1. Mose 1

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

31 Verse – der vollständige Kapiteltext:

  1. 1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
  2. 2 Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
  3. 3 Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht.
  4. 4 Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis
  5. 5 und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.
  6. 6 Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, und die sei ein Unterschied zwischen den Wassern.
  7. 7 Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah also.
  8. 8 Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag.
  9. 9 Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Örter, daß man das Trockene sehe. Und es geschah also.
  10. 10 Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, daß es gut war.
  11. 11 Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das sich besame, und fruchtbare Bäume, da ein jeglicher nach seiner Art Frucht trage und habe seinen eigenen Samen bei sich selbst auf Erden. Und es geschah also.
  12. 12 Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das sich besamte, ein jegliches nach seiner Art, und Bäume, die da Frucht trugen und ihren eigenen Samen bei sich selbst hatten, ein jeglicher nach seiner Art. Und Gott sah, daß es gut war.
  13. 13 Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.
  14. 14 Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre
  15. 15 und seien Lichter an der Feste des Himmels, daß sie scheinen auf Erden. Und es geschah also.
  16. 16 Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch Sterne.
  17. 17 Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, daß sie schienen auf die Erde
  18. 18 und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, daß es gut war.
  19. 19 Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.
  20. 20 Und Gott sprach: Es errege sich das Wasser mit webenden und lebendigen Tieren, und Gevögel fliege auf Erden unter der Feste des Himmels.
  21. 21 Und Gott schuf große Walfische und allerlei Getier, daß da lebt und webt, davon das Wasser sich erregte, ein jegliches nach seiner Art, und allerlei gefiedertes Gevögel, ein jegliches nach seiner Art. Und Gott sah, daß es gut war.
  22. 22 Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehrt euch und erfüllt das Wasser im Meer; und das Gefieder mehre sich auf Erden.
  23. 23 Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.
  24. 24 Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendige Tiere, ein jegliches nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere auf Erden, ein jegliches nach seiner Art. Und es geschah also.
  25. 25 Und Gott machte die Tiere auf Erden, ein jegliches nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art, und allerlei Gewürm auf Erden nach seiner Art. Und Gott sah, daß es gut war.
  26. 26 Und Gott sprach: Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
  27. 27 Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib.
  28. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.
  29. 29 Und Gott sprach: Seht da, ich habe euch gegeben allerlei Kraut, das sich besamt, auf der ganzen Erde und allerlei fruchtbare Bäume, die sich besamen, zu eurer Speise,
  30. 30 und allem Getier auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das da lebt auf Erden, daß sie allerlei grünes Kraut essen. Und es geschah also.
  31. 31 Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.

Kapitelüberblick

1. Mose 1 erzählt den Anfang der Welt als Werk Gottes. Durch sein Wort entsteht Licht, die Erde erhält Gestalt, und Lebensräume werden mit Pflanzen und Tieren erfüllt. Alles folgt einer erkennbaren Ordnung. Gott betrachtet sein Werk und nennt es gut. Die Schöpfung erscheint als Ausdruck seines Willens, seiner Macht und seiner Fürsorge.

Mit der Erschaffung des Menschen erreicht die Erzählung ihren Höhepunkt. Mann und Frau werden nach Gottes Bild geschaffen. Sie empfangen seinen Segen und erhalten Verantwortung für die Erde. Ihre Würde und ihr Auftrag gehören von Anfang an zusammen: Sie sollen in Gottes Welt leben und mit dem ihnen anvertrauten Leben verantwortlich umgehen.

Damit legt das Kapitel die Grundlage für die weitere biblische Geschichte. Bevor von menschlicher Schuld und ihren Folgen die Rede ist, begegnen wir dem Schöpfer und seiner guten Gabe. Gottes abschließendes Urteil über sein gesamtes Werk lautet: „sehr gut“ (1. Mose 1,31).

Einführung

Traditionell wird Mose als Verfasser des Buches angesehen. Die ersten elf Kapitel bilden den Hintergrund für die Berufung Abrahams in 1. Mose 12. Von dort an verfolgt das Buch vor allem die Geschichte seiner Familie, aus der später das Volk Israel hervorgeht.

Zum Verständnis des Schöpfungsberichts hilft ein Blick auf die religiöse Umwelt des alten Orients. Dort wurden Sonne, Mond und Sterne als Gottheiten verehrt. Manche Schöpfungserzählungen berichteten außerdem von Kämpfen zwischen Göttern. Vor diesem Hintergrund verdienen die Bezeichnungen und Aufgaben der Himmelskörper im biblischen Text besondere Aufmerksamkeit.

Auch die wiederkehrenden Formulierungen sind für das Lesen wichtig. Sie markieren Gottes Reden, die Verwirklichung des Gesagten und den Abschluss der einzelnen Tage. Dabei ist nicht jeder Abschnitt gleich gestaltet. Veränderungen innerhalb dieser Wiederholungen lenken den Blick auf besondere Schwerpunkte. Die Auslegung wird deshalb sowohl den gemeinsamen Aufbau als auch die Eigenheiten der einzelnen Abschnitte beachten.

Die heutige Kapitelgrenze liegt innerhalb einer zusammengehörigen Erzählung. Erst in 1. Mose 2,1–3 wird berichtet, dass das Werk vollendet ist und Gott am siebten Tag ruht, ihn segnet und heiligt. Diese Verse bilden den Abschluss des Schöpfungsberichts. Beim Lesen des ersten Kapitels sollte dieser Zusammenhang erhalten bleiben, damit die Bedeutung der Tagesfolge und ihres Abschlusses verständlich wird.

1. Mose 1,1–2

Gott ist der Ursprung von Himmel und Erde

„Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“ (1. Mose 1,1). Mit diesem Satz beginnt die Bibel ihre Geschichte. Bevor Menschen auftreten, bevor Völker entstehen und bevor irgendein Geschöpf handeln kann, ist Gott da. Er wird als derjenige vorgestellt, von dem alles Geschaffene seinen Ursprung empfängt. Der Anfang der Welt ist deshalb nicht zugleich der Anfang Gottes. Psalm 90,2 spricht diesen Unterschied ausdrücklich aus: Schon bevor die Berge und die Erde entstanden, ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Der Ausdruck „Himmel und Erde“ umfasst die geschaffene Welt als Ganzes. Alles, was uns umgibt, gehört zu Gottes Werk. Das mit „schuf“ übersetzte hebräische Wort bezeichnet hier ein schöpferisches Handeln Gottes. Es unterstreicht, dass die Welt ihr Dasein ihm verdankt. Aus diesem Wort allein lässt sich allerdings noch nicht ablesen, auf welche Weise Gott erschafft oder ob dabei vorhandenes Material verwendet wird. Die Aussage, dass auch die Materie ihren letzten Ursprung in Gott hat, muss aus dem Zusammenhang der biblischen Aussagen verstanden werden.

Das Neue Testament führt diesen Zusammenhang weiter. Johannes erklärt, dass das Wort bereits im Anfang bei Gott war und dass alles durch dieses Wort geworden ist. Was geschaffen wurde, empfing sein Dasein durch ihn (Johannes 1,1–3). Im weiteren Verlauf bezeichnet Johannes dieses Wort als denjenigen, der Mensch wurde: Jesus Christus (Johannes 1,14). Damit gehört Christus zur Seite des Schöpfers. Auch Hebräer 11,3 verbindet den Ursprung der Welt mit Gottes Wort und erklärt, dass das Sichtbare nicht aus sichtbar Vorhandenem entstanden ist. Zusammengenommen weisen diese Aussagen auf Gott als Ursprung aller geschaffenen Wirklichkeit. Die Bibel setzt keine von ihm unabhängige Materie voraus, die ihm als gleich ewige Größe gegenübersteht.

Der zweite Vers richtet den Blick auf den anfänglichen Zustand der Erde. Sie ist „wüst und leer“. Diese Worte beschreiben eine Erde, die noch keinen geordneten und bewohnten Lebensraum bildet. Landflächen, Pflanzen, Tiere und Menschen treten erst im weiteren Verlauf der Erzählung hervor. Der erste Vers nennt Gott als Schöpfer des Ganzen; der zweite zeigt den Zustand, von dem aus die weitere Gestaltung beschrieben wird. Über die genaue sprachliche Verbindung dieser Anfangssätze bestehen unterschiedliche Auffassungen. Der folgende Ablauf bleibt dabei deutlich: Gott bereitet die Erde Schritt für Schritt für das Leben vor. Von einer früheren vollkommenen Welt, die inzwischen durch ein Gericht zerstört worden wäre, erzählt der Text hier nichts.

