Hebräer 2
Darum sollen wir desto mehr wahrnehmen des Worts, das wir hören, damit wir nicht dahinfahren.
18 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 Darum sollen wir desto mehr wahrnehmen des Worts, das wir hören, damit wir nicht dahinfahren.
- 2 Denn so das Wort festgeworden ist, das durch die Engel geredet ist, und eine jegliche Übertretung und jeder Ungehorsam seinen rechten Lohn empfangen hat,
- 3 wie wollen wir entfliehen, so wir eine solche Seligkeit nicht achten? welche, nachdem sie zuerst gepredigt ist durch den HERRN, auf uns gekommen ist durch die, so es gehört haben;
- 4 und Gott hat ihr Zeugnis gegeben mit Zeichen, Wundern und mancherlei Kräften und mit Austeilung des heiligen Geistes nach seinem Willen.
- 5 Denn er hat nicht den Engeln untergetan die zukünftige Welt, davon wir reden.
- 6 Es bezeugt aber einer an einem Ort und spricht: “Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest, und des Menschen Sohn, daß du auf ihn achtest?
- 7 Du hast ihn eine kleine Zeit niedriger sein lassen denn die Engel; mit Preis und Ehre hast du ihn gekrönt und hast ihn gesetzt über die Werke deiner Hände;
- 8 alles hast du unter seine Füße getan.” In dem, daß er ihm alles hat untergetan, hat er nichts gelassen, das ihm nicht untertan sei; jetzt aber sehen wir noch nicht, daß ihm alles untertan sei.
- 9 Den aber, der eine kleine Zeit niedriger gewesen ist als die Engel, Jesum, sehen wir durchs Leiden des Todes gekrönt mit Preis und Ehre, auf daß er von Gottes Gnaden für alle den Tod schmeckte.
- 10 Denn es ziemte dem, um deswillen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind, der da viel Kinder hat zur Herrlichkeit geführt, daß er den Herzog der Seligkeit durch Leiden vollkommen machte.
- 11 Sintemal sie alle von einem kommen, beide, der da heiligt und die da geheiligt werden. Darum schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu heißen,
- 12 und spricht: “Ich will verkündigen deinen Namen meinen Brüdern und mitten in der Gemeinde dir lobsingen.”
- 13 Und abermals: “Ich will mein Vertrauen auf ihn setzen.” und abermals: “Siehe da, ich und die Kinder, welche mir Gott gegeben hat.”
- 14 Nachdem nun die Kinder Fleisch und Blut haben, ist er dessen gleichermaßen teilhaftig geworden, auf daß er durch den Tod die Macht nehme dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist dem Teufel,
- 15 und erlöste die, so durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mußten.
- 16 Denn er nimmt sich ja nicht der Engel an, sondern des Samens Abrahams nimmt er sich an.
- 17 Daher mußte er in allen Dingen seinen Brüdern gleich werden, auf daß er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu versöhnen die Sünden des Volks.
- 18 Denn worin er gelitten hat und versucht ist, kann er helfen denen, die versucht werden.
Kapitelüberblick
Die Botschaft von Gottes Sohn darf nicht achtlos übergangen werden. Deshalb beginnt Hebräer 2 mit einer ernsten Warnung, die verkündigte Rettung nicht zu vernachlässigen. Anschließend richtet der Verfasser den Blick auf die Herrschaft, die Gott dem Menschen ursprünglich zugedacht hat. Obwohl diese Bestimmung noch nicht vollständig verwirklicht ist, sehen wir Jesus, der erniedrigt wurde und nun mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt ist.
Durch sein Leiden und seinen Tod hat Christus den Weg zum Heil eröffnet. Er nennt die Menschen, die er heiligt, seine Brüder und hat selbst an ihrem menschlichen Leben teilgenommen. Gerade durch seinen Tod hat er die Macht des Teufels gebrochen und Menschen aus der Knechtschaft der Todesfurcht befreit.
Als barmherziger und treuer Hoherpriester tritt Jesus für die Menschen vor Gott ein und schafft Versöhnung für ihre Sünden. Weil er selbst Leiden und Versuchungen erfahren hat, kann er denen helfen, die geprüft werden.
Einführung
Eine lange Reihe alttestamentlicher Schriftzitate hat im ersten Kapitel die einzigartige Stellung des Sohnes begründet. Mit dem Beginn des zweiten Kapitels verändert sich die Darstellungsweise. Auf die ausführliche Erklärung folgt erstmals eine unmittelbare Ermahnung an die Leser. Dieser Wechsel ist für den gesamten Hebräerbrief kennzeichnend: Der Verfasser verbindet seine sorgfältige Auslegung der Heiligen Schrift immer wieder mit der Verantwortung, die sich daraus für das Leben der Gläubigen ergibt.
Die ursprünglichen Empfänger hatten die christliche Botschaft bereits kennengelernt und waren mit den Schriften Israels vertraut. Aus späteren Abschnitten erfahren wir, dass sie Anfeindungen, persönliche Verluste und schwere Glaubensprüfungen erlebt hatten (Hebräer 10,32–36). Der Verfasser ermutigt sie deshalb wiederholt, standhaft zu bleiben und trotz ihrer Belastungen nicht nachzulassen. Ihr genauer Wohnort und ihre Zusammensetzung sind nicht sicher bekannt. Doch ihre Situation hilft zu verstehen, weshalb der Brief neben tiefgehenden Erklärungen auch eindringliche Warnungen enthält.
Eine weitere Besonderheit ist der Umgang mit Psalm 8. Der Verfasser verwendet die alte griechische Übersetzung des Psalms, die an einer wichtigen Stelle anders formuliert als der überlieferte hebräische Text. Diese Unterscheidung wird für das Verständnis der folgenden Verse bedeutsam. Ebenso müssen wir beachten, dass Psalm 8 ursprünglich von der Stellung des Menschen innerhalb der Schöpfung handelt. Erst wenn diese Aussage verstanden ist, lässt sich nachvollziehen, wie der Hebräerbrief sie auf Jesus Christus bezieht.
Zunächst wendet sich der Verfasser jedoch unmittelbar an seine Leser. Seine ersten Worte machen aus dem zuvor Gehörten eine persönliche Angelegenheit, deren Bedeutung niemand unterschätzen sollte.
Hebräer 2,1–4
Die Gefahr, Gottes große Rettung zu versäumen
Eine der größten Gefahren für den Glauben besteht nicht unbedingt darin, dass ein Mensch Gott bewusst ablehnt. Manchmal beginnt die Entfernung von ihm viel unauffälliger. Was früher wichtig war, verliert langsam an Bedeutung. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf andere Dinge, das Gebet wird seltener, und Gottes Wort tritt immer weiter in den Hintergrund. Genau vor einer solchen Entwicklung warnt der Verfasser des Hebräerbriefes. Er fordert seine Leser auf, desto mehr auf das zu achten, was sie gehört haben, „damit wir nicht etwa daran vorbeigleiten“ (Hebräer 2,1). Hinter diesen Worten steht die ernste Möglichkeit, eine empfangene Wahrheit nicht ausdrücklich zurückzuweisen und dennoch den lebendigen Bezug zu ihr zu verlieren.
Besonders aufschlussreich ist das griechische Wort, das mit „vorbeigleiten“ übersetzt wird. Es beschreibt ein Vorbeigleiten oder Abdriften und lässt an etwas denken, das sich allmählich von seinem bisherigen Ort entfernt. Man kann sich beispielsweise ein Boot vorstellen, das nicht ausreichend festgemacht wurde und langsam von der Strömung fortgetragen wird. Anfangs erscheint die Entfernung kaum bemerkbar, doch irgendwann liegt der sichere Ankerplatz weit zurück. Dieses Bild veranschaulicht die Warnung, auch wenn der Verfasser selbst kein bestimmtes Boot oder Gewässer erwähnt. Geistliche Nachlässigkeit kann sich entwickeln, ohne dass ein Mensch bewusst beschlossen hätte, seinen Glauben aufzugeben. Deshalb fordert der Hebräerbrief nicht nur dazu auf, Gottes Botschaft einmal gehört zu haben, sondern sie aufmerksam festzuhalten.
Dabei ist die Formulierung „desto mehr“ von besonderer Bedeutung. Der Verfasser spricht nicht lediglich von einer allgemeinen Pflicht, religiöse Lehren ernst zu nehmen. Er begründet, weshalb gerade die Botschaft Jesu besondere Aufmerksamkeit verdient. Wer die hohe Würde des Sohnes erkannt hat, darf seine Worte nicht wie eine gewöhnliche menschliche Meinung behandeln. Die Größe dessen, der spricht, unterstreicht die Bedeutung seiner Botschaft. Das verlangt keine oberflächliche Begeisterung, die nach kurzer Zeit wieder verschwindet, sondern ein beständiges Hören, Nachdenken und Bewahren. Jesus selbst verbindet wahre Jüngerschaft mit dem Bleiben in seinem Wort (Johannes 8,31–32). Der Glaube soll deshalb nicht allein von einem früheren Erlebnis leben, sondern in einer fortdauernden Beziehung zu Gottes Wahrheit wachsen.
Um die Ernsthaftigkeit seiner Ermahnung zu begründen, erinnert der Verfasser in Vers 2 an „das durch Engel gesprochene Wort“. Damit ist sehr wahrscheinlich die Gesetzesoffenbarung am Sinai gemeint. Im Alten Testament wird beschrieben, wie Gott Israel nach dem Auszug aus Ägypten seine Gebote und Weisungen gab. Spätere biblische Texte verbinden dieses Ereignis ausdrücklich mit der Mitwirkung himmlischer Wesen. Stephanus erinnert in Apostelgeschichte 7,53 daran, dass Israel das Gesetz unter Vermittlung von Engeln empfing. Auch Paulus spricht in Galater 3,19 von einer solchen Vermittlung. Diese Aussagen ergänzen die Darstellung der Gesetzgebung, ohne ihren göttlichen Ursprung infrage zu stellen. Die Engel waren nicht die eigentlichen Gesetzgeber, sondern dienten innerhalb eines Geschehens, in dem Gott selbst seinen Willen offenbarte.
Das durch Engel vermittelte Wort wird als zuverlässig beschrieben. Im Zusammenhang bedeutet das, dass es verbindlich war und seine Missachtung nicht ohne Folgen blieb. Der Verfasser spricht ausdrücklich von Übertretung und Ungehorsam. Eine Übertretung liegt vor, wenn eine von Gott gesetzte Grenze verletzt wird. Ungehorsam beschreibt die Weigerung oder das Versäumnis, einer verbindlichen Weisung zu folgen. Beide Begriffe stehen hier für eine Haltung beziehungsweise ein Verhalten, das Gottes offenbarten Willen missachtet. Die Geschichte Israels zeigt, wie ernst Gott seinen Bund nahm. Dennoch sollten wir aus der Aussage über gerechte Vergeltung nicht schließen, dass jedes Leiden eines Menschen unmittelbar die Strafe für eine bestimmte persönliche Sünde sein müsse. Der Hebräerbrief spricht hier von der Verbindlichkeit göttlicher Offenbarung und den Folgen ihrer Missachtung, nicht von einer allgemeinen Erklärung sämtlicher menschlicher Schicksalsschläge.
Aus diesem Rückblick entwickelt Vers 3 eine noch ernstere Frage: „Wie wollen wir entfliehen, wenn wir ein so großes Heil versäumen?“ Der Verfasser stellt damit zwei Offenbarungen Gottes gegenüber, ohne die frühere für falsch zu erklären. Wenn bereits das durch Engel vermittelte Wort verbindlich war, wie viel schwerer wiegt es dann, die Rettung gering zu achten, die durch den Herrn selbst verkündigt wurde? Das Wort „Heil“ bezeichnet Gottes Rettung des Menschen aus Sünde und Verderben und die Hoffnung auf das ewige Leben. Sein Ursprung liegt in Gottes Gnade, nicht in einer Leistung, durch die der Mensch sich diese Rettung verdienen könnte. Gerade deshalb ist es so ernst, wenn jemand Gottes Angebot gleichgültig behandelt. Eine angebotene Rettung kann ihrem Zweck für den Einzelnen nicht dienen, wenn er sie dauerhaft missachtet und sich ihr verschließt.
Die Warnung richtet sich ausdrücklich an Menschen, die die christliche Botschaft bereits kennen. Der Verfasser spricht nicht nur über diejenigen, die Jesus von Anfang an abgelehnt haben, sondern schließt sich selbst mit dem Wort „wir“ ein. Damit wird deutlich, dass geistliche Wachsamkeit nicht nur für Menschen erforderlich ist, die noch am Anfang ihres Glaubens stehen. Auch wer bereits viel über Gott weiß, kann nachlässig werden. Die Formulierung „versäumen“ ist dabei bemerkenswert. Sie beschreibt nicht ausschließlich eine offene, bewusste Feindschaft gegen Christus. Auch das Vernachlässigen einer so großen Rettung wird als ernsthafte Gefahr dargestellt. Der Verfasser möchte seine Leser deshalb nicht zu einer ständigen Angst vor jeder persönlichen Schwäche treiben. Seine Warnung soll sie vielmehr davor bewahren, ihre Beziehung zu Gottes Wort leichtfertig aufzugeben.
Anschließend erinnert er daran, wie die Botschaft des Heils zu den Gläubigen gelangt war. Sie wurde zuerst durch den Herrn selbst verkündigt und anschließend von Menschen bestätigt, die ihn gehört hatten. Während seines irdischen Dienstes hatte Jesus zur Umkehr aufgerufen, Gottes Reich verkündigt und die Menschen zum Glauben eingeladen (Markus 1,14–15). Nach seinem Tod und seiner Auferstehung führten seine ersten Zeugen diese Verkündigung weiter. Sie berichteten nicht lediglich von eigenen religiösen Überzeugungen, sondern von den Worten und Taten Jesu, die sie gehört und erlebt hatten. Petrus beschreibt in Apostelgeschichte 2,32 die Apostel ausdrücklich als Zeugen seiner Auferstehung. Die christliche Botschaft wurde somit auf konkrete Ereignisse und auf das Zeugnis derjenigen zurückgeführt, die Jesus persönlich begegnet waren.
