Johannes 1
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
51 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
- 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott.
- 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
- 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
- 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen.
- 6 Es ward ein Mensch von Gott gesandt, der hieß Johannes.
- 7 Dieser kam zum Zeugnis, daß er von dem Licht zeugte, auf daß sie alle durch ihn glaubten.
- 8 Er war nicht das Licht, sondern daß er zeugte von dem Licht.
- 9 Das war das wahrhaftige Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.
- 10 Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt kannte es nicht.
- 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.
- 12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, die an seinen Namen glauben;
- 13 welche nicht von dem Geblüt noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.
- 14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
- 15 Johannes zeugt von ihm, ruft und spricht: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich.
- 16 Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.
- 17 Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden.
- 18 Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat es uns verkündigt.
- 19 Und dies ist das Zeugnis des Johannes, da die Juden sandten von Jerusalem Priester und Leviten, daß sie ihn fragten: Wer bist du?
- 20 Und er bekannte und leugnete nicht; und er bekannte: Ich bin nicht Christus.
- 21 Und sie fragten ihn: Was denn? Bist du Elia? Er sprach: Ich bin's nicht. Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein!
- 22 Da sprachen sie zu ihm: Was bist du denn? Daß wir Antwort geben denen, die uns gesandt haben. Was sagst du von dir selbst?
- 23 Er sprach: Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Richtet den Weg des HERRN! wie der Prophet Jesaja gesagt hat.
- 24 Und die gesandt waren, die waren von den Pharisäern.
- 25 Und sie fragten ihn und sprachen zu ihm: Warum taufst du denn, so du nicht Christus bist noch Elia noch der Prophet?
- 26 Johannes antwortete ihnen und sprach: Ich taufe mit Wasser; aber er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennt.
- 27 Der ist's, der nach mir kommen wird, welcher vor mir gewesen ist, des ich nicht wert bin, daß ich seine Schuhriemen auflöse.
- 28 Dies geschah zu Bethabara jenseit des Jordans, wo Johannes taufte.
- 29 Des andern Tages sieht Johannes Jesum zu ihm kommen und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt!
- 30 Dieser ist's, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, welcher vor mir gewesen ist; denn er war eher denn ich.
- 31 Und ich kannte ihn nicht; sondern auf daß er offenbar würde in Israel, darum bin ich gekommen, zu taufen mit Wasser.
- 32 Und Johannes zeugte und sprach: Ich sah, daß der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm.
- 33 Und ich kannte ihn nicht; aber der mich sandte, zu taufen mit Wasser, der sprach zu mir: Auf welchen du sehen wirst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, der ist's, der mit dem heiligen Geist tauft.
- 34 Und ich sah es und zeugte, daß dieser ist Gottes Sohn.
- 35 Des andern Tages stand abermals Johannes und zwei seiner Jünger.
- 36 Und als er Jesum sah wandeln, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!
- 37 Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesu nach.
- 38 Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was suchet ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Meister, wo bist du zur Herberge?
- 39 Er sprach zu ihnen: Kommt und sehet's! Sie kamen und sahen's und blieben den Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.
- 40 Einer aus den zweien, die von Johannes hörten und Jesus nachfolgten, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus.
- 41 Der findet am ersten seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden (welches ist verdolmetscht: der Gesalbte),
- 42 und führte ihn zu Jesu. Da ihn Jesus sah, sprach er: Du bist Simon, Jona's Sohn; du sollst Kephas (Fels) heißen.
- 43 Des andern Tages wollte Jesus wieder nach Galiläa ziehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach!
- 44 Philippus aber war von Bethsaida, aus der Stadt des Andreas und Petrus.
- 45 Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von welchem Moses im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesum, Joseph's Sohn von Nazareth.
- 46 Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann von Nazareth Gutes kommen? Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh es!
- 47 Jesus sah Nathanael zu sich kommen und spricht von ihm: Siehe, ein rechter Israeliter, in welchem kein Falsch ist.
- 48 Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Ehe denn dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.
- 49 Nathanael antwortete und spricht zu ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!
- 50 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, daß ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum; du wirst noch Größeres denn das sehen.
- 51 Und spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Von nun an werdet ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf und herab fahren auf des Menschen Sohn.
Kapitelüberblick
Noch bevor Jesus öffentlich zu wirken beginnt, offenbart Johannes seine einzigartige Herkunft. Er stellt ihn als das ewige Wort vor, das von Anfang an bei Gott war und selbst Gott ist. Durch dieses Wort wurde alles geschaffen. In ihm liegt das Leben, das den Menschen Licht bringt. Doch obwohl er in die Welt kommt, erkennen ihn viele nicht. Wer ihn dagegen aufnimmt und an ihn glaubt, erhält das Recht, ein Kind Gottes zu werden. In Jesus Christus wird Gottes Herrlichkeit sichtbar, voller Gnade und Wahrheit.
Anschließend berichtet Johannes vom Zeugnis Johannes des Täufers, der Jesus als das Lamm Gottes bezeichnet, das die Sünde der Welt wegnimmt. Die ersten Menschen beginnen, Jesus nachzufolgen, und führen weitere zu ihm. Andreas bringt seinen Bruder Simon, Philippus begegnet Nathanael. Aus anfänglichen Fragen wächst die Erkenntnis, dass Jesus der verheißene Messias ist. Das Kapitel endet mit Jesu Ankündigung, dass seine Jünger noch Größeres sehen werden.
Einführung
Das vierte Evangelium unterscheidet sich bereits in seinem Aufbau von den anderen drei Evangelien. Während Matthäus, Markus und Lukas das Leben Jesu mit unterschiedlichen geschichtlichen Ausgangspunkten darstellen, beginnt Johannes mit einer feierlichen Einleitung, die an die ersten Worte der Bibel erinnert. Die Formulierung „Im Anfang“ greift bewusst die Sprache von 1. Mose 1,1 auf. Dieser Zusammenhang ist für das Verständnis der ersten Verse wichtig, denn Johannes verwendet vertraute Worte aus der Schöpfungsgeschichte, um Aussagen über die Herkunft und Bedeutung Jesu zu entfalten.
Die ersten achtzehn Verse bilden einen besonderen Eingangsteil, der häufig als Prolog bezeichnet wird. Damit ist eine Einleitung gemeint, die den Leser auf die folgenden Ereignisse vorbereitet. Ihre Sprache ist dichter und gedanklich stärker verdichtet als die anschließende Erzählung. Ab Vers 19 treten konkrete Fragen, Gespräche und Begegnungen in den Vordergrund. Diese unterschiedliche Darstellungsweise hilft dabei, die einzelnen Aussagen in ihrem jeweiligen Zusammenhang zu verstehen.
Traditionell wird das Evangelium dem Apostel Johannes, dem Sohn des Zebedäus, zugeschrieben. Der Verfasser nennt sich im Text jedoch nicht ausdrücklich mit Namen, weshalb seine genaue Identität historisch diskutiert wird. Johannes der Täufer, dem wir in diesem Kapitel begegnen, ist davon zu unterscheiden.
Für die weiteren Gespräche ist außerdem die damalige jüdische Erwartung eines von Gott gesandten Retters von Bedeutung. Die Bezeichnung „Messias“ stammt aus dem Hebräischen und bedeutet „Gesalbter“. Das entsprechende griechische Wort lautet „Christus“. Auch die Erwartungen an Elia und an einen Propheten wie Mose hatten ihre Wurzeln in den alttestamentlichen Schriften. Mit diesem Hintergrund werden die Fragen verständlicher, die Johannes dem Täufer gestellt werden, und ebenso die Bedeutung der verschiedenen Titel, mit denen Jesus im Verlauf des Kapitels angesprochen wird.
Johannes 1,1–5
Das ewige Wort: Ursprung des Lebens und Licht der Menschen
Mit den Worten „Im Anfang war das Wort“ führt Johannes den Leser an einen Zeitpunkt zurück, der noch vor der Entstehung der Welt liegt. Entscheidend ist dabei das kleine Wort „war“. Johannes schreibt nicht, dass das Wort im Anfang geschaffen wurde oder damals erst zu existieren begann. Es war bereits da, als die Schöpfung ihren Anfang nahm. Während alles Geschaffene einen Ursprung hat, beschreibt Johannes das Wort als jemanden, der schon vor diesem Ursprung existierte. Wen er damit meint, erklärt er im weiteren Verlauf seiner Einleitung: Das Wort ist Jesus Christus, der später Mensch wurde und unter den Menschen lebte (Johannes 1,14).
Die Bezeichnung „Wort“ stammt vom griechischen Ausdruck Logos. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch konnte damit ein gesprochenes Wort, eine Aussage oder ein Gedanke gemeint sein. Johannes verwendet diesen Begriff jedoch für eine Person. Um seine Bedeutung zu verstehen, hilft ein Blick auf die Schöpfungsgeschichte. Dort spricht Gott, und durch sein Wort geschieht, was er befiehlt. So beginnt die Entstehung des Lichts mit Gottes Ausspruch: „Es werde Licht!“ (1. Mose 1,3). Auch Psalm 33,6 verbindet die Erschaffung des Himmels mit dem Wort des HERRN. Johannes führt diesen Gedanken weiter, indem er das göttliche Wort nicht nur als gesprochenen Befehl beschreibt. Er stellt Jesus als den vor, durch den Gott handelt und sich den Menschen offenbart. Jesus überbringt damit nicht lediglich eine Botschaft Gottes. In ihm begegnet uns derjenige, durch den Gott seinen Willen wirksam werden lässt und sein Wesen erkennbar macht.
Anschließend folgen zwei Aussagen, die unbedingt zusammengehören: Das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott (Johannes 1,1). Die erste Aussage beschreibt eine wirkliche Beziehung. Das Wort ist bei Gott und wird damit von dem unterschieden, bei dem es sich befindet. Die zweite Aussage spricht dem Wort zugleich Göttlichkeit zu. Johannes beschreibt Jesus also weder als ein gewöhnliches Geschöpf noch als dieselbe Person wie den Vater. Im griechischen Grundtext wird diese Unterscheidung besonders deutlich. Die Formulierung „das Wort war Gott“ bezeichnet seine göttliche Wirklichkeit, ohne die zuvor genannte Beziehung zum Vater aufzuheben. Beide Aussagen müssen nebeneinander bestehen bleiben. Jesus ist von Gott, dem Vater, zu unterscheiden, und doch gehört er selbst zur göttlichen Wirklichkeit.
Vers 2 greift diese Beziehung noch einmal ausdrücklich auf: „Dieses war im Anfang bei Gott.“ Die Wiederholung ist bedeutsam, weil sie verhindert, dass die vorherigen Aussagen voneinander getrennt werden. Die göttliche Stellung Jesu hebt seine Beziehung zum Vater nicht auf. Ebenso bedeutet seine Beziehung zum Vater nicht, dass er erst irgendwann zu existieren begann. Später spricht Jesus selbst von der Herrlichkeit, die er beim Vater hatte, bevor die Welt bestand (Johannes 17,5). Damit bestätigt das Evangelium an einer weiteren Stelle, dass sein Leben nicht erst mit seiner Geburt auf der Erde begann. Seine Menschwerdung war der Eintritt des bereits existierenden Sohnes Gottes in die menschliche Geschichte.
Nun erklärt Johannes, welche Bedeutung das Wort für die gesamte Schöpfung besitzt: „Alles ist durch dasselbe entstanden; und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist“ (Johannes 1,3). Die Aussage ist bewusst umfassend. Johannes beschränkt das Wirken des Wortes weder auf die sichtbare Erde noch auf eine bestimmte Gruppe von Geschöpfen. Alles, was entstanden ist, verdankt seine Existenz dem göttlichen Schöpfungshandeln durch das Wort. Die zweite Satzhälfte bekräftigt diesen Gedanken, indem sie jede Ausnahme ausschließt. Nichts Geschaffenes ist unabhängig von ihm ins Dasein gekommen. Darin liegt zugleich ein entscheidender Hinweis auf seine eigene Stellung: Wenn alles, was geschaffen wurde, durch das Wort entstanden ist, kann das Wort selbst nicht einfach zu dieser Gesamtheit des Geschaffenen gehören.
Diese Aussage verbindet sich mit anderen neutestamentlichen Stellen. Paulus schreibt, dass durch Jesus Christus alle Dinge sind (1. Korinther 8,6). In Kolosser 1,16–17 wird Christus ebenfalls mit der Erschaffung aller Dinge verbunden und als derjenige beschrieben, der vor allem besteht. Die biblischen Aussagen führen damit nicht zu zwei voneinander unabhängigen Schöpfern. Vielmehr wird das Schöpfungshandeln Gottes ausdrücklich mit seinem Sohn verbunden. Der Vater ist der Ursprung aller Dinge, und durch den Sohn ist die Schöpfung geworden. Wer Jesus betrachtet, begegnet deshalb nicht nur einem Menschen, der außergewöhnliche Worte über Gott gesprochen hat, sondern demjenigen, durch den die Welt überhaupt ins Dasein gekommen ist.
Mit Vers 4 verlagert Johannes den Blick von der Entstehung aller Dinge auf das Leben selbst: „In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ Das Leben wird hier nicht als etwas beschrieben, das Jesus erst von außen empfangen oder den Menschen lediglich erklärt hätte. Es ist in ihm. Als Schöpfungsmittler steht er am Ursprung des geschaffenen Lebens. Doch Johannes denkt über das bloße biologische Dasein hinaus. Im weiteren Evangelium wird das Leben, das Jesus schenkt, eng mit der Gemeinschaft mit Gott und dem ewigen Leben verbunden. Jesus sagt später, dass er die Auferstehung und das Leben ist (Johannes 11,25). Das Leben in ihm umfasst damit mehr als die Fähigkeit, körperlich zu existieren. Er besitzt und vermittelt das Leben, das den Menschen mit Gott verbindet und über den Tod hinausreicht.
Dieses Leben bezeichnet Johannes zugleich als das Licht der Menschen. Licht macht sichtbar, was zuvor verborgen war, und ermöglicht Orientierung. In dieser Bildsprache beschreibt Johannes, was Jesus für Menschen bedeutet, die Gott aus eigener Erkenntnis nicht vollständig erfassen können. Durch Christus wird Gottes Wahrheit erkennbar. Seine Worte und sein Leben offenbaren, wer Gott ist und wie der Mensch zu ihm finden kann. Allerdings bedeutet diese Aussage nicht, dass alle Menschen dieses Licht bereits angenommen hätten. Johannes unterscheidet sorgfältig zwischen dem Licht, das von Christus ausgeht, und der menschlichen Antwort darauf. Diese Unterscheidung wird in den folgenden Versen noch eine entscheidende Rolle spielen.
In Vers 5 begegnet uns schließlich ein Gegensatz, der das gesamte Johannesevangelium prägt: „Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen.“ Mit Finsternis ist hier nicht einfach die Dunkelheit der Nacht gemeint. Johannes verwendet das Bild für die Gottesferne, die Unwissenheit über Gottes Wahrheit und das Leben unter der Macht der Sünde. Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang später in Johannes 3,19–21, wo Menschen das Licht meiden, weil ihre Werke böse sind. Die Finsternis beschreibt deshalb nicht eine bestimmte Volksgruppe oder einen äußerlich erkennbaren Teil der Menschheit. Sie bezeichnet den geistlichen Gegensatz zu Gottes Licht, der sich dort zeigt, wo Menschen seine Wahrheit ablehnen und sich von ihm abwenden.
Die letzten Worte dieses Verses verdienen besondere Aufmerksamkeit. Die Schlachter-Bibel von 1951 übersetzt, dass die Finsternis das Licht nicht „begriffen“ hat. Das griechische Wort kann jedoch auch bedeuten, etwas zu ergreifen, zu überwältigen oder in seine Gewalt zu bringen. Deshalb geben andere Übersetzungen den Gedanken so wieder, dass die Finsternis das Licht nicht überwinden konnte. Beide Bedeutungsrichtungen passen zum größeren Zusammenhang. Die Finsternis erkennt das Licht nicht, und zugleich vermag sie es nicht auszulöschen. Johannes legt nicht ausdrücklich fest, dass beide Bedeutungen gleichzeitig gemeint sein müssen. Doch die Mehrdeutigkeit macht verständlich, weshalb dieser Vers sowohl als Aussage über die fehlende Erkenntnis der Menschen als auch über die bleibende Kraft des göttlichen Lichts verstanden werden kann.
Auffällig ist außerdem, dass Johannes nicht nur von einem Licht spricht, das irgendwann einmal geleuchtet hat. Er sagt: Das Licht leuchtet. Mit dieser Formulierung beschreibt er seine fortdauernde Gegenwart und Wirksamkeit. Die Finsternis bildet einen wirklichen Gegensatz zum Licht, doch sie wird nicht als gleich mächtige Gegenkraft dargestellt. Das Licht hat seinen Ursprung in dem Wort, durch das alles geschaffen wurde und in dem das Leben ist. Seine Wirksamkeit hängt deshalb nicht davon ab, ob Menschen es erkennen oder willkommen heißen. Diese ersten fünf Verse legen damit die Grundlage für alles, was Johannes anschließend berichtet. Wenn nun ein menschlicher Zeuge auftritt und Menschen vor die Entscheidung gestellt werden, wie sie auf Jesus reagieren, geht es um ihre Begegnung mit dem Licht, dessen Ursprung Johannes gerade beschrieben hat.
Johannes 1,6–13
Das wahre Licht und die Kinder Gottes
Nachdem Johannes den ewigen Ursprung des Wortes beschrieben hat, führt er einen Menschen ein, dessen Aufgabe ganz anderer Art ist: „Es war ein Mensch, von Gott gesandt; sein Name war Johannes“ (Johannes 1,6). Gemeint ist Johannes der Täufer, der die Menschen auf das Kommen Jesu vorbereiten sollte. Der Evangelist stellt damit einen bewussten Gegensatz her. Während das Wort bereits vor der Schöpfung existierte, tritt Johannes als Mensch innerhalb der Geschichte auf. Dennoch handelt er nicht aus eigenem Auftrag. Gott hat ihn gesandt, damit durch sein Zeugnis Menschen auf den kommenden Retter aufmerksam werden. Seine Bedeutung liegt deshalb nicht in seiner eigenen Person, sondern in demjenigen, auf den er hinweist.
Vers 7 beschreibt diesen Auftrag genauer: Johannes kam, um von dem Licht Zeugnis abzulegen, damit alle durch ihn zum Glauben kommen sollten. Ein Zeuge berichtet von etwas, das er erkannt oder erfahren hat, damit andere seinem Zeugnis vertrauen können. Johannes sollte die Menschen nicht an sich selbst binden, sondern sie zu Jesus führen. Dabei ist die Formulierung „damit alle durch ihn glaubten“ bemerkenswert. Seine Botschaft war nicht auf eine kleine, vorher festgelegte Gruppe beschränkt. Sie sollte Menschen zum Glauben an Christus einladen. Das bedeutet allerdings nicht, dass alle tatsächlich glauben würden. Johannes beschreibt das Ziel des Zeugnisses, nicht bereits die Antwort jedes einzelnen Zuhörers.
Gerade weil Johannes der Täufer eine besondere Stellung einnahm, betont der Evangelist anschließend: „Nicht er war das Licht, sondern er sollte Zeugnis geben von dem Licht“ (Johannes 1,8). Diese Klarstellung ist wichtig, denn Johannes gewann viele Anhänger, und Menschen fragten sich, ob er möglicherweise selbst der verheißene Christus sei. Später erklärt der Täufer ausdrücklich, dass er nicht der Messias ist (Johannes 1,19–20). Auch Jesus spricht mit großer Anerkennung über ihn, unterscheidet ihn aber von dem, auf den seine Sendung vorbereitet (Matthäus 11,9–11). Ein von Gott berufener Zeuge kann eine bedeutende Aufgabe erfüllen, ohne selbst der Mittelpunkt der göttlichen Offenbarung zu sein. Johannes der Täufer besitzt seine Autorität durch Gottes Auftrag; Jesus dagegen ist derjenige, von dem das Zeugnis handelt.
