Josua 16

Und das Los fiel den Kindern Joseph aufgangwärts vom Jordan gegenüber Jericho bis zum Wasser bei Jericho, und die Wüste, die heraufgeht von Jericho durch das Gebirge gen Beth-El;

10 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Und das Los fiel den Kindern Joseph aufgangwärts vom Jordan gegenüber Jericho bis zum Wasser bei Jericho, und die Wüste, die heraufgeht von Jericho durch das Gebirge gen Beth-El;
  2. 2 und kommt von Beth-El heraus gen Lus und geht durch zur Grenze des Arachiters gen Ataroth
  3. 3 und zieht sich hernieder abendwärts zu der Grenze des Japhletiters bis an die Grenze des niederen Beth-Horon und bis gen Geser; und das Ende ist am Meer.
  4. 4 Das haben zum Erbteil genommen die Kinder Josephs, Manasse und Ephraim.
  5. 5 Die Grenze der Kinder Ephraim nach ihren Geschlechtern, die Grenze ihres Erbteils aufgangwärts, war Ataroth-Adar bis zum obern Beth-Horon
  6. 6 und geht aus gegen Abend bei Michmethath, das gegen Mitternacht liegt; daselbst lenkt sie sich herum gegen Aufgang gen Thaanath-Silo und geht da durch aufgangwärts gen Janoha
  7. 7 und kommt herab von Janoha gen Ataroth und Naarath und stößt an Jericho und geht aus am Jordan;
  8. 8 von Thappuah geht sie abendwärts zum Bach Kana; und ihr Ende ist am Meer. Das ist das Erbteil des Stammes der Kinder Ephraim nach ihren Geschlechtern.
  9. 9 dazu alle Städte mit ihren Dörfern, welche für die Kinder Ephraim ausgesondert waren unter dem Erbteil der Kinder Manasse.
  10. 10 Und sie vertrieben die Kanaaniter nicht, die zu Geser wohnten; also blieben die Kanaaniter unter Ephraim bis auf diesen Tag und wurden zinsbar.

Kapitelüberblick

Nach der Landverteilung an Juda erhalten die Nachkommen Josephs ihr Erbteil westlich des Jordans. Zunächst beschreibt der Text die gemeinsamen Grenzen des Gebietes, das Ephraim und Manasse zugesprochen wird. Anschließend richtet sich der Blick besonders auf Ephraim. Seine Grenzen verlaufen durch das Bergland, führen an bedeutenden Städten wie Bethel und Geser vorbei und reichen im Westen bis zum Mittelmeer.

Eine Besonderheit besteht darin, dass Ephraim auch einzelne Städte innerhalb des Stammesgebietes Manasses erhält. Die Landverteilung berücksichtigt damit nicht nur zusammenhängende Gebiete, sondern auch besondere Besitzverhältnisse zwischen den Stämmen.

Das Kapitel endet mit einer Einschränkung: Die Ephraimiter vertreiben die Kanaaniter nicht aus Geser. Stattdessen bleiben diese dort wohnen und werden zur Fronarbeit verpflichtet. So zeigt der Bericht, dass die Zuteilung des Landes und seine vollständige Besitznahme nicht dasselbe waren. Trotz der bereits erreichten Erfolge blieben Aufgaben bestehen.

Einführung

Die Nachkommen Josephs nehmen innerhalb der zwölf Stämme Israels eine besondere Stellung ein. Als Jakob kurz vor seinem Tod die beiden Söhne Josephs segnete, erklärte er Ephraim und Manasse zu seinen eigenen Söhnen (1. Mose 48,5). Dadurch erhielten beide Familienlinien einen eigenen Platz unter den Stämmen Israels. Zugleich stellte Jakob den jüngeren Ephraim in seinem Segen vor den älteren Manasse. Diese Entscheidung bildete einen wichtigen Teil der weiteren Geschichte ihrer Nachkommen.

In der Landverteilung wird diese besondere Stellung sichtbar. Während der Stamm Levi kein zusammenhängendes Stammesgebiet erhielt, werden Ephraim und Manasse jeweils mit einem eigenen Erbteil berücksichtigt. Dabei besaß ein Teil Manasses bereits Land östlich des Jordans. Die Kapitel 16 und 17 behandeln nun die westjordanischen Gebiete der Nachkommen Josephs und müssen deshalb gemeinsam betrachtet werden.

Die geografischen Angaben führen in das zentrale Bergland Kanaans und die angrenzenden Landschaften. Dort lagen bedeutende Verkehrswege, landwirtschaftlich nutzbare Täler und Städte, deren Geschichte weit über die Zeit Josuas hinausreichte. Manche Orte trugen unterschiedliche Namen, andere lassen sich heute nicht mehr eindeutig identifizieren. Deshalb müssen die Grenzbeschreibungen sorgfältig mit den benachbarten Stammesgebieten verglichen werden.

Für das Verständnis ist außerdem wichtig, zwischen der rechtlichen Zuteilung einer Stadt und ihrer tatsächlichen Beherrschung zu unterscheiden. Bereits die vorangegangenen Kapitel hatten gezeigt, dass militärische Siege nicht überall zur dauerhaften Kontrolle führten. Auch im Gebiet Ephraims sollte sich diese Schwierigkeit zeigen.

Josua 16,1–2

Das Los der Nachkommen Josephs und die Grenze bei Bethel und Lus

Mit dem Beginn von Josua 16 richtet sich die Landverteilung auf die Nachkommen Josephs. Vers 1 berichtet, dass das Los auf sie fiel und ihr Gebiet vom Jordan bei Jericho aus beschrieben wird. Damit beginnt nach der ausführlichen Zuteilung an Juda die Festlegung eines weiteren bedeutenden Stammesgebietes westlich des Jordans. Auffällig ist, dass zunächst nicht Ephraim oder Manasse einzeln genannt werden, sondern die Nachkommen Josephs als gemeinsame Abstammungsgemeinschaft. Erst in den folgenden Versen wird ausdrücklich zwischen den beiden Stämmen unterschieden. Diese Reihenfolge entspricht ihrer besonderen Stellung innerhalb Israels und macht deutlich, dass die Gebiete Ephraims und Manasses ursprünglich als miteinander verbundene Erbteile betrachtet wurden.

Die besondere Stellung Josephs geht auf die Geschichte Jakobs zurück. In 1. Mose 48,5 erklärte Jakob, dass Ephraim und Manasse, die beiden in Ägypten geborenen Söhne Josephs, für ihn wie Ruben und Simeon sein sollten. Damit erhielten sie eine Stellung, die über die gewöhnliche Einordnung als Enkel Jakobs hinausging. Beide wurden innerhalb der späteren Stammesordnung als eigenständige Familienlinien berücksichtigt. Diese Entscheidung erklärt, weshalb die Bibel einerseits von den zwölf Stämmen Israels spricht, andererseits aber Ephraim und Manasse jeweils einzeln aufführt. Die Stammeslisten sind nicht in jedem Zusammenhang gleich aufgebaut, weil Levi eine besondere Aufgabe erhielt und Joseph durch seine beiden Söhne vertreten werden konnte. Die Zahl zwölf blieb für die Ordnung Israels grundlegend, während die konkrete Aufzählung je nach ihrem Zweck unterschiedlich gestaltet wurde.

In 1. Mose 48,13–20 wird außerdem berichtet, dass Jakob bei der Segnung seiner Enkel dem jüngeren Ephraim den Vorrang vor dem älteren Manasse gab. Joseph versuchte zunächst, die Hände seines Vaters anders zu führen, weil nach der gewöhnlichen Geburtsreihenfolge Manasse den ersten Platz erhalten sollte. Jakob blieb jedoch bei seiner Entscheidung und erklärte, dass auch Manasse zu einem großen Volk werden würde, Ephraims Nachkommen aber eine noch größere Bedeutung erlangen sollten. Die spätere Geschichte zeigt, dass Ephraim innerhalb Israels tatsächlich eine herausragende Stellung gewann. Josua selbst gehörte nach 4. Mose 13,8.16 zum Stamm Ephraim. Dennoch darf aus dieser Verbindung nicht geschlossen werden, dass Josua die Landverteilung zugunsten seines eigenen Stammes beeinflusste. Der Text stellt die Zuteilung ausdrücklich unter das Losverfahren, das Gott bereits durch Mose angeordnet hatte.

Eine weitere Verbindung besteht zu 1. Chronik 5,1–2. Dort wird erklärt, dass Ruben seine ursprüngliche Stellung als Erstgeborener verlor und das Erstgeburtsrecht den Söhnen Josephs zugeordnet wurde. Gleichzeitig wird Juda eine besondere Führungsstellung zugesprochen. Dadurch lassen sich zwei unterschiedliche Aspekte der Stammesgeschichte erkennen. Joseph erhielt durch Ephraim und Manasse eine doppelte Vertretung innerhalb der Landverteilung, während Juda in der späteren Geschichte Israels eine besondere Bedeutung für das Königtum erhielt. Diese beiden Entwicklungen schließen einander nicht aus. Sie zeigen vielmehr, dass verschiedene Verheißungen und Aufgaben innerhalb der Nachkommen Jakobs auf unterschiedliche Stammeslinien verteilt waren.

Wenn Vers 1 erklärt, dass das Los auf die Nachkommen Josephs fiel, knüpft der Bericht an die bereits festgelegte Ordnung der Landverteilung an. Nach 4. Mose 26,52–56 sollte das Land entsprechend der Größe der Stämme verteilt und die Zuteilung durch das Los bestimmt werden. Josua 14,1–2 bestätigt, dass diese Anordnung unter der Verantwortung Josuas, des Priesters Eleasar und der Stammesoberhäupter umgesetzt wurde. Das Los erscheint damit nicht als ein Verfahren, bei dem Israel unabhängig von Gottes Willen über seinen Besitz entschied. Es gehörte zu der ausdrücklich angeordneten Ordnung, durch die die Stammesgebiete festgelegt werden sollten. Wie das Los im Einzelnen durchgeführt wurde, beschreibt Josua 16 jedoch nicht. Deshalb lassen sich weder die verwendeten Gegenstände noch der genaue Ablauf der Entscheidung aus diesem Vers rekonstruieren.

Die geografische Beschreibung beginnt am Jordan bei Jericho. Dieser Ausgangspunkt besitzt innerhalb des Josuabuches eine besondere Bedeutung, weil Israel in dieser Gegend den Jordan überquert hatte. Josua 3–4 berichtet, wie das Volk durch Gottes Eingreifen auf trockenem Boden durch den Fluss ziehen konnte. Anschließend schlugen die Israeliten ihr Lager bei Gilgal auf, östlich von Jericho (Josua 4,19). Von dort aus begann die weitere Landnahme westlich des Jordans. Dass die Grenzbeschreibung der Nachkommen Josephs erneut beim Jordan und bei Jericho ansetzt, verbindet die Landverteilung mit jener Landschaft, in der Israel seinen Einzug nach Kanaan begonnen hatte. Der Text zieht daraus keine ausdrückliche geistliche Lehre, doch die geografische Verbindung ist innerhalb der Erzählung erkennbar.

