Richter 9
Abimelech aber, der Sohn Jerubbaals, ging hin zu Sichem zu den Brüdern seiner Mutter und redete mit ihnen und mit dem ganzen Geschlecht des Vaterhauses seiner Mutter und sprach:
57 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Abimelech aber, der Sohn Jerubbaals, ging hin zu Sichem zu den Brüdern seiner Mutter und redete mit ihnen und mit dem ganzen Geschlecht des Vaterhauses seiner Mutter und sprach:
- 2 Redet doch vor den Ohren aller Männer zu Sichem: was ist euch besser, daß siebzig Männer, alle Kinder Jerubbaals, über euch Herren seien, oder daß ein Mann über euch Herr sei? Gedenkt auch dabei, daß ich euer Gebein und Fleisch bin.
- 3 Da redeten die Brüder seiner Mutter von ihm alle diese Worte vor den Ohren aller Männer zu Sichem. Und ihr Herz neigte sich Abimelech nach; denn sie gedachten: Er ist unser Bruder.
- 4 Und sie gaben ihm siebzig Silberlinge aus dem Haus Baal-Beriths. Und Abimelech dingte damit lose, leichtfertige Männer, die ihm nachfolgten.
- 5 Und er kam in seines Vaters Haus gen Ophra und erwürgte seine Brüder, die Kinder Jerubbaals, siebzig Mann, auf einem Stein. Es blieb aber übrig Jotham, der jüngste Sohn Jerubbaals; denn er war versteckt.
- 6 Und es versammelten sich alle Männer von Sichem und das ganze Haus Millo, gingen hin und machten Abimelech zum König bei der hohen Eiche, die zu Sichem steht.
- 7 Da das angesagt ward dem Jotham, ging er hin und trat auf die Höhe des Berges Garizim und hob auf seine Stimme, rief und sprach zu ihnen: Hört mich, ihr Männer zu Sichem, daß euch Gott auch höre!
- 8 Die Bäume gingen hin, daß sie einen König über sich salbten, und sprachen zu dem Ölbaum: Sei unser König!
- 9 Aber der Ölbaum antwortete ihnen: Soll ich meine Fettigkeit lassen, die beide, Götter und Menschen, an mir preisen, und hingehen, daß ich schwebe über den Bäumen?
- 10 Da sprachen die Bäume zum Feigenbaum: Komm du und sei unser König!
- 11 Aber der Feigenbaum sprach zu ihnen: Soll ich meine Süßigkeit und meine gute Frucht lassen und hingehen, daß ich über den Bäumen schwebe?
- 12 Da sprachen die Bäume zum Weinstock: Komm du und sei unser König!
- 13 Aber der Weinstock sprach zu ihnen: Soll ich meinen Most lassen, der Götter und Menschen fröhlich macht, und hingehen, daß ich über den Bäumen schwebe?
- 14 Da sprachen die Bäume zum Dornbusch: Komm du und sei unser König!
- 15 Und der Dornbusch sprach zu den Bäumen: Ist's wahr, daß ihr mich zum König salbt über euch, so kommt und vertraut euch unter meinen Schatten; wo nicht, so gehe Feuer aus dem Dornbusch und verzehre die Zedern Libanons.
- 16 Habt ihr nun recht und redlich getan, daß ihr Abimelech zum König gemacht habt; und habt ihr wohl getan an Jerubbaal und an seinem Hause und habt ihm getan, wie er um euch verdient hat
- 17 (denn mein Vater hat gestritten um euretwillen und seine Seele dahingeworfen von sich, daß er euch errettete von der Midianiter Hand;
- 18 und ihr lehnt euch auf heute wider meines Vaters Haus und erwürgt seine Kinder, siebzig Mann, auf einem Stein und macht euch Abimelech, seiner Magd Sohn, zum König über die Männer zu Sichem, weil er euer Bruder ist);
- 19 und habt ihr nun recht und redlich gehandelt an Jerubbaal und an seinem Hause an diesem Tage: so seid fröhlich über Abimelech und er sei fröhlich über euch;
- 20 wo nicht, so gehe Feuer aus von Abimelech und verzehre die Männer zu Sichem und das Haus Millo, und gehe auch Feuer aus von den Männern zu Sichem und vom Haus Millo und verzehre Abimelech.
- 21 Und Jotham floh vor seinem Bruder Abimelech und entwich und ging gen Beer und wohnte daselbst.
- 22 Als nun Abimelech drei Jahre über Israel geherrscht hatte,
- 23 sandte Gott einen bösen Willen zwischen Abimelech und den Männern zu Sichem. Und die Männer zu Sichem wurden Abimelech untreu,
- 24 auf daß der Frevel, an den siebzig Söhnen Jerubbaals begangen, und ihr Blut käme auf Abimelech, ihren Bruder, der sie erwürgt hatte, und auf die Männer zu Sichem, die ihm seine Hand dazu gestärkt hatten, daß er seine Brüder erwürgte.
- 25 Und die Männer zu Sichem stellten einen Hinterhalt auf den Spitzen der Berge und beraubten alle, die auf der Straße zu ihnen wandelten. Und es ward Abimelech angesagt.
- 26 Es kam aber Gaal, der Sohn Ebeds, und seine Brüder und zogen zu Sichem ein. Und die Männer von Sichem verließen sich auf ihn
- 27 und zogen heraus aufs Feld und lasen ab ihre Weinberge und kelterten und machten einen Tanz und gingen in ihres Gottes Haus und aßen und tranken und fluchten dem Abimelech.
- 28 Und Gaal, der Sohn Ebeds, sprach: Wer ist Abimelech, und was ist Sichem, daß wir ihm dienen sollten? Ist er nicht Jerubbaals Sohn und hat Sebul, seinen Knecht, hergesetzt? Dienet den Leuten Hemors, des Vaters Sichems! Warum sollten wir jenen dienen?
- 29 Wollte Gott, das Volk wäre unter meiner Hand, daß ich Abimelech vertriebe! Und es ward Abimelech gesagt: Mehre dein Heer und zieh aus!
- 30 Denn Sebul, der Oberste in der Stadt, da er die Worte Gaals, des Sohnes Ebeds, hörte, ergrimmte er in seinem Zorn
- 31 und sandte Botschaft zu Abimelech heimlich und ließ ihm sagen: Siehe, Gaal, der Sohn Ebeds, und seine Brüder sind gen Sichem gekommen und machen dir die Stadt aufrührerisch.
- 32 So mache dich nun auf bei der Nacht, du und dein Volk, das bei dir ist, und mache einen Hinterhalt auf sie im Felde.
- 33 Und des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, so mache dich früh auf und überfalle die Stadt. Und wo er und das Volk, das bei ihm ist, zu dir hinauszieht, so tue mit ihm, wie es deine Hand findet.
- 34 Abimelech stand auf bei der Nacht und alles Volk, das bei ihm war, und hielt auf Sichem mit vier Haufen.
- 35 Und Gaal, der Sohn Ebeds, zog heraus und trat vor die Tür an der Stadt Tor. Aber Abimelech machte sich auf aus dem Hinterhalt samt dem Volk, das mit ihm war.
- 36 Da nun Gaal das Volk sah, sprach er zu Sebul: Siehe, da kommt ein Volk von der Höhe des Gebirges hernieder. Sebul aber sprach zu Ihm: Du siehst die Schatten der Berge für Leute an.
- 37 Gaal redete noch mehr und sprach: Siehe, ein Volk kommt hernieder aus der Mitte des Landes, und ein Haufe kommt auf dem Wege zur Zaubereiche.
- 38 Da sprach Sebul zu ihm: Wo ist nun hier dein Maul, das da sagte: Wer ist Abimelech, daß wir ihm dienen sollten? Ist das nicht das Volk, das du verachtet hast? Zieh nun aus und streite mit ihm!
- 39 Gaal zog aus vor den Männern zu Sichem her und stritt mit Abimelech.
- 40 Aber Abimelech jagte ihn, daß er floh vor ihm; und fielen viel Erschlagene bis an die Tür des Tors.
- 41 Und Abimelech blieb zu Aruma. Sebul aber verjagte den Gaal und seine Brüder, die zu Sichem nicht durften bleiben.
- 42 Am Morgen aber ging das Volk heraus aufs Feld. Da das Abimelech ward angesagt,
- 43 nahm er das Kriegsvolk und teilte es in drei Haufen und machte einen Hinterhalt auf sie im Felde. Als er nun sah, daß das Volk aus der Stadt ging, erhob er sich über sie und schlug sie.
- 44 Abimelech aber und die Haufen, die bei ihm waren, überfielen sie und traten an die Tür des Stadttors; und zwei der Haufen überfielen alle, die auf dem Felde waren, und schlugen sie.
- 45 Da stritt Abimelech wider die Stadt denselben Tag und gewann sie und erwürgte das Volk, das darin war, und zerbrach die Stadt und säte Salz darauf.
- 46 Da das hörten alle Männer des Turms zu Sichem, gingen sie in die Festung des Hauses des Gottes Berith.
- 47 Da das Abimelech hörte, daß sich alle Männer des Turms zu Sichem versammelt hatten,
- 48 ging er auf den Berg Zalmon mit allem seinem Volk, das bei ihm war und nahm eine Axt in seine Hand und hieb einen Ast von den Bäumen und legte ihn auf seine Achsel und sprach zu allem Volk, das mit ihm war: Was ihr gesehen habt, daß ich tue, das tut auch ihr eilend wie ich.
- 49 Da hieb alles Volk ein jeglicher einen Ast ab und folgten Abimelech nach und legten sie an die Festung und steckten's an mit Feuer, daß auch alle Männer des Turms zu Sichem starben, bei tausend Mann und Weib.
- 50 Abimelech aber zog gen Thebez und belagerte es und gewann es.
- 51 Es war aber ein starker Turm mitten in der Stadt. Auf den flohen alle Männer und Weiber und alle Bürger der Stadt und schlossen hinter sich zu und stiegen auf das Dach des Turms.
- 52 Da kam Abimelech zum Turm und stritt dawider und nahte sich zur Tür des Turms, daß er ihn mit Feuer verbrannte.
- 53 Aber ein Weib warf einen Mühlstein Abimelech auf den Kopf und zerbrach ihm den Schädel.
- 54 Da rief Abimelech eilend dem Diener, der seine Waffen trug, und sprach zu ihm: Zieh dein Schwert aus und töte mich, daß man nicht von mir sage: Ein Weib hat ihn erwürgt. Da durchstach ihn sein Diener, und er starb.
- 55 Da aber die Israeliten, die mit ihm waren, sahen, daß Abimelech tot war, ging ein jeglicher an seinen Ort.
- 56 Also bezahlte Gott Abimelech das Übel, das er an seinem Vater getan hatte, da er seine siebzig Brüder erwürgte;
- 57 desgleichen alles Übel der Männer Sichems vergalt ihnen Gott auf ihren Kopf, und es kam über sie der Fluch Jothams, des Sohnes Serubbaals.
Kapitelüberblick
Abimelech, ein Sohn Gideons, will nach dem Tod seines Vaters die Herrschaft an sich reißen. Mit Unterstützung der Männer von Sichem lässt er seine Brüder ermorden und wird zum König gemacht. Nur Jotham entkommt dem Blutbad. Von einem Berg aus erzählt er den Bewohnern Sichems ein Gleichnis über Bäume, die einen König suchen, und warnt sie vor den Folgen ihrer Entscheidung.
Drei Jahre später zerbricht das Bündnis zwischen Abimelech und seinen Unterstützern. Misstrauen, Verrat und offene Kämpfe führen zu immer größerer Gewalt. Abimelech zerstört Sichem und lässt eine Zuflucht anzünden, in der zahlreiche Menschen Schutz gesucht haben. Bei einem weiteren Angriff wird er selbst durch einen Mühlstein tödlich verletzt, den eine Frau von einem Turm herabwirft. Der Bericht endet mit der Feststellung, dass Gott sowohl Abimelechs Verbrechen als auch die Schuld der Männer von Sichem vergolten hat. Damit erfüllen sich die warnenden Worte Jothams.
Einführung
Sichem war ein Ort mit einer besonderen Geschichte. Schon Abraham hatte dort einen Altar errichtet, nachdem Gott ihm das Land für seine Nachkommen verheißen hatte (1. Mose 12,6–7). Viele Generationen später versammelte Josua die Stämme Israels in derselben Stadt. Er erinnerte sie an Gottes Führung und stellte sie vor die Entscheidung, wem sie künftig dienen wollten. Das Volk verpflichtete sich damals, dem HERRN treu zu bleiben (Josua 24,1–25).
Auch zur Zeit der Richter besaß Sichem eine eigene städtische Gemeinschaft mit führenden Männern und einflussreichen Familien. Persönliche Verwandtschaftsbeziehungen konnten dabei eine wichtige Rolle spielen. Für Abimelech war das von besonderer Bedeutung, denn seine Mutter stammte aus Sichem. Während sein Vater Gideon zum Stamm Manasse gehörte, besaß Abimelech durch seine mütterliche Familie Verbindungen zu den Menschen dieser Stadt.
Die Voraussetzungen seiner Geschichte waren bereits im vorhergehenden Kapitel entstanden. Gideon hatte eine erbliche Königsherrschaft für sich und seine Nachkommen ausdrücklich abgelehnt. Trotzdem hinterließ er eine große Familie mit zahlreichen Söhnen. Die Frage nach der politischen Führung Israels war damit nicht endgültig gelöst. Das Richterbuch berichtet von einer Zeit, in der die einzelnen Stämme und Städte weitgehend ohne eine gemeinsame menschliche Königsherrschaft lebten.
Richter 9 nimmt innerhalb des Buches eine besondere Stellung ein. Während die bisherigen Erzählungen häufig von der Bedrängnis Israels durch fremde Völker und der Berufung eines Befreiers handelten, richtet sich der Blick nun auf die Machtverhältnisse innerhalb des eigenen Volkes. Der Erzähler führt dabei Schritt für Schritt vor Augen, wie persönliche Interessen, familiäre Bindungen und öffentliche Entscheidungen zusammenwirken können. Um die folgenden Ereignisse zu verstehen, müssen wir deshalb nicht nur Abimelechs Handlungen betrachten, sondern auch die Verantwortung der Menschen, die ihm den Weg zur Macht eröffnen.
Richter 9,1–6
Abimelech erkauft sich die Königsherrschaft mit dem Blut seiner Brüder
Abimelech beginnt seinen Weg zur Macht nicht mit einem Auftrag Gottes, sondern mit einer politischen Berechnung. Er reist nach Sichem, der Heimat seiner Mutter, und sucht dort zunächst ihre Brüder und die übrigen Angehörigen ihrer Familie auf. Diese Verwandtschaft soll ihm helfen, die führenden Männer der Stadt auf seine Seite zu ziehen. Während Gideon einst von Gott berufen worden war, versucht sein Sohn nun, sich durch persönliche Beziehungen und gezielte Überzeugungsarbeit eine Herrschaft zu verschaffen.
Seine Botschaft ist geschickt formuliert. Die Männer Sichems sollen entscheiden, ob es für sie besser sei, von siebzig Söhnen Jerub-Baals oder von einem einzigen Mann beherrscht zu werden. Damit stellt Abimelech seine Brüder als mögliche gemeinsame Herrscher dar, obwohl der Bibeltext nicht berichtet, dass sie überhaupt nach der Macht strebten. Er erweckt den Eindruck, dass eine Herrschaft vieler Männer bevorstehe und seine eigene Führung die vernünftigere Alternative sei. Die eigentliche Frage, ob Abimelech überhaupt das Recht habe, über sie zu herrschen, kommt in seiner Darstellung nicht vor.
Anschließend erinnert er die Bewohner an ihre gemeinsame Herkunft. Er sei ihr Fleisch und Gebein, also ein Angehöriger ihrer eigenen Familie. Diese Verbindung macht er zum entscheidenden Argument für seine Wahl. Die Männer Sichems sollen nicht danach fragen, ob er gerecht, zuverlässig oder für eine solche Verantwortung geeignet ist. Sie sollen ihm vertrauen, weil seine Mutter zu ihnen gehört. Damit spricht Abimelech ein Bedürfnis an, das politische Entscheidungen bis heute beeinflussen kann: Menschen unterstützen jemanden, weil sie sich ihm persönlich verbunden fühlen und von seiner Stellung Vorteile für die eigene Gemeinschaft erwarten.
Die Verwandten seiner Mutter tragen seine Worte vor die führenden Männer Sichems. Der Plan geht auf. Ihre Herzen neigen sich Abimelech zu, denn sie betrachten ihn als ihren Bruder. Der Erzähler nennt diese familiäre Zugehörigkeit ausdrücklich als Grund für ihre Entscheidung. Von einer Prüfung seines Charakters, einer Beratung über gerechte Herrschaft oder einer Suche nach Gottes Willen ist dagegen nicht die Rede. Die Männer entscheiden sich für denjenigen, der ihnen am nächsten steht, ohne dass der Bericht einen anderen tragfähigen Grund für ihre Unterstützung nennt.
Doch bei Worten bleibt es nicht. Die Männer Sichems geben Abimelech siebzig Silberstücke aus dem Haus des Baal-Berit. Dieses Geld stammt somit aus einem religiösen Heiligtum. Bereits Richter 8,33 hatte berichtet, dass Israel sich nach Gideons Tod dem Baal-Berit zugewandt hatte. Nun wird ausgerechnet aus dem Besitz dieses Kultes eine Unternehmung finanziert, die zur Ermordung von Gideons Söhnen führt. Der religiöse Abfall des Volkes bleibt damit nicht auf die Verehrung eines fremden Gottes beschränkt. Die Mittel des Heiligtums werden für ein gewaltsames politisches Vorhaben eingesetzt.
Die Zahl der Silberstücke ist auffällig, denn Gideon hatte siebzig Söhne hinterlassen. Es liegt nahe, hierin einen bewusst gestalteten Zusammenhang zu erkennen. Dennoch erklärt der Text nicht, dass genau ein Silberstück für die Ermordung jedes Bruders bestimmt gewesen sei. Entscheidend ist, wofür Abimelech das Geld tatsächlich verwendet. Er wirbt Männer an, die der Bericht als müßig und leichtfertig bezeichnet. Gemeint sind Menschen, die sich für sein Vorhaben anwerben lassen, ohne durch eine gerechte Sache ausgezeichnet zu sein. Sie folgen Abimelech und bilden die Gruppe, mit deren Hilfe er seinen Anspruch gewaltsam durchsetzen kann.