Mit Vers 9 kehrt der Evangelist zu Christus zurück und bezeichnet ihn als „das wahrhaftige Licht, welches jeden Menschen erleuchtet“. Das Wort „wahrhaftig“ bedeutet hier nicht lediglich, dass Jesus die Wahrheit sagt, während andere Menschen lügen. Es hebt ihn als das eigentliche und vollkommene Licht hervor. Andere können Gottes Wahrheit bezeugen und weitergeben, doch Jesus besitzt eine einzigartige Stellung als ihr Offenbarer. Wenn Johannes sagt, dass dieses Licht jeden Menschen erleuchtet, beschreibt er die umfassende Bedeutung seines Kommens. Die Offenbarung Gottes in Christus ist nicht auf eine bestimmte Herkunft, gesellschaftliche Stellung oder religiöse Bildung begrenzt. Die Botschaft richtet sich an Menschen überall auf der Welt. Allerdings darf „erleuchtet jeden Menschen“ nicht mit der Aussage verwechselt werden, jeder Mensch habe Christus bereits erkannt oder sei unabhängig von seiner Antwort gerettet. Die folgenden Verse zeigen ausdrücklich, dass Menschen das Licht auch ablehnen können.
Am Ende von Vers 9 steht die Formulierung vom Kommen in die Welt. Der griechische Satz lässt sprachlich zwei Möglichkeiten zu: Entweder kommt das wahre Licht in die Welt, oder es erleuchtet jeden Menschen, der in die Welt kommt. Die erste Deutung passt besonders gut zu den unmittelbar folgenden Versen, die das Kommen Christi und die Reaktion der Menschen beschreiben. Für die Hauptaussage entsteht daraus kein grundlegender Unterschied. Jesus ist derjenige, durch den Gottes Wahrheit den Menschen zugänglich wird. Mit seinem Kommen beginnt nicht nur die Tätigkeit eines weiteren Propheten. Derjenige, auf den die bisherigen Zeugen hingewiesen haben, tritt selbst in die menschliche Geschichte ein.
Vers 10 beschreibt nun einen erschütternden Gegensatz: „Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe geworden, aber die Welt erkannte es nicht.“ Johannes verwendet das Wort „Welt“ hier in eng zusammengehörenden, aber unterschiedlichen Bedeutungen. Zunächst bezeichnet es den Lebensbereich, in dem Christus gegenwärtig ist. Dann erinnert es an die gesamte Schöpfung, die durch ihn entstanden ist. Schließlich spricht Johannes von der Menschheit, die ihren eigenen Schöpfer nicht erkennt. Gerade darin liegt die besondere Tragik dieser Aussage. Derjenige, durch den alles ins Dasein gekommen ist, begegnet Menschen, die ihn nicht als solchen erkennen. Johannes beschreibt damit nicht bloß einen Mangel an religiösem Wissen. Im weiteren Evangelium wird sichtbar, wie Gottes Offenbarung auf Unverständnis, falsche Erwartungen und bewussten Widerstand trifft.
Noch persönlicher wird diese Spannung in Vers 11: „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Im griechischen Grundtext verwendet Johannes zwei unterschiedliche Formen für das, was Jesus gehört. Zuerst ist von seinem eigenen Bereich die Rede, danach von seinen eigenen Menschen. Besonders naheliegend ist hier der Bezug auf Israel, das Volk, mit dem Gott eine besondere Bundesgeschichte begonnen hatte. Gott hatte Israel aus Ägypten geführt, ihm sein Gesetz anvertraut und durch die Propheten seine Verheißungen verkünden lassen. Zu diesen Verheißungen gehörte auch die Erwartung des Messias. Deshalb besaß Israel eine besondere Vorbereitung auf sein Kommen. Gerade dort, wo der verheißene Retter erwartet wurde, begegnete ihm jedoch auch Ablehnung.
Diese Aussage darf nicht als pauschale Verurteilung des jüdischen Volkes verstanden werden. Jesus selbst war Jude, ebenso Johannes der Täufer und die ersten Jünger. Auch viele weitere Menschen aus Israel nahmen ihn an. Der Evangelist beschreibt also keine ausnahmslose Haltung jedes einzelnen Israeliten. Er zeigt vielmehr den schmerzlichen Gegensatz zwischen Gottes langjähriger Vorbereitung seines Volkes und der Ablehnung, die Jesus tatsächlich erfuhr. Dabei ist der Unterschied zwischen den Versen 10 und 11 bedeutsam. Zuerst heißt es, dass die Welt ihn nicht erkannte. Anschließend wird gesagt, dass die Seinen ihn nicht aufnahmen. Das zweite geht über ein bloßes Nichterkennen hinaus. Es beschreibt die verweigerte Annahme dessen, der zu ihnen gekommen war.
Doch Johannes lässt die Erzählung nicht bei dieser Ablehnung stehen. Vers 12 eröffnet eine andere Möglichkeit: „Allen denen aber, die ihn aufnahmen, gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden.“ Die Einladung gilt damit jedem, der Jesus im Glauben annimmt. Seine Herkunft, seine bisherige Lebensgeschichte oder seine gesellschaftliche Stellung werden hier nicht als Voraussetzungen genannt. Entscheidend ist die Beziehung zu Christus. Johannes erklärt selbst, was mit diesem Aufnehmen gemeint ist, indem er unmittelbar ergänzt, dass es sich um diejenigen handelt, die an seinen Namen glauben. Im biblischen Sprachgebrauch steht der Name einer Person häufig für ihre Identität und das, was sie ausmacht. An Jesu Namen zu glauben bedeutet deshalb nicht, lediglich eine bestimmte Bezeichnung zu kennen oder auszusprechen. Es bedeutet, ihm als dem von Gott gesandten Retter zu vertrauen und ihn in seiner offenbarten Stellung anzunehmen.
Bemerkenswert ist außerdem, dass Johannes von einer Vollmacht spricht, Gottes Kinder zu werden. Das griechische Wort kann ein Recht oder eine verliehene Befugnis bezeichnen. Die Gotteskindschaft ist demnach kein Anspruch, den sich der Mensch selbst verschafft. Sie wird ihm durch Christus geschenkt. Dabei besteht ein wichtiger Unterschied zwischen der Erschaffung des Menschen und seiner geistlichen Zugehörigkeit zu Gott. Jeder Mensch verdankt sein Dasein dem Schöpfer, doch Johannes spricht hier von einer besonderen Beziehung, die durch die Annahme Christi entsteht. Gottes Kinder zu sein bedeutet, zu seiner Familie zu gehören und ihn als Vater zu kennen. In seinem ersten Brief beschreibt Johannes diese Beziehung als Ausdruck der Liebe Gottes: Die Glaubenden werden nicht nur Kinder Gottes genannt, sondern sind es tatsächlich (1. Johannes 3,1).
Vers 13 erklärt schließlich, woher diese neue Zugehörigkeit stammt. Johannes beschreibt die Kinder Gottes als solche, die nicht aus menschlicher Abstammung, nicht aus dem Willen des Fleisches und nicht aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Die drei Verneinungen machen deutlich, dass geistliches Leben nicht auf demselben Weg entsteht wie menschliches Leben. Eltern können ihren Kindern das natürliche Leben weitergeben, aber sie können ihnen nicht durch ihre Abstammung die neue Geburt aus Gott übertragen. Ebenso wenig kann der Mensch diese Geburt allein durch seine natürliche Kraft oder durch den Entschluss eines anderen Menschen hervorbringen. Sie besitzt ihren Ursprung in Gottes eigenem Handeln.
Dieser Gedanke verbindet sich unmittelbar mit dem späteren Gespräch zwischen Jesus und Nikodemus. Dort erklärt Jesus, dass ein Mensch von Neuem beziehungsweise von oben geboren werden muss, um das Reich Gottes zu sehen (Johannes 3,3–8). Nikodemus versteht die Aussage zunächst im Sinn einer erneuten natürlichen Geburt. Jesus unterscheidet jedoch zwischen dem, was aus dem Fleisch geboren ist, und dem, was aus dem Geist geboren wird. Die Geburt aus Gott bezeichnet damit eine geistliche Erneuerung, die nicht durch menschliche Abstammung, äußere Religionszugehörigkeit oder eigene Leistung ersetzt werden kann. Ihr Ursprung liegt bei Gott, der durch seinen Geist neues Leben schenkt.
Johannes stellt dabei die menschliche Glaubensantwort und Gottes Handeln nicht gegeneinander. Vers 12 spricht ausdrücklich vom Aufnehmen Christi und vom Glauben an seinen Namen. Vers 13 erklärt, dass die damit verbundene neue Geburt aus Gott stammt. Beide Aussagen gehören zusammen. Der Mensch wird eingeladen, Christus zu vertrauen, doch er erzeugt das neue geistliche Leben nicht aus eigener Kraft. Umgekehrt macht Gottes Wirken die persönliche Glaubensantwort nicht bedeutungslos. Johannes beschreibt hier keine genaue zeitliche Reihenfolge zwischen Glauben und Wiedergeburt. Er betont vielmehr zwei untrennbare Wahrheiten: Christus wird im Glauben angenommen, und die neue Zugehörigkeit zu Gottes Familie ist ein Geschenk Gottes.
Damit erhält die Einleitung des Evangeliums eine entscheidende Wendung. Die Menschen begegnen in Jesus nicht nur einem Lehrer, der ihnen bisher unbekannte Wahrheiten vermittelt. Durch ihn wird ihnen eine neue Beziehung zu Gott eröffnet. Diese Beziehung beruht weder auf ihrer Herkunft noch auf einer besonderen menschlichen Leistung. Sie beginnt mit Gottes gnädigem Handeln und führt in ein Leben des Glaubens an seinen Sohn. Wie weit Gott selbst den Menschen in Jesus Christus entgegengekommen ist, entfaltet Johannes unmittelbar anschließend mit seiner großen Aussage: Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.
Johannes 1,14–18
Das Wort wird Fleisch und offenbart den Vater
Mit der Aussage „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ erreicht die Einleitung des Johannesevangeliums einen entscheidenden Höhepunkt (Johannes 1,14). Derjenige, der vor der Erschaffung der Welt existierte, tritt selbst in das menschliche Leben ein. Johannes beschreibt dieses Geschehen nicht nur als eine Erscheinung Gottes in menschlicher Gestalt, sondern als wirkliche Menschwerdung. Das griechische Wort für Fleisch, sarx, bezeichnet hier die menschliche Existenz mit ihrer körperlichen Wirklichkeit und ihren natürlichen Grenzen. Jesus nahm nicht lediglich das Aussehen eines Menschen an. Er wurde wirklich Mensch, lebte unter Menschen und teilte ihre Lebensbedingungen. Andere Bibelstellen bestätigen diese Wirklichkeit: Jesus wuchs heran, wurde müde, empfand Hunger und Durst und konnte leiden (Lukas 2,52; Johannes 4,6; 19,28). Der Hebräerbrief erklärt zudem, dass er an Fleisch und Blut Anteil nahm, um den Menschen durch seinen Tod helfen zu können (Hebräer 2,14–18). Seine Menschwerdung war deshalb keine äußerliche Verkleidung, sondern die wirkliche Teilnahme am menschlichen Leben.
Besonders bemerkenswert ist das Wort, das Johannes für das Wohnen Jesu unter den Menschen verwendet. Das griechische Verb skēnoō bedeutet sinngemäß, ein Zelt aufzuschlagen oder in einem Zelt zu wohnen. Damit entsteht eine Verbindung zur Geschichte Israels. Nachdem Gott sein Volk aus Ägypten geführt hatte, befahl er den Bau eines Heiligtums, damit er in ihrer Mitte wohnen konnte (2. Mose 25,8). Dieses Heiligtum wird auch Stiftshütte genannt, weil es zunächst ein tragbares Zeltheiligtum war. Als es fertiggestellt wurde, erfüllte die Herrlichkeit des HERRN die Wohnung (2. Mose 40,34–35). Johannes greift mit seiner Wortwahl wahrscheinlich bewusst diese vertraute Vorstellung auf. Was Israel durch das Heiligtum als Gottes Gegenwart in seiner Mitte erfahren durfte, erhält durch die Menschwerdung Jesu eine neue Gestalt. Gottes Nähe wird nun im menschlichen Leben seines Sohnes sichtbar. Das bedeutet nicht, dass Jesus buchstäblich mit einem Zelt gleichgesetzt wird. Vielmehr verbindet Johannes die frühere Wohnstätte Gottes mit der Gegenwart Christi und eröffnet damit einen wichtigen Zusammenhang zwischen dem Heiligtum des Alten Testaments und der Offenbarung Gottes durch Jesus.
Anschließend erklärt Johannes: „Und wir sahen seine Herrlichkeit.“ In der Geschichte Israels war Gottes Herrlichkeit häufig mit einer außergewöhnlichen Erscheinung seiner Gegenwart verbunden. Am Sinai offenbarte Gott seine Herrlichkeit in Feuer und Wolken, und später erfüllte sie das Heiligtum (2. Mose 24,16–17; 40,34). Bei Jesus zeigt sich diese Herrlichkeit jedoch nicht ausschließlich in überwältigenden äußeren Erscheinungen. Sie wird auch in seinem Handeln, seinen Worten und seinem Wesen erkennbar. Als Jesus später bei einer Hochzeit in Kana Wasser in Wein verwandelt, erklärt Johannes ausdrücklich, dass er dadurch seine Herrlichkeit offenbarte und seine Jünger an ihn glaubten (Johannes 2,11). Das Wunder lässt erkennen, wer Jesus ist. Im weiteren Verlauf des Evangeliums verbindet Johannes die Herrlichkeit Christi sogar mit seiner bevorstehenden Kreuzigung und Erhöhung (Johannes 12,23; 17,1). Gottes Herrlichkeit erscheint damit nicht nur in sichtbarer Macht, sondern auch in der Liebe und Hingabe seines Sohnes. Wer Jesus begegnet, soll an seinem Leben erkennen, wie Gott handelt und welches Wesen ihn auszeichnet.
Johannes bezeichnet diese Herrlichkeit als die eines „Eingeborenen vom Vater“. Der traditionelle Ausdruck „eingeboren“ kann leicht missverstanden werden, wenn man darunter eine gewöhnliche Geburt oder einen Zeitpunkt versteht, an dem Jesus erstmals zu existieren begann. Das zugrunde liegende griechische Wort monogenēs hebt vor allem die Einzigartigkeit einer Person und ihrer Stellung hervor. Ein hilfreicher Vergleich findet sich in Hebräer 11,17, wo Isaak als Abrahams einzigartiger Sohn bezeichnet wird, obwohl Abraham auch Ismael hatte. Isaaks besondere Stellung ergab sich aus der Verheißung Gottes. Bei Jesus beschreibt der Ausdruck seine einzigartige Beziehung zum Vater. Er ist nicht einfach eines von vielen Kindern Gottes. Während Menschen durch den Glauben zu Gottes Kindern werden dürfen, besitzt Jesus als Sohn eine unvergleichliche Stellung. Er ist derjenige, der den Vater in einer Weise kennt und offenbart, wie es kein anderer Mensch vermag. Der Ausdruck bezeichnet deshalb nicht für sich genommen den Beginn seiner Existenz, sondern unterstreicht seine besondere Herkunft, Würde und Beziehung zum Vater.
Was diese Herrlichkeit auszeichnet, beschreibt Johannes mit den Worten „voller Gnade und Wahrheit“. Hier begegnet uns eine weitere bedeutsame Verbindung zum Alten Testament. Nachdem Israel am Sinai das goldene Kalb angebetet und damit den Bund mit Gott schwer verletzt hatte, trat Mose für das Volk ein. Er bat Gott außerdem darum, ihm seine Herrlichkeit zu zeigen (2. Mose 33,18). Gott antwortete, indem er Mose sein Wesen offenbarte. In 2. Mose 34,6–7 wird er als barmherzig, gnädig, geduldig und reich an Güte und Treue beschrieben. Die hebräischen Begriffe für Güte und Treue stehen in einer engen inhaltlichen Beziehung zu den Worten, die Johannes verwendet. Es handelt sich nicht um eine genaue wörtliche Wiederholung der griechischen Fassung des Mosebuches, wohl aber um eine starke Verbindung der Gedanken. Schon damals zeigte Gott, dass seine Herrlichkeit nicht allein in seiner Macht besteht. Sie offenbart sich ebenso in seiner Barmherzigkeit, seiner Verlässlichkeit und seiner Bereitschaft zur Vergebung.
In Jesus Christus wird dieses Wesen Gottes auf einzigartige Weise erkennbar. Gnade bedeutet, dass Gott Menschen seine Güte und Hilfe schenkt, obwohl sie sich diese nicht verdienen können. Wahrheit bezeichnet hier mehr als die Richtigkeit einzelner Aussagen. Sie umfasst die zuverlässige Offenbarung dessen, wer Gott wirklich ist und was seinem Willen entspricht. Beide Eigenschaften stehen nicht gegeneinander. Gottes Gnade bedeutet nicht, dass er die Wahrheit über die Sünde verschweigt, und seine Wahrheit bedeutet nicht, dass er dem schuldigen Menschen ohne Barmherzigkeit begegnet. Das Leben Jesu verbindet beides. Er deckt menschliche Schuld auf und ruft zur Umkehr, begegnet Sündern aber zugleich mit der Bereitschaft, ihnen zu vergeben und sie wiederherzustellen. Diese Verbindung wird später besonders deutlich, wenn Jesus sich selbst als den Weg, die Wahrheit und das Leben bezeichnet (Johannes 14,6). Seine Person und seine Worte machen erkennbar, dass Gottes Liebe und seine Wahrheit zusammengehören.
In Vers 15 unterbricht Johannes diese Erklärung mit einem weiteren Zeugnis Johannes des Täufers. Dieser sagt über Jesus: „Der nach mir kommt, ist vor mir gewesen, denn er war eher als ich.“ Auf den ersten Blick scheint diese Aussage widersprüchlich. Johannes der Täufer begann seinen öffentlichen Dienst vor Jesus und bereitete dessen Auftreten vor. Nach Lukas 1 wurde er sogar einige Monate vor Jesus geboren. Dennoch erklärt er, Jesus sei bereits vor ihm gewesen. Darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen ihrer zeitlichen Stellung innerhalb der menschlichen Geschichte und der Herkunft Jesu. Johannes trat früher öffentlich auf, doch Jesus existierte bereits vor ihm. Der Täufer bezeugt damit nicht nur, dass Jesus eine höhere Stellung einnimmt, sondern weist zugleich auf seine vorausgehende Existenz hin. Wer die Aussage im Zusammenhang mit den ersten Versen des Evangeliums liest, erkennt ihren besonderen Sinn: Derjenige, der nach Johannes auftritt, ist nicht erst durch sein öffentliches Wirken zu dem geworden, der er ist. Seine Herkunft reicht weit über sein irdisches Leben hinaus.
Mit Vers 16 kehrt der Evangelist zur Bedeutung der Gnade Christi zurück: „Und aus seiner Fülle haben wir alle empfangen Gnade um Gnade.“ Die Fülle, von der hier gesprochen wird, steht in enger Verbindung zu der Gnade und Wahrheit, die Johannes gerade beschrieben hat. Jesus ist nicht lediglich ein Mensch, der gelegentlich göttliche Hilfe weitergibt. In ihm begegnet uns Gottes Gnade in einer solchen Fülle, dass Menschen immer wieder daraus empfangen können. Der griechische Ausdruck, den die Schlachter-Bibel mit „Gnade um Gnade“ übersetzt, lässt verschiedene Erklärungen zu. Er kann das aufeinanderfolgende Empfangen von Gnade betonen, aber auch darauf hinweisen, dass eine frühere Gnadengabe durch eine neue, größere Offenbarung ergänzt oder abgelöst wird. Der Wortlaut allein entscheidet diese Frage nicht vollständig. Im Zusammenhang liegt der Schwerpunkt darauf, dass die durch Christus offenbarte Gnade nicht auf eine einzelne Gabe begrenzt bleibt. Gottes Wirken an den Menschen erhält durch ihn eine besondere Fülle.
Diese Aussage darf jedoch nicht so verstanden werden, als hätte Gott erst mit dem Kommen Jesu begonnen, gnädig zu handeln. Die gesamte Geschichte Israels bezeugt bereits seine Barmherzigkeit. Gott vergab Schuld, bewahrte sein Volk trotz wiederholter Untreue und erneuerte seine Verheißungen. Schon Mose durfte erleben, dass Gott sich als gnädig und barmherzig offenbarte. Neu ist deshalb nicht Gottes grundlegendes Wesen, sondern die Weise, in der seine Gnade durch Jesus Christus zur Geltung kommt. Gottes bisheriges Handeln wird durch die Menschwerdung seines Sohnes nicht als bedeutungslos dargestellt. Vielmehr führt Johannes den Leser von der früheren Offenbarung zu ihrer besonderen Entfaltung in Christus.
