Josua 20
Und der HERR redete mit Josua und sprach:
9 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Und der HERR redete mit Josua und sprach:
- 2 Sage den Kindern Israel: Gebt unter euch Freistädte, davon ich durch Mose euch gesagt habe,
- 3 dahin fliehen möge ein Totschläger, der eine Seele unversehens und unwissend schlägt, daß sie unter euch frei seien von dem Bluträcher.
- 4 Und der da flieht zu der Städte einer, soll stehen draußen vor der Stadt Tor und vor den Ältesten der Stadt seine Sache ansagen; so sollen sie ihn zu sich in die Stadt nehmen und ihm Raum geben, daß er bei ihnen wohne.
- 5 Und wenn der Bluträcher ihm nachjagt, sollen sie den Totschläger nicht in seine Hände übergeben, weil er unwissend seinen Nächsten geschlagen hat und ist ihm zuvor nicht feind gewesen.
- 6 So soll er in der Stadt wohnen, bis daß er stehe vor der Gemeinde vor Gericht, und bis daß der Hohepriester sterbe, der zur selben Zeit sein wird. Alsdann soll der Totschläger wiederkommen in seine Stadt und in sein Haus, zur Stadt, davon er geflohen ist.
- 7 Da heiligten sie Kedes in Galiläa, auf dem Gebirge Naphthali, und Sichem auf dem Gebirge Ephraim und Kirjath-Arba, das ist Hebron, auf dem Gebirge Juda;
- 8 und jenseit des Jordans, da Jericho liegt, gegen Aufgang, gaben sie Bezer in der Wüste auf der Ebene aus dem Stamm Ruben und Ramoth in Gilead aus dem Stamm Gad und Golan in Basan aus dem Stamm Manasse.
- 9 Das waren die Städte, bestimmt allen Kindern Israel und den Fremdlingen, die unter ihnen wohnten, daß dahin fliehe, wer eine Seele unversehens schlägt, daß er nicht sterbe durch den Bluträcher, bis daß er vor der Gemeinde gestanden sei.
Kapitel-Erklärung
Kurze Zusammenfassung
Josua Kapitel 20 ist ein verhältnismäßig kurzes Kapitel, besitzt aber eine große geistliche und rechtliche Bedeutung. Gott befiehlt Josua, die bereits durch Mose angeordneten Zufluchtsstädte einzurichten. Diese Städte sollten Menschen Schutz bieten, die einen anderen unabsichtlich getötet hatten, bis ein gerechtes Gericht stattfinden konnte. Dadurch verhinderte Gott Racheakte und stellte sicher, dass Recht und Barmherzigkeit miteinander verbunden wurden.
Die zentrale Botschaft lautet: Gott ist sowohl gerecht als auch barmherzig. Er verurteilt Schuld nicht leichtfertig, aber er schützt auch den Unschuldigen und sorgt für ein gerechtes Verfahren.
Historischer und kultureller Hintergrund
Im Alten Orient war Blutrache weit verbreitet. Wenn ein Familienmitglied getötet wurde, fühlte sich der nächste Verwandte oft verpflichtet, den Tod zu rächen. Dieser Angehörige wird im Alten Testament als „Bluträcher“ bezeichnet.
Ohne geregelte Rechtsprechung konnte dies zu endlosen Kreisläufen von Gewalt führen.
Deshalb hatte Gott bereits in Numbers 35 und Deuteronomium 19 angeordnet, dass Zufluchtsstädte eingerichtet werden sollten.
Diese Städte waren keine Orte, an denen Schuldige ihrer Strafe entgehen konnten. Sie dienten vielmehr dazu, den mutmaßlichen Täter vor vorschneller Rache zu schützen, bis die Sache sorgfältig geprüft wurde.
Damit zeigt Gott schon im Alten Testament wichtige Grundsätze:
Gerechtigkeit braucht Wahrheit.
Gefühle dürfen kein Ersatz für Rechtsprechung sein.
Jeder Mensch verdient ein faires Verfahren.
Verse 1–3: Gottes Anordnung
Der Herr spricht zu Josua:
„Bestimmt euch die Zufluchtsstädte“
Dies war keine neue Idee Josuas, sondern Gottes eigener Plan.
Der Schutz galt ausdrücklich demjenigen,
„der einen Menschen aus Versehen und nicht vorsätzlich erschlagen hat“
Hier unterscheidet Gott klar zwischen:
absichtlichem Mord,
unabsichtlicher Tötung.
Diese Unterscheidung zeigt Gottes vollkommenes Verständnis von Gerechtigkeit.
Nicht jede Tötung wurde gleich bewertet.
Ein Beispiel
Stellen wir uns zwei Situationen vor:
Fall 1
Ein Mann plant aus Hass den Tod seines Nachbarn und führt seine Tat bewusst aus.
Fall 2
Ein Mann arbeitet mit seinem Freund im Wald. Beim Fällen eines Baumes löst sich der Axtkopf und trifft den anderen tödlich.
Äußerlich ist in beiden Fällen ein Mensch gestorben.
Doch Gott beurteilt nicht nur die Tat, sondern auch die Absicht des Herzens.