Vers 1 nennt außerdem die Wasser von Jericho. Diese Angabe weist auf die Wasserstellen und Quellen hin, die für die Versorgung der Gegend von Bedeutung waren. Jericho lag in einer tief gelegenen, warmen Landschaft, deren landwirtschaftliche Nutzung stark von der Verfügbarkeit von Wasser abhing. In 2. Könige 2,19–22 wird später berichtet, dass die Männer der Stadt Jericho sich an Elisa wandten, weil das Wasser ihrer Stadt schlecht war. Elisa handelte auf Gottes Anweisung, und der Bericht beschreibt die Heilung der Wasserquelle. Diese spätere Begebenheit zeigt, wie wichtig die Wasserversorgung für die Bewohner Jerichos war. Sie beweist allerdings nicht, dass Josua 16,1 genau dieselbe Quelle als Grenzpunkt bezeichnet. Der Vers spricht allgemein von den Wassern Jerichos und beschreibt damit einen geografischen Orientierungspunkt im Bereich der Stadt.

Von der Jordanebene führt die Grenze durch die Wüste und steigt anschließend in das Gebirge nach Bethel hinauf. Die Bewegung von Jericho nach Bethel ist aufgrund der Höhenunterschiede besonders auffällig. Das Jordantal liegt weit unter dem Niveau des zentralen Berglandes. Wer von Jericho in Richtung Bethel zog, musste deshalb einen erheblichen Höhenunterschied überwinden. Zwischen der tief gelegenen Ebene und den höher gelegenen Siedlungen erstreckten sich trockene und stellenweise schwer zugängliche Landschaften. Der Ausdruck, dass die Grenze hinaufzieht, entspricht somit den tatsächlichen geografischen Verhältnissen. Er beschreibt eine Bewegung aus dem Jordangraben in das zentrale Bergland Kanaans.

Die Erwähnung der Wüste bedeutet dabei nicht, dass die Grenzlinie durch ein völlig unbewohntes Gebiet führte. Im Alten Testament können als Wüste bezeichnete Landschaften auch Weideflächen, Verkehrswege und einzelne Wasserstellen umfassen. Entscheidend ist, dass es sich um eine im Vergleich zu den höher gelegenen und niederschlagsreicheren Gebieten trockenere Region handelte. Die Grenzbeschreibung folgt damit einem natürlichen Übergang zwischen unterschiedlichen Landschaftszonen. Die Nachkommen Josephs erhielten nicht nur fruchtbare Gebirgsgebiete, sondern ihr Erbteil reichte bis an die tief gelegenen und trockeneren Regionen des Jordantales heran.

Mit Bethel erreicht die Beschreibung einen Ort, der bereits in der Geschichte der Erzväter eine herausragende Bedeutung besaß. Der Name bedeutet „Haus Gottes“ und geht auf eine Begebenheit im Leben Jakobs zurück. Als Jakob vor seinem Bruder Esau floh, übernachtete er unterwegs an einem Ort, an dem er im Traum eine Verbindung zwischen Himmel und Erde sah und Gottes Verheißung empfing. Nach 1. Mose 28,10–22 versprach Gott ihm seine Gegenwart, seinen Schutz und die Rückkehr in das Land seiner Väter. Jakob erkannte daraufhin die besondere Bedeutung dieses Ortes und gab ihm den Namen Bethel. Der Text erklärt zugleich, dass die Stadt zuvor Lus geheißen hatte. Damit wird Bethel zu einem wichtigen Erinnerungsort innerhalb der Familiengeschichte Israels.

Später kehrte Jakob auf Gottes Anweisung nach Bethel zurück. In 1. Mose 35,1–15 wird berichtet, dass er seine Familie aufforderte, die fremden Götter zu entfernen und sich für die Begegnung mit Gott vorzubereiten. Dort errichtete er einen Altar, und Gott bestätigte erneut seinen Namen Israel sowie die Verheißungen, die bereits Abraham und Isaak gegeben worden waren. Besonders bedeutsam ist dabei die Verbindung zwischen Gottes Zusage über das Land und dem Ort Bethel. Jahrhunderte später erscheint derselbe geografische Bereich nun in der tatsächlichen Landverteilung an die Nachkommen Israels. Die frühere Verheißung und die spätere Zuteilung gehören damit zu einer fortlaufenden Geschichte, auch wenn Josua 16 nicht ausdrücklich auf Jakobs Altar oder seine damaligen Erlebnisse zurückblickt.

Gerade der Übergang von Vers 1 zu Vers 2 enthält jedoch eine sprachliche Schwierigkeit. Während die Schlachter 1951 die Grenzlinie von Bethel nach Lus weiterführt, erklären mehrere andere Bibelstellen ausdrücklich, dass Lus der frühere Name Bethels war. Neben 1. Mose 28,19 wird diese Gleichsetzung auch in 1. Mose 35,6 und Richter 1,23 genannt. Josua 18,13 verbindet die beiden Namen ebenfalls miteinander. Wenn Bethel und Lus dieselbe Stadt bezeichnen, stellt sich die Frage, weshalb Josua 16,2 sie als aufeinanderfolgende Grenzpunkte erwähnt.

Der hebräische Text enthält tatsächlich eine Formulierung, die eine Bewegung von Bethel nach Lus ausdrückt. Dabei trägt der Name Lus eine hebräische Richtungsendung, die auf die Bewegung zu einem Ort hinweist. Der Wortlaut der Schlachter 1951 entspricht damit einer gut begründeten Wiedergabe des masoretischen Textes. Die Schwierigkeit entsteht nicht erst durch die deutsche Übersetzung, sondern liegt bereits in der überlieferten hebräischen Grenzbeschreibung. Sie kann deshalb nicht einfach dadurch aufgelöst werden, dass beide Namen ohne Erklärung gleichgesetzt werden.

Eine mögliche geografische Erklärung unterscheidet zwischen einem größeren Gebiet namens Bethel und der eigentlichen Stadt Lus. Der Grenzverlauf könnte zunächst die Umgebung Bethels erreicht haben und anschließend zu der Stadt geführt haben, die ursprünglich Lus hieß. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass Bethel zunächst eine besondere Stätte in der Nähe der Siedlung bezeichnete und der Name später auf die Stadt selbst übertragen wurde. Solche Modelle berücksichtigen, dass Ortsnamen im Verlauf der Geschichte unterschiedliche geografische Umfänge bezeichnen konnten. Der Bibeltext erklärt jedoch nicht ausdrücklich, dass in Josua 16,2 zwei räumlich getrennte Orte gemeint sein müssen. Deshalb bleiben diese Deutungen Möglichkeiten und dürfen nicht als gesicherte historische Erklärung dargestellt werden.

Eine weitere Erklärung ergibt sich aus der griechischen Septuaginta. Dort ist eine Textform überliefert, die Bethel und Lus als zwei Namen desselben Ortes verstehen lässt. Entsprechend geben manche Bibelübersetzungen die Stelle sinngemäß mit „Bethel, das ist Lus“ wieder. Diese Lesart passt zu den ausdrücklichen Gleichsetzungen in den anderen biblischen Büchern. Dennoch beweist ihre bessere Übereinstimmung mit diesen Parallelstellen nicht automatisch, dass sie die ursprüngliche Form von Josua 16,2 bewahrt hat. Ebenso könnte eine griechische Textfassung die schwer verständliche hebräische Formulierung an die bekannten Angaben über Bethel angepasst haben. Die genaue Entstehungsrichtung der Abweichung bleibt eine textkritische Frage.

Für das Verständnis des Kapitels ist deshalb eine sorgfältige Unterscheidung notwendig. Dass Bethel und Lus an mehreren Stellen als Namen derselben Stadt erscheinen, ist ausdrücklich belegt. Dass Josua 16,2 in der hebräischen Überlieferung eine Bewegung von Bethel nach Lus beschreibt, ist ebenfalls festzustellen. Ob der Vers ursprünglich zwei unterschiedliche geografische Punkte meinte oder ob eine abweichende Textüberlieferung die Schwierigkeit verursacht hat, lässt sich nicht abschließend entscheiden. Die Auslegung sollte beide Tatsachen berücksichtigen, ohne die eine zugunsten einer unbelegten Vereinfachung zu übergehen.

Von Bethel beziehungsweise Lus führt die Grenze nach Vers 2 weiter bis an das Gebiet der Architer und nach Atarot. Die Architer werden hier als eine Bevölkerungs- oder Siedlungsgruppe genannt, deren Gebiet offenbar als Orientierungspunkt für die Grenzziehung diente. Über ihre Geschichte ist nur wenig bekannt. Eine mögliche Verbindung besteht zu Huschai, der in 2. Samuel 15,32 und 16,16 als Architer bezeichnet wird. Huschai gehörte zu den Vertrauten Davids und spielte während Absaloms Aufstand eine wichtige Rolle. Ob seine Herkunftsbezeichnung tatsächlich auf dieselbe Gruppe zurückgeht, die in Josua 16,2 erwähnt wird, ist naheliegend, lässt sich aber nicht vollständig nachweisen.

Die Erwähnung der Architer zeigt zugleich, dass die Grenzbeschreibungen nicht ausschließlich Städtenamen verwenden. Wie bereits bei anderen Stammesgebieten können auch die Wohngebiete bestimmter Bevölkerungsgruppen zur Orientierung dienen. Damit wird die Landverteilung innerhalb einer Landschaft beschrieben, die schon vor der Ansiedlung Israels eine eigene Siedlungs- und Bevölkerungsstruktur besaß. Das zugesprochene Erbteil wurde anhand vorhandener Orte und regionaler Bezeichnungen abgegrenzt. Die Erwähnung der Architer bedeutet jedoch nicht, dass der Text an dieser Stelle bereits ihre Vertreibung oder die vollständige Übernahme ihres Gebietes schildert. Er verwendet ihre Bezeichnung zunächst zur Festlegung des Grenzverlaufs.

Als weiterer Orientierungspunkt erscheint Atarot. Dieser Ortsname begegnet im Josuabuch mehrfach, weshalb die einzelnen Erwähnungen sorgfältig unterschieden werden müssen. Bereits Josua 16,5 nennt Atarot-Addar, während Vers 7 erneut ein Atarot erwähnt. Auch in anderen Regionen des Landes gab es Orte mit ähnlichen Namen. Aus der Namensgleichheit allein folgt deshalb nicht, dass sämtliche Angaben dieselbe Stadt bezeichnen. Für Josua 16,2 lässt sich zunächst nur feststellen, dass die Grenze der Nachkommen Josephs durch das Gebiet der Architer bis nach Atarot verlief. Die genaue Identifizierung dieses Ortes und sein Verhältnis zu den später genannten Grenzpunkten müssen anhand der weiteren geografischen Angaben untersucht werden.

