Hebräer 7

Dieser Melchisedek aber war ein König von Salem, ein Priester Gottes, des Allerhöchsten, der Abraham entgegenging, da er von der Könige Schlacht wiederkam, und segnete ihn;

28 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Dieser Melchisedek aber war ein König von Salem, ein Priester Gottes, des Allerhöchsten, der Abraham entgegenging, da er von der Könige Schlacht wiederkam, und segnete ihn;
  2. 2 welchem auch Abraham gab den Zehnten aller Güter. Aufs erste wird er verdolmetscht: ein König der Gerechtigkeit; darnach aber ist er auch ein König Salems, das ist: ein König des Friedens;
  3. 3 ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlecht und hat weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens: er ist aber verglichen dem Sohn Gottes und bleibt Priester in Ewigkeit.
  4. 4 Schauet aber, wie groß ist der, dem auch Abraham, der Patriarch, den Zehnten gibt von der eroberten Beute!
  5. 5 Zwar die Kinder Levi, die das Priestertum empfangen, haben ein Gebot, den Zehnten vom Volk, das ist von ihren Brüdern, zu nehmen nach dem Gesetz, wiewohl auch diese aus den Lenden Abrahams gekommen sind.
  6. 6 Aber der, des Geschlecht nicht genannt wird unter ihnen, der nahm den Zehnten von Abraham und segnete den, der die Verheißungen hatte.
  7. 7 Nun ist's ohne alles Widersprechen also, daß das Geringere von dem Besseren gesegnet wird;
  8. 8 und hier nehmen die Zehnten die sterbenden Menschen, aber dort einer, dem bezeugt wird, daß er lebe.
  9. 9 Und, daß ich also sage, es ist auch Levi, der den Zehnten nimmt, verzehntet durch Abraham,
  10. 10 denn er war ja noch in den Lenden des Vaters, da ihm Melchisedek entgegenging.
  11. 11 Ist nun die Vollkommenheit durch das levitische Priestertum geschehen (denn unter demselben hat das Volk das Gesetz empfangen), was ist denn weiter not zu sagen, daß ein anderer Priester aufkommen solle nach der Ordnung Melchisedeks und nicht nach der Ordnung Aarons?
  12. 12 Denn wo das Priestertum verändert wird, da muß auch das Gesetz verändert werden.
  13. 13 Denn von dem solches gesagt ist, der ist von einem andern Geschlecht, aus welchem nie einer des Altars gewartet hat.
  14. 14 Denn es ist offenbar, daß von Juda aufgegangen ist unser HERR, zu welchem Geschlecht Mose nichts geredet hat vom Priestertum.
  15. 15 Und es ist noch viel klarer, so nach der Weise Melchisedeks ein andrer Priester aufkommt,
  16. 16 welcher nicht nach dem Gesetz des fleischlichen Gebots gemacht ist, sondern nach der Kraft des unendlichen Lebens.
  17. 17 Denn er bezeugt: “Du bist ein Priester ewiglich nach der Ordnung Melchisedeks.”
  18. 18 Denn damit wird das vorige Gebot aufgehoben, darum daß es zu schwach und nicht nütze war
  19. 19 (denn das Gesetz konnte nichts vollkommen machen); und wird eingeführt eine bessere Hoffnung, durch welche wir zu Gott nahen;
  20. 20 und dazu, was viel ist, nicht ohne Eid. Denn jene sind ohne Eid Priester geworden,
  21. 21 dieser aber mit dem Eid, durch den, der zu ihm spricht: “Der HERR hat geschworen, und es wird ihn nicht gereuen: Du bist ein Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.”
  22. 22 Also eines so viel besseren Testaments Ausrichter ist Jesus geworden.
  23. 23 Und jener sind viele, die Priester wurden, darum daß sie der Tod nicht bleiben ließ;
  24. 24 dieser aber hat darum, daß er ewiglich bleibt, ein unvergängliches Priestertum.
  25. 25 Daher kann er auch selig machen immerdar, die durch ihn zu Gott kommen, und lebt immerdar und bittet für sie.
  26. 26 Denn einen solchen Hohenpriester sollten wir haben, der da wäre heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sünden abgesondert und höher, denn der Himmel ist;
  27. 27 dem nicht täglich not wäre, wie jenen Hohenpriestern, zuerst für eigene Sünden Opfer zu tun, darnach für des Volkes Sünden; denn das hat er getan einmal, da er sich selbst opferte.
  28. 28 denn das Gesetz macht Menschen zu Hohenpriestern, die da Schwachheit haben; dies Wort aber des Eides, das nach dem Gesetz gesagt ward, setzt den Sohn ein, der ewig und vollkommen ist.

Kapitelüberblick

Ein Priester aus der Zeit Abrahams steht im Mittelpunkt einer bemerkenswerten Erklärung über Jesus Christus. Melchisedek begegnete Abraham lange vor der Einführung des israelitischen Priesterdienstes. Dennoch bezeichnet ihn die Bibel bereits als Priester Gottes. Abraham erkannte seine besondere Stellung an, indem er ihm den Zehnten gab und seinen Segen empfing.

An dieser Begegnung erklärt der Hebräerbrief, weshalb Jesus ein Priestertum besitzt, das nicht von der Abstammung aus Aarons Familie abhängt. Die frühere priesterliche Ordnung konnte den Menschen keinen endgültigen Zugang zu Gott eröffnen. Christus dagegen lebt für immer und tritt dauerhaft für diejenigen ein, die durch ihn zu Gott kommen.

Den Höhepunkt bildet der Gegensatz zwischen den menschlichen Hohenpriestern und Jesus. Während sie selbst mit Sünde und Schwachheit zu kämpfen hatten und immer wieder Opfer darbringen mussten, ist Christus vollkommen sündlos. Er hat sich ein für alle Mal selbst geopfert. Sein Priestertum bleibt bestehen, weil sein Leben niemals endet.

Einführung

Schon einige Abschnitte zuvor hatte der Verfasser des Hebräerbriefs ein Thema angesprochen, das er zunächst nicht weiter ausführte. In Hebräer 5,11 erklärte er seinen Lesern, dass darüber noch vieles zu sagen wäre, sie jedoch Schwierigkeiten hätten, die tieferen Zusammenhänge zu verstehen. Es folgte eine ernste Ermahnung, im Glauben nicht stehen zu bleiben, sondern zu einem reiferen Verständnis von Gottes Wort heranzuwachsen.

Am Ende von Kapitel 6 kehrt der Verfasser zu seinem ursprünglichen Gedanken zurück. Er beschreibt die Hoffnung der Gläubigen als einen sicheren Anker der Seele, der bis in Gottes Gegenwart hineinreicht. Dort setzt das siebte Kapitel an und entfaltet nun ausführlich, was zuvor nur angekündigt worden war.

Um die folgenden Verse zu verstehen, müssen wir zwei alttestamentliche Bibelstellen kennen. Die erste steht in 1. Mose 14. Dort erscheint Melchisedek in einer kurzen Begegnung, nachdem Abraham seinen Neffen Lot aus der Gefangenschaft befreit hat. Über Melchisedeks Herkunft, seine Familie und sein späteres Leben erfahren wir nichts. Die zweite Stelle findet sich in Psalm 110,4. Dort spricht Gott mit einem Eid von einem Priestertum nach der Ordnung Melchisedeks.

Zwischen diesen beiden Bibelstellen liegen unterschiedliche geschichtliche Zusammenhänge. Dennoch verbindet der Hebräerbrief ihre Aussagen miteinander. Dabei achtet er nicht nur darauf, was die Schrift ausdrücklich berichtet, sondern auch darauf, wie sie Melchisedek darstellt. Gerade diese ungewöhnliche Darstellung wird für die folgende Erklärung wichtig.

Hebräer 7,1–3

Melchisedek: Ein König und Priester als Vorbild Christi

Melchisedek gehört zu den ungewöhnlichsten Gestalten des Alten Testaments. Er erscheint nur für einen kurzen Augenblick in der Geschichte Abrahams und verschwindet anschließend aus der Erzählung. Dennoch erkennt der Hebräerbrief in dieser Begegnung Einzelheiten, die für das Verständnis des Priestertums Jesu von großer Bedeutung sind.

In Hebräer 7,1 wird Melchisedek als König von Salem und als Priester Gottes, des Allerhöchsten, vorgestellt. Damit besitzt er zwei Ämter, die später in Israel grundsätzlich voneinander unterschieden wurden: Er ist sowohl König als auch Priester. Als Abraham nach seinem Sieg über die Könige zurückkehrt, begegnet ihm Melchisedek und segnet ihn. Bemerkenswert ist dabei, dass dieser Priester bereits zur Zeit Abrahams dem höchsten Gott dient, lange bevor Israel als Volk entsteht und der Priesterdienst am Heiligtum eingerichtet wird.

Der ursprüngliche Bericht in 1. Mose 14,18–20 ergänzt ein wichtiges Detail. Melchisedek bringt Abraham Brot und Wein und spricht anschließend einen Segen über ihn aus. Dabei bezeichnet er Gott als den Besitzer des Himmels und der Erde und schreibt ihm den Sieg über die Feinde zu. Melchisedek erscheint somit nicht als Priester einer fremden Gottheit, sondern als jemand, der den Gott verehrt, dem auch Abraham vertraut. Der Hebräerbrief konzentriert sich allerdings nicht auf Brot und Wein, sondern auf Melchisedeks Stellung als Priester, seinen Segen und die Anerkennung, die er von Abraham empfängt.

In Vers 2 richtet der Verfasser die Aufmerksamkeit auf Melchisedeks Namen und seinen Königstitel. Der Name Melchisedek wird als „König der Gerechtigkeit“ erklärt. Zugleich bedeutet sein Titel als König von Salem „König des Friedens“. Beide Begriffe sind für die biblische Beschreibung des kommenden Messias von besonderer Bedeutung. Schon Jesaja 9,5–6 verbindet die verheißene Herrschaft mit Frieden und Gerechtigkeit. In Jesus Christus finden diese Eigenschaften ihre vollkommene Erfüllung. Er bringt nicht nur eine gerechte Herrschaft, sondern schafft durch sein Erlösungswerk auch die Grundlage für den Frieden zwischen Gott und den Menschen (Römer 5,1).

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung zu beachten. Die Bedeutung eines Namens beweist noch nicht, dass sein Träger in jeder Hinsicht gerecht oder vollkommen war. Der Hebräerbrief erklärt an dieser Stelle nicht Melchisedeks gesamten Charakter. Vielmehr zeigt er, wie sein Name und seine königliche Stellung auf Eigenschaften hinweisen, die in Christus ihre vollständige Bedeutung erhalten. Melchisedek wird dadurch zu einem Vorbild, an dem ein größerer geistlicher Zusammenhang sichtbar wird.

Besonders ungewöhnlich ist die Beschreibung in Vers 3. Melchisedek wird als jemand bezeichnet, der ohne Vater, ohne Mutter und ohne Geschlechtsregister erscheint und weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens hat. Auf den ersten Blick könnte man daraus schließen, dass er überhaupt keine menschlichen Eltern besaß und niemals geboren wurde. Doch der Zusammenhang legt eine andere Erklärung nahe.