Zur anfänglichen Beschreibung gehören auch Finsternis und die Tiefe der Wasser. Die Finsternis bezeichnet an dieser Stelle zunächst die Dunkelheit. Sie wird hier weder mit Sünde noch mit einer bösen Macht gleichgesetzt. Auch die Wasser erscheinen als Teil der Welt, über die Gott verfügt. Die Erzählung beschreibt keinen Widerstand, den er erst überwinden müsste. Sie lässt uns vielmehr eine noch unbewohnbare Erde betrachten, deren weitere Gestalt vollständig unter seinem schöpferischen Handeln steht. Das Urteil über die vollendete Schöpfung folgt am Ende des Kapitels.

Schon über diesem anfänglichen Zustand ist Gottes Geist gegenwärtig. Der Vers sagt, dass er über den Wassern schwebte. Das hebräische Wort, das mit „Geist“ wiedergegeben wird, kann auch Wind oder Atem bezeichnen; deshalb wird die Wendung teilweise als ein von Gott ausgehender Wind verstanden. Die Wiedergabe „Geist Gottes“ entspricht einer alten und gut begründeten Auslegung. Sie lenkt den Blick auf Gottes wirksame Gegenwart bei der Schöpfung. Der Geist wird dabei nicht körperlich beschrieben. Das Bild des Schwebens vermittelt Bewegung und Nähe über der noch ungestalteten Welt. An anderer Stelle verbindet die Bibel Gottes Geist ausdrücklich mit dem Hervorbringen und Erneuern des Lebens (Psalm 104,30). So steht am Anfang bereits Gottes lebensschaffendes Wirken.

Diese Eröffnung prägt unsere Sicht auf die Welt. Ihr Ursprung liegt bei Gott; deshalb begegnen wir dem Leben als seiner Gabe. Daraus wachsen Dankbarkeit und Verantwortung. Zugleich zeigt der anfängliche Zustand der Erde, dass wir Gottes Werk von seiner Vollendung her beurteilen müssen. Was in Vers 2 noch unbewohnbar erscheint, wird unter seinem Handeln zu einer Welt voller Leben. Gott ist während dieses Geschehens gegenwärtig und wirksam. Damit ist der Boden für das erste ausdrücklich berichtete Schöpfungswort bereitet: Über der dunklen Erde wird Gott Licht hervorrufen.

1. Mose 1,3–5

Gottes Wort bringt Licht und ordnet den ersten Tag

Über der dunklen Erde spricht Gott: „Es werde Licht!“ (1. Mose 1,3). Unmittelbar darauf berichtet der Text, dass Licht entsteht. Zwischen Gottes Wort und seiner Verwirklichung wird kein Hindernis beschrieben. Was er gebietet, geschieht. Dieser Zusammenhang prägt die gesamte Schöpfungserzählung: Gott spricht, und sein Wort bringt hervor, was zuvor noch nicht da war. Psalm 33,6–9 greift diese Wahrheit auf und verbindet sie mit Ehrfurcht vor dem Schöpfer. Sein Wort besitzt die Macht, Wirklichkeit entstehen zu lassen.

Das Licht erscheint, bevor die Himmelslichter am vierten Tag ihre Aufgaben erhalten. Woher dieses erste Licht kommt und durch welchen Vorgang es sich ausbreitet, erklärt der Bericht nicht. Auch wird es nicht ausdrücklich mit Gottes eigener Herrlichkeit gleichgesetzt. Die Aussage des Verses ist klarer und grundlegender: Gott kann Licht hervorbringen. Seine schöpferische Macht besteht bereits, bevor Sonne und Mond den später beschriebenen Platz in der Zeitordnung der Erde einnehmen. Über die physikalischen Einzelheiten hinauszugehen würde dem Text Erklärungen hinzufügen, die er selbst nicht gibt.

Gott betrachtet das Licht und nennt es gut. Damit erhält das Geschaffene seine erste ausdrückliche Beurteilung. Es entspricht seinem Willen und gehört zu dem Werk, das er zur Vollendung führt. Anschließend trennt Gott das Licht von der Finsternis. Diese Trennung ordnet den Wechsel zwischen Helligkeit und Dunkelheit. Sie beschreibt hier noch keine Scheidung zwischen guten und bösen Menschen oder zwischen Wahrheit und Irrtum. Solche Bilder begegnen später in der Bibel, doch an dieser Stelle geht es zunächst um die wirkliche Gestaltung der geschaffenen Welt.

Gott nennt das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Beide erhalten damit ihren Namen und ihren Platz im Ablauf der Zeit. Auch die Nacht gehört zu dieser Ordnung. Sie wird nicht als feindliche Macht vorgestellt, die sich Gottes Herrschaft entzieht. Das ist für das Verständnis des Kapitels wichtig: Die anfängliche Dunkelheit war kein Beweis für eine verdorbene Schöpfung. Unter Gottes Handeln entsteht aus dem beschriebenen Anfangszustand ein geordneter Wechsel von Tag und Nacht. Die Benennung unterstreicht dabei seine Autorität über das Geschaffene.

Das Wort „Tag“ wird in Vers 5 in zwei miteinander verbundenen Bedeutungen verwendet. Zunächst bezeichnet es die helle Zeit im Unterschied zur Nacht. Am Ende des Verses umfasst es den ersten Schöpfungstag, zu dem Abend und Morgen gehören. Der Zusammenhang entscheidet also, welcher Umfang gemeint ist. Die wiederkehrende Verbindung von Abend und Morgen sowie die Zählung der Tage sprechen für gewöhnliche, aufeinanderfolgende Tage. Hinzu kommt die spätere Begründung des Sabbatgebots: In 2. Mose 20,8–11 wird die menschliche Woche mit sechs Arbeitstagen und einem Ruhetag unmittelbar mit Gottes Schöpfungswoche verbunden. Zusammengenommen begründen diese Aussagen das Verständnis einer wirklichen Schöpfungswoche. Die sorgfältige sprachliche Gestaltung der Erzählung gehört dabei zu ihrer Darstellung dieses Geschehens.

Die Abend-Morgen-Formel setzt zugleich einen erkennbaren Abschluss für jeden der sechs Schöpfungstage. Sie lässt sich mit der später bezeugten Praxis verbinden, die Sabbatruhe am Abend beginnen zu lassen. Nehemia 13,19 beschreibt beispielsweise, wie die Tore Jerusalems beim Dunkelwerden vor dem Sabbat geschlossen werden. Die Formel in 1. Mose 1 ist jedoch zunächst Teil der Schöpfungserzählung. Sie formuliert für sich allein noch keine umfassende Vorschrift über sämtliche Tagesgrenzen der Bibel. Ebenso nennt der Bericht keinen astronomischen Mechanismus für die ersten drei Tage. Er beschreibt den von Gott geordneten Wechsel von Licht und Dunkelheit und zählt die Tage, bevor die Himmelslichter eingeführt werden.

Später greift Paulus gerade dieses erste Schöpfungswort auf, um Gottes Handeln im menschlichen Herzen zu erklären. Der Gott, der Licht aus der Finsternis hervorleuchten ließ, schenkt auch die Erkenntnis seiner Herrlichkeit in Jesus Christus (2. Korinther 4,6). Paulus gibt dem natürlichen Licht damit eine geistliche Entsprechung: Wie die dunkle Erde durch Gottes schöpferisches Wort Licht empfing, so verdankt der Mensch auch die Erkenntnis Christi Gottes Wirken. Diese Verbindung führt uns zum Vertrauen auf sein Wort. Der Schöpfer besitzt die Macht, Licht hervorzubringen; durch Christus lässt er uns erkennen, wer er ist. So weist der erste Schöpfungstag über den Beginn der sichtbaren Welt hinaus auf den Gott, der sich Menschen offenbart und ihnen den Weg zum Leben zeigt.

1. Mose 1,6–8

Gott schafft den Himmel und trennt die Wasser

Am zweiten Tag richtet sich Gottes Wort auf die Wasser, die den anfänglichen Zustand der Erde bestimmen. Zwischen ihnen soll eine „Feste“ entstehen, die Wasser von Wasser trennt (1. Mose 1,6). Der folgende Vers beschreibt die Ausführung: Ein Teil der Wasser befindet sich unterhalb dieser Feste, ein anderer oberhalb. Damit erhält die Welt eine weitere Ordnung. Nach der Unterscheidung von Licht und Dunkelheit wird nun ein Bereich geschaffen, der die Wasser voneinander scheidet und den Himmel über der Erde bildet.