Die ersten beiden Verse von Josua 16 verbinden somit zwei wesentliche Gesichtspunkte. Einerseits wird die besondere Stellung der Nachkommen Josephs innerhalb der Landverteilung sichtbar. Ephraim und Manasse erhalten ihren Anteil aufgrund einer Entwicklung, die bereits mit Jakobs Segnung begonnen hatte. Andererseits beginnt die geografische Festlegung dieses Erbteils an Orten, die eng mit der früheren Geschichte Israels verbunden sind. Der Jordan erinnert an den Einzug ins Land, während Bethel auf die Verheißungen zurückweist, die Gott Jakob gegeben hatte. Zugleich machen die schwierigen Ortsangaben deutlich, dass nicht jede Einzelheit der antiken Grenzbeschreibung heute mit völliger Sicherheit rekonstruiert werden kann.

Die Verheißung Gottes wird hier durch die Bestimmung eines konkreten Gebietes weiter verwirklicht. Dennoch beschreibt der Text noch nicht die vollständige Besiedlung aller genannten Orte. Er legt zunächst fest, wie das den Nachkommen Josephs zugesprochene Erbteil geografisch eingeordnet werden soll. Die weitere Grenzbeschreibung führt von Atarot westwärts über das Gebiet der Japhletiter und Beth-Horon bis nach Geser und zum Mittelmeer. Dort wird sichtbar, wie sich das gemeinsame Erbteil Josephs über das zentrale Bergland hinaus bis in die westlichen Regionen Kanaans erstreckte.

Josua 16,3–4

Von Beth-Horon über Geser bis zum Meer: Das gemeinsame Erbteil Josephs

Nachdem die Grenze der Nachkommen Josephs von der Jordanebene über das Gebirge nach Bethel und weiter in Richtung Atarot geführt worden ist, setzt Vers 3 ihren Verlauf nach Westen fort. Die Grenzlinie steigt nun zum Gebiet der Japhletiter hinab und erreicht anschließend das untere Beth-Horon und Geser. Schließlich endet sie am Meer. Mit dieser Beschreibung wird deutlich, dass sich das den Nachkommen Josephs zugesprochene Gebiet nicht allein auf das zentrale Bergland beschränkte. Seine südliche Begrenzung erstreckte sich von der Nähe des Jordans durch unterschiedliche Landschaften bis in Richtung der Mittelmeerküste. Vers 4 bestätigt anschließend ausdrücklich, dass Manasse und Ephraim, die beiden Söhne Josephs, ihr Erbteil erhielten.

Die geografische Richtung ist dabei von Bedeutung. Während die vorhergehenden Verse den Anstieg von der tief gelegenen Jordanebene zum zentralen Bergland beschreiben, führt der Weg nun wieder bergab. Das hebräische Verb für dieses Hinabsteigen entspricht den tatsächlichen Höhenverhältnissen. Von den Bergen westlich des Jordans fällt das Gelände in Richtung der westlichen Ebene ab. Die Grenzbeschreibung folgt damit einem nachvollziehbaren landschaftlichen Verlauf. Dennoch lässt sich daraus nicht ableiten, dass die Grenze überall einer einzigen geradlinigen Straße oder einem durchgehend bekannten Weg folgte. Der Text nennt ausgewählte Orientierungspunkte, zwischen denen der genaue historische Verlauf nicht in allen Einzelheiten rekonstruiert werden kann.

Als erste Orientierung nennt Vers 3 das Gebiet der Japhletiter. Anders als bei Beth-Horon und Geser handelt es sich hier nicht unmittelbar um den Namen einer Stadt, sondern um die Bezeichnung einer Bevölkerungsgruppe. Der hebräische Ausdruck verweist auf Menschen, die offenbar in einem bestimmten Gebiet ansässig waren und deren Siedlungsraum als Grenzmerkmal bekannt war. Bereits im vorhergehenden Vers waren die Architer in ähnlicher Weise genannt worden. Die Grenze wurde somit nicht ausschließlich anhand von Bergen, Tälern oder Ortschaften bestimmt. Auch die Wohngebiete bestimmter Gruppen konnten als allgemein bekannte geografische Orientierungspunkte dienen.

Über die Japhletiter selbst berichtet die Bibel nur wenig. In 1. Chronik 7,32–33 erscheint ein Mann namens Japhlet innerhalb der Nachkommen Assers. Aufgrund der Namensähnlichkeit könnte eine Verbindung vermutet werden. Der Text von Josua 16 erklärt jedoch nicht, dass die Japhletiter von genau diesem Japhlet abstammten. Eine solche Gleichsetzung wäre deshalb unsicher. Ebenso wenig lässt sich aus der Bezeichnung zuverlässig bestimmen, wie groß diese Bevölkerungsgruppe war, welche politischen Verhältnisse in ihrem Gebiet bestanden oder ob sie zu diesem Zeitpunkt bereits vollständig unter israelitischer Herrschaft stand. Für die Grenzbeschreibung genügt zunächst die Feststellung, dass ihr Gebiet als Orientierungspunkt auf dem Weg nach Westen diente.

Die Erwähnung einer solchen Bevölkerungsgruppe macht zugleich deutlich, dass Israel ein bereits besiedeltes Land zugeteilt wurde. Die Landschaften Kanaans besaßen eigene Namen, örtliche Gemeinschaften und bestehende Siedlungsverhältnisse. Die Landverteilung bedeutete daher nicht, dass ein bislang menschenleerer Raum erstmals aufgeteilt wurde. Vielmehr wurden den Stämmen Gebiete zugesprochen, in denen bereits Menschen lebten. Dieser Umstand erklärt einen wesentlichen Teil der späteren Schwierigkeiten bei der Besitznahme. Die geografische Zuteilung eines Gebietes und die tatsächliche Veränderung seiner Bevölkerungs- und Herrschaftsverhältnisse waren nicht zwangsläufig gleichzeitig abgeschlossen.

Nach dem Gebiet der Japhletiter erreicht die Grenze das untere Beth-Horon. Diese Ortsangabe ist besonders wichtig, weil die Bibel zwischen einem oberen und einem unteren Beth-Horon unterscheidet. Die beiden Orte lagen an einem bedeutenden Übergang zwischen dem zentralen Bergland und den westlich anschließenden Landschaften. Der Höhenunterschied zwischen ihnen macht ihre Bezeichnungen verständlich. Das obere Beth-Horon lag höher im Bergland, während das untere Beth-Horon weiter westlich beziehungsweise tiefer gelegen war. Die Verbindung zwischen beiden führte durch einen natürlichen Abstieg, der für Reisende und Heere von erheblicher Bedeutung sein konnte.

Dass gerade das untere Beth-Horon als Grenzpunkt genannt wird, zeigt, wie weit die zuvor beschriebene Linie bereits nach Westen vorgedrungen ist. Josua 16,5 wird anschließend das obere Beth-Horon bei der genaueren Beschreibung des Gebietes Ephraims erwähnen. Die beiden Ortsangaben dürfen deshalb nicht miteinander verwechselt werden. Ihre unterschiedliche Höhenlage und ihre Verbindung durch den Abstieg gehören zu den geografischen Merkmalen, die bei der Rekonstruktion der Grenzlinie berücksichtigt werden müssen. Die Bezeichnungen weisen auf zwei unterscheidbare Siedlungsplätze hin, auch wenn sie als zusammengehörige Ortsgruppe betrachtet werden können.

Beth-Horon war bereits in den früheren Eroberungsberichten des Josuabuches von Bedeutung. In Josua 10,6–11 wird geschildert, wie die fünf amoritischen Könige gegen Gibeon zogen und Josua den bedrängten Gibeonitern zu Hilfe kam. Nachdem Gott Israel den Sieg gegeben hatte, flohen die feindlichen Heere über den Weg von Beth-Horon. Während ihrer Flucht wurden sie verfolgt, und der biblische Bericht beschreibt, wie große Hagelsteine auf sie fielen. Dabei wird ausdrücklich der Abstieg von Beth-Horon erwähnt. Die geografische Lage des Ortes hilft somit, den geschilderten Verlauf der Verfolgung nachzuvollziehen. Es handelte sich nicht um eine beliebige Ortsangabe, sondern um einen wichtigen Übergang zwischen dem Bergland und den tiefer gelegenen westlichen Gebieten.

Die Verbindung zwischen Josua 10 und Josua 16 ist besonders aufschlussreich. Im früheren Kapitel erscheint Beth-Horon als Schauplatz einer militärischen Verfolgung. Nun wird dieselbe Landschaft innerhalb der dauerhaften Landverteilung beschrieben. Dadurch verändert sich die Perspektive des Berichtes. Während zunächst die Überwindung feindlicher Heere im Mittelpunkt stand, geht es jetzt um die Festlegung der Gebiete, in denen die Nachkommen Israels leben sollten. Die militärischen Ereignisse bildeten einen Teil der Landnahme, doch mit der Zuteilung an die Stämme begann eine weitere Aufgabe: Das Land musste dauerhaft bewohnt, geordnet und gesichert werden.

Auch in späteren biblischen Büchern erscheinen die beiden Orte wieder. Nach 1. Chronik 7,24 wird einer Frau namens Scheera aus der Familie Ephraims der Bau des oberen und unteren Beth-Horon zugeschrieben. Der Text nennt sie im Zusammenhang mit der Familiengeschichte der Nachkommen Ephraims. Die genaue zeitliche Einordnung dieser Nachricht ist schwierig, weil die Geschlechtsregister über längere Zeiträume hinweg zusammengestellt wurden und nicht immer eine lückenlose Chronologie enthalten. Deshalb wäre es unbegründet, daraus eine sichere Jahreszahl für die Gründung beider Städte abzuleiten. Die Angabe zeigt jedoch, dass Beth-Horon auch innerhalb der ephraimitischen Familienüberlieferung einen besonderen Platz erhielt.

Eine weitere Erwähnung findet sich in der Geschichte Salomos. Nach 1. Könige 9,17 und 2. Chronik 8,5 ließ Salomo das obere und das untere Beth-Horon befestigen. Diese späteren Maßnahmen passen zur strategischen Lage der beiden Orte. Wer den Übergang zwischen Gebirge und westlicher Ebene sichern wollte, musste die Verkehrswege in dieser Gegend berücksichtigen. Die Berichte über Salomos Bautätigkeit dürfen allerdings nicht auf die Zeit Josuas zurückübertragen werden. Sie belegen eine spätere Entwicklung, nicht die genaue Beschaffenheit der Befestigungen während der ursprünglichen Landverteilung.

Von Beth-Horon führt die Grenze weiter nach Geser. Diese Stadt lag westlich des zentralen Berglandes in einer Region, die für die Verbindung zwischen dem Landesinneren und der Küstenebene von Bedeutung war. Ihre Lage machte sie zu einem wichtigen Orientierungspunkt innerhalb der Landverteilung. Anders als bei den nur schwer identifizierbaren Gebieten der Architer und Japhletiter lässt sich das antike Geser mit dem archäologischen Fundplatz Tel Geser verbinden. Dadurch ist seine ungefähre Lage vergleichsweise gut bekannt. Die genaue historische Ausdehnung seines Herrschaftsgebietes und der Verlauf sämtlicher zugehöriger Grenzen lassen sich damit jedoch noch nicht vollständig bestimmen.

