Hebräer 9

Es hatte zwar auch das erste seine Rechte des Gottesdienstes und das äußerliche Heiligtum.

28 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Es hatte zwar auch das erste seine Rechte des Gottesdienstes und das äußerliche Heiligtum.
  2. 2 Denn es war da aufgerichtet das Vorderteil der Hütte, darin der Leuchter war und der Tisch und die Schaubrote; und dies hieß das Heilige.
  3. 3 Hinter dem andern Vorhang aber war die Hütte, die da heißt das Allerheiligste;
  4. 4 die hatte das goldene Räuchfaß und die Lade des Testaments allenthalben mit Gold überzogen, in welcher war der goldene Krug mit dem Himmelsbrot und die Rute Aarons, die gegrünt hatte, und die Tafeln des Testaments;
  5. 5 obendarüber aber waren die Cherubim der Herrlichkeit, die überschatteten den Gnadenstuhl; von welchen Dingen jetzt nicht zu sagen ist insonderheit.
  6. 6 Da nun solches also zugerichtet war, gingen die Priester allezeit in die vordere Hütte und richteten aus den Gottesdienst.
  7. 7 In die andere aber ging nur einmal im Jahr allein der Hohepriester, nicht ohne Blut, das er opferte für seine und des Volkes Versehen.
  8. 8 Damit deutete der heilige Geist, daß noch nicht offenbart wäre der Weg zum Heiligen, solange die vordere Hütte stünde,
  9. 9 welche ist ein Gleichnis auf die gegenwärtige Zeit, nach welchem Gaben und Opfer geopfert werden, die nicht können vollkommen machen nach dem Gewissen den, der da Gottesdienst tut
  10. 10 allein mit Speise und Trank und mancherlei Taufen und äußerlicher Heiligkeit, die bis auf die Zeit der Besserung sind aufgelegt.
  11. 11 Christus aber ist gekommen, daß er sei ein Hoherpriester der zukünftigen Güter, und ist durch eine größere und vollkommenere Hütte, die nicht mit der Hand gemacht, das ist, die nicht von dieser Schöpfung ist,
  12. 12 auch nicht der Böcke oder Kälber Blut, sondern sein eigen Blut einmal in das Heilige eingegangen und hat eine ewige Erlösung erfunden.
  13. 13 Denn so der Ochsen und der Böcke Blut und die Asche von der Kuh, gesprengt, heiligt die Unreinen zu der leiblichen Reinigkeit,
  14. 14 wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst ohne allen Fehl durch den ewigen Geist Gott geopfert hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott!
  15. 15 Und darum ist er auch ein Mittler des neuen Testaments, auf daß durch den Tod, so geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen, die unter dem ersten Testament waren, die, so berufen sind, das verheißene ewige Erbe empfangen.
  16. 16 Denn wo ein Testament ist, da muß der Tod geschehen des, der das Testament machte.
  17. 17 Denn ein Testament wird fest durch den Tod; es hat noch nicht Kraft, wenn der noch lebt, der es gemacht hat.
  18. 18 Daher auch das erste nicht ohne Blut gestiftet ward.
  19. 19 Denn als Mose ausgeredet hatte von allen Geboten nach dem Gesetz zu allem Volk, nahm er Kälber-und Bocksblut mit Wasser und Scharlachwolle und Isop und besprengte das Buch und alles Volk
  20. 20 und sprach: “Das ist das Blut des Testaments, das Gott euch geboten hat.”
  21. 21 Und die Hütte und alles Geräte des Gottesdienstes besprengte er gleicherweise mit Blut.
  22. 22 Und es wird fast alles mit Blut gereinigt nach dem Gesetz; und ohne Blut vergießen geschieht keine Vergebung.
  23. 23 So mußten nun der himmlischen Dinge Vorbilder mit solchem gereinigt werden; aber sie selbst, die himmlischen, müssen bessere Opfer haben, denn jene waren.
  24. 24 Denn Christus ist nicht eingegangen in das Heilige, so mit Händen gemacht ist (welches ist ein Gegenbild des wahrhaftigen), sondern in den Himmel selbst, nun zu erscheinen vor dem Angesicht Gottes für uns;
  25. 25 auch nicht, daß er sich oftmals opfere, gleichwie der Hohepriester geht alle Jahre in das Heilige mit fremden Blut;
  26. 26 sonst hätte er oft müssen leiden von Anfang der Welt her. Nun aber, am Ende der Welt, ist er einmal erschienen, durch sein eigen Opfer die Sünde aufzuheben.
  27. 27 Und wie den Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben, darnach aber das Gericht:
  28. 28 also ist auch Christus einmal geopfert, wegzunehmen vieler Sünden; zum andernmal wird er ohne Sünde erscheinen denen, die auf ihn warten, zur Seligkeit.

Kapitelüberblick

Der Gottesdienst im irdischen Heiligtum war von Gott angeordnet, konnte aber die endgültige Versöhnung zwischen Gott und den Menschen nicht bewirken. Der Verfasser beschreibt zunächst die beiden Abteilungen der Stiftshütte, ihre heiligen Gegenstände und den Dienst der Priester. Besonders der jährliche Eintritt des Hohenpriesters in das Allerheiligste macht deutlich, dass der Zugang zu Gottes Gegenwart unter der früheren Ordnung noch begrenzt war.

Anschließend richtet sich der Blick auf Jesus Christus. Als Hoherpriester ist er mit seinem eigenen Blut in das himmlische Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erlangt. Sein Opfer reinigt nicht nur äußerlich, sondern kann auch das Gewissen des Menschen von Schuld befreien. Zugleich erklärt der Verfasser, weshalb Blut bei der Einsetzung des ersten Bundes und bei der Reinigung des Heiligtums eine wichtige Rolle spielte.

Im Unterschied zu den wiederkehrenden Opfern des früheren Gottesdienstes hat Christus sich ein für alle Mal geopfert. Das Kapitel endet mit dem Hinweis auf den Tod, das Gericht und die Wiederkunft Jesu. Wenn er zum zweiten Mal erscheint, kommt er nicht, um erneut die Sünden der Menschen zu tragen, sondern um denen, die auf ihn warten, das verheißene Heil zu bringen.

Einführung

Stellen wir uns das Volk Israel auf seiner Wanderung durch die Wüste vor. Die Israeliten lebten in Zelten, zogen von einem Lagerplatz zum nächsten und waren auf Gottes tägliche Führung angewiesen. Inmitten dieses wandernden Volkes sollte ein besonderer Ort entstehen: die Stiftshütte. Sie war kein gewöhnliches Zelt und auch kein Bauwerk, das die Menschen nach ihren eigenen Vorstellungen errichten durften. Gott selbst gab Mose genaue Anweisungen für ihre Gestaltung und den Gottesdienst, der dort stattfinden sollte.

Diese Anweisungen finden wir besonders in 2. Mose 25–40. Später beschreibt das dritte Buch Mose die Aufgaben der Priester, die Opfer und die Vorschriften zur Reinigung. Eine besondere Stellung nimmt dabei der große Versöhnungstag ein, dessen Ablauf in 3. Mose 16 erklärt wird.

Für das Verständnis von Hebräer 9 sind diese alttestamentlichen Berichte von großer Bedeutung. Der Verfasser setzt voraus, dass seine Leser mit der Geschichte Israels und den grundlegenden Einrichtungen des Heiligtums vertraut sind. Er greift deshalb viele Einzelheiten auf, ohne jedes Mal ihre ursprüngliche Anordnung ausführlich zu erklären.

Der unmittelbare Zusammenhang beginnt bereits im vorherigen Kapitel. Dort hat der Verfasser anhand der Verheißung Jeremias gezeigt, dass Gott einen neuen Bund angekündigt hatte. Nun wendet er sich einer konkreten Frage zu: Welche Bedeutung hatten die Einrichtungen und Gottesdienstordnungen, die zum ersten Bund gehörten?

Dazu geht er zunächst auf die Stiftshütte aus der Zeit Moses zurück. Obwohl später der Tempel in Jerusalem zum Mittelpunkt des israelitischen Gottesdienstes wurde, eignet sich die ursprüngliche Stiftshütte besonders gut für seine Erklärung. An ihr lässt sich erkennen, wie Gott die verschiedenen Bereiche des Heiligtums und die Aufgaben der Priester angeordnet hatte.

Die folgenden Verse sollten deshalb im Zusammenhang mit den Anweisungen an Mose gelesen werden. Manche Gegenstände werden dem heutigen Leser zunächst fremd erscheinen, und einige Angaben werfen Fragen auf. Doch der Verfasser nennt sie nicht zufällig. Er beginnt mit den vertrauten Einrichtungen des früheren Gottesdienstes, um anschließend ihre tiefere Bedeutung verständlich zu machen.

Hebräer 9,1–5

Das irdische Heiligtum und seine heiligen Gegenstände

Wer die Stiftshütte Israels betreten hätte, wäre nicht in einen gewöhnlichen Versammlungsraum gekommen. Jeder Bereich und viele ihrer Einrichtungsgegenstände waren nach besonderen Anweisungen gestaltet worden. Nichts davon sollte dem freien Geschmack der Priester überlassen bleiben. In Hebräer 9,1–5 erinnert der Verfasser an diese Ordnung und beschreibt die Gegenstände, die für den Gottesdienst Israels von besonderer Bedeutung waren.

Zunächst erklärt er in Vers 1, dass bereits der erste Bund Vorschriften für den Gottesdienst und ein irdisches Heiligtum besaß. Diese Aussage knüpft unmittelbar an das vorherige Kapitel an. Dort hatte er gezeigt, dass Gott einen neuen Bund angekündigt hatte. Nun richtet er die Aufmerksamkeit auf die Gottesdienstordnung, die mit dem früheren Bund verbunden war.

Die erwähnten Vorschriften regelten nicht einfach das allgemeine Zusammenleben der Israeliten. Gemeint sind hier besonders die Anordnungen für den Dienst am Heiligtum. Sie bestimmten unter anderem, wer bestimmte heilige Bereiche betreten durfte, welche Aufgaben die Priester hatten und wie die vorgeschriebenen Opfer und Reinigungen durchgeführt werden sollten.

Dass der Verfasser das Heiligtum ausdrücklich als irdisch bezeichnet, bedeutet nicht, dass es von Menschen eigenmächtig erfunden worden wäre. Gott selbst hatte Mose die Anweisungen zu seiner Errichtung gegeben. Dennoch gehörte diese Stiftshütte zur geschaffenen Welt. Sie bestand aus Materialien, die Menschen bearbeiten konnten, und wurde von menschlichen Händen aufgerichtet. Dadurch unterschied sie sich von der himmlischen Wirklichkeit, die der Verfasser bereits in Hebräer 8 beschrieben hatte.

In Vers 2 beginnt die eigentliche Beschreibung. Die Stiftshütte bestand aus zwei Abteilungen, die durch einen Vorhang voneinander getrennt waren. Der erste Raum wurde das Heilige genannt. Hier befanden sich der Leuchter, der Tisch und die Schaubrote.

Der Leuchter war nach den Anweisungen aus 2. Mose 25,31–40 aus reinem Gold gearbeitet. Er besaß einen mittleren Schaft und sechs seitliche Arme, sodass insgesamt sieben Lampen vorhanden waren. Seine Gestaltung war mit mandelblütenähnlichen Verzierungen versehen. Anders als eine gewöhnliche Kerze wurde er mit Öl betrieben. Nach 2. Mose 27,20–21 sollte dafür reines Olivenöl verwendet werden, damit die Lampen entsprechend der göttlichen Anordnung brannten.

Diese Einzelheiten zeigen, wie sorgfältig der Gottesdienst vorbereitet werden musste. Das Licht des Leuchters gehörte zur festgelegten Einrichtung des Heiligtums. Es erinnerte zugleich daran, dass dieser Raum nicht nach den gewöhnlichen Maßstäben eines Wohnzeltes eingerichtet war. Hier wurde der Dienst vor dem heiligen Gott verrichtet.

Der Leuchter ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Bibel Licht häufig mit Gottes Wahrheit und Führung verbindet. So bezeichnet Psalm 119,105 Gottes Wort als eine Leuchte für den Fuß und ein Licht auf dem Weg. Diese Verbindung hilft, die geistliche Bedeutung des Lichtes zu verstehen. Allerdings erklärt Hebräer 9,2 nicht ausdrücklich, dass jede Lampe des Leuchters eine bestimmte einzelne Wahrheit oder Person darstellen müsse. Deshalb sollten wir solche weiterführenden Deutungen nicht als unmittelbare Aussage dieses Verses behandeln.

Neben dem Leuchter stand der Tisch mit den Schaubroten. Nach 3. Mose 24,5–9 wurden zwölf Brote aus Feinmehl gebacken und in zwei Reihen vor dem HERRN angeordnet. An jedem Sabbat sollten sie erneuert werden. Die bisherigen Brote waren für Aaron und seine Söhne bestimmt und durften von ihnen an einem heiligen Ort gegessen werden.

Die Zahl der Brote erinnert an die zwölf Stämme Israels. Ihre regelmäßige Aufstellung vor Gott machte sichtbar, dass das ganze Volk in die Bundesbeziehung einbezogen war. Der Tisch gehörte damit nicht nur zur Einrichtung eines heiligen Raumes. Er stand im Zusammenhang mit Gottes fortdauernder Fürsorge und mit dem besonderen Verhältnis zwischen ihm und Israel.

Dabei dürfen wir die Schaubrote nicht so verstehen, als hätte Gott selbst Nahrung benötigt. Schon die alttestamentlichen Schriften machen deutlich, dass der Schöpfer nicht von menschlichen Opfergaben abhängig ist. Psalm 50,12 erklärt ausdrücklich, dass die Welt und alles, was sie erfüllt, Gott gehört. Die Brote dienten deshalb nicht dazu, seinen Hunger zu stillen. Sie waren Teil eines Gottesdienstes, in dem das Volk seine Abhängigkeit von Gott und seine Zugehörigkeit zu ihm zum Ausdruck brachte.

Nach der Beschreibung des ersten Raumes wendet sich der Verfasser in Vers 3 dem zweiten Bereich zu. Hinter dem zweiten Vorhang befand sich das Allerheiligste.

Schon diese räumliche Trennung war bedeutsam. Nicht jeder Israelit durfte die Stiftshütte betreten, und auch die Priester hatten keinen freien Zugang zu allen Bereichen. Der innere Vorhang trennte das Heilige vom Allerheiligsten. Er machte sichtbar, dass die Annäherung an Gottes Gegenwart innerhalb der damaligen Ordnung bestimmten Grenzen unterlag.

Die Bezeichnung „Allerheiligstes“ weist auf die besondere Stellung dieses Raumes hin. Hier befand sich die Bundeslade, die eng mit Gottes Gegenwart unter seinem Volk verbunden war. Der Verfasser beschreibt sie in Vers 4 als eine von allen Seiten mit Gold überzogene Lade.

Ihre Herstellung wird in 2. Mose 25,10–22 geschildert. Sie bestand aus Akazienholz und war innen und außen mit reinem Gold überzogen. An ihren Seiten befanden sich Ringe, durch die Tragstangen geführt wurden. Dadurch konnte sie während der Wüstenwanderung transportiert werden, ohne dass die Träger die Lade selbst berühren mussten.

Auf der Lade befand sich eine besondere goldene Deckplatte, die auch als Sühnedeckel oder Gnadenthron bezeichnet wird. An ihren beiden Enden waren zwei Cherubim aus Gold angebracht, deren Flügel sich über der Deckplatte ausbreiteten.

Cherubim begegnen in der Bibel als himmlische Wesen, die in besonderer Weise mit der Heiligkeit und Gegenwart Gottes verbunden sind. Bereits in 1. Mose 3,24 erscheinen sie bei der Bewachung des Zugangs zum Garten Eden. Ihre Darstellung auf der Bundeslade unterstrich deshalb die besondere Bedeutung dieses heiligen Ortes.