Das ältere deutsche Wort „Feste“ ist heute erklärungsbedürftig. Der zugrunde liegende hebräische Begriff bezeichnet eine ausgebreitete Fläche und wird auch mit „Ausdehnung“ oder „Gewölbe“ wiedergegeben. Er gehört zur Vorstellungswelt, in der der Himmel als ein über der Erde ausgespanntes Gewölbe beschrieben wurde. Dabei konnte durchaus die Vorstellung einer festen Himmelsfläche mitschwingen. Auch Hiob 37,18 vergleicht den Himmel mit einem festen, gegossenen Spiegel. Deshalb ist die Behauptung zu eng, das Wort bedeute eindeutig die Atmosphäre im heutigen naturwissenschaftlichen Sinn und habe keinerlei Verbindung zu einem festen Gewölbe.

Für das Verständnis der Verse ist zunächst die ausdrücklich genannte Aufgabe dieses Himmelsbereichs entscheidend: Er trennt die unteren von den oberen Wassern. Die unteren Wasser werden im weiteren Verlauf gesammelt und als Meere bezeichnet. Die Wasser oberhalb des Himmels bleiben dagegen ohne nähere Beschreibung ihrer Beschaffenheit. Psalm 148,4 greift diese Vorstellung später auf und ruft auch die Wasser über den Himmeln zum Lob Gottes. Der Schöpfungsbericht verwendet hier die Sprache seiner damaligen Umwelt. Eine genaue Beschreibung von Luftschichten, Wolkenbildung oder Wetterkreisläufen lässt sich aus diesen wenigen Sätzen nicht gewinnen.

Gott nennt die Feste Himmel. Das Wort „Himmel“ hat innerhalb der Bibel je nach Zusammenhang einen unterschiedlichen Umfang. Im ersten Vers gehört es zur umfassenden Bezeichnung „Himmel und Erde“. Hier benennt es den geschaffenen Bereich über der Erde. Später werden die Himmelslichter diesem Bereich zugeordnet, während die Vögel über der Erde vor seiner Fläche fliegen sollen (1. Mose 1,14–17.20). Diese Zusammenhänge zeigen, weshalb sich der Begriff nicht einfach auf eine einzelne Schicht der heutigen Beschreibung des Weltalls begrenzen lässt. Die Erzählung spricht vom Himmel, unter dem sich das weitere Leben auf der Erde entfalten wird.

Die Trennung der Wasser ist ein Schritt auf dem Weg zu einer bewohnbaren Welt. Noch ist kein trockenes Land beschrieben, und noch sind keine Pflanzen oder Tiere hervorgetreten. Gott bereitet zunächst die Bereiche vor, in denen das Leben später seinen Platz erhält. Darin zeigt sich die zielgerichtete Folge seines Handelns. Die einzelnen Schöpfungstage gehören zusammen: Was an einem Tag geschaffen und geordnet wird, bildet die Voraussetzung für das weitere Geschehen. Am folgenden Tag werden die Wasser unter dem Himmel gesammelt, sodass das trockene Land sichtbar wird.

Mit Abend und Morgen endet der zweite Tag. Auffällig ist, dass hier die sonst wiederkehrende Aussage fehlt, Gott habe sein Werk als gut beurteilt. Der Text nennt dafür keinen ausdrücklichen Grund. Daraus lässt sich jedoch kein Mangel an diesem Teil der Schöpfung ableiten. Am Ende des Kapitels umfasst Gottes Urteil sein gesamtes Werk und bezeichnet es als sehr gut (1. Mose 1,31). Auch der Himmel und die Trennung der Wasser gehören zu dieser vollendeten Ordnung.

So lenkt der zweite Tag unsere Aufmerksamkeit auf etwas, das wir im Alltag leicht übersehen: den Himmel über uns und den Lebensraum, in dem wir uns bewegen. Die Bibel verbindet diesen Blick mit der Anerkennung des Schöpfers. Wenn Psalm 19,2 davon spricht, dass die Himmel Gottes Herrlichkeit verkünden, wird die geschaffene Welt zum Anlass, ihn zu ehren. Der Himmel gehört zu seinem Werk. Unter ihm bereitet Gott die Erde für das Leben vor, das er ihr schenken wird.

1. Mose 1,9–13

Das Land erscheint und die Erde wird fruchtbar

Am dritten Tag werden die Wasser unter dem Himmel gesammelt, sodass das trockene Land sichtbar wird. Gottes Wort richtet sich damit auf den Bereich, in dem später Pflanzen wachsen und Menschen und Landtiere leben werden. Die Erzählung beschreibt zunächst das Hervortreten des Landes und seine Unterscheidung von den gesammelten Wassern. So erhält die Erde eine weitere Gestalt: Meer und trockenes Land bilden voneinander unterschiedene Bereiche innerhalb derselben Schöpfung.

Gott nennt das Trockene Erde und die gesammelten Wasser Meere. Das Wort „Erde“ bezeichnet hier die Landfläche, während es am Anfang des Kapitels einen umfassenderen Sinn besitzt. Die jeweilige Bedeutung ergibt sich aus dem Zusammenhang. Auch bei dieser Benennung steht Gottes Verfügung über sein Werk im Vordergrund. Land und Meer gehören ihm. Psalm 95,4–5 greift diesen Gedanken später auf: Die Tiefen der Erde, die Höhen der Berge, das Meer und das trockene Land liegen in der Hand ihres Schöpfers. Gottes Herrschaft umfasst die ganze Welt, in der das Leben seinen Platz erhält.

Noch am selben Tag folgt ein weiteres Schöpfungswort. Die Erde soll Pflanzen hervorbringen: grünen Bewuchs, samenbildende Pflanzen und fruchttragende Bäume. Damit wird das sichtbare Land zu einer fruchtbaren Landschaft. Die Beschreibung richtet den Blick besonders auf Samen und Früchte. Gott schafft Pflanzen, die weiteres Wachstum ermöglichen. In den Früchten der Bäume befindet sich bereits der Samen, aus dem neue Pflanzen hervorgehen können. Die Fähigkeit, das Leben weiterzugeben, gehört somit von Anfang an zur geschaffenen Pflanzenwelt.

Bemerkenswert ist, dass Gott die Erde anspricht und ihr gebietet, Pflanzen hervorzubringen. Der folgende Vers berichtet, dass sie genau dies tut. Gottes schöpferisches Handeln und das Hervorbringen durch die Erde stehen hier zusammen. Die Erde wirkt unter seinem Wort und empfängt durch ihn ihre Fruchtbarkeit. Das Kapitel beschreibt auf diese Weise sowohl den Ursprung der Pflanzen als auch die Grundlage ihres weiteren Wachstums. Was später durch Samen, Boden und Wachstum weitergeht, verdankt seinen Anfang Gottes Willen.

Die wiederkehrende Aussage, dass Pflanzen und Bäume ihrer jeweiligen Art entsprechen, betont die Ordnung innerhalb dieser Vielfalt. Die Pflanzenwelt besteht aus unterscheidbaren Gewächsen, deren Samen die Weitergabe ihres Lebens ermöglichen. Das mit „Art“ übersetzte Wort ist dabei keine genaue Entsprechung zu den heutigen wissenschaftlichen Einteilungen. Der Text legt weder eine vollständige Pflanzenkunde vor noch beschreibt er im Einzelnen, welche Veränderungen innerhalb einer Pflanzengruppe möglich sind. Seine Aussage bleibt dennoch deutlich: Die geschaffene Vielfalt besitzt erkennbare Formen und eine geordnete Fortpflanzung. Der Ausdruck sollte deshalb in seinem Zusammenhang verstanden werden, statt ihm die Entscheidung über sämtliche modernen biologischen Fragen aufzubürden.

Zweimal beurteilt Gott sein Werk an diesem Tag als gut: nach der Unterscheidung von Land und Meer und nach dem Hervorbringen der Pflanzen. Beide Schritte gehören zur Vorbereitung einer Welt, in der Leben gedeihen kann. Das Land bietet Raum; die Pflanzen bringen Fruchtbarkeit und die Grundlage der späteren Ernährung. Gottes Urteil verleiht auch diesen Teilen der Schöpfung ihren Wert. Boden, Wasser und Pflanzen verdienen unsere Aufmerksamkeit als Bestandteile seines guten Werkes. Mit Abend und Morgen schließt sich der dritte Tag. Die Erde, die zu Beginn noch unbewohnbar beschrieben wurde, trägt nun eine vielfältige Pflanzenwelt.