Mit diesen Männern zieht Abimelech nach Ophra, zum Haus seines Vaters. Dort kommt es zu einem der grausamsten Ereignisse seiner Geschichte. Er lässt seine Brüder, die Söhne Jerub-Baals, auf einem einzigen Stein töten. Diese Einzelheit verleiht dem Bericht eine besondere Schwere. Die Tötungen geschehen nicht in einer Schlacht gegen bewaffnete Feinde. Abimelech beseitigt Angehörige seiner eigenen Familie, weil sie seinem Machtanspruch im Wege stehen könnten. Ob der Stein eine besondere öffentliche oder religiöse Bedeutung besaß, wird nicht erklärt. Der Bericht konzentriert sich auf die gezielte Vernichtung der Brüder und die gemeinsame Stelle ihrer Tötung.
Dabei berichtet der Erzähler zunächst von siebzig getöteten Männern, stellt aber unmittelbar anschließend fest, dass Jotham, Gideons jüngster Sohn, entkommen konnte, weil er sich versteckt hatte. Die Zahl siebzig bezeichnet somit die gesamte betroffene Brüdergruppe, ohne dass wir daraus schließen dürfen, auch Jotham sei getötet worden. Er bleibt als einziger ausdrücklich genannter Überlebender zurück. Seine Rettung wird noch große Bedeutung gewinnen, denn durch ihn werden die Männer Sichems mit der Schuld ihrer Entscheidung konfrontiert.
Die Ermordung der Brüder macht besonders deutlich, wie weit sich Abimelechs Vorgehen von der Geschichte seines Vaters entfernt hat. Gideon war zunächst ein unscheinbarer Mann gewesen, der sich selbst für zu gering hielt, um Israel zu retten. Gott hatte ihn berufen und ihm zugesagt, bei ihm zu sein (Richter 6,14–16). Abimelech dagegen sucht die Macht aus eigenem Antrieb. Statt Israel von fremder Unterdrückung zu befreien, richtet er seine Gewalt gegen die eigene Familie. Wo Gideon einst mit dreihundert Männern einem übermächtigen Feind gegenüberstand, benutzt Abimelech angeheuerte Männer, um unbewaffnete Angehörige aus dem Weg zu räumen. Der Unterschied betrifft deshalb nicht allein die Größe ihrer Heere, sondern vor allem das Ziel ihres Handelns.
Nachdem die Brüder ermordet worden sind, versammeln sich die Männer von Sichem und das sogenannte Haus Millo. Die Bezeichnung Millo steht im Zusammenhang mit einer Befestigung oder einem aufgeschütteten Bauwerk; welche Personengruppe hier genau gemeint ist, lässt sich nicht vollständig bestimmen. Sicher ist, dass neben den übrigen führenden Männern Sichems eine weitere örtliche Gemeinschaft an der Einsetzung Abimelechs beteiligt ist. Gemeinsam machen sie ihn zum König.
Die Einsetzung findet bei der Eiche des Denkmals in Sichem statt. Der Ort ist bemerkenswert, weil Sichem bereits in der Geschichte Josuas mit einer feierlichen Verpflichtung gegenüber dem HERRN verbunden war. Nach Josua 24,25–26 hatte Josua dort einen Bund mit dem Volk geschlossen und einen großen Stein als Zeugen aufgerichtet. Auch eine Eiche wird in diesem Zusammenhang erwähnt. Ob Richter 9 denselben Baum oder genau dieselbe Stelle voraussetzt, lässt sich nicht sicher nachweisen. Dennoch entsteht durch den gemeinsamen Schauplatz ein ernster Gegensatz. An einem Ort, der mit Israels Geschichte vor Gott verbunden ist, wird nun ein Mann zum König gemacht, dessen Herrschaft auf dem Blut seiner eigenen Brüder beruht.
Der Bericht bezeichnet Abimelech zwar als König, beschreibt hier aber zunächst seine Einsetzung durch Sichem und das Haus Millo. Eine Anerkennung durch sämtliche Stämme Israels wird nicht erzählt. Sein Herrschaftsanspruch entsteht aus der Unterstützung einer örtlichen Machtgruppe und aus der gewaltsamen Ausschaltung möglicher Rivalen. Gerade diese Entstehung unterscheidet ihn von den Richtern, deren Berufung und Befreiungstaten zuvor geschildert wurden.
Damit erreicht Abimelech zunächst sein Ziel. Er besitzt Geldgeber, Gefolgsleute und einen Königstitel. Doch der Erfolg seines Vorhabens bedeutet nicht, dass sein Handeln vor Gott gerechtfertigt wäre. Die Männer Sichems haben ihn nicht nur unterstützt, sondern durch ihre Entscheidung die Voraussetzungen für das Verbrechen geschaffen. Abimelechs Schuld und die Verantwortung seiner Förderer lassen sich deshalb nicht vollständig voneinander trennen. Die Stadt hat den Mann erhoben, der seine Brüder ermorden ließ, und wird sich später den Folgen dieser Entscheidung stellen müssen.
Während Abimelech seine neue Stellung einnimmt, lebt Jotham verborgen weiter. Der jüngste Sohn Gideons besitzt weder die Macht noch die Gefolgsleute seines Bruders. Doch gerade er wird nun seine Stimme erheben. Was die Männer Sichems als politischen Erfolg feiern, wird Jotham durch ein eindringliches Gleichnis in einem ganz anderen Licht zeigen.
Richter 9,7–15
Jothams Gleichnis: Die fruchtbaren Bäume und der Dornbusch
Als Jotham erfährt, dass die Männer von Sichem seinen Bruder Abimelech zum König gemacht haben, tritt er öffentlich gegen diese Entscheidung auf. Er begibt sich auf die Höhe des Berges Garizim und ruft den Bewohnern der Stadt seine Botschaft zu. Dabei befindet er sich in einer gefährlichen Lage. Sein Bruder hat gerade die übrigen Söhne Gideons ermorden lassen, und Jotham selbst konnte dem Blutbad nur entkommen, weil er sich versteckt hatte. Dennoch schweigt er nicht. Ohne ein Heer oder politische Macht stellt er sich den Männern entgegen, die Abimelechs Herrschaft ermöglicht haben.
Der Ort seiner Rede besitzt eine besondere Bedeutung. Der Berg Garizim liegt bei Sichem und war bereits in der Geschichte Israels mit Gottes Bund verbunden. Nach dem Einzug in das verheißene Land sollten sechs Stämme auf diesem Berg stehen, um den Segen über Israel auszusprechen, während die übrigen Stämme auf dem gegenüberliegenden Berg Ebal versammelt waren (5. Mose 27,11–13; Josua 8,33). An dieser Stelle war das Volk daran erinnert worden, dass Gottes Segen mit der Treue zu seinem Wort verbunden ist. Nun erhebt Jotham seine Stimme von eben diesem Berg und ruft die Männer Sichems dazu auf, ihm zuzuhören. Ob er diesen Ort bewusst wegen seiner früheren Bedeutung auswählte, wird nicht ausdrücklich erklärt. Dennoch entsteht eine auffällige Verbindung zwischen dem Schauplatz und seiner Botschaft.
Jotham beginnt mit einer eindringlichen Aufforderung: Die Männer Sichems sollen auf ihn hören, damit auch Gott auf sie höre. Er verlangt damit mehr als bloße Aufmerksamkeit. Wer seine Worte ernst nimmt, soll sich vor Gott mit dem eigenen Handeln auseinandersetzen. Doch statt die Bewohner unmittelbar anzuklagen, erzählt Jotham zunächst eine ungewöhnliche Geschichte. Darin treten Bäume wie Menschen auf, sprechen miteinander und suchen einen König. Durch dieses Bild führt er seine Zuhörer an eine Frage heran, die ihre eigene Entscheidung betrifft: Welche Eigenschaften machen jemanden geeignet, über andere zu herrschen?
Die Bäume wenden sich zuerst an den Ölbaum. Sie fordern ihn auf, König über sie zu werden. Im damaligen Israel war der Ölbaum von großer Bedeutung. Seine Früchte lieferten Öl, das zur Zubereitung von Speisen, zur Beleuchtung und für die Körperpflege verwendet wurde. Darüber hinaus spielte Olivenöl im Gottesdienst eine wichtige Rolle. Es gehörte zu bestimmten Opfergaben und wurde bei der Salbung von Priestern und Königen verwendet (2. Mose 29,7; 3. Mose 2,1; 1. Samuel 16,13). Der Ölbaum steht deshalb für eine Pflanze, deren Ertrag auf vielfältige Weise zum Leben und zum religiösen Dienst beiträgt.
Doch der Ölbaum lehnt das Angebot ab. Er fragt, weshalb er seinen wertvollen Ertrag aufgeben sollte, um über den anderen Bäumen zu herrschen. Seine Antwort macht deutlich, dass er seine bisherige Aufgabe nicht als gering ansieht. Sein Öl besitzt bereits einen Nutzen, der weit über ihn selbst hinausreicht. Die bildhafte Formulierung des Textes verbindet diesen Nutzen mit der Ehrung Gottes beziehungsweise der Götter und der Menschen. Es geht um die Verwendung des Öls im religiösen und menschlichen Leben. Daraus dürfen wir allerdings nicht ableiten, dass der Ölbaum tatsächlich als eigenständige Person Gott dient. Jotham erzählt ein Gleichnis, in dem die Bäume menschliche Eigenschaften erhalten, um einen Gedanken über Verantwortung und Herrschaft verständlich zu machen.
Nachdem der Ölbaum abgelehnt hat, wenden sich die Bäume an den Feigenbaum. Auch er soll über sie herrschen. Feigen gehörten im alten Israel zu den geschätzten Früchten des Landes. Sie konnten frisch gegessen oder getrocknet aufbewahrt werden und dienten dadurch sowohl der unmittelbaren Ernährung als auch der Versorgung über längere Zeit. Der Feigenbaum bezeichnet seine Süße und seine guten Früchte als den Wert, den er nicht aufgeben möchte. Wie schon beim Ölbaum liegt der Schwerpunkt seiner Antwort auf dem Nutzen, den er hervorbringt. Er besitzt etwas Gutes und möchte diese Aufgabe nicht gegen eine Stellung eintauschen, die ihm zwar Herrschaft verspricht, aber keinen größeren Nutzen erkennen lässt.
Als Nächstes wird der Weinstock angesprochen. Auch er lehnt das Angebot ab und verweist auf den Wein, der Menschen erfreut und im Bild des Gleichnisses ebenfalls mit dem religiösen Leben verbunden wird. Wein gehörte im Alten Testament zu den Erzeugnissen, mit denen das Land gesegnet war. Er wurde bei Festen verwendet und kam auch bei bestimmten Trankopfern zum Einsatz (4. Mose 15,5–10). Das Gleichnis bewertet hier nicht jeden möglichen Umgang mit Wein. Es greift vielmehr den anerkannten Ertrag des Weinstocks auf, um denselben Gedanken ein drittes Mal zu verdeutlichen: Der Weinstock möchte seine fruchtbare Aufgabe nicht aufgeben, nur um über die anderen Pflanzen erhoben zu werden.
Die dreifache Wiederholung ist bewusst aufgebaut. Ölbaum, Feigenbaum und Weinstock besitzen unterschiedliche Gaben, aber ihre Antworten folgen demselben Gedanken. Jeder von ihnen bringt etwas hervor, das anderen zugutekommt. Keiner betrachtet die angebotene Königswürde als so wertvoll, dass er dafür seine bisherige Aufgabe aufgeben müsste. Die Herrschaft über die Bäume erscheint in ihren Antworten nicht als eine höhere Form des Dienstes, sondern als eine Stellung, die sie von ihrem eigentlichen Nutzen abbringen würde.
Hier liegt eine wichtige Feinheit des Gleichnisses. Jotham sagt nicht ausdrücklich, dass jede menschliche Herrschaft schlecht sei. Auch die Bibel kennt von Gott eingesetzte Leiter, Richter und später Könige. Das Bild richtet sich vielmehr gegen eine Vorstellung von Herrschaft, bei der das Erheben über andere wichtiger wird als der Nutzen, den jemand für sie hat. Die fruchtbaren Pflanzen müssen ihre Bedeutung nicht erst durch einen Königstitel gewinnen. Sie besitzen bereits einen Wert, weil sie etwas Gutes hervorbringen. Dadurch entsteht ein deutlicher Gegensatz zwischen einem Leben, das anderen dient, und einem Machtstreben, das vor allem nach einer herausgehobenen Stellung verlangt.
Schließlich wenden sich die Bäume an den Dornbusch. Damit erreicht Jothams Geschichte ihren überraschenden Höhepunkt. Nachdem drei wertvolle und fruchttragende Pflanzen die Herrschaft abgelehnt haben, bleibt ausgerechnet ein Gewächs übrig, das mit den anderen kaum vergleichbar ist. Ein Dornbusch bietet weder denselben Ertrag wie ein Ölbaum noch die nahrhaften Früchte eines Feigenbaums oder eines Weinstocks. Seine Dornen können vielmehr zur Gefahr werden, und trockenes dorniges Gestrüpp kann leicht Feuer fangen. Jotham verwendet damit ein Bild, das die Frage nach der Eignung eines Herrschers auf eindringliche Weise zuspitzt.
Anders als die fruchtbaren Pflanzen weist der Dornbusch das Angebot nicht zurück. Er erklärt sich bereit, König zu werden, und fordert die übrigen Bäume auf, unter seinem Schatten Zuflucht zu suchen, sofern sie es wirklich ernst mit seiner Einsetzung meinen. Diese Zusage wirkt gerade deshalb widersprüchlich, weil ein niedriger Dornbusch den großen Bäumen kaum den Schutz bieten kann, den seine Worte versprechen. Was bei einem mächtigen Baum mit einer ausladenden Krone noch verständlich wäre, erscheint hier als eine übertriebene Behauptung. Der Dornbusch bietet eine Sicherheit an, zu deren Gewährung er seiner Beschaffenheit nach kaum geeignet ist.
Doch seine Antwort enthält nicht nur ein zweifelhaftes Schutzversprechen. Sie endet mit einer Drohung. Wenn die Bäume ihn nicht aufrichtig zu ihrem König machen, soll Feuer aus dem Dornbusch hervorgehen und selbst die Zedern des Libanon verzehren. Diese Zedern waren für ihre Größe, ihr wertvolles Holz und ihre eindrucksvolle Erscheinung bekannt. Im Alten Testament dienen sie deshalb häufig als Bilder für Stärke und Erhabenheit. Dass ausgerechnet ein Dornbusch damit droht, solche mächtigen Bäume zu vernichten, verstärkt den Gegensatz zwischen seiner geringen Gestalt und seinem gewaltigen Machtanspruch.
Die Drohung ist jedoch nicht bedeutungslos. Gerade ein Dornbusch kann, wenn er Feuer fängt, zur Gefahr für seine Umgebung werden. Das Gleichnis verbindet damit zwei scheinbar gegensätzliche Eigenschaften: Der Dornbusch ist zu gering, um verlässlichen Schutz zu bieten, kann aber dennoch großen Schaden anrichten. Seine fehlende Fähigkeit, anderen zu dienen, bedeutet keineswegs, dass er ungefährlich wäre. Ein ungeeigneter Herrscher kann mehr zerstören, als seine tatsächliche Größe oder Stärke zunächst vermuten lässt.
Auch die Bedingung in seiner Antwort verdient Aufmerksamkeit. Der Dornbusch verlangt aufrichtige Anerkennung, verbindet diese aber sofort mit der Androhung von Gewalt. Seine Herrschaft soll nicht durch einen nachweisbaren Nutzen gerechtfertigt werden. Stattdessen stellt er die Bäume vor die Wahl, sich ihm zu unterstellen oder die Folgen seiner Feindschaft zu tragen. Das vermeintliche Schutzangebot wird so zu einem Anspruch auf unbedingte Loyalität. Wer sich nicht fügt, muss mit Vernichtung rechnen.
Damit erschließt sich die politische Bedeutung des Gleichnisses. Jotham nennt Abimelech innerhalb der Bilderzählung noch nicht ausdrücklich. Doch die Zuhörer kennen die Ereignisse, auf die seine Worte anspielen. Sie haben einen Mann zum König gemacht, der seine Macht nicht durch einen Dienst am Volk erworben, sondern durch die Ermordung seiner Brüder erlangt hat. Wie der Dornbusch verspricht Abimelech eine Herrschaft, deren tatsächlicher Nutzen keineswegs erwiesen ist. Was bisher sichtbar wurde, sind vielmehr seine Bereitschaft zur Gewalt und sein Anspruch, über andere erhoben zu werden.
Dabei sollten die fruchtbaren Bäume nicht vorschnell mit bestimmten biblischen Personen gleichgesetzt werden. Manche Ausleger sehen im Ölbaum, Feigenbaum und Weinstock beispielsweise Bilder für einzelne vorbildliche Führer Israels. Der Text selbst nennt jedoch keine solche Zuordnung. Die Stärke des Gleichnisses liegt zunächst im gemeinsamen Gegensatz zwischen fruchtbringendem Dienst und gefährlichem Machtstreben. Dieser Gegensatz ist unmittelbar verständlich, ohne dass jede Pflanze für eine namentlich bestimmte Person stehen müsste.
Jotham hat damit eine Warnung ausgesprochen, die weit über die unmittelbare Frage hinausgeht, wer den Königstitel tragen darf. Er stellt die Männer Sichems vor die Folgen ihrer eigenen Wahl. Ein Herrscher, der durch Gewalt an die Macht gelangt und seine Anerkennung auf Angst gründet, wird seinen Unterstützern kaum die Sicherheit schenken, die sie sich von ihm erhoffen. Gerade diejenigen, die ihn groß gemacht haben, könnten eines Tages selbst unter seiner Macht leiden.
Die ganze Schärfe dieser Botschaft entfaltet sich allerdings erst in Jothams folgenden Worten. Nachdem er das Bild von den Bäumen und dem Dornbusch erzählt hat, wird er offen aussprechen, welche Verantwortung die Männer Sichems für den Tod seiner Brüder tragen und was aus ihrer Verbindung mit Abimelech erwachsen kann.