Diesen Zusammenhang erklärt Vers 17: „Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“ Johannes stellt hier zwei entscheidende Abschnitte der göttlichen Offenbarung nebeneinander. Durch Mose empfing Israel das Gesetz. Es offenbarte Gottes Willen, ordnete das Leben seines Volkes und machte deutlich, welche Bedeutung Heiligkeit, Gerechtigkeit und Gehorsam besitzen. Dabei war bereits die Befreiung Israels aus Ägypten ein Ausdruck göttlicher Gnade. Das Gesetz wurde einem Volk gegeben, das Gott zuvor aus der Knechtschaft geführt hatte. Deshalb wäre es falsch, das Alte Testament als Zeit ohne Gnade und das Neue Testament als Zeit ohne göttliche Gebote darzustellen.
Der Unterschied, den Johannes hervorhebt, liegt vielmehr in der besonderen Stellung Jesu gegenüber Mose. Mose war ein berufener Diener Gottes, durch den das Gesetz gegeben wurde. Jesus ist der Sohn, durch den Gottes Gnade und Wahrheit in ihrer entscheidenden Offenbarung Wirklichkeit geworden sind. Das Gesetz konnte Gottes Willen bezeugen und auf seine Verheißungen hinweisen, doch Mose selbst war nicht der Erlöser, auf den diese Verheißungen zielten. Jesus erklärt später ausdrücklich, dass Mose von ihm geschrieben hat (Johannes 5,46). Damit stehen Mose und Christus nicht einfach als Vertreter zweier gegensätzlicher göttlicher Absichten nebeneinander. Mose gehört zu der Geschichte, in der Gott sein Heil vorbereitet und angekündigt hat. In Jesus begegnet den Menschen derjenige, auf den diese Geschichte hinweist. Johannes 1,17 sagt für sich genommen deshalb weder, dass Gottes Gesetz falsch gewesen sei, noch entscheidet der Vers allein sämtliche Fragen nach der Geltung einzelner alttestamentlicher Gebote. Seine eigentliche Aussage betrifft die einzigartige Offenbarung Gottes durch Christus.
Zum Abschluss seiner Einleitung richtet Johannes den Blick auf eine grundlegende Grenze menschlicher Erkenntnis: „Niemand hat Gott je gesehen“ (Johannes 1,18). Diese Aussage erinnert besonders an die Begegnung zwischen Gott und Mose. Als Mose darum bat, Gottes Herrlichkeit sehen zu dürfen, erklärte Gott, dass kein Mensch sein Angesicht in seiner ungeschützten Fülle sehen und am Leben bleiben könne (2. Mose 33,20). Allerdings berichten andere alttestamentliche Stellen durchaus davon, dass Menschen Gott sahen oder seine Gegenwart in besonderer Weise erfuhren (2. Mose 24,9–11; Jesaja 6,1). Darin muss kein Widerspruch liegen. Solche Berichte beschreiben besondere Erscheinungen und Offenbarungen Gottes. Johannes spricht dagegen von der vollständigen, unmittelbaren Erkenntnis Gottes, die dem Menschen aus eigener Erfahrung nicht zugänglich ist. Niemand kann Gottes Wesen allein durch menschliche Beobachtung oder Anstrengung vollständig erfassen.
Gerade deshalb ist der zweite Teil von Vers 18 so bedeutsam. Die Schlachter-Bibel von 1951 spricht vom „eingeborenen Sohn, der im Schoße des Vaters ist“. Im griechischen Text existiert jedoch eine wichtige alte Überlieferungsvariante. Während die traditionelle Lesart vom einzigartigen Sohn spricht, steht in mehreren besonders frühen Handschriften eine Formulierung, die den einzigartigen Offenbarer ausdrücklich als Gott bezeichnet. Diese zweite Lesart wird in heutigen wissenschaftlichen Textausgaben häufig bevorzugt. Beide Überlieferungsformen betonen jedoch die einzigartige Beziehung dessen, der den Vater offenbart. Der Ausdruck „im Schoße des Vaters“ ist dabei keine Beschreibung eines körperlichen Aufenthaltsortes. Er bezeichnet eine besonders enge und vertraute Beziehung. Jesus kennt den Vater nicht nur durch eine Botschaft, die er von ihm erhalten hat. Er steht selbst in dieser einzigartigen Gemeinschaft mit ihm.
Das abschließende griechische Verb bedeutet, etwas bekannt zu machen, zu erklären oder ausführlich darzulegen. Johannes beschreibt Jesus damit als denjenigen, der den unsichtbaren Gott den Menschen erschließt. Diese Offenbarung geschieht nicht allein durch einzelne Lehrsätze. Jesu gesamtes Leben gehört dazu: seine Worte, seine Werke, sein Umgang mit Menschen, seine Hingabe und seine Treue zum Vater. Später sagt Jesus zu Philippus: „Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen“ (Johannes 14,9). Das bedeutet nicht, dass Jesus und der Vater dieselbe Person wären. Vielmehr offenbart der Sohn den Vater so zuverlässig, dass Menschen an ihm erkennen können, wie Gott ist.
Damit schließt Johannes seine große Einleitung und bereitet den Übergang zu den geschichtlichen Begegnungen vor. Die kommenden Berichte sollen nicht nur zeigen, welche Menschen Jesus traf und welche Wunder er vollbrachte. Sie erschließen Schritt für Schritt, was es bedeutet, dass der Sohn Gottes unter den Menschen lebte. Seine Worte und Taten sind deshalb mehr als außergewöhnliche Ereignisse. Sie lassen den Vater erkennen, den kein Mensch aus eigener Kraft vollständig erfassen kann. Wer Jesus kennenlernt, wird an die Quelle dessen geführt, was Gott über sich selbst offenbaren möchte. Genau mit diesem Anspruch beginnt nun das öffentliche Zeugnis Johannes des Täufers.
Johannes 1,19–28
Die Stimme, die den Weg des Herrn bereitet
In der Gegend des Jordans hatte das Wirken Johannes des Täufers so viel Aufmerksamkeit erregt, dass religiöse Vertreter aus Jerusalem zu ihm geschickt wurden. Johannes berichtet, dass Priester und Leviten den Auftrag erhielten, seine Identität zu klären (Johannes 1,19). Die Priester waren für den Opferdienst am Heiligtum verantwortlich, während die Leviten weitere Aufgaben im Tempeldienst übernahmen. Ihre Herkunft aus Jerusalem zeigt, dass die Tätigkeit des Täufers auch bei den religiösen Verantwortlichen auf Interesse stieß. Wenn der Evangelist hier von den „Juden“ spricht, die diese Männer sandten, meint er im Zusammenhang die betreffenden jüdischen Autoritäten und nicht das gesamte jüdische Volk. Die Abgesandten wollten wissen, mit welchem Anspruch Johannes auftrat. Ihre Frage war kurz und unmittelbar: Wer bist du?
Johannes antwortete zunächst nicht mit einer Beschreibung seiner Herkunft oder seines bisherigen Dienstes. Stattdessen erklärte er ausdrücklich, dass er nicht der Christus sei (Johannes 1,20). Der Evangelist betont seine Antwort auffallend stark, indem er schreibt, Johannes habe bekannt und nicht geleugnet. Offenbar war die Frage nach dem verheißenen Messias für die Abgesandten von besonderer Bedeutung. Christus ist die griechische Bezeichnung für den Gesalbten, den das jüdische Volk aufgrund der alttestamentlichen Verheißungen erwartete. Besonders die Zusagen an David hatten die Hoffnung auf einen von Gott eingesetzten König geprägt, dessen Herrschaft Bestand haben würde (2. Samuel 7,12–16). Johannes der Täufer beanspruchte diese Stellung nicht für sich. Obwohl seine Verkündigung große Aufmerksamkeit erhielt, ließ er keinen Zweifel daran, dass er nicht der erwartete Retter war.
Die Abgesandten fragten daraufhin, ob Johannes Elia sei (Johannes 1,21). Diese Frage hatte einen konkreten biblischen Hintergrund. Durch den Propheten Maleachi hatte Gott angekündigt, Elia vor dem kommenden großen Tag des HERRN zu senden (Maleachi 3,23–24; in manchen Bibelausgaben 4,5–6). Elia war viele Jahrhunderte zuvor ein bedeutender Prophet Israels gewesen. Seine Aufgabe bestand unter anderem darin, ein Volk, das sich von Gott entfernt hatte, zur Entscheidung für den HERRN zurückzurufen. Außerdem berichtet die Bibel, dass Elia nicht auf gewöhnliche Weise starb, sondern von Gott in den Himmel aufgenommen wurde (2. Könige 2,11). Deshalb konnte die Verheißung Maleachis die Erwartung wecken, dass Elia persönlich wieder erscheinen würde. Johannes beantwortete die Frage jedoch mit einer klaren Verneinung: Er sei nicht Elia.
Diese Antwort scheint zunächst schwer mit späteren Aussagen Jesu vereinbar zu sein. In Matthäus 11,14 erklärt Jesus, Johannes sei der Elia, der kommen sollte. Nach Matthäus 17,10–13 erkennen die Jünger ebenfalls, dass Jesus mit seinen Aussagen über Elia auf Johannes den Täufer verweist. Die Erklärung findet sich besonders deutlich in der Ankündigung seiner Geburt. Der Engel Gabriel sagte über Johannes, dass er im Geist und in der Kraft Elias vor dem Herrn hergehen werde (Lukas 1,16–17). Johannes war demnach nicht der alttestamentliche Prophet Elia, der persönlich auf die Erde zurückgekehrt wäre. Er erfüllte vielmehr einen Auftrag, der dem Wirken Elias entsprach. Wie Elia sollte er Menschen zur Umkehr rufen und sie darauf vorbereiten, Gott zu begegnen. Johannes verneinte also die persönliche Gleichsetzung mit Elia, während Jesus seine prophetische Aufgabe im Licht der Verheißung Maleachis erklärte. Beide Aussagen lassen sich so miteinander vereinbaren, ohne eine der beiden abschwächen zu müssen.
Nachdem auch diese Frage verneint worden war, wollten die Abgesandten wissen, ob Johannes „der Prophet“ sei. Mit dieser Bezeichnung ist wahrscheinlich die Verheißung aus 5. Mose 18,15–19 gemeint. Dort hatte Mose angekündigt, dass Gott aus der Mitte Israels einen Propheten wie ihn erwecken werde, auf dessen Worte das Volk hören sollte. Im Lauf der Zeit verband sich mit dieser Ankündigung die Erwartung einer besonderen prophetischen Gestalt. Dass die Frage nach diesem Propheten von der Frage nach dem Messias unterschieden werden konnte, zeigt auch Johannes 7,40–41. Johannes der Täufer verneinte wiederum, der Gesuchte zu sein. Das Neue Testament verbindet die Moseverheißung später ausdrücklich mit Jesus Christus. Petrus bezieht sie in Apostelgeschichte 3,22–23 auf ihn und fordert seine Zuhörer auf, auf seine Worte zu hören. Johannes der Täufer war somit weder der verheißene Messias noch die endgültige Erfüllung der Ankündigung Moses.
Da die drei vorgeschlagenen Identitäten ausgeschlossen waren, verlangten die Abgesandten eine andere Antwort. Sie mussten denjenigen, die sie geschickt hatten, erklären können, wer Johannes war und welchen Anspruch er erhob. Deshalb fragten sie ihn, was er selbst über seine Person sage (Johannes 1,22). Seine Antwort führte sie zu einer alten Verheißung aus dem Buch Jesaja. Johannes bezeichnete sich als die Stimme, die in der Wüste ruft und dazu auffordert, den Weg des Herrn zu ebnen (Johannes 1,23; Jesaja 40,3). Damit gab er seiner Tätigkeit eine eindeutige Grundlage in der Schrift. Er beanspruchte keinen selbst erfundenen religiösen Auftrag, sondern verstand sein Wirken als Vorbereitung auf das angekündigte Handeln Gottes.
Der ursprüngliche Zusammenhang dieser Worte bei Jesaja ist besonders aufschlussreich. Jesaja 40 beginnt mit einer Botschaft des Trostes für Gottes Volk. Nach Zeiten der Schuld und des Gerichts wird eine neue Hinwendung Gottes angekündigt. Das Bild eines bereiteten Weges erinnert an die Ankunft eines Königs und an die Beseitigung von Hindernissen, die seinem Kommen entgegenstehen. Zugleich steht es im Zusammenhang mit der Hoffnung auf die Rückkehr und Wiederherstellung des Volkes. Entscheidend ist, für wen dieser Weg bereitet werden soll: Jesaja spricht ausdrücklich vom Weg des HERRN, also vom Kommen Gottes selbst. Wenn Johannes der Täufer diese Verheißung auf seinen Auftrag bezieht und anschließend Jesus als den Kommenden bezeugt, erhält die alte Ankündigung eine besondere Bedeutung. In Jesus beginnt sich das verheißene Kommen Gottes zu seinem Volk auf eine Weise zu erfüllen, die weit über die Erwartungen vieler Menschen hinausgeht.
Dabei verändert sich die Bedeutung des Bildes nicht in eine Aufforderung, buchstäblich Straßen für Jesus anzulegen. Die Evangelien zeigen, wie die Wegbereitung durch die Verkündigung des Täufers geschieht. Matthäus und Markus verbinden seinen Dienst ebenfalls mit Jesaja 40,3, während Lukas ausführlicher von seiner Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden berichtet (Matthäus 3,1–6; Markus 1,2–5; Lukas 3,3–6). Buße bedeutet hier eine wirkliche Umkehr: Menschen sollen ihre Schuld erkennen, sich von ihren bisherigen falschen Wegen abwenden und ihr Leben neu auf Gott ausrichten. Auch die Forderungen des Täufers nach gerechtem und barmherzigem Handeln gehören dazu (Lukas 3,10–14). Die Vorbereitung auf den kommenden Herrn besteht deshalb nicht nur in religiöser Aufmerksamkeit oder dem Wissen um alte Verheißungen. Sie verlangt eine innere Bereitschaft, Gottes Botschaft anzunehmen und entsprechend zu handeln.
Die Selbstbezeichnung des Täufers als Stimme ist außerdem bemerkenswert. Eine Stimme hat die Aufgabe, eine Botschaft hörbar zu machen. Ihre Bedeutung liegt nicht darin, selbst das Ziel der Verkündigung zu sein. Johannes beschrieb sich deshalb weder als Ursprung der göttlichen Offenbarung noch als deren endgültige Erfüllung. Er verstand seinen Dienst als Vorbereitung auf einen anderen. Seine Antwort zeigt zugleich, dass Demut nicht mit Unsicherheit über den eigenen Auftrag verwechselt werden muss. Johannes wusste, dass Gott ihn gesandt hatte, und trat mit großer Entschiedenheit auf. Gerade deshalb konnte er seine eigene Stellung begrenzen. Er musste weder die Aufmerksamkeit auf sich ziehen noch einen Titel beanspruchen, der ihm nicht zustand. Seine Autorität lag darin, dass er Gottes Botschaft treu weitergab.
Die nächste Frage der Abgesandten betraf seine Taufe. Johannes erwähnt ausdrücklich, dass die Fragenden von den Pharisäern gesandt waren (Johannes 1,24). Die Pharisäer gehörten zu einer einflussreichen religiösen Bewegung innerhalb des Judentums und legten großen Wert auf die Auslegung und Einhaltung des Gesetzes. Ob die Angabe in diesem Vers die gesamte zuvor genannte Abordnung näher beschreibt oder eine bestimmte Gruppe innerhalb der Befragung hervorhebt, wird unterschiedlich verstanden. Für das Gespräch ist entscheidend, dass die Abgesandten nun die Berechtigung seiner Tätigkeit untersuchten. Wenn Johannes weder der Christus noch Elia noch der verheißene Prophet war, warum nahm er dann Taufen vor? Hinter dieser Frage stand das Problem seiner religiösen Vollmacht. Mit welchem Recht führte er eine Handlung aus, die offenbar eine besondere Bedeutung für die Vorbereitung des Volkes hatte?
Waschen und Reinigen waren den Juden bereits aus dem Gesetz des Mose vertraut. Dort begegnen zahlreiche Vorschriften über rituelle Reinheit, bei denen Wasser eine wichtige Rolle spielt (3. Mose 15; 4. Mose 19). Solche Waschungen standen jedoch in bestimmten Zusammenhängen mit Reinheitsvorschriften und dem Gottesdienst. Die Taufe des Johannes hatte einen deutlich hervorgehobenen prophetischen Charakter. Menschen kamen zu ihm, bekannten ihre Sünden und ließen sich taufen. Damit brachten sie ihre Bereitschaft zur Umkehr zum Ausdruck. Gerade weil Johannes diese Handlung öffentlich vollzog und mit der Erwartung des nahen göttlichen Eingreifens verband, war die Frage nach seinem Auftrag verständlich. Allerdings sagt der Text nicht, dass seine Fragesteller jede Form einer solchen Waschung grundsätzlich ablehnten. Sie wollten vor allem wissen, weshalb Johannes selbst zu dieser Handlung berechtigt sein sollte.
Auf die Frage nach seiner Taufe antwortete Johannes zunächst schlicht, dass er mit Wasser taufe (Johannes 1,26). Anschließend sprach er jedoch nicht ausführlich über seine eigene Vollmacht, sondern über einen anderen, der bereits unter ihnen stand und den sie nicht kannten. Diese Antwort lässt erkennen, dass Johannes seine Tätigkeit nicht als das eigentliche Ziel seiner Sendung betrachtete. Seine Wassertaufe war ein vorbereitendes Zeichen, das Menschen zur Umkehr aufrief und ihre Aufmerksamkeit auf das bevorstehende Wirken Gottes richtete. Was seine Taufe allein nicht bewirken konnte, sollte durch den kommenden Christus in einer tieferen Weise geschehen. Die anderen Evangelien berichten ausdrücklich, dass Johannes seine Wassertaufe der Taufe mit dem Heiligen Geist gegenüberstellte (Markus 1,8; Lukas 3,16). Das Johannesevangelium greift diesen Unterschied wenige Verse später auf und erklärt, dass Jesus derjenige ist, der mit dem Heiligen Geist tauft (Johannes 1,33).
Besonders ernst ist die Feststellung, dass der Kommende bereits unter den Menschen steht, ohne von ihnen erkannt zu werden. Johannes spricht nicht von einem Retter, der erst in einer weit entfernten Zukunft erscheinen müsste. Der Erwartete ist bereits in die geschichtliche Gegenwart seines Volkes eingetreten. Dennoch erkennen ihn die Abgesandten nicht. Sie beschäftigen sich mit der Frage nach der Stellung des Täufers, während derjenige, auf den sein Dienst hinweist, ihnen noch unbekannt bleibt. Der Evangelist lässt hier ein Motiv sichtbar werden, das für seinen weiteren Bericht wichtig ist: Menschen können sich intensiv mit religiösen Fragen beschäftigen und dennoch die Bedeutung Jesu übersehen. Das bedeutet allerdings nicht, dass bereits die Nachfrage der Abgesandten beweist, sie hätten Jesus bewusst verworfen. Johannes stellt an dieser Stelle zunächst ihre fehlende Erkenntnis fest. Wie Menschen auf Jesus reagieren, wird erst im weiteren Verlauf der Geschichte deutlich.
In Vers 27 beschreibt Johannes den kommenden Christus schließlich mit einem besonders starken Vergleich. Obwohl dieser nach ihm auftritt, betrachtet sich Johannes nicht einmal als würdig, ihm den Riemen seiner Sandale zu lösen. Das Lösen der Sandalen gehörte zu den niedrigen alltäglichen Diensten, die gewöhnlich Untergebene verrichteten. Johannes wählt damit bewusst eine Tätigkeit, die gesellschaftlich wenig Ansehen besaß. Seine Aussage geht sogar über die Bereitschaft hinaus, Christus zu dienen. Er erklärt, dass er selbst für einen solchen niedrigen Dienst nicht würdig sei. Damit beschreibt er den außergewöhnlichen Unterschied zwischen seiner eigenen Stellung und der des kommenden Herrn. Obwohl Johannes von Gott berufen war und eine bedeutende prophetische Aufgabe erfüllte, stellte er sich nicht mit Christus auf dieselbe Ebene. Seine besondere Berufung machte ihn nicht zum Gegenstück oder gleichrangigen Partner des Messias.
Diese Haltung wird später durch ein weiteres Wort des Täufers bestätigt. Als seine Jünger bemerkten, dass immer mehr Menschen zu Jesus kamen, erklärte Johannes, dass Christus wachsen müsse, während er selbst abnehmen solle (Johannes 3,26–30). Darin zeigt sich dieselbe Grundhaltung, die bereits seine Antwort an die Abgesandten prägt. Johannes wollte nicht eine dauerhafte religiöse Bewegung aufbauen, die unabhängig von Jesus bestehen sollte. Sein Dienst erfüllte seinen eigentlichen Zweck gerade dann, wenn Menschen den angekündigten Retter erkannten und ihm nachfolgten. Seine Größe als Zeuge bestand nicht darin, möglichst viele Menschen an seine eigene Person zu binden, sondern darin, sie zuverlässig zu Christus zu führen.
