Galater 3
O ihr unverständigen Galater, wer hat euch bezaubert, daß ihr der Wahrheit nicht gehorchet, welchen Christus Jesus vor die Augen gemalt war, als wäre er unter euch gekreuzigt?
29 Verse – der vollständige Kapiteltext:
- 1 O ihr unverständigen Galater, wer hat euch bezaubert, daß ihr der Wahrheit nicht gehorchet, welchen Christus Jesus vor die Augen gemalt war, als wäre er unter euch gekreuzigt?
- 2 Das will ich allein von euch lernen: Habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?
- 3 Seid ihr so unverständig? Im Geist habt ihr angefangen, wollt ihr's denn nun im Fleisch vollenden?
- 4 Habt ihr denn so viel umsonst erlitten? Ist's anders umsonst!
- 5 Der euch nun den Geist reicht und tut solche Taten unter euch, tut er's durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?
- 6 Gleichwie Abraham hat Gott geglaubt und es ist ihm gerechnet zur Gerechtigkeit.
- 7 So erkennet ihr ja, daß, die des Glaubens sind, das sind Abrahams Kinder.
- 8 Die Schrift aber hat es zuvor gesehen, daß Gott die Heiden durch den Glauben gerecht macht; darum verkündigte sie dem Abraham: “In dir sollen alle Heiden gesegnet werden.”
- 9 Also werden nun, die des Glaubens sind, gesegnet mit dem gläubigen Abraham.
- 10 Denn die mit des Gesetzes Werken umgehen, die sind unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben: “Verflucht sei jedermann, der nicht bleibt in alle dem, was geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, daß er's tue.”
- 11 Daß aber durchs Gesetz niemand gerecht wird vor Gott, ist offenbar; denn “der Gerechte wird seines Glaubens leben.”
- 12 Das Gesetz aber ist nicht des Glaubens; sondern “der Mensch, der es tut, wird dadurch leben.”
- 13 Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns (denn es steht geschrieben: “Verflucht ist jedermann, der am Holz hängt!”),
- 14 auf daß der Segen Abrahams unter die Heiden käme in Christo Jesu und wir also den verheißenen Geist empfingen durch den Glauben.
- 15 Liebe Brüder, ich will nach menschlicher Weise reden: Verwirft man doch eines Menschen Testament nicht, wenn es bestätigt ist, und tut auch nichts dazu.
- 16 Nun ist ja die Verheißung Abraham und seinem Samen zugesagt. Er spricht nicht: “durch die Samen”, als durch viele, sondern als durch einen: “durch deinen Samen”, welcher ist Christus.
- 17 Ich sage aber davon: Das Testament, das von Gott zuvor bestätigt ist auf Christum, wird nicht aufgehoben, daß die Verheißung sollte durchs Gesetz aufhören, welches gegeben ist vierhundertdreißig Jahre hernach.
- 18 Denn so das Erbe durch das Gesetz erworben würde, so würde es nicht durch Verheißung gegeben; Gott aber hat's Abraham durch Verheißung frei geschenkt.
- 19 Was soll denn das Gesetz? Es ist hinzugekommen um der Sünden willen, bis der Same käme, dem die Verheißung geschehen ist, und ist gestellt von den Engeln durch die Hand des Mittlers.
- 20 Ein Mittler aber ist nicht eines Mittler; Gott aber ist einer.
- 21 Wie? Ist denn das Gesetz wider Gottes Verheißungen? Das sei ferne! Wenn aber ein Gesetz gegeben wäre, das da könnte lebendig machen, so käme die Gerechtigkeit wahrhaftig aus dem Gesetz.
- 22 Aber die Schrift hat alles beschlossen unter die Sünde, auf daß die Verheißung käme durch den Glauben an Jesum Christum, gegeben denen, die da glauben.
- 23 Ehe denn aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen auf den Glauben, der da sollte offenbart werden.
- 24 Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christum, daß wir durch den Glauben gerecht würden.
- 25 Nun aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister.
- 26 Denn ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christum Jesum.
- 27 Denn wieviel euer auf Christum getauft sind, die haben Christum angezogen.
- 28 Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu.
- 29 Seid ihr aber Christi, so seid ihr ja Abrahams Same und nach der Verheißung Erben.
Kapitelüberblick
Die Galater hatten den Heiligen Geist durch den Glauben empfangen. Dennoch standen sie in der Gefahr, ihre Beziehung zu Gott nun von der Erfüllung des Gesetzes abhängig zu machen. Paulus erinnert sie deshalb an Abraham, dem sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet wurde. Schon ihm hatte Gott verheißen, dass durch seine Nachkommenschaft Menschen aus allen Völkern gesegnet werden sollten.
Anhand mehrerer alttestamentlicher Schriftstellen erklärt Paulus, weshalb das später gegebene Gesetz diese Verheißung nicht aufheben konnte. Es machte die Übertretungen sichtbar und erfüllte eine besondere Aufgabe bis zum Kommen Christi. Doch es konnte den Menschen nicht das Leben schenken, das Gott verheißen hatte. Jesus Christus erlöste die Menschen vom Fluch des Gesetzes und eröffnete ihnen den Zugang zum verheißenen Segen.
Am Ende des Kapitels beschreibt Paulus die neue Stellung der Gläubigen. Durch den Glauben gehören sie zu Christus und sind Gottes Kinder. Ihre Herkunft, ihr gesellschaftlicher Stand und ihr Geschlecht bestimmen nicht ihren Anteil an der Verheißung. Wer Christus angehört, ist Abrahams Nachkommenschaft und Erbe dessen, was Gott zugesagt hat.
Einführung
Der vorausgehende Bericht über Antiochia erklärt, weshalb Paulus nun einen so eindringlichen Ton anschlägt. Dort hatte er Petrus öffentlich widersprochen, weil dessen Rückzug von den nichtjüdischen Christen die gemeinsame Grundlage ihres Glaubens infrage stellte. Am Ende seiner Erklärung hatte Paulus eine entscheidende Schlussfolgerung gezogen: Wenn Gerechtigkeit durch das Gesetz erlangt werden könnte, wäre Christus vergeblich gestorben (Galater 2,21). An diesen Gedanken knüpft er unmittelbar an.
In den galatischen Gemeinden war die Auseinandersetzung um die Beschneidung und die Bedeutung des mosaischen Gesetzes längst zu einer ernsten Herausforderung geworden. Paulus hatte das Evangelium unter Menschen verkündigt, die überwiegend nicht aus dem jüdischen Volk stammten. Nun wurden sie mit der Vorstellung konfrontiert, dass ihre Zugehörigkeit zu Gottes Volk zusätzliche Verpflichtungen erforderte. Wer diese Forderungen verbreitete und wie sich die einzelnen Gemeinden dazu verhielten, lässt sich aus dem Brief nicht in allen Einzelheiten rekonstruieren. Dass die Entwicklung Paulus zutiefst beunruhigte, ist dagegen unübersehbar.
Seine weitere Begründung setzt bei zwei Grundlagen an, die seinen Lesern bereits bekannt waren. Einerseits erinnert er sie an ihre eigenen Erfahrungen seit der Verkündigung des Evangeliums. Andererseits führt er sie in die Geschichte Israels zurück und untersucht die Schriftstellen, auf die sich auch die Frage nach dem Gesetz beziehen musste. Besonders die Bücher Mose spielen dabei eine wichtige Rolle. Paulus argumentiert also nicht gegen das Alte Testament, sondern legt dessen Aussagen über Abraham, den Bund und das Gesetz im Licht Jesu Christi aus.
Der Gedankengang ist anspruchsvoll, weil Paulus zwischen verschiedenen Zeiten und Aufgaben innerhalb der biblischen Geschichte unterscheidet. Um seine Aussagen richtig zu verstehen, muss man deshalb beachten, wann Gott eine Verheißung gab, wann das Gesetz hinzukam und welche Bedeutung das Kommen Christi für beide besitzt. Diese zeitliche Abfolge bildet einen wichtigen Schlüssel für die folgenden Verse.
Zunächst wendet sich Paulus jedoch direkt an seine Leser. Mit ungewöhnlich scharfen Fragen fordert er sie auf, sich daran zu erinnern, wie ihr Leben mit Gott begonnen hatte und was sie seitdem erfahren hatten.
Galater 3,1–5
Im Geist begonnen – warum durch eigene Kraft vollenden?
Mit einer ungewöhnlich scharfen Anrede beginnt Paulus seine weitere Auseinandersetzung mit den Galatern. Er nennt sie unverständig und fragt, wer sie bezaubert habe (Galater 3,1). Seine Worte zeigen, wie ernst er die Entwicklung innerhalb der Gemeinden einschätzte. Die Galater hatten das Evangelium von Jesus Christus kennengelernt und im Glauben angenommen. Dennoch ließen sie sich nun von Vorstellungen beeinflussen, die nach der Überzeugung des Paulus die Grundlage ihres bisherigen Glaubens gefährdeten. Seine Fragen sollen sie deshalb nicht einfach beschämen. Er möchte sie dazu bringen, über den Widerspruch zwischen ihrem geistlichen Anfang und ihrer gegenwärtigen Haltung nachzudenken.
Wenn Paulus fragt, wer sie bezaubert habe, verwendet er eine bildhafte Ausdrucksweise. Das griechische Wort kann mit dem Gedanken einer Verblendung oder eines verhängnisvollen Einflusses verbunden sein. Paulus behauptet damit jedoch nicht ausdrücklich, dass jemand die Galater durch einen tatsächlichen Zauber oder eine besondere magische Handlung unter seine Kontrolle gebracht hätte. Er bringt vielmehr sein Erstaunen darüber zum Ausdruck, wie Menschen, denen die Botschaft von Christus bereits klar verkündigt worden war, sich von einer anderen Auffassung überzeugen lassen konnten. Die Frage nach dem Verursacher zeigt, dass Paulus hinter der Veränderung einen fremden Einfluss erkennt. Welche einzelnen Personen dafür verantwortlich waren, nennt er an dieser Stelle nicht.
Besonders wichtig ist die Begründung, die Paulus unmittelbar anschließt. Den Galatern war Jesus Christus als Gekreuzigter vor Augen gestellt worden. Die Schlachter 1951 verwendet dafür das anschauliche Bild, Christus sei ihnen „vor die Augen gemalt“ worden. Gemeint ist damit nicht, dass die Galater persönlich bei der Kreuzigung Jesu anwesend gewesen wären. Auch von einem tatsächlich angefertigten Gemälde berichtet Paulus nicht. Vielmehr erinnert er an eine Verkündigung, die das Leiden und Sterben Jesu so eindringlich beschrieben hatte, dass die Bedeutung seines Kreuzes für die Hörer deutlich werden konnte.
Damit lenkt Paulus den Blick bewusst auf den gekreuzigten Christus. Gerade das Kreuz erklärt, weshalb der Mensch seine Rettung nicht durch eigene religiöse Leistungen hervorbringen kann. Jesus hat sich für die Sünden der Menschen hingegeben, weil sie Erlösung benötigen. Wenn nun zusätzliche Gesetzesverpflichtungen als notwendige Grundlage ihrer Annahme bei Gott behandelt wurden, stellte sich die Frage, welche Bedeutung dem Opfer Christi tatsächlich zugemessen wurde. Paulus erinnert die Galater deshalb nicht einfach an eine bewegende Geschichte aus dem Leben Jesu. Er führt sie zu dem Ereignis zurück, auf dem die Botschaft ihrer Rettung beruht.
In Vers 2 stellt Paulus eine Frage, deren Antwort seine Leser aus ihrer eigenen Erfahrung kennen sollten. Er möchte wissen, ob sie den Heiligen Geist durch Gesetzeswerke empfangen hätten oder durch die Verkündigung des Glaubens. Damit wechselt er von der Erinnerung an das Kreuz zu einem Geschehen, das die Galater selbst erlebt hatten. Sie mussten nicht erst eine schwierige theoretische Untersuchung durchführen, um zu verstehen, worauf Paulus hinauswollte. Sie sollten sich daran erinnern, unter welchen Voraussetzungen sie den Geist Gottes empfangen hatten.
Der Ausdruck „Gesetzeswerke“ bezieht sich im Zusammenhang des Briefes auf das Handeln nach den Vorschriften des mosaischen Gesetzes. Dazu gehörten auch jene Bundeszeichen und religiösen Verpflichtungen, deren Übernahme von den nichtjüdischen Christen verlangt wurde. Paulus fragt deshalb nicht allgemein, ob Menschen Gutes tun sollen. Er fragt, ob die Galater den Heiligen Geist als Folge ihrer Unterstellung unter diese Gesetzesordnung empfangen hatten. Die Antwort, auf die seine Frage hinausläuft, lautet: Ihr Empfang des Geistes beruhte nicht auf einer solchen Voraussetzung.
Die andere Möglichkeit beschreibt Paulus mit der Predigt beziehungsweise Verkündigung des Glaubens. Die griechische Formulierung verbindet das Hören mit dem Glauben und kann deshalb sowohl die gehörte Glaubensbotschaft als auch deren gläubige Annahme hervorheben. Beide Gedanken gehören im Zusammenhang zusammen. Den Galatern wurde Jesus Christus verkündigt, und sie nahmen diese Botschaft im Glauben an. Paulus erinnert sie daran, dass Gott ihnen seinen Geist bereits in dieser Beziehung zu Christus geschenkt hatte. Sie mussten dafür nicht erst jüdische Bundeszeichen übernehmen oder durch die Erfüllung zusätzlicher Verpflichtungen eine höhere religiöse Stellung erwerben.
Dass Paulus gerade den Empfang des Heiligen Geistes als Beweis anführt, ist von großer Bedeutung. Der Geist gehört nach dem Zeugnis des Neuen Testaments zu den entscheidenden Gaben Gottes an die Menschen, die Christus angehören. Jesus hatte seinen Jüngern den Heiligen Geist verheißen, der sie begleiten, unterweisen und in der Wahrheit führen sollte (Johannes 14,16–17.26). Auch Petrus erkannte bei Kornelius, dass Gott die nichtjüdischen Gläubigen angenommen hatte, als der Heilige Geist auf sie kam, obwohl sie noch nicht beschnitten waren (Apostelgeschichte 10,44–48). Der Empfang des Geistes zeigte dort, dass Gottes Handeln nicht erst von der Übernahme sämtlicher jüdischer Bundesverpflichtungen abhängig war.
Paulus verwendet dieselbe grundlegende Überlegung nun gegenüber den Galatern. Wenn Gott ihnen seinen Geist bereits geschenkt hatte, welchen Sinn hätte dann die Behauptung, ihre Zugehörigkeit zu ihm sei ohne zusätzliche Gesetzeswerke noch unvollständig? Die Gabe des Geistes war nicht das Ergebnis eines erfolgreich abgeschlossenen religiösen Leistungsprogramms. Sie war Ausdruck der Gnade Gottes, die ihnen durch die Verkündigung Jesu Christi begegnet war. Paulus macht dadurch deutlich, dass die Galater ihre gegenwärtigen Forderungen an dem prüfen sollten, was Gott bereits an ihnen getan hatte.
In Vers 3 verschärft Paulus seine Frage. Nachdem sie im Geist angefangen hatten, wollten sie nun im Fleisch vollenden. Hier liegt einer der entscheidenden Gegensätze des Abschnitts. Der Anfang ihres Glaubenslebens war durch Gottes Geist bestimmt gewesen. Nun standen sie in der Gefahr, die Vollendung dieses Lebens auf eine andere Grundlage zu stellen. Das Wort „vollenden“ richtet den Blick auf das Ziel. Es geht also nicht nur darum, wie ein Mensch Christ wird, sondern auch darum, worauf er vertraut, wenn sein Glaubensleben weitergeführt und zur Reife gebracht werden soll.
Dabei muss der Ausdruck „Fleisch“ sorgfältig verstanden werden. Paulus bezeichnet damit nicht einfach den menschlichen Körper als etwas Böses. Im Galaterbrief kann das Wort unterschiedliche Bedeutungen besitzen. Hier steht es dem Wirken des Geistes gegenüber und bezeichnet eine menschliche Grundlage, auf der die Galater ihre geistliche Entwicklung nun sichern wollten. Im Zusammenhang mit der Beschneidungsforderung besitzt dieser Gegensatz außerdem eine besondere Schärfe, denn die Beschneidung war ein sichtbares Zeichen am menschlichen Körper. Paulus stellt somit das bereits erfahrene Wirken Gottes einer religiösen Orientierung gegenüber, die auf die Übernahme äußerer Bundesverpflichtungen setzte.
Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, diesen Vers ausschließlich als Warnung vor allgemeiner menschlicher Selbstanstrengung zu behandeln. Paulus beschäftigt sich mit einer konkreten Auseinandersetzung um das Gesetz des Mose und die Stellung nichtjüdischer Christen. Er beanstandet nicht, dass die Galater überhaupt nach einem gehorsamen Leben streben oder geistlich wachsen möchten. Im weiteren Verlauf des Briefes wird er sie ausdrücklich dazu auffordern, im Geist zu wandeln und der Sünde keinen Raum zu geben (Galater 5,16–25). Sein Einwand richtet sich gegen die Vorstellung, dass das von Gottes Geist begonnene Leben durch die Unterstellung unter die mosaische Bundesordnung zur Vollendung gebracht werden müsse.
Daraus ergibt sich zugleich eine weiterreichende geistliche Bedeutung. Der Mensch kann seine Beziehung zu Gott nicht aus eigener Kraft hervorbringen und anschließend unabhängig von Gott zu Ende führen. Auch das Wachstum im Glauben bleibt auf Gottes Wirken angewiesen. Paulus beschreibt an anderer Stelle, dass Gott in den Gläubigen sowohl das Wollen als auch das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen wirkt (Philipper 2,12–13). Der Mensch wird dadurch nicht untätig oder seiner Verantwortung enthoben. Doch sein Gehorsam erwächst aus einer Beziehung, die von Gottes Gnade getragen wird. Die Kraft für ein neues Leben liegt nicht in einer vom Geist unabhängigen menschlichen Vollkommenheit.
In Vers 4 erinnert Paulus die Galater an das, was sie bereits durchgemacht hatten. Nach der Schlachter 1951 fragt er, ob sie so viel umsonst erlitten hätten. Das zugrunde liegende griechische Verb wird häufig für Leiden oder schmerzliche Erfahrungen verwendet. Deshalb liegt die Annahme nahe, dass Paulus an Schwierigkeiten dachte, die sie aufgrund ihres Glaubens erfahren hatten. Allerdings nennt er hier keine konkreten Verfolgungen oder einzelnen Ereignisse. Da das Verb in bestimmten Zusammenhängen auch allgemeiner Erfahrungen bezeichnen kann, wird diskutiert, ob Paulus ausschließlich an Leiden oder umfassender an ihre bisherigen Glaubenserfahrungen erinnert.
Für das Verständnis des Verses ist entscheidend, dass Paulus ihre bisherige Geschichte nicht als bedeutungslos betrachtet wissen will. Sie hatten die Botschaft von Christus angenommen, Gottes Geist erfahren und möglicherweise bereits erhebliche Schwierigkeiten um ihres Glaubens willen ertragen. Würden sie nun eine andere Grundlage ihrer Beziehung zu Gott anerkennen, könnte ihr bisheriger Weg seinen ursprünglichen Sinn verlieren. Paulus fragt deshalb, ob all dies vergeblich gewesen sein sollte. Er erinnert sie daran, welche Bedeutung ihre Erfahrungen hatten und weshalb sie diese nicht leichtfertig preisgeben durften.
Bemerkenswert ist der Zusatz, mit dem Paulus seine Frage abschließt. Er stellt noch einmal infrage, ob tatsächlich alles vergeblich gewesen sei. Darin liegt neben der scharfen Warnung auch eine erkennbare Hoffnung. Paulus behandelt die Galater nicht so, als wäre ihre Entscheidung bereits unumkehrbar. Er schreibt ihnen gerade deshalb, weil er sie zurückgewinnen möchte. Seine eindringlichen Fragen sollen sie aufrütteln, bevor sie sich endgültig auf eine Auffassung festlegen, die nach seiner Überzeugung dem Evangelium widerspricht.
In Vers 5 kehrt Paulus schließlich zur Gabe des Heiligen Geistes zurück. Er spricht von Gott als demjenigen, der ihnen den Geist darreicht und Kräfte unter ihnen wirken lässt. Seine Formulierung richtet den Blick nicht nur auf den Beginn ihres Glaubenslebens, sondern auch auf Gottes weiteres Handeln in ihrer Mitte. Der Geist war nicht bloß ein vergangenes Ereignis, an das sie sich erinnern konnten. Paulus beschreibt Gottes Wirken als eine gegenwärtige Wirklichkeit, die ihre Gemeinschaft weiterhin prägte.
Die erwähnten Kräfte können sich auf besondere Machttaten oder Wunderwirkungen beziehen. Paulus erklärt jedoch nicht, welche konkreten Ereignisse in den galatischen Gemeinden geschehen waren. Es wäre deshalb unbegründet, bestimmte Heilungen, prophetische Offenbarungen oder andere einzelne Wunderberichte als sichere Beispiele zu nennen. Fest steht, dass Paulus auf ein Wirken Gottes verweist, das seinen Lesern offenbar bekannt war und das sie als Teil ihrer Glaubensgeschichte verstehen konnten. Ähnlich beschreibt er in 1. Korinther 12,4–11 unterschiedliche Wirkungen und Gaben, die derselbe Geist zum Nutzen der Gemeinde schenkt.
Wichtig ist dabei, dass Paulus solche Erfahrungen nicht zu einem von Christus unabhängigen Maßstab erhebt. Er fordert die Galater nicht auf, sich ausschließlich auf außergewöhnliche Erlebnisse oder religiöse Gefühle zu verlassen. Vielmehr stellt er eine klare Frage nach deren Ursprung: Handelte Gott auf dieser Weise unter ihnen, weil sie Gesetzeswerke erfüllten, oder im Zusammenhang mit der Glaubensbotschaft, die sie angenommen hatten? Die erfahrenen Wirkungen des Geistes sollen sie zur Wahrheit des Evangeliums zurückführen, nicht von dieser Wahrheit weglenken.
Dadurch entsteht eine geschlossene Argumentation. Paulus erinnert zunächst an die eindeutige Verkündigung des gekreuzigten Christus. Anschließend fragt er nach dem Empfang des Geistes, nach dem weiteren Weg der Galater und nach Gottes fortdauerndem Wirken unter ihnen. In allen diesen Fragen steht derselbe Gegensatz im Mittelpunkt. Die Galater hatten ihre Gemeinschaft mit Gott nicht durch die Erfüllung des mosaischen Gesetzes begonnen. Warum sollten sie nun annehmen, dass gerade diese Gesetzesordnung die notwendige Grundlage ihrer geistlichen Vollendung sei?
Der Abschnitt richtet sich damit sowohl gegen eine falsche Vorstellung von der Rechtfertigung als auch gegen ein Missverständnis des geistlichen Wachstums. Das Evangelium verkündigt keine Erlösung, die zunächst aus Gnade beginnt und anschließend durch eigene Gesetzesleistungen gesichert werden müsste. Gottes Gnade bleibt die Grundlage des Glaubenslebens. Zugleich führt diese Gnade den Menschen nicht in Verantwortungslosigkeit, sondern in eine lebendige Beziehung zu Christus, in der der Heilige Geist ihn verändert und befähigt, nach Gottes Willen zu leben.
Paulus hat damit die Galater zunächst an ihre eigenen Erfahrungen erinnert. Doch er belässt es nicht bei diesem persönlichen Rückblick. Seine nächste Begründung führt viel weiter zurück, in die Geschichte Abrahams. Dort wird er zeigen, dass der Glaube schon lange vor der Gesetzgebung am Sinai die entscheidende Bedeutung für die Beziehung des Menschen zu Gott hatte. Die Erfahrung der Galater und die Geschichte Israels sollen dadurch als Teile desselben göttlichen Erlösungsplans erkennbar werden.
Galater 3,6–9
Abraham glaubte Gott – der Segen für alle Völker
Nachdem Paulus die Galater an ihre Erfahrungen mit dem Heiligen Geist erinnert hat, führt er sie nun weit in die Geschichte Israels zurück. Er spricht von Abraham, dem Mann, den Gott zum Stammvater seines Volkes berufen hatte. Damit wählt Paulus eine Gestalt, deren Bedeutung für seine jüdischen Zeitgenossen kaum größer sein konnte. Abraham stand am Anfang jener Bundesgeschichte, auf die sich Israel berief. Gerade an seinem Beispiel möchte Paulus jedoch zeigen, dass die Gerechtigkeit vor Gott nicht erst durch die Erfüllung des mosaischen Gesetzes erlangt wird. Die entscheidende Grundlage war bereits vorhanden, lange bevor Gott Israel am Sinai seine Gebote und Bundesordnungen gab.
In Vers 6 erinnert Paulus an eine Aussage aus 1. Mose 15,6. Dort wird berichtet, dass Abraham Gott glaubte und ihm dieser Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet wurde. Um die Bedeutung dieser Worte zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf ihre ursprüngliche Situation. Gott hatte Abraham bereits eine große Nachkommenschaft und ein Land verheißen. Dennoch war Abraham inzwischen älter geworden, ohne den versprochenen Sohn erhalten zu haben. Seine Frau Sara war weiterhin kinderlos. Zwischen Gottes Zusage und den sichtbaren Umständen bestand damit ein erheblicher Gegensatz. Abraham konnte noch nicht erkennen, wie die Verheißung Wirklichkeit werden sollte.
In dieser Situation führte Gott ihn hinaus und ließ ihn zum Himmel aufblicken. Abraham sollte die Sterne betrachten und versuchen, sie zu zählen. So zahlreich, erklärte Gott, würde seine Nachkommenschaft werden (1. Mose 15,5). Für Abraham war das keine gewöhnliche Zukunftsaussicht. Alles, was er an seiner eigenen Lebenssituation erkennen konnte, schien gegen eine solche Entwicklung zu sprechen. Dennoch vertraute er dem Wort Gottes. Er hielt an der Verheißung fest, obwohl ihre Erfüllung noch nicht sichtbar war. Gerade dieses Vertrauen beschreibt die Schrift anschließend als Glauben, der ihm zur Gerechtigkeit gerechnet wurde.
Das Wort „rechnen“ ist für Paulus besonders wichtig. Es bedeutet, dass Abraham die Gerechtigkeit zugerechnet wurde. Der Text erklärt nicht, Abraham sei aufgrund seiner bisherigen Leistungen bereits ein vollkommen sündloser Mensch gewesen. Auch berichtet die Genesis nicht, er habe durch eine außergewöhnliche religiöse Handlung Anspruch auf Gottes Anerkennung erworben. Vielmehr steht sein Vertrauen auf Gottes Zusage im Mittelpunkt. Abraham nahm das Wort Gottes ernst und verließ sich auf den, der die Verheißung gegeben hatte. Dieser Glaube wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.