Richter 9,16–21
Jothams Anklage: Wer Unrecht unterstützt, trägt Verantwortung
Nach dem Gleichnis von den Bäumen und dem Dornbusch wendet sich Jotham unmittelbar an die Männer von Sichem. Was zunächst wie eine ungewöhnliche Geschichte über die Suche nach einem König klang, wird nun zu einer ernsten Anklage. Jotham stellt den Bewohnern eine Frage, die den gesamten Vorgang auf den Prüfstand stellt: Haben sie treu und redlich gehandelt, als sie Abimelech zum König machten? Und haben sie Gideon und seiner Familie das Gute erwiesen, das sie ihnen schuldeten? Damit führt Jotham seine Zuhörer an den eigentlichen Maßstab zurück. Nicht der Erfolg ihrer politischen Entscheidung ist entscheidend, sondern die Frage, ob sie gerecht gehandelt haben.
Die Worte „treu und redlich“ besitzen in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung. Es geht nicht darum, ob die Männer von Sichem ihrem neuen König gegenüber zuverlässig sind. Jotham fragt vielmehr nach ihrer Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit gegenüber dem Haus seines Vaters. Eine Entscheidung kann von vielen Menschen unterstützt werden und trotzdem auf Unrecht beruhen. Ebenso kann jemand erfolgreich zur Macht gelangen, ohne deshalb einen rechtmäßigen Anspruch auf diese Stellung zu besitzen. Jotham lässt den Männern deshalb keinen Raum, sich allein auf das Ergebnis ihrer Wahl zu berufen. Sie müssen sich mit dem Weg auseinandersetzen, auf dem Abimelech zum König geworden ist.
Um das Gewicht ihrer Verantwortung deutlich zu machen, erinnert Jotham an Gideons frühere Taten. Sein Vater hatte für Israel gekämpft und dabei sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt. Die Bedrohung durch Midian war keine gewöhnliche politische Auseinandersetzung gewesen. Sieben Jahre lang hatten die Überfälle der Feinde das Land verwüstet und die Menschen in große Not gebracht (Richter 6,1–6). Gideon hatte sich dieser Übermacht gestellt, weil Gott ihn zur Befreiung seines Volkes berufen hatte. Als Jotham sagt, sein Vater habe Israel aus der Gewalt Midians errettet, würdigt er dessen menschlichen Einsatz. Das widerspricht nicht der Aussage der vorhergehenden Kapitel, dass Gott selbst die entscheidende Rettung bewirkte. Gideon war der von Gott gebrauchte Befreier, der sich trotz der Gefahr diesem Auftrag stellte.
Gerade vor diesem Hintergrund erscheint das Verhalten der Männer Sichems besonders schwerwiegend. Gideon hatte für das Wohl seines Volkes gekämpft, doch nach seinem Tod richtet sich die Gewalt gegen seine eigene Familie. Jotham erinnert die Bewohner daran, dass sie sich gegen das Haus seines Vaters erhoben und die Ermordung seiner Brüder unterstützt haben. Er spricht nicht von einem unglücklichen Zwischenfall oder einer unvermeidlichen Folge politischer Veränderungen. Vielmehr stellt er das Geschehen als ein schweres Unrecht dar, an dem die Männer von Sichem beteiligt sind.
Dabei wird ein wichtiger Unterschied sichtbar. Abimelech hatte seine Brüder mit den von ihm angeworbenen Männern töten lassen. Die führenden Männer Sichems hatten ihm dafür das Geld zur Verfügung gestellt und ihn anschließend zum König gemacht. Auch wenn sie nicht alle eigenhändig an den Tötungen beteiligt gewesen sein müssen, hatten sie das Vorhaben ermöglicht und seinen Urheber öffentlich erhoben. Jothams Anklage richtet sich deshalb nicht nur gegen denjenigen, der die Gewalt unmittelbar ausübte. Sie trifft auch diejenigen, die ihm bewusst die Mittel und die politische Unterstützung dafür gegeben hatten. Wer schweres Unrecht fördert und anschließend von dessen Ergebnis profitiert, kann seine Verantwortung nicht einfach auf den unmittelbaren Täter abschieben.
In Vers 18 bezeichnet Jotham Abimelech ausdrücklich als Sohn der Magd seines Vaters. Im vorhergehenden Kapitel war berichtet worden, dass Gideon mit einer Nebenfrau in Sichem diesen Sohn hatte (Richter 8,31). Jothams Formulierung hebt damit Abimelechs besondere Stellung innerhalb der Familie hervor. Sie erinnert daran, dass seine Mutter nicht zu den übrigen Frauen Gideons gezählt wird und dass Abimelech über sie mit Sichem verbunden ist. Daraus lässt sich jedoch nicht sicher die vollständige rechtliche Stellung seiner Mutter rekonstruieren. Ebenso wenig liegt die eigentliche Schuld Abimelechs in seiner Herkunft. Der biblische Bericht verurteilt ihn nicht dafür, von einer Nebenfrau geboren worden zu sein, sondern für sein gewaltsames Handeln.
Entscheidend ist deshalb die Begründung, die Jotham unmittelbar anschließt: Die Männer Sichems haben Abimelech zum König gemacht, weil er ihr Bruder ist. Damit greift Jotham genau das Argument auf, mit dem Abimelech zuvor um ihre Unterstützung geworben hatte. Er hatte seine familiäre Zugehörigkeit als besonderen Vorteil dargestellt und versprochen, dass ein einzelner Herrscher aus ihrer eigenen Gemeinschaft besser für sie sei als die vielen Söhne Gideons. Jotham zeigt nun, wohin dieses Denken geführt hat. Die Männer haben ihrer verwandtschaftlichen Verbundenheit ein größeres Gewicht gegeben als der Frage nach Recht und Unrecht. Sie haben sich für einen Angehörigen ihrer eigenen Gemeinschaft entschieden, obwohl seine Herrschaft auf der Ermordung seiner Brüder beruhte.
Damit berührt die Rede eine grundlegende Frage gerechter Führung. Persönliche Nähe kann Vertrauen schaffen, doch sie ersetzt keinen rechtschaffenen Charakter. Bereits das Gesetz Israels verlangte, bei der Rechtsprechung weder Arme noch Mächtige unrechtmäßig zu bevorzugen (3. Mose 19,15). Auch verwandtschaftliche Beziehungen durften das Urteil über eine Sache nicht bestimmen (5. Mose 1,16–17). Jothams Anklage zeigt die Folgen, wenn solche Maßstäbe beiseitegeschoben werden. Die Männer Sichems hatten Abimelech nicht deshalb erhoben, weil er sich durch Gerechtigkeit und treuen Dienst ausgezeichnet hätte. Sie wollten einen Herrscher aus ihrer eigenen Mitte und nahmen dafür schweres Unrecht in Kauf.
Anschließend wiederholt Jotham seine Frage nach der Treue und Redlichkeit ihrer Entscheidung. Wenn sie tatsächlich gut an Gideon und seinem Haus gehandelt hätten, sollten sie sich an Abimelech freuen, und Abimelech sollte sich an ihnen freuen. Diese Worte sind keine ernsthafte Bestätigung ihrer Handlungsweise. Nach allem, was Jotham gerade geschildert hat, wird deutlich, dass die Voraussetzung nicht erfüllt ist. Seine Formulierung legt den Widerspruch offen: Wie sollten Menschen, die einen Wohltäter durch die Vernichtung seiner Familie vergolten haben, ernsthaft behaupten können, treu und gerecht gehandelt zu haben?
Die bedingte Aussage besitzt dadurch eine besondere Schärfe. Jotham muss seinen Zuhörern nicht erst lang erklären, weshalb ihr Verhalten falsch war. Er stellt ihre Entscheidung neben die frühere Rettung durch Gideon und lässt die Gegensätze für sich sprechen. Auf der einen Seite steht ein Mann, der sein Leben für das Volk einsetzte. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die seinen Nachkommen das Leben nahmen oder deren Ermordung ermöglichten. Gerade die Erinnerung an empfangene Hilfe macht ihre Untreue so schwerwiegend.
Dann spricht Jotham die eigentliche Warnung aus. Wenn die Männer Sichems nicht treu und redlich gehandelt haben, soll Feuer von Abimelech ausgehen und die Bewohner Sichems sowie das Haus Millo verzehren. Umgekehrt soll Feuer von Sichem und vom Haus Millo ausgehen und Abimelech vernichten. Damit nimmt Jotham das Bild des Dornbusches wieder auf, der den anderen Bäumen zunächst Schutz versprochen, ihnen schließlich aber mit Feuer gedroht hatte. Die Bedeutung des Gleichnisses wird jetzt ausdrücklich auf die Beteiligten übertragen.
Besonders auffällig ist, dass Jotham eine gegenseitige Vernichtung ankündigt. Er spricht nicht nur davon, dass Abimelech seine Unterstützer eines Tages unterdrücken könnte. Auch von den Männern Sichems soll eine zerstörerische Kraft gegen Abimelech ausgehen. Das Bündnis, das ihnen gegenwärtig Vorteile verspricht, trägt somit nach Jothams Warnung bereits den Keim seines eigenen Untergangs in sich. Seine Worte machen darauf aufmerksam, wie unsicher eine Verbindung ist, die nicht auf Gerechtigkeit und Verlässlichkeit beruht, sondern durch gemeinsame Schuld und gegenseitige Interessen zusammengehalten wird.
Das Bild des Feuers darf dabei nicht in jeder Einzelheit ausschließlich wörtlich verstanden werden. Feuer bezeichnet in der Bibel häufig Vernichtung, Gericht und die zerstörerischen Folgen menschlicher Schuld. Im späteren Verlauf der Geschichte wird Abimelech tatsächlich Feuer einsetzen, um Menschen aus Sichem zu töten. Sein eigener Tod wird jedoch auf andere Weise eintreten. Jothams Worte beschreiben deshalb sowohl eine konkrete Gefahr als auch das umfassendere Verderben, das aus der gegenseitigen Feindschaft hervorgehen wird. Dass seine Warnung sich erfüllt, bestätigt der Erzähler ausdrücklich am Ende des Kapitels (Richter 9,56–57).
Wichtig ist auch, dass Jotham hier keine ausführliche Erklärung darüber gibt, auf welche Weise Gott dieses Gericht herbeiführen wird. Er spricht eine Warnung aus, deren Grundlage die tatsächlich begangenen Verbrechen sind. Erst die folgenden Verse werden ausdrücklich berichten, dass Gott Feindschaft zwischen Abimelech und den Männern Sichems entstehen lässt. Die spätere Entwicklung darf deshalb nicht einfach als zufälliger politischer Machtkampf verstanden werden. Zugleich muss zwischen Gottes gerechtem Gericht und den einzelnen Gewalttaten der beteiligten Menschen unterschieden werden. Dass Gott die Schuldigen zur Verantwortung zieht, bedeutet nicht, dass jede Handlung, durch die sie einander schaden, moralisch gut wäre.
Nachdem Jotham seine Rede beendet hat, bleibt er nicht in Sichem. Er flieht und lässt sich in Beer nieder, weil er seinen Bruder Abimelech fürchtet. Die genaue Lage dieses Ortes ist nicht sicher bekannt. Der Bericht erzählt auch nicht, wie Jotham dort aufgenommen wird oder wie sein weiteres Leben verläuft. Seine Flucht zeigt jedoch, dass seine mutige Rede die Gefahr für ihn nicht beseitigt hat. Abimelech besitzt weiterhin die politische Macht, während Jotham als überlebender Bruder um sein Leben fürchten muss. Die Wahrheit auszusprechen bedeutet in dieser Situation nicht, dass er unmittelbar vor den Folgen seiner Worte geschützt wäre.
Damit endet Jothams Auftritt. Er hat keine bewaffnete Gegenbewegung angeführt und nicht versucht, sich selbst zum König machen zu lassen. Seine Antwort auf das Unrecht besteht darin, die Schuld öffentlich zu benennen und seine Zuhörer vor den Folgen ihrer Entscheidung zu warnen. Danach bringt er sich in Sicherheit. Der Erzähler berichtet nicht, dass die Männer Sichems seine Worte ernst genommen oder ihre Unterstützung für Abimelech zurückgezogen hätten.
Gerade dieses Schweigen ist bedeutsam für den weiteren Verlauf. Jothams Warnung steht nun ausgesprochen im Raum, doch die Herrschaft Abimelechs besteht zunächst fort. Noch scheint seine Verbindung mit Sichem Bestand zu haben. Die Männer, die ihn zum König gemacht haben, könnten weiterhin glauben, durch ihre Entscheidung Sicherheit und Einfluss gewonnen zu haben. Doch in einer Gemeinschaft, deren Macht auf gemeinsam begangenem Unrecht beruht, ist gegenseitiges Vertrauen zerbrechlich. Wie schnell aus ehemaligen Verbündeten erbitterte Feinde werden können, wird sich bald zeigen.
Richter 9,22–25
Gottes Gericht beginnt: Das Bündnis zwischen Abimelech und Sichem zerbricht
Drei Jahre lang übt Abimelech seine Herrschaft über Israel aus. Der biblische Bericht fasst diese Zeit in einem einzigen Satz zusammen. Wir erfahren nicht, wie er regierte, welche Entscheidungen er traf oder wie das Leben der Menschen unter seiner Führung aussah. Auch der genaue Umfang seines Herrschaftsgebietes bleibt unklar. Obwohl Vers 22 von Israel spricht, hatte der Erzähler bisher vor allem die Unterstützung Sichems geschildert. Eine Anerkennung Abimelechs durch sämtliche Stämme wird nicht berichtet. Sicher ist jedoch, dass seine gewaltsam errungene Macht über einen längeren Zeitraum bestehen bleibt, bevor die Ereignisse eine entscheidende Wendung nehmen.
Diese drei Jahre sind bemerkenswert, weil Abimelechs Herrschaft von Anfang an auf einem schweren Verbrechen beruhte. Er hatte seine Brüder ermorden lassen, um mögliche Rivalen auszuschalten, und die führenden Männer Sichems hatten ihm dafür die notwendigen Mittel gegeben. Trotzdem war er anschließend zum König erhoben worden. Der Bericht erwähnt keine unmittelbare Bestrafung und keine erfolgreiche Gegenwehr gegen seine Machtübernahme. Für einen Beobachter hätte es so aussehen können, als wäre Abimelech mit seinem Vorhaben davongekommen. Doch die folgenden Verse zeigen, dass das Ausbleiben eines sofortigen Gerichts keineswegs bedeutet, dass Gott die begangene Schuld vergessen hat.
Vers 23 beschreibt den Beginn der Wende mit einer ungewöhnlichen Aussage: Gott sendet einen bösen Geist zwischen Abimelech und die Bürger von Sichem. Daraufhin wenden sich die Männer der Stadt gegen ihren bisherigen Herrscher. Was zuvor durch familiäre Beziehungen und gemeinsame Interessen zusammengehalten worden war, zerbricht nun an wachsender Feindschaft. Die Menschen, die Abimelech einst zur Macht verholfen hatten, beginnen, ihn zu verraten. Damit wird ausgerechnet die Gemeinschaft zu seiner Bedrohung, auf deren Unterstützung er seine Herrschaft gegründet hatte.
Die Aussage über den bösen Geist wirft eine wichtige Frage auf. Wie ist es zu verstehen, dass Gott selbst einen solchen Geist sendet? Das hebräische Wort ruach kann unter anderem Geist, Wind oder eine wirksame geistige Kraft bezeichnen. Das dazugehörige Wort für „böse“ kann sowohl moralische Bosheit als auch Unheil oder Schaden ausdrücken. Deshalb wird die Stelle unterschiedlich erklärt. Manche Ausleger verstehen darunter einen geistigen Akteur, durch den Gott Gericht ausübt. Andere sehen darin die Beschreibung einer von Gott herbeigeführten Feindschaft, die das bisherige Bündnis zerstört. Der biblische Text entscheidet nicht ausdrücklich, welcher Art dieser Geist ist.
Wichtig ist dabei, die Aussage des Erzählers nicht abzuschwächen. Er schreibt die entstehende Feindschaft ausdrücklich Gottes Handeln zu. Es heißt nicht lediglich, dass die Männer Sichems irgendwann aus eigenem Entschluss unzufrieden wurden. Zugleich werden die Menschen dadurch nicht zu willenlosen Werkzeugen ohne eigene Verantwortung. Sie handeln weiterhin selbst, treffen Entscheidungen und begehen im weiteren Verlauf neue Gewalttaten. Der Text stellt Gottes Gericht und die menschliche Verantwortung nebeneinander, ohne den genauen Vorgang des göttlichen Wirkens zu erklären. Dass Gott den Zerfall ihrer Verbindung zum Gericht werden lässt, bedeutet nicht, dass die Verbrechen der Beteiligten dadurch gerecht oder gut werden.
Der folgende Vers macht den Grund für dieses Eingreifen ausdrücklich deutlich. Die Gewalt gegen die siebzig Söhne Jerub-Baals soll vergolten werden. Der Erzähler nennt dabei beide Seiten der ursprünglichen Schuld: Abimelech, der seine Brüder ermorden ließ, und die Männer Sichems, die ihn dabei unterstützt hatten. Damit wird verständlich, weshalb das Gericht nicht nur den Herrscher betrifft. Auch diejenigen, die sein Verbrechen ermöglicht und anschließend von seiner Machtstellung profitieren wollten, werden zur Verantwortung gezogen.
Diese Erklärung ist für das Verständnis der gesamten Geschichte entscheidend. Abimelech hatte die Männer Sichems nicht allein durch Gewalt unterworfen. Sie hatten sich freiwillig für ihn entschieden, weil sie sich durch seine familiäre Zugehörigkeit Vorteile versprachen. Ihre Unterstützung hatte seinem Vorhaben erst die notwendige Grundlage gegeben. Nun wird deutlich, dass die Verantwortung für ein schweres Unrecht nicht ausschließlich bei dem Menschen liegt, der es unmittelbar ausführt. Wer eine Gewalttat bewusst ermöglicht und ihre Ergebnisse anschließend für sich nutzt, kann sich nicht damit rechtfertigen, die Tat nicht persönlich begangen zu haben.
Wie die neue Feindschaft sichtbar wird, schildert Vers 25. Die Bürger Sichems lassen Wegelagerer auf den Höhen der umliegenden Berge aufstellen. Diese überfallen und berauben Menschen, die auf den dortigen Straßen unterwegs sind. Die Lage Sichems zwischen den Bergen Garizim und Ebal bot Möglichkeiten, Verkehrswege von erhöhten Standorten aus zu beobachten. Wer sich dort verbarg, konnte Reisende überraschend angreifen. Die zuvor bestehende politische Ordnung beginnt damit auch die Sicherheit der Menschen zu gefährden, die das Gebiet durchqueren wollen.
