Josua 4
Da nun das Volk ganz über den Jordan gegangen war, sprach der HERR zu Josua:
24 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Da nun das Volk ganz über den Jordan gegangen war, sprach der HERR zu Josua:
- 2 Nehmt euch zwölf Männer, aus jeglichem Stamm einen,
- 3 und gebietet ihnen und sprecht: Hebt auf aus dem Jordan zwölf Steine von dem Ort, da die Füße der Priester stillgestanden sind, und bringt sie mit euch hinüber, daß ihr sie in der Herberge laßt, da ihr diese Nacht herbergen werdet.
- 4 Da rief Josua die zwölf Männer, die er verordnet hatte aus den Kindern Israel, aus jeglichem Stamm einen,
- 5 und sprach zu ihnen: Geht hinüber vor die Lade des HERRN, eures Gottes, mitten in den Jordan und hebe ein jeglicher einen Stein auf seine Achsel, nach der Zahl der Stämme der Kinder Israel,
- 6 daß sie ein Zeichen seien unter euch. Wenn eure Kinder hernach ihre Väter fragen werden und sprechen: Was tun diese Steine da?
- 7 so sollt ihr ihnen sagen: Weil das Wasser des Jordans abgerissen ist vor der Lade des Bundes des HERRN, da sie durch den Jordan ging, sollen diese Steine den Kindern Israels ein ewiges Gedächtnis sein.
- 8 Da taten die Kinder Israel, wie ihnen Josua geboten hatte, und trugen zwölf Steine mitten aus dem Jordan, wie der HERR zu Josua gesagt hatte, nach der Zahl der Stämme der Kinder Israel, und brachten sie mit sich hinüber in die Herberge und ließen sie daselbst.
- 9 Und Josua richtete zwölf Steine auf mitten im Jordan, da die Füße der Priester gestanden waren, die die Lade des Bundes trugen; die sind noch daselbst bis auf diesen Tag.
- 10 Denn die Priester, die die Lade trugen, standen mitten im Jordan, bis daß alles ausgerichtet ward, was der HERR dem Josua geboten hatte. Und das Volk eilte und ging hinüber.
- 11 Da nun das Volk ganz hinübergegangen war, da ging die Lade des HERRN auch hinüber und die Priester vor dem Volk her.
- 12 Und die Rubeniter und Gaditer und der halbe Stamm Manasse gingen gerüstet vor den Kindern Israel her, wie Mose zu ihnen geredet hatte.
- 13 Bei vierzigtausend Gerüstete zum Heer gingen vor dem HERRN zum Streit auf das Gefilde Jerichos.
- 14 An dem Tage machte der HERR den Josua groß vor dem ganzen Israel; und sie fürchteten ihn, wie sie Mose fürchteten, sein Leben lang.
- 15 Und der HERR sprach zu Josua:
- 16 Gebiete den Priestern, die die Lade des Zeugnisses tragen, daß sie aus dem Jordan heraufsteigen.
- 17 Also gebot Josua den Priestern und sprach: Steigt herauf aus dem Jordan!
- 18 Und da die Priester, die die Lade des HERRN trugen, aus dem Jordan heraufstiegen und mit ihren Fußsohlen aufs Trockene traten, kam das Wasser des Jordans wieder an seine Stätte und floß wie zuvor an allen seinen Ufern.
- 19 Es war aber der zehnte Tag des ersten Monats, da das Volk aus dem Jordan heraufstieg; und lagerten sich in Gilgal, gegen Morgen vor der Stadt Jericho.
- 20 Und die zwölf Steine, die sie aus dem Jordan genommen hatten, richtete Josua auf zu Gilgal
- 21 und sprach zu den Kinder Israel: Wenn eure Kinder hernach ihre Väter fragen werden und sagen: Was sollen diese Steine?
- 22 So sollt ihr's ihnen kundtun und sagen: Israel ging trocken durch den Jordan,
- 23 da der HERR, euer Gott, das Wasser des Jordans austrocknete vor euch, bis ihr hinüberginget, gleichwie der HERR, euer Gott, tat in dem Schilfmeer, das er vor uns austrocknete, bis wir hindurchgingen,
- 24 auf daß alle Völker auf Erden die Hand des HERRN erkennen, wie mächtig sie ist, daß ihr den HERRN, euren Gott, fürchtet allezeit.
Kapitelüberblick
Nachdem Israel den Jordan auf trockenem Boden durchquert hat, ordnet Gott an, zwölf Steine aus dem Flussbett zu holen. Aus jedem Stamm wird ein Mann ausgewählt, der einen Stein von der Stelle mitnimmt, an der die Priester mit der Bundeslade gestanden haben. Die Steine sollen am neuen Lagerplatz aufgestellt werden und künftige Generationen daran erinnern, wie der HERR seinem Volk den Weg durch das Wasser geöffnet hat. Zusätzlich berichtet das Kapitel von zwölf Steinen, die Josua mitten im Jordan aufrichtet.
Während der Übergang abgeschlossen wird, bestätigt Gott Josua vor den Augen des gesamten Volkes als dessen berufenen Führer. Nachdem die Priester mit der Bundeslade den Fluss verlassen haben, kehrt das Wasser in sein ursprüngliches Bett zurück. Israel schlägt sein Lager in Gilgal bei Jericho auf, wo Josua die mitgebrachten Gedenksteine errichtet. Sie sollen den Kindern Israels von Gottes mächtigen Taten erzählen und zugleich bezeugen, dass seine Macht nicht auf ein einzelnes Volk begrenzt ist. So wird aus einem außergewöhnlichen Ereignis ein bleibendes Zeugnis für Gottes Treue, das auch kommenden Generationen Orientierung geben soll.
Einführung
Im alten Israel spielte die Weitergabe der eigenen Geschichte eine wichtige Rolle. Eltern sollten ihren Kindern nicht nur Gottes Gebote vermitteln, sondern ihnen auch erklären, weshalb sie dem HERRN vertrauten und welche Taten er für ihr Volk vollbracht hatte. Diese Verantwortung war bereits beim ersten Passah ausdrücklich hervorgehoben worden. Wenn Kinder später nach der Bedeutung des Festes fragten, sollten ihre Eltern ihnen von der Befreiung aus Ägypten erzählen (2. Mose 12,26–27). Auf diese Weise sollte die Erinnerung an Gottes Handeln nicht mit den Menschen verschwinden, die es selbst erlebt hatten.
Auch sichtbare Erinnerungszeichen waren den Israeliten aus ihrer bisherigen Geschichte vertraut. Jakob hatte beispielsweise einen Stein aufgerichtet, nachdem Gott ihm in Bethel erschienen war (1. Mose 28,18–22). Später errichteten Jakob und Laban einen Steinhaufen als Zeugnis ihrer Vereinbarung (1. Mose 31,44–48). Solche Zeichen besaßen nicht aus sich heraus eine besondere Macht. Ihre Bedeutung entstand durch das Ereignis oder die Verpflichtung, an die sie erinnern sollten. Wer ihnen später begegnete, konnte nach ihrem Ursprung fragen und dadurch erfahren, weshalb sie an diesem Ort aufgestellt worden waren.
Für Israel begann westlich des Jordan ein neuer Abschnitt seiner Geschichte. Die lange Wanderung durch die Wüste lag hinter dem Volk, doch die Einnahme des verheißenen Landes stand noch bevor. Die Israeliten mussten sich nun in einer Umgebung zurechtfinden, die von anderen Völkern bewohnt wurde und in der befestigte Städte, bestehende Herrschaftsverhältnisse und unbekannte Herausforderungen auf sie warteten. Jericho lag in unmittelbarer Nähe ihres neuen Lagerplatzes. Noch war die Stadt nicht eingenommen, und über den weiteren Verlauf der Landnahme konnte das Volk aus eigener Erfahrung wenig wissen.
Gerade in dieser Übergangszeit erhielt die Erinnerung an Gottes frühere Führung eine besondere Bedeutung. Die Generation, die das verheißene Land betrat, sollte ihren Nachkommen erklären können, weshalb Israel sich auf den HERRN verlassen durfte. Dazu gehörte auch der Zusammenhang zwischen dem Auszug aus Ägypten und dem Eintritt in Kanaan. Beide Ereignisse bildeten entscheidende Stationen auf dem Weg, den Gott seinem Volk seit den Tagen der Erzväter verheißen hatte.
Die folgende Erzählung zeigt deshalb nicht nur, wie Israel seine ersten Schritte westlich des Jordan ordnete. Sie macht auch deutlich, wie ein einmaliges Ereignis Teil des gemeinsamen Gedächtnisses eines Volkes werden konnte. Was die Menschen an diesem Tag erlebt hatten, sollte nicht allein in ihrer persönlichen Erinnerung bleiben, sondern seinen Platz in der Geschichte finden, die sie ihren Kindern und deren Nachkommen weitererzählten.
Josua 4,1–5
Gott befiehlt, zwölf Gedenksteine aus dem Jordan zu holen
Nachdem das gesamte Volk den Jordan durchquert hat, beginnt ein weiterer wichtiger Teil des göttlichen Auftrags. Die Israeliten haben das westliche Ufer erreicht, während die Priester mit der Bundeslade noch immer mitten im trockenen Flussbett stehen. Das Wasser ist weiterhin aufgehalten, und der Weg durch den Jordan bleibt geöffnet. In diesem besonderen Augenblick spricht der HERR erneut zu Josua. Er befiehlt ihm, zwölf Männer aus dem Volk auszuwählen, aus jedem Stamm einen. Diese Männer sollen in den Jordan zurückgehen und dort zwölf Steine aufnehmen. Damit wird deutlich, dass Gottes Handeln nicht mit der sicheren Überquerung des Flusses endet. Noch bevor das Wasser wieder seinen gewöhnlichen Lauf nimmt, soll etwas geschehen, das die Erinnerung an diesen Tag für kommende Generationen bewahrt.
Die zeitliche Einordnung verdient besondere Aufmerksamkeit. Vers 1 beginnt mit der Feststellung, dass das ganze Volk den Jordan vollständig durchquert hatte. Erst danach wird der göttliche Auftrag zur Entnahme der Steine beschrieben. Das bedeutet jedoch nicht, dass auch die Priester bereits das Flussbett verlassen haben. Nach Josua 3,17 sollten sie mit der Bundeslade dort stehen bleiben, bis der Übergang abgeschlossen war. Josua 4,10 und 4,18 zeigen, dass ihr endgültiger Aufbruch erst später erfolgt. Die Erzählung unterscheidet somit zwischen dem Übergang des Volkes und der abschließenden Bewegung der Priester. Dieser Unterschied ist entscheidend, weil die zwölf Männer ihre Steine genau von der Stelle holen sollen, an der die Priester mit der Bundeslade stehen geblieben sind. Der geöffnete Durchgang wird also noch einmal für eine Aufgabe genutzt, die nicht unmittelbar der Überquerung dient.
Die Anweisung, aus jedem Stamm einen Mann zu bestimmen, greift einen Gedanken auf, der in der Geschichte Israels immer wieder begegnet. Bei besonderen gemeinsamen Aufgaben werden die einzelnen Stämme durch ausgewählte Männer vertreten. Bereits Mose hatte zwölf Kundschafter ausgesandt, die das Land Kanaan erkunden sollten (4. Mose 13,1–16). Später wurden auch bei der Verteilung des Landes bestimmte Männer als Vertreter ihrer Stämme eingesetzt (4. Mose 34,16–29). Die zwölf Männer am Jordan haben allerdings einen anderen Auftrag. Sie sollen weder das Land erkunden noch eine Entscheidung über seine Verteilung treffen. Ihre Aufgabe besteht darin, Steine aus dem Flussbett zu holen, die später an Gottes Eingreifen erinnern sollen. Die Zahl zwölf macht dabei deutlich, dass das Erinnerungszeichen nicht nur einem einzelnen Stamm gehört. Es steht für Israel als Gemeinschaft.
Hier ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Die Bibel spricht häufig von den zwölf Stämmen Israels, obwohl die Zuordnung einzelner Stammesgebiete besondere Regelungen kennt. Levi erhielt kein gewöhnliches zusammenhängendes Stammesgebiet wie die übrigen Stämme, während die Nachkommen Josephs durch Ephraim und Manasse in der Landverteilung besonders berücksichtigt wurden. Aus Josua 4,2 lässt sich jedoch nicht genau bestimmen, welche einzelne Person jeden Stamm vertrat. Der Text nennt keine Namen und erklärt auch nicht, nach welchem Verfahren die Männer ausgewählt wurden. Entscheidend ist die ausdrückliche Anordnung, dass jeder Stamm durch einen Mann vertreten sein soll. So wird aus der Aufgabe einzelner Männer ein gemeinsames Zeichen für das ganze Volk.
