Richter 10

Nach Abimelech machte sich auf, zu helfen Israel, Thola, ein Mann von Isaschar, ein Sohn Phuas, des Sohnes Dodos. Und er wohnte zu Samir auf dem Gebirge Ephraim

18 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Nach Abimelech machte sich auf, zu helfen Israel, Thola, ein Mann von Isaschar, ein Sohn Phuas, des Sohnes Dodos. Und er wohnte zu Samir auf dem Gebirge Ephraim
  2. 2 und richtete Israel dreiundzwanzig Jahre und starb und wurde begraben zu Samir.
  3. 3 Nach ihm machte sich auf Jair, ein Gileaditer, und richtete Israel zweiundzwanzig Jahre.
  4. 4 Der hatte dreißig Söhne auf dreißig Eselsfüllen reiten; und sie hatten dreißig Städte, die hießen Dörfer Jairs bis auf diesen Tag und liegen in Gilead.
  5. 5 Und Jair starb und ward begraben zu Kamon.
  6. 6 Aber die Kinder Israel taten fürder übel vor dem HERRN und dienten den Baalim und den Astharoth und den Göttern von Syrien und den Göttern von Sidon und den Göttern Moabs und den Göttern der Kinder Ammon und den Göttern der Philister und verließen den HERRN und dienten ihm nicht.
  7. 7 Da ergrimmte der Zorn des HERRN über Israel, und er verkaufte sie unter die Hand der Philister und der Kinder Ammon.
  8. 8 Und sie zertraten und zerschlugen die Kinder Israel von dem Jahr an wohl achtzehn Jahre, nämlich alle Kinder Israel jenseit des Jordans, im Lande der Amoriter, das in Gilead liegt.
  9. 9 Dazu zogen die Kinder Ammon über den Jordan und stritten wider Juda, Benjamin und das Haus Ephraim, also daß Israel sehr geängstet ward.
  10. 10 Da schrieen die Kinder Israel zu dem HERRN und sprachen: Wir haben an dir gesündigt; denn wir haben unsern Gott verlassen und den Baalim gedient.
  11. 11 Aber der HERR sprach zu den Kindern Israel: Haben euch nicht auch gezwungen die Ägypter, die Amoriter, die Kinder Ammon, die Philister,
  12. 12 die Sidonier, die Amalekiter und Maoniter, und ich half euch aus ihren Händen, da ihr zu mir schrieet?
  13. 13 Und doch habt ihr mich verlassen und andern Göttern gedient; darum will ich euch nicht mehr helfen.
  14. 14 Geht hin und schreit die Götter an, die ihr erwählt habt; laßt euch dieselben helfen zur Zeit eurer Trübsal.
  15. 15 Aber die Kinder Israel sprachen zu dem HERRN: Wir haben gesündigt, mache es nur du mit uns, wie es dir gefällt; allein errette uns zu dieser Zeit.
  16. 16 Und sie taten von sich die fremden Götter und dienten dem HERRN. Und es jammerte ihn, daß Israel so geplagt ward.
  17. 17 Und die Kinder Ammon kamen zuhauf und lagerten sich in Gilead; aber die Kinder Israel versammelten sich und lagerten sich zu Mizpa.
  18. 18 Und die Obersten des Volks zu Gilead sprachen untereinander: Welcher anfängt zu streiten wider die Kinder Ammon, der soll das Haupt sein über alle, die in Gilead wohnen.

Kapitelüberblick

Nach Abimelechs Tod übernehmen zunächst zwei weitere Richter die Führung Israels. Tola hilft dem Volk und richtet es 23 Jahre lang. Auf ihn folgt Jair, der 22 Jahre richtet und dessen dreißig Söhne über zahlreiche Ortschaften verfügen.

Doch Israel wendet sich erneut von Gott ab und verehrt die Gottheiten verschiedener Nachbarvölker. Daraufhin gerät das Volk unter die Herrschaft der Philister und Ammoniter. Besonders die Israeliten östlich des Jordans leiden unter einer langen und schweren Unterdrückung.

In ihrer Not rufen die Israeliten zum HERRN und bekennen ihre Schuld. Gott erinnert sie an frühere Rettungen und hält ihnen ihre wiederholte Untreue vor. Erst als sie die fremden Götter aus ihrer Mitte entfernen und ihm wieder dienen, berichtet der Text von seinem Erbarmen mit ihrem Elend.

Schließlich versammeln sich die Ammoniter und Israeliten zum bevorstehenden Kampf. Doch auf israelitischer Seite fehlt noch ein Anführer. Die Männer Gileads suchen jemanden, der die Führung übernimmt.

Einführung

Mit Abimelechs Tod ist eine besonders dunkle Episode der Richterzeit zu Ende gegangen. Der Sohn Gideons hatte versucht, sich durch die Ermordung seiner Brüder eine Königsherrschaft zu sichern. Dabei hatte er sich auf die Unterstützung der Männer Sichems verlassen, deren Bündnis mit ihm schließlich in gegenseitiger Vernichtung endete. Der Erzähler erklärte diesen Ausgang ausdrücklich als Gottes Gericht über die begangenen Verbrechen.

Diese Ereignisse bilden den Hintergrund für den Beginn von Richter 10. Im vorhergehenden Kapitel stand ein Mann im Mittelpunkt, der seine Herrschaft aus eigenem Antrieb an sich gerissen hatte. Nun begegnen uns zunächst Richter, deren Tätigkeit der biblische Bericht wesentlich knapper beschreibt. Das Richterbuch erzählt nicht von jedem Führer eine ausführliche Geschichte. Manche werden nur mit wenigen Angaben zu ihrer Herkunft, ihrer Amtszeit und ihrem Tod erwähnt. Auch solche kurzen Berichte gehören jedoch zur Geschichte Israels und zeigen, dass die Führung des Volkes nicht allein von den großen, ausführlich überlieferten Befreiungstaten geprägt war.

Dabei ist zu beachten, dass Israel in dieser Zeit noch kein einheitlich verwaltetes Königreich besaß. Die Stämme lebten in unterschiedlichen Gebieten, und ihre politischen und militärischen Erfahrungen waren nicht immer dieselben. Ein Richter konnte für Israel von Bedeutung sein, ohne dass wir daraus schließen dürften, er habe sämtliche Stämme in jeder Angelegenheit gleichzeitig regiert.

Auch geografisch ist diese Unterscheidung wichtig. Das Land der Israeliten erstreckte sich auf beide Seiten des Jordans. Östlich des Flusses lagen unter anderem die Gebiete der Stämme Ruben und Gad sowie eines Teils von Manasse. Dort befand sich auch die Landschaft Gilead, die bereits in den Berichten über die Landverteilung eine wichtige Rolle gespielt hatte (4. Mose 32; Josua 13).

Richter 10 verbindet damit verschiedene Abschnitte der israelitischen Geschichte. Die ersten Verse schließen an die Zeit nach Abimelech an, während der spätere Teil den geschichtlichen Hintergrund für die ausführliche Erzählung über Jeftah vorbereitet. Wer diesen Zusammenhang berücksichtigt, versteht besser, weshalb der Erzähler zunächst nur wenige Angaben über einzelne Richter macht und anschließend seinen Blick auf eine neue Bedrohung richtet.

Die ersten Worte führen uns jedoch noch nicht auf ein Schlachtfeld. Sie stellen einen Mann vor, über dessen Leben wir erstaunlich wenig erfahren und dessen Aufgabe dennoch mit einer bedeutsamen Aussage beschrieben wird: Er stand auf, um Israel zu helfen.

Richter 10,1–2

Tola: Ein Helfer Israels nach Abimelechs Gewaltherrschaft

Tola wird mit wenigen Worten vorgestellt, und doch enthält der erste Vers eine bemerkenswerte Aussage über seine Aufgabe. Der Erzähler berichtet, dass er nach Abimelech aufstand, um Israel zu retten. Damit erhält dieser Mann eine ganz andere Bedeutung als sein Vorgänger. Abimelech hatte seine Stellung durch die Ermordung seiner Brüder gewonnen und seine Herrschaft schließlich gegen die eigenen Unterstützer gewaltsam verteidigt. Tola dagegen wird von Anfang an als jemand beschrieben, dessen Tätigkeit Israel zugutekommt. Nicht sein Streben nach Macht steht im Vordergrund, sondern die Hilfe, die das Volk durch ihn erfährt.

Was diese Rettung im Einzelnen bedeutete, erklärt der biblische Bericht allerdings nicht. Es wird weder ein feindliches Heer genannt noch eine Schlacht geschildert. Auch erfahren wir nicht, ob Israel damals unter einer neuen ausländischen Besatzung litt. Deshalb wäre es nicht richtig, Tola einen bestimmten militärischen Sieg zuzuschreiben. Das hebräische Wort, das hier mit „retten“ wiedergegeben wird, begegnet im Richterbuch häufig im Zusammenhang mit der Befreiung Israels aus einer Notlage. Doch eine solche Rettung muss nicht in jedem Fall durch eine große militärische Auseinandersetzung geschehen. Sie kann auch die Bewahrung einer Gemeinschaft vor Gefahren umfassen, die ihre Sicherheit und ihren Zusammenhalt bedrohen.

Gerade der unmittelbare Zusammenhang legt eine solche Überlegung nahe. Nach Abimelechs Tod hatte Israel eine Zeit schwerer innerer Gewalt hinter sich. Der Machtkampf um Sichem hatte nicht nur zahlreiche Menschenleben gekostet, sondern auch gezeigt, wie zerstörerisch persönliche Interessen und politische Feindschaften werden konnten. Möglicherweise bestand Tolas Aufgabe darin, nach diesen Ereignissen wieder für geordnete Verhältnisse zu sorgen und weitere Unruhen zu verhindern. Das wäre eine verständliche Form der Rettung. Der Bibeltext sagt es jedoch nicht ausdrücklich. Wir können diese Möglichkeit als Erklärung erwägen, dürfen sie aber nicht zur sicher überlieferten Lebensleistung Tolas machen.

Damit zeigt sich eine Besonderheit der kurzen Richterberichte. Während bei Gideon ausführlich erzählt wurde, wie Gott ihn berief, welche Zweifel ihn beschäftigten und wie Israel durch ihn von den Midianitern befreit wurde, erfahren wir bei Tola nahezu nichts über die Umstände seines Wirkens. Trotzdem verwendet der Erzähler für seine Aufgabe eine Formulierung, die an die früheren Rettungstaten erinnert. Bereits Richter 2,16 hatte zusammenfassend erklärt, dass der HERR Richter erweckte, um Israel aus der Gewalt seiner Bedränger zu retten. Tolas Tätigkeit steht innerhalb dieses größeren Zusammenhangs. Wie Gott ihn persönlich führte und welche einzelnen Entscheidungen er traf, bleibt jedoch unerwähnt.

Anschließend nennt der Text Tolas Herkunft. Er ist ein Sohn Puas und ein Nachkomme Dodos und gehört zum Stamm Issaschar. Die Angabe seiner Familie dient zunächst dazu, ihn als bestimmte Person innerhalb Israels einzuordnen. Interessant ist dabei, dass die Namen Tola und Pua bereits in den älteren Stammeslisten vorkommen. Nach 1. Mose 46,13 gehörten Tola und Pua zu den Söhnen Issaschars. Auch 1. Chronik 7,1 nennt diese Namen unter den Nachkommen des Stammes. Das bedeutet nicht, dass der Richter mit dem viel früher lebenden Tola identisch gewesen wäre. Vielmehr konnten Namen innerhalb eines Stammes über Generationen weitergegeben werden. Die Übereinstimmung verbindet den Richter mit der überlieferten Geschichte seiner Stammesgemeinschaft.

Der Name Dodo besitzt ebenfalls eine eigene sprachliche Geschichte. Im Hebräischen kann die zugrunde liegende Wortform mit Verwandtschaft und Zuneigung verbunden sein. Einige ältere Übersetzungen verstehen die betreffende Angabe deshalb nicht als Eigennamen, sondern als Hinweis auf einen Verwandten. Im Zusammenhang der hebräischen Namensfolge liegt es jedoch nahe, Dodo als den Namen eines Vorfahren zu verstehen. Für die Bedeutung der Erzählung ist diese Frage nicht entscheidend. Wichtig bleibt, dass Tola nicht als unbekannter Herrscher ohne Herkunft vorgestellt wird. Er gehört zu einer bestimmten Familie innerhalb des Volkes, für dessen Wohl er Verantwortung übernimmt.

Obwohl Tola aus Issaschar stammt, wohnt er in Schamir im Gebirge Ephraim. Der Stamm Issaschar war vor allem im nördlichen Teil des Landes angesiedelt, während das Gebirge Ephraim weiter südlich lag. Seine Herkunft und sein Wohnort müssen deshalb nicht im selben Stammesgebiet gelegen haben. Der Text erklärt nicht, ob Tola selbst dorthin gezogen war oder ob seine Familie bereits seit längerer Zeit in dieser Gegend lebte. Ebenso wenig sagt er, dass Schamir ausdrücklich wegen seiner zentralen Lage zum Verwaltungssitz gewählt wurde. Solche Überlegungen sind möglich, gehen aber über die berichteten Tatsachen hinaus.

Die genaue Lage von Schamir ist heute nicht sicher bekannt. In Josua 15,48 wird ebenfalls ein Ort namens Schamir erwähnt, dieser befindet sich jedoch im Bergland Judas. Da Richter 10 ausdrücklich das Gebirge Ephraim nennt, dürfen beide Orte nicht ohne Weiteres gleichgesetzt werden. Für das Verständnis ist vor allem bedeutsam, dass Tola außerhalb des ausdrücklich genannten Stammesgebietes seiner Herkunft lebt. Die Erzählung zeigt damit, dass die Tätigkeit eines Richters nicht zwangsläufig auf das Gebiet seines eigenen Stammes beschränkt gewesen sein muss. Welche israelitischen Stämme Tolas Führung tatsächlich anerkannten, lässt sich aus diesen beiden Versen allerdings nicht vollständig erschließen.

Vers 2 nennt schließlich die Dauer seiner Tätigkeit: Tola richtet Israel dreiundzwanzig Jahre lang. Das ist eine beträchtliche Zeitspanne, besonders wenn man bedenkt, wie wenig der Erzähler über die einzelnen Ereignisse dieser Jahre mitteilt. Der Begriff „richten“ darf dabei nicht auf die Tätigkeit eines heutigen Richters im Gerichtssaal eingeengt werden. Im Richterbuch kann er die Leitung einer Gemeinschaft, die Wahrnehmung öffentlicher Verantwortung und gegebenenfalls auch die militärische Führung umfassen. Welche dieser Aufgaben bei Tola im Vordergrund stand, erfahren wir nicht. Die dreiundzwanzig Jahre bezeugen jedoch, dass sein Wirken nicht nur eine kurze vorübergehende Hilfe gewesen sein kann.

Gerade die knappe Darstellung eröffnet einen wichtigen Blick auf die Geschichtsschreibung der Bibel. Nicht jeder Mensch, der für Gottes Volk von Bedeutung war, erhält eine ausführliche Lebensgeschichte. Manche Personen werden mit großen Siegen, außergewöhnlichen Ereignissen oder schweren persönlichen Entscheidungen verbunden. Andere erscheinen nur für wenige Verse. Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, dass ihr Dienst weniger wertvoll gewesen sei. Der Bericht nennt Tola ausdrücklich als einen Mann, der Israel half, obwohl die einzelnen Taten seines Lebens nicht überliefert wurden. Sein Beitrag wird festgehalten, ohne dass er durch dramatische Einzelheiten hervorgehoben werden müsste.