Die Formulierung, dass diese Botschaft „uns bestätigt worden ist“, besitzt außerdem Bedeutung für das Verständnis des Hebräerbriefes selbst. Der Verfasser scheint sich zu den Menschen zu zählen, denen die Nachricht durch frühere Hörer Jesu vermittelt wurde. Das ist ein gewichtiges Argument in der Frage nach der unbekannten Verfasserschaft des Briefes. Besonders eine unmittelbare Zuschreibung an einen der zwölf Apostel erscheint dadurch weniger naheliegend. Auch die traditionelle Annahme, Paulus habe den Brief geschrieben, wird dadurch erschwert, da Paulus an anderer Stelle ausdrücklich betont, das Evangelium durch eine Offenbarung Jesu Christi empfangen zu haben (Galater 1,11–12). Dennoch lässt sich aus dieser einen Formulierung kein endgültiger Ausschluss ableiten. Ein Verfasser kann sich auch bewusst mit seinen Lesern verbinden, ohne damit sämtliche Einzelheiten seiner persönlichen Glaubensgeschichte zu beschreiben. Für die eigentliche Aussage des Verses ist entscheidend, dass die Heilsbotschaft zuverlässig übermittelt und bestätigt wurde.
Vers 4 ergänzt nun, dass dieses menschliche Zeugnis nicht für sich allein stand. Gott selbst bestätigte die Verkündigung durch Zeichen, Wunder, unterschiedliche Kraftwirkungen und die Austeilungen des Heiligen Geistes. Solche Ereignisse begegnen besonders in der Apostelgeschichte. In Apostelgeschichte 3,1–10 wird beispielsweise von der Heilung eines Mannes berichtet, der von Geburt an gelähmt war. Petrus erklärte anschließend, dass diese Heilung durch die Macht Jesu Christi geschehen sei (Apostelgeschichte 3,12–16). Das Wunder sollte nicht Petrus als außergewöhnlichen Menschen verherrlichen, sondern auf den auferstandenen Herrn hinweisen. Ebenso berichten andere Abschnitte von Gottes Wirken durch die ersten Gemeinden. Die Zeichen standen damit im Dienst der Botschaft, die sie bestätigten.
Die verschiedenen Begriffe in Hebräer 2,4 setzen dabei unterschiedliche Akzente. Ein „Zeichen“ weist über das außergewöhnliche Ereignis selbst hinaus und macht auf dessen Bedeutung aufmerksam. Ein „Wunder“ hebt besonders das Staunen hervor, das ein solches Geschehen hervorruft. „Kraftwirkungen“ betonen die Macht, die darin sichtbar wird. Mit den Austeilungen des Heiligen Geistes sind die unterschiedlichen Wirkungen und Gaben verbunden, die Gott den Gläubigen schenkt. Paulus erläutert in 1. Korinther 12,4–11, dass der Geist verschiedene Gaben austeilt und diese nicht allen Menschen in gleicher Weise gegeben werden. Deshalb endet auch Hebräer 2,4 mit dem wichtigen Zusatz „nach seinem Willen“. Nicht der Mensch entscheidet darüber, welche außergewöhnlichen Gaben Gott ihm geben muss. Ihr Ursprung, ihre Verteilung und ihr Zweck stehen unter Gottes eigener Weisheit.
Damit werden auch die Grenzen solcher Zeichen deutlich. Der Hebräerbrief fordert seine Leser nicht dazu auf, fortwährend außergewöhnliche Erlebnisse zu suchen, um den Glauben aufrechterhalten zu können. Er erinnert an Gottes Beglaubigung der ursprünglichen Verkündigung. Ebenso wenig entscheidet dieser Vers allein darüber, ob sämtliche damals beobachteten Geistesgaben zu einem bestimmten späteren Zeitpunkt aufhören mussten oder in jeder Epoche unverändert auftreten sollten. Die Aussage ist zunächst, dass Gott selbst für die Zuverlässigkeit der Botschaft Zeugnis gegeben hat. Wer sie hört, begegnet daher nicht bloß einer religiösen Überlieferung, sondern einer Botschaft, deren Ursprung und Bestätigung der Verfasser auf Gottes eigenes Handeln zurückführt.
So bildet die erste Warnung des Hebräerbriefes eine geschlossene Argumentation. Gottes frühere Offenbarung besaß bereits verbindliche Autorität. Die durch Jesus verkündigte Rettung verdient umso größere Aufmerksamkeit, weil sie durch den Sohn selbst bekannt gemacht und durch glaubwürdige Zeugen sowie Gottes Wirken bestätigt wurde. Die entscheidende Gefahr besteht darin, dieses Heil trotz seiner Bedeutung zu vernachlässigen. Der Verfasser möchte deshalb erreichen, dass die Gläubigen das empfangene Wort nicht lediglich als vergangene Nachricht betrachten, sondern daran festhalten. Von dieser ernsten Ermahnung führt er seine Leser nun zu einer weiterführenden Frage: Welche Zukunft hat Gott für die Menschen bestimmt, und weshalb musste der Sohn Gottes selbst Mensch werden, um sie zu erfüllen?
Hebräer 2,5–8
Gottes ursprüngliche Bestimmung für den Menschen
Nach der ernsten Warnung richtet der Verfasser den Blick auf eine Zukunft, die Gott für die Menschen vorbereitet hat. Dabei beginnt er mit einer überraschenden Aussage: Nicht den Engeln hat Gott die zukünftige Welt unterstellt (Hebräer 2,5). Obwohl Engel mächtige himmlische Wesen sind und wichtige Aufgaben in Gottes Dienst erfüllen, liegt die Herrschaft über diese kommende Weltordnung nicht in ihren Händen. Diese Feststellung bereitet einen Gedanken vor, der für das Verständnis des gesamten Kapitels entscheidend ist: Gott hat dem Menschen von Anfang an eine besondere Würde und Verantwortung zugedacht. Um zu zeigen, wie weit diese Bestimmung reicht, greift der Verfasser auf einen Psalm zurück, der die Stellung des Menschen innerhalb der Schöpfung beschreibt.
Mit der „zukünftigen Welt“ ist mehr gemeint als eine weitere Epoche der gewöhnlichen Menschheitsgeschichte. Der griechische Ausdruck bezeichnet die kommende bewohnte Welt und richtet den Blick auf die endgültige Verwirklichung von Gottes Herrschaft. Der Hebräerbrief betrachtet diese Zukunft jedoch nicht als etwas, das mit dem gegenwärtigen Wirken Christi überhaupt noch nichts zu tun hätte. Jesus ist bereits erhöht, während die vollständige Verwirklichung seiner Herrschaft noch aussteht. Damit stehen Gegenwart und Zukunft in einer engen Beziehung: Was Gott durch Christus begonnen hat, wird er auch vollenden. Der Verfasser legt hier allerdings keinen genauen zeitlichen Ablauf der zukünftigen Ereignisse fest. Sein Anliegen ist zunächst, zu erklären, wem Gott diese kommende Herrschaft zugedacht hat und weshalb die Menschwerdung Jesu dafür so bedeutsam ist.
Zur Begründung führt er Psalm 8,5–7 an. Der Psalm beginnt mit dem Lob der Größe Gottes, dessen Herrlichkeit über den Himmel hinausreicht. David betrachtet die Himmel, den Mond und die Sterne als Werke des Schöpfers und stellt angesichts ihrer gewaltigen Ausdehnung eine bewegende Frage: Was ist der Mensch, dass Gott seiner gedenkt und sich seiner annimmt? Hinter diesen Worten steht das Staunen darüber, dass der Schöpfer des gesamten Weltalls seine Aufmerksamkeit auf ein vergleichsweise kleines und vergängliches Geschöpf richtet. Der Mensch erscheint angesichts der Größe des Universums unbedeutend. Dennoch hat Gott ihm eine Stellung gegeben, die sich nicht aus seiner eigenen Macht oder Größe erklären lässt. Seine Würde beruht darauf, dass der Schöpfer sich ihm zuwendet.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Bezeichnung „des Menschen Sohn“, die der Psalm verwendet und die der Hebräerbrief übernimmt. Im ursprünglichen hebräischen Zusammenhang ist damit zunächst ein Mensch beziehungsweise ein Menschenkind gemeint. Die Formulierung hebt seine Zugehörigkeit zur Menschheit hervor und steht parallel zum vorherigen Wort „Mensch“. Sie ist an dieser Stelle noch nicht automatisch ein ausschließlich messianischer Titel. Jesus verwendet später häufig die Bezeichnung „Menschensohn“ für sich selbst, und Daniel 7,13–14 beschreibt eine Gestalt „wie eines Menschen Sohn“, der ewige Herrschaft gegeben wird. Doch diese späteren Zusammenhänge dürfen die ursprüngliche Aussage von Psalm 8 nicht verdrängen. Der Psalm spricht zuerst von der Würde und Berufung des Menschen überhaupt. Gerade deshalb ist seine Verwendung im Hebräerbrief so bedeutsam: Der Verfasser zeigt, wie Gottes Absicht mit der Menschheit durch Jesus Christus ihre entscheidende Erfüllung findet.
Anschließend erklärt der Psalm, dass Gott den Menschen „ein wenig niedriger als die Engel“ gemacht und ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt hat (Hebräer 2,7). An dieser Stelle begegnet uns eine interessante sprachliche Besonderheit. Der hebräische Psalm verwendet das Wort Elohim, das gewöhnlich Gott bezeichnet, im Zusammenhang aber auch auf göttliche beziehungsweise himmlische Wesen bezogen werden kann. Die alte griechische Übersetzung gibt den Ausdruck mit „Engel“ wieder. Dieser griechischen Fassung folgt der Hebräerbrief. Dadurch wird der Mensch in Beziehung zur himmlischen Welt gesetzt, ohne selbst zu einem Engel gemacht zu werden. Er besitzt eine geringere Stellung als diese himmlischen Wesen und wird dennoch von Gott mit außergewöhnlicher Würde ausgestattet. Seine Bedeutung wird also weder durch seine körperliche Schwäche noch durch seine Stellung unterhalb der Engel aufgehoben.
Auch die Worte „ein wenig niedriger“ lassen sprachlich zwei Bedeutungen zu. Sie können einen geringen Unterschied im Rang beschreiben oder eine Erniedrigung, die nur für eine begrenzte Zeit besteht. Im ursprünglichen Psalm liegt die Beschreibung der menschlichen Stellung innerhalb der Schöpfung nahe. Wenn der Hebräerbrief diese Worte später ausdrücklich auf Jesus bezieht, gewinnt dagegen auch die zeitliche Bedeutung an Gewicht. Denn Christus nahm für die Dauer seines irdischen Lebens eine erniedrigte Stellung ein und wurde anschließend erhöht. Diese Entwicklung wird erst im folgenden Vers ausdrücklich beschrieben. Für das Verständnis von Psalm 8 ist zunächst entscheidend, dass menschliche Begrenztheit und von Gott verliehene Herrlichkeit kein Widerspruch sein müssen.
Die Aussage, dass der Mensch mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt wurde, führt unmittelbar zur Schöpfungsgeschichte zurück. Nach 1. Mose 1,26–28 erschuf Gott Mann und Frau nach seinem Bild und übertrug ihnen Verantwortung für die Lebewesen der Erde. Das Bild der Krönung beschreibt deshalb keine menschliche Selbstverherrlichung, sondern eine Würde, die Gott dem Menschen gegeben hat. Er sollte innerhalb der Schöpfung eine besondere Aufgabe übernehmen und mit den ihm anvertrauten Lebewesen verantwortlich umgehen. Seine Herrschaft war von Anfang an eine verliehene Herrschaft. Sie machte ihn nicht zum unabhängigen Eigentümer der Welt, der nach Belieben mit ihr verfahren dürfte. Vielmehr sollte der Mensch unter Gottes Autorität handeln und seine Verantwortung im Einklang mit dem Willen des Schöpfers ausüben.
Diesen Gedanken unterstreicht Vers 8 mit der Aussage, dass Gott alles unter die Füße des Menschen gestellt hat. Im ursprünglichen Psalm wird diese Herrschaft anschließend besonders an den Tieren des Feldes, den Vögeln des Himmels und den Fischen des Meeres veranschaulicht (Psalm 8,8–9). Die Formulierung „unter die Füße“ war in der damaligen Sprache ein verbreitetes Bild für Herrschaft und Unterordnung. Sie bedeutet nicht, dass der Mensch die Schöpfung rücksichtslos behandeln sollte. Sie beschreibt vielmehr die besondere Stellung, die Gott ihm innerhalb seiner Werke gegeben hat. Der Hebräerbrief greift dieses Bild auf und richtet die Aufmerksamkeit auf die umfassende Bedeutung des Wortes „alles“. Wenn Gott dem Menschen alles unterstellt hat, so erklärt der Verfasser, bleibt innerhalb dieser Aussage nichts ausgenommen, was nicht unter seine Herrschaft gestellt wäre.
Gerade hier entsteht jedoch ein Problem. Der Verfasser stellt ausdrücklich fest, dass wir gegenwärtig noch nicht sehen, dass dem Menschen alles unterworfen ist. Zwischen der von Gott zugesprochenen Bestimmung und der erfahrbaren Wirklichkeit besteht ein deutlicher Unterschied. Menschen besitzen zwar Macht über viele Bereiche der Natur, doch ihre Möglichkeiten bleiben begrenzt. Sie können Krankheiten nicht vollständig verhindern, Naturgewalten nicht uneingeschränkt beherrschen und dem eigenen Tod aus eigener Kraft nicht entkommen. Hinzu kommt, dass die menschliche Herrschaft seit dem Sündenfall häufig von Ungerechtigkeit und Missbrauch geprägt ist. Statt die Schöpfung verantwortungsvoll zu bewahren, nutzt der Mensch seine Macht immer wieder dazu, anderen zu schaden. Die Welt entspricht deshalb nicht vollständig jener guten Ordnung, für die Gott sie ursprünglich geschaffen hat.