In Vers 3 wird der Auftrag genauer beschrieben. Die Männer sollen zwölf Steine aus der Mitte des Jordan nehmen, und zwar von dem Ort, an dem die Füße der Priester fest gestanden haben. Diese Ortsangabe ist nicht nebensächlich. Die Steine stammen unmittelbar aus dem Bereich, an dem sich die Bundeslade während des Wunders befand. Wer sie später betrachtet, soll dadurch an den Durchzug durch den Fluss erinnert werden. Die Erinnerung erhält einen konkreten Bezug zu dem Ort, an dem Israel Gottes Macht erfahren hat. Die Steine sind keine beliebigen Gegenstände, die erst nach dem Ereignis irgendwo gesammelt werden. Sie werden aus dem Flussbett selbst herausgenommen, während der Durchgang noch geöffnet ist.
Die Formulierung über die fest stehenden Füße der Priester greift zugleich den Abschluss von Josua 3 auf. Dort hatte der Bericht hervorgehoben, dass die Männer mit der Bundeslade auf trockenem Boden mitten im Jordan stehen geblieben waren, während die Israeliten vorüberzogen. Jetzt wird diese Stelle erneut genannt, weil sie zum Ausgangspunkt des Erinnerungszeichens werden soll. Das verleiht dem Ort eine besondere geschichtliche Bedeutung, ohne dass die Steine selbst dadurch zu heiligen Gegenständen mit eigener Macht würden. Nicht das Gestein hat das Wasser aufgehalten, und nicht die Berührung mit dem Standort der Priester verleiht ihm eine übernatürliche Eigenschaft. Die Steine sollen vielmehr als sichtbare Zeugen an das erinnern, was Gott an diesem Ort getan hat.
Anschließend befiehlt der HERR, die Steine mitzunehmen und an dem Ort niederzulegen, an dem Israel die kommende Nacht verbringen wird. Der Lagerplatz wird an dieser Stelle noch nicht beim Namen genannt. Erst in Vers 19 erfahren wir, dass Israel sich in Gilgal niederlässt, und Vers 20 berichtet ausdrücklich, dass Josua dort die zwölf Steine aufrichtet. Damit verbindet der Auftrag den Ort des Wunders mit dem neuen Aufenthaltsort des Volkes. Die Erinnerung soll nicht im Flussbett zurückbleiben, wo sie nach der Rückkehr des Wassers möglicherweise verborgen wäre. Sie wird an einen Platz gebracht, den die Israeliten nach ihrer Ankunft im Land tatsächlich aufsuchen und an dem sie ihren Nachkommen erklären können, weshalb diese Steine dort liegen.
Dieser Gedanke ist besonders bedeutungsvoll, weil die Israeliten nicht dazu aufgefordert werden, das Wunder immer wieder selbst zu erleben. Gott eröffnet ihnen einmalig den Weg durch den Jordan. Anschließend sollen sie die Erinnerung daran bewahren und weitergeben. Die zwölf Steine dienen deshalb einem anderen Zweck als die Bundeslade. Die Lade steht in Verbindung mit Gottes Bund und seiner Gegenwart unter Israel. Die Steine dagegen sollen an ein bestimmtes geschichtliches Ereignis erinnern. Beide Gegenstände werden im selben Zusammenhang erwähnt, besitzen aber nicht dieselbe Aufgabe. Gerade diese Unterscheidung verhindert, dass aus dem Erinnerungszeichen eine neue Form der Verehrung eines Gegenstandes entsteht.
In Vers 4 führt Josua den göttlichen Auftrag aus, indem er die zwölf Männer zu sich ruft, die für diese Aufgabe bestimmt worden sind. Bereits in Josua 3,12 war die Auswahl von zwölf Männern angeordnet worden, ohne dass ihre spätere Aufgabe dort erklärt wurde. Nun erschließt sich der Zusammenhang. Die frühere Erwähnung war eine Vorbereitung auf den Augenblick, in dem die Steine aus dem Jordan geholt werden sollten. Der Bericht muss deshalb nicht so verstanden werden, als habe Josua dieselben zwölf Männer zweimal unabhängig voneinander ausgewählt. Er greift vielmehr die bereits angekündigte Auswahl auf und beschreibt jetzt, was die Männer konkret tun sollen.
Josua fordert sie in Vers 5 auf, sich vor die Bundeslade des HERRN in die Mitte des Jordan zu begeben und jeder einen Stein auf seine Schulter zu nehmen. Die Erwähnung der Schulter zeigt, dass die Steine nicht lediglich kleine Kiesel sein sollen, die mühelos in einer Hand getragen werden könnten. Es handelt sich um Gegenstände, die bewusst ausgewählt und auf dem Körper transportiert werden. Eine genaue Größe oder ein bestimmtes Gewicht nennt der Text jedoch nicht. Deshalb wäre es unbegründet, die Steine als gewaltige Felsblöcke zu beschreiben oder ihre Maße festzulegen. Entscheidend ist, dass jeder Mann einen Stein trägt und dass die zwölf Steine gemeinsam die Zahl der Stämme Israels widerspiegeln.
Die Anweisung, in die Mitte des Jordan zu gehen, kann zunächst überraschen, weil Vers 1 bereits vom abgeschlossenen Übergang des Volkes gesprochen hat. Der Zusammenhang zeigt jedoch, dass die zwölf Männer einen besonderen Auftrag erhalten, während die Priester weiterhin im Flussbett stehen. Die Männer müssen sich zu der bezeichneten Stelle begeben, die Steine aufnehmen und sie zum Lagerplatz bringen. Ob sie zuvor bereits mit den übrigen Israeliten das westliche Ufer erreicht hatten und nun ein Stück zurückgingen, wird nicht ausdrücklich erklärt. Die Erzählung legt ihren Schwerpunkt nicht auf diese einzelnen Bewegungen, sondern auf die Erfüllung der Anweisung. Wichtig ist, dass die Steine noch aus dem trockenen Jordanbett geholt werden können, bevor das Wasser zurückkehrt.
Damit zeigt sich eine besondere Verbindung zwischen dem abgeschlossenen Wunder und der Verantwortung der Menschen, die es erlebt haben. Gott hat den Jordan geöffnet, aber die Israeliten sollen selbst dafür sorgen, dass ein sichtbares Zeichen dieser Rettung entsteht. Die zwölf Männer wirken nicht an der Ursache des Wunders mit. Ihre Aufgabe beginnt vielmehr dort, wo Gottes Handeln bereits offenbar geworden ist. Sie nehmen etwas aus dem Flussbett mit, das später von diesem Ereignis erzählen soll. So verbindet der Bericht Gottes außergewöhnliche Tat mit einer einfachen menschlichen Handlung, durch die die Erinnerung daran bewahrt wird.
Noch erklärt der Text nicht vollständig, wie die kommenden Generationen dieses Zeichen verstehen sollen. Die Männer haben zunächst nur den Auftrag erhalten, die Steine aufzunehmen und zum Lagerplatz zu bringen. Weshalb das Erinnerungszeichen notwendig ist und welche Botschaft es den Kindern Israels vermitteln soll, erläutert Josua unmittelbar anschließend. Dort wird deutlich, dass die Steine nicht bloß an einen bemerkenswerten Tag in der Geschichte des Volkes erinnern sollen. Sie sollen immer wieder Anlass geben, von dem Gott zu erzählen, der Israel durch den Jordan geführt und damit seine Verheißung erfüllt hat.
Josua 4,6–9
Ein Erinnerungszeichen für kommende Generationen
Nachdem Josua den zwölf Männern erklärt hat, welche Steine sie aus dem Jordan holen sollen, nennt er den eigentlichen Grund für diesen Auftrag. Die Steine sollen zu einem Zeichen unter den Israeliten werden. Ihre Bedeutung liegt also nicht allein darin, dass sie von einem außergewöhnlichen Ort stammen. Sie sollen eine Erinnerung bewahren und immer wieder Anlass geben, über das Handeln Gottes zu sprechen. Damit richtet sich der Blick der Erzählung über den gegenwärtigen Augenblick hinaus. Die Menschen, die den Jordan gerade durchquert haben, wissen aus eigener Erfahrung, was geschehen ist. Doch eines Tages werden ihre Kinder und Enkel an diesem Ort stehen, ohne das Wunder selbst erlebt zu haben. Für sie soll das Erinnerungszeichen eine Verbindung zu jener Geschichte herstellen, durch die Gott Israel in das verheißene Land geführt hat.
In Vers 6 beschreibt Josua eine Situation, die erst in der Zukunft eintreten wird. Kinder werden die Steine sehen und ihre Eltern fragen, was sie bedeuten. Diese Frage ist für den Auftrag von entscheidender Bedeutung. Gott lässt das Zeichen nicht errichten, damit die Menschen es lediglich betrachten und bewundern. Es soll Neugier wecken und ein Gespräch eröffnen. Ein Kind, das nach der Bedeutung der Steine fragt, erhält dadurch die Gelegenheit, etwas über die Geschichte seines Volkes und über Gottes Treue zu erfahren. Die Erinnerung soll also nicht stumm bleiben. Sie ist darauf angelegt, durch Worte erklärt und von einer Generation an die nächste weitergegeben zu werden.
Eine ähnliche Anordnung hatte Gott bereits beim ersten Passah gegeben. Als die Israeliten noch in Ägypten waren, wurden sie angewiesen, ihren Kindern später zu erklären, weshalb sie das Passah feierten. Die Antwort sollte an Gottes Gericht über Ägypten und an die Bewahrung der israelitischen Häuser erinnern (2. Mose 12,26–27). Auch in 2. Mose 13,14 wird eine zukünftige Frage der Kinder vorausgesetzt, die den Eltern Gelegenheit gibt, von der Befreiung aus Ägypten zu erzählen. Der Jordanübergang fügt sich in dieses Muster ein. Entscheidende Taten Gottes sollen nicht mit dem Tod ihrer unmittelbaren Zeugen in Vergessenheit geraten. Sie sollen zu einem festen Bestandteil dessen werden, was Israel über seine eigene Geschichte weiß und seinen Nachkommen vermittelt.
Dabei ist bemerkenswert, dass Gott die Bedeutung des Zeichens nicht dem freien Urteil späterer Generationen überlässt. Die Israeliten erhalten eine konkrete Erklärung, die sie ihren Kindern weitergeben sollen. In Vers 7 wird diese Antwort ausdrücklich genannt: Das Wasser des Jordan wurde vor der Bundeslade des HERRN abgeschnitten, als Israel den Fluss durchquerte. Die Steine erinnern demnach nicht allgemein an die Schönheit des Landes, an die Stärke des Volkes oder an die besondere Leistung seiner Anführer. Sie weisen auf ein bestimmtes Ereignis hin, bei dem Gott die Wassermassen zurückhielt und den Israeliten einen sicheren Weg eröffnete. Ihre Bedeutung ist deshalb von Anfang an mit einer geschichtlichen Aussage verbunden.
Die Erwähnung der Bundeslade gehört wesentlich zu dieser Erklärung. Während des Übergangs hatten die Priester sie in das Flussbett getragen und waren dort stehen geblieben, bis die Gemeinschaft hinübergezogen war. Die Bundeslade erinnerte Israel an den Bund mit seinem Gott und machte seine Führung auf besondere Weise sichtbar. Wenn Josua nun erklärt, dass das Wasser vor ihr zurückgewichen war, richtet er die Erinnerung erneut auf den HERRN, dessen Bundeslade sie war. Der Text schreibt dem Gegenstand keine selbstständige Macht zu. Die Priester konnten das Wasser nicht beherrschen, und auch die Lade war keine Kraftquelle, die unabhängig von Gott wirkte. Gerade weil die Steine von diesem Ereignis erzählen sollen, ist es wichtig, die sichtbaren Zeichen nicht mit dem Gott zu verwechseln, auf dessen Handeln sie hinweisen.