Nach dreiundzwanzig Jahren stirbt Tola und wird in Schamir begraben. Diese schlichte Mitteilung beendet seine Geschichte. Der Erzähler erwähnt weder eine besondere Todesursache noch einen Streit um seine Nachfolge. Auch von einer Weitergabe seiner Stellung an seine Kinder ist nicht die Rede. Tola wird durch seine Herkunft, seine Aufgabe, seinen Wohnort und die Dauer seines Wirkens beschrieben. Damit unterscheidet sich sein Bericht auffällig von der Geschichte Abimelechs, deren Ende durch Gewalt, Angst und den Zusammenbruch einer selbst errichteten Herrschaft geprägt war.

Die geistliche Bedeutung dieser wenigen Verse liegt deshalb nicht in einer verborgenen symbolischen Erklärung seines Namens oder in einer Rekonstruktion nicht überlieferter Taten. Sie zeigt sich vielmehr darin, dass ein Mensch Israel über einen längeren Zeitraum helfen konnte, ohne dass seine persönliche Größe zum Mittelpunkt der Erzählung wurde. Sein Leben erinnert daran, dass Verantwortung auch dort wertvoll sein kann, wo sie nicht mit außergewöhnlichem Ruhm verbunden ist. Entscheidend ist nicht, wie ausführlich spätere Generationen von einem Menschen berichten, sondern ob sein Handeln anderen tatsächlich zugutekam.

Mit Tolas Tod endet diese kurze, aber bedeutsame Episode. Anschließend richtet sich der Blick auf Jair, einen weiteren Richter, dessen Familie und gesellschaftliche Stellung ausführlicher beschrieben werden. Während bei Tola besonders seine rettende Aufgabe hervorgehoben wird, gewähren die folgenden Verse einen Einblick in den Wohlstand und Einfluss eines israelitischen Richterhauses.

Richter 10,3–5

Jair: Dreißig Söhne, dreißig Städte und eine einflussreiche Familie

Nach Tolas Tod übernimmt Jair die Führung Israels. Der biblische Bericht bezeichnet ihn als Gileaditer und nennt eine Amtszeit von zweiundzwanzig Jahren. Anders als sein Vorgänger stammt Jair aus einer Landschaft östlich des Jordans. Gilead gehörte zu den Gebieten, die Israel bereits unter Mose in Besitz genommen hatte und die später unter den ostjordanischen Stämmen aufgeteilt wurden. Besonders die Stämme Gad und Manasse waren mit dieser Gegend verbunden. Damit verlagert sich der geografische Schwerpunkt der Erzählung in eine Region, die auch in den folgenden Kapiteln eine wichtige Rolle spielen wird.

Über Jairs persönliche Taten erfahren wir zunächst erstaunlich wenig. Der Text berichtet nicht von einer besonderen Berufung, einer militärischen Befreiung oder einer außergewöhnlichen Entscheidung. Er stellt lediglich fest, dass Jair auf Tola folgte und Israel zweiundzwanzig Jahre lang richtete. Wie bereits bei Tola bezeichnet das Richten eine umfassendere Führungsaufgabe, die nicht auf einzelne Gerichtsentscheidungen beschränkt werden darf. Welche Angelegenheiten Jair regelte und wie weit seine persönliche Autorität reichte, bleibt jedoch offen. Aus der langen Dauer seines Wirkens lässt sich erkennen, dass er über einen beträchtlichen Zeitraum Verantwortung trug. Ob diese Jahre durchgehend friedlich waren, wird nicht ausdrücklich gesagt.

Die folgenden Angaben unterscheiden Jair deutlich von seinem Vorgänger. Während bei Tola vor allem seine Herkunft und seine Aufgabe hervorgehoben wurden, berichtet der Erzähler bei Jair ausführlicher über seine Familie. Er hatte dreißig Söhne, die auf dreißig jungen Eseln ritten und mit dreißig Ortschaften im Land Gilead verbunden waren. Diese Einzelheiten mögen heutigen Lesern zunächst ungewöhnlich erscheinen. Weshalb erwähnt die Bibel die Reittiere seiner Söhne und die Zahl ihrer Städte, obwohl sie über die eigentlichen Entscheidungen ihres Vaters schweigt?

Um diese Angaben zu verstehen, müssen wir berücksichtigen, welchen Stellenwert Reittiere im damaligen Israel besaßen. Ein Esel war nicht einfach ein Zeichen geringer gesellschaftlicher Stellung. Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen ihre Wege zu Fuß zurücklegten, konnte der Besitz eines geeigneten Reittieres Wohlstand und Ansehen ausdrücken. Ein solcher Esel musste aufgezogen, versorgt und unterhalten werden. Wer über eigene Reittiere verfügte, besaß deshalb Möglichkeiten, die nicht jeder Familie zur Verfügung standen. Dass alle dreißig Söhne Jairs auf eigenen Eselsfüllen ritten, lässt eine wohlhabende und einflussreiche Familie erkennen.

Eine interessante Verbindung findet sich im Lied Deboras. In Richter 5,10 werden Menschen angesprochen, die auf hellen Eselinnen reiten und auf kostbaren Decken sitzen. Die Reittiere stehen dort im Zusammenhang mit einer gesellschaftlichen Stellung, die sich von der gewöhnlicher Fußgänger unterscheidet. Später berichtet Richter 12,14 auch von Abdon, dessen zahlreiche Söhne und Enkel auf siebzig jungen Eseln ritten. Dadurch wird erkennbar, dass solche Angaben im Richterbuch nicht zufällig erscheinen. Sie können dazu dienen, den Wohlstand, den Rang und die Bedeutung einer führenden Familie zu kennzeichnen.

Die Erwähnung der dreißig Söhne weist zugleich auf die Größe von Jairs Haushalt hin. Eine Familie mit so vielen männlichen Nachkommen konnte in der damaligen Gesellschaft erheblichen Einfluss besitzen. Verwandtschaftliche Beziehungen waren für die Bewirtschaftung von Land, den Schutz gemeinsamer Interessen und die Organisation örtlicher Gemeinschaften von großer Bedeutung. Die Söhne konnten unterschiedliche Aufgaben übernehmen und an verschiedenen Orten Verantwortung tragen. Der Text berichtet jedoch nicht, dass Jair sie ausdrücklich zu Richtern oder erblichen Amtsnachfolgern eingesetzt hätte. Wir sollten deshalb zwischen dem erkennbaren Einfluss seiner Familie und einer nicht belegten politischen Herrschaftsordnung unterscheiden.

Besonders bemerkenswert ist die Verbindung seiner Söhne mit dreißig Städten in Gilead. Die Schlachter 1951 spricht davon, dass sie diese Städte hatten. Der Zusammenhang legt nahe, dass die Ortschaften ihrem Besitz oder ihrer Verantwortung zugeordnet waren. Wie genau diese Verfügung aussah, bleibt allerdings unerklärt. Es wird nicht gesagt, ob jeder Sohn eine einzelne Stadt verwaltete, ob die Familie gemeinschaftlich über das Gebiet verfügte oder ob die Orte bereits durch frühere Generationen mit ihr verbunden waren. Die übereinstimmende Zahl von Söhnen, Reittieren und Städten stellt die weitreichende Stellung der Familie heraus, erlaubt aber keine vollständige Rekonstruktion ihrer Verwaltung.

Diese Ortschaften tragen einen besonderen Namen: Jairs-Dörfer. Im Hebräischen lautet die Bezeichnung Havvot-Jair. Das erste Wort kann kleinere Siedlungen oder dörfliche Wohnplätze bezeichnen und besitzt sprachliche Verbindungen zu Zeltdörfern. Die Bezeichnung muss deshalb nicht bedeuten, dass alle dreißig Orte große, befestigte Städte mit ausgedehnten Mauern waren. Auch kleinere Ansiedlungen konnten in der damaligen Sprache als städtische oder dörfliche Gemeinschaften bezeichnet werden. Der Name erinnert vielmehr daran, dass diese Orte mit Jair verbunden waren und unter dieser Bezeichnung bekannt blieben.

Dabei entsteht eine wichtige Frage, wenn wir andere Bibelstellen hinzuziehen. Bereits in 4. Mose 32,41 wird ein Jair aus dem Geschlecht Manasses erwähnt, der Siedlungen in Gilead einnahm und sie nach seinem Namen benannte. Auch 5. Mose 3,14 berichtet von Jair, einem Nachkommen Manasses, dessen Name mit einem größeren Gebiet im Ostjordanland verbunden wurde. Diese Berichte gehören jedoch in die Zeit der Landnahme unter Mose und damit in einen früheren geschichtlichen Zusammenhang als die Amtszeit des Richters Jair. Die Namensgleichheit allein beweist nicht, dass es sich um dieselbe Person handelt.

Hinzu kommt, dass die Bibel unterschiedliche Ortszahlen nennt. In 1. Chronik 2,22 werden dreiundzwanzig Orte im Zusammenhang mit Jair erwähnt, während andere Berichte größere Gebiete mit insgesamt sechzig Orten beschreiben (5. Mose 3,4; Josua 13,30). Richter 10 spricht dagegen von dreißig Ortschaften, die mit den Söhnen des Richters Jair verbunden sind. Diese Angaben sollten wir nicht einfach zusammenzählen oder künstlich zu einer einzigen Zahl umformen. Möglich ist, dass verschiedene Zeitpunkte, unterschiedliche Teilgebiete oder mehrere Personen mit demselben Namen gemeint sind. Der Text liefert jedoch keine vollständige Geschichte der einzelnen Siedlungen, mit der sich jede Zahl zweifelsfrei zuordnen ließe.

Für das Verständnis von Richter 10 ist deshalb eine sorgfältige Unterscheidung entscheidend. Der Erzähler möchte zunächst zeigen, dass Jair während seiner Amtszeit mit einer großen Familie und einem ausgedehnten örtlichen Einfluss verbunden war. Die älteren Berichte über die Jairs-Dörfer helfen uns, den Namen geografisch und geschichtlich einzuordnen. Sie erlauben aber nicht, alle Einzelheiten der verschiedenen Überlieferungen ohne Weiteres auf die Lebenszeit dieses Richters zu übertragen.

Besonders aufschlussreich ist außerdem die Formulierung, dass die Ortschaften „bis auf diesen Tag“ Jairs-Dörfer heißen. Damit macht der Erzähler deutlich, dass die Bezeichnung über die unmittelbar geschilderten Ereignisse hinaus bekannt blieb. Ein Name konnte die Erinnerung an einen Menschen oder eine Familie auch dann bewahren, wenn deren Lebenszeit längst vorüber war. Aus dieser Formulierung allein lässt sich allerdings nicht bestimmen, wann der betreffende Bericht schriftlich festgehalten wurde. Sie bezeugt das Fortbestehen einer Ortsbezeichnung aus der Perspektive des Erzählers, ohne einen genauen Zeitpunkt anzugeben.

Die dreißig Städte werfen zugleich ein interessantes Licht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse dieser Zeit. Israel besaß noch keine einheitliche Königsherrschaft, wie sie später unter Saul und David entstehen sollte. Dennoch gab es innerhalb der Stämme Familien, die durch ihren Besitz, ihre zahlreichen Angehörigen und ihren örtlichen Einfluss eine herausgehobene Stellung einnahmen. Jair gehört offenbar zu diesen Männern. Seine Familie verfügte über Mittel, die weit über einen gewöhnlichen Haushalt hinausgingen. Ob dieser Einfluss ausschließlich zum Wohl der Menschen eingesetzt wurde, erfahren wir jedoch nicht. Der biblische Bericht würdigt ihn nicht ausdrücklich und erhebt auch keinen Vorwurf gegen seine Lebensweise.

Gerade darin unterscheidet sich die Darstellung von der vorherigen Geschichte Abimelechs. Dort wurden die Gewalttaten, die Machtübernahme und schließlich das göttliche Gericht ausführlich beschrieben. Bei Jair enthält der Text dagegen keine vergleichbare moralische Bewertung. Wir sollten deshalb nicht allein aufgrund seiner dreißig Söhne und seines Besitzes behaupten, er habe sich wie ein selbstsüchtiger König verhalten. Ebenso wenig dürfen wir ihn aufgrund seines Wohlstands als besonders gerechten oder vorbildlichen Führer darstellen. Der Erzähler berichtet die äußeren Verhältnisse seiner Familie, lässt aber viele Fragen zu seinem Charakter und seiner Amtsführung unbeantwortet.

Nach zweiundzwanzig Jahren stirbt Jair und wird in Kamon begraben. Die genaue Lage dieses Ortes ist heute nicht sicher bekannt. Da Jair als Gileaditer beschrieben wird und seine Familie mit den dortigen Siedlungen verbunden war, liegt eine Lage in dieser Region nahe. Der Text nennt jedoch keine weiteren Einzelheiten über seinen Tod oder sein Begräbnis. Ebenso wenig berichtet er, ob einer seiner zahlreichen Söhne anschließend eine besondere Führungsstellung übernahm. Die Geschichte seiner Amtszeit endet mit einer schlichten Bestattungsnotiz.

Damit schließt der Erzähler die Berichte über Tola und Jair ab. Zusammen richten sie Israel fünfundvierzig Jahre lang. Diese Zeitspanne zeigt, dass zwischen der Gewaltherrschaft Abimelechs und den folgenden Ereignissen ein beträchtlicher Zeitraum liegt. Dennoch erhalten wir keinen vollständigen Überblick über die religiöse Entwicklung des Volkes während dieser Jahre. Die Angaben über beide Richter beschränken sich weitgehend auf ihre Tätigkeit, ihre Herkunft und ihr Lebensende.

Im nächsten Abschnitt ändert sich der Schwerpunkt der Erzählung grundlegend. Statt weitere Angaben über eine führende Familie zu machen, richtet der Erzähler den Blick auf das Verhältnis des gesamten Volkes zu Gott. Dort wird sich zeigen, dass die Führung durch menschliche Richter allein nicht ausreicht, um Israel dauerhaft in der Treue zum HERRN zu bewahren. Die entscheidende Frage wird nun nicht mehr sein, wer über das Volk richtet, sondern wem das Volk selbst dienen will.

Richter 10,6–7

Israel verlässt den HERRN: Der Götzendienst führt zu neuer Unterdrückung

Nach den Berichten über Tola und Jair verändert sich der Ton der Erzählung. Der Blick richtet sich nun nicht mehr auf einzelne Männer, die Israel über viele Jahre geführt haben, sondern auf die geistliche Entwicklung des Volkes. Der Erzähler beginnt mit einer Formulierung, die uns im Richterbuch bereits mehrfach begegnet ist: Die Kinder Israels tun erneut, was vor dem HERRN böse ist. Damit knüpft er an ein Problem an, das die Geschichte seit dem Tod Josuas begleitet. Immer wieder hatte Israel erlebt, wie Gott es aus großer Not befreite. Doch nach Zeiten der Rettung und einer gewissen Ruhe wandten sich die Menschen wieder den Göttern ihrer Umgebung zu.