In 1. Mose 14 erfahren wir tatsächlich nichts über Melchisedeks Abstammung. Weder seine Eltern noch seine Vorfahren werden genannt. Auch seine Geburt und sein Tod bleiben unerwähnt. Das ist für die spätere Bedeutung seines Priestertums bemerkenswert. Denn unter dem Gesetz Israels war die Abstammung entscheidend dafür, wer als Priester dienen durfte. Der gewöhnliche Priesterdienst war an die Nachkommen Aarons gebunden. Wer seine priesterliche Herkunft nicht nachweisen konnte, durfte dieses Amt nicht einfach übernehmen (Esra 2,61–62). Melchisedek dagegen begegnet uns als anerkannter Priester Gottes, ohne dass die Schrift sein Amt durch eine bestimmte Familienlinie begründet.

Ebenso sorgfältig müssen wir die Aussage verstehen, dass Melchisedek weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens habe. Der biblische Bericht schildert ihn ohne die sonst häufig erwähnten Angaben über Geburt, Lebensjahre und Tod. Dadurch steht er innerhalb dieser Erzählung vor uns, ohne dass sein Priestertum durch einen berichteten Tod beendet wird. Das bedeutet jedoch nicht zwingend, dass der historische Melchisedek tatsächlich von Ewigkeit her existierte oder niemals gestorben wäre. Eine solche Behauptung geht über das hinaus, was uns die Schrift über sein Leben mitteilt.

Entscheidend ist deshalb die Formulierung am Ende von Vers 3. Die Schlachter 1951 sagt, dass Melchisedek mit dem Sohn Gottes verglichen wird. Der zugrunde liegende griechische Ausdruck beschreibt ihn als jemanden, der dem Sohn Gottes ähnlich gemacht worden ist. Der Text setzt Melchisedek also nicht einfach mit Christus gleich. Vielmehr dient seine Darstellung in der Schrift dazu, eine besondere Eigenschaft Christi verständlich zu machen. Was bei Melchisedek durch die ungewöhnliche Weise seiner biblischen Darstellung sichtbar wird, ist bei Jesus Wirklichkeit: Sein Leben ist nicht durch den Tod begrenzt, und sein Priestertum hat kein Ende.

Damit erhält auch Psalm 110,4 seine besondere Bedeutung. Dort verheißt Gott einen Priester nach der Ordnung Melchisedeks, dessen Priestertum dauerhaft bestehen soll. Diese Aussage bezeichnet keine gewöhnliche Nachfolge innerhalb einer priesterlichen Familie. Sie kündigt vielmehr eine andere Art des Priestertums an, deren vollständige Erfüllung der Hebräerbrief in Jesus Christus erkennt.

So bereiten die ersten drei Verse eine entscheidende Frage vor: Wenn schon Abraham einem Priester begegnete, dessen Amt nicht auf der späteren levitischen Abstammungsordnung beruhte, welche Stellung hatte dieser Priester dann gegenüber Abraham selbst? Genau dieser Frage wendet sich der Verfasser im nächsten Abschnitt zu.

Hebräer 7,4–10

Warum Abraham die Größe Melchisedeks anerkannte

Abraham nimmt in der Geschichte Israels eine herausragende Stellung ein. Gott hatte ihn berufen, ihm seinen Segen zugesagt und verheißen, dass durch seine Nachkommen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,1–3). Für das jüdische Volk war er deshalb weit mehr als ein bedeutender Vorfahr. Er war der Stammvater, mit dem Gott seine besonderen Verheißungen verbunden hatte. Gerade vor diesem Hintergrund erhält die Begegnung mit Melchisedek eine überraschende Bedeutung.

In Hebräer 7,4 fordert der Verfasser seine Leser auf, darüber nachzudenken, wie groß Melchisedek gewesen sein muss, wenn sogar Abraham ihm den Zehnten von seiner Kriegsbeute gab. Abraham hatte zuvor seinen Neffen Lot befreit und die verschleppten Menschen sowie ihre Güter zurückgebracht (1. Mose 14,14–16). Von dem, was er bei diesem Sieg erbeutet hatte, übergab er Melchisedek den zehnten Teil. Der Hebräerbrief hebt diese Handlung ausdrücklich hervor, weil sie etwas über das Verhältnis zwischen den beiden Männern erkennen lässt.

Abraham war selbst der Empfänger großer göttlicher Verheißungen. Dennoch erkannte er in Melchisedek einen Priester Gottes an und gab ihm einen Teil der Beute. Er begegnete ihm damit nicht wie einem gewöhnlichen König, dem er aufgrund politischer Abhängigkeit etwas schuldete. Der Bericht nennt keine solche Verpflichtung. Vielmehr erscheint die Übergabe als eine freiwillige Anerkennung seiner besonderen Stellung. Der Verfasser des Hebräerbriefs sieht darin einen Hinweis darauf, dass Melchisedek eine Würde besaß, die selbst Abraham achtete.

In Vers 5 wird dieser Gedanke mit dem späteren Priesterdienst Israels verglichen. Nach dem Gesetz des Mose erhielten die Leviten den Auftrag, den Zehnten vom Volk einzunehmen (4. Mose 18,21–24). Sie besaßen kein eigenes Stammesgebiet wie die übrigen Stämme Israels, sondern sollten durch diese Abgaben für ihren Dienst versorgt werden. Die Berechtigung dazu beruhte auf Gottes Anordnung. Dabei stammten sowohl die Leviten als auch diejenigen, von denen sie den Zehnten empfingen, von Abraham ab. Innerhalb des Volkes Israel war der Zehnte somit Teil einer geregelten Ordnung zwischen Menschen gemeinsamer Abstammung.

Bei Melchisedek lag die Sache anders. Er gehörte nicht zu den Nachkommen Levis, denn Levi war zu Abrahams Zeit noch gar nicht geboren. Trotzdem empfing Melchisedek den Zehnten von Abraham. Sein Priestertum beruhte folglich nicht auf jener gesetzlichen Abstammungsordnung, die später für Israel verbindlich wurde. Gerade darin liegt der Unterschied, den der Verfasser herausarbeitet: Schon lange vor dem Gesetz am Sinai gab es einen Priester des höchsten Gottes, dessen Stellung nicht von der Zugehörigkeit zu Aarons Familie abhing.

Noch eine zweite Beobachtung verstärkt diesen Gedanken. Nach Vers 6 segnete Melchisedek den Mann, der die Verheißungen empfangen hatte. Abraham war von Gott ausdrücklich zum Segen bestimmt worden, doch in dieser Begegnung nimmt er selbst einen Segen entgegen. Dabei spricht Melchisedek nicht aus eigener Macht über Abrahams Zukunft. Er preist den höchsten Gott und erkennt ihn als denjenigen an, der Abraham den Sieg geschenkt hat. Der Segen weist deshalb letztlich auf Gott als seinen Ursprung zurück.

In Vers 7 formuliert der Hebräerbrief daraus eine Schlussfolgerung: Der Geringere wird vom Höheren gesegnet. Im Zusammenhang geht es um die Stellung der beiden Personen bei dieser priesterlichen Segenshandlung. Melchisedek tritt als Segnender auf, Abraham als derjenige, der den Segen empfängt. Damit wird Melchisedeks besondere priesterliche Würde unterstrichen. Das bedeutet nicht, dass Abraham als Mensch weniger wertvoll gewesen wäre oder Gottes Verheißungen an ihn dadurch geringer wurden. Vielmehr zeigt sich, dass Melchisedek in dieser Begegnung eine Stellung einnimmt, die selbst der große Stammvater Israels anerkennt.

Anschließend führt der Verfasser den Vergleich noch einen Schritt weiter. In Vers 8 stellt er die Leviten, die den Zehnten empfingen, Melchisedek gegenüber. Die levitischen Priester waren sterbliche Menschen. Sie konnten ihren Dienst nur für eine begrenzte Lebenszeit ausüben und mussten schließlich durch andere ersetzt werden. Melchisedek dagegen erscheint in der biblischen Überlieferung als jemand, von dem bezeugt wird, dass er lebt. Wie bereits in Vers 3 erklärt, berichtet die Schrift weder von seinem Tod noch vom Ende seines Priestertums.

Hier kommt es darauf an, die besondere Art der Argumentation zu verstehen. Der Hebräerbrief behauptet nicht ausdrücklich, dass Melchisedek als Mensch bis heute auf der Erde weiterlebt. Er betrachtet vielmehr die Weise, in der die Schrift von ihm berichtet. Während die Geschichte des levitischen Priestertums von aufeinanderfolgenden Generationen geprägt ist, bleibt Melchisedeks priesterliche Stellung im biblischen Bericht ohne geschildertes Ende. Gerade dadurch eignet sich seine Geschichte als Hinweis auf das Priestertum Christi, dessen Fortbestand nicht nur bildhaft dargestellt wird, sondern auf seinem tatsächlich unvergänglichen Leben beruht.

Besonders eindrucksvoll ist schließlich die Überlegung in den Versen 9 und 10. Der Verfasser erklärt, dass gewissermaßen sogar Levi, dessen Nachkommen später den Zehnten empfangen sollten, durch Abraham selbst den Zehnten entrichtet habe. Denn Levi war noch nicht geboren, als Abraham Melchisedek begegnete. Er gehörte aber zu den Nachkommen, die aus Abraham hervorgehen sollten.

Diese Aussage darf nicht so verstanden werden, als hätte Levi damals bereits als eigenständige Person existiert oder bewusst an Abrahams Handlung teilgenommen. Der Verfasser verwendet ausdrücklich eine vorsichtige Formulierung, die sich sinngemäß mit „sozusagen“ wiedergeben lässt. Er betrachtet die Nachkommen als mit ihrem Stammvater verbunden. Was Abraham in dieser Begegnung tat, erhält dadurch eine Bedeutung für die spätere priesterliche Linie, die von ihm abstammte.

Damit erreicht die Argumentation ihren eigentlichen Höhepunkt. Die Leviten empfingen nach dem Gesetz den Zehnten von ihren israelitischen Brüdern. Ihr eigener Stammvater Abraham hatte jedoch bereits einem anderen Priester den Zehnten gegeben. Auf diese Weise begründet der Hebräerbrief, weshalb die priesterliche Ordnung Melchisedeks eine besondere Vorrangstellung gegenüber der späteren levitischen Ordnung besitzt.

Dabei verfolgt der Verfasser nicht das Ziel, seinen Lesern eine neue Vorschrift über die Abgabe des Zehnten zu geben. Er erklärt an dieser Stelle weder, an wen Christen ihren Zehnten entrichten sollen, noch legt er eine neue Regel für die Versorgung christlicher Gemeinden fest. Die Übergabe des Zehnten dient ihm als Beweis innerhalb seines Vergleichs der beiden Priestertümer. Wer daraus eine allgemeine Verpflichtung ableiten möchte, müsste diese Frage anhand weiterer Bibelstellen gesondert untersuchen.

