opferdienst Israels erfüllt, muss nach Gottes Anweisung gereinigt und geheiligt werden. Erst wenn dieser Teil des Dienstes abgeschlossen ist, kann die nächste Handlung des Versöhnungstages beginnen.

Eine wichtige Frage betrifft zunächst den Altar selbst. In Vers 18 wird er als der Altar bezeichnet, der vor dem HERRN steht. Das lässt sich unterschiedlich verstehen, weil es innerhalb der Heiligtumsordnung zwei Altäre gibt. Der Brandopferaltar befindet sich im Vorhof vor der Stiftshütte, während der goldene Räucheraltar im Heiligen vor dem inneren Vorhang steht. Für den Brandopferaltar spricht besonders die Bewegung des Hohenpriesters, der nach seinem Dienst im Allerheiligsten hinausgeht. Auch die abschließende Aufzählung in Vers 20, die zwischen Heiligtum, Stiftshütte und Altar unterscheidet, lässt sich gut mit dem äußeren Brandopferaltar verbinden. Danach würde die Reinigung vom innersten Bereich des Heiligtums bis in den Vorhof fortschreiten.

Allerdings besitzt auch die Deutung auf den goldenen Räucheraltar gewichtige Argumente. In 2. Mose 30,10 wird ausdrücklich angeordnet, dass Aaron einmal jährlich an dessen Hörnern Sühne erwirken soll. Außerdem zeigen 3. Mose 4,7 und 4,18, dass bei bestimmten Sündopfern Blut an die Hörner des Räucheraltars gebracht wird. Die Formulierung vom Altar „vor dem HERRN“ passt somit ebenfalls zu diesem Ort. Der Bibeltext lässt die genaue Zuordnung in 3. Mose 16,18 nicht völlig zweifelsfrei erkennen. Beide Auslegungen nehmen wichtige Einzelheiten ernst. Für die Bedeutung der folgenden Handlung ist jedoch entscheidend, dass der betreffende Altar ausdrücklich in die jährliche Entsühnung einbezogen wird.

Aaron soll nun vom Blut des Stieres und vom Blut des Ziegenbockes nehmen und es ringsum an die Hörner des Altars streichen. Hier begegnen die beiden zuvor getrennten Sündopfer gemeinsam innerhalb derselben Handlung. Der Stier wurde für Aaron und sein Haus geschlachtet, während der Ziegenbock als Sündopfer für das Volk bestimmt war. Beide Opfer haben bereits bei den Blutbesprengungen im Allerheiligsten eine Rolle gespielt. Nun wird ihr Blut auch bei der Entsühnung des Altars verwendet. Der Text sagt dabei nicht ausdrücklich, ob die beiden Blutmengen zuvor miteinander vermischt werden müssen oder nacheinander aufgetragen werden. Sicher ist, dass Blut von beiden Opfertieren für diese Handlung vorgeschrieben wird.

Die Hörner des Altars waren feste Vorsprünge an seinen Ecken und gehörten zu seiner von Gott bestimmten Bauweise. Bereits 2. Mose 27,2 beschreibt sie beim Brandopferaltar, während 2. Mose 30,2 entsprechende Hörner am Räucheraltar nennt. Sie sind deshalb keine bloß gedanklichen Symbole, sondern wirkliche Bestandteile der heiligen Geräte. Dass Aaron Blut ringsum an die Hörner streichen soll, zeigt die sorgfältige Durchführung der vorgeschriebenen Handlung. Verschiedene Bibelstellen verbinden Hörner mit Stärke oder Macht. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass die Hörner des Altars hier eine bestimmte Form göttlicher Macht symbolisieren. Eine solche Bedeutung wird in den beiden Versen nicht ausdrücklich erklärt.

Vers 19 führt den Ablauf weiter. Aaron soll mit seinem Finger siebenmal Blut auf den Altar sprengen. Damit tritt zu dem Auftragen des Blutes an die Hörner eine weitere, ausdrücklich angeordnete Handlung hinzu. Die beiden Vorgänge dürfen nicht einfach miteinander verwechselt werden. Zunächst werden die Hörner ringsum mit Blut versehen, anschließend folgt die siebenfache Besprengung. Eine ähnliche wiederholte Blutbesprengung begegnete bereits vor dem Sühndeckel. Auch hier gehört die Zahl Sieben zur genauen Ordnung des Rituals. Sie kann innerhalb der biblischen Symbolsprache an Vollständigkeit erinnern, doch eine ausdrückliche Erklärung für ihre Verwendung an dieser Stelle gibt der Text nicht.

Besonders aufschlussreich sind die beiden Tätigkeitswörter am Ende von Vers 19: Aaron soll den Altar reinigen und heiligen. Der hebräische Text verwendet dafür die Verben taher, das Reinigen beziehungsweise Reinmachen bezeichnet, und qadasch, das mit Heiligen oder Absondern für Gott verbunden ist. Beide Begriffe beschreiben unterschiedliche, aber zusammengehörende Aspekte der Handlung. Die Reinigung betrifft die Unreinheiten der Israeliten, von denen der Altar entsühnt werden soll. Die Heiligung hebt hervor, dass er weiterhin dem besonderen Dienst vor Gott zugeordnet ist. Der Altar wird dadurch nicht erstmals zu einem heiligen Gegenstand, denn er war bereits für den Gottesdienst geweiht worden. Vielmehr wird seine kultische Reinheit und Heiligkeit innerhalb der jährlichen Ordnung wiederhergestellt und bekräftigt.

Dabei liegt ein Gedanke nahe, der für das Verständnis des gesamten Versöhnungstages wichtig ist: Ein heiliger Gegenstand kann nach den Vorschriften Israels durch die Unreinheiten des Volkes betroffen sein, ohne deshalb aufzuhören, Gottes Eigentum zu sein. Gerade weil der Altar zu seinem Heiligtum gehört, verlangt Gott eine besondere Handlung zu seiner Reinigung. Die Verunreinigung wird hier nicht wie gewöhnlicher Schmutz behandelt, den man einfach mit Wasser abwaschen könnte. Gott hat für diesen Zweck die Verwendung des Opferblutes vorgeschrieben. Die Reinigung gehört damit zu einer geistlich und kultisch geprägten Ordnung, deren Bedeutung sich nicht allein durch äußere Hygiene erklären lässt.

Der Abschluss der Altarreinigung bereitet einen entscheidenden Übergang vor. In Vers 20 wird ausdrücklich festgestellt, dass die Entsühnung des Heiligtums, der Stiftshütte und des Altars vollendet ist. Erst danach soll Aaron den lebenden Bock herbeibringen, über ihm die Sünden des Volkes bekennen und ihn in die Wüste schicken. Diese Reihenfolge ist wesentlich. Die Reinigung durch die vorgeschriebenen Blutriten wird abgeschlossen, bevor die symbolische Wegschaffung der Sünden erfolgt. Beide Handlungen gehören zum großen Versöhnungstag, erfüllen jedoch unterschiedliche Aufgaben. Wie der lebende Bock die Sünden Israels fortträgt und welche Bedeutung seine Entfernung aus dem Lager besitzt, wird in den folgenden Versen erklärt.

3. Mose 16,20–22

Das Bekenntnis aller Sünden und ihre Wegschaffung in die Wüste

Nachdem die Reinigung des Heiligtums, der Stiftshütte und des Altars abgeschlossen ist, beginnt eine Handlung, die sich deutlich von den bisherigen Opferriten unterscheidet. Aaron soll nun den zweiten Ziegenbock herbeibringen, der seit der Entscheidung durch das Los am Leben geblieben ist. Während das Blut des ersten Bocks zur Entsühnung des Heiligtums verwendet wurde, erhält der lebende Bock eine andere Aufgabe. Er soll die Sünden und Übertretungen Israels aus dem Bereich des Volkes forttragen. Damit tritt neben die Reinigung des Heiligtums ein weiterer bedeutungsvoller Vorgang: die Entfernung dessen, was die Gemeinschaft vor Gott belastet hat.