Das Wort „erneut“ ist dabei besonders wichtig. Es beschreibt nicht den ersten Fehltritt eines Volkes, das Gottes Willen noch nicht kannte. Israel hatte bereits viele Erfahrungen mit dem HERRN gemacht. Seine Vorfahren waren aus Ägypten befreit worden, hatten Gottes Versorgung in der Wüste erlebt und das verheißene Land betreten. Auch in der Richterzeit hatte Gott wiederholt geholfen, wenn Feinde die Israeliten unterdrückten. Trotzdem blieb die Treue des Volkes nicht bestehen. Die Wiederholung zeigt, wie tief die Neigung zum Götzendienst inzwischen verwurzelt war.

Diesmal beschreibt der Erzähler den religiösen Abfall besonders ausführlich. Israel dient nicht nur den Baalen und Astarten, die bereits in früheren Kapiteln erwähnt wurden. Hinzu kommen die Götter der Syrer, Zidonier, Moabiter, Ammoniter und Philister. Insgesamt werden damit sieben Gruppen fremder Gottheiten genannt. Die Aufzählung reicht über mehrere benachbarte Völker und Regionen hinaus und vermittelt den Eindruck einer weit verbreiteten Hinwendung zu fremden religiösen Vorstellungen. Der Götzendienst erscheint nicht mehr als eine einzelne örtliche Verfehlung, sondern als ein umfassendes Problem innerhalb Israels.

Die Baale waren verschiedene Erscheinungsformen der kanaanäischen Baalverehrung. Das Wort Baal bedeutet zunächst „Herr“ oder „Besitzer“ und konnte als Titel für Gottheiten verwendet werden. Besonders bekannt war Baal als Gott, der mit Regen, Gewitter und Fruchtbarkeit verbunden wurde. Für eine Bevölkerung, deren Lebensunterhalt stark von Landwirtschaft und ausreichendem Regen abhing, konnten solche religiösen Vorstellungen anziehend wirken. Wer glaubte, eine Gottheit habe Macht über die Ernte und die Fruchtbarkeit des Landes, konnte versucht sein, durch ihre Verehrung Wohlstand und Sicherheit zu gewinnen. Ob jeder einzelne Israelit aus genau diesem Beweggrund handelte, berichtet der Text allerdings nicht.

Die Astarten stehen im Zusammenhang mit der Verehrung einer weiblichen Gottheit, die im alten Vorderen Orient unter verschiedenen Namen und in unterschiedlichen örtlichen Ausprägungen bekannt war. Astarte wurde unter anderem mit Fruchtbarkeit, Macht und weiteren Lebensbereichen verbunden. Dass der Bibeltext Baale und Astarten gemeinsam nennt, begegnet bereits in Richter 2,13. Die Verbindung zeigt, dass Israel sich religiösen Vorstellungen öffnete, die in seiner kanaanäischen Umgebung tief verwurzelt waren. Dabei konnten die verschiedenen Kulte regionale Unterschiede aufweisen. Wir dürfen deshalb nicht annehmen, dass unter allen genannten Bezeichnungen überall dieselben religiösen Handlungen ausgeübt wurden.

Anschließend richtet sich der Blick auf die Gottheiten weiterer Nachbarvölker. Die Syrer entsprechen hier den Aramäern, die in mehreren Gebieten nördlich und nordöstlich Israels lebten. Die Zidonier gehörten zum phönizischen Kulturraum an der Mittelmeerküste. Moab und Ammon lagen östlich des Toten Meeres beziehungsweise des Jordangebietes, während die Philister vor allem die südwestliche Küstenebene Kanaans bewohnten. Israel stand damit unter dem religiösen Einfluss von Völkern aus verschiedenen Himmelsrichtungen.

Die Bibel nennt an dieser Stelle nicht die einzelnen Namen aller Gottheiten. Andere alttestamentliche Texte erwähnen beispielsweise Kemosch als Gott der Moabiter und Milkom im Zusammenhang mit den Ammonitern (1. Könige 11,5.7.33). Für die Philister begegnet später Dagon als verehrte Gottheit (Richter 16,23). Solche Parallelstellen helfen, die religiöse Umwelt besser zu verstehen. Sie beweisen jedoch nicht, dass jeder dieser Kulte in Richter 10 bereits in genau derselben Form ausgeübt wurde. Der Erzähler legt seinen Schwerpunkt nicht auf eine vollständige Beschreibung der fremden Religionen. Ihm geht es um die Tatsache, dass Israel seine Verehrung von dem Gott abgewandt hatte, der es aus Ägypten geführt und ihm das Land gegeben hatte.

Besonders bemerkenswert ist der Abschluss von Vers 6. Nachdem die verschiedenen fremden Götter aufgezählt wurden, erklärt der Text ausdrücklich, dass die Israeliten den HERRN verließen und ihm nicht dienten. Diese Aussage ist entscheidend. Der Götzendienst bestand nicht lediglich darin, dass weitere religiöse Bräuche neben den bisherigen Gottesdienst gestellt wurden. Aus der Sicht des biblischen Erzählers bedeutete die Hinwendung zu den fremden Gottheiten eine Abkehr vom HERRN selbst. Das Volk wandte sich anderen Mächten zu und verweigerte dem eigenen Bundesgott den Dienst, den es ihm schuldete.

Damit berührt die Erzählung einen Grundgedanken des Bundes, den Gott mit Israel geschlossen hatte. Schon am Sinai hatte er geboten, keine anderen Götter neben ihm zu haben (2. Mose 20,2–3). Dieses Gebot stand unmittelbar im Zusammenhang mit seiner früheren Rettung. Gott stellte sich Israel als derjenige vor, der das Volk aus der Knechtschaft Ägyptens geführt hatte. Seine Forderung nach ausschließlicher Treue war deshalb nicht von seiner Beziehung zu Israel zu trennen. Das Volk sollte nicht irgendeine religiöse Pflicht erfüllen, sondern dem Gott vertrauen, der sich ihm durch sein Handeln bereits offenbart hatte.

Auch Mose hatte die Israeliten vor der Gefahr gewarnt, den Gottheiten ihrer Umgebung nachzufolgen. In 5. Mose 6,14–15 verbindet er diese Warnung ausdrücklich mit Gottes Eifersucht und seinem Zorn. Die Bezeichnung „eifersüchtig“ beschreibt dabei nicht eine menschliche Unsicherheit oder die Angst, an Bedeutung zu verlieren. Sie unterstreicht vielmehr, dass Gott den Bund mit Israel als eine verbindliche Beziehung versteht, in der die Verehrung anderer Götter keinen rechtmäßigen Platz besitzt. Das Volk konnte seine Zugehörigkeit zum HERRN nicht beliebig mit der Unterordnung unter fremde Gottheiten verbinden.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb Vers 7 unmittelbar von Gottes Zorn berichtet. Der HERR sieht den Götzendienst Israels nicht als bedeutungslose religiöse Veränderung an. Das Volk hat sich wiederholt von ihm abgewandt, obwohl es seine Führung und seine Gebote kannte. Die Formulierung, dass sein Zorn gegen Israel entbrannte, macht den Ernst dieses Bundesbruchs deutlich. Gottes Zorn ist hier nicht als unbeherrschter Gefühlsausbruch beschrieben, sondern steht im Zusammenhang mit der Schuld des Volkes und den bereits ausgesprochenen Warnungen seines Gesetzes.

Die Reaktion Gottes wird mit einer weiteren eindringlichen Formulierung beschrieben: Er verkauft Israel in die Hand der Philister und Ammoniter. Der Ausdruck darf nicht so verstanden werden, als habe tatsächlich ein gewöhnlicher Kaufvertrag stattgefunden oder als sei Geld für Israel bezahlt worden. Es handelt sich um eine bildhafte Beschreibung der Preisgabe an fremde Herrschaft. Das Volk gerät unter die Gewalt seiner Feinde und verliert die Freiheit, die es zuvor genießen konnte. Eine ähnliche Formulierung begegnet bereits in Richter 2,14 und Richter 4,2. Sie gehört damit zur wiederkehrenden Sprache des Buches, mit der Gottes Gericht über Israels Untreue beschrieben wird.

Darin liegt ein ernster Gegensatz. Israel hatte sich fremden Gottheiten zugewandt, von denen es offenbar Hilfe oder Vorteile erwartete. Nun gerät es unter die Macht von Völkern, aus deren religiöser Welt es solche Gottheiten übernommen hatte. Doch der Text behauptet nicht, dass die Götter dieser Völker tatsächlich göttliche Macht besaßen. Der HERR selbst ist es, der Israel der fremden Herrschaft preisgibt. Damit bleibt die entscheidende Autorität auch in dieser schweren Entwicklung bei ihm. Die Unterdrücker handeln als wirkliche geschichtliche Mächte, doch der Erzähler versteht Israels Not zugleich als Folge seiner Beziehung zu Gott.

Dass gerade die Philister und Ammoniter genannt werden, bereitet die weitere Geschichte des Richterbuches vor. Beide Völker bedrohten unterschiedliche Teile Israels. Die Philister waren vor allem im Westen und Südwesten von Bedeutung, während die Ammoniter eine besondere Gefahr für die ostjordanischen Gebiete darstellten. Die folgende Erzählung wird sich zunächst auf die Bedrängnis durch die Ammoniter konzentrieren. Später wird das Richterbuch ausführlicher über Simson und seine Auseinandersetzungen mit den Philistern berichten. Ob die verschiedenen Unterdrückungszeiten vollständig gleichzeitig begannen und endeten, lässt sich aus den wenigen Angaben dieses Verses jedoch nicht sicher bestimmen.

Wichtig ist außerdem, dass die gemeinsame Bezeichnung „Israel“ nicht beweist, jeder einzelne Angehörige aller Stämme habe in gleichem Maße am Götzendienst teilgenommen. Der Erzähler beschreibt die Entwicklung des Volkes als Gemeinschaft. Er untersucht nicht die persönliche Glaubenshaltung jedes Menschen. Solche zusammenfassenden Aussagen begegnen in den geschichtlichen Büchern häufiger. Sie machen die weitreichende Verantwortung Israels sichtbar, ohne eine vollständige Beurteilung jedes Einzelnen vorzunehmen.

Mit diesen beiden Versen ist der Grund für die bevorstehende Notlage genannt. Noch erfahren wir nicht, wie schwer die Unterdrückung werden wird und wie die Menschen darauf reagieren. Der Erzähler hat zunächst die entscheidende Ursache offengelegt: Israel hat den Gott verlassen, der es wiederholt errettet hatte. Die menschlichen Führer mochten wechseln, und manche von ihnen konnten über Jahrzehnte für geordnete Verhältnisse sorgen. Doch ohne eine bleibende Treue zum HERRN blieb die geistliche Grundlage des Volkes gefährdet.

Die kommenden Verse werden zeigen, welche Folgen diese Abkehr für die Israeliten östlich und westlich des Jordans hatte. Dabei wird die äußere Bedrängnis immer größer werden, bis das Volk schließlich erkennt, dass die selbstgewählten Götter ihm nicht helfen können. Dann wird sich die Frage stellen, ob Israel lediglich Befreiung aus seiner Not sucht oder tatsächlich bereit ist, zu dem Gott zurückzukehren, den es verlassen hat.

Richter 10,8–9

Achtzehn Jahre Unterdrückung: Israels Bedrängnis breitet sich aus

Nachdem der HERR Israel der Gewalt der Philister und Ammoniter preisgegeben hat, beschreibt der Erzähler, wie schwer die Folgen für das Volk werden. Die Feinde bedrängen die Israeliten nicht nur gelegentlich, sondern setzen ihnen über einen langen Zeitraum zu. Besonders die Bewohner des Ostjordanlandes geraten unter großen Druck. Was zunächst wie eine regionale Bedrohung erscheint, weitet sich schließlich auf weitere Teile Israels aus. Die Not erreicht ein Ausmaß, das der Erzähler mit einer eindringlichen Feststellung zusammenfasst: Israel wird sehr bedrängt.

Bereits die ersten Worte von Vers 8 machen deutlich, wie hart die Unterdrückung ist. Die Schlachter 1951 verwendet die Ausdrücke „zertraten“ und „zerschlugen“. Im hebräischen Text stehen zwei ähnlich klingende Verben, die beide das gewaltsame Niederdrücken oder Zermalmen beschreiben können. Durch ihre Verbindung wird die Aussage besonders nachdrücklich. Der Erzähler möchte nicht lediglich mitteilen, dass Israel politisch von einem fremden Volk abhängig geworden ist. Er beschreibt eine Bedrängnis, die das Leben der betroffenen Menschen schwer belastet und ihre Widerstandskraft erschöpft.

Die bildhafte Sprache darf allerdings nicht so verstanden werden, als sei tatsächlich jeder einzelne Israelit körperlich niedergetreten worden. Sie beschreibt das Ausmaß der Unterdrückung. In der damaligen Zeit konnte fremde Herrschaft mit Überfällen, erzwungenen Abgaben, wirtschaftlichen Verlusten und militärischer Gewalt verbunden sein. Welche dieser Belastungen die Ammoniter in den achtzehn Jahren konkret durchsetzten, wird hier nicht einzeln berichtet. Der Text gibt uns deshalb keinen Anlass, bestimmte Abgaben, Zwangsarbeiten oder Zerstörungen als nachgewiesene Ereignisse dieser Unterdrückungszeit darzustellen. Er lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass die betroffenen Israeliten schwer unter der Macht ihrer Feinde litten.

Anschließend nennt der Bericht eine Zeitspanne von achtzehn Jahren. Für die Menschen, die diese Jahre erlebten, bedeutete eine solche Dauer weit mehr als eine vorübergehende militärische Krise. Kinder konnten in dieser Zeit heranwachsen, ohne eine andere politische Wirklichkeit kennenzulernen. Familien mussten über viele Jahre unter der Bedrohung durch fremde Mächte leben. Die Bibel erzählt uns keine einzelnen Lebensgeschichten aus dieser Zeit, doch die Länge der Unterdrückung lässt erkennen, dass sie das Leben einer ganzen Generation tief beeinflussen konnte.

Die hebräische Formulierung enthält dabei eine sprachliche Schwierigkeit. Sie verbindet die Wendung „in jenem Jahr“ mit der Angabe von achtzehn Jahren. Die Schlachter 1951 gibt dies so wieder, dass die Feinde Israel in jenem Jahr und anschließend achtzehn Jahre lang bedrängten. Viele andere Übersetzungen verstehen den Satz als Beschreibung einer insgesamt achtzehnjährigen Unterdrückung. Wieder andere Ausleger erwägen, ob ein bestimmtes achtzehntes Jahr gemeint sein könnte, in dem die Bedrängnis ihren Höhepunkt erreichte.

Der Text erklärt diese zeitliche Beziehung nicht eindeutig. Deshalb wäre es unvorsichtig, aus der Formulierung eine zusätzliche Jahreszahl abzuleiten oder den Beginn der Unterdrückung ohne weitere Belege auf ein bestimmtes Regierungsjahr Jairs festzulegen. Für die Erzählung ist vor allem entscheidend, dass Israels Not nicht schnell vorüberging. Über einen langen Zeitraum blieb das Volk einer Macht ausgeliefert, aus der es sich offenbar nicht selbst befreien konnte.