Nach diesen Überlegungen wird verständlich, weshalb der Verfasser so ausführlich auf Abraham zurückblickt. Er möchte zeigen, dass die Geschichte Israels selbst bereits auf ein Priestertum hinweist, das nicht von der gesetzlichen Abstammung aus Levi abhängig ist. Daraus ergibt sich nun eine noch grundlegendere Frage: Wenn der levitische Priesterdienst Gottes endgültiges Ziel hätte erfüllen können, weshalb kündigte Gott später überhaupt einen anderen Priester nach der Ordnung Melchisedeks an? Dieser Frage wendet sich der Hebräerbrief ab Vers 11 zu.

Hebräer 7,11–14

Warum ein anderes Priestertum notwendig wurde

Nachdem der Verfasser die besondere Stellung Melchisedeks gegenüber Abraham und den Leviten erklärt hat, stellt er in Vers 11 eine entscheidende Frage: Wenn das levitische Priestertum die Menschen zur Vollkommenheit hätte führen können, weshalb sollte Gott dann noch einen anderen Priester nach der Ordnung Melchisedeks ankündigen? Warum sprach Psalm 110,4 nicht einfach von einem weiteren Priester nach der Ordnung Aarons?

Hinter dieser Frage steht die Aufgabe, die Gott dem Priesterdienst Israels gegeben hatte. Die Priester sollten zwischen Gott und dem Volk vermitteln. Sie brachten Opfer dar, unterwiesen die Menschen im Gesetz und dienten am Heiligtum, das Gott als Ort seiner Gegenwart unter Israel hatte errichten lassen. Besonders deutlich wurde ihre Aufgabe am großen Versöhnungstag. An diesem Tag trat der Hohepriester in das Allerheiligste ein, um den von Gott vorgeschriebenen Dienst zur Sühnung der Sünden zu verrichten (3. Mose 16).

Doch so bedeutsam dieser Dienst auch war, er konnte das Problem der Sünde nicht endgültig lösen. Die Opfer mussten wiederholt werden, und selbst die Priester waren Menschen, die Vergebung benötigten. Die äußeren Handlungen des Heiligtums konnten das Gewissen der Gläubigen nicht aus eigener Kraft vollkommen reinigen. Darauf geht der Hebräerbrief später ausführlicher ein (Hebräer 9,9–10; 10,1–4).

Wenn Vers 11 deshalb von Vollkommenheit spricht, ist damit mehr gemeint als ein moralisch fehlerloses Leben. Es geht um das Ziel des Priesterdienstes: den Menschen einen endgültig wirksamen Zugang zu Gott zu eröffnen und die Trennung zu überwinden, die durch die Sünde entstanden ist. Die israelitischen Priester konnten ihren von Gott gegebenen Dienst treu erfüllen, aber sie konnten diese Vollendung nicht selbst herbeiführen. Ihre Aufgabe war begrenzt, weil die Ordnung, in der sie dienten, noch nicht die endgültige Erfüllung des Erlösungsplans darstellte.

Gerade deshalb ist die Ankündigung in Psalm 110 so bedeutsam. Der Psalm spricht von einem Priester, den Gott selbst durch einen Eid einsetzt und dessen Priestertum für immer bestehen soll. Diese Verheißung steht zeitlich nach der Einführung des Priesterdienstes am Sinai. Gott kündigt also innerhalb der Heiligen Schrift eine weitere priesterliche Ordnung an. Damit macht der Hebräerbrief deutlich, dass die bisherige Ordnung nicht das letzte Ziel seines Handelns war. Sie hatte ihren von Gott bestimmten Platz, sollte aber durch etwas Größeres abgelöst werden.

In Vers 12 zieht der Verfasser daraus eine weitreichende Schlussfolgerung: Wenn das Priestertum verändert wird, muss notwendigerweise auch eine Änderung des Gesetzes erfolgen. Um diese Aussage richtig zu verstehen, müssen wir beachten, worüber der Text gerade spricht. Es geht um die gesetzlichen Bestimmungen, die festlegten, wer in Israel als Priester dienen durfte. Nach Gottes Anordnung war der eigentliche Priesterdienst den männlichen Nachkommen Aarons vorbehalten, während die übrigen Leviten ihnen bei den Aufgaben des Heiligtums dienten (4. Mose 3,5–10). Die Zugehörigkeit zu dieser priesterlichen Familie war eine grundlegende Voraussetzung für das Amt.

Eine solche Ordnung konnte nicht einfach dadurch verändert werden, dass ein Angehöriger eines anderen Stammes den Priesterdienst übernehmen wollte. Das Gesetz selbst bestimmte, wer dazu berechtigt war. Wenn Gott nun einen anderen Priester einsetzt, dessen Stellung nicht auf der Abstammung von Aaron beruht, betrifft das folglich auch die rechtliche Grundlage des bisherigen Priestertums.

Diese Veränderung ist kein menschlicher Versuch, Gottes Anordnungen nach Belieben anzupassen. Der Hebräerbrief begründet sie mit Gottes eigener Verheißung. Derselbe Gott, der den Priesterdienst Israels eingesetzt hatte, kündigte durch Psalm 110 eine andere priesterliche Ordnung an. Es handelt sich deshalb nicht um einen Widerspruch in Gottes Handeln, sondern um einen weiteren Schritt in der Entfaltung seines Erlösungsplans.

Dabei darf die Aussage über die Änderung des Gesetzes weder abgeschwächt noch überdehnt werden. Sie betrifft unmittelbar die bisherige gesetzliche Ordnung des Priestertums. In den folgenden Versen erklärt der Verfasser, dass damit tatsächlich die Ablösung einer früheren Bestimmung verbunden ist. Später entfaltet er auch die weitreichenden Folgen für den Opferdienst und den Bund. Aus Vers 12 allein lässt sich jedoch nicht ableiten, dass sämtliche göttlichen Gebote aufgehoben wurden. Ebenso wenig wäre es richtig, die Veränderung auf den bloßen Austausch einer priesterlichen Person zu beschränken. Der Text beschreibt den Beginn einer grundlegenden Neuordnung des Zugangs zu Gott, deren Umfang im weiteren Verlauf des Briefes erklärt wird.

In den Versen 13 und 14 nennt der Verfasser nun den entscheidenden geschichtlichen Sachverhalt: Jesus Christus stammt nicht aus dem Stamm Levi, sondern aus Juda. Von diesem Stamm hatte Mose keine Bestimmung gegeben, nach der seine Angehörigen am Altar als Priester dienen sollten. Damit besitzt Jesus nach der alten gesetzlichen Ordnung keinen Anspruch auf das aaronitische Priesteramt.

Diese Feststellung ist besonders bemerkenswert, weil die Herkunft aus Juda für die messianischen Verheißungen große Bedeutung besitzt. Bereits in 1. Mose 49,10 wird Juda mit künftiger Herrschaft verbunden. Später verheißt Gott David, einem Nachkommen Judas, ein bleibendes Königtum (2. Samuel 7,12–16). Die Erwartung des kommenden Königs richtet sich deshalb auf die Linie Davids. Auch das Neue Testament bezeugt, dass Jesus aus dieser königlichen Abstammung hervorgegangen ist (Römer 1,3).

Damit treffen zwei unterschiedliche Linien der alttestamentlichen Ordnung aufeinander. Das Königtum ist mit Juda und David verbunden, während das Priestertum am Heiligtum an Levi und Aaron gebunden war. Jesus stammt aus der königlichen Linie, soll nach Gottes Verheißung jedoch zugleich Priester sein. Sein Priestertum kann deshalb nicht einfach als Fortsetzung der bisherigen aaronitischen Abstammungsfolge verstanden werden.

Genau hier erhält die Verheißung aus Psalm 110 ihre volle Bedeutung. Dieser Psalm verbindet die Herrschaft des von Gott eingesetzten Königs mit der Zusage eines dauerhaften Priestertums. Der verheißene Herrscher ist zugleich Priester, aber nicht nach der Ordnung Aarons, sondern nach der Ordnung Melchisedeks. Der Hebräerbrief erkennt darin die göttliche Grundlage für das Priestertum Jesu. Seine Berechtigung beruht nicht darauf, dass er die Abstammungsbedingungen des alten Priesteramtes erfüllen würde, sondern darauf, dass Gott selbst ihn auf andere Weise eingesetzt hat.

So führt die Argumentation zu einer Erkenntnis, die für das weitere Verständnis des Kapitels entscheidend ist: Die bisherige Priesterordnung war von Gott gegeben, aber sie war nicht endgültig. Ihre Begrenzung wird gerade dadurch sichtbar, dass Gott selbst einen anderen Priester verheißt. Jesus steht deshalb nicht als unrechtmäßiger Priester außerhalb von Gottes Gesetz. Sein Amt beruht auf einer neuen göttlichen Einsetzung, die bereits in den alttestamentlichen Schriften angekündigt wurde.

Damit bleibt noch eine wichtige Frage offen. Wenn Jesu Priestertum nicht von seiner Abstammung aus Aaron abhängt, worauf gründet sich dann seine bleibende Stellung vor Gott? Die Antwort gibt der Verfasser im nächsten Abschnitt: Christus ist Priester aufgrund der Kraft eines Lebens, das durch den Tod nicht mehr aufgelöst werden kann.

Hebräer 7,15–19

Ein Priestertum, das auf unzerstörbarem Leben gründet

Wodurch unterscheidet sich das Priestertum Jesu im tiefsten Wesen von dem der früheren Priester? Nachdem der Verfasser die gesetzliche Grundlage des Priesterdienstes untersucht hat, richtet er den Blick nun auf etwas, das weit über die Frage der Abstammung hinausgeht. In Hebräer 7,15–16 erklärt er, dass ein anderer Priester in der Ähnlichkeit Melchisedeks aufgetreten ist, dessen Amt nicht auf einer Vorschrift über die menschliche Herkunft beruht, sondern auf der Kraft eines unauflöslichen Lebens.

Damit tritt ein grundlegender Unterschied hervor. Die Priester Israels waren sterbliche Menschen. Auch wenn sie ihren Dienst gewissenhaft erfüllten, blieb ihre Lebenszeit begrenzt. Ein Hohepriester konnte viele Jahre lang für das Volk eintreten, doch irgendwann musste er sterben und sein Amt einem Nachfolger überlassen. Deshalb war die Fortführung des Priesterdienstes an eine geregelte Abstammung gebunden. Die Zugehörigkeit zur Familie Aarons stellte sicher, dass nach dem Tod eines Priesters ein anderer seinen Platz einnehmen konnte.

Wenn Vers 16 von einem „fleischlichen Gebot“ spricht, ist damit nicht gemeint, dass Gottes frühere Anordnung sündig oder schlecht gewesen wäre. Der Ausdruck bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die menschliche Abstammung und die damit verbundenen gesetzlichen Voraussetzungen für das Priesteramt. Entscheidend war, aus welcher Familie ein Mann stammte. Die Berechtigung zum Dienst beruhte nicht darauf, dass dieser Priester unsterblich gewesen wäre, sondern auf seiner Zugehörigkeit zu der von Gott bestimmten priesterlichen Linie.