Zum Abschluss nennt der Evangelist den Ort des Geschehens. Nach der Schlachter-Bibel von 1951 fand die Befragung in Bethabara jenseits des Jordans statt, wo Johannes taufte (Johannes 1,28). Die Ortsbezeichnung besitzt allerdings eine wichtige handschriftliche Besonderheit. Zahlreiche frühe griechische Handschriften lesen hier „Bethanien“ statt „Bethabara“. Die Lesart Bethanien wird in heutigen wissenschaftlichen Textausgaben überwiegend bevorzugt. Gemeint ist jedenfalls nicht das Bethanien in der Nähe Jerusalems, das später im Zusammenhang mit Maria, Martha und Lazarus eine wichtige Rolle spielt. Johannes unterscheidet den Ort ausdrücklich durch die Angabe, dass er jenseits des Jordans lag. Seine genaue Lage lässt sich heute nicht mit letzter Sicherheit bestimmen. Für das Verständnis des Kapitels ist vor allem wichtig, dass das öffentliche Zeugnis des Täufers an einem konkreten Ort seiner Tauftätigkeit ausgesprochen wurde.
Mit dieser Ortsangabe endet die erste ausführliche Begegnung zwischen Johannes dem Täufer und den religiösen Abgesandten. Die Frage nach seiner Identität wurde beantwortet, doch die entscheidende Person des Gesprächs ist noch nicht öffentlich vorgestellt worden. Johannes hatte von einem gesprochen, der bereits gegenwärtig war und dessen Bedeutung seine eigene weit übertraf. Am folgenden Tag wird diese Ankündigung eine neue Richtung erhalten. Als Johannes Jesus auf sich zukommen sieht, benennt er ihn nicht nur als den Erwarteten, sondern erklärt auch, wozu er gekommen ist. Mit dem Ausruf vom Lamm Gottes beginnt die nächste entscheidende Offenbarung über das Werk Jesu Christi.
Johannes 1,29–34
Das Lamm Gottes und das Zeugnis des Heiligen Geistes
Am folgenden Tag sieht Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und spricht Worte aus, die zu den bedeutendsten Aussagen des gesamten Evangeliums gehören: „Siehe, das Lamm Gottes, welches die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (Johannes 1,29). Nachdem Johannes gegenüber den Abgesandten aus Jerusalem erklärt hatte, dass er selbst nicht der Messias sei, weist er nun auf denjenigen hin, dem seine ganze Verkündigung gilt. Dabei nennt er Jesus nicht zuerst einen mächtigen König oder einen großen Lehrer. Er verwendet das Bild eines Lammes und verbindet es unmittelbar mit der Beseitigung der menschlichen Sünde. Damit eröffnet er einen Zusammenhang, dessen volle Bedeutung sich erst im weiteren Leben und besonders im Tod Jesu erschließen wird.
Für die jüdischen Zuhörer war das Lamm ein vertrautes Tier mit einer besonderen Bedeutung in der Geschichte ihres Volkes. Bereits bei der Befreiung Israels aus Ägypten spielte es eine entscheidende Rolle. In der Nacht vor dem Auszug sollten die israelitischen Familien ein fehlerloses Lamm schlachten und sein Blut an die Türpfosten ihrer Häuser streichen. Dieses Zeichen stand im Zusammenhang mit Gottes Bewahrung vor dem Gericht, das über Ägypten kam (2. Mose 12,1–13). Zur Erinnerung an diese Befreiung feierte Israel das Passahfest. Auch im späteren Heiligtumsdienst wurden regelmäßig Lämmer als Opfer dargebracht. Ein Lamm konnte deshalb an Befreiung, Gottes Bewahrung und die Opferhandlungen erinnern, durch die Israel seine Beziehung zu Gott zum Ausdruck brachte. Allerdings hatten die unterschiedlichen Opfer nicht alle dieselbe Aufgabe. Deshalb wäre es zu einfach, jedes alttestamentliche Lamm ausschließlich als Sündopfer zu verstehen.
Eine besonders enge Verbindung besteht zu Jesaja 53. Dort wird ein Knecht Gottes beschrieben, der verachtet wird, leidet und die Schuld anderer auf sich nimmt. Der Prophet vergleicht ihn mit einem Lamm, das zur Schlachtung geführt wird und seinen Mund nicht öffnet (Jesaja 53,7). In der alten griechischen Übersetzung des Alten Testaments wird für dieses Lamm dasselbe Wort verwendet, das Johannes in seiner Aussage über Jesus gebraucht: amnos. Noch wichtiger ist, dass das Neue Testament diese Stelle ausdrücklich auf Christus bezieht. Als der äthiopische Hofbeamte die Worte aus Jesaja 53 las und Philippus nach ihrer Bedeutung fragte, verkündigte Philippus ihm von dieser Schriftstelle aus Jesus (Apostelgeschichte 8,32–35). Damit ist die Verbindung zwischen dem leidenden Knecht und Jesus nicht bloß eine spätere freie Ähnlichkeit. Sie wird innerhalb des Neuen Testaments selbst hergestellt.
Dennoch sollte das Bild vom Lamm Gottes nicht ausschließlich auf eine einzige alttestamentliche Stelle begrenzt werden. Neben Jesaja 53 besitzt auch das Passah eine wichtige Bedeutung für das Verständnis des Erlösungswerkes Christi. Paulus bezeichnet Jesus ausdrücklich als unser Passahlamm, das geopfert worden ist (1. Korinther 5,7). Auch die Erzählung von Abraham und Isaak enthält ein verwandtes Motiv. Als Isaak nach dem Tier für das Opfer fragte, erklärte Abraham, Gott werde selbst für das Opfer sorgen. Schließlich stellte Gott einen Widder bereit, der an Isaaks Stelle geopfert wurde (1. Mose 22,7–13). Diese Begebenheit besitzt deutliche Anknüpfungspunkte zur späteren christlichen Botschaft von der Hingabe des Sohnes Gottes. Sie wird jedoch im ursprünglichen Bericht nicht ausdrücklich als Vorhersage des Opfers Jesu bezeichnet. Die stärkste biblische Erklärung liegt deshalb darin, dass mehrere alttestamentliche Linien im Erlösungswerk Christi zusammenkommen. Jesus ist der von Gott bereitgestellte Retter, dessen Hingabe die menschliche Schuld und ihre Folgen betrifft.
Besondere Aufmerksamkeit verdient auch die Formulierung „Lamm Gottes“. Johannes spricht nicht einfach von einem Lamm, das Menschen für Gott ausgewählt und zum Opfer gebracht hätten. Die Bezeichnung stellt vielmehr die besondere Beziehung dieses Lammes zu Gott heraus. Im Zusammenhang des Evangeliums wird deutlich, dass Jesus nicht durch menschliche Entscheidung zum Erlöser gemacht wird. Sein Kommen geht auf Gottes eigenen Heilswillen zurück. Später erklärt Jesus, dass der Vater den Sohn aus Liebe zur Welt gesandt hat (Johannes 3,16–17). Gott überlässt die Rettung des Menschen damit nicht einer menschlichen Möglichkeit, sondern eröffnet selbst den Weg der Erlösung. Das Lamm Gottes ist derjenige, den Gott für diese Aufgabe bestimmt hat. In seiner Hingabe wird die Liebe des Vaters sichtbar, nicht erst hervorgerufen.
Johannes erklärt zugleich, was dieses Lamm bewirken soll: Es nimmt die Sünde der Welt hinweg. Das griechische Verb airō kann bedeuten, etwas wegzunehmen, fortzutragen oder zu beseitigen. Im Zusammenhang steht die Beseitigung der Sünde im Mittelpunkt. Damit beschreibt Johannes mehr als eine bloße Verbesserung menschlichen Verhaltens. Die Sünde ist in der Bibel nicht nur eine Sammlung einzelner schlechter Taten. Sie umfasst auch die Auflehnung gegen Gott und die daraus entstandene Schuld und Entfremdung. Nach Römer 3,23 haben alle Menschen gesündigt und verfehlen die Herrlichkeit Gottes. Das eigentliche Problem reicht deshalb tiefer als äußere Lebensumstände oder einzelne moralische Schwächen. Der Mensch braucht Vergebung und Versöhnung mit Gott.
Interessant ist, dass Johannes von der „Sünde der Welt“ in der Einzahl spricht. Damit kann die Sünde in ihrer umfassenden Wirklichkeit in den Blick kommen, statt lediglich eine Aufzählung einzelner Verfehlungen zu meinen. Die Formulierung beschreibt jedoch keine genaue technische Erklärung, wie jede Folge der Sünde beseitigt wird. Diese Frage entfaltet das Neue Testament an verschiedenen Stellen. Jesaja 53,5–6 verbindet das Leiden des Gottesknechtes mit der Schuld anderer Menschen, während 1. Petrus 2,24 ausdrücklich erklärt, dass Christus unsere Sünden an seinem Leib auf das Holz getragen hat. Der Hebräerbrief beschreibt sein Opfer als einmalige und wirksame Hingabe, die nicht ständig wiederholt werden muss (Hebräer 9,26–28; 10,10–14). Johannes 1,29 steht mit diesen Aussagen in engem Zusammenhang, verwendet aber selbst das Bild vom Wegnehmen der Sünde. Die unterschiedlichen biblischen Formulierungen ergänzen einander, ohne dass ihre jeweilige Bedeutung verloren gehen darf.
Dass Johannes von der Sünde der „Welt“ spricht, erweitert den Blick über Israel hinaus. Gottes Erlösungsabsicht beschränkt sich nicht auf ein einzelnes Volk oder eine bestimmte menschliche Herkunft. Schon Abraham erhielt die Verheißung, dass durch ihn alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,3). In Jesus Christus erhält diese Zusage ihre entscheidende Bedeutung. Er kommt nicht nur für diejenigen, die das Gesetz des Mose kennen oder zu Israel gehören. Seine Sendung betrifft die gesamte Menschheit. Gleichzeitig bedeutet die umfassende Reichweite seines Erlösungswerkes nicht, dass jeder Mensch unabhängig vom Glauben automatisch gerettet wird. Johannes unterscheidet im weiteren Evangelium ausdrücklich zwischen Menschen, die Jesus annehmen, und solchen, die ihn ablehnen (Johannes 3,18–21). Die Aussage über das Lamm Gottes beschreibt die weltweite Bedeutung und Wirksamkeit des Erlösers, ohne die persönliche Antwort des Menschen bedeutungslos zu machen.
Für das Verständnis dieser Worte ist außerdem ihre Stellung am Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu entscheidend. Das Evangelium berichtet die Kreuzigung erst viele Kapitel später. Der Leser erfährt jedoch schon hier, dass die Sendung Jesu untrennbar mit der Überwindung der Sünde verbunden ist. Diese frühe Ankündigung erhält durch das weitere Geschehen zunehmend Gestalt. Jesus vergibt Sünden, ruft Menschen zu einem neuen Leben und offenbart die Liebe seines Vaters. Schließlich gibt er sein Leben hin. Sein Tod ist deshalb nicht als ein unerwartetes Scheitern seiner Sendung zu verstehen. Bereits die erste öffentliche Vorstellung Jesu durch Johannes den Täufer richtet den Blick auf das Erlösungswerk, das durch ihn geschehen soll.
In Vers 30 greift Johannes eine Aussage auf, die er bereits zuvor gemacht hatte: Nach ihm komme ein Mann, der vor ihm gewesen sei, weil er eher war als er. Der Täufer wiederholt damit die entscheidende Unterscheidung zwischen dem Zeitpunkt ihres öffentlichen Auftretens und der vorausgehenden Existenz Jesu. Doch jetzt nennt er ausdrücklich die Person, auf die seine frühere Ankündigung zielte. Der bislang angekündigte Kommende steht vor seinen Zuhörern. Seine Worte verbinden damit das Zeugnis über Jesu Herkunft mit der neuen Aussage über dessen Erlösungsauftrag. Derjenige, der die Sünde der Welt hinwegnimmt, ist nicht einfach ein später berufener Prophet. Er ist der bereits vor Johannes existierende Christus, dessen Kommen Teil des göttlichen Heilsplans ist.
Anschließend macht Johannes eine überraschende Aussage: „Und ich kannte ihn nicht“ (Johannes 1,31). Diese Worte werfen eine wichtige Frage auf. Nach Lukas 1,36 waren Maria und Elisabeth miteinander verwandt. Außerdem berichtet Matthäus, dass Johannes zunächst Bedenken hatte, Jesus zu taufen, weil er dessen besondere Stellung erkannte (Matthäus 3,13–14). Wie kann Johannes dann erklären, er habe Jesus nicht gekannt? Der Zusammenhang bietet eine naheliegende Erklärung. Johannes spricht nicht notwendigerweise davon, dass er Jesus noch nie persönlich gesehen oder überhaupt nichts über ihn gewusst hätte. Entscheidend ist vielmehr die sichere Erkenntnis, dass gerade dieser Mann der von Gott bestimmte Messias ist. Diese Erkenntnis sollte nicht allein auf menschlicher Bekanntschaft oder eigener Vermutung beruhen. Gott hatte Johannes ein besonderes Zeichen angekündigt, durch das er den Kommenden eindeutig erkennen sollte.
Mit dieser Aussage erklärt Johannes zugleich noch einmal den Zweck seines Taufdienstes. Er war gekommen, um mit Wasser zu taufen, damit Jesus Israel offenbar würde (Johannes 1,31). Seine Tätigkeit war deshalb nicht nur ein allgemeiner Aufruf zu einem besseren Leben. Sie bereitete eine Begegnung mit dem Messias vor und gehörte zu Gottes Handeln, durch das dieser seinem Volk bekannt gemacht werden sollte. Johannes musste nicht aus eigener Kraft herausfinden, wer der erwartete Retter war. Gott selbst hatte ihm den Auftrag gegeben und die Weise angekündigt, auf die er den Messias erkennen würde. Das erklärt, weshalb Johannes trotz seiner besonderen Berufung zunächst nicht beanspruchte, den Kommenden bereits vollständig erkannt zu haben.
In Vers 32 berichtet Johannes von dem entscheidenden Geschehen: Er sah den Geist wie eine Taube aus dem Himmel herabkommen und auf Jesus bleiben. Die anderen Evangelien schildern diesen Vorgang im Zusammenhang mit der Taufe Jesu im Jordan (Matthäus 3,16–17; Markus 1,9–11; Lukas 3,21–22). Johannes berichtet hier dagegen nicht erneut den vollständigen Ablauf der Taufe. Er konzentriert sich auf das Zeugnis des Täufers und darauf, welches Zeichen Gott ihm gegeben hatte. Die Formulierung „wie eine Taube“ beschreibt die wahrnehmbare Erscheinung des Geistes. Sie bedeutet nicht, dass der Heilige Geist seinem Wesen nach ein Vogel wäre. Lukas beschreibt das Herabkommen des Geistes ebenfalls in einer sichtbaren Gestalt wie eine Taube. Die Evangelien betonen dadurch, dass Johannes ein erkennbares Zeichen erhielt, auf das er seine Aussage über Jesus gründen konnte.
Besonders bedeutend ist die Ergänzung, dass der Geist auf Jesus blieb. Johannes sah also nicht lediglich ein vorübergehendes Ereignis, dessen Bedeutung er selbst erraten musste. Gerade das Herabkommen und Bleiben des Geistes war ihm zuvor als Erkennungszeichen angekündigt worden. Diese Verbindung erinnert an alttestamentliche Verheißungen über den kommenden, von Gott bevollmächtigten Retter. In Jesaja 11,1–2 wird ein Nachkomme aus dem Haus Isais angekündigt, auf dem der Geist des HERRN ruhen wird. Jesaja 42,1 beschreibt den von Gott erwählten Knecht, auf den Gott seinen Geist legt, damit er den Völkern das Recht bringe. Auch Jesaja 61,1 verbindet die Salbung mit dem Geist Gottes mit der Verkündigung einer frohen Botschaft. Diese Stellen zeigen, dass das Wirken des Geistes für die erwartete messianische Sendung von grundlegender Bedeutung war.
Dabei wäre es jedoch falsch zu behaupten, dass Gottes Geist im Alten Testament grundsätzlich nur für kurze Augenblicke auf Menschen gekommen sei. Auch David empfing den Geist Gottes in einer Weise, die für seine weitere Berufung bedeutsam war (1. Samuel 16,13). Das Besondere an Jesus liegt deshalb nicht einfach darin, dass der Geist bei ihm länger blieb als bei jedem früheren Menschen. Entscheidend ist vielmehr seine einzigartige Stellung als der verheißene Messias. Auf ihm ruht der Geist im Zusammenhang mit seiner besonderen Sendung, und durch ihn soll die Gabe des Geistes auch anderen Menschen zugänglich werden. Das erklärt der folgende Vers ausdrücklich.
In Johannes 1,33 berichtet der Täufer, was Gott ihm zuvor angekündigt hatte. Derjenige, auf den er den Geist herabkommen und bleiben sehe, sei der, welcher mit dem Heiligen Geist taufe. Damit stehen zwei unterschiedliche Taufen nebeneinander. Johannes taufte mit Wasser. Seine Taufe war ein sichtbares Zeichen der Umkehr und Vorbereitung. Jesus dagegen sollte mit dem Heiligen Geist taufen. Die besondere Bedeutung dieser Aussage liegt darin, dass Christus nicht nur selbst vom Geist erfüllt ist, sondern Menschen die Gabe des Geistes vermittelt. Seine Sendung reicht damit über äußere Zeichen hinaus. Sie betrifft die geistliche Erneuerung des Menschen und die neue Gemeinschaft mit Gott.
Bereits die Propheten hatten eine solche Erneuerung angekündigt. In Hesekiel 36,25–27 verheißt Gott, sein Volk zu reinigen, ihm ein neues Herz zu geben und seinen Geist in sein Inneres zu legen. Damit verbindet er die Erneuerung des Herzens mit einem Leben nach seinem Willen. Auch Joel 3,1–2 kündigt eine umfassende Ausgießung des göttlichen Geistes an. Diese Verheißungen helfen zu verstehen, warum die Geisttaufe eine so große Bedeutung besitzt. Es geht nicht lediglich darum, dass Menschen außergewöhnliche religiöse Erfahrungen machen. Gottes Geist soll in ihnen wirken und ihr Leben von innen heraus erneuern. Diese Veränderung kann nicht durch eine äußere Waschung allein erzeugt werden. Sie ist Gottes eigenes Werk, das Jesus Christus den Menschen eröffnet.
Im weiteren Johannesevangelium wird diese Verheißung genauer entfaltet. Jesus erklärt Nikodemus, dass die neue Geburt durch den Geist geschieht (Johannes 3,5–8). Später spricht er von dem lebendigen Wasser und verbindet diese Verheißung ausdrücklich mit dem Heiligen Geist, den die Glaubenden empfangen sollten (Johannes 7,37–39). Vor seinem Tod kündigt Jesus außerdem an, dass der Vater den Heiligen Geist senden werde, damit dieser seine Jünger lehre, an seine Worte erinnere und sie in der Wahrheit leite (Johannes 14,16–17.26; 16,13). Nach seiner Auferstehung spricht Jesus erneut vom Empfang des Heiligen Geistes (Johannes 20,22). Die Apostelgeschichte berichtet schließlich von der Ausgießung des Geistes zu Pfingsten (Apostelgeschichte 2,1–4.33). Diese Aussagen zeigen, wie weitreichend die Ankündigung des Täufers ist. Der kommende Messias wird nicht allein von Gottes Geist begleitet. Er ist derjenige, durch den die verheißene Geistgabe im Erlösungswerk Gottes eine entscheidende Erfüllung findet.
Mit Vers 34 erreicht das Zeugnis Johannes des Täufers seinen Abschluss. Er erklärt, dass er gesehen habe und bezeuge, dass dieser der Sohn Gottes sei. Seine Worte beruhen damit auf dem angekündigten Zeichen und der Erfahrung, die er gemacht hatte. Johannes stellt seine Aussage nicht als eigene Vermutung oder als bloße Übernahme fremder Erwartungen dar. Er hatte den Auftrag erhalten, auf den Kommenden hinzuweisen, und Gott selbst hatte ihm das Zeichen genannt, an dem dieser zu erkennen war. Das Herabkommen und Bleiben des Geistes bestätigte ihm die besondere Stellung Jesu.