Darin begegnet uns bereits Gottes Fürsorge. Noch bevor Tiere und Menschen geschaffen werden, ist ihre Versorgung vorbereitet. Diese Verbindung zwischen Schöpfung und Nahrung nimmt das Neue Testament wieder auf. Paulus und Barnabas erinnern die Menschen in Lystra daran, dass der lebendige Gott Himmel, Erde und Meer geschaffen hat. Seine Güte zeigt sich auch darin, dass er Regen, fruchtbare Zeiten und Nahrung schenkt (Apostelgeschichte 14,15–17). Der dritte Schöpfungstag legt den Anfang dieser Versorgung vor uns. Samen und Früchte eröffnen die Möglichkeit weiteren Wachstums und erinnern daran, dass das Leben seine Grundlage in Gottes Geben hat.

1. Mose 1,14–19

Die Himmelslichter dienen Gottes Zeitordnung

Am vierten Tag schafft Gott die Himmelslichter und weist ihnen ihre Aufgaben zu. Sie sollen Tag und Nacht voneinander unterscheiden, die Erde beleuchten und zur Bestimmung von Zeiten, Tagen und Jahren dienen. Der Wechsel von Licht und Dunkelheit wurde bereits am ersten Tag geordnet. Nun erhalten die Himmelslichter ihren Platz innerhalb dieser Ordnung. Die Erzählung verbindet ihr Dasein ausdrücklich mit ihrem Dienst für die Erde. Sie leuchten über einer Welt, auf der bereits Land und Pflanzen hervorgetreten sind und die für weiteres Leben vorbereitet wird.

Die beiden großen Lichter werden zunächst nach ihren Aufgaben bezeichnet: das größere Licht zur Herrschaft über den Tag und das kleinere zur Herrschaft über die Nacht. Gemeint sind Sonne und Mond. Ihre „Herrschaft“ besteht in der ihnen zugewiesenen Funktion innerhalb des Tages- und Nachtwechsels. Gott macht sie und setzt sie an den Himmel. Damit bleibt deutlich, von wem ihre Bedeutung ausgeht. Sie besitzen einen bestimmten Wirkungsbereich innerhalb der Schöpfung und erfüllen den Auftrag ihres Schöpfers.

Besondere Aufmerksamkeit verdient ihre Aufgabe, als Zeichen und zur Bestimmung von Zeiten zu dienen. Im Zusammenhang des Verses gehören diese Aussagen zur Ordnung der Zeit. An den Himmelslichtern lassen sich wiederkehrende Abläufe erkennen, Tage zählen und längere Zeiträume unterscheiden. Das mit „Zeiten“ übersetzte hebräische Wort bezeichnet bestimmte oder festgesetzte Zeiten. Es wird an anderen Stellen auch für Festzeiten verwendet, etwa in 3. Mose 23,4. Daraus folgt allerdings noch nicht, dass die späteren Feste Israels bereits am vierten Schöpfungstag eingesetzt wurden. Hier wird zunächst die Grundlage einer verlässlichen Zeitordnung beschrieben. Psalm 104,19 nimmt diesen Gedanken auf und verbindet den Mond mit der Bestimmung von Zeiten und die Sonne mit ihrem regelmäßigen Untergang.

In der religiösen Umwelt des alten Orients wurden Sonne, Mond und Sterne vielfach als Gottheiten verehrt. Vor diesem Hintergrund besitzt die schlichte Darstellung des Kapitels besonderes Gewicht. Die Himmelskörper erscheinen als Werke Gottes, deren Aufgaben er festlegt. Die Bezeichnungen „größeres Licht“ und „kleineres Licht“ rücken ihren Dienst in den Vordergrund. Die spätere Warnung in 5. Mose 4,19 entspricht genau dieser Unterscheidung: Israel soll sich beim Anblick von Sonne, Mond und Sternen nicht dazu verleiten lassen, sie anzubeten. Ihre Schönheit und ihre Bedeutung für das Leben geben Anlass, den Schöpfer zu ehren.

Auch die Sterne gehören zu seinem Werk. Die Erzählung erwähnt sie mit wenigen Worten, ohne ihren Ursprung von dem der übrigen Schöpfung zu unterscheiden. Diese Kürze mindert ihren Wert nicht. Sie zeigt vielmehr, dass auch die Weite des Sternenhimmels innerhalb der umfassenden Aussage steht: Gott hat Himmel und Erde geschaffen. Psalm 147,4–5 entfaltet diesen Gedanken weiter. Gott kennt die Zahl der Sterne und nennt sie mit Namen; seine Macht und seine Einsicht übersteigen das menschliche Erfassen. Die Vielzahl der Sterne führt den biblischen Blick deshalb zur Größe ihres Schöpfers.

Die Verse 17 und 18 greifen die Aufgaben der Himmelslichter nochmals auf: Sie beleuchten die Erde, bestimmen den Wechsel von Tag und Nacht und unterscheiden Licht und Dunkelheit. Diese Wiederholung unterstreicht, dass Gottes Auftrag ausgeführt wird. Was er bestimmt hat, erhält seinen Platz und erfüllt seinen Zweck. Anschließend beurteilt Gott sein Werk als gut. Auch die Zeitordnung durch die Himmelslichter gehört somit zur Güte der geschaffenen Welt. Mit Abend und Morgen endet der vierte Tag.

Jesus lenkt den Blick auf die Sonne später ebenfalls zum Vater. In seiner Lehre über die Liebe zu den Feinden erinnert er daran, dass Gott seine Sonne über bösen und guten Menschen aufgehen lässt und Gerechten wie Ungerechten Regen schenkt (Matthäus 5,44–45). Die alltäglichen Gaben der Schöpfung bezeugen seine Güte auch in einer Welt, die durch menschliche Schuld geprägt ist. Der vierte Schöpfungstag legt den Ursprung dieser Gaben vor uns. Licht und verlässliche Zeiten werden uns von Gott geschenkt. Indem wir sie empfangen, sind wir eingeladen, ihm zu danken und etwas von seiner freigebigen Fürsorge im Umgang mit anderen Menschen widerzuspiegeln.

1. Mose 1,20–23

Gott erfüllt Wasser und Himmel mit Leben

Am fünften Tag werden die zuvor geordneten Lebensräume mit Tieren erfüllt. Die Wasser sollen von lebendigen Wesen wimmeln, und über der Erde sollen Vögel fliegen. Das Wort „wimmeln“ vermittelt den Eindruck einer reichen Fülle. Die Erzählung lässt uns eine Welt betrachten, in der sich Leben bewegt und ausbreitet. Meer und Himmel gehören damit zu einem Lebensraum, dessen Vielfalt unter Gottes schöpferischem Handeln wächst.

Unter den Wasserlebewesen werden die großen Meeresgeschöpfe ausdrücklich hervorgehoben. Auch sie verdanken ihr Dasein Gott. Ihre Größe und die für Menschen schwer zugängliche Tiefe des Meeres begrenzen seine Herrschaft nicht. Psalm 104,25–26 beschreibt das Meer ebenfalls als einen Raum voller kleiner und großer Tiere. Selbst der dort genannte Leviathan, ein mächtiges Meereswesen, erscheint als Gottes Geschöpf. Die biblische Betrachtung des Meeres verbindet Staunen über seine Bewohner mit der Anerkennung desjenigen, der ihnen das Leben gegeben hat.

Die Tiere werden als lebendige Wesen beschrieben. Der zugrunde liegende hebräische Ausdruck kann auch mit „lebendige Seele“ wiedergegeben werden. In diesem Zusammenhang bezeichnet er das lebende Geschöpf. Dieselbe Wendung begegnet später bei der Erschaffung des Menschen: Durch Gottes lebensspendendes Handeln wird der Mensch eine lebendige Seele (1. Mose 2,7). Diese gemeinsame Bezeichnung zeigt zunächst, dass sowohl Tiere als auch Menschen ihr Leben von Gott empfangen. Die besondere Stellung des Menschen wird anschließend durch seine Erschaffung nach Gottes Bild erklärt.

Wie bei den Pflanzen wird auch hier die Unterscheidung nach den jeweiligen Arten betont. Die Wasserlebewesen und die Vögel erscheinen in einer geordneten Vielfalt. Ihre Unterschiede gehören zur Gestalt der Schöpfung. Der Bericht hebt dabei sowohl die Fülle als auch die Eigenart der verschiedenen Geschöpfe hervor. Was im Wasser lebt und was über der Erde fliegt, erhält seinen Platz innerhalb des Ganzen. Gott betrachtet diese Tierwelt und nennt sie gut.