Gott hatte Mose angekündigt, dass er ihm über der Deckplatte zwischen den Cherubim begegnen und von dort aus seine Weisungen für Israel geben werde (2. Mose 25,22). Das bedeutete nicht, dass Gott auf den kleinen Raum über der Lade beschränkt gewesen wäre. Vielmehr bestimmte er diesen Ort als besonderen Mittelpunkt seiner Offenbarung innerhalb des Heiligtums.

In Hebräer 9,5 werden die Cherubim als Cherubim der Herrlichkeit beschrieben, die den Sühnedeckel überschatteten. Der Begriff erinnert an Gottes herrliche Gegenwart, die Israel während seiner Wanderung begleitete. Die Lade stand damit im Mittelpunkt eines Heiligtums, dessen Bedeutung weit über seine materiellen Bestandteile hinausging.

Ein weiterer Gegenstand wirft allerdings eine Auslegungsfrage auf. Hebräer 9,4 verbindet mit dem Allerheiligsten auch einen goldenen Räucheraltar.

Nach 2. Mose 30,6 befand sich dieser Altar jedoch vor dem inneren Vorhang, also im Heiligen. Dort sollten die Priester regelmäßig wohlriechendes Räucherwerk darbringen. Wie lässt sich das mit der Aussage des Hebräerbriefs vereinbaren?

Eine wichtige Möglichkeit liegt in der Unterscheidung zwischen dem Standort eines Gegenstandes und seiner besonderen Zuordnung. Der Räucheraltar stand räumlich vor dem Vorhang, war aber auf die Bundeslade und damit auf das Allerheiligste ausgerichtet. Besonders am Versöhnungstag gehörte das Räucherwerk zu den Handlungen, die unmittelbar mit dem Dienst im Allerheiligsten verbunden waren.

Dafür spricht auch die Formulierung der Schlachter 1951, nach der der Räucheraltar zum Allerheiligsten gehörte. Sie muss nicht bedeuten, dass er sich dauerhaft innerhalb dieses Raumes befand.

Allerdings lässt der griechische Begriff auch eine andere Deutung zu. Er kann ein Räuchergefäß bezeichnen, wie es beim Räucherwerk verwendet wurde. Manche Ausleger verstehen Hebräer 9,4 daher als Hinweis auf ein solches Gefäß. Der Zusammenhang entscheidet die Frage nicht vollkommen eindeutig. Die Erklärung über die besondere Zuordnung des Räucheraltars ist gut begründbar, sollte aber nicht als die einzig mögliche Lösung dargestellt werden.

Anschließend nennt der Verfasser drei Dinge, die mit der Bundeslade verbunden waren: einen goldenen Krug mit Manna, den Stab Aarons, der gesprosst hatte, und die steinernen Tafeln des Bundes.

Jeder dieser Gegenstände erinnert an ein wichtiges Ereignis aus der Geschichte Israels.

Das Manna war die Nahrung, mit der Gott sein Volk während der Wüstenwanderung versorgte. Als die Israeliten befürchteten, in der Wüste verhungern zu müssen, ließ Gott ihnen Brot vom Himmel zukommen. Nach 2. Mose 16 sollte ein Teil davon für spätere Generationen aufbewahrt werden. So blieb die Erinnerung daran erhalten, dass Israel während seiner Wanderung nicht allein von menschlichen Vorräten abhängig gewesen war, sondern von Gottes Fürsorge lebte.

Der Stab Aarons erinnert an ein anderes Ereignis. In 4. Mose 17 ließ Gott die Stäbe der Stammesoberhäupter vor das Zeugnis bringen, nachdem die Stellung Aarons und seines Priestertums infrage gestellt worden war. Am folgenden Tag hatte Aarons Stab nicht nur ausgeschlagen, sondern auch Blüten und reife Mandeln hervorgebracht. Dadurch bestätigte Gott seine Wahl.

Ein gewöhnlicher, abgeschnittener Holzstab konnte aus sich selbst kein neues Leben hervorbringen. Das Wunder machte deutlich, dass die priesterliche Bevollmächtigung nicht auf menschlichem Anspruch beruhte, sondern auf Gottes Entscheidung. Der Stab sollte als bleibendes Zeichen gegen die Auflehnung dienen.

Die beiden steinernen Tafeln schließlich enthielten die Zehn Worte, die Gott Israel am Sinai gegeben hatte. Nach 5. Mose 4,13 bezeichnet Mose diese Worte ausdrücklich als den Bund, den Gott dem Volk verkündigt hatte. Sie bildeten den zentralen, auf Stein geschriebenen Wortlaut der Bundesverpflichtung.

Damit wird verständlich, weshalb die Lade als Bundeslade bezeichnet wurde. Sie stand nicht allein für einen besonders heiligen Gegenstand, sondern war eng mit Gottes Bund und seinen Weisungen verbunden. Allerdings umfasste die gesamte Bundesordnung Israels mehr als die Zehn Gebote allein. Zu ihr gehörten auch die weiteren Bestimmungen, Opferordnungen und Verpflichtungen, die Gott dem Volk gegeben hatte.

Beim Vergleich dieser Angaben mit dem Alten Testament begegnet uns eine weitere Schwierigkeit. Hebräer 9,4 beschreibt den Mannakrug, Aarons Stab und die Bundestafeln als Gegenstände innerhalb der Lade. In 2. Mose 16 und 4. Mose 17 wird dagegen davon gesprochen, dass Manna und Stab vor dem Zeugnis aufbewahrt werden sollten. Diese Formulierungen nennen die Nähe zur Bundeslade, legen aber ihren genauen Aufbewahrungsort nicht ausdrücklich fest.

Hinzu kommt die Aussage aus 1. Könige 8,9. Als die Bundeslade zur Zeit Salomos in den Tempel gebracht wurde, befanden sich nach diesem Bericht nur noch die beiden steinernen Tafeln darin.

Eine mögliche Erklärung wäre, dass der Inhalt der Lade im Laufe der Geschichte verändert wurde. Vielleicht wurden der Mannakrug und der Stab früher dort aufbewahrt und später entfernt. Die Bibel berichtet jedoch nicht ausdrücklich von einer solchen Veränderung. Deshalb müssen wir diese Möglichkeit als Erklärung offenlassen, ohne sie als gesicherte Tatsache auszugeben.

Die unterschiedlichen Angaben ändern nichts an der Bedeutung der drei genannten Erinnerungsstücke. Sie verweisen auf Gottes Versorgung, auf seine Entscheidung über das Priestertum und auf seinen Bund mit Israel. Die Geschichte des Volkes war damit auf besondere Weise mit dem Heiligtum verbunden.

In Vers 5 beendet der Verfasser seine Beschreibung mit einem bemerkenswerten Hinweis: Über diese Dinge könne er jetzt nicht im Einzelnen sprechen.

Damit zeigt er, dass seine Aufzählung nicht den Zweck hatte, eine vollständige Erklärung aller Gegenstände der Stiftshütte zu liefern. Er hätte weitere Einzelheiten nennen und ihre Geschichte ausführlicher entfalten können. Doch sein eigentliches Anliegen liegt an anderer Stelle.

Er möchte erklären, welche Bedeutung die Heiligtumsordnung für den Zugang des Menschen zu Gott hatte und weshalb der Dienst Jesu Christi über diese frühere Ordnung hinausgeht.

Gerade deshalb ist die Beschreibung der beiden Räume wichtig. Die Gegenstände zeigen, wie sorgfältig Gott den Gottesdienst Israels geordnet hatte. Die Vorhänge und die besondere Stellung des Allerheiligsten machen zugleich deutlich, dass der Zugang zu Gottes Gegenwart innerhalb dieser Ordnung nicht für jeden Menschen in gleicher Weise offenstand.

So bereitet der Verfasser seine nächste Erklärung vor. Nachdem er die Stiftshütte und ihre wichtigsten Einrichtungsgegenstände beschrieben hat, wendet er sich ab Vers 6 den Menschen zu, die dort ihren Dienst verrichteten. Nun wird deutlich werden, wie sich die Aufgaben der gewöhnlichen Priester von denen des Hohenpriesters unterschieden und welche geistliche Bedeutung diese Ordnung besaß.

Hebräer 9,6–10

Warum der frühere Priesterdienst den Zugang zu Gott noch begrenzte

Wie konnte ein Israelit Gott nahekommen, wenn er die heiligsten Bereiche des Heiligtums selbst nicht betreten durfte? Diese Frage führt uns zum eigentlichen Anliegen von Hebräer 9,6–10. Nachdem der Verfasser die Einrichtung der Stiftshütte beschrieben hat, erklärt er nun, wie der Gottesdienst dort ablief. Dabei wird deutlich, dass die von Gott eingesetzte Ordnung einerseits Gemeinschaft mit ihm ermöglichte, andererseits aber auch sichtbar machte, dass der Weg in seine unmittelbare Gegenwart noch nicht vollständig eröffnet war.

In Vers 6 beschreibt der Verfasser zunächst den gewöhnlichen Priesterdienst. Die Priester gingen regelmäßig in die erste Abteilung der Stiftshütte, um dort ihre vorgeschriebenen Aufgaben zu erfüllen. Dieser Dienst gehörte zum täglichen Leben Israels und war nicht auf besondere Festtage beschränkt.

Zu den Aufgaben der Priester gehörte unter anderem die Versorgung der Lampen des goldenen Leuchters. Nach 2. Mose 30,7–8 sollte Aaron außerdem morgens und abends wohlriechendes Räucherwerk auf dem Räucheraltar darbringen. Auch die Schaubrote mussten nach der göttlichen Anordnung regelmäßig erneuert werden.

Diese Handlungen waren nicht beliebig. Sie folgten einer festgelegten Ordnung, die Gott seinem Volk gegeben hatte. Der Dienst wurde über Generationen hinweg fortgeführt und erinnerte Israel daran, dass die Gemeinschaft mit dem heiligen Gott keine gewöhnliche Angelegenheit war.

Doch selbst die Priester, die für diese Aufgaben ausgesondert worden waren, durften nicht überall hingehen. Ihr regelmäßiger Dienst fand im Heiligen statt. Der Zugang zur zweiten Abteilung, dem Allerheiligsten, war besonderen Vorschriften unterworfen.

Genau diesen Unterschied stellt Vers 7 heraus. Während die Priester regelmäßig im ersten Raum dienten, durfte nur der Hohepriester das Allerheiligste betreten, und zwar im Zusammenhang mit dem jährlich stattfindenden Versöhnungstag. Dabei durfte er nicht ohne Blut hineingehen.

Der Ablauf dieses besonderen Tages wird in 3. Mose 16 ausführlich beschrieben. Zunächst musste Aaron ein Opfer für sich und sein Haus darbringen. Danach folgten die vorgeschriebenen Handlungen zur Entsühnung und Reinigung des Heiligtums im Zusammenhang mit den Sünden des Volkes.

Diese Reihenfolge war bedeutsam. Auch der Hohepriester war ein sündiger Mensch. Obwohl er ein besonderes Amt innehatte, benötigte er selbst Versöhnung. Er konnte nicht allein aufgrund seiner Stellung als Priester beanspruchen, vor Gott bestehen zu dürfen.

Damit unterschied sich sein Dienst grundlegend vom Priestertum Jesu. Der Hebräerbrief hatte bereits erklärt, dass Christus ohne Sünde ist und deshalb kein Opfer für eigene Verfehlungen benötigt (Hebräer 7,26–27). Diese Besonderheit seines Priestertums wird im weiteren Verlauf des neunten Kapitels noch größere Bedeutung erhalten.

Wenn Hebräer 9,7 vom jährlichen Eintritt des Hohenpriesters spricht, bedeutet das übrigens nicht, dass er an diesem Tag nur ein einziges Mal durch den Vorhang gehen durfte. Der Ablauf von 3. Mose 16 umfasst mehrere vorgeschriebene Handlungen im Allerheiligsten. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass dieser Dienst auf den besonderen jährlichen Versöhnungstag beschränkt war. Er gehörte nicht zum gewöhnlichen täglichen Priesterdienst.

Der Verfasser erwähnt außerdem, dass der Hohepriester Blut für sich selbst und für die Verfehlungen des Volkes darbrachte. Im griechischen Text steht hier ein Wort, das besonders an Vergehen aus Unwissenheit oder Versehen denken lässt.

Eine solche Unterscheidung war bereits im Gesetz Moses wichtig. In 3. Mose 4 werden Opfer für Sünden beschrieben, die jemand unabsichtlich begangen hatte. Ein Mensch konnte gegen Gottes Willen handeln, ohne im betreffenden Augenblick vollständig zu erkennen, dass er schuldig geworden war. Sobald seine Verfehlung offenbar wurde, sollte er entsprechend den göttlichen Anweisungen handeln.

Allerdings dürfen wir die Aussage des Hebräerbriefs nicht so verstehen, als hätte der Versöhnungstag ausschließlich solche unbewussten Vergehen betroffen. In 3. Mose 16,16 wird ausdrücklich von den Unreinheiten, Übertretungen und Sünden Israels gesprochen. Die dort beschriebene Reinigung besitzt somit einen umfassenderen Zusammenhang.

Gleichzeitig unterschied das mosaische Gesetz zwischen Verfehlungen und einer bewussten, trotzigen Auflehnung gegen Gott. In 4. Mose 15,30–31 wird der Mensch beschrieben, der mit erhobener Hand sündigt und Gottes Wort verachtet. Deshalb wäre es ebenfalls falsch anzunehmen, jede noch so verhärtete Rebellion sei durch den jährlichen Gottesdienst unabhängig von Umkehr und Glauben automatisch vergeben worden.

Der Versöhnungstag stand vielmehr im Zusammenhang mit Gottes Heiligkeit, der wirklichen Schuld seines Volkes und der Notwendigkeit einer von ihm gewährten Versöhnung.

Doch weshalb war der Zugang zum Allerheiligsten so streng begrenzt? Wollte Gott damit verhindern, dass Menschen überhaupt in seine Nähe kamen?

Die Antwort gibt der Verfasser in Vers 8. Er erklärt, dass der Heilige Geist durch diese Ordnung etwas deutlich machte: Der Weg zum Heiligtum war noch nicht in seiner vollen Bedeutung offenbart, solange die erste Stiftshütte beziehungsweise die frühere Heiligtumsordnung Bestand hatte.

Hier wird die besondere Bedeutung der räumlichen Anordnung sichtbar. Der innere Vorhang trennte den Bereich des regelmäßigen Priesterdienstes vom Allerheiligsten. Er war nicht nur ein Stück Stoff, das zwei Räume voneinander abgrenzte. Innerhalb des Gottesdienstes zeigte diese Trennung, dass der Zugang zu Gottes heiliger Gegenwart noch bestimmten Grenzen unterlag.

Bemerkenswert ist, dass der Verfasser diese Aussage ausdrücklich dem Heiligen Geist zuschreibt. Die Bedeutung des früheren Gottesdienstes wird damit nicht als eine nachträglich erfundene menschliche Symbolik dargestellt. Der Verfasser versteht die von Gott angeordnete Heiligtumsordnung selbst als eine Unterweisung, durch die der Geist Gottes eine tiefere Wahrheit erkennen ließ.

Allerdings ist die Formulierung vom „ersten Zelt“ nicht ganz einfach auszulegen. Zuvor hatte der Verfasser damit die erste Abteilung der Stiftshütte bezeichnet. Deshalb kann der Ausdruck zunächst auch hier auf den vorderen Raum hinweisen, der den Zugang zum Allerheiligsten begrenzte.