Bei diesem Vers besteht eine wichtige Besonderheit der handschriftlichen Überlieferung. Während die Schlachter-Bibel von 1951 und die meisten griechischen Handschriften von dem „Sohn Gottes“ sprechen, enthalten einige frühe Textzeugen die Bezeichnung „der Erwählte Gottes“. In der wissenschaftlichen Forschung wird diskutiert, welche Lesart ursprünglich ist. Die zweite Formulierung erinnert besonders an Jesaja 42,1, wo Gott von seinem erwählten Knecht spricht, auf den er seinen Geist legt. Beide Lesarten passen deshalb zum unmittelbaren Zusammenhang, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte. „Sohn Gottes“ hebt die einzigartige Beziehung Jesu zum Vater hervor. „Erwählter Gottes“ betont seine göttliche Berufung und die Verbindung zu den Verheißungen über den Knecht des HERRN. Die Textfrage ist nicht endgültig unumstritten. Für die Gesamtaussage des Evangeliums bleibt jedoch gesichert, dass Johannes Jesus als den von Gott bestätigten und gesandten Retter bezeugt.
Die Bezeichnung „Sohn Gottes“ besitzt im Johannesevangelium eine besonders tiefe Bedeutung. Sie meint nicht, dass Gott auf menschliche Weise einen Sohn gezeugt hätte, der zuvor nicht existierte. Bereits die ersten Verse haben Jesus als das ewige Wort vorgestellt, das bei Gott war und selbst Gott genannt wird. Seine Sohnschaft muss deshalb im Zusammenhang mit seiner einzigartigen Beziehung zum Vater verstanden werden. Jesus handelt in Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters, macht ihn bekannt und besitzt eine Stellung, die keinem gewöhnlichen Propheten zukommt. Später erklärt der Evangelist ausdrücklich, weshalb er seine Berichte aufgeschrieben hat: Die Leser sollen glauben, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist, und durch den Glauben Leben in seinem Namen haben (Johannes 20,30–31). Das Zeugnis des Täufers steht somit am Anfang einer Linie, die sich durch das gesamte Evangelium zieht.
In diesen wenigen Versen begegnen uns zwei grundlegende Seiten der Sendung Jesu. Als Lamm Gottes kommt er, um die Sünde der Welt hinwegzunehmen. Als derjenige, der mit dem Heiligen Geist tauft, eröffnet er den Menschen die verheißene Erneuerung durch Gottes Geist. Vergebung und neues Leben gehören damit zum selben Erlösungswerk. Gott befreit Menschen nicht nur von ihrer Schuld, um sie anschließend unverändert ihrem bisherigen Leben zu überlassen. Er schenkt durch Christus auch die Möglichkeit einer erneuerten Beziehung zu ihm. Ebenso wenig kann eine innere Veränderung die Notwendigkeit der Vergebung ersetzen. Das Neue Testament hält beides zusammen: Die Hingabe Christi schafft die Grundlage der Versöhnung, und durch Gottes Geist wird das neue Leben in den Glaubenden wirksam.
Damit hat Johannes der Täufer den angekündigten Messias öffentlich bezeugt. Seine Worte erschließen bereits zentrale Zusammenhänge des Erlösungsplans, deren volle Bedeutung erst durch den weiteren Bericht sichtbar wird. Doch sein Zeugnis soll nicht bei der Erkenntnis stehen bleiben, wer Jesus ist. Es soll Menschen dazu führen, ihm selbst zu begegnen. Genau diese Wirkung zeigt sich am folgenden Tag. Als Johannes erneut auf Jesus hinweist, hören zwei seiner Jünger seine Worte und beginnen, Jesus nachzufolgen. Aus dem Zeugnis über Christus wird nun der erste Schritt einer persönlichen Nachfolge.
Johannes 1,35–39
Die ersten Jünger folgen Jesus
Am folgenden Tag steht Johannes der Täufer erneut mit zwei seiner Jünger zusammen, als Jesus an ihnen vorübergeht (Johannes 1,35–36). Die beiden Männer gehörten bereits zu den Menschen, die sich dem Täufer angeschlossen hatten und seiner Verkündigung folgten. Sie waren also mit dem Aufruf zur Umkehr und der Erwartung des kommenden Messias vertraut. Nun erleben sie, wie Johannes seine Aufmerksamkeit auf Jesus richtet. Der Evangelist beschreibt ausdrücklich, dass der Täufer Jesus ansieht und sagt: „Siehe, das Lamm Gottes!“ Während Johannes am Vortag noch erklärt hatte, dass Jesus die Sünde der Welt hinwegnimmt, genügt diesmal diese kurze Bezeichnung. Seine Zuhörer hatten bereits gehört, welche Bedeutung er ihr gab. Nun steht derjenige, von dem Johannes gesprochen hatte, unmittelbar vor ihnen.
Auffällig ist, dass der Täufer Jesus nicht nur beiläufig erwähnt. Er richtet seinen Blick bewusst auf ihn und macht seine Jünger auf ihn aufmerksam. Das griechische Wort für dieses Hinblicken kann ein aufmerksames, betrachtendes Ansehen beschreiben. Johannes erkennt in dem vorübergehenden Jesus denjenigen, dessen Kommen er angekündigt hat. Seine Worte besitzen deshalb eine unmittelbare Bedeutung für die beiden Männer an seiner Seite. Sie sollen nicht lediglich eine weitere religiöse Aussage hören, sondern den Menschen wahrnehmen, auf den seine Botschaft hinweist. Der Evangelist berichtet nicht, dass Johannes ihnen ausdrücklich befiehlt, Jesus nachzufolgen. Dennoch führt sein Zeugnis genau zu diesem Ergebnis. Die beiden hören seine Worte und beginnen, Jesus nachzugehen.
In Vers 37 stehen zwei Handlungen unmittelbar nebeneinander: Die Jünger hören und sie folgen. Damit beginnt eine Entwicklung, die für das gesamte Evangelium wichtig wird. Zunächst bedeutet das Nachfolgen ganz wörtlich, dass die Männer Jesus hinterhergehen, als er sich entfernt. Doch im weiteren Verlauf erhält diese Handlung eine tiefere Bedeutung. Jesus nachzufolgen bedeutet dann, sich ihm als Lehrer anzuvertrauen, seine Worte anzunehmen und das eigene Leben an ihm auszurichten. Diese spätere Bedeutung darf nicht vollständig in den ersten Schritt hineingelesen werden. Die beiden Männer haben zu diesem Zeitpunkt noch nicht alles verstanden, was Nachfolge bedeutet. Sie wissen aber genug, um Jesus kennenlernen zu wollen. Das Zeugnis des Täufers hat sie dazu gebracht, sich nicht länger nur mit der Ankündigung des Messias zu beschäftigen, sondern die Begegnung mit ihm zu suchen.
Gerade darin wird die Aufgabe Johannes des Täufers besonders anschaulich. Seine Jünger verlassen ihn nicht aufgrund eines Streites oder weil seine Verkündigung bedeutungslos geworden wäre. Vielmehr führt sein eigenes Zeugnis sie zu Jesus. Johannes hatte seinen Auftrag nicht darin gesehen, Menschen dauerhaft an seine Person zu binden. Er sollte sie auf den Kommenden vorbereiten. Nun beginnt sich zu zeigen, welche Wirkung ein solches Zeugnis entfalten kann. Die beiden Männer wenden sich demjenigen zu, den ihr bisheriger Lehrer als Lamm Gottes bezeichnet hat. Aus dem Hören einer prophetischen Botschaft entsteht eine persönliche Bewegung auf Christus zu.
Jesus bemerkt, dass die beiden Männer ihm folgen. Er wendet sich um, sieht sie an und stellt ihnen eine Frage: „Was sucht ihr?“ (Johannes 1,38). Bemerkenswerterweise sind dies die ersten Worte Jesu, die das Johannesevangelium unmittelbar wiedergibt. Seine öffentliche Rede beginnt hier nicht mit einer langen Belehrung, sondern mit einer Frage an zwei Menschen, die seine Nähe suchen. Jesus weiß, dass sie ihm folgen, doch er lässt sie selbst aussprechen, weshalb sie zu ihm kommen. Der Text erklärt nicht ausdrücklich, ob Jesus damit ihre innersten Beweggründe prüfen oder zunächst einfach den Anlass ihrer Annäherung erfahren möchte. Beides ist mit der Frage vereinbar. Entscheidend ist, dass Jesus die beiden nicht unbeachtet weitergehen lässt. Er wendet sich ihnen zu und eröffnet das Gespräch.
Die Frage „Was sucht ihr?“ besitzt zugleich eine Bedeutung, die über die unmittelbare Situation hinausreicht. Das griechische Verb zēteō bezeichnet das Suchen oder Verlangen nach etwas. Im Johannesevangelium wird später mehrfach davon gesprochen, dass Menschen Jesus suchen, allerdings aus sehr unterschiedlichen Gründen. Manche möchten seine Wunder erleben, andere haben Fragen an ihn, wieder andere suchen nach einer Gelegenheit, ihn festzunehmen (Johannes 6,24–26; 7,1). Das Suchen allein sagt deshalb noch nicht, in welcher Haltung jemand zu Jesus kommt. Die Frage am Anfang der ersten Jüngerbegegnung lenkt die Aufmerksamkeit auf die Beweggründe der Menschen. Was erwarten sie von Jesus? Welche Hoffnung verbinden sie mit ihm? Und sind sie bereit, ihn so kennenzulernen, wie er sich tatsächlich offenbart? Johannes entwickelt diese Fragen nicht in einem eigenen erklärenden Abschnitt, doch sie ergeben sich aus dem weiteren Verlauf seines Evangeliums.
Die Antwort der beiden Jünger fällt zunächst überraschend schlicht aus. Sie sprechen Jesus mit „Rabbi“ an und fragen: „Wo wohnst du?“ (Johannes 1,38). Der Evangelist erklärt seinen Lesern, dass Rabbi übersetzt „Lehrer“ bedeutet. Es handelt sich um eine jüdische Anrede, mit der einem religiösen Lehrer Achtung entgegengebracht werden konnte. Die beiden Männer begegnen Jesus damit bereits in der Haltung von Menschen, die von ihm lernen möchten. Zugleich zeigt ihre Anrede, dass sie ihre Erkenntnis über ihn noch nicht vollständig entfaltet haben. Johannes der Täufer hatte Jesus als das Lamm Gottes vorgestellt. Die beiden sprechen ihn zunächst als Lehrer an. Das muss kein Widerspruch sein. Ihre Begegnung befindet sich erst am Anfang, und die Erkenntnis darüber, wer Jesus ist, wird sich im weiteren Verlauf vertiefen.
Auch ihre Frage nach seinem Wohnort verdient Aufmerksamkeit. Sie fragen nicht nach einem einzelnen Lehrsatz, den Jesus ihnen sofort erklären soll. Sie möchten erfahren, wo er sich aufhält. Das griechische Verb menō, das hier mit „wohnen“ wiedergegeben wird, kann ebenso „bleiben“ oder „sich aufhalten“ bedeuten. Es muss deshalb nicht nach einer dauerhaften Wohnung gefragt worden sein. Jesus befand sich in der Gegend des Jordans, wo Johannes taufte, und die Männer wollten offenbar wissen, wo sie ihn erreichen und Zeit mit ihm verbringen konnten. Dass sie ein längeres Gespräch suchten, ist angesichts des weiteren Verlaufs naheliegend. Was genau sie erfahren wollten oder welche Fragen sie bereits vorbereitet hatten, berichtet der Evangelist jedoch nicht.
Jesu Antwort lautet: „Kommt und seht!“ (Johannes 1,39). Er nennt ihnen nicht einfach einen Ort, an dem sie ihn später aufsuchen können, sondern lädt sie ein, unmittelbar mit ihm zu gehen. Die Einladung besitzt eine bemerkenswerte Einfachheit. Jesus verlangt an dieser Stelle kein ausführliches Bekenntnis und stellt den beiden Männern keine weiteren Bedingungen. Sie dürfen mitkommen und selbst sehen, wo er sich aufhält. Damit erhalten sie Gelegenheit, ihn näher kennenzulernen. Das ist für den Beginn ihrer Nachfolge wichtig. Sie sollen Jesus nicht ausschließlich aufgrund dessen beurteilen, was andere über ihn berichten. Das Zeugnis des Täufers hat sie zu ihm geführt; nun können sie selbst mit ihm sprechen und erfahren, wie er ihnen begegnet.
Der Evangelist beschreibt die Reaktion der beiden Männer mit denselben einfachen Worten, die Jesus zuvor verwendet hat: Sie kamen und sahen, wo er wohnte. Anschließend blieben sie an diesem Tag bei ihm. Die Einladung wurde also tatsächlich angenommen. Johannes berichtet jedoch nicht, worüber Jesus mit ihnen sprach, welche Fragen sie stellten oder wie lange das Gespräch im Einzelnen dauerte. Auch besondere Zeichen oder Wunder werden in dieser Begegnung nicht erwähnt. Die Bedeutung des Geschehens liegt vielmehr darin, dass die beiden Männer Zeit in der unmittelbaren Gemeinschaft mit Jesus verbringen. Sie hören nicht nur einen kurzen Ausspruch im Vorübergehen, sondern erhalten Gelegenheit, ihn persönlich kennenzulernen.
Dabei ist das wiederholte Wort „bleiben“ besonders interessant. Zuerst fragen die Jünger, wo Jesus bleibt. Dann sehen sie, wo er bleibt, und schließlich bleiben sie selbst bei ihm. Innerhalb dieser kurzen Erzählung verbindet das Wort den Aufenthaltsort Jesu mit der Entscheidung der beiden Männer, seine Nähe zu suchen. Im späteren Johannesevangelium erhält dasselbe griechische Verb eine wichtige geistliche Bedeutung. In Johannes 15,4 fordert Jesus seine Jünger auf, in ihm zu bleiben, und erklärt die bleibende Gemeinschaft mit ihm zur Voraussetzung geistlicher Frucht. Daraus folgt allerdings nicht, dass Johannes 1,39 bereits ausdrücklich die gesamte spätere Lehre vom Bleiben in Christus enthält. Hier beschreibt das Wort zunächst den tatsächlichen Aufenthalt bei Jesus. Dennoch entsteht innerhalb des Evangeliums eine bemerkenswerte Verbindung: Was am Anfang als persönliche Begegnung beginnt, wird später zu einer grundlegenden Beschreibung des Lebens in Gemeinschaft mit Christus.
Zum Schluss nennt Johannes eine ungewöhnlich genaue Zeitangabe: „Es war aber um die zehnte Stunde“ (Johannes 1,39). Im damaligen jüdischen Alltag wurden die Tagesstunden gewöhnlich vom Sonnenaufgang an gezählt. Nach dieser Rechnung entspricht die zehnte Stunde ungefähr vier Uhr nachmittags. Einige Ausleger haben vorgeschlagen, Johannes könne stattdessen eine römische Zeitrechnung verwenden, bei der die zehnte Stunde ungefähr zehn Uhr vormittags bezeichnet. Die jüdische Tageszählung gilt hier jedoch als die naheliegendere Erklärung. Eine vollständig sichere Entscheidung allein aus dieser Versangabe ist nicht möglich.
Wenn es bereits später Nachmittag war, lässt sich gut verstehen, weshalb die Jünger bei Jesus blieben, statt nur ein kurzes Gespräch mit ihm zu führen. Ob sie dort auch die Nacht verbrachten, sagt der Text nicht ausdrücklich. Ebenso wenig lässt sich sicher nachweisen, weshalb der Evangelist die Uhrzeit so genau festhielt. Möglicherweise blieb sie wegen der Bedeutung dieser Begegnung in Erinnerung. Das ist verständlich, bleibt aber eine Vermutung. Sicher ist lediglich, dass Johannes dem Geschehen eine konkrete zeitliche Einordnung gibt. Die Begegnung wird nicht als unbestimmte religiöse Erfahrung erzählt, sondern als ein Ereignis, das an einem bestimmten Tag und zu einer bestimmten Stunde stattfand.
In diesen wenigen Versen zeigt sich, wie die ersten Schritte der Nachfolge entstehen. Zunächst steht das Zeugnis eines Menschen, der auf Jesus aufmerksam macht. Darauf folgt die Entscheidung zweier Zuhörer, selbst zu ihm zu gehen. Jesus begegnet ihnen mit einer Frage und lädt sie anschließend ein, Zeit mit ihm zu verbringen. Ihre Erkenntnis über ihn ist noch nicht vollständig, doch ihre Beziehung zu ihm beginnt sich zu entwickeln. Der Evangelist erklärt nicht, was die beiden an diesem Tag alles erfuhren. Die unmittelbar folgende Erzählung zeigt jedoch, dass die Begegnung nicht ohne Wirkung blieb. Einer der beiden Männer wird als Andreas vorgestellt, der daraufhin seinen Bruder Simon aufsucht. Was er ihm berichtet, lässt erkennen, zu welcher Überzeugung die Begegnung mit Jesus geführt hat.
Johannes 1,40–42
Andreas führt seinen Bruder Simon zu Jesus
Einer der beiden Männer, die durch das Zeugnis Johannes des Täufers zu Jesus gekommen waren, wird nun mit Namen vorgestellt: Andreas, der Bruder des Simon Petrus (Johannes 1,40). Der zweite Jünger bleibt dagegen ungenannt. Manche Ausleger vermuten, dass es sich um den späteren Verfasser des Evangeliums handelt, doch der Bibeltext bestätigt diese Annahme nicht ausdrücklich. Bemerkenswert ist, dass Andreas zunächst über seine familiäre Beziehung zu Simon vorgestellt wird, obwohl dieser in der Erzählung noch gar nicht persönlich aufgetreten ist. Für die späteren Leser des Evangeliums war Simon Petrus offenbar bereits eine bekannte Gestalt. Der Evangelist verwendet deshalb dessen Namen, um Andreas einzuordnen. Zugleich führt er damit einen Mann ein, der im weiteren Verlauf der neutestamentlichen Geschichte eine bedeutende Aufgabe erhalten wird.
Die Begegnung mit Jesus bleibt für Andreas nicht ohne Folgen. Vers 41 berichtet: „Dieser findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden.“ Das Wort „zuerst“ zeigt, dass Andreas seinen Bruder frühzeitig aufsucht. Der Text beschreibt allerdings nicht vollständig, was er zuvor oder anschließend unternommen hat. Entscheidend ist vielmehr, dass Andreas die Nachricht von seiner Begegnung nicht für sich behält. Er sucht einen Menschen auf, mit dem er durch seine Familie eng verbunden ist, und erzählt ihm, zu welcher Überzeugung er gelangt ist. Seine Worte besitzen dabei eine besondere Bedeutung. Andreas berichtet nicht lediglich, dass er einen interessanten Lehrer kennengelernt habe. Er erklärt, dass der lange erwartete Messias gefunden worden sei.
Das Wort „Messias“ stammt aus dem Hebräischen und bedeutet „Gesalbter“. Johannes erklärt seinen Lesern ausdrücklich, dass es dem griechischen Titel „Christus“ entspricht. Im Alten Testament wurden besonders Könige und Priester für ihre Aufgaben gesalbt. Auch bei der Berufung von Propheten begegnet die Sprache der Salbung. Sie machte deutlich, dass ein Mensch für eine besondere Aufgabe im Dienst Gottes bestimmt war. Aus den Verheißungen an David und den späteren prophetischen Ankündigungen entwickelte sich die Hoffnung auf einen von Gott gesandten Retter und König. Besonders Jesaja 9,5–6 und Jeremia 23,5–6 sprechen von einem kommenden Herrscher, dessen Regierung mit Gerechtigkeit und Frieden verbunden sein wird. Wenn Andreas Jesus als Messias bezeichnet, bringt er damit seine Überzeugung zum Ausdruck, dass der verheißene Gesalbte Gottes nun gekommen ist.
Dabei ist die Formulierung „Wir haben den Messias gefunden“ bemerkenswert. Andreas spricht nicht nur von sich selbst, sondern verwendet die Mehrzahl. Naheliegend ist, dass er dabei auch an den anderen Jünger denkt, der gemeinsam mit ihm Jesus begegnet war. Ob er darüber hinaus weitere Menschen einschließt, lässt sich aus dem Vers nicht sicher feststellen. Die Worte lassen jedoch erkennen, dass Andreas die Begegnung mit Jesus als Antwort auf eine bereits bestehende Erwartung versteht. Er war nicht zufällig auf der Suche nach einem beliebigen neuen Lehrer. Als Jünger Johannes des Täufers hatte er bereits von der bevorstehenden Ankunft des Kommenden gehört. Nun ist er überzeugt, dass diese Erwartung in Jesus ihre Erfüllung gefunden hat.
