Josua 15
Das Los des Stammes der Kinder Juda nach ihren Geschlechtern war an der Grenze Edoms bei der Wüste Zin, mittagwärts, am Ende des Landes gegen Mittag,
63 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Das Los des Stammes der Kinder Juda nach ihren Geschlechtern war an der Grenze Edoms bei der Wüste Zin, mittagwärts, am Ende des Landes gegen Mittag,
- 2 daß ihre Mittagsgrenze war von der Ecke an dem Salzmeer, das ist, von der Zunge, die mittagswärts geht,
- 3 und geht aus mittagswärts von der Steige Akrabbim und geht durch Zin und geht hinauf im Mittag von Kades-Barnea und geht durch Hezron und geht hinauf gen Adar und lenkt sich um gen Karkaa
- 4 und geht durch Azmon und kommt hinaus an den Bach Ägyptens, daß das Ende der Grenze das Meer wird. Das sei eure Grenze gegen Mittag.
- 5 Aber die Morgengrenze ist das Salzmeer bis an des Jordans Ende. Die Grenze gegen Mitternacht ist von der Zunge des Meers, die am Ende des Jordans ist,
- 6 und geht herauf gen Beth-Hogla und zieht sich mitternachtswärts von Beth-Araba und kommt herauf zum Stein Bohans, des Sohnes Rubens,
- 7 und geht herauf gen Debir vom Tal Achor und wendet sich mitternachtwärts gen Gilgal, welches liegt gegenüber der Steige Adummim, die mittagwärts vom Wasser liegt; darnach geht sie zu dem Wasser En-Semes und kommt hinaus zum Brunnen Rogel;
- 8 darnach geht sie herauf zum Tal des Sohnes Hinnoms an der Mittagseite des Jebusiters, das ist Jerusalem, und kommt herauf an die Spitze des Berges, der vor dem Tal Hinnom liegt abendwärts, welcher stößt an die Ecke des Tals Rephaim gegen Mitternacht zu;
- 9 darnach kommt sie von des Berges Spitze zu dem Wasserbrunnen Nephthoa und kommt heraus zu den Städten des Gebirges Ephron und neigt sich gen Baala, das ist Kirjath-Jearim,
- 10 und lenkt sich herum von Baala gegen Abend zum Gebirge Seir und geht an der Mitternachtseite des Gebirges Jearim, das ist Chesalon, und kommt herab gen Beth-Semes und geht durch Thimna
- 11 und bricht heraus an der Seite Ekrons her mitternachtwärts und zieht sich gen Sichron und geht über den Berg Baala und kommt heraus gen Jabneel, daß ihr Ende ist das Meer.
- 12 Die Grenze aber gegen Abend ist das große Meer. Das ist die Grenze der Kinder Juda umher nach ihren Geschlechtern.
- 13 Kaleb aber, dem Sohn Jephunnes, ward sein Teil gegeben unter den Kindern Juda, wie der HERR dem Josua befahl, nämlich die Stadt des Arba, des Vaters Enaks, das ist Hebron.
- 14 Und Kaleb vertrieb von da die drei Söhne Enaks: Sesai, Ahiman und Thalmai, geboren von Enak,
- 15 und zog von dort hinauf zu den Einwohnern Debirs. Debir aber hieß vorzeiten Kirjath-Sepher.
- 16 Und Kaleb sprach: Wer Kirjath-Sepher schlägt und gewinnt, dem will ich meine Tochter Achsa zum Weibe geben.
- 17 Da gewann es Othniel, der Sohn des Kenas, der Bruder Kalebs; und er gab ihm seine Tochter Achsa zum Weibe.
- 18 Und es begab sich, da sie einzog, beredete sie ihn, einen Acker zu fordern von ihrem Vater. Und sie stieg vom Esel; da sprach Kaleb zu ihr: Was ist dir?
- 19 Sie sprach: Gib mir einen Segen! Denn du hast mir ein Mittagsland gegeben; gib mir auch Wasserquellen! Da gab er ihr die Quellen von oben und unten.
- 20 Dies ist das Erbteil des Stammes der Kinder Juda nach ihren Geschlechtern.
- 21 Und die Städte des Stammes der Kinder Juda von einer Ecke zu der andern, an der Grenze der Edomiter gegen Mittag, waren diese: Kabzeel, Eder, Jagur,
- 22 Kina, Dimona, Ad-Ada,
- 23 Kedes, Hazor, Ithnan,
- 24 Siph, Telem, Bealoth,
- 25 Hazor-Hadatta, Karioth-Hezron, das ist Hazor,
- 26 Amam, Sema, Molada,
- 27 Hazar-Gadda, Hesmon, Beth-Pelet,
- 28 Hazar-Sual, Beer-Seba, Bisjothja,
- 29 Baala, Ijim, Ezem,
- 30 Eltholad, Chesil, Horma,
- 31 Ziklag, Madmanna, Sansanna,
- 32 Lebaoth, Silhim, Ain, Rimmon. Das sind neunundzwanzig Städte und ihre Dörfer.
- 33 In den Gründen aber war Esthaol, Zora, Asna,
- 34 Sanoah, En-Gannim, Tappuah, Enam,
- 35 Jarmuth, Adullam, Socho, Aseka,
- 36 Saaraim, Adithaim, Gedera, Gederothaim. Das sind vierzehn Städte und ihre Dörfer.
- 37 Zenan, Hadasa, Migdal-Gad,
- 38 Dilean, Mizpe, Joktheel,
- 39 Lachis, Bozkath, Eglon,
- 40 Chabbon, Lahmas, Kithlis,
- 41 Gederoth, Beth-Dagon, Naema, Makkeda. Das sind sechzehn Städte und ihre Dörfer.
- 42 Libna, Ether, Asan,
- 43 Jephthah, Asna, Nezib,
- 44 Kegila, Achsib, Maresa. Das sind neun Städte und ihre Dörfer.
- 45 Ekron mit seinen Ortschaften und Dörfern.
- 46 Von Ekron und ans Meer, alles, was an Asdod und seine Dörfer reicht:
- 47 Asdod mit seinen Ortschaften und Dörfern, Gaza mit seinen Ortschaften und Dörfern bis an das Wasser Ägyptens; und das große Meer ist seine Grenze.
- 48 Auf dem Gebirge aber war Samir, Jatthir, Socho,
- 49 Danna, Kirjath-Sanna, das ist Debir,
- 50 Anab, Esthemo, Anim,
- 51 Gosen, Holon, Gilo. Das sind elf Städte und ihre Dörfer.
- 52 Arab, Duma, Esean,
- 53 Janum, Beth-Thappuah, Apheka,
- 54 Humta, Kirjath-Arba, das ist Hebron, Zior. Das sind neun Städte und ihre Dörfer.
- 55 Maon, Karmel, Siph, Jutta,
- 56 Jesreel, Jokdeam, Sanoah,
- 57 Hakain, Gibea, Thimna. Das sind zehn Städte und ihre Dörfer.
- 58 Halhul, Beth-Zur, Gedor,
- 59 Maarath, Beth-Anoth, Elthekon. Das sind sechs Städte und ihre Dörfer.
- 60 Kirjath-Baal, das ist Kirjath-Jearim, Harabba; zwei Städte und ihre Dörfer.
- 61 In der Wüste aber war Beth-Araba, Middin, Sechacha,
- 62 Nibsan und die Salzstadt und Engedi. Das sind sechs Städte und ihre Dörfer.
- 63 Die Jebusiter aber wohnten zu Jerusalem, und die Kinder Juda konnten sie nicht vertreiben; also blieben die Jebusiter mit den Kindern Juda zu Jerusalem bis auf diesen Tag.
Kapitelüberblick
Der Stamm Juda erhält sein Erbteil im südlichen Teil des verheißenen Landes. Ausführliche Grenzbeschreibungen legen fest, wie weit sich sein Gebiet erstreckt. Anschließend werden zahlreiche Städte und ihre umliegenden Siedlungen genannt. Dabei wird sichtbar, dass Judas Erbteil sehr unterschiedliche Landschaften umfasst, vom fruchtbaren Hügelland bis zu den trockenen Gebieten im Süden und Osten.
Innerhalb dieser Landverteilung wird die Geschichte Kalebs fortgeführt. Er vertreibt die Enakiter aus Hebron, während Otniel die Stadt Debir einnimmt. Kalebs Tochter Achsa bittet um zusätzliche Wasserquellen, damit das ihr überlassene Land ausreichend versorgt werden kann.
Das Kapitel endet mit einer Einschränkung: Die Jebusiter können nicht aus Jerusalem vertrieben werden und bleiben dort wohnen. Damit unterscheidet der Bericht zwischen dem Land, das Israel als Erbteil zugesprochen wurde, und der tatsächlichen vollständigen Besitznahme. Gottes Verheißung bildet die Grundlage der Landverteilung, doch ihre Umsetzung ist noch mit weiteren Aufgaben verbunden.
Einführung
Mit der Verteilung des Landes westlich des Jordans beginnt die konkrete Festlegung der israelitischen Stammesgebiete. Die allgemeinen Bestimmungen dafür waren bereits unter Mose getroffen worden. Nach 4. Mose 26,52–56 sollten die Stämme ihre Gebiete durch das Los erhalten, wobei auch ihre unterschiedliche Größe berücksichtigt werden musste. Josua 14 beschreibt die Verantwortlichen und bestätigt, dass Israel diese Anweisungen befolgte. Nun wird Juda als erster Stamm mit seinem Erbteil ausführlich vorgestellt.
Das Gebiet Judas lag im Süden Kanaans und umfasste verschiedene Landschaftszonen. Besonders das Gebirge, die westlich anschließende Schephela mit ihren Hügeln und Tälern, das trockene Südland und die östlichen Wüstengebiete unterschieden sich erheblich hinsichtlich ihrer natürlichen Bedingungen. Diese Unterschiede waren für Siedlungen, Landwirtschaft, Wasserversorgung und Verkehrswege von großer Bedeutung.
Die ausführlichen geografischen Angaben entsprechen der damaligen Art, Gebietsgrenzen und Besitzverhältnisse festzuhalten. Viele der genannten Orte waren den ursprünglichen Lesern bekannt, lassen sich heute jedoch nicht mehr mit völliger Sicherheit lokalisieren. Auch die überlieferten Städtenamen und Zahlen weisen teilweise Unterschiede auf, die bei ihrer Erklärung berücksichtigt werden müssen.
Für das Verständnis des Kapitels ist außerdem wichtig, dass die Zuweisung eines Gebietes nicht automatisch dessen vollständige Beherrschung bedeutete. Bereits Josua 13,1 hatte ausdrücklich festgehalten, dass noch viel Land einzunehmen war. Die folgenden Grenz- und Ortsangaben müssen deshalb im Zusammenhang mit den noch ausstehenden Aufgaben der einzelnen Stämme gelesen werden.
Josua 15,1–4
Die Südgrenze Judas und die Verbindung zu Gottes früherer Anordnung
Mit dem Stamm Juda beginnt die ausführliche Beschreibung der Landverteilung westlich des Jordans. Vers 1 erklärt, dass Juda sein Gebiet durch das Los erhielt und dass die Zuteilung nach den einzelnen Geschlechtern, also den größeren Familienverbänden des Stammes, erfolgte. Damit wird deutlich, dass das Erbteil nicht nur einer unbestimmten Gemeinschaft zugesprochen wurde. Die Familien sollten innerhalb ihres Stammes einen geordneten Anteil am Land erhalten. Das Losverfahren entsprach der Anweisung, die Gott bereits durch Mose gegeben hatte (4. Mose 26,52–56). Judas Stellung als erster ausführlich behandelter Stamm ist bemerkenswert, doch der Vers begründet daraus keinen Vorrang, der die Rechte der anderen Stämme aufheben würde. Vielmehr beginnt hier die konkrete Beschreibung der Gebiete, die Israel unter der von Gott bestimmten Ordnung zugeteilt wurden.
Die erste geografische Angabe führt an den äußersten Süden des Landes, in die Nähe der Wüste Zin und der Grenze Edoms. Edom lag südlich beziehungsweise südöstlich des israelitischen Stammesgebietes und war mit den Nachkommen Esaus verbunden (1. Mose 36,1.8). Die Wüste Zin ist von der Wüste Sin zu unterscheiden, die in 2. Mose 16,1 im Zusammenhang mit Israels früherer Wanderung erwähnt wird. Obwohl die Namen ähnlich klingen, bezeichnen sie unterschiedliche geografische Zusammenhänge. Die Wüste Zin begegnet besonders in den Berichten über Kadesch und die spätere Wüstenwanderung (4. Mose 20,1; 27,14). Dass sie nun als Orientierungspunkt einer Stammesgrenze erscheint, verbindet die früheren Aufenthaltsorte Israels mit der tatsächlichen Verteilung des verheißenen Landes.
Vers 2 nennt den Ausgangspunkt der südlichen Grenzlinie: das südliche Ende des Salzmeeres, des heutigen Toten Meeres. Die erwähnte nach Süden gerichtete Meereszunge bezeichnet den Bereich, an dem die Grenze ihren Anfang nimmt. Von dort wird ihr Verlauf in westlicher Richtung anhand mehrerer Geländeformen und Ortschaften beschrieben. Die Bezeichnung Salzmeer ist dabei kein symbolischer Ausdruck, sondern ein geografischer Name für das stark salzhaltige Gewässer. Die genaue Gestalt seiner südlichen Uferbereiche hat sich im Verlauf der Geschichte verändert. Deshalb lässt sich der damalige Grenzpunkt nicht ohne Weiteres mit einer heutigen Uferlinie gleichsetzen. Für die ursprünglichen Leser bildete das Meer jedoch einen weithin erkennbaren Orientierungspunkt, von dem aus die weitere Grenzbeschreibung nachvollzogen werden konnte.
In Vers 3 führt die Grenze südlich an der Höhe von Akrabbim vorbei. Der Name wird gewöhnlich mit „Skorpionensteige“ wiedergegeben und bezeichnet offenbar einen Anstieg im südlichen Grenzgebiet. Seine genaue Lage ist heute nicht zweifelsfrei bestimmt. Anschließend verläuft die Grenze in Richtung Zin und südlich von Kadesch-Barnea. Gerade dieser Ort besitzt für die Geschichte Israels besondere Bedeutung. Von Kadesch-Barnea aus hatte Mose einst die Kundschafter nach Kanaan ausgesandt (4. Mose 13,26). Dort war das Volk später in seiner Angst vor den Bewohnern des Landes gegen Gottes Anweisung aufbegehrt. Nun erscheint derselbe Ort nicht mehr als Ausgangspunkt eines gescheiterten Einzugsversuchs, sondern als Orientierungspunkt innerhalb der beschriebenen Grenze. Die geschichtlichen Zusammenhänge sind deutlich, auch wenn sich die genaue Lage des damaligen Kadesch-Barnea nicht mit letzter Sicherheit festlegen lässt.
Die Grenzlinie verläuft weiter über Hezron und Addar und wendet sich anschließend nach Karka. Diese Ortsnamen zeigen, wie sorgfältig das Gebiet abgegrenzt werden sollte. Allerdings sind nicht alle genannten Plätze heute eindeutig identifiziert. Eine wichtige Vergleichsstelle ist 4. Mose 34,3–5, wo Mose bereits die Südgrenze des Landes Kanaan beschreibt. Dort begegnen ebenfalls die Wüste Zin, Akrabbim, Kadesch-Barnea und Azmon. Während Josua 15 Hezron, Addar und Karka einzeln nennt, erscheint in 4. Mose 34 die Bezeichnung Hazar-Addar. Die beiden Beschreibungen stimmen somit in ihrem grundlegenden Verlauf überein, unterscheiden sich jedoch in einzelnen Ortsangaben. Möglicherweise liegen unterschiedliche Genauigkeitsstufen oder Benennungen vor. Aus dem vorhandenen Text lässt sich jedoch nicht sicher bestimmen, wie sämtliche Namen geografisch zueinander gehören. Eine Rekonstruktion, die jeden Ort ohne Unsicherheit auf einer modernen Karte verzeichnet, würde über die gesicherten Angaben hinausgehen.
Vers 4 beschreibt schließlich den westlichen Teil der Südgrenze. Von Karka führt sie weiter nach Azmon und erreicht den Bach Ägyptens, bevor sie am Meer endet. Mit diesem Meer ist das Mittelmeer gemeint. Der Ausdruck „Bach Ägyptens“ bezeichnet im Hebräischen ein naḥal, also ein Bach- oder Flusstal, das nicht notwendig ganzjährig Wasser führen musste. Häufig wird dieser Grenzbach mit dem heutigen Wadi el-Arisch im Norden der Sinaihalbinsel identifiziert. Diese Zuordnung passt zu verbreiteten geografischen Rekonstruktionen, ist aber nicht in allen Einzelheiten gesichert. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zu 1. Mose 15,18, wo Gott Abraham das Land bis zum „Strom Ägyptens“ verheißt. Dort steht das hebräische Wort nəhār, während Josua 15,4 und 4. Mose 34,5 naḥal verwenden. Die unterschiedlichen Begriffe dürfen nicht ohne weitere Begründung gleichgesetzt werden. Deshalb lässt sich aus diesen Stellen allein keine vollkommen einheitliche und bis auf den letzten Grenzpunkt gesicherte Karte des verheißenen Landes erstellen.
Der Abschluss von Vers 4 bestätigt ausdrücklich, dass dies die Südgrenze Judas sein soll. Auffällig ist ihre weitgehende Übereinstimmung mit der bereits unter Mose festgelegten Südgrenze Kanaans (4. Mose 34,3–5). Juda erhielt damit nicht nur irgendein südliches Gebiet, sondern sein Erbteil reichte bis an die südliche Begrenzung des Landes, das Israel westlich des Jordans zugewiesen werden sollte. Die Beschreibung macht zugleich verständlich, dass die Landverteilung auf früheren göttlichen Anordnungen beruhte. Josua und die Stammesoberhäupter hatten nicht die Aufgabe, die Grenzen des verheißenen Landes nach Belieben festzulegen, sondern sollten das bereits Angeordnete bei der tatsächlichen Zuteilung berücksichtigen.
Die Genauigkeit dieser Grenzbeschreibung hat auch eine praktische Bedeutung. Ein Land, das dauerhaft von Familien und ihren Nachkommen bewohnt werden sollte, benötigte erkennbare Besitzgrenzen. Sie halfen, die Gebiete der verschiedenen Gemeinschaften voneinander zu unterscheiden und den zugesprochenen Besitz zu sichern. Damit erhält die Verheißung des Landes eine konkrete Gestalt: Aus der allgemeinen Zusage an die Nachkommen Abrahams wird ein nach Stämmen und Familien gegliedertes Erbteil. Die Zuteilung selbst bedeutet allerdings noch nicht, dass jeder Teil des Gebietes bereits vollständig in israelitischer Hand war. Die folgenden Verse setzen die Grenzbeschreibung fort und zeigen, wie Judas Gebiet im Osten, Norden und Westen begrenzt wurde.
Josua 15,5–8
Die Ostgrenze und der Grenzverlauf bis Jerusalem
Nachdem die südliche Begrenzung Judas beschrieben worden ist, richtet sich der Blick in Vers 5 auf die Ostseite des Stammesgebietes. Hier bildet das Salzmeer, das heutige Tote Meer, die natürliche Grenze bis zur Einmündung des Jordans. Anders als im Süden, wo zahlreiche Ortschaften und Geländepunkte zur Bestimmung der Grenze benötigt werden, genügt im Osten weitgehend ein großes Gewässer als Orientierung. Das Tote Meer erstreckt sich entlang des östlichen Randes des judäischen Landes. Seine steilen Uferregionen und die angrenzenden Wüstenlandschaften machen verständlich, weshalb es eine auffällige geografische Begrenzung darstellte. Gleichzeitig zeigt die Beschreibung, dass nicht sämtliche Grenzen Israels durch künstliche Markierungen festgelegt wurden. Flüsse, Täler, Gebirge und Gewässer konnten ebenso zur Bestimmung eines Gebietes dienen.
Am nördlichen Ende des Salzmeeres beginnt die ausführliche Beschreibung der Nordgrenze. Ihr Ausgangspunkt liegt dort, wo der Jordan in das Tote Meer mündet. Von diesem Punkt aus führt die Grenzlinie nach Westen in Richtung des Gebirges. Bemerkenswert ist, dass diese Grenze später auch bei der Beschreibung des Stammesgebietes Benjamin erscheint. Josua 18,16–19 schildert denselben Grenzabschnitt in umgekehrter Richtung. Dadurch lassen sich die Angaben beider Kapitel miteinander vergleichen. Was für Juda die nördliche Begrenzung seines Erbteils bildet, wird für Benjamin zu einem wesentlichen Teil seiner Südgrenze. Die Landverteilung wird damit als zusammenhängende Ordnung erkennbar, in der die Gebiete der einzelnen Stämme aneinandergrenzen und nicht unabhängig voneinander festgelegt werden.
Vers 6 führt die Grenzlinie zunächst nach Beth-Hogla und nördlich an Beth-Araba vorbei. Beide Orte gehören zur Landschaft im westlichen Bereich des unteren Jordantales. Die genaue Lokalisierung einzelner antiker Siedlungen ist zwar nicht immer vollständig gesichert, doch die allgemeine Richtung lässt sich nachvollziehen: Von der tief gelegenen Jordanebene steigt die Grenze allmählich in Richtung des westlichen Berglandes an. Dabei erscheint der Stein Bohans, des Sohnes Rubens, als weiterer Grenzpunkt. Offenbar war dieser Stein ein bekanntes Merkmal der Landschaft, an dem sich der Verlauf der Grenze bestimmen ließ. Weshalb er nach Bohan benannt wurde, erklärt der Text nicht. Die Bezeichnung könnte auf eine Person oder eine ältere örtliche Erinnerung zurückgehen. Es wäre jedoch unbegründet, daraus eine ausführliche Geschichte über Bohan oder eine bestimmte Handlung dieses Mannes abzuleiten. Der Vers nennt lediglich den Stein und seine überlieferte Bezeichnung.
Dass ein Grenzpunkt nach einem Angehörigen Rubens benannt ist, fällt auf, weil der Stamm Ruben sein Erbteil östlich des Jordans erhalten hatte. Daraus folgt allerdings nicht, dass Ruben oder seine Nachkommen an dieser Stelle ein eigenes Stammesgebiet besaßen. Der Name eines Grenzsteins muss nicht mit den späteren Besitzverhältnissen übereinstimmen. Er kann eine ältere Bezeichnung bewahren, deren ursprünglicher Hintergrund nicht mehr vollständig bekannt ist. Gerade solche Einzelheiten zeigen, dass die Landverteilung auf eine bereits vorhandene Landschaft mit eigenen Ortsnamen und Erinnerungen traf. Israel erhielt kein namenloses Gebiet, sondern ein Land, dessen Städte, Wege und geografische Merkmale schon vor der Zuteilung bekannt waren.
In Vers 7 erreicht die Grenze das Tal Achor. Dieser Name erinnert an ein schwerwiegendes Ereignis aus der frühen Landnahme. Nachdem Jericho gefallen war, hatte Achan gegen Gottes ausdrückliches Gebot verstoßen und Gegenstände an sich genommen, die dem Bann unterlagen. Sein Ungehorsam blieb nicht ohne Folgen für die Gemeinschaft. Josua 7 schildert die Aufdeckung seiner Tat und das anschließende Gericht im Tal Achor. Der Name wird dort mit dem Unheil verbunden, das Achan über Israel gebracht hatte. Dass dieses Tal nun als geografischer Orientierungspunkt erscheint, stellt eine erkennbare Verbindung zu den früheren Ereignissen her. Der Grenztext selbst entfaltet allerdings keine neue geistliche Deutung des Ortes. Er verwendet einen bekannten Namen, dessen geschichtlicher Hintergrund bereits im Josuabuch beschrieben worden ist.
Von dort führt die Grenzlinie weiter nach Debir und wendet sich anschließend nordwärts in Richtung Gilgal, gegenüber dem Anstieg von Adummim. Dabei müssen zwei mögliche Verwechslungen vermieden werden. Das hier erwähnte Debir darf nicht ohne Weiteres mit der gleichnamigen Stadt gleichgesetzt werden, die im südlichen Gebirge lag und später von Otniel eingenommen wurde (Josua 15,15–17). Ebenso ist die Lage des hier genannten Gilgal nicht eindeutig mit dem Lagerplatz bei Jericho gleichzusetzen, an dem Israel nach dem Jordanübergang lagerte (Josua 4,19). In der entsprechenden Grenzbeschreibung Benjamins steht in Josua 18,17 der Name Gelilot. Die Nähe der beiden Bezeichnungen und die Übereinstimmung der benachbarten Grenzpunkte sprechen für einen engen geografischen Zusammenhang. Ob beide Formen ursprünglich denselben Ort bezeichneten oder sich ihre Namen im Verlauf der Überlieferung verändert haben, bleibt jedoch umstritten.
Der weitere Verlauf führt zur Quelle En-Semes und schließlich nach En-Rogel. Beide Namen bezeichnen Wasserstellen, die für die Orientierung in der Landschaft von Bedeutung waren. En-Semes bedeutet sinngemäß „Sonnenquelle“, während En-Rogel gewöhnlich als „Walkerquelle“ oder „Bleicherquelle“ verstanden wird. Die Namen verweisen damit auf Merkmale oder Nutzungen, die mit diesen Wasserstellen verbunden gewesen sein könnten. Besonders in trockenen Regionen besaßen zuverlässige Quellen eine große praktische Bedeutung. Sie dienten nicht nur der Versorgung von Menschen und Tieren, sondern konnten auch als beständige Orientierungspunkte im Gelände verwendet werden. En-Rogel begegnet später erneut in der Geschichte Davids und seiner Familie, unter anderem im Zusammenhang mit den Ereignissen um Absalom und Adonija (2. Samuel 17,17; 1. Könige 1,9). Dadurch lässt sich erkennen, dass die Quelle auch in späterer Zeit ein bekannter Ort blieb.