Die zeitliche Reihenfolge in Vers 20 verdient besondere Aufmerksamkeit. Der Text sagt ausdrücklich, dass Aaron die Sühne für das Heiligtum, die Stiftshütte und den Altar bereits vollendet hat, bevor der lebende Bock herbeigebracht wird. Die anschließende Handlung bewirkt daher nicht erst die zuvor beschriebene Reinigung durch das Opferblut. Dennoch gehört sie zum Gesamtgeschehen des Versöhnungstages. Bereits Vers 5 hatte beide Böcke gemeinsam der Sündopferordnung des Volkes zugeordnet, während Vers 10 den lebenden Bock ausdrücklich mit einer Sühnehandlung verbindet. Die beiden Tiere erfüllen somit unterschiedliche Aufgaben innerhalb einer zusammengehörenden Ordnung. Der eine Bock wird geschlachtet, der andere bleibt am Leben und wird fortgeschickt. Gerade dieser Unterschied ist für das Verständnis ihrer jeweiligen Bedeutung entscheidend.

In Vers 21 legt Aaron seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bocks. Diese Einzelheit unterscheidet sich von mehreren anderen Opfergesetzen, in denen gewöhnlich das Auflegen einer Hand beschrieben wird. Der Text erklärt nicht ausdrücklich, weshalb Aaron hier beide Hände verwenden soll. Er verbindet diese Handlung jedoch unmittelbar mit einem umfassenden Sündenbekenntnis. Aaron handelt dabei nicht nur für sich persönlich, sondern als Hoherpriester stellvertretend für das Volk Israel. Durch die Verbindung von Handauflegung und Bekenntnis wird sichtbar gemacht, dass die Sünden des Volkes nun dem Bock auferlegt werden.

Bemerkenswert ist die ausführliche Beschreibung dessen, was Aaron bekennen soll. Der Vers nennt alle Missetaten der Israeliten, alle ihre Übertretungen und alle ihre Sünden. Im hebräischen Text stehen dafür die Begriffe awon, pescha und chatta't. Sie können unterschiedliche Seiten menschlicher Schuld bezeichnen. Awon umfasst Schuld oder Verfehlung und kann auch deren Folgen einschließen. Pescha hebt besonders Übertretung und Auflehnung hervor, während chatta't allgemein Sünde oder Verfehlung bezeichnet. Die Begriffe überschneiden sich teilweise, weshalb sie nicht als drei vollständig voneinander getrennte Klassen verstanden werden müssen. Zusammen unterstreichen sie jedoch, wie umfassend das Bekenntnis sein soll. Es beschränkt sich nicht auf eine einzelne Handlung oder eine bestimmte Art von Schuld, sondern umfasst die Verfehlungen Israels in ihrer ganzen Breite.

Anschließend erhält die Handauflegung eine ausdrücklich erklärte Bedeutung. Aaron soll die bekannten Sünden dem Bock auf den Kopf legen. Diese Formulierung beschreibt innerhalb des Rituals eine Übertragung der Schuldlast. Der Bock hat die Sünden nicht selbst begangen, sondern trägt sie stellvertretend in der von Gott angeordneten symbolischen Handlung. Dabei ist eine wichtige Unterscheidung zu beachten: Die Übertragung wird nicht als gewöhnlicher körperlicher Vorgang beschrieben. Sünden sind keine sichtbaren Gegenstände, die sich tatsächlich auf dem Fell eines Tieres ablagern könnten. Das Ritual stellt vielmehr durch eine konkrete Handlung dar, dass die Schuld aus der Gemeinschaft entfernt werden soll.

Der lebende Bock wird danach einem Mann übergeben, der für diese Aufgabe bereitsteht. Der hebräische Ausdruck isch itti bezeichnet einen für den vorgesehenen Zeitpunkt verfügbaren beziehungsweise bestimmten Mann. Er soll den Bock in die Wüste führen. Die Aufgabe besteht also nicht darin, das Tier lediglich aus dem unmittelbaren Bereich des Altars zu entfernen. Es muss an einen abgelegenen Ort gebracht werden, an dem es von der Gemeinschaft getrennt ist. Dass dafür ein ausdrücklich bestimmter Mann eingesetzt wird, zeigt, dass auch die Wegschaffung des Bocks zu den geregelten Handlungen des Versöhnungstages gehört und nicht dem Zufall überlassen bleibt.

Vers 22 erklärt schließlich den Zweck dieser Entfernung. Der Bock soll alle Missetaten des Volkes auf sich in eine Wildnis tragen. Das hebräische eretz gezerah bezeichnet ein abgeschnittenes oder abgelegenes Land. Gemeint ist eine Gegend außerhalb des gewöhnlichen Lebensraumes der Israeliten. Der Text betont damit nicht einfach die Entfernung über eine bestimmte Strecke, sondern das Hinaustragen der Schuld an einen Ort, der von der Gemeinschaft getrennt ist. Der Bock soll dort freigelassen werden. Eine spätere jüdische Überlieferung beschreibt, dass der Bock von einem Felsen hinabgestoßen wurde. Eine solche Tötung wird in 3. Mose 16,22 jedoch nicht angeordnet. Die ausdrückliche Vorschrift lautet, das Tier in der Wüste loszulassen.

Damit erhält die Wegschaffung der Sünden eine eindrückliche Gestalt. Die zuvor bekannten Verfehlungen bleiben nicht bildlich gesprochen mitten unter den Menschen liegen. Sie werden aus ihrem Lebensbereich hinausgetragen. Eine thematische Parallele begegnet in Psalm 103,12, wo Gottes Barmherzigkeit damit beschrieben wird, dass er die Übertretungen seines Volkes so weit entfernt, wie der Osten vom Westen entfernt ist. Der Psalm erklärt nicht ausdrücklich das Ritual des Asasel-Bocks, doch beide Texte verwenden das Motiv der Entfernung von Schuld. Während der Psalm Gottes vergebende Barmherzigkeit preist, stellt 3. Mose 16 diese Entfernung innerhalb einer besonderen Opferordnung sichtbar dar.

Eine schwierige Frage bleibt die Identität Asasels, für den dieser Bock nach Vers 8 bestimmt wurde. Die Bezeichnung wurde unterschiedlich erklärt: als Hinweis auf das Forttragen der Sünden, als Ortsbezeichnung oder als Name einer feindlichen geistlichen Gestalt. Besonders die Gegenüberstellung der Lose „für den HERRN“ und „für Asasel“ hat dazu geführt, dass zahlreiche Ausleger eine personale Bedeutung annehmen. In der frühjüdischen Überlieferung erscheint Asasel tatsächlich als eine mit der Verführung der Menschen verbundene Gestalt. Daraus entwickelte sich auch die christliche Auslegung, den fortgeschickten Bock mit Satan und dessen endgültiger Verantwortung für die Sünde in Verbindung zu bringen. Eine andere christliche Deutung sieht in der Wegschaffung der Sünden dagegen eine Vorausdarstellung des Erlösungswerkes Christi. Die Identität Asasels bleibt deshalb eine ernsthaft diskutierte Frage, die nicht allein aus der Handlung des Forttragens entschieden werden kann.