Dabei darf der Glaube selbst nicht zu einer neuen menschlichen Leistung gemacht werden, mit der Abraham sich Gottes Anerkennung verdient hätte. Die Initiative ging von Gott aus. Er hatte Abraham berufen, ihm eine Zukunft verheißen und seine Zusage erneuert. Abraham konnte die Erfüllung nicht aus eigener Kraft herbeiführen. Sein Glaube bestand darin, sich auf die Zuverlässigkeit Gottes zu verlassen. Die Gerechtigkeit, von der die Schrift spricht, steht deshalb in unmittelbarer Verbindung mit Gottes vorausgehender Verheißung und der Antwort des Menschen darauf.
Diese Unterscheidung hilft auch, den biblischen Glaubensbegriff besser zu verstehen. Glaube bedeutet nicht, dass ein Mensch jede Unsicherheit verdrängen oder etwas für wahr halten muss, obwohl er keinerlei Grund zum Vertrauen besitzt. Abraham vertraute einer konkreten Zusage des Gottes, der ihn bereits gerufen und auf seinem bisherigen Weg geführt hatte. Die Verheißung war noch nicht erfüllt, doch sie stammte von dem, der ihm seine Treue zugesagt hatte. Sein Glaube richtete sich deshalb nicht auf die eigene Fähigkeit, eine bessere Zukunft herzustellen, sondern auf Gottes Macht und Verlässlichkeit.
Zugleich wäre es falsch, Abrahams Glauben als eine rein innerliche Überzeugung ohne Folgen für sein Leben darzustellen. Bereits in 1. Mose 12 hatte Abraham auf Gottes Ruf hin seine Heimat verlassen. Er war aufgebrochen, obwohl er den weiteren Weg noch nicht vollständig kannte. Der Hebräerbrief greift diese Entscheidung später auf und erklärt, dass Abraham durch Glauben gehorchte, als Gott ihn berief (Hebräer 11,8). Sein Vertrauen und sein Handeln gehörten also zusammen. Doch der Gehorsam war Ausdruck seines Vertrauens auf Gott und nicht die Grundlage einer unabhängig von Gottes Gnade erworbenen Gerechtigkeit.
Dieser Unterschied ist für den Gedankengang des Paulus entscheidend. Er will nicht beweisen, dass Abraham niemals Gottes Willen beachtet hätte. Die Bücher Mose schildern ihn vielmehr als einen Menschen, der auf Gottes Ruf antwortete und dessen Lebensweg vom Vertrauen auf Gott geprägt war. Paulus untersucht jedoch eine andere Frage: Auf welcher Grundlage wurde Abraham vor Gott als gerecht anerkannt? Die Antwort findet er ausdrücklich in 1. Mose 15,6. Dort wird nicht auf seine Zugehörigkeit zu einer späteren Gesetzesordnung verwiesen, sondern auf seinen Glauben.
Bemerkenswert ist außerdem die zeitliche Stellung dieser Aussage. Der Bericht aus 1. Mose 15 liegt vor der Einführung der Beschneidung als Bundeszeichen in 1. Mose 17. Auch die Gesetzgebung am Sinai erfolgte erst viele Generationen später. Abraham konnte seine Gerechtigkeit deshalb nicht durch die Erfüllung einer Bundesordnung erlangen, die Israel zu seiner Zeit noch gar nicht empfangen hatte. Paulus wird diesen zeitlichen Zusammenhang im weiteren Verlauf des Kapitels ausführlich aufgreifen. Bereits hier bildet er jedoch einen wichtigen Hintergrund seiner Argumentation: Gottes Verheißung und die Anerkennung des Glaubens gingen der mosaischen Gesetzgebung voraus.
In Vers 7 zieht Paulus daraus eine weitreichende Schlussfolgerung. Diejenigen, die aus Glauben sind, bezeichnet er als Kinder Abrahams. Damit erweitert er das Verständnis der Zugehörigkeit zu Abraham über die bloße leibliche Abstammung hinaus. Im Zusammenhang des Galaterbriefes richtet sich diese Aussage besonders an Menschen, die nicht zum jüdischen Volk gehörten. Sie sollten verstehen, dass ihre Teilhabe an Gottes Verheißungen nicht davon abhing, ob sie zunächst durch die Beschneidung in die jüdische Bundesgemeinschaft eintraten. Entscheidend war ihre Beziehung zu dem Gott, dessen Verheißung Abraham geglaubt hatte.
Die Bezeichnung „Kinder Abrahams“ besitzt dabei eine tiefe Bedeutung. Im Alten Testament war Abraham nicht nur eine historische Persönlichkeit. Er war der Empfänger göttlicher Zusagen, aus denen die spätere Geschichte Israels hervorging. Die Berufung Abrahams, die Verheißung einer Nachkommenschaft und das zugesagte Land gehörten zum Anfang der besonderen Bundesgeschichte dieses Volkes. Wenn Paulus nun auch gläubige Menschen aus den Völkern als Kinder Abrahams bezeichnet, spricht er ihnen Anteil an dieser Verheißungsgeschichte zu. Sie bleiben ihrer Herkunft nach Menschen aus anderen Völkern, werden aber durch den Glauben nicht von dem Segen ausgeschlossen, den Gott mit Abraham verbunden hatte.
Das bedeutet nicht, dass Paulus die geschichtliche Herkunft Israels für bedeutungslos erklärt. Die leibliche Nachkommenschaft Abrahams und die Geschichte des jüdischen Volkes bleiben reale Bestandteile des biblischen Zeugnisses. Doch die Abstammung allein ist nach Paulus nicht die Grundlage, auf der ein Mensch vor Gott gerechtfertigt wird. Ebenso wenig verleiht die Herkunft aus einem anderen Volk eine geringere Stellung gegenüber der rettenden Gnade Gottes. Die gemeinsame Beziehung zu Christus eröffnet den Gläubigen Anteil an der Verheißung. Damit wird keine zweite Heilsgeschichte geschaffen, die unabhängig von Israel beginnt. Menschen aus den Völkern werden vielmehr in die Erfüllung dessen hineingenommen, was Gott Abraham bereits zugesagt hatte.
Diese Sichtweise schützt auch vor einem Missverständnis, das im Laufe der christlichen Geschichte immer wieder entstanden ist. Wenn nichtjüdische Menschen durch den Glauben Anteil an Abrahams Verheißung erhalten, folgt daraus nicht, dass sie sich über das jüdische Volk erheben dürften. Paulus wird im Römerbrief ausdrücklich davor warnen, sich gegenüber den natürlichen Zweigen des Ölbaums zu rühmen. Die eingepfropften Zweige tragen nicht die Wurzel, sondern werden von ihr getragen (Römer 11,17–18). Die Gnade, durch die Menschen aus den Völkern aufgenommen werden, gibt ihnen deshalb keinen Grund zu geistlichem Hochmut. Sie erinnert vielmehr daran, dass alle auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen sind.
In Vers 8 führt Paulus seine Begründung noch weiter. Er erklärt, dass die Schrift bereits vorausgesehen habe, dass Gott die Heiden durch Glauben rechtfertigen würde. Deshalb sei Abraham schon im Voraus die gute Botschaft verkündigt worden, dass in ihm alle Völker gesegnet werden sollten. Paulus verbindet damit die Rechtfertigung durch Glauben unmittelbar mit einer Verheißung, die viele Jahrhunderte vor dem Kommen Jesu Christi ausgesprochen worden war.
Die Formulierung, dass die Schrift etwas vorausgesehen habe, ist bemerkenswert. Paulus spricht von der Schrift, als könne sie selbst in die Zukunft blicken und eine Botschaft verkündigen. Damit beschreibt er jedoch nicht die Heilige Schrift als eine von Gott unabhängige Person. Er verwendet eine bildhafte Ausdrucksweise, durch die das göttliche Handeln und Reden in der Schrift hervorgehoben wird. Gott hatte durch seine Verheißung bereits angekündigt, was später in der Geschichte des Erlösungsplans Wirklichkeit werden sollte. Die schriftlich überlieferte Zusage bezeugte damit einen göttlichen Plan, dessen Tragweite erst im weiteren Verlauf der Heilsgeschichte vollständig sichtbar wurde.
Der Ursprung dieser Verheißung liegt in der Berufung Abrahams. Gott hatte ihm zugesagt, ihn zu einem großen Volk zu machen, ihn zu segnen und seinen Namen groß werden zu lassen. Zugleich erklärte er, dass durch Abraham alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten (1. Mose 12,1–3). Diese Zusage wurde später wieder aufgegriffen und mit seiner Nachkommenschaft verbunden (1. Mose 18,18; 22,18). Sie zeigt, dass Gottes Handeln an Abraham von Anfang an eine Bedeutung besaß, die über seine eigene Familie und das spätere Volk Israel hinausreichte.
Gott erwählte Abraham also nicht, um seinen Segen dauerhaft auf einen kleinen Kreis von Menschen zu beschränken. Seine besondere Berufung gehörte zu einem größeren Vorhaben. Durch die Geschichte Abrahams und seiner Nachkommen sollte etwas entstehen, das schließlich Menschen aus allen Völkern erreichen würde. Die Erwählung Abrahams und der universale Horizont der Verheißung stehen deshalb nicht im Widerspruch zueinander. Gottes Handeln begann an einem bestimmten Menschen und seiner Familie, war aber von Anfang an mit einer weitreichenden Zusage verbunden.
Paulus bezeichnet diese frühe Verheißung sogar als eine vorausgehende Verkündigung des Evangeliums. Das ist eine besonders bedeutende Aussage. Sie zeigt, dass der Apostel die Botschaft von Jesus Christus nicht als einen völlig neuen Heilsweg verstand, der ohne Verbindung zur früheren Offenbarung Gottes entstanden wäre. Vielmehr erkannte er in der Zusage an Abraham bereits den Anfang jener guten Nachricht, die durch Christus ihre entscheidende Erfüllung finden sollte. Gottes rettender Plan hatte eine Geschichte, die weit vor der Geburt Jesu in Bethlehem begann.
Dabei muss zwischen dem Inhalt der ursprünglichen Verheißung und ihrer späteren Erfüllung unterschieden werden. Aus 1. Mose 12 lässt sich nicht ableiten, Abraham habe damals bereits sämtliche Einzelheiten über Jesu Kreuzigung, Auferstehung und den späteren Dienst der Apostel gekannt. Die Genesis berichtet eine Verheißung, die auf eine zukünftige Segnung der Völker ausgerichtet war. Paulus versteht diese Zusage nun im Licht Jesu Christi. Für ihn ist sichtbar geworden, wie Gott die alte Verheißung erfüllt: Menschen aus den Völkern finden durch Christus Zugang zu jener Gerechtigkeit und Gemeinschaft mit Gott, die nicht aus eigener Gesetzeserfüllung hervorgeht.
Damit erhält auch der Begriff des Segens eine genauere Bedeutung. Im Alten Testament kann Gottes Segen unterschiedliche Bereiche des Lebens umfassen. Er steht unter anderem mit Fruchtbarkeit, Nachkommenschaft, Bewahrung und Gottes fürsorglichem Handeln in Verbindung. Paulus betrachtet die Verheißung an Abraham hier jedoch besonders unter dem Gesichtspunkt der Rechtfertigung durch Glauben. Seine Aussage in Vers 8 verbindet den angekündigten Segen ausdrücklich damit, dass Gott auch Menschen aus den Völkern als gerecht anerkennen wird. Der verheißene Segen lässt sich deshalb in diesem Zusammenhang nicht auf materiellen Wohlstand oder ein angenehmes Leben reduzieren.
Ebenso wenig bedeutet die Zusage an alle Völker, dass jeder Mensch unabhängig von seinem Verhältnis zu Gott automatisch gerechtfertigt wird. Paulus spricht von der Rechtfertigung durch Glauben. Die Verheißung ist in ihrer Reichweite nicht auf eine bestimmte ethnische Herkunft begrenzt, aber die persönliche Teilhabe an ihr beschreibt er in Verbindung mit dem Glauben. Gottes Segen wird Menschen aus allen Völkern eröffnet, ohne dass ihre nationale Zugehörigkeit darüber entscheidet, ob sie ihn empfangen dürfen. Damit wird die ursprüngliche Verheißung an Abraham zu einer Grundlage für die weltweite Verkündigung des Evangeliums.
In Vers 9 fasst Paulus seine Argumentation zusammen. Diejenigen, die aus Glauben sind, werden gemeinsam mit dem gläubigen Abraham gesegnet. Entscheidend ist hier das Wort „gemeinsam“. Paulus stellt Abraham und die späteren Gläubigen nicht als Menschen dar, die auf völlig unterschiedlichen Wegen Gottes Gerechtigkeit empfangen. Der Stammvater Israels vertraute der Verheißung Gottes. Die Menschen, die nun durch Jesus Christus zum Glauben kommen, werden ebenfalls durch den Glauben in die Verheißung hineingenommen. Trotz des großen zeitlichen Abstandes verbindet sie dieselbe grundlegende Haltung des Vertrauens auf Gott.
Der Ausdruck „gläubiger Abraham“ betont zudem, wodurch Abraham in diesem Zusammenhang als Vorbild erscheint. Nicht seine gesellschaftliche Stellung, sein Besitz oder die Größe seiner späteren Nachkommenschaft stehen im Mittelpunkt, sondern sein Vertrauen auf Gottes Wort. Abraham hatte Gottes Zusage geglaubt, bevor ihre Erfüllung sichtbar war. Gerade darin wird er für spätere Generationen zu einem Beispiel. Er konnte nicht aus eigener Kraft herbeiführen, was Gott ihm versprochen hatte. Doch er verließ sich auf den, der seine Verheißung gegeben hatte.
An dieser Stelle lässt sich auch die Verbindung zu den Erfahrungen der Galater erkennen. Sie hatten das Evangelium gehört und im Glauben angenommen. Gott hatte ihnen seinen Geist geschenkt, ohne dass sie dafür zuvor die mosaische Bundesordnung übernehmen mussten. Nun zeigt Paulus anhand Abrahams, dass diese Erfahrung keine Abweichung von Gottes früherem Handeln war. Schon der Stammvater Israels war durch den Glauben als gerecht anerkannt worden. Die Aufnahme gläubiger Nichtjuden entsprach somit dem größeren Ziel der Verheißung, die Gott bereits Abraham gegeben hatte.
Das bedeutet nicht, dass zwischen Abraham und den Christen des Neuen Testaments keinerlei heilsgeschichtlicher Unterschied besteht. Abraham lebte vor dem Kommen Jesu Christi und vertraute auf Gottes noch ausstehende Verheißungen. Die Galater dagegen lebten nach dem Tod und der Auferstehung Jesu und hatten den gekreuzigten Christus bereits verkündigt bekommen. Der Inhalt der göttlichen Offenbarung war im Laufe der Geschichte deutlicher geworden. Doch der Weg, auf dem der Mensch Gottes Zusage im Vertrauen annimmt, verbindet beide miteinander. Paulus sieht darin keinen Widerspruch, sondern die fortschreitende Erfüllung eines einzigen göttlichen Erlösungsplans.
Auch die Frage nach dem Gehorsam erhält vor diesem Hintergrund ihren richtigen Platz. Abrahams Glaube führte ihn zu konkreten Entscheidungen und zu einem Leben, das auf Gottes Ruf antwortete. Ebenso soll der Glaube an Jesus Christus das Leben eines Menschen verändern. Doch weder bei Abraham noch bei den Galatern stellt Paulus die eigene Leistung an die Stelle der göttlichen Verheißung. Der Mensch kann Gottes Zusage vertrauen und entsprechend handeln, ohne seinen Gehorsam zur Ursache seiner Rechtfertigung zu erklären. Gerade dieser Unterschied ist für den weiteren Gedankengang des Briefes von grundlegender Bedeutung.
So zeigt Paulus, dass die gute Botschaft von der Erlösung tief in der Geschichte der Heiligen Schrift verwurzelt ist. Was Gott Abraham versprach, war nicht nur für dessen unmittelbare Nachkommen bestimmt. Die Verheißung reichte über die Grenzen Israels hinaus und fand in Jesus Christus ihre entscheidende Erfüllung. Menschen aus allen Völkern dürfen durch den Glauben an ihm Anteil erhalten, ohne zuvor aufgrund ihrer Herkunft oder zusätzlicher Bundeszeichen eine besondere Stellung erwerben zu müssen.
Doch damit entsteht eine weitere Frage. Wenn Abraham durch Glauben gerechtfertigt wurde und der verheißene Segen bereits vor der Gesetzgebung angekündigt war, welche Bedeutung hatte dann das später gegebene Gesetz des Mose? Besonders die Warnungen vor dem Fluch des Gesetzes konnten Anlass zu der Vorstellung geben, dass die Gerechtigkeit doch von dessen vollständiger Erfüllung abhängen müsse. Paulus wendet sich deshalb im nächsten Abschnitt den Aussagen des Alten Testaments über Gesetz, Gerechtigkeit und Fluch zu. Dort wird er erklären, weshalb Christus selbst die entscheidende Antwort auf die Schuld des Menschen ist.
Galater 3,10–14
Christus befreit vom Fluch des Gesetzes
Nachdem Paulus am Beispiel Abrahams gezeigt hat, dass Gott den Glauben zur Gerechtigkeit rechnet, stellt er nun eine ernste Gegenüberstellung auf. Auf der einen Seite steht der Segen, den Gott Abraham verheißen hatte und den Menschen durch den Glauben empfangen. Auf der anderen Seite spricht Paulus vom Fluch des Gesetzes, unter dem diejenigen stehen, die ihre Gerechtigkeit auf dessen Erfüllung gründen wollen. Dieser Gegensatz führt ihn unmittelbar zum Kreuz Jesu Christi. Denn die Befreiung von diesem Fluch ist nach seiner Erklärung nur möglich geworden, weil Christus selbst für die Menschen eingetreten ist.
In Vers 10 beginnt Paulus mit einer Aussage, die zunächst überraschen kann. Er erklärt, dass alle, die aus Werken des Gesetzes sind, unter einem Fluch stehen. Damit scheint er auf den ersten Blick gerade diejenigen zu verurteilen, die sich besonders bemühen, Gottes Gebote zu beachten. Doch eine solche Deutung würde den Zusammenhang verkürzen. Paulus spricht nicht einfach über Menschen, die nach Gottes Willen leben möchten. Er beschäftigt sich mit der Frage, worauf jemand seine Gerechtigkeit vor Gott gründet und welche Stellung das mosaische Gesetz dabei einnimmt. Die Galater standen unter dem Einfluss von Menschen, die ihnen zusätzliche Verpflichtungen aus dieser Gesetzesordnung auferlegen wollten. Paulus zeigt nun, weshalb das Gesetz selbst keine ausreichende Grundlage ihrer Rechtfertigung bilden kann.
Um seine Aussage zu begründen, führt er eine Stelle aus 5. Mose 27,26 an. Dort wird derjenige unter einen Fluch gestellt, der die Worte des Gesetzes nicht aufrechterhält, indem er nach ihnen handelt. Dieser Vers steht am Ende einer Reihe ernster Warnungen, die Israel an die Verbindlichkeit des göttlichen Bundes erinnerten. Die Menschen sollten nicht nur einzelne Gebote anerkennen und andere unbeachtet lassen. Sie waren verpflichtet, die ihnen von Gott gegebene Bundesordnung ernst zu nehmen und nach ihren Forderungen zu leben. Der Fluch bezeichnet dabei nicht eine geheimnisvolle Macht, die unabhängig von Gott über Menschen kommt. Er gehört zur Sprache des Bundes und beschreibt die schweren Folgen des Ungehorsams gegenüber Gottes erklärtem Willen.
Die Bedeutung dieser Warnung wird verständlicher, wenn man an die Situation Israels denkt. Gott hatte sein Volk aus Ägypten befreit und mit ihm am Sinai einen Bund geschlossen. Das Gesetz wurde dem Volk also nicht gegeben, damit es sich zunächst durch eigene Leistungen aus der ägyptischen Gefangenschaft erlösen konnte. Die Befreiung war bereits geschehen. Anschließend offenbarte Gott, wie Israel als sein Volk leben sollte. Zu dieser Bundesordnung gehörten Verheißungen des Segens, aber auch Warnungen vor den Folgen des Ungehorsams. In 5. Mose 28 werden beide Seiten ausführlich dargestellt. Wer Gottes Gebote missachtete, konnte sich nicht darauf berufen, allein durch seine Abstammung oder das äußere Zeichen des Bundes vor dessen Gericht geschützt zu sein.
Paulus greift diesen Gedanken auf und führt ihn auf die Frage der Rechtfertigung zurück. Wer das Gesetz zur Grundlage seiner Gerechtigkeit machen möchte, muss sich mit dessen vollständigem Anspruch auseinandersetzen. Es genügt nicht, einzelne Gebote zu erfüllen oder bestimmte religiöse Zeichen zu übernehmen. Das Gesetz fordert Gehorsam gegenüber dem, was Gott darin geboten hat. Gerade an diesem Anspruch wird das Problem des sündigen Menschen sichtbar. Denn niemand kann seine vergangenen Übertretungen dadurch ungeschehen machen, dass er sich künftig stärker um die Einhaltung religiöser Vorschriften bemüht. Auch ernsthafter Gehorsam hebt begangene Schuld nicht von selbst auf.
An dieser Stelle ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Paulus sagt nicht, dass das Gesetz selbst der Fluch sei. Ebenso wenig stellt er Gottes Gebote als etwas Böses dar. Der Fluch steht vielmehr im Zusammenhang mit der Übertretung des Gesetzes. Ein gerechter Maßstab wird nicht dadurch schlecht, dass er menschliches Unrecht aufdeckt und dessen Folgen benennt. Das Problem liegt in der Schuld des Menschen und in seiner Unfähigkeit, aus eigener Gesetzeserfüllung eine ausreichende Gerechtigkeit vor Gott hervorzubringen. Paulus wird später ausdrücklich erklären, dass das Gesetz nicht gegen Gottes Verheißungen gerichtet ist (Galater 3,21). Seine Aufgabe und die Aufgabe der Verheißung müssen jedoch voneinander unterschieden werden.
Zugleich darf man den damaligen jüdischen Glauben nicht pauschal so darstellen, als hätten alle Juden angenommen, sie könnten sich ohne Gottes Gnade durch eigene Leistungen retten. Schon das Alte Testament spricht vielfach von Gottes Barmherzigkeit, Vergebung und Bundestreue. Gerade Abraham, den Paulus unmittelbar zuvor erwähnt hat, lebte aus dem Vertrauen auf Gottes Verheißung. Die Kritik des Apostels richtet sich deshalb gegen die Vorstellung, dass die Erfüllung des Gesetzes die Grundlage der Rechtfertigung bilden könne. Im galatischen Konflikt wurde diese Frage besonders dringlich, weil von nichtjüdischen Gläubigen die Übernahme bestimmter Verpflichtungen des mosaischen Bundes erwartet wurde.
In Vers 11 führt Paulus eine weitere alttestamentliche Aussage an. Er erklärt, dass niemand durch das Gesetz vor Gott gerechtfertigt wird, und verweist auf Habakuk 2,4. Dort begegnet der bekannte Gedanke, dass der Gerechte durch Glauben leben wird. Damit beruft Paulus sich erneut nicht auf eine erst mit dem Neuen Testament entstandene Vorstellung. Auch innerhalb der prophetischen Schriften Israels war das Vertrauen auf Gott von grundlegender Bedeutung.
Der ursprüngliche Zusammenhang bei Habakuk verdient besondere Beachtung. Der Prophet lebte angesichts von Gewalt, Ungerechtigkeit und bedrohlichen geschichtlichen Entwicklungen. Er fragte Gott, weshalb das Böse so viel Raum gewann und wie lange das Unrecht bestehen bleiben würde. Gottes Antwort machte deutlich, dass sein Handeln einem Ziel entgegengeht, auch wenn dessen Erfüllung nicht sofort sichtbar ist. In dieser Situation wird der Gerechte dem Überheblichen gegenübergestellt. Während der eine auf seine eigene Stärke vertraut, lebt der Gerechte durch seinen Glauben beziehungsweise seine Treue zu Gott.
Das zugrunde liegende hebräische Wort trägt den Gedanken der Zuverlässigkeit und Treue in sich. Glaube ist in diesem Zusammenhang deshalb nicht bloß eine innere Meinung, sondern ein Vertrauen, das auch unter schwierigen Umständen an Gott festhält. Paulus greift diese Aussage auf, weil sie zu seiner Erklärung über die Rechtfertigung passt. Das Leben des Gerechten gründet nicht auf einer selbst geschaffenen Sicherheit, sondern auf der verlässlichen Beziehung zu Gott. Die genaue Verbindung von Gerechtigkeit, Glauben und Leben wird in den unterschiedlichen biblischen Zusammenhängen jeweils mit eigenen Schwerpunkten entfaltet. Doch gerade diese prophetische Aussage zeigt, dass die Bedeutung des Glaubens bereits tief im Alten Testament verwurzelt ist.
In Vers 12 stellt Paulus dieser Aussage eine weitere Schriftstelle gegenüber. Er erklärt, dass das Gesetz nicht aus Glauben sei, und führt dazu 3. Mose 18,5 an. Dort sagt Gott, dass der Mensch durch die Gebote und Rechtsbestimmungen leben soll, wenn er sie tut. Im ursprünglichen Zusammenhang spricht Gott zu Israel über die Lebensordnung, die das Volk von den Praktiken der umliegenden Völker unterscheiden sollte. Seine Gebote sollten das Leben des Bundesvolkes bestimmen. Die Worte beschreiben also zunächst eine reale Verpflichtung innerhalb des von Gott gegebenen Bundes und dürfen nicht aus ihrem historischen Zusammenhang gelöst werden.
Paulus hebt aus dieser Aussage besonders das Verhältnis zwischen Tun und Leben hervor. Das Gesetz fordert, dass der Mensch die Gebote beachtet. Die zuvor angeführte Stelle aus Habakuk betont dagegen den Glauben. Damit zeigt Paulus zwei unterschiedliche Gesichtspunkte der biblischen Aussagen: Das Gesetz beschreibt den geforderten Gehorsam, während die Verheißung den Menschen auf Gottes Zusage und das Vertrauen auf ihn verweist. Seine Gegenüberstellung betrifft besonders die Frage, auf welcher Grundlage der Mensch vor Gott gerecht wird.
Daraus folgt jedoch nicht, dass Glaube und Gehorsam grundsätzlich unvereinbar wären. Abraham glaubte Gott und handelte aufgrund dieses Vertrauens. Auch Paulus wird später die Gläubigen ausdrücklich zu einem Leben in Liebe und nach dem Geist auffordern. Der Gegensatz in Galater 3 richtet sich deshalb nicht gegen jede gute Handlung. Er entsteht dort, wo die Erfüllung des Gesetzes als Grundlage der Rechtfertigung an die Stelle des Glaubens an Gottes rettendes Handeln tritt. Gehorsam kann Ausdruck einer lebendigen Beziehung zu Gott sein. Er kann aber nicht selbst die Erlösung hervorbringen, die der sündige Mensch benötigt.