Im größeren Zusammenhang ist aber auch eine weiter gefasste Bedeutung möglich. Dann steht das erste Zelt für die gesamte frühere Heiligtumsordnung, deren Gottesdienst noch nicht den endgültigen Zugang zu Gott vermitteln konnte.

Beide Deutungen nehmen eine wichtige Aussage des Textes ernst. Der damalige Heiligtumsdienst machte sichtbar, dass zwischen dem sündigen Menschen und dem heiligen Gott eine Trennung bestand, die durch die bisherigen Einrichtungen noch nicht endgültig überwunden war.

Daraus dürfen wir jedoch nicht schließen, dass gläubige Menschen zur Zeit des Alten Testaments überhaupt keine persönliche Gemeinschaft mit Gott besitzen konnten. Abraham vertraute Gott, Mose durfte mit ihm sprechen, und David brachte seine Schuld ebenso wie seine Freude und seine Hoffnung im Gebet vor ihn.

Die Begrenzung lag nicht darin, dass Gott damals grundsätzlich unnahbar oder unbarmherzig gewesen wäre. Vielmehr konnte die frühere Opfer- und Heiligtumsordnung den endgültigen Zugang nicht aus eigener Kraft schaffen. Sie wies auf eine Versöhnung hin, deren vollständige Grundlage erst durch Christus sichtbar werden sollte.

Deshalb lässt sich aus Hebräer 9,8 auch keine einfache zeitliche Abfolge ableiten, nach der Jesus zunächst nur in einer bestimmten Abteilung des himmlischen Heiligtums gedient hätte und erst viel später erstmals in die unmittelbare Gegenwart Gottes gelangt wäre. Der Hebräerbrief erklärt an anderer Stelle ausdrücklich, dass Christus bereits für uns vor Gottes Angesicht erscheint (Hebräer 9,24). Die Aussage über das erste Zelt muss deshalb innerhalb der größeren Gegenüberstellung von früherer und endgültiger Zugangsordnung verstanden werden.

In Vers 9 bezeichnet der Verfasser die frühere Heiligtumsordnung als ein Gleichnis beziehungsweise Sinnbild für die betreffende Zeit. Damit meint er keine frei erfundene Geschichte, sondern eine wirkliche Einrichtung, deren Bedeutung über die äußeren Handlungen hinausreichte.

Ein Sinnbild macht durch etwas Sichtbares eine Wahrheit verständlich, die sich nicht unmittelbar mit den Augen erkennen lässt. So konnten die Israeliten die Priester bei ihrem Dienst beobachten, die Opferhandlungen miterleben und die besonderen Grenzen des Heiligtums kennenlernen. Durch diese Ordnung wurden sie an Gottes Heiligkeit und an die Notwendigkeit der Versöhnung erinnert.

Doch der Verfasser benennt auch eine entscheidende Begrenzung: Die dargebrachten Gaben und Opfer konnten den Menschen, der den Gottesdienst verrichtete, hinsichtlich seines Gewissens nicht vollkommen machen.

Damit berührt der Text ein Problem, das weit tiefer reicht als die äußere Durchführung religiöser Handlungen. Ein Mensch kann eine vorgeschriebene Zeremonie sorgfältig erfüllen und trotzdem wissen, dass seine Schuld damit noch nicht endgültig beseitigt ist. Er kann ein Opfer darbringen und zugleich erkennen, wie sehr sein Herz weiterhin Gottes Erneuerung benötigt.

Das Gewissen ist dabei nicht einfach ein unangenehmes Gefühl. Es bezeichnet das innere Bewusstsein des Menschen im Blick auf sein Handeln und seine Verantwortung. Wer schuldig geworden ist, kann die Belastung seiner Verfehlung empfinden, selbst wenn nach außen niemand davon weiß.

Der frühere Gottesdienst konnte den Menschen auf Gottes Vergebung hinweisen und ihm zeigen, wie ernst Gott die Sünde nimmt. Doch die Opfer selbst besaßen nicht die Kraft, die menschliche Schuld endgültig zu beseitigen. Kein Tier konnte durch seinen Tod die vollständige Versöhnung schaffen, die der Mensch benötigte.

Das bedeutet allerdings nicht, dass alttestamentliche Gläubige niemals wirklichen Frieden mit Gott erleben konnten. Psalm 32 spricht voller Dankbarkeit von der Freude eines Menschen, dessen Sünde vergeben ist. Solche Erfahrungen waren möglich, weil Gott bereits damals barmherzig war und seine Verheißungen zuverlässig blieben.

Die begrenzte Wirkung lag bei den Opferhandlungen als solchen. Die endgültige Grundlage der Vergebung lag nicht in der Kraft des Tierblutes, sondern in Gottes Erlösungsplan, der durch Jesus Christus erfüllt werden sollte.

In Vers 10 beschreibt der Verfasser schließlich weitere Bestandteile der früheren Ordnung. Er erwähnt Speisen, Getränke, verschiedene Waschungen und äußere Vorschriften, die bis zu einer von Gott bestimmten Zeit der Neuordnung auferlegt waren.

Diese Begriffe führen uns in den Alltag des israelitischen Gottesdienstes zurück. Die mosaischen Vorschriften unterschieden unter anderem zwischen reinen und unreinen Speisen. Darüber hinaus gab es Anordnungen über rituelle Waschungen und Reinigungen, etwa nach Berührungen mit bestimmten Formen kultischer Unreinheit.

Solche Regelungen betrafen den äußeren Zustand des Menschen und seine Teilnahme am vorgeschriebenen Gottesdienst. Sie waren nicht deshalb bedeutungslos, weil sie äußerliche Handlungen verlangten. Gott hatte ihnen innerhalb der damaligen Ordnung eine bestimmte Aufgabe gegeben.

Doch gerade hier unterscheidet der Verfasser zwischen äußerer Reinigung und der tieferen Veränderung, die der Mensch benötigt. Eine Waschung konnte nach Gottes Anordnung kultische Reinheit wiederherstellen. Sie konnte jedoch nicht allein ein schuldbeladenes Gewissen reinigen oder ein sündiges Herz erneuern.

Wenn der Hebräerbrief diese Vorschriften als äußerlich beschreibt, meint er deshalb nicht, sie seien grundsätzlich schlecht oder moralisch verwerflich gewesen. Seine Aussage betrifft ihre begrenzte Funktion. Sie regelten bestimmte Bereiche des Gottesdienstes, konnten aber nicht die endgültige Erlösung bewirken.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die abschließende Zeitangabe. Die Vorschriften galten bis zu einer Zeit der Neuordnung.

Der zugrunde liegende griechische Ausdruck bezeichnet ein Zurechtbringen oder eine grundlegende Neuordnung. Der Verfasser spricht somit von einem Zeitpunkt innerhalb des göttlichen Erlösungsplans, an dem die bisherige Ordnung ihrer eigentlichen Erfüllung weichen sollte.

Diese Neuordnung darf nicht lediglich als Verbesserung eines missbrauchten Gottesdienstes verstanden werden. Gewiss konnte der Mensch auch die früheren Einrichtungen falsch gebrauchen. Doch der Hebräerbrief zeigt, dass die Begrenzung tiefer lag. Selbst wenn sämtliche Opfer und Reinigungen genau nach den göttlichen Anweisungen durchgeführt worden wären, hätten sie aus sich selbst keine endgültige Versöhnung schaffen können.

Die Veränderung war deshalb nicht nur notwendig, weil Menschen untreu gewesen waren. Die frühere Ordnung war von Anfang an auf eine größere Erfüllung ausgerichtet.

Damit führen die Verse 6–10 zu einer entscheidenden Erkenntnis. Das irdische Heiligtum war kein Irrtum, den Gott später berichtigen musste. Es war eine von ihm geschaffene Ordnung, die seinem Volk wichtige Wahrheiten vermittelte. Gerade ihre wiederkehrenden Dienste und ihre besonderen Zugangsgrenzen machten jedoch sichtbar, dass noch etwas Größeres erforderlich war.

Die Priester konnten ihre vorgeschriebenen Aufgaben erfüllen. Der Hohepriester durfte am Versöhnungstag das Allerheiligste betreten. Die Opfer und Reinigungen hatten ihren von Gott bestimmten Platz. Doch die endgültige Befreiung des menschlichen Gewissens und der bleibende Zugang zu Gottes Gegenwart lagen nicht in diesen Handlungen selbst.

Genau an dieser Stelle setzt der Verfasser im folgenden Vers an. Nachdem er die Möglichkeiten und Grenzen des früheren Gottesdienstes erklärt hat, richtet er den Blick auf den gekommenen Christus. Nun wird deutlich werden, weshalb sein Opfer etwas bewirken kann, das der alte Heiligtumsdienst niemals aus eigener Kraft erreichen konnte.

Hebräer 9,11–14

Jesus Christus und die Reinigung unseres Gewissens

Mit Hebräer 9,11 erreicht die Erklärung einen entscheidenden Wendepunkt. Bisher hat der Verfasser beschrieben, welche Aufgaben die Priester im irdischen Heiligtum erfüllten und welche Grenzen dieser Gottesdienst besaß. Nun stellt er dem früheren Dienst das Werk Jesu Christi gegenüber. Der Gegensatz ist bemerkenswert: Während die bisherigen Opfer immer wieder dargebracht werden mussten, hat Christus eine Erlösung bewirkt, deren Wirksamkeit nicht zeitlich begrenzt ist.

In Vers 11 bezeichnet der Verfasser Jesus als den Hohenpriester der zukünftigen Güter. Gemeint sind die Segnungen des Erlösungsplans, die Gott seinem Volk verheißen hatte. Mit Christi Kommen sind diese Verheißungen in entscheidender Weise Wirklichkeit geworden, auch wenn ihre vollständige Erfüllung noch aussteht. Deshalb können die verheißenen Güter im Hebräerbrief zugleich als bereits angebrochen und als zukünftig beschrieben werden. Tatsächlich gibt es bei diesem Ausdruck eine alte Textvariante: Einige griechische Handschriften sprechen von den zukünftigen, andere von den bereits gekommenen Gütern. Beide Formulierungen lassen sich innerhalb dieses Zusammenhangs verstehen. Christus hat die entscheidende Erlösung vollbracht, während die endgültige Vollendung des Heils noch erwartet wird.

Anschließend spricht der Verfasser von einer größeren und vollkommeneren Stiftshütte, die nicht mit Händen gemacht wurde und nicht zu dieser Schöpfung gehört. Damit unterscheidet er den Dienst Jesu von den Einrichtungen, die Mose nach Gottes Anweisung hatte errichten lassen. Die irdische Stiftshütte bestand aus Holz, Stoffen und kostbaren Metallen. Sie konnte aufgebaut, abgebaut und an einen anderen Ort gebracht werden. Die höhere Heiligtumswirklichkeit, zu der Christi Priesterdienst gehört, ist dagegen nicht das Werk menschlicher Hände. Der Zusammenhang mit Hebräer 8,2 und 9,24 spricht dafür, dass der Verfasser hier die himmlische Stiftshütte meint, die er bereits als das wahre Heiligtum bezeichnet hat. Eine andere Auslegung versteht das größere Zelt als Hinweis auf Christi menschliche Natur. Diese Deutung ist bekannt, passt jedoch weniger unmittelbar zu der fortlaufenden Gegenüberstellung des irdischen und himmlischen Heiligtums.

In Vers 12 erklärt der Verfasser, wodurch sich der Eintritt Jesu von demjenigen des früheren Hohenpriesters unterscheidet. Christus ist nicht mit dem Blut von Böcken und Kälbern eingegangen, sondern durch sein eigenes Blut. Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen dem früheren Opferdienst und dem Werk Jesu. Die israelitischen Priester brachten das Blut von Tieren dar. Christus dagegen gab sein eigenes Leben hin. Das Blut bezeichnet in diesem Zusammenhang sein im Tod hingegebenes Leben und damit die Grundlage seines Erlösungswerks. Der Vers beschreibt nicht, dass Jesus nach seiner Auferstehung eine Menge materiellen Blutes in den Himmel transportierte. Er erklärt vielmehr, dass sein himmlischer Eintritt untrennbar mit der Wirksamkeit seines eigenen Opfers verbunden ist.

Besonders wichtig ist die Aussage, dass Christus ein für alle Mal eingegangen ist und eine ewige Erlösung erlangt hat. Der griechische Ausdruck für „ein für alle Mal“ betont die Einmaligkeit dieses Geschehens. Jesus muss sein Opfer nicht in regelmäßigen Abständen wiederholen. Sein Tod am Kreuz war kein vorläufiger Versuch, die Menschen mit Gott zu versöhnen, der später durch weitere Opfer ergänzt werden müsste. Er besitzt eine bleibende Wirksamkeit. Das Wort „Erlösung“ bezeichnet dabei Befreiung beziehungsweise Loskauf. Menschen, die durch ihre Sünde schuldig geworden sind, können durch Christus aus dieser Schuld befreit werden. Diese Erlösung wird als ewig bezeichnet, weil ihre Grundlage nicht mit dem Ende eines menschlichen Priesterdienstes verfällt. Zugleich bedeutet das vollbrachte Opfer nicht, dass Jesus keinen gegenwärtigen Dienst mehr ausübt. Sein fortdauerndes Eintreten für die Menschen beruht gerade auf diesem einen, nicht wiederholbaren Opfer.

In Vers 13 greift der Verfasser noch einmal die frühere Reinigungsordnung auf. Er nennt das Blut von Böcken und Stieren sowie die Asche einer jungen Kuh, mit der Verunreinigte besprengt wurden. Die erste Gruppe erinnert besonders an die Opfer des israelitischen Heiligtumsdienstes. Die Asche der jungen Kuh verweist dagegen auf eine besondere Vorschrift aus 4. Mose 19. Dort wird beschrieben, wie die Asche einer vollständig verbrannten roten Kuh mit Wasser verbunden und zur Reinigung bei Verunreinigung durch einen Toten verwendet wurde. Diese Vorschrift macht deutlich, dass die alttestamentlichen Reinigungsordnungen nicht ausschließlich mit persönlichen Sündenhandlungen zu tun hatten. Es gab auch kultische Unreinheit, die beispielsweise durch die Berührung eines Leichnams entstand und nach Gottes Anordnung beseitigt werden musste.

Der Verfasser stellt die Wirksamkeit dieser Handlungen nicht grundsätzlich infrage. Er erklärt vielmehr ausdrücklich, dass sie zur Reinheit des Fleisches heiligten. Innerhalb der von Gott eingesetzten Ordnung erfüllten sie also tatsächlich ihren Zweck. Ein Mensch, der nach den Vorschriften als unrein galt, konnte durch die vorgeschriebene Reinigung wieder am Gottesdienst teilnehmen. Doch diese Reinheit betraf zunächst seinen kultischen Zustand. Sie bedeutete nicht automatisch, dass seine Schuld vor Gott endgültig beseitigt oder sein Inneres von jeder sündigen Haltung gereinigt worden wäre. Damit wird verständlich, weshalb der Verfasser die früheren Reinigungen erwähnt: Er erkennt ihre begrenzte Wirksamkeit an, um anschließend zu zeigen, wie viel weiter die Wirkung des Opfers Christi reicht.

Genau dies geschieht in Vers 14. Wenn bereits die früheren Reinigungsmittel innerhalb ihrer Ordnung eine wirkliche Wirkung besaßen, wie viel mehr vermag dann das Blut Christi das Gewissen des Menschen zu reinigen? Jesus wird dabei als derjenige beschrieben, der sich selbst ohne Fehl Gott geopfert hat. Anders als die früheren Hohenpriester musste er nicht zuerst für eigene Sünden ein Opfer darbringen. Seine Selbsthingabe war die freiwillige Hingabe eines Menschen, der ohne Sünde geblieben war. Gerade darin liegt die einzigartige Bedeutung seines Opfers: Er trug nicht die Folgen eigener Schuld, sondern gab sein Leben für andere hin.