Der hebräische Text deutet an, dass diese Hinterhalte gegen Abimelech gerichtet waren. Tatsächlich berauben die Männer jedoch die vorbeikommenden Reisenden. Welche Menschen dadurch betroffen waren und ob die Wegelagerer ausdrücklich den Auftrag hatten, Abimelech selbst gefangen zu nehmen oder zu töten, erfahren wir nicht. Denkbar ist, dass die Überfälle seine Autorität schwächen, wichtige Verbindungen unterbrechen oder seine Herrschaft wirtschaftlich schädigen sollten. Solche möglichen Ziele erklären, weshalb die Straßenüberfälle Teil des Aufstandes sein konnten. Der Bericht nennt aber keine vollständige Strategie der Verschwörer.
Bemerkenswert ist, dass die Feindschaft gegen Abimelech nicht unmittelbar zu einer gerechten Neuordnung führt. Die Männer Sichems beginnen ihren Widerstand mit neuen Übergriffen gegen andere Menschen. Der Erzähler stellt sie damit nicht plötzlich als rechtschaffene Befreier dar. Sie hatten sich bereits an der Ermordung von Gideons Söhnen beteiligt, und nun greifen sie erneut zu unrechtmäßiger Gewalt. Ihre Gegnerschaft zu Abimelech macht ihre eigene Schuld nicht ungeschehen. Auch wer sich gegen einen verbrecherischen Herrscher wendet, handelt deshalb nicht automatisch gerecht.
Schließlich wird Abimelech von den Vorgängen unterrichtet. Der Text verrät nicht, wer ihm die Nachricht überbringt oder wie er zunächst darauf reagiert. Die Mitteilung macht jedoch deutlich, dass die Verschwörung nicht verborgen bleibt. Was zunächst als heimlicher Widerstand auf den Bergstraßen beginnt, wird für den Herrscher zu einer erkennbaren Bedrohung. Noch besitzt Abimelech die Macht, seine Gegner zu bekämpfen. Doch das Vertrauen, auf dem seine ursprüngliche Verbindung mit Sichem beruhte, ist verloren.
Damit beginnt sich die Warnung Jothams zu erfüllen. Er hatte angekündigt, dass aus der Verbindung zwischen Abimelech und den Männern Sichems gegenseitiges Verderben hervorgehen werde (Richter 9,20). Nun wird erstmals ausdrücklich berichtet, wie sich die einstigen Verbündeten gegeneinander wenden. Der endgültige Ausgang liegt noch vor ihnen, doch der Grund ihres Zusammenhalts ist bereits zerstört.
Die Geschichte zeigt damit eine ernste Wahrheit über Gottes Gerechtigkeit. Menschen können Unrecht begehen und dennoch eine Zeit lang erfolgreich erscheinen. Sie können Macht gewinnen, Anerkennung erhalten und ihre Stellung über Jahre behaupten. Doch weder äußerer Erfolg noch der Ablauf der Zeit machen eine böse Tat gerecht. In Richter 9 wird die frühere Schuld nicht vergessen. Gott lässt die Verbindung der Beteiligten zum Ort ihres eigenen Gerichts werden.
Noch ist aus dem verdeckten Widerstand kein offener Krieg geworden. Doch bald wird ein weiterer Mann nach Sichem kommen und die wachsende Unzufriedenheit für seine eigenen Ziele nutzen. Dann wird sichtbar werden, wie schnell eine Herrschaft, die durch Gewalt entstanden ist, in noch größere Gewalt umschlagen kann.
Richter 9,26–29
Gaal fordert Abimelechs Herrschaft heraus
Während sich der Widerstand gegen Abimelech ausbreitet, tritt ein Mann auf, der die Unzufriedenheit der Bewohner Sichems für sich nutzen will. Er heißt Gaal und ist ein Sohn Ebeds. Gemeinsam mit seinen Brüdern kommt er nach Sichem und gewinnt dort das Vertrauen der Bürger. Woher er stammt und welche Stellung er zuvor innehatte, berichtet die Bibel nicht. Entscheidend ist, dass die Männer Sichems in ihm offenbar jemanden sehen, dem sie ihre Interessen anvertrauen können. Sie wenden sich damit einem neuen möglichen Anführer zu, obwohl sie selbst Abimelech erst drei Jahre zuvor zum König gemacht hatten.
Dass Gaal so rasch Vertrauen gewinnt, zeigt, wie unsicher Abimelechs Stellung inzwischen geworden ist. Die Bürger Sichems hatten ihn ursprünglich wegen seiner familiären Verbindung zur Stadt unterstützt. Nun genügt diese Verbindung nicht mehr, um ihre Treue zu bewahren. Allerdings berichtet der Text nicht, dass Gaal durch besondere Gerechtigkeit oder Weisheit hervorgetreten wäre. Seine Ankunft wird zunächst nur mit dem Vertrauen der Bürger verbunden. Welche Eigenschaften ihn in ihren Augen geeignet erscheinen lassen, bleibt offen. Erst seine folgenden Worte zeigen, welche Vorstellungen er selbst von der politischen Führung hat.
Die Gelegenheit, öffentlich gegen Abimelech aufzutreten, ergibt sich während der Weinernte. Die Bewohner ziehen auf ihre Felder, lesen die Trauben und pressen sie in den Keltern aus. Anschließend feiern sie ein Erntefest. Für Menschen, deren Lebensunterhalt eng mit dem Ertrag ihrer Felder und Weinberge verbunden war, stellte eine erfolgreiche Ernte einen bedeutenden Anlass zur Freude dar. Nach den Monaten der Arbeit konnten sie nun die Früchte ihrer Mühe genießen. Doch der biblische Bericht erwähnt nicht nur das Ernten und Feiern. Er führt die Menschen ausdrücklich in das Haus ihres Gottes, wo sie gemeinsam essen und trinken.
Damit erhält das Fest auch eine religiöse Bedeutung. Bereits zu Beginn des Kapitels war das Heiligtum des Baal-Berit genannt worden, aus dessen Besitz die Männer Sichems das Geld für Abimelechs gewaltsame Machtübernahme bereitgestellt hatten (Richter 9,4). Es liegt deshalb nahe, das hier erwähnte Gotteshaus mit dem örtlichen fremden Kult in Verbindung zu bringen. Ob es sich genau um dasselbe Gebäude handelte, sagt Vers 27 allerdings nicht ausdrücklich. Ebenso wird nicht berichtet, dass dieses Erntefest einen bestimmten jährlich festgelegten Namen trug. Sicher ist, dass die Bewohner ihre Feier mit dem Gottesdienst ihres Heiligtums verbinden.
Mitten in dieser festlichen Versammlung verändert sich die Stimmung. Die Männer beginnen, Abimelech zu verfluchen. Der Mann, den sie zuvor zum König erhoben hatten, wird nun öffentlich verworfen. Gerade der Ort dieser Worte ist bemerkenswert. Das religiöse Heiligtum, dessen Mittel einst Abimelechs Aufstieg ermöglicht hatten, bildet jetzt den Rahmen für offene Feindschaft gegen ihn. Der Bericht zeigt damit, wie eng religiöse und politische Interessen in Sichem miteinander verbunden sind. Die Verehrung ihres Gottes führt die Beteiligten nicht zu einer Prüfung ihrer früheren Schuld. Stattdessen wird die gemeinsame Feier zum Schauplatz eines neuen Machtkonflikts.
In dieser Situation erhebt Gaal seine Stimme. Er fragt, wer Abimelech eigentlich sei und weshalb die Männer Sichems ihm dienen sollten. Das sind keine Fragen, auf die er ernsthaft eine Auskunft erwartet. Gaal will Abimelechs Ansehen herabsetzen und dessen Anspruch auf Herrschaft bestreiten. Er fordert seine Zuhörer dazu auf, die bisherige Unterordnung nicht länger als selbstverständlich hinzunehmen. Die Formulierung seiner Fragen ist im Hebräischen nicht in jeder Einzelheit eindeutig, doch die Stoßrichtung seiner Rede steht fest: Die Bewohner sollen ihre bisherige Loyalität aufgeben.
Dazu greift Gaal Abimelechs Herkunft auf. Er bezeichnet ihn als Sohn Jerub-Baals und erinnert daran, dass Sebul als sein örtlicher Vertreter eingesetzt ist. Sebul besitzt damit eine wichtige Stellung innerhalb der Stadtverwaltung. Er vertritt die Herrschaft Abimelechs vor Ort und wird später unmittelbar auf Gaals Worte reagieren. Schon hier macht seine Erwähnung deutlich, dass der Machtkampf nicht nur einen abwesenden König betrifft. Auch die Männer, durch die Abimelech seine Herrschaft in Sichem ausübt, werden infrage gestellt.
Besonders aufschlussreich ist Gaals nächstes Argument. Er fordert die Bewohner auf, lieber den Männern Hemors, des Vaters Sichems, zu dienen. Damit greift er auf die ältere Geschichte der Stadt zurück. Bereits in 1. Mose 33,19 wird Hemor erwähnt, dessen Söhne Jakob ein Stück Land bei Sichem verkauften. In 1. Mose 34 erscheint Sichem ausdrücklich als Sohn Hemors. Der Name ist somit eng mit der frühen Geschichte des Ortes verbunden. Wenn Gaal auf Hemor verweist, erinnert er seine Zuhörer an eine Vergangenheit, die lange vor Gideon und Abimelech liegt.
Offenbar möchte Gaal damit den Anspruch der alteingesessenen Bewohner oder ihrer überlieferten Herkunft gegenüber der Herrschaft eines Sohnes Gideons hervorheben. Doch wie genau die von ihm genannten Männer Hemors mit den gegenwärtigen Bewohnern verbunden sind, erklärt der Text nicht. Auch lässt sich daraus nicht sicher ableiten, dass sämtliche Bürger Sichems direkte Nachkommen Hemors waren. Für Gaals Rede genügt die Berufung auf einen Namen, der mit der eigenen Stadtgeschichte verbunden ist. Er benutzt diese Erinnerung, um Abimelech als jemanden erscheinen zu lassen, dem die Herrschaft über Sichem nicht zusteht.
Dabei liegt eine bemerkenswerte Widersprüchlichkeit in seiner Argumentation. Abimelech hatte die Bürger Sichems einst gerade dadurch gewonnen, dass er seine Verwandtschaft mit ihnen betonte. Nun wird seine Herkunft von einem anderen Mann gegen ihn verwendet. Was zunächst als ausreichender Grund für politische Unterstützung galt, verliert seine Überzeugungskraft, sobald sich die Interessen der Beteiligten verändern. Gaals Rede zeigt, wie leicht sich dieselben Fragen nach Abstammung und Zugehörigkeit für entgegengesetzte politische Ziele einsetzen lassen.
Doch Gaal begnügt sich nicht damit, Abimelech herabzusetzen. In Vers 29 spricht er offen aus, was er selbst erreichen möchte: Wenn die Bewohner Sichems unter seiner Führung stünden, würde er Abimelech beseitigen. Damit wird deutlich, dass er nicht einfach nur die Herrschaft eines ungerechten Königs kritisiert. Er möchte selbst über die Menschen verfügen, deren Unterstützung er gerade gewonnen hat. Seine Worte richten sich gegen Abimelechs Macht, lassen aber keinen ausdrücklichen göttlichen Auftrag und auch keinen erkennbaren Plan für eine gerechtere Ordnung erkennen.
Schließlich fordert Gaal Abimelech heraus, mit einer großen Streitmacht gegen ihn auszuziehen. In der Schlachter 1951 wird diese Herausforderung als Botschaft an Abimelech wiedergegeben. Der Zusammenhang macht jedenfalls deutlich, dass Gaal die militärische Auseinandersetzung nicht scheut, sondern sie geradezu provoziert. Ob er die Stärke seiner eigenen Anhänger zutreffend einschätzt, wird sich erst später zeigen. Im Augenblick spricht er mit der Zuversicht eines Mannes, der glaubt, genügend Unterstützung für einen erfolgreichen Aufstand gefunden zu haben.
Darin zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen einem gerechten Widerstand gegen Unrecht und dem bloßen Versuch, selbst an die Macht zu gelangen. Dass Abimelechs Herrschaft auf einem schweren Verbrechen beruht, macht Gaals eigene Absichten noch nicht gerecht. Er stellt die Schuld des bisherigen Königs nicht in den Mittelpunkt seiner Rede und ruft die Bewohner auch nicht zur Umkehr von ihrer früheren Beteiligung auf. Stattdessen stützt er sich auf die Herkunft der Stadt, ihre Unzufriedenheit und seinen eigenen Anspruch auf Führung. Das Ziel seiner Worte ist nicht ausdrücklich eine Rückkehr zu Gottes Geboten, sondern die Ablösung Abimelechs durch eine neue Macht.
Die Spannung innerhalb Sichems hat damit eine weitere Stufe erreicht. Aus heimlichen Überfällen auf den Verkehrswegen wird eine öffentliche Herausforderung, die während einer gemeinsamen Feier ausgesprochen wird. Gaal glaubt, die Bürger hinter sich zu haben, und spricht bereits von einem Kampf gegen Abimelech. Doch nicht jeder in Sichem steht auf seiner Seite. Sebul, der Vertreter des Königs, wird von diesen Worten erfahren und alles daransetzen, Gaals Vorhaben zu vereiteln. So entsteht innerhalb der Stadt ein neuer Konflikt, in dem sich zeigen wird, wie zerbrechlich die vermeintliche Einigkeit ihrer Bewohner geworden ist.
Richter 9,30–41
Sebuls List und Gaals Niederlage: Der Machtkampf um Sichem eskaliert
Gaals öffentliche Herausforderung bleibt nicht unbemerkt. Sebul, der als oberster Verantwortlicher die Stadt verwaltet und Abimelechs Interessen vertritt, erfährt von seinen Worten. Seine Reaktion ist heftig: Er gerät in Zorn. Gaal hat nicht nur den König beleidigt, sondern auch Sebuls eigene Stellung infrage gestellt. Schließlich hatte er die Bewohner Sichems ausdrücklich dazu aufgerufen, sich nicht länger der Herrschaft Abimelechs und seines Vertreters zu unterwerfen. Für Sebul steht damit mehr auf dem Spiel als die persönliche Ehre seines Königs. Auch seine eigene Autorität innerhalb der Stadt ist bedroht.
Doch Sebul stellt sich Gaal zunächst nicht offen entgegen. Stattdessen schickt er Boten zu Abimelech und unterrichtet ihn über die Entwicklung in Sichem. Die Schlachter 1951 beschreibt diese Botschaft als heimlich übermittelt. Der hebräische Ausdruck an dieser Stelle ist allerdings ungewöhnlich. Während er traditionell im Sinne von „heimlich“ oder „mit List“ verstanden wird, nehmen manche Ausleger eine Ortsbezeichnung an und vermuten einen Bezug zu Aruma, wo Abimelech sich später aufhält. Welche Lesart ursprünglich gemeint war, lässt sich nicht sicher entscheiden. Für den Handlungsverlauf steht jedoch fest, dass Sebul den König vor Gaal warnt und ihm einen konkreten Plan zum Vorgehen gegen die Aufständischen übermittelt.
In seiner Nachricht berichtet Sebul, dass Gaal und seine Brüder die Stadt gegen Abimelech aufwiegeln. Damit stellt er die Lage als unmittelbare Bedrohung der bestehenden Herrschaft dar. Er empfiehlt Abimelech, noch in der Nacht mit seinen Männern aufzubrechen und sich außerhalb der Stadt im Feld zu verstecken. Sobald am nächsten Morgen die Sonne aufgeht, soll er die Stadt überraschend angreifen. Wenn Gaal mit seinen Anhängern herauskommt, kann Abimelech gegen ihn vorgehen. Sebul liefert seinem König somit nicht nur Informationen, sondern entwickelt einen vollständigen Angriffsplan, der auf Überraschung und dem richtigen Zeitpunkt beruht.
Die vorgeschlagene Vorgehensweise ist geschickt. Gaal hatte während des Erntefestes mit großer Sicherheit gesprochen und Abimelech öffentlich herausgefordert. Doch zwischen einer selbstbewussten Rede und der Vorbereitung auf einen tatsächlichen Kampf besteht ein großer Unterschied. Sebuls Plan soll verhindern, dass Gaal ausreichend Gelegenheit erhält, seine Anhänger auf den bevorstehenden Angriff einzustellen. Während die Stadt noch nicht mit dem unmittelbaren Auftauchen des Königs rechnet, sollen sich dessen Männer bereits in günstigen Positionen befinden. Der Bericht erklärt nicht ausdrücklich, welche Überlegungen Sebul dabei im Einzelnen anstellte. Seine Anweisungen zeigen jedoch deutlich, dass er den Überraschungsmoment nutzen will.
Abimelech folgt diesem Rat. Noch in der Nacht bricht er mit seinen Kämpfern auf und teilt sie in vier Abteilungen. Diese beziehen außerhalb Sichems ihre versteckten Stellungen. Die Zahl der Männer nennt der Erzähler nicht. Ebenso erfahren wir nicht, wie groß die einzelnen Abteilungen waren oder welche genauen Wege sie nahmen. Entscheidend ist die Aufteilung der Streitmacht. Abimelech will nicht mit einem einzigen geschlossenen Heer vor die Stadt ziehen, sondern seine Gegner aus mehreren Richtungen überraschen. Die nächtliche Vorbereitung verschafft ihm dabei einen wichtigen Vorteil gegenüber den Bewohnern, die seine unmittelbare Nähe offenbar noch nicht erkannt haben.
Am folgenden Morgen tritt Gaal an den Eingang des Stadttores. Das Stadttor war in der damaligen Welt nicht nur ein Durchgang durch die Befestigung. In seinem Bereich konnten auch öffentliche Angelegenheiten besprochen und Entscheidungen getroffen werden. Dass Gaal dort erscheint, passt zu seiner neuen Stellung unter den Männern Sichems. Sebul befindet sich ebenfalls bei ihm. Der Bericht sagt nicht, dass Gaal von der Nachricht an Abimelech weiß. Vielmehr scheint er die Situation zunächst noch nicht als unmittelbaren Angriff zu erkennen.