Der geografische Schwerpunkt liegt zunächst östlich des Jordans. Dort befand sich die Landschaft Gilead, die bereits bei Jair eine wichtige Rolle gespielt hatte. Der Erzähler bezeichnet das betroffene Gebiet als Land der Amoriter. Diese Angabe kann für Leser zunächst verwirrend sein, denn die Israeliten hatten das Gebiet doch schon vor langer Zeit erhalten. Weshalb wird es nun noch immer mit den Amoritern verbunden?

Die Antwort liegt in seiner früheren Geschichte. Als Israel unter Mose auf dem Weg zum verheißenen Land war, hatte es gegen Sihon, den König der Amoriter, gekämpft. Nach dem Sieg über ihn nahm Israel einen großen Teil seines Herrschaftsgebietes östlich des Jordans ein (4. Mose 21,21–32). Später wurden diese Gebiete den Stämmen Ruben und Gad sowie einem Teil des Stammes Manasse zugewiesen. Die Bezeichnung „Land der Amoriter“ erinnert deshalb an die früheren Bewohner beziehungsweise Herrscher des Gebietes. Sie bedeutet nicht, dass zur Zeit von Richter 10 wieder ein selbstständiges amoritisches Königreich über die dortigen Israeliten geherrscht haben müsse.

Diese Unterscheidung ist auch für die weitere Geschichte wichtig. Im folgenden Kapitel wird der König der Ammoniter Ansprüche auf Land erheben, das Israel nach dem biblischen Bericht einst den Amoritern abgenommen hatte. Jeftah wird daraufhin ausführlich auf die Geschichte der Landnahme zurückblicken (Richter 11,12–27). Schon die geografische Angabe in Richter 10 bereitet diesen späteren Streit vor. Das Ostjordanland ist nicht nur der Schauplatz militärischer Angriffe, sondern wird zum Gegenstand einer Auseinandersetzung über frühere Besitzverhältnisse. Die genaue Begründung der ammonitischen Ansprüche wird allerdings erst im nächsten Kapitel genannt und darf hier noch nicht vorausgesetzt werden.

Besonders betroffen sind die israelitischen Bewohner Gileads. Ihre Lage östlich des Jordans brachte sie in unmittelbare Nachbarschaft zu den Gebieten Ammons. Der Fluss bildete zwar eine wichtige geografische Grenze, aber östlich davon lagen verschiedene Landschaften und Siedlungsgebiete, zwischen denen politische und militärische Konflikte entstehen konnten. Die Israeliten lebten dort nicht außerhalb des verheißenen Erbes, sondern auf Land, das ihnen bereits in der Zeit Moses zugewiesen worden war. Dass sie nun ausgerechnet in ihrem eigenen Erbgebiet bedrängt werden, macht die Not ihrer Situation besonders deutlich.

In Vers 7 waren sowohl die Philister als auch die Ammoniter als Mächte genannt worden, in deren Gewalt Gott Israel gegeben hatte. Vers 8 konzentriert sich nun auf das Ostjordanland und damit besonders auf die ammonitische Bedrohung. Wir sollten daraus nicht schließen, dass beide Völker gemeinsam mit einem einzigen Heer Gilead unterdrückten. Der Bericht schildert zwei feindliche Mächte, richtet seine weitere Aufmerksamkeit aber vor allem auf Ammon. Die Philister werden erst in einem späteren größeren Erzählabschnitt des Richterbuches wieder besonders hervortreten.

Mit Vers 9 verändert sich die geografische Lage erneut. Die Ammoniter beschränken ihre Angriffe nicht mehr auf das Gebiet östlich des Jordans. Sie überqueren den Fluss und ziehen gegen Juda, Benjamin und das Haus Ephraim in den Kampf. Damit erreicht die Bedrohung auch das westjordanische Kernland Israels. Die Nennung dieser drei Stammesgebiete zeigt, dass die Auseinandersetzung eine größere räumliche Ausdehnung gewinnt.

Juda befand sich im südlichen Teil des Landes, während Benjamin und Ephraim weiter nördlich beziehungsweise im zentralen Bergland angesiedelt waren. Die Ammoniter greifen somit nicht nur eine einzelne Stadt in unmittelbarer Nähe des Jordans an. Ihre militärischen Unternehmungen reichen in mehrere israelitische Stammesgebiete hinein. Der Text nennt allerdings keine eroberten Städte, keine einzelnen Schlachten und keine genauen Marschwege. Wir können deshalb feststellen, dass diese Stämme angegriffen wurden, ohne behaupten zu müssen, die Ammoniter hätten sämtliche genannten Gebiete vollständig besetzt oder dauerhaft beherrscht.

Die Formulierung „Haus Ephraim“ verdient ebenfalls Beachtung. Sie bezeichnet hier die Gemeinschaft des Stammes Ephraim, der im Richterbuch wiederholt eine wichtige politische und militärische Rolle spielt. Bereits nach Gideons Sieg über Midian waren Männer Ephraims mit ihm in Streit geraten, weil sie sich bei der ursprünglichen Unternehmung übergangen fühlten (Richter 8,1–3). Auch im Zusammenhang mit Jeftah wird Ephraim später erneut hervortreten. An dieser Stelle geht es jedoch noch nicht um einen innerisraelitischen Konflikt. Die Männer Ephraims werden zusammen mit Juda und Benjamin als Betroffene der ammonitischen Angriffe genannt.

Damit wird verständlich, weshalb der Erzähler am Ende des Verses nicht mehr allein von Gilead spricht, sondern die Not ganz Israels hervorhebt. Die Unterdrückung hat sich ausgeweitet. Menschen aus verschiedenen Stammesgebieten sind nun von derselben feindlichen Macht bedroht. Das bedeutet nicht, dass alle Israeliten zur gleichen Zeit genau dasselbe Leid erfuhren. Der Text zeigt vielmehr, dass die Krise über ihre ursprüngliche Region hinausreicht und mehrere Teile des Volkes erfasst.

Auch die Reihenfolge der Ereignisse ist wichtig. Zunächst beschreibt der Bericht die langjährige Unterdrückung im Ostjordanland. Anschließend erwähnt er die Angriffe auf Juda, Benjamin und Ephraim. Es liegt nahe, darin eine Ausweitung der ammonitischen Unternehmungen zu erkennen. Wie lange diese Angriffe westlich des Jordans bereits andauerten, wird jedoch nicht mitgeteilt. Die achtzehn Jahre sollten deshalb nicht ohne Weiteres auf jedes einzelne westjordanische Stammesgebiet übertragen werden.

Die abschließende Aussage, dass Israel sehr bedrängt war, bringt das gesamte Geschehen auf einen Punkt. Der Erzähler schildert keine triumphierenden israelitischen Heere und keinen Richter, der den Feinden bereits erfolgreich entgegentritt. Stattdessen steht das Volk unter einer Belastung, die es offenbar nicht aus eigener Kraft überwinden kann. Die bisherigen Führer Tola und Jair sind gestorben. Von einem neuen Befreier ist noch keine Rede. Die militärische Gefahr wächst, und die Menschen erleben die Grenzen ihrer eigenen Möglichkeiten.

Damit steht Israel vor einer Frage, die weit über die Stärke seiner Feinde hinausgeht. Die vorhergehenden Verse hatten erklärt, dass das Volk den HERRN verlassen und sich anderen Göttern zugewandt hatte. Nun zeigt sich, dass diese Götter Israel nicht vor den Angriffen der Nachbarvölker bewahren. Der Erzähler behauptet damit nicht, die fremden Gottheiten hätten zunächst wirkliche Macht besessen und sie anschließend verloren. Vielmehr führt die Geschichte die Unfähigkeit der selbstgewählten Götter vor Augen, das Volk aus seiner Not zu retten.

Hier liegt ein wichtiger Zusammenhang zwischen der geistlichen und der politischen Entwicklung. Israel hatte sich von dem Gott abgewandt, der es in der Vergangenheit aus der Knechtschaft Ägyptens und aus späteren Bedrängnissen befreit hatte. Nun muss es erleben, dass seine religiöse Untreue schwerwiegende Folgen besitzt. Der Bibeltext erklärt diese besondere Unterdrückungszeit ausdrücklich im Zusammenhang mit Gottes Gericht. Daraus dürfen wir jedoch keine allgemeine Regel ableiten, nach der jedes menschliche Leid unmittelbar auf eine persönliche Sünde zurückzuführen wäre. Richter 10 berichtet eine konkrete Situation innerhalb der Geschichte des Bundesvolkes, deren Bedeutung der Erzähler selbst erläutert.

Noch erfahren wir nicht, wie die Israeliten die langen Jahre innerlich verarbeitet haben. Ob sie während der gesamten Zeit weiterhin ihre fremden Götter verehrten oder ob einzelne Menschen schon früher zum HERRN zurückkehrten, bleibt unerwähnt. Der Bericht gibt uns auch keinen Einblick in die Gebete einzelner Familien oder in mögliche Versuche, sich militärisch zu befreien. Erst der folgende Vers beschreibt eine gemeinsame Reaktion des Volkes.

Nach der langjährigen Bedrängnis und den immer weiter reichenden Angriffen rufen die Israeliten schließlich wieder zum HERRN. Diesmal bleibt es nicht bei einer allgemeinen Bitte um Hilfe. Sie sprechen ausdrücklich aus, dass sie gegen Gott gesündigt und ihn verlassen haben. Doch damit ist die Frage nach ihrer Umkehr noch nicht entschieden. Gottes anschließende Antwort wird zeigen, dass zwischen dem Eingeständnis einer Schuld und einer wirklichen Abkehr vom bisherigen Weg ein entscheidender Unterschied bestehen kann.

Richter 10,10–14

Israels Schuldbekenntnis und Gottes ernste Antwort: Warum er die erneute Rettung verweigert

Nach vielen Jahren schwerer Unterdrückung wenden sich die Israeliten wieder an den HERRN. Ihre Feinde haben sie bedrängt, und die militärische Gefahr hat inzwischen mehrere Stammesgebiete erreicht. Nun erkennen die Menschen offenbar, dass sie aus eigener Kraft keinen Ausweg aus ihrer Lage finden. Doch ihr Hilferuf unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von einer bloßen Bitte um militärische Hilfe. Sie sprechen nicht nur über das Leid, das sie erfahren, sondern bekennen ausdrücklich ihre Schuld gegenüber Gott.

In Vers 10 erklären die Israeliten, dass sie gegen den HERRN gesündigt haben. Sie nennen auch den Grund: Sie haben ihren Gott verlassen und den Baalen gedient. Diese Worte sind bemerkenswert, weil sie die Verantwortung nicht ihren Feinden zuschieben. Israel behauptet nicht, Gott habe seine Pflicht vernachlässigt oder die Unterdrückung sei völlig grundlos über das Volk gekommen. Stattdessen erkennt es an, dass seine eigene Untreue der vorausgegangenen Entwicklung zugrunde liegt. Das Bekenntnis nimmt damit die Aussage des Erzählers aus Vers 6 auf und bestätigt, dass die Menschen zumindest verstanden haben, worin ihr grundlegendes Fehlverhalten bestand.

Allerdings müssen wir zwischen dem Eingeständnis einer Sünde und einer vollständigen Umkehr unterscheiden. Ein Mensch kann erkennen, dass er falsch gehandelt hat, ohne deshalb bereits bereit zu sein, sein Verhalten zu ändern. Besonders in einer schweren Notlage kann der Wunsch nach Befreiung größer sein als die Bereitschaft, sich von den Ursachen des eigenen Fehlverhaltens zu trennen. Ob dies bei Israel der Fall ist, lässt sich aus Vers 10 allein noch nicht entscheiden. Der Text berichtet zunächst von einem Schuldbekenntnis, nicht aber von der Entfernung der fremden Götter. Erst später wird ausdrücklich beschrieben, dass das Volk auch entsprechende Veränderungen vornimmt.

Die Antwort Gottes fällt überraschend streng aus. Statt unmittelbar einen neuen Befreier zu berufen, erinnert der HERR die Israeliten an ihre gemeinsame Geschichte. Er nennt verschiedene Völker, aus deren Gewalt er sie bereits errettet hatte. Zu ihnen gehören die Ägypter, Amoriter, Ammoniter, Philister, Zidonier, Amalekiter und Maoniter. Die Aufzählung führt den Blick weit über die gegenwärtige Bedrängnis hinaus. Gott stellt dem Volk die vielen Erfahrungen seiner bisherigen Hilfe vor Augen und macht dadurch deutlich, dass seine Treue nicht erst in der aktuellen Krise zur Frage steht.

An erster Stelle stehen die Ägypter. Ihre Erwähnung erinnert an die grundlegende Befreiungstat, durch die Israel überhaupt erst zu einem eigenständigen Volk werden konnte. Die Vorfahren der Israeliten hatten in Ägypten unter schwerer Knechtschaft gelitten. Gott hatte ihr Schreien gehört, Mose berufen und sie schließlich aus der Gewalt des Pharaos geführt (2. Mose 3,7–10; 14,30–31). Diese Rettung bildete den Ausgangspunkt der besonderen Bundesgeschichte Israels. Sie zeigte, dass der HERR nicht nur ein Gott religiöser Vorschriften war, sondern tatsächlich in die Geschichte seines Volkes eingegriffen hatte.

Die Amoriter erinnern dagegen an die Kämpfe während der Wanderung zum verheißenen Land. Unter Mose hatte Israel die Heere Sihons und Ogs besiegt und bedeutende Gebiete östlich des Jordans eingenommen (4. Mose 21,21–35). Gerade dieser Rückblick ist für die gegenwärtige Situation besonders wichtig. Die Israeliten werden nun in einer Landschaft bedrängt, die ihre Vorfahren einst durch Gottes Hilfe erhalten hatten. Das Volk lebt also auf einem Gebiet, dessen Geschichte bereits von Gottes Führung und Rettung geprägt ist.

Auch die Ammoniter werden unter den früheren Feinden genannt, obwohl sie jetzt erneut zu den Hauptbedrängern Israels gehören. Bereits in Richter 3,13 waren sie gemeinsam mit den Amalekitern als Verbündete des Moabiterkönigs Eglon aufgetreten. Gott hatte Israel später durch Ehud aus dieser Unterdrückung befreit. Die erneute Erwähnung zeigt, dass eine frühere Rettung nicht bedeutet, dass dasselbe Volk nie wieder zur Bedrohung werden könnte. Israel hatte Gottes Hilfe schon erfahren, musste aber auch lernen, ihm über die einzelne Befreiung hinaus treu zu bleiben.

Mit den Philistern nennt Gott eine weitere Macht, die in der Richterzeit wiederholt gegen Israel auftrat. Bereits Richter 3,31 berichtet von Schamgar, der sechshundert Philister erschlug und Israel rettete. Über die näheren Umstände dieses Ereignisses wissen wir wenig. Dennoch ist seine Erwähnung innerhalb des Richterbuches wichtig, weil sie zeigt, dass die Auseinandersetzung mit den Philistern nicht erst in den späteren Geschichten über Simson beginnt. Wenn Gott nun an frühere Rettungen erinnert, gehören auch solche knapper überlieferten Ereignisse zur Geschichte seiner Hilfe.