Vers 8 führt die Grenzbeschreibung schließlich in die unmittelbare Umgebung Jerusalems. Von En-Rogel steigt die Grenze durch das Tal Ben-Hinnom hinauf und verläuft an der südlichen Seite der Jebusiterstadt entlang. Der Text bezeichnet diese Stadt ausdrücklich als Jerusalem. Damit wird ein Ort genannt, der in der späteren Geschichte Israels eine herausragende Bedeutung erhalten sollte, zu dieser Zeit aber noch mit seinen jebusitischen Bewohnern verbunden war. Die Erwähnung bedeutet nicht, dass Jerusalem bereits vollständig unter judäischer Herrschaft stand. Am Ende des Kapitels wird ausdrücklich erklärt, dass die Judäer die Jebusiter nicht aus Jerusalem vertreiben konnten (Josua 15,63). Die Grenzbeschreibung und die spätere Aussage über die tatsächlichen Bewohner müssen deshalb unterschieden werden. Ein Ort konnte an einer Stammesgrenze liegen oder einem Gebiet zugeordnet werden, ohne dass Israel bereits die vollständige Kontrolle über ihn besaß.
Das Tal Ben-Hinnom verlief südlich und westlich des alten Jerusalem. Seine spätere Geschichte verlieh ihm eine besondere Bedeutung. In der Königs- und Prophetenzeit wurde das Tal mit schwerwiegenden Formen des Götzendienstes verbunden. Jeremia verurteilte dort die Opferung von Kindern und kündigte Gottes Gericht über diese Praktiken an (Jeremia 7,31–33). Auch 2. Könige 23,10 berichtet davon, dass Josia die betreffende Kultstätte entweihte. Diese späteren Ereignisse dürfen allerdings nicht in Josua 15 hineingelesen werden, als wären sie bereits zur Zeit der Landverteilung geschehen. Hier dient das Tal zunächst ausschließlich der geografischen Bestimmung der Grenze. Seine spätere Geschichte zeigt lediglich, wie ein bereits bekannter Ort im Verlauf der biblischen Überlieferung zusätzliche Bedeutung gewann.
Vom Hinnomtal steigt die Grenzlinie schließlich zum Gipfel eines Berges auf, der westlich vor dem Tal liegt und an das nördliche Ende der Ebene Rephaim grenzt. Diese Landschaft befindet sich südwestlich von Jerusalem. Die Bezeichnung Rephaim begegnet an anderen Stellen auch im Zusammenhang mit alten Bevölkerungsgruppen, doch aus dem Namen dieser Ebene allein lässt sich keine genaue Aussage über ihre damaligen Bewohner ableiten. Für die Grenzbeschreibung ist vielmehr ihre geografische Lage entscheidend. Sie markiert den Übergang von den Tälern rund um Jerusalem zu den Höhenzügen, über die der weitere Verlauf der Nordgrenze nach Westen führt.
Die Verse 5–8 machen deutlich, wie genau die Gebiete der Stämme voneinander abgegrenzt wurden. Dabei fällt besonders die Nähe Jerusalems zur Grenze zwischen Juda und Benjamin auf. Später wird Jerusalem ausdrücklich in der Städteliste Benjamins genannt (Josua 18,28), während es zugleich in der Geschichte Judas eine wichtige Rolle spielt. Die unterschiedlichen Angaben betreffen jedoch nicht zwingend dieselbe Frage: Grenzverlauf, Zugehörigkeit eines Stadtgebietes und tatsächliche Herrschaft über dessen Bewohner müssen auseinandergehalten werden. Erst unter David wird die Einnahme der befestigten Stellung Zion ausdrücklich beschrieben (2. Samuel 5,6–9). Josua 15 zeigt dagegen eine frühere Situation, in der die Stammesgebiete bereits festgelegt waren, die vollständige Besitznahme aber noch ausstand.
So entsteht aus den vielen Ortsnamen ein zusammenhängendes Bild. Die Nordgrenze Judas verläuft von der Jordanmündung durch das Gebiet westlich des Toten Meeres, steigt über Täler und Höhenzüge an und erreicht schließlich die Umgebung Jerusalems. Jeder dieser Punkte hilft, das Erbteil des Stammes genauer zu bestimmen. Gleichzeitig macht die Beschreibung verständlich, weshalb die spätere Geschichte Jerusalems nicht einfach mit der ursprünglichen Landzuteilung gleichgesetzt werden darf. Die Grenzen waren festgelegt, doch die Geschichte der Städte innerhalb und entlang dieser Grenzen war damit noch nicht abgeschlossen.
Josua 15,9–12
Die Nordgrenze Judas bis zum Mittelmeer
Nachdem die Grenzlinie die Umgebung Jerusalems erreicht hat, beschreibt Vers 9 ihren weiteren Verlauf durch das westlich gelegene Bergland. Vom zuvor genannten Berggipfel führt sie zur Quelle Nephtoach und anschließend zu den Städten des Gebirges Ephron. Diese Angaben setzen die bereits begonnene Nordgrenze Judas fort. Das Gelände ist von Höhenzügen, Tälern und Wasserstellen geprägt, die den damaligen Bewohnern als Orientierungspunkte dienten. Besonders die Erwähnung einer Quelle ist bedeutsam, weil natürliche Wasserstellen in einer solchen Landschaft wichtige Anhaltspunkte für die Bestimmung von Wegen und Grenzen waren. Die Quelle Nephtoach wird häufig mit einer Wasserstelle im Gebiet westlich beziehungsweise nordwestlich Jerusalems in Verbindung gebracht. Ihre genaue Identifizierung ist jedoch nicht zweifelsfrei gesichert. Auch das Gebirge Ephron lässt sich nicht in allen Einzelheiten lokalisieren. Es darf zudem nicht allein wegen der Ähnlichkeit seines Namens mit dem Stamm Ephraim gleichgesetzt werden.
Von dort verläuft die Grenze nach Baala, das der Text ausdrücklich mit Kirjat-Jearim gleichsetzt. Diese zusätzliche Namensangabe ist besonders hilfreich, weil derselbe Ort in verschiedenen biblischen Berichten unter unterschiedlichen Bezeichnungen erscheint. Kirjat-Jearim lag im westlichen Bergland und bildete einen wichtigen Orientierungspunkt im Grenzgebiet zwischen Juda und Benjamin. In Josua 18,14 wird der Ort erneut bei der Beschreibung der benachbarten Stammesgrenze erwähnt. Die Übereinstimmung beider Grenztexte bestätigt, dass die Gebiete der Stämme in einem zusammenhängenden geografischen Verhältnis standen. Eine Grenze konnte die Besitzbereiche zweier Gemeinschaften voneinander trennen, während die dort gelegenen Städte später ihre jeweils eigene Geschichte entwickelten.
Kirjat-Jearim erhält in der weiteren Geschichte Israels eine besondere Bedeutung. Nachdem die Philister die Bundeslade zurückgegeben hatten und sie über Beth-Semes nach Kirjat-Jearim gelangt war, wurde sie dort im Haus Abinadabs aufgestellt (1. Samuel 6,19–7,2). Später ließ David die Lade von dort nach Jerusalem bringen (2. Samuel 6,2–15; 1. Chronik 13,5–6). Diese Ereignisse liegen zeitlich nach der Landverteilung, zeigen aber, dass der in Josua 15 genannte Ort auch später eine wichtige Rolle spielte. Bei der ursprünglichen Grenzbeschreibung geht es allerdings noch nicht um die Bundeslade oder um einen zukünftigen religiösen Mittelpunkt. Kirjat-Jearim wird hier genannt, weil seine Lage zur Festlegung der Nordgrenze Judas beiträgt.
Vers 10 setzt den Grenzverlauf westlich von Baala fort. Die Linie wendet sich zum Gebirge Seir und führt anschließend zur nördlichen Seite des Gebirges Jearim, das mit Kesalon bezeichnet wird. Bei dem hier genannten Seir handelt es sich nicht um das bekannte Gebirge Seir im Gebiet Edoms südöstlich des Toten Meeres. Der Zusammenhang verlangt eine Unterscheidung, denn die Grenze befindet sich inzwischen westlich von Jerusalem und bewegt sich in Richtung des Mittelmeeres. Eine Gleichsetzung mit dem edomitischen Gebirge würde den beschriebenen Verlauf geografisch auseinanderreißen. Gleiche Orts- und Landschaftsnamen konnten an verschiedenen Stellen vorkommen. Deshalb muss ihre Bedeutung jeweils aus den benachbarten Angaben bestimmt werden.
Auch der Name Jearim verdient Beachtung. Das entsprechende hebräische Wort steht mit der Bedeutung von Wald oder bewaldetem Gebiet in Verbindung. Sowohl Kirjat-Jearim als auch das Gebirge Jearim tragen diese Bezeichnung. Das kann auf eine landschaftliche Besonderheit der betreffenden Region hinweisen, beweist jedoch nicht, dass ihre Bewaldung zur Zeit Josuas genau derjenigen späterer Epochen entsprach. Der Text beschreibt außerdem Kesalon als Orientierungspunkt auf dem nördlichen Bergrücken. Damit wird deutlich, dass die Grenze nicht einfach geradlinig von Jerusalem zur Küste verlief. Sie folgte vielmehr einer Reihe von natürlichen Erhebungen und bekannten Orten, die einen nachvollziehbaren Verlauf durch das westliche Bergland ermöglichten.
Anschließend steigt die Grenze nach Beth-Semes hinab und führt weiter nach Timna. Mit Beth-Semes erreicht die Beschreibung die Übergangsregion zwischen dem judäischen Gebirge und dem westlich anschließenden Hügelland. Der Name Beth-Semes bedeutet sinngemäß „Haus der Sonne“. Daraus allein lässt sich jedoch nicht sicher bestimmen, welche religiösen Vorstellungen bei der ursprünglichen Namensgebung eine Rolle spielten oder welche Kulte dort zu einem bestimmten Zeitpunkt praktiziert wurden. Die Stadt begegnet später erneut im Zusammenhang mit der Rückkehr der Bundeslade aus dem Gebiet der Philister (1. Samuel 6). Ihre Lage in einer Grenzregion macht verständlich, weshalb sie in der späteren Geschichte wiederholt mit den Beziehungen zwischen Israel und den Philistern verbunden ist. An dieser Stelle dient sie zunächst der geografischen Beschreibung.
Timna liegt auf dem weiteren Weg in Richtung Westen. Der Ortsname begegnet auch an anderen Stellen des Alten Testaments, weshalb verschiedene gleichnamige Orte sorgfältig voneinander unterschieden werden müssen. In Richter 14 spielt eine Stadt namens Timna eine Rolle in der Geschichte Simsons. Sie wird dort mit den Philistern in Verbindung gebracht und gewöhnlich mit dem Ort im Grenzbereich der Schephela identifiziert. Eine solche Verbindung ist geografisch naheliegend, darf aber nicht dazu führen, sämtliche biblischen Erwähnungen von Timna ungeprüft auf denselben Ort zu beziehen. Für Josua 15 ist entscheidend, dass Timna zu den Grenzpunkten gehört, über die das Stammesgebiet Judas nach Westen abgegrenzt wird.
Vers 11 führt die Grenzlinie weiter an die nördliche Seite des Gebietes von Ekron. Hier nähert sich die Beschreibung der Ebene, die sich zur Mittelmeerküste hin öffnet. Ekron gehört zu den bedeutenden Städten, die später ausdrücklich mit den Philistern verbunden werden. In Josua 13,3 wird Ekron zusammen mit Gaza, Asdod, Askalon und Gat im Zusammenhang mit den fünf philistäischen Herrschaftsgebieten genannt. Dass Ekron bereits bei der Grenzbeschreibung Judas erscheint, bedeutet deshalb nicht, dass die Stadt zu diesem Zeitpunkt dauerhaft von Israel beherrscht wurde. Die Zuweisung eines Gebietes und die tatsächliche politische Kontrolle darüber sind unterschiedliche Fragen. Gerade die späteren Berichte über die Philister machen deutlich, dass die westlichen Grenzgebiete Israels noch lange umkämpft blieben.
Von Ekron verläuft die Grenze weiter nach Sikron, über den Berg Baala und schließlich nach Jabneel. Der Name Baala erscheint damit innerhalb weniger Verse in unterschiedlichen geografischen Zusammenhängen. In Vers 9 bezeichnet Baala ausdrücklich Kirjat-Jearim, während Vers 11 von einem Berg Baala spricht, der weiter westlich auf dem Weg zur Küste liegt. Beide Angaben dürfen nicht allein aufgrund ihres gemeinsamen Namens gleichgesetzt werden. Auch die genaue Lage Sikrons und des genannten Berges ist nicht vollständig gesichert. Jabneel wird gewöhnlich in der Küstenebene südlich des heutigen Tel Aviv gesucht und häufig mit dem späteren Jamnia beziehungsweise Jawne in Verbindung gebracht. Diese Zuordnung besitzt historische und geografische Anhaltspunkte, doch der Grenzverlauf lässt sich damit noch nicht bis auf jeden einzelnen Geländepunkt eindeutig rekonstruieren.
Am Ende von Vers 11 erreicht die Nordgrenze das Meer. Vers 12 erklärt anschließend, dass das große Meer mit seiner Küste die westliche Begrenzung des Stammesgebietes bildet. Mit diesem großen Meer ist das Mittelmeer gemeint, das bereits in 4. Mose 34,6 als Westgrenze des Landes Kanaan festgelegt worden war. Anders als die Nordgrenze, die anhand zahlreicher Ortschaften und Geländepunkte beschrieben wird, besitzt die Westgrenze damit eine weithin erkennbare natürliche Begrenzung. Die Küstenlinie bildet den äußeren Rand des zugeteilten Gebietes. Dennoch lässt sich auch hier aus der Grenzbeschreibung allein nicht ableiten, dass Juda bereits alle Küstenstädte und ihre Bewohner tatsächlich unterworfen hatte. Die weitere Geschichte Israels zeigt vielmehr, dass die Beherrschung einzelner Gebiete über längere Zeit umstritten blieb.
Mit Vers 12 ist die Beschreibung der Grenzen Judas abgeschlossen. Im Süden reichen sie bis an das Gebiet Edoms und den Bach Ägyptens, im Osten werden sie durch das Tote Meer begrenzt, im Norden verlaufen sie durch die Landschaft zwischen dem Jordantal und der Mittelmeerküste, und im Westen bildet das Mittelmeer den Abschluss. Der Erzähler betont ausdrücklich, dass dies die Grenzen der Nachkommen Judas nach ihren Geschlechtern sind. Damit wird das zuvor durch das Los zugewiesene Erbteil geografisch bestimmt. Die einzelnen Familienverbände sollen nicht lediglich die allgemeine Zusage eines Landes besitzen, sondern wissen, zu welchem Stammesgebiet sie gehören und innerhalb welcher Grenzen sich ihr Erbteil befindet.
Die ausführliche Grenzbeschreibung verdeutlicht zugleich, dass die Verwirklichung der Landverheißung nicht nur aus großen militärischen Ereignissen bestand. Zur dauerhaften Niederlassung gehörten auch die Festlegung von Besitzverhältnissen, die Anerkennung benachbarter Stammesgebiete und die Verantwortung für Städte und Landschaften. Das Land war nicht allein Gegenstand einer früheren Verheißung, sondern sollte nun zum Lebensraum der israelitischen Familien werden. Nachdem die äußeren Grenzen Judas beschrieben worden sind, richtet sich der Blick deshalb auf eine besondere Zuteilung innerhalb dieses Gebietes: Kaleb erhält seinen Anteil bei Hebron und beginnt, die dort verbliebenen Gegner zu vertreiben.
Josua 15,13–15
Kaleb vertreibt die Enakiter aus Hebron und zieht gegen Debir
Nach der ausführlichen Beschreibung der Grenzen Judas richtet sich der Blick auf ein besonderes Erbteil innerhalb dieses Stammesgebietes. Vers 13 berichtet, dass Kaleb, der Sohn Jephunnes, die Stadt Hebron erhielt, die früher Kirjat-Arba hieß. Diese Zuteilung geschah ausdrücklich nach dem Befehl des HERRN an Josua. Damit greift der Bericht die Ereignisse des vorhergehenden Kapitels auf, in dem Kaleb an die Verheißung erinnert hatte, die ihm viele Jahre zuvor durch Mose gegeben worden war. Sein Erbteil war keine nachträgliche Belohnung, die Josua aus persönlicher Verbundenheit gewährte. Es beruhte auf einer göttlichen Zusage, die bereits während der Wüstenwanderung ausgesprochen worden war (4. Mose 14,24; 5. Mose 1,36). Nun beginnt die Erzählung zu zeigen, wie Kaleb das ihm zugesprochene Gebiet tatsächlich in Besitz nimmt.
Hebron besaß schon lange vor der Landnahme Israels eine besondere Bedeutung. Abraham hatte in seiner Umgebung gelebt und dort nach dem Tod Saras die Höhle Machpela als Begräbnisstätte erworben (1. Mose 23,17–20). Später wurden auch Abraham, Isaak, Rebekka, Lea und Jakob dort begraben (1. Mose 25,9–10; 35,27–29; 49,29–32; 50,12–13). Der Landbesitz, den Abraham damals erwarb, war jedoch nur eine Begräbnisstätte mit dem dazugehörigen Feld gewesen, nicht die vollständige Erfüllung der Verheißung über das Land Kanaan. Dass Hebron nun innerhalb des israelitischen Erbteils liegt, verbindet die Landverteilung mit der Geschichte der Erzväter. Der Ort, an dem Abraham einst als Fremder gelebt und ein Stück Land erworben hatte, gehört jetzt zu dem Gebiet, das seinen Nachkommen als Erbteil zugewiesen wird. Diese Verbindung ergibt sich aus der gemeinsamen Geschichte des Ortes, auch wenn Josua 15 selbst nicht ausdrücklich auf Abrahams Grabstätte zurückblickt.
Der frühere Name Kirjat-Arba bedeutet sinngemäß „Stadt Arbas“. Der Text bezeichnet Arba als Vater Enaks und stellt damit eine Verbindung zu den Enakitern her, die in der biblischen Überlieferung wegen ihrer außergewöhnlichen Körpergröße und ihrer militärischen Stärke gefürchtet waren. 4. Mose 13,22 berichtet, dass die Kundschafter bei Hebron auf Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe trafen. Ihre Erwähnung spielte später eine wichtige Rolle bei der entmutigenden Darstellung des Landes durch die Mehrheit der Kundschafter. Dabei müssen die genealogischen Angaben mit der nötigen Vorsicht gelesen werden. Die Bezeichnung Arbas als Vater Enaks kann eine verwandtschaftliche oder stammesgeschichtliche Zuordnung ausdrücken. Eine vollständige Abstammungsfolge mit sicher bestimmbaren Generationen lässt sich daraus nicht rekonstruieren.
Vers 14 berichtet, dass Kaleb drei namentlich genannte Enakiter aus Hebron vertrieb: Sesai, Achiman und Talmai. Diese Namen sind besonders bemerkenswert, weil sie bereits in 4. Mose 13,22 erscheinen. Dort werden dieselben Männer beziehungsweise Namen im Zusammenhang mit der Erkundung Hebrons genannt. Durch diese Wiederaufnahme entsteht eine deutliche Verbindung zwischen der früheren Glaubensprüfung und der nun geschilderten Landnahme. Die Bewohner, deren Stärke einst zur Angst Israels beigetragen hatte, werden jetzt aus dem Gebiet vertrieben, das Kaleb als Erbteil erhalten hat. Der Text berichtet nicht über die einzelnen Kampfhandlungen, die Anzahl seiner Krieger oder die militärische Vorgehensweise. Er hält jedoch das Ergebnis fest: Kaleb gelingt es, die genannten Enakiter aus Hebron zu verdrängen.
Damit erhält die Geschichte eine besondere geschichtliche Bedeutung. Als Kaleb erstmals nach Kanaan ausgesandt worden war, hatte die Stärke der Bewohner zu den entscheidenden Argumenten gegen den Einzug gehört. Nach 4. Mose 13,28–33 waren insbesondere die befestigten Städte und die Enakiter für die Kundschafter Anlass zu großer Furcht. Kaleb hatte diese Schwierigkeiten nicht bestritten, sondern sich gegen die Schlussfolgerung gestellt, Israel könne Gottes Auftrag deshalb nicht erfüllen. Nun zeigt sein Handeln, dass seine damalige Zuversicht nicht nur aus Worten bestand. Er war bereit, sich gerade jenen Gegnern zu stellen, vor denen Israel einst zurückgeschreckt war. Dabei wird der Erfolg nicht allein seiner persönlichen Tapferkeit zugeschrieben. Der Zusammenhang mit Josua 14,12 bleibt entscheidend: Kaleb hatte seinen bevorstehenden Kampf ausdrücklich unter die Voraussetzung des göttlichen Beistands gestellt.
Die Vertreibung der Enakiter aus Hebron muss allerdings im Zusammenhang mit den früheren Siegesberichten des Josuabuches verstanden werden. Josua 10,36–37 berichtet bereits von der Einnahme Hebrons während des südlichen Feldzuges. Josua 11,21–22 beschreibt außerdem die Bekämpfung der Enakiter in verschiedenen Gebirgsregionen. Dass Kaleb in Josua 15 erneut als derjenige erscheint, der die Enakiter aus Hebron vertreibt, bedeutet nicht zwangsläufig, dass alle Berichte dieselbe militärische Handlung in genau derselben zeitlichen Abfolge schildern. Möglich ist, dass die früheren Kapitel die großen gemeinsamen Feldzüge zusammenfassen, während hier die anschließende Sicherung des zugeteilten Gebietes durch Kaleb beschrieben wird. Ebenso können unterschiedliche erzählerische Perspektiven eine Rolle spielen. Eine vollständige Chronologie lässt sich aus den vorhandenen Angaben nicht mit Sicherheit erstellen. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen einem militärischen Sieg über eine Stadt und ihrer dauerhaften Besitznahme durch die dort angesiedelten Familien.
Vers 15 setzt Kalebs Unternehmungen fort. Von Hebron aus zieht er gegen die Einwohner von Debir, einer Stadt, die früher Kirjat-Sepher hieß. Debir war bereits in Josua 10,38–39 im Zusammenhang mit den Eroberungen im südlichen Kanaan erwähnt worden. Die erneute Nennung fügt sich deshalb in dieselbe geschichtliche Frage ein wie der Bericht über Hebron: Die Einnahme wichtiger Städte während der gemeinsamen Feldzüge und ihre spätere Sicherung innerhalb der einzelnen Stammesgebiete müssen nicht zwangsläufig dasselbe Ereignis bezeichnen. Der genaue Zeitpunkt des hier beschriebenen Vorgehens bleibt offen. Aus dem Text geht jedoch hervor, dass Kaleb nach seinem Erfolg bei Hebron seine Aufmerksamkeit auf ein weiteres Gebiet richtet, dessen Bewohner noch überwunden werden müssen.
Auch der ältere Name Kirjat-Sepher ist interessant. Er wird häufig mit „Stadt des Buches“ oder „Stadt der Schrift“ wiedergegeben. Daraus ist gelegentlich geschlossen worden, Debir müsse ein besonderer Mittelpunkt der Schreibkunst, ein Archivort oder eine Stadt mit bedeutenden schriftlichen Aufzeichnungen gewesen sein. Solche Vermutungen gehen jedoch über das hinaus, was Josua 15 tatsächlich mitteilt. Die ursprüngliche Bedeutung und Geschichte des Ortsnamens sind nicht vollständig geklärt. Der Text nennt ihn vor allem, damit die Leser erkennen können, dass Debir und Kirjat-Sepher dieselbe Stadt bezeichnen. Weitere Aussagen über Schulen, Bibliotheken oder die religiöse Bedeutung des Ortes lassen sich daraus nicht zuverlässig ableiten.
Bemerkenswert ist schließlich, dass Kaleb nach der Vertreibung der Enakiter seine Aufgabe nicht als abgeschlossen betrachtet. Die Übernahme Hebrons bildet den Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen. Zugleich zeigt der folgende Abschnitt, dass Kaleb nicht jede Stadt persönlich erobert. Bei Debir tritt ein anderer Mann hervor, dem schließlich die Einnahme gelingt. Der Bericht führt damit von der persönlichen Bewährung Kalebs zu der Frage, wie Verantwortung innerhalb seiner Familie und Gemeinschaft weitergegeben wird. Die Geschichte des verheißenen Erbteils setzt sich in den nächsten Versen mit Otniel und Kalebs Tochter Achsa fort.
Josua 15,16–19
Otniel erobert Debir und Achsa erhält die Wasserquellen
Nachdem Kaleb die Enakiter aus Hebron vertrieben hat, richtet sich seine Aufmerksamkeit auf die Stadt Kirjat-Sepher, die auch Debir genannt wird. In Vers 16 erklärt er, dass derjenige, der diese Stadt angreift und einnimmt, seine Tochter Achsa zur Frau erhalten soll. Die angekündigte Heirat verbindet die militärische Aufgabe mit einer dauerhaften familiären Beziehung. Im gesellschaftlichen Umfeld des Alten Testaments waren Eheschließungen häufig nicht nur persönliche Angelegenheiten zweier Menschen, sondern betrafen auch ihre Familien und deren Stellung innerhalb der Gemeinschaft. Kaleb stellt die Verbindung mit seiner Tochter in Aussicht, um einen Mann für die Eroberung der Stadt zu gewinnen. Der Text berichtet jedoch nicht, ob Achsa zuvor in diese Entscheidung einbezogen wurde oder welche persönlichen Vorstellungen sie von der Ehe hatte. Deshalb wäre es unbegründet, ihr entweder eine ausdrückliche Zustimmung oder eine bestimmte ablehnende Haltung zuzuschreiben. Die Erzählung beschreibt eine damalige Handlung, ohne daraus eine allgemeine Vorschrift für die Wahl eines Ehepartners zu machen.