Dieser Widerspruch führt zu einer wichtigen Frage: Hat Gott seine ursprüngliche Absicht mit der Menschheit aufgegeben, oder steht ihre vollständige Verwirklichung noch bevor? Der Hebräerbrief beantwortet diese Frage nicht, indem er die Worte von Psalm 8 abschwächt oder ihre Bedeutung auf die gegenwärtigen Möglichkeiten des Menschen begrenzt. Vielmehr hält er an der göttlichen Verheißung fest und erkennt zugleich ehrlich an, dass ihre Erfüllung noch nicht vollständig sichtbar ist. Damit unterscheidet er zwischen dem, was Gott dem Menschen zugedacht hat, und dem, was Menschen gegenwärtig tatsächlich erleben. Die ursprüngliche Bestimmung bleibt bestehen, obwohl die menschliche Geschichte von Sünde, Leiden und Tod gezeichnet ist.
Das ist zugleich der entscheidende Übergang zum nächsten Abschnitt. Die menschliche Begrenztheit und das bisherige Scheitern bedeuten nicht, dass Gottes Absicht unerreichbar geworden wäre. Der Verfasser führt seine Leser vielmehr zu demjenigen, in dem die verheißene Würde des Menschen bereits sichtbar geworden ist. Während wir noch nicht sehen, dass dem Menschen alles unterworfen ist, richtet Hebräer 2,9 unseren Blick auf Jesus. Er wurde wirklich Mensch, ging durch Erniedrigung und Tod und empfing anschließend Herrlichkeit und Ehre. An seinem Weg wird erkennbar, wie Gott die Zukunft der Menschheit nicht durch ihre eigene Macht, sondern durch seinen Sohn zur Erfüllung führt.
Hebräer 2,9–10
Jesus wird erniedrigt und durch Leiden zum Heilsführer vollendet
Mit den Worten „den aber [...] Jesus, sehen wir“ (Hebräer 2,9) vollzieht der Verfasser eine entscheidende Wendung. Gerade nachdem er festgestellt hat, dass Gottes ursprüngliche Bestimmung für den Menschen noch nicht vollständig verwirklicht ist, richtet er den Blick auf Christus. Während die gegenwärtige Welt weiterhin von Leid, Sünde und Tod geprägt wird, ist in Jesus bereits etwas geschehen, das über diese Wirklichkeit hinausweist. Er hat den Weg der Erniedrigung durchschritten und ist mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt worden. Die Hoffnung auf die Wiederherstellung des Menschen bleibt damit nicht nur eine Verheißung für eine ferne Zukunft. In Christus besitzt sie bereits eine lebendige Grundlage.
Besonders bemerkenswert ist, dass der Verfasser Jesus ausdrücklich als denjenigen beschreibt, der „ein wenig unter die Engel erniedrigt worden ist“. Diese Worte greifen die Formulierung aus Psalm 8 auf, erhalten nun jedoch eine besondere Bedeutung. Der Sohn Gottes, dessen einzigartige Stellung im ersten Kapitel ausführlich beschrieben wurde, trat freiwillig in die menschliche Lebenswirklichkeit ein. Er nahm eine Stellung an, die mit körperlicher Schwäche, Leiden und Sterblichkeit verbunden war. Das bedeutete nicht, dass er seine göttliche Würde verlor oder seinem Wesen nach zu einem geschaffenen Engel wurde. Vielmehr nahm er die Bedingungen menschlichen Lebens auf sich. Philipper 2,6–8 beschreibt dieselbe Bewegung: Christus erniedrigte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an und wurde gehorsam bis zum Tod am Kreuz.
Die Formulierung „ein wenig“ verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Im Griechischen kann sie sowohl einen geringen Unterschied im Rang als auch eine begrenzte Zeitdauer ausdrücken. Für die Anwendung auf Jesus ist die zeitliche Bedeutung besonders passend. Seine Erniedrigung war nicht sein endgültiger Zustand. Er kam in die Welt, lebte als Mensch, ertrug Leiden und starb, wurde aber anschließend von Gott erhöht. Der Hebräerbrief beschreibt also keinen dauerhaften Verlust seiner königlichen Stellung, sondern einen Weg, der von der freiwilligen Erniedrigung zur Herrlichkeit führt. Dass Jesus diesen Weg tatsächlich durchschritten hat, ist für die folgende Erklärung des Erlösungswerkes von entscheidender Bedeutung.
Warum verbindet der Verfasser die Erniedrigung Jesu so eng mit seinem Tod? Weil der Sohn Gottes nicht nur unter Menschen leben, sondern das menschliche Todesgeschick wirklich auf sich nehmen sollte. Seine Menschwerdung war keine äußerliche Verkleidung und sein Leiden kein bloßes Schauspiel. Jesus erlebte Hunger, Erschöpfung, Ablehnung und körperliche Schmerzen. Schließlich starb er am Kreuz. Die Evangelien beschreiben seinen Tod als ein wirkliches geschichtliches Ereignis (Johannes 19,28–30). Damit wird verständlich, weshalb der Hebräerbrief von einer Erniedrigung spricht, die bis zum Todesleiden reichte. Christus begegnete den Folgen der gefallenen menschlichen Existenz nicht aus sicherer Entfernung, sondern trat selbst in diese Wirklichkeit ein.
Doch der Tod blieb nicht das letzte Ereignis seines Weges. Hebräer 2,9 beschreibt Jesus als denjenigen, der „wegen des Todesleidens mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“ wurde. Die Worte aus Psalm 8 erhalten hier eine neue Bedeutung: Der erniedrigte Jesus ist nun der erhöhte Menschensohn. Die Krönung weist auf seine Auferstehung und die anschließende Erhöhung in die himmlische Herrlichkeit. Darin liegt ein bemerkenswerter Gegensatz zu menschlichen Vorstellungen von Größe. Gewöhnlich verbinden Menschen Herrschaft mit Macht, Stärke und der Fähigkeit, Niederlagen zu vermeiden. Bei Christus führt der Weg zur Herrlichkeit gerade durch die freiwillige Hingabe seines Lebens. Er wird nicht deshalb geehrt, weil er Leiden aus dem Weg gegangen wäre, sondern weil er seinen rettenden Auftrag bis zum Ende erfüllt hat. Auch Philipper 2,9–11 verbindet seine Erniedrigung mit der anschließenden Erhöhung durch Gott.
Der letzte Teil von Vers 9 erklärt den umfassenden Zweck seines Todes: Christus sollte „durch Gottes Gnade für jedermann den Tod schmecken“. Die Formulierung „den Tod schmecken“ darf nicht so verstanden werden, als hätte Jesus den Tod nur kurz berührt oder einen kleinen Teil seiner Wirklichkeit erfahren. In der biblischen Sprache bedeutet sie, den Tod tatsächlich zu erleben. Jesus starb wirklich. Der Ausdruck unterstreicht deshalb die Ernsthaftigkeit seines Opfers. Entscheidend ist außerdem, dass dieses Geschehen ausdrücklich mit Gottes Gnade verbunden wird. Der Tod Christi war nicht das Ergebnis einer menschlichen Leistung, mit der sich die Menschen ihre Rettung verdient hätten. Er gehörte zu Gottes gnädigem Handeln zugunsten derer, die sich selbst nicht aus der Macht der Sünde befreien konnten.
An dieser Stelle gibt es eine alte Besonderheit der griechischen Textüberlieferung. Während die große Mehrheit der Handschriften von „Gottes Gnade“ spricht, enthalten einige frühe Textzeugen die Formulierung „ohne Gott“. Diese abweichende Lesart wurde unter anderem mit dem Ruf Jesu am Kreuz in Verbindung gebracht, als er seine Gottverlassenheit zum Ausdruck brachte (Markus 15,34). Sie ist deshalb historisch ernst zu nehmen. Die breiter bezeugte und in der Schlachter 1951 wiedergegebene Lesart „durch Gottes Gnade“ besitzt jedoch die stärkere Grundlage. Sie entspricht auch dem Gedankengang des Abschnitts, der Gottes rettende Absicht hervorhebt. Die beiden Formulierungen dürfen nicht einfach als gleichlautende Aussagen behandelt werden, denn sie setzen unterschiedliche Akzente.
Ebenso wichtig ist das Wort „jedermann“. Der Tod Jesu wird nicht auf eine kleine gesellschaftliche Gruppe, ein einzelnes Volk oder Menschen mit bestimmten Voraussetzungen begrenzt. Seine Hingabe besitzt eine umfassende Bedeutung für die Menschheit. Johannes 3,16 verbindet Gottes Liebe zur Welt mit der Hingabe seines Sohnes und der Verheißung ewigen Lebens für diejenigen, die an ihn glauben. Der Hebräerbrief unterstreicht hier die Weite dieses rettenden Handelns. Daraus folgt allerdings nicht automatisch, dass jeder Mensch unabhängig von seinem Verhältnis zu Christus endgültig gerettet wird. Der Vers beschreibt den umfassenden Horizont seines stellvertretenden Todes. Wie Menschen Anteil an dieser Rettung erhalten und weshalb das Festhalten am Glauben notwendig bleibt, erklärt der Brief an anderen Stellen ausführlicher.
Vers 10 führt nun tiefer in Gottes Absicht hinein. Er spricht von demjenigen, „um dessentwillen alles und durch den alles ist“. Gemeint ist hier Gott, der Ursprung und das Ziel der gesamten Schöpfung. Alles besteht durch sein Handeln und ist auf die Erfüllung seiner Absichten ausgerichtet. In diesem Zusammenhang erklärt der Verfasser, dass Gott viele Kinder zur Herrlichkeit führen will. Damit wird die Zukunft der Erlösten ausdrücklich mit dem Weg Jesu verbunden. Gottes Ziel besteht nicht nur darin, Menschen ihre vergangenen Sünden zu vergeben. Er möchte sie in die Gemeinschaft mit sich aufnehmen und ihnen Anteil an jener Herrlichkeit schenken, die mit der endgültigen Vollendung seines Heils verbunden ist. Der Sohn geht diesen Weg voraus, damit andere durch ihn zum Ziel gelangen können.
Deshalb bezeichnet der Verfasser Jesus als den „Anführer ihres Heils“. Hinter diesem Ausdruck steht ein griechisches Wort, das einen Führer, Urheber oder Wegbereiter beschreiben kann. Alle diese Bedeutungen helfen, die besondere Aufgabe Christi zu verstehen. Ein Wegbereiter geht anderen voraus und eröffnet einen Weg, den sie ohne ihn nicht erreichen könnten. Ein Anführer bringt diejenigen, die ihm anvertraut sind, ihrem Ziel entgegen. Jesus ist jedoch nicht bloß ein menschliches Vorbild, das einen schwierigen Weg erfolgreich gemeistert hat und nun zur Nachahmung auffordert. Sein Tod und seine Auferstehung besitzen selbst eine rettende Bedeutung. Er hat den Zugang zum Leben eröffnet, den Menschen aus eigener Kraft nicht schaffen können. Darum ist er zugleich derjenige, der vorangeht, und derjenige, durch dessen Erlösungswerk die Rettung überhaupt möglich wird.
Besonders erklärungsbedürftig ist schließlich die Aussage, dass Gott diesen Anführer „durch Leiden“ vollendet hat. Bedeutet das, Jesus sei vorher unvollkommen gewesen und habe erst durch schmerzhafte Erfahrungen gelernt, moralisch vollkommen zu werden? Das wäre ein Missverständnis. Der Hebräerbrief beschreibt Christus später ausdrücklich als denjenigen, der ohne Sünde blieb (Hebräer 4,15). Die hier angesprochene Vollendung meint deshalb nicht die Beseitigung einer früheren Sündhaftigkeit. Gemeint ist vielmehr, dass Jesus seinen ihm aufgetragenen Weg vollständig durchschritt und dadurch sein rettendes Werk zur Vollendung brachte. Seine Leiden waren keine nachträgliche Verbesserung seines Wesens, sondern gehörten zu dem Weg, auf dem er als menschgewordener Sohn Gottes die Erlösung vollbrachte.
Damit erhält auch die Formulierung, dass es Gott „ziemte“, diesen Weg zu wählen, ihre Bedeutung. Sie bezeichnet etwas, das seinem Wesen und seiner rettenden Absicht entspricht. Der Verfasser stellt Leiden nicht als einen Wert an sich dar und behauptet auch nicht, Gott habe Freude an den Schmerzen seines Sohnes gehabt. Vielmehr erklärt er, dass der Weg Jesu angesichts des göttlichen Heilsziels angemessen war. Christus sollte Menschen nicht nur aus der Ferne retten, sondern ihre Wirklichkeit teilen, den Tod überwinden und sie als ihr Erlöser zur Herrlichkeit führen. Gerade dadurch verbindet der Hebräerbrief Gottes Heiligkeit und Macht mit seiner tiefen Zuwendung zum Menschen.
Wie eng Christus sich mit den Menschen verbunden hat, wird nun im nächsten Abschnitt noch persönlicher beschrieben. Der Verfasser spricht nicht mehr allein von vielen Kindern, die zur Herrlichkeit geführt werden sollen. Er zeigt, dass Jesus selbst diejenigen, für die er diesen Weg gegangen ist, seine Brüder nennt. Damit erhält die Erlösung eine familiäre Dimension: Gott möchte Menschen nicht nur aus ihrer Schuld befreien, sondern sie in eine bleibende Gemeinschaft mit seinem Sohn aufnehmen.