Darauf folgt etwas, das bisher noch nicht ausdrücklich berichtet wurde: Gott segnet seine Geschöpfe. Der erste ausgesprochene Segen der Bibel gilt den Wasserlebewesen und den Vögeln. Sein Inhalt ist die Fruchtbarkeit und Vermehrung. Segnen bedeutet hier, dass Gott ihnen die Fähigkeit und den Auftrag gibt, ihr Leben weiterzugeben und ihre Lebensräume zu erfüllen. Der Fortbestand des Lebens ist damit bereits in seiner schöpferischen Fürsorge enthalten. Die Tiere treten mit der Möglichkeit ins Dasein, weitere Generationen hervorzubringen.

Der Segen benennt die Lebensräume nochmals: Die Wasserlebewesen sollen die Meere erfüllen, und die Vögel sollen sich auf der Erde vermehren. Obwohl die Vögel am Himmel fliegen, gehört ihr Leben zur Erde. Die Beschreibung hält so Bewegung, Lebensraum und Fortpflanzung zusammen. Noch bevor der Mensch seinen Auftrag empfängt, besitzt die Tierwelt ihren eigenen Platz in Gottes gutem Werk. Ihr Wert gründet bereits darin, dass Gott sie geschaffen und gesegnet hat.

Diese Fürsorge greift Jesus später auf, als er seine Zuhörer auf die Vögel aufmerksam macht. Sie säen und ernten nicht wie Menschen, und doch ernährt sie der himmlische Vater. Jesus verbindet diesen Blick mit der Einladung, Gott angesichts der eigenen Sorgen zu vertrauen (Matthäus 6,26). Der fünfte Schöpfungstag zeigt den Anfang dieser Beziehung zwischen dem Schöpfer und seinen lebendigen Geschöpfen: Gott gibt ihnen das Leben, weist ihnen ihren Platz zu und segnet ihre Vermehrung. Mit Abend und Morgen endet der Tag über einer Welt, deren Wasser und Himmel nun voller tierischen Lebens sind.

1. Mose 1,24–25

Die Landtiere gehören zu Gottes gutem Werk

Der sechste Tag beginnt mit der Erschaffung der Landtiere. Die Erde soll lebendige Wesen ihrer jeweiligen Art hervorbringen: Vieh, kriechende Tiere und die Tiere des Landes. Das Land, das am dritten Tag sichtbar wurde und Pflanzen hervorgebracht hat, erhält nun seine tierischen Bewohner. Wie zuvor bei der Pflanzenwelt verbindet die Erzählung den Auftrag an die Erde mit Gottes schöpferischem Handeln. Vers 25 berichtet ausdrücklich, dass Gott diese Tiere macht. Ihr Leben und ihr Platz auf der Erde gehen auf ihn zurück.

Die genannten Gruppen beschreiben die Tierwelt mit vertrauten Bezeichnungen. „Vieh“ umfasst Tiere, die der Mensch später halten und versorgen wird. Die Tiere des Landes bezeichnen hier besonders die frei lebenden Tiere. Hinzu kommen die kriechenden Tiere, die sich am oder nahe dem Boden bewegen. Diese Bezeichnung ist weiter als unser heutiger Begriff „Reptilien“; sie beschränkt sich auch nicht auf Tiere ohne Beine. Zusammen richtet die Aufzählung den Blick auf die unterschiedlichen Bewohner des Landes. Große und kleine, auffällige und leicht übersehene Geschöpfe gehören zu Gottes Werk.

Der folgende Vers nennt diese Gruppen nochmals und bestätigt damit die Ausführung des Schöpfungswortes. Wieder wird ihre jeweilige Art hervorgehoben. Die Erzählung führt so die bereits beschriebene Ordnung der lebendigen Schöpfung fort. Auch unter den Landtieren besteht eine Vielfalt unterscheidbarer Geschöpfe. Ihre unterschiedlichen Gestalten und Lebensweisen haben ihren Platz innerhalb derselben Welt. Gottes Urteil umfasst diese gesamte Tierwelt: Er sieht, dass sie gut ist.

Dieses Urteil fällt, bevor der Mensch geschaffen wird und seinen Herrschaftsauftrag erhält. Die Tiere besitzen somit bereits einen Wert als Geschöpfe Gottes. Der Mensch wird einer Tierwelt begegnen, die ihr Leben demselben Schöpfer verdankt wie er selbst. Daraus ergibt sich ein Grund, aufmerksam mit ihr umzugehen. Zur späteren biblischen Weisung passt deshalb die Aussage in Sprüche 12,10, dass ein gerechter Mensch die Bedürfnisse seines Tieres beachtet. Ein Leben nach Gottes Willen zeigt sich auch darin, wie jemand mit einem Geschöpf umgeht, das seiner Fürsorge anvertraut ist.

Mit der Erschaffung der Landtiere ist der sechste Tag noch nicht abgeschlossen. Die Erzählung hält vor einem weiteren, besonders hervorgehobenen Schöpfungsakt inne. Der Mensch wird in eine Welt eintreten, deren Lebensräume bereits geordnet und deren pflanzliche und tierische Bewohner geschaffen sind. Er empfängt diese Welt als etwas, das seinem eigenen Handeln vorausgeht. Sein späterer Auftrag wird ihn deshalb an den Schöpfer und an dessen gutes Werk binden. Vor diesem Hintergrund richtet sich Gottes nächstes Wort auf die Erschaffung des Menschen nach seinem Bild.

1. Mose 1,26–27

Mann und Frau sind nach Gottes Bild geschaffen

Mit der Erschaffung des Menschen erreicht die Erzählung ihren Höhepunkt. Gottes Wort kündigt nun eine besondere Absicht an: „Wir wollen Menschen machen“ (1. Mose 1,26). Der Mensch soll nach Gottes Bild und ihm ähnlich geschaffen werden. Damit erhält er innerhalb der bereits belebten Welt eine besondere Stellung. Sein Dasein ist von Anfang an mit einer Beziehung zum Schöpfer und einer Verantwortung für dessen Werk verbunden. Schon in Vers 26 steht die Aussage über Gottes Bild unmittelbar neben dem Auftrag, über die Tiere zu herrschen.

Die Mehrzahl in Gottes Rede ist auffällig und wird unterschiedlich verstanden. Eine begründete Deutung sieht darin Gottes Reden angesichts seiner himmlischen Umgebung; auch Jesaja 6,1–8 kennt eine solche Szene vor Gottes Thron und die Frage, wer für „uns“ gehen wird. Im Licht des Neuen Testaments lässt sich die Formulierung zugleich mit dem Wirken von Vater, Sohn und Heiligem Geist vereinbaren. Johannes bezeugt die Beteiligung Christi an der Schöpfung, und bereits 1. Mose 1,2 nennt Gottes Geist. Aus dem Wort „uns“ allein lässt sich jedoch noch keine vollständige Aussage über die Dreieinigkeit gewinnen. Der folgende Vers lässt keinen Zweifel am Handelnden: Gott schafft den Menschen nach seinem Bild. Die Erzählung schreibt diese Schöpfung ihm zu.

Gottes Bild zu sein bedeutet im unmittelbaren Zusammenhang, dass der Mensch den Schöpfer in seiner Welt vertreten soll. Er empfängt Verantwortung und soll sie in Übereinstimmung mit demjenigen ausüben, dem die Erde gehört. Dabei bleibt er selbst ein Geschöpf. Seine besondere Stellung besteht in einer ihm anvertrauten Aufgabe und in der Ähnlichkeit zu seinem Schöpfer. Die beiden Ausdrücke „Bild“ und „ähnlich“ gehören eng zusammen. Sie sagen mehr, als dass der Mensch irgendeine Fähigkeit besitzt, die ihn von anderen Lebewesen unterscheidet. Sein Leben soll etwas von Gottes Wesen erkennen lassen. Der Zusammenhang mit dem Herrschaftsauftrag macht diese Bedeutung greifbar, ohne damit jede Seite der Gottebenbildlichkeit vollständig zu erklären.