Am Ende von Vers 7 bezeichnet Josua die Steine als ein bleibendes Gedächtniszeichen für Israel. Die Formulierung betont, dass ihre Bedeutung nicht auf die nächsten Tage oder Jahre beschränkt sein soll. Auch nach vielen Generationen sollen die Israeliten erfahren können, weshalb ihre Vorfahren einst an dieser Stelle Steine aufrichteten. Damit verbindet sich eine Verantwortung, die über die Errichtung des Zeichens hinausgeht. Ein Denkmal kann zwar bestehen bleiben, doch ohne Menschen, die seine Bedeutung kennen und erklären, verliert es seinen eigentlichen Zweck. Die Steine sind deshalb nicht als Ersatz für die mündliche Weitergabe der Geschichte gedacht. Sie sollen diese vielmehr unterstützen, indem sie eine sichtbare Erinnerung schaffen, an die sich eine Erzählung anschließen kann.
Die Wendung von einem bleibenden oder ewigen Gedächtniszeichen muss in ihrem Zusammenhang verstanden werden. Sie bezeichnet die auf Dauer angelegte Erinnerung an Gottes Handeln. Daraus folgt nicht, dass die einzelnen Steine unter allen Umständen für immer unbeschädigt bleiben oder an ihrem ursprünglichen Ort sichtbar sein müssten. Der Text beschreibt ihren Auftrag und ihre Bedeutung für Israel, nicht ihre Unzerstörbarkeit. Ebenso wenig verleiht er ihnen eine besondere religiöse Kraft. Ihre Aufgabe besteht darin, Zeugnis abzulegen. Wer nach ihnen fragt, soll nicht erfahren, was diese Steine aus eigener Macht bewirken können, sondern was der HERR einst für sein Volk getan hat.
In Vers 8 berichtet der Verfasser, dass die zwölf Männer den Auftrag tatsächlich ausführen. Sie nehmen zwölf Steine aus dem Jordan, entsprechend der Zahl der Stämme Israels, und bringen sie zu dem Ort, an dem das Volk sein Lager aufschlägt. Der Bericht betont dabei mehrfach, dass sie so handeln, wie Gott es durch Josua angeordnet hatte. Diese Wiederholung unterstreicht die Übereinstimmung zwischen Gottes Weisung und ihrer Ausführung. Die Männer verändern die Aufgabe nicht nach eigenem Ermessen und bestimmen auch nicht selbst, welche Bedeutung die Steine später erhalten sollen. Sie erfüllen den Auftrag, der ihnen gegeben wurde, und tragen die Gegenstände aus dem Flussbett heraus.
Die Ausführung besitzt eine besondere gemeinschaftliche Bedeutung. Jeder der zwölf Männer übernimmt einen Stein, und gemeinsam bringen sie das vollständige Erinnerungszeichen zum Lagerplatz. Das Wunder war nicht die Erfahrung eines einzelnen Stammes gewesen. Israel hatte den Jordan als Volk durchquert, und die Zahl der Steine sollte diese gemeinsame Geschichte widerspiegeln. Dabei lässt sich aus dem Text nicht ableiten, dass jeder Stein eine besondere Eigenschaft oder einen eigenen Namen besaß. Die einzelnen Männer werden an dieser Stelle ebenfalls nicht namentlich genannt. Es geht nicht um ihre persönliche Auszeichnung, sondern um die gemeinsame Verantwortung, das Zeichen an seinen vorgesehenen Ort zu bringen.
Anschließend folgt in Vers 9 eine auffällige zusätzliche Nachricht. Josua richtet zwölf Steine mitten im Jordan auf, genau dort, wo die Füße der Priester gestanden hatten, die die Bundeslade trugen. Diese Aussage unterscheidet sich von dem zuvor beschriebenen Auftrag. Die zwölf Männer haben Steine aus dem Flussbett herausgenommen und zum Lagerplatz gebracht. Josua dagegen richtet Steine innerhalb des Jordan auf. Nach der naheliegenden Lesart berichtet der Text deshalb von zwei unterschiedlichen Steingruppen. Die einen werden aus dem Fluss herausgetragen und später in Gilgal aufgestellt, während die anderen an der Stelle bleiben, an der die Priester während des Übergangs gestanden hatten.
Diese Unterscheidung wird durch eine interessante Einzelheit der alten griechischen Bibelübersetzung unterstützt. Die Septuaginta spricht in Vers 9 ausdrücklich von weiteren beziehungsweise anderen zwölf Steinen. Im überlieferten hebräischen Text steht das Wort „andere“ jedoch nicht ausdrücklich. Deshalb kann die griechische Formulierung auch eine Verdeutlichung des Übersetzers darstellen. Manche Ausleger haben versucht, beide Angaben auf dieselben Steine zu beziehen, doch dafür muss der überlieferte Erzählablauf zusätzlich erklärt oder verändert werden. Die einfachste Lesart bleibt deshalb, dass Josua im Jordan ein weiteres Zeichen aufrichtet. Dennoch sollten die Unterschiede zwischen den alten Textfassungen nicht verschwiegen oder die Einzelheiten als vollständig geklärt dargestellt werden.
Eine Frage bleibt dabei offen: Welchen Zweck hatten die Steine, die im Jordan selbst aufgestellt wurden? Bei den Steinen, die zum Lagerplatz gebracht werden, erklärt Josua ausdrücklich, dass sie später die Fragen der Kinder beantworten sollen. Für die Steine im Fluss nennt Vers 9 dagegen keine eigene ausführliche Begründung. Ihre Lage an dem Ort, an dem die Priester gestanden hatten, verbindet sie unmittelbar mit dem Wunder. Deshalb liegt die Annahme nahe, dass auch sie an diesen besonderen Augenblick erinnern sollten. Der Text sagt jedoch nicht ausdrücklich, ob sie nach der Rückkehr des Wassers weiterhin sichtbar blieben, bei niedrigem Wasserstand zu erkennen waren oder dauerhaft unter der Wasseroberfläche lagen. Eine genaue bauliche Beschreibung fehlt ebenfalls. Es wäre daher unbegründet, ihre spätere Sichtbarkeit oder eine bestimmte symbolische Bedeutung als gesicherte Tatsache darzustellen.
Am Ende von Vers 9 fügt der Erzähler hinzu, dass die Steine im Jordan noch „bis auf diesen Tag“ dort seien. Diese Formulierung bezieht sich auf die Zeit, in der der Bericht verfasst beziehungsweise in seiner vorliegenden Form überliefert wurde. Sie macht deutlich, dass der Verfasser die Steine nicht nur als einen Gegenstand des vergangenen Ereignisses beschreibt, sondern ihre damalige Fortdauer hervorhebt. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass sie auch heute noch an derselben Stelle auffindbar sein müssten. Ebenso wenig erlaubt die Aussage eine sichere Identifizierung mit später entdeckten Steinanlagen im Jordantal. Solche Schlussfolgerungen würden archäologische Nachweise voraussetzen, die der Bibeltext selbst nicht liefert.
Die beiden Steingruppen verbinden nach der naheliegenden Auslegung zwei Orte miteinander. Die eine bleibt dort, wo das Volk Gottes außergewöhnliches Eingreifen erlebt hat. Die andere wird zu dem Lagerplatz gebracht, an dem Israel seine ersten Tage westlich des Jordan verbringt. So wird das Geschehen nicht allein mit dem Ort des Wunders verbunden, sondern auch mit dem neuen Abschnitt, der für Israel begonnen hat. Allerdings erklärt der Text nur für die herausgetragenen Steine ausdrücklich ihre Aufgabe als Erinnerungszeichen für kommende Generationen. Die weitergehende Bedeutung der Steine im Fluss muss deshalb als mögliche Folgerung gekennzeichnet bleiben.
Mit der Ausführung dieses Auftrags ist eine wichtige Grundlage für das spätere Gedenken geschaffen. Die Israeliten haben den geöffneten Jordan durchquert, und zwölf Männer haben die Steine zum Lagerplatz gebracht. Noch immer stehen die Priester mit der Bundeslade im Flussbett. Das Wasser ist weiterhin aufgehalten, und der außergewöhnliche Zustand dauert an, bis alle notwendigen Handlungen abgeschlossen sind. Erst anschließend wird die Bundeslade den Jordan verlassen. Die folgenden Verse richten den Blick deshalb wieder auf die Vollendung des Übergangs und zeigen zugleich, wie Gott an diesem Tag die Berufung Josuas vor den Augen Israels bestätigt.
Josua 4,10–14
Der Übergang wird vollendet und Josuas Führung bestätigt
Während die zwölf ausgewählten Männer die Steine aus dem Jordan holen, bleiben die Priester mit der Bundeslade weiterhin mitten im Flussbett stehen. Der Bericht kehrt damit zu dem Augenblick zurück, an dem Gottes außergewöhnliches Eingreifen noch immer sichtbar ist. Das Wasser ist aufgehalten, und der trockene Durchgang bleibt bestehen. Josua 4,10 betont ausdrücklich, dass die Priester ihre Stellung nicht verlassen, bevor alles ausgeführt worden ist, was der HERR durch Josua angeordnet hat. Damit wird deutlich, dass der Übergang nicht aus einzelnen, voneinander unabhängigen Handlungen besteht. Die Überquerung des Volkes, die Entnahme der Gedenksteine und das Ausharren der Priester gehören zu einem gemeinsamen Geschehen, das nach der von Gott gegebenen Ordnung zu Ende geführt werden soll.
Die Beharrlichkeit der Priester besitzt innerhalb dieser Erzählung eine besondere Bedeutung. Sie waren als Erste mit der Bundeslade in das Wasser getreten und hatten dort ausgeharrt, während die Israeliten auf trockenem Boden vorüberzogen. Nun bleiben sie noch immer an ihrem Platz, obwohl der größte Teil ihrer Aufgabe bereits erfüllt ist. Ihre Verantwortung endet nicht, sobald die ersten Menschen sicher am anderen Ufer angekommen sind. Sie müssen warten, bis auch die letzten Anweisungen ausgeführt worden sind. Der Text beschreibt nicht, wie schwer ihnen diese Aufgabe fiel oder welche Gedanken sie dabei bewegten. Er hebt vielmehr hervor, dass sie an der ihnen zugewiesenen Stelle stehen bleiben. Ihre Treue zeigt sich darin, dass sie den Auftrag nicht eigenmächtig abkürzen, sondern bis zu seinem Abschluss erfüllen.
In Vers 10 wird außerdem Mose erwähnt. Der Verfasser erklärt, dass alles entsprechend dem ausgeführt wurde, was Gott Josua aufgetragen hatte und was Mose Josua geboten hatte. Diese Verbindung ist bemerkenswert, weil Mose zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben war. Seine Anweisungen und die von Gott durch ihn geordnete Führung Israels hatten jedoch weiterhin Bedeutung. Bereits vor seinem Tod hatte Mose Josua vor dem Volk eingesetzt und ihn ermutigt, die ihm übertragene Aufgabe mutig zu erfüllen (5. Mose 31,7–8). Auch die Verpflichtung der ostjordanischen Stämme, ihre Brüder bei der Landnahme zu unterstützen, ging auf Anordnungen zurück, die Mose gegeben hatte. Der Jordanübergang vollzieht sich somit nicht als ein vollständiger Neuanfang, bei dem die frühere Geschichte Israels bedeutungslos geworden wäre. Vielmehr wird sichtbar, dass Josua den begonnenen Auftrag unter Gottes Führung fortsetzt.
Allerdings nennt Vers 10 nicht ausdrücklich eine bestimmte einzelne Anweisung Moses, die sämtliche Einzelheiten des Jordanübergangs bereits vorweggenommen hätte. Deshalb wäre es unbegründet zu behaupten, Mose habe Josua den genauen Ablauf des Wasserwunders, die Aufstellung der Priester oder die Entnahme der zwölf Steine schon zu Lebzeiten vollständig beschrieben. Der Text stellt vielmehr eine Verbindung zwischen Gottes gegenwärtigem Auftrag und der bereits durch Mose übermittelten Verantwortung Josuas her. Die besondere Bedeutung liegt in dieser Kontinuität. Der HERR, der einst durch Mose zu Israel gesprochen hatte, führt sein Volk nun durch Josua weiter. Die menschliche Leitung hat gewechselt, doch Gottes Wille und seine Treue bleiben dieselben.
Am Ende von Vers 10 erwähnt der Verfasser, dass das Volk eilig über den Jordan zieht. Diese kurze Bemerkung verdient Aufmerksamkeit, weil sie die Bewegung der Israeliten während des außergewöhnlichen Ereignisses beschreibt. Die Menschen bleiben nicht im trockenen Flussbett stehen, um den ungewöhnlichen Zustand des Jordan lange zu betrachten. Sie nutzen den geöffneten Durchgang, um das andere Ufer zu erreichen. Dabei muss die Eile nicht als Ausdruck von Panik verstanden werden. Der Text berichtet nicht, dass die Menschen fürchteten, das Wasser könne jeden Augenblick zurückkehren. Ebenso wenig erklärt er, dass die Priester sie zur Hast angetrieben hätten. Sicher ist lediglich, dass die Israeliten zügig hinüberziehen und den Übergang nicht unnötig hinauszögern.