Hebräer 2,11–13
Der Sohn Gottes nennt die Erlösten seine Brüder
Was es bedeutet, zur Gemeinschaft der Erlösten zu gehören, erklärt der Hebräerbrief nun anhand einer besonderen Beziehung zwischen Jesus Christus und den Menschen, die er rettet. Der Verfasser spricht von demjenigen, der heiligt, und von denen, die geheiligt werden (Hebräer 2,11). Damit unterscheidet er zunächst zwei Seiten des Erlösungswerkes. Jesus ist der Heiligende, während die Gläubigen diejenigen sind, an denen sein heiligendes Handeln geschieht. Dennoch besteht zwischen ihnen eine so enge Verbindung, dass Christus sich nicht schämt, sie seine Brüder zu nennen. Diese Aussage erhält ihr besonderes Gewicht gerade durch den Unterschied zwischen dem vollkommenen Sohn Gottes und den Menschen, die auf seine Gnade angewiesen sind.
Um diese Beziehung zu verstehen, müssen wir zunächst klären, was die Bibel mit „heiligen“ meint. Im biblischen Sprachgebrauch bedeutet Heiligung grundlegend, für Gott ausgesondert zu werden und ihm zu gehören. Etwas Heiliges ist nicht mehr für einen gewöhnlichen Zweck bestimmt, sondern steht in einer besonderen Beziehung zu Gott. Im Alten Testament wurden beispielsweise Priester für ihren Dienst geheiligt, ebenso Gegenstände, die für den Gottesdienst bestimmt waren (2. Mose 29,1; 40,9–15). Bei Menschen umfasst Heiligung darüber hinaus auch die Veränderung ihres Lebens. Wer Gott gehört, soll zunehmend lernen, seinem Willen entsprechend zu denken und zu handeln. Heiligung betrifft deshalb sowohl die Zugehörigkeit zu Gott als auch die daraus erwachsende Erneuerung des Menschen.
Im Hebräerbrief steht zunächst das rettende Handeln Jesu im Mittelpunkt. Menschen werden nicht dadurch geheiligt, dass sie aus eigener Kraft eine vollkommene Gerechtigkeit hervorbringen. Christus schafft durch sein Erlösungswerk die Grundlage dafür, dass sie vor Gott geheiligt werden können. Hebräer 10,10 erklärt später, dass die Gläubigen durch die Opfergabe des Leibes Jesu Christi geheiligt sind. Damit wird die Heiligung unmittelbar mit seiner Hingabe verbunden. Zugleich spricht Hebräer 10,14 von Menschen, die geheiligt werden, und zeigt damit, dass Gottes Werk auch ihr weiteres Leben umfasst. Die Beziehung zu Christus ist also nicht das Ergebnis menschlicher Vollkommenheit. Sie beginnt mit seiner Gnade und führt zu einem Leben, das zunehmend von seiner Wahrheit geprägt werden soll.
Anschließend begründet Vers 11 die besondere Nähe zwischen Jesus und den Geheiligten mit der Aussage, dass sie „alle von einem“ abstammen. Diese Formulierung ist allerdings nicht so eindeutig, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Im griechischen Text wird nicht ausdrücklich gesagt, wer mit diesem Einen gemeint ist. Eine naheliegende Erklärung ist Gott, der Vater, von dem sowohl das rettende Handeln Christi als auch die neue Gemeinschaft der Erlösten ihren Ursprung haben. Andere Ausleger betonen die gemeinsame Menschlichkeit, die Jesus durch seine Menschwerdung mit den Menschen teilt. Beide Gedanken besitzen im größeren Zusammenhang des Kapitels eine Grundlage. Der Vers selbst lässt jedoch offen, welche Bedeutung besonders hervorgehoben werden soll. Sicher ist, dass der Verfasser eine wirkliche Verbundenheit zwischen dem Sohn und den Menschen beschreibt, die durch ihn geheiligt werden.
Dabei darf die gemeinsame Herkunft nicht so verstanden werden, als bestünde kein Unterschied mehr zwischen Jesus und den Erlösten. Christus ist der Sohn Gottes in einer einzigartigen Weise. Die Gläubigen dagegen werden durch Gottes Gnade in seine Familie aufgenommen. Johannes 1,12 beschreibt diese neue Stellung als das Recht, Kinder Gottes zu werden, das diejenigen empfangen, die an Christus glauben. Ebenso spricht Römer 8,15–17 davon, dass Gläubige durch den Geist als Kinder Gottes angenommen werden und dadurch zu seinen Erben gehören. Sie werden also nicht selbst zu göttlichen Wesen oder zu Erlösern. Ihre neue Würde besteht darin, dass Gott sie durch Christus in eine Beziehung zu sich aufnimmt, die sie aus eigener Kraft niemals hätten herstellen können.
Vor diesem Hintergrund erhält die Aussage, dass Jesus sich nicht schämt, die Gläubigen seine Brüder zu nennen, eine besonders tiefe Bedeutung. Das Wort „schämen“ beschreibt hier die Möglichkeit, sich von jemandem zu distanzieren, weil dessen Stellung als gering oder unwürdig angesehen wird. Jesus handelt gerade nicht so. Obwohl er ohne Sünde ist und die Menschen auf seine Vergebung angewiesen sind, wendet er sich ihnen zu und erkennt diejenigen, die er heiligt, als seine Angehörigen an. Diese Nähe bedeutet nicht, dass ihre Sünden bedeutungslos wären. Vielmehr macht sie deutlich, wie weit Gottes rettende Liebe reicht: Christus überwindet die Trennung, die der Mensch aus eigener Kraft nicht aufheben kann, und eröffnet ihm die Gemeinschaft mit sich.
Um diese erstaunliche Aussage zu begründen, führt der Verfasser in Vers 12 Psalm 22,23 an: „Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkündigen; inmitten der Gemeinde will ich dir lobsingen!“ Der ursprüngliche Psalm beginnt mit einem erschütternden Hilferuf. Sein Beter erlebt tiefe Not, fühlt sich verlassen und wird von seinen Gegnern bedrängt. Dennoch hält er an Gott fest und bittet um Rettung. Im weiteren Verlauf verändert sich die Sprache des Psalms. An die Stelle der Klage tritt die Gewissheit, dass Gott das Leiden des Bedrängten nicht übersehen hat. Daraus erwächst der Entschluss, Gottes Namen vor den Brüdern zu verkündigen und ihn in der versammelten Gemeinde zu loben. Das Zitat stammt somit aus einem Zusammenhang, in dem erlebtes Leid und die Hoffnung auf Gottes rettendes Eingreifen eng miteinander verbunden sind.
Diese Bewegung erhält im Leben Jesu eine besondere Bedeutung. Während seiner Kreuzigung sprach Christus die Anfangsworte von Psalm 22: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46). Der Hebräerbrief greift nun einen späteren Vers desselben Psalms auf, der von der Verkündigung des göttlichen Namens und vom gemeinsamen Lob spricht. Dadurch verbindet er die Gemeinschaft Jesu mit seinen Brüdern mit einem Psalm, der von äußerster Bedrängnis zur Zuversicht und zum Lob Gottes führt. Der Verfasser erklärt nicht jede Einzelheit des Psalms als eine unmittelbare Vorhersage einzelner Ereignisse im Leben Jesu. Er nimmt vielmehr eine bestimmte Aussage auf und zeigt, wie sie im Licht von Christi Leiden und Erhöhung eine tiefere Bedeutung erhält.
Besonders schön ist dabei die Vorstellung, dass Christus Gottes Namen seinen Brüdern verkündigt. Im biblischen Sprachgebrauch meint der Name Gottes weit mehr als eine bestimmte Bezeichnung. Er steht auch für Gottes Wesen, seine Treue, seine Macht und sein Handeln. Wenn Jesus den Namen Gottes bekannt macht, offenbart er den Menschen, wer der Vater ist. In Johannes 17,6 erklärt er, dass er den Menschen, die Gott ihm gegeben hat, dessen Namen offenbart hat. Später fügt er hinzu, dass er ihnen diesen Namen weiterhin bekannt machen wird, damit Gottes Liebe in ihnen sei (Johannes 17,26). Die Verbindung zu Hebräer 2 liegt darin, dass Jesus die Menschen nicht nur über Gott informiert. Er führt sie in eine Gemeinschaft hinein, in der sie den Vater erkennen und ihm vertrauen dürfen.
Auch die Worte über den Lobgesang inmitten der Gemeinde besitzen eine besondere Bedeutung. Im ursprünglichen Psalm tritt der Gerettete vor die versammelte Gemeinschaft und ruft andere dazu auf, Gott für seine Treue zu preisen. Wenn der Hebräerbrief diese Worte Christus zuordnet, erscheint er nicht als ein Herrscher, der die Erlösten lediglich aus großer Entfernung betrachtet. Er steht in einer lebendigen Beziehung zu ihnen und verbindet sie im Lob Gottes. Daraus muss nicht abgeleitet werden, dass der Vers eine bestimmte himmlische Versammlung oder einen konkreten Zeitpunkt eines Lobgesangs beschreibt. Entscheidend ist die Gemeinschaft, die durch Christus entsteht. Die Menschen, die er seine Brüder nennt, werden durch ihn zu einer Gemeinde verbunden, deren Mittelpunkt die Verehrung Gottes ist.
Vers 13 ergänzt diese Aussage mit zwei weiteren Zitaten: „Ich will mein Vertrauen auf ihn setzen“ und „Siehe, ich und die Kinder, die mir Gott gegeben hat.“ Beide Aussagen führen in den Zusammenhang von Jesaja 8,17–18. Der Prophet lebte in einer Zeit großer politischer Bedrohung und geistlicher Untreue. Das Volk Juda stand unter dem Druck mächtiger Nachbarreiche, während viele Menschen ihre Sicherheit in politischen Bündnissen oder anderen Formen menschlicher Absicherung suchten. Jesaja sollte dagegen auf Gottes Wort hören und an seiner Verheißung festhalten. Selbst als Gott sein Angesicht vor dem Haus Jakob verbarg, erklärte der Prophet, dass er auf ihn warten und sein Vertrauen auf ihn setzen werde. In einer unsicheren Zeit blieb Gottes Zusage der Grund seiner Hoffnung.
Wenn der Hebräerbrief diese Worte auf Jesus anwendet, tritt eine wichtige Seite seiner Menschwerdung hervor. Christus kam nicht nur in eine Welt voller menschlicher Abhängigkeit und Unsicherheit, sondern lebte selbst in vollkommenem Vertrauen auf seinen Vater. Sein irdisches Leben war von Gehorsam, Gebet und beständiger Ausrichtung auf Gottes Willen geprägt. Besonders sichtbar wurde dies in Gethsemane, als Jesus angesichts des bevorstehenden Leidens betete und seinen eigenen Willen dem Willen des Vaters unterordnete (Lukas 22,42). Das Vertrauen, von dem Hebräer 2,13 spricht, ist deshalb keine bloße religiöse Erklärung. Es entspricht dem tatsächlichen Weg Jesu, der auch unter schwerster Belastung an der Treue seines Vaters festhielt. Seine göttliche Herkunft hebt dieses Vertrauen nicht auf, denn als wirklicher Mensch lebte er in einer echten Beziehung des Gehorsams und der Abhängigkeit zum Vater.
Das zweite Zitat aus Jesaja 8 führt diesen Gedanken weiter. Der Prophet spricht dort von sich und den Kindern, die Gott ihm gegeben hat. Seine Kinder besaßen im damaligen Zusammenhang eine besondere Bedeutung, weil ihre Namen mit prophetischen Botschaften für Israel verbunden waren (Jesaja 7,3; 8,3–4.18). Sie gehörten zu den sichtbaren Zeichen, durch die Gott sein Volk an seine Worte erinnerte. Im Hebräerbrief wird diese Aussage auf Christus und die Menschen bezogen, die Gott ihm anvertraut hat. Dadurch tritt erneut die enge Verbundenheit zwischen Jesus und den Erlösten hervor. Der Verfasser erklärt jedoch nicht ausdrücklich, dass Jesaja in jeder Einzelheit ein prophetisches Sinnbild Christi gewesen sei oder dass die damaligen Kinder sämtliche Eigenschaften der späteren Gläubigen vorweggenommen hätten. Er verwendet die überlieferten Worte vielmehr, um die Beziehung zwischen Christus, seinem Vertrauen auf Gott und den ihm zugehörigen Menschen verständlich zu machen.
Diese Verbindung begegnet auch im Gebet Jesu vor seinem Leiden. In Johannes 17 spricht er wiederholt von den Menschen, die der Vater ihm gegeben hat. Er bittet darum, dass sie bewahrt werden, in der Wahrheit geheiligt werden und schließlich bei ihm sein dürfen, um seine Herrlichkeit zu sehen (Johannes 17,9–24). Damit erhält das Bild der von Gott gegebenen Kinder eine zusätzliche geistliche Tiefe. Die Erlösten gehören Christus nicht aufgrund eines menschlichen Besitzanspruchs, sondern weil Gott sie ihm anvertraut und durch ihn zur Gemeinschaft mit sich berufen hat. Jesus übernimmt Verantwortung für sie und führt sie zu dem Ziel, das der Vater für sie bestimmt hat.
So entfalten die drei Zitate einen zusammenhängenden Gedanken. Psalm 22 zeigt den Geretteten, der Gottes Namen seinen Brüdern verkündigt und ihn in ihrer Mitte lobt. Jesaja 8 ergänzt das Vertrauen auf Gott und die Gemeinschaft mit den Kindern, die er gegeben hat. Der Hebräerbrief wendet diese Worte auf Christus an und beschreibt ihn damit als denjenigen, der den Erlösten nicht fernbleibt, sondern sich mit ihnen verbindet. Er offenbart ihnen den Vater, lebt ihnen vollkommenes Vertrauen vor und nimmt sie in die Gemeinschaft derer auf, die Gott gehören. Seine Beziehung zu ihnen gründet sich nicht auf ihrer eigenen Würdigkeit, sondern auf dem heiligenden Werk, das er für sie vollbringt.