Bei Jesus verhält es sich anders. Sein Priestertum ist nicht von einer fortlaufenden Reihe menschlicher Nachfolger abhängig. Der Verfasser nennt als Grundlage die Kraft seines unauflöslichen Lebens. Damit beschreibt er ein Leben, das nicht mehr durch den Tod beendet werden kann. Jesus ist tatsächlich gestorben. Der Hebräerbrief macht seinen wirklichen Tod und sein Opfer an anderen Stellen ausdrücklich zum Mittelpunkt der Erlösung (Hebräer 2,9; 9,26). Doch Christus ist nicht im Tod geblieben. Gott hat ihn auferweckt, und als der Auferstandene lebt er für immer.

Die Bedeutung dieser Wahrheit reicht weit über die bloße Tatsache hinaus, dass Jesus auferstanden ist. Sein fortdauerndes Leben bildet die Grundlage dafür, dass auch sein Priesterdienst niemals durch den Tod unterbrochen wird. Die früheren Priester konnten ihren Auftrag nur während ihrer begrenzten Lebenszeit ausüben. Christus dagegen muss sein Amt nicht an einen Nachfolger weitergeben. Was Gott ihm anvertraut hat, bleibt dauerhaft in seiner Hand. Seine Stellung vor Gott hängt nicht von einer menschlichen Erbfolge ab, sondern von seinem unvergänglichen Leben.

In Vers 17 begründet der Verfasser diese Aussage erneut mit Psalm 110,4. Dort wird dem angekündigten Priester ausdrücklich ein Priestertum für die Ewigkeit zugesprochen. Entscheidend ist, dass diese Zusage von Gott selbst kommt. Der Psalm beschreibt nicht lediglich den Wunsch nach einem besonders lange dienenden Priester. Er enthält eine göttliche Verheißung, die der Hebräerbrief auf Jesus Christus bezieht. Was die Geschichte Melchisedeks in bildhafter Weise erkennen lässt, besitzt in Christus seine wirkliche und bleibende Grundlage.

Aus diesem Gegensatz ergibt sich in Vers 18 eine bemerkenswert klare Aussage. Der Verfasser spricht davon, dass ein vorhergehendes Gebot wegen seiner Schwachheit und Nutzlosigkeit aufgehoben wird. Solche Worte können zunächst befremdlich wirken. Wie kann eine Ordnung, die Gott selbst eingeführt hatte, als schwach und nutzlos bezeichnet werden?

Die Antwort liegt in der Aufgabe, an der ihre Wirksamkeit gemessen wird. Das alte Priestertum war nicht ohne Bedeutung. Durch den Heiligtumsdienst wurde dem Volk die Heiligkeit Gottes vor Augen gestellt. Die Opfer machten deutlich, dass Sünde schwerwiegende Folgen hat und dass der schuldige Mensch Versöhnung benötigt. Der gesamte Dienst vermittelte wichtige Wahrheiten über Gottes Gerechtigkeit, seine Barmherzigkeit und die Notwendigkeit der Vergebung.

Doch diese Ordnung konnte das endgültige Ziel nicht aus eigener Kraft erreichen. Ein Priester, der selbst dem Tod unterworfen war, konnte keinen dauerhaft vollendeten Priesterdienst gewährleisten. Auch die wiederholten Opfer konnten die Sünde nicht endgültig beseitigen. Ihre Bedeutung lag nicht darin, dass sie bereits alles vollbrachten, sondern darin, dass sie innerhalb von Gottes Plan auf die kommende Erfüllung hinwiesen.

Deshalb darf die Schwachheit des früheren Gebotes nicht ausschließlich mit dem Ungehorsam der Israeliten erklärt werden. Gewiss berichtet die Bibel an vielen Stellen davon, dass Menschen Gottes Anordnungen missachteten. Aber selbst ein gewissenhaft ausgeübter levitischer Priesterdienst hätte die endgültige Erlösung nicht selbst bewirken können. Seine Begrenzung gehörte zu seiner vorläufigen Aufgabe. Er war von Gott eingesetzt worden, doch er war nicht dazu bestimmt, für immer die abschließende Grundlage der Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen zu bleiben.

Wenn der Hebräerbrief deshalb von der Aufhebung des vorhergehenden Gebotes spricht, meint er eine tatsächliche Veränderung der bisherigen priesterlichen Ordnung. Sie wird nicht einfach unverändert weitergeführt. Mit Christus ist die Erfüllung gekommen, auf die der frühere Dienst hingewiesen hatte. Die gesetzlichen Bestimmungen, die das Priestertum an die Nachkommen Aarons banden, können deshalb nicht mehr die Grundlage seines Amtes bilden. Das bedeutet jedoch nicht, dass damit unterschiedslos sämtliche Gebote Gottes aufgehoben wären. Der Zusammenhang behandelt ausdrücklich die Ordnung des Priestertums und ihre Bedeutung für den Zugang zu Gott.

In Vers 19 erreicht die Erklärung ihren eigentlichen Zielpunkt. Der Verfasser stellt fest, dass das Gesetz nichts zur Vollkommenheit gebracht hat. Demgegenüber spricht er von der Einführung einer besseren Hoffnung, durch die wir uns Gott nahen können.

Mit dieser besseren Hoffnung ist nicht bloß eine zuversichtliche Erwartung gemeint, dass eines Tages vielleicht alles gut werden könnte. Sie besitzt eine feste Grundlage in Jesus Christus. Weil sein Opfer wirksam ist und sein Priestertum bestehen bleibt, dürfen Menschen durch ihn zu Gott kommen. Die Hoffnung ist besser, weil sie auf dem beruht, was Christus tatsächlich vollbracht hat, und nicht auf einem Dienst, der seine endgültige Erfüllung erst erwarten musste.

Die Worte, dass wir uns Gott nahen können, sind dabei besonders bedeutsam. Im alttestamentlichen Heiligtumsdienst war der Zugang zur unmittelbaren Gegenwart Gottes durch bestimmte Vorschriften begrenzt. Nicht jeder Israelit durfte die heiligen Räume betreten. Selbst der Hohepriester durfte das Allerheiligste nur unter besonderen Bedingungen betreten. Diese Ordnung machte Gottes Heiligkeit sichtbar, erinnerte aber zugleich daran, dass der endgültige Zugang noch nicht eröffnet war.

Durch Christus wird nun eine neue Grundlage für die Gemeinschaft mit Gott geschaffen. Wer sich ihm im Glauben anvertraut, ist nicht auf die Vermittlung einer fortlaufenden Reihe sterblicher Priester angewiesen. Jesus selbst ist der bleibende Hohepriester. Seine Stellung vor Gott ist sicher, und seine Fähigkeit, für die Menschen einzutreten, endet niemals.

Damit zeigt sich, worauf die gesamte Argumentation dieses Abschnitts hinausläuft. Die frühere Priesterordnung konnte den Weg zu Gott vorbereiten und auf die kommende Erlösung hinweisen. Christus dagegen eröffnet durch sein eigenes Werk den wirksamen Zugang zu Gott. Die Sicherheit dieser Hoffnung liegt nicht in der Beständigkeit menschlicher Einrichtungen, sondern in dem auferstandenen Sohn Gottes, dessen Leben kein Ende hat.

Doch der Verfasser nennt noch einen weiteren Grund, weshalb Jesu Priestertum eine einzigartige Gewissheit bietet. Gott hat Christus nicht nur als Priester eingesetzt, sondern diese Einsetzung durch einen feierlichen Eid bestätigt. Welche Bedeutung dieser Eid für die Gläubigen besitzt, erklärt der folgende Abschnitt.

Hebräer 7,20–22

Gottes Eid und Jesus als Bürge eines besseren Bundes

Ein Versprechen erhält besonderes Gewicht, wenn derjenige, der es gibt, seine Zusage mit einem Eid bekräftigt. Genau auf diesen Unterschied richtet der Verfasser des Hebräerbriefs nun die Aufmerksamkeit. In den Versen 20 und 21 erklärt er, dass Jesus sein Priestertum nicht ohne einen göttlichen Eid empfangen hat. Darin unterscheidet sich seine Einsetzung von derjenigen der früheren Priester Israels.

Als Gott Aaron und seine Nachkommen für den Priesterdienst bestimmte, geschah dies durch seine ausdrückliche Anordnung. In 2. Mose 28,1 beruft Gott Aaron und seine Söhne dazu, ihm als Priester zu dienen. Später beschreibt 3. Mose 8 ihre feierliche Einsetzung. Sie wurden gewaschen, mit den vorgeschriebenen Kleidern bekleidet, gesalbt und durch Opferhandlungen für ihren Dienst geweiht. Ihre priesterliche Stellung beruhte somit auf Gottes Willen und seiner verbindlichen Weisung.

Doch bei der Einsetzung Christi tritt etwas hinzu, das bei dieser früheren Ordnung nicht berichtet wird. Der Hebräerbrief verweist erneut auf Psalm 110,4. Dort schwört Gott, dass der angesprochene Herr für immer Priester sein soll. Der Eid wird ausdrücklich mit der Zusage verbunden, dass Gott seine Entscheidung nicht bereuen und nicht davon zurücktreten wird. Damit erhält die Verheißung eine besondere Bekräftigung.

Warum aber sollte Gott überhaupt schwören? Sein Wort ist doch auch ohne einen Eid vollkommen zuverlässig. Gott muss seine Wahrhaftigkeit nicht erst beweisen, und er benötigt keine höhere Autorität, die seine Zusagen bestätigen könnte. Der Grund für den Eid liegt deshalb nicht in einer möglichen Unzuverlässigkeit Gottes, sondern in der Gewissheit, die er den Empfängern seiner Verheißung schenken möchte.

Bereits in Hebräer 6,13–18 hatte der Verfasser diesen Gedanken an Gottes Verheißung gegenüber Abraham erklärt. Als Gott Abraham seinen Segen zusagte, bestätigte er sein Versprechen durch einen Eid. Weil es niemanden gab, der größer war als Gott selbst, schwor er bei sich selbst. Dadurch sollte Abraham umso deutlicher erkennen, dass Gottes Entschluss feststand und seine Verheißung nicht scheitern würde.

Derselbe Gedanke begegnet uns nun beim Priestertum Jesu. Gott hat nicht nur angekündigt, dass ein anderer Priester kommen würde. Er hat diese Einsetzung mit einem Eid bekräftigt und ausdrücklich ihre Dauerhaftigkeit zugesagt. Dabei hängt die Gewissheit nicht davon ab, wie stark Menschen glauben oder wie zuverlässig sie selbst ihre Versprechen halten. Sie beruht auf Gottes eigener Entscheidung und seiner unveränderlichen Treue.

Besonders bedeutsam sind deshalb die Worte aus Psalm 110, dass Gott seinen Eid nicht bereuen werde. Das bedeutet nicht, dass Gott eine mögliche Fehlentscheidung im Voraus ausschließen müsste. Vielmehr bringt diese Formulierung zum Ausdruck, dass seine Zusage feststeht. Der verheißene Priester wird sein Amt nicht aufgrund einer späteren Änderung des göttlichen Willens verlieren. Was Gott durch seinen Eid zugesagt hat, besitzt bleibende Gültigkeit.