In Vers 17 wird berichtet, dass Otniel, der Sohn des Kenas, die Stadt einnimmt. Daraufhin gibt Kaleb ihm seine Tochter Achsa zur Frau, wie er es angekündigt hatte. Die genaue Verwandtschaft zwischen Otniel und Kaleb ist nicht vollständig eindeutig. Der hebräische Satz kann so verstanden werden, dass Otniel selbst Kalebs jüngerer Bruder war. Ebenso ist die Deutung möglich, dass Kenas als Bruder Kalebs bezeichnet wird und Otniel somit sein Neffe gewesen wäre. Die letztgenannte Erklärung wird häufig bevorzugt, doch die sprachliche Formulierung erlaubt keine abschließende Entscheidung. Sicher ist, dass Otniel aus dem familiären Umfeld Kalebs stammte. Auch 1. Chronik 4,13 nennt Kenas als Vater Otniels.
Otniel begegnet später erneut in der biblischen Geschichte. Richter 3,7–11 berichtet, dass Gott ihn als Befreier Israels einsetzte, nachdem das Volk unter fremde Herrschaft geraten war. Dort wird ausdrücklich erwähnt, dass der Geist des HERRN über ihn kam und er Israel zum Sieg führte. Diese spätere Aufgabe verleiht seiner Erwähnung in Josua 15 zusätzliches Interesse. Bereits bei der Einnahme Debirs tritt er als erfolgreicher Kämpfer hervor, später übernimmt er eine weitreichendere Verantwortung für das Volk. Dennoch beschreibt Josua 15 seine Eroberung nicht ausdrücklich als Vorbereitung auf das Richteramt. Beide Berichte gehören zu seiner Lebensgeschichte, während die spätere Berufung zum Befreier eine eigene göttliche Handlung darstellt.
Mit Vers 18 verändert sich der Schwerpunkt der Erzählung. Nachdem die Einnahme Debirs und die Heirat berichtet worden sind, tritt Achsa selbst als handelnde Person hervor. Während ihr Name zuvor vor allem im Zusammenhang mit Kalebs Versprechen genannt wurde, ergreift sie nun die Gelegenheit, sich für die Lebensbedingungen auf dem ihr überlassenen Land einzusetzen. Der Beginn des Verses ist sprachlich allerdings schwierig. Nach einer verbreiteten Wiedergabe veranlasst Achsa Otniel, ihren Vater um ein Feld zu bitten. Andere Überlieferungen und Übersetzungen verstehen die Handlung so, dass Otniel Achsa zu einer solchen Bitte ermutigt. Eine weitere Erklärung bezieht die Handlung unmittelbar auf Achsas Bemühung, von Kaleb Land zu erhalten. Die unterschiedlichen Deutungen hängen vor allem an der Zuordnung der handelnden Personen und eines hebräischen Pronomens. Der folgende Vers lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass Achsa schließlich selbst mit ihrem Vater spricht.
Die Begegnung wird durch eine kleine, aber anschauliche Einzelheit beschrieben: Achsa steigt von ihrem Esel herab, worauf Kaleb sie fragt, was sie möchte. Der Text nennt keinen ausdrücklichen Grund für das Absteigen. Es könnte eine respektvolle Annäherung oder einfach die natürliche Vorbereitung auf das Gespräch gewesen sein. Auch die genaue Situation der Begegnung wird nicht näher erklärt. Entscheidend ist, dass Kaleb die Initiative seiner Tochter aufnimmt und ihr Gelegenheit gibt, ihre Bitte auszusprechen. Achsa muss ihre Bedürfnisse nicht über eine längere Auseinandersetzung vorbringen. Der Bericht schildert vielmehr ein kurzes Gespräch, in dem sie unmittelbar erklärt, was ihr fehlt.
Ihre Antwort in Vers 19 macht verständlich, weshalb sie um eine zusätzliche Gabe bittet. Sie erinnert ihren Vater daran, dass er ihr Land im Südgebiet gegeben hat, und ersucht ihn nun um Wasserquellen. Dabei verwendet sie ein hebräisches Wort, das gewöhnlich mit „Segen“ übersetzt wird, in diesem Zusammenhang aber eine konkrete Gabe bezeichnet. Achsa bittet also nicht lediglich um gute Wünsche für ihre Ehe oder ihre Zukunft. Sie benötigt Wasser, damit das Land, das sie erhalten hat, ausreichend genutzt werden kann. Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, weil die Geschichte sonst leicht auf eine allgemeine geistliche Bitte verkürzt werden könnte, obwohl der biblische Bericht zunächst eine sehr praktische Angelegenheit beschreibt.
Der Zusammenhang mit dem trockenen Südland erklärt ihre Bitte. Große Teile des südlichen Stammesgebietes Judas waren von geringen Niederschlägen und jahreszeitlich unterschiedlichen Wasserverhältnissen geprägt. Für die dauerhafte Bewirtschaftung eines Grundstücks konnten Quellen deshalb von erheblicher Bedeutung sein. Ohne eine verlässliche Wasserversorgung waren die Möglichkeiten für Landwirtschaft, Viehhaltung und die Versorgung einer Familie begrenzt. Achsa erkennt, dass der Besitz eines Stückes Land allein noch nicht sämtliche Voraussetzungen für dessen Nutzung schafft. Ihre Bitte zeigt deshalb ein Verständnis für die tatsächlichen Anforderungen des Lebens in dieser Landschaft. Sie fordert nicht einfach zusätzlichen Besitz, ohne einen Grund zu nennen, sondern erklärt, weshalb das bereits erhaltene Land durch eine weitere Gabe sinnvoll ergänzt werden sollte.
Kaleb erfüllt ihre Bitte und gibt ihr die oberen und unteren Wasserquellen. Der Text unterscheidet damit zwei Gruppen von Quellen, die offenbar verschiedenen Höhenlagen oder Bereichen des Geländes zugeordnet waren. Ihre genaue geografische Lage lässt sich heute nicht mit Sicherheit bestimmen. Ebenso wenig wird berichtet, wie viele einzelne Wasserstellen zu diesen beiden Gruppen gehörten oder welche Wassermengen sie lieferten. Die Unterscheidung zwischen oberen und unteren Quellen lässt jedoch erkennen, dass Achsa nicht lediglich eine einzelne kleine Wasserstelle erhielt. Kaleb gewährte ihr eine Versorgung, die über die ursprünglich genannte Landgabe hinausging und deren praktische Nutzbarkeit verbessern konnte.
Bemerkenswert ist dabei die Rolle Achsas. In einer Erzählung, die zunächst von militärischen Eroberungen und Entscheidungen ihres Vaters bestimmt wird, spricht sie selbst über die Bedürfnisse ihres künftigen Haushalts. Sie erkennt eine Schwierigkeit, formuliert eine konkrete Bitte und erhält die erbetene Unterstützung. Der Bericht stellt sie damit nicht lediglich als Gegenstand einer Heiratsvereinbarung dar. Zugleich wäre es zu weitgehend, aus diesen wenigen Versen eine vollständige Aussage über ihre rechtliche Selbstständigkeit oder die allgemeinen Besitzrechte israelitischer Frauen abzuleiten. Die Geschichte zeigt ausdrücklich ihre Initiative und die positive Reaktion Kalebs, lässt aber zahlreiche Einzelheiten über die damaligen familiären und rechtlichen Verhältnisse offen.
Die Begebenheit wird in Richter 1,12–15 nahezu vollständig erneut erzählt. Dort erscheint sie innerhalb des Berichts über die Kämpfe Judas und die Schwierigkeiten bei der weiteren Einnahme des Landes. Die Wiederholung muss nicht bedeuten, dass Debir zweimal erobert und Achsa zweimal verheiratet wurde. Das Richterbuch greift mehrfach auf Ereignisse zurück, die bereits in Josuas Lebenszeit stattgefunden hatten, und stellt sie in einen anderen erzählerischen Zusammenhang. Besonders Richter 2,6–9 zeigt, dass die Darstellung nicht durchgehend einer strengen zeitlichen Reihenfolge folgt. Deshalb ist es naheliegend, die beiden Achsa-Berichte als unterschiedliche Überlieferungen beziehungsweise Wiederaufnahmen derselben Begebenheit zu verstehen. Ihre genaue literarische Entstehung und Überlieferungsgeschichte bleibt allerdings eine gesonderte Frage.
Innerhalb von Josua 15 besitzt diese kurze Familiengeschichte eine wichtige Funktion. Die vorhergehenden Verse handeln davon, wie Städte erobert und Gegner vertrieben werden. Nun richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Frage, wie das gewonnene Land anschließend bewohnt und genutzt werden kann. Der Übergang vom militärischen Sieg zur Versorgung einer Familie zeigt, dass die Landnahme mit der Eroberung einer Stadt nicht abgeschlossen war. Für eine dauerhafte Niederlassung brauchten die Bewohner nicht nur rechtmäßigen Besitz, sondern auch die notwendigen Lebensgrundlagen. Achsas Bitte macht diesen Zusammenhang auf besonders anschauliche Weise sichtbar.
Daraus lässt sich auch eine vorsichtige geistliche Folgerung ziehen. Verantwortliches Handeln besteht nicht allein darin, eine Aufgabe erfolgreich zu beginnen. Es verlangt ebenso, die Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen das Erreichte Bestand haben kann. Achsa nimmt das ihr gegebene Land an, erkennt aber zugleich, was zu seiner sinnvollen Nutzung fehlt. Ihre Bitte ist weder Ausdruck von Undankbarkeit noch der Versuch, die ursprüngliche Gabe geringzuschätzen. Sie sucht vielmehr nach einer Lösung für ein tatsächlich bestehendes Bedürfnis. Kaleb hört ihr zu und ergänzt seine Gabe entsprechend. Die Geschichte zeigt damit, wie Umsicht, Eigeninitiative und die Bereitschaft, berechtigte Anliegen ernst zu nehmen, zum Gelingen gemeinsamer Verantwortung beitragen können.
Mit der Versorgung Achsas endet der erzählende Teil dieses Abschnitts. Anschließend wendet sich das Kapitel wieder der Verteilung des Stammesgebietes Judas zu. Die folgenden Verse nennen die Städte und Siedlungen, die zu seinem Erbteil gehörten. Während die Geschichte Kalebs, Otniels und Achsas einzelne Menschen und ihre konkreten Entscheidungen in den Mittelpunkt stellt, beschreiben die anschließenden Ortsverzeichnisse den größeren geografischen Raum, in dem die israelitischen Familien künftig leben sollten.
Josua 15,20–32
Die Städte des Südlandes und die auffällige Zahl von 29 Städten
Nachdem die Grenzen des Stammesgebietes Juda beschrieben und die Ereignisse um Kaleb, Otniel und Achsa erzählt worden sind, beginnt in Vers 20 ein umfangreiches Verzeichnis der Städte, die zu Judas Erbteil gehören. Der einleitende Satz bestätigt noch einmal, dass dieses Land den Nachkommen Judas nach ihren Geschlechtern zugeteilt wurde. Damit wird der Blick von einzelnen Personen und ihren Besitzrechten auf die gesamte Stammesgemeinschaft gelenkt. Das Erbteil bestand nicht nur aus wenigen bedeutenden Städten, sondern umfasste zahlreiche Ortschaften mit den dazugehörigen kleineren Siedlungen. Die Aufzählung diente dazu, die räumliche Ausdehnung des Stammesgebietes und die Zugehörigkeit seiner Städte festzuhalten. Für die damaligen Bewohner waren diese Namen deshalb keine nebensächlichen Einzelheiten, sondern bezeichneten konkrete Orte, an denen Familien lebten, Felder bewirtschafteten und ihre wirtschaftlichen und gemeinschaftlichen Beziehungen gestalteten.
Die erste Städtegruppe liegt nach Vers 21 im äußersten Süden des Gebietes, in Richtung der Grenze Edoms. Gemeint ist das Südland, das gewöhnlich mit dem hebräischen Namen Negev bezeichnet wird. Diese Landschaft war wesentlich trockener als das westliche Hügelland oder die höher gelegenen Gebiete Judas. Geringe und unregelmäßige Niederschläge beeinflussten die Möglichkeiten der Landwirtschaft und der dauerhaften Besiedlung. Dennoch wäre es falsch, sich das gesamte Gebiet als eine völlig unbewohnbare Sandwüste vorzustellen. Es gab Täler, Brunnen, Quellen und Flächen, die unter geeigneten Bedingungen landwirtschaftlich genutzt werden konnten. Auch Viehhaltung spielte in solchen Regionen eine wichtige Rolle. Die zahlreichen genannten Ortschaften zeigen, dass das Südland trotz seiner schwierigen natürlichen Bedingungen als Lebensraum von Bedeutung war.
Die Verse 21–24 nennen zunächst eine Reihe von Städten, darunter Kabzeel, Eder, Jagur, Kina, Dimona, Adada, Kedesch, Hazor, Jitnan, Siph, Telem und Bealot. Viele dieser Orte lassen sich heute nicht mehr mit ausreichender Sicherheit lokalisieren. Ihre Namen sind durch die biblische Überlieferung erhalten geblieben, während ihre genaue Lage, Größe und historische Entwicklung häufig unbekannt sind. Bei der Auslegung muss deshalb zwischen dem ausdrücklich überlieferten Namen und einer vermuteten Identifizierung auf einer modernen Karte unterschieden werden. Auch gleichlautende Ortsnamen dürfen nicht vorschnell gleichgesetzt werden. Beispielsweise ist das hier genannte Hazor im südlichen Gebiet Judas von dem bedeutenden kanaanitischen Hazor im Norden des Landes zu unterscheiden, dessen Eroberung in Josua 11 geschildert wird. Die Verwendung desselben Namens bedeutet nicht, dass beide Angaben denselben Ort bezeichnen.
In Vers 25 begegnen zwei weitere Ortsbezeichnungen: Hazor-Hadatta und Keriot-Hezron, das auch Hazor genannt wird. Der Name Hazor-Hadatta lässt sich sinngemäß als „Neu-Hazor“ verstehen. Die zusätzliche Erklärung bei Keriot-Hezron zeigt, dass der Ort unter mehr als einer Bezeichnung bekannt war. Solche Angaben sind wichtig, weil Städte im Verlauf ihrer Geschichte unterschiedliche Namen tragen konnten oder in verschiedenen Überlieferungen unter abweichenden Bezeichnungen erschienen. Zugleich kann diese Namensvielfalt die heutige Rekonstruktion alter Ortslisten erschweren. Wenn ein Ort mit einem zweiten Namen erklärt wird, handelt es sich nicht automatisch um zwei eigenständige Städte. Allerdings lässt sich daraus noch nicht ableiten, dass sämtliche Unstimmigkeiten bei den später genannten Städtezahlen allein durch alternative Ortsnamen verursacht wurden.
Die Verse 26–28 führen das Verzeichnis mit Amam, Sema, Molada, Hazar-Gadda, Hesmon, Beth-Pelet, Hazar-Schual, Beer-Seba und Bisjot-Ja fort. Besonders Beer-Seba besitzt innerhalb der biblischen Geschichte eine bekannte Stellung. Bereits Abraham hielt sich in dieser Gegend auf und schloss dort mit Abimelech einen Bund (1. Mose 21,22–34). Auch Isaak wird mit Beer-Seba verbunden. Nach 1. Mose 26,23–33 erschien ihm dort der HERR, erneuerte seine Verheißung und bestätigte seine Gegenwart. Der Ort stand somit schon vor der Landverteilung in Verbindung mit der Geschichte der Erzväter. Dass Beer-Seba nun im Erbteil Judas erscheint, erinnert daran, dass die Israeliten Gebiete erhielten, in denen ihre Vorfahren bereits gelebt hatten, ohne damals das gesamte Land als dauerhaften Stammesbesitz zu besitzen.
Eine weitere Besonderheit Beer-Sebas zeigt sich in seiner späteren Verwendung als geografischer Orientierungspunkt. Die Wendung „von Dan bis Beer-Seba“ begegnet mehrfach als Bezeichnung für die Ausdehnung Israels von Norden nach Süden (beispielsweise Richter 20,1; 1. Samuel 3,20). Beer-Seba wurde damit zu einem bekannten Bezugspunkt für den südlichen Bereich des israelitischen Siedlungsgebietes. Diese spätere Bedeutung darf jedoch nicht mit der ursprünglichen Landverteilung verwechselt werden. Josua 15 nennt die Stadt zunächst innerhalb des Erbteils Judas. In Josua 19,2 erscheint sie außerdem bei der Zuteilung an Simeon. Beide Angaben hängen damit zusammen, dass der Stamm Simeon später ein Gebiet innerhalb des ursprünglich Juda zugewiesenen Landes erhielt.
Die Verse 29–31 nennen unter anderem Baala, Ijim, Ezem, Eltolad, Kesil, Horma, Ziklag, Madmanna und Sansanna. Auch unter diesen Namen befinden sich Orte, die in anderen biblischen Büchern erneut erwähnt werden. Besonders Horma ist bemerkenswert. In 4. Mose 14,39–45 wird berichtet, dass Israel nach seiner Auflehnung bei Kadesch-Barnea entgegen Gottes ausdrücklicher Warnung einen eigenmächtigen Angriff unternahm und von seinen Gegnern bis Horma verfolgt und geschlagen wurde. Später berichtet 4. Mose 21,1–3 von einem Sieg über kanaanitische Gegner und erklärt die Benennung Hormas im Zusammenhang mit deren vollständiger Vernichtung. Richter 1,17 erwähnt ebenfalls die Eroberung eines Ortes, der anschließend Horma genannt wurde. Die unterschiedlichen Berichte müssen sorgfältig in ihrem jeweiligen Zusammenhang gelesen werden. Sie erlauben nicht ohne Weiteres eine vollständig gesicherte Rekonstruktion der Ortsgeschichte oder der genauen zeitlichen Abfolge aller Kämpfe. In Josua 15 erscheint Horma jedenfalls als eine der Städte im südlichen Erbteil Judas.
Ziklag besitzt ebenfalls eine bemerkenswerte spätere Geschichte. Nach 1. Samuel 27,5–6 erhielt David diese Stadt vom Philisterkönig Achis, als er sich während seiner Flucht vor Saul im Gebiet der Philister aufhielt. Ziklag wurde anschließend zu einem wichtigen Aufenthaltsort Davids und seiner Männer. In 1. Samuel 30 wird geschildert, wie die Amalekiter die Stadt überfielen, niederbrannten und ihre Bewohner verschleppten, während David mit seinen Männern abwesend war. Die Erwähnung Ziklags in Josua 15 und seine spätere Verbindung mit einem Philisterkönig zeigen, weshalb die Zuteilung einer Stadt nicht mit einer ununterbrochenen politischen Herrschaft Israels über sie gleichgesetzt werden darf. Zwischen den verschiedenen Erzählungen liegen geschichtliche Entwicklungen, die der Bibeltext nicht in allen Einzelheiten beschreibt. Josua 19,5 nennt Ziklag außerdem unter den Städten Simeons, dessen Erbteil innerhalb des Gebietes Judas lag.
Vers 32 schließt die erste Städtegruppe mit Lebaot, Silhim, Ain und Rimmon ab. Besonders die letzten beiden Namen verdienen Aufmerksamkeit. Während der hebräische Text in Josua 15,32 Ain und Rimmon getrennt nennt, erscheint in Nehemia 11,29 die zusammengesetzte Bezeichnung En-Rimmon. Daraus ist die Vermutung entstanden, dass beide Namen ursprünglich eine zusammengehörige Siedlung oder benachbarte Siedlungsbereiche bezeichnet haben könnten. Andererseits führt Josua 19,7 Ain und Rimmon ebenfalls getrennt auf. Die unterschiedlichen Angaben lassen deshalb mehrere Erklärungen zu. Es könnte sich um eigenständige Orte gehandelt haben, deren Namen später miteinander verbunden wurden, oder um unterschiedliche Benennungs- und Zählweisen. Eine endgültige Entscheidung lässt sich aus den erhaltenen Texten nicht ableiten.
Am Ende von Vers 32 entsteht eine auffällige Schwierigkeit: Der Text spricht ausdrücklich von neunundzwanzig Städten mit ihren Dörfern, obwohl die vorangehende Liste nach der üblichen Zählung sechsunddreißig Ortsnamen enthält. Diese Abweichung darf bei einer gründlichen Auslegung nicht übergangen werden. Eine mögliche Erklärung lautet, dass manche Ortsnamen verschiedene Bezeichnungen derselben Stadt darstellen. Ebenso könnten kleinere Siedlungen in der Liste genannt sein, ohne in der abschließenden Gesamtzahl als eigenständige Städte berücksichtigt zu werden. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass die Liste während ihrer schriftlichen Überlieferung erweitert wurde, während die ältere Gesamtzahl unverändert blieb. Für diese letzte Erklärung spricht, dass die Ortslisten des Josuabuches auch an anderen Stellen unterschiedliche Überlieferungsformen aufweisen. Keine der vorgeschlagenen Lösungen lässt sich jedoch für sämtliche sieben überzähligen Namen eindeutig nachweisen.
Eine zusätzliche Beobachtung ergibt sich aus dem Vergleich mit Josua 19,1–9. Dort wird berichtet, dass Simeon sein Erbteil innerhalb des Stammesgebietes Judas erhielt, weil Judas ursprünglicher Anteil für diesen Stamm zu groß war. Zahlreiche Städte aus der südlichen Ortsliste von Josua 15 erscheinen deshalb später erneut bei Simeon. Einige Ausleger versuchen, die Differenz zwischen sechsunddreißig genannten und neunundzwanzig gezählten Städten dadurch zu erklären, dass sieben Orte später Simeon zugeteilt worden seien. Diese Erklärung ist rechnerisch auffällig, wird vom Bibeltext jedoch nicht ausdrücklich gegeben. Zudem überschneiden sich die beiden Listen bei mehr als sieben Ortsnamen beziehungsweise Namensformen. Es wäre deshalb zu weitgehend, diese Lösung als zweifelsfrei bewiesen darzustellen. Sicher ist lediglich, dass die spätere Zuteilung an Simeon die ursprünglichen Besitzverhältnisse innerhalb des südlichen Stammesgebietes veränderte.
Der Schluss der Städtegruppe erwähnt neben den Städten ausdrücklich ihre Dörfer. Damit wird zwischen größeren Siedlungen und den kleineren Wohnplätzen unterschieden, die zu ihnen gehörten. Die aufgeführten Namen sind folglich keine vollständige Aufzählung sämtlicher damals bewohnter Orte. Auch innerhalb eines einzigen Stadtgebietes konnten mehrere kleinere Ansiedlungen bestehen, deren eigene Namen hier nicht überliefert werden. Die Landverteilung betraf deshalb mehr Menschen und Siedlungsplätze, als die Zahl der ausdrücklich genannten Städte zunächst vermuten lässt. Das Verzeichnis beschreibt ein räumlich zusammenhängendes Gebiet, in dem größere Orte und ihre umliegenden Siedlungen miteinander verbunden waren.
Die ersten zwölf Verse des Kapitels hatten die äußeren Grenzen Judas festgelegt. Mit den Versen 20–32 wird nun sichtbar, wie vielfältig das Leben innerhalb dieser Grenzen war. Das südliche Erbteil umfasste zahlreiche Städte in einer Landschaft, deren natürliche Bedingungen erhebliche Anforderungen an ihre Bewohner stellten. Zugleich begegnen hier Orte, die bereits mit Abraham und Isaak verbunden waren oder später in der Geschichte Davids und des Stammes Simeon eine wichtige Rolle spielen sollten. Die unterschiedlichen Städtezahlen erinnern daran, dass die überlieferten geografischen Aufzeichnungen sorgfältig gelesen und ihre offenen Fragen nicht durch unbelegte Gewissheiten überdeckt werden dürfen. Im folgenden Abschnitt führt die Ortsliste aus dem trockenen Südland in die westliche Hügellandschaft der Schephela, deren natürliche Bedingungen und strategische Bedeutung sich deutlich von denen des Negev unterscheiden.
Josua 15,33–44
Die Städte der Schephela zwischen Bergland und Küstenebene
Nach der Aufzählung der Städte im trockenen Südland Judas führt Vers 33 in eine andere Landschaft: die Schephela. Dieser hebräische Name bezeichnet das westliche Hügelland zwischen dem judäischen Gebirge und der Küstenebene am Mittelmeer. Die Landschaft besteht aus sanften Hügelzügen, fruchtbaren Tälern und natürlichen Durchgängen, die das Landesinnere mit den westlichen Gebieten verbinden. Ihre Bedeutung ergibt sich deshalb sowohl aus den Möglichkeiten der Landwirtschaft als auch aus ihrer Lage an wichtigen Verbindungswegen. Wer diese Region beherrschte, konnte den Zugang vom Küstenland zum Gebirge beeinflussen. Das erklärt, weshalb zahlreiche Städte der Schephela in der späteren Geschichte Israels immer wieder Schauplätze militärischer Auseinandersetzungen wurden.
Die Verse 33–36 nennen zunächst Eschtaol, Zora, Aschna, Sanoach, En-Gannim, Tappuach, Enam, Jarmut, Adullam, Socho, Aseka, Schaarajim, Aditajim, Gedera und Gederotajim. Bereits die ersten beiden Städte stellen eine interessante Verbindung zu einem späteren Abschnitt des Josuabuches her. Eschtaol und Zora erscheinen in Josua 19,41 erneut, diesmal innerhalb des Erbteils des Stammes Dan. Dass dieselben Orte in beiden Verzeichnissen vorkommen, zeigt, dass die Stammesgebiete nicht immer als vollständig voneinander unabhängige und unveränderliche Besitzräume beschrieben werden. Die ursprüngliche Zuteilung Judas und die spätere Aufstellung der Städte Dans müssen im Zusammenhang der gesamten Landverteilung verstanden werden. Aus der doppelten Erwähnung allein lässt sich allerdings nicht die genaue Abfolge aller Besitzübertragungen rekonstruieren.