Damit ist der Weg zur nächsten Aussage vorbereitet. Die enge Verbindung zwischen Christus und den Menschen bleibt nicht auf geistliche Gemeinschaft oder eine familiäre Bezeichnung beschränkt. Um sie wirklich retten zu können, musste der Sohn Gottes auch an ihrer körperlichen und sterblichen Existenz teilhaben. Warum dies notwendig war und wie gerade sein Tod zur Überwindung der Macht des Teufels wurde, erklärt der Verfasser unmittelbar in den folgenden Versen.
Hebräer 2,14–16
Durch seinen Tod überwindet Christus die Macht des Teufels
Warum musste Jesus Christus selbst sterben, um Menschen vom Tod zu befreien? Diese Frage führt uns zum Mittelpunkt der Verse 14 bis 16. Der Verfasser erklärt, dass die Menschen, die Gott seinem Sohn gegeben hat, eine gemeinsame Eigenschaft besitzen: Sie bestehen aus Fleisch und Blut. Deshalb wurde auch Christus dieser menschlichen Wirklichkeit teilhaftig. Sein Ziel bestand darin, durch seinen eigenen Tod die Macht des Teufels zu brechen und diejenigen zu befreien, die ihr Leben lang unter der Furcht vor dem Tod standen. Damit verbindet der Hebräerbrief drei große Gedanken miteinander: die wirkliche Menschwerdung Jesu, seinen Sieg über die Macht des Todes und die Befreiung der Menschen, denen Gottes Rettung gilt.
Die Formulierung „Fleisch und Blut“ bezeichnet in der Bibel den Menschen in seiner körperlichen und vergänglichen Existenz. Menschen brauchen Nahrung und Ruhe, können verletzt werden, erkranken und schließlich sterben. Ihre Kräfte sind begrenzt, und sie besitzen das Leben nicht unabhängig von Gott. Wenn Hebräer 2,14 erklärt, dass die Kinder Fleisch und Blut gemeinsam haben, beschreibt er damit eine grundlegende Eigenschaft des menschlichen Lebens. Jesus trat in genau diese Wirklichkeit ein. Er nahm nicht lediglich eine menschliche Gestalt an, die nach außen hin wie ein gewöhnlicher Körper erschien. Seine Menschlichkeit war wirklich. Er konnte Hunger und Durst empfinden, körperliche Schmerzen ertragen und sterben. Die Evangelien bezeugen diese Erfahrungen während seines irdischen Lebens ausdrücklich (Matthäus 4,2; Johannes 4,6–7; 19,28–30).
Bemerkenswert ist dabei die Formulierung, dass Christus „in ähnlicher Weise“ an Fleisch und Blut teilhatte. Sie unterstreicht seine wirkliche Gemeinschaft mit der menschlichen Natur, ohne zu behaupten, dass Jesus in jeder Hinsicht dieselbe geistliche oder moralische Beschaffenheit wie gefallene Menschen besessen hätte. Der Hebräerbrief wird später ausdrücklich erklären, dass Christus versucht wurde wie wir, jedoch ohne Sünde blieb (Hebräer 4,15). Seine Menschlichkeit war also weder eine bloße Erscheinung noch mit persönlicher Sündhaftigkeit gleichzusetzen. Gerade diese Verbindung ist für das Verständnis seiner Erlösungstat wichtig. Jesus konnte die Wirklichkeit menschlichen Leidens erfahren, ohne selbst dem Ungehorsam gegenüber Gott zu verfallen. Seine völlige Hingabe an den Vater blieb auch unter den Bedingungen eines verletzlichen menschlichen Lebens bestehen.
Anschließend erklärt der Verfasser den Zweck dieser Menschwerdung: Christus nahm an Fleisch und Blut teil, „damit er durch den Tod den außer Wirksamkeit setzte, der des Todes Gewalt hat, nämlich den Teufel“ (Hebräer 2,14). Hier begegnet uns ein erstaunlicher Gedanke. Der Sohn Gottes überwindet die Macht des Todes nicht dadurch, dass er sich jeder Begegnung mit ihm entzieht. Er geht vielmehr selbst in den Tod hinein und erringt gerade auf diesem Weg den entscheidenden Sieg. Für menschliche Beobachter erschien die Kreuzigung zunächst als vollständige Niederlage. Jesus wurde verspottet, misshandelt und schließlich hingerichtet. Doch das Neue Testament beschreibt dieses Geschehen zugleich als den Weg, auf dem Gottes Erlösungsabsicht erfüllt wurde. Die scheinbare Niederlage wurde zum entscheidenden Wendepunkt im Kampf gegen Sünde und Tod.
Um diese Aussage richtig zu verstehen, müssen wir zunächst klären, was die Bibel mit der „Gewalt des Todes“ meint, die dem Teufel zugeschrieben wird. Der Tod gehört nach der biblischen Darstellung nicht zu Gottes ursprünglicher Absicht mit dem Menschen als einem von Sünde und Verderben bestimmten Schicksal. In 1. Mose 2,17 warnt Gott vor den Folgen des Ungehorsams. Die anschließende Versuchung durch die Schlange führt zum Sündenfall und schließlich zur Rückkehr des Menschen zum Staub (1. Mose 3,1–19). Paulus erklärt später, dass die Sünde durch einen Menschen in die Welt kam und durch die Sünde der Tod (Römer 5,12). Satan erscheint in dieser Geschichte als Verführer und Widersacher Gottes. Jesus bezeichnet ihn in Johannes 8,44 als einen Menschenmörder von Anfang an und als Vater der Lüge. Die Verbindung zwischen Täuschung, Sünde und Tod gehört somit zum größeren biblischen Hintergrund der Aussage aus Hebräer 2.
Trotzdem dürfen wir daraus nicht schließen, dass Satan unabhängig von Gott über Leben und Tod entscheiden könnte. Der Hebräerbrief beschreibt seine Macht, erklärt jedoch nicht, dass ihm eine uneingeschränkte oder rechtmäßige Herrschaft über jedes menschliche Leben übertragen worden wäre. In der gesamten Bibel bleibt Gott der höchste Herr über Leben und Tod (5. Mose 32,39). Satans Macht steht vielmehr im Zusammenhang mit der Sünde, ihrer zerstörerischen Wirkung und der Gefangenschaft, in die Menschen dadurch geraten. Der Teufel kann verführen, anklagen und Menschen in eine von Tod und Hoffnungslosigkeit bestimmte Lebenswirklichkeit hineinziehen. Doch er besitzt keine Macht, die Gottes endgültige Absichten außer Kraft setzen könnte. Gerade das wird durch den Sieg Christi sichtbar.
Auch die Formulierung „außer Wirksamkeit setzen“ verlangt eine sorgfältige Erklärung. Das entsprechende griechische Wort kann bedeuten, etwas zu entkräften, unwirksam zu machen oder seiner bisherigen Macht zu berauben. Es bedeutet an dieser Stelle nicht, dass der Teufel im Augenblick des Todes Jesu vollständig vernichtet wurde oder seitdem nicht mehr existiert. Das Neue Testament beschreibt Satan auch nach der Auferstehung Christi weiterhin als einen Gegner, der Menschen zu verführen und vom Glauben abzubringen sucht (1. Petrus 5,8). Sein endgültiges Gericht wird erst in Offenbarung 20,10 beschrieben. Der Sieg am Kreuz und die endgültige Beseitigung Satans sind deshalb miteinander verbunden, aber nicht einfach dasselbe Ereignis. Christus hat durch seinen Tod und seine Auferstehung die entscheidende Grundlage für die vollständige Überwindung des Bösen geschaffen.
Worin besteht dieser Sieg nun genau? Die Antwort liegt in der Verbindung zwischen Sünde, Tod und der Auferstehung Jesu. Der Tod besitzt Macht über den Menschen, weil der Mensch der Sünde und ihren Folgen unterworfen ist. Jesus dagegen blieb ohne Sünde und gab sein Leben freiwillig für die Rettung anderer. Durch seine Auferstehung wurde offenbar, dass der Tod ihn nicht festhalten konnte (Apostelgeschichte 2,24). Damit hat Christus einen Weg eröffnet, der über das Grab hinausführt. Paulus erklärt in 2. Timotheus 1,10, dass Jesus Christus dem Tod die Macht genommen und Leben und Unvergänglichkeit durch das Evangelium ans Licht gebracht hat. Der Tod ist damit nicht länger eine Macht, die Gottes Erlösungsabsicht endgültig verhindern könnte. Wer zu Christus gehört, besitzt die Verheißung einer Auferstehung und eines Lebens, das nicht mehr dem Tod unterworfen sein wird.
Vers 15 beschreibt anschließend, welche Bedeutung dieser Sieg für die Menschen besitzt. Christus befreit diejenigen, „welche durch Todesfurcht ihr ganzes Leben hindurch in Knechtschaft gehalten wurden“. Das Bild der Knechtschaft bezeichnet einen Zustand der Unfreiheit. Wer in Knechtschaft lebt, kann nicht selbstständig über seine Situation bestimmen, sondern steht unter einer Macht, die sein Leben beherrscht. Der Hebräerbrief überträgt dieses Bild auf die Furcht vor dem Tod. Dabei geht es nicht nur um die Angst vor den Schmerzen des Sterbens. Der Tod konfrontiert den Menschen auch mit der Endlichkeit seiner Möglichkeiten, dem Verlust vertrauter Beziehungen und der Frage, was nach seinem Leben geschieht. Weil niemand dem Tod aus eigener Kraft dauerhaft entkommen kann, kann diese Gewissheit das gesamte Leben überschatten.
Diese Furcht muss jedoch sorgfältig von der natürlichen menschlichen Reaktion auf Lebensgefahr unterschieden werden. Die Bibel verlangt nicht, dass ein gläubiger Mensch niemals Angst vor dem Sterben empfindet. Selbst Jesus wurde angesichts seines bevorstehenden Leidens von tiefer Betrübnis ergriffen (Matthäus 26,37–39). Ebenso bedeutet christliche Hoffnung nicht, dass der Verlust eines geliebten Menschen keine Trauer mehr hervorrufen dürfte. Paulus erklärt ausdrücklich, dass die Gläubigen trauern können, aber nicht wie Menschen, die keine Hoffnung besitzen (1. Thessalonicher 4,13–14). Die Befreiung, von der Hebräer 2 spricht, besteht deshalb nicht notwendig darin, dass jedes Gefühl von Angst oder Trauer sofort verschwindet. Sie bedeutet vielmehr, dass der Tod nicht länger das letzte Wort über die Zukunft eines Menschen haben muss.
Durch Christus erhält die menschliche Hoffnung einen neuen Grund. Wer an ihn glaubt, darf wissen, dass seine Zukunft nicht mit dem Ende des gegenwärtigen Lebens abgeschlossen ist. Jesus selbst hat seinen Nachfolgern verheißen, dass er sie am letzten Tag auferwecken wird (Johannes 6,39–40). Auch Paulus verbindet die Auferstehung der Gläubigen ausdrücklich mit der Auferstehung Christi. In 1. Korinther 15,20–23 bezeichnet er Jesus als den Erstling der Entschlafenen und erklärt, dass die zu Christus Gehörenden bei seiner Wiederkunft auferstehen werden. Diese Hoffnung beseitigt nicht die Tatsache, dass Menschen gegenwärtig noch sterben. Sie verändert jedoch die endgültige Bedeutung des Todes. Er ist für die Erlösten nicht mehr eine unüberwindbare Grenze, hinter der jede Hoffnung endet. Gott hat durch Christus verheißen, auch diese Grenze zu überwinden.
Besonders wichtig ist dabei, dass die Bibel den endgültigen Sieg über den Tod noch als zukünftiges Ereignis beschreibt. In 1. Korinther 15,26 nennt Paulus den Tod ausdrücklich den letzten Feind, der beseitigt werden wird. Später erklärt er, dass bei der Auferstehung die Vergänglichkeit mit Unvergänglichkeit bekleidet und der Tod endgültig vom Sieg verschlungen werden wird (1. Korinther 15,51–57). Der Hebräerbrief spricht somit von einer Befreiung, deren Grundlage bereits durch Christus geschaffen wurde, deren vollständige Verwirklichung aber noch bevorsteht. Gerade diese Unterscheidung schützt vor einem Missverständnis: Der Sieg Jesu bedeutet nicht, dass Tod, Leiden und das Wirken des Bösen heute bereits aus der Welt verschwunden wären. Er bedeutet, dass ihre Macht zeitlich begrenzt ist und Gottes endgültige Verheißung nicht mehr aufhalten kann.
Mit Vers 16 führt der Verfasser seine Gedanken zu einer weiteren entscheidenden Aussage: „Denn er nimmt sich ja nicht der Engel an, sondern des Samens Abrahams nimmt er sich an.“ Die Formulierung „sich annehmen“ ist hier besonders bedeutsam. Das entsprechende griechische Wort beschreibt ein Ergreifen, Festhalten oder helfendes Eingreifen. Es wird an anderer Stelle beispielsweise verwendet, wenn Gott sein Volk bei der Hand nimmt, um es aus Ägypten herauszuführen (Hebräer 8,9). Der Gedanke ist deshalb nicht nur, dass Jesus den Menschen freundlich zugewandt wäre. Er greift rettend ein und nimmt sich derer an, die seiner Hilfe bedürfen. Die ältere Auslegung, der Vers sage ausdrücklich, Christus habe nicht die Natur der Engel, sondern die Natur Abrahams angenommen, geht über den unmittelbaren Wortlaut hinaus. Die wirkliche Menschwerdung wurde bereits in Vers 14 beschrieben. Hier steht vor allem im Mittelpunkt, wem sein rettendes Eingreifen gilt.