Darin zeigt sich das Zusammenwirken verschiedener Aufgaben. Während die Priester mit der Bundeslade an ihrem Platz bleiben, bewegt sich das Volk durch den Jordan. Die zwölf Männer erfüllen ihren besonderen Auftrag mit den Gedenksteinen, und Josua trägt die Verantwortung dafür, dass die göttlichen Anweisungen ausgeführt werden. Nicht jeder Israelit übernimmt dieselbe Aufgabe, doch alle Handlungen dienen dem gemeinsamen Ziel. Das Volk soll den Jordan vollständig überqueren, während die Erinnerung an Gottes Eingreifen bewahrt wird. Der Bericht schildert damit eine Gemeinschaft, deren unterschiedliche Verantwortlichkeiten aufeinander abgestimmt sind. Der Erfolg des Übergangs wird jedoch nicht als Ergebnis menschlicher Organisation allein dargestellt. Entscheidend bleibt, dass Gott den Weg geöffnet hat und ihn so lange offen hält, bis sein Volk das andere Ufer erreicht hat.
In Vers 11 wird der Abschluss der Überquerung zusammenfassend beschrieben. Nachdem das gesamte Volk hinübergezogen ist, verlassen auch die Priester mit der Bundeslade den Jordan. Der Text sagt, dass sie vor den Augen des Volkes hinüberziehen. Die Reihenfolge ist bedeutsam: Zuerst erreicht die Gemeinschaft das andere Ufer, danach verlassen diejenigen den Fluss, die während des gesamten Übergangs mit der Bundeslade dort gestanden hatten. Die Lade, die Israel zuvor den Weg gewiesen hatte, kommt nun ebenfalls auf der westlichen Seite des Jordan an. Dadurch wird die Überquerung als gemeinsames Ereignis vollendet. Das Volk befindet sich nicht mehr auf der einen Seite des Flusses, während das Zeichen des Bundes Gottes auf der anderen zurückbleibt.
Diese Aussage steht in engem Zusammenhang mit den späteren Versen 15–18. Dort wird ausführlicher berichtet, wie Gott Josua anweist, die Priester aus dem Jordan heraufzurufen, und wie das Wasser anschließend in sein Flussbett zurückkehrt. Vers 11 ist deshalb am besten als eine zusammenfassende Vorwegnahme dieses Abschlusses zu verstehen. Die beiden Stellen beschreiben nicht zwei unterschiedliche Überquerungen der Priester. Vielmehr nennt der Verfasser zunächst das Ergebnis und schildert später die entscheidenden Einzelheiten. Diese Erzählweise begegnet auch an anderen Stellen der Bibel, wenn ein Ereignis zuerst zusammengefasst und anschließend genauer dargestellt wird. Wer beide Abschnitte miteinander verbindet, erkennt eine durchgehende Abfolge: Die Priester bleiben stehen, solange ihre Anwesenheit im Flussbett erforderlich ist, und verlassen den Jordan erst, nachdem der Auftrag erfüllt worden ist.
In Vers 12 richtet sich der Blick auf die Stämme Ruben und Gad sowie auf den halben Stamm Manasse. Diese Gruppen besaßen bereits Gebiete östlich des Jordan, die Israel unter Mose erhalten hatte. Ihre Geschichte war deshalb mit einer besonderen Verpflichtung verbunden. Als sie darum baten, sich in den eroberten Gebieten östlich des Flusses niederlassen zu dürfen, hatte Mose zugestimmt, jedoch unter der Bedingung, dass ihre kampffähigen Männer den übrigen Israeliten bei der Einnahme Kanaans helfen würden (4. Mose 32,20–32). Sie sollten ihre Brüder nicht allein in den Kampf ziehen lassen, während sie selbst bereits in ihrem neuen Besitz lebten. Diese Verpflichtung war ein wesentlicher Bestandteil der Vereinbarung, die Mose mit ihnen getroffen hatte.
Josua hatte die Männer dieser Stämme bereits vor dem Jordanübergang ausdrücklich an ihre Zusage erinnert (Josua 1,12–15). Damals hatten sie erklärt, dass sie seinen Anweisungen folgen wollten, wie sie zuvor Mose gefolgt waren. Nun berichtet Josua 4,12, dass sie tatsächlich bewaffnet vor den übrigen Israeliten hinüberziehen. Damit wird ihre frühere Zusage in eine konkrete Handlung umgesetzt. Sie verlassen die Gebiete, die ihnen bereits zugewiesen wurden, und beteiligen sich an der bevorstehenden Landnahme westlich des Jordan. Ihr Verhalten zeigt, dass eine eingegangene Verpflichtung nicht allein durch zustimmende Worte erfüllt ist. Sie wird erst dann wirklich eingehalten, wenn die Beteiligten entsprechend handeln.
Das ist besonders bemerkenswert, weil die ostjordanischen Stämme bereits eine eigene Heimat erhalten hatten. Sie hätten sich deshalb auf den Standpunkt stellen können, dass ihr persönlicher Landbesitz gesichert sei und die weiteren Kämpfe sie nicht mehr unmittelbar beträfen. Doch ihre Geschichte war weiterhin mit der Geschichte der übrigen Israeliten verbunden. Die Zusage an Mose verpflichtete sie, ihren Brüdern beizustehen, bis auch diese ihre Gebiete einnehmen konnten. Der Bericht zeigt damit, dass innerhalb des Volkes nicht jeder Stamm ausschließlich seine eigenen Interessen verfolgen durfte. Die gemeinsame Verantwortung bestand fort, auch wenn einzelne Gruppen bereits einen Teil ihres zukünftigen Besitzes erhalten hatten.
In Vers 13 nennt der Verfasser die Zahl von ungefähr vierzigtausend bewaffneten Männern, die zum Kampf bereit durch den Jordan ziehen. Diese Angabe darf nicht mit der gesamten Bevölkerung der drei ostjordanischen Stammesgruppen verwechselt werden. Ihre Familien, Herden und weitere Angehörige waren in den bereits zugewiesenen Gebieten zurückgeblieben. Auch lässt sich aus der Zahl nicht sicher bestimmen, wie viele zusätzliche kampffähige Männer dort verblieben, um die Menschen und ihren Besitz zu schützen. Der Text macht darüber keine näheren Angaben. Entscheidend ist, dass eine beträchtliche Streitmacht ihren Verpflichtungen nachkommt und bereitsteht, die übrigen Israeliten bei den bevorstehenden Auseinandersetzungen zu unterstützen.
Der Bericht erklärt, dass diese Männer vor dem HERRN zum Kampf in die Ebene von Jericho ziehen. Die Formulierung „vor dem HERRN“ begegnet bereits in den Anordnungen Moses für die ostjordanischen Stämme (4. Mose 32,20–22). Sie unterstreicht, dass ihre Verpflichtung nicht nur gegenüber anderen Menschen besteht, sondern im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott erfüllt wird. Der kommende Kampf ist innerhalb der biblischen Erzählung mit der Landverheißung verbunden, die der HERR Israel gegeben hatte. Dennoch bedeutet die Formulierung nicht, dass jede beliebige militärische Handlung dadurch automatisch Gottes Zustimmung besäße. Sie bezieht sich auf den besonderen Auftrag, den Israel in dieser geschichtlichen Situation erhalten hatte.
Die Ebene von Jericho bildet den nächsten Schauplatz der Ereignisse. Nachdem der Jordan überwunden ist, befindet sich Israel nun in unmittelbarer Nähe einer befestigten Stadt, deren Bewohner bereits von den mächtigen Taten Gottes gehört hatten. Die Kundschafter hatten berichtet, wie groß die Furcht innerhalb Jerichos war (Josua 2,9–11). Nun steht das Volk tatsächlich auf der westlichen Seite des Flusses. Die bewaffneten Männer sind bereit, den weiteren Weg anzutreten. Doch bevor die eigentliche Einnahme der Stadt beginnt, wird nochmals deutlich, weshalb Josuas Führung für Israel von besonderer Bedeutung ist. Gott hatte angekündigt, ihn vor den Augen des Volkes zu bestätigen. Jetzt berichtet der Verfasser ausdrücklich, dass diese Zusage in Erfüllung geht.
In Vers 14 heißt es, dass der HERR Josua an diesem Tag vor ganz Israel groß machte. Damit greift der Bericht die Verheißung aus Josua 3,7 auf. Gott hatte Josua angekündigt, dass das Volk erkennen werde, wie er mit ihm sei, so wie er zuvor mit Mose gewesen war. Der Jordanübergang ist nun zum sichtbaren Beweis dieser göttlichen Bestätigung geworden. Die Israeliten haben erlebt, dass Josua ihnen Gottes Anweisungen übermittelt hat und dass das angekündigte Wunder tatsächlich eingetroffen ist. Seine Führung erscheint dadurch nicht mehr lediglich als die Fortsetzung einer früheren Berufung, sondern wird durch Gottes Handeln öffentlich bestätigt.
Die Reaktion des Volkes wird mit einem hebräischen Wort beschrieben, das sowohl Furcht als auch ehrfürchtige Achtung ausdrücken kann. Im Zusammenhang mit Josuas Stellung als Führer geht es vor allem um den tiefen Respekt, den die Israeliten ihm entgegenbringen. Der Text erklärt, dass sie ihn achteten, wie sie zuvor Mose geachtet hatten. Dabei darf diese Aussage nicht so verstanden werden, als habe Josua nun eine unangreifbare Stellung erhalten oder als sei jede seiner späteren Entscheidungen automatisch richtig gewesen. Der Verfasser beschreibt die Anerkennung seiner von Gott bestätigten Berufung. Die Israeliten sollen wissen, dass der HERR mit Josua ist und dass sie seiner Führung bei den kommenden Aufgaben vertrauen können.
Besonders wichtig bleibt die Frage, von wem diese Anerkennung ausgeht. Josua wird nicht dadurch groß, dass er sich selbst erhöht oder seine Stellung gegenüber dem Volk durch eigene Machtdemonstrationen absichert. Der Text nennt ausdrücklich den HERRN als denjenigen, der ihn groß macht. Damit bleibt die menschliche Autorität an Gottes Handeln gebunden. Josuas Bedeutung besteht darin, dass Gott ihn für die Führung Israels berufen hat. Gerade darin ähnelt er Mose, dessen Stellung ebenfalls nicht auf einer selbst erworbenen göttlichen Macht beruhte, sondern auf dem Auftrag, den er vom HERRN empfangen hatte.
Mit dieser Bestätigung findet ein wichtiger Teil des Jordanübergangs seinen Abschluss. Das Volk hat den Fluss überquert, die zwölf Männer haben die Gedenksteine mitgenommen, und die ostjordanischen Stämme haben ihre Bereitschaft zur gemeinsamen Landnahme gezeigt. Zugleich ist Josuas Stellung als Führer vor der Gemeinschaft gefestigt worden. Noch aber steht die endgültige Rückkehr des Wassers aus. Die Priester haben ihren Platz im Jordan bis zum Abschluss des göttlichen Auftrags gehalten. In den folgenden Versen wird nun beschrieben, wie sie auf Gottes ausdrückliche Anweisung das Flussbett verlassen und der Jordan wieder seinen gewöhnlichen Lauf nimmt.
Josua 4,15–18
Die Priester verlassen den Jordan und das Wasser kehrt zurück
Nachdem der Übergang Israels vollendet und Josuas Führung vor dem Volk bestätigt worden ist, richtet der HERR erneut sein Wort an Josua. Die Priester stehen zu diesem Zeitpunkt noch immer mit der Bundeslade im trockenen Flussbett. Ihre Aufgabe hatte begonnen, als sie auf Gottes Anweisung in das Wasser des Jordan getreten waren. Nun soll sie auf ebenso geordnete Weise zu Ende geführt werden. Gott befiehlt Josua, den Priestern mitzuteilen, dass sie aus dem Jordan heraufsteigen sollen. Damit wird deutlich, dass nicht nur der Beginn des Wunders, sondern auch sein Abschluss unter Gottes Führung steht. Der außergewöhnliche Zustand des Flusses dauert nicht unbestimmt an, sondern endet zu dem Zeitpunkt, an dem das Volk seinen Übergang vollständig abgeschlossen hat und die Priester ihre Stellung verlassen dürfen.