Die Aussage betrifft den Menschen als ganze Person. Denken, verantwortliches Entscheiden, Beziehungen und die Fähigkeit, auf Gott zu antworten, können Ausdruck dieser besonderen Berufung sein. Die Verse geben jedoch keine abschließende Liste von Eigenschaften, an denen sich menschliche Würde messen ließe. Diese Würde wird dem Menschen durch Gottes schöpferisches Handeln zugesprochen. Sie bleibt deshalb auch dort bestehen, wo Fähigkeiten noch nicht entwickelt, eingeschränkt oder verloren gegangen sind. Ein kleines Kind, ein schwer kranker Mensch oder jemand, der vollständig auf Hilfe angewiesen ist, gehört ebenso zu der Menschheit, die Gott nach seinem Bild geschaffen hat. Der Wert eines Menschen liegt vor jeder Bewertung seiner Leistungsfähigkeit.

Vers 27 hebt ausdrücklich hervor, dass Gott den Menschen männlich und weiblich schafft. Die Aussage über Gottes Bild umfasst beide. Mann und Frau empfangen dieselbe grundlegende Würde und stehen gemeinsam in Beziehung zu ihrem Schöpfer. Keiner von beiden wird hier als weniger menschlich oder als weniger zu Gottes Bild gehörend beschrieben. Die Verschiedenheit der Geschlechter steht innerhalb ihrer gemeinsamen Menschlichkeit. Wie ihre Beziehung gestaltet wird, führt das nächste Kapitel näher aus. Jesus greift später beide Schöpfungsaussagen auf, wenn er die Ehe mit Gottes ursprünglichem Handeln begründet: die Erschaffung als Mann und Frau und ihre Verbindung zu einem gemeinsamen Leben (Matthäus 19,4–6).

Auch nach dem Einbruch der Sünde hält die Bibel an der Bedeutung des Menschen als Gottes Bild fest. In 1. Mose 9,6 wird der Schutz menschlichen Lebens damit begründet, dass Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat. Jakobus 3,9–10 erklärt, weshalb es widersprüchlich ist, Gott zu loben und zugleich Menschen zu verfluchen, die nach seiner Ähnlichkeit geschaffen sind. Menschliche Schuld beschädigt das Verhältnis zu Gott und prägt das Verhalten, hebt diese grundlegende Würde aber nicht auf. Darum gilt die Achtung vor dem Menschen auch gegenüber jemandem, dessen Überzeugungen oder Handlungen wir ablehnen. Gottes Schöpfungsaussage setzt unserem Umgang miteinander einen Maßstab.

Das Neue Testament verbindet Gottes Bild schließlich mit Christus und der Erneuerung des Menschen. Christus wird als Bild des unsichtbaren Gottes bezeichnet (Kolosser 1,15). In ihm erkennen wir, wie Gottes Wesen im menschlichen Leben vollkommen zum Ausdruck kommt. Wer zu Christus gehört, soll in der Erkenntnis nach dem Bild seines Schöpfers erneuert werden; Epheser 4,24 verbindet diese Erneuerung mit Gerechtigkeit und Heiligkeit (Kolosser 3,10). Erlösung führt somit zu einem Leben, das der ursprünglichen Berufung des Menschen wieder entspricht. Die Würde als Gottes Geschöpf ist bereits gegeben; durch Christus wird der Mensch dazu erneuert, Gottes Wesen auch in seinem Denken und Handeln widerzuspiegeln. So verbinden diese Schöpfungsverse die Achtung vor jedem Menschen mit der Einladung, unser eigenes Leben vom Schöpfer gestalten zu lassen.

1. Mose 1,28

Gottes Segen und der Auftrag des Menschen

Gott segnet Mann und Frau und spricht sie unmittelbar an. Ihr Leben beginnt unter seinem Zuspruch, und ihre Aufgabe steht innerhalb dieses Segens. Sie sollen fruchtbar sein, sich vermehren, die Erde erfüllen und Verantwortung über die geschaffene Welt übernehmen. Was in Vers 26 bereits angekündigt wurde, wird ihnen nun als Auftrag zugesprochen. Beide empfangen diesen Segen und diese Verantwortung gemeinsam. Die besondere Stellung des Menschen erhält damit eine konkrete Richtung: Er soll das ihm geschenkte Leben weitergeben und in Gottes Welt tätig werden.

Der Auftrag zur Fruchtbarkeit richtet den Blick auf den Fortbestand und die Ausbreitung der Menschheit. Die Erde soll von Menschen bewohnt werden, die ihrerseits Leben empfangen und weitergeben. Kinder gehören dadurch von Anfang an zur guten Gabe der Schöpfung. Diese Aussage über die Menschheit darf jedoch nicht zu einem Maßstab gemacht werden, an dem der Wert jedes Einzelnen nach seiner Kinderzahl beurteilt wird. Das Neue Testament würdigt auch ein unverheiratetes Leben als eine mögliche Gabe und Berufung (1. Korinther 7,7–8). Der Schöpfungssegen beschreibt die Fruchtbarkeit des menschlichen Lebens im Ganzen; persönliche Würde bleibt auch bei Kinderlosigkeit bestehen.

Die Erde sich untertan zu machen bezeichnet einen tatsächlichen Auftrag zur Gestaltung und Nutzung. Die zugrunde liegende Ausdrucksweise ist kräftig und lässt sich nicht einfach mit behutsamer Pflege gleichsetzen. Der Mensch soll tätig werden, seine Fähigkeiten einsetzen und die Erde als Lebensraum erschließen. Dazu gehören Arbeit und der Umgang mit dem, was Gott bereitgestellt hat. Wie diese Tätigkeit innerhalb der guten Schöpfung aussehen kann, zeigt 1. Mose 2,15 am Garten: Der Mensch erhält den Auftrag, ihn zu bebauen und zu bewahren. Beides gehört zusammen. Arbeit und schöpferische Gestaltung sind bereits vor dem Sündenfall Teil menschlichen Lebens; die spätere Mühsal der Arbeit wird erst nach dem Ungehorsam beschrieben.

Die Herrschaft über die Tiere steht unter derselben Verantwortung. Sie wird dem Menschen von Gott übertragen und bleibt deshalb an den Willen des Schöpfers gebunden. Psalm 24,1 erinnert daran, dass die Erde und alles, was sie erfüllt, dem Herrn gehören. Der Mensch handelt somit in einer Welt, deren Eigentümer Gott ist. Eine Nutzung, die das anvertraute Leben achtlos zerstört, lässt sich mit diesem Zusammenhang nicht begründen. Zugleich richtet sich der Herrschaftsauftrag dieses Verses auf die Erde und ihre Tiere. Er erteilt keine allgemeine Erlaubnis, andere Menschen nach eigenem Belieben zu unterwerfen.

Für den Umgang mit Macht gibt Jesus später einen klaren Maßstab. Er beschreibt, wie Herrscher ihre Macht über andere ausüben, und fordert seine Nachfolger zu einer Haltung des Dienens auf. Sein eigenes Leben begründet diese Weisung: Der Menschensohn ist gekommen, um zu dienen und sein Leben zur Erlösung hinzugeben (Markus 10,42–45). Diese Aussage erklärt nicht die einzelnen Wörter des Schöpfungsauftrags neu. Sie zeigt aber, wie Verantwortung im Einklang mit Gottes Wesen ausgeübt werden soll. Wer Gott vertritt, soll seine Möglichkeiten zum Wohl des anvertrauten Lebens einsetzen. Größe zeigt sich dabei in der Bereitschaft, Verantwortung zu tragen und anderen zu dienen.

So reicht der Auftrag aus Vers 28 in Familie, Arbeit und den alltäglichen Umgang mit der Erde hinein. Menschen dürfen anbauen, gestalten, versorgen und das Geschaffene nutzen. Dabei gehören die empfangene Gabe und die Verantwortung für ihren Gebrauch zusammen. Der Schöpfer hat den Menschen befähigt und gesegnet; nun soll dessen Handeln der Güte dieses Ursprungs entsprechen. Das setzt einen Maßstab für unsere Entscheidungen: Wir gehen mit einer Welt um, die Gott geschaffen hat, und mit Leben, das er uns anvertraut.

1. Mose 1,29–30

Gott schenkt Menschen und Tieren Nahrung

Nachdem Gott den Menschen gesegnet und ihm seinen Auftrag gegeben hat, spricht er über seine Versorgung. Er weist Mann und Frau auf die Pflanzen und Früchte hin, die ihnen zur Nahrung dienen sollen. Damit verbindet sich ihre Verantwortung mit einer bleibenden Abhängigkeit vom Schöpfer. Der Mensch kann die Erde bearbeiten und ihre Erträge nutzen, doch die Grundlage seines Lebens empfängt er von Gott. Samen, Wachstum und Fruchtbarkeit sind bereits vorhanden, bevor er selbst tätig wird.