Für die Deutung auf Satan wird häufig auf Offenbarung 20,1–3 verwiesen. Dort wird beschrieben, dass ein Engel Satan bindet und für tausend Jahre in den Abgrund wirft. Die Entfernung aus dem Bereich der Menschen und die zeitweilige Absonderung bilden eine auffällige thematische Parallele zur Wegschaffung des Bocks. Allerdings bestehen auch Unterschiede: In 3. Mose 16 wird ein lebendes Tier in die Wüste geführt, während Offenbarung 20 die Bindung Satans in einer prophetischen Vision schildert. Außerdem bezeichnet Johannes Satan ausdrücklich, während der Name Satan in 3. Mose 16 nicht vorkommt. Die Verbindung ist daher eine mögliche weiterführende typologische Auslegung und keine ausdrückliche Gleichsetzung durch den alttestamentlichen Text.

Unabhängig davon steht fest, dass der lebende Bock nicht dieselbe Funktion wie das geschlachtete Sündopfer erfüllt. Sein Blut wird nicht vergossen und nicht in das Allerheiligste gebracht. Die zuvor beschriebene Entsühnung des Heiligtums ist bereits vollendet. Seine Aufgabe besteht darin, die bekannten Sünden fortzutragen. Diese Reihenfolge schützt vor der Vorstellung, dass die beiden Böcke einfach zwei gleichartige Sühnopfer wären. Zugleich darf der lebende Bock nicht aus dem gesamten Versöhnungsritual herausgelöst werden. Er bildet den abschließenden sichtbaren Ausdruck der Wegschaffung von Schuld und gehört damit wesentlich zum Geschehen dieses Tages.

Für das spätere Verständnis des Erlösungswerks Jesu ist diese Unterscheidung besonders wichtig. Der Hebräerbrief stellt Christus als den vollkommenen Hohenpriester dar, der durch sein eigenes Opfer eine endgültig wirksame Erlösung bewirkt hat (Hebräer 9,11–14). Die Rettung des Menschen wird dort ausdrücklich auf Christus und sein Opfer gegründet. Eine weiterführende Auslegung, die Asasel mit Satan verbindet, darf Satan deshalb keine erlösende Funktion zuschreiben. Seine mögliche Rolle wäre vielmehr innerhalb der abschließenden Beseitigung der Sünde und des göttlichen Gerichts zu untersuchen. Ebenso muss eine Deutung des lebenden Bocks auf Christus erklären, wie sie sich zur besonderen Bezeichnung Asasel und zur Unterscheidung der beiden Lose verhält. Keine dieser zusätzlichen Deutungen darf die eindeutigen Handlungen des ursprünglichen Rituals ersetzen.

Die Verse 20–22 führen den Versöhnungsdienst damit zu einem wichtigen Abschluss. Das Heiligtum ist durch die vorgeschriebenen Blutriten entsühnt worden, und die Sünden des Volkes werden nun symbolisch aus der Gemeinschaft hinausgetragen. Die beiden Vorgänge gehören zusammen, ohne dieselbe Aufgabe zu erfüllen. Der Hohepriester hat dabei jede Handlung nach Gottes Anweisung ausgeführt. Doch mit der Entfernung des lebenden Bocks ist der gesamte Gottesdienst noch nicht beendet. Auch die besonderen Gewänder, die abschließenden Brandopfer und die Reinigung der beteiligten Personen gehören zur festgelegten Ordnung. Diesen letzten Handlungen wenden sich die folgenden Verse zu.

3. Mose 16,23–28

Der Abschluss des Priesterdienstes, die Opfer und die Reinigung der Beteiligten

Nachdem der lebende Bock mit den Sünden Israels in die Wüste geschickt worden ist, beschreibt Gott die letzten Handlungen des Versöhnungstages. Der besondere Dienst im Allerheiligsten ist abgeschlossen, doch Aaron hat noch weitere Vorschriften zu erfüllen. Dazu gehören das Ablegen seiner heiligen Leinengewänder, eine erneute Waschung, die Darbringung der Brandopfer und die ordnungsgemäße Beseitigung der übrigen Teile der Sündopfer. Auch die Männer, die den lebenden Bock fortgebracht oder die Opferreste verbrannt haben, müssen sich reinigen, bevor sie in das Lager zurückkehren dürfen. Diese abschließenden Anweisungen zeigen, dass der gesamte Versöhnungsdienst einer festen Ordnung folgt, die auch nach den eigentlichen Sühnehandlungen sorgfältig eingehalten werden muss.

In Vers 23 wird Aaron angewiesen, in die Stiftshütte zu gehen und die leinenen Kleider abzulegen, die er für seinen Dienst im innersten Heiligtum angezogen hatte. Er soll sie dort zurücklassen. Es handelt sich um dieselben besonderen Gewänder, die bereits in Vers 4 beschrieben wurden. Sie unterscheiden sich von der gewöhnlichen hohenpriesterlichen Amtskleidung und waren ausdrücklich für den außergewöhnlichen Dienst dieses Tages vorgesehen. Nachdem Aaron seine Aufgabe im innersten Heiligtum erfüllt hat, legt er diese Kleidung wieder ab. Der Text sagt allerdings nicht, dass die Gewänder vernichtet werden müssen oder nach einmaligem Gebrauch grundsätzlich nicht mehr verwendet werden dürfen. Er bestimmt zunächst nur, dass Aaron sie an diesem Ort zurücklassen soll. Weitergehende Aussagen über ihre spätere Verwendung würden zusätzliche Informationen voraussetzen, die hier nicht ausdrücklich genannt werden.

Anschließend muss Aaron nach Vers 24 seinen Körper an einer heiligen Stätte mit Wasser baden. Erst danach legt er seine eigenen Kleider wieder an. Diese Reihenfolge erinnert an seine Vorbereitung in Vers 4, bei der ebenfalls zuerst ein Bad und anschließend das Anlegen der vorgeschriebenen Kleidung genannt wurden. Nun erfolgt gewissermaßen der umgekehrte Wechsel: Die besonderen Leinengewänder werden abgelegt, Aaron badet und kehrt zu seiner übrigen priesterlichen Kleidung zurück. Dass der Ort der Waschung ausdrücklich als heilig bezeichnet wird, macht deutlich, dass diese Handlung weiterhin zum geregelten Heiligtumsdienst gehört. Sie ist nicht einfach eine beliebige Körperreinigung nach einer anstrengenden Tätigkeit. Zugleich erklärt der Vers nicht näher, weshalb gerade an dieser Stelle eine erneute Waschung erforderlich ist. Die Bedeutung sollte deshalb nicht durch eine frei erfundene Symbolik ersetzt werden.

Nach diesem Kleiderwechsel soll Aaron hinausgehen und zwei Brandopfer darbringen: eines für sich selbst und eines für das Volk. Es handelt sich um die beiden Widder, die bereits in den Versen 3 und 5 vorgesehen waren. Ihre Darbringung erfolgt nun, nachdem die besonderen Blutriten des Versöhnungstages und die Wegschaffung der Sünden beschrieben worden sind. Die Brandopfer gehören ebenfalls zur Sühneordnung dieses Tages, erfüllen jedoch nicht dieselbe Aufgabe wie die zuvor geschlachteten Sündopfer. Während deren Blut zur Entsühnung des Heiligtums verwendet wurde, werden die Brandopfer nach der dafür geltenden Opferordnung auf dem Altar dargebracht. Dadurch wird der Dienst nicht lediglich mit der Entfernung der Sünden beendet, sondern schließt weitere von Gott vorgeschriebene Opferhandlungen ein.

Die Brandopfer sind auch deshalb bedeutsam, weil Aaron dabei erneut sowohl für sich selbst als auch für die Gemeinde handelt. Zu Beginn musste er einen Stier als Sündopfer für sich und sein Haus schlachten, während der Ziegenbock für den HERRN als Sündopfer des Volkes bestimmt war. Nun treten die beiden Widder hinzu. Die Unterscheidung zwischen dem Hohenpriester und der Gemeinde bleibt somit bis zum Abschluss des Gottesdienstes erhalten. Gleichzeitig werden beide in dieselbe umfassende Versöhnungsordnung einbezogen. Der Text beschreibt keinen Priester, der aus eigener Vollkommenheit für andere eintritt, sondern einen von Gott eingesetzten Diener, der selbst auf die vorgeschriebenen Opfer angewiesen ist.