Warum verwendet der Verfasser dafür ausgerechnet die Bezeichnung „Same Abrahams“? Abraham nimmt in der biblischen Heilsgeschichte eine besondere Stellung ein. Gott berief ihn und versprach ihm eine zahlreiche Nachkommenschaft sowie einen Segen, der schließlich alle Geschlechter der Erde erreichen sollte (1. Mose 12,1–3). Später erklärte Gott, dass er seinen Bund mit Abraham und seinen Nachkommen aufrichten werde (1. Mose 17,7). Der Ausdruck „Same Abrahams“ bezeichnet deshalb zunächst seine Nachkommenschaft und erinnert zugleich an die Verheißungen, die Gott ihm gegeben hatte. Im Hebräerbrief erscheint die Erlösung somit nicht als ein plötzlich entstandener Plan, der mit dem Alten Testament nichts zu tun hätte. Sie steht in der Geschichte der göttlichen Zusagen, die bereits lange vor dem Kommen Jesu begonnen hatte.
Dabei dürfen wir die Nachkommenschaft Abrahams nicht ohne weitere Erklärung auf seine leiblichen Nachkommen beschränken. Paulus zeigt in Galater 3,7–9, dass auch diejenigen, die aus Glauben leben, als Kinder Abrahams bezeichnet werden können. In Galater 3,29 erklärt er ausdrücklich, dass Menschen, die Christus angehören, Abrahams Nachkommenschaft und Erben der Verheißung sind. Der Segen, den Gott Abraham zugesagt hatte, reicht damit über die Grenzen eines einzelnen Volkes hinaus. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Worte „Same Abrahams“ in Hebräer 2,16 einfach ein anderes Wort für die gesamte Menschheit wären. Die Bezeichnung bewahrt ihren Bezug zu Gottes Bund und Verheißung. Zugleich zeigt das Neue Testament, dass Menschen aus allen Völkern durch den Glauben an Christus Anteil an diesen Verheißungen erhalten können. So wird verständlich, weshalb der Hebräerbrief einerseits vom rettenden Tod Jesu für alle spricht und andererseits die besondere Beziehung zur Nachkommenschaft Abrahams hervorhebt.
Auch der Gegensatz zu den Engeln erhält dadurch seine Bedeutung. Im ersten Kapitel wurden Engel als mächtige himmlische Diener beschrieben. Nun zeigt der Verfasser, dass sich das hier behandelte Erlösungswerk auf die Menschen richtet, die unter Sünde, Tod und Todesfurcht stehen. Christus nimmt sich ihrer an, um sie aus einer Gefangenschaft zu befreien, aus der sie sich selbst nicht lösen können. Der Vers verfolgt dagegen nicht die Absicht, jede denkbare Frage über das Schicksal gefallener Engel zu beantworten. Er erklärt, wem das rettende Eingreifen Jesu innerhalb der hier dargestellten Heilsgeschichte gilt.
Damit offenbart sich eine bemerkenswerte Wahrheit: Gottes Rettung richtet sich gerade an eine Menschheit, die ihre ursprüngliche Bestimmung nicht aus eigener Kraft erreichen konnte. Christus hat sich ihrer angenommen, ist in ihre sterbliche Wirklichkeit eingetreten und hat durch seinen Tod die entscheidende Grundlage für ihre Befreiung geschaffen. Doch sein Werk endet nicht mit dem Sieg über den Tod. Menschen brauchen auch Versöhnung mit Gott und einen Mittler, der für sie eintritt. Deshalb führt der Verfasser seine Gedanken nun zu einer Aufgabe Jesu, die für den weiteren Hebräerbrief von grundlegender Bedeutung wird: seinem Dienst als barmherziger und treuer Hoherpriester.
Hebräer 2,17–18
Jesus, der barmherzige und treue Hohepriester
Mit einer bedeutsamen Schlussfolgerung führt der Verfasser seine Gedanken weiter: Jesus musste seinen Brüdern in allem ähnlich werden, damit er ein barmherziger und treuer Hohepriester sein konnte (Hebräer 2,17). Damit begegnet uns zum ersten Mal im Hebräerbrief eine Aufgabe Christi, die für das Verständnis seines gesamten Erlösungswerkes von grundlegender Bedeutung ist. Jesus ist nicht nur derjenige, der Menschen aus der Macht des Todes befreit. Er vertritt sie auch vor Gott und schafft die Grundlage dafür, dass ihre Sünden gesühnt werden können. Um die Tiefe dieser Aussage zu verstehen, müssen wir zunächst betrachten, welche Aufgabe ein Hohepriester im Alten Testament erfüllte und weshalb der Verfasser gerade diese Bezeichnung auf Jesus anwendet.
Im Gottesdienst Israels nahm der Hohepriester eine besondere Stellung ein. Er war der oberste Priester und erfüllte Aufgaben, die eng mit der Beziehung zwischen Gott und seinem Volk verbunden waren. Besonders deutlich wurde seine Verantwortung am jährlichen Versöhnungstag. Nach 3. Mose 16 musste er zunächst die vorgeschriebenen Vorbereitungen treffen und anschließend die heiligen Handlungen vollziehen, die Gott für die Sühnung der Sünden und die Reinigung des Heiligtums angeordnet hatte. An diesem Tag durfte er unter genau festgelegten Bedingungen in das Allerheiligste eintreten, den innersten Raum des Heiligtums, der in besonderer Weise mit Gottes Gegenwart verbunden war. Der Hohepriester handelte dabei nicht nur für sich selbst, sondern auch stellvertretend für das Volk. Sein Dienst machte sichtbar, dass Sünde die Gemeinschaft mit dem heiligen Gott belastet und der Mensch Versöhnung benötigt.
Die Priester des Alten Bundes waren allerdings selbst fehlbare Menschen. Deshalb mussten sie auch für ihre eigenen Sünden Opfer darbringen, bevor sie ihren Dienst für das Volk ausführten (3. Mose 16,6.11). Hier liegt ein entscheidender Unterschied zu Jesus Christus. Er teilt zwar die wirkliche menschliche Existenz, ist aber nicht selbst durch persönliche Schuld von Gott getrennt. Hebräer 4,15 beschreibt ihn ausdrücklich als denjenigen, der ohne Sünde blieb. Seine Aufgabe als Hohepriester beruht deshalb nicht darauf, dass er zunächst seine eigene Schuld überwinden müsste. Vielmehr kann er für andere eintreten, weil er selbst in vollkommener Treue zu Gott gelebt und das Erlösungswerk vollbracht hat. Was die früheren Priester innerhalb des von Gott angeordneten Opferdienstes nur in wiederholten Handlungen ausführen konnten, erhält durch Christus eine einzigartige und bleibende Bedeutung.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Aussage, dass Jesus seinen Brüdern „in allem“ ähnlich werden musste. Damit wird seine Menschlichkeit noch einmal ausdrücklich mit seiner priesterlichen Aufgabe verbunden. Das Wort „musste“ bezeichnet hier keine Macht außerhalb Gottes, die ihn gegen seinen Willen zur Menschwerdung gezwungen hätte. Es beschreibt vielmehr die Notwendigkeit innerhalb von Gottes Erlösungsabsicht. Wenn der Sohn Gottes Menschen wirklich vertreten und ihnen in ihrer Not begegnen sollte, musste er selbst in ihre Lebenswirklichkeit eintreten. Er sollte nicht nur wissen, was menschliches Leiden bedeutet, sondern es selbst erfahren. Seine menschliche Existenz war daher keine nebensächliche Voraussetzung, die auch hätte fehlen können. Sie gehörte wesentlich zu dem Weg, auf dem er die Erlösung vollbrachte.
Dabei bedeutet die Ähnlichkeit „in allem“ nicht, dass Jesus jede denkbare menschliche Erfahrung persönlich durchleben musste. Er musste nicht jede Krankheit erleiden, jeden Beruf ausüben oder sämtliche Lebensumstände kennenlernen, die Menschen im Laufe der Geschichte begegnen. Gemeint ist seine wirkliche Teilhabe an den grundlegenden Bedingungen menschlichen Lebens. Er erlebte körperliche Bedürftigkeit, Erschöpfung, Ablehnung, Leiden und Versuchung. Seine Erfahrungen waren wirklich menschlich, auch wenn seine persönliche Lebensgeschichte nicht mit der jedes anderen Menschen identisch war. Gerade deshalb kann der Hebräerbrief seine Menschwerdung mit seinem hohenpriesterlichen Dienst verbinden, ohne behaupten zu müssen, Christus habe jede individuelle Situation eines jeden Menschen selbst erlebt.
Anschließend beschreibt der Verfasser zwei Eigenschaften, die diesen Hohepriester kennzeichnen: Er ist barmherzig und treu. Barmherzigkeit bedeutet, der Not eines anderen nicht gleichgültig gegenüberzustehen, sondern sich ihm mit Verständnis und der Bereitschaft zur Hilfe zuzuwenden. Bei Jesus ist diese Barmherzigkeit keine bloße Kenntnis menschlicher Schwäche. Während seines irdischen Lebens begegnete er Menschen, die krank, ausgegrenzt oder von Schuld belastet waren. Als ein Aussätziger ihn um Reinigung bat, berührte Jesus ihn und heilte ihn (Markus 1,40–42). Als er die Not der Menschen sah, wurde er von Erbarmen bewegt (Matthäus 9,36). Sein Verhalten machte sichtbar, dass er Menschen nicht allein nach ihrem äußeren Zustand oder ihrer gesellschaftlichen Stellung beurteilte. Seine Barmherzigkeit richtete sich gerade auf diejenigen, die Hilfe benötigten.
Doch Christus wird nicht nur als barmherzig, sondern auch als treu beschrieben. Treue bedeutet hier Zuverlässigkeit und vollkommene Erfüllung der ihm anvertrauten Aufgabe. Ein Hohepriester, der zwar Mitgefühl besitzt, aber Gottes Willen nicht treu erfüllt, könnte seine Aufgabe nicht in der von Gott bestimmten Weise ausführen. Jesus dagegen verbindet seine tiefe Zuwendung zu den Menschen mit uneingeschränkter Treue zum Vater. Er verändert Gottes Maßstäbe nicht, um Sünde bedeutungslos erscheinen zu lassen, und wendet sich dennoch den Sündern zu, um sie zu retten. Seine Barmherzigkeit und seine Treue stehen deshalb nicht gegeneinander. Beide gehören zu seinem vollkommenen Dienst. In Hebräer 3,1–2 wird diese Treue erneut aufgegriffen und ausdrücklich mit seiner göttlichen Beauftragung verbunden.
Der Zweck dieses Dienstes wird am Ende von Vers 17 genannt: Christus handelt als Hohepriester, um die Sünden des Volkes zu sühnen. Der Begriff „Sühne“ ist für heutige Leser nicht unbedingt selbstverständlich. In der Bibel bezeichnet er Gottes Weg, mit der Wirklichkeit menschlicher Sünde so umzugehen, dass Vergebung, Reinigung und die Wiederherstellung der Gemeinschaft mit ihm möglich werden. Sünde ist dabei mehr als ein persönlicher Fehler oder eine unglückliche Entscheidung. Sie bedeutet, dass der Mensch Gottes Willen verletzt und dadurch schuldig wird. Diese Schuld lässt sich nicht einfach dadurch beseitigen, dass man sie übersieht oder für unwichtig erklärt. Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit verlangen, dass das Böse ernst genommen wird. Zugleich möchte Gott den Sünder nicht verloren geben, sondern ihm Vergebung und Versöhnung ermöglichen.
Das griechische Wort, das hinter der Formulierung „die Sünden sühnen“ steht, gehört zur Sprache des alttestamentlichen Opferdienstes. Es beschreibt ein Handeln, durch das die Folgen der Sünde vor Gott behandelt werden und Versöhnung ermöglicht wird. Dabei besteht unter Auslegern eine Diskussion darüber, ob bei der Übersetzung besonders die Reinigung von Schuld, die Abwendung des göttlichen Gerichts oder der umfassende Versöhnungsvorgang betont werden sollte. Der Zusammenhang des Hebräerbriefes macht jedoch deutlich, dass die Sünde tatsächlich überwunden und die Beziehung zwischen Gott und den Menschen wiederhergestellt werden muss. Christus übernimmt dabei eine Aufgabe, die kein gewöhnlicher Mensch aus eigener Kraft erfüllen könnte. Seine Hingabe bildet die Grundlage der Versöhnung, und sein hoherpriesterlicher Dienst steht im Zusammenhang mit dem Zugang der Erlösten zu Gott.
Dabei ist wichtig, dass die Versöhnung nicht als Versuch verstanden wird, einen eigentlich lieblosen Gott erst zur Barmherzigkeit zu bewegen. Nach Johannes 3,16 entspringt die Hingabe des Sohnes gerade der Liebe Gottes zur Welt. Auch Römer 5,8 erklärt, dass Gott seine Liebe darin erwies, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren. Der hohepriesterliche Dienst Jesu steht somit innerhalb von Gottes eigener rettender Absicht. Der Vater und der Sohn handeln nicht mit gegensätzlichen Zielen. Gott selbst eröffnet durch Christus den Weg, auf dem Menschen trotz ihrer Schuld zu ihm zurückkehren können. Wie das einmalige Opfer Jesu, sein Eintritt in das himmlische Heiligtum und seine fortdauernde Fürsprache miteinander verbunden sind, wird der Hebräerbrief besonders in den Kapiteln 7 bis 10 ausführlich erklären. An dieser Stelle legt er zunächst die Grundlage: Der menschgewordene Sohn ist der von Gott bestimmte Hohepriester, durch den Versöhnung möglich wird.
Der Ausdruck „Sünden des Volkes“ erinnert zunächst an Israel und seinen Gottesdienst, aus dem die priesterlichen Begriffe stammen. Der Verfasser setzt bei dieser vertrauten biblischen Ordnung an, um die Bedeutung Jesu zu erklären. Zugleich hat er bereits davon gesprochen, dass Christus für jeden den Tod schmeckte und viele Kinder zur Herrlichkeit führen möchte. Die Rettung wird deshalb nicht auf eine bestimmte ethnische Herkunft beschränkt. Die Verheißungen an Abraham finden nach Galater 3,26–29 ihre Erfüllung auch an Menschen aus den Völkern, die durch den Glauben zu Christus gehören. So verbindet sich die alttestamentliche Sprache vom Volk Gottes mit der größeren Heilsgeschichte, in der Gott Menschen aus allen Nationen durch seinen Sohn zu sich ruft.