In Vers 16 bezeichnet Gott die Bundeslade als die Lade des Zeugnisses. Diese Bezeichnung erinnert an die steinernen Gesetzestafeln, die nach Gottes Anweisung in der Bundeslade aufbewahrt wurden (2. Mose 25,16.21). Sie enthielten die Zehn Gebote, die Gott Israel am Sinai gegeben hatte. Das Wort „Zeugnis“ verweist in diesem Zusammenhang auf die verbindliche Offenbarung seines Willens und auf den Bund, den er mit seinem Volk geschlossen hatte. Wenn der Bericht die Bundeslade an anderen Stellen als Lade des Bundes bezeichnet, ist damit kein anderer Gegenstand gemeint. Beide Bezeichnungen heben unterschiedliche Aspekte derselben heiligen Lade hervor. Sie erinnert Israel sowohl an Gottes Bund als auch an die Weisungen, die zu diesem Bund gehören.
Gerade in diesem Augenblick besitzt die Erwähnung der Bundeslade eine besondere Bedeutung. Die Israeliten haben den Fluss nicht aufgrund einer eigenen außergewöhnlichen Fähigkeit überwunden. Auch Josua oder die Priester konnten das Wasser nicht durch persönliche Macht beherrschen. Die Lade, die während des gesamten Übergangs mitten im Jordan stand, war das sichtbare Zeichen der Bundesbeziehung zu dem Gott, der dieses Wunder angekündigt und ausgeführt hatte. Zugleich verhindert der Zusammenhang, dass ihr eine selbstständige göttliche Kraft zugeschrieben wird. Die Priester tragen sie, aber der HERR bestimmt, wann sie das Wasser betreten und wann sie es wieder verlassen sollen. Nicht die Lade entscheidet über das Geschehen, sondern Gott selbst.
In Vers 17 führt Josua den erhaltenen Befehl aus. Er fordert die Priester auf, aus dem Jordan heraufzusteigen. Der Bericht ist an dieser Stelle bewusst knapp. Josua fügt dem Auftrag keine eigenen Bedingungen hinzu und verlangt auch keine weiteren außergewöhnlichen Handlungen. Er gibt die Anweisung weiter, die er von Gott empfangen hat. Damit setzt sich die Ordnung fort, die bereits den Beginn des Jordanübergangs bestimmt hatte. Gott spricht zu Josua, Josua übermittelt seinen Befehl, und die Priester führen ihn aus. Diese wiederkehrende Abfolge macht die Verantwortung der Beteiligten deutlich, ohne ihre unterschiedlichen Aufgaben miteinander zu vermischen.
Besonders bemerkenswert ist der Unterschied zwischen dem Betreten und dem Verlassen des Flusses. Als die Priester zu Beginn des Wunders den Jordan erreichten, führte er Hochwasser. Erst als ihre Füße das Wasser berührten, wurde der Zufluss unterbrochen (Josua 3,15–16). Nun stehen sie auf trockenem Boden und erhalten den Auftrag, das Flussbett wieder zu verlassen. Zwischen diesen beiden Bewegungen liegt der vollständige Übergang des Volkes. Die Priester sind damit die Ersten, die auf Gottes Anweisung in das Wasser hineintreten, und die Letzten, die den geöffneten Durchgang verlassen. Ihre besondere Stellung verbindet den Anfang und den Abschluss des Wunders zu einem zusammenhängenden Ereignis.
Dabei ist wichtig, dass die Priester nicht selbst entscheiden, wann ihre Aufgabe beendet ist. Obwohl das Volk inzwischen das westliche Ufer erreicht hat, verlassen sie den Jordan erst, nachdem Gott den entsprechenden Befehl gegeben hat. Ihre Verantwortung bestand nicht nur darin, die Bundeslade an einen bestimmten Ort zu bringen. Sie mussten auch dort bleiben, solange ihre Anwesenheit für den vorgesehenen Ablauf erforderlich war. Der Bericht beschreibt keinen Streit darüber und erwähnt auch keine Ungeduld der Priester. Er stellt vielmehr fest, dass sie den erhaltenen Auftrag erfüllen. Ihr Verhalten zeigt, wie eng die Ausführung einer konkreten göttlichen Anweisung mit dem gesamten Geschehen verbunden ist.
In Vers 18 erreicht die Erzählung ihren entscheidenden Abschluss. Die Priester steigen mit der Bundeslade des HERRN aus dem Jordan herauf. Sobald ihre Fußsohlen wieder auf dem trockenen Ufer stehen, kehrt das Wasser in sein Flussbett zurück. Diese zeitliche Verbindung ist ebenso ausdrücklich wie beim Beginn des Wunders. Damals hatte das Wasser aufgehört zu fließen, als die Priester den Jordan betraten. Jetzt beginnt es wieder seinen gewöhnlichen Lauf, nachdem sie das Flussbett verlassen haben. Der Text stellt beide Ereignisse in einen unmittelbaren Zusammenhang mit Gottes vorherigen Anweisungen. Dadurch wird das Wunder nicht nur durch die ungewöhnliche Unterbrechung des Wasserlaufs gekennzeichnet, sondern auch durch den Zeitpunkt seiner Beendigung.
Die Beschreibung des zurückkehrenden Wassers verdient eine genaue Betrachtung. Der Jordan fließt wieder an seinem gewöhnlichen Ort und tritt wie zuvor über seine Ufer. Damit greift Vers 18 ausdrücklich die Verhältnisse auf, die bereits in Josua 3,15 beschrieben wurden. Das Hochwasser der Erntezeit ist nicht verschwunden. Der Fluss führt nach dem Ende des Wunders weiterhin große Wassermengen. Die Israeliten sind also nicht deshalb sicher hinübergelangt, weil der Jordan inzwischen dauerhaft ausgetrocknet wäre oder sein Wasserstand auf natürliche Weise erheblich abgenommen hätte. Der zuvor unterbrochene Zufluss setzt wieder ein, und der Fluss nimmt seine frühere Gestalt an.
Damit wird zugleich deutlich, dass Gott für Israel keinen dauerhaften Weg durch den Jordan geschaffen hat. Die Öffnung des Flusses diente einem bestimmten Auftrag und hatte einen klaren Anfang und ein klares Ende. Solange die Gemeinschaft den Durchgang benötigte und die angeordneten Handlungen im Flussbett ausgeführt wurden, blieb der Weg offen. Nachdem auch die Priester das andere Ufer erreicht hatten, kehrte das Wasser zurück. Der Text beschreibt damit eine zeitlich begrenzte Bewahrung in einer besonderen geschichtlichen Situation. Daraus folgt nicht, dass Gott jedes Hindernis im Leben eines Menschen auf dieselbe Weise beseitigen würde. Josua berichtet von einer konkreten göttlichen Verheißung an Israel und von ihrer Erfüllung beim Eintritt in das Land Kanaan.
Die Rückkehr des Wassers verstärkt außerdem die Verbindung zum Durchzug durch das Schilfmeer. Auch dort hatte Gott zunächst einen Weg durch das Wasser geöffnet und anschließend dessen Rückkehr bewirkt (2. Mose 14,21–29). Allerdings unterscheiden sich die geschichtlichen Umstände deutlich. Am Schilfmeer hatte die Rückkehr des Wassers zugleich das Gericht über das verfolgende ägyptische Heer gebracht. Am Jordan berichtet die Bibel dagegen nicht von einem feindlichen Heer, das im Fluss umkommt. Das Wasser kehrt zurück, nachdem Israel vollständig hindurchgezogen ist. Die Gemeinsamkeit liegt deshalb vor allem darin, dass Gott den Wasserlauf während eines entscheidenden Übergangs seines Volkes auf außergewöhnliche Weise beherrscht und den geöffneten Weg zu dem von ihm bestimmten Zeitpunkt wieder schließt.
Für die Israeliten besitzt dieser Augenblick eine besondere Aussagekraft. Sie stehen nun auf der westlichen Seite des Jordan, während hinter ihnen der Fluss wieder über seine Ufer tritt. Der Weg, auf dem sie gerade noch gegangen sind, ist nicht länger zugänglich. Das Volk kann erkennen, dass sein Übergang keine gewöhnliche Überquerung bei niedrigem Wasserstand gewesen ist. Der HERR hat ihm unter den damaligen Bedingungen einen Weg eröffnet, der ohne sein Eingreifen nicht zur Verfügung gestanden hätte. Dabei sollte aus der Rückkehr des Wassers nicht die Behauptung abgeleitet werden, Gott habe Israel dadurch ausdrücklich jede Möglichkeit genommen, jemals wieder auf die andere Seite zurückzukehren. Eine solche symbolische Erklärung enthält der Bibeltext nicht. Die Bedeutung liegt zunächst darin, dass der angekündigte Übergang vollständig gelungen und das außergewöhnliche Ereignis abgeschlossen ist.
Auch für Josuas Stellung innerhalb des Volkes wird die Vollendung des Wunders wichtig gewesen sein. Gott hatte angekündigt, dass die Israeliten erkennen sollten, wie er mit Josua sei, so wie er zuvor mit Mose gewesen war. Nun haben sie nicht nur erlebt, dass der Jordan auf Josuas Ankündigung hin zurückwich. Sie sehen auch, dass das Wasser nach der abschließenden göttlichen Anweisung wieder zurückkehrt. Damit bestätigt sich der Zusammenhang zwischen Gottes Wort, Josuas Auftrag und dem tatsächlichen Geschehen. Die Autorität Josuas wird nicht durch eine von Gott unabhängige Macht begründet, sondern durch seine Berufung und die Erfüllung dessen, was der HERR durch ihn angekündigt hat.
Mit Vers 18 ist der eigentliche Jordanübergang abgeschlossen. Alle vorgesehenen Beteiligten haben das westliche Ufer erreicht, die Bundeslade befindet sich wieder außerhalb des Flussbettes, und das Wasser hat seinen früheren Lauf aufgenommen. Das außergewöhnliche Ereignis ist damit Vergangenheit geworden. Doch genau hier setzt der nächste Teil der Erzählung an. Was die Israeliten erlebt haben, soll nicht mit dem Ende des Wunders in Vergessenheit geraten. Die zwölf aus dem Jordan mitgenommenen Steine warten noch darauf, an ihrem vorgesehenen Ort aufgerichtet zu werden. Im abschließenden Abschnitt des Kapitels berichtet Josua deshalb vom Lagerplatz Gilgal und erklärt, weshalb die Erinnerung an Gottes mächtige Taten nicht nur für Israel selbst, sondern auch für die Völker der Erde von Bedeutung ist.
Josua 4,19–24
Die Steine in Gilgal erinnern an Gottes mächtige Taten
Nachdem der Jordan wieder in seinem Flussbett strömt, nennt der Verfasser den Tag, an dem Israel das verheißene Land betreten hat. Es ist der zehnte Tag des ersten Monats. Mit dieser genauen Zeitangabe erhält der Übergang einen festen Platz innerhalb der Geschichte des Volkes. Was sich am Jordan ereignet hat, soll nicht nur als außergewöhnliches Wunder in Erinnerung bleiben, sondern auch als ein Ereignis, dessen Zeitpunkt und Ort festgehalten werden. Die Israeliten haben nun die westliche Seite des Flusses erreicht und befinden sich erstmals als Gemeinschaft in dem Land, das Gott ihren Vorfahren versprochen hatte. Der lange Weg durch die Wüste liegt hinter ihnen, doch vor ihnen beginnt ein neuer Abschnitt, in dem sich weitere Verheißungen erfüllen sollen.
Die Erwähnung des ersten Monats ist besonders bedeutsam, weil dieser Monat bereits beim Auszug aus Ägypten eine zentrale Rolle gespielt hatte. In 2. Mose 12,2 hatte Gott angeordnet, dass dieser Monat für Israel den Anfang der Monate bilden sollte. Am zehnten Tag sollte damals das Passahlamm ausgewählt werden, das am vierzehnten Tag geschlachtet werden sollte (2. Mose 12,3–6). Nun überschreitet Israel ausgerechnet am zehnten Tag des ersten Monats den Jordan. Wenige Tage später wird das Volk in Gilgal das Passah feiern, wie Josua 5,10 ausdrücklich berichtet. Damit stehen die Erinnerung an die Befreiung aus Ägypten und der Eintritt in das verheißene Land in einer bemerkenswerten zeitlichen Nähe. Der Bibeltext erklärt allerdings nicht ausdrücklich, dass der zehnte Tag wegen der früheren Auswahl des Passahlammes für den Jordanübergang bestimmt wurde. Die Übereinstimmung ist vorhanden, doch ihre genaue symbolische Absicht bleibt eine mögliche Deutung.