Vers 25 fügt eine weitere Einzelheit hinzu. Aaron soll das Fett des Sündopfers auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen. Diese Anordnung steht im Zusammenhang mit den allgemeinen Opfergesetzen, in denen bestimmte Fettstücke ausdrücklich für den HERRN bestimmt waren. Bereits 3. Mose 4,8–10 beschreibt, dass bei einem Sündopfer die entsprechenden Fettstücke vom Körper des Tieres getrennt und auf dem Altar verbrannt werden. Dasselbe Grundprinzip begegnet nun beim Versöhnungstag. Das Fett wird nicht zusammen mit sämtlichen übrigen Teilen der Opfertiere außerhalb des Lagers verbrannt. Es erhält eine eigene Verwendung auf dem Altar. Dadurch unterscheidet das Gesetz sorgfältig zwischen den Teilen, die Gott auf dem Altar dargebracht werden, und denjenigen, die anschließend außerhalb des Lagers beseitigt werden müssen.

In Vers 26 richtet sich die Aufmerksamkeit auf den Mann, der den lebenden Bock für Asasel in die Wüste geführt hat. Nachdem er seine Aufgabe erfüllt hat, darf er nicht ohne Weiteres in das Lager zurückkehren. Zunächst muss er seine Kleidung waschen und seinen Körper mit Wasser baden. Erst danach ist ihm die Rückkehr gestattet. Diese Vorschrift zeigt, dass auch die Wegschaffung des Bocks innerhalb der Reinheitsordnung bestimmte Folgen für den beteiligten Menschen hat. Der Text erklärt allerdings nicht ausdrücklich, ob die Reinigung wegen der Berührung des Bocks, wegen der besonderen Handlung des Fortbringens oder aufgrund einer umfassenderen kultischen Bedeutung vorgeschrieben wird. Deshalb wäre es zu weitgehend, aus diesem Vers allein eine vollständige Erklärung darüber abzuleiten, wie sich die auf den Bock gelegten Sünden auf den Mann auswirken.

Besonders wichtig ist außerdem, dass der Mann durch seine Teilnahme an dieser Handlung nicht als persönlich schuldig bezeichnet wird. Er hat vielmehr einen Auftrag erfüllt, den Gott selbst angeordnet hat. Trotzdem muss er sich reinigen, bevor er wieder in die Gemeinschaft des Lagers zurückkehrt. Ähnliche Vorschriften begegnen auch an anderen Stellen der Reinheitsgesetze, wo Menschen nach einer vorgeschriebenen Handlung eine Waschung benötigen, ohne dadurch eine persönliche Sünde begangen zu haben. Die Reinigungspflicht darf deshalb nicht mit einem moralischen Urteil über den Betroffenen verwechselt werden.

Die Verse 27 und 28 behandeln schließlich die Überreste der beiden geschlachteten Sündopfer. Gemeint sind ausdrücklich der Stier Aarons und der Ziegenbock, dessen Blut für das Volk in das Heiligtum gebracht worden war. Diese Tiere dürfen nicht mit dem lebenden Bock für Asasel verwechselt werden. Während jener in der Wüste freigelassen wurde, sind die beiden anderen bereits geschlachtet worden. Ihr Blut wurde zur Entsühnung des Heiligtums verwendet. Nun sollen ihre verbliebenen Körper außerhalb des Lagers verbrannt werden. Der Text nennt ausdrücklich ihre Häute, ihr Fleisch und den Inhalt ihrer Eingeweide. Damit wird festgelegt, dass die betreffenden Reste nicht innerhalb des Lagers verbleiben sollen.

Eine Verbindung zu den früheren Opfergesetzen hilft, diese besondere Behandlung einzuordnen. Bereits in 3. Mose 4,11–12 wird angeordnet, dass die Überreste eines bestimmten Sündopfers außerhalb des Lagers an einem reinen Ort verbrannt werden. 3. Mose 6,23 erklärt außerdem, dass ein Sündopfer, dessen Blut zur Entsühnung in die Stiftshütte gebracht wurde, nicht gegessen werden darf, sondern verbrannt werden muss. Die Vorschrift am Versöhnungstag steht somit nicht völlig isoliert. Sie gehört zu einer bereits bestehenden Ordnung, nach der Sündopfer mit besonderen Blutriten anders behandelt werden als Opfer, von denen die Priester bestimmte Teile essen durften. Auch hier muss deshalb zwischen der Verwendung des Blutes, der Darbringung des Fettes und der Beseitigung der übrigen Körperteile unterschieden werden.

Derjenige, der die Überreste außerhalb des Lagers verbrennt, muss nach Vers 28 ebenfalls seine Kleidung waschen und seinen Körper mit Wasser baden. Erst danach darf er wieder ins Lager kommen. Damit begegnet dieselbe Reinigungsanforderung, die unmittelbar zuvor für den Mann beschrieben wurde, der den lebenden Bock fortgebracht hatte. Obwohl beide Männer unterschiedliche Aufgaben erfüllen, ist für ihre Rückkehr dieselbe Waschung vorgeschrieben. Diese Gemeinsamkeit zeigt, dass die Reinheitsordnung auch diejenigen einschließt, die nicht selbst als Priester im Heiligtum dienen, aber notwendige Aufgaben innerhalb des Versöhnungstages übernehmen.

Die Verbrennung der Sündopfer außerhalb des Lagers erhält im Neuen Testament eine bemerkenswerte Bedeutung. Hebräer 13,11–12 erinnert ausdrücklich daran, dass die Körper derjenigen Sündopfertiere, deren Blut der Hohepriester in das Heiligtum bringt, außerhalb des Lagers verbrannt werden. Anschließend stellt der Verfasser eine Verbindung zum Leiden Jesu her, der außerhalb des Stadttores starb, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen. Diese Verbindung wird also nicht erst durch eine spätere freie Symboldeutung hergestellt, sondern ausdrücklich im Hebräerbrief aufgegriffen. Dennoch besteht ein wichtiger Unterschied: Die Körper der alttestamentlichen Opfertiere wurden außerhalb des Lagers verbrannt, während Jesus außerhalb Jerusalems litt und starb. Die gemeinsame Ortsvorstellung dient dem Hebräerbrief dazu, die Bedeutung seines Opfers zu entfalten, ohne sämtliche Einzelheiten der beiden Vorgänge gleichzusetzen.

Damit schließen die Verse 23–28 die praktischen Handlungen des jährlichen Versöhnungsdienstes ab. Aaron hat seine besonderen Gewänder abgelegt, die vorgeschriebenen Waschungen vollzogen und die abschließenden Opfer dargebracht. Auch die beteiligten Männer erhalten klare Anweisungen für ihre Rückkehr in das Lager. Nichts soll dem persönlichen Ermessen überlassen bleiben, wo Gott eine besondere Ordnung festgelegt hat. Nun richtet sich der Blick ein letztes Mal auf das gesamte Volk. Denn der Versöhnungstag besteht nicht allein aus den Handlungen des Hohenpriesters. Auch die Israeliten selbst haben an diesem Tag eine besondere Verantwortung. Welche Haltung sie einnehmen sollen, warum jede gewöhnliche Arbeit ruhen muss und weshalb dieser Tag jährlich wiederkehren soll, erklären die abschließenden Verse 29–34.