Für die Menschen nennt Gott die samenbildenden Pflanzen und die Bäume, deren Früchte Samen enthalten. Die Pflanzenwelt des dritten Tages erhält damit ausdrücklich eine Bedeutung für ihre Ernährung. Was zuvor als fruchtbare Schöpfung beschrieben wurde, wird ihnen nun als Gabe zugewiesen. Der Blick auf Samen und Früchte verbindet Versorgung und weiteres Wachstum: Die Pflanzen bringen Nahrung hervor und ermöglichen zugleich, dass neue Pflanzen entstehen. Gottes Fürsorge umfasst dadurch auch die Fortsetzung des Lebens über den ersten Anfang hinaus.

Auch die Tierwelt wird in diese Versorgung einbezogen. Den Tieren des Landes, den Vögeln und den am Boden lebenden Tieren gibt Gott die grünen Pflanzen zur Nahrung. Diese Gruppen werden ausdrücklich genannt; die Ernährung der Wasserlebewesen wird an dieser Stelle nicht näher beschrieben. Menschen und Tiere stehen somit innerhalb einer gemeinsamen, von Gott bereitgestellten Lebensgrundlage. Der Herrschaftsauftrag des Menschen hebt diese Verbindung nicht auf. Die Tiere besitzen ihren Platz in der Welt und empfangen ebenfalls Nahrung aus der Hand ihres Schöpfers.

Die hier beschriebene Nahrungsordnung ist pflanzlich. Fleisch wird weder den Menschen noch den genannten Tiergruppen als Nahrung zugewiesen. Das zeichnet das Bild einer Versorgung, bei der Tiere nicht getötet werden müssen, um Menschen zu ernähren. Es stützt auch die Vorstellung eines ursprünglichen friedlichen Zusammenlebens. Über die weitergehende Frage, ob vor dem Sündenfall überhaupt Tiere sterben konnten, geben diese Verse allein jedoch keine ausdrückliche Auskunft. Sie beschreiben die von Gott gegebene Nahrung. Eine umfassende Aussage über Tod und Vergänglichkeit muss im Zusammenhang mit den weiteren biblischen Aussagen verstanden werden.

Die Bibel unterscheidet diese ursprüngliche Versorgung von späteren Regelungen. Nach der Sintflut erhält Noah ausdrücklich die Erlaubnis, auch Tiere als Nahrung zu verwenden; zugleich wird der Verzehr des Blutes untersagt (1. Mose 9,3–4). Das Neue Testament berichtet außerdem, dass der auferstandene Jesus Fisch isst (Lukas 24,42–43). Deshalb lässt sich aus der pflanzlichen Nahrung am Anfang kein unterschiedsloses Verbot jedes späteren Fleischverzehrs ableiten. Die ursprüngliche Gabe behält dennoch ihre Bedeutung: Pflanzliche Nahrung gehört bereits zur guten Versorgung der Menschen bei ihrer Erschaffung.

Im Mittelpunkt des Abschnitts steht Gottes freigebige Fürsorge. Er gibt seinen Geschöpfen das Leben und stellt auch bereit, was sie zum Leben brauchen. Daraus wächst Dankbarkeit für etwas so Alltägliches wie unsere Nahrung. Im Neuen Testament wird dieser Zusammenhang ausdrücklich aufgenommen: Speisen werden als Gaben Gottes beschrieben, die mit Danksagung empfangen werden sollen (1. Timotheus 4,3–5). Wer seine Nahrung dankbar empfängt, erkennt den Geber an. So erinnern diese Verse daran, dass menschliches Leben von Anfang an durch Gottes Geben getragen wird. Die abschließende Feststellung, dass es so geschieht, bestätigt die Verwirklichung seiner Fürsorge innerhalb der geschaffenen Welt.

1. Mose 1,31

Gottes Urteil über die ganze Schöpfung

Am Ende des sechsten Tages betrachtet Gott alles, was er geschaffen hat. Bisher wurde sein Werk wiederholt als gut bezeichnet. Nun richtet sich sein Urteil auf das Ganze: Es ist „sehr gut“ (1. Mose 1,31). Die einzelnen Teile gehören zu einer Welt, deren Lebensräume, Bewohner und Versorgung aufeinander bezogen sind. Auch der Mensch mit seiner besonderen Würde und seinem Auftrag steht innerhalb dieses Gesamturteils. Die Schöpfung entspricht Gottes Absicht. Ihr Anfang trägt das Zeugnis seiner Macht, Weisheit und Güte.

Dieses Urteil bezeichnet eine gelungene und geordnete Schöpfung. Zugleich besitzt sie die Möglichkeit, sich weiter zu entfalten. Pflanzen sollen wachsen, Tiere sich vermehren und Menschen die Erde bewohnen und gestalten. Dass die Welt sehr gut ist, bedeutet deshalb nicht, dass jedes weitere Geschehen bereits abgeschlossen wäre. Gott hat eine lebendige Welt geschaffen, in der das Leben fortgesetzt werden soll. Auch menschliche Tätigkeit gehört zu dieser guten Ordnung. Der Mensch empfängt Raum zum Handeln und bleibt dabei auf den Schöpfer angewiesen.

Die weitere Erzählung unterscheidet diesen guten Anfang von den Folgen menschlichen Ungehorsams. In 1. Mose 3 werden zerbrochenes Vertrauen, Angst, Schuld und die Mühsal des Lebens beschrieben. Der Mensch wird schließlich zum Staub zurückkehren, aus dem er genommen wurde (1. Mose 3,17–19). Paulus verbindet diese Geschichte ausdrücklich mit dem menschlichen Tod: Durch einen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, der sich auf alle Menschen ausbreitete (Römer 5,12). Damit wird menschliches Sterben in einen Zusammenhang mit der Sünde gestellt. Diese Aussage spricht unmittelbar über die Menschheit; sie erklärt für sich allein noch nicht sämtliche Vorgänge des Sterbens in der Tierwelt.

Paulus beschreibt darüber hinaus die ganze Schöpfung als betroffen von Vergänglichkeit und Leiden. Sie seufzt und wartet auf die Befreiung, die mit der Vollendung der Erlösung verbunden ist (Römer 8,19–23). So reicht die biblische Hoffnung über das einzelne menschliche Leben hinaus. Zusammen mit der ursprünglichen pflanzlichen Versorgung und Gottes Gesamturteil ergibt sich das Bild eines guten, lebensfördernden Anfangs und einer später beeinträchtigten Welt. Die Annahme eines ursprünglichen Lebens ohne Tiersterben wird aus diesem Zusammenhang abgeleitet. Sie ist jedoch keine ausdrücklich ausformulierte Aussage des Wortes „sehr gut“ und darf nicht allein mit Römer 5,12 bewiesen werden. Der sichere Schwerpunkt bleibt: Die gegenwärtige Erfahrung von Schuld und leidvoller Vergänglichkeit beschreibt nicht das Ziel, auf das Gottes Werk ausgerichtet ist.

Diesen Zusammenhang nimmt die Erlösung durch Christus auf. Paulus bezeichnet den Tod als den letzten Feind, der beseitigt werden wird (1. Korinther 15,26). Die Offenbarung führt den Blick schließlich auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Gott wird bei den Menschen wohnen; Tod, Trauer, Geschrei und Schmerz werden ein Ende haben (Offenbarung 21,1–4). Der gute Anfang und diese verheißene Vollendung gehören zur selben biblischen Geschichte. Gottes Heilswerk führt zu einer erneuerten Welt, in der seine Gemeinschaft mit den Menschen und das von ihm geschenkte Leben ungehindert bestehen.

Mit Abend und Morgen endet nun der sechste Tag. Der anschließende siebte Tag gehört weiterhin zur Schöpfungserzählung, obwohl er in unserer Kapiteleinteilung bereits am Anfang von 1. Mose 2 steht. Dort wird das Werk als vollendet beschrieben, und Gott ruht von seinem schöpferischen Tun. Er segnet den siebten Tag und heiligt ihn, das heißt, er gibt ihm eine besondere Bestimmung (1. Mose 2,1–3). Die Ruhe steht somit am Abschluss eines gelungenen Werkes. Gottes Urteil „sehr gut“ bereitet diesen Übergang vor: Was er schaffen wollte, ist hervorgebracht, und die vollendete Schöpfung empfängt ihren besonderen Abschluss im siebten Tag.