Die Zidonier werden ebenfalls genannt. Sie gehörten zum phönizischen Kulturraum an der Mittelmeerküste und waren bereits im Zusammenhang mit Israels Götzendienst erwähnt worden. Eine einzelne frühere Rettung aus der Gewalt der Zidonier lässt sich den vorausgehenden Kapiteln des Richterbuches jedoch nicht eindeutig zuordnen. Das ist kein zwingender Widerspruch. Der biblische Bericht beansprucht nicht, jede militärische Bedrohung und jede einzelne Rettung aus der Geschichte Israels vollständig zu erzählen. Wir sollten deshalb weder eine unbekannte Schlacht erfinden noch behaupten, eine solche Rettung könne nicht stattgefunden haben.

Die Amalekiter waren Israel bereits kurz nach dem Auszug aus Ägypten feindlich begegnet. In 2. Mose 17,8–16 wird von ihrem Angriff und Israels Sieg unter der Führung Josuas berichtet. Später traten sie wiederholt als Gegner auf, unter anderem im Zusammenhang mit den Überfällen der Midianiter zur Zeit Gideons (Richter 6,3–5). Ihre Erwähnung erinnert somit an eine Bedrohung, die Israel über mehrere Abschnitte seiner Geschichte hinweg begleitet hatte.

Der letzte Name in der Aufzählung wirft eine besondere Frage auf. Die Schlachter 1951 nennt die Maoniter. Diese Bezeichnung steht auch im überlieferten hebräischen Text. In Teilen der griechischen Überlieferung findet sich dagegen die Lesart „Midianiter“. Das ist bemerkenswert, denn die Rettung Israels vor den Midianitern gehört zu den ausführlich geschilderten Ereignissen des Richterbuches. Gideons Geschichte hatte gezeigt, wie Gott ein zahlenmäßig weit unterlegenes israelitisches Heer gebrauchte, um die Macht Midians zu brechen.

Welche Lesart an dieser Stelle ursprünglich stand, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit bestimmen. Die Midianiter passen gut in den bekannten Erzählzusammenhang. Doch gerade diese Bekanntheit könnte auch erklären, weshalb ein Schreiber einen weniger geläufigen Namen durch die Midianiter ersetzte. Umgekehrt könnte der hebräische Name eine eigenständige, andernorts nur unvollständig überlieferte Bedrohung bezeichnen. Für unsere Erklärung ist deshalb wichtig, beide Möglichkeiten zu kennen, ohne eine davon als zweifelsfrei erwiesen auszugeben. Die eigentliche Aussage Gottes verändert sich dadurch nicht: Israel hatte weit mehr Rettungen erlebt, als sein gegenwärtiges Verhalten erkennen ließ.

Wenn wir die gesamte Aufzählung betrachten, fällt auf, dass Gott sieben Gruppen früherer Bedränger nennt. Im vorhergehenden Abschnitt waren ebenfalls sieben Gruppen fremder Gottheiten aufgezählt worden. Dieser Zusammenhang kann als bewusster erzählerischer Gegensatz verstanden werden: Israel verehrt zahlreiche fremde Götter, obwohl der HERR es wiederholt aus der Gewalt verschiedener fremder Völker befreit hatte. Ob der Erzähler die gleiche Anzahl ausdrücklich als symbolisches Gestaltungsmittel einsetzen wollte, wird jedoch nicht erklärt. Der Gedanke sollte deshalb als mögliche Beobachtung behandelt werden, nicht als notwendiger Beweis für eine verborgene Zahlenbedeutung.

Nach der Erinnerung an die früheren Feinde stellt Gott die entscheidende Frage: Hatte er Israel nicht jedes Mal geholfen, als das Volk zu ihm schrie? Damit wird deutlich, weshalb die Vergangenheit in seiner Antwort einen so großen Raum einnimmt. Gott zählt seine früheren Rettungstaten nicht auf, um das Volk lediglich an alte geschichtliche Ereignisse zu erinnern. Er führt ihm vor Augen, wie oft es seine Hilfe bereits in Anspruch genommen hatte. Die Israeliten wussten aus ihrer eigenen Geschichte, an wen sie sich in der Not wenden konnten. Dennoch hatten sie sich in Zeiten größerer Sicherheit immer wieder von ihm abgewandt.

Die Worte erinnern an den grundlegenden Verlauf vieler Richtergeschichten. Israel verlässt den HERRN, gerät unter die Gewalt fremder Völker, ruft schließlich um Hilfe und erlebt Gottes Befreiung. Doch diesmal wird dieser Ablauf ausdrücklich unterbrochen. Gott erklärt nicht sofort, dass er einen weiteren Richter erwecken werde. Stattdessen stellt er die Frage, weshalb das Volk trotz all seiner früheren Hilfe erneut andere Götter gewählt hat. Die Israeliten sollen begreifen, dass ihre Beziehung zu ihm nicht allein darin bestehen kann, seine Rettung zu beanspruchen, solange die Not anhält.

In Vers 13 folgt deshalb eine besonders ernste Aussage. Gott hält Israel vor, dass es ihn trotz seiner wiederholten Hilfe verlassen und anderen Göttern gedient hat. Daraufhin erklärt er, dass er das Volk nicht mehr retten werde. Diese Worte dürfen nicht abgeschwächt werden. Sie zeigen, wie schwer die wiederholte Untreue vor Gott wiegt. Sein Volk hatte nicht nur einmal aus Unwissenheit falsch gehandelt. Es hatte seine Rettungen erlebt, seine Gebote gekannt und sich dennoch immer wieder anderen Gottheiten zugewandt.

Gleichzeitig stellt sich eine wichtige Auslegungsfrage. Bedeutet Gottes Erklärung, dass er Israel für alle Zukunft endgültig verworfen hat und unter keinen Umständen mehr helfen wird? Eine solche Schlussfolgerung wäre zu weitgehend. Bereits im weiteren Verlauf desselben Kapitels wird deutlich, dass die Auseinandersetzung zwischen Gott und seinem Volk hier noch nicht zu Ende ist. Die Aussage muss deshalb zunächst in ihrem unmittelbaren Zusammenhang verstanden werden. Gott weist den gegenwärtigen Hilferuf zurück und macht Israel deutlich, dass es seine wiederholte Untreue nicht als bedeutungslose Angelegenheit behandeln darf. Aus dieser ernsten Zurückweisung dürfen wir jedoch kein unwiderrufliches Urteil über sämtliche zukünftigen Möglichkeiten göttlichen Erbarmens ableiten.

Auch die Art, wie Gott seine Antwort übermittelt, wird nicht erklärt. In Richter 6,7–10 hatte der HERR einen Propheten zu den Israeliten gesandt, um ihnen ihre Untreue vor Augen zu führen. In Richter 10 wird dagegen kein bestimmter Prophet, Priester oder anderer Bote genannt. Der Erzähler gibt uns Gottes Antwort wieder, ohne den menschlichen Übermittlungsweg zu beschreiben. Deshalb sollten wir nicht behaupten, sämtliche Israeliten hätten seine Worte gleichzeitig mit hörbarer Stimme vernommen. Wie ihnen diese Botschaft konkret bekannt wurde, bleibt offen.

In Vers 14 verschärft Gott seine Zurechtweisung noch einmal. Er fordert die Israeliten auf, zu den Göttern zu schreien, die sie selbst erwählt haben. Diese sollen ihnen nun in ihrer Not helfen. Die Worte sind bewusst zugespitzt. Gott spricht nicht davon, dass die fremden Gottheiten tatsächlich die Macht besitzen, Israel zu befreien. Vielmehr stellt er das Volk vor den Widerspruch seiner eigenen Entscheidung. Wenn diese Götter seine Verehrung wert waren und an die Stelle des HERRN treten sollten, weshalb können sie dann in der entscheidenden Stunde keine Rettung bringen?

Damit wird die Machtlosigkeit der Götzen auf eindringliche Weise offengelegt. Die Israeliten hatten sich religiösen Vorstellungen angeschlossen, die ihnen offenbar anziehend erschienen. Doch als die Unterdrückung unerträglich wurde, wandten sie sich nicht mit ihrem Hilferuf an diese Götter, sondern wieder an den HERRN. Gerade dadurch zeigte sich, dass ihr eigenes Verhalten die Unzulänglichkeit ihrer religiösen Entscheidung offenbarte. Sie suchten die Hilfe des Gottes, dessen Dienst sie aufgegeben hatten.

Eine ähnliche Kritik findet sich später bei den Propheten. Jeremia erinnert Israel daran, dass selbstgemachte Götter das Volk nicht retten können, und fragt, wo diese Götter in der Zeit seiner Not bleiben (Jeremia 2,27–28). Auch Jesaja beschreibt die Hilflosigkeit von Götzenbildern, die von Menschen hergestellt und anschließend um Rettung angerufen werden (Jesaja 44,9–20). Diese späteren Texte erklären nicht unmittelbar die geschichtlichen Einzelheiten von Richter 10. Sie verdeutlichen jedoch denselben biblischen Grundgedanken: Was Menschen selbst zu ihrem Gott machen, besitzt deshalb noch lange nicht die Macht, ihnen Leben und Rettung zu schenken.

Gottes Antwort stellt die Israeliten somit vor eine Entscheidung. Sie können seine Worte lediglich als Zurückweisung verstehen und sich darüber beklagen, dass ihnen diesmal nicht sofort geholfen wird. Oder sie können erkennen, dass ihre bisherige Beziehung zu Gott grundlegend verändert werden muss. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur, ob Israel von den Ammonitern befreit werden möchte. Es geht darum, ob das Volk wirklich bereit ist, die fremden Götter aufzugeben und wieder dem HERRN zu dienen.

Damit endet dieser Abschnitt in einer ernsten Spannung. Israel hat seine Sünde bekannt, aber Gott hat seinen Hilferuf zunächst zurückgewiesen. Er erinnert an eine lange Geschichte göttlicher Treue und hält dem Volk zugleich seine wiederholte Untreue vor Augen. Die Menschen können sich nicht darauf berufen, Gott noch nie kennengelernt zu haben. Sie wissen, was er für ihre Vorfahren getan hat, und müssen sich nun mit der Frage auseinandersetzen, weshalb sie trotzdem andere Götter gewählt haben.

Die folgenden Verse werden zeigen, wie Israel auf diese Zurechtweisung reagiert. Dort wird sich entscheiden, ob sein Schuldbekenntnis nur ein Ausdruck der Verzweiflung bleibt oder ob daraus eine tatsächliche Veränderung seines Gottesdienstes entsteht. Erst dann wird auch sichtbar werden, wie Gottes Gerechtigkeit und sein Erbarmen in dieser schweren Situation zusammenwirken.

Richter 10,15–16

Wahre Umkehr: Israel entfernt die fremden Götter und Gott erbarmt sich seines Volkes

Gottes Antwort auf Israels Hilferuf war ungewöhnlich streng ausgefallen. Er hatte das Volk an seine zahlreichen früheren Rettungstaten erinnert und ihm vor Augen geführt, wie oft es sich trotz dieser Erfahrungen von ihm abgewandt hatte. Schließlich hatte er die Israeliten aufgefordert, sich an die Götter zu wenden, die sie selbst erwählt hatten. Doch anstatt sich nach dieser Zurückweisung erneut von Gott zu entfernen, antwortet das Volk mit einem bemerkenswerten Bekenntnis. Die Menschen erkennen an, dass sie gesündigt haben, und stellen sich unter Gottes Urteil.

In Vers 15 erklären die Israeliten, dass der HERR mit ihnen tun soll, was ihm gefällt. Diese Worte gehen über das bisherige Schuldbekenntnis hinaus. Das Volk fordert nicht mehr einfach nur die Beendigung seiner Unterdrückung, sondern erkennt ausdrücklich an, dass Gott das Recht besitzt, über sein weiteres Schicksal zu entscheiden. Nachdem die Israeliten sich über lange Zeit anderen Göttern zugewandt hatten, beginnen sie nun wieder, die Autorität des HERRN anzuerkennen. Sie versuchen nicht, ihre Untreue zu rechtfertigen, und berufen sich auch nicht auf die Verdienste ihrer Vorfahren. Stattdessen bekennen sie sich zu ihrer Schuld und stellen Gottes Willen über ihren eigenen Anspruch auf Befreiung.

Dabei ist die Formulierung sorgfältig zu verstehen. Wenn Israel erklärt, Gott möge mit ihm tun, was in seinen Augen gut ist, bedeutet das nicht, dass das Volk seine Unterdrückung plötzlich für etwas Erfreuliches hält. Die Menschen leiden weiterhin schwer unter der Macht ihrer Feinde. Sie erkennen jedoch an, dass sie Gott keine bestimmte Entscheidung vorschreiben können. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Versuch, Gott für die eigenen Ziele zu gewinnen, und der Bereitschaft, sich seinem Urteil zu unterstellen. Wer sich aufrichtig an Gott wendet, kann sein Erbarmen erbitten, ohne daraus einen Anspruch abzuleiten, den Gott erfüllen müsste.

Unmittelbar anschließend bitten die Israeliten dennoch erneut um Rettung. Die Schlachter 1951 gibt ihre Worte mit der Bitte wieder, Gott möge sie wenigstens noch dieses Mal erretten. Damit bleibt die Not, unter der sie leiden, ein wesentlicher Bestandteil ihres Gebets. Sie sind nicht gleichgültig gegenüber ihrer Zukunft geworden und wünschen sich weiterhin ein Ende der Unterdrückung. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass ihre Bitte nun mit dem ausdrücklichen Bekenntnis verbunden ist, Gottes Entscheidung anzuerkennen. Sie bitten um Hilfe und gestehen zugleich ein, dass sie Gottes gerechtes Urteil verdient haben.

Diese Verbindung zwischen Unterordnung und Hoffnung ist bemerkenswert. Israel sieht keinen anderen Weg zur Rettung als den HERRN, obwohl es sich zuvor bewusst von ihm abgewandt hatte. Die fremden Götter können das Volk nicht aus seiner Bedrängnis befreien. Die Israeliten erkennen deshalb, dass ihre Hoffnung allein bei dem Gott liegt, dessen Treue sie immer wieder missachtet haben. Dennoch dürfen wir die Worte von Vers 15 nicht bereits als vollständigen Beweis einer dauerhaften inneren Veränderung verstehen. Ein Schuldbekenntnis kann aufrichtig begonnen haben, ohne dass damit schon jede Konsequenz gezogen wäre. Ob die Israeliten tatsächlich bereit sind, ihren bisherigen Weg zu verlassen, zeigt erst der folgende Vers.

Vers 16 berichtet nun von einer Handlung, die das bisherige Bekenntnis bestätigt. Die Israeliten entfernen die fremden Götter aus ihrer Mitte und dienen wieder dem HERRN. Der Erzähler beschreibt damit nicht nur eine Veränderung ihrer Worte, sondern auch ihres Verhaltens. Was bisher öffentlich verehrt worden war, wird beseitigt. Die religiösen Bindungen, durch die sich Israel vom HERRN entfernt hatte, sollen keinen Platz mehr in der Gemeinschaft besitzen. Damit wird die Abkehr von den fremden Göttern zu einer sichtbaren Entscheidung.