Während Gaal am Tor steht, verlassen Abimelechs Männer ihre Verstecke. Nun nimmt Gaal Bewegungen auf den umliegenden Berghängen wahr. Er weist Sebul darauf hin, dass Menschen von den Höhen herabkommen. Doch Sebul widerspricht. Gaal halte lediglich die Schatten der Berge für Menschen. Diese Antwort ist bemerkenswert, denn der Leser weiß bereits, dass Abimelechs Kämpfer tatsächlich im Anmarsch sind. Sebul spricht also gegen das, was die Erzählung unmittelbar zuvor berichtet hat. Seine Worte lassen sich deshalb gut als Versuch verstehen, Gaal zu täuschen und seine Reaktion hinauszuzögern.
Ob Sebul damit bewusst noch einige Augenblicke gewinnen will oder vor allem verhindern möchte, dass Gaal frühzeitig Gegenmaßnahmen ergreift, wird nicht näher erklärt. Die Wirkung seiner Worte ist jedoch erkennbar: Statt sofort zum Kampf aufzurufen, muss Gaal zunächst die Wirklichkeit seiner Beobachtung behaupten. Sebul nutzt seinen eigenen Wissensvorsprung, denn er hat Abimelech selbst über den Aufstand informiert und dessen nächtlichen Angriff vorgeschlagen. Gaal dagegen erkennt erst jetzt, dass sich feindliche Kämpfer der Stadt nähern.
Gaal lässt sich von Sebuls Erklärung nicht überzeugen. Er sieht weitere Männer und weist darauf hin, dass sie von der Höhe des Landes herabkommen. Im Hebräischen steht hier ein bildhafter Ausdruck, der wörtlich etwa „Nabel des Landes“ bedeutet. Gemeint ist offenbar eine auffällige Erhebung oder ein markanter Teil der Landschaft. Welche Stelle damit genau bezeichnet wurde, ist heute nicht sicher bekannt. Für die Erzählung genügt, dass Gaal eine weitere Gruppe von Kämpfern erkennt und ihre Annäherung beschreibt.
Außerdem bemerkt er eine Abteilung, die aus der Richtung der sogenannten Zaubereiche kommt. Der Ausdruck bezeichnet offenbar einen bekannten Baum oder einen Ort, der mit Wahrsagerei beziehungsweise religiöser Zeichendeutung verbunden war. Bäume konnten im alten Vorderen Orient als markante Versammlungsorte dienen und eine religiöse Bedeutung besitzen. Der Bibeltext erklärt jedoch nicht, welche Handlungen an dieser Eiche tatsächlich vorgenommen wurden. Auch dürfen wir sie nicht ohne Weiteres mit der Eiche gleichsetzen, bei der Abimelech zuvor zum König gemacht worden war. Sicher ist nur, dass der Ort als Orientierungspunkt dient, anhand dessen Gaal die Bewegung einer weiteren feindlichen Abteilung beschreibt.
Spätestens jetzt kann Sebul die Gefahr nicht länger als bloße Täuschung durch die Schatten der Berge darstellen. Doch statt Gaal zu unterstützen, ändert er seine Haltung und greift dessen frühere Worte auf. Er erinnert ihn daran, wie verächtlich er von Abimelech gesprochen und dessen Herrschaft infrage gestellt hatte. Nun fordert er ihn auf, hinauszuziehen und gegen genau jene Männer zu kämpfen, die er zuvor so geringgeschätzt hatte. Damit verwandelt Sebul Gaals öffentliche Herausforderung in eine unmittelbare Bewährungsprobe. Was beim Erntefest noch eine selbstbewusste Rede gewesen war, muss Gaal nun angesichts eines bewaffneten Gegners verantworten.
Sebuls Vorgehen offenbart, wie tief die Stadt bereits gespalten ist. Nach außen hatte Gaal den Eindruck erweckt, die Bürger Sichems stünden hinter ihm. Doch einer ihrer wichtigsten Verantwortlichen arbeitet gleichzeitig gegen ihn und gibt dem bisherigen König die Informationen, die dieser für seinen Angriff benötigt. Die Einwohner teilen also keineswegs dieselben politischen Absichten. Verschiedene Männer versuchen vielmehr, ihre eigenen Interessen durchzusetzen, während die Stadt selbst zum Schauplatz ihres Machtkampfes wird.
Gaal kann der Auseinandersetzung nun nicht mehr ausweichen, ohne seine zuvor öffentlich beanspruchte Führungsrolle aufzugeben. Er zieht mit den Männern Sichems hinaus und stellt sich Abimelech zum Kampf. Der Bericht macht deutlich, dass Gaal die Angreifer nicht nur beobachtet oder seine Anhänger zur Verteidigung aufruft. Er führt die Männer selbst an. Damit erhält er die Gelegenheit, seine zuvor behauptete Entschlossenheit tatsächlich unter Beweis zu stellen.
Doch der Kampf nimmt einen anderen Ausgang, als Gaal offenbar erwartet hatte. Abimelech schlägt seine Gegner zurück und verfolgt Gaal, der vor ihm flieht. Viele Männer fallen auf dem Rückweg bis zum Eingang des Stadttores. Die Formulierung lässt erkennen, dass die Niederlage erhebliche Verluste verursacht. Wie viele Menschen getötet werden, berichtet der Text nicht. Ebenso wenig erfahren wir, wie lange die Auseinandersetzung dauert oder an welcher Stelle Gaal den Kampf endgültig aufgibt. Der Erzähler konzentriert sich auf das Ergebnis: Gaal verliert gegen Abimelech, und zahlreiche Männer Sichems bezahlen den Kampf mit ihrem Leben.
Bemerkenswert ist, dass Gaal selbst nicht als getötet beschrieben wird. Er entkommt der unmittelbaren Verfolgung, verliert aber seine Stellung in der Stadt. Abimelech bleibt anschließend in Aruma, während Sebul die Gelegenheit nutzt, Gaal und seine Brüder aus Sichem zu vertreiben. Damit setzt der örtliche Verantwortliche durch, was er mit seiner heimlichen beziehungsweise verdeckten Zusammenarbeit mit Abimelech vorbereitet hatte. Der Mann, dem die Bürger zuvor ihr Vertrauen geschenkt hatten, darf nicht mehr in der Stadt bleiben.
Aruma wird in Vers 41 als Abimelechs Aufenthaltsort genannt. Wo diese Siedlung genau lag, ist nicht abschließend geklärt. Ihre Erwähnung ist jedoch für den weiteren Verlauf wichtig: Abimelech zieht nach seinem Sieg über Gaal nicht einfach als dauerhaft anwesender Herrscher in Sichem ein. Sebul bleibt derjenige, der innerhalb der Stadt gegen Gaals Anhänger vorgeht. Damit sind die unmittelbaren Rollen klar verteilt. Abimelech hat den bewaffneten Gegner besiegt, während Sebul dessen politische Stellung vor Ort beseitigt.
Trotz dieses Erfolges ist der Konflikt keineswegs beendet. Gaal ist vertrieben, aber die Männer Sichems haben bereits ihre Treue zu Abimelech gebrochen. Auch die schweren Verluste im Kampf können nicht ungeschehen gemacht werden. Der Bericht sagt nicht, dass die Bürger ihre frühere Entscheidung bereuen oder dass zwischen ihnen und Abimelech wieder Vertrauen entsteht. Die militärische Niederlage des Aufstandsführers bedeutet deshalb noch keine wirkliche Versöhnung.
Hier zeigt sich erneut, wie verhängnisvoll eine Herrschaft werden kann, die auf Gewalt und gegenseitigem Eigennutz beruht. Abimelech hatte seine Stellung durch die Ermordung seiner Brüder erlangt. Die Männer Sichems hatten ihn dabei unterstützt, weil sie sich von seiner Herrschaft Vorteile versprachen. Als sich ihre Interessen veränderten, wandten sie sich gegen ihn. Nun schlägt Abimelech mit militärischer Gewalt zurück. Jeder neue Schritt vertieft die Feindschaft, statt die ursprüngliche Schuld zu überwinden.
Der Erzähler hatte bereits erklärt, dass Gott den Zerfall dieses Bündnisses zum Gericht über die begangenen Verbrechen werden ließ (Richter 9,23–24). Dennoch wird weder Gaals Aufstand noch Sebuls Täuschung oder Abimelechs gewaltsames Vorgehen dadurch automatisch zu einem vorbildlichen Handeln. Die Beteiligten verfolgen weiterhin ihre eigenen Ziele. Gottes Gericht zeigt sich darin, dass ihre frühere Gemeinschaft zerbricht und sie die Folgen ihres Unrechts tragen müssen.
Am Ende dieses Abschnitts scheint Abimelech den unmittelbaren Machtkampf gewonnen zu haben. Sein Herausforderer ist geschlagen, Sebul hat dessen Anhänger aus der Stadt vertrieben, und die offene Rebellion ist zunächst zurückgedrängt. Doch dieser Erfolg wird Abimelech nicht zur Ruhe bringen. Schon am folgenden Tag richtet sich seine Gewalt erneut gegen Sichem. Dann wird deutlich werden, dass sein Ziel längst nicht mehr darin besteht, lediglich einen einzelnen Rivalen zu beseitigen. Die Stadt selbst gerät zunehmend in den Mittelpunkt seiner Vergeltung.
Richter 9,42–45
Abimelech zerstört Sichem: Der König wendet sich gegen seine eigene Stadt
Obwohl Gaal besiegt und aus Sichem vertrieben worden ist, findet Abimelech keine Ruhe. Am folgenden Morgen verlassen Menschen die Stadt und begeben sich auf die umliegenden Felder. Der Bibeltext erklärt nicht, weshalb sie hinausgehen. Möglicherweise wollen sie ihre gewöhnlichen Arbeiten wieder aufnehmen. Ebenso ist denkbar, dass sich unter ihnen Männer befinden, die weiterhin gegen Abimelech vorgehen wollen. Sicher ist nur, dass ihr Verlassen der Stadt dem König gemeldet wird. Abimelech sieht darin offenbar eine Gelegenheit, erneut zuzuschlagen.
Diese Entscheidung ist bemerkenswert. Sein unmittelbarer Herausforderer Gaal befindet sich nicht mehr in Sichem. Sebul, der örtliche Verantwortliche, hatte ihn und seine Brüder vertrieben. Abimelech hätte seinen militärischen Erfolg deshalb als ausreichende Wiederherstellung seiner Herrschaft betrachten können. Doch die vorherigen Ereignisse haben gezeigt, dass die Bevölkerung Sichems ihm nicht mehr zuverlässig gegenübersteht. Er richtet seine Gewalt nun nicht länger nur gegen einen einzelnen Aufstandsführer, sondern gegen die Bewohner der Stadt selbst. Aus dem Kampf um die Herrschaft wird ein Angriff auf die Gemeinschaft, die ihn einst zum König gemacht hatte.
Abimelech teilt seine Streitmacht diesmal in drei Abteilungen und legt sich mit ihnen auf den Feldern in den Hinterhalt. Zuvor hatte er gegen Gaal vier Abteilungen eingesetzt (Richter 9,34). Die unterschiedliche Zahl ist kein Widerspruch, denn es handelt sich um zwei aufeinanderfolgende Kampfhandlungen mit jeweils eigener Vorbereitung. Auch jetzt nutzt Abimelech die Landschaft, um seine Gegner überraschend anzugreifen. Der Bericht nennt weder die Stärke seiner Truppen noch die genaue Lage ihrer Verstecke. Er macht jedoch deutlich, dass Abimelech nicht unvorbereitet auf die Menschen trifft. Er beobachtet ihren Aufbruch aus der Stadt und wartet auf den passenden Augenblick.
Als die Bewohner auf den Feldern erscheinen, beginnt der Angriff. Die einzelnen Abteilungen übernehmen dabei unterschiedliche Aufgaben. Abimelech stürmt mit seinen Männern zum Eingang des Stadttores und besetzt diesen wichtigen Zugang. Die beiden anderen Abteilungen fallen über die Menschen her, die sich außerhalb der Stadt befinden, und töten sie. Dadurch geraten die Angegriffenen in eine besonders gefährliche Lage. Das Stadttor, durch das sie möglicherweise hätten zurückkehren können, befindet sich nun unter Abimelechs Kontrolle. Seine Männer greifen also nicht nur die Menschen auf den Feldern an, sondern versperren ihnen zugleich einen wichtigen Weg zurück in die befestigte Stadt.
Das Stadttor besitzt in diesem Zusammenhang eine entscheidende militärische Bedeutung. Eine befestigte Stadt bot ihren Bewohnern Schutz, solange ihre Mauern und Zugänge verteidigt werden konnten. Wer jedoch den Eingang beherrschte, konnte die Bewegungen zwischen Stadt und Umland kontrollieren. Abimelech nutzt genau diesen Vorteil. Während ein Teil seines Heeres die Menschen außerhalb der Mauern angreift, sorgt seine eigene Abteilung dafür, dass ihre Fluchtmöglichkeiten eingeschränkt werden. Ob die Angegriffenen bewaffnet waren und wie sie versuchten, sich zu verteidigen, wird nicht näher beschrieben. Der Erzähler berichtet vor allem das Ergebnis: Abimelechs Männer richten unter ihnen ein Blutbad an.
Damit erreicht die Gewalt eine neue Stufe. Beim vorherigen Kampf hatte Abimelech den Mann bekämpft, der seine Herrschaft öffentlich herausgefordert hatte. Nun werden Menschen angegriffen, deren persönliche Beteiligung an Gaals Aufstand nicht einzeln geklärt wird. Der Bericht unterscheidet nicht zwischen denen, die aktiv gegen Abimelech gekämpft hatten, und anderen Bewohnern, die sich auf den Feldern aufhielten. Er schildert einen umfassenden Angriff, bei dem die Zugehörigkeit zur feindlich gewordenen Stadt offenbar genügt, um zum Ziel seiner Gewalt zu werden.
Anschließend richtet sich der Kampf gegen Sichem selbst. Den ganzen Tag über kämpft Abimelech gegen die Stadt, bis es ihm gelingt, sie einzunehmen. Dass die Auseinandersetzung so lange dauert, zeigt, dass die Eroberung nicht einfach mit dem Besetzen des Stadttores abgeschlossen war. Innerhalb der Stadt muss es noch Widerstand oder andere Hindernisse gegeben haben, die überwunden werden mussten. Der Text beschreibt diese Vorgänge jedoch nicht im Einzelnen. Wir erfahren weder, welche Verteidigungsmaßnahmen die Bewohner ergriffen, noch, an welchen Stellen die entscheidenden Kämpfe stattfanden. Entscheidend ist, dass Abimelech am Ende des Tages die Stadt unter seine Gewalt gebracht hat.
Was nun folgt, geht über die gewöhnliche Übernahme einer Stadt durch einen neuen oder zurückkehrenden Herrscher hinaus. Abimelech lässt die Menschen töten, die sich darin befinden, und zerstört anschließend die Stadt. Sein Ziel scheint nicht mehr darin zu bestehen, Sichem unter seiner Herrschaft weiterbestehen zu lassen. Die Stadt, deren Bewohner ihn einst unterstützt und zu ihrem König gemacht hatten, soll als widerständige Gemeinschaft vernichtet werden. Der Text nennt keine ausdrückliche Aufforderung Gottes zu dieser Zerstörung. Er beschreibt Abimelechs Handeln als Teil jener gewaltsamen Auseinandersetzungen, die aus dem Zerbrechen seines Bündnisses mit Sichem hervorgegangen sind.
Hier wird das Ausmaß der früheren Fehlentscheidung der Stadtbewohner sichtbar. Sie hatten Abimelech geholfen, seine Brüder zu ermorden, weil sie sich von seiner Herrschaft Vorteile versprachen. Nun richtet derselbe Mann seine Gewalt gegen sie. Die Bereitschaft, andere Menschen für die eigene Machtstellung zu töten, war von Anfang an Bestandteil seines Handelns gewesen. Solange die Männer Sichems davon profitierten, hatten sie diese Gewalt unterstützt. Doch nachdem sie sich gegen Abimelech gewandt haben, werden sie selbst zu seinen Opfern. Die Mittel, mit denen er einst seine Stellung errichtete, verwendet er nun gegen diejenigen, die ihm diese Stellung ermöglicht hatten.
Nach der Eroberung und Zerstörung der Stadt berichtet der Erzähler noch eine ungewöhnliche Handlung: Abimelech streut Salz über Sichem. Dieser kurze Satz hat in der Auslegung viele Fragen aufgeworfen. Salz war im Altertum ein wertvoller Stoff, der unter anderem zur Konservierung von Lebensmitteln und im religiösen Bereich verwendet wurde. In größeren Mengen konnte es jedoch auch mit unfruchtbarem Boden und verwüsteten Landschaften verbunden werden. Die Bibel verwendet salzhaltiges, unbewohnbares Land mehrfach als Bild für Verödung und Gericht (5. Mose 29,22; Jeremia 17,6).
Vor diesem Hintergrund lässt sich das Ausstreuen des Salzes als Zeichen verstehen, dass die Stadt vollständig zerstört bleiben soll. Abimelech begnügt sich nicht damit, ihre Gebäude niederzureißen. Er setzt eine zusätzliche Handlung, die den Wunsch nach dauerhafter Verwüstung ausdrücken kann. Vergleichbare Bilder sind auch aus alten außerbiblischen Fluchtexten bekannt. Dort wird Salz im Zusammenhang mit der Vernichtung einer Stadt erwähnt. Das unterstützt die Deutung als Zeichen eines Fluches oder der endgültigen Zerstörung.
Allerdings erklärt Richter 9 nicht ausdrücklich, was Abimelech selbst mit dieser Handlung beabsichtigte. Manche Ausleger vermuten neben dem Zeichen der Verwüstung auch eine religiöse Bedeutung, bei der die zerstörte Stadt einer Gottheit oder einem Gericht geweiht werden sollte. Eine solche Deutung lässt sich aus dem unmittelbaren Bibeltext jedoch nicht sicher nachweisen. Deshalb sollten wir die Bedeutung nicht genauer festlegen, als es die verfügbaren Belege erlauben.
Ebenso wenig dürfen wir uns vorstellen, Abimelech habe durch das ausgestreute Salz nachweislich den gesamten Boden der Stadt für viele Generationen unfruchtbar gemacht. Dafür wäre eine entsprechende Menge Salz notwendig gewesen, über die der Bericht nichts sagt. Die Aussage beschreibt eine bewusste Handlung nach der vollständigen Zerstörung. Ihre wahrscheinlichste Bedeutung liegt im sichtbaren Ausdruck der Verwüstung und der Absicht, Sichem nicht wieder zu seinem früheren Zustand zurückkehren zu lassen.