Trotzdem dürfen wir Andreas nicht bereits ein vollständiges Verständnis des gesamten Erlösungswerkes Jesu zuschreiben. Das Johannesevangelium zeigt später mehrfach, dass selbst die engsten Jünger zunächst Schwierigkeiten hatten, Jesu Worte und seinen Auftrag richtig zu verstehen. Besonders die Bedeutung seines Todes und seiner Auferstehung erschloss sich ihnen erst im weiteren Verlauf der Ereignisse (Johannes 2,19–22; 12,16). Auch die Erwartungen an den Messias waren zur damaligen Zeit nicht einheitlich. Manche verbanden mit ihm besonders die Hoffnung auf politische Befreiung und die Wiederherstellung Israels. Andere erwarteten einen gerechten König, einen Propheten oder einen von Gott bevollmächtigten Retter. Andreas' Bekenntnis ist deshalb als wirklicher Beginn einer Glaubenserkenntnis zu verstehen, die noch weiter wachsen musste. Er hatte erkannt, dass Jesus der verheißene Christus ist, ohne bereits alles zu wissen, was diese Erkenntnis für sein eigenes Leben bedeuten würde.
Vers 42 beschreibt anschließend mit wenigen Worten, was Andreas aus seiner Überzeugung macht: „Und er führte ihn zu Jesus.“ Zwischen seinem Bekenntnis und dieser Handlung besteht ein unmittelbarer Zusammenhang. Andreas berichtet Simon nicht nur von seiner Entdeckung, sondern ermöglicht ihm eine eigene Begegnung mit Jesus. Dabei bleibt offen, was Simon zunächst über die Nachricht seines Bruders dachte. Der Evangelist berichtet weder von einem längeren Gespräch noch von Zweifeln oder Einwänden. Es wäre deshalb unbegründet, Simon an dieser Stelle eine bestimmte innere Reaktion zuzuschreiben. Sicher ist, dass Andreas ihn tatsächlich zu Jesus bringt. Aus der Begegnung eines einzelnen Jüngers entsteht dadurch eine weitere persönliche Begegnung, die für die spätere Geschichte der Gemeinde von großer Bedeutung werden wird.
Als Simon vor Jesus steht, geschieht etwas Unerwartetes. Noch bevor Johannes ein Wort Simons überliefert, richtet Jesus den Blick auf ihn und spricht ihn unmittelbar an. Der Evangelist verwendet für dieses Ansehen ein griechisches Verb, das ein bewusstes und aufmerksames Hinblicken bezeichnen kann. Jesus begegnet Simon nicht wie einem unbekannten Menschen, den er zunächst nach seinem Namen fragen müsste. Er spricht ihn mit seinem bisherigen Namen und seiner familiären Herkunft an: „Du bist Simon, Jonas Sohn.“ In einigen besonders frühen griechischen Handschriften steht an dieser Stelle allerdings „Sohn des Johannes“ statt „Sohn des Jonas“. Die Schlachter-Bibel von 1951 folgt der traditionellen Lesart mit Jonas. Beide Formen gehören zur tatsächlichen Textüberlieferung. Für die Bedeutung der Begegnung ist die unterschiedliche Namensform jedoch nicht entscheidend. Der Schwerpunkt liegt darauf, dass Jesus Simon persönlich anspricht und anschließend eine Aussage über seine zukünftige Stellung macht.
Jesus sagt zu ihm: „Du sollst Kephas heißen“ (Johannes 1,42). Der Evangelist erklärt seinen griechischsprachigen Lesern die Bedeutung dieses Namens. Kephas stammt aus dem Aramäischen, einer Sprache, die zur Zeit Jesu in Palästina verbreitet war, und bedeutet „Fels“ oder „Stein“. Die entsprechende griechische Namensform lautet Petros, woraus der deutsche Name Petrus entstanden ist. Diese Verbindung ist wichtig, weil Simon im Neuen Testament unter beiden Namen bekannt wird. Paulus bezeichnet ihn in seinen Briefen mehrfach als Kephas, während die Evangelien überwiegend die griechische Form Petrus verwenden (1. Korinther 1,12; Galater 2,9). Es handelt sich also nicht um zwei verschiedene Menschen, sondern um denselben Jünger, der durch Jesus einen neuen Namen erhält.
Die Namensgebung besitzt innerhalb der biblischen Geschichte eine besondere Bedeutung. Bereits im Alten Testament begegnen Fälle, in denen Gott einem Menschen einen neuen Namen gibt und damit eine Verheißung oder eine neue Aufgabe verbindet. Abram wird zu Abraham, als Gott seinen Bund mit ihm bestätigt und ihn zum Vater vieler Völker bestimmt (1. Mose 17,4–5). Jakob erhält den Namen Israel im Zusammenhang mit seiner besonderen Geschichte und seiner Begegnung mit Gott (1. Mose 32,29). Nicht jede biblische Namensänderung besitzt dieselbe Bedeutung, doch solche Beispiele zeigen, dass ein neuer Name mehr sein kann als eine persönliche Anrede. Auch bei Simon weist die Namensgebung über den gegenwärtigen Augenblick hinaus. Jesus spricht nicht nur davon, wer Simon bisher war, sondern davon, wie er künftig genannt werden soll.
Welche Bedeutung diese Ankündigung erhalten wird, erschließt sich besonders im weiteren Leben des Petrus. Nach Matthäus 16,16–18 bekennt Simon Jesus als den Christus, den Sohn des lebendigen Gottes. Jesus greift daraufhin seinen Namen Petrus auf und spricht von dem Felsen, auf dem er seine Gemeinde bauen werde. Zwischen der ersten Namensankündigung in Johannes 1 und dieser späteren Aussage besteht eine enge Verbindung. Sie zeigt, dass Petrus innerhalb der entstehenden Jüngergemeinschaft eine besondere Aufgabe erhalten soll. Seine Bedeutung liegt jedoch nicht in einer von Christus unabhängigen geistlichen Stärke. Jesus selbst ist derjenige, der beruft, bevollmächtigt und seine Gemeinde baut. Die Namensgebung in Johannes 1 kündigt diese zukünftige Entwicklung an, ohne bereits sämtliche Einzelheiten seiner späteren Stellung zu erklären.
Bemerkenswert ist dabei, dass Petrus keineswegs von Anfang an ein Mensch unerschütterlicher Standhaftigkeit war. Die Evangelien berichten später von seinem aufrichtigen Vertrauen, seinem Mut und seiner Bereitschaft, Jesus nachzufolgen. Sie verschweigen aber ebenso wenig seine Selbstüberschätzung und sein schweres Versagen in der Nacht der Gefangennahme Jesu (Matthäus 26,69–75). Nach der Auferstehung begegnet Jesus ihm erneut und beauftragt ihn, für seine Herde zu sorgen (Johannes 21,15–17). Die zukünftige Bedeutung seines Namens darf deshalb nicht so verstanden werden, als hätte Simon bereits bei seiner ersten Begegnung einen vollkommen gefestigten Charakter besessen. Vielmehr zeigt seine weitere Geschichte, wie Jesus einen Menschen trotz seiner Schwächen gebraucht, zurechtbringt und für seinen Dienst befähigt. Die Verheißung seiner Berufung gründet nicht in menschlicher Fehlerlosigkeit, sondern in dem Herrn, der ihn berufen hat.
Damit erhält auch die Handlung des Andreas ein besonderes Gewicht. Er konnte zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, welche Rolle sein Bruder später innerhalb der ersten Gemeinde spielen würde. Johannes berichtet jedenfalls nichts davon, dass Andreas diese Entwicklung bereits vorausgesehen hätte. Er handelte aufgrund der Erkenntnis, die er selbst gewonnen hatte, und führte Simon zu Jesus. Was aus dieser Begegnung entstehen würde, lag nicht in seiner Hand. Die folgende Geschichte zeigt jedoch, dass gerade dieser einfache Schritt Teil eines wesentlich größeren Geschehens wurde. Petrus sollte später zu den bekanntesten Zeugen der Auferstehung gehören und am Pfingsttag öffentlich verkündigen, dass Gott Jesus zum Herrn und Christus gemacht hat (Apostelgeschichte 2,14–36).
So verbindet dieser kurze Abschnitt zwei unterschiedliche Vorgänge miteinander. Andreas gibt weiter, was er über Jesus erkannt hat, während Jesus Simon unmittelbar begegnet und ihm einen Namen für seine zukünftige Aufgabe zuspricht. Der Evangelist zeigt damit, wie die Berufung der ersten Jünger nicht bei einer einmaligen Begegnung stehen bleibt. Menschen werden zu Jesus geführt und beginnen, seine Bedeutung für ihr eigenes Leben zu entdecken. Zugleich tritt immer deutlicher hervor, dass Jesus seine Jünger nicht nur sammelt, sondern ihnen auch eine Aufgabe anvertraut. Diese Entwicklung setzt sich bereits am folgenden Tag fort, als Jesus nach Galiläa aufbrechen will und Philippus begegnet.
Johannes 1,43–46
Philippus begegnet dem Messias und lädt Nathanael ein
Am folgenden Tag beschließt Jesus, nach Galiläa aufzubrechen. Bevor der Evangelist von seiner Ankunft dort berichtet, beschreibt er eine weitere Begegnung, durch die sich der Kreis seiner ersten Nachfolger vergrößert. Jesus findet Philippus und spricht zu ihm: „Folge mir nach!“ (Johannes 1,43). Anders als bei Andreas und seinem Begleiter geht die Begegnung diesmal ausdrücklich von Jesus selbst aus. Die beiden ersten Jünger waren durch das Zeugnis Johannes des Täufers auf Jesus aufmerksam geworden und hatten seine Nähe gesucht. Philippus dagegen wird von Jesus gefunden und unmittelbar zur Nachfolge aufgefordert. Der Evangelist berichtet nicht, ob die beiden zuvor schon miteinander gesprochen hatten oder wie viel Philippus bereits über Jesus wusste. Seine Darstellung konzentriert sich auf die persönliche Berufung. Jesus spricht einen bestimmten Menschen an und lädt ihn ein, sein Nachfolger zu werden.
Die Aufforderung „Folge mir nach!“ besitzt in diesem Zusammenhang eine größere Bedeutung als die Bitte, Jesus lediglich auf dem Weg nach Galiläa zu begleiten. Wer sich damals einem Lehrer anschloss, konnte dadurch zu seinem Schüler werden und von ihm lernen. Bei Jesus entwickelt sich diese Beziehung jedoch zu einer umfassenden Lebensgemeinschaft, in der seine Jünger seine Worte hören, sein Handeln beobachten und zunehmend verstehen sollen, wozu er gekommen ist. Die Evangelien zeigen später, dass Nachfolge auch die Bereitschaft einschließt, eigene Vorstellungen aufzugeben und Schwierigkeiten um Jesu willen auf sich zu nehmen (Lukas 9,23; Johannes 12,26). Diese weiterführenden Anforderungen werden Philippus hier noch nicht einzeln erklärt. Dennoch bezeichnet der Ruf bereits die Richtung seines zukünftigen Lebens: Er soll sich Jesus anschließen und von ihm führen lassen.
Vers 44 ergänzt, dass Philippus aus Bethsaida stammte, derselben Stadt wie Andreas und Petrus. Bethsaida lag in der Gegend des Sees Genezareth und gehörte damit zu dem Lebensumfeld, aus dem mehrere der ersten Jünger kamen. Die gemeinsame Herkunft macht es gut möglich, dass Philippus die beiden Brüder bereits kannte. Ob Andreas oder Petrus ihm zuvor von Jesus erzählt hatten, berichtet Johannes jedoch nicht. Ebenso wenig nennt er einen früheren Aufenthalt des Philippus bei Johannes dem Täufer. Solche Möglichkeiten dürfen deshalb nicht als gesicherte Vorgeschichte seiner Berufung dargestellt werden. Die Ortsangabe zeigt zunächst, dass Jesus Menschen aus einem gemeinsamen regionalen Umfeld zu sich ruft. Später werden sie dennoch nicht aufgrund ihrer Herkunft, sondern durch ihre Beziehung zu ihm zu einer neuen Gemeinschaft verbunden.
Philippus begegnet uns im weiteren Evangelium mehrfach wieder. Bei der Speisung der Fünftausend richtet Jesus eine Frage an ihn, um ihn auf die Probe zu stellen (Johannes 6,5–6). Später wenden sich einige Griechen an Philippus, weil sie Jesus sehen möchten (Johannes 12,20–22). Beim letzten gemeinsamen Gespräch der Jünger bittet Philippus Jesus schließlich, ihnen den Vater zu zeigen (Johannes 14,8–9). Diese Begebenheiten lassen erkennen, dass auch seine Erkenntnis über Jesus im Lauf der Nachfolge vertieft werden musste. Er gehört nicht zu Menschen, die von Anfang an jede geistliche Frage richtig beantworten konnten. Vielmehr zeigt seine Geschichte einen Jünger, der Jesus wirklich nachfolgt und dabei selbst noch lernt, die Bedeutung seines Herrn immer besser zu verstehen.
Unmittelbar nach seiner Berufung wird Philippus selbst tätig. Er sucht Nathanael auf und berichtet ihm von Jesus (Johannes 1,45). Der Evangelist erklärt nicht ausdrücklich, in welcher Beziehung die beiden Männer zuvor zueinander standen. Dass Philippus ihn gezielt aufsucht und ihm seine Entdeckung mitteilt, spricht jedoch dafür, dass sie miteinander bekannt waren. Nathanael wird später in Johannes 21,2 als Mann aus Kana in Galiläa bezeichnet. Seine Herkunft verbindet ihn damit ebenfalls mit der Gegend, in der Jesus bald öffentlich wirken wird. Philippus nimmt nun eine ähnliche Rolle ein wie Andreas gegenüber seinem Bruder Simon. Er möchte, dass ein anderer Mensch an der Erkenntnis teilhat, die für ihn selbst von großer Bedeutung geworden ist. Dabei stellt er nicht seine eigene Berufung in den Mittelpunkt, sondern berichtet davon, wen er gefunden hat.
Seine Worte lauten: „Wir haben den gefunden, von welchem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben“ (Johannes 1,45). Diese Aussage ist besonders bemerkenswert, weil Philippus seine Überzeugung ausdrücklich mit den heiligen Schriften Israels verbindet. Mit dem Gesetz des Mose sind die fünf Bücher Mose gemeint, während die Propheten einen weiteren großen Teil der alttestamentlichen Schriften bezeichnen. Philippus versteht Jesus damit nicht als eine Gestalt, die völlig unabhängig von der bisherigen Offenbarung Gottes erscheint. Vielmehr ist er überzeugt, dass die alten Verheißungen auf diesen Mann hinweisen. Seine Aussage zeigt, wie eng die Erwartung des Messias mit dem Lesen und Verstehen der Schrift verbunden war.
Ein wichtiger Ausgangspunkt dafür liegt in 5. Mose 18,15–19. Dort kündigt Mose einen Propheten an, den Gott aus der Mitte seines Volkes erwecken und dessen Worte die Menschen hören sollen. Im Neuen Testament wird diese Verheißung ausdrücklich auf Jesus bezogen (Apostelgeschichte 3,22–23). Doch die messianische Hoffnung beschränkt sich nicht auf diese eine Ankündigung. Bereits in 1. Mose 49,10 begegnet die Erwartung einer besonderen Herrschaft aus dem Stamm Juda. Später verheißt Gott David ein Königtum mit bleibender Bedeutung (2. Samuel 7,12–16). Die Propheten führen diese Hoffnung weiter. Jesaja spricht von einem kommenden Herrscher, auf dessen Schultern die Herrschaft ruht und dessen Reich durch Recht und Gerechtigkeit bestehen wird (Jesaja 9,5–6). Jeremia kündigt einen gerechten Spross aus Davids Geschlecht an (Jeremia 23,5–6). Auch Jesaja 53 gehört zum größeren Zusammenhang der Hoffnung auf Gottes rettendes Handeln, indem dort ein Knecht beschrieben wird, der für die Schuld anderer leidet.
Allerdings sollte die Aussage des Philippus nicht so verstanden werden, als enthielten diese unterschiedlichen Schriftstellen bereits eine einzige vollständige Beschreibung aller Einzelheiten des Lebens Jesu. Die alttestamentlichen Verheißungen entstanden in verschiedenen geschichtlichen Situationen und besitzen jeweils ihren eigenen Zusammenhang. Manche sprechen von königlicher Herrschaft, andere von einem Propheten oder vom leidenden Knecht Gottes. Erst im Licht des gesamten Lebens und Wirkens Jesu wird erkennbar, wie diese Linien in ihm zusammenkommen. Das Johannesevangelium bestätigt später ausdrücklich, dass die Schriften von Christus Zeugnis geben. Jesus erklärt seinen Zuhörern, dass Mose von ihm geschrieben habe, und weist zugleich darauf hin, dass sie trotz ihrer Beschäftigung mit den Schriften nicht bereit seien, zu ihm zu kommen (Johannes 5,39–46). Damit zeigt sich, dass das bloße Kennen der Verheißungen und das Erkennen ihrer Erfüllung nicht automatisch dasselbe sind.
Philippus nennt Nathanael anschließend den Menschen, in dem er diese Verheißungen erfüllt sieht: Jesus, den Sohn Josephs, aus Nazareth. Die Bezeichnung „Sohn Josephs“ entspricht der familiären Zuordnung, unter der Jesus in seiner Umgebung bekannt war. Matthäus und Lukas berichten ergänzend, dass Jesus durch den Heiligen Geist empfangen wurde und Maria mit Joseph verlobt beziehungsweise verheiratet war (Matthäus 1,18–25; Lukas 1,26–35). Auch Lukas verwendet für Jesus zunächst die geläufige Bezeichnung als Sohn Josephs, fügt jedoch hinzu, dass man ihn dafür hielt (Lukas 3,23). Philippus beschreibt Jesus deshalb mit einer gesellschaftlich verständlichen Herkunftsangabe. Daraus folgt nicht, dass er an dieser Stelle bereits die besonderen Umstände der Geburt Jesu kannte oder dass der Evangelist dessen göttliche Herkunft bestreiten wollte. Die Bezeichnung ermöglicht Nathanael zunächst, den gemeinten Mann einer konkreten Familie und einem bestimmten Ort zuzuordnen.
Gerade die Erwähnung Nazareths führt jedoch zu einem Einwand. Nathanael fragt: „Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen?“ (Johannes 1,46). Der Ort scheint für ihn nicht zu den Gegenden zu gehören, aus denen er eine so bedeutende Gestalt erwartet hätte. Nazareth wird im Alten Testament nicht ausdrücklich erwähnt und besitzt dort keine hervorgehobene Stellung innerhalb der messianischen Verheißungen. Anders verhält es sich beispielsweise mit Bethlehem. Der Prophet Micha kündigt an, dass aus Bethlehem Ephrata ein Herrscher über Israel hervorgehen werde (Micha 5,1). Vor diesem Hintergrund konnte die Nachricht, ausgerechnet ein Mann aus Nazareth sei der verheißene Messias, zunächst überraschend wirken.
Der genaue Grund für Nathanaels ablehnend klingende Frage wird allerdings nicht genannt. Manche Ausleger vermuten ein örtliches Vorurteil gegen Nazareth oder eine Geringschätzung des kleinen Ortes. Andere sehen vor allem die Schwierigkeit, die Herkunft Jesu mit den messianischen Erwartungen der Schrift zu verbinden. Beide Erklärungen sind möglich, doch der Text erlaubt keine sichere Entscheidung. Besonders wichtig ist, dass Nathanael selbst aus Galiläa stammt. Seine Frage kann deshalb nicht einfach als Ausdruck einer allgemeinen Verachtung aller Galiläer erklärt werden. Ebenso wenig haben wir eine ausreichende historische Grundlage für die Behauptung, Nazareth sei zur damaligen Zeit nachweislich ein besonders unmoralischer oder verrufener Ort gewesen. Der Evangelist überliefert Nathanaels skeptische Frage, ohne die gesellschaftliche Geschichte des Ortes näher zu beschreiben.