3. Mose 16,29–34

Der jährliche Versöhnungstag und die Verantwortung ganz Israels

Nachdem die besonderen Opferhandlungen und Reinigungsvorschriften beschrieben worden sind, richtet Gott seine Worte nun an das gesamte Volk Israel. Der Versöhnungstag soll nicht nur ein außergewöhnliches Ereignis während Aarons Amtszeit bleiben, sondern zu einer jährlich wiederkehrenden Ordnung werden. Vers 29 legt dafür einen bestimmten Zeitpunkt fest: den zehnten Tag des siebten Monats. Nach dem religiösen Kalender Israels fällt dieser Termin in den Herbst. Der Tag erhält damit einen festen Platz im Jahreslauf des Volkes. Unabhängig davon, welche Aufgaben und Verpflichtungen die Israeliten gewöhnlich haben, sollen sie zu diesem festgelegten Zeitpunkt ihre Aufmerksamkeit auf die Versöhnung mit Gott richten.

Dabei fällt auf, dass Gott dem Volk zwei ausdrückliche Verpflichtungen auferlegt. Die Israeliten sollen ihre Seelen demütigen und keinerlei Arbeit verrichten. Das hebräische Verb anah kann in diesem Zusammenhang bedeuten, sich selbst zu demütigen oder Verzicht zu üben. Die Aufforderung betrifft also mehr als eine äußerliche Teilnahme an einer religiösen Feier. Die Menschen sollen sich bewusst vor Gott beugen und ihre eigene Bedürftigkeit anerkennen. In der jüdischen Überlieferung wurde diese Anweisung besonders mit dem Fasten verbunden. Auch Psalm 35,13 und Jesaja 58,3–5 zeigen, dass die Demütigung der Seele durch Fasten ausgedrückt werden konnte. Allerdings nennt 3. Mose 16,29 selbst nicht ausdrücklich das Wort „fasten“. Die umfassendere Formulierung sollte deshalb nicht ausschließlich auf den Verzicht auf Nahrung reduziert werden. Entscheidend ist die ernsthafte Haltung, mit der das Volk vor Gott treten soll.

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Diese Aufforderung erhält durch den Zusammenhang mit 3. Mose 23,27–29 zusätzliches Gewicht. Dort wird der Versöhnungstag ausdrücklich als heilige Versammlung beschrieben. Wer sich an diesem Tag nicht demütigt, soll aus seinem Volk ausgerottet werden. Das zeigt, dass die persönliche Haltung der Israeliten keine nebensächliche Ergänzung zum Priesterdienst ist. Die Sühnehandlungen werden zwar vom Hohenpriester ausgeführt, doch das Volk darf ihnen nicht gleichgültig gegenüberstehen. Die Menschen sollen sich ihrer Verantwortung vor Gott bewusst werden. Daraus folgt allerdings nicht, dass ihre Demütigung selbst das Opfer ersetzen oder die Sühne durch menschliche Leistung bewirken könnte. Die priesterlichen Handlungen und die Antwort des Volkes besitzen unterschiedliche Aufgaben innerhalb derselben göttlichen Ordnung.

Auch das Arbeitsverbot ist umfassend formuliert. Es gilt nicht nur für die gebürtigen Israeliten, sondern ebenso für die Fremden, die unter ihnen wohnen. Damit werden auch Menschen einbezogen, die nicht durch ihre Abstammung zum Volk Israel gehören, aber innerhalb seiner Gemeinschaft leben. Die Vorschrift unterscheidet an dieser Stelle nicht zwischen wohlhabenden und armen Menschen oder zwischen besonders angesehenen und gewöhnlichen Mitgliedern der Gemeinschaft. Alle Betroffenen sollen ihre Arbeit ruhen lassen. Der Versöhnungstag ist keine Veranstaltung, bei der allein die Priester religiöse Pflichten erfüllen, während der Alltag des übrigen Volkes ungestört weitergeht. Die ganze Gemeinschaft wird in die besondere Ordnung dieses Tages einbezogen.

Vers 30 nennt anschließend die zentrale Zusage, die dem Versöhnungstag seine Bedeutung gibt. An diesem Tag soll für das Volk Sühne erwirkt werden, damit es von seinen Sünden gereinigt wird. Bemerkenswert ist, dass die Reinigung hier ausdrücklich den Israeliten selbst zugesprochen wird. Zuvor war ausführlich erklärt worden, wie das Heiligtum, die Stiftshütte und der Altar entsühnt werden sollen. Nun tritt die Wirkung des gesamten Dienstes für die Menschen in den Vordergrund. Gottes Ziel besteht nicht allein darin, die kultische Reinheit seines Heiligtums wiederherzustellen. Auch das Volk soll vor ihm gereinigt werden.

Besonders weitreichend ist die Formulierung, dass die Israeliten von allen ihren Sünden rein werden sollen. Der Text begrenzt diese Aussage nicht auf eine einzige Art von Verfehlung. Bereits Vers 21 hatte die Missetaten, Übertretungen und Sünden Israels ausdrücklich zusammen genannt. Nun wird die umfassende Bedeutung der Versöhnung noch einmal hervorgehoben. Trotzdem darf daraus nicht geschlossen werden, dass Gott jede bewusste und fortgesetzte Auflehnung unabhängig von Umkehr und persönlicher Haltung automatisch für vergeben erklärt. Die Aufforderung zur Demütigung und die ernsten Warnungen aus 3. Mose 23 müssen mitberücksichtigt werden. Der Versöhnungstag verbindet die von Gott bereitgestellte Sühne mit dem Ruf an sein Volk, ihm aufrichtig zu begegnen.

In Vers 31 bezeichnet Gott diesen Tag als einen besonderen Sabbat der Ruhe. Der hebräische Ausdruck schabbat schabbaton betont eine vollständige und feierliche Arbeitsruhe. Diese Formulierung verdient Aufmerksamkeit, weil das Wort „Sabbat“ im Alten Testament nicht ausschließlich für den wöchentlichen siebten Tag verwendet wird. Auch besondere heilige Zeiten konnten eine ausdrücklich angeordnete Sabbatruhe besitzen. Der Versöhnungstag war auf den zehnten Tag des siebten Monats festgelegt und konnte deshalb auf unterschiedliche Wochentage fallen. Seine besondere Ruheordnung darf weder einfach mit dem wöchentlichen Sabbat gleichgesetzt noch gegen dessen eigenständige Einsetzung ausgespielt werden. Beide Ordnungen müssen zunächst nach ihren jeweiligen biblischen Bestimmungen verstanden werden.

Die Verbindung von Ruhe und Demütigung ist dabei besonders bemerkenswert. Das Volk soll nicht nur auf gewöhnliche Arbeit verzichten, sondern diesen Freiraum bewusst für die Begegnung mit Gott nutzen. Die Ruhe besitzt also innerhalb dieses Festtages einen ausdrücklich religiösen Zweck. Sie soll verhindern, dass die Menschen den Tag wie einen gewöhnlichen Arbeitstag behandeln, während der Hohepriester stellvertretend für sie den Versöhnungsdienst vollzieht. In 3. Mose 23,32 wird zusätzlich bestimmt, dass diese besondere Ruhe vom Abend des neunten Tages bis zum folgenden Abend einzuhalten ist. Damit erhält die Vorschrift auch einen genau festgelegten zeitlichen Rahmen. Für die ursprünglichen Israeliten war dieser Tag somit eine verbindliche Unterbrechung ihres gewöhnlichen Lebens, in der sie sich Gottes heiliger Gegenwart und ihrer Verantwortung vor ihm zuwenden sollten.

Ab Vers 32 verändert sich der Blickwinkel erneut. Bislang stand Aaron als der gegenwärtige Hohepriester im Mittelpunkt der Anweisungen. Nun wird ausdrücklich bestimmt, dass auch ein späterer Priester den Versöhnungsdienst ausführen soll, wenn er gesalbt und anstelle seines Vaters in das Amt eingesetzt worden ist. Die Ordnung wird damit über Aarons persönliche Lebenszeit hinausgeführt. Es genügt nicht, dass einmal ein Hohepriester die vorgeschriebenen Handlungen vollzieht. Jede folgende Priestergeneration soll denselben besonderen Dienst übernehmen. Die priesterliche Nachfolge ist deshalb ein wichtiger Bestandteil der dauerhaften Einrichtung des Versöhnungstages.