Geser spielte bereits während der südlichen Feldzüge Josuas eine Rolle. Nach Josua 10,33 zog Horam, der König von Geser, herauf, um Lachisch zu unterstützen, als diese Stadt von Israel angegriffen wurde. Josua besiegte Horam und sein Heer. Auffällig ist jedoch, dass der Bericht keine anschließende Eroberung der Stadt Geser beschreibt. Er nennt ausdrücklich den Sieg über den König und seine Streitkräfte. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil aus der Niederlage eines Herrschers nicht automatisch folgt, dass seine Stadt ebenfalls eingenommen und dauerhaft besetzt wurde.

Auch Josua 12,12 zählt den König von Geser unter den besiegten Herrschern auf. Damit wird der frühere militärische Erfolg bestätigt. Zugleich zeigt die weitere Darstellung, dass die tatsächliche Situation der Stadt damit noch nicht vollständig geklärt war. Am Ende von Josua 16 wird ausdrücklich berichtet, dass die Kanaaniter in Geser nicht vertrieben wurden. Sie blieben dort wohnen und wurden später fronpflichtig. Die Grenzbeschreibung in Vers 3 und der abschließende Bericht in Vers 10 müssen deshalb zusammen gelesen werden. Geser gehörte zum vorgesehenen Erbteil, obwohl die vollständige Vertreibung seiner bisherigen Bewohner noch nicht erfolgt war.

Gerade bei Geser zeigt sich, weshalb zwischen verschiedenen geschichtlichen Vorgängen unterschieden werden muss. Der Sieg über einen König ist nicht dasselbe wie die Einnahme seiner befestigten Stadt. Eine Stadt kann einem Stamm als Erbteil zugeteilt werden, ohne dass ihre bisherigen Bewohner bereits vertrieben wurden. Ebenso kann politische Herrschaft über eine Bevölkerung entstehen, ohne dass diese ihr bisheriges Wohngebiet verlassen muss. Josua 16 führt diese unterschiedlichen Ebenen innerhalb desselben Kapitels vor Augen. Die Zuteilung Gesers wird in der Grenzbeschreibung vorausgesetzt, während die spätere Bemerkung über die Kanaaniter zeigt, dass ihre tatsächliche Stellung innerhalb des Stammesgebietes noch eine besondere Schwierigkeit darstellte.

Die spätere Geschichte der Stadt bestätigt, dass ihre Herrschaftsverhältnisse über längere Zeit Veränderungen unterworfen waren. In 1. Könige 9,16 wird berichtet, dass ein ägyptischer Pharao Geser eroberte, niederbrannte und seine kanaanitischen Bewohner tötete. Anschließend gab er die Stadt seiner Tochter, die mit Salomo verheiratet war, als Mitgift. Salomo ließ Geser daraufhin wieder aufbauen beziehungsweise befestigen (1. Könige 9,17). Der betreffende Pharao wird an dieser Stelle nicht namentlich genannt. Deshalb darf seine Identität nicht ohne zusätzliche historische Belege als gesichert ausgegeben werden. Ebenso lässt sich aus diesem Bericht keine vollständig geschlossene Herrschaftsgeschichte Gesers zwischen Josua und Salomo rekonstruieren.

Dass Geser in Josua 16,3 ausdrücklich als Grenzpunkt genannt wird, während seine weitere Geschichte von wechselnden Herrschaftsverhältnissen geprägt war, verdeutlicht erneut den Unterschied zwischen territorialer Zuteilung und tatsächlicher Kontrolle. Die Grenzen des Erbteils wurden festgelegt, doch ihre vollständige Durchsetzung entwickelte sich nicht überall in derselben Weise. Geser ist dafür ein besonders deutliches Beispiel, weil das Josuabuch sowohl von der Niederlage seines Königs als auch vom späteren Fortbestehen seiner kanaanitischen Bevölkerung berichtet.

Der letzte geografische Orientierungspunkt in Vers 3 ist das Meer. Gemeint ist das Mittelmeer, das bereits bei der Grenzbeschreibung Judas als das große Meer bezeichnet wurde (Josua 15,12). Die Grenzlinie der Nachkommen Josephs reicht damit von der Nähe des Jordans im Osten bis zum Mittelmeer im Westen. Diese Angabe bildet den westlichen Abschluss der beschriebenen Linie. Sie bedeutet jedoch nicht, dass jeder Küstenort oder jeder Landstrich am Meer bereits tatsächlich von Ephraim und Manasse beherrscht wurde. Die Zuteilung eines Gebietes und seine vollständige politische Kontrolle bleiben auch hier zu unterscheiden.

Das Mittelmeer war bereits in den Anweisungen Moses ein wesentlicher Orientierungspunkt für die Landverteilung gewesen. In 4. Mose 34,6 wird es ausdrücklich als Westgrenze des Landes Kanaan genannt. Die Grenzbeschreibungen des Josuabuches greifen diese geografische Ordnung auf und übertragen sie auf die einzelnen Stammesgebiete. Das Meer bildete damit eine weithin erkennbare natürliche Begrenzung. Während im Landesinneren zahlreiche Orte, Höhenzüge und Täler zur Bestimmung der Grenzen benötigt wurden, konnte im Westen die Küstenlinie als allgemeiner Orientierungspunkt dienen. Die genaue Lage der Siedlungs- und Herrschaftsgrenzen entlang der Küste wird dadurch allerdings nicht für jede geschichtliche Epoche festgelegt.

Eine weitere wichtige Verbindung ergibt sich aus Josua 18,12–13. Dort wird die Nordgrenze Benjamins beschrieben, die ebenfalls vom Jordan über die Umgebung Jerichos in Richtung Bethel und Atarot-Addar führt. Die Übereinstimmung verschiedener Orientierungspunkte zeigt, dass die Stammesgebiete innerhalb einer zusammenhängenden geografischen Ordnung verteilt wurden. Die Grenzbeschreibung der Nachkommen Josephs berührt damit insbesondere im östlichen und mittleren Bereich die später genauer festgelegten Gebiete Benjamins. Für den westlichen Abschnitt müssen zusätzlich die Zuteilungen an andere Stämme berücksichtigt werden. Deshalb wäre es zu einfach, aus Josua 16,1–3 eine vollständig gesicherte, durchgehende moderne Grenzlinie abzuleiten, ohne die weiteren Kapitel einzubeziehen.

Vers 4 schließt die gemeinsame Grenzbeschreibung mit einer kurzen, aber wichtigen Feststellung ab: Die Nachkommen Josephs, Manasse und Ephraim, erhielten ihr Erbteil. Nachdem zunächst nur allgemein von den Nachkommen Josephs die Rede gewesen war, werden die beiden Stämme nun ausdrücklich genannt. Damit wird bestätigt, dass die vorhergehende Beschreibung zum übergeordneten Zusammenhang ihrer Landzuteilung gehört. Sie ist noch nicht die vollständige Einzelbeschreibung beider Stammesgebiete. Die weiteren Verse des Kapitels behandeln besonders Ephraim, während Josua 17 die Zuteilung an Manasse ausführlicher beschreibt.

Die Reihenfolge der Namen in Vers 4 ist dabei bemerkenswert. Manasse wird vor Ephraim genannt, obwohl Jakob dem jüngeren Ephraim bei seiner Segnung den Vorrang gegeben hatte (1. Mose 48,13–20). Die hier verwendete Reihenfolge entspricht jedoch ihrer tatsächlichen Geburtsfolge: Manasse war der ältere Sohn Josephs. Daraus folgt nicht, dass die frühere Segnung aufgehoben worden wäre. Die Bibel verwendet die Namen Ephraim und Manasse nicht in jedem Zusammenhang in derselben Reihenfolge. Je nach Erzählzusammenhang können die Geburtsfolge, die besondere Stellung Ephraims oder die geografische Landverteilung im Vordergrund stehen. Die Reihenfolge in Josua 16,4 allein erlaubt deshalb keine Aussage darüber, dass einer der beiden Stämme dem anderen grundsätzlich untergeordnet gewesen wäre.

Auch die Bezeichnung als gemeinsames Erbteil bedeutet nicht, dass Ephraim und Manasse künftig ein einziges ungeteiltes Stammesgebiet besaßen. Die beiden Stämme erhielten eigene Gebiete, die in den folgenden Abschnitten voneinander unterschieden werden. Hinzu kommt, dass ein Teil des Stammes Manasse bereits östlich des Jordans Land erhalten hatte (Josua 13,29–31). Die westjordanische Zuteilung betraf somit die übrigen manassitischen Familien. Josua 17,1–6 wird diese Unterscheidung näher erläutern. Das gemeinsame Auftreten der Nachkommen Josephs in Josua 16,1–4 verweist auf ihre gemeinsame Abstammung und ihre besondere Stellung innerhalb Israels, hebt die spätere Aufteilung ihrer Erbteile aber nicht auf.

Die Erwähnung beider Stämme erinnert zugleich an die Geschichte Josephs in Ägypten. Seine Söhne Ephraim und Manasse wurden geboren, bevor Jakob mit seiner Familie nach Ägypten zog (1. Mose 41,50–52). Joseph gab ihnen Namen, die mit seinen Erfahrungen während der schweren Jahre und mit Gottes Hilfe in einem fremden Land verbunden waren. Obwohl beide Söhne außerhalb Kanaans geboren wurden, erhielten ihre Nachkommen später einen Anteil am verheißenen Land. Damit zeigt sich die fortdauernde Verbindung zwischen der Geschichte Josephs und den Zusagen, die Gott Abraham, Isaak und Jakob gegeben hatte. Die lange Zeit in Ägypten hatte diese Verheißungen nicht aufgehoben.

Das Erbteil der Nachkommen Josephs ist somit Teil einer größeren geschichtlichen Entwicklung. Joseph hatte seine Familie während der Hungersnot versorgt und dadurch zur Bewahrung der Nachkommen Jakobs beigetragen. Später geriet Israel in Ägypten unter Bedrückung und wurde durch Mose aus der Knechtschaft geführt. Nach der Wüstenwanderung und dem Einzug nach Kanaan erhalten nun auch Josephs Nachkommen ihren Platz im Land. Der Bericht verbindet damit verschiedene Generationen der Geschichte Israels, ohne dass Josua 16 die gesamte frühere Entwicklung erneut erzählt.

Die Verse 3–4 machen schließlich deutlich, dass die Landverteilung nicht nur aus einer allgemeinen Verheißung bestand. Die Grenzen wurden anhand konkreter geografischer Merkmale beschrieben, und die beteiligten Stämme wurden ausdrücklich benannt. Beth-Horon und Geser waren bekannte Orte, deren Lage für die Bestimmung des zugesprochenen Gebietes von Bedeutung war. Der Weg bis zum Mittelmeer zeigt die räumliche Ausdehnung der Zuteilung. Zugleich bleiben historische Einzelheiten offen, insbesondere die genaue Lage des Gebietes der Japhletiter und die Frage, wie sich die tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse in den Grenzregionen entwickelten.