Der Verfasser fügt hinzu, dass Christus sich durch den ewigen Geist Gott geopfert hat. Diese Formulierung besitzt eine besondere Tiefe, lässt aber auch eine Auslegungsfrage offen. Manche verstehen den ewigen Geist als den Heiligen Geist, durch dessen Wirken Jesus seinen Opferweg vollendete. Andere sehen darin einen Hinweis auf Christi eigene ewige göttliche Lebenswirklichkeit. Der griechische Wortlaut entscheidet diese Frage nicht eindeutig. Sicher ist jedoch, dass der Verfasser die Selbsthingabe Jesu als ein einzigartiges Geschehen beschreibt, das weit über die Opfer gewöhnlicher Menschen hinausgeht. Christus gab sich selbst ohne Fehl Gott hin, und gerade dieses Opfer besitzt die Kraft, das Gewissen des Menschen zu reinigen.

Damit sind wir bei der eigentlichen Zielaussage dieser Verse angekommen. Das Gewissen soll von toten Werken gereinigt werden, damit der Mensch dem lebendigen Gott dienen kann. Mit den toten Werken sind Handlungen gemeint, die nicht zum Leben mit Gott führen, sondern mit der Macht der Sünde und des Todes verbunden sind. Der Ausdruck begegnet bereits in Hebräer 6,1, wo von der Buße über tote Werke gesprochen wird. Er darf deshalb nicht einfach mit jeder äußerlich sichtbaren religiösen Handlung gleichgesetzt werden. Das Problem besteht nicht darin, dass der Mensch überhaupt etwas tut, sondern dass sein Handeln durch Schuld und Sünde geprägt sein kann und ihn nicht aus eigener Kraft mit Gott versöhnt.

Wenn Christus das Gewissen reinigt, geht es somit um weit mehr als eine vorübergehende Erleichterung unangenehmer Gefühle. Schuld kann den Menschen innerlich belasten, selbst wenn sie vor anderen verborgen bleibt. Gottes Vergebung betrifft jedoch nicht allein das Empfinden, sondern seine tatsächliche Stellung vor Gott. Durch Christi Opfer kann die Schuld vergeben werden, sodass der Mensch nicht länger versuchen muss, seine Vergangenheit durch eigene Leistungen auszugleichen. Er darf Gottes Gnade annehmen und mit einem gereinigten Gewissen in seiner Gegenwart leben.

Bemerkenswert ist schließlich das Ziel dieser Reinigung: Der Mensch soll dem lebendigen Gott dienen. Erlösung bedeutet also nicht nur, von vergangener Schuld befreit zu werden. Sie eröffnet eine neue Beziehung, in der das weitere Leben Gott gehören darf. Der frühere Heiligtumsdienst regelte, unter welchen Bedingungen ein Mensch am Gottesdienst teilnehmen konnte. Christus ermöglicht durch sein Opfer die innere Reinigung, die den Menschen zu einem Leben in bewusster Gemeinschaft mit Gott befähigt.

So wird der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Ordnungen sichtbar. Die früheren Reinigungen erfüllten ihre von Gott bestimmte Aufgabe, konnten aber die endgültige Befreiung des Gewissens nicht selbst bewirken. Christus dagegen hat durch seine eigene Selbsthingabe eine bleibende Grundlage der Versöhnung geschaffen. Sein Opfer betrifft nicht nur den äußeren Zustand des Menschen, sondern seine Schuld und seine Beziehung zu Gott.

Doch diese Erlösung besitzt eine Bedeutung, die noch weiter zurückreicht. Im folgenden Vers erklärt der Verfasser, dass Christi Tod auch für die Übertretungen wirksam ist, die unter dem ersten Bund begangen wurden. Damit wird deutlich, wie umfassend Gottes Erlösungsplan ist und weshalb Jesus der Mittler des neuen Bundes genannt wird.

Hebräer 9,15–17

Warum der Tod Jesu für den neuen Bund entscheidend ist

Wie weit reicht die Erlösung, die Jesus Christus durch seinen Tod bewirkt hat? Gilt sie nur den Menschen, die nach seinem Kommen an ihn glauben, oder umfasst sie auch diejenigen, die Jahrhunderte zuvor auf Gottes Verheißungen vertrauten? Mit Hebräer 9,15 beantwortet der Verfasser diese wichtige Frage. Er zeigt, dass das Opfer Jesu nicht nur für die Gegenwart Bedeutung besitzt, sondern auch für die Menschen, die unter dem ersten Bund gelebt haben.

Der Vers beginnt mit der Feststellung, dass Christus der Mittler eines neuen Bundes ist. Ein Mittler verbindet zwei Seiten, zwischen denen eine Beziehung hergestellt oder wiederhergestellt werden soll. Im Zusammenhang des Hebräerbriefs geht es dabei um die Gemeinschaft zwischen dem heiligen Gott und den sündigen Menschen. Diese Gemeinschaft kann der Mensch nicht aus eigener Kraft wiederherstellen, denn seine Schuld steht zwischen ihm und Gott.

Jesus übernimmt deshalb eine einzigartige Aufgabe. Er vermittelt den neuen Bund nicht lediglich dadurch, dass er Gottes Verheißungen verkündigt oder den Menschen erklärt, wie sie leben sollen. Sein Dienst reicht wesentlich weiter. Durch seinen eigenen Tod schafft er die Grundlage dafür, dass Schuld vergeben und die Beziehung zu Gott erneuert werden kann. Er ist somit nicht nur der Überbringer einer göttlichen Botschaft, sondern derjenige, durch dessen Opfer die verheißene Versöhnung möglich wird.

Besonders bemerkenswert ist die ausdrückliche Aussage, dass sein Tod auch zur Erlösung von den Übertretungen dient, die unter dem ersten Bund begangen wurden. Damit macht der Verfasser deutlich, dass die Menschen vor Christus nicht auf einem grundsätzlich anderen Weg gerettet wurden.

Die Israeliten hatten über viele Generationen Opfer dargebracht. Wenn jemand gesündigt hatte, sollte er entsprechend den göttlichen Anweisungen handeln. Dabei verkündete Gott seinem Volk tatsächlich Vergebung. In 3. Mose 4 wird mehrfach zugesagt, dass einem Menschen nach der vorgeschriebenen Sühnung vergeben werden sollte.

Doch wodurch wurde diese Vergebung letztlich möglich? Der Hebräerbrief führt die Antwort über die damaligen Opferhandlungen hinaus. Kein Tier besaß die Kraft, die Schuld eines Menschen endgültig auf sich zu nehmen und zu beseitigen. Die Wirksamkeit der göttlichen Vergebung beruhte auf Gottes Erlösungsplan, dessen entscheidende Grundlage im Opfer Christi liegt.

Das bedeutet, dass Jesus nicht nur für die Sünden starb, die nach seiner Kreuzigung begangen wurden. Sein Tod besitzt auch für die Übertretungen der Menschen Bedeutung, die lange vor seinem irdischen Leben auf Gottes Barmherzigkeit vertrauten.

Damit wird eine tiefe Einheit innerhalb der biblischen Heilsgeschichte sichtbar. Abraham, Mose, David und die anderen Gläubigen des Alten Testaments standen nicht außerhalb des Erlösungsplans Christi. Auch wenn sie noch nicht alle Einzelheiten seines späteren Lebens, seines Todes und seiner Auferstehung kannten, konnten sie sich auf Gottes Zusagen verlassen.

Dabei müssen wir zwischen der Grundlage ihrer Erlösung und ihrem damaligen Wissen unterscheiden. Es wäre ungenau zu behaupten, jeder gläubige Israelit habe bereits ausdrücklich von Jesus von Nazareth und seinem späteren Tod am Kreuz gewusst. Die biblischen Berichte zeigen vielmehr, dass Gott seine Absichten im Verlauf der Geschichte immer deutlicher offenbarte.

Die Menschen früherer Zeiten waren deshalb aufgerufen, den Verheißungen zu vertrauen, die Gott ihnen gegeben hatte. Was sie noch nicht vollständig erkennen konnten, wurde durch das Kommen Jesu in entscheidender Weise erfüllt. Ihre Hoffnung beruhte auf derselben göttlichen Gnade, deren endgültige Grundlage Christus durch sein Opfer geschaffen hat.

Hebräer 9,15 richtet den Blick anschließend auf das Ziel dieser Erlösung. Die Berufenen sollen das verheißene ewige Erbe empfangen.

Mit dem Begriff „Erbe“ verbindet die Bibel den Gedanken einer Gabe, die einem Menschen zugesprochen wird. Im Alten Testament hatte Gott Abraham und seinen Nachkommen besondere Verheißungen gegeben, darunter die Zusage eines Landes. Diese Verheißungen standen innerhalb der Geschichte Israels in einem konkreten Zusammenhang.

Der Hebräerbrief erweitert den Blick jedoch auf eine Hoffnung, die über irdischen Besitz hinausgeht. Bereits in Hebräer 6,17 wird von den Erben der Verheißung gesprochen. Später erklärt Hebräer 11, dass Abraham auf eine Stadt wartete, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. Die Hoffnung der Gläubigen richtet sich somit letztlich auf eine bleibende Gemeinschaft mit Gott und die endgültige Erfüllung seiner Zusagen.

Das verheißene Erbe wird in Hebräer 9,15 ausdrücklich als ewig bezeichnet. Es ist also kein Besitz, der durch Alter, Zerstörung oder den Tod seines Empfängers wieder verloren gehen muss. Die Verheißung reicht über die Grenzen des gegenwärtigen Lebens hinaus.

Bemerkenswert ist außerdem, dass der Verfasser von den Berufenen spricht. Er beschreibt Menschen, die Gott zu seiner Gemeinschaft ruft. Das ewige Erbe erscheint damit nicht als Lohn für eine selbst erarbeitete religiöse Vollkommenheit, sondern als verheißene Gabe innerhalb der von Gott eröffneten Erlösung.

Im nächsten Vers greift der Verfasser den Gedanken des Erbes auf und verwendet ein Bild, das seinen Lesern aus dem menschlichen Rechtsleben bekannt sein konnte. In Hebräer 9,16–17 erklärt er, dass ein Testament erst durch den Tod desjenigen wirksam wird, der es errichtet hat.

Ein Testament enthält den letzten Willen eines Menschen und bestimmt, was nach seinem Tod mit dem hinterlassenen Besitz geschehen soll. Solange der Verfasser lebt, ist der darin vorgesehene Erbfall noch nicht eingetreten. Erst sein Tod schafft die Voraussetzung dafür, dass die testamentarischen Bestimmungen in dieser Weise wirksam werden.

Der Vergleich ist leicht verständlich. Eine Person kann ihren Angehörigen einen wertvollen Besitz versprechen und diesen in einem Testament festhalten. Dennoch bedeutet die bloße Existenz des Testaments nicht, dass die Erben bereits alles erhalten haben. Der Tod des Testierenden ist für den gewöhnlichen Erbfall entscheidend.

Der Verfasser verwendet diesen Zusammenhang, nachdem er unmittelbar zuvor vom verheißenen ewigen Erbe gesprochen hat. Dadurch erhält der Tod Jesu eine weitere Bedeutung innerhalb seiner Erklärung. Die Verheißung des neuen Bundes bleibt nicht bei einer Ankündigung stehen. Durch Christi Tod wird die entscheidende Grundlage für ihre Verwirklichung geschaffen.

Allerdings begegnet uns an dieser Stelle eine sprachliche Besonderheit. Das griechische Wort, das in Hebräer 9 für „Bund“ verwendet wird, kann auch „Testament“ bedeuten. Die Schlachter 1951 übersetzt es deshalb in Vers 15 mit „Bund“, in den Versen 16 und 17 dagegen mit „Testament“.

Diese Wiedergabe ist gut verständlich. Der Verfasser könnte bewusst die doppelte Bedeutung des Wortes nutzen, um vom neuen Bund zum Bild einer testamentarischen Erbschaft überzugehen. Nachdem er das ewige Erbe erwähnt hat, würde er so erklären, weshalb der Tod für dessen Empfang eine entscheidende Rolle spielt.

Allerdings ist diese Auslegung nicht völlig unumstritten. Andere Ausleger verstehen den Begriff auch in den Versen 16 und 17 weiterhin als „Bund“. Sie verweisen darauf, dass im Alten Testament wichtige Bundesschlüsse mit Opferhandlungen und dem Tod von Tieren verbunden waren. Der Tod wäre dann nicht hauptsächlich als Voraussetzung einer Erbschaft zu verstehen, sondern im Zusammenhang mit der feierlichen Einsetzung eines Bundes.

Für diese Deutung spricht, dass der Verfasser unmittelbar danach zum Bundesschluss am Sinai zurückkehrt. In Vers 18 erklärt er ausdrücklich, dass auch der erste Bund nicht ohne Blut eingeweiht wurde.

Die beiden Auslegungen besitzen somit nachvollziehbare Gründe. Die testamentarische Deutung erklärt besonders gut die Verbindung zwischen dem verheißenen Erbe und dem notwendigen Tod. Die durchgehende Bundesdeutung berücksichtigt stärker den gesamten Zusammenhang des Kapitels und die alttestamentliche Bedeutung des Opferblutes.

Wir sollten deshalb nicht behaupten, die sprachliche Frage sei endgültig und ohne jede Schwierigkeit entschieden. Der entscheidende Gedanke bleibt jedoch in beiden Fällen erhalten: Der Tod spielt bei der Verwirklichung des neuen Bundes eine grundlegende Rolle, und im Mittelpunkt steht dabei die Selbsthingabe Jesu Christi.

Gleichzeitig darf der Vergleich mit einem menschlichen Testament nicht in jeder Einzelheit auf Gott übertragen werden. Ein menschlicher Erblasser stirbt und hinterlässt seinen Besitz anderen Menschen. Der neue Bund ist dagegen Gottes eigene Verheißung, die durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes ihre Grundlage erhält. Gott selbst ist nicht gestorben, und Christus bleibt auch nach seinem Opfer der lebendige Hohepriester seines Volkes.

Gerade darin zeigt sich die Grenze des Vergleichs. Der Verfasser verwendet ein verständliches Bild, um die Notwendigkeit des Todes hervorzuheben. Er möchte damit jedoch nicht erklären, dass sämtliche rechtlichen Einzelheiten eines menschlichen Testaments unverändert auf Gottes Erlösungsplan übertragen werden müssten.

So führen die Verse 15–17 zu einer bedeutsamen Erkenntnis. Die Erlösung durch Jesus Christus verbindet Gottes früheres Handeln mit seiner gegenwärtigen Verheißung und der noch ausstehenden Vollendung. Sein Tod ist nicht lediglich ein Ereignis für eine bestimmte Generation. Er bildet die Grundlage des Heils für die Menschen, die vor ihm auf Gottes Zusagen vertrauten, ebenso wie für diejenigen, die durch ihn zum neuen Bund gehören.

Zugleich bleibt der Blick auf das verheißene ewige Erbe gerichtet. Die Gläubigen dürfen nicht nur auf die Vergebung vergangener Schuld hoffen. Gott hat ihnen eine Zukunft zugesagt, die über das vergängliche Leben dieser Welt hinausreicht.

Im folgenden Abschnitt erklärt der Verfasser, weshalb bereits der erste Bund mit Blut eingesetzt wurde. Dazu erinnert er an Mose und die feierliche Bundesschließung am Sinai. Damit wird noch deutlicher, warum Blut, Tod und Versöhnung innerhalb der biblischen Geschichte so eng miteinander verbunden sind.

