Klagelieder 3 – Lutherbibel 1912
Ich bin ein elender Mann, der die Rute seines Grimmes sehen muß.
Lutherbibel 1912 – 66 Verse. Der vollständige Kapiteltext:
- 1 Ich bin ein elender Mann, der die Rute seines Grimmes sehen muß.
- 2 Er hat mich geführt und lassen gehen in die Finsternis und nicht in Licht.
- 3 Er hat seine Hand gewendet wider mich und handelt gar anders mit mir für und für.
- 4 Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen.
- 5 Er hat mich verbaut und mich mit Galle und Mühe umgeben.
- 6 Er hat mich in Finsternis gelegt wie die, so längst tot sind.
- 7 Er hat mich vermauert, daß ich nicht heraus kann, und mich in harte Fesseln gelegt.
- 8 Und wenn ich gleich schreie und rufe, so stopft er die Ohren zu vor meinem Gebet.
- 9 Er hat meinen Weg vermauert mit Werkstücken und meinen Steig umgekehrt.
- 10 Er hat auf mich gelauert wie ein Bär, wie ein Löwe im Verborgenen.
- 11 Er läßt mich des Weges fehlen. Er hat mich zerstückt und zunichte gemacht.
- 12 Er hat seinen Bogen gespannt und mich dem Pfeil zum Ziel gesteckt.
- 13 Er hat aus dem Köcher in meine Nieren schießen lassen.
- 14 Ich bin ein Spott allem meinem Volk und täglich ihr Liedlein.
- 15 Er hat mich mit Bitterkeit gesättigt und mit Wermut getränkt.
- 16 Er hat meine Zähne zu kleinen Stücken zerschlagen. Er wälzt mich in der Asche.
- 17 Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich muß des Guten vergessen.
- 18 Ich sprach: Mein Vermögen ist dahin und meine Hoffnung auf den HERRN.
- 19 Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Galle getränkt bin!
- 20 Du wirst ja daran gedenken; denn meine Seele sagt mir es.
- 21 Das nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch.
- 22 Die Güte des HERRN ist's, daß wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
- 23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
- 24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
- 25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf sie harrt, und der Seele, die nach ihm fragt.
- 26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.
- 27 Es ist ein köstlich Ding einem Mann, daß er das Joch in seiner Jugend trage;
- 28 daß ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas überfällt,
- 29 und seinen Mund in den Staub stecke und der Hoffnung warte
- 30 und lasse sich auf die Backen schlagen und viel Schmach anlegen.
- 31 Denn der Herr verstößt nicht ewiglich;
- 32 sondern er betrübt wohl, und erbarmt sich wieder nach seiner Güte.
- 33 Denn er nicht von Herzen die Menschen plagt und betrübt,
- 34 als wollte er die Gefangenen auf Erden gar unter seine Füße zertreten
- 35 und eines Mannes Recht vor dem Allerhöchsten beugen lassen
- 36 und eines Menschen Sache verkehren lassen, gleich als sähe es der Herr nicht.
- 37 Wer darf denn sagen, daß solches geschehe ohne des Herrn Befehl
- 38 und daß nicht Böses und Gutes komme aus dem Munde des Allerhöchsten?
- 39 Wie murren denn die Leute im Leben also? Ein jeglicher murre wider seine Sünde!
- 40 Und laßt uns erforschen und prüfen unser Wesen und uns zum HERRN bekehren!
- 41 Laßt uns unser Herz samt den Händen aufheben zu Gott im Himmel!
- 42 Wir, wir haben gesündigt und sind ungehorsam gewesen; darum hast du billig nicht verschont;
- 43 sondern du hast uns mit Zorn überschüttet und verfolgt und ohne Barmherzigkeit erwürgt.
- 44 Du hast dich mit einer Wolke verdeckt, daß kein Gebet hindurch konnte.
- 45 Du hast uns zu Kot und Unflat gemacht unter den Völkern.
- 46 Alle unsre Feinde sperren ihr Maul auf wider uns.
- 47 Wir werden gedrückt und geplagt mit Schrecken und Angst.
- 48 Meine Augen rinnen mit Wasserbächen über den Jammer der Tochter meines Volks.
- 49 Meine Augen fließen und können nicht ablassen; denn es ist kein Aufhören da,
- 50 bis der HERR vom Himmel herabschaue uns sehe darein.
- 51 Mein Auge frißt mir das Leben weg um die Töchter meiner Stadt.
- 52 Meine Feinde haben mich gehetzt wie einen Vogel ohne Ursache;
- 53 sie haben mein Leben in einer Grube fast umgebracht und Steine auf mich geworfen;
- 54 sie haben mein Haupt mit Wasser überschüttet; da sprach ich: Nun bin ich gar dahin.
- 55 Ich rief aber deinen Namen an, HERR, unten aus der Grube,
- 56 und du erhörtest meine Stimme: Verbirg deine Ohren nicht vor meinem Seufzen und Schreien!
- 57 Du nahest dich zu mir, wenn ich dich anrufe, und sprichst: Fürchte dich nicht!
- 58 Du führest, Herr, die Sache meiner Seele und erlösest mein Leben.
- 59 Du siehest, HERR, wie mir so Unrecht geschieht; hilf mir zu meinem Recht!
- 60 Du siehst alle ihre Rache und alle ihre Gedanken wider mich.
- 61 HERR, du hörest ihr Schmähen und alle ihre Gedanken über mich,
- 62 die Lippen meiner Widersacher und ihr dichten wider mich täglich.
- 63 Schaue doch, sie sitzen oder stehen auf, so singen sie von mir ein Liedlein.
- 64 Vergilt ihnen, HERR, wie sie verdient haben!
- 65 Laß ihnen das Herz erschrecken, laß sie deinen Fluch fühlen!
- 66 Verfolge sie mit deinem Grimm und vertilge sie unter dem Himmel des HERRN.