Nachdem Paulus auf diese Weise die Grenzen einer Rechtfertigung durch Gesetzeswerke aufgezeigt hat, führt er in Vers 13 die entscheidende Antwort ein. Christus hat die Menschen vom Fluch des Gesetzes losgekauft, indem er selbst für sie zum Fluch wurde. Mit dieser Aussage erreicht der Gedankengang seinen Höhepunkt. Paulus erklärt nicht lediglich, weshalb der Mensch durch das Gesetz keine Gerechtigkeit erlangen kann. Er zeigt nun, was Jesus Christus getan hat, um ihn aus seiner verlorenen Stellung zu befreien.
Das verwendete Bild des Loskaufens erinnert an die Befreiung eines Menschen aus einem Zustand der Abhängigkeit. In der antiken Welt konnte der Loskauf mit der Freilassung aus der Sklaverei verbunden sein. Paulus verwendet diese Sprache, um deutlich zu machen, dass die Erlösung nicht einfach aus einer menschlichen Entscheidung zur Veränderung besteht. Christus hat selbst gehandelt, damit Menschen aus einer Stellung befreit werden, aus der sie sich nicht eigenständig erretten konnten. Die Bildsprache macht deutlich, dass diese Befreiung mit einem hohen Preis verbunden ist. Sie verlangt jedoch nicht die Vorstellung, dass ein buchstäblicher Geldbetrag an einen bestimmten Empfänger gezahlt worden wäre. Einen solchen Empfänger nennt Paulus hier nicht.
Besonders ernst ist seine Erklärung, Christus sei für uns zum Fluch geworden. Damit beschreibt Paulus die stellvertretende Bedeutung des Todes Jesu. Der Sohn Gottes trat zugunsten schuldiger Menschen ein und nahm die Folgen auf sich, die mit Sünde und göttlichem Gericht verbunden sind. Dabei darf nicht behauptet werden, Christus sei selbst zu einem sündigen Menschen geworden oder habe eine eigene Schuld auf sich geladen. Das Neue Testament bezeugt vielmehr ausdrücklich seine Sündlosigkeit (Hebräer 4,15; 1. Petrus 2,22). Gerade deshalb besitzt seine Hingabe eine besondere Bedeutung. Der Schuldlose gab sich für diejenigen hin, die der Erlösung bedurften.
Paulus begründet seine Aussage mit einer weiteren Stelle aus dem Gesetz, diesmal aus 5. Mose 21,22–23. Dort wird beschrieben, wie mit dem Leichnam eines zum Tod verurteilten Menschen umzugehen war, dessen Körper an einem Holz aufgehängt wurde. Er sollte nicht über Nacht dort bleiben, sondern noch am selben Tag begraben werden. Die öffentliche Ausstellung des Hingerichteten war mit Schande und dem Urteil des Gesetzes verbunden. Im Text erscheint der am Holz Hängende unter dem Fluch.
Ursprünglich handelt diese Bestimmung nicht von der römischen Kreuzigung Jesu. Sie beschreibt eine Rechtsordnung innerhalb Israels, in der die öffentliche Ausstellung eines bereits Hingerichteten geregelt wird. Paulus erkennt jedoch in der Weise, wie Jesus am Kreuz starb, einen tiefen Zusammenhang mit dieser Schriftstelle. Auch Christus hing öffentlich an einem Holz und erlitt einen Tod, der von äußerster Erniedrigung und Schande geprägt war. Der Apostel deutet dieses Geschehen im Licht der alttestamentlichen Aussage und erklärt, dass Christus den Fluch für andere auf sich nahm.
Gerade diese Verbindung musste für die ersten jüdischen Hörer des Evangeliums eine besondere Herausforderung darstellen. Ein gekreuzigter Messias widersprach vielen menschlichen Erwartungen an einen von Gott gesandten Retter. Die Kreuzigung war ein Zeichen öffentlicher Erniedrigung und schien zunächst das Scheitern Jesu zu bestätigen. Paulus zeigt jedoch, dass der Tod Christi nicht als Widerlegung seines göttlichen Auftrags verstanden werden darf. Nach seiner Erklärung liegt gerade darin das rettende Handeln Gottes. Jesus wurde nicht trotz seines Kreuzes zum Erlöser, sondern durch seine Hingabe am Kreuz wurde die Befreiung von Schuld und Fluch möglich.
Diese Aussage verbindet sich mit der prophetischen Beschreibung des leidenden Knechtes in Jesaja 53. Dort wird berichtet, dass der Knecht Gottes die Schuld vieler trägt und um ihrer Übertretungen willen leidet. Die Menschen betrachten sein Leiden zunächst als Zeichen göttlicher Strafe, doch der Prophet erklärt, dass er um der Schuld anderer willen verwundet wurde (Jesaja 53,4–6). Paulus zitiert diese Verse in Galater 3 nicht ausdrücklich. Dennoch besteht eine starke innerbiblische Verbindung zwischen dem unschuldig Leidenden, der für andere eintritt, und der Erklärung, dass Christus für uns zum Fluch geworden ist.
Dabei bleibt zu beachten, dass Galater 3,13 nicht jede Einzelheit darüber erklärt, wie das göttliche Gericht, die Stellvertretung Christi und die Vergebung der Sünden zusammenwirken. Paulus entfaltet hier keine vollständige Beschreibung aller Aspekte des Sühnopfers. Seine Aussage ist jedoch klar genug, um die entscheidende Richtung zu erkennen: Christus hat nicht wegen eigener Schuld gelitten. Sein Tod geschah zugunsten der Menschen, die unter der Macht der Sünde und dem Urteil des Gesetzes standen. Die Befreiung geht deshalb von ihm aus und kann nicht durch menschliche Gesetzeserfüllung ersetzt werden.
Auch die Frage, auf wen sich Paulus mit dem Ausdruck „uns“ bezieht, verdient Aufmerksamkeit. Im unmittelbaren Zusammenhang spricht er über den Fluch des mosaischen Gesetzes und damit besonders über die Stellung derjenigen, die unter dieser Bundesordnung standen. Gleichzeitig richtet sich sein ganzer Brief an Gemeinden, zu denen viele nichtjüdische Gläubige gehörten. Der folgende Vers zeigt ausdrücklich, dass das Erlösungswerk Christi den Segen Abrahams zu den Völkern bringen sollte. Die genaue Reichweite des jeweiligen „wir“ wird in der Forschung unterschiedlich erklärt. Unbestreitbar ist jedoch, dass Paulus das Handeln Christi nicht auf die Wiederherstellung einer ausschließlich jüdischen Gemeinschaft begrenzt.
In Vers 14 nennt er schließlich den positiven Zweck dieser Erlösung. Der Segen Abrahams sollte durch Jesus Christus zu den Heiden gelangen, und die Gläubigen sollten durch den Glauben den verheißenen Geist empfangen. Damit kehrt Paulus zu den beiden großen Gedanken zurück, mit denen er seine Argumentation begonnen hatte. In den Versen 1–5 hatte er die Galater an den Empfang des Heiligen Geistes erinnert. In den Versen 6–9 hatte er erklärt, dass Abraham durch Glauben gerechtfertigt wurde und die Verheißung von Anfang an Menschen aus allen Völkern einschloss. Nun zeigt er, wie beide Linien durch das Kreuz Christi miteinander verbunden sind.
Der Fluch ist deshalb nicht das letzte Wort dieses Abschnitts. Paulus beschreibt ihn, um die Bedeutung der Erlösung verständlich zu machen. Das Ziel des Handelns Gottes ist der verheißene Segen. Christus hat sich hingegeben, damit Menschen, die aus eigener Kraft keine Gerechtigkeit vor Gott erlangen können, Anteil an Gottes Verheißung erhalten. Diese Segnung besteht im unmittelbaren Zusammenhang nicht in einer Garantie für irdischen Reichtum oder ein leidfreies Leben. Sie umfasst die Rechtfertigung durch Glauben, die Aufnahme in die Gemeinschaft mit Gott und die Gabe seines Geistes.
Die Verheißung des Heiligen Geistes besitzt ebenfalls tiefe Wurzeln im Alten Testament. Gott hatte durch die Propheten angekündigt, dass er sein Volk innerlich erneuern und ihm seinen Geist geben würde. In Hesekiel 36,26–27 verheißt er ein neues Herz und einen neuen Geist. Zugleich erklärt er, dass sein Geist die Menschen dazu bewegen werde, nach seinen Weisungen zu leben. Auch Joel kündigt eine zukünftige Ausgießung des Geistes an, die Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Stellung erreichen soll (Joel 3,1–2). Diese prophetischen Aussagen zeigen, dass Gottes Erlösungsplan nicht allein auf eine äußere Veränderung der religiösen Zugehörigkeit ausgerichtet war. Er sollte auch das Innere des Menschen erneuern.
Damit wird nochmals verständlich, weshalb Paulus die Galater zuvor gefragt hatte, ob sie den Geist durch Gesetzeswerke oder durch die Verkündigung des Glaubens empfangen hätten. Der Geist ist keine Belohnung für eine ausreichend vollendete menschliche Gesetzeserfüllung. Er gehört zu den Gaben des Heils, das Gott durch Christus eröffnet. Zugleich wirkt er im Leben der Gläubigen, damit ihre Beziehung zu Gott nicht bei einer äußeren Zugehörigkeit stehen bleibt. Das Evangelium führt deshalb weder in die Selbstrechtfertigung noch in die Gleichgültigkeit gegenüber Gottes Willen. Es eröffnet eine neue Beziehung, in der Gottes Gnade den Menschen annimmt und sein Geist ihn verändert.
In diesen fünf Versen verbindet Paulus somit vier bedeutende Schriftstellen zu einer zusammenhängenden Erklärung. Das Gesetz spricht einen Fluch über die Übertretung aus. Der Prophet Habakuk verweist auf das Leben aus Glauben. Die mosaische Gesetzgebung beschreibt den Gehorsam, den sie fordert. Und die Bestimmung über den am Holz Hängenden erhält im Tod Jesu eine neue, heilsgeschichtliche Bedeutung. Paulus führt diese Aussagen nicht an, um das Alte Testament gegen sich selbst auszuspielen. Er möchte zeigen, wie Gottes Verheißung und die Geschichte des Gesetzes im Erlösungswerk Jesu Christi zusammenlaufen.
Die entscheidende Hoffnung des Menschen liegt deshalb nicht darin, sich durch eigene Gesetzeserfüllung von seiner Schuld zu befreien. Sie liegt in Christus, der für ihn eingetreten ist. Sein Opfer eröffnet den Zugang zu dem Segen, den Gott Abraham verheißen hatte. Was die Galater bereits durch den Glauben empfangen hatten, sollten sie nun nicht durch die Vorstellung infrage stellen, ihre Gerechtigkeit müsse auf einer anderen Grundlage vollendet werden.
Damit ist allerdings noch nicht jede Frage über das Gesetz beantwortet. Wenn die Verheißung an Abraham bereits vor der Gesetzgebung bestand und Christus die Menschen vom Fluch des Gesetzes befreit hat, weshalb wurde das Gesetz später überhaupt gegeben? Und konnte eine solche spätere Bundesordnung die ursprüngliche Verheißung verändern? Genau diesen Fragen wendet Paulus sich im nächsten Abschnitt zu. Er wird zeigen, dass Gottes Zusage an Abraham durch die spätere Gesetzgebung nicht aufgehoben werden konnte.
Galater 3,15–18
Die Verheißung an Abraham kann nicht aufgehoben werden
Nachdem Paulus erklärt hat, wie Christus die Menschen vom Fluch des Gesetzes befreit, wendet er sich einer weiteren grundlegenden Frage zu. Konnte das Gesetz, das Israel viele Jahrhunderte nach Abraham erhielt, die zuvor gegebenen Verheißungen Gottes verändern? Und wenn Gott Abraham bereits einen Segen zugesagt hatte, durfte dessen Erfüllung später von zusätzlichen Voraussetzungen abhängig gemacht werden? Um diese Fragen zu beantworten, verwendet Paulus zunächst einen Vergleich aus dem menschlichen Leben. Anschließend führt er seine Leser zurück zu den Zusagen Gottes an Abraham und zeigt, weshalb die spätere Gesetzgebung deren Grundlage nicht aufheben konnte.
In Vers 15 spricht Paulus seine Leser wieder als Brüder an. Nach den scharfen Fragen am Anfang des Kapitels klingt diese Anrede deutlich persönlicher. Er stellt sich ihnen nicht als Gegner gegenüber, sondern möchte ihnen einen Zusammenhang erklären, den sie nachvollziehen können. Mit der Bemerkung, dass er nach menschlicher Weise rede, kündigt er einen Vergleich aus dem gewöhnlichen Leben an. Selbst bei einer rechtskräftig bestätigten menschlichen Verfügung, erklärt Paulus, könne niemand einfach nachträglich etwas hinzufügen oder ihre Gültigkeit aufheben. Wenn bereits menschliche Vereinbarungen eine solche Verbindlichkeit besitzen, wie viel mehr muss dann eine Zusage gelten, die Gott selbst gegeben hat.
Die Schlachter 1951 verwendet an dieser Stelle das Wort „Testament“. Im griechischen Text steht der Begriff diathēkē, der je nach Zusammenhang ein Testament, eine verbindliche Verfügung oder einen Bund bezeichnen kann. Im Neuen Testament wird dasselbe Wort auch für Gottes Bund mit den Menschen gebraucht. Paulus nutzt hier offenbar die Nähe dieser Bedeutungen. Zunächst verweist er auf eine menschliche Verfügung, deren Gültigkeit anerkannt ist. Anschließend überträgt er den Gedanken auf die Verheißung und den Bund Gottes mit Abraham.
Bei diesem Vergleich geht es nicht darum, sämtliche Einzelheiten des damaligen Erbrechts zu erklären. Die rechtlichen Möglichkeiten, ein Testament zu verändern oder andere Vereinbarungen zu ergänzen, unterschieden sich in der antiken Welt je nach Ort und Rechtsordnung. Deshalb wäre die Behauptung zu weitgehend, jedes Testament sei damals unter allen Umständen vollkommen unveränderlich gewesen. Paulus gebraucht ein allgemein verständliches Beispiel, um einen bestimmten Gedanken hervorzuheben: Eine bereits verbindlich bestätigte Verfügung kann nicht beliebig von einem anderen außer Kraft gesetzt werden. Diese Vorstellung bildet die Grundlage seiner weiteren Argumentation.
Der Vergleich besitzt eine besondere Bedeutung, weil Paulus damit die Reihenfolge der göttlichen Offenbarung in den Mittelpunkt rückt. Gott hatte Abraham seine Verheißungen gegeben, bevor Israel am Sinai das Gesetz empfing. Die spätere Gesetzgebung trat also nicht an die Stelle einer vorher leeren Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Gottes Handeln hatte bereits eine Geschichte. Abraham war berufen worden, hatte Gottes Zusagen empfangen und ihm vertraut. Wenn Paulus nun auf die Verbindlichkeit einer bestätigten Verfügung verweist, bereitet er damit die Frage vor, ob eine spätere Ordnung den ursprünglichen Inhalt dieser göttlichen Zusage verändern durfte.
In Vers 16 richtet Paulus die Aufmerksamkeit auf die Personen, denen die Verheißungen zugesprochen wurden. Er erklärt, dass Gott sie Abraham und seinem Samen gegeben habe. Mit diesem Ausdruck greift er die Sprache der Bücher Mose auf. Dort begegnen mehrfach Zusagen an Abraham und seine Nachkommenschaft. In 1. Mose 12,7 verheißt Gott seinem Nachkommen das Land. In 1. Mose 13,15 erneuert er diese Zusage. In 1. Mose 17,7–8 spricht Gott von seinem Bund mit Abraham und seiner Nachkommenschaft. Und in 1. Mose 22,18 verbindet er Abrahams Nachkommen mit dem angekündigten Segen für die Völker.
Paulus macht nun auf eine sprachliche Besonderheit aufmerksam. Die Verheißung spreche nicht von vielen verschiedenen Samen, sondern von einem Samen. Diesen einen Nachkommen identifiziert er ausdrücklich mit Christus. Für Paulus steht damit Jesus Christus im Mittelpunkt der abrahamischen Verheißung. Der verheißene Segen sollte nicht unabhängig von ihm in Erfüllung gehen. Vielmehr erkennt der Apostel in Jesus den entscheidenden Nachkommen, durch den Gott seine Zusagen an Abraham zu ihrem Ziel führt.
Diese Argumentation bedarf einer sorgfältigen Erklärung, weil sie leicht missverstanden werden kann. Das hebräische Wort zera, das gewöhnlich mit „Same“ oder „Nachkommenschaft“ übersetzt wird, besitzt eine Besonderheit. Es steht grammatisch in der Einzahl, kann aber dennoch viele Nachkommen gemeinsam bezeichnen. Eine ähnliche Verwendung ist auch im Griechischen mit dem Wort sperma möglich. Wenn im Alten Testament von Abrahams Samen gesprochen wird, muss deshalb nicht jedes Mal ausschließlich eine einzelne Person gemeint sein. Häufig bezeichnet der Ausdruck tatsächlich seine zahlreichen Nachkommen.
Das wird bereits innerhalb der Abrahamgeschichte deutlich. Gott hatte Abraham eine Nachkommenschaft verheißen, die so zahlreich wie die Sterne des Himmels werden sollte (1. Mose 15,5). Auch die Zusagen über das Land richteten sich in ihrem ursprünglichen Zusammenhang an Abraham und seine zukünftige Familie. Paulus kannte diese Aussagen. Seine Erklärung in Galater 3 sollte deshalb nicht so verstanden werden, als habe das Wort „Same“ im Hebräischen grundsätzlich keine gemeinsame Nachkommenschaft bezeichnen können. Eine solche Behauptung würde dem gewöhnlichen Sprachgebrauch des Alten Testaments widersprechen.
Die eigentliche Bedeutung seiner Auslegung liegt vielmehr darin, dass Paulus die Verheißungen im Licht Jesu Christi betrachtet. Er erkennt in dem einen Nachkommen die entscheidende Person, durch die der angekündigte Segen seine Erfüllung findet. Christus steht damit nicht außerhalb der Geschichte Abrahams, sondern bildet nach der Überzeugung des Paulus deren heilsgeschichtlichen Höhepunkt. Die vielen Nachkommen Abrahams und die besondere Bedeutung Christi müssen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden. Paulus wird am Ende desselben Kapitels ausdrücklich erklären, dass auch diejenigen, die Christus angehören, Abrahams Same und Erben nach der Verheißung sind (Galater 3,29).
Gerade dieser spätere Vers hilft, die Aussage richtig einzuordnen. Christus ist für Paulus der entscheidende Träger und Erfüller der Verheißung. Die Gläubigen erhalten Anteil an der Nachkommenschaft Abrahams, weil sie zu Christus gehören. Damit entsteht ein enger Zusammenhang zwischen dem einen verheißenen Nachkommen und den vielen Menschen, die durch den Glauben mit ihm verbunden werden. Die Verheißung bleibt auf Christus ausgerichtet, ohne dass dadurch die Vielzahl der Glaubenden aus ihrem Erfüllungsbereich ausgeschlossen würde.
Für die Galater war diese Erklärung von unmittelbarer Bedeutung. Sie gehörten überwiegend nicht von Geburt an zum jüdischen Volk. Gerade deshalb war die Frage wichtig, auf welchem Weg sie Anteil an den Verheißungen Abrahams erhalten konnten. Wenn Christus der entscheidende Nachkomme ist, hängt ihre Teilhabe nicht davon ab, zunächst durch die Beschneidung in die jüdische Bundesordnung einzutreten. Entscheidend ist ihre Zugehörigkeit zu Jesus Christus. Die Verheißung erreicht sie durch den, in dem Gott ihren Segen verwirklicht hat.
Diese Aussage bedeutet jedoch nicht, dass die Geschichte Israels dadurch bedeutungslos geworden wäre. Gott hatte Abraham tatsächlich berufen und seine Zusagen innerhalb einer konkreten Familien- und Volksgeschichte entfaltet. Die Verheißungen an Abraham, Isaak und Jakob gehören zu den Grundlagen des Alten Testaments. Paulus löst Jesus Christus nicht aus dieser Geschichte heraus, sondern versteht ihn als deren Erfüllung. Die Aufnahme von Menschen aus anderen Völkern bedeutet deshalb keinen von Israel unabhängigen zweiten Heilsweg. Vielmehr werden sie durch Christus in die Geschichte der göttlichen Verheißung hineingenommen.
Nachdem Paulus auf diese Weise den Empfänger und die Erfüllung der Verheißung erklärt hat, kehrt er in Vers 17 zu seinem eigentlichen Vergleich zurück. Er spricht von einer Verfügung, die Gott bereits bestätigt hatte. Das Gesetz, das 430 Jahre später gegeben wurde, könne diese Verfügung nicht ungültig machen und damit die Verheißung aufheben. Damit tritt die zeitliche Reihenfolge noch deutlicher hervor. Gottes Zusage an Abraham war zuerst da. Die Gesetzgebung am Sinai erfolgte erst später. Deshalb konnte das Gesetz nach der Argumentation des Paulus die ursprüngliche Grundlage der Verheißung nicht ersetzen.
Auffällig ist dabei die Formulierung, dass Gott die Zusage bereits bestätigt hatte. Paulus führt ihre Verlässlichkeit damit auf Gott selbst zurück. Abraham empfing die Verheißung nicht aufgrund einer Vereinbarung zwischen gleichberechtigten Parteien, die gemeinsam über deren Inhalt verhandelten. Gott war derjenige, der Abraham berief und die Zusage gab. In 1. Mose 15 wird diese göttliche Initiative besonders anschaulich beschrieben. Dort lässt Gott Abraham eine tiefe Schlafsituation erleben, während die Erzählung von einem ungewöhnlichen Feuererscheinungszeichen zwischen den zerteilten Tieren berichtet. Anschließend wird ausdrücklich festgehalten, dass Gott an diesem Tag einen Bund mit Abraham schloss (1. Mose 15,12–18).
Die genaue Bedeutung sämtlicher Einzelheiten dieses Geschehens muss aus seinem alttestamentlichen Zusammenhang erschlossen werden. Für die Aussage des Paulus ist jedoch entscheidend, dass die Zusage auf Gottes eigenem Handeln beruhte. Abraham hatte sie nicht durch die Erfüllung des späteren mosaischen Gesetzes erworben. Er empfing Gottes Wort und vertraute darauf. Die Verlässlichkeit des Bundes gründete damit nicht in einer menschlichen Fähigkeit, die zukünftige Entwicklung vollständig zu kontrollieren, sondern in Gottes Treue zu seiner Zusage.
Die Schlachter 1951 spricht in Galater 3,17 von einem Testament, das Gott „auf Christus hin“ zuvor bestätigt hatte. Diese Formulierung stimmt mit der gesamten christologischen Argumentation des Kapitels überein. Allerdings enthalten nicht alle griechischen Handschriften an dieser Stelle den ausdrücklichen Zusatz über Christus. Mehrere frühe Textzeugen bieten die kürzere Formulierung, nach der Gott den Bund bereits bestätigt hatte. In modernen kritischen Ausgaben wird diese kürzere Lesart gewöhnlich bevorzugt.
Für die Hauptaussage entsteht daraus kein grundlegender Unterschied. Bereits in Vers 16 hat Paulus Christus ausdrücklich als den entscheidenden Nachkommen Abrahams bezeichnet. Unabhängig davon, ob der zusätzliche Christusbezug in Vers 17 zum ursprünglichen Wortlaut gehört, bleibt der Gedankengang derselbe: Die von Gott gegebene Verheißung steht fest und kann durch die spätere Gesetzgebung nicht aufgehoben werden. Der textliche Unterschied sollte deshalb berücksichtigt, aber nicht zu einem Widerspruch innerhalb des Kapitels gemacht werden.
Besondere Aufmerksamkeit verdient nun die Zeitangabe von 430 Jahren. Paulus verwendet sie, um den Abstand zwischen der früheren Verheißung und der späteren Gesetzgebung hervorzuheben. Die Zahl erinnert an 2. Mose 12,40–41, wo ebenfalls von 430 Jahren die Rede ist. Allerdings unterscheiden sich die überlieferten Fassungen dieser alttestamentlichen Stelle. Im hebräischen masoretischen Text wird die Aufenthaltszeit der Israeliten in Ägypten mit 430 Jahren angegeben. Die griechische Septuaginta und der samaritanische Pentateuch enthalten dagegen eine Überlieferung, in der auch der Aufenthalt im Land Kanaan berücksichtigt wird.
Dieser Unterschied ist für die Erklärung des Paulus wichtig. Wird die Zeit der Erzväter in Kanaan in die 430 Jahre einbezogen, lässt sich die Zeitangabe mit einer Zählung verbinden, die bereits vor dem Aufenthalt Israels in Ägypten beginnt. Eine solche Rechnung erklärt, weshalb Paulus die 430 Jahre auf den Abstand zwischen der Abrahamverheißung und dem Gesetz beziehen konnte. Die jüdische Überlieferung war hinsichtlich dieser Zeitangaben jedoch nicht vollständig einheitlich. Deshalb sollte seine Aussage nicht zu einer bis auf jedes einzelne Jahr zweifelsfrei rekonstruierbaren Chronologie ausgebaut werden.
Paulus selbst macht die genaue Berechnung auch nicht zum Mittelpunkt seiner Erklärung. Für ihn ist entscheidend, dass Gottes Verheißung an Abraham wesentlich früher gegeben wurde als das Gesetz am Sinai. Selbst wenn man unterschiedliche Überlieferungen zur Dauer der einzelnen Aufenthaltszeiten berücksichtigt, verändert dies nicht den Grundgedanken seiner Argumentation. Die Gesetzgebung folgte auf eine bereits bestehende göttliche Zusage. Sie konnte deshalb nicht nachträglich bestimmen, dass die ursprüngliche Verheißung auf einer vollkommen anderen Grundlage erfüllt werden müsse.
Damit stellt Paulus eine wichtige Frage nach dem Verhältnis der verschiedenen Offenbarungen Gottes. Wenn Gott später neue Gebote und eine besondere Bundesordnung gab, bedeutete dies dann, dass seine früheren Zusagen ungültig geworden waren? Paulus verneint eine solche Vorstellung. Die spätere Offenbarung Gottes darf nicht so verstanden werden, als widerspreche sie seinem vorausgehenden Wort. Vielmehr muss ihre Aufgabe innerhalb der bereits begonnenen Heilsgeschichte erkannt werden. Das Gesetz hatte eine wirkliche Bedeutung für Israel. Doch es war nicht dazu bestimmt, die Verheißung an Abraham nachträglich außer Kraft zu setzen.