Zora besitzt darüber hinaus besondere Bedeutung für die Geschichte Simsons. Nach Richter 13,2 lebte dort Manoach, der Vater Simsons, aus dem Stamm Dan. Später wird berichtet, dass der Geist des HERRN begann, Simson im Gebiet zwischen Zora und Eschtaol anzutreiben (Richter 13,25). Auch seine Begräbnisstätte wird in dieser Gegend erwähnt (Richter 16,31). Die beiden Städte verbinden damit die Landverteilung zur Zeit Josuas mit der späteren Geschichte des Richterbuches. Die geografischen Angaben machen zugleich verständlich, weshalb Simsons Leben wiederholt von Begegnungen und Auseinandersetzungen mit den Philistern geprägt war. Sein Heimatgebiet befand sich in einer Region, in der die israelitischen Siedlungsgebiete und der Einflussbereich der Philister eng aufeinandertrafen.
Unter den weiteren Städten der ersten Gruppe fällt Adullam auf. Dieser Ort begegnet bereits in 1. Mose 38,1 im Zusammenhang mit Juda und seinem Freund Hira, der als Adullamiter bezeichnet wird. Später wird Adullam besonders durch Davids Flucht vor Saul bekannt. Nach 1. Samuel 22,1 suchte David Zuflucht in einer Höhle bei Adullam, wo sich seine Brüder und weitere Angehörige seiner Familie zu ihm gesellten. Auch Menschen, die in Bedrängnis geraten oder mit ihrer Lage unzufrieden waren, sammelten sich dort um ihn. Die Stadt und ihre Umgebung wurden damit zu einem wichtigen Schauplatz in Davids früher Lebensgeschichte. In Josua 15 steht Adullam dagegen zunächst als Bestandteil des Stammesgebietes Judas. Die spätere Erzählung macht deutlich, dass die hier genannten Orte nicht nur Grenz- und Besitzangaben darstellen, sondern im weiteren Verlauf der biblischen Geschichte erneut Bedeutung gewinnen.
Besonders aufschlussreich sind auch Socho und Aseka. Beide Städte erscheinen in 1. Samuel 17,1 bei der Beschreibung des Aufmarsches der Philister vor dem Kampf zwischen David und Goliat. Die Philister lagerten zwischen Socho und Aseka bei Ephes-Dammim, während das israelitische Heer auf der gegenüberliegenden Seite des Tales Ela Stellung bezog. Die hügelige Landschaft mit ihren offenen Tälern bot den Heeren natürliche Zugangswege und geeignete Sammelplätze. Die geografische Einordnung macht verständlich, warum gerade die Schephela zu einer wichtigen Konfliktregion wurde. Die von Westen kommenden Philister konnten durch die Täler in Richtung des judäischen Berglandes vordringen, während Israel diese Zugänge zu sichern suchte. Josua 15 beschreibt noch keine dieser späteren Kämpfe, nennt aber bereits jene Städte, in deren Umgebung sich entscheidende Ereignisse abspielen sollten.
Vers 36 schließt die erste Gruppe mit Schaarajim, Aditajim, Gedera und Gederotajim ab und nennt anschließend eine Gesamtzahl von vierzehn Städten mit ihren Dörfern. Hier entsteht eine textliche Schwierigkeit: Zählt man alle zuvor aufgeführten Ortsnamen einzeln, ergeben sich fünfzehn Namen. Die überlieferte Gesamtzahl lautet jedoch vierzehn. Eine mögliche Erklärung besteht darin, dass Gedera und Gederotajim zwei Bezeichnungen für denselben Ort waren. Eine andere Möglichkeit lautet, dass einer der genannten Plätze zu einer größeren Stadt gehörte und deshalb nicht als eigenständige Stadt gezählt wurde. Besonders interessant ist die griechische Septuaginta, die an dieser Stelle anstelle einer zweiten selbstständigen Ortsbezeichnung eine Formulierung über die zugehörigen Gehöfte enthält. Dadurch ergibt sich in dieser Überlieferung eine andere Zählweise. Ob die griechische Fassung jedoch den ursprünglichen Wortlaut bewahrt oder eine bereits bestehende Schwierigkeit erklärt, lässt sich nicht abschließend bestimmen. Die Zahl vierzehn sollte deshalb beibehalten werden, ohne die Abweichung zu verschweigen.
TIPs+1
Mit Vers 37 beginnt eine zweite Städtegruppe der Schephela. Sie umfasst Zenan, Hadascha, Migdal-Gad, Dilan, Mizpe, Jokteel, Lachisch, Bozkat, Eglon, Kabbon, Lachmas, Kitlisch, Gederot, Beth-Dagon, Naama und Makkeda. Vers 41 nennt dafür ausdrücklich sechzehn Städte mit ihren Dörfern. Anders als bei der vorhergehenden Gruppe stimmt diese Gesamtzahl mit der Zahl der aufgeführten Namen überein. Dennoch ist die geografische Bestimmung vieler dieser Orte unsicher. Namen wie Mizpe, die sinngemäß mit einem Aussichtspunkt verbunden sein können, begegnen auch in anderen Regionen. Deshalb darf das hier genannte Mizpe nicht ohne weitere Belege mit einem bekannteren gleichnamigen Ort gleichgesetzt werden. Die Ortsliste macht die Ausdehnung des Stammesgebietes erkennbar, erlaubt aber keine vollständig gesicherte Rekonstruktion sämtlicher Siedlungsplätze.
Unter diesen Städten besitzt Lachisch eine besonders wichtige Stellung. Bereits in Josua 10,31–32 wird berichtet, dass Josua mit Israel gegen Lachisch zog und die Stadt nach zweitägigem Kampf einnahm. Auch der König von Geser versuchte damals, Lachisch zu unterstützen, wurde jedoch von Josua besiegt (Josua 10,33). Die erneute Nennung der Stadt in Josua 15 zeigt, dass sie nun innerhalb der Landverteilung ausdrücklich dem Stammesgebiet Judas zugeordnet wird. In der späteren Königszeit entwickelte sich Lachisch zu einer bedeutenden befestigten Stadt. Besonders zur Zeit Hiskias spielte sie während des assyrischen Feldzuges eine wichtige Rolle (2. Könige 18,13–17). Damit lässt sich die Bedeutung einer Stadt über verschiedene Epochen hinweg verfolgen, ohne anzunehmen, ihre politischen oder militärischen Verhältnisse seien zu allen Zeiten unverändert gewesen.
Auch Eglon und Makkeda gehören zu den Städten, die bereits in den früheren Eroberungsberichten eine Rolle spielten. Nach Josua 10,3 beteiligte sich der König von Eglon an dem Bündnis mehrerer kanaanitischer Könige gegen Gibeon. Später wurde er zusammen mit den anderen Königen gefangen genommen und getötet. Makkeda wird in Josua 10,16–28 als der Ort genannt, in dessen Umgebung sich die fünf besiegten Könige in einer Höhle verborgen hatten. Anschließend nahm Josua auch die Stadt selbst ein. Dass beide Städte nun im Erbteil Judas erscheinen, verdeutlicht den Zusammenhang zwischen den militärischen Feldzügen und der späteren Verteilung des Landes. Ein Sieg über einen kanaanitischen Herrscher, die Einnahme seiner Stadt und die dauerhafte Ansiedlung israelitischer Familien müssen dabei als unterschiedliche Vorgänge verstanden werden.
Die Erwähnung der zahlreichen Städte zeigt außerdem, dass die Schephela keine unbedeutende Randlandschaft Judas war. Ihre Täler verbanden verschiedene Siedlungsräume miteinander, während ihre Städte zum Schutz von Verkehrswegen und landwirtschaftlich nutzbaren Gebieten beitragen konnten. Welche einzelnen Orte zu einem bestimmten Zeitpunkt besonders stark befestigt waren, lässt sich allein aus der Liste nicht bestimmen. Aus der späteren Geschichte einiger Städte ergibt sich jedoch, dass diese Region eine erhebliche strategische Bedeutung besaß. Das erklärt auch, weshalb Israel und die Philister gerade hier wiederholt miteinander in Konflikt gerieten. Die Landverteilung beschrieb somit Gebiete, deren dauerhafte Sicherung für die Bewohner Judas eine wichtige Aufgabe blieb.
In den Versen 42–44 folgt eine dritte Gruppe mit neun Städten: Libna, Eter, Aschan, Jiftach, Aschna, Nezib, Keila, Achsib und Marescha. Die abschließende Zahl stimmt mit den neun genannten Ortsnamen überein. Auch hier begegnen Städte, die an anderen Stellen der Bibel erneut erwähnt werden. Libna wurde bereits während Josuas südlichem Feldzug eingenommen (Josua 10,29–30). Später erscheint die Stadt in der Liste der Ortschaften, die den Priestern als Wohnorte zugewiesen wurden (Josua 21,13). Dies zeigt, dass die Zugehörigkeit einer Stadt zum Stammesgebiet Judas ihre spätere besondere Verwendung innerhalb Israels nicht ausschloss. Wie bei Hebron konnten Städte eines Stammes zugleich in die Versorgung der Leviten einbezogen werden.
Die Städte Eter und Aschan erscheinen außerdem in Josua 19,7 innerhalb des Erbteils Simeons. Auch dies gehört zum größeren Zusammenhang der Landverteilung. Simeon erhielt später seinen Anteil innerhalb des Gebietes Judas, weil dessen ursprüngliches Erbteil für einen Stamm allein zu groß war (Josua 19,9). Solche Überschneidungen verdeutlichen, weshalb die Ortslisten nicht einfach als voneinander isolierte Verzeichnisse verstanden werden dürfen. Die Bücher Josua und Richter berichten von einer Entwicklung, in der Stammeszuweisungen, tatsächliche Besiedlung und spätere Machtverhältnisse miteinander verbunden waren. Eine doppelte Nennung beweist daher nicht automatisch einen Fehler. Sie kann unterschiedliche Stadien oder Ebenen der territorialen Ordnung widerspiegeln.
Besonders eindrücklich ist die spätere Geschichte Keilas. In 1. Samuel 23,1–5 wird berichtet, dass die Philister die Stadt angriffen und ihre Tennen plünderten. David erfuhr von dieser Bedrohung und befragte den HERRN, ob er gegen die Philister ziehen solle. Nachdem Gott ihm den Auftrag bestätigt hatte, führte David seine Männer nach Keila, besiegte die Angreifer und befreite die Bewohner. Die Erwähnung der Tennen zeigt, dass die Angriffe nicht nur die militärische Sicherheit betrafen, sondern auch die Ernte und damit die Versorgung der Bevölkerung. Die Geschichte verdeutlicht, wie eng Landwirtschaft und Schutz vor feindlichen Überfällen in dieser Region miteinander verbunden waren.
Der weitere Verlauf in 1. Samuel 23 zeigt allerdings auch, dass die Rettung einer Stadt nicht zwangsläufig dauerhafte persönliche Sicherheit für ihren Befreier bedeutete. Als Saul plante, David in Keila einzuschließen, befragte David erneut Gott. Nachdem er erfahren hatte, dass die Verantwortlichen der Stadt ihn an Saul ausliefern würden, verließ er mit seinen Männern den Ort. Die Stadt, die David zuvor gerettet hatte, konnte ihm selbst keinen sicheren Zufluchtsort bieten. Diese spätere Begebenheit gehört nicht unmittelbar zur Landverteilung in Josua 15, zeigt aber, welche geschichtliche Bedeutung einer zunächst nur namentlich genannten Stadt zukam.
Auch Marescha wird in späteren biblischen Berichten wieder aufgegriffen. In 2. Chronik 14,8–12 wird geschildert, wie der Kuschiter Serach mit einem großen Heer gegen Juda zog und bis Marescha vordrang. König Asa stellte sich dem Angriff entgegen und rief den HERRN um Hilfe an. Der folgende Bericht beschreibt einen Sieg Judas über das angreifende Heer. Marescha erscheint dadurch erneut als ein Ort innerhalb jener westlichen Landschaft, in der sich militärische Bedrohungen ausbreiten konnten. Die Verbindung zur späteren Geschichte unterstreicht, dass das Gebiet Judas über viele Generationen hinweg geschützt und verteidigt werden musste.
Die abschließende Bemerkung über die neun Städte und ihre Dörfer erinnert daran, dass die Verzeichnisse nicht nur einzelne befestigte Orte umfassen. Zu den Städten gehörten kleinere Ansiedlungen, landwirtschaftliche Flächen und die Menschen, die dort lebten. Gerade in der Schephela waren diese wirtschaftlichen Zusammenhänge von Bedeutung, weil die Landschaft sowohl für den Ackerbau als auch für den Verkehr zwischen Bergland und Küstenebene günstige Bedingungen bot. Die Ortslisten dokumentieren damit nicht nur, wem eine Stadt rechtlich zugeteilt wurde, sondern zeichnen zugleich die räumlichen Grundlagen für das künftige Leben der israelitischen Familien nach.
Mit den Versen 33–44 wird ein bedeutender Teil des Erbteils Judas beschrieben. Die drei Städtegruppen umfassen nach den ausdrücklich genannten Gesamtzahlen vierzehn, sechzehn und neun Städte, wobei die erste Gruppe eine erkennbare Zählungsabweichung aufweist. Viele Orte bleiben geografisch unsicher, andere lassen sich über spätere biblische Ereignisse genauer einordnen. Die Schephela erscheint als fruchtbare, verkehrsreiche und zugleich gefährdete Übergangslandschaft, deren Besitz für Juda von großer Bedeutung war. Der folgende Abschnitt führt diese Beschreibung noch weiter nach Westen und nennt mit Ekron, Asdod und Gaza Städte im Bereich der philistäischen Küstenebene. Gerade dort wird die Unterscheidung zwischen einem zugesprochenen Erbteil und der tatsächlichen dauerhaften Herrschaft besonders wichtig.
Josua 15,45–47
Die Küstenstädte Ekron, Asdod und Gaza: Zugesprochenes Land und noch ausstehende Besitznahme
Mit Vers 45 erreicht die Aufzählung der Städte Judas eine Region, die sich deutlich von den zuvor beschriebenen Gebieten der Schephela unterscheidet. Der Blick richtet sich nun auf die westliche Küstenebene und auf Städte, die in der späteren Geschichte Israels besonders eng mit den Philistern verbunden waren. Als erste wird Ekron genannt, zusammen mit seinen Tochterstädten und Dörfern. Anschließend beschreibt der Text das Gebiet westlich von Ekron in Richtung Asdod und führt schließlich Asdod und Gaza mit ihren umliegenden Siedlungen auf. Die Aufzählung reicht bis zum Bach Ägyptens und zum Mittelmeer. Damit wird der westliche und südwestliche Bereich des Judas zugesprochenen Landes näher bestimmt. Zugleich begegnet hier eine wichtige Frage, die für das Verständnis der gesamten Landverteilung entscheidend ist: Bedeutet die Aufnahme einer Stadt in das Erbteil eines israelitischen Stammes bereits, dass ihre Bewohner tatsächlich vertrieben wurden und Israel sie dauerhaft beherrschte?
Ekron lag in der westlichen Ebene, am Übergang zwischen dem Hügelland der Schephela und dem weiter westlich gelegenen Küstengebiet. Der Ort gehörte später zu den fünf bedeutenden philistäischen Städten, die in Josua 13,3 gemeinsam genannt werden: Gaza, Asdod, Askalon, Gat und Ekron. Jede dieser Städte besaß ein eigenes Herrschaftsgebiet mit umliegenden Ortschaften. Wenn Josua 15,45 von den Tochterstädten Ekrons spricht, ist damit kein verwandtschaftlicher Zusammenhang gemeint. Der Ausdruck bezeichnet kleinere Städte, die zu einem größeren städtischen Mittelpunkt gehörten oder von ihm abhängig waren. Die zusätzlich genannten Dörfer umfassen weitere kleinere Siedlungen. Dadurch wird deutlich, dass die Zuteilung nicht nur die eigentliche Stadt Ekron betraf, sondern auch das mit ihr verbundene Umland. Der Umfang dieses Gebietes lässt sich aus dem Vers allerdings nicht vollständig bestimmen.
Besonders bemerkenswert ist die Stellung Ekrons innerhalb der Landverteilung. Während die Stadt hier im Erbteil Judas erscheint, wird sie in Josua 19,43 auch unter den Städten genannt, die dem Stamm Dan zugeteilt wurden. Das entspricht anderen Überschneidungen zwischen den beiden Stammesgebieten im westlichen Hügelland. Die unterschiedlichen Angaben dürfen nicht vorschnell als zwei voneinander unabhängige, gleichzeitig vollständig verwirklichte Besitzansprüche verstanden werden. Die spätere Zuteilung an Dan steht im Zusammenhang mit der weiteren Aufteilung des Landes. Zugleich berichtet Richter 1,34, dass die Amoriter die Daniter ins Gebirge zurückdrängten und ihnen den Zugang zur Ebene verwehrten. Die tatsächliche Ansiedlung Dans blieb also mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Eine genaue zeitliche Abfolge sämtlicher Besitzveränderungen um Ekron wird nicht überliefert.
Vers 46 führt die Beschreibung von Ekron westwärts und nennt die Ortschaften in der Umgebung Asdods. Die Formulierung zeigt, dass zwischen den größeren städtischen Mittelpunkten weitere Siedlungen lagen, die zum beschriebenen Gebiet gehörten. Nicht jede einzelne Stadt wird namentlich aufgezählt. Anders als bei den vorhergehenden Gruppen der Schephela erscheint auch keine abschließende Gesamtzahl. Stattdessen beschreibt der Text einen zusammenhängenden Landschaftsraum anhand seiner bedeutenden Städte und der zugehörigen kleineren Orte. Damit unterscheidet sich diese Gruppe in ihrer Darstellungsweise von den vorhergehenden Verzeichnissen. Der genaue Verlauf sämtlicher Grenzen zwischen den einzelnen Stadtgebieten bleibt offen. Für die Landverteilung ist zunächst entscheidend, dass auch dieser westliche Bereich zum vorgesehenen Erbteil Judas gerechnet wird.
Asdod war eine bedeutende Stadt der südlichen Küstenebene. In der späteren Geschichte Israels wird sie besonders durch die Ereignisse um die Bundeslade bekannt. Nachdem die Philister die Lade im Kampf erbeutet hatten, brachten sie diese nach Asdod und stellten sie im Tempel ihres Gottes Dagon auf (1. Samuel 5,1–2). Der anschließende Bericht beschreibt, wie das Standbild Dagons vor der Bundeslade zu Boden fiel und die Stadt von schwerem Unheil getroffen wurde. Die Philister brachten die Lade daraufhin nach Gat und später nach Ekron. Die Verbindung dieser Städte innerhalb derselben Erzählung zeigt, dass sie in der späteren philistäischen Geschichte eng miteinander verbunden waren. Für Josua 15 bedeutet das jedoch nicht, dass sämtliche Einzelheiten ihrer späteren religiösen und politischen Ordnung bereits für die Zeit der Landverteilung vorausgesetzt werden dürfen. Der Vers nennt Asdod zunächst als geografischen Bestandteil des zugewiesenen Gebietes.
Mit Gaza erscheint in Vers 47 eine weitere bedeutende Stadt. Sie lag südlicher als Asdod und bildete einen wichtigen Mittelpunkt in der südlichen Küstenebene. Ihre Lage an den Verkehrswegen zwischen Ägypten und dem nördlicheren Küstenland verlieh der Region eine besondere Bedeutung. In der späteren Geschichte begegnet Gaza mehrfach im Zusammenhang mit den Philistern. Besonders im Richterbuch spielt die Stadt eine Rolle im Leben Simsons. Richter 16,1–3 berichtet von seinem Aufenthalt in Gaza und davon, wie er die Tore der Stadt forttrug. Später wurde Simson nach seiner Gefangennahme nach Gaza gebracht, wo er im Gefängnis arbeiten musste (Richter 16,21). Die Erzählung endet mit seinem Tod beim Einsturz des Hauses, in dem sich zahlreiche Philister versammelt hatten. Diese späteren Ereignisse machen deutlich, dass Gaza noch lange nach Josuas Zeit unter philistäischem Einfluss stand.
Die drei genannten Städte gehörten somit zu einer Region, deren tatsächliche Beherrschung für Israel eine anhaltende Herausforderung blieb. Dabei fällt auf, dass von den fünf bekannten philistäischen Hauptstädten in Josua 15,45–47 ausdrücklich nur Ekron, Asdod und Gaza genannt werden. Askalon und Gat fehlen in dieser Gruppe. Daraus darf jedoch nicht ohne Weiteres geschlossen werden, dass die beiden Städte grundsätzlich außerhalb sämtlicher israelitischer Gebietsansprüche lagen. Josua 13,3 nennt alle fünf Städte unter den Gebieten, die noch nicht vollständig eingenommen waren. Die Ortsliste in Josua 15 verfolgt offenbar eine andere Auswahl und Darstellungsweise als die allgemeine Aufzählung der noch ausstehenden Landnahmegebiete. Warum gerade diese drei Städte hervorgehoben werden, erklärt der Text nicht ausdrücklich. Eine vollständige politische Landkarte aller philistäischen Herrschaftsgebiete lässt sich deshalb aus diesen Versen allein nicht gewinnen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient der Vergleich mit Richter 1,18–19. Nach dem masoretischen hebräischen Text eroberte Juda Gaza, Askalon und Ekron mit ihren Gebieten. Unmittelbar danach berichtet Vers 19 jedoch, dass Juda die Bewohner der Ebene nicht vertreiben konnte, weil sie über eiserne Streitwagen verfügten. Damit entsteht eine Spannung zwischen der Einnahme bestimmter Städte und der weiterhin bestehenden Macht ihrer Bewohner. Eine wichtige textkritische Besonderheit kommt hinzu: Die griechische Septuaginta überliefert Richter 1,18 in einer abweichenden Form, nach der Juda diese Städte nicht einnehmen konnte. Die Textüberlieferungen unterscheiden sich hier also tatsächlich. Für eine Auslegung auf Grundlage der Schlachter 1951 bleibt der hebräische Wortlaut maßgeblich, während die griechische Abweichung bei einer gründlichen Untersuchung berücksichtigt werden muss.
Eine mögliche Erklärung der hebräischen Darstellung besteht darin, dass Juda einzelne Städte militärisch einnehmen konnte, ohne die gesamte umliegende Ebene dauerhaft zu kontrollieren. Ebenso ist denkbar, dass zeitweilige Erfolge später wieder verloren gingen. Der Bibeltext beschreibt jedoch nicht die vollständige Abfolge solcher Veränderungen. Deshalb sollte weder eine wiederholte Rückeroberung als gesichertes Ereignis behauptet noch die Schwierigkeit zwischen den Berichten verschwiegen werden. Zudem nennt Richter 1,19 die Streitwagen ausdrücklich als militärisches Hindernis, erklärt aber nicht, dass jeder einzelne Misserfolg Judas ausschließlich auf persönlichen Unglauben zurückzuführen gewesen sei. Andere biblische Berichte zeigen zwar, dass Streitwagen für Gott kein unüberwindbares Hindernis darstellten (Josua 17,16–18; Richter 4,13–16). Daraus folgt jedoch nicht, dass der Erzähler in Richter 1,19 sämtliche Ursachen des Scheiterns bereits vollständig benannt hätte.
Auch das Ende von Vers 47 besitzt geografische Bedeutung. Die Aufzählung reicht bis zum Bach Ägyptens und zum großen Meer, also dem Mittelmeer, mit seiner Küste. Damit wird der südwestliche Rand des Gebietes erneut mit den Grenzangaben vom Anfang des Kapitels verbunden. Josua 15,4 hatte den Bach Ägyptens bereits als Teil der Südgrenze genannt, während Vers 12 das Mittelmeer als Westgrenze bezeichnete. Die erneute Erwähnung in Vers 47 zeigt, dass die hier genannten Küstenstädte innerhalb dieses vorgesehenen Grenzrahmens betrachtet werden. Auch an dieser Stelle bezeichnet der hebräische Ausdruck für den Bach Ägyptens ein Bach- beziehungsweise Wadi-Tal. Er darf nicht ohne weitere Begründung mit dem anders bezeichneten Strom Ägyptens in 1. Mose 15,18 gleichgesetzt werden. Die genaue historische Grenzführung bleibt in Einzelheiten Gegenstand geografischer Forschung.
Für das Verständnis der Landverteilung ist schließlich der Unterschied zwischen Gottes Zusage und ihrer geschichtlichen Umsetzung wesentlich. Bereits Josua 13,1–7 hatte Gott Josua erklärt, dass noch viel Land einzunehmen sei. Trotzdem sollte er dieses Land den Stämmen als Erbteil zuteilen. Die Zuteilung war damit nicht ausschließlich eine Bestandsaufnahme bereits vollständig eroberter Gebiete. Sie bestimmte zugleich, welche Landesteile den jeweiligen Stämmen zugesprochen wurden, auch wenn ihre tatsächliche Besitznahme noch nicht überall abgeschlossen war. Dieser Zusammenhang hilft, die Erwähnung der Küstenstädte in Josua 15 richtig einzuordnen. Ihre Zugehörigkeit zum vorgesehenen Erbteil Judas darf nicht als Beweis ausgegeben werden, dass dort bereits eine dauerhafte israelitische Herrschaft bestand.
Die Verse 45–47 erweitern somit das Bild des Stammesgebietes Juda bis in die Küstenebene. Während die früheren Städtegruppen vor allem Orte im Landesinneren beschrieben, treten nun städtische Mittelpunkte hervor, deren Bewohner in der späteren Geschichte Israels eine bedeutende Rolle spielen sollten. Die Aufzählung macht deutlich, wie weitreichend das zugesprochene Erbteil war, ohne sämtliche Schwierigkeiten seiner tatsächlichen Einnahme zu verschweigen. Der Bericht unterscheidet dadurch zwischen der rechtmäßigen Landzuteilung, einzelnen militärischen Erfolgen und einer dauerhaften Kontrolle über die zugewiesenen Gebiete. Nach der Beschreibung der Küstenstädte wendet sich das Kapitel wieder dem Landesinneren zu und nennt die Städte des judäischen Berglandes, darunter erneut Debir und Hebron.