Dabei ist wichtig, den Unterschied zwischen den beiden Priesterordnungen richtig einzuordnen. Das frühere Priestertum war nicht deshalb bedeutungslos, weil bei seiner Einsetzung kein entsprechender Eid erwähnt wird. Auch Aaron und seine Nachkommen dienten aufgrund einer göttlichen Berufung. Der Eid aus Psalm 110 zeigt jedoch, dass Gott für Christus eine besondere und endgültige priesterliche Stellung vorgesehen hat. Es geht nicht darum, die frühere Berufung als ungültig darzustellen, sondern die einzigartige Verbindlichkeit der späteren Verheißung hervorzuheben.

In Vers 22 zieht der Verfasser daraus eine weitere Schlussfolgerung. Jesus ist der Bürge eines besseren Bundes geworden. Mit dieser Aussage öffnet sich der Blick über die unmittelbare Frage des Priestertums hinaus. Denn der Dienst der Priester war im alten Israel eng mit dem Bund verbunden, den Gott mit seinem Volk geschlossen hatte. Die Priester erfüllten ihre Aufgaben innerhalb dieser Bundesordnung. Wenn Gott nun einen anderen Priester auf eine neue, dauerhaft gültige Weise einsetzt, steht dies auch mit einer weitergehenden Veränderung seines Bundeshandelns in Verbindung.

Was bedeutet es aber, dass Jesus der Bürge dieses Bundes ist? Ein Bürge ist jemand, der für die Verlässlichkeit einer Verpflichtung einsteht. Er gibt nicht nur eine Zusicherung ab, sondern übernimmt Verantwortung dafür, dass die betreffende Verpflichtung Bestand hat. Der Hebräerbrief verwendet dieses Bild, um die besondere Stellung Jesu deutlich zu machen. Die Gewissheit des besseren Bundes gründet sich nicht auf die Leistungsfähigkeit menschlicher Priester, sondern auf Christus selbst.

Dabei ist Jesus weit mehr als ein gewöhnlicher Bürge, der lediglich für das Verhalten eines anderen Menschen einsteht. Er ist der von Gott eingesetzte Sohn, dessen Priestertum durch einen göttlichen Eid bestätigt wurde. Sein eigenes Leben und sein Werk bilden die Grundlage seiner einzigartigen Stellung. Deshalb ist die Verlässlichkeit dieses Bundes untrennbar mit der Person Jesu verbunden.

Der Ausdruck „besserer Bund“ verlangt allerdings eine sorgfältige Erklärung. Der Hebräerbrief bezeichnet den früheren Bund nicht einfach als eine menschliche Erfindung, die durch etwas Göttliches ersetzt werden musste. Auch der Bund mit Israel ging von Gott aus. Er enthielt wirkliche Verheißungen, verbindliche Weisungen und einen von Gott eingerichteten Gottesdienst. Doch innerhalb dieser Ordnung blieb die endgültige Erfüllung dessen, worauf sie hinwies, noch aus.

Der bessere Bund ist deshalb nicht besser, weil Gott früher weniger barmherzig oder weniger treu gewesen wäre. Seine Überlegenheit hängt mit dem zusammen, was Gott durch Jesus Christus verwirklicht. Während die frühere Bundesordnung durch einen wiederkehrenden Priesterdienst geprägt war, besitzt die neue Ordnung in Christus einen Priester, dessen Einsetzung von Gott selbst für immer bestätigt wurde.

Damit wird auch deutlich, dass die Verheißung aus Psalm 110 nicht nur eine Aussage über ein einzelnes priesterliches Amt enthält. Sie gehört zu Gottes größerem Erlösungsplan. Der verheißene Priester steht für eine neue Grundlage der Gemeinschaft zwischen Gott und seinem Volk. Wie sich dieser bessere Bund von dem früheren unterscheidet und welche Verheißungen mit ihm verbunden sind, wird der Hebräerbrief besonders im achten Kapitel anhand der Worte des Propheten Jeremia erklären (Jeremia 31,31–34).

An dieser Stelle genügt es zunächst, die Gewissheit zu erkennen, die der Verfasser seinen Lesern vermitteln möchte. Jesus hat sich sein Priestertum nicht selbst angemaßt. Sein Amt beruht auf einer göttlichen Entscheidung, die Gott ausdrücklich durch einen Eid bekräftigt hat. Wer sich Christus anvertraut, setzt seine Hoffnung deshalb auf denjenigen, den Gott selbst zum Bürgen eines besseren Bundes bestimmt hat.

Doch auch ein feierlich bestätigtes Priestertum müsste die Menschen enttäuschen, wenn sein Träger schließlich vom Tod überwunden würde. Deshalb richtet der Verfasser den Blick im nächsten Abschnitt auf eine weitere entscheidende Wahrheit: Jesus bleibt für immer und kann seinen Priesterdienst ohne Unterbrechung ausüben.

Hebräer 7,23–25

Ein Hoherpriester, dessen Dienst niemals endet

Es gibt einen Unterschied zwischen einer Aufgabe, die über Generationen hinweg fortgeführt wird, und einem Dienst, der für immer in der Hand derselben Person bleibt. Genau diesen Gegensatz stellt der Verfasser in Hebräer 7,23–25 heraus. Dabei geht es nicht mehr nur um die rechtliche Einsetzung der Priester, sondern um die Frage, wie dauerhaft und zuverlässig sie ihren Auftrag erfüllen können.

In Vers 23 erinnert der Verfasser daran, dass es im alten Israel viele Priester gab, weil der Tod sie daran hinderte, dauerhaft im Amt zu bleiben. Selbst der treueste Hohepriester konnte seinen Dienst nicht unbegrenzt fortsetzen. Seine Fähigkeiten, seine Erfahrungen und sein persönlicher Einsatz änderten nichts daran, dass sein Leben irgendwann endete. Deshalb musste nach seinem Tod ein anderer an seine Stelle treten.

Schon beim ersten Hohenpriester Israels wird diese Begrenzung deutlich. Als Aaron starb, übernahm sein Sohn Eleasar das hohepriesterliche Amt. In 4. Mose 20,25–28 wird beschrieben, wie Mose Aaron die priesterlichen Kleider abnahm und sie Eleasar anzog. Anschließend starb Aaron auf dem Berg Hor. Sein Dienst war beendet, während die priesterliche Aufgabe von seinem Nachfolger weitergeführt wurde. Diese Begebenheit zeigt anschaulich, weshalb die frühere Ordnung eine fortlaufende Reihe von Priestern benötigte.

Dabei lag das Problem nicht darin, dass jeder nachfolgende Priester zwangsläufig weniger geeignet gewesen wäre als sein Vorgänger. Die eigentliche Begrenzung bestand in der Sterblichkeit der Menschen. Kein Priester konnte durch seine eigene Kraft verhindern, dass sein Dienst eines Tages endete. So blieb die priesterliche Ordnung zwar über viele Generationen bestehen, doch ihre einzelnen Amtsträger waren vergänglich.

In Vers 24 stellt der Verfasser diesem Zustand Jesus Christus gegenüber. Weil er in Ewigkeit bleibt, besitzt er ein Priestertum, das nicht auf einen Nachfolger übergeht. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Christus selbst dauerhaft lebt. Sein Amt wird nicht durch den Tod beendet, und es entsteht keine Situation, in der ein anderer seine Stelle übernehmen müsste.

Das griechische Wort, mit dem der Hebräerbrief dieses Priestertum beschreibt, bringt seine bleibende und unveränderliche Stellung zum Ausdruck. Es kann auch den Gedanken einschließen, dass dieses Amt nicht auf einen Nachfolger übertragen wird. Der Zusammenhang macht jedenfalls deutlich, dass Jesu Priestertum nicht wie das der früheren Hohenpriester durch eine Folge sterblicher Amtsträger erhalten werden muss. Er selbst bleibt der Hohepriester.

Damit wird eine grundlegende Sicherheit sichtbar. Menschen können einen verantwortungsvollen Dienst beginnen und ihn dennoch nicht zu Ende führen, weil ihre Lebenszeit begrenzt ist. Jesus dagegen kann die ihm anvertraute priesterliche Aufgabe dauerhaft wahrnehmen. Seine Stellung hängt nicht von der Gesundheit eines Menschen, von einer späteren Generation oder von der Beständigkeit einer irdischen Einrichtung ab. Der auferstandene Christus selbst ist die bleibende Grundlage seines Priesterdienstes.

In Vers 25 beschreibt der Verfasser nun die Bedeutung dieser Wahrheit für diejenigen, die durch Christus zu Gott kommen. Jesus kann sie vollständig und für immer retten, weil er allezeit lebt, um für sie einzutreten. Hier verbindet der Hebräerbrief die Dauer seines Priestertums unmittelbar mit der Wirksamkeit seiner Rettung.

Die Aussage über die vollständige Rettung verdient besondere Aufmerksamkeit. Sie bedeutet nicht lediglich, dass Jesus einem Menschen am Anfang seines Glaubenslebens helfen kann. Das zugrunde liegende griechische Wort lässt sowohl den Gedanken einer umfassenden Rettung als auch den einer Rettung für alle Zeit zu. Beide Bedeutungen passen zum Zusammenhang. Christus vermag den Menschen wirklich zu retten, und sein Priesterdienst bleibt bestehen, solange seine Hilfe benötigt wird.

Damit richtet sich der Blick auf mehr als einen einzelnen Augenblick im Leben des Gläubigen. Wer Jesus vertraut, ist weiterhin Herausforderungen, Versuchungen und den Folgen der eigenen Schwachheit ausgesetzt. Der Glaube bedeutet nicht, dass alle Schwierigkeiten sofort verschwinden oder ein Mensch aus eigener Kraft vollkommen wird. Doch seine Hoffnung muss auch nicht davon abhängen, ob er selbst jederzeit stark genug ist. Sie gründet sich auf einen Erlöser, dessen Leben und Dienst niemals enden.

Besonders wichtig ist dabei die Formulierung, dass Menschen durch Jesus zu Gott kommen. Das Ziel seiner Rettung besteht nicht nur darin, Schuld zu beseitigen oder vor einem zukünftigen Gericht zu bewahren. Christus eröffnet den Weg zu einer wiederhergestellten Gemeinschaft mit Gott. Der Mensch, der durch die Sünde von Gott getrennt war, darf sich ihm durch Jesus nähern. Bereits in Hebräer 4,14–16 hatte der Verfasser seine Leser deshalb ermutigt, mit Zuversicht zum Thron der Gnade zu kommen, um Barmherzigkeit und rechtzeitige Hilfe zu empfangen.

Der Hebräerbrief beschreibt Jesus somit nicht als einen Vermittler, der den Menschen auf Abstand zu Gott hält. Im Gegenteil: Sein Priesterdienst dient gerade dazu, den Zugang zum Vater zu eröffnen. Wer durch Christus zu Gott kommt, darf darauf vertrauen, dass seine Bitte gehört wird. Die Grundlage dieses Vertrauens ist nicht die eigene Würdigkeit, sondern das Erlösungswerk Jesu.

Anschließend nennt Vers 25 den Grund, weshalb Christus diese Rettung dauerhaft gewährleisten kann: Er lebt allezeit, um für die Gläubigen einzutreten. Darin liegt eine der bedeutsamsten Aussagen des gesamten Kapitels. Der Priesterdienst Jesu gehört nicht ausschließlich der Vergangenheit an. Sein Tod und seine Auferstehung sind vollbrachte Ereignisse, doch sein Eintreten für die Menschen dauert an.