Diese Unterscheidung schützt zugleich davor, das Gesetz und die Verheißung als zwei miteinander konkurrierende göttliche Absichten darzustellen. Paulus behauptet nicht, Gott habe Abraham zunächst einen Weg der Gnade eröffnet und später beschlossen, diesen Weg durch eine grundsätzlich andere Rettungsordnung zu ersetzen. Ebenso wenig beschreibt er die Gesetzgebung am Sinai als einen Fehler, der Gottes ursprünglichen Plan durchkreuzt hätte. Beide gehören zur Geschichte desselben Gottes. Ihre Aufgaben unterscheiden sich jedoch. Die Verheißung enthält die Zusage des kommenden Segens, während die spätere Gesetzesordnung eine besondere Funktion innerhalb der Geschichte Israels erhielt.
In Vers 18 verdeutlicht Paulus schließlich, welche Konsequenz sich daraus für das Erbe ergibt. Wenn das Erbe durch das Gesetz käme, dann käme es nicht mehr durch die Verheißung. Gott habe es Abraham jedoch durch Verheißung geschenkt. Damit verwendet Paulus erneut ein Bild aus dem rechtlichen und familiären Bereich. Ein Erbe ist etwas, das einem Menschen aufgrund einer bestimmten Beziehung oder Verfügung zukommt. Im Zusammenhang der Abrahamgeschichte umfasst die Verheißung zunächst konkrete Zusagen über Nachkommenschaft, Land und den Segen Gottes. Paulus betrachtet diese Zusagen nun im Licht ihrer Erfüllung durch Christus.
Dabei ist besonders wichtig, dass Paulus das Erbe als Geschenk beschreibt. Das griechische Verb, das er für Gottes Handeln verwendet, gehört sprachlich zur Vorstellung des gnädigen Schenkens. Es unterstreicht, dass Abraham die Verheißung nicht durch eigene Leistung erworben hatte. Gott hatte sie ihm aus freiem Entschluss zugesagt. Gerade deshalb konnte Paulus den Empfang des Erbes nicht auf eine spätere Gesetzeserfüllung gründen, ohne den ursprünglichen Charakter der Zusage zu verändern.
Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen einer Verheißung und einem Anspruch, der erst durch die Erfüllung bestimmter Bedingungen erworben werden soll. Wenn ein Mensch eine zugesagte Gabe nur erhalten könnte, nachdem er sich durch eigene Leistungen dafür ausreichend qualifiziert hat, würde sich die Grundlage ihres Empfangs verändern. Sie wäre dann nicht mehr in derselben Weise Geschenk, sondern an einen Leistungsanspruch gebunden. Genau diese Veränderung will Paulus ausschließen. Gottes Zusage an Abraham beruhte auf seiner Gnade. Die spätere Gesetzgebung konnte daraus keinen grundsätzlich anderen Weg zur Erlangung des verheißenen Erbes machen.
Damit erklärt sich auch, weshalb die Auseinandersetzung um die Beschneidung für Paulus von so großer Bedeutung war. Die nichtjüdischen Christen in Galatien sollten zusätzliche Verpflichtungen übernehmen, die mit dem mosaischen Bund verbunden waren. Wären diese Verpflichtungen zur notwendigen Voraussetzung ihres Anteils an der Abrahamverheißung geworden, hätte man nachträglich eine neue Bedingung für den Zugang zu dem aufgestellt, was Gott ursprünglich aus Gnade zugesagt hatte. Paulus sieht darin nicht bloß eine Veränderung religiöser Gewohnheiten, sondern eine Gefährdung der Grundlage des Evangeliums.
Das bedeutet keineswegs, dass Gottes Verheißung jeden Menschen unabhängig vom Glauben automatisch zu ihrem Erben macht. Bereits im Leben Abrahams gehörte das Vertrauen auf Gottes Wort zur menschlichen Antwort auf seine Zusage. Auch im Galaterbrief verbindet Paulus die Teilhabe an der Verheißung ausdrücklich mit dem Glauben an Christus. Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass der Glaube nicht als eine eigene Leistung verstanden wird, mit der der Mensch das Erbe verdient. Er ist das Vertrauen auf den Gott, der die Gabe verheißt und ihre Erfüllung ermöglicht.
Ebenso wenig darf aus dieser Erklärung gefolgert werden, dass Gottes Gebote für das Leben seiner Gläubigen bedeutungslos geworden wären. Paulus beantwortet in diesen Versen nicht die Frage, welche einzelnen moralischen Forderungen nach dem Kommen Christi weiterhin gelten. Er behandelt vielmehr die Grundlage des verheißenen Erbes und das Verhältnis der Abrahamverheißung zum späteren mosaischen Gesetz. Wer diese beiden Fragen miteinander verwechselt, könnte entweder die Bedeutung des Gesetzes überhöhen oder seine tatsächliche Aufgabe vorschnell leugnen. Paulus selbst wird im nächsten Abschnitt genauer erklären, weshalb das Gesetz überhaupt hinzugefügt wurde.
Die Bedeutung dieser Unterscheidung reicht weit über die damalige Auseinandersetzung hinaus. Ein Mensch kann auch heute in die Vorstellung geraten, Gottes Annahme müsse durch eine immer größere religiöse Leistung gesichert werden. Dann wird der Glaube leicht zu einer fortdauernden Prüfung, bei der man ständig versucht, den eigenen Wert vor Gott zu beweisen. Paulus führt dagegen zur Verheißung zurück. Die Hoffnung des Glaubenden ruht nicht darauf, dass er selbst eine vollkommene Grundlage seiner Erlösung hervorbringt. Sie ruht auf Gottes Treue und auf Jesus Christus, durch den der verheißene Segen erreichbar geworden ist.
Gleichzeitig führt das Vertrauen auf eine solche Verheißung nicht in Gleichgültigkeit. Abraham nahm Gottes Wort ernst und richtete sein Leben danach aus. Auch die Gemeinschaft mit Christus soll den Menschen verändern und zu einem Leben führen, das Gottes Willen entspricht. Der entscheidende Unterschied liegt in der Reihenfolge und Grundlage: Nicht der Gehorsam erschafft Gottes Gnade, sondern die empfangene Gnade eröffnet eine neue Beziehung, aus der gehorsames Leben erwachsen kann. So wird der Gehorsam nicht abgewertet, aber an die richtige Stelle innerhalb des Erlösungsplans gesetzt.
Am Ende dieser vier Verse steht damit die Verlässlichkeit Gottes im Mittelpunkt. Was er Abraham zugesagt hatte, konnte durch die spätere Gesetzgebung nicht ungültig werden. Seine Verheißung war nicht von der Unbeständigkeit menschlicher Leistungen abhängig, sondern von dem Gott, der sie gegeben hatte. In Jesus Christus erkennt Paulus ihre entscheidende Erfüllung. Wer zu Christus gehört, darf deshalb auf eine Zusage vertrauen, deren Grundlage weit älter ist als das Gesetz am Sinai und deren Gültigkeit durch dieses Gesetz nicht aufgehoben werden konnte.
Doch diese Erklärung führt unmittelbar zu einer neuen Frage. Wenn das Gesetz weder die Verheißung ersetzen noch das verheißene Erbe hervorbringen konnte, weshalb wurde es dann überhaupt gegeben? Paulus stellt diese Frage im folgenden Vers selbst. Seine Antwort wird zeigen, dass das Gesetz eine wichtige Aufgabe innerhalb der Heilsgeschichte besaß, deren Bedeutung jedoch von der Verheißung und ihrem Ziel in Christus unterschieden werden muss.
Galater 3,19–20
Warum wurde das Gesetz hinzugefügt?
Nachdem Paulus erklärt hat, dass Gottes Verheißung an Abraham durch die spätere Gesetzgebung nicht aufgehoben werden konnte, stellt er nun eine Frage, die sich aus seiner bisherigen Argumentation beinahe zwangsläufig ergibt: Wozu wurde das Gesetz dann überhaupt gegeben? Wenn Abraham bereits durch den Glauben als gerecht anerkannt worden war und das verheißene Erbe nicht durch Gesetzeswerke erlangt werden konnte, welche Aufgabe hatte dann die Ordnung, die Gott Israel am Sinai übergab? Paulus lässt diese Schwierigkeit nicht unbeantwortet. Er erklärt, weshalb das Gesetz hinzugefügt wurde, wie lange es seine besondere Aufgabe erfüllen sollte und in welcher Weise es dem Volk Israel vermittelt wurde.
Die Frage in Vers 19 ist deshalb besonders wichtig, weil sie vor einem grundlegenden Missverständnis schützt. Paulus hatte zuvor die Grenzen einer Rechtfertigung durch Gesetzeswerke aufgezeigt. Daraus könnte man schließen, das Gesetz sei grundsätzlich überflüssig gewesen oder habe innerhalb des göttlichen Erlösungsplans keinen guten Zweck erfüllt. Eine solche Folgerung wäre jedoch voreilig. Paulus selbst fragt nach seiner Aufgabe, weil er zwischen dem Zweck des Gesetzes und dem Zweck der Verheißung unterscheidet. Dass das Gesetz den Menschen nicht rechtfertigen kann, bedeutet noch nicht, dass seine Gabe sinnlos war. Es muss vielmehr verstanden werden, weshalb Gott es zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte seines Volkes einführte.
Paulus antwortet zunächst, das Gesetz sei wegen der Übertretungen hinzugefügt worden. Diese kurze Erklärung enthält einen wichtigen Gedanken, lässt jedoch mehrere Fragen offen. Was genau meint Paulus mit den Übertretungen? Sollte das Gesetz bereits vorhandene Sünden sichtbar machen, Menschen vom Ungehorsam abhalten oder ihnen die Folgen ihrer Übertretungen deutlicher vor Augen führen? Und weshalb verbindet er diese Aufgabe unmittelbar mit einer zeitlichen Begrenzung? Um den Vers richtig zu verstehen, müssen wir sowohl die Bedeutung des Wortes „Übertretung“ als auch den geschichtlichen Zusammenhang der Gesetzgebung beachten.
Eine Übertretung setzt voraus, dass eine bestimmte Grenze überschritten wird. Im biblischen Sprachgebrauch bezeichnet sie häufig ein Handeln, das einem erkennbaren Gebot oder einer verbindlichen Ordnung widerspricht. Durch das Gesetz erhielt Israel eine ausdrücklich formulierte Weisung darüber, wie es vor Gott leben sollte. Gebote machten bestimmte Handlungen als Ungehorsam erkennbar und benannten die Folgen ihrer Missachtung. Paulus beschreibt einen ähnlichen Zusammenhang in Römer 4,15, wo er erklärt, dass ohne Gesetz keine Übertretung in diesem bestimmten Sinn vorliegt. In Römer 7,7 spricht er davon, dass er durch das Gesetz die Sünde erkannt hat. Das Gebot offenbarte ihm, dass auch die Begierde gegen Gottes Willen gerichtet sein kann.
Damit ist jedoch nicht gesagt, dass es vor der Gesetzgebung am Sinai überhaupt keine Sünde gegeben hätte. Die Bücher Mose berichten bereits in den ersten Kapiteln von Schuld, Ungehorsam und göttlichem Gericht. Kain wurde wegen des Mordes an seinem Bruder zur Verantwortung gezogen (1. Mose 4,8–12). Die Menschen vor der Sintflut wurden wegen ihrer Bosheit und Gewalttätigkeit gerichtet (1. Mose 6,5–13). Auch Joseph bezeichnete einen möglichen Ehebruch gegenüber der Frau Potiphars als große Bosheit und als Sünde gegen Gott (1. Mose 39,9). Diese Ereignisse liegen zeitlich vor der Gesetzgebung am Sinai und zeigen, dass moralische Verantwortung nicht erst mit der schriftlichen Übergabe des mosaischen Gesetzes begann.
Allerdings dürfen wir aus der Formulierung „wegen der Übertretungen“ nicht unmittelbar ableiten, welche einzelnen Gebote vor dem Sinai bereits in welcher Form bekannt waren. Der Vers zählt keine früheren Vorschriften auf und erklärt nicht den vollständigen Umfang der moralischen Erkenntnis der Menschen vor Mose. Die genannten Berichte aus der Genesis liefern dafür eigenständige Hinweise. Paulus selbst richtet den Blick hier auf die besondere Aufgabe des später hinzugefügten Gesetzes. Er möchte erklären, weshalb Gott Israel eine verbindliche Bundesordnung gab, obwohl seine Verheißung an Abraham bereits bestand.
Für die Worte „wegen der Übertretungen“ werden deshalb verschiedene Deutungen vertreten. Eine wichtige Erklärung lautet, dass das Gesetz die Sünde deutlicher erkennbar machen sollte. Was dem Menschen zuvor möglicherweise nicht in derselben Klarheit bewusst war, wurde durch die ausdrücklich formulierten Gebote als Übertretung offenbar. Eine andere Deutung betont, dass das Gesetz den Ungehorsam durch konkrete Vorschriften und Gerichtswarnungen begrenzen sollte. Wieder andere Ausleger verweisen auf Römer 5,20 und 7,7–13, wo Paulus erklärt, dass das Hinzukommen des Gesetzes die Übertretung vermehrte beziehungsweise die Sünde in ihrer ganzen Schwere sichtbar werden ließ. Dabei kann ein ausdrückliches Verbot sogar zum Anlass werden, an dem die Sünde ihre Macht über den Menschen zeigt.
Diese Erklärungen müssen nicht in jedem Punkt gegeneinanderstehen. Das Gesetz konnte Sünde benennen, Grenzen setzen und zugleich offenbaren, wie tief der Ungehorsam im Menschen verwurzelt ist. Dennoch legt Galater 3,19 allein nicht eindeutig fest, welche dieser Wirkungen Paulus mit der kurzen Formulierung besonders hervorheben wollte. Sicher ist zunächst, dass die Hinzufügung des Gesetzes mit dem Problem menschlicher Übertretungen zusammenhing. Das Gesetz wurde nicht gegeben, weil Gottes Verheißung unzureichend gewesen wäre, sondern weil innerhalb der Geschichte des gefallenen Menschen eine besondere Ordnung und Offenbarung notwendig war.
Der weitere Zusammenhang der Gesetzgebung hilft, diese Aufgabe zu verstehen. Nachdem Gott Israel aus Ägypten geführt hatte, schloss er am Sinai einen Bund mit dem Volk. Er gab ihm Gebote und Rechtsbestimmungen, die sein gemeinsames Leben ordnen sollten. Dazu gehörten Vorschriften über die Beziehung zu Gott, den Umgang mit anderen Menschen, die Rechtsprechung, den Gottesdienst und die Opfer. Das Volk sollte erkennen, wie es als Gottes Eigentum und als heiliges Volk leben sollte (2. Mose 19,4–6). Die Gebote waren damit nicht lediglich eine Sammlung einzelner religiöser Regeln. Sie gehörten zu einer umfassenden Bundesordnung, durch die Gott das Leben Israels gestaltete.
In dieser Ordnung wurde die Heiligkeit Gottes auf unterschiedliche Weise sichtbar. Die Gebote offenbarten seinen Anspruch auf Treue und Gerechtigkeit. Die Opfer- und Reinigungsvorschriften machten deutlich, dass Sünde nicht einfach übergangen werden konnte und der Mensch auf Versöhnung angewiesen war. Die Bestimmungen über den Gottesdienst ordneten die Beziehung zwischen dem heiligen Gott und seinem Volk. Gleichzeitig regelte das Gesetz zahlreiche Fragen des gemeinschaftlichen Lebens. Dadurch besaß es eine wirkliche Bedeutung für die Geschichte Israels, auch wenn es den verheißenen Segen nicht aus eigener Kraft hervorbringen konnte.
Gerade hier ist es wichtig, das Gesetz nicht künstlich auf eine einzige Gruppe von Vorschriften zu beschränken. Paulus spricht in Galater 3 über das Gesetz, das nach der Abrahamverheißung hinzukam. Im geschichtlichen Zusammenhang ist damit die mosaische Gesetzesordnung gemeint. Diese umfasste sowohl die Zehn Gebote als auch weitere Bestimmungen des Bundes. Der Text selbst unterteilt sie an dieser Stelle nicht ausdrücklich in moralische, zeremonielle und staatliche Gesetze, um anschließend nur eine dieser Gruppen als hinzugefügt zu bezeichnen. Solche Unterscheidungen können bei der späteren theologischen Einordnung hilfreich sein, dürfen aber nicht ohne Begründung an die Stelle des tatsächlichen Wortlauts treten.
Nachdem Paulus den Grund für die Hinzufügung des Gesetzes genannt hat, folgt eine zweite entscheidende Aussage. Das Gesetz wurde hinzugefügt, bis der Nachkomme kommen würde, dem die Verheißung galt. Damit verbindet Paulus seine Aufgabe ausdrücklich mit einer zeitlichen Grenze. Diese Formulierung bezieht sich auf den Nachkommen, den er bereits in Vers 16 mit Jesus Christus identifiziert hat. Das Gesetz erscheint deshalb innerhalb der Argumentation nicht als eine von der Verheißung unabhängige und zeitlich unbegrenzte Heilsordnung. Seine besondere Stellung gehört zu einer Phase der Geschichte, die auf das Kommen Christi ausgerichtet war.
Diese zeitliche Bestimmung ist für das Verständnis des Galaterbriefes von großer Bedeutung. Paulus sagt nicht lediglich, dass Menschen das Gesetz häufig falsch angewendet hätten und nun lernen müssten, es mit einer besseren inneren Haltung zu beachten. Seine Worte gehen weiter. Er beschreibt eine Ordnung, die zu einem bestimmten Zeitpunkt hinzugefügt wurde und deren bisherige Aufgabe mit dem Kommen Christi eine grundlegende Veränderung erfährt. Auch die späteren Verse 23–25 bestätigen diesen Gedanken. Dort erklärt Paulus, dass die Menschen unter dem Gesetz verwahrt wurden, bis die kommende Glaubenswirklichkeit offenbart würde, und dass sie nach deren Kommen nicht mehr unter dem bisherigen Hüter stehen.
Damit wäre es zu schwach, die Worte „bis der Nachkomme käme“ ausschließlich auf eine Veränderung menschlicher Gefühle oder religiöser Einstellungen zu beziehen. Paulus beschreibt einen tatsächlichen Einschnitt innerhalb der Heilsgeschichte. Jesus Christus ist gekommen, hat sein Leben hingegeben und durch sein Erlösungswerk die Verheißung an Abraham ihrer Erfüllung zugeführt. Dadurch hat sich die Stellung der Glaubenden gegenüber der mosaischen Bundesordnung verändert. Sie stehen nicht mehr unter derselben vorläufigen Ordnung, die Israel auf das Kommen des verheißenen Nachkommen vorbereitete.
Gleichzeitig muss sorgfältig unterschieden werden, was aus dieser zeitlichen Begrenzung folgt und was nicht. Paulus erklärt hier nicht, dass mit dem Kommen Jesu jeder einzelne moralische Inhalt der früheren Offenbarung seine Gültigkeit verloren hätte. Eine solche Schlussfolgerung würde über die unmittelbare Aussage hinausgehen. Doch ebenso wenig lässt sich behaupten, die gesamte mosaische Bundesordnung bestehe nach Christus in völlig unveränderter Form fort. Paulus spricht ausdrücklich von einer begrenzten Aufgabe des Gesetzes. Wie Gottes Wille im neuen Bund zur Geltung kommt, muss deshalb anhand des gesamten neutestamentlichen Zeugnisses untersucht werden.
Eine wichtige Hilfe bietet dabei die Unterscheidung zwischen Gottes bleibendem Willen und der besonderen Bundesordnung, in der dieser Wille Israel offenbart wurde. Dass Gott Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Treue fordert, gehört zu seinem Wesen und wird durch Jesus Christus nicht bedeutungslos. Zugleich waren zahlreiche Einzelbestimmungen des mosaischen Gesetzes mit Israels besonderer Stellung, seinem Priestertum, seinen Opfern und seinem gemeinschaftlichen Leben verbunden. Das Neue Testament erklärt an verschiedenen Stellen, dass Christus diese Ordnung erfüllt und eine neue Bundeswirklichkeit eröffnet hat. Besonders der Hebräerbrief entfaltet diesen Zusammenhang ausführlich, indem er das frühere Priestertum und die Opfer mit dem vollkommenen Opfer und dem himmlischen Priesterdienst Jesu Christi vergleicht (Hebräer 8–10).
Für die Auslegung von Galater 3 bedeutet dies, dass wir den tatsächlichen Einschnitt durch Christus vollständig anerkennen müssen, ohne daraus voreilig die Bedeutungslosigkeit jedes zuvor offenbarten Gebotes abzuleiten. Paulus wird später ausdrücklich erklären, dass die durch Christus geschenkte Freiheit nicht zum Anlass für ein Leben nach sündigen Begierden werden darf. Stattdessen sollen die Gläubigen einander durch die Liebe dienen (Galater 5,13–14). Der Geist Gottes führt sie zu einem Leben, das von Liebe, Geduld, Freundlichkeit, Treue und Selbstbeherrschung geprägt ist (Galater 5,22–23). Die Befreiung von der früheren Bundesordnung bedeutet somit nicht die Befreiung von jeder Verantwortung gegenüber Gott.
Im letzten Teil von Vers 19 erwähnt Paulus eine weitere Besonderheit der Gesetzgebung. Das Gesetz sei durch Engel angeordnet beziehungsweise vermittelt und durch die Hand eines Mittlers übergeben worden. Diese Aussage wirkt zunächst überraschend, denn der Bericht über die Gesetzgebung in 2. Mose betont vor allem Gottes unmittelbares Handeln am Sinai. Gott erscheint in Feuer, Donner und Wolken und spricht zu seinem Volk. Paulus stellt diesem Bericht jedoch keine andere Herkunft des Gesetzes gegenüber. Er greift vielmehr eine Überlieferung auf, nach der Engel bei der Gesetzgebung eine vermittelnde Rolle spielten.
Auch an anderen Stellen des Neuen Testaments begegnet dieser Gedanke. Stephanus erklärt in seiner Rede vor dem Hohen Rat, dass Israel das Gesetz durch Anordnungen von Engeln empfangen habe (Apostelgeschichte 7,53). Der Hebräerbrief spricht ebenfalls von dem durch Engel verkündigten Wort und stellt dessen Verbindlichkeit dem noch größeren Heil gegenüber, das durch den Herrn selbst verkündigt wurde (Hebräer 2,2–3). Im Alten Testament enthält 5. Mose 33,2 eine Beschreibung der göttlichen Erscheinung am Sinai, in der von einer großen himmlischen Begleitung die Rede ist. Die sprachliche Überlieferung dieser Stelle ist nicht in allen Einzelheiten einheitlich, doch sie gehört zu den Hintergründen, mit denen die spätere Vorstellung von einer Beteiligung der Engel an der Gesetzgebung verbunden wurde.
Entscheidend ist dabei, dass die Erwähnung der Engel den göttlichen Ursprung des Gesetzes nicht aufhebt. Paulus behauptet nicht, das Gesetz stamme von Engeln, die unabhängig von Gott gehandelt hätten. Ebenso wenig erklärt er die Gesetzgebung zu einem Werk einer untergeordneten oder gar feindlichen Macht. Die Engel erscheinen vielmehr als Beteiligte an der Vermittlung einer Offenbarung, deren Ursprung bei Gott liegt. Der Unterschied zwischen der Verheißung und dem Gesetz betrifft hier die Weise ihrer Mitteilung und ihre Stellung innerhalb der Heilsgeschichte, nicht die Frage, ob das Gesetz von einem anderen Gott gegeben worden sei.
Mit dem erwähnten Mittler ist im unmittelbaren Zusammenhang sehr wahrscheinlich Mose gemeint. In 5. Mose 5,5 erklärt Mose rückblickend, dass er zwischen dem Herrn und dem Volk gestanden habe, um den Israeliten Gottes Wort zu verkündigen. Das Volk hatte sich angesichts der erschreckenden Erscheinung am Sinai davor gefürchtet, unmittelbar weiter Gottes Stimme zu hören. Deshalb nahm Mose eine vermittelnde Stellung ein. Er empfing Gottes Weisungen und gab sie dem Volk weiter. Auch bei späteren Bundesverhandlungen und in Situationen der Fürbitte trat er zwischen Gott und Israel.
Der Ausdruck „durch die Hand eines Mittlers“ bezeichnet deshalb eine Vermittlung, bei der Gottes Wort nicht einfach als eine persönliche Zusage an einen einzelnen Empfänger erscheint, sondern innerhalb einer umfassenden Bundesbeziehung weitergegeben wird. Mose hatte die Aufgabe, zwischen Gott und dem Volk zu stehen. Dies war eine bedeutende Verantwortung, denn durch seinen Dienst erhielt Israel die Gebote und Weisungen, nach denen es leben sollte. Doch seine Stellung war die eines von Gott beauftragten Dieners. Er war weder der Ursprung des Gesetzes noch derjenige, der aus eigener Macht dessen Verheißungen erfüllen konnte.
An dieser Stelle wird auch der Unterschied zwischen Mose und Jesus Christus deutlich. Das Neue Testament bezeichnet Jesus ebenfalls als Mittler, doch sein Dienst besitzt eine andere Bedeutung. In Hebräer 8,6 wird Christus als Mittler eines besseren Bundes beschrieben, der auf besseren Verheißungen gegründet ist. Während Mose Gottes Weisungen an Israel weitergab und als Fürsprecher für das Volk eintrat, hat Christus durch seine eigene Hingabe die Grundlage des neuen Bundes geschaffen. Paulus will in Galater 3,19 allerdings zunächst die besondere Vermittlung des mosaischen Gesetzes erklären. Der umfassendere Vergleich mit Christus ergibt sich erst aus dem weiteren neutestamentlichen Zeugnis.
In Vers 20 folgt nun eine Aussage, die zu den schwierigsten Formulierungen des Galaterbriefes gehört. Paulus erklärt, dass ein Mittler nicht nur einer Partei angehört, Gott aber einer ist. Auf den ersten Blick scheint dieser Satz lediglich eine allgemeine Aussage über die Aufgabe eines Mittlers zu enthalten. Ein Mittler steht gewöhnlich zwischen verschiedenen Beteiligten und vermittelt ihre Verständigung. Doch weshalb verbindet Paulus diese Beobachtung unmittelbar mit der Einzigkeit Gottes? Und was trägt diese Aussage zu seiner Erklärung über das Gesetz und die Verheißung bei?
Eine verbreitete Auslegung versteht den Vers als Fortsetzung des Gegensatzes zwischen der vermittelten Gesetzgebung und der unmittelbaren göttlichen Verheißung. Beim Gesetz stand Mose zwischen Gott und Israel. Die Bundesordnung betraf damit eine Beziehung, in der das Volk ausdrücklich zu Gehorsam verpflichtet wurde. Die Verheißung an Abraham dagegen beruhte entscheidend auf Gottes eigener Zusage. Bei ihrer Erfüllung stand seine Treue im Mittelpunkt. Nach dieser Deutung unterstreicht Paulus, dass das verheißene Erbe nicht von einer nachträglich hinzugekommenen Gesetzesordnung abhängig gemacht werden kann.