Vers 18 führt diese große Beschreibung des hohenpriesterlichen Dienstes schließlich zu einer sehr persönlichen Aussage: Weil Christus selbst gelitten hat, als er versucht wurde, kann er denen helfen, die versucht werden. Damit zeigt der Verfasser, dass Jesu Erfahrung menschlichen Leidens nicht nur für das Verständnis seines vergangenen Lebens bedeutsam ist. Sie besitzt auch Bedeutung für seine gegenwärtige Beziehung zu den Gläubigen. Wer unter Versuchungen leidet, begegnet in Christus keinem Hohepriester, der menschliche Schwäche nur aus einer theoretischen Betrachtung kennt. Jesus hat selbst erlebt, wie schwer der Weg des Gehorsams unter den Bedingungen einer gefallenen Welt sein kann. Er weiß, was es bedeutet, unter Druck zu stehen, Ablehnung zu erfahren und trotz großer Belastung am Willen Gottes festzuhalten.
Besonders deutlich wird dies bei der Versuchung Jesu in der Wüste. Nach vierzig Tagen des Fastens begegnete ihm der Teufel mit der Aufforderung, seine Bedürfnisse auf einem Weg zu stillen, der ihn von der gehorsamen Abhängigkeit vom Vater wegführen sollte. Die folgenden Versuchungen richteten sich ebenfalls darauf, Jesus zu einem Handeln entgegen Gottes Willen zu bewegen (Matthäus 4,1–11). Jesus widerstand diesen Angriffen, indem er sich auf Gottes Wort berief. Seine Versuchungen waren dabei keine bloßen äußeren Vorführungen, deren Ausgang für ihn keinerlei Bedeutung gehabt hätte. Der Hebräerbrief spricht ausdrücklich davon, dass er in Versuchungen gelitten hat. Dennoch gab er dem Bösen nicht nach. Seine Standhaftigkeit zeigt, dass wirkliche Versuchung und persönliche Sündlosigkeit einander nicht ausschließen.
Eine weitere wichtige Unterscheidung betrifft das Verhältnis zwischen Versuchung und Sünde. Nicht jeder Mensch, der versucht wird, hat allein dadurch bereits gesündigt. Versuchung kann von außen an einen Menschen herantreten und ihn vor die Entscheidung stellen, ob er Gottes Willen treu bleiben möchte. Jakobus 1,14–15 beschreibt, wie menschliche Begierde zur Sünde führen kann, wenn ihr nachgegeben wird. Jesus dagegen begegnete Versuchungen, ohne ihnen zu folgen. Er versteht deshalb die Belastung, die mit dem Widerstehen verbunden sein kann, ohne selbst schuldig geworden zu sein. Gerade darin liegt eine wichtige Grundlage seiner Hilfe. Christus begegnet den Versuchten nicht mit Gleichgültigkeit, aber auch nicht mit der Vorstellung, Sünde sei unvermeidlich und müsse deshalb einfach hingenommen werden.
Was bedeutet nun die Verheißung, dass Jesus den Versuchten helfen kann? Das griechische Wort bezeichnet wirklichen Beistand. Es beschreibt nicht nur Mitgefühl, sondern die Fähigkeit, einem Menschen in seiner Not wirksam zur Seite zu stehen. Im späteren Verlauf des Hebräerbriefes wird diese Hilfe noch genauer erklärt. Hebräer 4,15–16 verbindet das Mitgefühl des Hohenpriesters mit der Einladung, sich vertrauensvoll Gottes Gnadenthron zu nähern, um Barmherzigkeit und rechtzeitige Hilfe zu empfangen. Die Gläubigen müssen ihre Versuchungen also nicht vor Gott verbergen oder so tun, als wären sie aus eigener Kraft jeder Schwäche überlegen. Sie dürfen mit ihren Kämpfen zu Christus kommen, ihre Bedürftigkeit eingestehen und auf seine Hilfe vertrauen.
Diese Verheißung bedeutet allerdings nicht, dass jeder, der sich einmal zu Jesus bekannt hat, anschließend automatisch jeder Versuchung widerstehen wird. Der Hebräerbrief verbindet die Hilfe Christi immer wieder mit der Aufforderung, am Glauben festzuhalten, Gottes Wort ernst zu nehmen und sich nicht von ihm abzuwenden. Die Verantwortung des Menschen wird durch Christi Beistand nicht aufgehoben. Vielmehr erhält der Gläubige gerade durch seine Gnade die Möglichkeit, sich Gott zuzuwenden und im Glauben standhaft zu bleiben. Auch 1. Korinther 10,13 verbindet Gottes Treue mit der Verheißung, dass er in der Versuchung einen Ausweg schafft, sodass seine Kinder sie ertragen können. Der Glaube ruht deshalb nicht auf menschlicher Unfehlbarkeit, sondern auf Gottes Treue und der Bereitschaft, seine Hilfe tatsächlich anzunehmen.
So endet Hebräer 2 mit einer außerordentlich tröstlichen Gewissheit. Jesus Christus ist nicht nur der erhöhte Sohn Gottes, dessen Herrschaft über die Schöpfung reicht. Er ist zugleich der Hohepriester, der menschliche Schwäche kennt, die Sünde ernst nimmt und den Menschen mit Barmherzigkeit begegnet. Seine Treue zum Vater macht ihn zu einem zuverlässigen Mittler, während seine eigenen Leiden zeigen, wie tief seine Verbundenheit mit den Menschen reicht. Die Gläubigen dürfen deshalb wissen, dass sie in ihren Kämpfen nicht auf sich allein gestellt sind. Derjenige, der ihnen den Weg zum Vater eröffnet hat, ist auch bereit, ihnen auf diesem Weg beizustehen.
Mit dieser Aussage ist zugleich der Übergang zum nächsten Kapitel vorbereitet. Hebräer 3 wird Jesus ausdrücklich als den Apostel und Hohenpriester des christlichen Bekenntnisses vorstellen und seine Treue mit derjenigen Moses vergleichen. Was hier erstmals als seine hohepriesterliche Aufgabe beschrieben wurde, wird damit zu einem der großen Leitgedanken des gesamten Briefes: Durch Jesus Christus besitzen die Gläubigen einen zuverlässigen Mittler, der sie zu Gott führt und ihnen die Hoffnung auf die Vollendung des Heils eröffnet.
Geistliche Kernbotschaft
Gottes Rettung ist kein Angebot, das der Mensch beiläufig zur Kenntnis nehmen und anschließend wieder vergessen sollte. In Hebräer 2 begegnen uns die Größe dieser Rettung und die Verantwortung, die daraus erwächst. Gott hat den Menschen nicht sich selbst überlassen, sondern ist ihm durch Jesus Christus entgegengekommen. Gerade weil dieses Handeln Ausdruck seiner Gnade ist, verdient es eine ernsthafte Antwort. Glaube bedeutet deshalb mehr, als eine religiöse Wahrheit für richtig zu halten. Er umfasst das Vertrauen auf Gottes Wort, die Bereitschaft, sich von ihm leiten zu lassen, und das beständige Festhalten an Christus. Die Warnung vor geistlicher Nachlässigkeit entspringt somit nicht dem Wunsch, Menschen in Angst zu versetzen, sondern der Sorge, dass sie das verlieren könnten, was Gott ihnen zum Heil geschenkt hat.
Zugleich eröffnet das Kapitel einen bemerkenswerten Blick auf den Wert des menschlichen Lebens. Die Würde des Menschen hängt nicht davon ab, wie mächtig, erfolgreich oder unabhängig er ist. Sie gründet sich darauf, dass Gott ihn gewollt und ihm eine besondere Bestimmung gegeben hat. Auch die Folgen der Sünde haben diese ursprüngliche Absicht nicht bedeutungslos gemacht. Der Mensch besitzt zwar nicht die Kraft, Gottes Ziel aus eigener Anstrengung zu erreichen, doch gerade deshalb ist Christus gekommen. In ihm wird sichtbar, dass Gott die Menschheit nicht aufgegeben hat. Die Erlösung besteht nicht darin, dass der Mensch seine von Gott geschaffene Identität verliert, sondern dass Gott ihn zu jener Herrlichkeit führen möchte, für die er ihn bestimmt hat.
Besonders tief wird Gottes Liebe daran erkennbar, dass sein Sohn die menschliche Schwäche nicht aus der Ferne betrachtete. Jesus trat selbst in eine Welt ein, die von Leid, Versuchung und Sterblichkeit geprägt ist. Damit wird deutlich, dass Gottes Größe und seine Nähe zum Menschen keine Gegensätze sind. Der Sohn Gottes erniedrigte sich, ohne dass dadurch seine göttliche Würde aufgehoben wurde. Seine Bereitschaft, menschliches Leben zu teilen, offenbart vielmehr, wie weit Gottes rettende Liebe reicht. Niemand muss deshalb glauben, die eigene Schwachheit mache ihn für Christus unverständlich oder bedeutungslos. Der Erlöser kennt die Verletzlichkeit des menschlichen Lebens und begegnet den Menschen gerade dort, wo sie seine Hilfe benötigen.
Die Gemeinschaft mit Christus eröffnet außerdem eine neue Beziehung zu Gott und zu anderen Gläubigen. Die Menschen, die Jesus heiligt, bezeichnet er als seine Brüder. Darin liegt eine Würde, die sich niemand selbst verleihen kann. Sie beruht weder auf menschlicher Herkunft noch auf persönlicher Leistung, sondern auf der Zugehörigkeit zu Christus. Wer durch ihn zu Gott gehört, steht nicht länger nur als ein schuldiger Mensch vor seinem Schöpfer, sondern darf sich als angenommenes Kind verstehen. Gleichzeitig entsteht daraus eine Verantwortung für den Umgang mit anderen. Wenn Christus die Erlösten als seine Angehörigen anerkennt, dürfen sie einander nicht nach gesellschaftlichem Ansehen, Besitz oder persönlicher Bedeutung beurteilen. Die Gemeinschaft mit ihm soll auch die Beziehungen untereinander verändern.
Eine weitere geistliche Wahrheit betrifft den Umgang mit der eigenen Endlichkeit. Der Tod gehört zu den Grenzen, die kein Mensch aus eigener Kraft überwinden kann. Er macht sichtbar, wie wenig wir unser Leben letztlich in der Hand haben. Doch der christliche Glaube gründet seine Hoffnung nicht auf den Versuch, diese Grenze zu verdrängen. Er richtet den Blick auf Christus, der selbst gestorben und auferstanden ist. Deshalb darf die Aussicht auf den Tod ernst genommen werden, ohne dass sie zur endgültigen Hoffnungslosigkeit führen muss. Die Befreiung, die Jesus schenkt, bedeutet nicht, dass jedes Leid oder jede Angst im gegenwärtigen Leben sofort verschwindet. Sie bedeutet, dass selbst der Tod Gottes Verheißung einer zukünftigen Auferstehung nicht zunichtemachen kann.
Schließlich zeigt Hebräer 2, dass Gottes Gerechtigkeit und seine Barmherzigkeit im Erlösungswerk Jesu zusammengehören. Sünde wird nicht verharmlost, denn sie zerstört die Gemeinschaft mit Gott und bringt den Menschen unter die Macht des Todes. Doch Gottes Antwort besteht nicht allein in der Verurteilung des Schuldigen. Durch Christus eröffnet er einen Weg der Versöhnung. Der Hohepriester, der für die Menschen eintritt, ist zugleich derjenige, der ihre Not versteht. Darin liegt eine Hoffnung, die sowohl vor Selbstgerechtigkeit als auch vor Verzweiflung bewahrt. Niemand kann sich durch eigene Vollkommenheit retten, aber niemand muss seine Schuld für größer halten als die rettende Macht Christi.
Die geistliche Botschaft des Kapitels führt damit zu einer tiefen Gewissheit: Gott möchte den Menschen nicht nur vor dem endgültigen Verderben bewahren, sondern ihn in eine bleibende Gemeinschaft mit sich aufnehmen. Sein Sohn hat den Weg dafür eröffnet und steht denen bei, die ihm vertrauen. Gerade deshalb lohnt es sich, seine Worte ernst zu nehmen, an ihm festzuhalten und die Hoffnung auf Gottes zukünftige Herrlichkeit nicht aus dem Blick zu verlieren.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Eine grundlegende Verbindung besteht zwischen 1. Mose 1,26–28, Psalm 8 und Offenbarung 22,3–5. Am Anfang der Bibel erhält der Mensch die Aufgabe, innerhalb von Gottes Schöpfung Verantwortung zu übernehmen. Psalm 8 betrachtet diese Stellung mit Staunen und verbindet menschliche Begrenztheit mit einer außergewöhnlichen, von Gott geschenkten Würde. Der Hebräerbrief erklärt, weshalb diese Bestimmung gegenwärtig noch nicht in ihrer ganzen Fülle verwirklicht ist, und richtet den Blick auf Jesus als den erhöhten Menschensohn. Am Ende der Offenbarung begegnet uns schließlich die Verheißung, dass die Erlösten Gott dienen und mit ihm herrschen werden. Damit entsteht ein großer Zusammenhang zwischen Schöpfung und Vollendung: Gottes ursprüngliche Absicht mit dem Menschen wird durch die Sünde nicht endgültig vereitelt, sondern findet in seinem zukünftigen Reich ihre Erfüllung. Die Bibel beschreibt jedoch nicht jede Einzelheit dieser kommenden Herrschaft. Entscheidend ist, dass die Erlösten unter Gottes Herrschaft an der erneuerten Schöpfung teilhaben werden.