Besonders eindringlich ist, dass diese Vernichtung an einem Ort geschieht, der in Israels Geschichte eine so wichtige Stellung besaß. In Sichem hatte Josua das Volk einst zur Treue gegenüber dem HERRN aufgerufen. Hier war an Gottes vergangene Rettung und an die Verpflichtung erinnert worden, fremden Göttern nicht zu dienen (Josua 24,14–25). Nun ist aus demselben Ort ein Schauplatz von Götzendienst, politischer Gewalt und gegenseitigem Verrat geworden. Der Bericht behauptet nicht, dass jeder einzelne Bewohner die früheren Bundesverpflichtungen persönlich bewusst zurückgewiesen hatte. Doch die Geschichte der Stadt bildet einen ernsten Hintergrund für das Geschehen.
Auch Jothams Warnung gewinnt nun eine konkrete Gestalt. Er hatte angekündigt, dass Feuer von Abimelech ausgehen und die Männer Sichems verzehren werde (Richter 9,20). Schon die Zerstörung der Stadt zeigt, dass der von ihm angekündigte Untergang begonnen hat. Die besondere Verbindung zum Feuer wird im folgenden Abschnitt noch deutlicher hervortreten. Dort wird Abimelech tatsächlich mit brennendem Holz gegen Menschen vorgehen, die in einer befestigten Zuflucht Schutz gesucht haben.
Die Eroberung Sichems bildet deshalb noch nicht den vollständigen Abschluss des Gerichts. Zwar hat Abimelech die Stadt zerstört, doch nicht alle Menschen, die zu Sichem gehören, befinden sich in den eroberten Häusern. Weitere Bewohner halten sich in einem befestigten Bereich auf und werden auf die Nachricht von der Vernichtung reagieren. Ihre Hoffnung auf Sicherheit wird jedoch ebenfalls enttäuscht werden.
So führt der Bericht Schritt für Schritt vor Augen, wie aus einer zunächst erfolgreichen Machtübernahme ein zerstörerischer Kampf zwischen früheren Verbündeten geworden ist. Die Männer Sichems hatten geglaubt, durch Abimelech einen Herrscher aus ihrer eigenen Gemeinschaft zu gewinnen. Am Ende wird er zum Vernichter ihrer Stadt. Seine Königsherrschaft bringt ihnen nicht den erhofften Schutz, sondern Tod und Verwüstung. Gerade darin wird die Wahrheit von Jothams Gleichnis sichtbar: Der Dornbusch, unter dessen Schatten die Bäume Zuflucht suchen sollten, ist für sie selbst zur tödlichen Gefahr geworden.
Richter 9,46–49
Das Feuer in der Zuflucht des Bundesgottes: Abimelechs grausame Vergeltung
Die Zerstörung Sichems hat bereits zahlreiche Menschen das Leben gekostet. Doch nicht alle Bewohner des Gebietes sind bei der Eroberung der Stadt umgekommen. Als die Menschen der Burg von Sichem erfahren, was geschehen ist, suchen sie Zuflucht im befestigten Bereich eines religiösen Heiligtums. Offenbar hoffen sie, dort vor Abimelechs Gewalt geschützt zu sein. Doch gerade dieser Ort, an dem sie Sicherheit erwarten, wird zum Schauplatz einer der grausamsten Taten seiner Herrschaft.
Der Bericht spricht in Vers 46 von den Insassen der Burg von Sichem. Damit wird eine befestigte Gemeinschaft bezeichnet, die mit der Stadt verbunden ist, sich aber möglicherweise in einem eigenen Burgbezirk oder einer nahe gelegenen befestigten Anlage befand. Ob die Bezeichnung eine Burg innerhalb Sichems oder eine gesonderte befestigte Siedlung meint, ist unter Auslegern umstritten. Entscheidend ist, dass diese Menschen von der Zerstörung der Stadt erfahren und darauf reagieren. Sie wissen nun, dass Abimelech nicht davor zurückschreckt, gegen seine ehemaligen Unterstützer mit äußerster Härte vorzugehen.
Ihre Zuflucht finden sie im Haus ihres Gottes Berit. Der hebräische Text verwendet hier die Bezeichnung El-Berit, die sich als „Gott des Bundes“ übersetzen lässt. Bereits Richter 8,33 und 9,4 hatten von Baal-Berit gesprochen, dessen Heiligtum bei Abimelechs Machtübernahme eine wichtige Rolle gespielt hatte. Beide Namen sind eng miteinander verwandt. Während Baal „Herr“ bedeuten kann, bezeichnet El einen Gott beziehungsweise ist auch als Gottesname bekannt. Es ist gut möglich, dass beide Bezeichnungen auf dieselbe örtlich verehrte Gottheit verweisen. Der Text erklärt ihre genaue Beziehung jedoch nicht ausdrücklich. Deshalb sollten wir weder zwei sicher verschiedene Gottheiten voraussetzen noch eine vollständige Gleichsetzung als zweifelsfrei erwiesen darstellen.
Besonders auffällig ist die Rolle dieses Heiligtums innerhalb der Geschichte. Zu Beginn von Abimelechs Herrschaft hatten die Männer Sichems siebzig Silberstücke aus dem Haus des Baal-Berit genommen und damit seine gewaltsame Machtübernahme finanziert (Richter 9,4). Nun suchen Menschen derselben politischen Gemeinschaft Schutz in einem Heiligtum des Bundesgottes. Ob es sich um genau dasselbe Gebäude handelt, lässt sich nicht sicher feststellen. Doch die erzählerische Verbindung ist bemerkenswert: Die religiösen Einrichtungen, die mit der Unterstützung Abimelechs verbunden waren, können ihre Anhänger am Ende nicht vor seiner Gewalt bewahren.
Die Schlachter 1951 berichtet, dass die Menschen in das Gewölbe des Gotteshauses gehen. Das zugrunde liegende hebräische Wort ist selten und bezeichnet offenbar einen besonders geschützten Bereich. Denkbar ist eine befestigte innere Kammer oder ein unterirdischer Zufluchtsraum. Auch an anderer Stelle wird das Wort im Zusammenhang mit Verstecken verwendet (1. Samuel 13,6). Die genaue Bauweise kennen wir nicht. Der Raum muss jedoch so beschaffen gewesen sein, dass die Menschen dort Schutz vor einem unmittelbaren Angriff erwarten konnten. Offenbar bot er ihnen eine sicherere Zuflucht als die bereits eroberte Stadt.
Warum gerade das religiöse Heiligtum als letzter Rückzugsort gewählt wird, erklärt der Erzähler nicht. Möglicherweise erschien die Anlage aufgrund ihrer Bauweise besonders sicher. Vielleicht vertrauten die Bewohner zusätzlich auf den Schutz der dort verehrten Gottheit. Beides ist denkbar, wird aber nicht ausdrücklich berichtet. Sicher ist nur, dass sich zahlreiche Menschen dort versammeln. Was ihnen als Schutz dienen soll, bringt sie zugleich an einen einzigen Ort, an dem Abimelech sie erreichen kann.
Abimelech erfährt von dieser Versammlung. Die Nachricht genügt, um ihn erneut zum Handeln zu bewegen. Anders als bei der Einnahme Sichems schildert der Text diesmal keinen längeren Kampf um Straßen und Gebäude. Stattdessen zieht Abimelech mit seinen Männern auf den Berg Zalmon. Die genaue Lage dieses Berges ist heute nicht sicher bekannt. Für den Verlauf der Erzählung ist vor allem wichtig, dass dort Bäume wachsen, deren Äste als Brennmaterial verwendet werden können. Abimelech sucht also nicht zuerst nach einer Möglichkeit, den geschützten Raum mit seinen Kämpfern zu erstürmen. Er bereitet eine andere Form des Angriffs vor.
Auf dem Berg nimmt Abimelech selbst eine Axt zur Hand. Er schlägt einen Ast von einem Baum ab, hebt ihn auf und legt ihn auf seine Schulter. Anschließend fordert er seine Männer auf, seinem Beispiel unverzüglich zu folgen. Die Szene zeigt, wie unmittelbar er die bevorstehende Tat anleitet. Er gibt nicht lediglich einen Befehl aus sicherer Entfernung, sondern führt seinen Männern persönlich vor, was sie tun sollen. Dadurch wird deutlich, dass der weitere Verlauf nicht das zufällige Ergebnis eines außer Kontrolle geratenen Kampfes ist. Abimelech entscheidet sich bewusst für diese Vorgehensweise und organisiert ihre Durchführung.
Seine Männer gehorchen. Jeder schlägt einen Ast ab, und gemeinsam folgen sie ihrem Anführer zu dem befestigten Heiligtum. Dort legen sie das Holz an den geschützten Bereich und setzen die Anlage in Brand. Die gesammelten Äste liefern das Brennmaterial, mit dem das Feuer entfacht und verstärkt werden kann. Wie die Flammen sich innerhalb des Gebäudes ausbreiten und auf welche Weise die eingeschlossenen Menschen ums Leben kommen, beschreibt der Text nicht im Einzelnen. Er berichtet jedoch eindeutig, dass niemand von den dort Versammelten dem Feuer entkommt.
Etwa tausend Männer und Frauen sterben bei diesem Angriff. Der Erzähler nennt beide Geschlechter ausdrücklich und macht damit deutlich, dass es sich nicht lediglich um die Vernichtung einer kleinen bewaffneten Gruppe handelt. Die große Zahl der Toten verleiht dem Geschehen ein erschütterndes Gewicht. Menschen, die sich vor der Gewalt in Sicherheit bringen wollten, werden gemeinsam in ihrer Zuflucht getötet. Der Bericht gibt keine Grundlage dafür, jedem einzelnen Opfer eine persönliche Beteiligung an der Ermordung von Gideons Söhnen zuzuschreiben. Auch wenn die Geschichte insgesamt vom Gericht über Sichem handelt, dürfen wir deshalb nicht behaupten, alle Getöteten hätten dieselbe individuelle Schuld getragen.
Gerade dieser Unterschied ist für eine verantwortungsvolle Auslegung wichtig. Der Erzähler hatte in Richter 9,23–24 ausdrücklich erklärt, dass Gott die frühere Blutschuld Abimelechs und seiner Unterstützer vergelten wollte. Damit besitzt die folgende Geschichte einen klaren Gerichtszusammenhang. Doch das bedeutet nicht, dass jede Gewalttat Abimelechs zu einer gerechten Handlung wird. Der Text berichtet keinen göttlichen Befehl, das Heiligtum mit den darin eingeschlossenen Menschen niederzubrennen. Abimelech bleibt für seine eigene Grausamkeit verantwortlich, auch während Gott den Zerfall seiner verbrecherischen Herrschaft zum Gericht über die Beteiligten werden lässt.
An dieser Stelle erreicht Jothams Gleichnis einen seiner deutlichsten Höhepunkte. Er hatte erzählt, wie der Dornbusch den anderen Bäumen Zuflucht unter seinem Schatten versprach und ihnen zugleich mit einem verzehrenden Feuer drohte (Richter 9,15). Anschließend hatte er diese Warnung ausdrücklich auf Abimelech und die Männer Sichems übertragen. Nun geht tatsächlich Feuer von Abimelechs Handeln aus und vernichtet Menschen aus der Gemeinschaft, die ihn einst zum König gemacht hatte. Das Bild des Dornbusches wird damit auf erschreckend konkrete Weise Wirklichkeit.
Dabei liegt die besondere Tragik nicht allein in der Verwendung des Feuers. Abimelech zerstört gerade jene Gemeinschaft, aus der seine Macht hervorgegangen war. Die Männer Sichems hatten ihm vertraut, weil er über seine Mutter mit ihnen verwandt war. Sie hatten seine Herrschaft finanziert und ihn zum König erhoben. Als ihre Verbindung zerbrach, wurde aus dem vermeintlichen Beschützer ihr erbitterter Feind. Was sie durch seine Einsetzung gewinnen wollten, verkehrt sich nun in sein Gegenteil. Sie hatten gehofft, durch einen eigenen Herrscher ihre Stellung zu sichern, und erleben schließlich, dass seine Macht gegen sie selbst gerichtet wird.
Auch die religiöse Bedeutung des Geschehens verdient Beachtung. Ein Heiligtum sollte nach dem Verständnis seiner Verehrer ein besonderer Ort göttlicher Nähe und Sicherheit sein. Doch der bloße Aufenthalt in einem religiösen Gebäude bietet keinen Schutz, wenn Menschen auf einen Gott vertrauen, der sie nicht retten kann. Das erinnert an die wiederkehrende Kritik der Propheten an selbstgemachten Göttern, die weder sprechen noch handeln oder ihre Verehrer befreien können (Jesaja 44,9–20). Allerdings sollte diese Verbindung nicht dazu führen, die vielen Todesopfer nur noch als Beispiel für falsche Religion zu betrachten. Richter 9 beschreibt zugleich die entsetzlichen Folgen menschlicher Machtgier und die Verantwortung für begangene Gewalt.
Der Untergang der Menschen in der Burg von Sichem zeigt damit, wie vollständig das Bündnis zwischen Abimelech und seinen früheren Unterstützern zerbrochen ist. Von gegenseitigem Vertrauen ist nichts geblieben. Die Gemeinschaft, die seine Herrschaft ermöglicht hatte, wird durch dieselbe Gewalt vernichtet, auf der diese Herrschaft von Anfang an beruhte. Jothams Warnung hat sich für Sichem bereits in furchtbarer Weise erfüllt.
Doch noch lebt Abimelech. Er hat seine Gegner besiegt, die Stadt zerstört und die Menschen in ihrer letzten Zuflucht töten lassen. Seine Macht scheint ungebrochen, und der Bericht erwähnt zunächst niemanden, der ihm erfolgreich entgegentreten könnte. Gerade an diesem Punkt setzt die Geschichte ihre letzte überraschende Wendung an. Bei einem weiteren Angriff wird Abimelech versuchen, erneut einen befestigten Turm in Brand zu setzen. Diesmal wird sein Vorhaben jedoch anders enden.
Richter 9,50–55
Eine Frau beendet Abimelechs Gewaltherrschaft
Nach der Vernichtung Sichems setzt Abimelech seinen Feldzug fort. Er zieht gegen Tebez, belagert die Stadt und nimmt sie ein. Weshalb er gerade diesen Ort angreift, erklärt der biblische Bericht nicht. Möglicherweise gehörte Tebez zu den Städten, die sich seiner Herrschaft widersetzten, oder stand in Verbindung mit dem Aufstand Sichems. Dafür fehlen jedoch ausdrückliche Angaben. Sicher ist nur, dass Abimelech seine militärischen Unternehmungen nach dem Untergang seiner früheren Verbündeten nicht beendet. Der Mann, der sich durch Gewalt die Königsherrschaft verschafft hatte, greift erneut zu den Waffen, um eine weitere Stadt unter seine Kontrolle zu bringen.
Tebez lag im Bergland nördlich beziehungsweise nordöstlich von Sichem. Seine genaue Identifizierung ist nicht vollkommen sicher, auch wenn häufig eine Verbindung mit dem heutigen Tubas angenommen wird. Für die Erzählung ist die Lage der Stadt weniger entscheidend als ihre Befestigung. Nachdem Abimelech Tebez eingenommen hat, bleibt innerhalb der Stadt ein starker Turm bestehen. Dorthin fliehen die Bewohner, um sich vor den Angreifern in Sicherheit zu bringen. Der Bericht erwähnt ausdrücklich Männer, Frauen und die übrigen Angehörigen der städtischen Gemeinschaft. Sie verschließen den Eingang und steigen auf das Dach des Turmes.
Damit entsteht eine Situation, die an die vorhergehenden Ereignisse in Sichem erinnert. Auch dort hatten Menschen in einem befestigten Bereich Zuflucht gesucht, nachdem Abimelech ihre Stadt erobert hatte. Die Schutzsuchenden glaubten, hinter starken Mauern vor seinen Soldaten sicher zu sein. Doch Abimelech hatte den Zufluchtsort schließlich mit brennendem Holz angegriffen und etwa tausend Menschen getötet. Nun sieht er sich erneut einer befestigten Anlage gegenüber, in der Menschen Schutz suchen. Für den Leser liegt deshalb die Frage nahe, ob der König auch hier versuchen wird, seinen bisherigen Erfolg durch dieselbe grausame Vorgehensweise zu wiederholen.
Tatsächlich nähert sich Abimelech dem Turm und beginnt ihn anzugreifen. Dann geht er bis an den Eingang heran, um ihn in Brand zu setzen. Damit greift er offenbar auf dieselbe Methode zurück, mit der er zuvor die Menschen in der Burg von Sichem vernichtet hatte. Ein Feuer am verschlossenen Zugang konnte für die Eingeschlossenen lebensgefährlich werden. Selbst wenn die Mauern zunächst Schutz vor Waffen boten, konnten Rauch und Flammen die Menschen innerhalb der Anlage bedrohen. Der Turm sollte eigentlich ihre letzte Zuflucht sein. Abimelech versucht nun, gerade diesen Schutz gegen sie zu wenden.
Doch sein Vorgehen birgt eine Gefahr, die er offenbar unterschätzt. Um den Eingang anzuzünden, muss er sich der befestigten Anlage unmittelbar nähern. Während seine Aufmerksamkeit auf den Angriff gerichtet ist, befinden sich Menschen über ihm auf dem Dach. Sie können von dort aus beobachten, was am Fuß des Turmes geschieht. In der damaligen Kriegführung war die Annäherung an eine befestigte Mauer besonders gefährlich, weil die Verteidiger Gegenstände auf die Angreifer hinabwerfen konnten. Abimelech bringt sich also durch seinen Versuch, den Turm in Brand zu setzen, selbst in eine verwundbare Lage.
In diesem Augenblick handelt eine Frau, deren Namen die Bibel nicht überliefert. Sie wirft ein Stück eines Mühlsteins auf Abimelechs Kopf und zertrümmert ihm den Schädel. Die Handlung wird ohne lange Vorbereitung erzählt. Weder erfahren wir, wer diese Frau ist, noch, weshalb gerade sie den Stein ergreift. Der Bericht nennt keine besondere militärische Ausbildung, keine vorherige Führungsrolle und keinen ausdrücklichen göttlichen Auftrag. Sie gehört zu den Menschen, die in dem Turm Zuflucht gesucht haben, und wird durch ihre Tat zur entscheidenden Person in Abimelechs letzter Auseinandersetzung.