Diese Handlung ist besonders bedeutsam, weil der Götzendienst in Vers 6 als umfassendes Problem beschrieben worden war. Israel hatte sich nicht lediglich einer einzelnen fremden Gottheit zugewandt, sondern verschiedene religiöse Kulte seiner Nachbarvölker übernommen. Nun spricht der Erzähler zusammenfassend davon, dass die Menschen die fremden Götter aus ihrer Mitte entfernen. Wie diese Entfernung praktisch geschah, wird nicht näher erklärt. Ob Götzenbilder zerstört, Heiligtümer aufgegeben oder bestimmte religiöse Gegenstände beseitigt wurden, erfahren wir nicht. Sicher ist jedoch, dass Israel seine bisherige Verehrung fremder Gottheiten nicht einfach unverändert fortsetzt.

Eine bemerkenswerte Parallele findet sich in der Geschichte Jakobs. Bevor er mit seinem Haus nach Bethel zieht, fordert er seine Angehörigen auf, die fremden Götter aus ihrer Mitte zu entfernen und sich zu reinigen. Daraufhin übergeben sie ihm die fremden Götter und die zugehörigen Gegenstände, die Jakob unter einer Eiche bei Sichem vergräbt (1. Mose 35,2–4). Auch dort besteht die Vorbereitung auf eine erneute Hinwendung zu Gott nicht allein aus Worten. Die Familie muss sich von den Gegenständen und religiösen Bindungen trennen, die mit der Verehrung anderer Götter verbunden sind.

Eine weitere Verbindung begegnet später in der Geschichte Samuels. Als Israel sich wieder dem HERRN zuwenden soll, fordert Samuel das Volk auf, die fremden Götter und Astarten aus seiner Mitte zu entfernen und sein Herz allein auf den HERRN auszurichten. In 1. Samuel 7,3–4 wird anschließend berichtet, dass die Israeliten die Baale und Astarten beseitigen und dem HERRN dienen. Diese Übereinstimmung mit Richter 10 ist besonders deutlich. Beide Erzählungen verbinden die Abkehr von fremden Göttern mit einer erneuten Hinwendung zum HERRN. Dadurch wird sichtbar, dass biblische Umkehr nicht darin besteht, eine neue religiöse Verpflichtung lediglich zu den bisherigen hinzuzufügen. Die fremden Götter müssen aufgegeben werden, weil die Verehrung des HERRN nicht mit ihrer gleichzeitigen Anbetung vereinbar ist.

Der zweite Teil der Handlung ist ebenso wichtig wie der erste. Israel entfernt nicht nur die fremden Götter, sondern dient anschließend dem HERRN. Damit beschreibt der Text zwei zusammengehörende Bewegungen. Das Volk wendet sich von seiner bisherigen Untreue ab und richtet seinen Gottesdienst wieder auf den Gott Israels aus. Ohne diese neue Ausrichtung wäre das bloße Beseitigen religiöser Gegenstände noch keine vollständige Antwort auf das eigentliche Problem gewesen. Der Götzendienst hatte seinen Ursprung nicht allein im Besitz bestimmter Bilder, sondern in der Entscheidung, anderen Göttern zu vertrauen und ihnen zu dienen.

Dennoch sollten wir auch an dieser Stelle sorgfältig bleiben. Der Erzähler berichtet eine tatsächliche Veränderung innerhalb Israels. Er sagt jedoch nicht, dass jeder einzelne Mensch von diesem Augenblick an vollkommen gehorsam war oder dass das Volk niemals wieder in Götzendienst fallen würde. Die weitere Geschichte Israels zeigt, dass solche Gefahren bestehen blieben. Richter 10,16 beschreibt daher eine konkrete Umkehr in einer bestimmten geschichtlichen Situation. Ihr Ernst wird durch die Entfernung der fremden Götter und den erneuerten Dienst am HERRN sichtbar, ohne dass daraus bereits eine Garantie für alle kommenden Generationen abgeleitet werden könnte.

Nun folgt die überraschendste Aussage dieses Abschnitts. Nachdem Israel die fremden Götter beseitigt hat, beschreibt der Erzähler eine Veränderung in Gottes Umgang mit dem Elend seines Volkes. Die Schlachter 1951 formuliert, dass Gott über Israels Ungemach unwillig wurde. Diese Wendung kann für heutige Leser missverständlich sein. Es könnte zunächst so klingen, als sei Gott erneut über Israel verärgert gewesen. Der hebräische Text weist jedoch in eine andere Richtung.

Wörtlich verwendet er eine Redewendung, die davon spricht, dass Gottes Seele angesichts des Elends Israels „kurz wurde“. Das zugrunde liegende Bild bezeichnet einen Zustand, in dem jemand etwas nicht länger ertragen kann. In anderen Zusammenhängen kann eine solche Formulierung Ungeduld ausdrücken. Hier bezieht sie sich jedoch ausdrücklich auf das Leiden Israels. Deshalb geben zahlreiche Übersetzungen den Gedanken sinngemäß so wieder, dass Gott das Elend seines Volkes nicht länger mit ansehen oder ertragen konnte.

Diese Erklärung ist wichtig, weil sich damit der Sinn der Aussage erschließt. Gottes Reaktion richtet sich an dieser Stelle nicht gegen die beginnende Umkehr Israels. Vielmehr beschreibt der Erzähler, wie sehr ihn das Leid seines Volkes bewegt. Noch wenige Verse zuvor hatte Gott angekündigt, Israel nicht mehr zu retten. Nun berichtet der Text von seinem Erbarmen angesichts der Bedrängnis. Die vorherige Zurechtweisung wird dadurch nicht als ungerecht oder bedeutungslos dargestellt. Sie hatte die Schwere der wiederholten Untreue offengelegt. Doch sie bildet nicht das letzte Wort über Gottes Beziehung zu seinem Volk.

Dabei sollten wir die bildhafte Sprache über Gottes Seele nicht so verstehen, als sei Gott wie ein Mensch einer unkontrollierbaren Stimmungsschwankung unterworfen. Die Bibel verwendet immer wieder menschlich verständliche Ausdrücke, um Gottes Handeln und seine Beziehung zu den Menschen zu beschreiben. Sie spricht von seinem Zorn, seiner Liebe, seinem Erbarmen und seinem Schmerz über das Böse. Solche Aussagen vermitteln wirkliche Erkenntnisse über Gottes Wesen, ohne dass jede menschliche Eigenschaft uneingeschränkt auf ihn übertragen werden dürfte. Richter 10,16 zeigt damit nicht einen Gott, der die Kontrolle über sein Handeln verliert, sondern einen Gott, dem das Elend seines Volkes nicht gleichgültig ist.

Ein besonders schöner innerbiblischer Vergleich findet sich in Hosea 11. Dort erinnert Gott ebenfalls an seine bisherige Fürsorge für Israel und hält dem Volk seine Untreue vor. Dennoch beschreibt der Prophet Gottes Erbarmen mit Worten, die tiefes Mitgefühl ausdrücken (Hosea 11,8–9). Die beiden Stellen behandeln unterschiedliche geschichtliche Situationen, machen aber denselben wichtigen Zusammenhang sichtbar: Gottes Heiligkeit und seine Abneigung gegen die Sünde stehen nicht im Gegensatz zu seinem Erbarmen. Gerade der Gott, der Israels Untreue ernst nimmt, lässt sich zugleich von der Not seines Volkes bewegen.

Eine weitere wichtige Grenze betrifft die zeitliche Abfolge. Richter 10,16 berichtet von Gottes Erbarmen, aber noch nicht von einer vollzogenen militärischen Befreiung. Die Ammoniter sind weiterhin eine Bedrohung, und Israel besitzt noch keinen ausdrücklich genannten Anführer für den bevorstehenden Kampf. Es wäre deshalb verfrüht zu behaupten, die Entfernung der Götzen habe unmittelbar alle äußeren Schwierigkeiten beendet. Die Veränderung betrifft zunächst das Verhältnis zwischen Israel und dem HERRN. Wie die geschichtliche Rettung zustande kommen wird, erzählt erst der weitere Verlauf.

Gerade darin liegt ein wesentlicher Erkenntnisgewinn dieser Verse. Als Israel erstmals seine Schuld bekannte, erfolgte keine sofortige Rettungszusage. Die Menschen mussten sich mit Gottes ernster Antwort auseinandersetzen. Nun wird ihre Umkehr durch eine tatsächliche Abkehr von den fremden Göttern sichtbar, und der Erzähler öffnet zugleich den Blick auf Gottes Erbarmen. Der Zusammenhang zeigt, dass es nicht genügt, Gott nur dann um Hilfe anzurufen, wenn die Folgen des eigenen Handelns unerträglich werden. Die Hinwendung zu ihm betrifft auch die Frage, wem ein Mensch künftig vertrauen und dienen will.

Für das Verständnis der biblischen Botschaft ist zugleich wichtig, Gottes Erbarmen nicht als eine Leistung zu betrachten, die Israel durch das Entfernen der Götzen verdient hätte. Der Text beschreibt keine Vereinbarung, nach der eine bestimmte Handlung automatisch Gottes Hilfe erzwingt. Die Israeliten waren auf seine Barmherzigkeit angewiesen, gerade weil sie sich zuvor wiederholt von ihm abgewandt hatten. Ihre Umkehr war die notwendige Abkehr vom bisherigen Unrecht, aber Gottes Erbarmen blieb Ausdruck seines eigenen Wesens und seiner freien Zuwendung.

So verbinden sich in diesen beiden Versen menschliche Verantwortung und göttliche Barmherzigkeit. Israel kann die vergangenen Jahre der Untreue nicht ungeschehen machen. Doch es kann die fremden Götter verlassen und wieder dem HERRN dienen. Gott wiederum bleibt nicht gleichgültig gegenüber dem Leid seines Volkes. Die Geschichte zeigt ihn zugleich als gerechten Richter und als barmherzigen Gott, der die Not der Menschen sieht.

Damit ist der entscheidende geistliche Wendepunkt erreicht, während die äußere Bedrohung noch fortbesteht. Im folgenden Abschnitt werden sich die ammonitischen und israelitischen Heere zum Kampf versammeln. Dann steht Israel vor einer neuen, sehr praktischen Frage: Wer wird bereit sein, die Führung gegen die Feinde zu übernehmen?

Richter 10,17–18

Die Heere versammeln sich: Israel sucht einen Anführer gegen die Ammoniter

Nachdem die Israeliten ihre fremden Götter entfernt und sich wieder dem HERRN zugewandt haben, richtet der Erzähler den Blick auf die militärische Lage. Die Bedrohung durch die Ammoniter besteht weiterhin. Obwohl Gott das Elend seines Volkes nicht länger ertragen konnte, ist die Unterdrückung noch nicht beendet. Die Israeliten müssen sich auf eine Auseinandersetzung vorbereiten, deren Ausgang sie nicht kennen. Damit beginnt ein neuer Abschnitt der Geschichte, in dem sich zeigen wird, auf welche Weise Israel aus seiner Bedrängnis befreit werden kann.

Vers 17 berichtet zunächst, dass die Ammoniter ihre Streitkräfte zusammenrufen und sich in Gilead lagern. Die Formulierung beschreibt eine gezielte militärische Sammlung. Es geht nicht mehr lediglich um einzelne Überfälle oder die langjährige Unterdrückung verstreuter Siedlungen. Die Ammoniter treten nun als versammeltes Heer auf. Welche Stärke ihre Streitmacht besitzt, wie viele Anführer beteiligt sind und welche Orte sie zuerst angreifen wollen, erfahren wir nicht. Der Erzähler macht jedoch deutlich, dass die Auseinandersetzung eine neue, unmittelbar bevorstehende Phase erreicht hat.

Gilead lag östlich des Jordans und war seit der Zeit Moses Teil des israelitischen Siedlungsgebietes. Die Landschaft umfasste Berg- und Hügelland mit verschiedenen Siedlungen und Weidegebieten. Ihre geografische Lage brachte die dort lebenden Israeliten in die Nachbarschaft Ammons. Für die Bevölkerung war der Aufmarsch eines ammonitischen Heeres deshalb besonders bedrohlich. Die Menschen mussten damit rechnen, dass ihre Wohnorte, Felder und Familien erneut von den Folgen des Krieges betroffen sein würden. Gilead war nicht irgendein entferntes Schlachtfeld, sondern die Heimat derjenigen, die unter der Unterdrückung bereits besonders schwer gelitten hatten.

Im hebräischen Text folgt auf die Sammlung der Ammoniter eine zweite Bewegung. Auch die Israeliten kommen zusammen und schlagen ihr Lager in Mizpa auf. Diese Angabe ist wichtig, weil sie in verbreiteten digitalen Wiedergaben der Schlachter 1951 verkürzt erscheint. Dort wird lediglich berichtet, die Ammoniter hätten sich bei Mizpa gelagert. Der hebräische Text unterscheidet jedoch ausdrücklich zwischen den beiden Heeren und ihren Lagerplätzen: Die Ammoniter befinden sich in Gilead, während sich die Israeliten in Mizpa sammeln. Auch andere deutsche Übersetzungen geben diese Unterscheidung wieder.

Damit wird sichtbar, dass Israel nicht länger ausschließlich unter den Angriffen seiner Feinde leidet, sondern sich selbst zum gemeinsamen Widerstand versammelt. Die Menschen, die zuvor über viele Jahre unter fremder Herrschaft standen, bereiten sich nun darauf vor, den Ammonitern entgegenzutreten. Der Text berichtet allerdings noch nicht von einem Kampf. Er beschreibt die Sammlung der Streitkräfte und die Einnahme ihrer Lagerplätze. Ob die Israeliten bereits ausreichend bewaffnet waren, welche militärischen Vorbereitungen sie getroffen hatten und wie viele Männer erschienen, bleibt unerwähnt.

Der Name Mizpa begegnet an mehreren Stellen der Bibel und bezeichnet nicht immer denselben Ort. Seine Bedeutung hängt mit einem Aussichtspunkt oder einer erhöhten Beobachtungsstelle zusammen. Solche Orte eigneten sich häufig als Sammelplätze, weil sie einen Überblick über die Umgebung ermöglichen konnten. Besonders bekannt ist Mizpa im Stammesgebiet Benjamin, wo Samuel später das Volk versammelte (1. Samuel 7,5–6). Das Mizpa in Richter 10 gehört jedoch zum Zusammenhang der ostjordanischen Ereignisse und wird in den folgenden Berichten ausdrücklich mit Gilead verbunden. Deshalb sollten wir die beiden Orte nicht ohne Weiteres gleichsetzen.

Im nächsten Kapitel erscheint Mizpa erneut. Dort werden die Ältesten Gileads mit Jeftah zusammentreffen, und später wird Jeftah in Mizpa vor dem HERRN seine Worte aussprechen (Richter 11,5–11). Auch Richter 11,29 und 11,34 verbinden den Ort mit seinem weiteren Weg. Diese Angaben zeigen, dass Mizpa für die kommende Erzählung mehr ist als eine beiläufige Ortsbezeichnung. Es wird zu einem wichtigen Schauplatz der politischen und militärischen Entscheidungen Gileads. Seine genaue Lage lässt sich heute allerdings nicht zweifelsfrei bestimmen.