Besonders aufschlussreich ist außerdem die Verbindung zu Daniel 7,13–14.18.27. Daniel sieht in einer prophetischen Vision mehrere aufeinanderfolgende Reiche, die durch mächtige Tiere dargestellt werden. Diese Reiche verlieren schließlich ihre Herrschaft, während eine Gestalt „wie eines Menschen Sohn“ vor den Hochbetagten geführt wird und ein ewiges Königreich empfängt. Später wird erklärt, dass auch die Heiligen des Höchsten Anteil an diesem Reich erhalten. Hebräer 2 entfaltet einen verwandten Gedanken, indem es die noch ausstehende Herrschaft des Menschen mit der bereits geschehenen Erhöhung Jesu verbindet. Der Zusammenhang ist besonders bedeutsam, weil menschliche Herrschaft in der Geschichte häufig von Gewalt und Unterdrückung geprägt war. Gottes zukünftiges Königreich besitzt dagegen einen Herrscher, dessen Weg durch Gehorsam und Selbsthingabe gekennzeichnet ist. Die Verbindung von Daniel 7 und Hebräer 2 zeigt somit, dass die zukünftige Herrschaft der Erlösten untrennbar mit der Königsherrschaft Christi verbunden bleibt.
Eine weitere bedeutende Linie führt zu Römer 5,12–19 und 1. Korinther 15,21–23.45–49. Paulus stellt dort Adam und Jesus Christus einander gegenüber. Durch Adams Ungehorsam kamen Sünde und Tod in die Menschheitsgeschichte. Durch Christus eröffnet Gott dagegen den Weg zu Gerechtigkeit und Leben. In 1. Korinther 15 bezeichnet Paulus Jesus ausdrücklich als den letzten Adam und verbindet ihn mit der zukünftigen Auferstehung der Erlösten. Hebräer 2 verwendet diese Bezeichnung zwar nicht selbst, beschreibt aber einen eng verwandten Zusammenhang: Der Sohn Gottes wird wirklicher Mensch, überwindet den Tod und führt Menschen zur Herrlichkeit. Gemeinsam vertiefen diese Texte unser Verständnis der Erlösung. Christus rettet nicht nur einzelne Menschen aus ihrer persönlichen Schuld. Sein Werk eröffnet zugleich eine Zukunft, in der die Folgen des menschlichen Sündenfalls endgültig überwunden werden sollen.
Für die Bedeutung des Leidens Jesu ist Jesaja 53,4–12 besonders hilfreich. Der Prophet beschreibt den Knecht des HERRN, der Leiden trägt, obwohl er selbst kein Unrecht begangen hat. Seine Hingabe steht in einem ausdrücklichen Zusammenhang mit den Sünden anderer Menschen. Auch die Evangelien greifen diesen Gedanken auf. In Markus 10,45 erklärt Jesus, dass der Menschensohn gekommen ist, um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben. Diese Bibelstellen erweitern den Blick auf Hebräer 2,9–10. Das Leiden Jesu war nicht lediglich ein Beispiel besonderer Geduld oder menschlicher Tapferkeit. Es gehörte zu seinem rettenden Auftrag. Zugleich darf das Bild des Lösegeldes nicht so missverstanden werden, als hätte Satan ein rechtmäßiges Eigentumsrecht an den Menschen besessen und Gott müsse ihm eine Zahlung leisten. Die biblischen Aussagen beschreiben vielmehr die kostspielige Befreiung des Menschen durch Christi freiwillige Hingabe.
Die enge Beziehung zwischen Christus und den Erlösten erhält durch Römer 8,14–17 und Epheser 2,18–22 eine zusätzliche Bedeutung. Paulus erklärt, dass diejenigen, die durch Gottes Geist geleitet werden, Kinder Gottes sind und durch Christus Zugang zum Vater erhalten. Epheser 2 beschreibt die Gläubigen außerdem als Mitglieder von Gottes Hausgemeinschaft. Menschen unterschiedlicher Herkunft werden nicht aufgrund ihrer Abstammung oder gesellschaftlichen Stellung aufgenommen, sondern durch Christus miteinander verbunden. Diese Aussagen helfen, die familiäre Sprache von Hebräer 2,11–13 einzuordnen. Wenn Jesus die Erlösten seine Brüder nennt, ist damit nicht nur eine liebevolle Bezeichnung gemeint. Die Zugehörigkeit zu Gottes Familie besitzt geistliche Wirklichkeit und verändert die Stellung des Menschen vor Gott. Zugleich entsteht daraus eine Gemeinschaft, in der Unterschiede der Herkunft kein Hindernis für die gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus sein sollen.
Eine besonders wichtige Verbindung besteht zu 3. Mose 16 und Hebräer 9,11–14. Der alttestamentliche Versöhnungstag führt vor Augen, wie ernst die Trennung durch Sünde genommen wurde und weshalb Gott einen geordneten Weg der Sühnung für sein Volk bestimmte. Der Hebräerbrief greift diese priesterlichen Vorstellungen später auf, um die einzigartige Bedeutung Jesu zu erklären. Während der alttestamentliche Hohepriester mit dem Blut von Opfertieren in das Heiligtum eintrat, beschreibt Hebräer 9 Christus als denjenigen, der durch sein eigenes Blut eine ewige Erlösung erlangt hat. Damit wird der in Hebräer 2 erstmals eingeführte Gedanke seines Hohepriestertums weiterentwickelt. Christi Opfer und sein priesterlicher Dienst gehören zusammen. Seine Hingabe schafft die Grundlage der Versöhnung, und durch ihn wird den Gläubigen der Zugang zu Gott eröffnet. Die ausführliche Erklärung dieser Beziehung bleibt den späteren Kapiteln vorbehalten.
Schließlich führt Hebräer 4,14–16 die Zusage aus Hebräer 2,18 ausdrücklich weiter. Dort wird Jesus als der große Hohepriester beschrieben, der mit menschlichen Schwachheiten Mitgefühl haben kann. Daraus folgt eine konkrete Einladung: Die Gläubigen dürfen sich mit Zuversicht Gottes Gnadenthron nähern, um Barmherzigkeit und Hilfe zu empfangen. Dieser Zusammenhang ist besonders wichtig, weil er die Aussage über Christi Versuchungen mit dem gegenwärtigen Leben der Gläubigen verbindet. Jesu Erfahrungen gehören nicht nur der Vergangenheit an. Sein vollbrachtes Werk eröffnet den Zugang zu Gott, und sein priesterlicher Dienst gibt den Menschen Grund, auch in ihrer gegenwärtigen Schwäche auf seine Hilfe zu vertrauen. Gerade dadurch werden die Warnungen des Hebräerbriefes mit seiner Botschaft der Hoffnung verbunden.
Wichtige Lektionen
Eine wesentliche Lektion aus Hebräer 2 betrifft die Aufmerksamkeit, die wir unserem geistlichen Leben schenken. Nicht jede Entfernung von Gott beginnt mit einer bewussten Entscheidung gegen den Glauben. Häufig entstehen Veränderungen dadurch, dass andere Dinge dauerhaft wichtiger werden. Deshalb ist es sinnvoll, regelmäßig zu prüfen, welchen Platz Gottes Wort tatsächlich im eigenen Alltag besitzt. Nehmen wir uns Zeit, die Bibel zu lesen und über ihre Aussagen nachzudenken? Bringen wir unsere Entscheidungen im Gebet vor Gott? Sind wir bereit, auch unangenehme Wahrheiten ernst zu nehmen? Solche Fragen sollen nicht zu einer bloßen Kontrolle religiöser Gewohnheiten führen. Sie helfen vielmehr, die Beziehung zu Christus bewusst zu pflegen, statt sie allmählich zur Nebensache werden zu lassen.
Gleichzeitig ermutigt uns das Kapitel, unseren eigenen Wert nicht ausschließlich an äußeren Umständen zu messen. Gesundheit, Fähigkeiten, beruflicher Erfolg und gesellschaftliche Anerkennung können das Leben bereichern, aber sie bestimmen nicht den grundlegenden Wert eines Menschen vor Gott. Wer schwach, krank, alt oder auf fremde Hilfe angewiesen ist, verliert dadurch nichts von seiner menschlichen Würde. Diese Erkenntnis sollte auch unseren Umgang mit anderen prägen. Wir können sie praktisch leben, indem wir Menschen nicht nach ihrer Leistungsfähigkeit beurteilen, sondern ihre Bedürfnisse wahrnehmen, ihnen mit Achtung begegnen und Verantwortung für diejenigen übernehmen, die sich selbst nur schwer schützen können.
Eine weitere wichtige Folgerung betrifft unser Verständnis von Leiden. Die Tatsache, dass Jesus selbst gelitten hat, bedeutet nicht, dass jedes menschliche Leid von Gott ausdrücklich verursacht oder als notwendige Lektion angeordnet wurde. Der Hebräerbrief zeigt vielmehr, dass Christus auch unter den Bedingungen einer leidvollen Welt am Willen seines Vaters festhielt. Daraus erwächst eine Ermutigung für schwierige Zeiten. Wenn ein Mensch unter Belastungen leidet, muss er daraus nicht schließen, Gott habe ihn verlassen. Er darf seine Not im Gebet aussprechen, Hilfe suchen und dennoch darauf vertrauen, dass Gottes Treue nicht von den gegenwärtigen Umständen abhängt. Christliche Standhaftigkeit bedeutet dabei nicht, Schmerzen zu verbergen oder jede Belastung schweigend zu ertragen.
Besonders konkret wird das Kapitel im Umgang mit Versuchungen. Wer einer Versuchung begegnet, muss ihr nicht hilflos nachgeben. Zugleich wäre es gefährlich, sich auf die eigene Willenskraft zu verlassen und zu glauben, man könne unter allen Umständen allein standhaft bleiben. Hebräer 2 lädt dazu ein, sich gerade in solchen Momenten an Christus zu wenden. Das kann bedeuten, bewusst zu beten, eine Situation zu verlassen, die immer wieder zum Ungehorsam führt, oder sich einem vertrauenswürdigen Menschen anzuvertrauen. Auch die Beschäftigung mit Gottes Wort hilft, Entscheidungen an seinen Maßstäben auszurichten. Die Hilfe Jesu ersetzt nicht die Verantwortung für unser Handeln, sondern gibt uns einen Grund, im Kampf gegen die Sünde nicht aufzugeben.
Die Beschreibung Jesu als barmherzigen Hohenpriester verändert außerdem den Umgang mit eigener Schuld. Wer gesündigt hat, steht häufig vor zwei falschen Reaktionen. Entweder versucht er, seine Schuld zu rechtfertigen und ihre Bedeutung zu verkleinern, oder er verfällt in Hoffnungslosigkeit und glaubt, Gott könne ihm nicht mehr vergeben. Der Hebräerbrief weist einen anderen Weg. Christus nimmt Sünde ernst und eröffnet zugleich die Möglichkeit der Versöhnung. Deshalb dürfen wir unsere Schuld ehrlich bekennen und Gottes Vergebung suchen, ohne uns hinter Ausreden zu verstecken. Echte Umkehr schließt auch die Bereitschaft ein, begangenes Unrecht nach Möglichkeit wiedergutzumachen und das eigene Verhalten zu ändern. Doch die Grundlage unserer Hoffnung bleibt nicht die Vollkommenheit unserer Bemühungen, sondern das Erlösungswerk Jesu.
Auch für die christliche Gemeinschaft enthält das Kapitel eine wichtige Aufforderung. Wenn Christus diejenigen, die er heiligt, seine Brüder nennt, sollte innerhalb der Gemeinde kein Mensch allein aufgrund persönlicher Schwächen, sozialer Herkunft oder vergangener Fehler verachtet werden. Die Zugehörigkeit zu Christus verpflichtet dazu, einander mit Geduld und Barmherzigkeit zu begegnen. Das bedeutet nicht, Sünde zu entschuldigen oder notwendige Grenzen aufzuheben. Es bedeutet vielmehr, Menschen nicht auf ihre Fehler zu reduzieren, sondern ihnen mit Wahrheit, Liebe und der Bereitschaft zur Hilfe zu begegnen. Besonders diejenigen, die unter Schuld, Zweifel oder schweren Lebensumständen leiden, benötigen eine Gemeinschaft, in der sie ernst genommen und auf Christus hingewiesen werden.
Eine besondere Lektion liegt schließlich in der Hoffnung auf die Auferstehung. Der Tod gehört zu den schmerzhaftesten Erfahrungen des menschlichen Lebens. Der Verlust eines geliebten Menschen kann tiefe Trauer hinterlassen, und die eigene Sterblichkeit kann Fragen und Ängste hervorrufen. Der Glaube an Christus verlangt nicht, diese Empfindungen zu unterdrücken. Er eröffnet jedoch einen größeren Horizont. Wer auf die Auferstehung vertraut, darf wissen, dass der Tod nicht die endgültige Macht über Gottes Erlöste besitzt. Diese Hoffnung kann helfen, Abschiede mit Trauer und zugleich mit Vertrauen zu tragen. Sie erinnert daran, dass Gottes Verheißungen weiterreichen als die Grenzen unseres gegenwärtigen Lebens.
Hebräer 2 ruft damit zu einem Glauben auf, der Gottes Rettung ernst nimmt und gerade deshalb von Hoffnung getragen ist. Wir sollen aufmerksam bleiben, an Christus festhalten, seiner Hilfe vertrauen und unsere Verantwortung gegenüber anderen Menschen wahrnehmen. Entscheidend ist dabei nicht, dass wir bereits aus eigener Kraft vollkommen wären. Unsere Zuversicht ruht auf Jesus Christus, der den Weg zur Versöhnung eröffnet hat und den Seinen als barmherziger und treuer Hohepriester beisteht. In ihm liegt die Hoffnung, dass Gott sein begonnenes Erlösungswerk auch zur Vollendung führen wird.