Dieser Gedanke passt gut zum bisherigen Argumentationsgang. Paulus hatte gerade erklärt, dass Gott Abraham das Erbe aus Gnade durch eine Verheißung geschenkt hatte. Das spätere Gesetz konnte diese Zusage nicht aufheben. Die unterschiedliche Vermittlung beider Ordnungen könnte deshalb ihre unterschiedliche Aufgabe hervorheben. Dennoch sagt Vers 20 nicht ausdrücklich, dass Gott bei der Verheißung jede Form von Vermittlung grundsätzlich ausgeschlossen habe oder dass bei jeder Verheißung rechtlich nur eine einzige Partei beteiligt gewesen wäre. Eine solche Erklärung ist eine Deutung des Zusammenhangs und darf nicht als unmittelbarer Wortlaut des Verses ausgegeben werden.
Andere Ausleger betonen stärker, dass Paulus mit der Aussage über die Einheit Gottes dessen unveränderliche Treue hervorhebt. Der Gott, der Abraham die Verheißung gegeben hatte, war derselbe Gott, der später Israel das Gesetz übergab. Es gab nicht zwei göttliche Mächte mit widersprüchlichen Absichten. Diese Erklärung besitzt eine wichtige Stärke, weil sie den folgenden Vers vorbereitet. Dort fragt Paulus ausdrücklich, ob das Gesetz gegen Gottes Verheißungen gerichtet sei, und weist diesen Gedanken entschieden zurück.
Auch hier bleibt jedoch eine Schwierigkeit bestehen. Wenn Paulus lediglich hätte sagen wollen, dass Gott immer derselbe ist, wäre die unmittelbar vorausgehende Bemerkung über den Mittler nicht vollständig erklärt. Deshalb versuchen andere Deutungen, sowohl die Beteiligung mehrerer Parteien als auch Gottes Einzigkeit in einem engeren Zusammenhang zu verstehen. Einigkeit über die genaue Bedeutung der Formulierung besteht nicht. Der Satz ist knapp und lässt mehrere gedankliche Verbindungen zu.
Besonders wichtig ist deshalb, die Grenzen unserer Erkenntnis anzuerkennen. Sicher ist, dass Paulus die Vermittlung des Gesetzes durch Engel und einen Mittler erwähnt. Sicher ist auch, dass er anschließend die Einzigkeit Gottes betont. Der Zusammenhang zeigt darüber hinaus, dass das Gesetz die zuvor gegebene Verheißung nicht ungültig machen konnte. Wie genau der Satz über den Mittler diese Aussage begründet, lässt sich jedoch nicht mit derselben Sicherheit bestimmen wie die grundlegende Unterscheidung zwischen Gesetz und Verheißung.
Dabei darf die Einzigkeit Gottes nicht nur als ein unbedeutender Nebengedanke behandelt werden. Im Glauben Israels bildete sie eine entscheidende Grundlage. Das Bekenntnis aus 5. Mose 6,4 erklärte, dass der Herr der eine Gott Israels ist. Paulus hielt an diesem Glauben fest und verkündigte denselben Gott auch den Menschen aus den Völkern. Seine Erklärung über das Gesetz durfte deshalb nicht so verstanden werden, als stammten die Verheißung und die spätere Gesetzgebung aus gegensätzlichen göttlichen Quellen. Der eine Gott handelt in der Geschichte auf unterschiedliche Weise, ohne dass seine frühere Zusage dadurch zu einer Täuschung wird.
In diesem Zusammenhang wird deutlich, weshalb die Herkunft des Gesetzes aus Gottes Hand und seine zeitlich begrenzte Aufgabe gleichzeitig anerkannt werden können. Ein von Gott gegebenes Gesetz muss nicht jede Aufgabe für alle Zeiten in unveränderter Weise erfüllen. Gott kann seinem Volk zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Ordnung geben, die eine besondere Funktion innerhalb seines Erlösungsplans besitzt. Wenn diese Funktion durch das Kommen Christi ihre Erfüllung oder ihr Ende erreicht, bedeutet das nicht, dass Gott sich geirrt hätte. Vielmehr gehört auch die zeitliche Begrenzung dieser Ordnung zu der Geschichte, die Gott von Anfang an auf die Erfüllung seiner Verheißung ausgerichtet hat.
Die beiden Verse zeigen damit eine wichtige Bewegung innerhalb der biblischen Offenbarung. Zuerst steht Gottes Zusage an Abraham. Später erhält Israel eine besondere Bundesordnung, die angesichts menschlicher Übertretungen eine wichtige Aufgabe erfüllt. Schließlich kommt Jesus Christus als der verheißene Nachkomme, durch den Gottes Segen Menschen aus allen Völkern erreichen soll. Diese Entwicklung ist nicht als Gegensatz zwischen einem früheren schlechten und einem späteren guten Gott zu verstehen. Ebenso wenig beschreibt sie einen Gegensatz zwischen einem grundsätzlich bösen Gesetz und einer grundsätzlich guten Verheißung. Paulus erklärt vielmehr unterschiedliche Aufgaben innerhalb des Handelns desselben Gottes.
Für die galatischen Gemeinden hatte diese Unterscheidung unmittelbare Bedeutung. Sie sollten verstehen, dass ihre Beziehung zu Christus nicht dadurch vervollständigt werden musste, dass sie unter die gesamte mosaische Bundesordnung traten. Das Gesetz war nicht gegeben worden, um die Verheißung an Abraham durch eine neue Grundlage der Rechtfertigung zu ersetzen. Deshalb konnten die Forderungen nach zusätzlichen jüdischen Bundesverpflichtungen nicht damit begründet werden, dass Gottes ursprüngliche Zusage ohne diese Ordnung unvollständig geblieben wäre.
Gleichzeitig bewahrt der Abschnitt vor der Vorstellung, die Geschichte Israels sei für den christlichen Glauben bedeutungslos geworden. Gott hatte durch das Gesetz seinen Willen offenbart, Übertretungen benannt und das Leben seines Volkes geordnet. Die Erfahrungen Israels gehören deshalb weiterhin zum biblischen Zeugnis über Gottes Heiligkeit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Wer das Neue Testament verstehen möchte, kann diese Geschichte nicht einfach beiseiteschieben. Doch sie muss im Licht Jesu Christi gelesen werden, weil Paulus selbst ihn als das Ziel bezeichnet, auf das die Verheißung ausgerichtet war.
So führt die Frage nach dem Zweck des Gesetzes letztlich zu einer genaueren Erkenntnis über Gottes Erlösungsplan. Gott gab das Gesetz nicht ohne Grund. Es erfüllte eine wichtige Aufgabe angesichts menschlicher Übertretungen und innerhalb der besonderen Geschichte Israels. Aber es konnte die Verheißung nicht ersetzen und besaß nicht dieselbe Aufgabe wie der verheißene Retter. Seine Vermittlung durch Mose und seine zeitliche Begrenzung zeigen, dass es innerhalb der Heilsgeschichte einen bestimmten Platz einnahm.
Damit bleibt allerdings noch eine entscheidende Frage offen. Wenn das Gesetz von Gott stammt und zugleich nicht die Grundlage des verheißenen Erbes bildet, steht es dann vielleicht doch im Gegensatz zu Gottes Verheißungen? Paulus greift genau diesen möglichen Einwand im nächsten Vers auf. Seine Antwort wird zeigen, weshalb das Gesetz zwar eine wichtige Aufgabe besaß, aber nicht jene Lebenskraft verleihen konnte, durch die der sündige Mensch gerechtfertigt und erneuert wird.
Galater 3,21–22
Das Gesetz kann kein Leben schenken
Mit einer entscheidenden Frage führt Paulus seine Erklärung über die Aufgabe des Gesetzes weiter. Nachdem er die Verheißung an Abraham und die spätere Gesetzgebung voneinander unterschieden hat, könnte der Eindruck entstehen, beide stünden in einem grundlegenden Widerspruch. Wenn die Verheißung den Menschen das Erbe zusagt, während das Gesetz ihre Übertretungen sichtbar macht und sie seinem Urteil unterstellt, verfolgen diese beiden Offenbarungen dann überhaupt dasselbe Ziel? Paulus greift diesen möglichen Einwand ausdrücklich auf. In Vers 21 fragt er, ob das Gesetz gegen die Verheißungen Gottes gerichtet sei. Seine Antwort ist entschieden: Das darf keinesfalls angenommen werden.
Diese Zurückweisung besitzt eine besondere Bedeutung für das Verständnis des gesamten Galaterbriefes. Paulus hatte das Gesetz zuvor sehr deutlich von der Verheißung unterschieden. Er hatte erklärt, dass die Gerechtigkeit nicht durch Gesetzeswerke erlangt werden kann und dass Christus die Menschen vom Fluch des Gesetzes erlöst hat. Anschließend bezeichnete er die mosaische Gesetzesordnung als etwas, das nach der Abrahamverheißung hinzugefügt wurde und bis zum Kommen des verheißenen Nachkommen eine besondere Aufgabe erfüllen sollte. Doch aus all diesen Aussagen folgt nicht, dass das Gesetz einen bösen Ursprung hätte oder dem Willen Gottes grundsätzlich widerspräche. Paulus schließt einen solchen Gedanken ausdrücklich aus.
Damit macht er deutlich, dass Gottes Handeln in der Geschichte nicht in zwei gegensätzliche Absichten zerfällt. Der Gott, der Abraham seine Verheißungen gab, war derselbe Gott, der Israel später am Sinai seine Gebote offenbarte. Beide Ereignisse gehören zur biblischen Geschichte desselben Erlösungsplans. Dennoch besitzen sie nicht dieselbe Aufgabe. Die Verheißung kündigt eine Gabe an, deren Erfüllung Gott selbst zusagt. Das Gesetz offenbart seinen Willen, benennt Übertretungen und ordnet das Leben seines Bundesvolkes. Der Unterschied zwischen diesen Aufgaben bedeutet nicht, dass sie einander widersprechen müssen.
Um diesen Zusammenhang verständlich zu machen, führt Paulus unmittelbar eine Begründung an. Wenn ein Gesetz gegeben worden wäre, das lebendig machen könnte, dann käme die Gerechtigkeit tatsächlich aus dem Gesetz. Diese Aussage ist als gedankliche Bedingung formuliert. Paulus fordert seine Leser auf, sich vorzustellen, dass ein Gesetz die Fähigkeit besäße, dem Menschen jenes Leben zu schenken, das er vor Gott benötigt. Wäre dies möglich, könnte die Gerechtigkeit auf diesem Weg erlangt werden. Doch gerade diese Möglichkeit besteht nach seiner Argumentation nicht.
Das Wort „lebendig machen“ verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Im griechischen Text verwendet Paulus ein Verb, das bedeutet, Leben zu geben oder lebendig zu machen. Es geht um mehr als die Vermittlung nützlicher Kenntnisse oder die Verbesserung des menschlichen Verhaltens. Paulus spricht über eine Wirklichkeit, die mit Gottes rettendem Handeln zusammenhängt. Der Mensch benötigt nicht nur eine Erklärung darüber, wie er leben sollte. Er benötigt die Befreiung aus seiner Schuld und ein Leben, das ihm in der Gemeinschaft mit Gott eröffnet wird.
Darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen einem Gebot und der Kraft, die zu seiner Erfüllung notwendig ist. Ein Gebot kann einen Menschen darüber unterrichten, was richtig und was falsch ist. Es kann eine Grenze setzen, vor einer Gefahr warnen und eine gerechte Handlung verlangen. Doch allein dadurch verändert sich noch nicht das Herz des Menschen. Wer weiß, was gut ist, besitzt damit nicht automatisch die Kraft, es jederzeit zu tun. Auch wird eine bereits begangene Schuld nicht dadurch beseitigt, dass der Mensch ihre Verwerflichkeit erkannt hat. Die Offenbarung des göttlichen Willens und die Erneuerung des sündigen Menschen sind deshalb miteinander verbunden, aber nicht identisch.
Diese Unterscheidung entfaltet Paulus an anderer Stelle besonders ausführlich. In Römer 7,7 erklärt er, dass er durch das Gesetz die Sünde erkannt hat. Das Gebot offenbarte ihm beispielsweise, dass auch das Begehren gegen Gottes Willen gerichtet sein kann. Wenige Verse später beschreibt er jedoch, dass die Sünde gerade durch das Gebot einen Anlass fand, ihre Macht zu entfalten (Römer 7,8–11). Daraus folgt nicht, dass das Gebot selbst sündig gewesen wäre. Paulus weist diese Vorstellung ausdrücklich zurück und bezeichnet das Gesetz als heilig sowie das Gebot als heilig, gerecht und gut (Römer 7,12). Das Problem liegt nicht im bösen Charakter des göttlichen Maßstabs, sondern in der Sünde, die im Menschen wirksam ist.
Ein gerechter Maßstab verliert seine Gerechtigkeit nicht dadurch, dass Menschen ihm nicht entsprechen. Ebenso wenig wird eine göttliche Weisung wertlos, weil sie die Schuld des Menschen sichtbar macht. Doch ihre Fähigkeit, das Richtige zu benennen, darf nicht mit der Fähigkeit verwechselt werden, den Menschen aus seiner Schuld zu erlösen. Das Gesetz kann zeigen, worin der Mensch gefehlt hat. Es kann aber nicht allein durch seine Forderungen ein neues Herz erschaffen oder vergangene Übertretungen vergeben. Genau diese Grenze seiner Wirksamkeit stellt Paulus in Galater 3,21 heraus.
Dabei wäre es zu kurz gegriffen, das Gesetz deshalb lediglich als einen unzureichenden Versuch Gottes darzustellen, Menschen zu retten. Paulus behauptet nicht, Gott habe zunächst gehofft, das Gesetz werde den Menschen vollkommen gerecht machen, und erst später festgestellt, dass dies nicht gelinge. Bereits die Verheißung an Abraham zeigt, dass Gottes rettender Plan auf seiner eigenen Zusage beruhte. Die Gesetzgebung erhielt innerhalb dieser Geschichte eine besondere Aufgabe, ohne die frühere Verheißung ersetzen zu sollen. Das Gesetz scheiterte also nicht an einer Aufgabe, die Paulus ihm ursprünglich zuschreibt. Vielmehr konnte es gerade nicht leisten, was allein durch Gottes rettendes Handeln möglich ist.
Ein vergleichbarer Zusammenhang begegnet in Römer 8,3. Dort erklärt Paulus, dass Gott das getan hat, was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt wurde. Anschließend beschreibt er, wie Gott seinen eigenen Sohn sandte und durch ihn die Sünde verurteilte. Auch hier wird die Grenze nicht dadurch erklärt, dass Gottes Gesetz böse gewesen wäre. Entscheidend ist vielmehr die menschliche Sündhaftigkeit, durch die das Gesetz nicht zum Mittel der Erlösung werden konnte. Gott selbst musste handeln, um den Menschen aus seiner verlorenen Stellung zu befreien.
Diese Aussage führt zum Kern der Frage nach dem geistlichen Leben. Wenn der Mensch durch das Gesetz nicht lebendig gemacht werden kann, benötigt er mehr als zusätzliche religiöse Verpflichtungen. Er benötigt die Vergebung seiner Schuld und eine innere Erneuerung, die nicht aus eigener Anstrengung hervorgebracht werden kann. Gerade eine solche Erneuerung hatte Gott bereits durch die Propheten verheißen. In Hesekiel 36,26–27 kündigt er an, seinem Volk ein neues Herz zu geben und seinen Geist in sein Inneres zu legen. Die Menschen sollen dadurch befähigt werden, nach seinem Willen zu leben. Gott verheißt also nicht nur neue Anweisungen, sondern sein eigenes erneuerndes Handeln.
Dieser Zusammenhang hilft, die Aussage des Paulus richtig zu verstehen. Das Gesetz besitzt einen guten Ursprung und kann Gottes Willen bekannt machen. Doch das neue Leben, das der sündige Mensch benötigt, muss Gott selbst schenken. Der Mensch kann seine innere Erneuerung nicht dadurch erzwingen, dass er sich immer mehr Vorschriften auferlegt. Auch eine noch so genaue Kenntnis göttlicher Gebote ersetzt nicht das Wirken des Heiligen Geistes. Die Verheißung richtet den Blick deshalb auf eine Gabe, die von Gott ausgeht und die der Mensch im Glauben empfängt.
An dieser Stelle könnte allerdings ein Missverständnis entstehen. Wenn das Gesetz kein Leben schenken kann, bedeutet das dann, dass Gehorsam keine Bedeutung mehr besitzt? Paulus selbst verhindert eine solche Schlussfolgerung. Im weiteren Verlauf des Briefes wird er erklären, dass die Gläubigen durch die Liebe einander dienen sollen und dass die Frucht des Geistes unter anderem in Geduld, Güte, Treue und Selbstbeherrschung sichtbar wird (Galater 5,13–23). Gottes Wille wird also nicht bedeutungslos. Vielmehr erhält der Gehorsam seinen richtigen Platz: Er ist nicht die Quelle der Erlösung, sondern gehört zum Leben derer, die durch Christus und das Wirken des Geistes erneuert werden.
Zugleich betrifft die Aussage aus Vers 21 mehr als die allgemeine menschliche Erfahrung, dass man trotz guter Vorsätze Fehler begeht. Paulus spricht innerhalb seiner Erklärung über die mosaische Gesetzesordnung und ihre Stellung in der Heilsgeschichte. Sein Gedankengang richtet sich deshalb auch gegen die Vorstellung, dass die Übernahme dieser Ordnung den galatischen Christen jene Gerechtigkeit und jenes Erbe sichern könnte, die Gott bereits durch seine Verheißung zugesagt hatte. Das Gesetz besaß eine wirkliche Aufgabe, aber es konnte nicht selbst zum Ursprung des verheißenen Lebens werden. Würde man ihm diese Stellung zuschreiben, würde man seine Bedeutung über das hinaus ausweiten, was Paulus ihm zugesteht.
In Vers 22 erklärt Paulus nun, weshalb die Menschen auf eine andere Grundlage angewiesen sind. Er schreibt, dass die Schrift alles unter die Sünde eingeschlossen hat, damit die Verheißung aufgrund des Glaubens an Jesus Christus denen gegeben werde, die glauben. Mit dieser Aussage verändert sich das Bild. Zuvor hatte Paulus die begrenzte Fähigkeit des Gesetzes beschrieben. Nun spricht er vom umfassenden Urteil der Schrift über die menschliche Wirklichkeit. Die Bibel offenbart nicht nur einzelne Gebote, sondern bezeugt auch, in welchem Zustand sich die Menschheit angesichts der Sünde befindet.
Besonders auffällig ist, dass Paulus hier nicht einfach sagt, das Gesetz habe alles eingeschlossen. Er verwendet das Wort „Schrift“. Damit richtet er den Blick auf das umfassendere Zeugnis der Heiligen Schriften, das seine Leser aus dem Alten Testament kannten. Dieses Zeugnis beschreibt immer wieder, wie Menschen Gottes Willen missachten und seine Vergebung benötigen. Die Geschichte beginnt bereits mit dem Ungehorsam der ersten Menschen und setzt sich in den Berichten über Gewalt, Untreue und Götzendienst fort. Auch Israel, dem Gottes Gebote ausdrücklich offenbart worden waren, blieb nicht ohne Schuld.
Die Schrift lässt dabei keinen Raum für die Vorstellung, ein bestimmtes Volk oder eine bestimmte Menschengruppe sei aufgrund ihrer Herkunft von der Macht der Sünde grundsätzlich ausgenommen. Die Psalmen und Propheten sprechen wiederholt über die Schuld der Menschen. Besonders deutlich heißt es in Psalm 143,2, dass vor Gott kein Lebendiger gerecht ist, wenn er mit ihm ins Gericht geht. Paulus wird diesen Gedanken im Römerbrief weiter entfalten und erklären, dass Juden und Griechen gleichermaßen unter der Sünde stehen (Römer 3,9–20). Die Erkenntnis der menschlichen Schuld ist deshalb keine Botschaft, die sich ausschließlich gegen die nichtjüdischen Völker richtet. Sie betrifft auch diejenigen, die das Gesetz Gottes kennen.
Der Ausdruck „alles eingeschlossen“ verstärkt diese Aussage. Im griechischen Text steht eine Formulierung, die umfassend von „allem“ spricht. Sie muss jedoch aus ihrem Zusammenhang verstanden werden. Paulus behauptet nicht, dass unbelebte Gegenstände persönlich sündigen könnten. Er beschreibt vielmehr die umfassende Wirklichkeit der Sünde, unter deren Macht die menschliche Welt steht. Niemand kann sich allein aufgrund seiner Herkunft, seiner religiösen Stellung oder seiner bisherigen Leistungen außerhalb dieses Urteils stellen.
Für diesen Gedanken verwendet Paulus das Bild des Einschließens. Das griechische Verb kann beschreiben, dass etwas eingeschlossen oder festgehalten wird. Es erinnert an eine Situation, in der jemand keinen eigenen Weg nach draußen findet. Auf die Sünde übertragen entsteht das Bild einer Menschheit, die ihrer verlorenen Lage nicht einfach aus eigener Kraft entkommen kann. Paulus sagt jedoch nicht, dass die Schrift selbst die Menschen sündig gemacht hätte. Sie bringt vielmehr Gottes Urteil über ihre Lage zum Ausdruck. Das Einschließen beschreibt hier nicht die Entstehung der Sünde durch die Bibel, sondern ihre umfassende Herrschaft und die Unfähigkeit des Menschen, sich selbst daraus zu befreien.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil man den Vers sonst missverstehen könnte. Gott hat den Menschen nicht sein Wort gegeben, um ihn erst dadurch böse zu machen. Schon die vorhergehenden Bücher der Bibel berichten von Sünde und Schuld. Die Schrift zeigt vielmehr, dass die menschliche Not tiefer reicht als einzelne Fehler, die sich durch einige zusätzliche Vorschriften ausgleichen ließen. Wenn alle unter der Sünde stehen, kann niemand seine eigene Gerechtigkeit als ausreichende Grundlage seiner Rettung vorweisen. Gerade dadurch wird verständlich, weshalb Gottes Verheißung und das Erlösungswerk Christi notwendig sind.
Die Aussage, dass alles unter die Sünde eingeschlossen wurde, besitzt zugleich einen ernsten und einen hoffnungsvollen Gesichtspunkt. Ernst ist sie, weil sie jede menschliche Selbstgerechtigkeit infrage stellt. Niemand kann vor Gott behaupten, überhaupt keiner Vergebung zu bedürfen. Hoffnungsvoll wird sie jedoch durch die Begründung, die Paulus unmittelbar hinzufügt. Das Ziel seiner Aussage ist nicht, die Menschheit in einer aussichtslosen Verurteilung zurückzulassen. Vielmehr soll die Verheißung denen gegeben werden, die glauben.
An diesem Punkt wird der Zusammenhang zwischen Gesetz, Sünde und Verheißung besonders deutlich. Wenn die Schrift die gesamte Menschheit unter die Sünde einschließt, verlieren Unterschiede der Herkunft ihre Bedeutung als Grundlage eines besonderen Heilsanspruchs. Juden und Nichtjuden benötigen dieselbe göttliche Gnade. Diejenigen, die das Gesetz empfangen hatten, konnten ihre Rettung nicht durch dessen vollständige Erfüllung sichern. Ebenso wenig besaßen Menschen aus anderen Völkern einen davon unabhängigen Weg zu Gott. Alle waren auf sein rettendes Handeln angewiesen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Paulus die Geschichte Israels oder dessen besondere Berufung auslöschen wollte. Gott hatte Israel seine Offenbarung anvertraut und durch dieses Volk die Verheißungen weitergetragen. Doch gerade die Schrift Israels bezeugt nach Paulus, dass die Gerechtigkeit des Menschen nicht auf seiner eigenen Schuldlosigkeit beruhen kann. Die besondere Geschichte des Volkes wird dadurch nicht geleugnet. Sie wird vielmehr in einen größeren Zusammenhang eingeordnet, in dem Gottes Erlösungsplan Menschen aus allen Völkern erreichen soll.
Die Formulierung über die Verheißung führt deshalb unmittelbar zu Abraham zurück. Gott hatte ihm zugesagt, dass durch ihn die Völker gesegnet werden sollten. Paulus hat bereits erklärt, dass diese Verheißung ihre entscheidende Erfüllung in Jesus Christus findet. Nun beschreibt er, wie die Menschen Anteil daran erhalten: durch den Glauben an Christus. Die Gabe der Verheißung wird nicht als Ergebnis einer erfolgreich erarbeiteten Gesetzesgerechtigkeit dargestellt, sondern als etwas, das den Glaubenden geschenkt wird.
Dabei begegnet im griechischen Text erneut eine Formulierung, die sowohl als „Glaube an Jesus Christus“ als auch unter Betonung der „Treue Jesu Christi“ verstanden werden kann. Wie bereits in Galater 2,16 wird die grammatische Frage unterschiedlich beantwortet. Für den unmittelbaren Gedankengang ist jedoch besonders wichtig, dass Paulus am Ende von Vers 22 ausdrücklich von denen spricht, die glauben. Der persönliche Glaube der Menschen gehört somit unbestreitbar zu seiner Aussage. Zugleich bleibt dieser Glaube auf Jesus Christus und sein rettendes Handeln ausgerichtet. Er begründet keine von Christus unabhängige menschliche Leistung.
Das Wort „gegeben“ unterstreicht diesen Gedanken. Paulus beschreibt die Verheißung als Gabe, nicht als Lohn für eine selbst erreichte Gerechtigkeit. Die Menschen können Gottes Zusage nicht erzwingen. Sie dürfen sie im Glauben annehmen, weil Christus die Grundlage ihrer Erfüllung geschaffen hat. Die rettende Bedeutung des Kreuzes, die Paulus zuvor in den Versen 10–14 erklärt hat, bleibt dabei entscheidend. Der Mensch wird nicht dadurch gerettet, dass Gott seine Schuld einfach übersieht. Vielmehr hat Christus sich für die Schuldigen hingegeben und ihnen den Zugang zu Gottes Verheißung eröffnet.
Damit erhält auch die geistliche Erneuerung ihren richtigen Zusammenhang. Wer durch den Glauben Anteil an Christus erhält, wird nicht nur von einem früheren Urteil befreit. Er wird in eine neue Beziehung zu Gott aufgenommen, in der dessen Geist wirksam ist. Paulus hatte bereits zu Beginn des Kapitels daran erinnert, dass die Galater den Heiligen Geist im Zusammenhang mit der Verkündigung des Glaubens empfangen hatten. Nun erklärt er, weshalb diese Gabe nicht aus Gesetzeswerken hervorgehen kann. Der Geist gehört zum verheißenen Heil, das Gott durch Jesus Christus schenkt.