Ein Mühlstein gehörte zu den alltäglichen Gegenständen, mit denen Getreide zu Mehl verarbeitet wurde. Bei einer Handmühle wurde das Korn zwischen zwei Steinen zerrieben. Der obere Stein ließ sich über dem unteren bewegen und konnte trotz seiner vergleichsweise handlichen Größe ein beträchtliches Gewicht besitzen. Der hebräische Ausdruck bezeichnet hier einen Teil eines solchen Mühlsteins, der häufig als oberer Mühlstein verstanden wird. Die Schlachter 1951 spricht von einem Stück eines Mühlsteins. Wie groß oder schwer der geworfene Stein tatsächlich war, wird nicht angegeben. Entscheidend ist seine Wirkung: Der Aufprall verursacht eine schwere Kopfverletzung, an der Abimelech schließlich zugrunde geht.
Die Wahl dieses Gegenstandes ist erzählerisch bemerkenswert. Abimelech hatte sich seine Stellung durch angeheuerte Männer, Waffen und die Unterstützung einflussreicher Bürger verschafft. Er hatte Städte erobert und zahlreiche Menschen töten lassen. Nun wird er nicht im Zweikampf mit einem berühmten Krieger überwunden. Eine namenlos bleibende Frau verwendet einen gewöhnlichen Gegenstand aus dem täglichen Leben und bringt damit den gefürchteten Herrscher zu Fall. Der Bericht schreibt dieser Handlung keine ausdrückliche symbolische Bedeutung zu. Dennoch entsteht ein eindrucksvoller Gegensatz zwischen Abimelechs militärischer Macht und den einfachen Mitteln, durch die sein Angriff aufgehalten wird.
Trotz der schweren Verletzung ist Abimelech zunächst noch am Leben. Er kann seinen Waffenträger zu sich rufen und ihm einen letzten Befehl erteilen. Der junge Mann soll sein Schwert ziehen und ihn töten. Abimelech begründet diesen Wunsch ausdrücklich damit, dass niemand von ihm sagen solle, eine Frau habe ihn getötet. Diese Worte lassen erkennen, was ihn selbst in seiner letzten Lage beschäftigt. Er fürchtet, dass sein Tod durch die Hand einer Frau als besondere Schande angesehen werden könnte.
Um diese Reaktion zu verstehen, müssen wir die damaligen Vorstellungen von Kriegerehre berücksichtigen. In einer Gesellschaft, in der militärische Stärke eng mit männlichem Ansehen verbunden war, konnte es für einen gefürchteten Heerführer als demütigend gelten, von einer Frau überwunden zu werden. Abimelech versucht deshalb, wenigstens die spätere Darstellung seines Todes zu beeinflussen. Wenn sein eigener Waffenträger ihn mit dem Schwert tötet, soll die Erinnerung an die Frau möglichst in den Hintergrund treten. Der Text beschreibt damit Abimelechs Wunsch, nicht aber eine allgemeingültige Bewertung des Mutes oder der Fähigkeiten von Frauen.
Gerade diese letzte Bitte ist aufschlussreich. Abimelech hat die Gewalt, mit der er seine Herrschaft verteidigen wollte, nicht mehr unter Kontrolle. Er kann den Turm nicht erobern, die Frau nicht bestrafen und seine tödliche Verletzung nicht rückgängig machen. Was ihm noch bleibt, ist der Versuch, die Umstände seines Todes so erscheinen zu lassen, dass sein Ruf als mächtiger Krieger möglichst wenig beschädigt wird. Der Mann, der andere Menschen ohne Erbarmen töten ließ, sorgt sich im Angesicht seines eigenen Endes um das Urteil, das spätere Menschen über ihn fällen könnten.
Sein Waffenträger gehorcht und durchbohrt ihn mit dem Schwert. Damit stirbt Abimelech. Der Bericht unterscheidet die beiden Vorgänge genau: Die Frau verursacht die schwere Verletzung, die seinen Untergang herbeiführt, während der Waffenträger ihm auf seinen ausdrücklichen Wunsch den letzten tödlichen Stoß versetzt. Abimelechs Versuch, die Erinnerung an seinen Tod zu verändern, hat jedoch keinen dauerhaften Erfolg.
Das wird an einer späteren Stelle der Bibel besonders deutlich. In 2. Samuel 11,21 wird Abimelechs Tod ausdrücklich als warnendes Beispiel dafür angeführt, wie gefährlich es für einen Angreifer ist, sich einer Stadtmauer zu sehr zu nähern. Dort wird daran erinnert, dass eine Frau einen Mühlstein auf ihn warf und er in Tebez starb. Diese spätere Erwähnung zeigt, dass ausgerechnet das Ereignis, dessen Bekanntwerden Abimelech verhindern wollte, in Israels Erinnerung erhalten blieb. Sein letzter Befehl konnte nicht auslöschen, was tatsächlich geschehen war.
Nachdem die israelitischen Männer, die sich an seinem Feldzug beteiligt hatten, seinen Tod bemerken, endet die Unternehmung. Jeder kehrt an seinen eigenen Ort zurück. Der Erzähler berichtet weder von einem weiteren Angriff auf den Turm noch von einer Fortsetzung des Feldzuges unter einem neuen Anführer. Auch die Einsetzung eines Nachfolgers wird nicht erwähnt. Mit Abimelechs Tod zerfällt offenbar der unmittelbare Zusammenhalt seiner Streitmacht. Die Männer, die zuvor unter seinem Befehl gekämpft hatten, gehen auseinander.
Damit endet eine Herrschaft, die von Anfang an durch Blutvergießen geprägt war. Abimelech hatte seine Brüder ermorden lassen, um allein an die Macht zu gelangen. Später hatte er seine früheren Unterstützer bekämpft, ihre Stadt zerstört und Menschen in einem befestigten Heiligtum verbrennen lassen. Schließlich versuchte er, eine weitere Zuflucht auf dieselbe Weise zu vernichten. Doch dieser letzte Angriff führte zu seinem eigenen Tod. Seine militärischen Erfolge, seine Anhänger und sein Königstitel konnten ihn am Ende nicht schützen.
Besonders bedeutsam ist, dass der Erzähler Abimelechs Tod nicht als bloßen Zufall stehen lässt. In den beiden abschließenden Versen wird er ausdrücklich in den Zusammenhang von Gottes Gericht über die begangenen Verbrechen gestellt. Noch bevor diese Erklärung folgt, hat die Geschichte jedoch bereits sichtbar gemacht, wie vollständig Abimelechs Macht zerbrochen ist. Der Mann, der durch die Vernichtung seiner Brüder eine dauerhafte Herrschaft gewinnen wollte, hinterlässt weder eine gesicherte Königsdynastie noch eine friedliche Gemeinschaft. Sein Weg zur Macht endet dort, wo seine Gewalt einen Menschen trifft, den er offenbar nicht als ernsthafte Gefahr angesehen hatte.
Richter 9,56–57
Gottes Vergeltung: Jothams Warnung erfüllt sich
Mit dem Tod Abimelechs ist die Geschichte seiner Herrschaft beendet. Doch der biblische Erzähler lässt es nicht bei der Schilderung seines gewaltsamen Untergangs bewenden. In den beiden abschließenden Versen erklärt er ausdrücklich, wie die vorausgegangenen Ereignisse zu verstehen sind. Abimelechs Tod und die Zerstörung Sichems erscheinen nicht lediglich als das Ergebnis politischer Streitigkeiten und militärischer Niederlagen. Der Erzähler erkennt darin Gottes Gericht über die Verbrechen, mit denen diese Herrschaft begonnen hatte.
Zunächst richtet sich der Blick auf Abimelech selbst. Gott vergilt ihm das Böse, das er seinem Vater angetan hat, indem er seine siebzig Brüder ermordete. Diese Formulierung führt den Leser unmittelbar zum Anfang des Kapitels zurück. Damals hatte Abimelech seine Verwandtschaft mit den Bewohnern Sichems genutzt, um ihre Unterstützung zu gewinnen. Mit dem Geld aus dem Heiligtum des Baal-Berit hatte er Männer angeworben und anschließend die Söhne Gideons töten lassen. Nur Jotham war entkommen. Was Abimelech als notwendigen Schritt zu seiner eigenen Macht betrachtete, bezeichnet der Erzähler am Ende ausdrücklich als schweres Unrecht.
Bemerkenswert ist, dass die Ermordung der Brüder als eine böse Tat gegenüber ihrem Vater beschrieben wird. Gideon war zu diesem Zeitpunkt bereits gestorben. Dennoch bedeutete die Auslöschung seiner Söhne eine schwere Schädigung seines Hauses und seines familiären Erbes. Der Mann, durch den Gott Israel aus der Unterdrückung der Midianiter befreit hatte, hinterließ eine große Familie. Ausgerechnet einer seiner eigenen Söhne hatte diese Familie nahezu vollständig vernichtet, um allein die Herrschaft an sich zu reißen. Der Erzähler macht damit deutlich, dass Abimelechs Verbrechen nicht nur einzelne Menschen traf, sondern das gesamte Haus seines Vaters.
Dabei wird die Schuld auch nach Jahren nicht bedeutungslos. Drei Jahre lang hatte Abimelech seine Herrschaft behauptet, bevor sein Bündnis mit Sichem zerbrach. Während dieser Zeit konnte er nach außen als erfolgreicher Machthaber erscheinen. Er verfügte über bewaffnete Männer, setzte seinen Willen durch und besiegte diejenigen, die sich ihm entgegenstellten. Doch seine politische Stellung änderte nichts an der moralischen Bedeutung seiner Taten. Was am Anfang durch Mord gewonnen worden war, wurde durch die anschließenden Erfolge nicht gerechtfertigt. Der Erzähler führt den Untergang deshalb ausdrücklich auf die ursprüngliche Blutschuld zurück.
Anschließend wendet sich Vers 57 den Männern von Sichem zu. Auch ihnen vergilt Gott ihre Bosheit. Damit wird die Verantwortung für Abimelechs Aufstieg noch einmal auf beide Seiten verteilt. Abimelech hatte seine Brüder töten lassen. Die führenden Männer Sichems hatten ihm das Geld gegeben, mit dem er seine Helfer anwarb, und ihn nach dem Verbrechen zum König erhoben. Sie waren nicht bloß unbeteiligte Zuschauer gewesen. Ihre Entscheidung hatte seine Machtübernahme ermöglicht. Deshalb richtet sich das abschließende Urteil nicht allein gegen den Täter, der die Gewalt angeordnet hatte, sondern ebenso gegen die Gemeinschaft, deren Verantwortliche sie unterstützt hatten.
Der hebräische Ausdruck, der in der Schlachter 1951 mit der Vergeltung auf ihren Kopf wiedergegeben wird, beschreibt anschaulich, wie die Folgen ihres bösen Handelns auf sie selbst zurückfallen. Die Menschen, die sich durch Abimelech Sicherheit und Einfluss versprochen hatten, wurden schließlich durch seine Gewalt vernichtet. Die Verbindung, von der sie profitieren wollten, brachte ihnen das Gegenteil dessen, was sie erhofft hatten. Der Erzähler sieht darin nicht nur eine allgemeine Erfahrung menschlicher Machtkämpfe, sondern ausdrücklich Gottes gerechtes Eingreifen.
Allerdings müssen wir auch hier genau unterscheiden, was der Text sagt und was wir daraus ableiten dürfen. Richter 9 beschreibt die Verantwortlichkeit der Männer Sichems für ihre früheren Verbrechen und berichtet zugleich von einer großen Zahl getöteter Menschen, darunter auch Frauen. Daraus folgt nicht, dass jeder einzelne Mensch, der während der Kämpfe ums Leben kam, persönlich in gleicher Weise schuldig gewesen sein muss. Der Bericht erklärt das Gericht über die schuldige Gemeinschaft, ohne die persönliche Verantwortung sämtlicher Opfer einzeln zu untersuchen. Ebenso wenig bezeichnet er jede Gewalttat Abimelechs als gut oder gerecht. Gottes Urteil über die Verbrechen der Beteiligten ist ausdrücklich bezeugt; die Grausamkeit ihres gegenseitigen Handelns wird dadurch nicht zu einem Vorbild.
Den Abschluss bildet die Erinnerung an Jotham. Der jüngste Sohn Gideons hatte die Ermordung seiner Brüder überlebt und von der Höhe des Berges Garizim aus eine Warnung ausgesprochen. In seinem Gleichnis hatte er die Herrschaft Abimelechs mit einem Dornbusch verglichen, der den anderen Bäumen Schutz verspricht, ihnen aber schließlich mit Feuer droht. Danach hatte Jotham angekündigt, dass aus der Verbindung zwischen Abimelech und den Männern Sichems gegenseitiges Verderben hervorgehen werde (Richter 9,7–20). Nun bestätigt der Erzähler ausdrücklich, dass Jothams Fluch über die Schuldigen gekommen ist.
Damit wird auch verständlich, weshalb das Feuerbild in zwei Richtungen ausgesprochen wurde. Von Abimelech ging tatsächlich Feuer aus, als er die Menschen in der Zuflucht bei Sichem verbrennen ließ. Sein eigener Untergang geschah dagegen nicht durch ein wörtliches Feuer, das die Männer Sichems gegen ihn entzündet hätten. Die Frau, die ihn in Tebez mit einem Mühlstein tödlich verletzte, gehörte nicht zu den ausdrücklich genannten Männern Sichems. Dennoch war sein Ende die Folge jener Entwicklung, die mit dem Zerbrechen des Bündnisses begonnen hatte. Jothams Warnung erfüllt sich deshalb in ihrer umfassenden Aussage über gegenseitige Vernichtung, ohne dass jedes Bild auf beiden Seiten buchstäblich eintreten muss.
Besonders bemerkenswert ist die Stellung Jothams innerhalb dieser Geschichte. Als er seine Rede hielt, besaß er weder ein Heer noch die Unterstützung einer mächtigen Stadt. Er war der jüngste überlebende Sohn einer nahezu ausgelöschten Familie und musste nach seiner öffentlichen Anklage fliehen. Abimelech dagegen war zum König gemacht worden und schien über alle Mittel zu verfügen, seine Stellung zu sichern. Am Ende bleibt von seiner Herrschaft nichts Dauerhaftes bestehen. Jothams Warnung hingegen behält ihre Bedeutung, weil die Ereignisse das Unrecht offenlegen, das er von Anfang an benannt hatte. Der Erzähler bestätigt ihre Erfüllung, ohne ausdrücklich zu behaupten, Gott habe Jotham jedes Wort zuvor unmittelbar offenbart.
Damit erhält das gesamte Kapitel einen geschlossenen Aufbau. Es beginnt mit einer Entscheidung, bei der familiäre Interessen über Recht und Gerechtigkeit gestellt werden. Daraus erwächst eine Herrschaft, die durch Gewalt gesichert und schließlich durch Gewalt zerstört wird. Zwischen Anfang und Ende steht Jothams Warnung, deren Bedeutung zunächst unbeachtet bleibt. Erst die abschließenden Verse erklären unmissverständlich, dass die früheren Verbrechen im weiteren Verlauf nicht vergessen wurden. Die Schuld, auf der Abimelechs Macht beruhte, wird zum entscheidenden Grund für das Gericht über ihn und seine Unterstützer.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes Unrecht bereits im gegenwärtigen Leben auf eine ebenso sichtbare Weise vergolten werden muss. Richter 9 berichtet von einem bestimmten geschichtlichen Gericht, dessen Bedeutung der biblische Erzähler ausdrücklich erklärt. Daraus lässt sich keine allgemeine Regel ableiten, nach der jeder gewaltsame Tod eine Strafe für persönliche Verbrechen wäre oder jeder ungerechte Machthaber innerhalb weniger Jahre fallen müsste. Die Bibel kennt auch das Leiden unschuldiger Menschen und die Erfahrung, dass Gott sein endgültiges Gericht nicht sofort vollzieht. Gerade deshalb sollten wir die besondere Erklärung dieses Kapitels ernst nehmen, ohne sie unbedacht auf jedes menschliche Schicksal zu übertragen.
Am Ende steht somit nicht die Größe Abimelechs und auch nicht die militärische Überlegenheit seiner Gegner. Entscheidend ist Gottes Urteil über das Geschehene. Der König hatte versucht, seine Zukunft durch die Vernichtung seiner Brüder zu sichern. Seine Unterstützer hatten geglaubt, aus dieser Gewalt Vorteile gewinnen zu können. Doch weder Macht noch gegenseitige Absprachen konnten die Schuld ihrer Entscheidungen aufheben. Richter 9 endet mit der ernsten Gewissheit, dass Gott das verborgene und das öffentlich begangene Unrecht kennt. Auch wenn seine Gerechtigkeit nicht immer sofort sichtbar wird, verliert das Böse vor ihm nicht seine Bedeutung.
Geistliche Kernbotschaft
Richter 9 stellt uns vor eine ernste Frage: Was geschieht, wenn Menschen Macht, Sicherheit und persönliche Vorteile suchen, ohne dabei nach Gottes Willen zu fragen? Die Geschichte Abimelechs zeigt, wie aus einer solchen Entscheidung eine Entwicklung entstehen kann, die schließlich alle Beteiligten ins Verderben führt. Dabei geht es nicht nur um einen gewalttätigen Herrscher. Auch diejenigen, die seine Macht ermöglichten, müssen sich vor Gott für ihr Handeln verantworten.
Abimelech wollte etwas besitzen, das ihm niemand von Gott übertragen hatte. Er strebte nach einer Stellung über andere Menschen und war bereit, dafür seine eigene Familie zu vernichten. Doch sein Königstitel konnte ihm weder einen gerechten Charakter noch eine sichere Zukunft geben. Äußerlich hatte er erreicht, was er wollte. Innerlich blieb seine Herrschaft jedoch auf derselben Grundlage bestehen, durch die sie entstanden war: Gewalt, Eigennutz und der Bereitschaft, andere Menschen für die eigenen Ziele zu opfern.
Darin zeigt sich ein grundlegender Unterschied zwischen menschlichem Machtstreben und einer Führung, die Gott gefällt. In der Bibel wird Autorität nicht allein daran gemessen, wie viele Menschen jemandem gehorchen oder welche Stellung er besitzt. Entscheidend ist vielmehr, wie er mit seiner Verantwortung umgeht. Ein Mensch kann großen Einfluss haben und dennoch anderen zum Schaden werden. Umgekehrt kann jemand ohne öffentliche Macht durch Treue, Gerechtigkeit und mutiges Handeln einen bedeutenden Dienst erfüllen.