Mit Vers 4 ist die gemeinsame Beschreibung des Erbteils der Nachkommen Josephs abgeschlossen. Die folgenden Verse richten den Blick nun auf Ephraim und beschreiben die Grenzen seines besonderen Stammesgebietes. Dabei wird sichtbar, wie sich die allgemeine Landzuteilung in einzelne Besitzbereiche aufgliederte. Die weitere Beschreibung führt durch das zentrale Bergland und das Jordantal und macht zugleich deutlich, dass die Grenzen Ephraims nur im Zusammenhang mit dem benachbarten Gebiet Manasses vollständig verstanden werden können.

Josua 16,5–7

Die Grenzen Ephraims vom Bergland bis zum Jordan

Nachdem die Grenzen des gemeinsamen Erbteils der Nachkommen Josephs beschrieben worden sind, richtet sich der Blick in Vers 5 ausdrücklich auf den Stamm Ephraim. Der Text betont, dass sein Gebiet nach den einzelnen Geschlechtern, also den größeren Familienverbänden des Stammes, bestimmt wurde. Damit erhält Ephraim innerhalb des zuvor gemeinsam beschriebenen Gebietes einen eigenen Anteil. Die besondere Stellung Ephraims geht auf Jakobs Segnung der beiden Söhne Josephs zurück (1. Mose 48,13–20). Obwohl Ephraim der jüngere Sohn war, hatte Jakob ihm eine besondere Zukunft zugesprochen. Nun wird diese Familienlinie als eigenständiger Stamm mit einem bestimmten Erbteil berücksichtigt. Die Grenzbeschreibung dient dabei nicht nur der allgemeinen geografischen Orientierung, sondern bildet die Grundlage für die dauerhafte Zuordnung des Landes zu den Nachkommen Ephraims.

Vers 5 beginnt mit Atarot-Addar und dem oberen Beth-Horon. Auffällig ist, dass die Schlachter 1951 diesen Abschnitt als östliche Grenze des Erbteils bezeichnet, obwohl die beiden genannten Orte im Zusammenhang mit dem südwestlichen Grenzgebiet Ephraims stehen. Die Angabe lässt sich deshalb nicht ohne Schwierigkeiten als eine einzige, von Süden nach Norden verlaufende Ostgrenze verstehen. Wahrscheinlich greift der Text zunächst einen Abschnitt der bereits beschriebenen Grenze der Nachkommen Josephs auf, bevor er weitere Begrenzungen Ephraims nennt. Besonders Josua 16,1–3 und 18,12–13 helfen dabei, die geografischen Beziehungen zu erkennen. Eine vollständig geradlinige Grenzführung lässt sich aus dem überlieferten Wortlaut jedoch nicht sicher rekonstruieren. Die Darstellung folgt offenbar mehreren bekannten Grenzabschnitten, deren Übergänge nicht überall ausdrücklich erläutert werden.

Atarot-Addar war bereits bei der Beschreibung der Grenzen Benjamins von Bedeutung. Nach Josua 18,13 führte dessen Nordgrenze in die Nähe dieses Ortes. Dadurch wird sichtbar, dass die südliche Begrenzung Ephraims zugleich mit dem nördlichen Grenzbereich Benjamins verbunden war. Allerdings erscheint in Josua 16 mehrfach der Name Atarot. Vers 2 nennt Atarot im Zusammenhang mit den Architern, Vers 5 Atarot-Addar und Vers 7 erneut Atarot. Diese Ortsnamen dürfen nicht allein wegen ihrer Ähnlichkeit gleichgesetzt werden. Besonders das in Vers 7 genannte Atarot liegt innerhalb einer anders beschriebenen Grenzfolge. Ob einzelne Namen verschiedene Siedlungen oder unterschiedliche Bezeichnungen derselben Ortschaft darstellen, muss deshalb jeweils anhand ihrer geografischen Umgebung geprüft werden. Der Text erlaubt keine zweifelsfreie Gleichsetzung sämtlicher genannten Orte.

Das obere Beth-Horon bildet einen weiteren wichtigen Orientierungspunkt. Bereits in Vers 3 war das untere Beth-Horon genannt worden. Beide Orte gehörten zu einem bedeutenden Übergang zwischen dem zentralen Bergland und den tiefer gelegenen westlichen Landschaften. Ihre unterschiedlichen Namen entsprechen der jeweiligen Höhenlage. In Josua 10,10–11 war die Gegend von Beth-Horon zum Schauplatz der Verfolgung jener amoritischen Heere geworden, die Gibeon angegriffen hatten. Nun erscheint dieselbe Landschaft innerhalb der Landverteilung. Damit verbindet sich die Erinnerung an die früheren militärischen Ereignisse mit der späteren Aufgabe, das Gebiet dauerhaft zu ordnen und zu besiedeln. Die beiden Grenzbeschreibungen zeigen zugleich, dass das obere und untere Beth-Horon unterschieden werden müssen, auch wenn sie geografisch eng miteinander verbunden waren.

Vers 6 erklärt zunächst, dass die Grenze bis zum Meer hinausläuft und dabei Mikmetat nördlich liegen lässt. Mit dem Meer ist das Mittelmeer gemeint. Die Erwähnung Mikmetats ist besonders aufschlussreich, weil der Ort in Josua 17,7 erneut erscheint. Dort wird er im Zusammenhang mit der Grenze Manasses genannt und als östlich von Sichem gelegen beschrieben. Diese Verbindung zeigt, dass Mikmetat vor allem für die Abgrenzung zwischen Ephraim und Manasse von Bedeutung war. Allerdings wirkt die Reihenfolge der Ortsangaben in Josua 16 zunächst ungewöhnlich: Nach einer westwärts gerichteten Grenzlinie wird ein Ort im zentralen Bergland genannt, von dem aus die Beschreibung anschließend wieder nach Osten führt. Es ist deshalb sinnvoll, die Angaben als Beschreibung verschiedener zusammengehöriger Grenzabschnitte zu verstehen. Eine genaue Rekonstruktion ihrer Verbindung bleibt jedoch unsicher.

Von Mikmetat wendet sich die Grenze ostwärts nach Taanat-Silo und verläuft daran vorbei bis östlich von Janoach. Der Name Taanat-Silo enthält zwar die Bezeichnung Silo, doch daraus folgt nicht, dass dieser Ort mit der bekannten Stadt Silo gleichgesetzt werden darf. Silo erhielt später eine besondere Bedeutung, weil dort die Stiftshütte aufgestellt wurde (Josua 18,1). Die Stadt lag im Gebiet Ephraims und wurde zu einem wichtigen Ort für die Zusammenkünfte Israels. Taanat-Silo bezeichnet dagegen einen eigenen Grenzpunkt, dessen genaue Lage nicht mit vollständiger Sicherheit bestimmt werden kann. Ein geografischer oder historischer Zusammenhang mit Silo ist möglich, wird im Vers aber nicht näher erklärt. Auch die Formulierung, dass die Grenze östlich an Janoach vorbeiführt, beschreibt zunächst die Lage der Grenzlinie zur Stadt. Sie ist kein ausdrücklicher Bericht über die Eroberung oder tatsächliche Beherrschung des Ortes.

Vers 7 setzt den Verlauf von Janoach aus fort. Die Grenze steigt hinab nach Atarot und Naarat, erreicht die Gegend Jerichos und endet schließlich am Jordan. Die Angabe des Hinabsteigens entspricht den natürlichen Höhenverhältnissen zwischen dem zentralen Bergland und dem tief gelegenen Jordantal. Besonders Naarat ist ein interessanter Orientierungspunkt. In 1. Chronik 7,28 erscheint eine Stadt namens Naaran innerhalb einer Aufzählung von Orten der Nachkommen Ephraims. Häufig werden Naarat und Naaran miteinander in Verbindung gebracht. Die unterschiedlichen Namensformen können auf denselben Ort zurückgehen, doch eine vollständig gesicherte Identifizierung lässt sich daraus allein nicht ableiten. Auch bei Atarot bleibt zu berücksichtigen, dass es nicht ohne Weiteres mit dem weiter westlich gelegenen Atarot-Addar aus Vers 5 gleichgesetzt werden darf.

Die Erwähnung Jerichos bedeutet nicht, dass die Stadt selbst vollständig zum Erbteil Ephraims gehörte. Josua 18,21 nennt Jericho ausdrücklich unter den Städten des Stammes Benjamin. In Josua 16,7 dient die Stadt dagegen der Orientierung für die Grenze Ephraims, die den Jordan erreicht. Diese Unterscheidung zwischen einem Grenzpunkt und der Zugehörigkeit einer Stadt ist für die gesamte Landverteilung wichtig. Eine Grenzlinie konnte durch die Umgebung eines bekannten Ortes führen, ohne dass dieser Ort deshalb zwangsläufig zu beiden angrenzenden Stammesgebieten gehörte. Der Jordan bildet schließlich eine deutlich erkennbare natürliche Begrenzung. Damit schließt sich der östliche Teil der Beschreibung an jene Landschaft an, von der aus bereits die gemeinsame Grenzangabe der Nachkommen Josephs begonnen hatte.

Die Verse 5–7 zeigen, wie eng die einzelnen Stammesgebiete geografisch miteinander verbunden waren. Ephraims Erbteil musste gegenüber Benjamin im Süden und Manasse im Norden abgegrenzt werden, während im Osten das Jordantal eine wichtige natürliche Orientierung bildete. Die mehrfach vorkommenden Ortsnamen und die teilweise schwierige Reihenfolge der Grenzpunkte erinnern daran, dass sich die antiken Angaben nicht in jedem Fall in eine vollständig gesicherte moderne Karte übertragen lassen. Dennoch bleibt die grundlegende Aussage deutlich: Ephraim erhielt ein bestimmtes Gebiet, dessen Grenzen anhand bekannter Landschaften und Siedlungen festgelegt wurden. Die Landverteilung sollte den einzelnen Familien einen geordneten Besitz ermöglichen. Im folgenden Abschnitt wird die Grenze mit Tappuach und dem Bach Kana weiter nach Westen beschrieben. Dort zeigt sich noch deutlicher, wie Ephraims Erbteil mit dem benachbarten Gebiet Manasses verflochten war.

Josua 16,8–9

Der Bach Kana und Ephraims Städte innerhalb des Erbteils Manasses

Mit Vers 8 wird die Grenzbeschreibung Ephraims im westlichen Teil seines Stammesgebietes abgeschlossen. Von Tappuach aus verläuft die Grenze in Richtung Westen zum Bach Kana, den die Schlachter 1951 als Nahal-Kana bezeichnet, und endet schließlich am Mittelmeer. Der Text kehrt damit zu einer Grenze zurück, die besonders für das Verhältnis zwischen Ephraim und Manasse von Bedeutung ist. Während die vorhergehenden Verse verschiedene Abschnitte der östlichen und südlichen Begrenzung beschrieben haben, steht nun die nördliche Abgrenzung Ephraims im Mittelpunkt. Die beiden Nachkommen Josephs erhielten benachbarte Gebiete, deren Grenzen teilweise durch natürliche Geländemerkmale bestimmt wurden. Der Bach Kana bildete dabei einen wesentlichen Orientierungspunkt zwischen den beiden Stämmen.