Geistliche Kernbotschaft

Die geistliche Mitte dieses Kapitels ist Gott selbst. Alles Geschaffene verdankt ihm sein Dasein. Sein Wort bringt Leben hervor, und seine Güte bestimmt den Anfang der Welt. Damit erhält auch unser Leben einen grundlegenden Zusammenhang: Wir gehören zu einer Schöpfung, die Gott gewollt hat und der er einen Sinn gibt. Der Glaube an den Schöpfer führt deshalb zur Anbetung, zur Dankbarkeit und zum Vertrauen auf seine Weisheit.

Gottes Macht und seine Güte gehören dabei zusammen. Er schafft Lebensräume, ermöglicht Wachstum und versorgt seine Geschöpfe. Der Mensch tritt in eine Welt ein, in der bereits für sein Leben gesorgt ist. Auch seinen Segen und seine besondere Würde empfängt er von Gott. Diese Reihenfolge prägt das Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf: Am Anfang steht Gottes gebendes Handeln. Darauf antwortet der Mensch mit seinem Leben und der Verantwortung, die ihm anvertraut wird.

Als Gottes Ebenbild besitzt der Mensch eine besondere Stellung. Sie verbindet Würde mit Verantwortung. Der Mensch darf die Erde gestalten und über Tiere herrschen, bleibt dabei aber selbst dem Schöpfer unterstellt. Seine Aufgabe erhält ihren Maßstab von dem Gott, dessen Bild er trägt. Deshalb gehören die Achtung vor dem menschlichen Leben und ein verantwortlicher Umgang mit der übrigen Schöpfung zusammen.

Das Kapitel eröffnet damit eine Lebenshaltung, in der Vertrauen und Gehorsam miteinander verbunden sind. Wer Gott als Ursprung seines Lebens erkennt, kann seine Gaben dankbar empfangen und nach seinem Willen fragen. Arbeit, Beziehungen und Entscheidungen bekommen dadurch eine Richtung. Der Mensch lebt vor Gott und darf sein Leben als Antwort auf dessen Güte gestalten.

Verbindungen zu anderen Bibelstellen

Psalm 33,6–9 greift die schöpferische Macht des göttlichen Wortes auf. Was Gott gebietet, kommt zustande. Hebräer 11,3 verbindet diese Erkenntnis mit dem Glauben: Die Welt verdankt ihre Entstehung Gottes Wort. Beide Stellen führen den Blick auf denjenigen, dessen Handeln hinter dem Geschaffenen steht. Sie vertiefen damit einen Grundgedanken von 1. Mose 1: Gottes Wort besitzt die Macht, das hervorzubringen, was es ausspricht.

Johannes 1,1–3 eröffnet einen weiteren Zusammenhang. Dort wird das Wort als bereits im Anfang bei Gott beschrieben, und alles Geschaffene ist durch dieses Wort geworden. Johannes 1,14 erklärt anschließend, dass das Wort Mensch wurde. Damit erkennen wir Jesus Christus auf der Seite des Schöpfers. Kolosser 1,16–17 entfaltet denselben Zusammenhang: Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen und hat in ihm seinen Bestand. Derjenige, der als Mensch zu unserer Erlösung kam, ist zugleich derjenige, dem die Welt ihr Dasein verdankt.

Die Schöpfungserzählung reicht über die heutige Grenze zwischen dem ersten und zweiten Kapitel hinaus. In 1. Mose 2,1–3 wird das Werk vollendet, und Gott segnet und heiligt den siebten Tag. 2. Mose 20,8–11 nimmt diesen Zusammenhang ausdrücklich auf und begründet das Sabbatgebot mit Gottes Schaffen und Ruhen. Die Schöpfungswoche erhält dadurch innerhalb der Bibel eine Bedeutung für die Ordnung menschlicher Zeit. Zum Leben vor Gott gehören sowohl die Arbeit als auch die geheiligte Ruhe.

Die Aussage über Gottes Bild wird später zur Grundlage für den Schutz und die Achtung des Menschen. Nach der Sintflut begründet Gott die besondere Verantwortung gegenüber menschlichem Leben damit, dass der Mensch nach seinem Bild geschaffen wurde (1. Mose 9,6). Jakobus 3,9–10 wendet denselben Gedanken auf unsere Worte an: Wer Gott lobt und Menschen verflucht, handelt widersprüchlich, weil diese Menschen nach Gottes Gleichnis geschaffen sind. Die Schöpfungsaussage besitzt somit Folgen für den Umgang miteinander, auch innerhalb einer von Sünde geprägten Welt.

Paulus stellt außerdem eine ausdrückliche Verbindung zwischen dem ersten Licht und der Erkenntnis Christi her. In 2. Korinther 4,6 beschreibt er, wie der Gott, der Licht aus der Finsternis hervorbrachte, auch menschliche Herzen erleuchtet. Der Bezug zeigt, wie Gottes schöpferisches Handeln zum Verständnis seines erneuernden Wirkens beiträgt. Menschen können durch ihn die Herrlichkeit Gottes in Jesus Christus erkennen.

Schließlich verbindet die Bibel den guten Anfang mit der Hoffnung auf eine erneuerte Schöpfung. Römer 8,19–23 beschreibt die gegenwärtige Schöpfung als von Vergänglichkeit betroffen und zugleich auf Befreiung ausgerichtet. Offenbarung 21,1–4 führt diesen Ausblick zu einem neuen Himmel und einer neuen Erde, in denen Gott bei den Menschen wohnt und Tod und Schmerz enden. Die Erlösung umfasst damit auch die Zukunft der geschaffenen Welt. Gottes guter Wille, der am Anfang sichtbar wird, findet in dieser Vollendung seine Erfüllung.

Wichtige Lektionen

Eine grundlegende Lektion betrifft unseren Umgang mit Menschen. Wer die Würde des Menschen aus Gottes Schöpfungshandeln versteht, hat einen festen Grund, jeden Menschen zu achten. Diese Achtung muss sich gerade dort bewähren, wo jemand schwach, abhängig oder wenig angesehen ist. Sie betrifft auch unsere Sprache. Kritik an einer Handlung oder Überzeugung lässt sich klar aussprechen, während wir die Würde des Gegenübers respektieren. Der Gedanke an Gottes Ebenbild soll unseren Umgang mit anderen prägen.

Ebenso lädt das Kapitel zu einer bewussten Dankbarkeit ein. Nahrung, Lebensraum und die Möglichkeiten unseres Lebens werden als Gaben Gottes erkennbar. Im Alltag können wir diese Dankbarkeit einüben, indem wir unsere Versorgung wahrnehmen, Gott dafür danken und sorgsam mit dem Empfangenen umgehen. Wer seine Güter als anvertraute Gaben versteht, wird auch aufmerksamer für Menschen, denen etwas fehlt. Dankbarkeit kann so in Großzügigkeit übergehen.

Der Auftrag des Menschen fordert einen verantwortlichen Umgang mit der Erde. Tiere, Pflanzen und Lebensräume stehen innerhalb einer Schöpfung, die Gott als gut beurteilt. Ihre Nutzung verlangt deshalb Sorgfalt. Im eigenen Verantwortungsbereich bedeutet das beispielsweise, Tiere angemessen zu versorgen, Lebensmittel wertzuschätzen und mit Boden und natürlichen Lebensgrundlagen umsichtig umzugehen. Menschliche Gestaltungskraft soll dem Leben dienen und sich an Gottes Eigentum und Güte orientieren.

Eine weitere Lektion liegt in der Anerkennung unserer Grenzen. Der Mensch erhält einen bedeutenden Auftrag und bleibt dennoch Geschöpf. Diese Einsicht hilft, die eigene Verantwortung ernst zu nehmen und zugleich auf Gott angewiesen zu bleiben. Wir dürfen arbeiten, planen und gestalten. Ebenso dürfen wir Ruhe annehmen und Gott das anvertrauen, was unsere Möglichkeiten übersteigt. Das Vertrauen auf den Schöpfer bewahrt uns davor, das ganze Leben allein aus eigener Kraft tragen zu wollen.

Schließlich richtet das Kapitel unsere Anbetung auf Gott. Die Schönheit und Kraft der Natur können uns zum Staunen führen; die Ehre gebührt ihrem Schöpfer. Auch angesichts einer leidenden Welt dürfen wir an seiner Güte festhalten. Der gute Anfang und die biblische Hoffnung auf Erneuerung geben unserem Handeln eine Richtung: Wir achten das Leben, übernehmen Verantwortung und vertrauen auf den Gott, der sein Werk zur Vollendung führt.