Hebräer 9,18–22

Blut, Bund und Vergebung

Warum spielte Blut bei der Einsetzung des ersten Bundes eine so bedeutende Rolle? Nachdem der Verfasser erklärt hat, weshalb der Tod Jesu für den neuen Bund entscheidend ist, erinnert er in Hebräer 9,18–22 an ein Ereignis aus der Geschichte Israels. Schon der Bund, den Gott durch Mose mit seinem Volk schloss, wurde nicht ohne Blut eingesetzt. Dieser Rückblick soll verständlich machen, weshalb auch die endgültige Versöhnung zwischen Gott und den Menschen mit einem Opfer verbunden ist.

In Vers 18 stellt der Verfasser zunächst fest, dass bereits der erste Bund nicht ohne Blut eingeweiht wurde. Er verweist damit auf die feierliche Bundesschließung am Sinai, die in 2. Mose 24,3–8 beschrieben wird. Nachdem Gott Israel aus Ägypten befreit hatte, gab er dem Volk seine Gebote und Rechtsbestimmungen. Mose verkündigte diese Worte, und die Israeliten erklärten ihre Bereitschaft, alles zu tun, was der HERR gesagt hatte. Anschließend schrieb Mose die Worte Gottes auf und bereitete die feierliche Bestätigung des Bundes vor.

Am nächsten Morgen errichtete Mose einen Altar am Fuß des Berges und stellte zwölf Gedenksteine auf, entsprechend den zwölf Stämmen Israels. Junge Männer aus dem Volk brachten Brandopfer und Friedensopfer dar. Mose nahm das Blut der geopferten Tiere, gab die eine Hälfte in Gefäße und sprengte die andere Hälfte an den Altar. Danach las er dem Volk das Buch des Bundes vor. Als die Israeliten erneut versprachen, Gottes Worten zu gehorchen, besprengte Mose sie mit dem übrigen Blut und erklärte, dass dies das Blut des Bundes sei, den der HERR mit ihnen geschlossen hatte.

Diese Handlung machte sichtbar, dass der Bund keine gewöhnliche Vereinbarung zwischen zwei gleichgestellten Menschen war. Gott hatte Israel aus der Sklaverei befreit und es zu seinem Volk berufen. Die Israeliten verpflichteten sich, nach seinem Willen zu leben. Das Blut gehörte zu der feierlichen Bestätigung dieser Bundesbeziehung und erinnerte zugleich an den Ernst der Gemeinschaft mit dem heiligen Gott.

Dabei dürfen wir das Opferblut nicht so verstehen, als besitze es unabhängig von Gottes Anordnung eine geheimnisvolle Kraft. Seine Bedeutung erschließt sich aus dem Zusammenhang von Leben, Tod und Opfer. Nach 3. Mose 17,11 liegt das Leben des Fleisches im Blut. Gott hatte das Blut für die Sühnung auf dem Altar bestimmt. Wenn beim Gottesdienst Blut verwendet wurde, stand deshalb nicht irgendeine kostbare Flüssigkeit im Mittelpunkt, sondern das Leben, das im Opfer hingegeben worden war.

In Hebräer 9,19 greift der Verfasser die Bundesschließung am Sinai auf und erwähnt weitere Einzelheiten. Mose nahm nach seiner Darstellung das Blut der Kälber und Böcke sowie Wasser, Scharlachwolle und Ysop. Damit besprengte er sowohl das Buch selbst als auch das ganze Volk.

Hier entsteht beim Vergleich mit 2. Mose 24 eine wichtige Frage. Der Bericht im zweiten Buch Mose erwähnt das Blut der geopferten Rinder und die Besprengung des Altars und des Volkes. Er berichtet jedoch nicht ausdrücklich von Böcken, Wasser, Scharlachwolle, Ysop oder einer Besprengung des Bundesbuches.

Diese Unterschiede sollten nicht übergangen werden. Wasser, Scharlachwolle und Ysop begegnen in anderen alttestamentlichen Reinigungsvorschriften, besonders in 3. Mose 14 und 4. Mose 19. Ysop war eine Pflanze, deren Zweige bei solchen Handlungen zur Besprengung verwendet werden konnten. Die Scharlachwolle gehörte ebenfalls zu bestimmten vorgeschriebenen Reinigungsriten.

Es ist deshalb gut möglich, dass der Verfasser bei seinem Rückblick mehrere bekannte Elemente des israelitischen Opfer- und Reinigungsdienstes miteinander verbindet. Auch eine ältere jüdische Überlieferung über zusätzliche Einzelheiten der Zeremonien kommt als Erklärung infrage. Der Bibeltext sagt jedoch nicht ausdrücklich, auf welche Überlieferung der Verfasser hier zurückgreift. Wir sollten deshalb weder einen Widerspruch vorschnell behaupten noch die fehlenden Einzelheiten so darstellen, als stünden sie bereits vollständig in 2. Mose 24.

Für das Anliegen des Hebräerbriefs ist vor allem die gemeinsame Bedeutung dieser Handlungen entscheidend. Die Worte des Bundes wurden verkündigt, das Volk erklärte seine Zustimmung, und der Bund wurde mit Blut bestätigt. Die Besprengung machte die Verbindung zwischen Gottes Bund, dem Opfer und der Reinigung sichtbar. Sie betraf nicht nur einzelne Menschen, sondern stand im Zusammenhang mit der gesamten Gemeinschaft, die Gott zu seinem Volk berufen hatte.

In Vers 20 nimmt der Verfasser die Worte Moses auf, mit denen dieser die feierliche Handlung erklärte. Es handelte sich um das Blut des Bundes, den Gott für Israel angeordnet hatte. Diese Formulierung ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie an die Worte Jesu beim letzten Abendmahl erinnert. Nach Matthäus 26,28 bezeichnet Jesus sein Blut als das Blut des Bundes, das für viele zur Vergebung der Sünden vergossen wird.

Der Zusammenhang ist bedeutsam. Mose bestätigte den ersten Bund mit dem Blut von Opfertieren. Jesus sprach dagegen von seinem eigenen Blut, das er hingeben würde. Damit erhält die frühere Bundesschließung im Licht des Erlösungswerks Christi eine tiefere Bedeutung. Während der erste Bund durch den Dienst Moses feierlich eingesetzt wurde, beruht der neue Bund auf der Selbsthingabe des Sohnes Gottes.

In Vers 21 erweitert der Verfasser seinen Rückblick auf die Stiftshütte und die Geräte des Gottesdienstes. Auch sie wurden nach seiner Darstellung mit Blut besprengt. Damit verbindet er die Einsetzung des Bundes mit der Reinigung und Weihe der heiligen Einrichtungen, die später für den Gottesdienst Israels verwendet wurden.

Hier müssen wir die geschichtlichen Ereignisse sorgfältig unterscheiden. Die Bundesschließung aus 2. Mose 24 fand statt, bevor die Stiftshütte errichtet worden war. Ihre Fertigstellung und Aufrichtung werden erst später, besonders in 2. Mose 40, beschrieben. Dort befiehlt Gott Mose, die Stiftshütte und ihre Geräte mit dem heiligen Salböl zu weihen. Weitere Opferhandlungen zur Reinigung des Altars und zur Einsetzung der Priester finden sich in 3. Mose 8.

Hebräer 9,21 kann deshalb nicht bedeuten, dass Mose bei der ursprünglichen Bundesschließung bereits die vollständig errichtete Stiftshütte besprengte. Vielmehr fasst der Verfasser verschiedene Vorgänge aus der Einsetzung und Reinigung der früheren Gottesdienstordnung zusammen. Sein Schwerpunkt liegt nicht auf einer lückenlosen zeitlichen Wiedergabe aller Zeremonien, sondern auf ihrer gemeinsamen Bedeutung.

Dabei war das Heiligtum selbst kein sündiges Wesen, das Vergebung benötigte. Auch seine Geräte hatten keine persönliche Schuld. Dennoch mussten bestimmte Einrichtungen nach Gottes Anordnung gereinigt oder für den heiligen Dienst ausgesondert werden. Das zeigt, dass die biblischen Begriffe der Reinigung und Sühnung im Zusammenhang des Heiligtums mehr umfassen können als die Vergebung einer persönlichen Verfehlung. Sie betreffen auch den Umgang mit kultischer Unreinheit und die besondere Bestimmung eines Gegenstandes für den Dienst vor Gott.

In Vers 22 führt der Verfasser diese Gedanken zu einer grundsätzlichen Aussage zusammen. Nach dem Gesetz wird beinahe alles mit Blut gereinigt, und ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung.

Das Wort „beinahe“ ist dabei wichtig. Es zeigt, dass der Verfasser nicht jede einzelne Reinigungsvorschrift als ausnahmslose Blutzeremonie beschreibt. Das mosaische Gesetz kannte auch Reinigungen mit Wasser und andere vorgeschriebene Handlungen. Dennoch besaß das Blut innerhalb des Opfer- und Heiligtumsdienstes eine herausragende Bedeutung.

Auch die Aussage über die Vergebung muss innerhalb dieses Zusammenhangs verstanden werden. Der Verfasser betont die grundlegende Bedeutung des vergossenen Blutes für die Sühnung der Sünde. Daraus sollten wir jedoch kein mechanisches Gesetz ableiten, nach dem die Bibel keinerlei Vergebung ohne ein unmittelbar dargebrachtes blutiges Einzelopfer kennen würde.

Eine bemerkenswerte Ausnahme findet sich bereits in 3. Mose 5,11–13. Wenn ein Mensch so arm war, dass er weder ein Schaf noch zwei Vögel aufbringen konnte, durfte er unter bestimmten Voraussetzungen Feinmehl als Sündopfer darbringen. Anschließend wird ausdrücklich erklärt, dass der Priester Sühnung für ihn erwirken sollte und ihm vergeben würde.

Diese Vorschrift widerspricht nicht der grundlegenden Bedeutung des Opferblutes. Sie zeigt vielmehr, dass Gottes Vergebung nicht von einer starren, unabhängig von ihm wirkenden materiellen Handlung abhängig war. Gott selbst bestimmte die Ordnung, durch die sein Volk sich ihm nahen durfte, und berücksichtigte dabei sogar die wirtschaftliche Lage eines armen Menschen.

Ebenso wenig dürfen wir aus dieser Ausnahme schließen, das Blut sei im Erlösungsplan nebensächlich gewesen. Gerade der Hebräerbrief macht deutlich, dass die Opferhandlungen des Alten Testaments auf eine tiefere Wirklichkeit hinführten. Die Sünde ist nicht bedeutungslos, und ihre Folgen lassen sich nicht dadurch beseitigen, dass der Mensch sie einfach vergisst. Die endgültige Versöhnung erforderte das Opfer Jesu Christi.

Damit erhält die Aussage über das Blutvergießen ihren entscheidenden Zusammenhang. Im früheren Gottesdienst wurde immer wieder das Leben eines Opfertieres hingegeben. Diese Opfer standen unter Gottes Anordnung, konnten aber keine endgültige Befreiung von der Sünde bewirken. Jesus dagegen gab nicht das Leben eines anderen Geschöpfes hin, sondern sein eigenes. Sein Opfer besitzt deshalb eine Bedeutung, die weit über die früheren Zeremonien hinausreicht.

Für den Menschen bedeutet dies, dass Vergebung weder eine belanglose Angelegenheit noch eine Leistung ist, die er sich selbst erarbeiten könnte. Sie beruht auf Gottes Barmherzigkeit und auf dem Opfer Christi. Das Kreuz zeigt damit zugleich den Ernst der Sünde und die Tiefe der göttlichen Liebe. Gott nimmt das Unrecht nicht einfach als unwichtig hin. Er eröffnet durch seinen Sohn einen Weg, auf dem schuldige Menschen wirklich mit ihm versöhnt werden können.

So erklärt Hebräer 9,18–22, weshalb Blut, Bund und Vergebung im biblischen Gottesdienst so eng miteinander verbunden sind. Die feierlichen Handlungen am Sinai und die späteren Reinigungen des Heiligtums besaßen ihre von Gott bestimmte Bedeutung. Doch sie waren nicht das letzte Ziel seines Erlösungsplans.

Der Verfasser bereitet damit die nächste wichtige Aussage vor. Wenn bereits die irdischen Abbilder des Heiligtums einer besonderen Reinigung bedurften, welche Bedeutung hat dann das Opfer Christi für die himmlische Wirklichkeit? Genau dieser Frage wendet er sich in den folgenden Versen zu.

Hebräer 9,23–24

Die Reinigung der himmlischen Dinge und Christi Gegenwart vor Gott

Was bedeutet es, wenn der Hebräerbrief nicht nur von der Reinigung des irdischen Heiligtums spricht, sondern ausdrücklich auch von einer Reinigung der himmlischen Dinge? Mit Hebräer 9,23 führt der Verfasser seine Erklärung zu einer Aussage, die für das Verständnis des himmlischen Heiligtums von besonderer Bedeutung ist. Bisher hat er gezeigt, weshalb Opfer und Reinigungen zum Gottesdienst Israels gehörten. Nun richtet er den Blick auf die himmlische Wirklichkeit, auf die diese Einrichtungen hinwiesen, und erklärt, welche Bedeutung das Opfer Jesu Christi dort besitzt.

In Vers 23 unterscheidet der Verfasser zwischen den irdischen Abbildern der himmlischen Dinge und den himmlischen Dingen selbst. Die irdischen Einrichtungen mussten nach den göttlichen Vorschriften mit den dafür bestimmten Opfern gereinigt werden. Für die himmlischen Dinge spricht er dagegen von besseren Opfern. Damit setzt er die Gegenüberstellung fort, die bereits das gesamte Kapitel prägt: Die frühere Ordnung war von Gott eingesetzt und besaß eine wirkliche Aufgabe, doch das Erlösungswerk Christi übertrifft sie in seiner Bedeutung und Wirksamkeit.

Besonders wichtig ist, dass der Verfasser das irdische Heiligtum als Abbild bezeichnet. Damit meint er nicht, dass die Stiftshütte nur eine menschliche Erfindung oder ein bedeutungsloses religiöses Symbol gewesen wäre. Gott hatte Mose ihre Errichtung angeordnet. Nach 2. Mose 25,40 sollte er darauf achten, alles nach dem Vorbild anzufertigen, das ihm auf dem Berg gezeigt worden war. Der Hebräerbrief greift diesen Gedanken auf und erklärt, dass die irdischen Einrichtungen auf eine größere Wirklichkeit verwiesen.

Ein Abbild kann etwas Wahres sichtbar machen, ohne mit der Wirklichkeit, auf die es hinweist, in jeder Einzelheit identisch zu sein. So besaßen die Gegenstände und Räume der Stiftshütte ihre festgelegte Bedeutung, doch sie waren nicht selbst das endgültige Ziel von Gottes Erlösungsplan. Ihre Aufgabe bestand darin, den Menschen wichtige Wahrheiten über Gottes Heiligkeit, die Sünde und die Notwendigkeit der Versöhnung verständlich zu machen. In Jesus Christus tritt nun die Wirklichkeit hervor, auf die der frühere Gottesdienst ausgerichtet war.

Die eigentliche Schwierigkeit von Vers 23 liegt allerdings in der Aussage, dass auch die himmlischen Dinge gereinigt werden müssen. Wie kann etwas im Himmel einer Reinigung bedürfen, wenn Gott selbst vollkommen heilig ist?

Um diese Frage zu verstehen, müssen wir beachten, welche Bedeutung Reinigung im alttestamentlichen Heiligtumsdienst besaß. Dort ging es nicht ausschließlich darum, einen Gegenstand von äußerem Schmutz zu befreien. Die Reinigung konnte auch die Beseitigung kultischer Unreinheit und die Entsühnung eines heiligen Bereiches betreffen. Besonders deutlich wird dies am großen Versöhnungstag, dessen Ablauf in 3. Mose 16 beschrieben wird.