Obwohl sich die israelitischen Männer bereits versammelt haben, fehlt ihnen noch etwas Entscheidendes: ein Anführer. Vers 18 berichtet, dass das Volk beziehungsweise die führenden Männer Gileads miteinander beraten. Sie fragen, wer bereit sei, den Kampf gegen die Ammoniter zu beginnen. Der Ausdruck lässt erkennen, dass jemand die Verantwortung übernehmen muss, den Widerstand anzuführen und den ersten entscheidenden Schritt gegen das feindliche Heer zu wagen. Es geht nicht bloß darum, welcher einzelne Soldat als Erster seine Waffe erhebt. Gesucht wird ein Mann, der die militärische Führung übernimmt und das versammelte Volk in den Kampf führt.

Diese Frage macht die Unsicherheit der Lage deutlich. Die Israeliten haben erkannt, dass sie sich den Ammonitern stellen müssen. Doch ihre Versammlung allein genügt nicht, um als geordnetes Heer handeln zu können. Es braucht jemanden, dessen Führung von den beteiligten Männern anerkannt wird und der bereit ist, die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung auf sich zu nehmen. Der Text erklärt nicht, weshalb sich noch kein geeigneter Anführer gefunden hat. Ebenso wenig berichtet er, dass mehrere Männer bereits abgelehnt hätten. Er zeigt lediglich, dass die Führungsfrage nun im Mittelpunkt der Beratungen steht.

Bemerkenswert ist, wie die Verantwortlichen versuchen, diese Frage zu lösen. Sie beschließen, dass derjenige, der den Kampf gegen die Ammoniter beginnt, anschließend das Haupt aller Bewohner Gileads sein soll. Damit verbinden sie die militärische Aufgabe mit einer politischen Stellung. Der zukünftige Anführer soll nicht nur während der Schlacht Befehle erteilen dürfen. Ihm wird eine herausgehobene Stellung über die gesamte Gemeinschaft der Bewohner Gileads zugesagt.

Der Ausdruck „Haupt“ bezeichnet hier eine leitende Autorität. Er muss jedoch nicht bedeuten, dass der betreffende Mann automatisch zum König über ganz Israel gemacht werden sollte. Die Zusage ist ausdrücklich auf Gilead begrenzt. Ebenso wenig erklärt der Vers bereits, wie lange diese Stellung bestehen sollte oder welche einzelnen Befugnisse damit verbunden waren. Die führenden Männer bieten eine umfassende örtliche Leitungsstellung an, deren genaue Ausgestaltung erst im weiteren Verlauf der Geschichte deutlicher wird.

Darin liegt eine Besonderheit dieses Abschnitts. Die Israeliten hatten sich gerade wieder dem HERRN zugewandt. Nun suchen sie einen Menschen, der sie im bevorstehenden Kampf anführen soll. Beides muss kein Widerspruch sein. Auch in früheren Zeiten hatte Gott Menschen berufen und gebraucht, um Israel aus großer Bedrängnis zu retten. Mose führte das Volk aus Ägypten, Josua leitete es beim Einzug in das verheißene Land, und während der Richterzeit hatte Gott immer wieder einzelne Männer und Frauen für besondere Aufgaben eingesetzt. Das Vertrauen auf Gottes Hilfe schloss menschliche Verantwortung und geordnete Führung nicht grundsätzlich aus.

Allerdings wird in Richter 10,17–18 noch keine göttliche Berufung eines bestimmten Mannes beschrieben. Die Initiative zur Suche geht ausdrücklich von den Menschen Gileads aus. Der Erzähler berichtet weder von einem Propheten, der einen Anführer benennt, noch von einer unmittelbaren göttlichen Anweisung, wem sie die Führung übertragen sollen. Deshalb dürfen wir ihre Entscheidung nicht schon an dieser Stelle als ausdrücklichen Befehl Gottes darstellen. Erst die folgende Geschichte wird zeigen, wer diese Aufgabe übernimmt und wie sein Handeln im größeren Zusammenhang zu beurteilen ist.

Die Zusage einer herausgehobenen Stellung erinnert zugleich daran, dass militärische Führung und politische Macht in der Richterzeit eng miteinander verbunden sein konnten. Wer eine Gemeinschaft erfolgreich gegen ihre Feinde verteidigte, konnte dadurch besonderes Ansehen und weitreichenden Einfluss gewinnen. Die Männer Gileads machen diese Verbindung nun ausdrücklich zum Bestandteil ihres Angebots. Ob sie vor allem einen mutigen Kämpfer gewinnen, eine dauerhafte politische Ordnung schaffen oder die Bereitschaft zur Führung durch einen besonderen Anreiz fördern wollen, wird nicht erklärt. Sicher ist jedoch, dass sie die Aussicht auf Herrschaft über Gilead mit der Übernahme des militärischen Risikos verbinden.

Gerade nach der Geschichte Abimelechs muss eine solche Zusage sorgfältig betrachtet werden. Dort hatte ein Mann selbst nach Macht gegriffen und war bereit gewesen, dafür seine Brüder zu ermorden. In Richter 10 wird dagegen zunächst von einer Gemeinschaft berichtet, die angesichts einer äußeren Bedrohung einen Anführer sucht. Die Situationen unterscheiden sich grundlegend. Deshalb wäre es falsch, den noch unbekannten künftigen Anführer bereits mit Abimelech gleichzusetzen. Dennoch bleibt die Frage nach dem verantwortungsvollen Umgang mit Macht bedeutsam. Eine Führungsstellung kann dem Schutz einer Gemeinschaft dienen, aber auch zum Mittel persönlicher Interessen werden. Welche Haltung der Gesuchte mitbringen wird, ist an dieser Stelle noch offen.

Auffällig ist außerdem, dass die führenden Männer Gileads nicht nach einem Anführer für sämtliche Stämme Israels suchen. Obwohl die Ammoniter zuvor auch Gebiete westlich des Jordans angegriffen hatten, konzentriert sich ihre Beratung auf die Bewohner Gileads. Das entspricht den politischen Verhältnissen der Richterzeit, in der die einzelnen Stämme und Landschaften häufig eigenständig handelten. Eine gemeinsame königliche Regierung über ganz Israel bestand noch nicht. Die Männer Gileads versuchen deshalb zunächst, die Bedrohung ihrer eigenen Region zu bewältigen.

Das Kapitel endet mit dieser noch unbeantworteten Frage. Die Ammoniter haben ihre Streitmacht versammelt, und die Israeliten stehen ihnen gegenüber. Gottes Erbarmen mit seinem Volk ist zuvor ausdrücklich beschrieben worden, doch die konkrete Rettung steht weiterhin aus. Jetzt muss sich zeigen, wer die Verantwortung für den bevorstehenden Kampf übernehmen wird. Der Erzähler nennt den Namen dieses Mannes bewusst noch nicht. Stattdessen führt er den Leser an den Punkt, an dem die gesamte Gemeinschaft Gileads nach einer geeigneten Führungsperson sucht.

Die Antwort folgt unmittelbar zu Beginn des nächsten Kapitels. Dort begegnen wir Jeftah, einem tapferen Krieger aus Gilead, dessen persönliche Geschichte zunächst alles andere als eine selbstverständliche Berufung zum Anführer erwarten lässt. Seine familiäre Herkunft, seine Vertreibung durch die eigenen Brüder und sein Leben außerhalb der Heimat werden erklären, weshalb die Suche der Ältesten eine überraschende Wendung nimmt. Zugleich wird sich dort zeigen, dass die Entscheidung über die Führung Israels weit mehr umfasst als die Auswahl eines erfahrenen Kämpfers.

So endet Richter 10 nicht mit einem Sieg, sondern mit einer offenen Entscheidung. Das Volk hat seine Schuld bekannt, die fremden Götter entfernt und sich wieder dem HERRN zugewandt. Dennoch muss es sich nun den tatsächlichen Herausforderungen seiner Lage stellen. Die Rückkehr zu Gott hat nicht sämtliche äußeren Schwierigkeiten augenblicklich beseitigt. Sie hat jedoch die Grundlage für einen neuen Weg geschaffen, auf dem Israel lernen muss, Gottes Hilfe zu suchen und zugleich verantwortungsvoll zu handeln. Wie dieser Weg weiterführt, wird die Geschichte Jeftahs zeigen.

Geistliche Kernbotschaft

Richter 10 zeigt, dass Gottes Treue weit über die wechselhafte Treue seines Volkes hinausreicht. Über viele Generationen hatte Israel seine Hilfe erfahren. Dennoch wandten sich die Menschen immer wieder fremden Göttern zu. Als die Folgen dieser Entscheidungen unerträglich wurden, suchten sie erneut beim HERRN Zuflucht. Doch diesmal begegnet Gott ihrem Hilferuf zunächst mit einer ernsten Zurückweisung. Er erinnert sie an seine früheren Rettungen und macht deutlich, dass ihre Beziehung zu ihm nicht allein darin bestehen kann, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen, solange sie in Not sind.

Damit führt das Kapitel zu einer grundlegenden Frage des Glaubens: Suchen wir Gott um seiner selbst willen, oder wenden wir uns nur dann an ihn, wenn wir etwas von ihm benötigen? Die Israeliten hatten zahlreiche Gottheiten verehrt, doch als ihre Feinde immer mächtiger wurden, konnten diese Götter ihnen nicht helfen. In ihrer Bedrängnis erinnerten sie sich an den HERRN. Ihr Hilferuf war ein erster Schritt, aber noch keine vollständige Antwort auf ihre Untreue.

Gottes ernste Worte zwingen das Volk, sich mit dem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen. Er lässt die wiederholte Abkehr nicht einfach unangesprochen, als hätte sie keine Bedeutung. Gerade darin zeigt sich, dass seine Beziehung zu Israel mehr umfasst als die gelegentliche Befreiung aus schwierigen Situationen. Gott hatte sein Volk aus Ägypten geführt und in einen Bund mit sich aufgenommen. Dieser Bund verlangte nicht nur Vertrauen in seine Macht, sondern auch Treue zu seinem Wort. Israel sollte lernen, dass der HERR nicht lediglich einer von mehreren möglichen Helfern war, sondern der Gott, dem sein ganzes Leben gehören sollte.

Der entscheidende Wendepunkt entsteht deshalb nicht schon beim ersten Schuldbekenntnis. Erst als die Israeliten die fremden Götter tatsächlich aus ihrer Mitte entfernen und wieder dem HERRN dienen, wird die Veränderung ihres Handelns sichtbar. Ihre Worte erhalten eine Entsprechung in ihrem Leben. Die Menschen begnügen sich nicht damit, ihre Fehler zu bedauern. Sie trennen sich von dem, was sie zuvor von Gott entfernt hatte.

Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Reue über die Folgen einer Entscheidung und wirklicher Umkehr. Wer nur unter den unangenehmen Auswirkungen seines Handelns leidet, kann sich wünschen, dass die Not endet, ohne die eigene Lebensweise verändern zu wollen. Aufrichtige Umkehr geht tiefer. Sie erkennt die Schuld an und ist bereit, den bisherigen Weg zu verlassen. Richter 10 zeigt diese Veränderung nicht durch eine lange Erklärung der inneren Gefühle Israels, sondern durch eine konkrete Handlung: Die fremden Götter werden beseitigt.

Besonders eindrücklich ist anschließend Gottes Reaktion. Nachdem er das Volk zunächst zurechtgewiesen hatte, beschreibt der Erzähler, wie sehr ihn dessen Elend bewegt. Der hebräische Ausdruck in Richter 10,16 lässt erkennen, dass Gott Israels Leiden nicht länger ertragen konnte. Diese Aussage verbindet seine Gerechtigkeit mit seinem Erbarmen. Er nimmt die Sünde ernst und bleibt doch nicht gleichgültig gegenüber dem Leid der Menschen, die sich wieder zu ihm wenden.

Dabei steht Gottes Barmherzigkeit nicht im Gegensatz zu seiner Heiligkeit. Gerade weil er gerecht ist, kann er die Untreue seines Volkes nicht für bedeutungslos erklären. Und gerade weil er barmherzig ist, bleibt die Geschichte nicht bei der Zurechtweisung stehen. Seine ernsten Worte sollen Israel zur Einsicht führen, nicht bloß in Verzweiflung zurücklassen.

Im Licht des Neuen Testaments führt diese Wahrheit zu Jesus Christus. Paulus erklärt, dass Gottes Güte den Menschen zur Buße leiten will (Römer 2,4). Auch Jesus beschreibt in seinem Gleichnis vom verlorenen Sohn einen Vater, der die Schuld seines Sohnes nicht schönredet, ihn bei seiner Rückkehr aber voller Erbarmen aufnimmt (Lukas 15,11–24). Diese Texte handeln nicht von denselben geschichtlichen Ereignissen wie Richter 10. Sie zeigen jedoch eine gemeinsame Grundlinie der biblischen Botschaft: Gottes Barmherzigkeit macht menschliche Schuld nicht bedeutungslos, sondern eröffnet dem Sünder einen Weg zurück.

Für Christen gewinnt diese Hoffnung durch das Werk Jesu ihre tiefste Grundlage. Die Versöhnung mit Gott beruht nicht darauf, dass Menschen ihre Fehler durch eigene Leistungen ungeschehen machen könnten. Christus hat sich für Sünder hingegeben, damit sie Vergebung und ein neues Leben empfangen können (Römer 5,6–11). Wirkliche Umkehr ist deshalb keine Möglichkeit, Gottes Gnade zu verdienen. Sie ist die notwendige Abkehr von einem Leben, das seiner Liebe und seinem Willen widerspricht.

Richter 10 endet allerdings nicht mit der vollständigen Befreiung Israels. Trotz der erneuten Hinwendung zu Gott stehen die feindlichen Heere weiterhin bereit. Das Volk muss sich auf eine schwierige Zukunft einstellen und nach einem Anführer suchen. Dieser offene Schluss erinnert daran, dass eine aufrichtige Umkehr nicht bedeutet, sämtliche Folgen früherer Entscheidungen würden augenblicklich verschwinden. Gottes Erbarmen ist bereits sichtbar geworden, doch die Geschichte der Rettung muss sich erst noch entfalten.

So verbindet dieses Kapitel eine ernste Warnung mit einer großen Hoffnung. Es warnt davor, Gottes Geduld als selbstverständliche Zustimmung zu unserem Verhalten zu verstehen. Zugleich zeigt es, dass der HERR Menschen nicht gleichgültig gegenübersteht, wenn sie ihre Schuld erkennen und sich wieder ihm zuwenden. Seine Heiligkeit ruft zur Umkehr, und seine Barmherzigkeit eröffnet die Hoffnung auf Wiederherstellung.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

1. Richter 2,11–19 – Das wiederkehrende Grundmuster der Richterzeit

Bereits zu Beginn des Richterbuches beschreibt der Erzähler, wie Israel immer wieder den HERRN verlässt und fremden Göttern dient. Gott gibt das Volk daraufhin seinen Feinden preis, erweckt jedoch Richter, durch die er es aus seiner Bedrängnis befreit.

Richter 10 greift dieses Grundmuster auf, erweitert es aber um eine wichtige Besonderheit. Gottes Antwort auf den Hilferuf fällt ungewöhnlich streng aus. Er erinnert Israel ausdrücklich daran, wie oft er ihm bereits geholfen hat, und verweigert zunächst die erneute Rettung.