Der Ausdruck, dass dem Priester die Hand gefüllt worden ist, gehört zur hebräischen Sprache der priesterlichen Amtseinsetzung. Er bezeichnet hier nicht eine gewöhnliche Übergabe von Gegenständen, sondern die Beauftragung und Einsetzung in den Priesterdienst. Bereits in 2. Mose 28,41 und 29,9 begegnet diese besondere Ausdrucksweise. Der künftige Hohepriester muss also rechtmäßig in sein Amt eingesetzt worden sein. Nicht irgendein Israelit und auch nicht jeder gewöhnliche Priester darf eigenmächtig die Aufgaben des Versöhnungstages übernehmen. Die Heiligkeit des Dienstes verlangt weiterhin die von Gott bestimmte priesterliche Ordnung.

Bemerkenswert ist außerdem, dass Vers 32 erneut die heiligen Leinengewänder erwähnt. Auch der spätere Hohepriester soll diese besondere Kleidung tragen, wenn er den Versöhnungsdienst ausführt. Damit wird deutlich, dass die zuvor beschriebenen Vorschriften über Aarons Kleidung keine einmalige persönliche Besonderheit darstellen. Sie gehören zur jährlich wiederkehrenden Ordnung. Die genaue Kleidung, der Zugang zum Allerheiligsten und die vorgeschriebenen Opferhandlungen bleiben an das Amt und den jeweiligen Gottesdienst gebunden, nicht an die persönlichen Vorlieben des Priesters.

Vers 33 fasst schließlich den Umfang der Sühnehandlungen zusammen. Der Hohepriester soll das Allerheiligste, die Stiftshütte und den Altar entsühnen. Zugleich soll er für die Priester und die gesamte Volksgemeinde Sühne erwirken. Diese Zusammenfassung führt die verschiedenen Bereiche des Kapitels noch einmal zusammen, ohne ihren Ablauf erneut im Einzelnen zu beschreiben. Das Heiligtum mit seinen heiligen Bereichen und die Menschen, die dort vor Gott vertreten werden, gehören zum selben Versöhnungsgeschehen. Dabei bleibt die Unterscheidung zwischen der Reinigung heiliger Gegenstände und der Sühne für Menschen bestehen. Das Heiligtum benötigt keine Vergebung persönlicher Schuld, während die Israeliten tatsächlich als sündige Menschen vor Gott stehen.

Die jährliche Wiederholung wird in Vers 34 noch einmal ausdrücklich bestätigt. Einmal im Jahr soll für die Israeliten wegen aller ihrer Sünden Sühne erwirkt werden. Diese Formulierung bezeichnet die regelmäßige Wiederkehr des Versöhnungstages und bedeutet nicht, dass der Hohepriester an diesem Tag nur ein einziges Mal hinter den inneren Vorhang treten durfte. Der zuvor beschriebene Ablauf umfasst mehrere unterschiedliche Handlungen mit Räucherwerk und Opferblut. Der entscheidende Gedanke ist vielmehr, dass der Versöhnungsdienst jedes Jahr erneut stattfinden muss. Die Wiederholung gehört zur alttestamentlichen Heiligtumsordnung und macht deutlich, dass die damaligen Opfer nicht ein für alle Mal sämtliche zukünftigen Sühnehandlungen überflüssig machten.

Gerade hier eröffnet sich eine bedeutsame Verbindung zum Hebräerbrief. In Hebräer 9,7 wird der jährlich begrenzte Zugang des Hohenpriesters zum innersten Heiligtum ausdrücklich aufgegriffen. Anschließend erklärt der Verfasser, dass Christus durch sein eigenes Opfer eine Erlösung bewirkt hat, die nicht durch jährlich wiederholte Tieropfer erneuert werden muss. Hebräer 9,11–14 und 10,11–14 stellen den wiederkehrenden Dienst der irdischen Priester dem einmaligen, vollkommen wirksamen Opfer Jesu gegenüber. Der alttestamentliche Versöhnungstag bildet damit einen wichtigen Hintergrund für das Verständnis seines himmlischen Priesterdienstes. Zugleich muss sorgfältig unterschieden werden zwischen dem, was 3. Mose 16 selbst über den irdischen Dienst sagt, und den weiterführenden Aussagen des Neuen Testaments über dessen Erfüllung in Christus.

Auch die Bezeichnung als ewig gültige Ordnung verdient in diesem Zusammenhang eine genaue Einordnung. Der hebräische Ausdruck chuqqat olam bezeichnet eine bleibende, verbindliche Satzung. Innerhalb des Bundes mit Israel war der Versöhnungstag deshalb nicht als vorübergehende Einzelanweisung für Aaron gedacht, sondern als dauerhafte Einrichtung für die folgenden Generationen. Ob und in welcher Form diese Ordnung unter dem Neuen Bund fortbesteht, lässt sich jedoch nicht allein aus dem Wort „ewig“ entscheiden. Der Hebräerbrief erklärt ausdrücklich, dass Christi Opfer und Priesterdienst eine neue heilsgeschichtliche Wirklichkeit geschaffen haben. Deshalb darf die bleibende Bedeutung des Versöhnungstages weder geleugnet noch mit der unveränderten Fortsetzung sämtlicher alttestamentlicher Opferhandlungen gleichgesetzt werden.

Der letzte Satz des Kapitels hält fest, dass nach Gottes Anweisung gehandelt wurde. Damit endet der Bericht nicht mit einer weiteren theologischen Erklärung, sondern mit dem Gehorsam gegenüber dem Wort des HERRN. Die ausführlichen Vorschriften sind nicht bloß eine Sammlung religiöser Vorstellungen, sondern eine verbindliche Ordnung, die tatsächlich ausgeführt werden soll. Von der Vorbereitung des Hohenpriesters bis zur Reinigung des Heiligtums und der Verantwortung des Volkes steht der gesamte Dienst unter Gottes ausdrücklichem Gebot.

Damit schließt eines der bedeutendsten Kapitel des dritten Mosebuches. Der Versöhnungstag verbindet die Heiligkeit Gottes mit der menschlichen Notwendigkeit der Reinigung und Sühne. Er zeigt, dass die Gemeinschaft mit Gott nicht durch eigenmächtigen Zugang, menschliche Würdigkeit oder beliebige religiöse Handlungen gesichert werden kann. Gott selbst bestimmt den Weg der Versöhnung und gibt seinem Volk die Möglichkeit, vor ihm rein zu werden. Zugleich bleibt die damals vorgeschriebene jährliche Wiederholung ein wesentliches Merkmal dieses Dienstes. Erst im Licht des Neuen Testaments erschließt sich, wie Jesus Christus als vollkommener Hohepriester diese alttestamentliche Ordnung aufgreift und durch sein eigenes Opfer zu ihrer endgültigen Erfüllung führt.

Geistliche Kernbotschaft

Der große Versöhnungstag offenbart eine grundlegende Wahrheit über das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen: Der heilige Gott möchte unter seinem Volk wohnen, doch seine Gegenwart kann nicht von der Wirklichkeit menschlicher Sünde und Unreinheit getrennt werden. Die Gemeinschaft mit ihm ist deshalb keine Selbstverständlichkeit. Sie benötigt eine Versöhnung, deren Voraussetzungen Gott selbst festlegt. Gerade darin zeigt sich neben seiner Heiligkeit auch seine Barmherzigkeit. Er überlässt die Menschen nicht ihrer Schuld, sondern eröffnet ihnen einen Weg, auf dem sie vor ihm gereinigt werden können.