Besonders wertvoll ist diese Erkenntnis für das persönliche Verständnis des Glaubens. Ein Mensch kann Gottes Gebote kennen und aufrichtig danach streben, ihnen zu entsprechen. Dennoch wird er immer wieder erkennen, dass seine eigene Gerechtigkeit keine ausreichende Grundlage seiner Hoffnung bildet. Die Schrift verschweigt die Schuld des Menschen nicht. Sie zeigt ihm aber zugleich, dass Gott einen Weg zur Rettung eröffnet hat. Die Erkenntnis der Sünde soll deshalb nicht zur Verzweiflung führen, sondern den Menschen auf den Erlöser hinweisen, durch den Vergebung und neues Leben möglich werden.
Dabei darf die Einsicht in die eigene Bedürftigkeit nicht mit einer Geringschätzung des Gehorsams verwechselt werden. Wer anerkennt, dass das Gesetz kein Leben schenken kann, erklärt damit nicht Gottes Willen für überflüssig. Er erkennt vielmehr an, dass die Kraft zur Erneuerung aus Gottes Handeln kommen muss. Das neue Leben steht nicht im Widerspruch zu Gottes Heiligkeit. Es soll den Menschen gerade dazu führen, Gott zu lieben und seinem Willen zu entsprechen. Doch diese Veränderung wächst aus der Verbindung mit Christus hervor und darf nicht an die Stelle seiner rettenden Gnade treten.
So beantwortet Paulus in diesen beiden Versen eine Frage, die für den gesamten Brief entscheidend ist. Das Gesetz steht nicht gegen Gottes Verheißungen. Es kann jedoch nicht das Leben hervorbringen, das die Verheißung zusagt. Die Schrift bezeugt die umfassende Macht der Sünde und macht damit sichtbar, weshalb alle Menschen auf Gottes Erlösung angewiesen sind. Zugleich verkündigt sie die Hoffnung, dass Gott seine Verheißung durch Jesus Christus denen schenkt, die glauben.
Damit ist der Unterschied zwischen der Aufgabe des Gesetzes und der Kraft der Verheißung weiter geklärt. Doch Paulus hat seine Erklärung noch nicht abgeschlossen. Er wird nun das Bild des Eingeschlossenseins erneut aufgreifen und damit eine bestimmte Phase in der Geschichte des Gottesvolkes beschreiben. In den folgenden Versen zeigt er, wie das Gesetz die Menschen bis zum Kommen Christi unter einer vorläufigen Aufsicht hielt und weshalb mit dem Offenbarwerden des Glaubens eine neue Stellung für die Gläubigen begonnen hat.
Galater 3,23–25
Das Gesetz als Hüter bis zum Kommen Christi
Mit einem neuen Bild führt Paulus seine Erklärung über die Aufgabe des Gesetzes weiter. Nachdem er gezeigt hat, dass das Gesetz kein Leben schenken kann, beschreibt er nun die besondere Stellung, unter der Gottes Volk vor dem Kommen Jesu Christi stand. Dabei spricht er von einer Zeit des Verwahrtseins und verwendet anschließend das Bild eines Aufsehers, der für ein minderjähriges Kind verantwortlich ist. Beide Vorstellungen gehören eng zusammen. Sie sollen den Galatern helfen zu verstehen, weshalb das Gesetz eine wichtige Aufgabe erfüllte, diese Aufgabe jedoch nicht unbegrenzt fortbestehen sollte. Entscheidend ist dabei nicht nur, was das Gesetz in der Vergangenheit bedeutete, sondern auch, welche Veränderung durch das Kommen Christi eingetreten ist.
In Vers 23 beginnt Paulus mit den Worten, dass die Menschen vor dem Kommen des Glaubens unter dem Gesetz verwahrt und eingeschlossen waren. Diese Aussage kann zunächst verwundern. Hatte Paulus nicht gerade Abraham als Vorbild des Glaubens vorgestellt? Hatte er nicht aus 1. Mose 15,6 erklärt, dass Abraham Gott glaubte und ihm dieser Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet wurde? Wenn schon Abraham im Glauben lebte, weshalb spricht Paulus nun von einer Zeit, bevor der Glaube gekommen war? Um diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen, müssen wir beachten, dass Paulus hier nicht vom erstmaligen Entstehen des Glaubens im menschlichen Herzen spricht. Er beschreibt vielmehr eine bestimmte Veränderung innerhalb der Heilsgeschichte.
Der Glaube an Gott war keine Erfindung des Neuen Testaments. Schon Abel brachte sein Opfer im Glauben dar, Henoch wandelte mit Gott, Noah vertraute seiner Warnung, und Abraham folgte seiner Berufung (Hebräer 11,4–8). Auch Mose und die Propheten lebten aus dem Vertrauen auf Gottes Wort. Paulus kann deshalb nicht meinen, dass vor dem Erscheinen Jesu kein Mensch wirklich an Gott geglaubt hätte. Der Gegensatz zwischen der Zeit vor und nach dem Kommen des Glaubens bezieht sich auf die geschichtliche Offenbarung dessen, was Gott durch Jesus Christus verwirklicht hat. Die Verheißung, auf die frühere Generationen vertrauten, hat durch das Kommen des Erlösers eine neue Klarheit und ihre entscheidende Erfüllung erhalten.
Diese Unterscheidung ist für den gesamten Abschnitt grundlegend. Paulus stellt nicht zwei Menschengruppen gegenüber, von denen die eine ausschließlich durch Gesetzesgehorsam gerettet worden wäre und die andere nun erstmals durch Glauben gerettet werden könnte. Vielmehr beschreibt er unterschiedliche Phasen innerhalb eines einzigen göttlichen Erlösungsplans. Schon Abraham wurde aufgrund seines Glaubens als gerecht anerkannt. Die spätere Gesetzgebung am Sinai führte jedoch eine besondere Ordnung für Israel ein, unter der das Volk bis zum Kommen des verheißenen Nachkommen stand. Durch Jesus Christus wurde die Verheißung schließlich in einer Weise erfüllt, die den Glaubenden eine neue Stellung eröffnete.
Wenn Paulus in Vers 23 von „wir“ spricht, ist deshalb auch die Frage wichtig, wen er zunächst im Blick hat. Der unmittelbare Zusammenhang handelt von dem Gesetz, das Israel am Sinai empfangen hatte. Besonders die jüdische Geschichte steht somit im Hintergrund seiner Aussage. Das Volk Israel lebte unter einer Bundesordnung, die Gott ihm durch Mose gegeben hatte. Die nichtjüdischen Galater waren dagegen nicht als Volk am Sinai gewesen und hatten diese Ordnung nicht in derselben Weise empfangen. Paulus führt sie jedoch in die Bedeutung dieser Geschichte ein, weil die Frage nach ihrer Unterstellung unter das mosaische Gesetz inzwischen auch ihre eigene Glaubensgemeinschaft betraf.
Der Wechsel von dieser besonderen Geschichte Israels zur gemeinsamen Stellung aller Glaubenden wird wenige Verse später ausdrücklich sichtbar. In Vers 26 spricht Paulus seine Leser direkt an und erklärt, dass sie alle durch den Glauben an Christus Jesus Gottes Kinder sind. Die frühere Stellung unter dem Gesetz und die neue Christuszugehörigkeit werden dadurch miteinander verbunden, ohne dass ihre geschichtlichen Unterschiede verschwinden. Paulus erklärt den Galatern, weshalb sie nicht erst in die frühere Bundesordnung eintreten müssen, um an der Verheißung Abrahams teilhaben zu können.
Für die Beschreibung dieser früheren Stellung verwendet Paulus in Vers 23 zwei Ausdrücke, die das Bild einer begrenzten Freiheit hervorrufen. Die Menschen wurden unter dem Gesetz verwahrt und eingeschlossen. Das griechische Verb für das Verwahren kann eine bewachende oder schützende Aufsicht bezeichnen. Das zweite Verb verstärkt den Gedanken des Eingeschlossenseins. Beide Begriffe zeigen, dass Paulus das Gesetz hier nicht bloß als eine Sammlung hilfreicher Ratschläge betrachtet. Es besaß eine verbindliche Stellung, unter der das Leben des Volkes geordnet und begrenzt wurde.
Dabei dürfen die beiden Seiten dieses Bildes nicht übersehen werden. Eine Bewachung kann Schutz bieten, indem sie Grenzen setzt und Gefahren abwehrt. Sie kann aber auch bedeuten, dass jemand nicht frei über seinen Weg entscheiden darf. Gerade diese Spannung ist für die Aussage des Paulus bedeutsam. Das Gesetz offenbarte Israel Gottes Willen und ordnete das Leben des Bundesvolkes. Zugleich stellte es die Menschen unter verbindliche Forderungen, benannte ihre Übertretungen und hielt sie innerhalb einer Ordnung, die sie nicht aus eigener Kraft zu jener Gerechtigkeit führen konnte, welche die Verheißung zusagte.
Der Gedanke des Eingeschlossenseins knüpft außerdem an den unmittelbar vorausgehenden Vers an. Dort hatte Paulus erklärt, dass die Schrift alles unter die Sünde eingeschlossen hat. Nun beschreibt er die frühere Stellung unter dem Gesetz mit einer verwandten Ausdrucksweise. Dennoch dürfen beide Aussagen nicht einfach gleichgesetzt werden. In Vers 22 geht es um die umfassende Macht der Sünde und die Bedürftigkeit aller Menschen. In Vers 23 beschreibt Paulus besonders die zeitlich begrenzte Stellung unter der mosaischen Gesetzesordnung. Die Verbindung liegt darin, dass diese Ordnung das Problem der Sünde nicht endgültig überwinden konnte. Gerade deshalb musste die verheißene Erlösung durch Christus kommen.
Bemerkenswert ist auch, dass Paulus das Verwahrtsein ausdrücklich auf eine zukünftige Offenbarung hin ausrichtet. Die Menschen standen unter dem Gesetz, bis der Glaube offenbart werden sollte. Damit besitzt die frühere Ordnung in seiner Darstellung ein erkennbares Ende. Sie war nicht einfach eine unveränderliche Lebensform, die zu allen Zeiten dieselbe Aufgabe erfüllen sollte. Vielmehr gehörte sie zu einer geschichtlichen Vorbereitung, deren Bedeutung erst vollständig verständlich wird, wenn man das Kommen Jesu Christi berücksichtigt.
Das Wort „offenbart“ weist dabei auf Gottes eigenes Handeln hin. Der Mensch konnte die Erfüllung der Verheißung nicht allein dadurch herbeiführen, dass er die Gebote immer genauer beachtete. Gott selbst musste den Zeitpunkt bestimmen, an dem die verheißene Rettung in Christus sichtbar werden sollte. Diese Vorstellung begegnet auch an anderen Stellen des Neuen Testaments. Paulus schreibt beispielsweise, dass Gott seinen Sohn sandte, als die Zeit erfüllt war (Galater 4,4). Das Kommen Jesu war damit nicht nur ein weiterer Abschnitt innerhalb einer unveränderten Geschichte. Es bezeichnet einen entscheidenden Übergang, durch den Gottes frühere Zusagen ihre Erfüllung fanden.
In Vers 24 verdeutlicht Paulus diesen Zusammenhang durch ein Bild aus dem Alltag seiner Zeit. Er bezeichnet das Gesetz als einen paidagōgos. Die Schlachter 1951 übersetzt diesen Ausdruck mit „Zuchtmeister“. Für heutige Leser kann dieses Wort allerdings leicht ein falsches Bild hervorrufen. Man könnte an einen besonders strengen Lehrer denken, der seinen Schülern Wissen vermittelt und sie Schritt für Schritt unterrichtet. Die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Begriffs war jedoch eine andere. Gerade dieser Unterschied ist wichtig, wenn wir verstehen wollen, welche Aufgabe Paulus dem Gesetz zuschreibt.
In der griechisch-römischen Welt bezeichnete ein paidagōgos gewöhnlich einen Aufseher oder Begleiter, der für ein minderjähriges Kind verantwortlich war. In wohlhabenderen Haushalten konnte diese Aufgabe einem Sklaven übertragen werden. Er begleitete das Kind beispielsweise auf dem Weg zum Unterricht, beaufsichtigte sein Verhalten und achtete darauf, dass es sich an die geltenden Regeln hielt. Je nach Haushalt konnte er dabei auch erzieherische und disziplinierende Aufgaben übernehmen. Seine Stellung unterschied sich jedoch von der des eigentlichen Lehrers, der den Unterricht erteilte.
Der entscheidende Gedanke des Bildes liegt deshalb in der Aufsicht über einen noch nicht selbstständig gestellten Menschen. Solange ein Kind minderjährig war, stand es unter einer besonderen Verantwortung und Kontrolle. Der Aufseher sollte darauf achten, dass es seinen Pflichten nachkam und sich innerhalb der vorgesehenen Grenzen bewegte. Diese Stellung war jedoch nicht auf unbegrenzte Zeit angelegt. Mit dem Übergang zu einem erwachsenen und rechtlich selbstständigeren Leben veränderte sich das Verhältnis. Der bisherige Aufseher besaß dann nicht mehr dieselbe Befugnis über den Heranwachsenden.
Paulus verwendet dieses vertraute Bild, um die besondere Aufgabe des mosaischen Gesetzes zu beschreiben. Das Gesetz stand in der Geschichte Israels an der Stelle eines solchen Hüters. Es beaufsichtigte und ordnete das Leben des Volkes während einer bestimmten Phase. Seine Gebote machten Gottes Willen bekannt, seine Vorschriften setzten Grenzen, und seine Gerichtswarnungen zeigten die Folgen des Ungehorsams. Doch wie ein Aufseher nicht die endgültige Stellung eines erwachsenen Erben ersetzen konnte, sollte auch das Gesetz nicht auf Dauer jene Ordnung bleiben, unter der Gottes Volk seine Beziehung zur Verheißung verstand.
Hier ist eine sprachliche Präzisierung besonders wichtig. Paulus schreibt nach der Schlachter 1951, das Gesetz sei unser Zuchtmeister „auf Christus hin“ geworden. Diese Formulierung wird häufig so erklärt, als habe Paulus ausschließlich gemeint, das Gesetz sei ein Lehrer gewesen, der jeden einzelnen Menschen durch die Erkenntnis seiner Sünden persönlich zu Jesus führen solle. Eine solche geistliche Anwendung kann sich auf andere biblische Aussagen stützen. Doch die unmittelbare Bedeutung des Bildes in Galater 3 ist weiter und zugleich geschichtlicher angelegt.
Im griechischen Text steht ein Ausdruck, der sowohl eine Ausrichtung auf Christus als auch einen zeitlichen Zusammenhang mit seinem Kommen ausdrücken kann. Die Verse davor und danach helfen, die Bedeutung einzugrenzen. In Vers 23 spricht Paulus von der Zeit, bevor der Glaube offenbart wurde. In Vers 25 erklärt er, dass die Glaubenden nach dessen Kommen nicht mehr unter dem bisherigen Aufseher stehen. Diese beiden Aussagen bilden den unmittelbaren Rahmen für Vers 24. Deshalb besitzt die Erklärung, dass das Gesetz als Hüter bis zum Kommen Christi diente, im Zusammenhang ein besonderes Gewicht.
Damit wird die bekannte Vorstellung eines Lehrers, der den Menschen Schritt für Schritt zu Jesus führt, nicht zur eigentlichen Wortbedeutung des verwendeten Bildes. Paulus beschreibt zuerst eine heilsgeschichtliche Aufgabe. Das Gesetz beaufsichtigte Israel während einer vorläufigen Zeit, bis Christus kam und die verheißene neue Stellung eröffnete. Zugleich war diese Zeit auf die Rechtfertigung durch Glauben ausgerichtet, die Paulus im selben Vers ausdrücklich nennt. Die frühere Ordnung sollte also nicht das endgültige Ziel sein. Sie stand innerhalb einer Geschichte, deren entscheidende Erfüllung in Christus liegt.
Dennoch besitzt das Gesetz auch eine Bedeutung für die persönliche Erkenntnis der Sünde. Paulus erklärt in Römer 3,20, dass durch das Gesetz Erkenntnis der Sünde kommt. In Römer 7,7 beschreibt er, wie das Gebot ihm die Sündhaftigkeit des Begehrens bewusst machte. Diese Aussagen können helfen zu verstehen, weshalb ein Mensch die Erlösung durch Christus benötigt. Sie dürfen jedoch nicht einfach mit der gesamten Bedeutung des paidagōgos in Galater 3,24 gleichgesetzt werden. Die Erkenntnis der Sünde ist ein wichtiger biblischer Gedanke; die besondere Aussage dieses Verses betrifft zunächst die vorläufige Stellung der mosaischen Gesetzesordnung bis zum Kommen Christi.
Ein weiterer Gesichtspunkt liegt in der Frage, weshalb Paulus überhaupt ein Bild verwendet, das mit Minderjährigkeit verbunden ist. Ein Kind besitzt noch nicht dieselbe Stellung wie ein erwachsener Erbe. Obwohl ihm möglicherweise bereits ein zukünftiges Erbe zugesagt wurde, kann es darüber noch nicht in derselben Weise verfügen. Seine Lebensverhältnisse werden bis zu einem bestimmten Zeitpunkt durch Aufsicht und rechtliche Begrenzungen bestimmt. Dieses Bild wird Paulus im folgenden Kapitel ausdrücklich weiterentwickeln. Dort beschreibt er einen Erben, der während seiner Minderjährigkeit unter Vormündern und Verwaltern steht, obwohl ihm das Erbe grundsätzlich gehört (Galater 4,1–2).
Schon hier lässt sich jedoch erkennen, weshalb das Bild so gut zu seiner bisherigen Argumentation passt. Abraham hatte Gottes Verheißung empfangen, bevor das Gesetz gegeben wurde. Die spätere Bundesordnung konnte dieses Erbe nicht aufheben. Sie regelte aber das Leben des Volkes während der Zeit, in der die entscheidende Erfüllung noch ausstand. Mit dem Kommen Christi änderte sich diese Stellung. Die Glaubenden werden nun nicht mehr durch die frühere vormundschaftliche Ordnung bestimmt, sondern erhalten durch Christus Zugang zu dem verheißenen Erbe.
Besonders wichtig ist die Begründung, die Paulus am Ende von Vers 24 nennt. Die Aufgabe des Gesetzes stand im Zusammenhang damit, dass die Menschen durch den Glauben gerechtfertigt werden sollten. Die Rechtfertigung bleibt damit das Ziel, auf das seine gesamte Erklärung ausgerichtet ist. Paulus behauptet nicht, dass die mosaische Gesetzesordnung während ihrer Geltungszeit einen eigenständigen Weg zur Gerechtigkeit eröffnet hätte, der später durch einen anderen ersetzt wurde. Vielmehr hatte er bereits am Beispiel Abrahams gezeigt, dass die Gerechtigkeit von Anfang an auf Gottes Verheißung und dem Glauben beruhte. Die Aufsicht des Gesetzes gehörte zu der Geschichte, in der Gott die Erfüllung dieser Verheißung vorbereitete.
Hier liegt ein entscheidender Unterschied zwischen Vorbereitung und Erfüllung. Eine vorbereitende Ordnung kann wichtig und von Gott gewollt sein, ohne selbst die endgültige Wirklichkeit hervorzubringen. Der Aufseher kann das Kind begleiten, schützen und beaufsichtigen. Er kann aber nicht an dessen Stelle erwachsen werden oder aus eigener Macht die zugesagte Erbschaft verleihen. Ebenso konnte das mosaische Gesetz Gottes Willen offenbaren und das Leben Israels ordnen. Doch es konnte nicht selbst jene Gerechtigkeit und jenes neue Leben schenken, die Gott durch Christus eröffnet hat.
Diese Grenze des Gesetzes bedeutet nicht, dass es in seiner ursprünglichen Aufgabe wertlos gewesen wäre. Paulus hatte in Vers 21 ausdrücklich ausgeschlossen, dass das Gesetz gegen Gottes Verheißungen gerichtet sei. Gerade deshalb sollten wir seine zeitlich begrenzte Stellung nicht mit einer Verurteilung seines göttlichen Ursprungs verwechseln. Gott konnte seinem Volk eine gute und notwendige Ordnung geben, deren besondere Aufgabe mit einem späteren Ereignis erfüllt war. Dass eine solche Ordnung nicht unbegrenzt fortbesteht, beweist nicht, dass ihre Einführung falsch gewesen wäre. Entscheidend ist, welchen Platz sie innerhalb des gesamten Erlösungsplans erhielt.
In Vers 25 formuliert Paulus nun die eigentliche Schlussfolgerung seines Bildes. Nachdem der Glaube gekommen ist, stehen die Glaubenden nicht mehr unter dem Zuchtmeister. Der Gegensatz ist bewusst deutlich. Zuvor waren sie unter dem Gesetz verwahrt. Nun ist die verheißene Glaubenswirklichkeit durch Christus offenbar geworden. Damit hat sich ihre Stellung gegenüber der bisherigen Aufsicht verändert. Paulus spricht nicht nur davon, dass Menschen das Gesetz nun freundlicher verstehen oder freiwilliger beachten sollten. Seine Aussage betrifft eine wirkliche Veränderung ihrer Stellung innerhalb der Heilsgeschichte.
Genau dieser Punkt war für die galatischen Gemeinden von unmittelbarer Bedeutung. Die nichtjüdischen Christen sollten sich nach ihrer Hinwendung zu Christus nicht einer Ordnung unterstellen, deren besondere vormundschaftliche Aufgabe mit seinem Kommen ihr Ziel erreicht hatte. Die Forderung, durch Beschneidung und Übernahme des mosaischen Gesetzes die volle Zugehörigkeit zu Gottes Volk zu erlangen, widersprach deshalb dem Weg, den Paulus ihnen verkündigt hatte. Sie hatten durch den Glauben bereits Zugang zu Christus gefunden. Würden sie nun die frühere Bundesordnung zur notwendigen Voraussetzung ihrer Erbenstellung machen, würden sie eine geschichtliche Veränderung zurücknehmen, die Gott selbst herbeigeführt hatte.
Dabei muss die Aussage, nicht mehr unter dem Zuchtmeister zu stehen, ernst genommen werden. Es wäre zu wenig, sie lediglich so zu erklären, dass Christen weiterhin unter der gesamten mosaischen Bundesordnung stünden, diese aber nun mit einer besseren inneren Einstellung erfüllten. Paulus spricht ausdrücklich vom Ende der bisherigen Aufsichtsstellung. Der Übergang zu Christus betrifft deshalb mehr als eine Veränderung menschlicher Gefühle. Die frühere Ordnung bestimmt die Zugehörigkeit zu Gottes Volk und den Zugang zum verheißenen Erbe nicht mehr in derselben Weise.
Ebenso falsch wäre allerdings die gegenteilige Folgerung, dass ein Mensch durch Christus von jeder moralischen Verantwortung befreit würde. Das Bild vom Aufseher erklärt eine bestimmte Stellung unter der mosaischen Bundesordnung. Es sagt nicht, dass nach dem Ende dieser Aufsicht plötzlich jede Unterscheidung zwischen Gut und Böse verschwunden wäre. Ein Mensch, der nicht mehr unter der Vormundschaft seiner Kindheit steht, lebt deshalb noch lange nicht ohne Verantwortung. Vielmehr verändert sich seine Stellung, während die Verpflichtung zu einem verantwortlichen Leben bestehen bleibt.
Auch Paulus wird diese Wahrheit im weiteren Verlauf des Briefes entfalten. Er erklärt, dass die christliche Freiheit nicht zum Anlass für ein Leben nach den Begierden des Fleisches werden darf. Die Glaubenden sollen einander vielmehr durch die Liebe dienen (Galater 5,13). Ebenso beschreibt er konkrete Verhaltensweisen, die mit dem Reich Gottes unvereinbar sind, und stellt ihnen die Frucht des Heiligen Geistes gegenüber (Galater 5,19–23). Die neue Stellung in Christus bedeutet deshalb weder Gesetzlosigkeit noch moralische Gleichgültigkeit. Sie eröffnet ein Leben, das durch Gottes Geist bestimmt wird und in dem die Liebe eine zentrale Bedeutung erhält.
Damit stellt sich eine wichtige Frage: Welche einzelnen Gebote und moralischen Grundsätze bleiben nach dem Kommen Christi für seine Nachfolger verbindlich? Galater 3,23–25 beantwortet diese Frage nicht für jede Vorschrift des Alten Testaments gesondert. Der Abschnitt unterscheidet nicht ausdrücklich zwischen einem angeblich vollständig aufgehobenen Zeremonialgesetz und einem in jeder Einzelheit unverändert fortbestehenden moralischen Gesetz. Paulus spricht hier von der mosaischen Gesetzesordnung in ihrer besonderen heilsgeschichtlichen Aufgabe. Welche Inhalte dieser Offenbarung im neuen Bund weitergeführt werden und welche ihre bisherige Funktion erfüllt haben, muss deshalb anhand weiterer Aussagen Jesu und der Apostel untersucht werden.
Gerade in dieser Unterscheidung liegt eine wichtige Hilfe zum Verständnis schwieriger neutestamentlicher Gesetzesaussagen. Wenn Paulus erklärt, dass Christen nicht mehr unter dem Gesetz stehen, darf daraus nicht automatisch geschlossen werden, Gottes Wille habe für sie keine Bedeutung mehr. Doch die Aussage darf ebenso wenig so abgeschwächt werden, als betreffe sie ausschließlich den Versuch, durch eigene Leistungen gerecht zu werden. In Galater 3 beschreibt Paulus eine wirkliche Veränderung gegenüber der früheren Bundesordnung. Gleichzeitig bleibt Gottes guter Wille für das Leben seiner Kinder von Bedeutung. Beide Gedanken müssen berücksichtigt werden, wenn man dem vollständigen Zeugnis des Briefes gerecht werden möchte.
Auch für das persönliche Glaubensleben besitzt diese Erklärung eine wichtige Bedeutung. Ein Mensch kann versuchen, seine Sicherheit vor Gott ausschließlich daraus abzuleiten, wie genau er bestimmte religiöse Vorschriften erfüllt. Dann gerät seine Beziehung zu Gott leicht unter den Druck ständiger Selbstprüfung. Er weiß zwar, was er tun soll, doch seine Hoffnung hängt immer stärker an der eigenen Fähigkeit, den geforderten Maßstab vollkommen zu erfüllen. Paulus lenkt den Blick auf eine andere Grundlage. Die Rechtfertigung wird nicht durch eine solche Selbstsicherung hervorgebracht. Sie beruht auf Jesus Christus, der die Verheißung Gottes erfüllt und dem Glaubenden Zugang zu seinem Heil eröffnet hat.