Dadurch wird die zunehmende Schwere der wiederholten Untreue sichtbar. Die Rettungen der Vergangenheit hatten das Volk nicht zu bleibender Treue geführt. Richter 10 stellt deshalb besonders eindringlich die Frage, ob Israel diesmal wirklich bereit ist, seine Beziehung zum HERRN zu erneuern.

2. 5. Mose 30,1–10 – Die Rückkehr zum HERRN nach einer Zeit des Ungehorsams

Mose hatte Israel bereits vor dem Einzug in das verheißene Land davor gewarnt, dass Untreue schwerwiegende Folgen haben würde. Gleichzeitig kündigte er an, dass Gott sich seinem Volk wieder zuwenden werde, wenn es umkehrte und auf seine Stimme hörte.

Diese Worte bilden einen wichtigen Hintergrund für Richter 10. Die Israeliten erleben die Folgen ihres Ungehorsams und erkennen schließlich, dass sie zum HERRN zurückkehren müssen.

Allerdings darf die Verheißung aus 5. Mose 30 nicht vollständig mit der Situation in Richter 10 gleichgesetzt werden. Dort blickt Mose auch auf eine umfassendere zukünftige Wiederherstellung Israels. In Richter 10 geht es um eine bestimmte Bedrängnis während der Richterzeit. Gemeinsam ist beiden Texten jedoch der Grundgedanke, dass die Rückkehr zu Gott mehr umfasst als einen bloßen Wunsch nach besseren Lebensumständen.

3. 1. Samuel 7,3–4 – Die Entfernung fremder Götter als Ausdruck echter Umkehr

Samuel fordert die Israeliten später auf, sich mit ganzem Herzen zum HERRN zu wenden. Sie sollen die fremden Götter und Astarten aus ihrer Mitte entfernen und allein ihm dienen. Daraufhin berichtet der Text ausdrücklich, dass die Israeliten diese Götter beseitigen.

Die Verbindung zu Richter 10,16 ist besonders eng. In beiden Geschichten bleibt es nicht beim Eingeständnis einer falschen Entscheidung. Der Gottesdienst des Volkes verändert sich tatsächlich.

Daraus ergibt sich ein wichtiger Maßstab: Biblische Umkehr betrifft nicht allein die Worte eines Menschen, sondern auch seine Bereitschaft, das aufzugeben, was seiner Beziehung zu Gott entgegensteht. Die äußere Handlung ersetzt dabei nicht die innere Hinwendung. Sie kann jedoch sichtbar machen, dass das Bekenntnis ernst gemeint ist.

4. Psalm 106,43–46 – Gottes wiederholte Rettung und sein Erbarmen

Psalm 106 blickt auf die Geschichte Israels zurück und erinnert daran, wie oft Gott seinem Volk half, obwohl es wiederholt ungehorsam wurde. Der Psalm beschreibt, dass die Israeliten durch ihre eigenen Entscheidungen erniedrigt wurden, Gott aber ihr Schreien hörte und an seinen Bund dachte.

Damit bietet er eine besonders passende Ergänzung zu Richter 10. Beide Texte verbinden die wiederholte Untreue Israels mit Gottes anhaltender Barmherzigkeit.

Der Psalm macht außerdem deutlich, dass Gottes Erbarmen nicht auf einem Anspruch des Volkes beruht. Israel kann seine früheren Fehler nicht ungeschehen machen. Seine Hoffnung liegt vielmehr darin, dass Gott trotz menschlicher Untreue seinem eigenen Wesen und seinen Bundesverheißungen treu bleibt.

5. Hosea 11,1–9 – Gottes Heiligkeit und sein tiefes Erbarmen

In Hosea 11 erinnert Gott daran, wie er Israel von Anfang an geliebt und aus Ägypten gerufen hatte. Trotz seiner Fürsorge wandte sich das Volk immer wieder von ihm ab. Der Prophet beschreibt daraufhin Gottes Erbarmen mit besonders eindringlichen Worten.

Diese Stelle hilft, die ungewöhnliche Formulierung in Richter 10,16 besser einzuordnen. Dort wird berichtet, dass Gott das Elend Israels nicht länger ertragen konnte. Hosea zeigt ebenfalls einen Gott, dessen Gerechtigkeit und Erbarmen nicht voneinander getrennt werden dürfen.

Wichtig ist dabei, dass Hosea nicht dieselbe geschichtliche Situation behandelt. Seine Worte dürfen deshalb nicht benutzt werden, um ungenannte Einzelheiten in Richter 10 hineinzulesen. Sie bestätigen jedoch einen wesentlichen theologischen Zusammenhang: Gottes Antwort auf die Untreue seines Volkes lässt sich nicht allein mit Zorn beschreiben. Seine Liebe und sein Erbarmen gehören ebenso zu seinem offenbarten Wesen.

6. Lukas 15,11–24 – Die Rückkehr des verlorenen Sohnes

Jesus erzählt von einem Sohn, der das Haus seines Vaters verlässt und sein Erbe verschwendet. Erst als er in große Not gerät, erkennt er seine Situation und beschließt zurückzukehren. Er bekennt seine Schuld, während der Vater ihm mit Erbarmen begegnet.

Die Geschichte erinnert in mehreren Punkten an Richter 10. Auch Israel hat sich von demjenigen abgewandt, der ihm bisher Gutes erwiesen hatte. Erst in der Not erkennt das Volk seine Schuld und kehrt zurück.

Trotz dieser Ähnlichkeit bestehen Unterschiede. Das Gleichnis Jesu handelt von der persönlichen Rückkehr eines Sohnes und der Freude seines Vaters. Richter 10 beschreibt eine gemeinschaftliche Umkehr innerhalb einer konkreten geschichtlichen Bedrängnis. Beide Texte dürfen deshalb nicht vollständig ineinander übertragen werden.

Gemeinsam ist ihnen jedoch die Hoffnung, dass Schuld nicht das letzte Wort behalten muss. Der Weg zurück beginnt dort, wo ein Mensch aufhört, sich selbst zu rechtfertigen, und seine Schuld vor Gott anerkennt.

7. 2. Korinther 7,9–11 – Betrübnis über die Folgen oder Betrübnis zur Umkehr?

Paulus unterscheidet zwischen einer Betrübnis, die nach Gottes Willen zur Buße führt, und einer weltlichen Betrübnis, die keine solche Veränderung hervorbringt.

Diese Unterscheidung hilft, den Verlauf von Richter 10 genauer zu verstehen. Zunächst bekennen die Israeliten ihre Schuld. Doch erst nachdem sie Gottes ernste Antwort gehört haben, entfernen sie tatsächlich die fremden Götter.

Der Text aus dem Korintherbrief liefert keine direkte Erklärung der inneren Gefühle jedes einzelnen Israeliten. Er macht aber verständlich, weshalb eine bloße Klage über die eigene Not noch nicht mit vollständiger Umkehr gleichgesetzt werden darf.

Wirkliche Reue zeigt sich daran, dass ein Mensch bereit wird, mit dem bisherigen Unrecht zu brechen und seinen Lebensweg neu an Gottes Willen auszurichten.

Wichtige Lektionen

1. Ein langjähriger treuer Dienst kann wertvoll sein, auch wenn kaum jemand davon erzählt

Tola und Jair werden nur in wenigen Versen beschrieben. Dennoch richteten sie Israel zusammen fünfundvierzig Jahre lang.

Nicht jeder Dienst für Gott ist mit außergewöhnlichen Ereignissen oder öffentlicher Anerkennung verbunden. Manche Menschen tragen über lange Zeit Verantwortung, helfen anderen und sorgen für Beständigkeit, ohne dass ihre Arbeit weithin bekannt wird.

Der Wert eines solchen Dienstes hängt nicht davon ab, wie ausführlich darüber berichtet wird. Entscheidend ist, ob die anvertraute Verantwortung treu wahrgenommen wird. Dabei müssen wir offenlassen, welche persönlichen Eigenschaften Tola und Jair im Einzelnen besaßen, denn der Bibeltext beschreibt sie nicht ausführlich.

2. Frühere Erfahrungen mit Gott ersetzen keine gegenwärtige Treue

Israel konnte auf eine lange Geschichte göttlicher Rettungen zurückblicken. Dennoch entschied sich das Volk wiederholt dafür, andere Götter zu verehren.

Auch Menschen, die Gottes Hilfe bereits erfahren haben, müssen ihre Beziehung zu ihm bewusst pflegen. Frühere Glaubenserfahrungen können ermutigen und das Vertrauen stärken. Sie machen eine gegenwärtige Entscheidung für Gottes Willen jedoch nicht überflüssig.

Der Glaube lebt nicht allein von dem, was Gott in der Vergangenheit getan hat. Er zeigt sich auch darin, wem wir heute vertrauen und wie wir unser Leben ausrichten.

3. Nicht alles, was Sicherheit verspricht, kann uns tatsächlich tragen

Die Israeliten übernahmen die religiösen Vorstellungen verschiedener Nachbarvölker. Doch als sie in große Not gerieten, boten ihnen diese Gottheiten keine Rettung.

Für uns bedeutet das nicht, dass jeder Besitz oder jede menschliche Hilfe grundsätzlich falsch wäre. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, worauf wir unser letztes Vertrauen setzen.

Geld, gesellschaftliche Stellung und menschlicher Einfluss können in bestimmten Lebensbereichen nützlich sein. Sie können aber nicht Gottes Platz einnehmen. Wo ein Mensch von vergänglichen Dingen erwartet, was letztlich nur Gott schenken kann, wird seine Hoffnung auf eine unsichere Grundlage gestellt.

4. Ein Schuldbekenntnis gewinnt Bedeutung durch die Bereitschaft zur Veränderung

Israel gibt zunächst zu, gegen Gott gesündigt zu haben. Anschließend entfernt das Volk die fremden Götter und dient wieder dem HERRN.

Diese Reihenfolge erinnert daran, dass aufrichtige Umkehr nicht bei Worten stehen bleiben sollte. Wer erkennt, dass eine bestimmte Entscheidung falsch war, soll nach Möglichkeit auch die entsprechenden Konsequenzen ziehen.

Das kann bedeuten, eine schädliche Gewohnheit aufzugeben, begangenes Unrecht wiedergutzumachen oder einen eingeschlagenen Weg bewusst zu verlassen. Die konkrete Veränderung hängt von der jeweiligen Situation ab. Entscheidend ist die Bereitschaft, Gottes Willen nicht nur anzuerkennen, sondern ihm auch zu folgen.

5. Wir dürfen Gott um Hilfe bitten, ohne ihm unsere Bedingungen vorzuschreiben

Die Israeliten bekennen ihre Schuld und erklären schließlich, Gott möge mit ihnen tun, was in seinen Augen recht ist. Trotzdem bitten sie weiterhin um Befreiung.

Darin liegt eine wichtige Haltung des Gebets. Menschen dürfen Gott ihre Sorgen und Wünsche offen sagen. Sie müssen ihre Not nicht verbergen oder so tun, als wäre ihnen der Ausgang gleichgültig.

Zugleich gehört zum Vertrauen die Bereitschaft, Gottes Weisheit über die eigenen Vorstellungen zu stellen. Ein Gebet wird nicht dadurch aufrichtig, dass wir jede Hoffnung auf Veränderung aufgeben. Es gewinnt vielmehr an Tiefe, wenn wir unsere Hoffnung mit dem Vertrauen verbinden, dass Gottes Wille gut ist.

6. Gottes Zurechtweisung ist nicht automatisch das Ende seiner Barmherzigkeit

Gott beantwortet Israels Hilferuf zunächst mit einer ernsten Zurückweisung. Wenige Verse später erfahren wir, wie sehr ihn das Elend des Volkes bewegt.

Das Kapitel warnt uns davor, aus einer schweren Erfahrung vorschnell zu schließen, Gott habe uns endgültig verlassen. Allerdings dürfen wir auch nicht jedes persönliche Leid als eine solche göttliche Zurechtweisung deuten. Richter 10 enthält eine ausdrückliche Erklärung für die damalige Situation Israels, die nicht ohne Weiteres auf jedes menschliche Schicksal übertragen werden kann.

Was wir aus dem Kapitel lernen können, ist Gottes Bereitschaft, Menschen zur Umkehr zu rufen und ihnen mit Erbarmen zu begegnen. Seine Heiligkeit und seine Liebe dürfen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden.

7. Eine aufrichtige Umkehr beseitigt nicht immer sofort alle Schwierigkeiten

Obwohl Israel sich wieder dem HERRN zuwendet, endet Richter 10 mit zwei versammelten Heeren und einer offenen Führungsfrage.

Auch im persönlichen Glaubensleben können Folgen früherer Entscheidungen bestehen bleiben, obwohl ein Mensch seine Schuld erkannt und Gottes Vergebung gesucht hat. Verlorenes Vertrauen muss möglicherweise neu wachsen. Beschädigte Beziehungen brauchen Zeit. Manche äußeren Probleme lassen sich nicht unmittelbar beseitigen.

Das bedeutet nicht, dass die Umkehr wertlos gewesen wäre. Die Beziehung zu Gott kann erneuert werden, während die Bewältigung der bisherigen Folgen noch vor uns liegt.

8. Verantwortung erfordert Bereitschaft zum Handeln

Am Ende des Kapitels suchen die Männer Gileads jemanden, der im Kampf gegen die Ammoniter die Führung übernimmt.

Die Versammlung des Volkes allein reicht nicht aus. Eine schwierige Aufgabe muss tatsächlich übernommen werden. Die Männer stehen deshalb vor der Frage, wer bereit ist, Verantwortung zu tragen.

Auch heute genügt es nicht immer, ein Problem richtig zu erkennen. Manchmal braucht es Menschen, die bereit sind, vernünftig und verantwortungsbewusst zu handeln. Dabei soll Führung nicht zur eigenen Selbsterhöhung dienen, sondern dem Wohl der Menschen, für die jemand Verantwortung trägt.

9. Gottes Erbarmen führt uns nicht zur Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde, sondern zu Christus

Richter 10 zeigt einen Gott, der die Untreue seines Volkes ernst nimmt und dennoch von dessen Elend bewegt wird. Im Neuen Testament erfahren wir, wie Gott seine Gerechtigkeit und seine rettende Liebe durch Jesus Christus offenbart.

Jesus kam nicht, um Sünde als bedeutungslos zu erklären, sondern um Sünder zu retten. Durch seinen Tod und seine Auferstehung eröffnet er Menschen den Weg zur Versöhnung mit Gott. Wer ihm vertraut, darf deshalb auf Vergebung hoffen und zugleich lernen, sein Leben nach Gottes Willen auszurichten.

So führt die Geschichte Israels zu einer persönlichen Frage: Wenden wir uns Gott nur zu, wenn wir seine Hilfe dringend benötigen, oder möchten wir wirklich mit ihm leben?

Richter 10 lädt dazu ein, Gottes Treue nicht als Selbstverständlichkeit zu behandeln. Seine wiederholte Hilfe soll unser Vertrauen vertiefen, seine ernsten Worte sollen uns zur Selbstprüfung führen, und seine Barmherzigkeit soll uns ermutigen, mit unserer Schuld nicht vor ihm davonzulaufen. Wer zu Gott zurückkehrt, darf sich auf einen Herrn verlassen, der das Unrecht nicht verharmlost und dem das Elend seiner Menschen dennoch nicht gleichgültig ist.