In Vers 19 erfahren wir außerdem, wo Israel nach dem Übergang sein Lager aufschlägt. Der Ort heißt Gilgal und befindet sich an der östlichen Grenze des Gebietes von Jericho. Damit liegt der erste Lagerplatz westlich des Jordan in unmittelbarer Nähe der Stadt, deren Bewohner bereits von den mächtigen Taten Gottes gehört hatten. Für die Israeliten ist Gilgal zunächst der Ort, an dem sie nach dem außergewöhnlichen Übergang zur Ruhe kommen und sich auf die kommenden Ereignisse vorbereiten können. Jericho ist noch nicht eingenommen, und die weiteren Herausforderungen der Landnahme liegen weiterhin vor ihnen. Dennoch ist mit der Ankunft in Gilgal ein entscheidender Schritt vollzogen. Israel steht nicht mehr jenseits des Flusses und wartet auf den Eintritt in das Land, sondern hat dessen östliche Grenze unter Gottes Führung überschritten.
Die genaue Lage des damaligen Gilgal lässt sich heute nicht zweifelsfrei bestimmen. Zwar nennt die Bibel seine Stellung östlich von Jericho, doch die archäologische Forschung hat bislang keinen Ort eindeutig als den Lagerplatz aus Josua 4 nachweisen können. Auch der Name selbst verlangt eine sorgfältige Einordnung. Das hebräische Wort Gilgal hängt sprachlich mit einem Wortstamm zusammen, der den Gedanken des Rollens oder Abwälzens ausdrückt. In Josua 5,9 wird der Name ausdrücklich mit Gottes Aussage verbunden, dass er die Schmach Ägyptens von Israel abgewälzt habe. Diese Erklärung gehört jedoch zum folgenden Kapitel und darf nicht unbemerkt an die Stelle dessen treten, was Josua 4 tatsächlich berichtet. Hier wird Gilgal zunächst als der Ort vorgestellt, an dem die Israeliten ihr Lager aufschlagen und die aus dem Jordan mitgebrachten Steine aufrichten.
In Vers 20 nimmt Josua die zwölf Steine, die aus dem Flussbett geholt worden waren, und richtet sie in Gilgal auf. Damit findet der Auftrag aus den ersten Versen des Kapitels seine endgültige Erfüllung. Die ausgewählten Männer hatten die Steine aus dem Jordan getragen, während die Priester mit der Bundeslade noch im Fluss standen. Nun erhalten sie ihren vorgesehenen Platz. Der Bericht beschreibt nicht, ob Josua die Steine zu einem Haufen zusammenlegte, sie nebeneinander aufstellte oder in einer bestimmten Form anordnete. Ebenso wenig nennt er ihre Größe oder die genaue Stelle innerhalb des Lagerplatzes. Deshalb lässt sich aus dem Wortlaut kein bestimmtes Bauwerk rekonstruieren. Entscheidend ist, dass die zwölf Steine gemeinsam ein sichtbares Erinnerungszeichen bilden, das Israel an Gottes außergewöhnliches Handeln am Jordan erinnern soll.
Gerade die schlichte Beschaffenheit dieses Zeichens verdient Beachtung. Gott lässt kein kostbares Denkmal aus Gold oder Silber errichten. Die Israeliten verwenden gewöhnliche Steine, die sie aus dem Flussbett mitgenommen haben. Ihr Wert liegt nicht in ihrem Material, sondern in ihrer Herkunft und in der Geschichte, die mit ihnen verbunden ist. Sie erinnern an einen Ort, an dem die Menschen trockenen Fußes durch einen angeschwollenen Fluss gehen konnten, weil Gott ihnen den Weg geöffnet hatte. Dadurch wird etwas sichtbar, das auch für andere Erinnerungszeichen der Bibel gilt: Ein gewöhnlicher Gegenstand kann eine große Bedeutung erhalten, wenn er mit einem besonderen Ereignis verbunden ist. Diese Bedeutung macht den Gegenstand jedoch nicht selbst zu einer göttlichen Macht. Die Steine sollen nicht verehrt werden, sondern von dem Gott erzählen, der Israel geholfen hat.
In Vers 21 wendet sich Josua erneut an die Israeliten und erklärt, wie sie mit diesem Erinnerungszeichen umgehen sollen. Wenn ihre Kinder eines Tages fragen, was die Steine bedeuten, sollen sie ihnen den Grund dafür mitteilen. Diese Anweisung war bereits in den Versen 6 und 7 angesprochen worden. Nun wird sie am tatsächlichen Aufstellungsort nochmals aufgegriffen und in eine klare Verpflichtung gegenüber dem Volk gefasst. Die Wiederholung ist deshalb nicht bloß eine erneute Erklärung derselben Einzelheit. Zunächst hatte Josua den ausgewählten Männern den Zweck ihres Auftrags erläutert. Jetzt, nachdem die Steine in Gilgal stehen, wird die Verantwortung für ihre Bedeutung ausdrücklich der gesamten Gemeinschaft übertragen. Nicht nur die zwölf Männer sollen wissen, weshalb sie die Steine mitgebracht haben. Alle Israeliten sollen die Geschichte kennen und ihren Nachkommen erklären können.
Dabei fällt auf, dass Josua nicht verlangt, den Kindern lediglich zu sagen, dass ihre Vorfahren einmal etwas Außergewöhnliches erlebt hätten. In Vers 22 gibt er ihnen eine konkrete Aussage mit: Israel ist auf trockenem Boden durch den Jordan gezogen. Diese einfache Erklärung führt unmittelbar zum entscheidenden Ereignis zurück. Die Kinder sollen erfahren, dass der Fluss nicht durch menschliche Anstrengung überwunden wurde und dass Israel auch nicht nur eine günstige Gelegenheit mit ungewöhnlich niedrigem Wasserstand genutzt hatte. Der Bibeltext hatte ausdrücklich berichtet, dass der Jordan zur Erntezeit über seine Ufer trat. Gerade vor diesem Hintergrund gewinnt die Aussage vom trockenen Durchgang ihre Bedeutung. Die Steine verweisen auf einen Weg, den Gott seinem Volk mitten durch das Wasser eröffnet hatte.
Interessant ist auch, dass die Antwort ausdrücklich von Israel als Gemeinschaft spricht. Die kommenden Generationen werden nicht mehr zu den Menschen gehören, die damals persönlich durch den Jordan gingen. Trotzdem sollen sie dieses Ereignis als Teil ihrer eigenen Geschichte verstehen. Die Erinnerung an Gottes Handeln verbindet die Menschen, die es erlebt haben, mit denen, die erst später geboren werden. Das bedeutet nicht, dass die jüngeren Generationen behaupten müssten, selbst körperlich anwesend gewesen zu sein. Vielmehr erkennen sie, dass die Geschichte ihres Volkes ihr eigenes Leben mitgeprägt hat. Die Landnahme, die göttlichen Verheißungen und die Ordnung des Bundes reichen über eine einzelne Generation hinaus. Deshalb soll auch die Erinnerung an den Jordanübergang nicht auf diejenigen beschränkt bleiben, die ihn mit eigenen Augen gesehen haben.
In Vers 23 erklärt Josua genauer, wer den trockenen Durchgang ermöglicht hat. Der HERR hatte das Wasser des Jordan vor Israel ausgetrocknet, bis das Volk hinübergezogen war. Anschließend stellt Josua eine ausdrückliche Verbindung zum Durchzug durch das Schilfmeer her. So wie Gott einst das Wasser des Meeres vor den Israeliten zurückgehalten hatte, hatte er nun auch den Jordan vor ihnen geöffnet. Diese Gegenüberstellung ist besonders wichtig, weil sie beide Ereignisse innerhalb derselben Geschichte göttlicher Führung miteinander verbindet. Der Auszug aus Ägypten und der Eintritt in das verheißene Land erscheinen dadurch nicht als voneinander unabhängige Wunder, sondern als entscheidende Stationen auf dem Weg, den Gott seinem Volk seit den Tagen der Erzväter zugesagt hatte.
Bei dieser Gegenüberstellung unterscheidet Josua sprachlich zwischen dem, was Gott für die gegenwärtige Generation am Jordan getan hat, und dem früheren Handeln Gottes am Schilfmeer. Der Jordan wurde vor ihnen geöffnet, während Josua vom Schilfmeer als dem Ereignis spricht, das Gott für „uns“ vollbracht hatte. Dieses „uns“ gehört zur gemeinsamen Geschichte Israels. Es bedeutet nicht, dass jeder einzelne Mensch, der jetzt in Gilgal steht, bereits beim Auszug aus Ägypten persönlich anwesend gewesen sein muss. Während der Wüstenwanderung war eine neue Generation herangewachsen. Dennoch blieb die Befreiung aus Ägypten die grundlegende Rettungsgeschichte des ganzen Volkes. Durch die Verbindung beider Ereignisse zeigt Josua, dass der HERR über die Generationen hinweg derselbe geblieben ist.
Die beiden Wunder besitzen zugleich unterschiedliche geschichtliche Aufgaben. Am Schilfmeer hatte Gott Israel aus der Bedrohung durch das ägyptische Heer gerettet. Der Durchzug bedeutete einen entscheidenden Schritt aus der bisherigen Knechtschaft hinaus. Am Jordan wird dagegen der Eintritt in das verheißene Land ermöglicht. Israel befindet sich nicht mehr auf der Flucht vor dem Pharao, sondern steht unmittelbar vor der Einnahme Kanaans. Doch in beiden Situationen begegnet das Volk einer Grenze, die es nicht aus eigener Kraft überwinden kann. Gott eröffnet jeweils einen Weg und führt seine Zusage weiter. Auf diese Weise wird der Jordanübergang zu einem Zeugnis dafür, dass die Befreiung aus Ägypten nicht das Ende seines Handelns gewesen war. Der Gott, der sein Volk herausgeführt hatte, brachte es nun auch in das Land hinein, das er ihm versprochen hatte.
In Vers 24 erreicht die Erklärung der Gedenksteine ihren eigentlichen Höhepunkt. Josua nennt zwei Ziele, die mit der Erinnerung an dieses Ereignis verbunden sind. Zunächst sollen alle Völker der Erde erkennen, wie mächtig die Hand des HERRN ist. Damit reicht die Bedeutung des Jordanübergangs über Israel hinaus. Gottes Macht soll nicht nur innerhalb seines eigenen Bundesvolkes bekannt sein, sondern auch den Menschen anderer Völker zum Zeugnis werden. Diese Aussage verbindet sich mit dem, was Rahab bereits über die Bewohner Jerichos berichtet hatte. Schon vor dem Übergang hatten Nachrichten über Gottes frühere Taten andere Menschen erreicht. Nun soll auch dieses neue Ereignis dazu beitragen, dass seine Macht über die Grenzen Israels hinaus erkannt wird.
Die Bezeichnung „Hand des HERRN“ ist dabei eine bildhafte Ausdrucksweise für Gottes wirksame Macht. Sie bedeutet nicht, dass der biblische Bericht an dieser Stelle eine körperliche Hand Gottes beschreibt, die sichtbar in den Fluss eingegriffen hätte. Vielmehr wird seine Fähigkeit hervorgehoben, in der Geschichte der Menschen zu handeln und Dinge zu bewirken, die außerhalb ihrer eigenen Möglichkeiten liegen. Eine ähnliche Formulierung begegnet bereits beim Auszug aus Ägypten, als Israel die große Macht erkannte, mit der der HERR an den Ägyptern gehandelt hatte (2. Mose 14,31). Auch hier soll das Geschehen dazu führen, dass Gottes Herrschaft und Macht anerkannt werden. Allerdings behauptet Josua 4 nicht, dass daraufhin tatsächlich alle Völker der Erde zum Glauben an den HERRN gelangen würden. Der Vers beschreibt den beabsichtigten Zeugnischarakter des Wunders, nicht die bereits vollzogene Bekehrung der gesamten Menschheit.
Das zweite Ziel richtet sich ausdrücklich an Israel selbst. Das Volk soll den HERRN, seinen Gott, allezeit fürchten. Diese Gottesfurcht darf nicht auf die Angst reduziert werden, die Menschen angesichts einer gefährlichen Macht empfinden können. Im Zusammenhang mit Gottes Bund umfasst sie ehrfürchtige Anerkennung seiner Autorität und die Bereitschaft, entsprechend seinem Willen zu leben. Israel soll sich nicht nur für einen kurzen Augenblick über das außergewöhnliche Wunder wundern. Die Erinnerung daran soll seine Haltung gegenüber Gott dauerhaft prägen. Wer erkannt hat, wie mächtig und treu der HERR handelt, soll ihm nicht gleichgültig begegnen. Die Gedenksteine dienen somit nicht allein dazu, vergangene Ereignisse zu bewahren, sondern auch dazu, das gegenwärtige und zukünftige Leben des Volkes an Gottes Wahrheit auszurichten.