Josua 15,48–54
Die Städte des judäischen Berglandes und die besondere Stellung Hebrons
Nach der Beschreibung der westlichen Küstenstädte richtet sich der Blick in Vers 48 wieder auf das Landesinnere. Nun werden die Städte des judäischen Berglandes aufgezählt, das sich durch weite Teile des südlichen und mittleren Stammesgebietes erstreckt. Anders als die flachere Küstenebene ist diese Landschaft von Bergen, Höhenzügen und tief eingeschnittenen Tälern geprägt. Die natürlichen Bedingungen beeinflussten sowohl die Lage der Siedlungen als auch die Möglichkeiten ihrer landwirtschaftlichen Nutzung. Besonders auf den Berghängen und in den Tälern konnten Felder, Weinberge und Olivenhaine angelegt werden. Gleichzeitig waren die Verkehrswege durch das Gebirge schwieriger als in der Ebene. Viele Siedlungen lagen deshalb auf erhöhten Plätzen, die Schutz boten und von denen aus sich die umliegende Landschaft überblicken ließ.
Die Verse 48–51 enthalten die erste Gruppe von elf Städten: Samir, Jatthir, Socho, Danna, Kirjat-Sanna, Anab, Esthemo, Anim, Gosen, Holon und Gilo. Der Text zählt diese Orte ausdrücklich als zusammengehörige Gruppe auf und erwähnt anschließend ihre Dörfer. Damit wird erneut zwischen den größeren Städten und den kleineren Ansiedlungen unterschieden, die zu ihnen gehörten. Einige Orte sind aus anderen biblischen Berichten bekannt, während sich die Lage anderer Städte heute nicht mehr mit ausreichender Sicherheit bestimmen lässt. Auch die genaue Anordnung der Städte innerhalb dieser Gruppe ist nicht vollständig rekonstruierbar. Die Liste dokumentiert ihre Zugehörigkeit zum Erbteil Judas, ohne für jeden Ort eine eigene Geschichte oder genaue geografische Beschreibung zu liefern.
Bei Socho ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Bereits Josua 15,35 nennt eine Stadt dieses Namens innerhalb der Schephela, während Vers 48 Socho im judäischen Bergland aufführt. Es handelt sich um zwei unterschiedlich eingeordnete Ortsangaben, die nicht ohne Weiteres gleichgesetzt werden dürfen. Gleiche Ortsnamen konnten in verschiedenen Landschaften vorkommen, und ihre Wiederholung bedeutet nicht automatisch, dass dieselbe Stadt mehrfach aufgeführt wurde. Besonders bei geografischen Untersuchungen ist deshalb der jeweilige Zusammenhang entscheidend. Das in der Geschichte Davids und Goliats erwähnte Socho liegt im Bereich der Schephela (1. Samuel 17,1). Diese bekannte Begebenheit darf folglich nicht einfach auf die hier genannte Gebirgsstadt übertragen werden.
Jatthir ist ein weiterer Ort, der in der späteren Geschichte Israels Bedeutung erhält. In Josua 21,14 wird die Stadt den Nachkommen Aarons aus dem Stamm Levi als Wohnort zugewiesen. Zusammen mit anderen Städten Judas sollte sie den Priestern und ihren Familien einen dauerhaften Lebensraum bieten. Diese spätere Bestimmung bedeutet nicht, dass Jatthir außerhalb des Stammesgebietes Judas gelegen hätte. Vielmehr erhielten die Leviten Städte innerhalb der Gebiete anderer Stämme, weil ihnen kein zusammenhängendes eigenes Stammesland zugeteilt worden war. Die Stadt blieb geografisch ein Bestandteil Judas, erfüllte aber zusätzlich eine besondere Aufgabe innerhalb der religiösen Ordnung Israels.
Auch in der Geschichte Davids begegnet Jatthir erneut. Nach dem Sieg über die Amalekiter schickte David Teile der zurückgewonnenen Beute an Älteste verschiedener Städte Judas, darunter auch Jatthir (1. Samuel 30,26–27). Diese Handlung zeigt, dass zwischen David und den Bewohnern der genannten Städte Beziehungen bestanden. Der Text beschreibt die Gaben als Anteil an der Beute von den Feinden des HERRN. Welche persönlichen Begegnungen oder längerfristigen Verbindungen David zu den einzelnen Ältesten unterhielt, wird nicht vollständig berichtet. Dennoch wird deutlich, dass Jatthir auch lange nach der ursprünglichen Landverteilung Teil der judäischen Gemeinschaft blieb.
Besondere Aufmerksamkeit verdient Kirjat-Sanna in Vers 49. Der Text erklärt ausdrücklich, dass es sich um Debir handelt. Bereits in Josua 15,15 war dieselbe Stadt unter ihrem früheren Namen Kirjat-Sepher erwähnt worden. Damit begegnen innerhalb weniger Verse drei Bezeichnungen für denselben Ort: Debir, Kirjat-Sepher und Kirjat-Sanna. Die verschiedenen Namen sind für das Verständnis der Erzählung wichtig, weil sonst der Eindruck entstehen könnte, es handle sich um mehrere unterschiedliche Städte. Der Text selbst stellt die Verbindung ausdrücklich her. Die sprachliche Herkunft der beiden älteren Namen ist allerdings nicht vollständig geklärt. Kirjat-Sepher wird häufig als „Stadt des Buches“ verstanden, während für Kirjat-Sanna andere Deutungen vorgeschlagen wurden. Aus diesen Namen lässt sich jedoch nicht sicher ableiten, dass Debir eine besondere Bibliothek, eine Schreiberschule oder ein bedeutendes religiöses Archiv besaß.
Die Erwähnung Debirs stellt zugleich eine Verbindung zur unmittelbar vorausgehenden Geschichte Kalebs und Otniels her. Nach Josua 15,16–17 hatte Kaleb versprochen, seine Tochter Achsa demjenigen zur Frau zu geben, der Kirjat-Sepher einnehmen würde. Otniel erfüllte diese Aufgabe und erhielt Achsa zur Frau. Dass Debir nun innerhalb der regulären Städtegruppe Judas erscheint, zeigt den Übergang von der Erzählung über eine einzelne Eroberung zur geografischen Einordnung der Stadt in das Stammesgebiet. Die militärische Handlung und die spätere Zugehörigkeit zum Erbteil werden dadurch miteinander verbunden. Gleichzeitig bleibt die bereits bestehende Frage nach der genauen zeitlichen Einordnung gegenüber Josua 10,38–39 offen. Der frühere Bericht nennt Debir bereits unter den Städten, die Josua während des südlichen Feldzuges einnahm. Ob verschiedene Eroberungsphasen, die anschließende Sicherung des Gebietes oder unterschiedliche erzählerische Perspektiven vorliegen, lässt sich nicht abschließend bestimmen.
In Vers 50 wird Anab genannt. Dieser Ort verdient besondere Beachtung, weil er bereits in Josua 11,21 im Zusammenhang mit den Enakitern erscheint. Dort berichtet das Buch, dass Josua gegen die Enakiter im Gebirge vorging und sie unter anderem aus Hebron, Debir und Anab sowie aus dem übrigen Gebirge Judas vertrieb. Die erneute Erwähnung Anabs innerhalb der Städtegruppe Judas verbindet die großen Eroberungsberichte mit der späteren Landverteilung. Ein Ort, der zunächst im Zusammenhang mit den gefürchteten Enakitern genannt wurde, erscheint nun als Bestandteil des israelitischen Erbteils. Damit wird eine weitere geografische Verbindung zwischen der früheren Bedrohung durch die Enakiter und der Verwirklichung der Landverheißung sichtbar.
Allerdings muss auch hier der Unterschied zwischen den verschiedenen Aussagen berücksichtigt werden. Josua 11 schildert die Bekämpfung der Enakiter in bestimmten Gebirgsregionen. Josua 15 führt Anab anschließend unter den Städten Judas auf. Daraus folgt nicht automatisch, dass jeder einzelne Bewohner Anabs unmittelbar nach dem Feldzug vertrieben wurde oder dass die Stadt seitdem ununterbrochen unter israelitischer Herrschaft stand. Die Eroberungsberichte enthalten zusammenfassende Aussagen über militärische Erfolge, während die Ortslisten die Zugehörigkeit zum vorgesehenen Stammesgebiet beschreiben. Beide Darstellungsweisen ergänzen sich, beantworten aber nicht sämtliche Fragen zur tatsächlichen Besiedlung.
Neben Anab werden Esthemo und Anim aufgeführt. Besonders Esthemo erscheint später erneut in Josua 21,14, wo die Stadt zusammen mit Jatthir den Priestern als Wohnort zugewiesen wird. In 1. Samuel 30,28 gehört Esthemo außerdem zu den Städten, an deren Älteste David nach seinem Sieg über die Amalekiter Geschenke sendet. Wie bei Jatthir lässt sich damit erkennen, dass eine Stadt über verschiedene Zeitabschnitte hinweg unterschiedliche Aufgaben innerhalb Israels erfüllen konnte. Sie gehörte zunächst zu dem Gebiet, das Juda als Erbteil erhielt, wurde später zur Versorgung der Priester herangezogen und erscheint schließlich im Zusammenhang mit Davids Beziehungen zu den Bewohnern Judas.
Vers 51 schließt die erste Gebirgsgruppe mit Gosen, Holon und Gilo ab. Der Name Gosen könnte zunächst an die Landschaft in Ägypten erinnern, in der die Familie Jakobs zur Zeit Josephs lebte (1. Mose 45,10; 47,1–6). Hier handelt es sich jedoch um einen Ort im judäischen Bergland. Die Namensgleichheit erlaubt keine geografische Gleichsetzung mit dem ägyptischen Gosen. Auch Josua 11,16 und 11,21 erwähnen ein Gebiet namens Gosen im Zusammenhang mit den Eroberungen im südlichen Kanaan. Ein Zusammenhang mit der hier aufgeführten Stadt ist möglich, doch aus der gemeinsamen Bezeichnung allein lässt sich nicht bestimmen, ob in allen Fällen exakt derselbe geografische Bereich gemeint ist.
Holon gehört ebenfalls zu den Städten, die später den Priestern zugewiesen werden (Josua 21,15). Die Stadt erscheint damit zusammen mit Jatthir, Esthemo und Debir in der Liste der levitischen Wohnorte. Diese wiederholte Verbindung ist bemerkenswert, weil mehrere der in Josua 15,48–51 genannten Städte später ausdrücklich in die Versorgung der Priester einbezogen wurden. Die ursprüngliche Landverteilung stellte also auch die räumliche Grundlage für weitere Anordnungen bereit, die das Leben des gesamten Volkes betrafen. Bei der späteren Zuteilung werden außerdem die zugehörigen Weideflächen genannt. Das zeigt, dass die Versorgung der Leviten nicht allein aus Wohngebäuden innerhalb einer Stadt bestehen sollte, sondern auch Flächen für die Haltung ihres Viehs umfasste.
Gilo erhält seine besondere Bedeutung durch eine spätere Begebenheit in der Geschichte Davids. Nach 2. Samuel 15,12 stammte Ahitophel, einer der Ratgeber Davids, aus Gilo. Während Absaloms Aufstand ließ Absalom ihn aus seiner Heimatstadt holen und gewann ihn für seine Verschwörung gegen seinen Vater. Ahitophel gehörte damit zu den Männern, deren politische Entscheidungen die Ereignisse während des Aufstandes beeinflussten. Diese spätere Geschichte sagt nichts über die ursprüngliche Landverteilung Gilos aus, zeigt aber, dass die in Josua 15 genannten Städte auch in späteren Generationen mit bedeutenden Personen und Ereignissen verbunden waren.
Mit der abschließenden Zahl von elf Städten bestätigt Vers 51 die erste Gruppe der Gebirgsorte. Anders als bei den bereits untersuchten Verzeichnissen des Südlandes und der Schephela stimmt die angegebene Zahl hier mit den elf aufgeführten Ortsnamen überein. Die zusätzlich erwähnten Dörfer werden nicht einzeln gezählt. Auch diese Beobachtung ist wichtig, weil die Ortslisten des Josuabuches unterschiedliche Genauigkeitsstufen aufweisen. Manchmal entstehen Schwierigkeiten bei den überlieferten Gesamtzahlen, während andere Gruppen ohne erkennbare Zählungsabweichung überliefert sind. Die einzelnen Verzeichnisse sollten deshalb jeweils für sich geprüft werden, anstatt eine Erklärung für eine abweichende Zahl ungeprüft auf sämtliche Listen zu übertragen.
Mit Vers 52 beginnt eine zweite Gruppe von Gebirgsstädten. Genannt werden zunächst Arab, Duma und Esean. Vers 53 setzt die Aufzählung mit Janum, Beth-Tappuach und Apheka fort. Viele dieser Orte lassen sich heute nicht zweifelsfrei identifizieren. Das betrifft besonders solche Städte, die außerhalb dieses Verzeichnisses nur selten oder gar nicht erwähnt werden. Die erhaltenen Namen belegen ihre Aufnahme in die Landverteilung, liefern aber nicht automatisch ausreichende Informationen über ihre genaue Lage, die Größe ihrer Bevölkerung oder ihre wirtschaftliche Bedeutung.
Bei einzelnen Namen bestehen außerdem Unterschiede innerhalb der Textüberlieferung. So begegnen für Duma und Janum abweichende Schreib- beziehungsweise Lesarten. Für Duma ist unter anderem die Form Ruma bezeugt. Solche Unterschiede können durch die Überlieferung alter Ortsnamen entstanden sein, deren Aussprache und Schreibweise nicht überall einheitlich erhalten blieben. Aus einer abweichenden Namensform darf jedoch nicht ohne zusätzliche Belege geschlossen werden, dass ein völlig anderer Ort gemeint sei. Ebenso wenig ist es gerechtfertigt, jeden ähnlich klingenden Namen automatisch mit einer aus anderen Bibelstellen bekannten Stadt gleichzusetzen. Für die Veröffentlichung ist entscheidend, die überlieferte Bezeichnung der verwendeten Bibelübersetzung beizubehalten und bedeutsame Unsicherheiten nur dort zu erläutern, wo sie das Verständnis tatsächlich beeinflussen.
Beth-Tappuach verdient aufgrund seiner geografischen Einordnung besondere Aufmerksamkeit. Der hebräische Name bedeutet sinngemäß „Haus des Tappuach“, wobei tappuach gewöhnlich mit einer Frucht beziehungsweise einem Fruchtbaum in Verbindung gebracht wird. Daraus allein lässt sich jedoch nicht sicher bestimmen, welche Pflanzen dort angebaut wurden oder welche natürliche Besonderheit ursprünglich zur Namensgebung führte. Auch an anderen Stellen der Bibel begegnen Orte mit dem Namen Tappuach, unter anderem im Gebiet Ephraims (Josua 16,8; 17,8). Die Namen müssen nach ihrem jeweiligen geografischen Zusammenhang unterschieden werden. Das hier genannte Beth-Tappuach gehört zur Gebirgsgruppe Judas und darf nicht ohne Weiteres mit dem weiter nördlich gelegenen Tappuach gleichgesetzt werden.
Vers 54 nennt schließlich Humta, Kirjat-Arba und Zior. Kirjat-Arba wird ausdrücklich mit Hebron gleichgesetzt. Damit kehrt die Ortsliste zu einer Stadt zurück, die bereits in der Geschichte Kalebs eine zentrale Bedeutung hatte. Josua 14 berichtete von der Verheißung, durch die Kaleb dieses Gebiet erhielt. Josua 15,13–14 schilderte anschließend die Vertreibung der Enakiter aus Hebron. Nun erscheint die Stadt erneut innerhalb des allgemeinen Verzeichnisses des judäischen Berglandes. Diese mehrfache Erwähnung besitzt unterschiedliche Funktionen: Zuerst geht es um das besondere Erbteil Kalebs, dann um die Einnahme des Gebietes und schließlich um die geografische Einordnung der Stadt innerhalb Judas.
Hebron war außerdem bereits aus der Geschichte der Erzväter bekannt. Abraham hatte in der Umgebung der Stadt gelebt und dort die Höhle Machpela als Begräbnisstätte erworben (1. Mose 23). Auch Jakob wurde nach seinem Tod dorthin gebracht und im Familiengrab bestattet (1. Mose 49,29–33; 50,12–13). Dadurch verbindet sich mit Hebron eine lange Geschichte, die weit vor der Zeit Josuas beginnt. Die Landzuteilung an Kaleb steht somit innerhalb eines größeren Zusammenhangs: Die Stadt gehört zu einer Region, in der Abraham einst als Fremder gelebt hatte und die nun unter die Nachkommen Israels verteilt wird. Daraus folgt allerdings nicht, dass Abraham bereits die gesamte Stadt besessen hätte. Sein ausdrücklich überlieferter Kauf betraf ein bestimmtes Feld und die dortige Begräbnisstätte.
Eine weitere Entwicklung der Stadt wird erst in Josua 20–21 beschrieben. Hebron wird dort als Zufluchtsstadt bestimmt und den Nachkommen Aarons als Wohnort zugewiesen. Zugleich bestätigt Josua 21,12 ausdrücklich, dass die Felder und Dörfer der Stadt Kaleb als persönliches Erbteil verblieben. Diese Unterscheidung verhindert ein mögliches Missverständnis: Die spätere Nutzung Hebrons durch die Priester widerspricht nicht der früheren Zuteilung an Kaleb. Das Josuabuch beschreibt unterschiedliche Rechte und Aufgaben innerhalb desselben Gebietes. Die Stadt konnte eine besondere Funktion für die Gemeinschaft Israels erhalten, während Kalebs zugesprochener Besitz in ihrer Umgebung bestehen blieb.
Auch in der späteren Geschichte Davids nimmt Hebron eine herausragende Stellung ein. Nach dem Tod Sauls ließ David sich auf Gottes Anweisung in Hebron nieder, wo ihn zunächst die Männer Judas zum König salbten (2. Samuel 2,1–4). Anschließend regierte er dort siebeneinhalb Jahre über Juda, bevor er zum König über ganz Israel eingesetzt wurde und Jerusalem zu seiner Hauptstadt machte (2. Samuel 5,1–5). Hebron wurde damit nicht nur zum Erbteil Kalebs und zu einer priesterlichen Zufluchtsstadt, sondern später auch zum ersten Regierungssitz Davids. Diese verschiedenen geschichtlichen Abschnitte dürfen nicht miteinander vermischt werden. Sie zeigen jedoch, wie ein bereits bei der Landverteilung bedeutender Ort im Verlauf der biblischen Geschichte weitere Aufgaben erhielt.
Mit Zior endet die zweite Städtegruppe. Vers 54 nennt insgesamt neun Städte mit ihren Dörfern, was der Zahl der aufgeführten Ortsnamen entspricht. Im Unterschied zu den ausführlicher bekannten Städten Hebron und Debir lässt sich über Zior nur wenig mit Sicherheit sagen. Der Ort gehört zur beschriebenen Gebirgsregion, doch seine genaue Lage und spätere Geschichte bleiben weitgehend unbekannt. Gerade solche weniger bekannten Namen zeigen eine Grenze der historischen Auslegung. Nicht jede überlieferte Ortsangabe lässt sich durch zusätzliche Ereignisse, sprachliche Vermutungen oder archäologische Rekonstruktionen sinnvoll erweitern. Wo der Bibeltext lediglich die Zugehörigkeit einer Stadt festhält, sollte diese Aussage nicht durch unbelegte Einzelheiten ausgeschmückt werden.
Die Verse 48–54 beschreiben somit zwei Gruppen von insgesamt zwanzig Städten im judäischen Bergland, zu denen weitere kleinere Siedlungen gehörten. Einige dieser Orte werden später zu Priesterstädten, andere begegnen erneut in den Geschichten Davids, während zahlreiche Namen außerhalb der Landverteilung kaum noch erwähnt werden. Besonders Hebron und Debir verbinden die geografische Aufzählung mit den zuvor geschilderten Ereignissen um Kaleb und Otniel. Dadurch wird verständlich, dass die Landverteilung mehr war als eine abstrakte Grenzfestlegung: Die zuvor eroberten oder zugesprochenen Orte wurden nun in eine dauerhafte Stammesordnung eingeordnet, innerhalb derer Familien leben und die Gemeinschaft Israels ihre Aufgaben erfüllen sollte.
Zugleich erinnert die Aufzählung daran, dass Gottes Verheißung an Israel nicht nur einzelne herausragende Menschen betraf. Kalebs Treue und die Einnahme Debirs waren wichtige Ereignisse, doch das zugesagte Land sollte schließlich Lebensraum für zahlreiche Familien und nachfolgende Generationen werden. Die größeren Städte und ihre umliegenden Dörfer gehörten gemeinsam zu diesem Erbteil. So verbindet der Text die persönlichen Geschichten einzelner Menschen mit der umfassenderen Entwicklung des Volkes. Die folgenden Verse setzen die Aufzählung der Gebirgsstädte fort und führen zu weiteren Orten, die später in der Geschichte Judas und Davids Bedeutung gewinnen sollten.
Josua 15,55–60
Weitere Gebirgsstädte und Bethlehem in der griechischen Textüberlieferung
Die Aufzählung der Städte im judäischen Bergland wird in Vers 55 mit einer weiteren Gruppe fortgesetzt. Genannt werden Maon, Karmel, Siph und Jutta. Anschließend folgen Jesreel, Jokdeam, Sanoach, Kain, Gibea und Timna. Vers 57 schließt diese Gruppe mit der Angabe ab, dass es sich um zehn Städte mit ihren Dörfern handelt. Die Zahl stimmt mit den zehn aufgeführten Ortsnamen überein. Wie schon bei den vorhergehenden Verzeichnissen werden die zugehörigen kleineren Siedlungen nicht einzeln genannt, obwohl sie zum Erbteil der jeweiligen Städte gehörten.
Besonders Maon, Karmel und Siph sind für das Verständnis der späteren Geschichte Davids von Bedeutung. Diese Orte lagen im südlichen judäischen Bergland, wo die Landschaft zunehmend in trockenere Gebiete übergeht. Die Region war für die Viehhaltung geeignet, erforderte aber einen sorgfältigen Umgang mit den verfügbaren natürlichen Ressourcen. Neben bewohnten Ortschaften gab es abgelegenere Gebiete, Täler und schwer zugängliche Höhen. Diese Bedingungen spielen in den Berichten über Davids Flucht vor Saul eine wichtige Rolle. Die Ortsnamen in Josua 15 ermöglichen es, die späteren Ereignisse innerhalb eines bereits beschriebenen Stammesgebietes einzuordnen.
Maon begegnet besonders in 1. Samuel 25. Dort wird ein wohlhabender Mann namens Nabal vorgestellt, dessen Besitz mit Maon und dessen Schafschur mit Karmel verbunden war. Nabal besaß zahlreiche Schafe und Ziegen. Diese Angaben zeigen, dass die Viehhaltung in der Region wirtschaftlich bedeutend sein konnte. David und seine Männer hatten sich zuvor in der Umgebung aufgehalten und die Hirten Nabals nicht angegriffen. Als David während der Schafschur um Unterstützung bitten ließ, verweigerte Nabal sie ihm auf beleidigende Weise. Daraus entwickelte sich eine gefährliche Auseinandersetzung, die durch das entschlossene Eingreifen von Nabals Frau Abigail verhindert wurde. Die Geschichte verdeutlicht, dass die Bewohner dieser Gegend nicht nur mit den Schwierigkeiten der Landschaft, sondern auch mit Fragen der Sicherheit, Versorgung und gegenseitigen Verantwortung umgehen mussten.
Karmel darf in diesem Zusammenhang nicht mit dem bekannten Karmelgebirge im Norden Israels verwechselt werden. Das nördliche Gebirge erscheint später besonders in der Geschichte des Propheten Elia, der dort den Propheten Baals gegenübertrat (1. Könige 18,19–40). Der in Josua 15,55 genannte Ort Karmel liegt dagegen im Stammesgebiet Judas. Die Namensgleichheit bezeichnet also nicht denselben geografischen Ort. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sonst Ereignisse aus weit voneinander entfernten Regionen miteinander vermischt werden könnten. Das Karmel der Geschichte Nabals gehört zur Umgebung des südlichen judäischen Berglandes und steht in einem anderen Zusammenhang als Elias Auseinandersetzung auf dem nördlichen Karmelgebirge.
Auch die Wüste Maon spielt während Davids Flucht eine Rolle. In 1. Samuel 23,24–28 wird berichtet, dass Saul David und seine Männer in dieser Gegend verfolgte. Die Situation wurde so bedrohlich, dass David beinahe eingeschlossen worden wäre. Während Saul sich mit seinen Männern näherte, erreichte ihn jedoch die Nachricht von einem Angriff der Philister. Daraufhin musste er die Verfolgung abbrechen. Die Erzählung schildert damit eine überraschende Wendung, durch die David der unmittelbaren Gefahr entkam. Für die geografische Einordnung ist bedeutsam, dass Maon nicht nur eine Stadt bezeichnete, sondern auch einer umliegenden Landschaft ihren Namen gab. Das bergige und stellenweise schwer zugängliche Gelände bot David Möglichkeiten, sich vor seinen Verfolgern zurückzuziehen.
Siph begegnet ebenfalls in den Berichten über Davids Flucht. Nach 1. Samuel 23,14 hielt David sich in festen Plätzen der Wüste und im Gebirge der Wüste Siph auf. Die Siphiter informierten Saul über seinen Aufenthaltsort und boten an, David auszuliefern (1. Samuel 23,19–20). Später wiederholte sich eine ähnliche Situation, als die Siphiter Saul erneut berichteten, wo David sich aufhielt (1. Samuel 26,1–2). Die Verbindung zwischen dem Ort Siph und der umgebenden Wüstenlandschaft erklärt, weshalb David in dieser Region sowohl Zuflucht finden als auch von seinen Gegnern aufgespürt werden konnte. Die biblischen Berichte zeigen zugleich, dass nicht alle Bewohner Judas während seiner Flucht auf Davids Seite standen.