Gerade Jotham macht diesen Gegensatz sichtbar. Er besitzt keine Armee und kann die Verbrechen seines Bruders nicht ungeschehen machen. Doch er weigert sich, das Unrecht als gerecht anzuerkennen. Seine Worte erinnern daran, dass Wahrheit nicht dadurch bedeutungslos wird, dass die Verantwortlichen mächtiger sind als diejenigen, die sie aussprechen. Jotham kann Abimelech nicht selbst zur Rechenschaft ziehen. Dennoch behält seine Warnung ihre Bedeutung, während die Herrschaft seines Bruders schließlich zerbricht.
Eine zweite geistliche Wahrheit betrifft Gottes Gerechtigkeit. Abimelechs Verbrechen wird nicht unmittelbar bestraft. Drei Jahre lang kann er seine Stellung behaupten. Gerade dieser Zeitraum macht deutlich, dass äußerer Erfolg kein verlässliches Zeichen göttlicher Zustimmung ist. Ein Mensch kann seine Ziele erreichen und trotzdem auf einem Weg stehen, der Gott missfällt. Erst am Ende der Geschichte erklärt der Erzähler ausdrücklich, dass Gott Abimelech und den Männern Sichems ihre Schuld vergolten hat.
Das Kapitel zeigt zugleich, dass Gottes gerechtes Gericht nicht mit der Grausamkeit menschlicher Handlungen verwechselt werden darf. Abimelech handelt aus seinem eigenen Machtstreben heraus und bleibt für seine Gewalttaten verantwortlich. Dennoch kann Gott die Folgen menschlicher Entscheidungen zum Gericht über diejenigen werden lassen, die sich bewusst für das Unrecht entschieden haben. Seine Gerechtigkeit hebt die Verantwortung des Menschen nicht auf, sondern macht sie sichtbar.
Von hier aus führt eine wichtige Verbindung zu Jesus Christus. Während Abimelech die Herrschaft an sich reißen wollte und das Leben anderer Menschen dafür opferte, beschreibt Jesus seine eigene Sendung in entgegengesetzter Weise. Er erklärt, dass er nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben (Markus 10,45). Diese Worte stehen nicht unmittelbar in Richter 9, zeigen aber im Licht des Neuen Testaments, worin sich eine von Gott geprägte Herrschaft grundsätzlich von selbstsüchtigem Machtstreben unterscheidet.
Jesus verwendet seine Autorität nicht, um durch die Vernichtung anderer seine Stellung zu sichern. Er gibt vielmehr sein eigenes Leben für Menschen hin, die auf Rettung angewiesen sind. Deshalb weist die Geschichte Abimelechs durch ihren Gegensatz auf eine tiefere Wahrheit hin: Nicht jeder, der sich König nennt oder über andere herrscht, bringt ihnen Leben und Frieden. Der wahre Maßstab gerechter Herrschaft wird in Christus sichtbar, dessen Macht sich mit Liebe, Wahrheit und Hingabe verbindet.
So bleibt Richter 9 eine ernste Warnung und zugleich eine Einladung zur Selbstprüfung. Wo Menschen ihre eigenen Interessen über Gottes Gebote stellen, können sie selbst zu Werkzeugen großen Unrechts werden. Wo sie dagegen Christus zum Maßstab nehmen, lernen sie, Verantwortung nicht als Gelegenheit zur Selbstvergrößerung zu betrachten, sondern als Auftrag, anderen in Liebe und Gerechtigkeit zu dienen.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
1. Richter 8,22–23 – Gideons Antwort auf das Angebot der Königsherrschaft
Nach dem Sieg über Midian baten die Israeliten Gideon, über sie zu herrschen und eine Herrschaft seiner Nachkommen zu begründen. Gideon lehnte dies ab und erklärte, dass der HERR über Israel herrschen solle. Diese Aussage bildet einen unmittelbaren Hintergrund zu Richter 9.
Abimelech handelt entgegengesetzt. Er wartet nicht darauf, von Gott eine Aufgabe zu erhalten, sondern verschafft sich die Macht durch politische Einflussnahme und Mord. Der Gegensatz zeigt, wie weit sich ein Sohn von der ausdrücklichen Haltung seines Vaters entfernen kann. Allerdings war auch Gideons späteres Verhalten nicht frei von Fehlentscheidungen, wie das Ephod in Richter 8,27 zeigt. Die Gegenüberstellung bedeutet deshalb nicht, Gideon sei in allem vollkommen gewesen. Sie macht vielmehr deutlich, dass Abimelech gerade die Herrschaft an sich reißt, die sein Vater für sich und seine Nachkommen abgelehnt hatte.
2. 5. Mose 16,18–20 – Gerechtigkeit darf nicht persönlichen Interessen geopfert werden
Gott hatte Israel durch Mose geboten, gerechte Richter einzusetzen und das Recht nicht zu beugen. Persönliche Vorteile und Geschenke durften das Urteil nicht bestimmen. Das Volk sollte der Gerechtigkeit nachjagen, statt sich von Eigennutz leiten zu lassen.
Die Männer Sichems handeln nach einem anderen Maßstab. Sie unterstützen Abimelech, weil sie mit ihm verwandt sind und von seiner Herrschaft offenbar Vorteile erwarten. Sein Charakter und das Unrecht, auf dem seine Macht beruht, treten hinter diesen Interessen zurück.
Diese Verbindung zeigt, dass die Verantwortung für eine gerechte Gemeinschaft nicht allein bei ihren führenden Personen liegt. Auch diejenigen, die Menschen in Machtstellungen unterstützen, sollen ihre Entscheidungen an Gottes Maßstäben prüfen. Verwandtschaft, persönlicher Gewinn oder gemeinsame Interessen dürfen die Frage nach Recht und Unrecht nicht verdrängen.
3. Psalm 7,15–17 – Das eigene Unrecht kann auf den Täter zurückfallen
In Psalm 7 beschreibt David einen Menschen, der Unheil plant und anderen eine Grube gräbt, schließlich aber selbst hineinfällt. Das Bild zeigt, dass böse Absichten Folgen haben können, die den Urheber des Unrechts treffen.
In Richter 9 wird dieser Gedanke an einem konkreten geschichtlichen Geschehen sichtbar. Abimelech baut seine Macht durch Gewalt auf und wird am Ende selbst von Gewalt getroffen. Die Männer Sichems ermöglichen seine Herrschaft und werden später durch ihn vernichtet.
Der Psalm und die Erzählung verwenden unterschiedliche Bilder, weisen aber auf denselben Grundgedanken hin: Unrecht kann eine zerstörerische Entwicklung auslösen, die sich gegen diejenigen richtet, die es verursacht haben. Daraus folgt jedoch nicht, dass jedes Leid eines Menschen als unmittelbare Vergeltung für eine bestimmte persönliche Schuld erklärt werden dürfte.
4. Galater 6,7–8 – Gott lässt sich nicht spotten
Paulus schreibt, dass ein Mensch ernten wird, was er sät. Im Zusammenhang des Galaterbriefes geht es darum, ob jemand nach den Begierden des Fleisches lebt oder sich durch den Geist Gottes leiten lässt.
Richter 9 zeigt bereits im Alten Testament, wie schwerwiegend menschliche Entscheidungen sein können. Abimelech sät Gewalt, und seine Herrschaft wird von immer größerer Gewalt geprägt. Die Männer Sichems unterstützen ein Verbrechen, das ihnen schließlich selbst zum Verhängnis wird.
Dabei sollten die beiden Texte nicht gleichgesetzt werden, als würden sie genau dieselbe Situation behandeln. Paulus spricht grundsätzlich vom Leben des Menschen vor Gott, während Richter 9 ein bestimmtes historisches Gericht schildert. Gemeinsam machen sie jedoch deutlich, dass menschliches Handeln vor Gott nicht bedeutungslos ist. Entscheidungen haben ein Gewicht, das über ihren unmittelbaren Erfolg hinausreicht.
5. 1. Samuel 8,4–9 – Ein König garantiert noch keine gerechte Herrschaft
Viele Jahre nach Abimelechs Tod wünschen sich die Ältesten Israels einen König, wie ihn die anderen Völker besitzen. Gott erklärt Samuel, dass sich hinter diesem Wunsch eine tiefere geistliche Frage verbirgt: Israel will nicht mehr in derselben Weise unter seiner Herrschaft leben.
Richter 9 ist nicht mit der späteren Einsetzung Sauls gleichzusetzen. Abimelech wurde von den Männern Sichems erhoben, während die Ereignisse in 1. Samuel 8 einen anderen geschichtlichen Zusammenhang besitzen. Dennoch zeigen beide Berichte, dass die Frage nach einem menschlichen König nicht unabhängig von der Beziehung des Volkes zu Gott betrachtet werden kann.
Eine neue politische Ordnung schafft nicht automatisch Gerechtigkeit. Selbst ein mächtiger Herrscher kann zum Unglück seines Volkes werden, wenn seine Herrschaft nicht an Gottes Willen ausgerichtet ist.
6. Markus 10,42–45 – Jesus verändert das Verständnis von Größe
Jesus erklärt seinen Jüngern, dass die Herrscher der Völker ihre Macht häufig dazu benutzen, andere zu beherrschen. Unter seinen Nachfolgern soll es anders sein. Wer groß sein möchte, soll dienen.
Diese Worte bilden einen besonders deutlichen Gegensatz zu Abimelechs Verhalten. Abimelech will über anderen stehen, ohne zuvor durch treuen Dienst ihre Achtung gewonnen zu haben. Er beseitigt Menschen, die seinem Anspruch im Weg stehen. Jesus dagegen verbindet wahre Größe mit dem Dienst am Nächsten und der Bereitschaft, das eigene Leben hinzugeben.
Damit wird auch Jothams Gleichnis verständlicher. Die fruchtbaren Bäume besitzen einen Wert, weil sie Gutes hervorbringen. Der Dornbusch dagegen fordert Unterordnung, ohne einen vergleichbaren Nutzen bieten zu können. Jesus führt diesen Gedanken auf eine tiefere Ebene: Wer ihm nachfolgt, soll seine Stellung nicht zur Selbsterhöhung benutzen, sondern zum Wohl anderer einsetzen.
7. 2. Samuel 11,21 – Abimelechs Ende bleibt in Erinnerung
Als David später den Tod Uriahs und weiterer Soldaten erklären lässt, wird ausdrücklich auf Abimelechs Ende in Tebez verwiesen. Eine Frau hatte einen Mühlstein auf ihn geworfen, als er sich einem Turm näherte.
Diese Erwähnung ist besonders aufschlussreich, weil Abimelech kurz vor seinem Tod verhindern wollte, dass man von ihm sagte, er sei durch eine Frau umgekommen. Genau dieser Umstand blieb jedoch in der Erinnerung Israels erhalten.
Die spätere Bibelstelle bestätigt zugleich, dass Abimelechs Ende als bekanntes Beispiel für die Gefahren eines unbedachten Angriffs auf eine Befestigung galt. Was der König aus Sorge um sein Ansehen verbergen wollte, wurde Teil der überlieferten Geschichte.
Wichtige Lektionen
1. Nicht jede erfolgreiche Entscheidung ist auch eine gerechte Entscheidung
Abimelech erreicht sein unmittelbares Ziel: Er wird zum König gemacht. Doch der Erfolg seines Vorhabens ändert nichts an den Verbrechen, durch die er seine Stellung gewonnen hat.
Auch heute können Menschen ihre Ziele erreichen, Anerkennung finden und großen Einfluss gewinnen, ohne dabei gerecht zu handeln. Deshalb sollten wir Erfolg niemals zum alleinigen Maßstab machen. Die entscheidende Frage lautet nicht nur, ob ein Vorhaben gelingt, sondern auch, auf welchem Weg es verwirklicht wird und welche Folgen es für andere Menschen hat.
2. Persönliche Verbundenheit ersetzt keine sorgfältige Prüfung
Die Männer Sichems unterstützen Abimelech, weil er aus ihrer eigenen Verwandtschaft stammt. Sie lassen sich von seiner Zugehörigkeit überzeugen, ohne dass der Bericht eine ernsthafte Prüfung seines Charakters erkennen lässt.
Diese Gefahr besteht überall dort, wo Menschen anderen Verantwortung übertragen. Freundschaft, familiäre Nähe oder gemeinsame Interessen können Vertrauen begründen. Sie reichen jedoch nicht aus, um jemandem eine Machtstellung anzuvertrauen. Gerechtigkeit, Verantwortungsbewusstsein und der Umgang mit anderen Menschen müssen ebenfalls berücksichtigt werden.
3. Wer Unrecht ermöglicht, kann sich nicht einfach von dessen Folgen distanzieren
Abimelech führt die Ermordung seiner Brüder herbei. Doch die führenden Männer Sichems unterstützen ihn finanziell und machen ihn anschließend zum König. Der Erzähler benennt am Ende ausdrücklich die Schuld beider Seiten.
Darin liegt eine ernste Verantwortung für alle, die Entscheidungen unterstützen oder durch ihr Handeln ermöglichen. Nicht nur der unmittelbare Täter muss prüfen, ob sein Verhalten recht ist. Auch Menschen, die Mittel bereitstellen, Unrecht bewusst fördern oder von den Ergebnissen profitieren wollen, tragen Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen.
4. Wahre Größe zeigt sich darin, was ein Mensch für andere hervorbringt
Jothams Gleichnis lenkt den Blick weg vom bloßen Wunsch nach Ansehen. Ölbaum, Feigenbaum und Weinstock besitzen ihren Wert durch die Früchte, die sie hervorbringen. Der Dornbusch dagegen erhebt einen großen Anspruch, ohne einen entsprechenden Dienst anbieten zu können.
Das lädt zur persönlichen Prüfung ein. Wollen wir vor allem wahrgenommen werden, Recht behalten oder über andere bestimmen? Oder sind wir bereit, unsere Fähigkeiten so einzusetzen, dass Menschen durch uns Hilfe, Ermutigung und Unterstützung erfahren? Vor Gott besitzt ein stiller, treuer Dienst einen Wert, der nicht von öffentlicher Anerkennung abhängt.
5. Eine Gemeinschaft braucht mehr als gemeinsame Interessen
Abimelech und die Männer Sichems finden zunächst zusammen, weil beide Seiten Vorteile erwarten. Doch als diese Interessen auseinandergehen, wird aus ihrem Bündnis eine erbitterte Feindschaft.
Gemeinschaft kann auf Dauer nicht allein durch gegenseitigen Nutzen erhalten werden. Sie braucht Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, gerecht miteinander umzugehen. Wo Menschen nur so lange zusammenhalten, wie sie voneinander profitieren, kann das Vertrauen schnell zerbrechen.
6. Mut zur Wahrheit bedeutet nicht, jede Gefahr leichtfertig auf sich zu nehmen
Jotham spricht das begangene Unrecht öffentlich an, obwohl sein Bruder bereits zahlreiche Familienangehörige töten ließ. Anschließend flieht er, um sein Leben zu schützen.
Beides gehört zu seinem Handeln. Er schweigt nicht aus Angst, bleibt aber auch nicht unnötig in einer Situation, in der sein Leben bedroht ist. Daraus lässt sich eine wichtige Unterscheidung lernen: Mut bedeutet nicht, jede Gefahr zu suchen. Manchmal besteht treues Handeln darin, die Wahrheit klar auszusprechen und anschließend verantwortungsbewusst für die eigene Sicherheit zu sorgen.
7. Gottes Geduld darf nicht mit seiner Zustimmung verwechselt werden
Drei Jahre vergehen, bevor das Gericht über Abimelech sichtbar einsetzt. Während dieser Zeit besteht seine Herrschaft fort. Doch der abschließende Bericht zeigt, dass seine früheren Verbrechen vor Gott nicht in Vergessenheit geraten sind.
Wenn Unrecht zunächst ohne sichtbare Folgen bleibt, kann das den Eindruck erwecken, es werde niemals zur Rechenschaft gezogen. Richter 9 widerspricht dieser Vorstellung. Zugleich dürfen wir daraus keinen festen Zeitplan für Gottes Handeln ableiten. Die Bibel ruft dazu auf, auf seine Gerechtigkeit zu vertrauen, ohne selbst über das verborgene Urteil Gottes gegenüber anderen Menschen verfügen zu wollen.
8. Macht schützt nicht vor den Folgen eigener Entscheidungen
Abimelech verfügt über Soldaten, erobert Städte und scheint seine Gegner nacheinander besiegen zu können. Doch am Ende genügt der Stein einer unbekannten Frau, um seine Herrschaft zu beenden.
Diese Wendung erinnert daran, dass menschliche Stärke Grenzen besitzt. Niemand kann durch Einfluss, Besitz oder militärische Macht seine Zukunft vollständig sichern. Deshalb ist es gefährlich, das eigene Leben auf eine Stellung zu gründen, die jederzeit verloren gehen kann. Dauerhaften Halt bietet nicht die Fähigkeit, andere zu beherrschen, sondern das Vertrauen auf Gott und ein Leben nach seinem Willen.
9. Christus zeigt den Weg, den menschliches Machtstreben nicht gehen will
Die Geschichte Abimelechs führt uns vor Augen, wie viel Leid entstehen kann, wenn ein Mensch andere seinem eigenen Aufstieg opfert. Im Neuen Testament begegnet uns in Jesus Christus ein grundsätzlich anderer Weg. Er besitzt göttliche Autorität und erniedrigt sich dennoch, um Menschen zu retten (Philipper 2,5–8).
Für seine Nachfolger ergibt sich daraus ein klarer Maßstab. Verantwortung soll nicht dazu dienen, sich auf Kosten anderer groß zu machen. Sie ist eine Gelegenheit, mit den eigenen Möglichkeiten Gutes zu tun. Wo Christus zum Vorbild wird, verlieren Machtgier, verletzter Stolz und der Wunsch nach Überlegenheit ihren Anspruch, unser Handeln zu bestimmen.
Richter 9 endet deshalb nicht nur als Bericht über den Untergang eines gewalttätigen Königs. Das Kapitel fordert uns auf, unsere Entscheidungen, unsere Beziehungen und unseren Umgang mit Verantwortung vor Gott zu prüfen. Es erinnert daran, dass Unrecht auch dann Unrecht bleibt, wenn es zunächst Erfolg hat. Und es weist uns auf den wahren König hin, der seine Herrschaft nicht durch die Vernichtung anderer begründet, sondern sein eigenes Leben hingibt, um Menschen zu retten.