Gerade darin liegt der tiefere Zusammenhang zwischen Erinnerung und Gehorsam. Eine Gemeinschaft kann von großen Taten Gottes erzählen und dennoch Gefahr laufen, ihre Bedeutung für das eigene Leben aus den Augen zu verlieren. Die Israeliten sollen deshalb nicht nur wissen, dass der Jordan einmal trocken geworden ist. Sie sollen verstehen, wer dieses Wunder vollbracht hat und welche Verantwortung daraus für ihr Verhältnis zum HERRN erwächst. Die Erinnerung soll sie zur Ehrfurcht führen und ihnen helfen, Gottes Führung auch bei den kommenden Herausforderungen ernst zu nehmen. Dabei begründet der Bericht keine Vorstellung, nach der ein äußerliches Denkmal den Glauben der späteren Generationen automatisch bewahren könnte. Das Zeichen verlangt nach einer Erklärung, und die Erklärung soll zu einer bewussten Antwort auf Gottes Handeln führen.
Mit diesen Worten schließt das vierte Kapitel des Josuabuches. Israel befindet sich nun westlich des Jordan, die Priester haben das Flussbett verlassen, und das Wasser strömt wieder in seinem gewöhnlichen Lauf. In Gilgal stehen zwölf Steine, die an den Tag erinnern sollen, an dem Gott seinem Volk einen Weg durch den Fluss eröffnet hat. Aus einem einmaligen Wunder ist damit ein bleibendes Zeugnis geworden. Die Menschen, die es erlebt haben, tragen die Verantwortung, seine Bedeutung an ihre Kinder weiterzugeben. Zugleich soll die Nachricht von Gottes mächtigen Taten auch über Israel hinausreichen. So verbindet das Kapitel die Erinnerung an die Vergangenheit mit der Verantwortung für kommende Generationen und mit dem Zeugnis von dem Gott, dessen Macht die ganze Erde umfasst.
Der weitere Weg Israels hat damit eine wichtige Grundlage erhalten. Die Gemeinschaft ist in das verheißene Land eingetreten und besitzt nun ein sichtbares Zeichen, das sie an Gottes Treue erinnert. Doch bevor sich das Volk der befestigten Stadt Jericho zuwendet, folgen weitere Ereignisse, durch die seine besondere Beziehung zum HERRN erneut in den Mittelpunkt gestellt wird. Davon berichtet Josua 5.
Geistliche Kernbotschaft
Gottes mächtige Taten sollen nicht in Vergessenheit geraten, wenn der Augenblick ihrer Erfüllung vorüber ist. Diese Wahrheit bildet den geistlichen Mittelpunkt von Josua 4. Israel hat den Jordan durchquert und steht nun auf der westlichen Seite des Flusses. Das Wunder ist geschehen, das Wasser kehrt zurück, und der weitere Weg in das verheißene Land liegt vor dem Volk. Doch bevor die Israeliten sich den nächsten Herausforderungen zuwenden, lässt Gott zwölf Steine aus dem Jordan holen und als Erinnerungszeichen aufrichten. Dadurch wird deutlich, dass sein Handeln nicht nur für den unmittelbaren Augenblick Bedeutung besitzt. Was die Menschen erlebt haben, soll auch dann noch von seiner Macht und Treue erzählen, wenn die Augenzeugen längst verstorben sind.
Besonders eindrücklich ist dabei, dass Gott selbst die Bewahrung dieser Erinnerung anordnet. Er überlässt es nicht dem Zufall, ob die Israeliten ihren Nachkommen eines Tages vom Jordanübergang berichten werden. Die zwölf Steine sollen Fragen hervorrufen, und diese Fragen sollen zu einer Erklärung führen. Damit verbindet Gott das sichtbare Erinnerungszeichen mit der Verantwortung, sein Handeln in verständlichen Worten weiterzugeben. Die Steine besitzen keine eigene göttliche Kraft. Sie können weder Glauben hervorbringen noch einen Menschen vor Ungehorsam bewahren. Ihre Bedeutung entfaltet sich erst dadurch, dass jemand erklärt, was Gott getan hat und weshalb dieses Ereignis für Israel wichtig ist. Das zeigt, dass die Erinnerung an Gottes Taten mehr verlangt als die bloße Bewahrung äußerer Gegenstände oder religiöser Gewohnheiten.
Eine weitere geistliche Aussage liegt in der Verbindung zwischen Gottes früherem und gegenwärtigem Handeln. Josua stellt den Jordanübergang ausdrücklich neben die Rettung am Schilfmeer. Zwischen beiden Ereignissen liegen Jahrzehnte, in denen Israel wiederholt versagt und an Gottes Führung gezweifelt hatte. Dennoch ist der HERR seinen Verheißungen treu geblieben. Er hatte das Volk aus Ägypten herausgeführt und bringt es nun in das Land hinein, das er seinen Vorfahren zugesagt hatte. Die Gedenksteine sollen deshalb nicht nur an einen ungewöhnlichen Wasserstand erinnern. Sie bezeugen, dass der Gott des Auszugs auch der Gott der Landnahme ist und dass sein Handeln nicht mit dem Wechsel einer Generation oder dem Tod eines menschlichen Anführers endet.
Dabei erhält die gemeinsame Verantwortung der zwölf Stämme eine besondere Bedeutung. Aus jedem Stamm wird ein Mann ausgewählt, der einen Stein aus dem Jordan tragen soll. Die Erinnerung gehört damit nicht einer einzelnen Familie oder einer besonders angesehenen Gruppe. Sie ist Teil der gemeinsamen Geschichte Israels. Auch die ostjordanischen Stämme bleiben mit dieser Gemeinschaft verbunden, obwohl sie bereits ihren eigenen Landbesitz erhalten haben. Ihre bewaffneten Männer ziehen mit den übrigen Israeliten hinüber und erfüllen die Verpflichtung, die sie unter Mose übernommen hatten. So zeigt das Kapitel, dass Gottes Führung das Volk als Gemeinschaft betrifft und dass die einzelnen Stämme Verantwortung füreinander tragen.
Bemerkenswert ist außerdem, dass Gottes Handeln sowohl innerhalb Israels als auch außerhalb des Volkes bekannt werden soll. Die Erinnerung an den Jordanübergang hat nach Josua 4,24 ausdrücklich zwei Ziele. Die Völker der Erde sollen die Macht des HERRN erkennen, während Israel lernen soll, ihn allezeit zu fürchten. Gottes Macht ist nicht auf ein bestimmtes Land begrenzt, und seine Taten besitzen eine Bedeutung, die über die unmittelbar Beteiligten hinausreicht. Gleichzeitig genügt es für Israel nicht, dass andere Menschen von der Größe seines Gottes hören. Das eigene Volk soll aus der Erinnerung eine bleibende Haltung der Ehrfurcht entwickeln. Wer Gottes Treue erfahren hat, ist aufgerufen, ihm auch weiterhin mit Vertrauen und Gehorsam zu begegnen.
Damit zeigt Josua 4 einen grundlegenden Zusammenhang zwischen Erinnerung und gegenwärtigem Glaubensleben. Die Vergangenheit soll nicht um ihrer selbst willen bewahrt werden. Sie soll Menschen helfen, Gottes Wesen besser zu erkennen und ihre gegenwärtigen Entscheidungen an dieser Erkenntnis auszurichten. Das Erinnerungszeichen in Gilgal führt deshalb nicht von Gott weg, sondern weist auf ihn hin. Es soll weder die Steine selbst noch die menschlichen Leistungen beim Übergang verherrlichen. Im Mittelpunkt bleibt der HERR, der den Jordan öffnete, sein Volk hindurchführte und damit eine weitere Etappe seiner Verheißung erfüllte. Die bleibende Botschaft des Kapitels lautet, dass Gottes Treue nicht vergessen werden soll und dass die Erinnerung an sein Handeln auch kommenden Generationen helfen kann, ihn zu erkennen und ihm zu vertrauen.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Eine besonders enge Verbindung besteht zu 2. Mose 12,26–27 und 13,14–16. Bereits bei der Einsetzung des Passahfestes hatte Gott angeordnet, dass die Israeliten ihren Kindern die Bedeutung der Feier erklären sollten. Wenn die Kinder später fragten, weshalb das Passah begangen werde, sollten ihre Eltern von Gottes Rettung aus Ägypten erzählen. Auch die besonderen Anordnungen bezüglich der Erstgeburt sollten Anlass geben, den Nachkommen von der Befreiung aus der Knechtschaft zu berichten. Josua 4 greift diesen Grundgedanken auf und überträgt ihn auf ein neues Ereignis. Wieder wird eine zukünftige Frage der Kinder vorausgesetzt, und wieder sollen die Eltern eine konkrete Rettungstat Gottes erklären. Der Unterschied liegt im Erinnerungszeichen selbst: Beim Passah geschieht die Weitergabe durch eine wiederkehrende Feier, während am Jordan zwölf aufgerichtete Steine an den einmaligen Übergang erinnern. Beide Anordnungen zeigen jedoch, dass die Kenntnis von Gottes Handeln nicht selbstverständlich von einer Generation zur nächsten gelangt. Sie muss bewusst weitergegeben werden.
Dieser Gedanke wird in 5. Mose 6,20–25 noch weiter vertieft. Dort beschreibt Mose eine zukünftige Situation, in der ein Kind nach der Bedeutung der Gebote und Rechtsbestimmungen Gottes fragt. Die Eltern sollen nicht lediglich die einzelnen Vorschriften wiederholen, sondern zunächst von der Geschichte Israels erzählen. Sie sollen erklären, dass das Volk einst in Ägypten versklavt war und der HERR es mit mächtigen Zeichen befreite, um es in das verheißene Land zu bringen. Damit wird die Beziehung zwischen Gottes rettendem Handeln und dem Gehorsam seines Volkes deutlich. Die Gebote stehen nicht unabhängig von der Geschichte der Befreiung, sondern gehören zum Leben eines Volkes, das Gottes Hilfe erfahren hat. Auch die Gedenksteine in Gilgal dienen diesem Zusammenhang. Die Kinder sollen nicht allein wissen, dass ihre Vorfahren einen Fluss überquert haben, sondern erkennen, welcher Gott ihnen diesen Weg eröffnete und weshalb seine Führung für das weitere Leben Israels bedeutsam bleibt.
Eine weitere wichtige Parallele findet sich in Psalm 78,1–8. Der Psalm fordert dazu auf, den kommenden Generationen die Taten Gottes zu verkünden, damit auch Kinder, die erst später geboren werden, ihre Hoffnung auf ihn setzen. Zugleich nennt er einen ernsten Grund für diese Weitergabe: Die nachfolgenden Generationen sollen nicht die Fehler ihrer Vorfahren wiederholen, die Gottes Werke vergaßen und ihm untreu wurden. Damit ergänzt der Psalm die Anordnung aus Josua 4 um eine wichtige Warnung. Selbst große Wunder garantieren nicht, dass ein Volk dauerhaft im Vertrauen auf Gott lebt. Menschen können außergewöhnliche Ereignisse erleben und ihre Bedeutung dennoch mit der Zeit aus den Augen verlieren. Die Weitergabe der Geschichte soll deshalb nicht nur das Wissen über vergangene Ereignisse erhalten. Sie soll helfen, Gottes Treue im Gedächtnis zu bewahren und die nachfolgenden Generationen zu einer eigenen Antwort des Glaubens zu ermutigen.
Die ausdrückliche Verbindung zwischen dem Jordanübergang und der Rettung am Schilfmeer wird durch Psalm 114,3–5 bestätigt. Dort heißt es in dichterischer Sprache, dass das Meer floh und der Jordan zurückwich. Der Psalm stellt beide Ereignisse nebeneinander und verbindet sie mit der Gegenwart des Gottes Israels. Dabei verwendet er eine bildhafte Sprache, in der die Gewässer wie lebendige Wesen angesprochen werden. Diese Formulierung soll nicht einen bislang unbekannten naturwissenschaftlichen Ablauf beschreiben. Sie verkündet vielmehr die Herrschaft Gottes über die Schöpfung. Was für Menschen eine unüberwindbare Grenze darstellt, kann ihn nicht daran hindern, seinen Willen auszuführen. Josua 4,23 liefert für diese Verbindung bereits innerhalb des geschichtlichen Berichts die ausdrückliche Grundlage. Der Psalm führt denselben Gedanken in einer poetischen Form weiter und macht aus den beiden Ereignissen ein gemeinsames Zeugnis göttlicher Macht.