Bei der Identifizierung S iphs ist allerdings Vorsicht erforderlich. Bereits Josua 15,24 nennt einen Ort dieses Namens im äußersten Süden des Stammesgebietes, während Vers 55 Siph innerhalb der Gebirgsstädte aufführt. Die unterschiedliche geografische Einordnung spricht dafür, dass nicht jede Erwähnung des Namens automatisch denselben Ort bezeichnet. Für die Geschichte Davids ist besonders das Siph im südlichen Bergland von Bedeutung. Die biblischen Angaben erlauben eine allgemeine geografische Zuordnung, aber keine vollständige Rekonstruktion sämtlicher Wege, auf denen David und Saul während ihrer wiederholten Begegnungen zogen.
Jutta, die vierte Stadt in Vers 55, wird später bei der Verteilung der Levitenstädte erneut erwähnt. Josua 21,16 nennt sie unter den Städten, die den Nachkommen Aarons zugewiesen wurden. Zusammen mit ihrem Weideland sollte sie zur Versorgung der Priesterfamilien beitragen. Damit wird sichtbar, dass auch die im südlichen Gebirge gelegenen Städte in die religiöse Ordnung Israels einbezogen wurden. Die Priester lebten nicht ausschließlich an einem einzigen zentralen Ort, sondern erhielten Wohnstädte in verschiedenen Stammesgebieten. Über die besondere Geschichte Juttas während der Zeit Josuas berichtet der Text dagegen nichts Weiteres.
Vers 56 führt die Städtegruppe mit Jesreel, Jokdeam und Sanoach fort. Besonders Jesreel erfordert eine sorgfältige geografische Unterscheidung. Im Norden Israels gab es ebenfalls einen bedeutenden Ort namens Jesreel, der vor allem in den Berichten über König Ahab und die Geschichte der Könige Israels vorkommt. Das hier genannte Jesreel gehört dagegen ausdrücklich zum judäischen Bergland. Die beiden Orte dürfen nicht allein wegen ihres gemeinsamen Namens gleichgesetzt werden. In 1. Samuel 25,43 wird außerdem Ahinoam aus Jesreel erwähnt, die David zur Frau nahm. Ihre Herkunft wird häufig mit dem judäischen Jesreel verbunden, was angesichts von Davids damaligem Aufenthaltsgebiet naheliegt. Der Vers bestimmt die Lage dieses Jesreels jedoch nicht ausdrücklich, weshalb die Zuordnung als begründete geografische Annahme und nicht als vollständig bewiesene Gleichsetzung behandelt werden sollte.
Jokdeam und Sanoach sind weit weniger ausführlich aus anderen biblischen Berichten bekannt. Auch hier ist die genaue Lage nicht in allen Einzelheiten gesichert. Der Name Sanoach begegnet bereits in Josua 15,34 innerhalb der Schephela. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass eine Stadt zweimal irrtümlich genannt wurde. Vielmehr können verschiedene Siedlungen denselben Namen getragen haben. Da die beiden Erwähnungen unterschiedlichen Landschaftsgruppen zugeordnet sind, muss ihre jeweilige geografische Einordnung berücksichtigt werden. Der Text selbst erklärt nicht, ob eine historische Verbindung zwischen beiden Orten bestand.
Vers 57 schließt die Gruppe mit Kain, Gibea und Timna ab. Bei Kain sollte der Name nicht ohne ausdrücklichen Hinweis mit Kain, dem Sohn Adams aus 1. Mose 4, gleichgesetzt werden. Ebenso wenig beweist die Namensähnlichkeit allein eine besondere Verbindung zu den Kenitern, die an anderen Stellen des Alten Testaments erwähnt werden. Gibea ist ein verbreiteter Ortsname, der sinngemäß mit einer Anhöhe oder einem Hügel zusammenhängt. Auch deshalb ist eine Unterscheidung verschiedener gleichnamiger Orte erforderlich. Besonders das später bekannte Gibea Benjamins darf nicht ohne Weiteres mit der hier genannten Stadt Judas gleichgesetzt werden.
Timna begegnete bereits in Josua 15,10 als Orientierungspunkt der Nordgrenze Judas. Außerdem ist Timna aus der Geschichte Simsons bekannt (Richter 14). Der in Vers 57 genannte Ort gehört jedoch zur Gruppe der Gebirgsstädte. Ob sämtliche Erwähnungen denselben Ort bezeichnen oder ob verschiedene Siedlungen diesen Namen trugen, muss anhand des jeweiligen Zusammenhangs untersucht werden. Die unterschiedliche geografische Einordnung spricht gegen eine unkritische Gleichsetzung. Für das Verständnis von Josua 15 genügt zunächst die Feststellung, dass Timna hier zu den zehn Städten des judäischen Berglandes gerechnet wird.
Mit den zehn Städten und ihren Dörfern beschreibt der Text eine weitere zusammengehörige Siedlungsgruppe. Die späteren Berichte über David machen besonders anschaulich, welche Bedeutung diese Landschaft für das Leben ihrer Bewohner gewinnen konnte. Das Bergland war nicht nur ein Gebiet mit festgelegten Besitzrechten, sondern auch ein Lebensraum mit wirtschaftlichen Möglichkeiten, natürlichen Schwierigkeiten und politischen Spannungen. Die Landverteilung bildete den Rahmen für eine Geschichte, die sich über viele Generationen hinweg weiterentwickelte.
Vers 58 beginnt eine weitere Gruppe von Gebirgsstädten. Genannt werden Halhul, Beth-Zur und Gedor. In Vers 59 folgen Maarat, Beth-Anot und Eltekon. Die abschließende Angabe spricht von sechs Städten mit ihren Dörfern, was mit den sechs aufgeführten Namen übereinstimmt. Die Liste setzt die Beschreibung des judäischen Berglandes fort, ohne die einzelnen Orte näher zu erläutern. Einige können aufgrund späterer biblischer Berichte genauer eingeordnet werden, während die Lage anderer Städte unsicher bleibt.
Besonders Beth-Zur besitzt eine erkennbare spätere Geschichte. Die Stadt lag im judäischen Bergland nördlich von Hebron und gehörte zu den Orten, die aufgrund ihrer Lage für die Sicherung der Verkehrswege von Bedeutung waren. Nach 2. Chronik 11,5–10 ließ König Rehabeam mehrere Städte Judas befestigen, darunter auch Beth-Zur. Er ließ ihre Verteidigungsanlagen ausbauen und versorgte sie mit Vorräten und Waffen. Die spätere militärische Bedeutung der Stadt passt zu ihrer Lage im Bergland. Allerdings darf diese spätere Befestigung nicht ohne Weiteres auf die Zeit Josuas zurückübertragen werden. Josua 15 berichtet lediglich, dass Beth-Zur zum Erbteil Judas gehörte, und macht keine ausdrücklichen Angaben zu den damaligen Verteidigungsanlagen.
Gedor begegnet ebenfalls in späteren Orts- und Familienverzeichnissen. In 1. Chronik 4,39 wird eine Gegend dieses Namens im Zusammenhang mit der Suche nach Weideland erwähnt. Ob damit genau dieselbe Stadt gemeint ist wie in Josua 15,58, lässt sich nicht zweifelsfrei bestimmen. Gleichlautende Ortsnamen konnten an verschiedenen Stellen vorkommen. Bei Maarat, Beth-Anot und Eltekon sind die historischen und geografischen Informationen noch begrenzter. Deshalb sollte der Versuch vermieden werden, ihnen ohne zuverlässige Grundlage bestimmte Ereignisse oder Bedeutungen zuzuschreiben. Der Text hält ihre Zugehörigkeit zum Gebiet Judas fest, ohne ihre Geschichte weiter auszuführen.
Nach den sechs Städten in Vers 59 ergibt sich bei einem Vergleich verschiedener Bibelüberlieferungen eine besonders bemerkenswerte Abweichung. Der hebräische masoretische Text, auf dem auch die Schlachter 1951 beruht, geht unmittelbar zur nächsten Städtegruppe in Vers 60 über. In der griechischen Septuaginta findet sich dagegen zwischen diesen beiden Gruppen ein zusätzlicher Abschnitt mit elf Städten. Zu ihnen gehören Tekoa und Ephrata, das ausdrücklich mit Bethlehem gleichgesetzt wird. Außerdem werden Peor, Etam, Kulon, Tatam, Sores, Kerem, Gallim, Bether und Manocho genannt. Der griechische Text schließt diese zusätzliche Gruppe mit der Angabe von elf Städten und ihren Dörfern ab. Einige moderne Bibelübersetzungen übernehmen die Liste in den Haupttext, während andere sie lediglich in einer Anmerkung erwähnen.
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Diese Abweichung ist für die Erforschung von Josua 15 bedeutsam, weil Bethlehem in der gewöhnlichen hebräischen Städteaufzählung des Kapitels nicht ausdrücklich genannt wird. Die griechische Überlieferung enthält dagegen eine ganze Gruppe von Orten, die sich geografisch gut in das judäische Bergland einordnen lassen. Bethlehem liegt südlich von Jerusalem und gehört zu jener Region, die in den vorhergehenden Versen beschrieben wird. Auch Tekoa befindet sich in diesem weiteren Zusammenhang. Damit besitzt die zusätzliche griechische Liste einen nachvollziehbaren geografischen Bezug. Das allein beweist allerdings noch nicht, dass sie ursprünglich im hebräischen Text stand und später verloren ging. Ebenso muss die Möglichkeit berücksichtigt werden, dass die Liste im Verlauf der Textüberlieferung ergänzt wurde.
Für die unterschiedliche Überlieferung gibt es mehrere denkbare Erklärungen. Eine Möglichkeit besteht darin, dass der griechischen Übersetzung eine hebräische Vorlage zugrunde lag, die diese elf Städte enthielt, während die dem masoretischen Text zugrunde liegende Überlieferung den Abschnitt nicht bewahrte. Eine andere Möglichkeit ist, dass die griechische Textfassung eine zusätzliche Ortsliste aufgenommen hat, die ursprünglich nicht an dieser Stelle stand. Welche Erklärung den ältesten erreichbaren Wortlaut am besten wiedergibt, ist eine textkritische Frage. Aus dem bloßen Vergleich der beiden Fassungen lässt sich keine endgültige Entscheidung ableiten. Deshalb sollte die zusätzliche Städtegruppe ausdrücklich als Bestandteil der griechischen Überlieferung gekennzeichnet und nicht stillschweigend in den Wortlaut der Schlachter 1951 eingefügt werden.
Besonders Bethlehem macht deutlich, weshalb diese Abweichung Aufmerksamkeit verdient. Der Ort ist bereits aus der Geschichte der Erzväter bekannt. Nach 1. Mose 35,19 wurde Rahel auf dem Weg nach Ephrata begraben, wobei der Text Ephrata mit Bethlehem gleichsetzt. Auch 1. Mose 48,7 stellt diese Verbindung her. Damit erscheint Bethlehem bereits lange vor der Zeit Davids in der biblischen Geschichte. Dass die Stadt in der zusätzlichen griechischen Liste ausdrücklich als Ephrata beziehungsweise Bethlehem bezeichnet wird, entspricht dieser anderweitig bezeugten Namensverbindung. Allerdings lässt sich daraus nicht schließen, dass der betreffende Abschnitt von Josua 15 schon deshalb zwingend zum ursprünglichen hebräischen Text gehört haben muss.
Später erhält Bethlehem durch die Geschichte Ruths eine besondere Bedeutung. Nach Ruth 1,1 stammte Noomis Familie aus Bethlehem in Juda. Das Buch schildert, wie Ruth mit ihrer Schwiegermutter dorthin zurückkehrte und schließlich Boas heiratete. Am Ende wird berichtet, dass aus dieser Familie Obed hervorging, der Großvater Davids (Ruth 4,13–22). Bethlehem wurde dadurch zu einem wichtigen Ort in der Abstammungsgeschichte des späteren Königs. In 1. Samuel 16,1 sandte Gott den Propheten Samuel nach Bethlehem zu Isai, um unter dessen Söhnen den künftigen König Israels zu bestimmen. David wurde dort gesalbt, obwohl er zunächst nicht unter den Söhnen gewesen war, die Samuel vorgestellt wurden. Die Geschichte verbindet Bethlehem damit eng mit Gottes Erwählung Davids.
Noch größere heilsgeschichtliche Bedeutung erhält Bethlehem durch die prophetische Ankündigung in Micha 5,1. Dort wird Bethlehem-Ephrata als Herkunftsort eines zukünftigen Herrschers über Israel genannt. Das Neue Testament greift diese Verheißung im Zusammenhang mit der Geburt Jesu Christi auf. Matthäus 2,1–6 berichtet, dass Jesus in Bethlehem in Judäa geboren wurde, und verbindet das Ereignis ausdrücklich mit dem Propheten Micha. Auch Lukas 2,4–7 nennt Bethlehem als Geburtsort Jesu und stellt die Verbindung zu Davids Herkunft her. Die Bedeutung Bethlehems für die Geschichte der Erlösung ist damit durch mehrere biblische Bücher belegt. Sie hängt nicht davon ab, ob die zusätzliche Städtegruppe der Septuaginta ursprünglich zum hebräischen Text von Josua 15 gehörte.
Auch Tekoa ist aus späteren Berichten bekannt. In 2. Samuel 14,2 ließ Joab eine kluge Frau aus Tekoa holen, um durch ihre Worte auf König David einzuwirken. Der Prophet Amos wird in Amos 1,1 ebenfalls mit Tekoa verbunden. Diese späteren Erwähnungen zeigen, dass der Ort eine eigenständige Geschichte innerhalb Judas besaß. Seine Aufnahme in die zusätzliche griechische Liste passt daher grundsätzlich zur geografischen und geschichtlichen Einordnung der Region. Sie erlaubt jedoch keine sichere Aussage darüber, wann die gesamte Städtegruppe erstmals schriftlich zusammengestellt wurde.
Die übrigen Namen der griechischen Zusatzliste sind teilweise nur schwer zu identifizieren. Manche könnten mit Orten zusammenhängen, die in anderen biblischen Büchern unter ähnlichen Bezeichnungen erscheinen. Dabei besteht jedoch die Gefahr, verschiedene Orte allein aufgrund sprachlicher Ähnlichkeiten miteinander gleichzusetzen. Die elf Namen sollten deshalb zunächst als zusammenhängende überlieferte Städtegruppe betrachtet werden. Erst dort, wo unabhängige geografische oder historische Hinweise vorliegen, lassen sich weitergehende Zuordnungen begründen. Die Bedeutung der Liste liegt vor allem darin, dass sie eine zusätzliche Überlieferung zur Besiedlung des judäischen Berglandes bewahrt, deren Verhältnis zum hebräischen Text nicht vollständig geklärt ist.
Vers 60 führt schließlich wieder zu dem Wortlaut zurück, der sowohl in der hebräischen als auch in der griechischen Überlieferung enthalten ist. Genannt werden Kirjat-Baal, das ausdrücklich mit Kirjat-Jearim gleichgesetzt wird, und Rabba. Der Text zählt zwei Städte mit ihren Dörfern. Damit wird eine weitere kleine Städtegruppe innerhalb des Berglandes abgeschlossen. Die doppelte Bezeichnung Kirjat-Baal und Kirjat-Jearim begegnet bereits in den Grenzbeschreibungen Judas. Nach Josua 15,9 führte die Nordgrenze des Stammesgebietes über Baala, das dort ebenfalls mit Kirjat-Jearim gleichgesetzt wird. Die erneute Erwähnung zeigt, dass ein Ort sowohl als Orientierungspunkt einer Grenze als auch innerhalb eines Städteverzeichnisses erscheinen konnte.
Kirjat-Jearim wird später besonders durch die Geschichte der Bundeslade bekannt. Nachdem die Philister die Lade zurückgegeben hatten und sie zunächst nach Beth-Semes gelangt war, wurde sie nach Kirjat-Jearim gebracht. Dort stellte man sie im Haus Abinadabs auf, und sein Sohn Eleasar wurde beauftragt, sie zu hüten (1. Samuel 7,1–2). Erst unter David wurde die Bundeslade wieder von dort weggebracht, um schließlich nach Jerusalem zu gelangen (2. Samuel 6,1–17). Die Stadt, die in Josua 15 lediglich als Bestandteil einer geografischen Aufzählung erscheint, wurde damit später zu einem wichtigen Aufenthaltsort der Bundeslade. Diese spätere Bedeutung erklärt jedoch nicht die ursprüngliche Namensgebung Kirjat-Baal. Der ältere Ortsname enthält zwar den Bestandteil Baal, doch daraus allein lässt sich nicht sicher rekonstruieren, welche religiösen Verhältnisse dort zu einem bestimmten Zeitpunkt bestanden.
Über Rabba, die zweite Stadt in Vers 60, berichtet der Bibeltext nur wenig. Wichtig ist, sie von anderen gleichnamigen Städten zu unterscheiden. Besonders die bekannte ammonitische Hauptstadt Rabba, die in den Berichten über Davids Kriege gegen die Ammoniter erscheint (2. Samuel 11–12), liegt östlich des Jordans und ist nicht mit der hier genannten Stadt Judas gleichzusetzen. Der gleiche Name genügt nicht als Beweis für eine geografische Verbindung. Josua 15,60 beschreibt Rabba lediglich als eine der beiden Städte dieser Gruppe im judäischen Bergland.
Mit Vers 60 endet die Aufzählung der Gebirgsstädte Judas. Die verschiedenen Gruppen zeigen, dass das Bergland zahlreiche größere und kleinere Siedlungen umfasste, die unterschiedliche natürliche Voraussetzungen besaßen. Einige Orte sind durch die Geschichte Davids, die spätere Verteilung der Priesterstädte oder die Erzählungen über die Bundeslade genauer bekannt. Andere bleiben nahezu ausschließlich als Namen im Verzeichnis der Landverteilung erhalten. Gerade diese Unterschiede machen deutlich, dass die geschichtliche Bedeutung einer Stadt nicht allein daran gemessen werden kann, wie häufig sie in späteren biblischen Erzählungen erwähnt wird.
Die zusätzliche Städtegruppe der Septuaginta ist dabei ein wichtiger Hinweis auf die Überlieferungsgeschichte des Josuabuches. Sie zeigt, dass der hebräische und der griechische Text an dieser Stelle nicht vollkommen übereinstimmen. Die Auslegung sollte diesen Unterschied offen benennen, ohne die gesicherte Aussage der einen Überlieferung durch unbewiesene Annahmen über die andere zu ersetzen. Zugleich bleibt die geografische Grundlinie des Abschnitts klar: Die genannten Städte gehören zum judäischen Bergland und stehen innerhalb der umfassenden Zuteilung, die den Nachkommen Judas zugesprochen wurde.
Nachdem die Städte des Südlandes, der Schephela, der Küstenebene und des Berglandes beschrieben worden sind, führt die nächste Städtegruppe in die Wüste Juda. Dort zeigt sich noch einmal, wie unterschiedlich die Landschaften innerhalb eines einzigen Stammesgebietes sein konnten.
Josua 15,61–62
Die Städte der Wüste Juda und die besondere Bedeutung En-Gedis
Nach den zahlreichen Städten des judäischen Berglandes führt Vers 61 in eine Landschaft, die sich durch ihre natürlichen Bedingungen deutlich von den zuvor beschriebenen Gebieten unterscheidet. Nun werden die Städte der Wüste Juda genannt. Diese Wüstenlandschaft erstreckt sich östlich des judäischen Berglandes in Richtung des Toten Meeres. Sie ist von trockenen Tälern, felsigen Hängen, steilen Abhängen und spärlicher Vegetation geprägt. Die Niederschläge sind wesentlich geringer als in den höher gelegenen westlichen Gebieten. Dennoch bedeutet die biblische Bezeichnung „Wüste“ nicht zwangsläufig, dass ein Landstrich völlig menschenleer oder zu keiner Form der Besiedlung geeignet war. Auch in solchen Regionen konnten Menschen leben, wenn Wasserstellen, geeignete Weideflächen oder andere Möglichkeiten zur Versorgung vorhanden waren.
Die beiden Verse nennen sechs Städte: Beth-Araba, Middin, Sechacha, Nibschan, die Salzstadt und En-Gedi. Anschließend werden erneut die zugehörigen Dörfer erwähnt. Damit wird deutlich, dass auch dieser trockene Teil des Stammesgebietes nicht einfach als ungenutzte Fläche betrachtet wurde. Die Städte standen offenbar mit weiteren kleineren Siedlungen in Verbindung. Wie groß diese Orte waren und welche Formen der Landwirtschaft oder Viehhaltung dort betrieben wurden, lässt sich aus der Aufzählung allein nicht bestimmen. Die Liste zeigt jedoch, dass die Landverteilung auch Regionen umfasste, deren Besiedlung unter schwierigeren natürlichen Voraussetzungen erfolgen musste.
Die Lage der Wüste Juda war besonders durch das Nebeneinander von Höhenunterschieden und Wasserknappheit geprägt. Vom judäischen Bergland fällt das Gelände in östlicher Richtung zum Jordangraben und zum Toten Meer ab. Während die westlicher gelegenen Höhen mehr Niederschläge erhalten, liegen große Teile der östlichen Abhänge im Regenschatten des Gebirges. Wasser konnte in bestimmten Tälern zeitweise vorhanden sein, während andere Gebiete über längere Zeit trocken blieben. Dauerhafte Quellen hatten deshalb einen besonders hohen Wert. Ihre Bedeutung lässt sich bereits aus der Geschichte Achsas erkennen, die in Josua 15,18–19 zusätzliche Wasserquellen von ihrem Vater Kaleb erbat. Obwohl Achsas Land in einem anderen Teil des Stammesgebietes lag, zeigt auch die Wüste Juda, weshalb die Verfügbarkeit von Wasser für die tatsächliche Nutzung des zugesprochenen Landes entscheidend war.
Als erste Stadt nennt Vers 61 Beth-Araba. Der Name steht mit der Araba in Verbindung, einer Bezeichnung für die tiefer gelegene Landschaft des Jordangrabens. Bereits in Josua 15,6 war Beth-Araba bei der Beschreibung der Nordgrenze Judas erwähnt worden. Dort verlief die Grenze nördlich an diesem Ort vorbei. Die erneute Erwähnung innerhalb der Wüstenstädte verdeutlicht, dass der Ort in der Nähe jenes Übergangsbereiches lag, in dem das judäische Stammesgebiet auf die Jordanebene und die Umgebung des Toten Meeres traf. Seine genaue Lage lässt sich heute jedoch nicht zweifelsfrei bestimmen.
Eine Schwierigkeit ergibt sich daraus, dass Beth-Araba in Josua 18,22 auch unter den Städten Benjamins aufgeführt wird. Der Stamm Benjamin erhielt sein Gebiet nördlich von Juda, weshalb beide Stämme in dieser Region aneinandergrenzten. Die doppelte Nennung könnte mit Grenzveränderungen, unterschiedlichen Besitzverhältnissen oder verschiedenen Überlieferungsstufen zusammenhängen. Auch textkritische Unterschiede müssen berücksichtigt werden. Die Bibel erklärt jedoch nicht ausdrücklich, weshalb Beth-Araba in beiden Städteregistern erscheint. Deshalb wäre es zu weitgehend, eine bestimmte Grenzverschiebung als gesichertes historisches Ereignis auszugeben. Die beiden Angaben zeigen zunächst, dass die genaue Zuordnung einzelner Orte im Grenzgebiet schwieriger sein konnte, als eine moderne Karte mit festen Linien vermuten lässt.
Nach Beth-Araba folgen Middin und Sechacha. Über diese beiden Städte ist nur wenig bekannt. Ihre Namen sind in der biblischen Überlieferung erhalten geblieben, doch ihre genaue Lage konnte bisher nicht zuverlässig bestimmt werden. Verschiedene geografische Identifizierungen wurden vorgeschlagen, ohne dass sich eine davon zweifelsfrei durchgesetzt hätte. Auch über ihre Größe und ihre Bewohner berichtet Josua 15 keine Einzelheiten. Besonders bei solchen Orten besteht die Gefahr, archäologische Fundplätze allein aufgrund ihrer Lage oder einer ungefähren Namensähnlichkeit mit den biblischen Städten gleichzusetzen. Eine solche Zuordnung benötigt jedoch zusätzliche Belege. Deshalb lässt sich über Middin und Sechacha vor allem sicher sagen, dass sie zu den sechs Städten der Wüste Juda gerechnet wurden.
Die Erwähnung dieser weniger bekannten Orte erfüllt dennoch eine wichtige Funktion. Die Landverteilung beschränkt sich nicht auf Städte, die später durch Könige, Propheten oder bedeutende Ereignisse bekannt wurden. Auch kleinere oder historisch kaum greifbare Siedlungen werden als Bestandteile des Erbteils aufgeführt. Für die Familien, die in diesen Gebieten lebten, hatten solche Orte eine unmittelbare Bedeutung. Dort befanden sich ihre Wohnungen, ihre Wege, ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten und ihre gemeinschaftlichen Beziehungen. Dass die spätere biblische Erzählung kaum noch auf sie zurückkommt, bedeutet nicht, dass sie für das Leben des Volkes unwichtig waren.
Vers 62 setzt die Liste mit Nibschan und der Salzstadt fort. Auch Nibschan gehört zu den Orten, deren genaue geografische Lage unsicher ist. Die Salzstadt trägt dagegen einen auffälligen Namen. Der hebräische Ausdruck lässt sich wörtlich als „Stadt des Salzes“ verstehen. Angesichts ihrer Einordnung in die Wüstenregion beim Toten Meer ist ein Zusammenhang mit den dortigen Salzvorkommen naheliegend. Das Tote Meer ist für seinen außergewöhnlich hohen Salzgehalt bekannt, und in seiner Umgebung spielten Salzablagerungen eine wichtige Rolle für die natürliche Beschaffenheit der Landschaft. Dennoch erklärt Josua 15 nicht, wie die Stadt zu ihrem Namen kam. Der Name allein beweist weder eine bestimmte Salzgewinnung noch die Existenz eines Handelszentrums oder größerer Verarbeitungsanlagen.