Das bedeutet nicht, dass ein Christ seine Entscheidungen und seine Lebensführung gleichgültig behandeln dürfte. Wer Christus vertraut, soll ihm auch nachfolgen. Doch die Kraft und Grundlage dieses neuen Lebens liegen nicht in einer vom Erlöser unabhängigen menschlichen Anstrengung. Gottes Gnade nimmt den Menschen an, und sein Geist wirkt in ihm, damit der Glaube im Alltag Gestalt gewinnt. So wird der Gehorsam nicht zur Bedingung, durch die man sich Gottes Liebe erst verdienen müsste. Er wird zur Antwort eines Menschen, der durch Christus in eine neue Beziehung zu Gott aufgenommen wurde.
Paulus beschreibt diese Veränderung mit einem Bild, das seinen Lesern die Bedeutung ihrer neuen Stellung verständlich machen sollte. Solange das Kind unter einem Aufseher steht, wird sein Leben durch dessen Anordnungen bestimmt. Wenn die Zeit dieser Aufsicht endet, beginnt eine andere Form der Verantwortung. Die frühere Ordnung hatte ihren Platz, aber sie war nicht das endgültige Ziel. Ebenso hatte das mosaische Gesetz eine wichtige Aufgabe in der Geschichte Israels. Mit dem Kommen Christi wurde jedoch die verheißene Wirklichkeit offenbar, auf die diese Geschichte ausgerichtet war.
Damit erreicht Paulus einen entscheidenden Punkt seiner Beweisführung. Er hat erklärt, weshalb die Verheißung an Abraham älter ist als die Gesetzgebung, warum das Gesetz diese Verheißung nicht aufheben konnte und weshalb es selbst kein neues Leben schenken kann. Nun zeigt er, dass seine besondere Aufsichtsstellung bis zum Kommen Christi begrenzt war. Die Gläubigen sollen deshalb nicht versuchen, ihre Zugehörigkeit zu Gottes Volk durch die Rückkehr unter diese frühere Ordnung zu sichern. Der verheißene Nachkomme ist gekommen, und durch ihn ist die neue Stellung eröffnet worden.
Welche Stellung das genau ist, erklärt Paulus unmittelbar im nächsten Vers. Dort spricht er nicht mehr von Menschen, die unter einem Aufseher verwahrt werden, sondern von Kindern Gottes, die durch den Glauben zu Christus gehören. Der Übergang vom Bild der Vormundschaft zur vollen Zugehörigkeit bildet den entscheidenden nächsten Schritt. Paulus wird zeigen, dass diese neue Stellung Menschen aus allen Völkern offensteht und dass sie durch Christus gemeinsam zu Erben der Verheißung Abrahams geworden sind.
Galater 3,26–29
Gottes Kinder und Abrahams Erben in Christus
Mit einer besonders weitreichenden Aussage führt Paulus seine Erklärung über das Gesetz und die Verheißung zum Abschluss. Nachdem er die frühere Stellung unter dem Gesetz mit der Aufsicht über ein minderjähriges Kind verglichen hat, beschreibt er nun die neue Stellung der Menschen, die zu Jesus Christus gehören. Sie stehen nicht mehr unter der bisherigen vormundschaftlichen Ordnung, sondern sind durch den Glauben Gottes Kinder. Damit verändert sich der Blick auf ihre Beziehung zu Gott grundlegend. Nicht länger steht die Frage im Vordergrund, welche Vorschriften sie übernehmen müssen, um als vollwertige Angehörige seines Volkes anerkannt zu werden. Paulus erklärt vielmehr, welche Stellung Gott ihnen durch Christus bereits geschenkt hat und welche Bedeutung diese Zugehörigkeit für ihr gemeinsames Leben besitzt.
In Vers 26 spricht Paulus seine Leser unmittelbar an und erklärt, dass sie alle durch den Glauben an Christus Jesus Kinder Gottes sind. Das Wort „alle“ verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Der Apostel richtet sich an Gemeinden, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammengekommen waren. Manche kannten die jüdischen Schriften und Traditionen bereits, andere waren erst durch die Verkündigung des Evangeliums mit dem Gott Israels vertraut geworden. Dennoch unterscheidet Paulus an dieser Stelle nicht zwischen verschiedenen Gruppen von Gläubigen. Seine Aussage gilt ihnen gemeinsam, weil ihre Stellung vor Gott auf derselben Grundlage beruht: dem Glauben an Jesus Christus.
Im griechischen Text verwendet Paulus das Wort huioi, das gewöhnlich mit „Söhne“ übersetzt wird. Darin liegt ein wichtiger geschichtlicher Zusammenhang. In der antiken Welt war die Stellung eines Sohnes eng mit der rechtlichen Zugehörigkeit zur Familie und mit Erbansprüchen verbunden. Wenn Paulus seine Leser als Söhne Gottes bezeichnet, geht es deshalb nicht nur um ein Gefühl der Nähe oder um eine liebevolle Anrede. Er beschreibt eine anerkannte familiäre Stellung, mit der die Aussicht auf ein Erbe verbunden ist. Dass er diese Aussage ausdrücklich auf alle Glaubenden bezieht, zeigt bereits, dass Frauen durch seine Formulierung nicht ausgeschlossen werden. Auch sie besitzen in Christus Anteil an der beschriebenen Sohnschaft und Erbenstellung.
Damit wird der Gegensatz zum vorhergehenden Bild des Aufsehers verständlich. Paulus hatte die Zeit unter dem Gesetz mit einer Phase verglichen, in der ein Minderjähriger unter besonderer Aufsicht steht. Nun spricht er von Menschen, denen durch Christus die Stellung von Gottes Kindern zugesprochen wird. Ihre Beziehung zu Gott wird nicht länger durch die frühere Vormundschaft bestimmt. Sie dürfen sich ihm als ihrem Vater zugehörig wissen und auf die Verheißung vertrauen, die er ihnen durch Christus eröffnet hat. Diese Gedanken wird Paulus im folgenden Kapitel noch weiter entfalten, wenn er von der Annahme an Kindes statt und dem Geist spricht, durch den die Glaubenden Gott als Vater anrufen (Galater 4,4–7).
Dabei muss die Gotteskindschaft sorgfältig von der einzigartigen Sohnstellung Jesu Christi unterschieden werden. Jesus wird im Neuen Testament nicht lediglich als einer unter vielen Kindern Gottes vorgestellt. Er ist der Sohn, den der Vater gesandt hat und durch den die Erlösung möglich wurde. Die Gläubigen erhalten ihre neue Stellung dagegen durch die Verbindung mit ihm. Sie werden nicht im gleichen Sinn zu Gottes Söhnen wie Christus selbst, sondern empfangen durch ihn die Annahme in Gottes Familie. Der Hebräerbrief beschreibt diese besondere Beziehung, wenn er erklärt, dass Christus sich nicht schämt, die Geheiligten seine Brüder zu nennen (Hebräer 2,11). Die Gemeinschaft mit Jesus eröffnet ihnen somit eine Nähe zu Gott, die aus seinem Erlösungswerk hervorgeht.
Dass Paulus die Gotteskindschaft ausdrücklich mit dem Glauben verbindet, bewahrt diese Aussage zugleich vor einem Missverständnis. Die neue Stellung wird nicht durch eine bestimmte Abstammung, gesellschaftliche Anerkennung oder religiöse Leistung erworben. Sie gründet in der Beziehung zu Jesus Christus. Der Glaube bedeutet dabei nicht lediglich, dass ein Mensch einzelne Aussagen über Jesus für richtig hält. Er beinhaltet das Vertrauen auf den Erlöser und die Annahme dessen, was Gott durch ihn getan hat. Wer Christus vertraut, verlässt sich darauf, dass Gottes Verheißung durch ihn Wirklichkeit geworden ist.
Damit spricht Paulus den Galatern eine Stellung zu, die sie nicht erst durch die Übernahme zusätzlicher mosaischer Bundesverpflichtungen erreichen mussten. Gerade darin lag die besondere Bedeutung seiner Worte für die damalige Auseinandersetzung. Die nichtjüdischen Christen sollten sich nicht als Angehörige einer niedrigeren geistlichen Stufe betrachten, die erst durch die Beschneidung und die Unterstellung unter das gesamte Gesetz zur vollständigen Gemeinschaft mit Gott gelangen könnten. Paulus erklärte ihnen, dass ihre Zugehörigkeit zu Christus bereits die entscheidende Grundlage ihrer Gotteskindschaft war. Ein zusätzliches religiöses Erkennungszeichen konnte diese Beziehung nicht erst gültig machen.
In Vers 27 führt Paulus seine Erklärung mit einem weiteren Gedanken fort. Er erinnert die Galater daran, dass diejenigen, die auf Christus getauft worden sind, Christus angezogen haben. Der Vers beginnt im griechischen Text mit einem begründenden Wort, das dem deutschen „denn“ entspricht. Dadurch wird die Taufe unmittelbar mit der zuvor beschriebenen Gotteskindschaft verbunden. Paulus fügt also nicht beiläufig ein neues Thema hinzu. Er erklärt die Christuszugehörigkeit der Glaubenden anhand eines Geschehens, das zu ihrem Eintritt in die christliche Gemeinschaft gehörte.
Die Taufe besaß im Leben der ersten Christen eine besondere Bedeutung. Menschen hörten die Verkündigung von Jesus Christus, antworteten darauf im Glauben und ließen sich auf seinen Namen taufen. In der Apostelgeschichte wird dieser Zusammenhang mehrfach beschrieben. Nach der Pfingstpredigt des Petrus ließen sich diejenigen taufen, die seine Botschaft annahmen, und wurden der Gemeinschaft der Gläubigen hinzugefügt (Apostelgeschichte 2,41–42). Auch bei der Verkündigung unter den nichtjüdischen Völkern gehörte die Taufe zu den grundlegenden Schritten der Hinwendung zu Christus. Sie war deshalb nicht nur eine persönliche religiöse Handlung, sondern zugleich mit der Aufnahme in die Gemeinschaft der Jünger verbunden.
Die Formulierung, auf Christus getauft zu sein, geht jedoch über die bloße Zugehörigkeit zu einer religiösen Gruppe hinaus. Paulus spricht von einer Beziehung zum Erlöser selbst. Die Taufe steht im Zusammenhang damit, dass ein Mensch zu Christus gehört und an seinem Heil Anteil erhält. Im Römerbrief erklärt Paulus diese Verbindung anhand des Todes und der Auferstehung Jesu. Die auf Christus Getauften sind nach seiner Darstellung mit seinem Tod verbunden und sollen nun in einem neuen Leben wandeln (Römer 6,3–4). Die Taufe verweist somit nicht nur auf eine äußerliche Veränderung, sondern auf eine neue Wirklichkeit, die durch Christus eröffnet wird.
In Galater 3 verwendet Paulus dafür ein anderes Bild. Er erklärt, die Getauften hätten Christus angezogen. Die Vorstellung des Anziehens ist dem alltäglichen Leben entnommen. Kleidung umgibt den Menschen, ist nach außen sichtbar und kann seine Stellung oder Zugehörigkeit erkennbar machen. Doch Paulus verwendet dieses Bild nicht, um lediglich eine Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes zu beschreiben. Wer Christus angezogen hat, steht nach seiner Aussage in einer neuen Beziehung zu ihm. Die Identität dieses Menschen wird nun entscheidend durch seine Zugehörigkeit zum Erlöser bestimmt.
Dabei handelt es sich nicht um die Behauptung, ein Christ verliere seine persönliche Eigenständigkeit oder werde buchstäblich zu Jesus Christus. Auch verschwinden seine individuellen Eigenschaften, Erfahrungen und Verantwortlichkeiten nicht. Das Bild beschreibt vielmehr, dass Christus für sein neues Leben bestimmend geworden ist. Der Mensch gehört nun zu ihm und soll in seiner Lebensführung widerspiegeln, was diese Beziehung bedeutet. Paulus verwendet eine verwandte Ausdrucksweise in Römer 13,14, wo er die Gläubigen auffordert, den Herrn Jesus Christus anzuziehen und den Begierden des Fleisches keinen Raum zu geben. Dort tritt besonders die praktische Bedeutung dieser Zugehörigkeit hervor.
Zwischen den beiden Stellen besteht allerdings ein bemerkenswerter Unterschied. In Galater 3,27 beschreibt Paulus das Anziehen Christi als etwas, das mit der Taufe verbunden ist. In Römer 13,14 formuliert er es als Aufforderung für die Lebensführung. Die Aussagen widersprechen einander nicht. Sie zeigen vielmehr zwei Seiten derselben Beziehung. Die Zugehörigkeit zu Christus begründet ein neues Leben, und dieses Leben soll sich anschließend in konkreten Entscheidungen ausdrücken. Was der Mensch durch Christus empfangen hat, darf nicht von seinem alltäglichen Verhalten getrennt werden.
Der enge Zusammenhang zwischen Glauben und Taufe ist dabei besonders wichtig. In Vers 26 erklärt Paulus ausdrücklich, dass die Glaubenden durch den Glauben Gottes Kinder sind. Unmittelbar danach verbindet er ihre Christuszugehörigkeit mit der Taufe. Beide Aussagen dürfen deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es wäre zu wenig, die Taufe lediglich als ein äußerliches Erinnerungszeichen ohne tiefere Verbindung zum Heilsgeschehen zu behandeln. Ebenso wenig erklärt Paulus, dass das Wasser unabhängig von Christus, dem Glauben und Gottes Wirken automatisch einen Menschen erneuern könnte.
Wie genau die Taufe und das Anziehen Christi zueinander stehen, wird in der Auslegung unterschiedlich verstanden. Manche betonen besonders, dass die Taufe der von Christus eingesetzte Eintritt in die neue Gemeinschaft ist. Andere heben hervor, dass der Glaube in der Taufe öffentlich und verbindlich Ausdruck findet. Paulus selbst trennt diese Gesichtspunkte hier nicht in eine ausführliche zeitliche Abfolge. Seine Aussage verbindet vielmehr Glauben, Taufe und Christuszugehörigkeit zu einem gemeinsamen Zusammenhang. Die Taufe ist damit weder eine vom Glauben unabhängige magische Handlung noch eine bedeutungslose Ergänzung zu einer ansonsten vollständig privaten Gottesbeziehung.
Für die Galater hatte gerade diese Verbindung eine besondere Tragweite. Sie waren bereits auf Christus getauft worden und hatten damit Anteil an der christlichen Gemeinschaft erhalten. Paulus erinnert sie an diese bestehende Beziehung, weil ihre Zugehörigkeit nun durch zusätzliche Forderungen infrage gestellt wurde. Wer Christus angezogen hat, benötigt nach seiner Argumentation kein weiteres Bundeszeichen, um erst dadurch vollständig zu Christus zu gehören. Die entscheidende Verbindung besteht bereits mit dem Erlöser selbst.
Diese Zugehörigkeit besitzt nicht nur eine persönliche, sondern auch eine gemeinschaftliche Bedeutung. Alle, die auf Christus getauft worden sind, stehen in einer Beziehung zu demselben Herrn. Ihre frühere Herkunft bestimmt deshalb nicht mehr, ob sie innerhalb seiner Gemeinschaft als vollwertig anerkannt werden dürfen. Genau diesen Gedanken entwickelt Paulus in Vers 28 weiter. Er nennt drei Unterschiede, die das Leben der Menschen in seiner Zeit wesentlich prägten, und erklärt, dass sie innerhalb der gemeinsamen Zugehörigkeit zu Christus keine unterschiedliche Heilsstellung begründen.
Zunächst spricht Paulus von Juden und Griechen. Mit diesem Gegensatz bezeichnet er hier die Unterscheidung zwischen Menschen jüdischer Herkunft und Menschen aus den übrigen Völkern. Diese Trennung war für die Auseinandersetzung im Galaterbrief besonders bedeutsam. Israel besaß eine eigene Bundesgeschichte, besondere religiöse Vorschriften und das Zeichen der Beschneidung. Menschen aus anderen Völkern hatten an dieser Geschichte nicht in derselben Weise teilgenommen. Gerade deshalb konnte die Frage entstehen, ob sie erst jüdische Bundesverpflichtungen übernehmen müssten, bevor sie als vollständige Angehörige von Gottes Volk gelten könnten.
Paulus beantwortet diese Frage nun ausgehend von der gemeinsamen Christuszugehörigkeit. Innerhalb der Beziehung zu Jesus besitzt die jüdische Herkunft keinen Vorrang, durch den nichtjüdische Gläubige eine geringere Stellung erhielten. Ebenso wenig werden Menschen jüdischer Herkunft aufgrund ihrer Abstammung vom Heil ausgeschlossen. Beide gehören durch den Glauben zu Christus und erhalten durch ihn Anteil an Gottes Verheißung. Die geschichtlichen Unterschiede werden dadurch nicht geleugnet, verlieren aber ihre Bedeutung als Grundlage einer unterschiedlichen Berechtigung zum verheißenen Erbe.
Damit spricht Paulus keineswegs aus, dass die Geschichte Israels bedeutungslos geworden wäre oder die nichtjüdischen Christen nun an die Stelle des jüdischen Volkes treten dürften. Eine solche Folgerung würde dem weiteren Zeugnis des Apostels widersprechen. Im Römerbrief beschreibt er die Aufnahme der Völker anhand des Bildes eingepfropfter Zweige und warnt ausdrücklich vor Überheblichkeit gegenüber Israel (Römer 11,17–24). Die gemeinsame Christuszugehörigkeit rechtfertigt deshalb keine Verachtung der jüdischen Herkunft. Sie zeigt vielmehr, dass Gottes Gnade Menschen unterschiedlicher Herkunft in derselben Hoffnung verbindet.
Als zweiten Gegensatz nennt Paulus Sklaven und Freie. Damit berührt er einen gesellschaftlichen Unterschied, der die antike Welt tief prägte. Versklavte Menschen waren in ihrer persönlichen Freiheit und ihren rechtlichen Möglichkeiten erheblich eingeschränkt. Freie Menschen besaßen dagegen eine andere gesellschaftliche Stellung. Diese Unterschiede konnten den Alltag, die wirtschaftlichen Möglichkeiten und den Umgang miteinander bestimmen. Paulus erklärt nun, dass sie innerhalb der Christusgemeinschaft keinen unterschiedlichen Zugang zu Gott begründen.
Ein versklavter Mensch erhielt durch den Glauben dieselbe Stellung als Gottes Kind wie ein freier Mensch. Seine geringere gesellschaftliche Macht bedeutete nicht, dass er vor Gott weniger wert wäre oder einen geringeren Anteil an der Verheißung besäße. Ebenso verlieh gesellschaftliche Freiheit niemandem einen höheren Rang innerhalb des Heils. Beide waren auf dieselbe Gnade angewiesen und gehörten zu demselben Christus. Diese Aussage stellte die religiöse Bewertung gesellschaftlicher Unterschiede grundlegend infrage.
Dabei muss jedoch sorgfältig unterschieden werden, was Paulus hier ausdrücklich erklärt und welche weiterreichenden gesellschaftlichen Folgen daraus abgeleitet werden können. Galater 3,28 beschreibt nicht die sofortige rechtliche Abschaffung der Sklaverei im Römischen Reich. Ein versklavter Christ wurde nicht schon dadurch nach staatlichem Recht zu einem freien Menschen, dass er getauft wurde. Der Vers erklärt aber, dass seine gesellschaftliche Stellung seine Würde und Erbenstellung vor Gott nicht minderte. Daraus ergaben sich erhebliche Anforderungen an den Umgang der Christen miteinander, auch wenn Paulus an dieser Stelle noch keine umfassende gesellschaftliche Ordnung entwirft.
Im Philemonbrief wird sichtbar, wie die gemeinsame Christuszugehörigkeit eine bestehende gesellschaftliche Beziehung verändern sollte. Paulus bittet Philemon, Onesimus nicht mehr nur als Sklaven, sondern als geliebten Bruder anzunehmen (Philemon 15–16). Die rechtlichen Einzelheiten ihrer weiteren Beziehung werden dort nicht vollständig geklärt. Doch die geistliche Gemeinschaft stellt eine neue Forderung an ihren Umgang miteinander. Ein Mensch, den die Gesellschaft als Untergeordneten behandelte, sollte innerhalb der Christusgemeinschaft als Bruder anerkannt werden. Damit erhält die Aussage aus Galater 3,28 eine konkrete zwischenmenschliche Bedeutung.
Als dritten Gegensatz nennt Paulus männlich und weiblich. Auch diese Unterscheidung besaß in der antiken Gesellschaft erhebliche Folgen für Rechte, Pflichten und öffentliche Handlungsmöglichkeiten. Männer und Frauen hatten in vielen Lebensbereichen unterschiedliche gesellschaftliche Stellungen. Paulus erklärt jedoch, dass diese Unterschiede nicht darüber entscheiden, wer in Christus Gottes Kind und Erbe der Verheißung sein darf. Die gemeinsame Zugehörigkeit zu Jesus übersteigt damit auch jene Grenzen, die mit dem Geschlecht eines Menschen verbunden waren.
Auffällig ist die besondere sprachliche Form dieser dritten Gegenüberstellung. Während Paulus zuvor von „Jude noch Grieche“ und „Sklave noch Freier“ spricht, verwendet er bei männlich und weiblich eine Formulierung, die an die Worte aus 1. Mose 1,27 erinnert. Dort wird berichtet, dass Gott den Menschen männlich und weiblich schuf. Ob Paulus diese Stelle bewusst aufgreift, ist nicht ausdrücklich erklärt. Die sprachliche Nähe macht eine solche Verbindung jedoch möglich. In diesem Fall würde seine Aussage besonders unterstreichen, dass selbst ein grundlegender Unterschied innerhalb der geschaffenen Menschheit keinen unterschiedlichen Zugang zum Heil begründet.
Dabei hebt Paulus nicht die Tatsache auf, dass Menschen weiterhin Männer oder Frauen sind. Der Vers behauptet weder, dass körperliche Unterschiede verschwinden, noch dass sämtliche Fragen nach Aufgaben und Verantwortung innerhalb von Familie und Gemeinde damit bereits beantwortet wären. Er behandelt zunächst die gemeinsame Stellung der Glaubenden in Christus. Männer und Frauen besitzen denselben Zugang zu Gottes Gnade und zu seinem verheißenen Erbe. Keine der beiden Gruppen kann die andere aufgrund ihres Geschlechts als geistlich minderwertig betrachten.
Gleichzeitig wäre es zu schwach, diese Aussage auf einen bloß unsichtbaren Unterschied zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit zu beschränken. Wenn Menschen vor Gott dieselbe Erbenstellung besitzen, sollte dies ihren Umgang miteinander prägen. Geistliche Überheblichkeit, Geringschätzung und der Ausschluss anderer aufgrund ihrer Herkunft oder gesellschaftlichen Stellung widersprechen der gemeinsamen Zugehörigkeit zu Christus. Der Vers legt damit eine Grundlage für eine Gemeinschaft, in der Menschen einander nicht nach den Rangordnungen ihrer Umwelt bewerten sollen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Paulus alle drei Gegensätze in jeder Hinsicht auf dieselbe Weise behandelt. Jüdische und nichtjüdische Herkunft, Sklaverei und Freiheit sowie männliches und weibliches Geschlecht sind unterschiedliche Arten von Unterscheidungen. Ihre geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen stimmen nicht einfach überein. Paulus verbindet sie hier, weil sie alle die Stellung eines Menschen innerhalb der Gemeinschaft beeinflussen konnten. Seine entscheidende Aussage lautet, dass keiner dieser Unterschiede die Zugehörigkeit zu Christus und die Teilhabe am Heil auf eine höhere oder niedrigere Stufe setzt.
Den Grund dafür nennt Paulus am Ende von Vers 28. Die Glaubenden sind alle einer in Christus Jesus. Im griechischen Text steht hier ein Ausdruck, der ihre gemeinsame Einheit hervorhebt. Paulus erklärt nicht lediglich, dass jeder einzelne Christ unabhängig von den anderen dieselbe religiöse Überzeugung besitzt. Er spricht von einer Zusammengehörigkeit, die durch Jesus Christus entsteht. Unterschiedliche Menschen werden in ihrer Verbindung mit ihm zu einer Gemeinschaft, deren entscheidende Grundlage nicht ihre Herkunft, ihr gesellschaftlicher Rang oder ihr Geschlecht ist.
Diese Einheit bedeutet keine vollständige Gleichförmigkeit. Die Gläubigen bleiben unterschiedliche Personen mit eigenen Lebensgeschichten, Fähigkeiten und Verantwortlichkeiten. Auch innerhalb der Gemeinde gibt es verschiedene Aufgaben und Gaben. Paulus beschreibt an anderer Stelle den Leib Christi als eine Gemeinschaft mit vielen Gliedern, die unterschiedliche Funktionen besitzen und dennoch zusammengehören (1. Korinther 12,12–27). Gerade ihre Verschiedenheit macht die gegenseitige Ergänzung möglich. Die Einheit in Christus hebt deshalb nicht die Individualität der Menschen auf. Sie verbindet sie vielmehr in einer gemeinsamen Beziehung zu ihrem Herrn.
Darin liegt auch eine ernste Herausforderung für jede christliche Gemeinschaft. Es ist möglich, die gemeinsame Gotteskindschaft mit Worten zu bekennen und im alltäglichen Umgang dennoch Unterschiede des Ansehens, der Herkunft oder des Besitzes zum Maßstab für die Wertschätzung anderer zu machen. Paulus' Aussage lässt dafür keine geistliche Rechtfertigung zu. Wer denselben Christus angezogen hat und zu demselben Vater gehört, darf nicht aufgrund menschlicher Rangordnungen als weniger berechtigtes Mitglied seiner Gemeinschaft behandelt werden. Die Einheit der Glaubenden soll deshalb nicht nur behauptet, sondern auch im Umgang miteinander sichtbar werden.
Mit Vers 29 erreicht Paulus schließlich den abschließenden Gedanken seiner gesamten Beweisführung. Er erklärt, dass diejenigen, die Christus angehören, Abrahams Nachkommenschaft und Erben nach der Verheißung sind. Damit kehrt er zu dem Ausgangspunkt seiner Erklärung zurück. Die Zusage, die Gott Abraham gegeben hatte, findet in Christus ihre entscheidende Erfüllung. Menschen erhalten Anteil daran, weil sie zu ihm gehören. Paulus verbindet somit die Gotteskindschaft, die Taufe und die Einheit der Glaubenden mit der Geschichte der göttlichen Verheißung.
Besonders wichtig ist die Formulierung „wenn ihr aber Christus angehört“. Sie benennt die Grundlage der folgenden Aussage. Paulus sagt nicht, dass jeder Mensch allein aufgrund seiner natürlichen Abstammung oder seiner gesellschaftlichen Stellung zum Erben wird. Ebenso wenig gründet er die Erbenstellung auf eine zusätzliche religiöse Leistung. Entscheidend ist die Zugehörigkeit zu Jesus Christus. Er ist der Nachkomme, in dem Paulus die Erfüllung der Abrahamverheißung erkennt. Deshalb gehören diejenigen, die mit ihm verbunden sind, ebenfalls zur Nachkommenschaft Abrahams im Sinne dieser Verheißung.