Eine besonders wertvolle Verbindung führt zu Micha 6,4–5. Der Prophet erinnert Israel zunächst daran, dass Gott das Volk aus Ägypten befreit und Mose, Aaron und Mirjam zu seiner Führung gesandt hatte. Anschließend nennt er die Geschichte Balaks und Bileams und fordert dazu auf, sich an den Weg von Schittim nach Gilgal zu erinnern. Diese beiden Orte markieren genau den Abschnitt, in dem Israel den Jordan überquerte und das verheißene Land betrat. Schittim war der letzte größere Lagerplatz östlich des Flusses, während Gilgal der erste Lagerplatz westlich des Jordan wurde. Micha greift diesen Weg auf, damit Israel die gerechten Taten des HERRN erkennt. Das zeigt, dass die Erinnerung an Gottes Führung weit über die unmittelbare Generation des Jordanübergangs hinaus Bedeutung behielt. Zugleich steht Michas Aufforderung in einem ernsten Zusammenhang: Gott erinnert sein Volk an seine bisherige Treue, während er dessen gegenwärtiges Verhalten zur Sprache bringt. Die Erinnerung an vergangene Rettung soll deshalb nicht bloß Stolz auf die eigene Geschichte hervorrufen, sondern auch zur ehrlichen Prüfung des gegenwärtigen Lebens führen.
Auch Josua 3,7 und 4,14 gehören unmittelbar zusammen. Vor dem Jordanübergang hatte Gott angekündigt, Josua vor den Augen Israels groß zu machen, damit das Volk erkenne, dass der HERR mit ihm sei wie zuvor mit Mose. Josua 4,14 berichtet nun ausdrücklich von der Erfüllung dieser Zusage. Gott bestätigt Josuas Stellung, und die Israeliten begegnen ihm mit der Achtung, die sie bereits Mose entgegengebracht hatten. Dieser Zusammenhang wird durch 4. Mose 27,18–23 und 5. Mose 31,7–8 ergänzt, wo Josuas Berufung und Einsetzung beschrieben werden. Die Bibel unterscheidet damit zwischen seiner früheren Beauftragung und ihrer späteren öffentlichen Bestätigung. Josuas Anerkennung entsteht nicht dadurch, dass er sich selbst erhöht, sondern weil Gottes Handeln seine Berufung bestätigt. Das ist eine wichtige Grenze für jede spätere Anwendung auf menschliche Leiterschaft: Geistliche Autorität darf nicht unabhängig von Gottes Wort oder allein aufgrund persönlicher Machtansprüche verstanden werden.
Eine weiterführende Verbindung zur gesamten Heilsgeschichte findet sich schließlich in Hebräer 4,8–11. Der Hebräerbrief erklärt, dass Josua dem Volk nicht die endgültige Ruhe gegeben hatte, von der die Schrift später weiterhin spricht. Damit wird die Landnahme nicht bestritten oder für bedeutungslos erklärt. Sie war eine wirkliche Erfüllung göttlicher Verheißungen innerhalb der Geschichte Israels. Zugleich macht der Hebräerbrief deutlich, dass Gottes Heilsplan über den geschichtlichen Landbesitz hinausreicht. Die von Gott verheißene Ruhe besitzt eine tiefere Bedeutung, die im Licht Jesu Christi entfaltet wird. Diese Verbindung sollte jedoch nicht dazu führen, sämtliche Einzelheiten des Jordanübergangs nachträglich in feste christliche Symbole umzuwandeln. Weder die zwölf Steine noch der genaue Ort des Übergangs werden in Hebräer 4 ausdrücklich als Sinnbilder einzelner Stationen des christlichen Lebens erklärt. Die sichere Verbindung liegt vielmehr darin, dass Gottes geschichtliche Führung Israels Teil einer größeren Heilsgeschichte ist, deren Ziel über die damalige Landnahme hinausweist.
Wichtige Lektionen
Eine der wichtigsten Lektionen aus Josua 4 betrifft die Verantwortung, Gottes Handeln nicht zu vergessen. Die Israeliten erhalten ein sichtbares Erinnerungszeichen, obwohl sie das Wunder gerade erst erlebt haben. Offenbar reicht die unmittelbare Erfahrung eines außergewöhnlichen Ereignisses nicht aus, um sicherzustellen, dass seine Bedeutung auch in späteren Jahren lebendig bleibt. Menschen können selbst tief bewegende Erfahrungen mit der Zeit aus den Augen verlieren. Deshalb ist es sinnvoll, sich bewusst mit Gottes früherem Handeln zu beschäftigen und die biblischen Berichte immer wieder in Erinnerung zu rufen. Für das heutige Glaubensleben bedeutet das nicht, nach eigenen heiligen Steinen oder besonderen religiösen Gegenständen suchen zu müssen. Die Heilige Schrift selbst bewahrt das Zeugnis von Gottes Taten und ermöglicht es jeder Generation, diese Geschichte kennenzulernen.
Besonders deutlich wird dabei die Verantwortung der Eltern und anderer Menschen, die Kindern den Glauben erklären. Die Gedenksteine sollen Fragen hervorrufen, und diese Fragen verlangen nach verständlichen Antworten. Josua fordert die Israeliten nicht auf, den Kindern lediglich zu sagen, dass sie eine bestimmte Überlieferung akzeptieren müssten. Sie sollen erklären, was geschehen ist und weshalb das Ereignis von Gottes Macht zeugt. Daraus ergibt sich eine wichtige Orientierung für die Weitergabe biblischer Inhalte. Kinder brauchen nicht nur Regeln und religiöse Gewohnheiten, sondern auch nachvollziehbare Erklärungen über Gottes Wesen und seine Taten. Ihre Fragen sollten deshalb ernst genommen werden. Wer ihnen geduldig antwortet, hilft ihnen, einen Zusammenhang zwischen der biblischen Geschichte und dem Glauben zu erkennen, den sie selbst entwickeln sollen.
Eine weitere Lektion besteht darin, dass äußere Erinnerungszeichen niemals an die Stelle der Wahrheit treten dürfen, an die sie erinnern. Die zwölf Steine sind für Israel bedeutsam, weil sie auf den Jordanübergang verweisen. Ohne die dazugehörige Erklärung wären sie lediglich Steine an einem bestimmten Ort. Ähnliches kann auch im heutigen Glaubensleben geschehen. Religiöse Gegenstände, vertraute Orte, bestimmte Gewohnheiten oder lange bestehende Traditionen können hilfreich sein, wenn sie den Menschen an Gottes Wort erinnern. Sie verlieren jedoch ihren eigentlichen Sinn, wenn die Aufmerksamkeit ausschließlich auf ihnen selbst liegt. Josua 4 fordert deshalb dazu heraus, nicht nur äußere Formen zu bewahren, sondern auch ihre biblische Bedeutung zu kennen und zu verstehen. Entscheidend ist nicht die Verehrung eines Zeichens, sondern das Vertrauen auf den Gott, auf den es hinweist.
Die Beteiligung der zwölf Männer zeigt außerdem, wie wichtig gemeinsame Verantwortung ist. Jeder ausgewählte Mann trägt einen Stein, und erst zusammen bilden diese Steine das vollständige Erinnerungszeichen. Keiner von ihnen muss allein die gesamte Aufgabe erfüllen. Dennoch ist der Beitrag jedes Einzelnen Teil des gemeinsamen Ergebnisses. Dieser Gedanke lässt sich verantwortungsvoll auf das Zusammenleben übertragen. Nicht jeder Mensch verfügt über dieselben Fähigkeiten oder trägt dieselbe Verantwortung. Doch eine Gemeinschaft ist darauf angewiesen, dass ihre Mitglieder die ihnen anvertrauten Aufgaben ernst nehmen. Gerade unscheinbare Dienste können eine dauerhafte Bedeutung besitzen, auch wenn sie zunächst wenig Aufmerksamkeit erhalten. Dabei bleibt wichtig, dass die zwölf Männer einen konkreten Auftrag Gottes innerhalb einer besonderen geschichtlichen Situation ausführten. Ihr Handeln ist deshalb kein Beweis dafür, dass jede menschlich festgelegte Aufgabe automatisch dieselbe göttliche Verbindlichkeit besitzt.
Das Verhalten der ostjordanischen Stämme erinnert darüber hinaus an die Bedeutung eingegangener Verpflichtungen. Ruben, Gad und der halbe Stamm Manasse hatten bereits ihren eigenen Landbesitz erhalten. Dennoch beteiligen sich ihre bewaffneten Männer am weiteren Weg Israels, weil sie Mose ihre Unterstützung zugesagt hatten. Sie betrachten den eigenen Vorteil nicht als Grund, ihre Verantwortung gegenüber den übrigen Stämmen aufzugeben. Daraus lässt sich eine wichtige Haltung für das persönliche Leben ableiten: Wer eine berechtigte Verpflichtung übernommen hat, sollte sie nicht einfach vergessen, sobald die eigenen Interessen gesichert sind. Verlässlichkeit zeigt sich besonders dann, wenn die Erfüllung eines Versprechens Zeit, Mühe oder persönliche Einschränkungen verlangt. Dabei müssen Verpflichtungen immer an Gottes Willen und an verantwortlichem Handeln gemessen werden. Der Bericht begründet keine Pflicht, ungerechte oder schädliche Zusagen ungeprüft einzuhalten.
Auch die Art, wie Gott Josua bestätigt, enthält eine bleibende Orientierung. Josua erhält Anerkennung, weil Gottes Handeln seine zuvor ausgesprochene Berufung sichtbar bestätigt. Seine Stellung beruht nicht auf einer selbst erfundenen Behauptung außergewöhnlicher Macht. Das erinnert daran, menschliche Leiter nicht allein nach ihrem Auftreten, ihrer Bekanntheit oder ihrer Fähigkeit zu beurteilen, andere von sich zu überzeugen. Gerade im geistlichen Bereich muss entscheidend bleiben, ob ihre Lehre und ihr Verhalten mit Gottes offenbartem Willen übereinstimmen. Niemand erhält durch seine Stellung das Recht, sich über Gottes Wort zu erheben. Josuas Geschichte zeigt vielmehr eine Führung, die dem Auftrag Gottes untergeordnet bleibt und deren Bedeutung sich daraus ergibt, dass der HERR sein Volk durch sie leitet.
Besonders wichtig ist schließlich die doppelte Zielrichtung, die Josua am Ende des Kapitels nennt. Die Völker der Erde sollen die Macht des HERRN erkennen, während Israel ihn allezeit fürchten soll. Damit wird deutlich, dass die Kenntnis von Gottes Taten Verantwortung mit sich bringt. Wer von seiner Größe erzählt, sollte zugleich bereit sein, das eigene Leben an seinem Willen auszurichten. Ein Zeugnis über Gott verliert an Glaubwürdigkeit, wenn die Menschen, die es weitergeben, seine Wahrheit für sich selbst bedeutungslos behandeln. Das bedeutet nicht, dass Gläubige fehlerlos sein müssten, bevor sie von Gottes Handeln sprechen dürften. Es macht jedoch deutlich, dass Ehrfurcht, Aufrichtigkeit und die Bereitschaft zur Umkehr zu einem glaubwürdigen Leben mit Gott gehören.
Josua 4 schließt mit einem Erinnerungszeichen, das weit über den Tag des Jordanübergangs hinausweisen soll. Die Israeliten stehen am Anfang eines neuen Abschnitts, doch sie sollen ihre Zukunft nicht losgelöst von der Geschichte betrachten, durch die Gott sie bis hierher geführt hat. Das ist auch für das persönliche Glaubensleben eine wertvolle Orientierung. Vergangene Erfahrungen ersetzen nicht die Notwendigkeit, Gott heute zu vertrauen. Sie können jedoch helfen, seine Treue besser zu erkennen und mit größerer Zuversicht auf sein Wort zu hören. Die zwölf Steine in Gilgal erzählen deshalb nicht nur von einem überwundenen Fluss. Sie erinnern an einen Gott, der seine Verheißungen erfüllt, sein Volk über Generationen hinweg führt und möchte, dass seine mächtigen Taten nicht vergessen werden.