Tappuach ist für das Verständnis dieser Grenze besonders wichtig. Der Ortsname begegnet mehrfach im Alten Testament, weshalb unterschiedliche gleichnamige Orte voneinander unterschieden werden müssen. Bereits Josua 15,34 nennt Tappuach innerhalb der Schephela Judas. In Josua 15,53 erscheint außerdem Beth-Tappuach unter den Städten des judäischen Berglandes. Das hier genannte Tappuach gehört dagegen zur Grenzregion zwischen Ephraim und Manasse. Eine Gleichsetzung dieser Orte allein aufgrund ihres Namens wäre deshalb unbegründet. Der genaue Standort des Tappuach an der Grenze der Josephsstämme ist nicht mit vollständiger Sicherheit bestimmt, doch seine Lage im Grenzgebiet wird durch den folgenden Abschnitt des Josuabuches ausdrücklich bestätigt.

Josua 17,7–8 beschreibt die Grenze Manasses und führt sie über Mikmetat in Richtung En-Tappuach. Anschließend erklärt der Text einen bemerkenswerten Unterschied: Das Land von Tappuach gehörte Manasse, während die Stadt Tappuach selbst Ephraim zugeteilt wurde. Damit wird deutlich, dass die Zuteilung einer Stadt nicht zwangsläufig das gesamte umliegende Gebiet einschloss. Eine Stadt konnte einem bestimmten Stamm gehören, während die benachbarte Landschaft einem anderen zugewiesen war. Welche einzelnen Felder, Siedlungen und Nutzungsrechte davon betroffen waren, wird nicht näher beschrieben. Die ausdrückliche Unterscheidung zwischen Stadt und Land muss jedoch bei jeder Rekonstruktion der Stammesgrenzen berücksichtigt werden.

Von Tappuach führt die Grenze weiter zum Bach Kana. Der hebräische Name Nahal-Kana verbindet die Bezeichnung eines Bach- oder Flusstales mit einem Namen, der gewöhnlich auf Schilf beziehungsweise Rohr bezogen wird. Ein Nahal musste nicht ganzjährig Wasser führen, sondern konnte auch ein Tal bezeichnen, durch das Wasser nur während bestimmter Jahreszeiten floss. Für die Grenzbestimmung war eine solche Geländeform dennoch geeignet, weil der Verlauf eines Tales auch ohne ständige Wasserführung erkennbar blieb. Der Bach Kana wird häufig mit dem heutigen Wadi Qana im zentralen Bergland in Verbindung gebracht. Diese Identifizierung ist geografisch naheliegend, doch der genaue Verlauf der antiken Grenze und ihre Zuordnung zu sämtlichen heutigen Geländeabschnitten lassen sich nicht zweifelsfrei bestimmen.

Die Bedeutung des Baches wird in Josua 17,9–10 noch deutlicher. Dort wird ausdrücklich erklärt, dass Manasses Grenze nördlich des Baches verläuft, während Ephraim das südlich gelegene Gebiet erhielt. Beide Stammesgebiete erstreckten sich nach Westen bis zum Mittelmeer. Somit lässt sich die grundlegende Lage der beiden Erbteile erkennen: Ephraim befand sich überwiegend südlich, Manasse nördlich der gemeinsamen Grenzlinie. Die geografische Beschreibung in Josua 16 wird durch die Angaben des folgenden Kapitels ergänzt. Erst der Vergleich beider Texte ermöglicht ein genaueres Verständnis der gemeinsamen Grenze. Dennoch darf diese allgemeine Ordnung nicht mit der Annahme verwechselt werden, sämtliche Städte seien ausnahmslos dem Stamm zugeteilt worden, auf dessen Seite der Grenzlinie sie lagen.

Vers 8 schließt mit der Feststellung, dass dies das Erbteil des Stammes Ephraim nach seinen Geschlechtern sei. Die Erwähnung der Geschlechter erinnert daran, dass das Gebiet für die verschiedenen Familienverbände des Stammes bestimmt war. Es ging nicht nur um die Festlegung einer äußeren Grenze, sondern um die Grundlage für eine dauerhafte Ansiedlung. Die Familien Ephraims sollten innerhalb ihres Erbteils leben und ihren Besitz an die folgenden Generationen weitergeben können. Damit wird die bereits unter Mose angeordnete Landverteilung konkret umgesetzt (4. Mose 26,52–56). Die Grenzbeschreibung bildet jedoch noch nicht die vollständige Darstellung aller Besitzverhältnisse, denn der folgende Vers nennt eine wichtige Besonderheit.

Vers 9 erklärt, dass Ephraim zusätzlich Städte erhielt, die mitten im Erbteil Manasses lagen. Auch ihre zugehörigen Dörfer gehörten zu diesen besonderen Zuteilungen. Damit wird die zuvor beschriebene Grenzordnung ausdrücklich ergänzt. Ephraims Besitz bestand nicht ausschließlich aus einem einzigen zusammenhängenden Gebiet innerhalb seiner allgemeinen Stammesgrenzen. Einzelne Städte waren ihm auch innerhalb des Gebietes seines Bruderstammes zugewiesen. Solche räumlich getrennten Besitzungen werden in der historischen Geografie häufig als Exklaven bezeichnet. Der Begriff kann helfen, die besondere Situation zu verstehen. Allerdings beschreibt der Bibeltext weder die genaue Zahl noch die Namen sämtlicher hier gemeinter Städte. Auch ihre vollständige geografische Verteilung bleibt offen.

Diese besondere Zuteilung widerspricht nicht zwangsläufig der vorhergehenden Grenzbeschreibung. Die Grenzen bestimmten die allgemeine Ausdehnung eines Stammesgebietes, während einzelne Orte aufgrund besonderer Besitzverhältnisse einem anderen Stamm gehören konnten. Josua 17,8 liefert mit Tappuach ein konkretes Beispiel für eine solche Unterscheidung zwischen dem Gebiet Manasses und einer Ephraim zugeteilten Stadt. Ob Tappuach zugleich ausdrücklich zu sämtlichen in Josua 16,9 vorausgesetzten Städten gerechnet werden sollte, wird dort jedoch nicht einzeln erläutert. Die beiden Aussagen passen sachlich zusammen, müssen aber in ihrem jeweiligen Wortlaut beachtet werden. Der Text erklärt auch nicht, weshalb Ephraim diese zusätzlichen Städte erhielt. Ein Ausgleich der Bevölkerungszahlen oder besondere örtliche Verhältnisse sind mögliche Erklärungen, werden jedoch nicht ausdrücklich genannt.

Bemerkenswert ist schließlich, dass Ephraim und Manasse trotz ihrer gemeinsamen Abstammung als eigenständige Stämme mit unterscheidbaren Besitzrechten behandelt werden. Ihre Gebiete grenzten unmittelbar aneinander, und dennoch waren die einzelnen Zuteilungen nicht überall einfach voneinander zu trennen. Daraus lässt sich erkennen, dass die Landverteilung eine genauere Ordnung erforderte als eine bloße Aufteilung des Landes durch wenige große Grenzlinien. Neben der allgemeinen Stammeszugehörigkeit mussten auch die Rechte an einzelnen Städten und ihren umliegenden Siedlungen berücksichtigt werden. Für die betroffenen Familien war diese Festlegung von unmittelbarer Bedeutung, weil sie bestimmte, zu welchem Stamm ihre Wohnorte und Besitzungen gehörten.

Die Verse 8–9 schließen damit die eigentliche Beschreibung des Erbteils Ephraims ab. Der Bach Kana bildete einen wesentlichen Teil seiner Grenze zu Manasse, während einzelne Städte Ephraims innerhalb des manassitischen Gebietes lagen. Die Landverteilung wird dadurch als eine geordnete, aber geografisch vielschichtige Zuteilung sichtbar. Der abschließende Vers des Kapitels führt anschließend von den zugesprochenen Besitzrechten zur tatsächlichen Situation einer bestimmten Stadt. In Geser waren weiterhin Kanaaniter ansässig, die nicht vertrieben wurden, sondern unter israelitischer Herrschaft fronpflichtig wurden. Damit zeigt sich erneut, dass die Festlegung eines Erbteils und seine vollständige Besitznahme unterschiedliche Vorgänge waren.

Josua 16,10

Die Kanaaniter in Geser: Fronarbeit statt vollständiger Vertreibung

Nach der Beschreibung der Grenzen Ephraims endet das Kapitel mit einer ernsten Feststellung. Die Ephraimiter vertrieben die Kanaaniter nicht aus Geser. Stattdessen blieben diese weiterhin in der Stadt wohnen und wurden zur Fronarbeit verpflichtet. Damit entsteht ein deutlicher Gegensatz zwischen der Landzuteilung und den tatsächlichen Verhältnissen innerhalb des zugesprochenen Gebietes. Während die vorhergehenden Verse festlegen, welche Städte und Landschaften Ephraim erhalten sollte, zeigt der letzte Vers, dass die vollständige Besitznahme noch nicht überall verwirklicht war. Die Kanaaniter waren nicht verschwunden, sondern lebten weiterhin unter israelitischer Herrschaft.

Geser hatte bereits während der Eroberungsfeldzüge Josuas eine Rolle gespielt. Nach Josua 10,33 war Horam, der König von Geser, mit seinem Heer heraufgezogen, um Lachisch gegen Israel zu unterstützen. Josua besiegte ihn und seine Streitkräfte. Der Bericht erwähnt jedoch keine anschließende Einnahme Gesers. Auch Josua 12,12 führt lediglich den besiegten König der Stadt auf. Diese Unterscheidung ist wichtig: Die Niederlage eines Herrschers bedeutete nicht zwangsläufig, dass seine befestigte Stadt erobert oder dauerhaft besetzt wurde. Josua 16,10 bestätigt, dass die kanaanitische Bevölkerung Gesers weiterhin bestand. Dafür muss keine zwischenzeitliche Rückeroberung der Stadt angenommen werden, obwohl eine solche Entwicklung grundsätzlich möglich wäre. Der Bibeltext beschreibt die genaue Abfolge nicht.

Eine Besonderheit dieses Verses liegt darin, dass die Kanaaniter nicht einfach als unabhängige Bewohner Gesers dargestellt werden. Sie wurden fronpflichtig. Der hebräische Ausdruck mas oved bezeichnet eine Verpflichtung zu Arbeitsleistungen unter fremder Herrschaft. Gemeint ist deshalb keine gewöhnliche freiwillige Beschäftigung und auch kein gleichberechtigtes Zusammenleben zweier Bevölkerungsgruppen. Die Kanaaniter mussten Arbeit für die israelitischen Machthaber leisten. Wie diese Arbeit organisiert wurde, welche Tätigkeiten sie umfasste und unter welchen konkreten Bedingungen die Menschen lebten, erklärt der Vers nicht. Er macht jedoch deutlich, dass die Ephraimiter eine gewisse Herrschaft über die verbliebene Bevölkerung ausübten.