Damit wird verständlich, weshalb Paulus in Vers 16 zunächst von dem einen Nachkommen gesprochen hatte. Dort hatte er Christus ausdrücklich als den entscheidenden Samen Abrahams bezeichnet. Nun verwendet er denselben Gedanken für die vielen Menschen, die Christus angehören. Darin liegt kein notwendiger Widerspruch. Die Verheißung findet ihre Erfüllung in Christus, und durch die Verbindung mit ihm erhalten die Glaubenden Anteil an ihr. Seine besondere Stellung als Erfüller der Verheißung und ihre gemeinsame Stellung als Erben gehören in der Argumentation des Paulus zusammen.
Die Bezeichnung als Erben schließt zudem an das Bild der Gotteskindschaft an. Ein Erbe empfängt etwas, das ihm aufgrund einer verbindlichen Beziehung oder Zusage zukommt. Im Zusammenhang des Galaterbriefes steht dabei nicht der Erwerb eines Besitzes durch eigene Leistung im Vordergrund. Paulus hatte bereits erklärt, dass Gott Abraham das Erbe durch eine Verheißung geschenkt hatte (Galater 3,18). Nun macht er deutlich, dass die Glaubenden durch Christus an dieser Zusage teilhaben. Das verheißene Erbe ist somit Ausdruck von Gottes Treue und nicht der Lohn einer durch Gesetzeswerke erworbenen Gerechtigkeit.
Was dieses Erbe in seiner ganzen Fülle umfasst, wird in Galater 3 nicht in einer einzigen abschließenden Definition erklärt. Die ursprünglichen Zusagen an Abraham umfassten Nachkommenschaft, Land, Gottes besondere Beziehung zu ihm und den Segen für die Völker. Paulus hat in diesem Kapitel vor allem die Rechtfertigung durch Glauben, die Gabe des Heiligen Geistes und die Zugehörigkeit zu Christus hervorgehoben. Im weiteren Neuen Testament wird die Hoffnung der Erben zusätzlich mit dem ewigen Leben, dem Reich Gottes und der zukünftigen Vollendung verbunden (Römer 8,16–17; Titus 3,7). Diese Verbindungen erweitern den Blick, ohne dass jede Einzelheit bereits ausdrücklich in Galater 3,29 enthalten wäre.
Die Erbenstellung besitzt deshalb sowohl eine gegenwärtige als auch eine zukünftige Bedeutung. Die Glaubenden gehören bereits jetzt zu Christus und dürfen Gott als ihren Vater kennen. Sie haben durch den Glauben Anteil an den Segnungen, die mit dem Erlösungswerk Jesu verbunden sind. Zugleich erwarten sie noch die vollständige Erfüllung dessen, was Gott verheißen hat. Gerade diese Verbindung von gegenwärtiger Zugehörigkeit und zukünftiger Hoffnung prägt den christlichen Glauben. Das Erbe ist zugesagt, doch seine ganze Herrlichkeit steht noch aus.
Damit wird auch die besondere Bedeutung der Verheißung für Menschen aus den Völkern verständlich. Sie müssen ihre Herkunft nicht verleugnen oder erst zu ethnischen Nachkommen Abrahams werden. Paulus erklärt vielmehr, dass sie durch ihre Zugehörigkeit zu Christus an der Verheißung teilhaben. Darin erfüllt sich die bereits an Abraham gerichtete Zusage, dass durch ihn die Völker gesegnet werden sollen. Die Gemeinschaft der Glaubenden entsteht nicht aufgrund einer einheitlichen menschlichen Abstammung, sondern durch den Erlöser, in dem Gott die Geschichte seines Heils zum entscheidenden Ziel geführt hat.
Gerade deshalb darf diese Erklärung nicht in einen Gegensatz zwischen einer angeblich verworfenen jüdischen Geschichte und einer davon unabhängigen christlichen Geschichte verwandelt werden. Paulus begründet die Stellung der nichtjüdischen Glaubenden ausdrücklich mit Abraham und den Verheißungen Gottes an ihn. Ihre Hoffnung besitzt somit Wurzeln in der Geschichte Israels. Die Aufnahme der Völker zeigt die Weite der göttlichen Zusage, nicht deren Aufhebung. Gottes Treue zu seinem Wort bleibt die Grundlage, auf der die ganze Argumentation des Apostels ruht.
Für die galatischen Gemeinden führte dies zu einer klaren Konsequenz. Sie mussten ihre Beziehung zu Christus nicht durch zusätzliche Voraussetzungen absichern, die sie wieder unter die frühere mosaische Bundesordnung stellten. Die entscheidende Frage war, ob sie Christus angehörten. Wenn dies der Fall war, besaßen sie durch ihn bereits die Stellung von Gottes Kindern und Erben der Verheißung. Ihre geistliche Zugehörigkeit hing nicht davon ab, ob sie jüdischer oder nichtjüdischer Herkunft waren, ob sie gesellschaftlich frei oder versklavt waren oder ob sie als Männer oder Frauen lebten.
Diese Aussage eröffnet zugleich eine tiefere Sicht auf den Wert des einzelnen Menschen. In einer Welt, in der Abstammung, gesellschaftlicher Rang und persönliche Macht häufig darüber entschieden, wie Menschen behandelt wurden, erklärte Paulus die gemeinsame Würde der Christuszugehörigkeit. Niemand musste sich innerhalb der Gemeinde aufgrund seiner Herkunft oder Stellung als Mensch geringeren geistlichen Wertes betrachten. Ebenso konnte niemand aus seinen äußeren Vorzügen einen höheren Anspruch auf Gottes Gnade ableiten. Alle verdankten ihre Zugehörigkeit demselben Erlöser.
Dabei bleibt die persönliche Verantwortung bestehen, aus dieser Beziehung heraus zu leben. Wer Christus angezogen hat, soll sich in seinem Denken und Handeln von ihm prägen lassen. Wer andere als Miterben derselben Verheißung erkennt, soll ihnen mit der Achtung begegnen, die dieser gemeinsamen Stellung entspricht. Wer Gott als Vater kennt, darf sich nicht allein auf äußere religiöse Merkmale verlassen, sondern soll im Glauben mit ihm verbunden bleiben. Die neue Stellung ist eine Gabe, aus der ein verändertes Leben erwachsen soll.
So endet Galater 3 mit einer bemerkenswerten Entwicklung. Zu Beginn hatte Paulus die Galater gefragt, weshalb sie nach ihrem geistlichen Anfang nun auf eine andere Grundlage vertrauen wollten. Anschließend führte er sie durch die Geschichte Abrahams, die Bedeutung des Gesetzes und das Erlösungswerk Christi. Am Ende steht nicht mehr die Sorge, welche zusätzlichen Voraussetzungen sie erfüllen müssten, um von Gott anerkannt zu werden. Paulus spricht ihnen vielmehr ihre bereits geschenkte Stellung zu: Sie gehören durch den Glauben zu Christus, sind Gottes Kinder und besitzen Anteil an der Verheißung Abrahams.
Diese neue Stellung bildet zugleich die Grundlage für das folgende Kapitel. Paulus wird dort das Bild des minderjährigen Erben erneut aufgreifen und erklären, wie Gott seinen Sohn sandte, damit die Menschen die Sohnschaft empfangen konnten. Danach beschreibt er den Geist, der in den Herzen der Glaubenden wirkt und sie Gott als Vater anrufen lässt. Die Gedanken aus Galater 3 finden damit ihre unmittelbare Fortsetzung: Die Verheißung ist in Christus erfüllt, und diejenigen, die ihm angehören, sollen nun in der Freiheit und Gewissheit ihrer neuen Beziehung zu Gott leben.
Geistliche Kernbotschaft
Die entscheidende Frage des Glaubens lautet nicht, wie viel ein Mensch aus eigener Kraft für seine Rettung leisten kann, sondern worauf seine Hoffnung vor Gott gegründet ist. Galater 3 führt zu der Erkenntnis, dass Gottes Gnade dem menschlichen Bemühen vorausgeht. Der Mensch kann sich seine Gerechtigkeit nicht selbst schaffen und seine Schuld nicht durch spätere Leistungen ungeschehen machen. Er benötigt einen Erlöser, der für ihn eintritt und ihm das Leben schenkt, das er aus eigener Kraft nicht hervorbringen kann. In Jesus Christus hat Gott diesen Erlöser gegeben. Deshalb darf der Glaubende seine Hoffnung auf dessen vollbrachtes Werk setzen, statt ständig eine ausreichende Grundlage seiner eigenen Annahme bei Gott herstellen zu müssen.
Dahinter steht eine tiefere Wahrheit über das Wesen Gottes. Seine Verheißungen sind keine unsicheren Zusagen, deren Gültigkeit von wechselnden menschlichen Fähigkeiten abhängt. Gott bleibt seinem Wort treu, auch wenn zwischen einer Verheißung und ihrer Erfüllung viele Generationen liegen. Was er Abraham versprach, geriet durch die spätere Geschichte Israels nicht in Vergessenheit. Selbst die Gesetzgebung am Sinai konnte seine frühere Zusage nicht ungültig machen. Der Erlösungsplan beruht damit auf Gottes Verlässlichkeit. Seine Gnade ist nicht erst eine Reaktion auf das Scheitern menschlicher Bemühungen, sondern gehört von Anfang an zu seinem Handeln mit den Menschen.
Diese Gnade bedeutet jedoch nicht, dass Gott die Sünde gleichgültig betrachtet. Gerade weil sein Wille gerecht ist, kann menschliche Schuld nicht einfach als bedeutungslos behandelt werden. Das Gesetz macht sichtbar, dass der Mensch vor einem heiligen Gott verantwortlich ist. Doch seine Gebote besitzen nicht die Macht, begangene Schuld auszulöschen oder einem sündigen Herzen von sich aus neues Leben zu schenken. Darin liegt eine wichtige Erkenntnis über die Grenzen menschlicher Selbstverbesserung. Der Mensch benötigt nicht nur bessere Anweisungen, sondern Vergebung und innere Erneuerung. Beides findet seine Grundlage in Christus und wird durch Gottes Geist im Leben des Glaubenden wirksam.
Besonders eindrucksvoll ist dabei, wie eng Paulus die Rechtfertigung und das Wirken des Heiligen Geistes miteinander verbindet. Gottes Gnade erschöpft sich nicht darin, dass dem Menschen seine frühere Schuld vergeben wird. Der Geist Gottes eröffnet ihm auch die Möglichkeit eines veränderten Lebens. Der Glaube bleibt deshalb nicht auf eine einmalige Entscheidung beschränkt, sondern wird zu einer fortdauernden Beziehung des Vertrauens. Der Mensch soll sich nicht unabhängig von Gott zur geistlichen Vollkommenheit emporarbeiten. Er darf vielmehr in der Verbindung mit Christus wachsen und lernen, aus der Kraft des Geistes zu leben. Dabei bleibt sein eigener Gehorsam wichtig, doch dieser Gehorsam ist nicht die Quelle seiner Erlösung.
Die Gotteskindschaft verleiht dieser Beziehung eine besondere Tiefe. Wer durch Christus zu Gott gehört, steht ihm nicht nur als jemand gegenüber, der eine religiöse Verpflichtung erfüllen muss. Er darf ihn als Vater kennen und auf das verheißene Erbe hoffen. Diese Stellung gründet weder auf einer bestimmten Abstammung noch auf gesellschaftlichem Ansehen. Gott nimmt Menschen unterschiedlicher Herkunft durch denselben Erlöser in seine Gemeinschaft auf. Dadurch entsteht eine neue Zusammengehörigkeit, die menschliche Rangordnungen nicht zum Maßstab für den geistlichen Wert eines Menschen macht. Die Gnade, die den Einzelnen rettet, schafft zugleich eine Gemeinschaft, in der niemand aufgrund äußerer Unterschiede als weniger berechtigt gelten darf.
So verbindet Galater 3 die persönliche Erlösung mit der großen Geschichte des göttlichen Heilsplans. Der Gott Abrahams ist auch der Vater Jesu Christi. Seine Verheißung reicht durch die Geschichte Israels hindurch bis zu den Menschen aus allen Völkern, denen das Evangelium verkündigt wird. Christus steht im Mittelpunkt dieser Geschichte, weil durch ihn die entscheidende Erfüllung der göttlichen Zusage möglich geworden ist. Der Glaubende lebt deshalb nicht aus einer selbst geschaffenen Sicherheit, sondern aus der Hoffnung auf den treuen Gott, der sein Wort hält. Diese Hoffnung befreit von dem Versuch, sich Gottes Liebe verdienen zu müssen, und eröffnet zugleich ein Leben, das von Dankbarkeit, Vertrauen und der erneuernden Kraft seines Geistes geprägt wird.
Verbindungen zu anderen Bibelstellen
Ein besonders enger Zusammenhang besteht zwischen Galater 3 und Römer 4. In beiden Kapiteln verwendet Paulus Abraham als Beispiel dafür, dass die Gerechtigkeit vor Gott auf dem Glauben beruht. Im Römerbrief untersucht er zusätzlich sehr genau, wann Abraham diese Gerechtigkeit zugerechnet wurde. Er weist darauf hin, dass die Aussage aus 1. Mose 15,6 vor der Einführung der Beschneidung in 1. Mose 17 steht (Römer 4,9–12). Dadurch erhält die zeitliche Reihenfolge eine besondere Bedeutung. Abraham wurde nicht erst aufgrund eines äußeren Bundeszeichens von Gott als gerecht anerkannt. Paulus erklärt deshalb, dass er auch zum Vater der Glaubenden werden konnte, die nicht beschnitten waren. Römer 4 ergänzt damit die Argumentation aus Galater 3: Die Teilhabe an Gottes Verheißung hängt nicht von der ethnischen Herkunft oder der Übernahme des jüdischen Bundeszeichens ab.
Eine weitere wichtige Verbindung führt zur Apostelgeschichte 15. Dort mussten die Apostel und Ältesten in Jerusalem klären, ob nichtjüdische Christen beschnitten werden und das Gesetz des Mose halten müssten. Petrus erinnerte die Versammlung daran, dass Gott auch den Menschen aus den Völkern den Heiligen Geist geschenkt hatte. Er erklärte, dass Gott zwischen ihnen und den jüdischen Gläubigen hinsichtlich der Reinigung ihrer Herzen durch den Glauben keinen Unterschied gemacht habe (Apostelgeschichte 15,7–11). Gerade diese Erfahrung entspricht dem Ausgangspunkt von Galater 3. Paulus erinnert die Galater an den Empfang des Geistes, während Petrus in Jerusalem auf Gottes bereits erwiesenes Handeln unter den Nichtjuden verweist. Beide Zeugnisse zeigen, dass die Aufnahme der Völker in die Gemeinschaft Christi nicht von einer vorherigen Unterstellung unter das gesamte mosaische Gesetz abhängig gemacht werden durfte. Die Apostelgeschichte beschreibt darüber hinaus, wie die Gemeinde mit den praktischen Fragen dieser gemeinsamen Gemeinschaft umging.
Das Verhältnis zwischen dem früheren Bund und der durch Christus eröffneten neuen Wirklichkeit wird besonders in Jeremia 31,31–34 vertieft. Dort verheißt Gott einen neuen Bund, der nicht einfach mit dem Bund identisch sein soll, den Israel nach dem Auszug aus Ägypten brach. Gott kündigt an, seine Weisung in das Innere seines Volkes zu legen und sie in die Herzen zu schreiben. Zugleich verbindet er diesen Bund mit der Vergebung der Sünden und einer erneuerten Gemeinschaft mit ihm. Der Hebräerbrief greift diese Verheißung ausdrücklich auf und erklärt, dass Jesus Christus der Mittler des besseren Bundes ist (Hebräer 8,6–13). Dadurch wird der Gedanke aus Galater 3 weitergeführt. Die vorläufige Stellung der mosaischen Bundesordnung findet mit Christus einen entscheidenden Abschluss. Das bedeutet jedoch nicht, dass Gottes heiliger Wille bedeutungslos wird. Vielmehr eröffnet der neue Bund eine andere Beziehung zu Gott, in der Vergebung, das Wirken des Geistes und die innere Erneuerung eine grundlegende Bedeutung besitzen.
Eine besonders anschauliche Ergänzung bietet Römer 8,14–17. Paulus erklärt dort, dass diejenigen, die vom Geist Gottes geleitet werden, Gottes Kinder sind. Sie haben nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, der sie erneut in Furcht versetzt, sondern den Geist der Sohnschaft, durch den sie Gott als Vater anrufen. Der Geist selbst bezeugt ihre Zugehörigkeit zu Gottes Familie. Damit entfaltet Paulus, was in Galater 3,26–29 zunächst als neue Stellung beschrieben wird. Die Gotteskindschaft ist nicht nur eine zukünftige Hoffnung, sondern besitzt bereits gegenwärtig Bedeutung für die Beziehung zu Gott. Zugleich verbindet Römer 8 die Sohnschaft mit dem Erbe und der Hoffnung auf die kommende Herrlichkeit. Der Gläubige lebt damit aus einer bereits geschenkten Zugehörigkeit und erwartet dennoch die vollständige Erfüllung der göttlichen Verheißungen.
Auch Epheser 2,11–22 hilft, die Einheit der Glaubenden aus Galater 3,28 besser zu verstehen. Paulus erinnert dort die Menschen aus den Völkern an ihre frühere Entfernung von den Bündnissen der Verheißung. Durch das Blut Christi sind sie jedoch nahegebracht worden. Jesus hat die Trennung überwunden und aus den beiden Gruppen eine neue Gemeinschaft geschaffen. Besonders wichtig ist die Aussage, dass beide durch Christus in einem Geist Zugang zum Vater haben (Epheser 2,18). Dadurch wird die gemeinsame Christuszugehörigkeit nicht auf eine bloße Behauptung gleicher religiöser Rechte beschränkt. Sie besitzt eine versöhnende Wirkung für das Zusammenleben von Menschen, die zuvor durch geschichtliche und religiöse Grenzen voneinander getrennt waren. Zugleich bewahrt der Zusammenhang vor der Vorstellung, das Evangelium hätte die Geschichte Israels einfach ausgelöscht. Die Menschen aus den Völkern werden in Gottes Verheißungsgeschichte aufgenommen und durch Christus zu Angehörigen seines Hauses.
Schließlich ist die Verbindung zu Jakobus 2,14–26 besonders wichtig, weil sie vor einem Missverständnis des Glaubens schützt. Während Paulus in Galater 3 erklärt, dass die Gerechtigkeit nicht aus Gesetzeswerken hervorgeht, warnt Jakobus davor, einen Glauben für ausreichend zu halten, der ohne entsprechende Taten bleibt. Auch er verweist auf Abraham und beschreibt, wie sich dessen Glaube in seinem Handeln bewährte. Jakobus geht dabei ausdrücklich so weit, von einer Rechtfertigung aus Werken und nicht aus Glauben allein zu sprechen (Jakobus 2,24). Diese Formulierung darf nicht abgeschwächt werden. Beide Autoren setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte: Paulus wendet sich gegen die Begründung der Gerechtigkeit und der Erbenstellung durch Gesetzeswerke, während Jakobus die Unzulänglichkeit eines Glaubens aufzeigt, der keine lebendige Antwort im Handeln findet. Die genaue Beziehung ihrer Rechtfertigungsaussagen erfordert sorgfältige Auslegung. Gemeinsam machen sie jedoch deutlich, dass rettender Glaube weder eine verdienstliche Selbstrechtfertigung noch eine folgenlose bloße Behauptung ist.
Wichtige Lektionen
Ein Mensch sollte seine Beziehung zu Gott nicht danach beurteilen, ob er sich durch seine bisherigen Leistungen für ausreichend gerecht halten kann. Wer seine Hoffnung allein auf die eigene religiöse Entwicklung gründet, wird entweder immer wieder an seinen Fehlern verzweifeln oder versucht sein, sich wegen seiner Erfolge über andere zu erheben. Galater 3 eröffnet einen anderen Weg. Der Glaubende darf seine Schuld vor Gott anerkennen, ohne die Hoffnung aufgeben zu müssen, weil seine Rettung auf Jesus Christus beruht. Das bewahrt vor Verzweiflung und zugleich vor Selbstgerechtigkeit. Die tägliche Frage lautet dann nicht nur, was man selbst bereits erreicht hat, sondern ob man Christus weiterhin vertraut und aus seiner Gnade lebt.
Ebenso wichtig ist es, geistliches Wachstum nicht mit einer ständig wachsenden Zahl äußerer Verpflichtungen zu verwechseln. Religiöse Gewohnheiten können hilfreich sein. Regelmäßiges Bibellesen, Gebet, Gottesdienst und bewusster Gehorsam können die Beziehung zu Gott vertiefen und dem Leben eine gute Ordnung geben. Doch solche Handlungen dürfen nicht zu einem Maßstab werden, mit dem ein Mensch sich die Liebe Gottes verdienen möchte. Entscheidend ist, aus welcher Haltung sie geschehen. Werden sie zum Versuch, Gottes Annahme erst herzustellen, kann selbst eine ursprünglich gute Handlung ihre eigentliche Bedeutung verlieren. Wachsen sie dagegen aus dem Glauben und der Liebe zu Gott hervor, erhalten sie ihren richtigen Platz im Leben eines Christen.
Die Unterscheidung zwischen Gesetz und Verheißung lehrt außerdem, Gottes Gebote ernst zu nehmen, ohne ihnen eine rettende Kraft zuzuschreiben, die sie nicht besitzen. Wer durch die Schrift auf eine Sünde aufmerksam wird, sollte diese Erkenntnis nicht verdrängen oder rechtfertigen. Doch die Erkenntnis allein macht noch keinen neuen Menschen. Der richtige Weg führt über das ehrliche Bekenntnis der Schuld zu Jesus Christus, der vergibt und durch seinen Geist verändert. So wird das Wort Gottes weder zu einem Mittel selbstgerechter Überlegenheit noch zu einer bedeutungslosen Sammlung alter Vorschriften. Es hilft, Gottes Willen zu erkennen, während der Glaubende für seine Rettung und Erneuerung auf Gott angewiesen bleibt.
Auch der Umgang mit unterschiedlichen christlichen Überzeugungen verlangt diese Unterscheidung. Nicht jede religiöse Gewohnheit und nicht jede überlieferte Praxis darf zur Voraussetzung der Rettung anderer Menschen erhoben werden. Gleichzeitig bedeutet christliche Freiheit nicht, dass alle Fragen des Gehorsams nebensächlich wären. Deshalb sollten biblische Lehren sorgfältig geprüft und aus dem Zusammenhang der gesamten Schrift begründet werden. Wo Christus Menschen eine klare Weisung gibt, verdient sie Gehorsam. Wo dagegen menschliche Traditionen oder zusätzliche Anforderungen als notwendige Grundlage der Rechtfertigung ausgegeben werden, muss ihre Berechtigung hinterfragt werden. Eine solche Prüfung verlangt sowohl Treue zur Schrift als auch Bescheidenheit gegenüber der eigenen Auslegung.
Besonders deutlich wird die praktische Bedeutung des Kapitels im Umgang mit anderen Menschen. Innerhalb der christlichen Gemeinschaft darf niemand aufgrund seiner Herkunft, seines Geschlechts, seines Besitzes oder seiner gesellschaftlichen Stellung als geistlich weniger wertvoll betrachtet werden. Ein Mensch, der über wenig Bildung, Geld oder gesellschaftliches Ansehen verfügt, kann Christus ebenso angehören wie jemand, der hohes Ansehen genießt. Diese gemeinsame Stellung sollte sich nicht nur in freundlichen Worten zeigen. Sie verlangt auch Aufmerksamkeit für Menschen, die leicht übersehen werden, einen respektvollen Umgang mit unterschiedlichen Lebensgeschichten und die Bereitschaft, anderen ihren Platz innerhalb der Gemeinschaft zuzugestehen.
Für getaufte Christen enthält das Kapitel außerdem eine wichtige Erinnerung. Die Zugehörigkeit zu Christus ist mehr als ein Ereignis aus der Vergangenheit oder ein Eintrag in einer Gemeindeliste. Wer Christus angezogen hat, soll seine Beziehung zu ihm im täglichen Leben ernst nehmen. Entscheidungen, Gewohnheiten und der Umgang mit anderen Menschen sollten zunehmend erkennen lassen, wem das eigene Leben gehört. Das bedeutet nicht, dass jeder Getaufte bereits vollkommen wäre. Vielmehr beginnt mit der bewussten Zugehörigkeit zu Christus ein Weg, auf dem der Mensch weiter lernt, Versuchungen widersteht, Schuld bekennt und sich durch Gottes Geist verändern lässt. Die Taufe darf dabei weder geringgeschätzt noch als automatische Garantie eines unveränderlichen geistlichen Zustandes missverstanden werden.
Abraham vermittelt darüber hinaus eine wichtige Haltung für Zeiten, in denen Gottes Führung noch nicht vollständig erkennbar ist. Auch der Glaubende erlebt Situationen, in denen zwischen einer biblischen Verheißung und seinen gegenwärtigen Umständen eine große Entfernung zu bestehen scheint. Vielleicht sieht er noch keine Lösung für eine schwere Belastung oder versteht nicht, weshalb bestimmte Hoffnungen unerfüllt bleiben. Dann kann Abrahams Beispiel helfen, zwischen Vertrauen auf Gottes Wort und dem Anspruch auf einen selbst festgelegten Ablauf zu unterscheiden. Glaube bedeutet nicht, die Zukunft bereits zu kennen. Er bedeutet, sich an den Gott zu halten, dessen Treue größer ist als die eigenen Möglichkeiten, und dabei die Verantwortung für den nächsten richtigen Schritt nicht aufzugeben.
Eine letzte Lektion betrifft die Hoffnung auf Gottes zukünftige Erfüllung. Die Glaubenden sind bereits Kinder Gottes und Erben seiner Verheißung, doch sie erleben noch nicht die vollständige Befreiung von Leid, Versuchung und Tod. Deshalb gehört zum christlichen Leben auch das geduldige Warten auf das, was Gott noch vollenden wird. Diese Hoffnung bewahrt davor, Gottes Güte ausschließlich an gegenwärtigem Erfolg oder sichtbarem Wohlstand zu messen. Wer Christus angehört, besitzt eine Zusage, deren Bedeutung über die wechselnden Umstände dieses Lebens hinausreicht. Das Erbe beruht auf Gottes Treue und findet seine Erfüllung nicht allein in dem, was der Mensch heute schon sehen oder besitzen kann.
So lädt Galater 3 zu einem Glauben ein, der Christus vertraut, Gottes Wort ernst nimmt und sich vom Heiligen Geist verändern lässt. Der Mensch muss seine Rettung nicht selbst hervorbringen. Er darf die Gnade Gottes annehmen und aus dieser neuen Beziehung heraus leben. Seine Hoffnung ruht auf dem Erlöser, seine Verantwortung zeigt sich im gelebten Glauben, und seine Zukunft liegt in der Verheißung des Gottes, der sein Wort hält.