Nach 3. Mose 16,16 sollte der Hohepriester für das Heiligtum Sühnung erwirken wegen der Unreinheiten, Übertretungen und Sünden der Israeliten. Das Heiligtum war dabei kein sündiger Gegenstand, der selbst moralische Schuld begangen hätte. Es war jedoch der Ort, an dem der heilige Gott seinem sündigen Volk begegnete. Deshalb gehörte die Reinigung des Heiligtums zur von Gott angeordneten Behandlung der Schuld und Unreinheit seines Volkes.

Dieser Hintergrund hilft, die ungewöhnliche Aussage in Hebräer 9,23 einzuordnen. Wenn der Verfasser von der Reinigung der himmlischen Dinge spricht, muss damit nicht gemeint sein, dass Gottes Wohnort im gewöhnlichen Sinn schmutzig oder Gott selbst durch menschliche Sünde unrein geworden wäre. Die Sprache stammt aus dem Zusammenhang des Heiligtumsdienstes, in dem Reinigung eine tiefere Bedeutung für die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk besitzt.

Allerdings sollten wir den Vers auch nicht vorschnell so erklären, als sei mit den himmlischen Dingen überhaupt keine wirkliche himmlische Reinigung gemeint. Der Verfasser unterscheidet ausdrücklich zwischen den irdischen Abbildern und den himmlischen Dingen selbst. Seine Aussage geht damit über die bereits in Vers 14 beschriebene Reinigung des menschlichen Gewissens hinaus. Dort steht der Mensch im Mittelpunkt, dessen Gewissen durch Christi Opfer gereinigt wird. Hier richtet sich die Aussage auf die himmlische Wirklichkeit, die mit seinem hohenpriesterlichen Dienst verbunden ist.

Wie genau diese Reinigung zu verstehen ist, erklärt der Vers jedoch nicht vollständig. Er beschreibt weder eine sichtbare Verunreinigung des Himmels noch den genauen Ablauf eines himmlischen Reinigungsrituals. Ebenso wenig nennt er an dieser Stelle einen Zeitpunkt, an dem eine bestimmte Phase des himmlischen Dienstes beginnen müsste.

Eine wichtige Verbindung besteht zur Einsetzung des früheren Gottesdienstes und zum jährlichen Versöhnungstag. Beide Zusammenhänge werden im Hebräerbrief aufgegriffen. Bei der Einsetzung ging es um die Weihe der heiligen Einrichtungen für den Dienst vor Gott. Am Versöhnungstag stand dagegen die Entsühnung und Reinigung des Heiligtums im Zusammenhang mit den Sünden Israels im Mittelpunkt. Hebräer 9 verbindet solche alttestamentlichen Vorstellungen mit der größeren Wirklichkeit des Erlösungswerks Christi. Deshalb ist es gut begründbar, in Vers 23 sowohl den Gedanken der Einweihung als auch denjenigen der Reinigung und Versöhnung zu berücksichtigen. Der Text selbst entfaltet jedoch nicht jeden einzelnen Schritt dieser Beziehung.

Bemerkenswert ist außerdem, dass der Verfasser von besseren Opfern im Plural spricht. Daraus darf nicht geschlossen werden, Jesus müsse mehrere unterschiedliche Opfer darbringen. Der gesamte Zusammenhang betont vielmehr die Einmaligkeit seines eigenen Opfers. Der Plural steht im Rahmen des Vergleichs mit den zahlreichen früheren Opferhandlungen. Diese wurden durch das eine Opfer Christi übertroffen, dessen Wirksamkeit nicht auf einen einzelnen jährlichen Gottesdienst beschränkt bleibt.

Im Zusammenhang der biblischen Heiligtumsforschung wird Hebräer 9,23 häufig mit Daniel 8,14 verbunden. Dort ist von der Wiederherstellung beziehungsweise Reinigung des Heiligtums die Rede. Diese Verbindung verdient Beachtung, weil beide Texte die Heiligkeit des Heiligtums und dessen Wiederherstellung oder Reinigung betreffen. Dennoch unterscheiden sich ihre unmittelbaren Zusammenhänge. Daniel 8 beschreibt den Angriff einer feindlichen Macht auf das Heiligtum und den regelmäßigen Dienst. Hebräer 9 erklärt dagegen die Bedeutung des Opfers Jesu und seines himmlischen Priesterdienstes.

Deshalb lässt sich aus der gemeinsamen Heiligtumssprache nicht ohne weitere Begründung ableiten, dass beide Verse exakt denselben Vorgang zu demselben Zeitpunkt beschreiben. Auch eine bestimmte Jahreszahl wird in Hebräer 9,23 nicht genannt. Für eine weitergehende prophetische Deutung müssten zunächst die Aussagen Daniels und ihr Zusammenhang eigenständig untersucht werden. Was Hebräer 9 ausdrücklich bezeugt, bleibt davon unberührt: Das Opfer Christi steht in einer wirklichen Beziehung zur Reinigung der himmlischen Dinge.

Mit Vers 24 wird die Bedeutung seines himmlischen Dienstes noch deutlicher. Der Verfasser erklärt, dass Christus nicht in ein von Menschenhänden errichtetes Heiligtum eingegangen ist, das lediglich ein Abbild des wahrhaftigen darstellt. Vielmehr ist er in den Himmel selbst eingegangen, um jetzt für uns vor Gottes Angesicht zu erscheinen.

Diese Aussage führt den Leser vom Vorbild unmittelbar zur Wirklichkeit. Der irdische Hohepriester betrat einen Raum, dessen Einrichtung und Gottesdienst nach göttlichen Anweisungen gestaltet waren. Christus dagegen ist in den Himmel selbst eingegangen. Sein hoherpriesterlicher Dienst geschieht nicht innerhalb eines menschlich errichteten Heiligtums, sondern in der himmlischen Gegenwart Gottes.

Dabei ist besonders die Formulierung „vor Gottes Angesicht“ bedeutsam. Im Alten Testament konnte die Begegnung mit Gottes heiliger Gegenwart für den sündigen Menschen mit großer Ehrfurcht und Furcht verbunden sein. Selbst Mose durfte Gottes Herrlichkeit nicht in ihrer ganzen Fülle schauen. Nach 2. Mose 33,20 erklärte Gott, dass kein Mensch sein Angesicht sehen und am Leben bleiben könne. Der Abstand zwischen dem heiligen Gott und dem sündigen Menschen war damit eine ernste Wirklichkeit.

Vor diesem Hintergrund erhält Hebräer 9,24 eine besondere Tiefe. Jesus Christus besitzt Zugang zu der Gegenwart Gottes, die dem Menschen aus eigener Kraft nicht offensteht. Er erscheint dort nicht als ein sündiger Priester, der zuerst für sich selbst Versöhnung benötigt, sondern als der erhöhte Sohn Gottes, der sein Erlösungswerk vollbracht hat.

Noch bedeutsamer ist die kleine Ergänzung, die der Verfasser macht: Christus erscheint vor Gott „für uns“. Sein himmlischer Dienst ist also nicht von den Menschen losgelöst, für die er sein Leben hingegeben hat. Er steht in unmittelbarem Zusammenhang mit ihrer Erlösung.

Damit wird verständlich, weshalb der Hebräerbrief bereits in Kapitel 7,25 erklärt hatte, dass Christus diejenigen vollständig retten kann, die durch ihn zu Gott kommen, weil er immer lebt, um für sie einzutreten. Sein Tod und seine Auferstehung führten nicht dazu, dass er die Menschen sich selbst überließ. Er bleibt ihr Hoherpriester, dessen gegenwärtiger Dienst auf dem einmal vollbrachten Opfer beruht.

Auch die Zeitangabe verdient besondere Aufmerksamkeit. Der Verfasser sagt nicht, Christus werde irgendwann in ferner Zukunft erstmals vor Gottes Angesicht erscheinen. Er erklärt, dass Christus dort jetzt für uns erscheint. Der himmlische Zugang und die hohepriesterliche Gegenwart Jesu sind somit bereits Wirklichkeit.

Das ist wichtig für das Verständnis seiner Himmelfahrt. Nach Hebräer 6,19–20 ist Jesus als Vorläufer für die Gläubigen hinter den Vorhang eingegangen. Hebräer 9,24 bestätigt nun ausdrücklich, dass er in Gottes unmittelbarer Gegenwart erscheint. Die beiden Aussagen gehören zusammen und zeigen, dass der Weg zum Vater durch Christus bereits eröffnet ist.

Daraus dürfen wir jedoch nicht den umgekehrten Schluss ziehen, mit Christi Eintritt in den Himmel sei jede spätere Handlung seines hohenpriesterlichen Dienstes ausgeschlossen. Der Hebräerbrief unterscheidet zwischen seinem einmaligen Opfer, seiner gegenwärtigen Fürsprache und der noch zukünftigen Vollendung des Heils. Diese Aussagen widersprechen einander nicht. Sie beschreiben unterschiedliche Aspekte des einen Erlösungswerks Jesu Christi.

Was sich aus Vers 24 allerdings nicht begründen lässt, ist die Vorstellung, Jesus habe nach seiner Himmelfahrt zunächst keinen Zugang zur unmittelbaren Gegenwart des Vaters gehabt und diesen erst zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt erstmals erhalten. Der Wortlaut des Hebräerbriefs beschreibt ausdrücklich seinen bereits bestehenden Zugang. Weitergehende Vorstellungen über besondere Aufgaben oder Phasen des himmlischen Dienstes müssten deshalb mit dieser klaren Aussage vereinbar sein.

Für den Glaubenden besitzt das eine große Bedeutung. Seine Hoffnung ruht nicht auf einem menschlichen Priester, dessen Leben begrenzt ist und der selbst Vergebung benötigt. Sie gründet sich auf Jesus Christus, der sein eigenes Leben hingegeben hat und nun für seine Menschen vor Gott erscheint.

Dabei sollten wir die himmlische Wirklichkeit nicht auf eine räumliche Vorstellung reduzieren, als ließe sich Gottes Heiligtum einfach wie ein irdisches Gebäude vermessen. Der Hebräerbrief spricht von einer wirklichen himmlischen Gegenwart Gottes und von Christi wirklichem Dienst. Er liefert jedoch keinen vollständigen Bauplan des Himmels. Seine Beschreibung soll vor allem verständlich machen, wie einzigartig die Stellung Jesu ist und weshalb sein Dienst die früheren Einrichtungen übertrifft.

So ergänzen sich die beiden Verse in bemerkenswerter Weise. Vers 23 verbindet das Opfer Christi mit der Reinigung der himmlischen Dinge. Vers 24 zeigt, wo Christus seinen hohenpriesterlichen Dienst ausübt und für wen er dort erscheint. Die Reinigung, das Opfer und die Gegenwart vor Gott gehören somit in den größeren Zusammenhang der Erlösung.

Die entscheidende Gewissheit liegt darin, dass Jesus Christus nicht nur in der Vergangenheit für die Menschen gestorben ist. Er ist der lebendige Hohepriester, der jetzt vor Gottes Angesicht für sie erscheint. Seine Gegenwart dort ist keine unsichere Hoffnung und keine bloße menschliche Vorstellung, sondern eine ausdrückliche Aussage des Hebräerbriefs.

Doch wie unterscheidet sich sein Opfer nun endgültig von den jährlich wiederholten Handlungen des früheren Hohenpriesters? Dieser Frage wendet sich der Verfasser in den folgenden Versen zu. Er zeigt, weshalb Christus nicht immer wieder leiden und sich erneut opfern muss, sondern durch seine einmalige Selbsthingabe etwas Vollkommenes und Bleibendes bewirkt hat.

Hebräer 9,25–26

Das einmalige Opfer Jesu: Warum es nicht wiederholt werden muss

Wie oft müsste Jesus Christus sein Leben hingeben, wenn sein Opfer die Sünde nicht endgültig überwinden könnte? Mit dieser Frage führt der Verfasser seine bisherige Erklärung zu einem entscheidenden Höhepunkt. In Hebräer 9,25–26 stellt er die jährlich wiederkehrenden Handlungen des früheren Hohenpriesters dem einzigartigen Opfer Jesu gegenüber. Dabei geht es nicht nur darum, wie häufig ein Opfer dargebracht wird. Der tiefere Unterschied liegt darin, was dieses Opfer tatsächlich bewirken kann.

In Vers 25 erinnert der Verfasser daran, dass der Hohepriester jedes Jahr mit fremdem Blut in das Heiligtum hineinging. Gemeint ist der große Versöhnungstag, dessen Ablauf in 3. Mose 16 beschrieben wird. An diesem Tag verrichtete der Hohepriester die vorgeschriebenen Handlungen zur Entsühnung und Reinigung des Heiligtums. Dazu gehörte auch der Eintritt in das Allerheiligste mit dem Blut der Opfertiere. Dieser besondere Dienst musste Jahr für Jahr erneut durchgeführt werden.

Der Ausdruck „fremdes Blut“ macht einen wichtigen Unterschied sichtbar. Der israelitische Hohepriester gab bei diesen Handlungen nicht sein eigenes Leben hin, sondern verwendete das Blut der Tiere, die nach Gottes Anordnung geopfert worden waren. Die Opfer gehörten zum Gottesdienst Israels und erfüllten dort ihre festgelegte Aufgabe. Doch sie konnten die Sünde nicht so endgültig beseitigen, dass der Versöhnungstagsdienst in den folgenden Jahren überflüssig geworden wäre. Die Wiederholung gehörte zur damaligen Ordnung und zeigte zugleich ihre begrenzte Wirksamkeit.

Christus dagegen ist nicht in den Himmel eingegangen, um sich dort immer wieder neu zu opfern. Sein hoherpriesterlicher Dienst beruht auf der einmaligen Hingabe seines eigenen Lebens. Genau darauf richtet der Verfasser die Aufmerksamkeit, wenn er erklärt, dass Jesus sich nicht oftmals opfern muss. Die frühere Ordnung kannte wiederholte Opferhandlungen; bei Christus ist das entscheidende Opfer bereits geschehen und braucht keine Ergänzung durch weitere Selbstopfer.

Damit unterscheidet der Hebräerbrief zwischen dem Opfer Jesu und seinem fortdauernden Dienst als Hoherpriester. Beides gehört zusammen, darf aber nicht miteinander verwechselt werden. Dass Christus jetzt für die Menschen vor Gott erscheint, bedeutet nicht, dass er fortwährend ein neues Opfer darbringt oder sein Leiden wiederholt. Vielmehr bleibt sein einmal vollbrachtes Opfer die Grundlage seines gegenwärtigen Eintretens für die Gläubigen. In Hebräer 7,25 hatte der Verfasser bereits erklärt, dass Jesus immer lebt, um für diejenigen einzutreten, die durch ihn zu Gott kommen. Sein fortdauernder Dienst setzt also nicht ein unvollständiges Opfer voraus, sondern gründet auf dessen bleibender Wirksamkeit.

In Vers 26 verdeutlicht der Verfasser diesen Gedanken durch eine gedankliche Folgerung: Wenn Christus sich immer wieder opfern müsste, hätte er seit Grundlegung der Welt oftmals leiden müssen. Damit zeigt er, wie unzureichend ein Opfer wäre, das immer nur für eine begrenzte Zeit wirken könnte. Die Sünde begleitet die Menschheitsgeschichte seit ihrem Anfang. Würde die Erlösung jedes Mal ein neues Leiden und Sterben Christi erfordern, wäre sein Opfer niemals wirklich abgeschlossen. Doch genau diese Vorstellung weist der Verfasser zurück.

Stattdessen erklärt er, dass Christus einmal am Ende der Weltzeiten erschienen ist, um die Sünde durch das Opfer seiner selbst aufzuheben. Diese Formulierung verbindet die Einmaligkeit seines Todes mit dem besonderen Zeitpunkt seines Kommens. Jesus erschien nicht zufällig irgendwann innerhalb der Menschheitsgeschichte. Sein Kommen gehörte zu dem Erlösungsplan, den Gott vorbereitet und durch seine Verheißungen angekündigt hatte.