Verschiedentlich wurde versucht, die Salzstadt mit archäologischen Fundplätzen im Bereich des nordwestlichen Toten Meeres in Verbindung zu bringen. Zu den diskutierten Möglichkeiten gehören auch Siedlungsplätze in der weiteren Umgebung von Qumran. Solche Vorschläge zeigen, dass die antike Besiedlung der Wüstenregion Gegenstand historischer Forschung ist. Sie dürfen jedoch nicht mit einer sicheren Identifizierung gleichgesetzt werden. Die biblische Aufzählung liefert keine ausreichenden Angaben, um die Salzstadt zweifelsfrei einem bestimmten Fundplatz zuzuordnen. Deshalb sollte auch nicht behauptet werden, die Stadt sei nachweislich mit den viel späteren Schriftfunden vom Toten Meer verbunden gewesen. Zwischen der Landverteilung zur Zeit Josuas und den bekannten Handschriftenfunden liegen unterschiedliche geschichtliche Zusammenhänge.
Als letzte Stadt nennt Vers 62 En-Gedi. Von den sechs aufgeführten Orten ist sie aus der weiteren biblischen Geschichte besonders gut bekannt. En-Gedi liegt am westlichen Ufer des Toten Meeres und ist durch eine wasserreiche Oase inmitten der trockenen Umgebung geprägt. Der Name wird gewöhnlich als „Quelle des Zickleins“ oder „Quelle der jungen Ziege“ verstanden. Diese Bedeutung passt zu einer Landschaft, in der Quellen und felsige Berghänge dicht beieinanderliegen. Anders als viele Orte der vorausgehenden Liste lässt sich En-Gedi geografisch vergleichsweise zuverlässig einordnen. Die genaue Ausdehnung und Gestalt der dortigen Siedlung kann sich jedoch im Verlauf der Geschichte verändert haben.
Die besondere Stellung En-Gedis erklärt sich aus dem Gegensatz zwischen seiner Umgebung und dem dort vorhandenen Wasser. Während weite Teile der Wüste Juda nur wenig Vegetation ermöglichen, schaffen die Quellen En-Gedis Voraussetzungen für Pflanzenwuchs und menschliche Besiedlung. Eine solche Oase war für Reisende, Hirten und Bewohner der Region von erheblichem Wert. Sie konnte Wasser bereitstellen und damit einen Aufenthaltsort inmitten eines schwierigen Geländes bilden. Die Erwähnung En-Gedis am Ende der Städtegruppe macht deshalb anschaulich, dass die Wüste Juda nicht überall dieselben natürlichen Verhältnisse aufwies. Innerhalb einer überwiegend trockenen Landschaft gab es einzelne Orte mit deutlich günstigeren Lebensbedingungen.
En-Gedi erscheint bereits in einem älteren biblischen Zusammenhang. In 1. Mose 14,7 wird Hazezon-Tamar während des Feldzuges mehrerer Könige erwähnt. Später erklärt 2. Chronik 20,2 ausdrücklich, dass Hazezon-Tamar mit En-Gedi gleichzusetzen sei. Damit verbindet die biblische Überlieferung den Ort mit einem älteren Namen. Wie genau die Siedlungen und Landschaftsbezeichnungen der verschiedenen Epochen zueinanderstanden, lässt sich allerdings nicht vollständig rekonstruieren. Für die Auslegung ist vor allem wichtig, dass En-Gedi bereits vor den Ereignissen der Königszeit als bekannter Ort erscheint und später unter einem weiteren Namen erwähnt wird.
Besonders eindrücklich ist die Bedeutung En-Gedis während Davids Flucht vor Saul. Nach 1. Samuel 23,29 zog David in die festen Plätze von En-Gedi. Als Saul von seinem Aufenthaltsort erfuhr, nahm er dreitausend ausgewählte Männer mit sich und suchte David in der Umgebung der Felsen und Höhlen (1. Samuel 24,1–3). Die Landschaft bot zahlreiche Möglichkeiten, sich in schwer zugänglichen Bereichen zurückzuziehen. Zugleich war sie keineswegs ungefährlich, weil Verfolger dieselben Wege benutzen oder die Zugänge zu bestimmten Gebieten kontrollieren konnten. Die geografischen Bedingungen der Wüste Juda bilden deshalb einen wesentlichen Hintergrund für die Erzählung.
Während dieser Verfolgung kam es zu einer bemerkenswerten Begegnung. Saul betrat eine Höhle, in deren hinterem Teil David und seine Männer verborgen waren. David hatte damit unerwartet Gelegenheit, seinem Verfolger Gewalt anzutun. Seine Männer sahen darin eine Möglichkeit, die Bedrohung endgültig zu beenden. David schnitt jedoch lediglich einen Zipfel von Sauls Obergewand ab und wurde anschließend selbst darüber unruhig. Er erklärte, dass er seine Hand nicht gegen den Gesalbten des HERRN erheben wolle (1. Samuel 24,4–7). Die Erzählung beschreibt damit eine bewusste Entscheidung, auf Gewalt zu verzichten, obwohl David sich bedroht wusste und eine Gelegenheit zur Vergeltung hatte.
Die Verbindung zu En-Gedi ist deshalb besonders eindrücklich, weil die Wüstenlandschaft zunächst als Zufluchtsort erscheint, zugleich aber zum Schauplatz einer grundlegenden moralischen Entscheidung wird. David befand sich in einer gefährlichen Lage, doch die Bedrohung führte ihn nicht dazu, jedes verfügbare Mittel als gerechtfertigt anzusehen. Er unterschied zwischen der Möglichkeit, Saul zu töten, und der Frage, ob eine solche Handlung vor Gott richtig wäre. Die Geschichte zeigt, dass äußere Bedrängnis und persönliche Verantwortung nicht voneinander getrennt werden können. Allerdings enthält Josua 15 selbst noch keine solche Anwendung. Dort wird En-Gedi zunächst als Bestandteil des judäischen Erbteils genannt; die spätere Erzählung erweitert das Verständnis für die Geschichte dieses Ortes.
Auch in der Zeit König Josaphats begegnet En-Gedi erneut. Nach 2. Chronik 20,1–2 rückte ein feindliches Heer gegen Juda vor und erreichte Hazezon-Tamar, das der Text ausdrücklich als En-Gedi bezeichnet. Josaphat reagierte auf die Bedrohung, indem er den HERRN suchte und ein Fasten im ganzen Land ausrufen ließ. Die Einwohner Judas versammelten sich zum Gebet, und der König bekannte vor Gott die eigene Hilflosigkeit angesichts des überlegenen Heeres. Diese Begebenheit zeigt, dass En-Gedi aufgrund seiner geografischen Lage auch als Zugangspunkt für feindliche Bewegungen in Richtung des judäischen Landes Bedeutung haben konnte. Die trockenen Gebiete am Toten Meer waren also nicht einfach eine natürliche Schutzmauer, hinter der das Volk dauerhaft vor Angriffen sicher gewesen wäre.
Eine weitere Erwähnung findet sich im Hohelied 1,14. Dort werden die Weinberge En-Gedis in einem poetischen Vergleich genannt. Diese Stelle zeigt, dass En-Gedi in der biblischen Vorstellung nicht ausschließlich mit kargen Felsen und Wüstenlandschaften verbunden war. Die wasserreiche Umgebung ermöglichte Pflanzenwuchs, der sich deutlich von den trockenen Gebieten ringsum unterschied. Das Hohelied verwendet diesen Ort jedoch innerhalb dichterischer Sprache. Seine Aussage sollte deshalb nicht ohne Weiteres als genaue landwirtschaftliche Bestandsaufnahme einer bestimmten historischen Epoche verstanden werden.
Noch einmal erscheint En-Gedi in der großen Vision des Propheten Hesekiel. In Hesekiel 47,1–12 beschreibt der Prophet Wasser, das vom Heiligtum ausgeht, immer tiefer wird und schließlich bis zum östlichen Meer gelangt. Dort wird das Wasser gesund, sodass zahlreiche Fische darin leben können. Vers 10 nennt En-Gedi und En-Eglaim als Orientierungspunkte für die Fischer. Gerade vor dem Hintergrund des stark salzhaltigen Toten Meeres erhält dieses Bild besondere Bedeutung. Die Vision beschreibt eine außergewöhnliche, von Gott ausgehende Erneuerung des Wassers und des Lebens. Sie ist jedoch nicht als Aussage darüber zu verstehen, dass eine solche Veränderung bereits zur Zeit Josuas stattgefunden hätte. Die prophetische Bedeutung muss aus dem Zusammenhang von Hesekiel 40–48 erschlossen werden und darf nicht ungeprüft auf die ursprüngliche Landverteilung übertragen werden.
Am Ende von Vers 62 nennt der Text ausdrücklich sechs Städte mit ihren Dörfern. Anders als bei einigen früheren Städtegruppen stimmt diese Zahl mit den sechs aufgeführten Ortsnamen überein. Zugleich zeigt die geringe Anzahl, dass die Wüstenregion im Verzeichnis deutlich weniger größere Siedlungen umfasst als das Bergland oder die Schephela. Daraus lässt sich jedoch keine genaue Bevölkerungszahl ableiten. Ebenso wenig kann allein aus der Aufzählung geschlossen werden, wie dicht die einzelnen Täler oder Oasen besiedelt waren. Die Zahl bezeichnet die aufgeführten Städte, nicht sämtliche Menschen, Wohnplätze oder wirtschaftlich genutzten Flächen des Gebietes.
Mit diesen beiden Versen ist die ausführliche Aufzählung der Städte Judas abgeschlossen. Das Erbteil des Stammes umfasste fruchtbarere Landschaften im Westen, das zentrale Bergland, das trockene Südland und schließlich die Wüstengebiete am Toten Meer. Die natürlichen Voraussetzungen waren sehr unterschiedlich. Während manche Städte in Regionen mit vergleichsweise günstigen landwirtschaftlichen Bedingungen lagen, mussten andere mit erheblicher Trockenheit und schwierigen Verkehrswegen umgehen. Das zugesprochene Land war deshalb kein einheitlicher Lebensraum, sondern erforderte von den einzelnen Familien und Siedlungsgemeinschaften unterschiedliche Formen der Versorgung und Bewirtschaftung.
Die Wüstenstädte erinnern zugleich daran, dass die Landverheißung nicht bedeutete, Israel werde ausschließlich Gebiete ohne natürliche Schwierigkeiten erhalten. Auch trockene und schwer zugängliche Landschaften gehörten zum Erbteil. Entscheidend war, dass das Land nach der vorgesehenen Ordnung verteilt wurde und die Stämme die Verantwortung für ihre jeweiligen Gebiete übernahmen. En-Gedi zeigt innerhalb dieser Landschaft, wie wertvoll einzelne Wasserstellen sein konnten. Die späteren Geschichten Davids und Josaphats machen außerdem deutlich, dass selbst abgelegene Wüstengebiete im weiteren Verlauf der Geschichte Israels Schauplätze bedeutender Ereignisse wurden.
Nach diesem letzten Städteverzeichnis endet Josua 15 mit einer auffälligen Einschränkung. Obwohl Judas Grenzen und zahlreiche Städte ausführlich beschrieben worden sind, stellt Vers 63 fest, dass die Jebusiter nicht aus Jerusalem vertrieben werden konnten. Damit schließt das Kapitel nicht mit einer uneingeschränkten Erfolgsmeldung. Der letzte Vers erinnert vielmehr daran, dass zwischen der zugesprochenen Landverteilung und der tatsächlichen vollständigen Besitznahme weiterhin ein Unterschied bestand.
Josua 15,63
Die Jebusiter bleiben in Jerusalem: Warum die Landnahme noch nicht abgeschlossen war
Nach den ausführlichen Grenzbeschreibungen und den zahlreichen Städteregistern endet Josua 15 mit einer bemerkenswerten Feststellung. Vers 63 berichtet, dass die Nachkommen Judas die Jebusiter, die in Jerusalem wohnten, nicht vertreiben konnten. Deshalb blieben die Jebusiter gemeinsam mit den Judäern in Jerusalem wohnen. Der abschließende Hinweis, dass dieser Zustand bis zu dem Zeitpunkt fortbestand, auf den sich der Bericht bezieht, macht deutlich, dass die ursprüngliche Landzuteilung nicht überall zu einer vollständigen Besitznahme geführt hatte. Gerade nach der ausführlichen Aufzählung des Erbteils wirkt diese Bemerkung wie eine bewusste Einschränkung. Juda hatte ein bestimmtes Gebiet erhalten, doch innerhalb dieses Gebietes beziehungsweise an seiner Grenze bestanden weiterhin Verhältnisse, die nicht dem vorgesehenen Abschluss der Landnahme entsprachen.
Die Jebusiter gehörten zu den Bevölkerungsgruppen Kanaans, die bereits in den Verheißungen an Abraham erwähnt werden. In 1. Mose 15,18–21 nennt Gott verschiedene Völker, deren Land den Nachkommen Abrahams zugesprochen werden sollte. Auch in 5. Mose 7,1 erscheinen die Jebusiter unter den Völkern, denen Israel beim Einzug nach Kanaan begegnen würde. Sie waren somit keine erst später eingewanderte Gruppe, sondern gehörten zu den Bewohnern des Landes, deren Existenz Israel bereits vor der Überquerung des Jordans bekannt war. Ihre besondere Verbindung mit Jerusalem zeigt sich daran, dass die Stadt in Richter 19,10–11 auch Jebus genannt wird. Der Bericht schildert dort Jerusalem ausdrücklich als Stadt der Jebusiter. Die Bezeichnung bewahrt die Erinnerung daran, dass Jerusalem vor seiner späteren Bedeutung als Hauptstadt Israels mit einer anderen Bevölkerung verbunden war.
Bereits in Josua 15,8 hatte Jerusalem eine wichtige Rolle bei der Bestimmung der Nordgrenze Judas gespielt. Dort wird beschrieben, dass die Grenzlinie durch das Tal Ben-Hinnom südlich an der Jebusiterstadt vorbeiführte. Jerusalem lag damit in einem Grenzbereich zwischen den Stammesgebieten Juda und Benjamin. Diese Lage ist für das Verständnis von Vers 63 von besonderer Bedeutung. Obwohl das Kapitel das Erbteil Judas behandelt, wird Jerusalem in Josua 18,28 ausdrücklich unter den Städten des Stammes Benjamin aufgeführt. Die beiden Angaben müssen deshalb miteinander verglichen werden. Die Grenzbeschreibungen zeigen, dass Jerusalem im unmittelbaren Bereich beider Stammesgebiete lag. Daraus ergibt sich eine mögliche Erklärung dafür, weshalb die Stadt in unterschiedlichen Zusammenhängen mit Juda beziehungsweise Benjamin verbunden wird.
Allerdings sollte diese Erklärung nicht weiter ausgedehnt werden, als es der Text erlaubt. Die Bibel beschreibt keine bis ins Einzelne rekonstruierbare innerstädtische Grenze, durch die ein bestimmter Teil Jerusalems zweifelsfrei Juda und ein anderer Benjamin zugeordnet werden könnte. Solche Modelle sind denkbar, werden aber durch Josua 15 und 18 allein nicht vollständig bewiesen. Ebenso wenig lässt sich aus der Erwähnung Jerusalems in der Städteliste Benjamins schließen, dass die Verantwortung Judas für die umliegende Region bedeutungslos gewesen wäre. Die beiden Berichte zeigen unterschiedliche Seiten der Landverteilung: einerseits den Grenzverlauf und die Verbindung Judas mit Jerusalem, andererseits die Aufnahme der Stadt in Benjamins Erbteil. Entscheidend bleibt, dass die tatsächliche Herrschaft über Jerusalem zunächst nicht vollständig in israelitische Hände gelangte.
Auch die Geschichte der südlichen Eroberungsfeldzüge liefert einen wichtigen Hintergrund. In Josua 10,1–5 wird Adoni-Zedek als König von Jerusalem vorgestellt. Er gehört zu den fünf amoritischen Königen, die sich gegen Gibeon verbündeten, nachdem dessen Bewohner Frieden mit Israel geschlossen hatten. Josua zog den Gibeonitern zu Hilfe und besiegte die vereinigten Heere. Anschließend wurden die fünf Könige gefangen genommen und getötet (Josua 10,16–27). Josua 12,10 führt den König von Jerusalem ebenfalls unter den besiegten Königen auf. Diese Aussagen belegen einen militärischen Sieg über den Herrscher Jerusalems. Sie berichten jedoch nicht ausdrücklich, dass die Stadt selbst damals vollständig erobert und anschließend dauerhaft von Israel besiedelt worden wäre.
Damit entsteht eine wichtige Unterscheidung. Der Sieg über einen König bedeutet nicht zwangsläufig, dass alle befestigten Stellungen seines Herrschaftsgebietes eingenommen wurden. Ebenso wenig muss die Niederlage eines Heeres zur vollständigen Vertreibung der Bevölkerung aus einer Stadt führen. Gerade Jerusalem zeigt, weshalb diese Unterschiede bei der Auslegung der Eroberungsberichte berücksichtigt werden müssen. Während Josua 10 den Sieg über den König Jerusalems beschreibt, hält Josua 15,63 fest, dass die Jebusiter weiterhin in der Stadt wohnten. Die beiden Angaben betreffen somit nicht notwendigerweise denselben Vorgang. Ein militärischer Sieg konnte erreicht werden, obwohl die dauerhafte Kontrolle über den betreffenden Ort noch nicht gesichert war.
Eine zusätzliche Schwierigkeit ergibt sich beim Vergleich mit dem Richterbuch. Richter 1,8 berichtet, dass die Männer Judas gegen Jerusalem kämpften, die Stadt einnahmen, ihre Bewohner mit dem Schwert schlugen und sie in Brand setzten. Auf den ersten Blick scheint diese Aussage dem Abschluss von Josua 15 zu widersprechen. Dort konnten die Judäer die Jebusiter nicht vertreiben, während Richter 1 von einer erfolgreichen Einnahme Jerusalems berichtet. Der Unterschied muss ernst genommen werden. Es wäre nicht ausreichend, einen der beiden Berichte einfach zu übergehen oder ihre Aussagen ohne Erklärung als vollständig identisch darzustellen.
Eine mögliche Erklärung besteht darin, dass die Judäer Jerusalem militärisch angriffen und Teile der Stadt einnahmen, ohne sämtliche jebusitischen Stellungen dauerhaft unter ihre Kontrolle bringen zu können. Ebenso könnte auf eine zeitweilige Einnahme eine erneute Festigung jebusitischer Herrschaft gefolgt sein. Das Richterbuch beschreibt die Ereignisse der Landnahme zudem nicht durchgehend in einer streng chronologischen Reihenfolge. Richter 1 enthält unter anderem die Geschichte Kalebs, Otniels und Achsas, die bereits in Josua 15,13–19 erzählt wurde. Deshalb lässt sich nicht jede dort geschilderte Begebenheit allein aufgrund ihrer Stellung im Buch eindeutig nach Josuas Tod datieren. Welche genaue Abfolge für die verschiedenen Kämpfe um Jerusalem anzunehmen ist, bleibt offen. Sicher ist, dass die biblischen Berichte sowohl militärische Erfolge Judas als auch das Fortbestehen jebusitischer Bewohner bezeugen.
Richter 1,21 fügt eine weitere bemerkenswerte Angabe hinzu. Dort wird erklärt, dass die Benjaminiter die Jebusiter, die in Jerusalem wohnten, nicht vertrieben. Anschließend wird berichtet, dass die Jebusiter mit den Nachkommen Benjamins in Jerusalem wohnen blieben. Die Formulierung ähnelt Josua 15,63 deutlich, unterscheidet sich jedoch in der Stammesbezeichnung. Während Josua ausdrücklich Juda nennt, spricht das Richterbuch an dieser Stelle von Benjamin. Die Abweichung ist nicht nebensächlich, denn sie betrifft die Frage, welchem Stamm die nicht abgeschlossene Vertreibung zugeschrieben wird.
Der Zusammenhang mit den Grenz- und Städteregistern bietet eine naheliegende Erklärung. Jerusalem lag an der Grenze zwischen Juda und Benjamin und wird in Josua 18,28 ausdrücklich Benjamin zugeteilt. Deshalb konnten beide Stämme in unterschiedlicher Weise mit der Stadt und ihren Bewohnern verbunden sein. Die beiden Texte lassen sich vor diesem Hintergrund als Aussagen über eine gemeinsame ungelöste Situation lesen. Dennoch sollte diese Erklärung nicht als ausdrückliche Aussage des Bibeltextes ausgegeben werden. Weder Josua 15,63 noch Richter 1,21 erläutert, weshalb die Verantwortung unterschiedlich zugeordnet wird. Beide Stellen bestätigen jedenfalls, dass die Jebusiter in Jerusalem weiterhin ansässig waren.
Auffällig ist außerdem die Wortwahl in Josua 15,63. Der Text sagt, dass die Judäer die Jebusiter nicht vertreiben konnten. Damit wird zunächst eine nicht erreichte Handlung beschrieben. Der Vers erklärt jedoch nicht ausdrücklich, warum die Vertreibung misslang. Er nennt weder eine bestimmte militärische Überlegenheit der Jebusiter noch eine konkrete Entscheidung Judas, sie absichtlich im Land wohnen zu lassen. Ebenso wenig führt er den Misserfolg unmittelbar auf mangelnden Glauben zurück. Solche Fragen können im Zusammenhang der gesamten Landnahme untersucht werden, dürfen aber nicht als ausdrücklich genannte Begründungen dieses Verses ausgegeben werden.
Das ist besonders wichtig, weil andere biblische Stellen durchaus geistliche Ursachen für die unvollständige Landnahme benennen. Richter 2,1–3 berichtet, dass Israel Gottes Anweisungen im Umgang mit den kanaanitischen Völkern nicht vollständig befolgt hatte. Der Engel des HERRN erinnert das Volk daran, dass es keinen Bund mit den Bewohnern des Landes schließen und ihre Altäre niederreißen sollte. Weil Israel diesen Anweisungen nicht gehorcht hatte, kündigt Gott an, dass die verbliebenen Völker zu einer Belastung und ihre Götter zu einer Gefahr werden würden. Dieser spätere Bericht liefert eine ausdrückliche geistliche Bewertung der Entwicklung. Er erlaubt jedoch nicht, ohne weitere Belege jede einzelne unvollständige Eroberung auf denselben persönlichen Fehler zurückzuführen.
Bereits unter Mose hatte Gott außerdem erklärt, dass die Vertreibung der Bewohner Kanaans nicht überall auf einmal geschehen sollte. Nach 2. Mose 23,29–30 wollte er die Völker schrittweise vertreiben, damit das Land nicht verwüstet würde und sich die wilden Tiere nicht übermäßig vermehrten. Diese Ankündigung zeigt, dass eine schrittweise Besitznahme grundsätzlich Bestandteil der göttlichen Führung sein konnte. Sie darf jedoch nicht mit der späteren Duldung verbotener religiöser Einflüsse verwechselt werden. Zwischen einer von Gott vorgesehenen allmählichen Landnahme und einem dauerhaften Verzicht auf die Erfüllung seiner Anweisungen besteht ein wesentlicher Unterschied. Josua 15,63 beschreibt einen verbliebenen Zustand, ohne dessen Ursachen bereits vollständig zu erklären.
Auch der abschließende Ausdruck „bis auf diesen Tag“ verdient Beachtung. Er begegnet im Alten Testament wiederholt, wenn ein Erzähler einen Zustand oder eine Erinnerung beschreibt, die zur Zeit seiner Darstellung noch bestand. In Josua 15,63 bedeutet er deshalb zunächst, dass die Jebusiter zum Zeitpunkt dieser Aussage weiterhin gemeinsam mit Judäern in Jerusalem wohnten. Die Formulierung ist kein Hinweis darauf, dass derselbe politische oder ethnische Zustand bis in die Gegenwart unverändert fortbestehen müsse. Ebenso wenig lässt sich aus ihr allein das genaue Entstehungsjahr des gesamten Josuabuches bestimmen. Sie bewahrt vielmehr eine zeitgebundene Feststellung über die Verhältnisse Jerusalems innerhalb der überlieferten Darstellung.
Eine entscheidende Veränderung wird erst in der Geschichte Davids beschrieben. Nach 2. Samuel 5,6–9 zog David mit seinen Männern gegen Jerusalem, wo die Jebusiter noch eine befestigte Stellung hielten. Die Bewohner waren offenbar von der Sicherheit ihrer Befestigung überzeugt und verspotteten Davids Versuch, die Stadt einzunehmen. David eroberte jedoch die Burg Zion, die anschließend als Stadt Davids bezeichnet wurde. Der Bericht schildert, wie David sich dort niederließ und die Befestigungen ausbaute. In 1. Chronik 11,4–9 wird dieselbe Eroberung ebenfalls beschrieben. Damit erhält die Geschichte Jerusalems einen neuen Abschnitt: Die Stadt, deren vollständige Besitznahme zur Zeit Josuas noch nicht gelungen war, wurde unter David zum königlichen Regierungssitz Israels.
Allerdings bedeutet auch Davids Einnahme der befestigten Stellung nicht, dass anschließend jeder Mensch jebusitischer Herkunft aus Jerusalem verschwunden wäre. Der spätere Bericht über Arauna, der in 2. Samuel 24,16–25 ausdrücklich als Jebusiter bezeichnet wird, zeigt, dass Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe auch noch während Davids Herrschaft in Verbindung mit Jerusalem standen. David erwarb von Arauna eine Tenne, um dort einen Altar für den HERRN zu errichten. Die Geschichte macht deutlich, dass politische Herrschaft und die Anwesenheit einzelner Angehöriger einer früheren Bevölkerungsgruppe nicht gleichgesetzt werden dürfen. Die Einnahme einer Stadt konnte ihre Machtverhältnisse grundlegend verändern, ohne zwangsläufig zur vollständigen Entfernung aller bisherigen Bewohner zu führen.