Damit berührt die Begegnung ein Problem, das im Johannesevangelium später noch deutlicher hervortritt. Menschen beurteilen Jesus häufig nach seiner bekannten irdischen Herkunft und halten diese für unvereinbar mit seinem besonderen Anspruch. In Johannes 6,42 fragen Zuhörer, wie Jesus behaupten könne, vom Himmel herabgekommen zu sein, wenn sie doch seinen Vater und seine Mutter kennen. In Johannes 7,40–42 entsteht erneut eine Diskussion darüber, woher der Christus kommen müsse. Einige berufen sich auf die Schrift und erwarten den Messias aus dem Geschlecht Davids und aus Bethlehem. Dabei wissen die Gesprächspartner offenbar nicht alles über die Herkunft Jesu. Die Evangelien Matthäus und Lukas berichten, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde und später in Nazareth aufwuchs (Matthäus 2,1.23; Lukas 2,4–7.39–40). Seine bekannte Verbindung mit Nazareth widerspricht deshalb nicht seiner Geburt in Bethlehem. Zugleich zeigt die Diskussion, wie leicht eine teilweise richtige Beobachtung zu einem falschen Gesamturteil führen kann, wenn weitere entscheidende Informationen fehlen.
Philippus beantwortet Nathanaels Einwand auf eine bemerkenswert einfache Weise. Er beginnt keine ausführliche Auseinandersetzung über den Ruf Nazareths und versucht auch nicht, sämtliche messianischen Schriftstellen sofort zu erklären. Stattdessen sagt er: „Komm und sieh!“ Damit verwendet er dieselbe Einladung, die Jesus zuvor an die beiden ersten Jünger gerichtet hatte (Johannes 1,39). Philippus fordert Nathanael auf, sich selbst ein Bild von dem Mann zu machen, über den sie sprechen. Die Frage nach der Herkunft Jesu soll nicht allein aufgrund einer bisherigen Erwartung entschieden werden. Nathanael erhält die Gelegenheit, Jesus persönlich zu begegnen und seine Überzeugung anhand dieser Begegnung zu überprüfen.
Diese Antwort zeigt zugleich eine wichtige Grenze menschlichen Zeugnisses. Philippus kann Nathanael berichten, wen er gefunden hat, und erklären, weshalb er Jesus für den verheißenen Christus hält. Er kann jedoch die eigene Erkenntnis nicht einfach auf Nathanael übertragen. Dieser muss sich selbst mit der Frage auseinandersetzen, wer Jesus ist. Deshalb lädt Philippus ihn ein, Jesus kennenzulernen, anstatt seine Zustimmung lediglich durch Überredung gewinnen zu wollen. Seine Worte bedeuten nicht, dass die Prüfung anhand der Schrift überflüssig geworden wäre. Philippus hat seine Überzeugung gerade mit Mose und den Propheten begründet. Doch er erkennt offenbar, dass eine persönliche Begegnung mit Jesus Nathanael helfen kann, seinen bisherigen Einwand neu zu beurteilen.
Die Einladung besitzt außerdem eine besondere Offenheit. Nathanael wird nicht erst aufgefordert, seine Frage zurückzunehmen oder ein vollständiges Glaubensbekenntnis abzulegen, bevor er Jesus begegnen darf. Philippus nimmt seinen Einwand wahr und zeigt ihm einen Weg, selbst weiterzuforschen. Darin liegt eine Verbindung zu dem, was bereits bei den ersten Jüngern geschehen war. Ihre Erkenntnis entwickelte sich nicht ausschließlich aus übernommenen Aussagen anderer Menschen. Sie hörten ein Zeugnis, gingen Jesus nach und erhielten Gelegenheit, ihn kennenzulernen. Auch Nathanael soll diesen Weg nun selbst gehen. Ob er seine Zweifel überwinden wird, ist an dieser Stelle noch offen.
Damit endet das Gespräch zunächst mit einer Einladung, nicht mit einer abschließenden Erklärung. Philippus hat Nathanael den Mann genannt, in dem er die Verheißungen der Schrift erfüllt sieht. Nathanael hat einen ernsthaften Einwand gegen diese Vorstellung geäußert. Nun steht die Frage im Raum, was geschehen wird, wenn beide tatsächlich vor Jesus treten. Die Fortsetzung zeigt, dass Jesus Nathanael bereits kennt, bevor dieser ihn richtig kennengelernt hat. Aus der zunächst skeptischen Frage nach Nazareth wird dadurch eine Begegnung, in der Nathanael eine wesentlich tiefere Erkenntnis über die Identität Jesu gewinnt.
Johannes 1,47–51
Nathanael und die geöffneten Himmel
Als Nathanael auf Jesus zukommt, geschieht etwas, womit er offenbar nicht gerechnet hat. Noch bevor er selbst eine Frage stellen kann, spricht Jesus über ihn: „Siehe, wahrhaftig ein Israelit, in welchem keine Falschheit ist!“ (Johannes 1,47). Diese Aussage ist bemerkenswert, weil Nathanael Jesus bisher noch nicht persönlich kennengelernt hatte. Kurz zuvor hatte er sogar Zweifel daran geäußert, dass aus Nazareth etwas Gutes kommen könne. Jesus reagiert jedoch nicht mit einem Vorwurf auf diese skeptische Bemerkung. Stattdessen spricht er über Nathanaels innere Haltung. Damit zeigt sich bereits zu Beginn ihrer Begegnung, dass Jesus mehr wahrnimmt als das, was ein Mensch äußerlich sagt oder durch sein Verhalten zu erkennen gibt.
Die Bezeichnung „Israelit“ beschreibt zunächst Nathanaels Zugehörigkeit zum Volk Israel. Doch Jesus ergänzt ausdrücklich, dass er ein wahrhaftiger Israelit sei, in dem keine Falschheit liege. Damit hebt er nicht nur dessen Abstammung hervor, sondern auch eine Eigenschaft seines Charakters. Das griechische Wort dolos, das hier mit „Falschheit“ wiedergegeben wird, bezeichnet Täuschung, Hinterlist oder betrügerisches Verhalten. Jesus beschreibt Nathanael somit als einen Menschen, der nicht bewusst mit Verstellung und Hintergedanken handelt. Das bedeutet allerdings nicht, dass Nathanael vollkommen sündlos gewesen wäre. Eine solche Aussage macht der Text nicht. Seine Worte weisen vielmehr auf eine aufrichtige innere Haltung hin. Nathanael kann Fragen und Zweifel haben, ohne deshalb ein unehrlicher Mensch zu sein.
Gerade diese Unterscheidung ist für das Verständnis der Begegnung wichtig. Nathanael hatte aufgrund der Herkunft Jesu einen Einwand vorgebracht, doch er blieb nicht bei seinem ersten Urteil stehen. Auf die Einladung des Philippus hin war er bereit, Jesus selbst zu begegnen. Der Evangelist berichtet damit von einem Menschen, dessen bisherige Erwartungen noch nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmten, der aber offenbar bereit war, sich eines Besseren belehren zu lassen. Aufrichtigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass jemand bereits jede biblische Wahrheit vollständig erkannt hat. Sie zeigt sich vielmehr darin, dass ein Mensch nicht absichtlich an einer falschen Vorstellung festhält, wenn ihm neue Erkenntnis begegnet.
Die Worte Jesu enthalten möglicherweise noch eine tiefere Verbindung zur Geschichte Israels. Der Name Israel geht auf Jakob zurück, dem Gott nach seiner besonderen Begegnung am Jabbok diesen Namen gab (1. Mose 32,25–29). In Jakobs früherem Leben spielte Täuschung eine bedeutende Rolle. Er hatte sich den Segen seines Vaters Isaak durch eine Verkleidung erschlichen, worauf Esau erklärte, Jakob habe ihn bereits zweimal überlistet (1. Mose 27,18–36). Wenn Jesus Nathanael nun als einen wirklichen Israeliten ohne Falschheit bezeichnet, entsteht ein auffälliger Gegensatz zur früheren Geschichte Jakobs. Diese Verbindung wird dadurch verstärkt, dass Jesus wenige Verse später ausdrücklich auf ein anderes Erlebnis Jakobs anspielt. Es ist deshalb gut möglich, dass der Evangelist die beiden Aussagen bewusst miteinander verbindet. Allerdings erklärt er nicht ausdrücklich, dass Nathanael in jeder Hinsicht als Gegenbild zu Jakob verstanden werden soll. Die Verbindung hilft, die Tiefe der Worte Jesu zu erkennen, ohne aus ihnen eine vollständig ausgearbeitete Gegenüberstellung zu machen.
Nathanael reagiert auf die unerwartete Beschreibung mit einer unmittelbaren Frage: „Woher kennst du mich?“ (Johannes 1,48). Er möchte wissen, weshalb Jesus eine solche Aussage über ihn treffen kann. Der Evangelist berichtet nicht, dass Nathanael sich durch die Worte geschmeichelt fühlte oder dass er ihre Bedeutung sofort verstand. Seine Frage zeigt zunächst echtes Erstaunen. Jesus hat ihn mit einer Sicherheit angesprochen, die eine persönliche Kenntnis vorauszusetzen scheint. Nathanael weiß jedoch offenbar nicht, woher diese Kenntnis stammen könnte.
Jesu Antwort vertieft dieses Erstaunen: „Ehe dich Philippus rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich!“ (Johannes 1,48). Jesus verweist auf einen Zeitpunkt, der vor der Einladung des Philippus lag. Nathanael hatte sich unter einem Feigenbaum aufgehalten, und Jesus erklärt, ihn bereits dort gesehen zu haben. Für Nathanael besitzt diese Aussage offensichtlich eine besondere Bedeutung. Der Evangelist beschreibt jedoch nicht, weshalb ihn die Erwähnung des Feigenbaums so stark beeindruckte. Wir erfahren weder, wie weit der Ort von Jesus entfernt war, noch was Nathanael dort getan hatte. Die Erzählung lässt bewusst offen, welche Einzelheiten Nathanael mit diesem Aufenthalt verband.
In verschiedenen Auslegungen wird angenommen, Nathanael habe unter dem Feigenbaum gebetet, über die Heilige Schrift nachgedacht oder besonders um das Kommen des Messias gerungen. Solche Vorstellungen sind möglich, weil der Feigenbaum in der damaligen Lebenswelt ein vertrauter Ort des Aufenthalts und der Ruhe war. Der Bibeltext selbst berichtet jedoch nicht von einem bestimmten Gebet oder einer besonderen geistlichen Erfahrung an diesem Ort. Deshalb dürfen wir solche Einzelheiten nicht als geschichtliche Tatsachen darstellen. Sicher ist, dass Jesus etwas über Nathanael wusste, das dieser nicht aufgrund einer gewöhnlichen ersten Begegnung erwartet hatte. Gerade darin lag offenbar die besondere Wirkung seiner Worte.
An dieser Stelle zeigt sich ein Grundgedanke, der später im Johannesevangelium weiter entfaltet wird. Jesus ist nicht darauf angewiesen, einen Menschen erst durch lange Gespräche kennenzulernen, bevor er dessen innere Haltung erkennen kann. In Johannes 2,24–25 erklärt der Evangelist ausdrücklich, dass Jesus die Menschen kannte und wusste, was im Menschen war. Auch bei der Begegnung mit der Samariterin zeigt sich seine Kenntnis ihrer persönlichen Lebensgeschichte (Johannes 4,16–19). Nathanaels Erlebnis gehört in diese Linie. Jesus begegnet ihm nicht nur als jemand, der religiöse Fragen beantworten kann, sondern als einer, dessen Wissen über den Menschen weit über das gewöhnlich Erwartbare hinausgeht. Der Text gibt uns keinen vollständigen Einblick in die Weise dieser Erkenntnis, doch er stellt ihre besondere Bedeutung für Nathanael deutlich heraus.
Die Wirkung ist unmittelbar. Nathanael antwortet: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel!“ (Johannes 1,49). Zwischen seiner skeptischen Frage nach Nazareth und diesem Bekenntnis liegt nur eine kurze persönliche Begegnung. Dennoch hat sich seine Haltung grundlegend verändert. Er spricht Jesus weiterhin als Rabbi an und erkennt ihn damit als Lehrer an. Zugleich verwendet er nun zwei Bezeichnungen, die weit über die Stellung eines gewöhnlichen Lehrers hinausgehen. Er nennt ihn den Sohn Gottes und den König Israels. Damit verbindet Nathanael seine persönliche Erfahrung mit der Hoffnung auf den von Gott verheißenen Retter.
Die beiden Titel stehen in einem engen alttestamentlichen Zusammenhang. Besonders Psalm 2 spricht von dem König, den Gott auf Zion eingesetzt hat und den er als seinen Sohn bezeichnet (Psalm 2,6–7). Die Bezeichnung „Sohn Gottes“ konnte im jüdischen Zusammenhang deshalb auch die besondere Stellung des von Gott eingesetzten Königs ausdrücken. Wenn Nathanael Jesus zugleich als Sohn Gottes und König Israels anspricht, liegt eine solche messianisch-königliche Bedeutung nahe. Er erkennt in Jesus denjenigen, der von Gott berufen ist, über sein Volk zu herrschen und seine Verheißungen zu erfüllen.
Allerdings ist damit noch nicht vollständig erklärt, welche Bedeutung die Sohnschaft Jesu im gesamten Johannesevangelium besitzt. Bereits die Einleitung hat ihn als das ewige Wort vorgestellt, das bei Gott war und selbst Gott ist. Im weiteren Verlauf erklärt Jesus seine einzigartige Beziehung zum Vater noch ausführlicher (Johannes 5,19–23; 10,30; 17,5). Nathanaels Bekenntnis ist somit wahr und bedeutungsvoll, doch wir müssen nicht annehmen, dass er zu diesem frühen Zeitpunkt bereits sämtliche Zusammenhänge der göttlichen Herkunft und Menschwerdung Jesu verstand. Seine Worte zeigen eine erste tiefgreifende Erkenntnis, die durch die weitere Nachfolge noch wachsen sollte.
Jesus nimmt Nathanaels Glaubensantwort auf, richtet seinen Blick aber sofort über das bisher Erfahrene hinaus: „Du glaubst, weil ich dir sagte, daß ich dich unter dem Feigenbaum sah! Du wirst Größeres sehen als das!“ (Johannes 1,50). Jesus bestreitet damit nicht die Bedeutung der vorherigen Begegnung. Er macht jedoch deutlich, dass Nathanael seine Erkenntnis noch nicht als abgeschlossen betrachten soll. Was ihn bisher zum Glauben geführt hat, ist erst der Anfang. Ihm stehen Erfahrungen bevor, durch die er die Person und das Wirken Jesu wesentlich umfassender kennenlernen wird.
Diese Verheißung ist besonders wichtig, weil sie den Glauben Nathanaels nicht auf das außergewöhnliche Wissen Jesu beschränkt. Es wäre möglich gewesen, allein von der Tatsache beeindruckt zu sein, dass Jesus einen unbekannten Aufenthalt unter einem Feigenbaum kannte. Doch Jesus will Nathanael zu einer tieferen Erkenntnis führen. Sein Wissen über Menschen ist nicht das eigentliche Ziel seiner Sendung. Entscheidend ist, dass durch sein Handeln Gottes Wesen und sein Erlösungsplan sichtbar werden. Die angekündigten größeren Dinge betreffen deshalb mehr als weitere überraschende Informationen über Nathanaels Leben. Sie weisen auf die umfassendere Offenbarung hin, die durch Jesus geschehen wird.
Die folgende Aussage beginnt mit einer besonders feierlichen Einleitung: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch“ (Johannes 1,51). Das zweimalige „Wahrlich“ entspricht dem hebräischen Wort Amen, das Gewissheit und Zuverlässigkeit ausdrückt. Im Johannesevangelium verwendet Jesus diese doppelte Bekräftigung wiederholt, wenn er eine Aussage von besonderer Bedeutung macht. Auffällig ist außerdem der Wechsel der Anrede. Während Jesus zuvor zu Nathanael persönlich gesprochen hatte, verwendet er nun die Mehrzahl: „Ich sage euch.“ Die anschließende Verheißung richtet sich deshalb nicht ausschließlich an Nathanael, sondern öffnet den Blick auf die Jünger insgesamt.
Jesus kündigt an, dass sie den Himmel offen sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen werden „auf des Menschen Sohn“. Diese Worte enthalten eine deutliche Anspielung auf die Geschichte Jakobs in 1. Mose 28,10–17. Jakob war damals auf der Flucht vor seinem Bruder Esau und verbrachte die Nacht an einem Ort, an dem er einen außergewöhnlichen Traum erhielt. Er sah eine Verbindung zwischen Erde und Himmel, die gewöhnlich als Leiter oder Treppe beschrieben wird. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder. Zugleich offenbarte Gott sich Jakob und bestätigte ihm die Verheißungen, die er bereits Abraham und Isaak gegeben hatte.
Für Jakob wurde diese Begegnung zu einer grundlegenden Erfahrung. Als er erwachte, erkannte er, dass Gott an diesem Ort gegenwärtig gewesen war, obwohl er es zuvor nicht gewusst hatte. Er nannte den Ort Bethel, was „Haus Gottes“ bedeutet, und sprach von der Pforte des Himmels (1. Mose 28,16–19). Die besondere Bedeutung seines Traumes lag nicht in der äußeren Gestalt der Leiter. Entscheidend war die Offenbarung, dass der Gott seiner Väter ihn auch auf seinem unsicheren Weg nicht verlassen hatte. Die Verbindung zwischen Himmel und Erde brachte bildhaft zum Ausdruck, dass Gottes Gegenwart und sein Handeln nicht auf menschliche Möglichkeiten begrenzt sind.
Wenn Jesus nun von Engeln spricht, die auf dem Menschensohn auf- und niedersteigen, greift er dieses vertraute Bild auf und verändert seinen Mittelpunkt. In Jakobs Traum erscheinen die Engel auf der Verbindung zwischen Himmel und Erde. In Jesu Worten stehen sie in Beziehung zum Menschensohn selbst. Dadurch entsteht eine tiefgreifende Aussage über seine Person. Was Jakob in seinem Traum als Verbindung zwischen der himmlischen Welt und der Erde sehen durfte, wird nun mit Jesus Christus verbunden. Er ist derjenige, durch den Gott den Menschen begegnet und seine himmlische Wirklichkeit offenbart. Damit geht die Bedeutung Jesu weit über die eines gewöhnlichen Propheten hinaus. Seine Person steht im Mittelpunkt der Begegnung zwischen Gott und Mensch.
Diese Deutung erhält durch andere Aussagen des Johannesevangeliums zusätzliche Unterstützung. Jesus erklärt später, dass niemand zum Vater kommt außer durch ihn (Johannes 14,6). Ebenso bezeichnet er sich als den Weg, die Wahrheit und das Leben. Der Zugang zu Gott wird damit nicht als eine Möglichkeit beschrieben, die der Mensch unabhängig von Christus aus eigener Kraft herstellen könnte. Gott selbst eröffnet diesen Zugang durch seinen Sohn. Auch die Aussage Jesu über den Tempel gewinnt in diesem Zusammenhang Bedeutung. In Johannes 2,19–21 spricht er von seinem Leib als dem Tempel, der nach seinem Tod wieder aufgerichtet werden wird. Während der Tempel in Israel ein besonderer Ort der Gegenwart Gottes war, weist Jesus auf seine eigene Person als den entscheidenden Ort dieser Offenbarung hin. Beide Gedanken ergänzen sich: In Christus wird Gottes Gegenwart unter den Menschen sichtbar, und durch ihn wird der Weg zum Vater eröffnet.
Dabei sollte die Ankündigung der auf- und niedersteigenden Engel nicht vorschnell auf ein einziges späteres Ereignis festgelegt werden. Die Evangelien berichten zwar von Engelerscheinungen im Zusammenhang mit dem Leben Jesu, besonders bei seiner Versuchung, in Gethsemane und bei seiner Auferstehung (Matthäus 4,11; Lukas 22,43; Johannes 20,12). Doch keine dieser Stellen erklärt ausdrücklich, dass sie allein die Erfüllung von Johannes 1,51 darstellt. Ebenso wenig berichtet Johannes später von einer sichtbaren Leiter, auf der Nathanael Engel beobachtet hätte. Der Text lässt deshalb offen, auf welche Weise und zu welchem Zeitpunkt die Jünger die angekündigte Wirklichkeit vollständig erkennen sollten. Die Verbindung zu Jakobs Traum ist deutlich, doch ihre Bedeutung darf nicht auf eine erfundene Einzelbegebenheit eingeschränkt werden.