Gerade dieser Umstand wirft eine wichtige Frage auf. Wenn Ephraim die Kanaaniter zur Fronarbeit verpflichten konnte, weshalb wurden sie dann nicht vertrieben? Eine naheliegende Vermutung lautet, dass ihre Arbeitskraft wirtschaftliche Vorteile brachte und die Israeliten deshalb an ihrem Verbleib interessiert waren. Der Text nennt ein solches Motiv allerdings nicht ausdrücklich. Ebenso wenig erklärt er, ob die Vertreibung zunächst an militärischen Schwierigkeiten gescheitert war und die Fronpflicht erst später durch eine Veränderung der Machtverhältnisse entstand. Die Aussage erlaubt deshalb keine vollständig gesicherte Rekonstruktion der Entscheidungen Ephraims. Fest steht lediglich, dass die Kanaaniter nicht vertrieben wurden und schließlich einer Form israelitischer Zwangsherrschaft unterstanden.

Ein unmittelbarer Vergleich findet sich in Richter 1,29. Dort wird erneut berichtet, dass Ephraim die Kanaaniter aus Geser nicht vertrieb und diese weiterhin unter den Ephraimitern wohnten. Beide Stellen bestätigen denselben grundlegenden Sachverhalt. Das Richterbuch stellt solche Berichte allerdings in einen größeren Zusammenhang. Auch andere Stämme konnten die kanaanitischen Bewohner ihrer Gebiete nicht vollständig verdrängen. Teilweise wurden die verbliebenen Menschen später ebenfalls zur Fronarbeit verpflichtet (Richter 1,27–35). Damit zeigt sich, dass Geser kein völlig isolierter Einzelfall war. Die Landnahme blieb an mehreren Orten unvollendet, während sich die Machtverhältnisse zwischen Israeliten und Kanaanitern unterschiedlich entwickelten.

Für die geistliche Beurteilung ist der Zusammenhang mit Gottes früheren Anweisungen entscheidend. Nach 2. Mose 23,29–30 hatte Gott angekündigt, die Bewohner Kanaans nicht überall auf einmal zu vertreiben, damit das Land nicht verwüstet würde. Eine schrittweise Landnahme war somit grundsätzlich vorgesehen. Zugleich hatte Gott Israel ausdrücklich davor gewarnt, die religiösen Praktiken der kanaanitischen Völker zu übernehmen oder sich durch unerlaubte Bündnisse von ihm abbringen zu lassen (2. Mose 23,32–33; 5. Mose 7,1–5). Deshalb dürfen eine zunächst noch nicht abgeschlossene Vertreibung und die dauerhafte Missachtung göttlicher Anweisungen nicht gleichgesetzt werden. Richter 2,1–3 verurteilt später ausdrücklich den Ungehorsam Israels. Josua 16,10 selbst beschreibt jedoch vor allem den verbliebenen Zustand in Geser und nennt keine vollständige Erklärung seiner Ursachen.

Die spätere Geschichte Gesers zeigt, dass die Verhältnisse der Stadt auch nach der Zeit Josuas nicht unverändert blieben. Nach 1. Könige 9,16 nahm ein ägyptischer Pharao Geser ein, brannte die Stadt nieder und tötete die dortigen Kanaaniter. Anschließend gab er Geser seiner Tochter, die mit Salomo verheiratet war, als Mitgift. Salomo ließ die Stadt danach befestigen (1. Könige 9,17). Der Pharao wird im Bibeltext nicht namentlich genannt. Ebenso wenig wird die vollständige Herrschaftsgeschichte Gesers zwischen Josua und Salomo beschrieben. Die späteren Ereignisse zeigen jedoch, dass die Stadt über einen langen Zeitraum hinweg Gegenstand politischer und militärischer Veränderungen blieb. Die Zuteilung an Ephraim bedeutete somit nicht, dass ihre weitere Geschichte bereits feststand.

Der Abschluss von Josua 16 erinnert auffällig an Josua 15,63. Dort konnten die Judäer die Jebusiter nicht aus Jerusalem vertreiben; hier bleiben die Kanaaniter in Geser. Beide Kapitel beschreiben zunächst ausführlich das Erbteil eines Stammes und enden mit einer noch nicht abgeschlossenen Aufgabe. Der Unterschied liegt darin, dass Geser ausdrücklich mit Fronarbeit verbunden wird. Dadurch entsteht ein ernsteres Bild der tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse: Die verbliebenen Bewohner waren nicht notwendigerweise weiterhin militärisch überlegen, sondern konnten inzwischen von Israel abhängig geworden sein. Dennoch blieb die vollständige Vertreibung aus.

Josua 16 endet damit ohne eine uneingeschränkte Erfolgsmeldung. Gott hatte den Nachkommen Josephs ihr Erbteil zugesprochen, und Ephraim erhielt ein geografisch bestimmtes Stammesgebiet. Die tatsächliche Besitznahme entsprach jedoch noch nicht überall dieser Zuteilung. Der Bericht verschweigt die Schwierigkeit nicht und versucht auch nicht, sie durch die bisher errungenen Siege zu überdecken. Zugleich zeigt er, dass politische Macht und die Erfüllung eines göttlichen Auftrags nicht dasselbe sind. Die Ephraimiter konnten über die Kanaaniter in Geser verfügen, doch die ursprünglich vorgesehene Vertreibung war damit nicht verwirklicht. Diese Spannung führt unmittelbar zum folgenden Kapitel, in dem die Landverteilung an Manasse beschrieben wird und erneut Schwierigkeiten bei der vollständigen Besitznahme des Landes sichtbar werden.

Geistliche Kernbotschaft

Josua 16 zeigt, wie Gottes Verheißung an die Nachkommen Abrahams durch die Landverteilung weiter erfüllt wird. Mit Ephraim und Manasse erhalten nun auch die beiden Söhne Josephs ihren Platz im verheißenen Land. Beide waren in Ägypten geboren worden, weit entfernt von dem Gebiet, das Gott ihren Vorfahren zugesagt hatte. Dennoch wurden ihre Nachkommen nicht von dieser Verheißung ausgeschlossen. Was Gott Abraham, Isaak und Jakob versprochen hatte, blieb auch über die Zeit in Ägypten und die lange Wüstenwanderung hinweg bestehen.

Die besondere Stellung Ephraims und Manasses geht auf Jakobs Segnung zurück. Jakob hatte Josephs Söhne als seine eigenen angenommen und ihnen damit einen Platz innerhalb der Stammesordnung Israels gegeben. Die nun erfolgende Landverteilung zeigt, dass diese frühere Entscheidung nicht bedeutungslos geblieben war. Gottes Handeln erstreckte sich über mehrere Generationen. Menschen konnten die Erfüllung seiner Zusagen nicht immer selbst erleben, doch die Verheißungen waren damit nicht aufgehoben.

Die ausführlichen Grenzbeschreibungen machen zugleich deutlich, dass Gottes Zusagen eine konkrete geschichtliche Bedeutung hatten. Das Land wurde nicht nur allgemein den Nachkommen Israels versprochen, sondern nach Stämmen und Familien verteilt. Dabei mussten Grenzen, Siedlungen und besondere Besitzverhältnisse berücksichtigt werden. Die zusätzlichen Städte Ephraims innerhalb des Gebietes Manasses zeigen, dass diese Ordnung nicht in jedem Fall aus einfachen, zusammenhängenden Gebietsflächen bestand. Die Verteilung sollte den tatsächlichen Verhältnissen der einzelnen Stammesgemeinschaften Rechnung tragen.

Der letzte Vers führt jedoch eine andere Seite der Geschichte vor Augen. Die Kanaaniter in Geser wurden nicht vertrieben, sondern blieben als fronpflichtige Bevölkerung in der Stadt wohnen. Damit wird deutlich, dass die Zuteilung des Erbteils nicht automatisch dessen vollständige Besitznahme bedeutete. Die Ephraimiter verfügten offenbar über genügend Macht, um den verbliebenen Bewohnern Arbeitsleistungen aufzuerlegen. Dennoch war die ursprünglich vorgesehene Vertreibung nicht erfolgt. Der Text benennt diesen Zustand, ohne die genauen Beweggründe der Ephraimiter zu erklären.

Gerade hier zeigt sich ein wichtiger Unterschied zwischen äußerem Erfolg und der Erfüllung eines göttlichen Auftrags. Politische Stärke, wirtschaftlicher Nutzen und die Fähigkeit, andere Menschen zu beherrschen, sind für sich genommen kein Beweis dafür, dass Gottes Wille vollständig beachtet wird. Zugleich darf die unvollständige Vertreibung nicht pauschal mit einer bestimmten persönlichen Schuld jedes beteiligten Israeliten erklärt werden. Die Bibel unterscheidet zwischen der von Gott angekündigten schrittweisen Landnahme und dem später ausdrücklich verurteilten Ungehorsam des Volkes.

Die geistliche Kernbotschaft des Kapitels liegt deshalb im Zusammenspiel von Gottes Treue und menschlicher Verantwortung. Gott hielt an seinen Verheißungen fest und gab den Nachkommen Josephs ihr Erbteil. Doch die Geschichte der Landnahme war damit noch nicht abgeschlossen. Das empfangene Land brachte weitere Aufgaben mit sich, und die tatsächlichen Verhältnisse mussten an Gottes Anweisungen gemessen werden.

Josua 16 erinnert daran, dass ein verheißener Segen nicht von verantwortlichem Handeln getrennt werden darf. Gottes Treue ist die Grundlage des Geschehens. Sie macht aber weder Gehorsam noch die ehrliche Auseinandersetzung mit unerfüllten Aufgaben überflüssig.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Die besondere Stellung der Nachkommen Josephs beginnt bereits in 1. Mose 48. Jakob nahm Ephraim und Manasse als seine eigenen Söhne an und gab ihnen damit einen eigenständigen Platz innerhalb seiner Familie. Bei der anschließenden Segnung stellte er den jüngeren Ephraim vor den älteren Manasse. Diese ungewöhnliche Reihenfolge wurde nicht durch Josephs persönlichen Wunsch bestimmt, sondern durch Jakobs ausdrückliche Entscheidung. Josua 16 zeigt nun, dass beide Familienlinien tatsächlich ein eigenes Erbteil erhielten. Die besondere Stellung Josephs wird außerdem in 1. Chronik 5,1–2 erklärt, wo das Erstgeburtsrecht mit seinen Söhnen verbunden wird, während Juda die Führungsstellung erhält.