Auffällig ist, dass der Versöhnungstag nicht allein die persönliche Vergebung einzelner Menschen behandelt. Auch das Heiligtum, in dem Gott mitten unter Israel wohnt, wird ausdrücklich entsühnt. Dadurch erhält die Sünde eine Bedeutung, die über das persönliche Leben des Einzelnen hinausreicht. Israel soll begreifen, dass seine Übertretungen nicht losgelöst von der Beziehung zu Gott betrachtet werden können. Der Bund verbindet das Volk mit seinem Schöpfer, und seine Untreue betrifft diese heilige Gemeinschaft. Die jährliche Reinigung des Heiligtums macht sichtbar, dass Gott die Verunreinigung seiner Wohnung nicht einfach bestehen lässt.

Besonders eindrücklich ist dabei die Verbindung zwischen Sühne und Wegschaffung der Sünden. Der Gottesdienst endet nicht mit der Darbringung der vorgeschriebenen Blutopfer. Auch die Entfernung der Schuld aus der Gemeinschaft erhält einen sichtbaren Ausdruck. Damit wird ein wesentlicher Gedanke entfaltet: Gottes Ziel ist nicht, dass die Sünde für immer zum Leben seines Volkes gehört. Die Versöhnungsordnung weist vielmehr auf eine Wiederherstellung hin, bei der die Belastung durch menschliche Übertretungen nicht dauerhaft bestehen bleiben soll. Welche endgültige Erfüllung dieser Gedanke innerhalb des Erlösungsplans findet, wird erst durch die weitere biblische Offenbarung verständlich.

Gleichzeitig zeigt der Versöhnungstag, dass die von Gott bereitgestellte Sühne den Menschen nicht von seiner persönlichen Verantwortung entbindet. Während der Hohepriester den vorgeschriebenen Dienst ausführt, soll sich das Volk vor Gott demütigen. Es soll den Tag nicht wie einen gewöhnlichen Arbeitstag behandeln, sondern seine Aufmerksamkeit bewusst auf die eigene Stellung vor Gott richten. Damit wird deutlich, dass echte Versöhnung nicht mit religiöser Gleichgültigkeit verbunden werden kann. Die Menschen sollen Gottes Gnade nicht als etwas betrachten, das ihre innere Haltung bedeutungslos macht.

Im Neuen Testament erreicht die Bedeutung des Versöhnungstages durch Jesus Christus eine neue Tiefe. Während der irdische Hohepriester zunächst für seine eigenen Sünden ein Opfer benötigte und seinen besonderen Dienst jedes Jahr wiederholen musste, beschreibt der Hebräerbrief Jesus als sündlosen Hohenpriester, der durch sein eigenes Opfer eine endgültig wirksame Erlösung geschaffen hat. Er ist nicht nur derjenige, der den Menschen vor Gott vertritt, sondern hat sich selbst für ihre Rettung hingegeben. Das alttestamentliche Heiligtum mit seinen Opfern und wiederkehrenden Diensten verweist damit über sich hinaus auf ein Erlösungswerk, das nicht von der fortgesetzten Darbringung weiterer Tieropfer abhängig ist.

Die geistliche Botschaft dieses Kapitels liegt deshalb in der Verbindung von Gottes unantastbarer Heiligkeit, der Ernsthaftigkeit menschlicher Schuld und seiner Bereitschaft zur Versöhnung. Der Mensch kann seine Schuld nicht durch eigene religiöse Anstrengungen ungeschehen machen. Aber er darf auf den Gott vertrauen, der selbst einen Weg eröffnet hat, damit die Gemeinschaft mit ihm wiederhergestellt wird. In Jesus Christus erhält diese Hoffnung ihre neutestamentliche Grundlage. Seine vollkommene Hingabe und sein bleibender Priesterdienst zeigen, dass Gottes Absicht nicht die dauerhafte Trennung vom Menschen ist, sondern dessen Rettung und die endgültige Überwindung der Sünde.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Die Bedeutung des Versöhnungstages erschließt sich besonders deutlich im Zusammenhang mit 2. Mose 25,8 und 2. Mose 40,34–38. Gott hatte Israel aufgetragen, ihm ein Heiligtum zu errichten, damit er mitten unter dem Volk wohnen könne. Nach der Fertigstellung erfüllte seine Herrlichkeit die Stiftshütte. Diese Gegenwart machte das Heiligtum zu einem außergewöhnlichen Ort. 3. Mose 16 zeigt nun, welche Ordnung erforderlich war, damit Gottes Wohnung inmitten eines Volkes bestehen konnte, das weiterhin von Unreinheit und Sünde betroffen war. Die Verbindung erklärt, weshalb die Entsühnung des Heiligtums keine nebensächliche Opferhandlung war, sondern unmittelbar mit Gottes Zusage zusammenhing, unter Israel zu wohnen.

Eine weitere wichtige Verbindung besteht zu 3. Mose 23,26–32. Dort wird der Versöhnungstag innerhalb der jährlichen Festordnung Israels beschrieben. Besonders hervorgehoben werden die heilige Versammlung, die Demütigung des Volkes und das vollständige Ruhen von gewöhnlicher Arbeit. Zugleich enthält dieser Abschnitt ernste Warnungen für Menschen, die sich der vorgeschriebenen Ordnung bewusst verweigern. Dadurch wird deutlich, dass der Versöhnungstag nicht nur ein priesterlicher Reinigungsdienst war. Er verlangte auch eine persönliche Antwort der Israeliten. Seine Bedeutung umfasste deshalb sowohl den Gottesdienst am Heiligtum als auch die Haltung der Menschen, für die dort Sühne erwirkt wurde.

Die umfassendste neutestamentliche Erklärung begegnet in Hebräer 9,6–14. Der Verfasser beschreibt zunächst die Ordnung des irdischen Heiligtums und den besonderen Zugang des Hohenpriesters zum innersten Bereich. Diesem wiederkehrenden Dienst stellt er Jesus Christus gegenüber, der aufgrund seines eigenen Blutes ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen ist und eine ewige Erlösung erlangt hat. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen der kultischen Reinigung durch die früheren Opfer und der Reinigung des Gewissens durch Christus. Während die alttestamentlichen Handlungen innerhalb der bestehenden Heiligtumsordnung wirksam waren, reicht das Opfer Jesu nach dem Hebräerbrief bis zur inneren Befreiung des Menschen von der Schuld der Sünde.

Hebräer 9,23–24 vertieft diesen Zusammenhang. Dort spricht der Verfasser ausdrücklich von einer Reinigung der himmlischen Dinge und erklärt, dass Christus nicht in ein mit Händen geschaffenes Heiligtum eingegangen ist, sondern in den Himmel selbst, um vor Gottes Angesicht für uns zu erscheinen. Damit wird die Bedeutung des irdischen Heiligtumsdienstes auf die größere Wirklichkeit des himmlischen Priesterdienstes Christi bezogen. Allerdings dürfen die Einzelheiten des alttestamentlichen Rituals nicht ohne weitere Begründung auf eine bestimmte zeitliche Abfolge im Himmel übertragen werden. Der Hebräerbrief betont vor allem die Überlegenheit, Einmaligkeit und bleibende Wirksamkeit des Werkes Jesu.