Der Ausdruck „am Ende der Weltzeiten“ verdient dabei eine genauere Erklärung. Er bedeutet nicht, dass mit Jesu erstem Kommen bereits das sichtbare Ende der Erde eingetreten wäre oder die Menschheitsgeschichte unmittelbar hätte aufhören müssen. Der Hebräerbrief verwendet hier eine heilsgeschichtliche Zeitangabe. Mit dem Kommen Christi ist die entscheidende Zeit der Erfüllung angebrochen. Bereits in Hebräer 1,2 hatte der Verfasser erklärt, dass Gott in diesen letzten Tagen durch seinen Sohn zu den Menschen geredet hat. Die lange Geschichte der Verheißungen findet in Jesus ihren entscheidenden Mittelpunkt, auch wenn die endgültige Vollendung noch bevorsteht.

Besonders bedeutsam ist die Aussage, dass Christus erschienen ist, um die Sünde aufzuheben. Damit meint der Verfasser mehr als eine vorübergehende Bedeckung menschlicher Schuld. Das griechische Wort beschreibt ein Aufheben oder Beseitigen. Im Zusammenhang des Kapitels geht es darum, dass Jesus durch seine Selbsthingabe die entscheidende Grundlage geschaffen hat, auf der die Schuld des Menschen wirklich weggenommen werden kann.

Das bedeutet allerdings nicht, dass seit dem Tod Jesu keine Menschen mehr sündigen oder die Folgen der Sünde bereits vollständig aus der Welt verschwunden wären. Auch die Gläubigen sind weiterhin auf Gottes Vergebung und auf seine erneuernde Gnade angewiesen. Die Aussage betrifft die einzigartige Wirksamkeit des Opfers Christi. Die Sünde muss nicht mehr durch eine endlose Folge neuer Opfer behandelt werden, weil Jesus die entscheidende Erlösung bereits vollbracht hat. Was die früheren Opfer nur begrenzt leisten konnten, hat durch ihn eine bleibende Grundlage erhalten.

Dabei verwendet der Verfasser eine bemerkenswert persönliche Formulierung. Christus hat nicht einfach ein besonders wertvolles Opfer gebracht, das außerhalb seiner eigenen Person lag. Er hat sich selbst geopfert. Sein Leiden und Sterben waren keine bloße religiöse Handlung, die er als unbeteiligter Priester ausführte. Er gab sein eigenes Leben hin. Darin zeigt sich die Tiefe seiner Liebe und zugleich der Ernst der Sünde, für die er starb.

Diese Selbsthingabe unterscheidet Jesus von sämtlichen Priestern des früheren Heiligtumsdienstes. Sie konnten die vorgeschriebenen Opfer darbringen, doch keiner von ihnen konnte mit seinem eigenen Leben die endgültige Erlösung seines Volkes bewirken. Auch die Tiere besaßen keinen eigenen Willen, durch den sie sich bewusst für andere hätten hingeben können. Jesus dagegen ging diesen Weg freiwillig und im Gehorsam gegenüber seinem Vater. Sein Opfer war deshalb nicht nur größer als die früheren Opfer. Es war von einer grundsätzlich anderen Bedeutung.

Gerade darin liegt auch eine wichtige Gewissheit für den Glaubenden. Wer seine Schuld erkennt und sich im Vertrauen an Christus wendet, muss nicht befürchten, dass Gottes Vergebung auf einem Opfer beruht, dessen Wirkung bald erschöpft sein könnte. Die Erlösung hängt nicht davon ab, dass irgendwo immer wieder ein neues Opfer vollbracht wird. Sie gründet sich auf das, was Jesus bereits getan hat. Die Frage ist deshalb nicht, ob sein Opfer noch einmal wiederholt werden muss, sondern ob der Mensch die von Gott angebotene Versöhnung im Glauben annimmt.

In Hebräer 10,10–14 wird der Verfasser diesen Gedanken noch ausführlicher entfalten. Dort erklärt er, dass die Glaubenden durch die einmalige Darbringung des Leibes Jesu Christi geheiligt werden und dass Christus durch ein einziges Opfer eine bleibende Grundlage ihrer Vollendung geschaffen hat. Schon in Hebräer 9,25–26 steht jedoch fest, worauf die gesamte Argumentation hinausläuft: Das Opfer Jesu ist nicht ein weiteres Glied in einer langen Reihe wiederkehrender Opfer. Es ist das einzigartige Erlösungsereignis, auf das die früheren Opfer hinwiesen.

Damit erhält auch der weitere Verlauf der Heilsgeschichte seinen richtigen Platz. Christi Opfer liegt als vollbrachtes Geschehen hinter uns. Sein Dienst als lebendiger Hoherpriester gehört zur Gegenwart. Die endgültige Befreiung von allen Folgen der Sünde steht noch bevor. Diese unterschiedlichen Aspekte widersprechen sich nicht, sondern gehören zum einen Erlösungsplan Gottes.

Nachdem der Verfasser die Einmaligkeit des Opfers Jesu erklärt hat, richtet er den Blick auf das Ende des menschlichen Lebens und auf das kommende Gericht. Dort wird sich zeigen, dass Christi einzigartiger Tod nicht nur die Vergangenheit betrifft. Er besitzt auch entscheidende Bedeutung für die Zukunft der Menschen, die auf seine Wiederkunft warten.

Hebräer 9,27–28

Der Tod, das Gericht und die Wiederkunft Jesu zum Heil

Was erwartet den Menschen am Ende seines Lebens? Mit dieser ernsten Frage verbindet der Verfasser des Hebräerbriefs seine abschließenden Gedanken über das Opfer Jesu Christi. In Hebräer 9,27–28 stellt er dem gewöhnlichen Weg des Menschen das einzigartige Erlösungswerk Jesu gegenüber. Dabei spricht er sowohl von der Verantwortung des Menschen vor Gott als auch von der Hoffnung, die Christus durch seinen Tod und seine Wiederkunft eröffnet hat.

In Vers 27 erklärt der Verfasser, dass es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben und danach vor das Gericht zu kommen. Diese Aussage erinnert daran, dass das menschliche Leben auf dieser Erde begrenzt ist. Unabhängig davon, wie viel jemand besitzt, welche Stellung er erreicht oder wie erfolgreich er sein Leben gestaltet, kann er dem Tod aus eigener Kraft nicht entgehen. Die Bibel beschreibt diese Vergänglichkeit bereits in 1. Mose 3,19. Nach dem Sündenfall erklärte Gott dem Menschen, dass er zum Staub zurückkehren werde, aus dem er genommen worden war.

Doch der Hebräerbrief bleibt nicht bei der Vergänglichkeit stehen. Er fügt hinzu, dass auf den Tod das Gericht folgt. Damit erhält das gegenwärtige Leben eine Bedeutung, die über seine begrenzte Dauer hinausreicht. Der Mensch ist nicht nur sich selbst verantwortlich, sondern steht letztlich vor seinem Schöpfer. Gott kennt nicht allein die äußeren Handlungen, die andere Menschen beobachten können. Er sieht auch die Beweggründe, Entscheidungen und verborgenen Gedanken des Herzens. Das kommende Gericht macht deutlich, dass Gerechtigkeit nicht davon abhängt, ob menschliches Unrecht bereits während des irdischen Lebens aufgedeckt und geahndet wird.

Diese Wahrheit begegnet auch an anderen Stellen der Bibel. Nach Prediger 12,14 wird Gott jedes Werk ins Gericht bringen, einschließlich dessen, was verborgen ist. In Johannes 5,28–29 spricht Jesus von der zukünftigen Auferstehung und unterscheidet zwischen einer Auferstehung des Lebens und einer Auferstehung des Gerichts. Beide Stellen helfen zu verstehen, dass der Tod nach der biblischen Botschaft nicht bedeutet, dass Gottes Verantwortung für seine Geschöpfe endet.

Allerdings sollten wir Hebräer 9,27 nicht mehr Einzelheiten entnehmen, als der Vers tatsächlich enthält. Er erklärt weder, wie viel Zeit zwischen dem Tod und dem Gericht vergeht, noch beschreibt er den Zustand der Verstorbenen während dieser Zeit. Auch die genaue Abfolge von Auferstehung und Gericht wird hier nicht entfaltet. Der Verfasser möchte keine vollständige Erklärung aller Ereignisse nach dem Tod geben. Sein Anliegen ist zunächst, die grundsätzliche menschliche Bestimmung vor Augen zu führen.

Ebenso wenig ist die Aussage, dass Menschen einmal sterben, als ausnahmslose Beschreibung jedes besonderen Ereignisses der Bibel zu verstehen. Die Schrift berichtet beispielsweise von Lazarus, den Jesus nach seinem Tod wieder zum Leben erweckte (Johannes 11,43–44). Andere Menschen, wie Henoch und Elia, wurden nach dem biblischen Bericht von Gott hinweggenommen, ohne den gewöhnlichen Tod zu erleben. Solche außergewöhnlichen Ereignisse ändern jedoch nichts an der allgemeinen Aussage des Hebräerbriefs: Das menschliche Leben ist vergänglich, und jeder Mensch steht letztlich unter Gottes gerechtem Urteil.

Warum fügt der Verfasser diese Wahrheit gerade an dieser Stelle ein? Der Zusammenhang mit Vers 28 zeigt, dass er einen Vergleich vorbereitet. Wie der Mensch gewöhnlich einmal stirbt und danach dem Gericht entgegengeht, so wurde auch Christus einmal geopfert. Auf sein einmaliges Opfer folgt jedoch nicht eine weitere Opferung, sondern sein erneutes Erscheinen. Der Verfasser stellt damit zwei unterschiedliche Wege nebeneinander und betont die Bedeutung des einmaligen Geschehens.

In Vers 28 beschreibt er Christus als denjenigen, der einmal geopfert wurde, um die Sünden vieler zu tragen. Diese Formulierung erinnert deutlich an Jesaja 53, besonders an Vers 12. Dort wird der leidende Knecht Gottes beschrieben, der die Sünde vieler trägt und für die Übeltäter eintritt. Die Verbindung ist bedeutsam, weil Jesaja nicht nur das Leiden eines unschuldigen Menschen schildert. Er erklärt zugleich, dass dieses Leiden eine stellvertretende Bedeutung für andere besitzt.

Die Sünden anderer zu tragen bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, selbst zum Sünder geworden zu sein. Jesus blieb ohne eigene Sünde, wie der Hebräerbrief bereits in Kapitel 4,15 ausdrücklich erklärt hat. Dennoch nahm er die Last der menschlichen Schuld auf sich. Sein Tod war deshalb mehr als das tragische Ende eines gerechten Menschen, der von seinen Gegnern verworfen wurde. Er gab sein Leben für Menschen hin, die selbst Erlösung benötigten.

Der Ausdruck „vieler“ verdient besondere Aufmerksamkeit. Im griechischen Text steht tatsächlich das Wort für „viele“, nicht ausdrücklich das Wort für „alle“. Der Zusammenhang mit Jesaja 53 zeigt, dass eine große Zahl von Menschen gemeint ist, deren Schuld der Gottesknecht trägt. Die weiterreichende Aussage, dass Christus für alle Menschen gestorben ist, findet sich an anderen Stellen des Neuen Testaments, beispielsweise in 2. Korinther 5,14–15. Hebräer 9,28 selbst sollte jedoch nicht so wiedergegeben werden, als stünde dort wörtlich „alle“. Gerade bei solchen Aussagen ist es wichtig, den jeweiligen Bibeltext in seiner eigenen Formulierung ernst zu nehmen.

Nach diesem Rückblick auf das Opfer Jesu richtet der Verfasser die Aufmerksamkeit auf seine Zukunft. Christus wird ein zweites Mal erscheinen. Damit macht er deutlich, dass das Erlösungswerk Jesu nicht mit seinem Tod und seiner Auferstehung aus dem Blickfeld der Geschichte verschwunden ist. Der gekreuzigte und auferstandene Herr wird wiederkommen. Seine Wiederkunft gehört ebenso zu Gottes Heilsplan wie sein erstes Kommen.

Dabei verwendet der Verfasser eine zunächst ungewöhnlich wirkende Formulierung: Christus wird zum zweiten Mal ohne Sünde erscheinen. Das könnte missverstanden werden, als wäre Jesus bei seinem ersten Kommen selbst sündig gewesen und würde erst bei seiner Wiederkunft ohne Sünde erscheinen. Eine solche Deutung widerspräche jedoch dem ausdrücklichen Zeugnis des Hebräerbriefs über seine Sündlosigkeit.

Der Sinn ergibt sich aus dem unmittelbaren Zusammenhang. Beim ersten Kommen trug Jesus die Sünden vieler und gab sein Leben als Opfer hin. Beim zweiten Kommen wird er nicht erneut erscheinen, um Sünden auf sich zu nehmen und noch einmal zu sterben. Sein Opfer ist bereits vollbracht. Die Worte „ohne Sünde“ beschreiben hier deshalb besonders den Unterschied zwischen den Aufgaben seines ersten und zweiten Erscheinens. Seine Wiederkunft dient nicht einer erneuten Opferhandlung, sondern der Vollendung des Heils.

Damit eröffnet sich eine bemerkenswerte Perspektive. Der Verfasser hat zuvor erklärt, dass Christus jetzt für die Gläubigen vor Gottes Angesicht erscheint. Nun zeigt er, dass dieser himmlische Dienst nicht die letzte Station der Heilsgeschichte ist. Auf die gegenwärtige Zeit des Glaubens und Wartens folgt ein zukünftiges Geschehen, bei dem Jesus selbst wieder erscheint. Das Heil, dessen Grundlage bereits geschaffen ist, wird dann in seiner endgültigen Erfüllung sichtbar werden.

Auch der Vergleich mit dem früheren Versöhnungstagsdienst hilft, diesen Zusammenhang zu verstehen. Während der Hohepriester im Allerheiligsten diente, blieb das Volk außerhalb dieses heiligen Bereiches. Nach Abschluss der vorgeschriebenen Handlungen trat er wieder hervor. Darin lässt sich eine sinnvolle Verbindung zum hohenpriesterlichen Dienst Jesu erkennen, der nach seinem himmlischen Dienst wieder bei seinem Volk erscheinen wird. Hebräer 9,28 erklärt diese Einzelheiten des Versöhnungstages allerdings nicht ausdrücklich als vollständigen zeitlichen Ablauf der Wiederkunft. Der Vergleich hilft, den Zusammenhang zu verstehen, darf aber nicht über den Wortlaut hinaus zu einem detaillierten prophetischen Zeitplan ausgebaut werden.

Besonders hoffnungsvoll ist die Aussage, dass Christus denen zum Heil erscheinen wird, die auf ihn warten. Der Verfasser beschreibt damit nicht Menschen, die sich durch vollkommenes eigenes Verhalten einen Anspruch auf Rettung erworben hätten. Er spricht von denen, deren Hoffnung auf Jesus gerichtet ist. Sie erwarten seine Wiederkunft, weil sie darauf vertrauen, dass Gott seine Verheißungen erfüllen wird.

Dieses Warten bedeutet mehr als ein gelegentliches Interesse an zukünftigen Ereignissen. Im Zusammenhang des Hebräerbriefs gehört dazu ein Glaube, der auch unter Schwierigkeiten an Christus festhält. Die Empfänger des Briefes wurden wiederholt ermutigt, ihre Zuversicht nicht aufzugeben. Sie sollten an Gottes Verheißungen festhalten, selbst wenn die Erfüllung noch nicht sichtbar war. In Hebräer 10,36 wird diese Haltung erneut aufgegriffen: Die Gläubigen benötigen Geduld und Ausdauer, um nach der Erfüllung von Gottes Willen das Verheißene zu empfangen.