Eine weitere Verbindung besteht zu den Landverheißungen an Abraham und Jakob. In 1. Mose 12,7 sagte Gott Abraham das Land für seine Nachkommen zu. In 1. Mose 35,9–12 bestätigte er Jakob die Zusage, dass das Land Abraham und Isaaks auch seinen Nachkommen gegeben werden sollte. Gerade Bethel, das in Josua 16,1–2 als Grenzpunkt erscheint, war bereits ein Ort dieser Verheißungsgeschichte. Dort hatte Jakob Gottes Gegenwart erfahren und später einen Altar errichtet (1. Mose 28,10–22; 35,1–15). Die Erwähnung Bethels verbindet die geografische Landverteilung somit mit einem Ort, an dem Gott bereits früher zu den Erzvätern gesprochen hatte.

Die Zuteilung an Ephraim und Manasse steht außerdem im Zusammenhang mit 4. Mose 26,52–56. Dort hatte Gott angeordnet, das Land nach der Größe der Stämme und durch das Los zu verteilen. Josua 14,1–2 beschreibt die Ausführung dieser Anordnung unter der Verantwortung Josuas, des Priesters Eleasar und der Stammesoberhäupter. Josua 16 setzt diese Ordnung fort. Dass zunächst vom gemeinsamen Erbteil der Nachkommen Josephs gesprochen wird, erklärt sich aus ihrer Abstammung. Die anschließende Aufteilung macht jedoch deutlich, dass Ephraim und Manasse eigenständige Stammesgebiete erhielten.

Für das Verständnis Manasses ist Josua 13,29–31 besonders wichtig. Dort wird berichtet, dass der halbe Stamm Manasse bereits östlich des Jordans Land erhalten hatte. Josua 16 und 17 beschreiben dagegen die westjordanischen Gebiete der Josephsstämme. Beide Abschnitte müssen deshalb zusammen gelesen werden. Manasse erhielt nicht erst in Kapitel 17 überhaupt ein Erbteil, sondern seine Familien waren auf Gebiete beiderseits des Jordans verteilt.

Auch die Verbindung zwischen Ephraim und Benjamin ist für die geografische Einordnung bedeutsam. Josua 18,12–13 nennt bei der Beschreibung der Nordgrenze Benjamins mehrere Orientierungspunkte, die bereits in Josua 16 vorkommen, darunter die Gegend von Jericho, Bethel und Atarot-Addar. Die Grenzbeschreibungen bestätigen damit, dass die Stammesgebiete in einem räumlichen Zusammenhang standen. Zugleich zeigt der Vergleich, weshalb einzelne Ortsnamen nicht allein anhand einer einzigen Liste identifiziert werden sollten.

Die Grenze zwischen Ephraim und Manasse wird besonders durch Josua 17,7–10 erläutert. Dort erscheinen erneut Mikmetat, Tappuach und der Bach Kana. Auffällig ist die ausdrückliche Unterscheidung zwischen dem Land von Tappuach, das Manasse gehörte, und der Stadt Tappuach, die Ephraim erhielt. Diese Angabe hilft, Josua 16,9 zu verstehen, wo von einzelnen Städten Ephraims innerhalb des Stammesgebietes Manasses die Rede ist. Die allgemeine Grenzziehung und besondere Besitzrechte an einzelnen Städten konnten nebeneinander bestehen.

Der Abschluss des Kapitels besitzt eine unmittelbare Verbindung zu Josua 10,33 und 12,12. Dort wird berichtet, dass Josua Horam, den König von Geser, besiegte und dass dieser Herrscher unter den überwundenen Königen aufgeführt wurde. Die Einnahme der Stadt selbst wird jedoch nicht ausdrücklich beschrieben. Josua 16,10 berichtet später, dass Kanaaniter weiterhin in Geser wohnten. Damit wird sichtbar, weshalb der militärische Sieg über einen König nicht mit der vollständigen Eroberung seines Herrschaftsgebietes gleichgesetzt werden darf.

Richter 1,29 bestätigt den fortdauernden Aufenthalt der Kanaaniter in Geser. Im selben Kapitel wird über weitere Stämme berichtet, die frühere Bewohner des Landes nicht vollständig vertrieben. Teilweise wurden diese Menschen später ebenfalls zur Fronarbeit verpflichtet (Richter 1,27–35). Dadurch erscheint die Situation Gesers als Teil einer größeren Entwicklung. In mehreren Gebieten entstand israelitische Herrschaft, ohne dass die ursprünglich vorgesehene Vertreibung vollständig erfolgt war.

Eine wichtige Grundlage für die Beurteilung dieser Entwicklung findet sich in 2. Mose 23,27–33. Gott hatte Israel angekündigt, die Bewohner Kanaans schrittweise zu vertreiben, damit das Land nicht verwüstet würde. Gleichzeitig warnte er ausdrücklich vor religiösen Bündnissen und der Übernahme fremder Götterverehrung. Richter 2,1–3 zeigt später, dass Israel diese Anweisungen nicht vollständig befolgte. Die Verbindung der Stellen verhindert zwei Missverständnisse: Eine schrittweise Landnahme war nicht grundsätzlich Ungehorsam; die dauerhafte Missachtung des göttlichen Auftrags durfte jedoch auch nicht als unproblematisch dargestellt werden.

Die spätere Geschichte Gesers wird in 1. Könige 9,16–17 fortgesetzt. Ein ägyptischer Pharao nahm die Stadt ein, zerstörte sie und gab sie seiner Tochter, der Frau Salomos, als Mitgift. Anschließend ließ Salomo Geser befestigen. Der Bericht zeigt, dass die Herrschaftsverhältnisse der Stadt auch lange nach Josua Veränderungen unterworfen waren. Eine vollständig gesicherte zeitliche Abfolge zwischen der Landverteilung und den Ereignissen unter Salomo wird allerdings nicht überliefert.

Schließlich lässt sich Josua 16 mit der zusammenfassenden Aussage in Josua 21,43–45 verbinden. Dort wird bezeugt, dass Gott Israel das verheißene Land gegeben und seine Zusagen erfüllt hatte. Gleichzeitig berichten Josua 15,63 und 16,10 von weiterhin ansässigen kanaanitischen Bevölkerungsgruppen. Beide Aussagen behandeln unterschiedliche Gesichtspunkte. Die Landgabe wird als Erfüllung der göttlichen Verheißung beschrieben, während die einzelnen Stammesberichte zeigen, dass die dauerhafte Besitznahme und die Erfüllung aller damit verbundenen Aufgaben noch nicht überall abgeschlossen waren.

Wichtige Lektionen

Gottes Verheißungen reichen über einzelne Generationen hinaus. Ephraim und Manasse wurden in Ägypten geboren, doch ihre Nachkommen erhielten einen Anteil am Land, das Gott Abraham und Jakob versprochen hatte. Die Erfüllung der Verheißung erfolgte erst nach vielen Jahren und unter veränderten geschichtlichen Umständen. Gottes Treue war nicht davon abhängig, dass die ursprünglichen Empfänger seine Zusagen noch selbst vollständig verwirklicht sahen.

Die Reihenfolge menschlicher Erwartungen bestimmt nicht immer Gottes Handeln. Jakob stellte bei der Segnung Josephs den jüngeren Ephraim vor Manasse. Die spätere Stammesgeschichte zeigt, dass diese Entscheidung eine bleibende Bedeutung erhielt. Daraus folgt keine allgemeine Regel, nach der jüngere Geschwister grundsätzlich bevorzugt werden. Der Bericht zeigt vielmehr, dass Gottes Führung nicht auf menschliche Vorstellungen über Geburtsrechte und Rangordnungen beschränkt ist.

Eine geregelte Verteilung schafft Klarheit und Verantwortung. Die Grenzbeschreibungen Ephraims unterscheiden zwischen den Gebieten verschiedener Stämme und berücksichtigen besondere Besitzverhältnisse. Auch Städte innerhalb des Erbteils Manasses konnten Ephraim zugeteilt sein. Die Landverteilung erforderte deshalb sorgfältige Festlegungen. Sie zeigt, dass verantwortliches Zusammenleben nicht nur von guten Absichten abhängt, sondern auch klare Vereinbarungen und geordnete Zuständigkeiten benötigt.

Ein militärischer Erfolg ist nicht gleichbedeutend mit dauerhafter Herrschaft. Der König von Geser wurde unter Josua besiegt, doch die kanaanitische Bevölkerung blieb weiterhin in der Stadt. Die verschiedenen Berichte dürfen deshalb nicht zu einer einzigen, vollständig abgeschlossenen Eroberung zusammengezogen werden. Diese Unterscheidung ist für ein sachgerechtes Verständnis der biblischen Geschichtsdarstellung wichtig.

Äußere Macht bedeutet nicht automatisch Gehorsam gegenüber Gott. Die Ephraimiter konnten die Kanaaniter in Geser zur Fronarbeit verpflichten. Dennoch war die Vertreibung nicht erfolgt. Der Text nennt keine ausdrücklichen Beweggründe für diese Entwicklung. Er macht aber deutlich, dass politische Stärke und die vollständige Erfüllung eines göttlichen Auftrags unterschiedliche Dinge sind. Wirtschaftliche oder militärische Vorteile allein können deshalb nicht als Maßstab für Gottes Zustimmung dienen.

Die Auswirkungen menschlicher Entscheidungen können lange fortbestehen. Geser blieb über viele Generationen hinweg ein Ort mit wechselnden Herrschaftsverhältnissen. Die Geschichte der Stadt endete weder mit der Niederlage ihres Königs noch mit ihrer Zuteilung an Ephraim. Daraus lässt sich erkennen, dass Entscheidungen über Besitz, Herrschaft und Zusammenleben eine Entwicklung beeinflussen können, deren Folgen weit über die unmittelbar beteiligten Menschen hinausreichen.

Biblische Texte verlangen eine sorgfältige Unterscheidung zwischen Gewissheit und Vermutung. Die Angaben über Bethel und Lus, die mehrfach vorkommenden Ortsnamen sowie die schwierige Reihenfolge einzelner Grenzpunkte zeigen, dass nicht jede geografische Einzelheit zweifelsfrei bestimmt werden kann. Ebenso wenig lässt sich der genaue historische Verlauf sämtlicher Veränderungen Gesers rekonstruieren. Eine zuverlässige Auslegung benennt solche Grenzen offen und unterscheidet ausdrücklich überlieferte Tatsachen von möglichen Erklärungen.

Gottes Treue und menschliche Verantwortung gehören zusammen. Ephraim erhielt sein Erbteil nach der Ordnung, die Gott für Israel vorgesehen hatte. Trotzdem blieben Aufgaben bestehen, die durch die bloße Zuteilung nicht erledigt waren. Die letzte Aussage des Kapitels erinnert daran, dass ein empfangenes Erbteil und seine vollständige Besitznahme nicht dasselbe sind. Gottes Zusage bleibt zuverlässig, während der Mensch für seinen Umgang mit dem Empfangenen verantwortlich bleibt.

Josua 16 verbindet damit die langfristige Treue Gottes zu den Nachkommen Josephs mit einer nüchternen Darstellung der damaligen Verhältnisse. Die Landverteilung war ein bedeutender Schritt in der Erfüllung der Verheißung. Doch gerade Geser zeigt, dass die Geschichte Israels damit noch nicht abgeschlossen war.