Besonders bemerkenswert ist schließlich die Selbstbezeichnung Jesu als „Menschensohn“. Nathanael hatte ihn gerade als Sohn Gottes und König Israels bekannt. Jesus antwortet darauf mit einem Ausdruck, der seine Stellung aus einer anderen Perspektive beschreibt. Einerseits verweist „Menschensohn“ auf seine wirkliche Zugehörigkeit zur Menschheit. Andererseits erinnert die Bezeichnung an Daniel 7,13–14. Dort sieht der Prophet eine Gestalt, die wie ein Menschensohn erscheint, mit den Wolken des Himmels kommt und vor den Alten an Tagen geführt wird. Dieser Gestalt werden Herrschaft, Ehre und ein unvergängliches Reich übertragen. Der Zusammenhang von himmlischer Offenbarung und der außergewöhnlichen Stellung des Menschensohnes macht Daniel 7 zu einer wichtigen weiteren Verbindung. Allerdings ist die Anspielung auf Jakobs Traum in Johannes 1,51 unmittelbarer und deutlicher. Die beiden alttestamentlichen Texte sollten deshalb nicht miteinander vermischt werden, als beschrieben sie dieselbe Vision.
Gerade im Zusammenspiel der verschiedenen Bezeichnungen wird die Größe der Sendung Jesu sichtbar. Nathanael erkennt ihn als den von Gott verheißenen König Israels. Jesus selbst öffnet den Blick auf eine Wirklichkeit, die über nationale und politische Erwartungen hinausreicht. Seine Aufgabe erschöpft sich nicht darin, menschliche Herrschaftsverhältnisse zu verändern. Durch ihn handelt Gott an der Menschheit, offenbart seine Herrlichkeit und eröffnet die Gemeinschaft mit sich selbst. Der Menschensohn steht damit nicht im Gegensatz zum Sohn Gottes. Beide Bezeichnungen beleuchten unterschiedliche Seiten der einzigartigen Person Jesu, dessen wirkliche Menschheit und himmlische Herkunft im gesamten Evangelium zusammengehören.
So endet das erste Kapitel mit einer Verheißung, deren volle Bedeutung erst im weiteren Verlauf der Geschichte erschlossen wird. Nathanael war gekommen, um einen Mann aus Nazareth kennenzulernen, dessen Herkunft ihm zunächst zweifelhaft erschien. Nun hört er von geöffneten Himmeln und einer Verbindung zwischen Gott und den Menschen, die in diesem Mann selbst ihren Mittelpunkt hat. Die Begegnung führt ihn damit weit über seine ursprüngliche Frage hinaus. Jesus erweist sich nicht nur als derjenige, der Nathanael kennt, sondern als derjenige, durch den Nathanael den Vater kennenlernen darf. Aus einer ersten Glaubensantwort soll eine immer tiefere Erkenntnis werden.
Die abschließenden Worte Jesu bereiten zugleich auf die folgenden Kapitel vor. Die Jünger werden seine Werke erleben, seine Worte hören und mit Ereignissen konfrontiert werden, die ihre bisherigen Erwartungen immer wieder übersteigen. Dabei werden sie auch erfahren, dass die Herrlichkeit Christi nicht nur in außergewöhnlicher Macht sichtbar wird, sondern ebenso in seinem Leiden, seiner Hingabe und seiner Auferstehung. Der verheißene Zugang zu Gott wird sich schließlich nicht durch menschliche Leistung eröffnen, sondern durch das Erlösungswerk Jesu. Mit der Ankündigung der geöffneten Himmel führt Johannes den Leser deshalb an die Schwelle einer Geschichte, in der Schritt für Schritt erkennbar wird, wer Jesus wirklich ist und was sein Kommen für die Menschen bedeutet.
Geistliche Kernbotschaft
Die entscheidende Botschaft von Johannes 1 lautet, dass Gott den Menschen nicht sich selbst überlassen hat. Der Mensch kann seinen Schöpfer nicht aus eigener Kraft vollständig erkennen und auch die durch die Sünde zerstörte Gemeinschaft mit ihm nicht selbst wiederherstellen. Doch Gott kommt ihm entgegen. In Jesus Christus offenbart er sich auf eine Weise, die weit über einzelne Botschaften, prophetische Ankündigungen oder äußere Zeichen hinausgeht. Der Sohn Gottes tritt selbst in das menschliche Leben ein. Damit wird deutlich, dass Gottes Liebe nicht nur aus der Ferne zu den Menschen spricht. Sie zeigt sich darin, dass er ihnen in Christus nahekommt und ihnen den Weg zurück in die Gemeinschaft mit sich eröffnet.
Dabei gehört die Erkenntnis Gottes untrennbar zur Person Jesu. Wer wissen möchte, wie Gott wirklich ist, darf nicht bei menschlichen Vorstellungen über ihn stehen bleiben. Jesus offenbart den Vater durch sein Wesen, seine Worte und sein Handeln. Seine Gnade zeigt, dass Gott dem schuldigen Menschen mit Barmherzigkeit begegnet. Seine Wahrheit macht zugleich deutlich, dass Gottes Liebe die Wirklichkeit der Sünde nicht verschweigt. Beides kommt in Christus zusammen. Er offenbart nicht nur die Güte Gottes, sondern nimmt sich auch des Problems an, das den Menschen von seinem Schöpfer trennt. Deshalb steht sein Erlösungswerk im Mittelpunkt der göttlichen Offenbarung. Die Menschwerdung Jesu lässt sich nicht von seinem Auftrag trennen, die Sünde hinwegzunehmen und neues Leben zu schenken.
Eine weitere grundlegende Wahrheit betrifft die Beziehung zwischen Gottes Handeln und der menschlichen Antwort. Johannes beschreibt Jesus als das Licht, das den Menschen erscheint, macht aber zugleich deutlich, dass seine Gegenwart nicht überall angenommen wird. Gottes Offenbarung zwingt niemanden automatisch zum Glauben. Menschen können sich ihr verschließen oder Christus vertrauen. Wer ihn aufnimmt, empfängt das Recht, ein Kind Gottes zu werden. Diese neue Zugehörigkeit entsteht jedoch nicht durch menschliche Abstammung, religiöse Stellung oder eigene Leistung. Sie hat ihren Ursprung in Gott. Darin liegt die besondere Hoffnung des Evangeliums: Der Mensch muss sich den Zugang zu Gottes Familie nicht selbst verdienen. Er darf Christus im Glauben annehmen und das Leben empfangen, das Gott schenkt.
Johannes 1 macht außerdem deutlich, dass Glaubenserkenntnis wachsen darf. Die Menschen, die Jesus begegnen, besitzen anfangs kein vollständiges Verständnis seiner Person. Sie kennen Verheißungen, haben Erwartungen, stellen Fragen und müssen manche Vorstellungen korrigieren. Dennoch kann gerade darin der Anfang einer wirklichen Beziehung zu Christus liegen. Entscheidend ist nicht, bereits jede Frage beantworten zu können, sondern bereit zu sein, auf Gottes Offenbarung zu hören und Jesus näher kennenzulernen. Der Glaube wird dadurch nicht von der Wahrheit getrennt. Im Gegenteil: Er wächst dort, wo Menschen ihre Überzeugungen an dem prüfen lassen, was Gott durch seinen Sohn offenbart.
Die geistliche Mitte des Kapitels liegt deshalb in der einzigartigen Stellung Jesu als Offenbarer und Erlöser. Er ist nicht lediglich ein Wegweiser unter vielen, der Menschen auf eine von ihm unabhängige Wahrheit hinweist. In ihm begegnet ihnen Gottes Wahrheit selbst. Durch ihn wird das Leben geschenkt, das seinen Ursprung in Gott hat. Seine Sendung verbindet den Himmel mit der Erde und eröffnet den Zugang zum Vater. Wer Christus kennenlernt, wird damit vor die entscheidende Frage gestellt, wie er auf den Sohn Gottes antworten will. Johannes führt den Leser nicht nur zu einer richtigen Aussage über Jesus, sondern zur Einladung, ihm zu vertrauen und in Gemeinschaft mit ihm zu leben.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Eine besonders weitreichende Verbindung besteht zwischen Johannes 1 und 2. Korinther 4,6. Paulus erinnert dort an den Gott, der das Licht aus der Finsternis hervorleuchten ließ, und erklärt, dass dieser Gott auch in den Herzen der Menschen Licht werden lässt. Dieses Licht vermittelt die Erkenntnis seiner Herrlichkeit im Angesicht Jesu Christi. Damit verbindet Paulus das ursprüngliche Schöpfungshandeln Gottes mit seiner erneuernden Wirkung im Menschen. So wie Gott am Anfang Licht entstehen ließ, kann er einen Menschen aus geistlicher Unwissenheit herausführen und ihm die Erkenntnis Christi schenken. Der Zusammenhang vertieft die Lichtaussage des Johannesevangeliums: Gottes Offenbarung ist nicht nur eine Information, die dem Menschen von außen begegnet. Sie soll sein Inneres erreichen und seine Sicht auf Gott verändern. Dabei bleibt Christus der Mittelpunkt dieser Erkenntnis.
Auch Hebräer 1,1–3 ergänzt den Anfang des Johannesevangeliums auf besondere Weise. Der Hebräerbrief erklärt, dass Gott in früheren Zeiten auf unterschiedliche Weise durch die Propheten gesprochen hat, in diesen letzten Tagen aber durch seinen Sohn. Dieser wird als derjenige beschrieben, durch den Gott die Welt geschaffen hat und der die Herrlichkeit Gottes widerspiegelt. Beide Bibelabschnitte verbinden damit die Schöpfung, die göttliche Herrlichkeit und die einzigartige Offenbarung durch den Sohn. Die früheren Botschaften Gottes werden dadurch nicht wertlos. Sie erhalten vielmehr ihren Platz innerhalb einer Geschichte, die auf Christus hinführt. Der Sohn steht nicht einfach neben den Propheten als ein weiterer Überbringer göttlicher Worte. In ihm begegnet die Offenbarung Gottes ihrem entscheidenden Höhepunkt.
Für die Bedeutung der Gotteskindschaft eröffnet Römer 8,14–17 einen wichtigen weiteren Zusammenhang. Paulus beschreibt dort Menschen, die durch den Geist Gottes geleitet werden und Gott als ihren Vater anrufen dürfen. Ihre Beziehung zu Gott ist nicht von einer Haltung knechtischer Angst bestimmt, sondern von der Gewissheit, zu ihm zu gehören. Zugleich verbindet Paulus die Kindschaft mit der Hoffnung auf ein zukünftiges Erbe. Während Johannes 1 den göttlichen Ursprung dieser neuen Beziehung hervorhebt, zeigt Römer 8, wie sie das Leben der Glaubenden prägt. Sie dürfen Gott vertrauen, werden durch seinen Geist geführt und erwarten die Vollendung dessen, was er ihnen verheißen hat. Auch Galater 4,4–7 verbindet die Sendung des Sohnes mit der geschenkten Sohnschaft der Glaubenden. Diese Stellen zeigen, dass die Rettung durch Christus nicht nur die Vergebung vergangener Schuld umfasst. Gott nimmt Menschen in eine bleibende Beziehung zu sich auf.
Die Bezeichnung Jesu als Lamm Gottes gewinnt durch Offenbarung 5,6–14 eine weitere Dimension. Johannes sieht dort ein Lamm, das wie geschlachtet erscheint und dennoch mitten in der himmlischen Thronszene steht. Es wird als würdig gepriesen, weil es durch sein Blut Menschen für Gott erkauft hat. Die himmlischen Wesen bringen ihm Ehre und Anbetung entgegen. Damit wird das Leiden Christi nicht als Gegensatz zu seiner göttlichen Würde dargestellt. Gerade das Lamm, das sich hingegeben hat, steht im Mittelpunkt des himmlischen Lobpreises. Die Offenbarung verbindet das vollbrachte Erlösungswerk mit der Herrschaft und Herrlichkeit Jesu. Derjenige, der für die Menschen starb, ist zugleich der erhöhte Herr. Die Bezeichnung als Lamm trägt somit nicht nur den Gedanken an Opfer und Befreiung, sondern gehört auch zur Hoffnung auf Gottes endgültigen Sieg über die Sünde.
Eine weitere wichtige Verbindung führt zu Psalm 2,6–8 und Daniel 7,13–14. Psalm 2 beschreibt den von Gott eingesetzten König und seine besondere Beziehung zu Gott. Daniel sieht dagegen eine menschenähnliche Gestalt, der Herrschaft, Ehre und ein unvergängliches Reich übertragen werden. Im Johannesevangelium begegnen beide Linien, wenn Nathanael Jesus als Sohn Gottes und König Israels bekennt und Jesus anschließend von sich selbst als Menschensohn spricht. Dadurch wird die messianische Hoffnung nicht auf eine rein irdische Königsherrschaft beschränkt. Jesus besitzt eine von Gott verliehene Herrschaft, deren Bedeutung die Grenzen eines einzelnen Volkes übersteigt. Zugleich führt das Neue Testament diese Hoffnung zur zukünftigen Vollendung des Reiches Gottes weiter. Die verschiedenen Titel Jesu ergänzen einander und lassen erkennen, dass sein Königtum, seine Menschheit und seine besondere Beziehung zum Vater zusammengehören.
Schließlich vertieft Hebräer 10,19–22 die Verheißung der geöffneten Himmel. Dort werden die Glaubenden aufgefordert, mit Zuversicht zu Gott zu treten, weil Jesus durch seine Hingabe den Zugang zum himmlischen Heiligtum eröffnet hat. Der Hebräerbrief beschreibt Christus zugleich als den großen Priester über das Haus Gottes. Diese Aussage führt die Gedanken von Johannes 1 über die Gegenwart Gottes und die Verbindung zwischen Himmel und Erde weiter. Der Zugang zum Vater bleibt nicht eine ferne Hoffnung, die der Mensch aus eigener Kraft erreichen müsste. Er ist im Erlösungswerk Jesu begründet. Während Jakobs Traum die Gegenwart Gottes und eine Verbindung zwischen Himmel und Erde sichtbar machte, erklärt der Hebräerbrief, auf welcher Grundlage die Glaubenden Gott mit Zuversicht nahen dürfen. Nicht ihre eigene Würdigkeit eröffnet ihnen diesen Weg, sondern Jesus Christus, der sich für sie hingegeben hat.
Wichtige Lektionen
Die erste wichtige Lektion betrifft die Bereitschaft, Jesus wirklich kennenzulernen. Ein Mensch kann viel über Gott gehört haben und dennoch Vorstellungen besitzen, die nicht mit der biblischen Offenbarung übereinstimmen. Deshalb reicht es nicht aus, ausschließlich an übernommenen Meinungen festzuhalten. Die Frage Jesu „Was sucht ihr?“ lädt dazu ein, die eigenen Beweggründe zu prüfen. Suche ich nur die Bestätigung dessen, was ich ohnehin glaube, oder bin ich bereit, mich durch Gottes Wort korrigieren zu lassen? Wer Christus kennenlernen möchte, sollte die Bibel nicht lediglich nach einzelnen Aussagen durchsuchen, die seine bisherigen Überzeugungen stützen. Er darf ihre Botschaft im Zusammenhang betrachten, Fragen ernst nehmen und bereit sein, Neues zu erkennen. Ein solcher Glaube braucht keine Angst vor aufrichtiger Prüfung zu haben.
Nathanaels Begegnung zeigt dabei, dass Zweifel und Aufrichtigkeit nicht zwangsläufig Gegensätze sind. Seine erste Einschätzung Jesu war begrenzt, aber er blieb bereit, der Einladung des Philippus zu folgen. Das ist auch für den eigenen Glaubensweg bedeutsam. Nicht jede Schwierigkeit muss sofort vollständig gelöst sein, bevor ein Mensch sich weiter mit Jesus beschäftigen kann. Entscheidend ist jedoch, was er mit seinen Fragen macht. Wer sie nur verwendet, um jede weitere Beschäftigung mit der Wahrheit abzuwehren, verschließt sich möglicherweise einer Erkenntnis, die seine bisherige Sicht verändern könnte. Wer dagegen ehrlich sucht und bereit ist, Gottes Wort zu hören, kann gerade durch diese Auseinandersetzung im Glauben wachsen.
Eine weitere Lektion betrifft die Art, wie wir anderen Menschen von Christus erzählen. Johannes der Täufer verstand seine Aufgabe darin, auf Jesus hinzuweisen, und Andreas und Philippus führten Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld zu ihm. Keiner von ihnen konnte selbst die Erkenntnis oder den Glauben eines anderen hervorbringen. Sie konnten bezeugen, was sie erkannt hatten, und eine Begegnung ermöglichen. Darin liegt ein hilfreiches Vorbild. Christliches Zeugnis muss nicht bedeuten, auf jede Frage sofort eine vollständige Antwort zu besitzen oder einen Menschen durch möglichst viele Argumente zu einer bestimmten Reaktion zu drängen. Es soll wahrhaftig, verständlich und an Christus ausgerichtet sein. Wer anderen von Jesus erzählt, darf sie ermutigen, die biblischen Aussagen selbst zu lesen und zu prüfen.
Damit verbindet sich eine Lektion über Demut. Johannes der Täufer besaß einen besonderen göttlichen Auftrag, doch er machte sich selbst nicht zum Mittelpunkt. Er konnte anerkennen, dass ein anderer größer war als er und dass seine eigene Aufgabe darin bestand, diesem den Weg zu bereiten. Auch heute können Menschen geistliche Verantwortung übernehmen, anderen helfen oder wichtige Erkenntnisse weitergeben. Doch keine dieser Aufgaben macht sie zum Ursprung des Heils oder zur letzten Autorität über den Glauben anderer. Geistliche Verantwortung wird dort richtig ausgeübt, wo Menschen zu Christus geführt und nicht dauerhaft von der Person eines menschlichen Lehrers abhängig gemacht werden. Demut bedeutet dabei nicht, den eigenen Auftrag geringzuschätzen. Sie bedeutet, seinen Platz innerhalb von Gottes Wirken zu erkennen.
Die Berufung der ersten Jünger zeigt außerdem, dass ein Mensch nicht bereits einen vollkommen gefestigten Charakter besitzen muss, bevor Jesus ihn gebrauchen kann. Petrus sollte später eine bedeutende Aufgabe übernehmen, obwohl seine weitere Geschichte auch schwere Fehler und persönliche Schwächen erkennen lässt. Daraus folgt nicht, dass solche Fehler unwichtig wären oder dass geistliche Reife keine Rolle spielte. Vielmehr wird deutlich, dass Jesus Menschen nicht nur nach ihrem gegenwärtigen Zustand beurteilt. Er ruft sie in eine Nachfolge, in der ihr Glaube wachsen, ihre falschen Vorstellungen korrigiert und ihre Haltung verändert werden sollen. Wer seine eigenen Grenzen erkennt, muss deshalb nicht annehmen, dass Gott ihn grundsätzlich nicht gebrauchen könne. Zugleich darf er seine Schwächen nicht einfach entschuldigen, sondern soll bereit sein, sich von Christus verändern zu lassen.
Besonders wichtig ist schließlich die Unterscheidung zwischen äußerer Religiosität und wirklicher Gemeinschaft mit Gott. Die Befragung Johannes des Täufers zeigt, dass Menschen sich intensiv mit religiösen Ämtern, prophetischen Verheißungen und der Frage nach geistlicher Vollmacht beschäftigen können. Solche Fragen sind nicht grundsätzlich falsch. Doch sie dürfen nicht dazu führen, dass derjenige übersehen wird, auf den Gottes Offenbarung hinweist. Auch heute können Bibelkenntnis, religiöse Gewohnheiten und die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft wertvoll sein, ohne für sich allein die neue Geburt aus Gott hervorzubringen. Entscheidend bleibt, ob ein Mensch Christus im Glauben annimmt und sein Leben durch Gottes Geist erneuern lässt. Die persönliche Beziehung zu Jesus ersetzt dabei nicht die Wahrheit seines Wortes. Sie entsteht gerade dadurch, dass der Mensch ihm vertraut und bereit ist, auf seine Worte zu hören.
Johannes 1 ermutigt somit zu einem Glauben, der auf Gottes Gnade gegründet ist, aufrichtig nach Wahrheit sucht und sich im Leben bewährt. Niemand muss seinen Wert vor Gott durch Herkunft, Ansehen oder religiöse Leistung beweisen. Zugleich bleibt die Einladung zur Nachfolge nicht bei einem bloßen Bekenntnis stehen. Wer Jesus als Herrn anerkennt, darf lernen, seinem Wort zu vertrauen, eigene Vorstellungen korrigieren zu lassen und anderen Menschen mit derselben Wahrhaftigkeit und Geduld zu begegnen, die Christus selbst zeigt. Der Weg des Glaubens beginnt damit, auf ihn zu hören, und setzt sich darin fort, ihn immer besser kennenzulernen.