Das zeigt sich bereits in diesem Kapitel.
Verse 4–6: Das Verfahren
Der Flüchtende sollte zur Zufluchtsstadt laufen und seinen Fall den Ältesten schildern.
Diese gewährten ihm zunächst Aufnahme.
Danach musste eine ordentliche Untersuchung erfolgen.
Er durfte dort bleiben,
bis die Gemeinde den Fall entschieden hatte.
Außerdem blieb er dort bis zum Tod des amtierenden Hohenpriesters.
Erst dann durfte er in seine Heimat zurückkehren.
Warum bis zum Tod des Hohenpriesters?
Die Bibel erklärt den Grund nicht ausdrücklich.
Viele Ausleger sehen darin jedoch ein tiefes geistliches Bild.
Der Tod des Hohenpriesters markierte einen neuen Abschnitt.
Er bedeutete gewissermaßen das Ende der rechtlichen Verpflichtung gegenüber dem Bluträcher.
Im größeren biblischen Zusammenhang erinnert dies daran, dass der wahre Hohepriester Christus durch seinen Tod vollständige Erlösung schenkt.
Verse 7–9: Die sechs Zufluchtsstädte
Es werden sechs Städte bestimmt:
Westlich des Jordans:
Kedesch
Sichem
Hebron
Östlich des Jordans:
Bezer
Ramot-Gilead
Golan
Diese Städte waren über das ganze Land verteilt.
Das hatte einen praktischen Zweck:
Jeder sollte möglichst schnell eine Zuflucht erreichen können.
Geistliche Bedeutung
Gott macht den Weg zur Rettung zugänglich.
Die Zufluchtsstädte lagen nicht alle an einem einzigen Ort, sondern waren im ganzen Land verteilt.
Das erinnert an Gottes Heilsangebot:
Er macht den Weg zu ihm nicht unnötig schwer.
Jesus selbst sagt später:
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid“
Ein schönes geistliches Bild
Viele Christen sehen in den Zufluchtsstädten ein Bild auf Christus.
Natürlich ist keine Stadt mit Christus selbst gleichzusetzen, doch es bestehen bemerkenswerte Parallelen:
Der Schuldige musste die Zuflucht suchen.
Innerhalb der Zuflucht fand er Schutz.
Außerhalb war er der Gefahr ausgesetzt.
Die Zuflucht beruhte auf Gottes Anordnung.
Ebenso lädt das Evangelium den Menschen ein, seine Sicherheit nicht in sich selbst, sondern bei Christus zu suchen.
Theologische Bedeutung
Dieses Kapitel zeigt eindrucksvoll das Gleichgewicht zwischen Gottes Gerechtigkeit und seiner Barmherzigkeit.
Gott ist nicht:
nur streng,
aber auch nicht nur nachsichtig.
Er verbindet Wahrheit und Gnade.
Die Zufluchtsstädte beweisen:
Schuld wird ernst genommen.
Unschuld wird geschützt.
Recht braucht sorgfältige Prüfung.
Gottes Ordnungen dienen dem Leben.
Archäologischer Hinweis
Die Stadt Sichem, heute meist mit dem Gebiet von Tell Balata bei Nablus identifiziert, gehört zu den bedeutendsten archäologischen Fundorten Israels. Auch Hebron besitzt eine jahrtausendealte Geschichte und war bereits zur Zeit der Patriarchen ein wichtiger Ort. Die Verteilung der sechs Zufluchtsstädte über beide Seiten des Jordans zeigt ein gut erreichbares Schutzsystem für das ganze Volk.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Numbers 35 – Ausführliche Anweisungen über die Zufluchtsstädte.
Deuteronomium 19 – Weitere Bestimmungen über ihre Einrichtung.
Psalm 46 – „Gott ist unsere Zuflucht und Stärke“
Hebrews 6,18 – Die Gläubigen haben „Zuflucht genommen“, um die Hoffnung festzuhalten.
John 14,6 – Jesus sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“
Praktische Anwendung für heute
Josua 20 erinnert daran, dass Gott niemals vorschnell richtet. Er kennt nicht nur unsere Taten, sondern auch unsere Motive.
Das Kapitel fordert uns außerdem auf,
gerecht statt impulsiv zu urteilen,
Wahrheit sorgfältig zu prüfen,
Barmherzigkeit und Gerechtigkeit miteinander zu verbinden.
Schließlich weist es darauf hin, dass der sicherste Ort für den Menschen nicht seine eigene Gerechtigkeit ist, sondern Gottes angebotene Rettung.
Wichtige Lektionen
Gott verbindet Gerechtigkeit mit Barmherzigkeit.
Rechtsprechung soll auf Wahrheit beruhen, nicht auf Rache oder Emotionen.
Gottes Schutz steht dem offen, der seine Zuflucht bei ihm sucht.
Der Wert eines Menschenlebens wird von Gott sehr hoch geachtet.
Die Zufluchtsstädte erinnern daran, dass Gott einen Weg geschaffen hat, auf dem der Mensch Schutz und Hoffnung finden kann.