Eine bedeutsame Verbindung besteht außerdem zu Daniel 8,13–14. Dort wird die Wiederherstellung beziehungsweise das Ins-Recht-Setzen des Heiligtums nach einer bestimmten prophetischen Zeit angekündigt. Die hebräische Wortwahl unterscheidet sich von den ausdrücklichen Reinigungs- und Sühnebegriffen in 3. Mose 16. Dennoch berühren sich beide Texte in wichtigen Motiven: das Heiligtum, die Übertretung und die Wiederherstellung einer durch Sünde beziehungsweise Auflehnung beeinträchtigten heiligen Ordnung. Diese Übereinstimmungen ermöglichen einen begründeten theologischen Vergleich. Sie beweisen jedoch für sich allein weder eine bestimmte historische Datierung noch den vollständigen Ablauf eines himmlischen Untersuchungsgerichts. Solche weiterführenden Deutungen müssen aus dem gesamten Zusammenhang von Daniel 7–9 und den entsprechenden neutestamentlichen Texten entwickelt werden.

Besonders anschaulich ist die Verbindung zwischen dem Forttragen der Sünden und Jesaja 53,4–6. Der Prophet beschreibt den Knecht des HERRN als jemanden, der die Leiden und Verfehlungen anderer trägt. Nach Vers 6 legt der HERR die Schuld aller auf ihn. Im Neuen Testament wird dieses stellvertretende Leiden ausdrücklich mit Jesus Christus verbunden, etwa in 1. Petrus 2,24. Die Gemeinsamkeit mit 3. Mose 16 liegt im Gedanken, dass Schuld nicht einfach unbeachtet bleibt, sondern von einem anderen getragen wird. Allerdings darf daraus nicht ohne weitere Prüfung gefolgert werden, der lebende Bock für Asasel sei unmittelbar und ausschließlich eine Darstellung Christi. Die umstrittene Identität Asasels und die unterschiedlichen Aufgaben der beiden Böcke bleiben bei einem solchen Vergleich zu berücksichtigen.

Hebräer 13,11–13 stellt eine weitere ausdrückliche Verbindung zum Versöhnungstag her. Der Verfasser erinnert daran, dass die Körper bestimmter Sündopfertiere, deren Blut in das Heiligtum gebracht wurde, außerhalb des Lagers verbrannt wurden. Anschließend verweist er auf Jesus, der außerhalb des Stadttores litt, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen. Diese Verbindung zeigt, dass auch Einzelheiten des alttestamentlichen Opferdienstes im Neuen Testament aufgegriffen werden, wenn sie helfen, das Erlösungswerk Jesu zu erklären. Die Schande und Ausgrenzung seines Leidens stehen dabei im Zusammenhang mit der Heiligung derer, für die er sich hingegeben hat.

Schließlich eröffnet Offenbarung 20,1–3 eine mögliche weiterführende Verbindung zum lebenden Bock. Dort wird Satan gebunden und für tausend Jahre in den Abgrund eingeschlossen. Die Entfernung aus dem Bereich der Menschen erinnert thematisch an die Wegschaffung des Bocks in die Wüste. Innerhalb einer typologischen Auslegung kann dieser Zusammenhang auf die endgültige Verantwortung und das Gericht über den Urheber der Rebellion bezogen werden. Allerdings nennt Offenbarung 20 den Asaselbock nicht, und 3. Mose 16 bezeichnet Asasel nicht ausdrücklich als Satan. Diese Verbindung bleibt deshalb eine mögliche Deutung im größeren prophetischen Gesamtbild und darf nicht mit einer unmittelbaren Aussage des Kapitels verwechselt werden.

Wichtige Lektionen

Der Versöhnungstag erinnert zunächst daran, dass Gottes Heiligkeit ernst genommen werden muss. Aaron durfte nicht nach eigenen Vorstellungen in das Allerheiligste treten, obwohl er von Gott selbst zum Hohenpriester eingesetzt worden war. Für den Glauben heute bedeutet das nicht, sämtliche damaligen Zugangsvorschriften fortzuführen. Es fordert jedoch dazu auf, Gott nicht nur als Erfüllung persönlicher Wünsche zu betrachten, sondern seinen Willen und sein Wesen ernst zu nehmen. Echte Ehrfurcht zeigt sich darin, dass der Mensch bereit ist, seine eigenen Vorstellungen am Wort Gottes prüfen zu lassen.

Ebenso wichtig ist die Bereitschaft, sich der eigenen Schuld zu stellen. Die Israeliten sollten den Versöhnungstag nicht gleichgültig erleben, während der Hohepriester stellvertretend für sie handelte. Ihre Demütigung vor Gott zeigte, dass sie die Bedeutung der Versöhnung persönlich ernst nehmen sollten. Auch heute kann ein Mensch religiöse Gewohnheiten pflegen und zugleich den unangenehmen Fragen nach dem eigenen Verhalten ausweichen. Aufrichtige Umkehr beginnt dort, wo Schuld nicht beschönigt, auf andere abgeschoben oder hinter äußerlicher Frömmigkeit verborgen wird. Wer Gottes Vergebung sucht, darf ehrlich anerkennen, wo er gegen seinen Willen gehandelt hat.

Dabei zeigt das Kapitel auch, dass Versöhnung nicht durch menschliche Leistung verdient werden kann. Israel konnte die vorgeschriebenen Handlungen nicht beliebig verändern und musste sich auf die von Gott eingesetzte Ordnung verlassen. Im Neuen Bund gründet die Hoffnung des Menschen auf dem Opfer Jesu Christi, nicht auf der Vorstellung, durch genügend gute Werke oder religiöse Anstrengungen selbst vollkommen rein werden zu können. Gute Werke, Gehorsam und eine aufrichtige Lebensführung verlieren dadurch nicht ihre Bedeutung. Sie werden jedoch zur Antwort auf Gottes Gnade und nicht zum Ersatz für das Erlösungswerk Christi.

Eine weitere Lektion liegt im bewussten Umgang mit Zeit und persönlichen Prioritäten. Am Versöhnungstag musste Israel seine gewöhnliche Arbeit unterbrechen. Diese Ruhe erinnerte daran, dass nicht jede Aufgabe des Alltags denselben Stellenwert besitzt. Der Mensch benötigt auch Zeiten, in denen er sich nicht von seinen alltäglichen Verpflichtungen bestimmen lässt, sondern über seine Beziehung zu Gott nachdenkt. Daraus folgt nicht, dass Christen den alttestamentlichen Versöhnungstag mit allen seinen Vorschriften unverändert begehen müssen. Wohl aber bleibt die Frage berechtigt, welchen Raum Gebet, Selbstprüfung und Gottes Wort im eigenen Leben tatsächlich erhalten.

Schließlich lenkt der Versöhnungstag die Aufmerksamkeit auf Gottes Absicht, die Sünde nicht für immer bestehen zu lassen. Gerade für Menschen, die ihre eigenen Fehler bereuen oder unter der Schuld anderer leiden, ist dieser Gedanke von großer Bedeutung. Die Bibel beschreibt die Sünde nicht als eine Wirklichkeit, mit der Gott sich endgültig abfindet. Sein Erlösungsplan zielt auf Gerechtigkeit, Wiederherstellung und die Überwindung des Bösen. Deshalb darf christliche Hoffnung über die Vergebung vergangener Schuld hinausreichen. Sie erwartet die Vollendung dessen, was Gott durch Jesus Christus begonnen hat.

Diese Hoffnung soll bereits das gegenwärtige Leben prägen. Wer selbst auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen ist, hat keinen Grund, anderen Menschen mit selbstgerechter Härte zu begegnen. Die ernsthafte Auseinandersetzung mit Sünde verlangt nicht Lieblosigkeit, sondern verbindet Wahrhaftigkeit mit der Bereitschaft zur Vergebung. Gleichzeitig bedeutet Barmherzigkeit nicht, Unrecht zu verharmlosen. Der Versöhnungstag erinnert daran, dass Gott die Wirklichkeit der Schuld ernst nimmt und dennoch einen Weg zur Wiederherstellung eröffnet. In dieser Verbindung von Gerechtigkeit und Gnade liegt eine Orientierung für den Umgang mit den eigenen Verfehlungen ebenso wie mit den Fehlern anderer Menschen.