Die Erwartung der Wiederkunft ist deshalb keine Flucht vor der Verantwortung des gegenwärtigen Lebens. Sie gibt diesem Leben vielmehr eine klare Ausrichtung. Wer auf Christus wartet, darf schon heute in seiner Gemeinschaft leben, seinem Wort vertrauen und sich von ihm verändern lassen. Dabei ruht die Hoffnung nicht auf der eigenen Fähigkeit, niemals zu versagen. Sie ruht auf dem Herrn, der sein Leben für die Menschen hingegeben hat und seine Verheißungen erfüllen wird.

Der Gegensatz zwischen Gericht und Heil darf dabei nicht übersehen werden. Vers 27 erinnert daran, dass der Mensch vor Gott Rechenschaft ablegen muss. Vers 28 zeigt dagegen, dass Gott selbst in Jesus Christus die Grundlage der Rettung geschaffen hat. Das Gericht bleibt eine ernste Wirklichkeit, aber es ist nicht die einzige Zukunftsaussage der Bibel. Für diejenigen, die Christus vertrauen, ist auch das verheißene Heil eine wirkliche Hoffnung.

Damit schließt Hebräer 9 mit einem Blick, der weit über den früheren Heiligtumsdienst hinausführt. Die Menschen stehen vor der Grenze des Todes und der Verantwortung vor Gott. Jesus Christus dagegen ist bereits durch den Tod gegangen, hat die Sünden vieler getragen und erscheint nun als lebendiger Hoherpriester vor Gottes Angesicht. Seine Wiederkunft wird nicht dazu dienen, ein unvollständiges Opfer nachzuholen. Sie wird die Erfüllung dessen bringen, worauf die Gläubigen warten.

So endet das Kapitel nicht mit dem Tod, sondern mit der Hoffnung auf Jesus Christus. Der Mensch kann seine Vergänglichkeit nicht überwinden und seine Schuld nicht aus eigener Kraft beseitigen. Doch Gott hat durch seinen Sohn einen Weg zur Erlösung eröffnet. Wer seine Hoffnung auf Christus setzt, darf deshalb über die Grenzen dieses Lebens hinausblicken und auf die endgültige Erfüllung seiner Verheißungen warten.

Geistliche Kernbotschaft

Der Mensch kann sich Gott nicht aus eigener Kraft so nähern, als wäre zwischen ihm und seinem Schöpfer niemals etwas geschehen. Die Sünde hat die Beziehung zu Gott beschädigt, und keine noch so sorgfältig ausgeführte religiöse Handlung kann diese Schuld aus sich selbst beseitigen. Doch Hebräer 9 lässt den Menschen nicht mit dieser Erkenntnis allein. Das Kapitel zeigt einen Gott, der selbst den Weg zur Versöhnung eröffnet. Was der Mensch nicht leisten kann, hat Jesus Christus durch seine freiwillige Selbsthingabe möglich gemacht.

Darin offenbart sich das besondere Verhältnis zwischen Gottes Heiligkeit und seiner Liebe. Gott nimmt die Sünde ernst, weil sie seinem guten Willen widerspricht und seine Geschöpfe zerstört. Zugleich begegnet er dem sündigen Menschen nicht mit Gleichgültigkeit oder dem Wunsch, ihn von sich fernzuhalten. Er handelt zu seiner Rettung. Das Opfer Jesu zeigt, dass göttliche Gerechtigkeit und Barmherzigkeit keine Gegensätze sind. Am Kreuz wird die Schuld nicht verharmlost, sondern Christus trägt sie, damit Menschen Vergebung finden und in eine erneuerte Beziehung zu Gott eintreten können.

Diese Versöhnung betrifft nicht nur die äußere Stellung des Menschen. Gott möchte auch sein Inneres verändern. Ein gereinigtes Gewissen bedeutet, dass ein Mensch seine Vergangenheit nicht länger durch eigene Leistungen wiedergutmachen muss, um Gottes Annahme zu verdienen. Er darf seine Schuld eingestehen, Gottes Vergebung im Glauben annehmen und ein neues Leben beginnen. Der Dienst für Gott wächst dann nicht aus dem verzweifelten Versuch, sich die Erlösung zu erarbeiten, sondern aus Dankbarkeit für eine bereits empfangene Gnade. Das ist eine grundlegende Veränderung der Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Gleichzeitig zeigt das Kapitel, dass Gottes Treue nicht auf einen einzelnen Abschnitt der Geschichte beschränkt ist. Schon die Menschen des Alten Testaments durften auf seine Verheißungen vertrauen. Die endgültige Grundlage ihrer Rettung liegt ebenso in Christus wie die Erlösung der Gläubigen nach seinem Kommen. So verbindet Gottes Heilsplan die vergangenen Generationen mit der Gegenwart und der noch ausstehenden Vollendung. Die Wege, auf denen Gott sich offenbarte, wurden im Laufe der Geschichte deutlicher, doch sein Wunsch, Menschen zu retten, blieb derselbe.

Von besonderem Trost ist schließlich, dass Jesus nicht nur in der Vergangenheit für die Menschen gestorben ist. Er lebt und tritt als Hoherpriester für sie ein. Wer zu ihm kommt, vertraut deshalb nicht auf die Erinnerung an einen längst verstorbenen Retter, sondern auf einen gegenwärtigen Herrn. Sein Opfer ist vollbracht, seine Fürsorge hat nicht aufgehört, und seine Verheißungen bleiben bestehen. So verbindet Hebräer 9 die Gewissheit der bereits geschehenen Erlösung mit der Hoffnung auf ihre endgültige Erfüllung bei der Wiederkunft Jesu.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Die Grundlage für das Verständnis von Hebräer 9 liegt besonders in 2. Mose 25,8–9. Dort fordert Gott die Israeliten auf, ihm ein Heiligtum zu errichten, damit er in ihrer Mitte wohnen könne. Das zeigt, weshalb das Heiligtum überhaupt entstand: Gott wollte seinem Volk nahe sein. Die ausführlichen Anweisungen für seine Gestaltung machen zugleich deutlich, dass die Begegnung mit dem heiligen Gott nach seiner Ordnung erfolgen sollte. Hebräer 9 nimmt diese Einrichtungen auf und erklärt, dass der irdische Gottesdienst auf eine größere himmlische Wirklichkeit hinwies.

Eine besonders enge Verbindung besteht zu 3. Mose 16, dem großen Versöhnungstag. Dort werden die Reinigung des Heiligtums, die Behandlung der Schuld Israels und der besondere Dienst des Hohenpriesters zusammengeführt. Für Hebräer 9 ist das entscheidend, weil der Verfasser die jährlich wiederkehrenden Handlungen des früheren Hohenpriesters dem einmaligen Opfer Christi gegenüberstellt. Gleichzeitig liefert 3. Mose 16 den alttestamentlichen Hintergrund für die Aussage, dass auch ein Heiligtum gereinigt werden kann. Diese Reinigung meint nicht einfach die Beseitigung gewöhnlichen Schmutzes, sondern steht im Zusammenhang mit Sünde, Unreinheit und Versöhnung.

Jeremia 31,31–34 erklärt, weshalb Gott überhaupt einen neuen Bund angekündigt hatte. Der Prophet verheißt, dass Gott sein Gesetz in das Innere seines Volkes legen und in ihre Herzen schreiben wird. Außerdem verspricht er, ihre Schuld zu vergeben und ihrer Sünden nicht mehr zu gedenken. Hebräer 8 hatte diese Verheißung bereits ausführlich aufgenommen. Hebräer 9 zeigt nun, welche Bedeutung der Tod Jesu für ihre Erfüllung besitzt. Der neue Bund beruht nicht auf einer geringeren Achtung vor Gottes Willen, sondern eröffnet durch Christus Vergebung und eine erneuerte innere Beziehung zu Gott.

Eine weitere wichtige Verbindung führt zu Jesaja 53. Der Prophet beschreibt einen Knecht Gottes, der selbst unschuldig leidet und dennoch die Schuld anderer trägt. Besonders Jesaja 53,12 steht Hebräer 9,28 sprachlich und inhaltlich nahe. Dort heißt es, dass der Gottesknecht die Sünde vieler getragen hat. Der Hebräerbrief greift diesen Gedanken auf und verbindet ihn ausdrücklich mit Jesus Christus. So wird verständlich, weshalb sein Tod nicht lediglich das Ende eines gerechten Lebens war, sondern eine stellvertretende Bedeutung für die Erlösung sündiger Menschen besitzt.

Auch der Bericht über Jesu Kreuzigung in Matthäus 27,50–51 erhält vor diesem Hintergrund eine besondere Tiefe. Als Jesus starb, zerriss der Vorhang des Tempels von oben bis unten. Dieses außergewöhnliche Ereignis steht in einer starken inhaltlichen Verbindung zur Heiligtumsordnung, deren Zugangsgrenzen Hebräer 9 beschreibt. Die Bedeutung wird in Hebräer 10,19–22 ausdrücklich weitergeführt: Die Gläubigen dürfen durch das Blut Jesu mit Zuversicht zum Heiligtum hinzutreten. Der Zugang zu Gott gründet sich nicht auf die eigene Würdigkeit des Menschen, sondern auf das Erlösungswerk Christi. Dabei ersetzt diese Wahrheit nicht die Ehrfurcht vor Gottes Heiligkeit, sondern gibt ihr eine neue Grundlage: Der Mensch darf sich Gott nahen, weil Christus den Weg eröffnet hat.

Römer 8,33–34 ergänzt die Aussage über Christi gegenwärtigen Priesterdienst. Paulus erklärt dort, dass Christus gestorben und auferstanden ist, zur Rechten Gottes sitzt und für die Gläubigen eintritt. Diese Verbindung bestätigt, dass das vollbrachte Opfer und die fortdauernde Fürsprache Jesu zusammengehören. Die Gewissheit der Erlösung beruht deshalb nicht darauf, dass der Mensch aus eigener Kraft jeder Anklage begegnen könnte. Sein Vertrauen richtet sich auf den auferstandenen Christus, der für ihn eintritt.

Der abschließende Ausblick von Hebräer 9 führt schließlich zu 1. Thessalonicher 4,16–17 und Offenbarung 21,3–4. Paulus beschreibt die Wiederkunft Christi als den Zeitpunkt, an dem die verstorbenen Gläubigen auferstehen und Gottes Volk mit seinem Herrn vereint wird. Die Offenbarung zeigt das endgültige Ziel dieser Hoffnung: Gott wohnt bei den Menschen, und Tod, Trauer, Leid und Schmerz werden nicht mehr sein. Damit wird sichtbar, worauf die in Hebräer 9 verheißene Erlösung letztlich ausgerichtet ist. Gottes Ziel ist nicht nur die Vergebung vergangener Schuld, sondern die vollständige Wiederherstellung der Gemeinschaft zwischen ihm und seinen erlösten Geschöpfen.

Wichtige Lektionen

Die erste wichtige Lektion betrifft unseren Umgang mit der eigenen Schuld. Menschen versuchen auf unterschiedliche Weise, mit vergangenen Fehlern fertigzuwerden. Manche verdrängen sie, andere rechtfertigen sich, und wieder andere bemühen sich, ihre Schuld durch besonders gute Leistungen auszugleichen. Hebräer 9 zeigt jedoch, dass wirkliche Versöhnung nicht dadurch entsteht, dass wir uns selbst für ausreichend gerecht erklären. Der Weg beginnt damit, unsere Schuld vor Gott anzuerkennen und die Vergebung anzunehmen, die er durch Jesus Christus anbietet. Dazu gehört auch die Bereitschaft, begangenes Unrecht nach Möglichkeit wiedergutzumachen. Solche Schritte ersetzen Gottes Gnade nicht, sondern können Ausdruck einer aufrichtigen Umkehr sein.

Eine zweite Lektion betrifft die Art, wie wir Gott dienen. Der Verfasser spricht von einem Gewissen, das gereinigt wird, damit der Mensch dem lebendigen Gott dienen kann. Daraus folgt, dass echter Glaube nicht bei der Bitte um Vergebung stehenbleibt. Wer Gottes Barmherzigkeit erkennt, soll lernen, auch sein tägliches Leben nach seinem Willen auszurichten. Das zeigt sich im ehrlichen Umgang mit anderen Menschen, in der Bereitschaft zur Vergebung, in gelebter Liebe und im verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Aufgaben. Solcher Gehorsam ist nicht der Preis der Erlösung, sondern eine Antwort auf Gottes Liebe.

Gleichzeitig warnt das Kapitel davor, äußere religiöse Handlungen mit einer erneuerten Beziehung zu Gott gleichzusetzen. Gebet, Gottesdienst und das Lesen der Bibel sind wertvoll, doch sie dürfen nicht zu einem Ersatz für aufrichtiges Vertrauen und gelebten Gehorsam werden. Ein Mensch kann religiöse Gewohnheiten pflegen und dennoch an Schuld, Unversöhnlichkeit oder bewusstem Unrecht festhalten. Deshalb lohnt es sich, das eigene Glaubensleben regelmäßig zu prüfen: Suche ich wirklich Gottes Nähe, oder begnüge ich mich damit, bestimmte religiöse Pflichten zu erfüllen?

Eine weitere Lektion liegt in der Gewissheit, die das einmalige Opfer Jesu schenkt. Wer seine Sünde bereut und im Glauben zu Christus kommt, muss nicht ständig befürchten, dass dessen Opfer für die eigene Schuld unzureichend sein könnte. Der Hebräerbrief macht deutlich, dass Jesus nicht immer wieder sterben muss. Gerade deshalb darf der Glaubende lernen, auf Gottes Vergebung zu vertrauen, anstatt seine Schuld immer wieder so zu behandeln, als hätte Christus noch nichts für ihn getan. Diese Zuversicht macht Sünde nicht harmlos. Sie gibt vielmehr die Freiheit, ihr ehrlich zu begegnen und sich von Gott verändern zu lassen.

Auch der Hinweis auf das kommende Gericht enthält eine wichtige Aufforderung. Unser Leben ist nicht bedeutungslos, und unsere Entscheidungen besitzen Gewicht. Was wir tun, wie wir andere behandeln und welchen Weg wir einschlagen, ist Gott nicht gleichgültig. Deshalb sollten wir Umkehr, Versöhnung und Gehorsam nicht unbegrenzt aufschieben. Niemand weiß, wie viel Zeit ihm auf dieser Erde bleibt. Wer Gottes Ruf heute erkennt, sollte ihm antworten und die vorhandenen Möglichkeiten nutzen, Gutes zu tun.

Schließlich lehrt Hebräer 9 eine Hoffnung, die gerade in schwierigen Zeiten trägt. Das gegenwärtige Leben ist von Vergänglichkeit geprägt. Menschen erleben Krankheit, Enttäuschung, Abschied und Tod. Der Glaube an Christus nimmt diese Erfahrungen nicht einfach weg. Doch er eröffnet eine Zukunft, die nicht von ihnen bestimmt bleibt. Die Wiederkunft Jesu bedeutet, dass Gottes Erlösungsplan sein Ziel erreichen wird. Deshalb dürfen Christen ihren Alltag mit einer Hoffnung gestalten, die über die gegenwärtigen Umstände hinausreicht.

Wer auf Jesus wartet, muss die Zukunft nicht durch eigene Spekulationen vollständig erklären können. Entscheidend ist, dem zu vertrauen, der sein Kommen verheißen hat. Dieses Vertrauen zeigt sich in einem Glauben, der auch dann festhält, wenn die Erfüllung noch nicht sichtbar ist. So wird die Erwartung der Wiederkunft zu einer Haltung, die das gegenwärtige Leben prägt: mit Gott verbunden bleiben, seinem Wort vertrauen, anderen in Liebe begegnen und die Hoffnung auf die endgültige Erlösung nicht aufgeben.