Gerade diese spätere Entwicklung hilft, Josua 15,63 angemessen einzuordnen. Jerusalem war bereits zur Zeit der Landverteilung ein bedeutender Ort, dessen Herrscher in den Eroberungsberichten genannt wurde. Dennoch blieb die Stadt zunächst unter starkem jebusitischem Einfluss. Erst viel später wurde sie zum Regierungssitz Davids und schließlich zum Ort des von Salomo erbauten Tempels (1. Könige 6–8). Diese Entwicklung zeigt, dass die Geschichte Jerusalems nicht mit einer einzigen militärischen Handlung vollständig erklärt werden kann. Zwischen der ersten Landzuteilung und der späteren Stellung als Hauptstadt liegen zahlreiche geschichtliche Ereignisse und Veränderungen.
Der letzte Vers von Josua 15 besitzt damit auch eine wichtige literarische Funktion. Das Kapitel hatte mit der Bestimmung der Grenzen begonnen und anschließend zahlreiche Städte nach Landschaftsgruppen aufgeführt. Dazwischen standen die erfolgreichen Unternehmungen Kalebs und Otniels, die zeigten, wie das zugesprochene Erbteil durch entschlossenes Handeln tatsächlich in Besitz genommen werden konnte. Am Ende erscheint jedoch Jerusalem als Gegenbeispiel einer noch nicht abgeschlossenen Aufgabe. Die Landverteilung ist sorgfältig beschrieben, doch der tatsächliche Zustand des Landes entspricht noch nicht überall der zugesprochenen Ordnung.
Diese Spannung begegnet auch in anderen Teilen des Josuabuches. In Josua 16,10 wird berichtet, dass die Ephraimiter die Kanaaniter in Geser nicht vertrieben. Josua 17,12–13 schildert ähnliche Schwierigkeiten bei den Nachkommen Manasses. In diesen Berichten zeigt sich ein wiederkehrender Unterschied zwischen dem zugesprochenen Erbteil und der vollständigen Durchsetzung der israelitischen Herrschaft. Das Buch verschweigt die bestehenden Schwierigkeiten nicht, obwohl es zuvor von großen Siegen und der Erfüllung göttlicher Verheißungen berichtet hatte. Gerade dadurch entsteht ein differenziertes Bild der Landnahme.
Für das Verständnis von Gottes Verheißungen ist dieser Unterschied wesentlich. Die Zusage des Landes an Abraham und seine Nachkommen wurde durch die Landverteilung auf konkrete Weise verwirklicht. Israel erhielt Stammesgebiete, Städte und die Möglichkeit, sich dauerhaft im Land niederzulassen. Gleichzeitig blieben Aufgaben bestehen, deren Erfüllung sich über weitere Generationen erstreckte. Josua 21,43–45 wird später ausdrücklich bekennen, dass Gott Israel das verheißene Land gegeben und seine Zusagen erfüllt hatte. Diese zusammenfassende Würdigung hebt die Berichte über noch verbliebene Bewohner jedoch nicht auf. Sie betrachtet die Treue Gottes zur Landverheißung, während Josua 15,63 einen konkreten Bereich beschreibt, in dem die tatsächliche Besitznahme noch nicht abgeschlossen war.
Der Abschluss des Kapitels bewahrt deshalb eine wichtige Erkenntnis: Ein zugesprochenes Erbteil und seine vollständige Nutzung sind nicht dasselbe. Die Nachkommen Judas hatten ihre Grenzen und Städte erhalten, doch Jerusalem blieb eine offene Aufgabe. Der Text stellt diese Tatsache fest, ohne sie zu beschönigen oder ihre Ursachen durch unbelegte Erklärungen zu ersetzen. Zugleich führt er den Leser auf die weitere Geschichte Israels hin, in der die ungelösten Verhältnisse Jerusalems noch einmal entscheidende Bedeutung gewinnen sollten.
So endet Josua 15 nicht mit der Vorstellung einer vollkommen abgeschlossenen Landnahme, sondern mit einem realistischen Blick auf das bisher Erreichte und das noch Ausstehende. Gottes Zusagen hatten Bestand, doch die Geschichte ihrer Verwirklichung war noch nicht zu Ende.
Geistliche Kernbotschaft
Josua 15 zeigt, wie Gottes Verheißung an Israel eine konkrete Gestalt annimmt. Was Gott Abraham und seinen Nachkommen zugesagt hatte, wird nun durch die Verteilung des Landes in die Lebenswirklichkeit der einzelnen Stämme und Familien übertragen. Grenzen werden festgelegt, Städte zugeordnet und Gebiete beschrieben, die künftig bewohnt und bewirtschaftet werden sollen. Die ausführlichen Ortsverzeichnisse machen deutlich, dass Gottes Handeln nicht nur große geschichtliche Ereignisse betrifft. Seine Zusagen reichen bis in die Lebensverhältnisse der Menschen hinein, die innerhalb des verheißenen Landes ihren Platz erhalten.
Die Grundlage dieser Landverteilung liegt nicht in der eigenen Leistung Israels. Gott hatte Abraham das Land verheißen, lange bevor dessen Nachkommen als Volk existierten (1. Mose 12,7; 15,18–21). Auch Mose hatte Israel daran erinnert, dass es das Land nicht aufgrund seiner eigenen Gerechtigkeit erhielt (5. Mose 9,4–6). Die Zuteilung Judas steht deshalb innerhalb der Geschichte göttlicher Treue. Israel durfte empfangen, was Gott zugesagt hatte, war aber zugleich dafür verantwortlich, mit diesem Erbteil nach seinen Anweisungen umzugehen.
Die Geschichte Kalebs macht diesen Zusammenhang besonders anschaulich. Jahrzehnte zuvor hatte er auf Gottes Verheißung vertraut, obwohl die Enakiter und ihre befestigten Städte vielen Israeliten unüberwindbar erschienen. Nun stellt er sich gerade diesen Gegnern und vertreibt sie aus Hebron. Seine Zuversicht beruhte nicht darauf, dass die Schwierigkeiten gering gewesen wären. Er kannte die Stärke der Bewohner und rechnete dennoch mit Gottes Beistand. Zwischen seiner früheren Entscheidung und der tatsächlichen Einnahme des Gebietes lag eine lange Zeit des Wartens. Seine Geschichte zeigt damit eine Treue, die nicht von einer schnellen Erfüllung abhängig war.
Gleichzeitig beschränkt sich das Kapitel nicht auf militärischen Mut. Die Bitte Achsas um Wasserquellen lenkt den Blick auf eine andere Form verantwortlichen Handelns. Sie hatte Land erhalten, erkannte aber, dass dieses ohne ausreichende Wasserversorgung nur eingeschränkt genutzt werden konnte. Deshalb wandte sie sich mit einem begründeten Anliegen an ihren Vater. Kaleb ging darauf ein und gewährte ihr die erbetenen Quellen. Die Begebenheit zeigt, dass die Besitznahme des Landes auch Umsicht, Planung und die Berücksichtigung alltäglicher Bedürfnisse erforderte. Das von Gott zugesprochene Erbteil sollte nicht nur eingenommen, sondern als Lebensraum gestaltet werden.
Eine weitere Seite dieser Verantwortung wird durch die Städteverzeichnisse sichtbar. Hinter den vielen Ortsnamen stehen nicht nur Grenzen und Besitzansprüche, sondern zahlreiche Familien und Gemeinschaften. Die Städte des Südlandes, der Schephela, der Küstenebene, des Gebirges und der Wüste unterschieden sich erheblich in ihren natürlichen Voraussetzungen. Dennoch gehörten sie alle zum Erbteil Judas. Nicht jeder Ort hatte dieselbe wirtschaftliche Bedeutung oder wurde später zum Schauplatz bekannter biblischer Ereignisse. Das Kapitel zeigt damit, dass die Geschichte des Volkes Gottes nicht nur aus dem Handeln seiner herausragenden Führer bestand. Auch die Versorgung und das Zusammenleben der vielen weniger bekannten Familien gehörten zur Verwirklichung der Landverheißung.
Gerade deshalb ist der letzte Vers bedeutsam. Trotz der ausführlichen Landzuteilung konnten die Jebusiter nicht aus Jerusalem vertrieben werden. Der Bericht verschweigt diesen unvollständigen Zustand nicht. Das zugesprochene Land war noch nicht überall tatsächlich in israelitischer Hand. Die Verheißung Gottes und ihre vollständige geschichtliche Umsetzung werden dadurch voneinander unterschieden. Diese Spannung hebt Gottes Treue nicht auf, erinnert aber daran, dass die Übernahme des Erbteils weitere Aufgaben mit sich brachte.
Die geistliche Kernbotschaft des Kapitels liegt somit im Zusammenspiel von göttlicher Zusage und menschlicher Verantwortung. Gott hatte Israel das Land verheißen und den Weg zu seiner Verteilung eröffnet. Kaleb vertraute auf diese Zusage und handelte entsprechend. Achsa sorgte dafür, dass das empfangene Land sinnvoll genutzt werden konnte. Die Städteverzeichnisse zeigen die Breite des zugesprochenen Erbteils, während Jerusalem daran erinnert, dass noch nicht jede Aufgabe erfüllt war.
Auch im weiteren Zeugnis der Bibel bleiben Gottes Treue und der Gehorsam seiner Menschen eng miteinander verbunden. Seine Zusagen sind zuverlässig, doch sie machen verantwortliches Handeln nicht bedeutungslos. Josua 15 ermutigt deshalb nicht zu einer unbegründeten Erwartung, jedes persönliche Vorhaben müsse gelingen. Es zeigt vielmehr, dass Vertrauen auf Gott dort Gestalt gewinnt, wo Menschen seine Anweisungen ernst nehmen, ihre Aufgaben wahrnehmen und auch unter schwierigen Bedingungen an seiner Treue festhalten.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Die Landverteilung in Josua 15 steht in unmittelbarer Verbindung zu den Verheißungen Gottes an Abraham. Bereits in 1. Mose 12,7 hatte Gott angekündigt, Abrahams Nachkommen das Land Kanaan zu geben. In 1. Mose 15,18–21 wurde diese Zusage im Zusammenhang mit einem Bund bekräftigt und durch geografische Angaben näher beschrieben. Gleichzeitig erklärte Gott, dass die Nachkommen Abrahams zunächst in einem fremden Land leben und erst später zurückkehren würden. Die Landverteilung unter Josua bildet einen entscheidenden Abschnitt dieser langen Entwicklung. Was zunächst als Verheißung an einen einzelnen Mann ausgesprochen wurde, erhält nun durch die Zuteilung an die Stämme Israels eine sichtbare geschichtliche Gestalt.
Eine weitere wichtige Verbindung besteht zu 4. Mose 26,52–56 und 34,1–29. Dort hatte Gott bereits festgelegt, dass das Land nach der Größe der Stämme und durch das Los verteilt werden sollte. Außerdem wurden die Grenzen Kanaans beschrieben und Männer bestimmt, die bei der Verteilung Verantwortung tragen sollten. Josua 15 zeigt die praktische Umsetzung dieser Anordnungen. Besonders die Südgrenze Judas stimmt in ihren wesentlichen Orientierungspunkten mit 4. Mose 34,3–5 überein. Die Wüste Zin, Kadesch-Barnea, Azmon und der Bach Ägyptens erscheinen in beiden Beschreibungen. Die Landverteilung erfolgt damit nicht aufgrund einer neu erfundenen Ordnung, sondern knüpft an die Anweisungen an, die Israel bereits während seiner Wanderung erhalten hatte.
Die Geschichte Kalebs verbindet Josua 15 mit der Aussendung der Kundschafter in 4. Mose 13–14. Damals hatten die Enakiter und die befestigten Städte Kanaans bei der Mehrheit der Kundschafter große Furcht ausgelöst. Kaleb hatte sich gemeinsam mit Josua gegen die entmutigende Beurteilung gestellt und das Volk aufgefordert, auf Gottes Verheißung zu vertrauen. Nach 4. Mose 14,24 erhielt Kaleb deshalb eine besondere Zusage. Josua 14,6–15 greift diese Geschichte wieder auf, als Kaleb im Alter von fünfundachtzig Jahren sein Erbteil verlangt. Josua 15,13–14 berichtet schließlich von der Vertreibung der Enakiter aus Hebron. Die drei Abschnitte zeigen eine zusammenhängende Entwicklung von der ursprünglichen Glaubensentscheidung über die bestätigte Verheißung bis zur tatsächlichen Besitznahme.
Die Einnahme Hebrons und Debirs steht außerdem mit Josua 10,36–39 und Richter 1,10–15 in Verbindung. Josua 10 beschreibt beide Städte innerhalb der südlichen Eroberungsfeldzüge. Josua 15 berichtet später von Kalebs Vorgehen gegen Hebron und von Otniels Einnahme Debirs. Richter 1 überliefert die Ereignisse um Kaleb, Otniel und Achsa erneut. Die verschiedenen Darstellungen müssen im Hinblick auf ihre zeitliche und erzählerische Perspektive unterschieden werden. Eine militärische Einnahme, die anschließende Sicherung eines Gebietes und eine spätere zusammenfassende Darstellung können verschiedene Aspekte derselben Landnahmegeschichte betreffen. Ob sämtliche Berichte auf unterschiedliche Kampfphasen zurückgehen oder zum Teil dieselben Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln schildern, lässt sich nicht vollständig klären.
Otniel begegnet später in Richter 3,7–11 als Befreier Israels. Als das Volk unter die Herrschaft Kuschan-Rischataims geraten war, erweckte Gott Otniel als Richter. Der Geist des HERRN kam über ihn, und Israel wurde aus seiner Bedrängnis befreit. Damit erhält die kurze Erwähnung Otniels in Josua 15 eine weiterführende geschichtliche Bedeutung. Der Mann, der Debir eingenommen hatte, übernahm später eine größere Verantwortung für das Volk. Die beiden Berichte zeigen unterschiedliche Aufgaben innerhalb seines Lebens, ohne ausdrücklich zu behaupten, dass seine erste militärische Leistung bereits die spätere Berufung zum Richter garantierte.
Die Geschichte Achsas in Josua 15,16–19 wird in Richter 1,12–15 nahezu vollständig wiederholt. Besonders ihre Bitte um Wasserquellen erhält dadurch eine doppelte Überlieferung. Beide Texte betonen den Zusammenhang zwischen dem erhaltenen Land und der benötigten Wasserversorgung. Die Begebenheit erinnert daran, dass die Landnahme nicht allein aus der Einnahme befestigter Städte bestand. Für eine dauerhafte Niederlassung waren Quellen, Felder und geeignete Lebensbedingungen ebenso wichtig. Eine thematische Verbindung besteht zu den Landverheißungen in 5. Mose 8,7–10, wo Mose das verheißene Land als ein Gebiet beschreibt, dessen Wasser und Erträge zur Versorgung seiner Bewohner dienen sollten. Die Landschaft Judas war zwar nicht überall gleich fruchtbar, doch auch die Nutzung ihrer trockeneren Gebiete erforderte eine ausreichende Versorgung.
Die Ortsverzeichnisse Judas lassen sich besonders mit Josua 19,1–9 vergleichen. Dort erhält der Stamm Simeon sein Erbteil innerhalb des Gebietes Judas. Als Grund nennt der Text ausdrücklich, dass der ursprüngliche Anteil Judas für diesen Stamm zu groß war. Zahlreiche Städte, die in Josua 15 aufgeführt werden, erscheinen deshalb später erneut in der Liste Simeons. Diese Verbindung zeigt, dass die anfänglichen Stammeszuweisungen und ihre weitere Aufteilung zusammengehören. Die doppelte Erwähnung einzelner Städte ist nicht automatisch ein Widerspruch, sondern kann unterschiedliche Schritte innerhalb der Landverteilung widerspiegeln.
Eine weitere Verbindung führt zu Josua 20–21. Dort werden Zufluchtsstädte bestimmt und Städte für die Leviten ausgewählt. Unter ihnen befinden sich mehrere Orte, die bereits in Josua 15 genannt wurden. Besonders Hebron erhält als Zufluchtsstadt eine zusätzliche Aufgabe. Gleichzeitig bestätigt Josua 21,12, dass die Felder und Dörfer Hebrons Kaleb als Erbteil verblieben. Auch Debir, Jatthir, Holon, Esthemo und Jutta gehören zu den Städten, die später den Priestern zugewiesen werden. Die ursprüngliche Zugehörigkeit dieser Orte zu Juda und ihre besondere Verwendung für die Leviten schließen sich somit nicht aus. Die Landverteilung bildet vielmehr die Grundlage für weitere Regelungen innerhalb der Gemeinschaft Israels.
Die Küstenstädte Ekron, Asdod und Gaza verbinden Josua 15 mit Josua 13,1–7 und den späteren Berichten über die Philister. Josua 13 bezeichnet ausdrücklich Gebiete, die noch nicht vollständig unter israelitischer Herrschaft standen. Trotzdem sollten sie bei der Verteilung des Landes berücksichtigt werden. Richter 1,18–19 schildert anschließend sowohl militärische Erfolge Judas als auch Schwierigkeiten bei der Vertreibung der Bewohner der Ebene. Besonders die abweichende griechische Überlieferung von Richter 1,18 macht deutlich, dass dieser Abschnitt sorgfältig untersucht werden muss. Die biblischen Aussagen lassen erkennen, dass ein zugesprochenes Gebiet nicht zwangsläufig bereits dauerhaft beherrscht wurde. Diese Unterscheidung wird durch die spätere Geschichte der Philisterstädte bestätigt.
Auch die Geschichte Jerusalems besitzt mehrere wichtige Verbindungen. Josua 10,1–27 beschreibt den Sieg Israels über Adoni-Zedek, den König von Jerusalem. Josua 15,63 berichtet dagegen, dass die Jebusiter weiterhin in der Stadt wohnten. Richter 1,8 erzählt von einer Einnahme Jerusalems durch Juda, während Richter 1,21 festhält, dass Benjamin die Jebusiter nicht vertreiben konnte. Erst 2. Samuel 5,6–9 beschreibt Davids Einnahme der befestigten Stellung Zion. Diese Stellen zeigen, dass die Geschichte Jerusalems nicht auf einen einzigen Eroberungsbericht reduziert werden darf. Der Sieg über einen König, die militärische Einnahme einer Stadt und die dauerhafte Kontrolle über ihre Befestigungen sind unterschiedliche Vorgänge. Die genaue zeitliche Abfolge aller Ereignisse bleibt in Einzelheiten offen.
Besonders weit reicht die Verbindung zwischen der Landverteilung und der späteren Bedeutung Bethlehems. In der griechischen Septuaginta findet sich nach Josua 15,59 eine zusätzliche Gruppe von elf Städten, zu denen Ephrata beziehungsweise Bethlehem gehört. Diese Liste fehlt im masoretischen hebräischen Text und damit auch in der Schlachter 1951. Unabhängig von dieser textkritischen Frage ist Bethlehem durch andere biblische Stellen eindeutig mit Juda verbunden. Das Buch Ruth berichtet von der Familiengeschichte, aus der David hervorging. In 1. Samuel 16 wird David in Bethlehem zum König gesalbt. Micha 5,1 kündigt dort den zukünftigen Herrscher Israels an, und Matthäus 2,1–6 verbindet diese Verheißung mit der Geburt Jesu Christi. Die geschichtliche Bedeutung Bethlehems ist deshalb nicht von der Entscheidung abhängig, ob die zusätzliche griechische Städtegruppe zum ursprünglichen Text von Josua 15 gehörte.
Schließlich führt eine weiterreichende Verbindung zum Thema der göttlichen Ruhe. 5. Mose 12,9–10 hatte Israel angekündigt, dass Gott das Volk in sein Erbteil führen und ihm Ruhe vor seinen Feinden geben würde. Josua 21,43–45 bekennt später ausdrücklich, dass Gott Israel das verheißene Land gegeben und seine Zusagen erfüllt hatte. Dennoch zeigen Josua 15,63 und weitere Berichte, dass die vollständige Besitznahme noch nicht überall abgeschlossen war. Hebräer 4,8–11 greift die Geschichte Josuas auf und erklärt, dass die mit dem Einzug ins Land verbundene Ruhe nicht die letzte Erfüllung dessen war, was Gott seinem Volk verheißen hatte. Die dort beschriebene bleibende Ruhe besitzt eine weitergehende geistliche Bedeutung. Dabei darf die konkrete geschichtliche Landverteilung Israels nicht einfach aufgelöst oder mit jeder späteren geistlichen Erfahrung gleichgesetzt werden. Vielmehr zeigt die Verbindung, dass Gottes Heilswerk über die damalige Besitznahme Kanaans hinausweist.
Wichtige Lektionen
Gottes Zusagen bleiben zuverlässig, auch wenn ihre Erfüllung Zeit benötigt. Zwischen der Verheißung an Abraham und der tatsächlichen Landverteilung lagen viele Generationen. Auch Kaleb musste lange warten, bevor er das ihm zugesagte Hebron erhielt. Die Verzögerung bedeutete jedoch nicht, dass Gottes Wort seine Gültigkeit verloren hatte. Josua 15 zeigt, dass sich Gottes Treue nicht allein an der Geschwindigkeit messen lässt, mit der eine Verheißung sichtbar wird.
Vertrauen auf Gott schließt entschlossenes Handeln ein. Kaleb erhielt sein Erbteil aufgrund einer göttlichen Zusage, musste sich den verbliebenen Gegnern aber dennoch stellen. Er wusste, dass Hebron mit starken Bewohnern verbunden war. Sein Handeln zeigt, dass Vertrauen nicht darin bestand, die Schwierigkeiten zu leugnen, sondern Gottes Führung auch angesichts dieser Schwierigkeiten ernst zu nehmen. Daraus folgt allerdings keine allgemeine Garantie, dass jeder selbst gewählte Kampf erfolgreich sein wird. Kaleb handelte auf der Grundlage einer ausdrücklichen göttlichen Verheißung.
Ein empfangenes Erbteil bringt Verantwortung mit sich. Die Verteilung des Landes beendete nicht sämtliche Aufgaben Israels. Städte mussten gesichert, Gebiete bewohnt und die Lebensgrundlagen der Familien geordnet werden. Die Zuteilung war der Anfang einer dauerhaften Niederlassung, nicht bereits deren vollständiger Abschluss. Das Kapitel zeigt deshalb, dass eine erhaltene Gabe auch einen verantwortlichen Umgang mit ihr verlangt.
Praktische Bedürfnisse dürfen ernst genommen werden. Achsa erkannte, dass das ihr zugesprochene Land ohne ausreichende Wasserquellen nur eingeschränkt nutzbar war. Sie brachte dieses Anliegen offen vor und erhielt Unterstützung. Ihre Geschichte macht deutlich, dass Umsicht und die Bitte um notwendige Hilfe keinen Gegensatz zu Dankbarkeit bilden. Gerade wer eine Aufgabe sorgfältig erfüllen möchte, muss auch die tatsächlichen Voraussetzungen dafür berücksichtigen.
Gottes Handeln betrifft nicht nur bekannte Persönlichkeiten. Die langen Städteregister nennen zahlreiche Orte, deren Geschichte heute kaum noch bekannt ist. Dennoch gehörten sie zum Erbteil des Volkes. Hinter ihnen standen Familien, deren Alltag ebenso Teil der Geschichte Israels war wie die Taten Kalebs oder Otniels. Die Bedeutung eines Menschen oder eines Ortes lässt sich deshalb nicht allein daran messen, wie ausführlich später über ihn berichtet wird.
Große Erfolge dürfen noch bestehende Schwierigkeiten nicht verdecken. Josua 15 enthält die erfolgreiche Einnahme Hebrons und Debirs, endet jedoch mit den Jebusitern, die weiterhin in Jerusalem wohnen. Der Bericht hält beide Tatsachen nebeneinander fest. Weder werden die bisherigen Erfolge geringgeschätzt noch wird die noch nicht abgeschlossene Aufgabe verschwiegen. Eine sachliche Beurteilung erkennt an, was erreicht wurde, ohne offene Probleme zu leugnen.
Biblische Aussagen müssen in ihrem jeweiligen Zusammenhang verstanden werden. Besonders die Berichte über Jerusalem zeigen, wie wichtig es ist, zwischen einer militärischen Niederlage des Königs, der Einnahme einer Stadt und ihrer dauerhaften Beherrschung zu unterscheiden. Auch die verschiedenen Städtezahlen und Textüberlieferungen verlangen sorgfältiges Lesen. Nicht jede offene Frage lässt sich eindeutig beantworten. Eine gewissenhafte Auslegung hält deshalb fest, was die Schrift ausdrücklich sagt, und unterscheidet davon mögliche historische Erklärungen.
Die Erfüllung göttlicher Verheißungen bedeutet nicht, dass menschliche Entscheidungen bedeutungslos werden. Gott hatte Israel das Land zugesagt, und dennoch blieb das Volk verantwortlich, seine Anweisungen zu beachten. Spätere biblische Berichte zeigen, welche Schwierigkeiten entstanden, als Israel diese Verantwortung vernachlässigte. Josua 15 führt damit eine Spannung vor Augen, die für das Verständnis vieler biblischer Geschichten wichtig ist: Gottes Treue bleibt bestehen, während das Handeln seiner Menschen wirkliche Folgen hat.
Das Kapitel verbindet so die Gewissheit der göttlichen Verheißung mit den konkreten Anforderungen des Lebens. Judas Erbteil war festgelegt, viele Städte waren zugeordnet, und einzelne Gebiete konnten erfolgreich eingenommen werden. Dennoch blieb die Landnahme unvollendet. Die entscheidende Lektion liegt darin, Gottes Zusagen ernst zu nehmen und zugleich die eigenen Aufgaben mit Treue, Umsicht und Verantwortungsbewusstsein wahrzunehmen.