Was bedeutet diese Fürsprache? Ein Hoherpriester trat im alten Israel stellvertretend für das Volk vor Gott. Er brachte die vorgeschriebenen Opfer dar und erfüllte seinen Dienst zugunsten der Menschen, die er vertrat. Jesus erfüllt diese vermittelnde Aufgabe auf einzigartige Weise. Er steht als der auferstandene Sohn Gottes für diejenigen ein, die durch ihn zum Vater kommen. Seine Fürsprache beruht auf seinem eigenen, vollkommenen Opfer und seiner bleibenden Stellung vor Gott.

Dabei dürfen wir uns diese Fürsprache nicht so vorstellen, als müsste Jesus einen widerwilligen Vater immer wieder überreden, den Menschen gnädig zu sein. Schon die Sendung Jesu war Ausdruck der Liebe Gottes zur Welt (Johannes 3,16–17). Der Vater selbst hat den Sohn gesandt und ihn als Hohenpriester eingesetzt. Die Fürsprache Christi steht deshalb nicht im Gegensatz zum Willen Gottes, sondern gehört zu dem Erlösungsweg, den Gott aus Liebe eröffnet hat.

Ebenso wenig bedeutet Jesu fortdauernder Dienst, dass sein Opfer immer wieder neu dargebracht werden müsste. Der Hebräerbrief unterscheidet zwischen dem einmaligen Opfer Christi und seiner bleibenden priesterlichen Tätigkeit. Sein Opfer ist die vollbrachte Grundlage der Versöhnung. Seine Fürsprache bedeutet, dass der auferstandene Erlöser weiterhin für diejenigen eintritt, die zu ihm gehören. Wie sein Opfer und sein himmlischer Dienst zusammenhängen, wird in den folgenden Kapiteln noch ausführlicher erklärt.

Diese Wahrheit verleiht auch der Hoffnung des Gläubigen eine besondere Tiefe. Ein Mensch kann sich im Laufe seines Lebens verändern. Sein Verständnis wächst, seine Kräfte können nachlassen, und manchmal erlebt er Zeiten großer Unsicherheit. Doch derjenige, auf den sich sein Glaube richtet, ist nicht denselben Grenzen unterworfen. Christus lebt und bleibt derselbe Hohepriester. Seine Fähigkeit zu retten nimmt nicht ab, und sein Dienst wird niemals durch einen Nachfolger ersetzt.

Damit beantwortet Vers 25 zugleich eine Frage, die sich aus der Geschichte des früheren Priestertums ergibt. Wie kann ein sterblicher Mensch auf eine Rettung vertrauen, die über sein eigenes Leben hinausreicht? Die Antwort liegt nicht in der Unvergänglichkeit des Menschen, sondern in dem ewigen Leben Jesu Christi. Weil der Erlöser selbst bleibt, kann die Hoffnung auf ihn über die Grenzen des menschlichen Lebens hinausreichen.

Doch die Dauer seines Priestertums allein erklärt noch nicht seine ganze Einzigartigkeit. Schließlich wäre auch ein dauerhaftes Priestertum keine endgültige Lösung, wenn der Priester selbst mit Schuld belastet wäre und für seine eigenen Sünden Opfer benötigte. Deshalb führt der Verfasser seine Erklärung nun zu ihrem Höhepunkt. In den letzten drei Versen beschreibt er, weshalb gerade Jesus der Hohepriester ist, den die Menschen brauchen: Er ist vollkommen heilig, ohne Sünde und hat sich selbst ein für alle Mal als Opfer hingegeben.

Hebräer 7,26–28

Der sündlose Hohepriester und sein einmaliges Opfer

Was für einen Hohenpriester braucht ein Mensch, der selbst mit Schuld und Schwachheit zu kämpfen hat? Einen, der seine Not versteht, aber nicht denselben Grenzen unterworfen ist? Einen, der nicht nur um Vergebung bitten, sondern eine wirkliche Versöhnung mit Gott ermöglichen kann? Genau auf diese Fragen führt der Verfasser seine bisherigen Überlegungen zurück. In Hebräer 7,26 erklärt er, dass Jesus der Hohepriester ist, den wir brauchen. Anschließend beschreibt er, weshalb Christus diese Aufgabe auf eine Weise erfüllen kann, die keinem der früheren Priester möglich war.

Zunächst nennt der Verfasser mehrere Eigenschaften Jesu: Er ist heilig, unschuldig, unbefleckt und von den Sündern geschieden. Diese Beschreibung geht über seine königliche Abstammung oder seine dauerhafte Einsetzung hinaus. Sie richtet den Blick auf seine persönliche Reinheit. Denn für einen Priester, der Menschen vor Gott vertreten soll, ist nicht nur entscheidend, dass er zu seinem Dienst berufen wurde. Ebenso wichtig ist die Frage, wie er selbst vor Gott steht.

Jesus ist heilig. Sein Leben ist vollständig auf den Willen seines Vaters ausgerichtet. Er gehört Gott und steht in ungetrübter Gemeinschaft mit ihm. Wenn er als unschuldig bezeichnet wird, bedeutet das, dass keine Bosheit und kein Unrecht sein Handeln bestimmen. Er musste niemanden täuschen, um seine Ziele zu erreichen, und er nutzte seine Macht niemals zu einem sündhaften Zweck. Die Bezeichnung „unbefleckt“ unterstreicht schließlich, dass sein Leben frei von der Schuld blieb, die das menschliche Verhältnis zu Gott belastet.

Diese Aussagen erhalten besonderes Gewicht, wenn wir an das irdische Leben Jesu denken. Er begegnete Menschen, die schwere Schuld auf sich geladen hatten. Er sprach mit Zöllnern, nahm Sünder an und ließ sich von Menschen aufsuchen, die in der Gesellschaft verachtet wurden. Gerade deshalb kritisierten ihn manche religiösen Führer. Doch seine Nähe zu sündigen Menschen bedeutete niemals, dass er selbst an ihrer Sünde teilnahm. Er begegnete ihnen mit Barmherzigkeit, ohne das Böse gutzuheißen.

Bereits in Hebräer 4,15 hatte der Verfasser erklärt, dass Jesus in allem auf ähnliche Weise versucht wurde wie wir, jedoch ohne Sünde blieb. Seine Sündlosigkeit beruhte also nicht darauf, dass er Versuchungen und menschliche Schwierigkeiten niemals kennengelernt hätte. Er lebte wirklich unter Menschen, erfuhr Leid und wurde auf die Probe gestellt. Dennoch blieb er seinem Vater treu. Gerade dadurch verbindet sich in ihm etwas, das für seinen Priesterdienst wesentlich ist: Er kennt die menschliche Not aus eigener Erfahrung und steht zugleich selbst ohne Schuld vor Gott.

Vor diesem Hintergrund müssen wir auch die Formulierung verstehen, dass Christus „von den Sündern geschieden“ ist. Sie bedeutet nicht, dass Jesus während seines irdischen Lebens den Kontakt zu sündigen Menschen vermieden hätte. Das Gegenteil wird in den Evangelien ausdrücklich berichtet. Vielmehr beschreibt sie seine Trennung von der Sünde. Zugleich weist der weitere Zusammenhang auf seine gegenwärtige Stellung hin: Der auferstandene Christus ist nicht mehr den Bedingungen des irdischen Lebens unterworfen, sondern befindet sich erhöht in Gottes Gegenwart. Beide Gedanken passen zusammen. Jesus blieb unter den Menschen sündlos und besitzt nun als der Erhöhte eine einzigartige Stellung vor Gott.

Der letzte Ausdruck in Vers 26 führt diesen Gedanken weiter. Christus ist höher als die Himmel geworden. Damit möchte der Verfasser nicht erklären, wie viele räumliche Himmel es gibt oder an welchem genauen Ort Jesus sich befindet. Die Aussage beschreibt vielmehr seine Erhöhung über die geschaffene Welt. Bereits in Hebräer 1,3 hatte der Verfasser erklärt, dass der Sohn nach der Reinigung von den Sünden zur Rechten der Majestät in der Höhe Platz genommen hat. Jesus besitzt damit die höchste von Gott verliehene Stellung. Sein Priesterdienst erfolgt nicht mehr in einem irdischen Heiligtum, sondern in Gottes himmlischer Gegenwart.

In Vers 27 zeigt der Verfasser nun, welche Bedeutung die Sündlosigkeit Jesu für sein Opfer besitzt. Die früheren Hohenpriester mussten selbst mit ihrer Schuld vor Gott treten. Sie waren nicht nur Vermittler für andere Menschen, sondern benötigten auch persönlich Vergebung. Besonders deutlich wird das am großen Versöhnungstag. Nach 3. Mose 16,6 musste Aaron zunächst ein Opfer für sich und sein Haus darbringen, bevor er den weiteren Sühnedienst für das Volk ausführte.

Damit offenbarte sich eine grundlegende Grenze des menschlichen Priestertums. Der Hohepriester konnte zwar von Gott für einen heiligen Dienst eingesetzt werden, doch er blieb selbst ein sündiger Mensch. Seine Stellung erhob ihn nicht über die eigene Bedürftigkeit hinaus. Auch er war auf Gottes Gnade angewiesen. Bevor er stellvertretend für andere handelte, musste seine eigene Schuld berücksichtigt werden.

Wenn Hebräer 7,27 davon spricht, dass die Hohenpriester täglich Opfer darbringen mussten, ist allerdings eine Besonderheit zu beachten. Im alten Heiligtumsdienst gab es regelmäßige tägliche Opfer, während die ausdrückliche Reihenfolge eines Sündopfers für den Hohenpriester und anschließend für das Volk besonders am jährlichen Versöhnungstag begegnet. Wie der Hebräerbrief diese unterschiedlichen Opferhandlungen hier genau zusammenfasst, wird unter Auslegern verschieden erklärt. Möglich ist, dass er den wiederkehrenden Opferdienst insgesamt vor Augen hat und dabei die besondere Verantwortung des Hohenpriesters hervorhebt.

Für die Hauptaussage entsteht daraus jedoch keine Unsicherheit. Das frühere Priestertum war durch wiederkehrende Opfer geprägt, und seine menschlichen Amtsträger benötigten selbst Vergebung. Jesus dagegen musste niemals ein Opfer für eigene Sünden darbringen. Er war vollkommen sündlos.

Doch der Verfasser bleibt nicht bei dieser Feststellung stehen. Er erklärt, dass Christus etwas vollbracht hat, was alle früheren Opfer an Bedeutung überragt: Er hat sich selbst geopfert, und zwar ein für alle Mal.

Darin liegt ein entscheidender Unterschied. Im alten Heiligtumsdienst brachten die Priester Tiere dar, die nach Gottes Anordnung als Opfer dienten. Sie legten nicht ihr eigenes Leben als sündloses Opfer für die Schuld anderer Menschen nieder. Jesus dagegen war nicht nur derjenige, der das Opfer darbrachte. Er gab sich selbst hin. Der Hohepriester und das Opfer gehören in seiner Person auf einzigartige Weise zusammen.

Diese Selbsthingabe geschah nicht unter dem Zwang einer äußeren Macht. Jesus erklärte bereits während seines irdischen Lebens, dass er sein Leben freiwillig hingebe (Johannes 10,17–18). Sein Tod am Kreuz war deshalb nicht nur das Ende eines menschlichen Lebens, das durch Gewalt herbeigeführt wurde. Er war zugleich die bewusste Hingabe des Sohnes Gottes zur Erlösung der Menschen.

Besonders wichtig sind die Worte „ein für alle Mal“. Sie machen deutlich, dass das Opfer Jesu nicht wiederholt werden muss. Die früheren Opfer konnten innerhalb der von Gott gegebenen Ordnung immer wieder dargebracht werden, weil sie noch nicht selbst die endgültige Beseitigung der Sünde bewirkten. Christi Selbstopfer dagegen besitzt eine einmalige und bleibende Wirksamkeit. Seine Hingabe ist keine weitere Opferhandlung innerhalb einer endlosen Reihe, sondern die entscheidende Erfüllung dessen, worauf der frühere Dienst hingewiesen hatte.

Diese Einmaligkeit bedeutet nicht, dass Jesu priesterlicher Dienst mit seinem Tod vollständig beendet gewesen wäre. Sein Opfer ist vollbracht, während seine Fürsprache fortbesteht. Beide Aussagen ergänzen sich. Christus muss nicht erneut sterben, um einem Menschen Vergebung zu ermöglichen. Er tritt vielmehr als der auferstandene Hohepriester auf der Grundlage seines bereits vollbrachten Opfers für die Gläubigen ein. Der Hebräerbrief wird diesen Zusammenhang in den Kapiteln 9 und 10 noch genauer entfalten.

In Vers 28 fasst der Verfasser schließlich seine gesamte Argumentation zusammen. Das Gesetz setzte Menschen zu Hohenpriestern ein, die mit Schwachheit behaftet waren. Das Wort des göttlichen Eides dagegen, das nach dem Gesetz gegeben wurde, setzt den Sohn ein, der in Ewigkeit vollendet ist.

Damit werden noch einmal zwei unterschiedliche Grundlagen gegenübergestellt. Die frühere Priesterordnung beruhte auf den gesetzlichen Bestimmungen, die Gott Israel gegeben hatte. Innerhalb dieser Ordnung konnten jedoch nur sterbliche und selbst erlösungsbedürftige Menschen dienen. Die spätere Verheißung aus Psalm 110,4 richtet den Blick dagegen auf den Sohn Gottes, dessen priesterliche Stellung durch Gottes Eid für immer bestätigt wurde.

Wenn der Sohn in Vers 28 als vollendet bezeichnet wird, dürfen wir daraus nicht schließen, dass Jesus zuvor sündig gewesen wäre und erst später moralisch vollkommen werden musste. Eine solche Vorstellung würde dem ausdrücklichen Zeugnis des Hebräerbriefs widersprechen. Bereits Vers 26 hat seine völlige Reinheit beschrieben. Die Vollendung betrifft vielmehr die vollständige Erfüllung seines Weges und seiner Aufgabe als Erlöser und Hohepriester.

In Hebräer 5,8–9 wird erklärt, dass Jesus durch sein Leiden Gehorsam lernte und vollendet wurde. Damit ist nicht gemeint, dass er zuvor ungehorsam war. Vielmehr erwies sich sein Gehorsam unter den wirklichen Bedingungen menschlichen Leidens. Er durchlief den Weg, den Gott für seine Sendung vorgesehen hatte, bis zur vollständigen Hingabe seines Lebens. Durch seinen Tod, seine Auferstehung und seine Erhöhung ist sein Weg zur endgültigen priesterlichen Stellung vollendet.

Damit schließt sich der Gedankengang des siebten Kapitels. Ausgehend von der Begegnung zwischen Abraham und Melchisedek hat der Verfasser gezeigt, weshalb Jesus ein Priestertum besitzt, das über die frühere Ordnung hinausgeht. Sein Amt beruht nicht auf menschlicher Abstammung, sondern auf Gottes eigener Einsetzung. Sein Leben wird nicht mehr durch den Tod begrenzt. Seine persönliche Reinheit macht ein Opfer für eigene Sünden überflüssig, und seine Selbsthingabe bildet die bleibende Grundlage der Versöhnung.

So endet das Kapitel nicht bei der Größe Melchisedeks oder der Begrenzung des levitischen Priestertums. Alle Vergleiche dienen dazu, die einzigartige Stellung Jesu Christi verständlich zu machen. Er ist der Sohn Gottes, dessen Priestertum für immer besteht und dessen Opfer nicht wiederholt werden muss.

Der folgende Abschnitt des Hebräerbriefs beginnt deshalb mit einer bemerkenswert einfachen Feststellung: Wir haben einen solchen Hohenpriester (Hebräer 8,1). Was das siebte Kapitel ausführlich begründet hat, wird damit zur Grundlage der weiteren Erklärung seines Dienstes im himmlischen Heiligtum.

Geistliche Kernbotschaft

Der Mensch kann die Gemeinschaft mit Gott nicht aus eigener Kraft wiederherstellen. Selbst aufrichtiger Gehorsam, religiöse Hingabe und menschliche Vermittlung können die Schuld der Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Doch Gott hat den Menschen nicht mit dieser unüberwindbaren Aufgabe allein gelassen. Er hat selbst den Weg eröffnet, auf dem Versöhnung möglich wird. Dieser Weg führt durch Jesus Christus.

Darin offenbart sich etwas Wesentliches über Gottes Wesen. Seine Heiligkeit bedeutet, dass er die Sünde nicht gleichgültig übergeht. Seine Liebe bedeutet zugleich, dass er den schuldigen Menschen nicht einfach seinem Schicksal überlässt. Beides kommt im Erlösungswerk Christi zusammen. Gott verlangt nicht vom Menschen, sich zuerst selbst von jeder Schuld zu befreien, bevor er sich ihm nähern darf. Er schenkt ihm in seinem Sohn die Grundlage für Vergebung und einen neuen Anfang.

Diese Wahrheit verändert auch die Bedeutung des Glaubens. Wer Gott vertraut, beruft sich nicht darauf, besonders gerecht, zuverlässig oder geistlich stark zu sein. Er erkennt vielmehr an, dass seine eigene Gerechtigkeit nicht ausreicht, und nimmt dankbar an, was Christus für ihn getan hat. Der Glaube richtet sich damit von der eigenen Leistung weg auf die Verlässlichkeit des Erlösers. Das ist keine Einladung, die Sünde gering zu achten. Gerade weil die Erlösung Christus so viel gekostet hat, wird sichtbar, wie ernst Gott die Sünde nimmt und wie groß seine Bereitschaft zur Vergebung ist.

Zugleich gründet die christliche Hoffnung nicht ausschließlich auf einem vergangenen Ereignis. Jesus ist nicht nur derjenige, der einst für die Menschen gestorben ist. Er lebt und steht weiterhin für sie ein. Deshalb bleibt Gottes Gnade nicht auf den Augenblick der ersten Hinwendung zu Christus beschränkt. Der Gläubige darf auch während seines weiteren Lebens mit der Hilfe dessen rechnen, der seinen Weg kennt und dessen Treue nicht nachlässt.

Dabei ist die Fürsprache Jesu kein Hinweis darauf, dass der Vater den Menschen ablehnend gegenübersteht. Der gesamte Erlösungsplan entspringt Gottes Liebe. Vater und Sohn handeln nicht mit gegensätzlichen Absichten, sondern gemeinsam für die Rettung des Menschen. Wer sich Christus anvertraut, sucht deshalb nicht Schutz vor einem lieblosen Gott. Er kommt durch Christus zu dem Vater, der selbst diesen Weg der Versöhnung eröffnet hat.

So liegt die tiefste Botschaft von Hebräer 7 in einer neuen Gewissheit über das Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Die Gemeinschaft mit Gott muss nicht auf der begrenzten Kraft menschlicher Vermittler beruhen. Sie gründet sich auf Jesus Christus, dessen Werk vollbracht ist und dessen Leben niemals endet. Wer durch ihn zu Gott kommt, darf wissen, dass seine Hoffnung einen bleibenden Grund besitzt.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Die Bedeutung von Hebräer 7 erschließt sich besonders dann, wenn wir erkennen, wie verschiedene Teile der Heiligen Schrift aufeinander aufbauen. Was im Alten Testament durch einzelne Begegnungen, Verheißungen und Gottesdiensthandlungen vorbereitet wird, erhält im Neuen Testament eine tiefere Erklärung. Dabei geht es nicht darum, überall nach verborgenen Symbolen zu suchen, sondern die Verbindungen zu beachten, die die Bibel selbst herstellt.

1. Mose 14,18–20 und Psalm 110,4 – Zwei alttestamentliche Grundlagen

Die Verbindung dieser beiden Texte bildet das Fundament von Hebräer 7. In der Begegnung zwischen Abraham und Melchisedek erscheint ein Priester Gottes, dessen Stellung nicht von der späteren israelitischen Priesterordnung abhängt. Psalm 110 greift den Namen Melchisedeks in einem neuen Zusammenhang auf und verbindet ihn mit Gottes Verheißung eines dauerhaften Priestertums.

Bemerkenswert ist, dass der Hebräerbrief diese Stellen nicht unabhängig voneinander behandelt. Erst durch ihr Zusammenspiel entwickelt er seine Erklärung. Die geschichtliche Begegnung zeigt, dass es bereits vor dem levitischen Priestertum einen von Abraham anerkannten Priester Gottes gab. Die spätere Verheißung kündigt ein Priestertum an, das dauerhaft bestehen soll. So wird aus einer kurzen Begebenheit der Geschichte Abrahams ein wichtiger Bestandteil der biblischen Erklärung des Messias.

3. Mose 16 – Der große Versöhnungstag

Der jährliche Versöhnungstag verdeutlicht, weshalb die Aufgabe eines Hohenpriesters für das Verständnis der Erlösung so bedeutsam ist. Der Hohepriester trat an diesem Tag nach Gottes Anordnung in das Allerheiligste ein. Dabei musste er zunächst die vorgeschriebenen Opfer für sich und sein Haus darbringen, bevor er den weiteren Sühnedienst für das Volk ausführte.

In Hebräer 7 wird gerade dieser Unterschied zu Christus hervorgehoben. Während der irdische Hohepriester selbst Vergebung benötigte, ist Jesus vollkommen sündlos. Dadurch wird verständlich, weshalb sein Priesterdienst nicht nur eine Fortsetzung des früheren Dienstes darstellt. Er erfüllt eine Aufgabe, für die die sterblichen und sündigen Priester Israels nicht aus sich selbst heraus ausreichten.

Hebräer 9,11–14 führt diese Verbindung weiter. Dort wird erklärt, dass Christus durch sein eigenes Blut eine ewige Erlösung erlangt hat und sein Opfer das Gewissen reinigen kann. Der frühere Heiligtumsdienst wird dadurch nicht bedeutungslos. Seine Aufgabe innerhalb von Gottes Erlösungsplan wird vielmehr verständlicher, wenn wir ihn im Licht des Werkes Christi betrachten.

Jeremia 31,31–34 und Hebräer 8,6–13 – Die Verheißung des neuen Bundes

Bereits der Prophet Jeremia kündigte an, dass Gott einen neuen Bund mit dem Haus Israel und dem Haus Juda schließen werde. Diese Verheißung entstand vor dem Hintergrund des wiederholten Bundesbruchs des Volkes. Doch Gottes Antwort bestand nicht darin, seine Menschen endgültig aufzugeben. Er versprach eine erneuerte Beziehung, in der seine Weisung im Inneren der Menschen verankert sein sollte und ihre Sünden vergeben würden.

Hebräer 8 greift diese Verheißung ausdrücklich auf. Damit wird sichtbar, weshalb Jesus in Hebräer 7,22 als Bürge eines besseren Bundes bezeichnet wird. Sein Priesterdienst steht nicht isoliert neben dem übrigen Handeln Gottes. Er gehört zur Erfüllung jener Verheißung, durch die Gott Vergebung und eine erneuerte Gemeinschaft mit seinem Volk ermöglichen will.

Dabei ist wichtig, dass die Verheißung des neuen Bundes Gottes Weisung nicht einfach durch Beliebigkeit ersetzt. Jeremia spricht ausdrücklich davon, dass Gott sein Gesetz in das Herz der Menschen schreiben wird. Zugleich macht der Hebräerbrief deutlich, dass die frühere Bundesordnung nicht unverändert bestehen bleibt. Beide Aussagen müssen zusammen betrachtet werden: Gott verändert die Grundlage des priesterlichen Zugangs und verheißt gleichzeitig eine innere Erneuerung der Menschen, die zu ihm gehören.

Hebräer 4,14–16 und 10,19–22 – Der Zugang zur Gegenwart Gottes

In Hebräer 4 werden die Gläubigen aufgefordert, mit Zuversicht zum Thron der Gnade zu kommen. Der Grund dafür ist Jesus, der große Hohepriester, der die menschliche Schwachheit kennt und dennoch ohne Sünde geblieben ist.

Hebräer 10,19–22 führt diesen Gedanken weiter. Dort wird der Zugang zum Heiligtum mit dem Blut Jesu und dem neuen, lebendigen Weg verbunden, den er eröffnet hat. Die Gläubigen dürfen sich Gott mit aufrichtigem Herzen und voller Glaubensgewissheit nähern.

Diese beiden Stellen erklären gemeinsam, was die bessere Hoffnung aus Hebräer 7,19 für das Leben der Gläubigen bedeutet. Der Zugang zu Gott ist keine rein theoretische Lehre über himmlische Dinge. Er hat unmittelbare Bedeutung für Gebet, Vertrauen, Vergebung und die persönliche Beziehung zu Gott. Der Mensch darf sich an Gott wenden, weil Christus den Weg eröffnet hat.

Römer 8,31–34 und 1. Timotheus 2,5 – Christus als Fürsprecher und Mittler

Auch Paulus verbindet die Gewissheit der Erlösung mit dem gegenwärtigen Dienst Jesu. In Römer 8,34 erklärt er, dass Christus gestorben und auferstanden ist, zur Rechten Gottes sitzt und für die Gläubigen eintritt.

Besonders bemerkenswert ist der Zusammenhang, in dem diese Aussage steht. Paulus spricht dort von Anklage und Verurteilung. Die Fürsprache Jesu bildet die Grundlage der Zuversicht, dass diejenigen, die zu Christus gehören, ihre Hoffnung nicht auf die eigene Fehlerlosigkeit stützen müssen.

In 1. Timotheus 2,5 wird Christus als der eine Mittler zwischen Gott und den Menschen bezeichnet. Damit wird seine einzigartige Stellung hervorgehoben. Kein anderer Mensch kann aus eigener Macht die Versöhnung mit Gott bewirken. Geistliche Lehrer, Seelsorger und andere Gläubige können Menschen helfen und für sie beten. Sie ersetzen aber nicht die Mittlerstellung Jesu, auf der die Erlösung beruht.

Hebräer 10,11–14 – Ein Opfer mit bleibender Wirksamkeit

Der Gegensatz zwischen wiederholten Opfern und dem einmaligen Opfer Christi wird in Hebräer 10 besonders deutlich. Dort beschreibt der Verfasser die früheren Priester, die ihren Dienst immer wieder verrichteten und dieselben Opfer darbrachten. Christus dagegen hat ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht und sich zur Rechten Gottes gesetzt.

Hebräer 10,14 erklärt anschließend, dass er durch ein einziges Opfer diejenigen, die geheiligt werden, für immer vollendet hat. Diese Aussage verbindet die Vollendung, von der bereits Hebräer 7 spricht, mit der Wirksamkeit des Opfers Jesu.

Dabei müssen wir zwischen der vollbrachten Grundlage der Erlösung und dem fortdauernden Wirken Gottes im Leben der Gläubigen unterscheiden. Das Opfer Jesu muss nicht ergänzt oder wiederholt werden. Dennoch spricht der Hebräerbrief weiterhin von Menschen, die geheiligt werden. Die endgültige Wirksamkeit des Opfers macht die geistliche Entwicklung des Menschen nicht überflüssig. Sie schafft vielmehr die Grundlage dafür, dass er in einer erneuerten Beziehung zu Gott leben kann.

Wichtige Lektionen

Die Lehre vom Priestertum Jesu betrifft nicht nur das Verständnis des alten Heiligtums oder die Geschichte Israels. Sie verändert auch die Frage, worauf ein Mensch sein Vertrauen setzt und wie er mit Schuld, Unsicherheit und geistlicher Verantwortung umgeht.

Vergebung beginnt nicht mit dem Versuch, sich selbst würdig zu machen.

Wer seine Fehler erkennt, kann leicht meinen, er müsse zunächst beweisen, dass er sich ausreichend verändert hat, bevor er wieder zu Gott kommen darf. Doch Hebräer 7 weist in eine andere Richtung. Der Zugang zu Gott ist durch Christus eröffnet. Deshalb darf ein Mensch seine Schuld ehrlich bekennen, anstatt sie zu verbergen oder auf eigene Weise wiedergutmachen zu wollen, was er vor Gott nicht selbst ungeschehen machen kann.

Das bedeutet nicht, dass Reue und Veränderung unwichtig wären. Echte Umkehr schließt die Bereitschaft ein, sich von erkannter Sünde abzuwenden. Doch sie beginnt im Vertrauen auf Gottes Gnade und nicht mit der Vorstellung, sich die Vergebung erst verdienen zu müssen.

Geistliche Hilfe ist wertvoll, darf aber niemals an die Stelle Christi treten.

Gott gebraucht Menschen, um andere zu ermutigen, zu unterweisen und im Glauben zu stärken. Dennoch besitzt kein geistlicher Leiter die einzigartige Stellung Jesu. Niemand kann durch sein eigenes Amt oder seine persönliche Frömmigkeit die Versöhnung eines anderen Menschen mit Gott bewirken.

Daraus folgt eine wichtige Verantwortung für christliche Gemeinschaften. Sie sollen Menschen helfen, Gott besser kennenzulernen, anstatt sie in eine ungesunde Abhängigkeit von menschlichen Vermittlern zu führen. Wer anderen geistlich dient, sollte sie nicht an sich selbst binden, sondern ihnen den Weg zu Christus zeigen.

Schwachheit muss nicht zur Abkehr von Gott führen.

Es gibt Zeiten, in denen Menschen die eigenen Grenzen besonders deutlich spüren. Vielleicht ist es eine wiederkehrende Versuchung, eine belastende Erinnerung oder die Sorge, im Glauben nicht standhaft genug zu bleiben. Gerade dann ist es wichtig, zwischen dem eigenen schwankenden Zustand und der Beständigkeit Jesu zu unterscheiden.

Die Gewissheit seiner Fürsprache ist keine Erlaubnis, bewusst an Sünde festzuhalten. Sie ist vielmehr eine Einladung, mit der eigenen Schwachheit zu Gott zu kommen, anstatt sich von ihm zurückzuziehen. Wer Hilfe braucht, darf um Hilfe bitten. Wer schuldig geworden ist, darf um Vergebung bitten. Und wer neuen Gehorsam lernen möchte, darf auf Gottes Unterstützung vertrauen.

Gottes Treue ist zuverlässiger als menschliche Versprechen.

Menschen können aufrichtig etwas zusagen und dennoch an ihren Grenzen scheitern. Sie können ihre Meinung ändern, ihre Kraft verlieren oder durch Umstände daran gehindert werden, ein Versprechen einzuhalten. Gott dagegen hat seine Verheißung durch einen Eid bekräftigt.

Das bedeutet nicht, dass jeder persönliche Wunsch eines Gläubigen in Erfüllung gehen muss. Gottes Zusagen dürfen nicht mit unseren eigenen Erwartungen verwechselt werden. Aber dort, wo Gott selbst etwas versprochen hat, darf der Glaube auf seine Treue bauen. Besonders gilt das für die von ihm zugesagte Stellung Jesu als bleibender Hohepriester.

Die Größe des Opfers Jesu fordert zu einem bewussten Leben auf.

Wer versteht, dass Christus sich selbst für die Sünden der Menschen hingegeben hat, kann das Böse nicht mehr als unbedeutende Nebensache betrachten. Die Erlösung zeigt zugleich den Ernst der Sünde und die Größe der göttlichen Liebe.

Daraus erwächst eine Haltung der Dankbarkeit, die sich im täglichen Leben ausdrücken soll. Wer Vergebung empfangen hat, ist eingeladen, auch anderen mit Barmherzigkeit zu begegnen. Wer Gottes Treue erkannt hat, soll selbst lernen, zuverlässig zu handeln. Und wer weiß, dass Christus sein Leben freiwillig hingegeben hat, wird ermutigt, nicht nur den eigenen Vorteil zu suchen.

Diese Veränderungen sind keine Gegenleistung, mit der sich der Mensch seine Erlösung nachträglich verdient. Sie sind eine Antwort auf die Gnade, die ihm bereits entgegengebracht wurde.

Schließlich führt Hebräer 7 zu einer Hoffnung, die über die Grenzen des gegenwärtigen Lebens hinausreicht. Alles, worauf Menschen gewöhnlich ihre Sicherheit gründen, kann sich verändern. Gesundheit, Besitz, menschliche Beziehungen und gesellschaftliche Verhältnisse bieten keinen unveränderlichen Halt. Doch Jesus Christus ist auferstanden und lebt für immer.

Deshalb darf der Gläubige seinen Lebensweg im Vertrauen auf ihn gehen. Er muss nicht jede Schwierigkeit verstehen und nicht jede zukünftige Herausforderung bereits aus eigener Kraft bewältigen können. Entscheidend ist, dass er weiß, an wen er sich wenden darf.

Der bleibende Hohepriester ist nicht nur eine bedeutende Gestalt der biblischen Lehre. Er ist der lebendige Erlöser, durch den Menschen heute zu Gott kommen können. Diese Gewissheit lädt dazu ein, Gottes Nähe zu suchen, seiner Gnade zu vertrauen und das eigene Leben in seiner Gegenwart zu führen.